Kapitel 148 (Buch 5, 25)

Und er fand kein Wort

Die Mannschaft war in hellster Aufruhr, als Hjaldrist zurück zur Seeschlange kam. Mit Darius, der ihm folgte und Anna trug, trat er schwerfällig auf das große Schiff und es dauerte keine zwei Augenblicke, da war Haldorn schon da und stützte ihn.

“Bruder!”, entkam es dem Seeräuber empört “Wo warst du, verdammt?”

“Lange Geschichte…”, murmelte der Jarl, der froh darüber war endlich hier zu sein. Dankbar hielt er sich an der Schulter Haldorns fest und sah sich nach seinen zwei Begleitern um. Darius äugte überrumpelt, als er an Deck stand und das massive, skellische Schiff betrachtete. Es musste ihm klar sein, dass eben jenes kein einfaches Boot darstellte, sondern jemandem gehörte, der von Stand war. Alleine die geschnitzten Verzierungen an der Reling oder der große, gezimmerte Schlangenkopf an der Front von Haldorn’s Wassergefährt waren Meisterwerke, in denen hunderte Stunden Arbeit von Meistern steckte. Die Seeschlange war ein unbezahlbares Prachtstück und es hatte bisher nur zwei Schiffe gegeben, die schöner gewesen waren, als sie: Das Boot des alten Jarls Halbjørn, das er nach seiner Frau benannt hatte und das im Moment unangetastet im Hafen Undviks lag, und die Seefuchs von Hjaldrist, die heute leider am Grund der Jaruga verrottete. Demnach staunte der Temerier an Bord nicht schlecht. Anna, die in den Armen des Besagten hing, war noch immer nicht ganz hier, doch auf einem guten Weg bald wieder die Alte zu sein. Benommen blinzelte sie, seufzte gepeinigt und hielt sich die schmerzende Schulter. In der Eile von eben hatte man ihr den Bolzen nicht aus dem Körper gezogen. Der hektische Aufbruch vom Grundstück von De Capries war keine viertel Stunde her und die ehemalige Monsterjägerin blutete noch immer.

“Anna braucht Hilfe.”, orderte der Jarl gleich drängend an und deutete mit dem Kinn in deren Richtung.

“Du auch.”, gab Haldorn seinem älteren Bruder widerspenstig zurück “Wir kümmern uns erst um dich, dann um sie.”

“Nein.”, bestand Hjaldrist ernst “SIE hat einen Bolzen in der Schulter stecken, nicht ich.”

“Aber-”

“Lass es, Haldorn. Lass es einfach nur EINMAL.”, brummte der Langhaarige verstimmt. Der Jüngere, der Anna bekanntlich noch immer nicht allzu gerne hatte, weil er ihr misstraute, murmelte darauf etwas Grimmiges, Unverständliches. Und dann verstummte er. 

Thure und Matilda waren nun ebenso sofort zur Stelle und kamen zu den Verletzten, ohne zu fragen wer denn der unbekannte Temerier sei, der Anna trug.

“Kommt.”, wollte die große, brünette Leibwache, während ihr Rekruten-Kollege besorgt zu Anna eilte, um sie erschrocken anzusprechen. Matilda betrachtete Hjaldrist kritisch. Man sah es ihr an, dass sie sich am liebsten darüber beschwert hätte, dass ihr Jarl vor zwei, drei Stunden einfach so und heimlich verschwunden war. Und gleichauf zeigte sie sich erleichtert darüber, dass er Anna wiedergefunden hatte.

“Gehen wir in dein Zimmer, Hjaldrist...”, wollte die Frau mit den breiten Schultern und der Angesprochene linste noch einmal zu Darius und Anna. Thure hatte die Hand auf den Arm der letzteren gelegt und redete im roten Schein des Himmels ruhig auf sie ein. Die aufmerksame Matilda schien den Blick ihres Anführers zu bemerken und überlegte nur kurz, ehe sie abermals redete.

“Wir nehmen sie mit. Ihr beide könnt das Zimmer von Thure und mir benutzen. Wir schlafen einfach bei den anderen im Frachtraum.”, schlug sie vor und fing damit die Aufmerksamkeit Hjaldrist’s ein. Er lächelte ob dieses netten Angebots schwach. Dann wies er dem abwartend starrenden Darius, der leicht verloren wirkte, mit einem knappen Nicken an mitzukommen.

