Kapitel 15

Lieber Korn im Blut, als Stroh im Kopf

Rogne war ein verschlafenes Dorf inmitten der Berge. Wenn man hier auf dem Hügelchen inmitten des kleinen Ortes stand, konnte man, wenn man gen Westen sah, sogar den Hafen von Kaer Trolde sehen. Das war weit. Dafür, dass es Frühsommer war, war es hier oben zudem relativ kühl und während die Menschen unten, am Pier, bestimmt schon kurzärmlige Hemden trugen, hüllten sich die Rogner noch immer in ihre zotteligen Fellwesten und in dicke Mäntel aus gekämmter Wolle. Von den Berggipfeln blies ein frischer Wind herab und man konnte den frischen Schnee buchstäblich riechen. Ansonsten war das Wetter aber sehr schön, der Himmel kaum wolkenverhangen und klar. Irgendwo plapperten zwei betagte Waschweiber, die dreckige Hosen über schäumende Waschbretter zogen, die in breiten Wassertrögen lehnten. Woanders schlugen zwei Jungspunde mit dicken Stöcken aufeinander ein, als seien diese Schwerter und sie selbst grölende Vildkaarle. Und aus der Taverne konnte man jemanden fröhlich hüpfende Flötenmelodien spielen hören. Ja, Rogne war in der Tat lauschig. Doch vermutlich trog der Schein auch nur, denn die Anschlagtafel des Dörfchens war voll. So voll, dass man das verwitterte Holz darunter kaum noch sehen konnte.

“Meine Fresse.”, fiel Hjaldrist dazu nur sehr erstaunt ein und er beugte sich vor, um die schiefe Tafel zu betrachten. Er hielt Apfelstrudel am Zügel und trug den schweren Rucksack nach wie vor am Rücken. Sie waren gerade erst angekommen. Es war kurz nach Mittag und der Geruch nach fettem Braten und süßlichem Sauerkraut lag in der Luft.

“Das sind viele Zettel für so ein kleines Dorf.”, bemerkte Anna, die voll bepackt neben ihrem Kumpel stand. Kurt haschte mit der samtigen Pferdeschnauze nach ihrem Kragen und schnaubte ihr dabei warm in den Nacken, doch die Frau störte sich nicht daran.

“Das letzte Mal, als ich hier war, sah das Brett wesentlich leerer aus…”, murmelte Rist nachdenklich weiter und machte sich daran einen der verwaschenen Anschlagzettel vorzulesen “‘Halvurth Thjorn ist ein Ziegendieb. Man sollte seinen Stall anzünden!’”

Wie passend für ein Kaff, wie diesem hier. Anna musste leise lachen.

“‘Den besten Mjodr gibt es bei Frau Antonia. Nur solange der Vorrat reicht!’”, las Hjaldrist weiter “‘Sef lädt jeden zehnten Tag im Monat zum Gwent-Turnier im ‘Hochblick’. Tolle Preise zu gewinnen! Darunter: Ein Metkrug aus purem Silber, zwei Flaschen von Antonia’s Mjodr und zehn Gläser gepfefferter Heringsmarmelade.’”

Die kurzhaarige Alchemistin aus dem Norden horchte auf und kam näher, warf nun ebenso einen genaueren Blick auf den Aushang bezüglich des Kartenspielturniers.

“Da muss ich mitmachen!”, entkam es ihr begeistert und der Jarlssohn in der grünen Tunika schmunzelte wissend. Natürlich hatte er sich schon gedacht, dass sich seine Freundin für solch ein Turnier begeistern lassen würde. Schließlich liebte sie Gwent.

“Hm, ‘Hochblick’? Ist das wohl die Taverne?”, sprach Anna mehr zu sich selbst, als zu ihrem Begleiter. Dennoch antwortete Rist mit einem zustimmenden Brummen.

“Welchen Tag haben wir heute?”, hakte sie nach und sah auf.

“Keine Ahnung. Als ich das letzte Mal nach Drakensund aufgebrochen bin, war Mittwoch.”

“Aha...”, machte Anna daraufhin langgezogen und wenig überzeugt. Hjaldrist war ja wirklich eine große Hilfe. Sie musste verhalten grinsen.

“Hier, schau. Da will jemand Endriagen loswerden.”, Rist lenkte das Thema wieder auf das morsche Schwarze Brett und riss sich einen der angenagelten Zettel davon herunter, zeigte ihn seiner Gefährtin.

“Das ist dann ja wohl ganz dein Ding, Käferschubser.”, kommentierte die und nahm das Papier mit der Unterschrift der ‘Bürgervertretung Rognes’ an sich. Hjaldrist las ohne weiteren Kommentar weiter.

“‘Danket Freya, denn sie hat unserer Bäckersfrau gesunde Drillinge beschert! Das Frisch-Eltern-Fest findet am Achtzehnten statt.’”, murmelte der Undviker und kniff die Augen etwas zusammen, um die kleine Schrift eines weiteren Zettelchens lesen zu können “‘Die Hexe hat nun auch Ullan Artjesson verzaubert. Wer wird der nächste Stein sein?’”

Geduldig lauschend wartete Anna ab.

“Und hier beschwert sich einer der Imker über einen Bären, der seine Bienenstöcke nicht in Ruhe lässt…”, sinnierte der Krieger weiter und steckte Anna einen weiteren, halb zerknitterten Zettel zu.

“Perfekt.”, meinte die Frau nur noch. Es schien, als würden sie beide in nächster Zeit wieder gut Geld verdienen. Und das hatten sie auch nötig, denn sie waren momentan so arm, dass sie heute sicherlich nicht in der hiesigen Taverne übernachten könnten. Sie müssten also das Zelt aufschlagen, das Anna schon seit Monaten mit sich herumschleppte. Die gewitzte Kurzhaarige hatte es damals in Temerien geklaut. Und zwar während dessen volltrunken schnarchender Besitzer darin geschlafen hatte. Eine sehr amüsante Geschichte, die den Betrug beim Würfelspielen, das gnadenlose Abziehen einer Hexerstochter, die man im Suff als ‘Schlampe’ bezeichnete, und sehr viel Zechprellerei beinhielt. Anna erinnerte sich ganz gern mit unverhohlener Schadenfreude daran zurück. Aber wie auch immer. Immerhin hatte sie jetzt ein eigenes Zelt in Blau und Weiß. Und es war groß genug, dass auch Rist mit darin übernachten konnte. Schließlich hatten sie beide ja keine Platzangst. Wahrscheinlich würde sogar noch Lin mit in das Zelt passen, sollte er dies denn wollen. Aus dem Augenwinkel linste die Novigraderin zu dem leise summenden Göttling hin, der auf Apfelstrudel saß. Während der kurzen Reise nach Rogne hatte er zumeist hinter Rist am Pferd gesessen. Ab und an war er dann gelaufen, war zwischen dichten Büschen und Bäumen verschwunden, nur, um wenige Minuten später weit vor den zwei Abenteuern aufzutauchen, zu lachen und ihnen zuzuwinken. Lin war, was dies anging, ein unkomplizierter Begleiter und obwohl er an und für sich ein seltenes Waldwesen übernatürlicher Natur war, fiel es einem unglaublich einfach ihn schnell als normalen Wegbegleiter zu betrachten. Wenn man denn von seinem auffälligen Äußeren absah, verstand sich. Gerade eben, da saß er gut gelaunt in Rist’s hartem Sattel und flechtete weiße Margeriten zu einem Kranz zusammen. Der Göttling ging vollends darin auf.

“Lin.”, Anna sprach den Besagten direkt an und der Kleinere blickte fragend auf, hielt mit dem Blumenflechten inne “Willst du uns mit in das Dorf begleiten?”

Der Göttling legte die Stirn daraufhin in Falten und schien zu überlegen.

“Ist es lustig dort?”, wollte er wissen und die Hexerstochter schnaubte amüsiert.

“Keine Ahnung. Mit genug Alkohol bestimmt.”, meinte die Schwertkämpferin mit einem vielsagenden Unterton in der Stimme und mit berechnenden Augen, die gen Hjaldrist wanderten. Dieser Kerl hatte ihr doch diesen Algenwein, Mjodr, aufdrängen wollen. Der Skelliger verstand den rätselhaften Blick von Anna und grinste wissend.

“Alkohol mag ich nicht!”, sagte Lin “Ich mache solange andere Sachen!”

“Gut, gut…”, Anna nickte. Es war ihr so und so lieber, wenn sich der Göttling vor Fremden versteckte. So, wie es Wesen, wie er, normalerweise auch taten. Denn bestimmt war die Bevölkerung Rognes eigen und der Lage des Ortes nach eher konservativ. Man musste sich ja nur einmal das Schwarze Brett ansehen, auf dem ein Ziegenhirte dazu aufrief den Stall eines anderen anzuzünden! Solche Mistgabel-schwingende Hinterwäldler scheuten sicherlich nicht davor zurück ein ihnen unbekanntes Waldungeheuer in Brand zu stecken, dabei zu schreien es sei irgendein fürchterliches Monster und mit heiliggesprochenen Amuletten um sich zu werfen. Ja, besser, Lin hielt Abstand.

Anna sah, wie der kleine Göttling vom schnaubenden Apfelstrudel glitt und federleicht auf den beschuhten Füßen landete. Er lächelte breit und setzte sich seinen fertigen Margeritenkranz auf das langhaarige Haupt.

“Ich suche mir etwas Lustiges zum Spielen.”, verkündete der Waldbewohner noch, als sei er ein Kind, das vorhatte sich mit seinen Freunden zu treffen, um zusammen in tiefe Regenpfützen zu hüpfen oder Verstecke im Dickicht zu bauen. Genauso locker, wie der Kleine zuvor von Apfelstrudel gekommen war, verschwand er dann. Er würde in der Nähe bleiben und wieder auftauchen, sobald Hjaldrist und die Novigraderin das Dorf verlassen würden, das war sicher. Nachdem der Göttling die letzten Monate über abgewartet hatte, dass seine Freunde von Drakensund zurückkämen, bestand dahingehend kein Zweifel.

