Kapitel 16

Von Hähnen, Kröten und eifersüchtigen Bären

“Der Bürgerrat Rognes hat sich heute frühmorgens besprochen! Und wir sind dazu bereit euch den Kopf der Hexe in Silberstücken aufzuwiegen!”, Furian stand mit hoffnungsvollem Blick vor den beiden Vagabunden, die am Tavernentisch saßen und ihm müde entgegen starrten. Es war fraglich, wessen Augenringe dunkler und tiefer waren und wer von ihnen beiden die schlimmeren Kopfschmerzen hatte. Ja, Rist und Anna sahen mehr als nur erschöpft aus. Sie wirkten völlig abgekämpft und hatten selbst Mühe damit nach ihren Schwarzteebechern zu fassen. Sie hatten die restliche Nacht kaum geschlafen und waren gar zu fertig gewesen ihr Zelt aufzubauen. Sie hatten sich einfach in ihren vollen Monturen in eines der Badehäuser am See begeben, sich dort auf den harten, unbequemen Boden fallen lassen und vielleicht zwei, drei Stunden gedöst. Es war zugig gewesen, wie in einem Vogelhaus, doch das hatte sie an dem Punkt angekommen nicht mehr gestört. Dann, nach dem dritten Krähen des verdammt lästigen Hahns Rognes, über den die Novigraderin lauthals geschimpft hatte, waren sie beide stumm und gähnend in das Gasthaus getrottet.

“Den Kopf der Hexe in Silber…”, wiederholte Anna monoton und sah matt zu ihrem Kollegen hin “Mh. Ja. Klingt gut, was?”

Wären sie beide wacher gewesen, hätten sie sich gerade ganz schön ins Fäustchen gelacht oder bedeutungsvoll gegrinst.

“Ja…”, gähnte Hjaldrist und streckte sich schulterknackend “Die Sache ist bis zum Nachmittag erledigt”

Furian, der nervös von einem Fuß auf den anderen trat, machte große Augen, als er dies hörte.

“Was? Es ist beinahe schon Mittag!”, staunte er und glaubte die größten, begabtesten Monsterjäger der Welt vor sich zu haben. Ja, die zwei Reisenden hatten hier wahrhaftig einen Bewunderer gefunden. Oh, wenn jener nur wüsste, dass die vermeintliche ‘Hexe’ schon längst hinüber war…

“Wir sind ja auch die Besten unseres Handwerks, Furian…”, sagte Anna und wäre sie nicht so scheißmüde gewesen, hätte ihre Stimme gespielt prahlerisch gewirkt. Ganz schön veräppelt hätte sie den Typen noch und geschauspielert hätte sie. Nun aber, da saßen sie und Rist bloß schlapp herum und nippten ruhig an ihren stark gezuckerten Tees.

“Bis zum Nachmittag ist die Sache erledigt.”, wiederholte sich der Jarlssohn mit dem brummenden Schädel selbstsicher “Versprochen.”

“Oh danke!”, atmete Furian und verbeugte sich beinah “Danke! Kommt zu meinem Haus, wenn ihr fertig seid. Es ist… uhm… es ist das mit den blau gestrichenen Walfischknochenbalken. Gleich hier, um die Ecke!”

Anna nickte. Rist enthielt sich und pustete in seinen dampfenden Becher. Als Furian dann von Dannen zog und dabei vor Freude beinah hüpfte, wie ein freudiges Kind, warf die Novigraderin einen Seitenblick zu ihrem undviker Freund. Ein schiefes, müdes Schmunzeln rang sich durch ihre Maske aus Schlaftrunkenheit. Die Abenteurer würden sich den Kopf der toten Najade holen und dann würden sie sich ein ordentliches, gemütliches Zimmer leisten können, um erst einmal schön auszuschlafen.

 

Gut ausgeruht saß Anna am folgenden Nachmittag in einem dichten Busch. Rist war neben ihr und kniff die dunklen Augen zusammen, um besser in die Ferne sehen zu können. Er lehnte sich etwas vor und verzog die Lippen nachdenklich. Anna steckte sich eine letzte Trockenfrucht in den Mund, wischte sich die Hände an der Hose ab und folgte dem prüfend-kritischen Blick ihres Freundes dann.