 

Frisch verbunden und mit einem Becher Melissentee in den Händen, in den er etwas bitteres Schmerzmittel gemischt hatte, saß Hjaldrist später auf einem der beiden Betten im Raum, den Matilda und Thure zuvor noch bezogen gehabt hatten. Neben ihm auf der Bettkante verweilte Darius und sah den Skelliger soeben ganz groß an. Denn der Temerier hatte spätestens hier Wind davon bekommen, was der Undviker vom Stand her war. Und nun betrachtete er den vielleicht sogar Jüngeren, als sei er besonders. Seinen Beerentee hatte er noch nicht angerührt.

“Ich… habe noch nie einen Jarl getroffen.”, gab Darius zu. Er sprach leise, denn Anna schlief. Nachdem man ihr den Armbrustbolzen aus der Schulter gezogen und ihre frische Wunde penibel versorgt hatte, war sie völlig erschöpft weggetreten. Die Übernahme durch Silven - und was auch immer der Elf noch mit ihrem Körper angestellt hatte - musste ungemein anstrengend gewesen sein. Und daher schlummerte die Kurzhaarige nun wie eine Tote. Matilda hatte der ächzenden Novigraderin vor einer halben Stunde noch aus Gambeson, Stiefel und Hose geholfen. Die große Gardistin hatte Darius und Thure solange rausgeschickt, doch nichts dagegen gesagt, dass Hjaldrist blieb. Also hatte der selbst recht mitgenommene Langhaarige bekümmert dabei zugesehen, wie man Anna, die nurmehr in ihrem zu großen Männerhemd steckte, unter die Bettdecke verfrachtet hatte.

‘Wehe, du stehst auf.’, hatte Matilda gebrummt, als sei Anna nicht ihre Arbeitskollegin, sondern ihr Mündel. Sie hatte verärgert geklungen, doch ihren liebenswürdigen Unterton dabei nicht ganz unterdrücken können. Sie hatte die bärbeißige Giftmischerin mittlerweile schließlich richtig gern.

‘Ich werfe dich von Bord, wenn du das tust, Hexerin...’, hatte die hochgewachsene Frau, die genauso groß war wie Darius, noch gemurmelt. Die betüddelte Alchemistin, der seither ein frischer Verband unter dem viel zu weiten, schiefen Kragen hervorblitzte, hatte nichts gesagt und war auf dies hin beinahe augenblicklich eingenickt. Das war gut. Sie sollte sich gut ausruhen.

“Noch nie? Na, dann hast du das jetzt.”, lächelte Hjaldrist auf Darius’ Äußerung hin lau. Von der Seite aus sah er zu dem Blonden und kam sich leicht dämlich vor.

“Du hast nicht wie einer ausgesehen, als wir uns getroffen haben.”, erinnerte der Temerier “Und naja… ich bin gerade echt überrascht.”

“Tse…”, lachte der anwesende Skelliger leise “Und wie soll ein Jarl deiner Meinung nach aussehen?”

“Hm.”, der Schütze legte die Stirn in Falten und fing damit an laut nachzudenken “So einer trägt viele Felle, Schmuck und eine Krone oder so. Eine Lederrüstung vielleicht und… ähm. Also, nimm es mir nicht übel, aber ich dachte, ein Jarl wäre… größer. Und bärtiger. Man sagt den Westländern nach, dass sie aussehen, wie Bären oder Schränke. Und dass ihre Anführer die abgebrühtesten Kerle und Piraten sind.”

Nun lachte Hjaldrist laut auf. Er konnte einfach nicht anders. Anna zuckte ob dem einmal leicht und murmelte leise, erwachte aber nicht. Das Tranlicht auf dem Tischchen im Raum flackerte ruhig vor sich hin und malte ein angenehmes Orange an die Wände.

“So, so.”, machte der Langhaarige von den Inseln, der, zugegebenermaßen, tatsächlich nicht zu sehr nach Skelliger aussah. Dank seiner Herkunft, die teils elfisch war, war er eben schmäler, etwas kleiner und weniger rassig, als seine Landsmänner. Womöglich sogar ein klein wenig weibisch. Früher hatte er diese Tatsache gehasst, weil man ihn in jungen Jahren ständig damit aufgezogen hatte. Nur heute hieß er sie willkommen. Jedenfalls hatte er nicht das lästige Problem, dass er sich ständig um seinen Bart kümmern musste. Außerdem sagte man ihm nach, er sei sehr hübsch, obwohl er sich selbst für eher durchschnittlich hielt. Anna hatte im Vollsuff gar einmal lallend gemeint, dass sie es mochte, wenn die, denen sie die Zunge in den Hals stecken wollte, auf Augenhöhe waren und nicht größer, als sie selbst. Götter, diese Idiotin. Hjaldrist verkniff sich ein ungläubiges Grinsen und sah auf seine Knie.