 

Die Taverne von Rogne war weder sonderlich voll, noch war sie groß. Der Schankraum, in dem die Luft unangenehm dick stand, war halb so breit, wie der in Blandare es damals gewesen war und sicherlich gab es hier, wenn überhaupt, nur wenige Mietzimmer. Dennoch wirkte der Wirt hinter dem Tresen sympathisch. Sef hieß er dem Schwarzen Brett zufolge. Er war ein rauer Skelliger mit blanker Glatze, schwarzem Bart und einer sauberen Kochschürze. Vermutlich schenkte er also nicht nur aus, sondern kümmerte sich auch um das Essen. Bedienstete schien er jedenfalls nicht zu haben und von einer Frau, die dabei half den muffigen Laden zu schmeißen, fehlte weit und breit auch jede Spur. Mit irgendeinem Gruß im skelliger Dialekt hatte der Mann Rist begrüßt und nickte jetzt auch Anna freundlich zu. Er schien für dieses Kaff hier erstaunlich offen und nett zu Besuchern zu sein.

“Kann ich euch etwas anbieten? Es gibt Hackbraten und Sauerkraut.”, kündigte der gepflegte Wirt an und Anna spürte sich ob dieser Frage ein wenig betreten. Sie müsste erst in ihrer kargen Geldkatze kramen, um nachzusehen, ob sie sich denn solch ein gutes Essen leisten könnte. Wahrscheinlich nicht. Und am Ende würden sie und Hjaldrist wohl oder übel am mitgegebenen Proviant von Adlet herumkauen müssen: An zäh gewordenem Brot mit gesalzenem Heringsaufstrich oder irgendwelchen getrockneten Pilzen zum Beispiel. Urgh.

“Ähm, also-”, fing die peinlich berührte Hexerstochter an, doch der Wirt, der für einen Mann seiner Profession eines der schlankeren Exemplare war, lachte nur.

“Es geht aufs Haus.”, meinte er als sei dies verständlich. Anna blinzelte positiv überrascht und verstand zunächst nicht. Dann warf sie einen irritierten Blick gen Rist, der im Gegensatz zu ihr nicht ganz so perplex wirkte. Denn er lächelte zufrieden.

“Sehr freundlich, danke.”, gab der Krieger mit der Familienaxt dem Wirt zurück.

“Ach, es ist das Mindeste. Sucht euch einen Platz aus. Ich bringe euch das Essen sofort…”, und mit diesen Worten verschwand der Ältere vorerst, um in seine spartanische Küche zu gehen aus der es verführerisch duftete. Drei Kerle betraten im Hintergrund die kleine Taverne, taxierten die zwei Neuankömmlinge misstrauischen Blickes, doch wendeten sich dann ab, um sich nieder zu lassen. Der Flötenspieler in dem roten Wams gab noch immer seine Lieder zum Besten. Schade, dass niemand sang.

“Ähm.”, fiel es Anna zum Verhalten des Wirtes nurmehr ein und sie wollte Antworten “Rist...?”

Der Angesprochene grinste nahezu überlegen, doch nicht arrogant. Eher wissend und in einem stummen Triumph. Noch immer lehnte er sich an die schmale Tresenkante, was lässig wirkte.

“Als ich das letzte Mal hier war, habe ich den Tavernenboden aufgewischt.”, erzählte er stolz.

“Oh.”, machte Anna und ihre Miene klärte sich allmählich wieder “Und lass mich raten: Mit irgendwelchen zwielichtigen Typen”

Hjaldrist nickte schnell. Natürlich.

“Es war ein ruhiger Abend. Dann tauchten vier besoffene Arschlöcher auf, die auf Stunk aus waren. Sie haben ein paar Leute angepöbelt und wollten einem Mädel aus der Nachbarschaft die Finger brechen, da wurde es mir zu viel und ich habe dafür gesorgt, dass sie das Weite suchen.”, sagte der gutmütige Jarlssohn weiter und Anna zweifelte nicht an der Richtigkeit seiner Worte. Sie wusste nämlich, wozu ihr Kumpel in der Lage war. Sie hatte ihn schon oft genug in Aktion gesehen. Neben seiner, naja, beachtlichen Durchschlagskraft war der Mann außerordentlich und auffallend kühn. Manchmal schon fast zu mutig. Er dachte nicht lange nach und war stets davon überzeugt alles zu schaffen. Jemand wie er stürzte sich NATÜRLICH in einen Kampf gegen vier andere, vermutlich viel größere, Typen und gewann dabei. Denn wer es schaffte gepanzerte Endriagen umzuschubsen, der warf auch irgendwelche trunkenen Raufbolde durch einen stickigen Schankraum. Anna musste schmunzeln, ihre Miene erhellte sich vollends.

“Suchen wir uns einen Platz.”, schlug sie vor und erinnerte damit an die Worte des gastfreundlichen Wirtes des ‘Hochblicks’ “Ich würde gerne meinen Rucksack loswerden.”

Und das taten die Vagabunden dann auch. Sie fanden einen kleinen Tisch in einer der Schänkenecken und ließen sich dort nieder, nachdem sie ihr Gepäck abgelegt hatten. Der Wirt nahte ebenso bald und tischte das Essen auf, auf das sich Hjaldrist und Anna sogleich hungrig stürzten. Der dampfende Braten schmeckte und die Portion war unglaublich groß. Die ausgezehrte Nordländerin im Bunde, die sich nicht die Mühe gemacht hatte sich abzurüsten, schaufelte sich das Sauerkraut, das mit wenigen Wacholderbeeren gespickt war, in den Mund und murmelte irgendwelche unverständlichen Worte, die zum Ausdruck bringen sollten, dass es ihr sehr schmeckte. Klar. Sie hatte die letzten Monate über auf einer einsamen Druideninsel gelebt und sich dabei von Körnerkram, Blätterzeug und Scheißgemüse ernährt. Kartoffeleintopf mit etwas Wurst darin war zu dieser Zeit schon das Höchste der Gefühle gewesen. Ein Hackbraten mit deftiger Soße, Kraut und Salzkartoffeln war also ein Traum.

“Vergiss nicht zu atmen, Anna.”, warf Rist kritisch ein. Er hatte kaum damit angefangen zu essen, da hatte seine eigentlich relativ schlank gebaute Gefährtin schon ihren halben Teller leer. Ja, wenn ihr Magen knurrte und es dazu auch noch sehr schmeckte, lief sie zu Höchstformen in der Kunst des Viel-auf-eine-Gabel-bekommens auf. Arbeiter mit Spaten und Schaufeln waren ein Dreck dagegen. Tischmanieren? Die konnte man weit und breit suchen, man fand sie nicht.

“Ich atme.”, murrte die konfrontierte Novigraderin ohne vorher hinunter zu schlucken und verlor dabei beinah einen Happen Hack mit Zwiebeln. Rist verkniff sich ein ungläubiges Auflachen und zermatschte ein paar Kartoffeln in seiner fettigen Bratensoße. Der Flötenspieler spielte ein Lied, das Anna schon einmal irgendwo gehört hatte, aber nicht einordnen konnte, und der Wirt näherte sich mit zwei schäumenden Humpen voller Bier. Er stellte sie den zwei Abenteurern auf den massiven Holztisch und fragte ob es denn schmecke. Und während Hjaldrist bloß ehrlich nickte und dankend nach seinem dunklen Bier fasste, um seinen Durst zu stillen, entkam dem Fressschlund Anna ein “Au ja. Wie der Himmel!”

Der Wirt, der das Kompliment durchaus verstand, lächelte breit und zufrieden.

 

Bis zum Abend war es, wie nicht anders zu erwarten, ruhig. Rist und Anna hatten ein paar Informationen über die Aufträge bezüglich der Endriagen und dem honigsüchtigen Bären des Ortes eingeholt. Und während sich Ersterer um die Pferde und seine Ausrüstung gekümmert hatte, hatte sich Zweitere die Beine vertreten und den örtlichen Markt besucht. Wenn man es denn als Markt bezeichnen konnte, denn er bestand aus lediglich vier kleinen Ständen. Dennoch hatte die Novigraderin ein paar Sachen für sich gefunden: Neue, kleine Fläschchen für Tränke, drei neue Hemden, damit sie nicht mehr die ihres Freundes tragen müsste, und drei Wollknäuel in Rot, Blau und Grün. Diesmal hoffentlich auch echte, die nachts nicht zu Asche und Staub zerfallen würden. Denn ja, sie häkelte noch immer gern und ihr war beizeiten schon mal langweilig. Besonders abends im Bett, auf langen Ritten oder wenn es einfach einmal gar nichts zu tun gab. Oh ja, dieses Mal, da würde Anna es wirklich wieder angehen irgendetwas aus Wolle zu zaubern. Und wenn es auch nur irgendein Blödsinn war. Immerhin half die Handarbeit ihr dabei etwas abzuschalten. Und vielleicht bräuchte Hjaldrist, so wie auch sie, ein paar neue, gute Socken? Oder einen Schal vielleicht?

 

Nach Sonnenuntergang saßen die zwei Umherziehenden dann wieder im kleinen, alten Schankraum Rognes und unterhielten sich über ihren Tag. Zwar war der sehr ereignislos verlaufen, doch das machte nichts. Morgen, da würden sie nämlich sehr früh die Endriagen-Sache erledigen und wenn dann noch etwas Zeit bliebe, dann würden sie auch noch den Braunbären suchen, der dem hiesigen Imker das Leben schwer machte. Es stand also einiges an Arbeit an. Besser, sie ruhten sich heute noch aus und genossen den Abend. Ihre Reise war, obwohl sie nicht länger als bis zum frühen Nachmittag gedauert hatte, anstrengend gewesen. Und Anna steckte noch immer das starke Schlafmittel im Blut, das sie sich auf der Dracheninsel gebraut und in einem Zug ausgetrunken hatte.

Die Novigraderin gähnte hinter einer vorgehaltenen Hand und betrachtete die Karten in der anderen. Sie zögerte etwas, legte Gaunter O’Dim ab, spielte daraufhin drei Finsternis-Karten aus und lehnte sich zufrieden schmunzelnd zurück.

“Ich habe gewonnen.”, kommentierte sie ihren Zug überflüssigerweise mit einem frohlockenden Unterton in der Stimme. Ihr Gwent-Gegenspieler, der feiste Schuster des Dorfes, schnaufte pikiert und sah grimmig drein.