“Die machen nichts.”, kommentierte sie im Flüsterton und wirkte dabei gelassener als ihr Gefährte, der die drei Endriagen weiter vorn nicht aus den Augen lassen wollte. Die Arachniden waren kleiner als das Exemplar, das sie damals in Blandare erlegt hatten. Sie waren keine Soldaten, sondern Arbeiter. Und sie wirkten ein wenig planlos, wie sie da nahe Rogne über das offene Feld krabbelten und mit den Vorderpfoten im Erdboden herumwühlten. Ab und an hörte man sie mit den Kieferzangen klacken oder surren, glucksen und zischen. Sie kommunizierten so miteinander.

“Das sehe ich. Aber sie sind trotzdem da.”, murrte der Skelliger auf die unbeeindruckte Meldung seiner viel zu gelassenen Freundin hin.

“Die Frage ist nur wieso.”, ergänze sie und bemerkte, wie Hjaldrist sie irritiert ansah. Sie nahm die braunen Augen nicht von den Riesenkäfern, deren Panzer grün und lila im Sonnenlicht schimmerten, und runzelte die Stirn grüblerisch.

“Endriagen nisten nicht auf offenem Feld. Meistens findet man sie in Wäldern, in hohem Gras oder auch in Sumpfgebieten.”, erklärte die wissende Frau leise. Ihr Kumpel gab einen Laut von sich, der andeutete, dass er allmählich verstand.

“Die Endriagen-Königinnen legen ihre Eier an und auf Bäumen ab. Und um diese Nester spielt sich alles ab. Hast du schon mal eins davon gesehen?”, wollte Anna wissen und warf ihrem aufmerksamen Freund einen abwartenden Seitenblick zu.

“Mh. Ja, habe ich…”, sagte der langsam und fuhr sich mit einer Hand über das Kinn “Aber nicht hier in der Nähe.”

“Siehst du.”, lächelte Anna zufrieden “Es macht keinen Sinn, dass sie Endriagen hier, nahe einer Menschensiedlung, herumlaufen. Schon gar nicht, weil sie keine Soldaten dabeihaben, die auf sie aufpassen.”

“Es klingt blöd, aber es wirkt fast so, als hätten sie sich verlaufen. Du hast Recht.”, nickte Rist und wisperte dabei.

“Mhm. Wobei ‘Verlaufen’ wohl der falsche Ausdruck ist. Ich vermute, dass irgendetwas diese Endriagen aus ihrem Revier verscheucht hat. Vielleicht wurde ihre Königin getötet. Und die Soldaten ebenso? Hmmm…”, sinnierte die Kurzhaarige und wiegte den Kopf abschätzend. Sie sah die Arachniden am Feld nicht als Bedrohung an. Zwar war das Exemplar damals, bei den Faustkampf-Wettkämpfen, sehr aggressiv gewesen, doch man musste bedenken, dass man es davor aufgewiegelt und verwundet hatte. Von seiner Sippe getrennt hatte das arme Ding ums Überleben kämpfen müssen. Die Endriagen hier, vor Rogne, waren aber nicht wütend, höchstens verwirrt. Und würde man sie nicht bedrohen oder Steine nach ihnen werfen, würden sie eher weglaufen, als anzugreifen. Denn wie gesagt, waren sie Arbeiter, keine Soldaten. Und selbst jene drohten eher, bevor sie blindlings zuschlugen.

“Die Leute Rognes scheißen sich wegen dieser drei planlosen Tiere in die Hosen und hängen einen Hexerauftrag aus, damit jemand die Käfer für sie zertritt. Sie zahlen Geld dafür, dabei müsste man die Endriagen nur verjagen. So desorientiert wie sie sind...”, seufzte Anna leise aus.

“Was machen wir also?”, wollte Hjaldrist wissen.

“Ach, ich kann halbe Sachen nicht leiden. Wir sollten nach der Ursache hierfür suchen.”, schlug die unzufriedene Novigraderin vor und zog sich den Kragen zurecht “Wenn wir die Endriagen nur verscheuchen, dann kommen sie eventuell wieder und es gibt einen neuen Aushang. Wenn wir aber nachsehen warum sie nicht zurück in ihr Revier gehen, könnten wir das Problem lösen und sie ziehen sich friedlich zurück. Was wiederum heißen würde, dass sie den Wald sicherlich nicht wieder verlassen würden. Warum auch?”

Hjaldrist gab ein grüblerisches Brummen von sich und sagte eine grüblerische Weile lange nichts. Dann aber, stimmte er seiner Kollegin zögerlich nickend zu.