“Tut mir leid. War das gerade unhöflich?”, wollte Darius wissen und sein Gesprächspartner schüttelte den Kopf.

“Nein… alles gut.”, fand Hjaldrist “Ich entspreche nicht dem Insel-Klischee, du hast Recht.”

Erst jetzt lachte auch Darius leise und befreit. Sein Blick wich fort und hin zu Anna, die eingerollt unter ihrer Wolldecke schlief. Sie hatte den Männern den Rücken zugedreht.

“...Denkst du, sie wird normal bleiben, wenn sie wieder zu sich kommt?”, fragte der Temerier in schlimmer Vorahnung “Oder wird die Magie Bremervoords sie wieder packen?”

“Ich weiß nicht.”, seufzte der Jarl ehrlich “Aber ich hoffe, sie bleibt sie selbst.”

“Mhm, ich auch.”, nickte Darius “Deine eine Wache von vorhin… Marina?”

“Matilda.”

“Sie hat Anna ‘Hexerin’ genannt.”, erinnerte sich der blonde Nordländer gut und neugierig blickte er zu Hjaldrist zurück “Deswegen kann sie zaubern, nicht wahr?”

Der schmale Undviker am Bettrand hätte sich fast auf die Zunge gebissen, als er dies hörte. Anna war keine Vatt’ghern. Sie war eine Frau und daher war es von grundauf unmöglich, dass sie zu den genannten Mutanten zählte - das hatte die früher so Ambitionierte auf bittere Weise erfahren müssen. Doch Hemdall sei Dank wusste Darius das scheinbar nicht. Die Schwarzhaarige konnte auch nicht wirklich zaubern, obwohl sie ein gutes Gespür für Magie hatte. Quen bekam sie mit Mühe hin, weil ein Freund es ihr einst über MONATE beigebracht hatte. Aber das war es auch schon. Sie war, wenn man von ihrer Besessenheit durch Silven absah, eine recht normale Schwertkämpferin und Kräuterkundige; ein Huskarl im Dienst Hjaldrists, der sich ob seiner Vorgeschichte gut mit Monstern auskannte. Nicht viel mehr, nicht weniger. Doch das sprach der Axtkämpfer nicht aus. Er nickte einfach nur, weil er nicht erklären wollte und wischte sich eine verirrte Strähne aus der Stirn. Es wäre leichter Darius in seinem Glauben zu lassen. Außerdem sollte Anna nicht auffliegen. Niemand hier wusste, dass sie Silven in sich trug und daher eine enorme Gefahr darstellte. Nur aus diesem Grund war Hjaldrist heute alleine losgezogen, um sie zu suchen. Kein anderer Undviker sollte je mitbekommen, dass die ausländische Kriegerin ‘in ihrem Kopf nicht allein’ war. Für die Leute der Inseln sollte sie immer eine Hexerin mit außergewöhnlichen magischen Begabungen sein. Keine psychisch mitgenommene Frau, die von Zeit zu Zeit von einem mächtigen Zauberer besetzt wurde, der ihren Leib dafür benutzte kleine Katastrophen loszutreten.

“Mhm.”, machte Hjaldrist also und log dreist “Sie ist eine Hexerin…”

Skeptisch ließ Darius seinen Blick wieder auf die Schlafende zurück fallen.

“Ich hatte noch nie direkt mit solchen Leuten zu tun. Im Norden sagt man sich, dass sie Krankheiten übertragen.”, sprach der Blonde im Lederwams aus “Diese Spinner der Ewigen Flamme wollen sie deswegen zusammen mit allen anderen Anderlingen verbrennen.”

“Und? Glaubst du das? Ich meine den Part mit den Krankheiten.”, schmunzelte der Jarl schief und nippte an seinem dampfenden Kräutertee. Das stark mit Honig gesüßte Getränk war im Moment und trotz seines leichten Nebengeschmacks nach Medizin eine wirkliche Wohltat. Dessen feiner Geruch erfüllte die Kajüte just angenehm.

“Mh…”, machte der gutmütige Temerier unschlüssig “Nein. Nicht wirklich. Ich glaube, dass die Leute Angst vor den Katzenäugigen haben. Und deswegen geben sie an, dass jene hinterhältig seien und Kinder stehlen. So etwas tun Menschen eben. Sie scheißen sich vor allem Fremden in die Hosen.”

Hjaldrist nickte beipflichten und folgte dem Blick seines neuen Bekannten, der Köpfchen zu haben schien und das nah schlummernde Häufchen aus Schaffell, Decke und plattgelegenem Kissen grüblerisch bedachte.