“Also schön.”, gab er sich geschlagen “Du hattest Glück.”

Anna lachte kurz auf.

“Glück? Nein, das ist Können.”, grinste sie. Sie freute sich nicht nur des Gewinnens wegen über ihren Sieg, sondern auch wegen der Tatsache, dass der anwesende Schuhmacher ihre ramponierten Stiefel morgen reparieren würde. Das war sein Einsatz gewesen. Hätte die Novigraderin verloren, hätte sie ihr Schwert hergeben müssen. Dies war ein Preis, den sie nur deswegen vorgeschlagen hatte, um den Schuster zu ködern. Und weil sie gewusst hatte, dass sie nicht verlieren würde. Ja, nie im Leben würde sie ihr Stahlschwert aus der Hand geben! Balthar hatte es ihr geschenkt, nachdem sie Onkel Jaromir mit siebzehn Jahren in einem kleinen Duell besiegt hatte. Jaromir war dabei zwar stockbesoffen gewesen, nicht so ganz bei der Sache und unbewaffnet, aber der Sieg galt trotzdem. Anna’s Bastardschwert war ihr also heilig, denn es war nicht nur eine Waffe, sondern auch ein Memento an gute, alte Zeiten.

“Ja, ja, ja, komm morgen einfach vorbei.”, grummelte der Stiefelmacher vor sich hin und die Novigraderin nickte schnell. Dann ging der Mann und sie sah ihm erheitert nach. Ihre Augen wichen bald fort von dem schlechten Verlierer, durch den Tavernenraum. Er war im Vergleich zu heute Mittag gut gefüllt und viele Leute waren jetzt schon betrunken. Dabei war die Nacht noch jung. Der Flötenspieler von früher war fort und an dessen Stelle waren drei herzliche Kerle getreten, die irgendwelche Volkslieder Skelliges tönten. Mit erhobenen Krügen und viel Geschunkel besangen sie irgendeinen Typen namens Hemdall und johlten etwas über dessen goldenen Hahn, der Kambi - oder so ähnlich - hieß. Bescheuert. Anna verstand die Worte der rauen Männer mit den Fellmänteln nur schwer. Der Akzent Skelliges schien umso härter und markanter zu werden, desto höher man auf die Berge der Inseln stieg. Das hieß, dass Anna die Rogner kaum noch verstand, wenn sie sehr schnell redeten. Gut, dass sie den guten Hjaldrist dabeihatte, denn der hatte da natürlich kaum Probleme. Der Besagte lehnte gerade am Schanktresen und unterhielt sich mit irgendeinem anderen Gast des ‘Hochblicks’. Er gestikulierte dabei, trank immer wieder etwas aus seinem Becher und haute auf die abgegriffene Thekenablage. Dann machte er ein hartes Gesicht, lächelte ernst und etwas schief, nickte in die Richtung seiner Freundin. Der Gesprächspartner des Undvikers sah sofort her und wirkte verblüfft. Oh je. Anna sah gescheucht fort und machte sich daran ihre Gwent-Karten vom Tisch zusammen zu klauben. Was hatte Rist schon wieder vor?

Sie würde es herausfinden, denn der Fremde kam Momente später schon auf die Frau zu und stützte sich vor ihr auf der Tischablage ab. Anna sah auf. Mit ihrem Monster-Kartendeck in den Händen musterte sie Hjaldrist‘s neuen… Freund. Oder wer auch immer der Typ mit den rotblonden Haaren war, der sie so interessiert anstarrte. Rist trat sogleich neben den Kerl mit dem Vollbart und schenkte Anna einen unsagbar bedeutsamen Blick, den sie nicht so recht zu deuten wusste.

“Du bist also eine Hexerin.”, sagte der Rotblonde mit den Sommersprossen auf der Nase atemlos, als sei diese Aussage eine Feststellung und keine Frage. Hjaldrist schwieg vorerst, setzte sich gemächlich seiner Kollegin gegenüber hin und stellte sein Trinkgefäß ab. Er schmunzelte in sich hinein, als Anna die Stirn krauszog. Sie sah dem fremden Skelliger weiterhin skeptisch entgegen und öffnete schon die Lippen, um etwas zu sagen, da kam ihr jener zuvor. Und, bei Melitele, klang er vielleicht geschäftig!

“Dein Freund hat es mir gesagt und gemeint, dass ihr uns helfen könntet.”, entkam es dem Rotschopf und seine graugrünen Augen durchbohrten Anna auffordernd, hilfesuchend. Der noch nicht so recht begeisterten, unschlüssigen Novigraderin standen die Lippen einen kleinen Spalt weit offen und sie wusste zunächst nicht so recht, was sagen. Normalerweise, da war sie recht schlagfertig. Doch dass Rist hier scheinbar herumerzählte, dass sie eine Hexerin sei und die Leute dann auch noch hilfesuchend auf sie zu kamen, anstatt angewidert auszuspucken, brachte sie dezent durcheinander. Es verblüffte sie. So kannte sie das aus den Nördlichen Königreichen nicht. Und außerdem-

Anna spürte einen leichten Tritt gegen ihren Unterschenkel und verkniff sich ob dem ein Ächzen. Hjaldrist schubste ihr Bein unter dem Tisch mit der Stiefelspitze an und das auffordernd. Hätte sie nun zu dem aufgeregten Undviker hingesehen, hätte der wohl auffällig drängend zu dem Rotblonden hin genickt, um seiner Freundin anzudeuten schnell etwas zu sagen.

“Ähm. Und Ihr seid…?”, fragte Anna ohne ihren besten Freund weiter zu beachten. Ihre Aufmerksamkeit blieb an dem nach wie vor stehenden Skelliger kleben.

“Oh!”, machte jener und seine Worte überschlugen sich vor Aufregung fast “Ich bin Furian Artjesson. Ich, uhm, bin nur ein gewöhnlicher Mann aus Rogne. Und ich… ich habe einen Vorschlag. Nein, eine Bitte. Es geht um, naja, eine unangenehme Angelegenheit. Ihr seid eine Hexerin. Und solche Leute beseitigen Unannehmlichkeiten.”

Die Novigraderin, ihrerseits Vagabundin, Trankmischerin und Anhängerin des gepflegten Monster-Verprügelns, räusperte sich und ließ die Erklärungen über ihre Identität oder Profession aus. Sie setzte sich etwas gerader hin.

“Und ich bin Anna.”, meinte sie “Wir können uns auch duzen.”

Während Hjaldrist den Wirt heran winkte, um etwas zu bestellen, das sehr nach Wein mit Algen klang, bat die Novigraderin Furian darum sich ebenso zu setzen. Sie wartete ab, bis jener das tatsächlich getan hatte, denn sie konnte es nicht sehr leiden von oben herab angestarrt zu werden. Etwas nervös ruckelte der sommersprossige Skelliger nun neben Hjaldrist herum und sah aus, als fände er keine bequeme Sitzposition. Das war Anna egal.

“Ich nehme an, mit ‘Unannehmlichkeiten’ meinst du irgendwelche Mistviecher, Furian.”, mutmaßte sie. Der Angesprochene nickte zögerlich.

“Ja… ja… aber es ist nicht so einfach.”

“Geht es um die Endriagen oder den Bären? Die knüpfen wir uns morgen nämlich schon vor.”

“Nein… viel schlimmer. Oh, Weltenschlange, hilf…”, seufzte der Mann und sah unruhig um sich. Der bärtige Wirt brachte einen bauchigen Krug und drei Becher aus gebranntem Ton. Seelenruhig schenkte der großzügige Rist dann eine dunkelrote Flüssigkeit in letztere ein. Bis zum Rand machte er sie voll.

“Ich höre.”, sagte Anna und sah ihrem Lieblings-Jarlssohn im Augenwinkel weiterhin dabei zu, wie er mit spitzen Fingern irgendetwas Längliches, Schlabbriges aus dem Weinkrug fischte und es in einen der Becher gab. Das wiederholte er auch gönnerhaft für die beiden anderen Tongefäße. Leicht rümpfte die Novigraderin die Nase, als sie das bemerkte, doch ermahnte sich im Innern dazu Furian aufmerksam zuzuhören. Sie räusperte sich leise und schenkte die ungeteilte Aufmerksamkeit erneut dem Besagten.

“In der Nähe… da gibt es einen See. Einen Bergsee. Es ist der mit unseren Badehütten. Es ist ein recht großer See und die Schwitzhäuschen, die sind recht bis vor einiger Zeit noch gut besucht gewesen.”, murmelte Furian verstohlen und kaute sich dabei nervös an der Nagelhaut herum.

“Gewesen?”, hakte Anna nach.

“J-ja. Denn in dem See, da haust nun eine Hexe. Oh, und diese Widerliche verzaubert alle, die zu dem See kommen.”, murmelte Furian und seine Stimme wurde immer brüchiger. Anna verengte die Augen prüfend.

“Sie verzaubert alle? In was?”, fragte sie, obwohl sich die Geschichte in ihren Ohren eher wie irgendeine Spinnerei von Bauern anhörte.

“In Steine.”

“In Steine?”

“In kleine Steine, ja. Und dann schnippt sie sie in den See und sie sinken bis auf den Grund, kommen nie mehr wieder. M-meinem Cousin Ullan ist das passiert. Er- oh…”, seufzte der Rotblonde und senkte den Kopf weit und traurig. Rist schob ihm schweigend einen der Algenwein-Becher zu. Furian bedankte sich kleinlaut.

“Und woher weiß man, dass ‘Leute in Steine verwandelt werden und auf den Grund des Sees sinken’?”, wollte die kluge Monsterkundige weiter wissen. Sie blieb kritisch und achtete nicht auf irgendwelche Schicksale irgendwelcher Ullans. Tja. Hatte sie zuvor noch geglaubt, der Rogner hier erzähle Gewäsch, so hielt sie ihn nun auch noch für ganz schön abergläubisch. Eine Hexe, die in einem See saß und Leute zu Kieseln machte, um sie zu versenken, machte keinen Sinn. Eher hauste bei dem besagten Bergsee eine Kälpi, die Streiche spielte, eine boshafte Najade, die Unwissende in den Tod lockte, oder dort waren sonst irgendwelche Wesen, die die Menschen Rognes einfach so angriffen. Hier auf Skellige gab es schließlich genug Ungeheuer, die ihr Unwesen trieben, nicht? Es musste keine sagenumwobene Hexe sein. Es war sicherlich viel, viel simpler.