“Ich gebe zu: Mir sind Hexer bisher auch nie geheuer gewesen. Man trifft sie selten an und meistens sind sie so… mysteriös. Ihre Augen sind wie die von Tieren. Und sie wirken ziemlich gefährlich.”, murmelte Darius weiter “Ich habe noch nie mit einem gesprochen. Aber ich würde gerne. Ich finde die Vorstellung von jemandem, der Erzgreifen oder Drachen erschlagen kann - und das sogar alleine - beeindruckend.”

“Du kannst ja mit Anna reden, wenn sie wieder wach ist…”, fand Hjaldrist “Aber frage sie nicht nach Kartätschen-Rezepturen. Denn in dem Fall hört sie stundenlang nicht damit auf über langweiliges Zeugs zu palavern. Ich warne dich also schonmal vor. Sprich sie lieber auf Drachen an. Dann wird sie dir schnell erklären, dass ‘Drache’ nicht gleich Drache ist. Das ist viel interessanter.”

Darius schnaufte amüsiert und strich sich durch den Bart.

“Ah, hm. Danke für den Rat.”, gab der Armbrustschütze zurück “Aber ja, ich würde mich gerne mit ihr unterhalten.”

Wieder nickte der Jarl. Und in dem Zuge sprach er ein Angebot, das ihm schon die ganze Zeit über auf der Zunge gelegen hatte, aus:

“Du kannst mit uns kommen, wenn du möchtest.”, schlug er vor “Wir bringen dich per Schiff an ein Ziel deiner Wahl. Das ist neben einer Bezahlung, die ich dir geben werde, das geringste, was ich als Dank für dich tun kann. Für deine große Hilfe.”

Darius horchte auf und blinzelte überrascht. Hatte er etwa nicht damit gerechnet, dass jemand, der die Mittel hatte, ihm eine Belohnung geben würde?

“Wirklich? Das würdest du veranlassen?”, fragte er ganz baff.

“Na klar…”, lächelte der Undviker locker “Hätte dieses Schiff hier nicht solch einen argen Tiefgang, könnte ich dir sogar anbieten den Pontar hochzusegeln und dich nahe Vizima abzusetzen. Dort wolltest du doch hin?”

Darius nickte.

“Unsere Langschiffe haben kein Problem mit Flüssen. Dieses Boot hier aber leider schon. Es ist… naja, das ‘bequeme Schiff zum Angeben’ meines Bruders. Wir können aber zumindest an der Küste von Cidaris entlang und dich mit genug Wegzehrung in Gors Velen rauslassen. Oder in Oxenfurt. Je nachdem, von wo aus man anschließend schneller nach Vizima kommt. Was das angeht, habe ich leider nicht so viel Ahnung.”, grübelte Hjaldrist vor sich hin und der Mann neben ihm sah froh aus.

“Gors Velen wäre großartig!”, entkam es Darius “Ich würde mir so einige Meilen zu Fuß sparen.”

“Gut.”, lächelte der großzügige und auch sehr dankbare Skelliger noch “Dann machen wir das so.”

 

In den folgenden Stunden schaffte Hjaldrist es einfach nicht zu schlafen. Er war vollkommen erschlagen und müde. Das magische Manöver gegen Silven hatte ihn so sehr ausgezehrt, als sei er einen ganzen Tag lang im vollen Tempo gerannt. Im Sommer. Doch in seinem Kopf sprangen so viele Gedanken umher, dass er partout keine Ruhe fand. Er hatte Tee getrunken, der beschwichtigen sollte, und es hatte nicht gewirkt. Der Mann hatte die flackernde Laterne im Raum gelöscht, um für Düsternis zu sorgen. Es brachte nichts. Und daher lag er mit geschlossenen Augen und rücklings auf seinem harten Bett und versuchte zumindest zu dösen, während er grübelte. Seine wunde Seite schmerze noch, doch Anna’s dreckig-grünes Alchemistengebräu half dagegen und ließ die Pein dumpf erscheinen. Es machte sie sehr erträglich.

Hjaldrist versuchte sich also zumindest auszuruhen, wenn er schon nicht schlafen konnte. Dabei dachte er über den obskuren Zirkus nach, den er heute gesehen hatte. Über all die grausamen Bilder, die apathischen Menschen, die sterbenden Halblinge, De Capries, Silven. Und hatte er nach seiner Flucht vom Anwesen des Vampirs nurmehr überstürzt von hier fort wollen, gingen ihm seine alten Bekannten nicht aus dem Sinn: Mia, Albion, Linda, Honigstimme und Herr Baran. De Capries oder Silven hatten irgendetwas mit deren Gemütern angestellt und Hjaldrist… Hjaldrist war zu gut, als dass er sie im Stich lassen würde. Er wollte ihnen helfen oder es zumindest versuchen. Er wollte verstehen, was in Bremervoord vor sich ging, anstatt den Kopf panisch einzuziehen und einfach so abzuhauen. Letzteres hätte vermutlich eh nicht funktioniert. Darius hatte schließlich von einer magischen Barriere gesprochen, die den weitläufigen Ort umgab. Und wenn diese unsichtbare ‘Wand’ eine halbrunde Kuppel war, die sich über diesen Flecken Erde stülpte, begrenzte sie auch den Hafen und das Meer. Die Seeschlange käme also nicht weit und Hjaldrist hatte wenig Lust darauf mit dem teuren Prunkschiff auf See gegen eine unnachgiebige Mauer zu krachen, die man sich sehen konnte. Die wenigen Optionen waren also klar: Entweder, man versuchte den gefährlichen Fluch der Stadt zu lösen oder man hoffte feige darauf ihn aussitzen zu können. Und der Jarl Undviks war nicht feige. Also dachte er just über die erste Möglichkeit nach: Das Beseitigen der Magie, die hier so viele Bürger verrückt machte. So versunken war er in seine Überlegungen, dass er erst bemerkte, dass Anna wach war, als sie sich gut zwei Meter entfernt aus ihrem Bett erhob. Hjaldrist erstarrte sofort, als er Stoff rascheln und eine Diele leise knarren hörte. Er öffnete ein Auge vorsichtig, doch erkannte nur wenig. Schlussendlich hatte er die einzige Lichtquelle im Raum vor einiger Zeit ersterben lassen. Und der Mann rührte sich nun nicht. Denn… war die Person, die sich hier bewegte, gerade tatsächlich seine beste Freundin? Oder war es Silven? Hjaldrist hielt den Atem einen Herzschlag lange an, als er bemerkte, wie sich die oder der andere das Gesicht rieb und sich dann nach ihm umsah. Im Augenwinkel beobachtete er den Schemen im Finstern. Und er wusste: Auch, wenn das hier gerade Silven wäre, würde der Elf nicht erkennen, ob der Undviker ihn beobachtete oder nicht. Es war einfach zu düster dafür. Also lag der Jarl da, mit halboffenen Auge und wartete völlig angespannt ab. Erlklamm lehnte an der Wand neben seinem Bett und dies war beruhigend. Kurz dachte er daran sie im Ernstfall zu benutzen. Doch dann fiel ihm ein, dass er selbst doch die beste Waffe gegen den hinterhältigen Bastard aus Verden war. Er bräuchte keine Axt. Außerdem wollte er Anna’s Körper nicht noch mehr verwunden, als er es ohnehin schon war.

Die Person in der Kajüte verharrte lange an ihrem Fleck und so, als denke sie über irgendetwas nach. Doch dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, näherte sie sich Hjaldrist’s Bett schließlich. Der Skelliger schloss sein Auge reflexartig und stellte sich schlafend. Er versuchte nicht trocken zu schlucken oder zu schnell zu atmen.

Das Rascheln von leichtem Leinenstoff. Nackte Füße auf hölzernem Grund. Es roch ganz entfernt nach dem Wildrosen-Duftwässerchen, das der kokette Ravello der betretenen Anna einst angedreht hatte. Immer hing es an den Hemden der Alchemistin und daher war es so vertraut. Dann wieder lange nichts. Später eine Stimme, die die bedrohliche Stille leise brach.

“...Rist?”, dem Mann fiel ein zentnerschwerer Stein vom Herzen, als er das hörte. Dennoch war da noch die leise Angst in seinem Kopf, dass Silven sich auch verstellen könnte. Also sah er noch nicht auf und wollte abwarten, was weiter geschähe. Man hörte Anna tief ausatmen. Sie beugte sich leicht vor. Da waren da auf einmal ihre Finger, die den Arm des vermeintlich Schlafenden anstießen. Erst sachte, dann etwas fester.

“Hjaldrist. Wach auf.”, murmelte die burschikose Frau abermals und zupfte unschlüssig am Ärmel des Liegenden. Oh, den Göttern sei Dank! Der misstrauische Krieger am schmalen Bett hob den Kopf endlich an und es war ihm, als wiche seine Freundin deswegen einen halben Schritt weit zurück. Er sah nicht allzu viel, doch er bildete sich ein, dass sie ungemein nervös war. Ein überforderter Laut verließ die Kehle Annas, als sich der Undviker hinsetzte und durch das Dunkel zu ihr sah. Es war, als habe sie sich erschrocken. Hjaldrist konnte folgend ein paar Züge der Jüngeren ausmachen, als er sich die offenen Haare beiläufig zurück strich: Das große, schief sitzende Hemd, die jetzt eng vor der Brust verschränkten Arme, die angezogenen Schultern.