“Ich weiß das, weil die Leute verschwunden sind. Und der Bürgerrat hat auch gesagt, dass es eine Hexe ist.”, schniefte Furian und nahm einen Schluck des spendierten Weines “Ach, Ullan…”

“Mhm. Es gibt also keine Leichen.”, stellte Anna fest. Der Mann mit dem Vollbart, der keinen Hehl aus seiner Gefühlswelt machte, nickte kraftlos und trank mehr.

“Und auch sonst fand man keine Hinweise? Es gibt keinerlei Anhaltspunkte?”, fragte Anna und Furian schüttelte den Kopf, woraufhin die burschikose Monsterjägerin einen Blick zu Rist hinwarf, der ihr ebenfalls einen Becher reichte. Sie nahm ihn entgegen, doch trank nicht und stellte ihn erst einmal fort.

“Wir können uns die Sache mit dieser… Hexe gerne mal ansehen.”, meinte Anna nach einer kurzen Kunstpause. Aufmerksam sah sie das Häufchen Elend am Tisch an. Jenes hob den schweren Kopf nun und horchte auf. Ein hoffnungsvolles Funkeln mischte sich in die glasigen Augen Furians.

“Wirklich?”, entkam es ihm hoffnungsvoll.

“Wir machen es aber nicht umsonst. Wenn eure Hexe wirklich so gefährlich ist, dann gibt es für uns ein enormes Risiko, weißt du. Und der Aufwand, um sie zu verscheuchen, ist genauso groß. Ja, was, wenn sie auch uns in Steine verwandelt und auf den Seegrund schickt?”, Anna’s letzter Satz klang nahezu spöttelnd; als spräche sie mit einem dummen Kind. Furian schien dies entweder nicht aufzufallen oder er überhörte es, weil er sich zu sehr darüber freute, dass sich jemand seiner Probleme annahm.

“Ja… ja, ich verstehe! Ich bin mir sicher, dass euch der Bürgerrat Rognes eine Belohnung gibt! Oh, bitte bringt Ullan zurück und entzaubert auch die Anderen!”, bat der Kerl.

“Ich kann nichts versprechen. Wie viel würde der Bürgerrat denn bezahlen, Furian?”

“Ich weiß nicht. Oh, aber i-ich kann mit dem Vorsitzenden sprechen und wir sammeln Geld. Schließlich… geht es um Menschenleben. Und um unsere guten Badehäuser. Ja, ich werde mit Waltjorn sprechen! G-gleich jetzt! Oder morgen Früh! Bitte reist nicht ab!”, urplötzlich voller Elan erhob sich der Rotblonde, obwohl er seinen Wein noch nicht einmal zur Hälfte ausgetrunken hatte. Er stieß sich dabei rumsend das Knie an, verschwand daher leicht hinkend und dennoch flott. Anna sah ihm eigenartig nach.

“...Was hast du uns da nur angelacht?”, fragte die braunhaarige Frau trocken und an Hjaldrist gerichtet. Ihre Mundwinkel verzogen sich schleppend zu einem belustigten Ausdruck und gern hätte sie sich die Hand an das Gesicht geschlagen. Die singenden Männer nebenan waren bei skelliger Lobgesängen über wackelnde Ärsche von Milchmägden angekommen.

“Es bringt Geld, oder nicht?”, verteidigte sich Rist glucksend.

“Wetten, bei diesem See kreuchen nur ein paar Ertrunkene herum, die die Leute fressen?”, fragte die untertreibende Kriegerin weiter und sah jetzt von der Tür, durch die Furian verschwunden war, fort, um zu ihrem abwartenden Begleiter zu blicken.

“Wahrscheinlich. Oder sonst irgendwelches Getier. Das Ganze ist also eine einfache Aufgabe, wenn du mich fragst.”, brummte der Schönling und hob seinen Becher an “Prost!”

“Mahlzeit.”, gab Anna auf den Toast hin trocken zurück und stieß ihren Tonbecher geräuschvoll an den ihres Kumpans. Dann trank sie.

Der dunkle Wein mit den eingeweichten Algen darin schmeckte unerwartet gut. Oh ja, er war mit Honig und Gewürzen verfeinert und richtig lecker. Und nicht nur das. Er war auch noch ganz schön stark, denn es schien so, als mischten die Skelliger in den Mjodr nicht nur allerhand Gewürze und Meeresgewächse, sondern auch Hochprozentigen. Rist hatte gemeint, es sei Korn. Der, in Kombination mit dem Zucker des Honigs, stieg einem schnell zu Kopf. Auch dann, wenn man davor einen dicken Hackbraten mit Soße, Kraut und Kartoffeln verspeist hatte. Also dauerte es keine zwei Stunden, bis Anna nurmehr nuschelnd sprechen konnte.

“Wir warn alle schon längst fertig. Ja, und wir wolltn los. Balthar hatte aber verschlafn…”, Anna gestikulierte mit ihrem halbvollen Tonbecher, dass der Wein nur so schwappte, und ihre Zunge war locker “Also hamm wir uns nen Spaß erlaubt.”

“Was fürn Spaß?”, Hjaldrist lehnte sich über den breiten Tavernentisch etwas vor und sah seiner in lustigen Erinnerungen schwelgenden Freundin gespannt entgegen. Sein dezent dämmriger Blick zeugte, so wie die schlampige Aussprache der Novigraderin, dafür, dass er auch nicht mehr ganz so nüchtern war.

“Also, ich bin hoch, in sein Zimmer, wo er am Schnarchn war.”, lallte die Kurzhaarige weiter und lachte leise “Und dann hab ich herum gebrüllt, gefuchtelt und gemeint, dass die Wilde Jagd im Hof stehn würd. Du glaubst ja gar nich, wie schnell Balthar da wach war.”

Rist haute lachend auf den Tisch.

“Er lief nur in Bruche gekleidet runter und hatte dabei sein Schwert in der Hand. Die Andern hamm sich bei dem Anblick schlapp gelacht, das sag ich dir.”, grinste Anna breit und trank den Rest ihres Mjodrs in einem Zug aus, knallte den Becher dann auf den Tisch und gab einen zufriedenen Laut von sich. Sie blinzelte etwas benommen, doch es ging ihr gut. Richtig gut. Morgen, da würde sie das kleine Saufgelage mit ihrem Kumpel der Inseln bereuen, doch gerade eben dachte sie nicht im Entferntesten daran, dass sie zeitnah mit einem mords Kater aufwachen würde.

“Er wollt in Unterhosn gegen die Wilde Jagd kämpfn?”, gluckste der genauso betüdelte Jarlssohn und schenkte ihnen beiden ordentlich was nach. Es war schon die fünfte Runde und mittlerweile schmeckten Anna auch die salzigen Algen, die in dem skelliger Weingesöff herumschwammen, wie kleine Aale in trübem Gewässer.

“Jupp.”, schmunzelte die Frau und bedankte sich nickend für den frisch gefüllten Becher.

“Hier in Skellige sagt man ja, dass die Wilde Jagd aus Mörhogg kommt. Auf nem Schiff namens Naglfar.”, erzählte der wissende Mann und nahm einen Schluck seines gewürzten Getränks “Und dann beginnt Ragh nar Roog, das Weltenende.”

“Ha, ihr habt hier ganz schön komische Namen für alles Mögliche, weißt du das?”, stellte Anna unverhohlen fest, grinste dabei amüsiert und sah Hjaldrist über ihren Becherrand hinweg an “Bring mir mal was dadrin bei. Irgendwas Lustiges und keinen Kram über Tod und Verderben und Rag-... Ragnrogg. Oder, nein, warte!”

“Hä?”

“Du kannst doch sicher so… elfische Sachen sagen. Weil du ja ne Oma mit spitzn Ohrn hast.”

“Aye.”

“Ich will darin was sagen können!”

“Hm.”, Rist kratzte sich auf die Forderung hin kurz nachdenklich am unrasierten Kinn. Dann gab er locker ein ‘Hael’ von sich. Anna runzelte die Stirn und legte den Kopf einen Deut weit schief. Hä?

“Das bedeutet so viel, wie ‘Prost’.”, übersetzte der Undviker das Wort in Alter Sprache sogleich und die Miene seiner Kumpanin klärte sich. Dämlich lächelnd hob sie den Becher an, um mit Rist anzustoßen.

“Hel.”, wiederholte sie halbrichtig und der Skelliger gab sich belustigt.

“Und wie flucht man bei dir zuhaus, hm?”, wollte Anna, sich fast verhaspelnd, wissen. Natürlich wollte sie das. Wer wäre sie denn, wenn nicht? Sie fluchte gerne.

“Äh.”, Rist’s Haare wirkten schon die ganze Zeit über etwas wirr, was ihm den Anschein verlieh gerade erst aus dem Bett gekrochen zu sein. Es störte ihn nicht, denn er hatte Wein. Viel Wein. Und die Stimmung im Schankraum war zudem ausgelassen.

“Anna caen me a'baeth aep arse.”, sagte er dann und erklärte gleich breit grinsend: “Anna kann mir den Arsch küssen.”

Nun brach die viel zu leicht zu unterhaltende Novigraderin erst recht in schallendes Gelächter aus und verschüttete dabei beinah ihren süß-salzig riechenden Mjodr. Schimpfen auf Elfisch! Glorios!

 

Der feuchtfröhliche Abend wurde nicht trockener, im Gegenteil. Und nachdem Rist und Anna alle möglichen Schimpfworte oder Trinksprüche im skelliger Dialekt oder in der Alten Sprache durch hatten, kam dem anwesenden Jarlssohn eine Idee, die in seinem schwammigen Kopf als ganz glorreicher Einfall erschien.

“Badehäuser, Fuchs!”, atmete er begeistert. Er hatte über den dreckigen Tisch zu seiner Kollegin gefasst, zog und zuppelte auffordernd an ihrem Ärmel.