“Hm?”, machte er. Und Anna schwieg. Hjaldrist ahnte, was sie wollte, obgleich er sich ein wenig baff wusste. Erinnerte sie sich etwa an irgendetwas der letzten Tage? Der Jarl setzte sich etwas gerader hin, wurde neugierig.

“Anna, was ist denn?”, fragte er bewusst ruhig und so, als sei nie etwas Schlimmes passiert. Es war womöglich das Beste so. 

Er hörte die Kurzhaarige daraufhin ein paar Mal Luft holen. Es hörte sich an, als täte sie sich schwer damit irgendwas zu sagen. Und wenige Augenblicke darauf wusste Hjaldrist auch wieso sie nicht gut sprechen konnte. Denn die ruppige Leibwache, die sonst immer so laut herumschimpfte, mit den Augen rollte oder ihre Freunde obszön veralberte, schniefte plötzlich leise.

“Es tut mir leid...”, wisperte sie dünn und Hjaldrist glaubte die Fassung ganz kurz zu verlieren. Er stutzte, doch fing sich schnell wieder.

“Ich habe dich angegriffen. Entschuldige bitte. Das wollte ich nicht. Ich weiß nicht, was-”, sagte Anna und ihre Stimme brach mit einem Mal. Was folgte war absolut untypisch. Der überrumpelte Jarl sah, wie sie plötzlich kraftlos niederkniete. Ja, ANNA ging vor der Schlafgelegenheit nieder und ließ die Stirn besiegt an die Bettkante sinken. Es war, als werfe sie sich vor Scham und Reumut vor den Füßen ihres Freundes in den Dreck. Sich am Bettrand festhaltend und mit hängendem Kopf fing sie dann tatsächlich an zu weinen. Und Hjaldrist fühlte sich wie der schrecklichste Freund der ganzen Welt, weil er hier saß und diesem verdammten Trauerspiel stumm zusah. Oh, bei seinem Vater in Valhall, er hasste das hier. Er wollte nicht, dass Anna vor ihm herumkroch. Sie sollte nicht vor ihm knien oder sich verbeugen. Es war ihm SO zu zuwider. Und daher rutschte er auf seiner Matratze nach vorn, um zu ihr zu kommen. Ganz eilig. Auf den Boden kam er. Auf Augenhöhe.

“Scheiße.”, flüsterte er und rempelte Anna in die Seite “Ey, hör auf damit...”

Und dies reichte aus, damit sie anfing unter Tränen zu reden. Es war, als habe man ein randvolles Fass gestoßen, dass nun überschwappte. Anna’s heisere Worte überschlugen sich beinahe.

“I-ich will nicht mehr. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich will… ich will einfach nur, dass es aufhört…”, schluchzte sie vor sich hin und jemanden wie sie so zu erleben, war erschreckend “Immer… immer wenn ich mich entschuldige… dann ist das unbedeutend, Rist. Es ist leer, weil sich mein Kopf irgendwann eh e-einfach wieder ausklinkt. Und dann mache ich schlimme Dinge. Oh, erst die Feuer auf Undvik… jetzt DAS hier. Also… also warum heuchle ich herum und entschuldige mich überhaupt noch? Ich bin so dumm.”

Es war ein beachtlicher Blödsinn, was Anna da von sich gab. Denn SIE tat nie etwas Verwerfliches. Seit sie auf Undvik lebte, gab sie sich solch eine Mühe und obwohl sie vielleicht nicht die idealste Wahl für einen Huskarl-Posten war, sondern tatsächlich eher zu den wölfischen Skrugga oder den rauen Wegewächtern gepasst hätte, hatte sich Hjaldrist in den letzten Wochen so oft über sie gewundert. In positiver Weise. Anna hatte nie etwas Schlimmes getan. SILVEN hatte das. Und obwohl der ihren Körper lenken konnte, war er nicht sie. Kein Bisschen.

Der anwesende Undviker sah aber auch ein, dass es in diesem heiklen Moment wenig brächte gegen die arme Frau bei sich zu reden. Er würde es erst einmal zulassen, dass sie sich ausheulte. Danach könnte man vernünftig mit ihr sprechen, ganz sicher.

“Hey.”, machte er also vorsichtig, als er neben dem Elend aus Novigrad am Boden saß und sich mit dem Rücken voran an sein Bett lehnte. Hjaldrist stupste die Kurzhaarige auffordernd an, einmal, zweimal, und breitete die Arme dann in einer tonlosen Einladung aus. Anna war nah genug, um das zu sehen. Und dennoch zögerte sie, als sie mühsam versuchte sich ein Schluchzen zu verkneifen.