“Äh, ja.”, bestätigte die Frau, die nun schon ihren siebten Becher Wein intus hatte, planlos. Wären die Trinkgefäße für das besagte rogner Algengetränk größer gewesen, hätte sie gerade kaum noch sprechen, geschweige denn sitzen, können. Eher wäre sie unter dem alten Tisch, am schmierigen Boden, gelegen und hätte geschlafen wie ein Stein. Nun aber, sah sie dem Skelliger mit den zerzausten Haaren ziemlich unbeholfen entgegen und fragte sich, ob sie wohl noch einen achten Becher schaffen könnte ohne sich übergeben zu müssen. Ach, es schmeckte einfach viel zu gut!

“Der Typ von früher hat gesagt... es gibt Badehäuser!”, erinnerte Rist erneut, brabbelte dabei ganz schön. Der Alkohol hatte sogar ihm die Röte bis in die Wangen getrieben. Oder war das nur der stickigen Hitze hier drin zu verdanken? Die winzige Taverne war zum Bersten voll und viele Leute soffen, spielten, sangen laut oder tanzten. Der leckere Geruch nach Bratenresten hatte sich längst mit dem von feuchter Kleidung, Bier und altem Schweiß vermischt.

“Ich hab keine Ahnung wo... worauf du aus bist.”, Anna blinzelte und ihr orientierungsloser Ausdruck ließ sie ganz schön dumm aussehen.

“Sag mir nicht, dass du noch nie in so nem Badedings warst.”, drohte der trunkene Hjaldrist, der hier seine Kultur verteidigen wollte, wenig bedrohlich. Er starrte Anna durchdringend an oder jedenfalls versuchte er es, denn er schaffte es kaum.

“Äh, war ich nicht.”

“Was? Dann müssn wir da hin!”

“Was?”

“Das is super. Grad, wenn’s draußen so scheißkalt is. Ja, Mann, überall gibt’s die hier, die Badehäuser.”

“Mmmh, da wo ich herkomm, da gibt’s die nich. Glaub ich.”

“Pff. Na, dann komm mal... mit. Wir schaun uns einfach mal danach um, ja? Komm schon, das wird lustich.”

Anna überlegte kurz. Doch dann nickte sie mit dem sich so schwer anfühlenden Kopf. Im nüchternen Zustand hätte sie ihren Begleiter schnippisch gefragt, ob er den spinne. Denn erstens dachte man beim Wort ‘Badehaus’ doch sofort an Baden. Und das tat man nackt. Ja. Die Hexerstochter in der gestreiften Jacke verspürte nicht den Drang dazu mit Hjaldrist zu baden, echt nicht. Sie war dahingehend eben etwas scheu. Ja, sich vor anderen Frauen auszuziehen war kein Ding, doch Rist war, soweit sich die Novigraderin nicht mächtig irrte, kein Weib. Zweitens, so hätte sich die Kurzhaarige im nüchternen Zustand daran erinnert, hatte dieser Furian ihnen erst vor wenigen Stunden erklärt, dass bei den Schwitzhäusern eine vermeintliche Hexe lauerte, die Menschen verschwinden ließ. Beides in Kombination machte die Idee ‘Badehaus besuchen’ also zu keiner Option, sondern zu einem halsbrecherischen Blödsinn. So, wie der schummrige Hjaldrist, war aber auch Anna absolut nicht nüchtern. Daher erledigten sich die kritischen Denkweisen und all die anderen Bedenken oder Sorgen, wie von selbst. Voller Tatendrang und mit dem halbvollen Weinkrug in der Hand taumelte die Monsterjägerin ihrem motivierten Begleiter folglich nach. Leise schepperte ihr das Schwertheft beim Dahinwanken gegen die Gürtelnieten. Und kaum eine Stunde später hatten die abenteuerlustigen Betrunkenen, die ihren Weinkrug sowie ihre Ausrüstung mit auf ihre wahnwitzige, nächtliche Reise genommen hatten, die Badehäuser gefunden. Sie lagen unweit der Taverne an einem kleinen See, oberhalb von Rogne, und ein nüchterner Mensch hätte vielleicht zehn, fünfzehn Minuten dorthin gebraucht. Zwischen einigen Tannen und Fichten ruhte er ruhig im Dunkel da und seine Ränder waren mit dünnem Eis bedeckt. Der halbvolle Mond spiegelte sich auf der Wasseroberfläche wider. Nur wenige, kleine Wellen, verursacht von Fischen oder dergleichen, kräuselten jene ab und an leicht. Doch das klirrend kalte Wasser, das interessierte gerade keinen der beiden Gabelschwanztöter. In keinster Weise. Denn sie belagerten bereits eines der zwei Badehäuser am See. Dies waren kleine, gestrichene Holzhütten, in denen mittig jeweils ein großer, schmiedeeiserner Korb stand. Rund um jenen waren Bänke aus Pinienholz angeordnet, die Platz für höchstens acht Mann boten. Daneben fand man noch Kübel mit dicken Schöpfkellen und Stapel von dicken Tüchern.

“Wie, Badehaus?”, fragte Anna irritiert, als sie nach Rist in die besagte, kalte Hütte trat. Die Frau fröstelte wenig begeistert. In den Bergen war es, trotz des nahenden Sommers, arschkalt. Besonders nachts. Sie hob ihre grün leuchtende Lampe an, die sie mitgebracht hatte, um das Gebäude besser ausleuchten zu können. Der fahle Schein legte sich auf Hjaldrist, der schon geschäftig dabei war den seltsamen, großen Feuerkorb in der Mitte des Raumes zu inspizieren.

“Das schaut hier eher wie… wie ne überdachte Kochstelle von nem Lager aus...”, grinste die Kurzhaarige, die in ihrer zweiten Hand den Mjodr-Krug hielt, unterbelichtet. Sie hob ihn sich an die Lippen und trank so viel auf einmal, dass sie sich schüttelte und nach dem Runterschlucken Husten musste.

“Wart mal ab!”, maulte der Viertelelf “Und hol Wasser!”

“Hä?”, Anna ließ ihre Laterne wieder einen Deut weit sinken und trat interessiert gaffend näher.

“Na, mittm Eimer da hintn.”

“Was willstn du mit Wasser?”

“Ihr Leute von hinterm Meer habt aber auch echt keine Ahnung…”, lachte der Skelliger und lallte dabei merklich. Er versuchte es nicht zu tun, war dabei jedoch wenig erfolgreich.

“Ja, dann klär mich ma auf.”, forderte die Giftmischerin, hielt vor einer der schmalen Bänke an und stellte den Weinkrug darauf ab. Ihre Lampe folgte dem Gefäß und fiel dabei fast zu Boden. Wie durch ein unglaubliches Wunder schaffte die betüdelte Anna es das Öllicht davor zu bewahren scheppernd auf den Grund zu poltern.

“Ups.”, sie schob das wertvolle Artefakt wieder gerade hin und fand im Gegenzug zu der Lampe aber selbst keinen sehr festen Stand.

“Man macht die Dings... Steine da heiß. Die im Korb.”, Rist zeigte auf den besagten Eisenkorb vor sich “Und dann macht man Wasser drauf, damit es verdampft.”

“Und dann?”

“Ja... dann sitzt man hier.”

“Und schwitzt?”

“Jau.”

“Äh…”

“Is gut für und gegen alles!”

“Ah!”

Eine unsinnige Erklärung, die der Braunhaarigen mit dem gläsernen Blick in ihrem Zustand mehr als nur genügte. Etwas, das ‘gut für und gegen alles’ war, konnte schließlich nicht schlecht sein. Beinah frontal in den Türrahmen laufend verschwand sie also, sich fahrig einen der Kübel schnappend, nach draußen, um Wasser aus dem See zu holen.

 

“Hael!”, Anna hob den bauchigen Krug aus Ton schwungvoll in die Höhe und gönnte sich daraus einen tiefen Schluck Algenwein, ehe sie das Gefäß, das locker einen Liter fasste, an ihren herzlich lachenden Kollegen weitergab. Ihre Ausrüstung und Kleidung lagen irgendwo am Eingang der Hütte verstreut. Ihre GANZE Kleidung. Sie hatte nicht einmal ihre Unterkleider angelassen, sondern saß splitterfasernackt auf einem Tuch, das sie sich auf eine der unbequemen Holzbänke des Badehauses gelegt hatte.

“Lieber… äh, Korn im Blut als Stroh im Kopf!”, erwiderte Rist, der nicht mehr anhatte als seine Freundin aus Kaer Morhen, begeistert und trank ebenso. Die dunklen Haare klebten ihm von der Luftfeuchte nass an der Stirn. Es war im Innern des Häuschens so neblig, dass es an einen redanischen Herbstmorgen mit extrem schlechtem Hundswetter erinnerte. Man konnte, von dem Platz, auf dem Anna saß, aus, kaum noch die schlichte Eingangstüre sehen. Sie kicherte auf den Trinkspruch ihres undviker Kollegen hin, der neben ihr saß und haute ihm dabei brüderlich auf die Schulter. Und sie empfand die Situation keineswegs als eigenartig oder befremdlich. Mit dem vielen Alkohol im Körper und der damit verbundenen, sehr niedrigen Hemmschwelle, scherte sie sich einen Scheißdreck darum, wie sie hier herumlungerte: Nackt. In männlicher Begleitung. Und im Schneidersitz. Balthar hätte die Hände schreiend über dem Kopf zusammengeschlagen, hätte er das gesehen. Dies ungeachtet dessen, dass ‘seine kleine Anna’ schon längst eine Frau von 20 Jahren war. Und auch ohne zu beachten, dass Hjaldrist trotz allem keinerlei Ambitionen zeigte die ihm relativ nah stehende Kriegerin heute Nacht flachlegen zu wollen. Ja, der Skelliger mit dem ganz offensichtlichen Sinn für platonische Beziehungen - oder vielleicht mochte er ja Männer - saß leger da und fing schon wieder damit an über seine Vorliebe für Badehäuser zu sinnieren.

“Und später, dann… da muss man sich mit Zweign abklopfen. Mit Tannenzweign.”, schwatzte er betrunken. Seine Freundin schenkte ihm dafür einen eigenartig musternden Blick.

“Hä? Wieso?”, tönte sie.

“Das regt die Durchblutung an, sagn die Mistel… Mistlschneider.”, meinte der Mann neunmalklug und bekam Schluckauf.

“Ahja.”

“Und danach… danach springt man ins kalte Wasser.”

“Uh? Oh. Oh nein!”, beschwerte sich die Kurzhaarige dieses Brauches wegen “In den See kriegn mich keine zehn Pferde rein! Nichmal zwanzig Gäule schaffn das.”

“Ah, was. Doch, doch. Du lernst heut noch schwimmen, das versprech ich dir, Flohbeutl.”

“Untersteh dich, esea a-... esse-”, stammelte die völlig blaue Frau im vergeblichen Versuch ein elfisches Schimpfen loszuwerden, das ihr Kumpan ihr vorhin beigebracht hatte.

“Esseath arse.”, endete Rist für sie.

“Ja, wie auch immer! Gib mir den Krug wieder.”

 

Die beiden Abenteurer schwiegen wenig später schon ganz erschöpft und versuchten nicht in dem heißen Wasserdampf des Badehauses zu zergehen, wie Butter, da drang aberplötzlich Gesang an ihre Ohren heran. Ihr Krug aus dem ‘Hochblick’ war mittlerweile leer und sie selber randvoll. Dennoch horchte die Hexerstochter verwirrt auf, als sie die fremde, sanfte Frauenstimme hörte. Sie klang schön, als sie eine Melodie summte und einen schwermütigen Liedtext von sich gab. Aus trunkenen Augen sah Anna in die Richtung, in der sie hinter dem Badehaus-Nebel die Hüttentür vermutete. Das Wasser tropfte ihr von den Brauen, lief ihr an Wangen und Hals hinab, tropfte auf ihre Schenkel.

“Hmm?”, machte sie und lauschte. Auch ihr Freund hatte das Haupt fragend erhoben und spitzte die Ohren so gut es in seinem Zustand eben hing.

“Hast du das gehört?”, nuschelte Hjaldrist und die Frau neben ihm nickte “Da singt ja jemand.”

“Komisch…”, brabbelte Anna und wollte schon mit den schmalen Schultern zucken, da sah sie von der Seite aus zu Rist hin und erkannte, wie sich dessen Ausdruck auf einmal stark veränderte. Seine dämlich-besoffene Miene verhärtete sich und wurde abwesender. Sein von der heißen Luft nasses Gesicht wurde im fahlen, grünlichen Lampenschein steinern. Und in diesem Moment kratzte da eine gewisse, dunkle Vorahnung an der Novigraderin. Sie war betrunken, ja. Doch sie litt deswegen nicht unter Amnesie. Das Singen wurde drängender.

“He, Rist.”, murrte die schwitzende Kurzhaarige alarmiert, doch ihr Freund reagierte nicht. Stattdessen erhob er sich langsam und etwas steif. Anna blinzelte perplex und versuchte sich krampfhaft zu fassen. Adrenalin wollte sich zu dem Wein in ihrem Blut mischen, doch vermochte dies nur schleppend. Die aufgerüttelte Frau versuchte sich zu konzentrieren, ermahnte sich im wankenden Geiste immer wieder selbst und versuchte sich an das zu erinnern, das sie Zuhause gelernt hatte: Wissen, auch wenn man vom Trinken beeinträchtigt war; Kämpfen, obwohl man nicht mehr ganz so gerade stehen konnte; Auf die Freunde achten, wenn jene es selbst nicht mehr schafften dies zu tun. Ja, gerade letzteres wäre JETZT wichtig.

Anna packte nach vorn und erwischte Rist’s Handgelenk bestimmend und so barsch. Der unbekleidete Mann hielt inne, doch blieb stumm und sah sich nicht zu Anna um.

“Nicht zuhören.”, flüsterte die Berauschte, die sich ob der heiklen Situation langsam aber sicher wieder etwas nüchterner zu fühlen begann. Abrupt verstand sie, was lief. Ja, sie ahnte, WUSSTE, was mit dem nahen See nicht stimmte. Der wohlklingende Gesang bohrte sich besonders Männern in das erweichende Hirn, wie eine splitternde, nilfgaarder Pfeilspitze. Das melodische Summen betörte jene. Anna hatte einst davon gelesen.

“Das is keine Hexe…”, murmelte die vom Wein beduselte Kurzhaarige, als sie an Furian’s Warnung dachte, und stand ebenso auf. Das, ohne ihren so unheimlich wirkenden Kumpel loszulassen. Noch immer reagierte er nicht, sondern horchte bloß aufmerksam und blinzelte benommen.

“Das is ne Najade.”, mutmaßte die Hexerstochter, die ihre Enzyklopädien über Wesen, Ungeheuer und Monster in- und auswendig kannte. Und daher wusste sie auch, was gerade im armen Kopf von dem anwesenden Skelliger vorging. Nämlich gar nichts mehr. Denn er war ein Mann. Manche hinterhältige Nymphen lockten gerade jene immer wieder in den sicheren Tod. Die verheerende Magie ihrer Stimmen richtete in den Schädeln von Frauen nichts aus.

“Lass los.”, die ernst gewordene Stimme Hjaldrists klang in diesem Moment, als sie die Hexerstochter aus den Gedanken riss, so fremd. Sie machte die braunen Augen schmal und anstatt das Handgelenk ihres Kollegen frei zu geben, packte sie noch fester zu. Der Griff musste längst schmerzen. Und wenn Rist sich nicht gleich zusammenreißen würde, würde ihm bald noch viel mehr wehtun, als das.

“Bei Melitele, komm verdammt nochmal zu dir.”, bat die drängende Anna mit einem Gemisch aus Säuerlichkeit und arger Nervosität in der Stimme. Sie lallte kaum noch. Denn die prekäre Situation brachte das Adrenalin in ihr in Fahrt, verspannte ihre Glieder und machte ihr die Sinne wieder schärfer. Die Trankmischerin wusste: Würde sie es jetzt nicht schaffen ihren entrückten Kumpel dazu zu kriegen das Hirn wieder einzuschalten, könnte das hier ziemlich übel enden. Nämlich damit, dass die Nymphe vor der Tür zuerst Rist um einen Kopf kürzer machen würde, dann Anna. Oh, und letztere hatte noch nicht einmal ihr Schwert bei sich, denn es lag irgendwo nahe dem Eingang der Hütte, in der der Wasserdampf noch immer zäh stand. Verdammt!

Anna war normalerweise ja richtig froh darüber, dass Hjaldrist nicht zu diesen überheblichen, schnöseligen Adeligen zählte. Er hatte Wumms, das war großartig. Gerade, wenn man gelegentlich auf Monsterjagd ging. Nun aber, da freute dies die Hexerstochter kein Stück darüber. Ja, in dieser Sekunde, da wäre es ihr lieber gewesen, ihr Freund sei ein weinerlicher, lascher und verwöhnter Typ, den man so in der Gegend herum bugsieren konnte, wie man es wollte. Denn der hypnotisierte Rist riss sich gerade ohne sehr große Mühe los, sah sich nach seiner Begleiterin um und verpasste ihr einen unerwartet harten Schubs. Sie taumelte rückwärts, doch stürzte nicht, fing sich gerade noch so und gab einen überforderten Laut von sich. Noch immer sang das Wesen des Sees schwermütige Lieder und als Anna aufblickte, erkannte sie nunmehr, wie Hjaldrist durch den Nebel nach draußen trat. Sie verkniff sich ein lautes Fluchen und wollte ihm sofort hinterher, da hielt sie auf halbem Wege inne. Denn ihr Verstand hatte sich gerade noch rechtzeitig eingeschaltet, um ihr zu sagen, dass es keine sonderlich gute Idee wäre einer Najade, die ihre heiß begehrte Beute vor der Nase hatte, direkt in die Quere zu kommen. Denn Nymphen waren nicht nur sehr gefährlich, sondern auch äußerst besitzergreifend und launisch. Man kam ihnen genauso wenig gerne in den Kram, wie einem hungrigen Wyvern oder einem liebestollen Sukkubus.

Hektisch suchend sah die planlose Novigraderin also um sich und begab sich dabei auf bedacht vorsichtigen, nackten Füßen zur offenstehenden Tür des Badehauses, aus der es nur so hinaus dampfte. Die Kriegerin machte sich klein und ihre Augen suchten am Boden unruhig nach ihren Waffen. Ihr im Mondlicht blitzender Silberdolch lag da auf der Schwelle und Anna ging in die Hocke, um nach dem langen Messer zu klauben, wie nach einem rettenden Od. Dann sah sie verstohlen nach draußen, den heißen Nebel im blanken Rücken und mit strähnig nassen Haaren. Da war Hjaldrist. Wie ein Schlafwandler ging er schnurstracks auf den leicht gefrorenen See zu. Langsam, doch zielstrebig. Wie eine Motte, die unaufhaltsam vom sengenden Kerzenschein angelockt wurde.

“Scheiße.”, wisperte Anna leise zu sich selber und tastete ohne fort zu sehen am Grund vor sich herum. Ihre Finger erwischten etwas Stoff. Das war eines der Hemden. Und ihre Augen klebten wie gebannt an dem, was sich da vor ihrem besten Freund auftat: Eine spitzohrige Frau mit langen, unnatürlich hellblonden Haaren saß auf einem der großen Felsen im Bergsee. Ihre Haut trug einen grünlichen Schimmer, ihr nackter Körper glänzte nass im Mondschein und goldene Reifen und klimpernde Kettchen hingen ihr von Handgelenken und Oberkörper. Sie schmiegten sich an Schlüsselbein, Arme, Brüste und Taille. Das Ungeheuer lächelte zufrieden und sein wohlklingender Gesang drang nach wie vor durch das Tal.