“Komm schon.”, murrte der Skelliger halbernst, doch mochte es nicht schaffen zu grinsen “Ich lache dich später auch nicht aus, weil du dich wie ein Mädchen verhältst, versprochen.”

Normalerweise hätte Anna jetzt abfällig geschnaubt und einen dummen Kommentar von sich gegeben. Aber jetzt tat sie das nicht. In diesem Moment löste sie sich einfach nur von der kalten Bettkante und nahm das lieb gemeinte Angebot ihres Freundes langsam an. Sie ließ sich umarmen und drücken. Und sobald dies geschah, brach sie völlig in Tränen aus und gab sich dabei absolut keine Blöße mehr. Es war hart. Der feinfühlige Hjaldrist hätte beinahe mit ihr geweint, denn die Situation rüttelte ihn auf emotionaler Ebene durch. Anna hatte Recht: Die Silven-Misere war zum Verzweifeln. Doch Hjaldrist riss sich krampfhaft zusammen und versuchte sich nurmehr bestärkt zu fühlen. Bestärkt darin, dass er den Scheißelf, komme was wolle, finden und töten wollte. Bald. Irgendwie. Das auch, um endlich wieder so mit Anna umgehen zu können, wie früher. Denn… ja, er wollte ihr wieder ganz nah sein. Besonders nach seiner heutigen Erkenntnis, die ihm jetzt flau im Magen lag und durch die momentane Umarmung einmal mehr bestätigt wurde. Aber das ging nicht, solange es den lauernden Silven gab, der permanent durch Anna sehen und hören konnte. Immer war dieser Hurensohn ‘da’. Diese üble Tatsache - und gleichzeitig daran zu denken tatsächlich einmal ganz offen mit Anna und darüber, wie es mit ihnen weitergehen sollte, zu reden - behagte ihm nicht. Wie könnte sich der bedachte Undviker seine jüngere Freundin denn zur Seite nehmen, ihr sagen, dass er sie nicht mehr auf Abstand haben wollte und all das böse Blut vergessen hatte, wenn Silven indirekt dabei war? Wie könnte er sie festhalten und sie küssen, wenn der beschissene Magier praktisch dabei zusah und jederzeit ausbrechen könnte? Es ging einfach nicht. Hjaldrist war so doch schon scheu und übervorsichtig, wenn es um Intimität ging, das gestand er sich ein. Er hatte eben seine Gründe. Und Silven mit an Bord zu wissen war in diesem Zuge einfach nur überwältigend befremdlich. Ob er dies Anna sagen sollte? Sollte er sie jetzt einfach aufmuntern, ihr in diesem gehörig unpassenden Moment gestehen, dass er sie liebte und ihr ganz optimistisch versprechen, dass sie beide einmal ‘inniger über Gefühle reden’ sollten, sobald Silven besiegt wäre? Vielleicht hätte ihr das gerade ja tatsächlich etwas geholfen. Denn die Frau war am Boden zerstört und heulte noch immer leise in den längst feuchten Hemdkragen ihres Freundes.

Hjaldrist schluckte schwer und hielt die Jüngere dezent wirr an sich gedrückt. Ja, vielleicht hätte sie wieder gelacht, wenn ihr Gefährte ihr erzählt hätte, wie er heute über sie dachte. Über ihre Schulter blickte er in den düsteren Raum und plötzliche Nervosität haschte ungnädig nach ihm. Er holte Luft zum Sprechen, doch fand kein Wort und ärgerte sich deswegen über sich. Denn es war doch lächerlich. Hjaldrist war ein besungenes Clanoberhaupt. Wenn es sein musste, entschied er auf seiner Insel über Leben oder Tod. Er verurteilte Kriminelle ohne mit der Wimper zu zucken und trat anderen Jarls souverän entgegen. Dabei war er jemand, der stundenlang schwafeln und dabei doch nichts sagen konnte. Er stauchte dumme Bauern streng zurecht, scheuchte einen ganzen Trupp von gestandenen Huskarlen herum, pflegte komplizierte Handelskontakte. Dennoch hatte er Schwierigkeiten damit seiner engsten Freundin zu erklären, dass er nie damit aufgehört hatte viel für sie zu fühlen und dass diese tiefe Zuneigung nach Anna’s damaliger Flucht einfach nur verschüttet gewesen war, nicht fort. Ja, der ach so versierte Skelliger bekam seine dumme Klappe just nicht auf. Und er schwieg, während sich seine Kumpanin an ihm festhielt, als sei er ein rettendes Tau, und nicht so wirkte, als käme sie in den nächsten Stunden oder Tagen noch einmal richtig hoch.

 

Entgegen Hjaldrist’s Befürchtung stand Anna Stunden später schon wieder an Deck, als sei nichts passiert. Lediglich ihre Augen waren noch leicht gerötet. Mit erhobenem Haupt, frisch angekleidet und in der Uniform, die sie als Huskarl auswies, hielt sie sich mit Thure und Matilda am Rande, als der Jarl seiner gesamten Mannschaft erklärte, was er auf De Capries’ Grundstück gesehen hatte. Wie immer war er dabei schmerzhaft ehrlich und nachdem er den Anwesenden Darius vorgestellt hatte, erzählte er von dem bizarren Zirkus und dem Vampir. Und er log nicht, als er vorgab, dass böse Mächte Anna entführt gehabt hätten. Denn dem war doch so gewesen. Zumindest im weiteren Sinn.

“Neben Arianna hatte De Capries die halbe Stadt dort versammelt. Und ich habe keine Ahnung, wie und warum er das tat. Oder eher: Tut, denn er ist nicht besiegt.”, machte Hjaldrist und ließ den Blick durch die entrückten Anwesenden schweifen “Die Bürger werden magisch manipuliert und Darius sprach von einer unsichtbaren Barriere, die Bremervoord umgibt. Wir kommen hier also vorerst nicht weg und müssen vorsichtig sein. Ich will, dass ihr es sofort mir, Haldorn oder einem der Huskarle meldet, sobald sich irgendein Kamerad eigenartig verhält. Ist das klar?”

“Aye!”, gaben viele Mannschaftsmitglieder entschlossen zurück.

“Aber was sollen wir nun tun? Hier abwarten, bis der Spuk vorüber ist?”, fragte einer der Krieger unzufrieden dazwischen. Es war berechtigt, dass er dies tat.

“Richtig. Ich habe auch keine Lust hier herumzusitzen und zu warten!”, maulte Haldorn.

“Das werdet ihr nicht, keine Sorge.”, antwortete der Jarl sofort und er wusste, dass man ihn ernst nehmen würde. Schlussendlich feierten seine Leute ihn als Held ihrer Heimat. Er hätte ihnen erzählen können, dass er loszöge, um einem mächtigen Eisriesen im Alleingang in den Arsch zu treten und sie hätten es ganz naiv geglaubt.

“Ich werde mich um den Fluch kümmern.”, versprach er also, ehe er schon kurz innehielt. Dann korrigierte er sich selbst.

“Nein, ANNA und ich werden sehen, was wir dagegen tun können. Als Hexerin kennt sie sich mit solchen Dingen besser aus, als alle hier.”, eröffnete der Mann im grünen Gehrock. Er sah, wie sich die genannte Novigraderin bei diesen Worten versteifte und unwohl um sich sah, als die Aufmerksamkeit vieler auf sie fiel. Sonst gab sie sich immer so unscheinbar und wollte vertuschen, dass Hjaldrist sie bevormundete. Daher wurde sie jetzt auch unruhig, wusste er. Aber das müsste sie nicht und den Grund dafür hatte er ihr doch unlängst genannt, als er sie darum gebeten hatte zur Sicherheit bei ihm zu schlafen: Hjaldrist war nicht der einzige Held hier. Und er fing damit an Anna gern vorzuziehen. Niemand außer Haldorn nähme ihm das übel.

“Wir werden versuchen die ganze Misere zu lösen.”, sagte Hjaldrist selbstsicher, obwohl er gar keinen Plan hatte “Und ihr alle bleibt am Hafen und haltet die Stellung, bis wir euch etwas anderes sagen. Ich will, dass die Seeschlange bereit ist, sollten wir überstürzt von hier verschwinden müssen. Haldorn übernimmt das Kommando vollends, solange ich weg bin.”

Die an Deck Versammelten machten große Augen. Sie raunten und nickten.

“Das Segel ist fertig geflickt worden. Also versucht in der nächsten Gegend an Ruder oder Dinge zu kommen, die man sporadisch als welche benutzen könnte. Den Rest erledigen Anna und ich.”, endete Hjaldrist noch. Er versuchte seinen Bruder dabei nicht anzusehen, denn sicherlich starrte der gerade böse.

“Aye!”, tönten ein paar der Skelliger abermals und waren überraschend motiviert dabei. Ein leichtes Lächeln zog daher an den noch etwas fahlen Lippen des verletzten Jarls. Und er nickte anerkennend.

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