Eilig zog sich Anna das Hemd, das sie vorhin erhascht hatte, über. Es war einmal wieder das ihres Kollegen; Das größere, weitere - was gut war, denn es reichte ihr, wie ein zu kurzes Kleidchen, bis knapp unter den Hintern. Zeit, um sich die Hose anzuziehen oder sich mehr der guten Ausrüstung anzulegen, blieb nicht. Rist stand schon bis zu den Waden im Wasser. Und daher zog sich Anna sogleich in das Badehaus zurück, eilte spontan zu einer der Fensterluken, öffnete jene und packte dann an deren Rand, um über den Sims gelenkig nach draußen zu klettern. Dies an der Rückseite der kleinen Holzhütte, wohlgemerkt. Dort, wo sie von der schönen Bergseenymphe unbemerkt bleiben konnte. Jedenfalls hoffte sie das, als sie nach ihrem fast lautlosen Sprung geschmeidig, doch blöderweise mit den bloßen Füßen inmitten von dichten Brennnesseln landete und sich die Hand vor die Lippen drückte, um nicht laut drauf los zu schimpfen. Schwer atmete die Kurzhaarige durch die Nase aus und schalt sich im Geiste eine Närrin. Sie duckte sich, sah sich hektisch prüfend um und hastete in ein nahes Gebüsch. Mit ihrem Langdolch in der Rechten eilte sie dann, so schnell es ihre gebückte Haltung zuließ, durch die Sträucher und war so, so froh über die Dunkelheit der Nacht. Denn Sonnenlicht hätte sie sofort verraten. Kein Strauch konnte so dicht sein, um jemanden, der sich so nah am Platz des üblen Geschehens entlang schlich, vollkommen zu verbergen. Anna schickte stumme Stoßgebete gen Himmel, damit dies auch so blieb. Das, obwohl sie im Grunde nicht sehr gläubig war. Und als sie kurz hielt, um vorsichtig hinter einem schmalen, moosbewachsenen Baumstamm vorbei, gen See, zu linsen, stand Hjaldrist das eiskalte Wasser schon bis zur Hüfte und die summende Najade, die sich auf ihrem feuchten Stein räkelte, deutete ihm mit unmissverständlichen Gebärden an noch näher zu kommen. So nah, bis er untergehen würde, wie ein Stein. In dieser Hinsicht hatte der plappernde Furian im Gasthaus also Recht gehabt. Die sogenannte ‘Hexe vom See’ machte Menschen im überlieferten Sinn tatsächlich zu Steinen. Anna kniff die dunklen Augen böse zusammen und biss die Kiefer fest aufeinander. Ihre Finger umschlossen den gewickelten Dolchgriff krampfhaft und sie spürte den kalten Wind ihrer Anspannung wegen kaum. Dies, obwohl sie nur ein leichtes Leinenhemd trug. Sie müsste handeln und zwar schnell. Nur wie? Ihr Blick wanderte eilig und aufgebracht. Ihre Augen wichen über Rist, die Najade, das viele Wasser und die satte Wiese. Über Gebüsche, Tannenbäume, kleine Felsen und die gesamte Umgebung, die sie in der klaren Nacht gerade so ausmachen konnte. Ihre Gedanken rasten. Sie schluckte trocken. Hjaldrist watete weiter, mit leerem Blick und starren Augen, die durch die Nymphe hindurch zu sehen schienen. Der eisige See umschlang ihn bereits auf Brusthöhe und dem geistig abwesenden Mann schien dies absolut nichts auszumachen. Jede normale Person hätte längst geschlottert und gejammert und wäre aus dem schneidend kühlen Nass heraus gestoben. Doch der Jarlssohn erschien gefühllos. Und Anna eilte auf leisen Füßen weiter. Die Tannennadeln und kleinen Steinchen stachen ihr dabei in die empfindliche Haut, doch sie versuchte dies mit mahlenden Zähnen zu ignorieren. Oh, in gewissem Maß war es gar gut, dass sie keine Stiefel trug. Denn mit diesen ramponierten Tretern an den Beinen wäre sie bestimmt viel lauter gewesen. Mit ein klein wenig Pech hätte sie die bösartige Nymphe damit schnell auf sich aufmerksam gemacht. Doch nicht jetzt. Nicht, wo sie nur mit einem zu großen Oberteil bekleidet durch den Waldrand am See schlich. Ja, sie war lautlos, wie eine Katze, die sich an ihr Opfer heranpirschte. Nicht an eine Maus, sondern an einen Adler, der sie mit wenig Mühe tothacken könnte. Aber dennoch. Sie müsste Rist mit allen Mitteln helfen, sonst wäre er verloren. Oh ja, die starrköpfige Anna dachte nämlich nicht im Geringsten daran morgen allein zu frühstücken! Eher würde sie sich von dieser singenden Scheißnymphe dort vorn ersäufen lassen, anstatt wegzulaufen und hinzunehmen, dass ihr guter Kumpel, ihr bester Freund, aus Undvik in den sicheren Tod stolperte!

Es dauerte nur noch wenige Augenblicke, da schälte sich die kampfbereite Anna hinter der Nymphe, die auf ihrem flachen Felsen nahe dem Ufer lag, aus dem Röhricht. Sie hatte den sehr nahen Waldrand längst laufend verlassen und das mit hartem Blick in der Miene. Sie taumelte kaum mehr und es wirkte, als habe sie heute Abend nicht bis zum Umfallen gesoffen. Und während die Frau es verfluchte keine Gelegenheit dazu gehabt haben sich auf das, was käme, vorzubereiten, brach sie plötzlich aus dem raschelnden Schilf hervor und stürzte sich mit ärgerlichem Gebrüll auf die Nymphe. Ja, Augen zu und durch! In das kalte Wasser tretend, dass es nur so spritzte, hob sie mit dem Langdolch zu. Und erst jetzt schien die schlanke Najade sie zu bemerken. War die Bestie zuvor vollends gierig und mordlüstern auf ihre besungene Beute, Rist, fixiert gewesen, so warf sie sich nun erschrocken herum und fauchte wild. Das feine, hübsche Frauengesicht mit den großen, mandelförmigen Augen in Grün verzog sich zu einer widerwärtigen Fratze, als der Silberdolch knapp daneben ging; Zu einer Maske aus Raserei. Anna landete auf dem Wesen mit dem klimpernden Goldschmuck am schlanken Leib, packte an dessen bloße Kehle und stach erneut zu. Die scharfe Schneide schnitt der Nymphe, die den Kopf ruckartig fort drehte, über die Wange und hinterließ dort eine grässliche Wunde. Dunkles Blut lief sofort an der grünen Haut hinab und über Anna’s Finger, die den Hals der Übernatürlichen noch immer umklammerten. Doch nicht lange. Die langhaarige Najade, deren Gesang stockend aufgehört hatte, trat mit den Füßen, die Schwimmhäute zwischen den Zehen aufwiesen, zu. Sie fuchtelte, krächzte, rammte der offensiven Novigraderin eines der Knie tief in die Magengrube. Der zuckende Schmerz brachte die Hexerstochter, der helle Funken durch das Sichtfeld sprühten, dazu zu erstarren. Sie wollte widerstreben, doch schaffte es nicht und krümmte sich, stöhnte überfordert und schmeckte Galle. Doch noch immer hielt sie ihren teuren Dolch fest. Schwer keuchte sie aus, kniff ein Auge wehleidig zusammen. Und dann tat sie etwas, womit das Wesen am harten Felsen unter ihr nicht gerechnet hatte: Sie stach erneut zu, wie von Sinnen. Die Silberklinge senkte sich tief in die linke Schulter der Nymphe, durchtrennte feste Muskeln und schnalzende Sehnen. Es knackte und Anna, getrieben von der Pein in ihrer protestierenden Bauchgegend, lehnte sich mit all ihrem Gewicht auf ihre Waffe. Sie unterdrückte ein trockenes Würgen. Und sie wusste: Gegen einen normalen Menschen wäre das hier zwar ein schlimmer Angriff gewesen, doch aushalt- und überlebbar. Der Körper einer Najade aber, der reagierte extrem auf das Silber in der Klinge der Trankmischerin. Sofort schlugen rund um den blutenden Stich dunkle Adern aus; wie viele kleine Rinnsale, die sich zu einem Netz verbanden und unaufhaltbar nach immer mehr Platz haschten. Das Wasserwesen mit den aufgerissenen Mandelaugen kreischte auf. Und dieser hohe Schrei klang durchaus menschlich, feminin, mit einem verqueren, lasziv-klagenden Unterton darin. Das Dunkel, ausgelöst durch das geschmiedete Silber, kroch unter der Haut der vollbusigen Hellhaarigen weiter und erreichte von deren Schulter ausgehend bereits den Nacken und den Brustkorb. Anna starrte der gequälten Nymphe mit morbider Faszination im gehetzten Blick entgegen. Wenige, stille Herzschläge vergingen. Doch dann setzte das leicht schimmernde Wesen unter der Novigraderin zum barschen Gegenschlag an. Sie brüllte auf einmal so schrill, wie eine Banshee und drängte die Kurzhaarige durch die bloße Gewalt der tönenden Stimme von sich. Wie benommen wich Anna zurück, stolperte beinahe rücklings und ihr Dolch fiel ihr aus der Hand, platschte ins dunkle, kniehohe Wasser. Die zu speicheln beginnende Nymphe kreischte lauter, bäumte sich wild auf. Wie durch einen Wind aufgebauscht wehten ihr die weißblonden Haare und stellten sich bedrohlich auf. Mit geweitetem Blick und gebleckten, spitzen Fischzähnen fauchte die Grüne, machte sich groß, und selbst das Röhricht ringsum bog sich unter der Magie, die von ihr ausging. Hysterisch fing sie damit an zu lachen, dass es nur so in den Ohren klingelte. Anna kam nicht umhin sich jene mühsam zuzuhalten, wankte rückwärts und landete mit dem Hinterteil voran im knöchelhohen Wasser, irgendwo zwischen Schilf und matschigem Grund. Schwarze, schlammige Wasserpflanzen stoben aberplötzlich aus dem Seewasser hervor, wie die Tentakel eines übergroßen Tintenfisches und schlugen ringsum hernieder. Es platschte und rauschte, Anna schrie erschrocken auf und warf sich zur Seite, um nicht von einer der peitschenden Wasserlianen getroffen zu werden. Im seichten Wasser wühlte sie eiligst nach ihrem Silberdolch, doch fasste nur in ekelhaft schleimigen Sand. Ihre kalten Fingerspitzen streiften fahrig etwas, das sich wie Metall anfühlte, doch zu spät. Denn kaum einen tiefen Atemzug später umschlang sie etwas fest von der Seite und riss sie hoch, dass es ihr nur so schwindlig wurde. Es passierte so schnell, dass die gebeutelte Frau im großen Hemd nicht realisierte, was geschah. Und als sie es tat, blieb ihr nicht einmal Luft, um irgendetwas zu brüllen oder Raum, um etwas zu tun. Anna landete nämlich laut klatschend im Wasser. Wie eine kleine Puppe von einem der mächtigen Pflanzenstränge geworfen, schlug sie bretthart und mit dem Kreuz voran auf der Oberfläche des Sees auf. Das Wasser war so tierisch kalt, dass es wie mit tausend kleinen, spitzen Nadeln stach und brennend an ihrer Haut leckte. Orientierungslos fuchtelte die Monsterjägerin mit den Händen, bevor sie die klirrend kalte Schwärze umfing. In ihrer sie übermannenden Angst verschluckte sie das trübe Wasser und wusste nicht, wo sich der Grund des Sees befand und wo dessen Oberfläche war. Sie strampelte unbeholfen, streckte die Hände aus und hätte sie gekonnt, dann hätte sie spätestens jetzt aus vollster Kehle um Hilfe geschrien. Doch sie konnte nicht. Wasser erfüllte nämlich Mund und Kehle, wollte ihr in die rebellierenden Lungen dringen. Anna konnte nicht mehr denken und selbst ihre Instinkte halfen in der lebensbedrohlichen Situation wenig. Denn sie konnte nicht schwimmen. Ja, Scheiße, verdammte! Sie konnte nicht schwimmen! Ganz weit entfernt und dumpf hörte sie die schwer verwundete Nymphe noch immer gellend kreischen. Die Füße der verzweifelt strampelnden Kurzhaarigen streiften irgendetwas Weiches, Kaltes. Etwas, das ihr an den Unterschenkeln kleben wollte, wie nasse Haare. Sie riss die braunen Augen auf, doch konnte außer trübes Dunkel nichts sehen. Sie spürte, wie ihr die Finger erst taub, dann schlaff wurden. Ihr ging die Luft aus und reflexartig wollte sie einatmen, doch verschluckte nur noch mehr Wasser. Es war vorbei.

Und dann war da auf einmal eine Hand, die Anna am Kragen erwischte, wie einen räudigen Köter. Jemand zog sie hoch, hielt sie fest, und erst verwirrt, dann panisch klammerte sie sich an alles, was sie zwischen die Hände bekam. Mit letzter Kraft krallte sie sich an warme Haut und nur das gurgelnde Fluchen Hjaldrists, der ihretwegen halb unterging, verriet ihr, wer sie gerade vor dem Ertrinken bewahrt hatte. Die Frau japste, hustete, röchelte, spuckte. Und vor allem ließ sie nicht los. Auch dann nicht, als Rist sie schon dazu aufforderte, denn die Gefahr sei vorüber. Der fertige Unbekleidete schleppte sich und Anna bis zum Ufer und zwängte den hartnäckigen, zitternden Klammeraffen von sich. Er schaffte es nur mit viel Mühe und ließ sich dann abgekämpft neben der keuchenden, Wasser hustenden Novigraderin im nassen Gras nieder. Anna’s Lippen waren mittlerweile so fahl, wie ihr Gesicht und ihre Lippen wiesen eine markante Blaufärbung auf. Sie schlang die Arme um sich, nachdem sie sich hingesetzt hatte, rieb sich die Oberarme mit den tauben Händen und gab unartikulierte Laute von sich. Rist’s Hemd klebte ihr triefend am Körper. Da es weiß war, hätte sie es auch genauso gut nicht tragen können; durch den luftigen, nassen Leinenstoff konnte man nämlich so gut wie alles sehen. Es war etwas, das sie vor ihrer waghalsigen Aktion nicht bedacht hatte. Sie hatte es auf die Schnelle aber auch nicht in Betracht gezogen in eine fürchterliche Lage zu kommen, in der sie fast ertrank. Eine Hand, die ihr den Rücken beschwichtigend klopfte, riss die tropfende Frau dann irgendwann wieder in das Hier und Jetzt zurück. Und anstelle eines erwarteten, ziemlich unangebrachten Witzes über das Schwimmen, bedankte sich Rist. Anna sah ziemlich verloren dreinblickend zu ihm hin und ihre Zähne klapperten leicht.

“Du hast mir den Arsch gerettet, glaube ich. Was zur Hölle ist passiert?”, wollte der ahnungslose Jarlssohn wissen. Gut, dass Anna zurzeit noch viel zu sehr zu durch den Wind war, als an Anstand oder Scham zu denken. Denn sie beide saßen hier beieinander in der Wiese, die Eine praktisch nackt, der Andere völlig. In anderen, wärmeren und freundlicheren Situationen hätte die mehr oder minder verbohrte Kurzhaarige wohl erstmal nicht gewusst was sagen und sich auffallend zwanghaft davon abhalten müssen an ihrem Kumpel runter zu sehen. Wahrscheinlich hätte sie ein wenig belämmert gestarrt, vielleicht auch auf seltsame Weise interessiert gegafft. Und dies hatte noch nicht einmal mit dem Skelliger selber was zu tun, sondern lediglich damit, dass er ein Kerl war. Anna, die sich bisher stets nur dem willigen Weibsvolk hingegeben hatte, hatte so gut wie nie mit entblößten Exemplaren der Männerwelt zu tun gehabt. Ach, klarerweise hatte sie ihre ‘Familienmitglieder’ in Kaer Morhen ab und an dabei gesehen, wie sie einander im Suff die blanken Ärsche in die Gesichter gehalten und dabei gelacht hatten, aber das war ja nicht dasselbe. Gut also, dass der Kriegerin noch der klammernde Schock in den Knochen steckte. So ersparte sie sich einen peinlich berührten Moment.

“Du erinnerst dich nicht?”, wollte sie wissen und hatte von all dem Husten und Röcheln ganz glasige, gerötete Augen. Sie wischte sich über eines davon, schniefte, zog die Beine an und versuchte ihre klappernden Zähne unter Kontrolle zu bekommen. Dann aber, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Anna drehte den Kopf hastig in die Richtung, in der sie die üble Najade von früher vermutete. Jene war noch da. Doch sie war reglos. Sie hing über ihrem kleinen Felsen, schlapp und blutend. Das dunkle Rot tropfte und rann in zähen Fäden in das eisige Bergseewasser. Die gesamte, grünliche Haut des Wesens war durchzogen von schwarzen, hervortretenden Adern. Das Silber hatte ihr Herz und das Hirn erreicht. Und wenn sie nicht schon längst tot war, tat sie just in diesem Moment ihre letzten, erbärmlichen Atemzüge.

“Nein.”, antwortete Hjaldrist. Er nuschelte noch etwas von dem Wein, doch wirkte im Vergleich zu vorhin wesentlich nüchterner. Lag wohl daran, dass er in den verdammt kalten See getaucht war, um seine verzweifelt zappelnde, wild rudernde Freundin daraus hervor zu fischen.

“Ich hab da ein Loch in meinen Erinnerungen.”, stellte der Mann pikiert räuspernd fest. Doch anders, als er annahm, rührte seine Gedächtnislücke nicht von dem ganzen Algenwein her. Sondern von dem magisch betörenden Gesang der gerade sterbenden, röchelnden Nymphe. Anna atmete erleichtert auf und saß ganz schön steif da, weil sie fror. Sie kam schließlich nicht von den Inseln; so, wie ihr Kollege, der fröstelte, sich aber nicht sofort in einen zähneklappernden Eiszapfen verwandelte. Dahingehend hielt er viel aus.

“Sie hat gesungen und du wolltest ihr geradewegs in die Arme laufen.”, erklärte Anna jetzt. Doch sie führte dies erstmal nicht weiter aus, sondern hauchte sich wehleidig in die Hände und gab ein mitleiderregendes Stöhnen von sich.

“Ich… ich will mir was anziehen.”, jammerte sie und schauderte. Doch ehe sie sich erheben konnte, um dies zu tun, brach eine ihr durchaus bekannte, hohe Stimme durch die Nacht.

“Anna! Rist!”, das war Lin. Ziemlich eilig lief er in seinen kleinen, nass schmatzenden Schuhen daher, hatte irgendetwas in den Händen und sah ganz schön besorgt aus. Der Göttling fiel fast auf die Nase, doch fing sich und kam daraufhin schwer atmend bei den beiden Abenteurern an, die ihn positiv überrascht musterten.

“Ich habe die böse Frau schreien hören. Ich habe geschlafen und sie hat mich geweckt.”, erzählte Lin und sprach schnell. Seine großen Augen wanderten suchend über seine Freunde, als wolle er sich dessen vergewissern, dass sie unbeschadet waren. Das, was er mitgebracht hatte, war Anna’s Langdolch. Scheinbar war Lin also in das Wasser am Seeufer gegangen, um dort nach der Waffe zu suchen. Ja, offenbar hatte er den Kampf gegen die fauchende Nymphe beobachtet. Anna senkte die braunen Augen auf ihren Silberdolch und ihre Glieder lockerten sich ein wenig. Sie wirkte zutiefst erleichtert. Zurecht, denn das gute Stück hatte 100 Novigrader Kronen gekostet. Sie hatte dafür wochenlang gearbeitet, wie eine Wahnsinnige.

“Danke…”, entkam es Anna etwas wirr, doch angetan. Sie nahm die Waffe mit der scharfen Schneide anerkennend nickend entgegen.

“Es geht euch zweien gut!”, stellte Lin dabei fest und seufzte laut “Ich hatte eine fürchterliche Angst!”

“Gut? Naja, so gut es eben gehen kann.”, brummte Rist, der scheinbar erst verstehen musste, was hier und heute passiert war. Er zog die Brauen weit zusammen und sah nachdenklich vor sich hin. Der Göttling nickte, lächelte merklicher und ehrlicher. Dann fiel er erst der halb erfrorenen Anna, dann dem nackten Undviker um den Hals.

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