“Ist wohl das Beste. Und die friedlichen Käfer abzustechen würde uns mit den Feiglingen des Dorfes gleichstellen. Darauf habe ich keine Lust.”, gab der im Grunde gutmütige Skelliger zu und Anna musste ob dieser Äußerung leicht lächeln. Sie war über die Ansicht ihres Gefährten froh. Sehr. Denn sie war niemand, der Ungeheuer tötete, wenn diese friedvoll waren und keine Probleme machten. Lieber sorgte sie dafür, dass Endriagen zurück zu ihren Nestern gingen, anstatt blindlings deren relativ harmlose, in der Erde nach Wurzeln und Knollen grabende, Arbeiter abzuschlachten.

“Gut, gut. Dann haben wir ja schon mal einen Plan.”, sagte die Novigraderin erfreut. Weiter vorn schaufelte eine der Chitin-überzogenen Arachniden eine knorrige Wurzel zutage, schnarrte vor sich hin und trug die Knolle ein paar Meter weit. Dann schien ihr jedoch einzufallen, dass sie die gefundene Nahrung nirgendwo hinbringen könnte und wirr blieb sie stehen, rieb die Hinterbeine nervös aneinander.

Anna nickte Hjaldrist auffordernd zu und ohne, dass sie sich erklären musste, verstand er. Die beiden zogen sich zurück, um in dem nahen Wald zu gehen. Wäre ja gelacht, wenn sie die Ursache der vermeintlichen ‘Endriagenflucht’ nicht finden könnten! Schließlich hatten sie ja noch ein Ass im Ärmel: Einen Waldgeist. Und jener hüpfte kaum eine Stunde später neben den zwei Abenteurern her; so motiviert und verspielt, dass er dabei fast den Margeritenkranz auf seinem Kopf verlor. Aus unerklärlichen Gründen schienen diese weißen Blumen in seiner Anwesenheit nicht zu welken. Lin summte leise und freute sich merklich darüber im Forst ‘spazieren’ zu gehen. Er war, ohne es selbst zu realisieren, eine unheimlich große Hilfe für Hjaldrist und Anna. Denn als Wesen, das mit den Wäldern im Einklang stand, reagierte er instinktiv auf Gefahren, die in jenen lauerten. Er wusste, wo man aufpassen musste und wo nicht. Und vor allem fühlte er auch, wo Magie ausschlug. Dies noch bevor das Wolfsamulett der Hexerstochter damit anfing zu vibrieren, denn angeblich sprachen die Tiere und Bäume zu Lin. Ob das wirklich stimmte? Leichtfüßig ging der Göttling über Stock und Stein, drehte sich tänzelnd und summte sein fröhliches Lied. Seine Schuhe hatte er heute nicht an. Vermutlich waren sie ihm gestern Nacht zu nass geworden und er hatte sie irgendwo achtlos in der Sonne stehen lassen, um zu trocknen. Er lief unter einem Gestrüpp hindurch, an dem sich seine Freunde mühsam vorbei schieben mussten, wartete auf sie und kletterte dann über einen dicken, umgeknickten Baumstamm. Anna und Rist folgten und gingen dabei relativ gemütlich durch den ruhigen Wald. Die Vögel zwitscherten und es roch nach Moos und Fichtennadeln. Irgendwo, weiter weg, rauschte ein kleiner Fluss oder ein schmaler Wasserfall vor sich hin.

“Weißt du”, fing Anna dann an zu sprechen und richtete sich damit an ihren Freund, der neben ihr her ging “Ich habe nachgedacht.”

“Oh je.”, gab Rist in gespielter, dunkler Vorahnung von sich “Worüber?”

Die Novigraderin musste der verstellten Stimme des Skelligers wegen schmunzeln, doch ging nicht weiter auf das Feixen ein. Sie holte Luft zum Reden und meinte die folgenden Worte ernst:

“Ich sollte wirklich Schwimmen lernen.”, entschloss sie räuspernd. Es war ein Vorhaben, das sie sich nach der gestrigen Misere ganz fest in den Kopf gesetzt hatte. Zwar hasste ihr Starrkopf es ihrem Kollegen, der sie deswegen immer geneckt hatte, Recht zu geben, doch sie wollte auch nicht wieder in eine Lage geraten, in der sie beinah ersoff. Ja, nie im Leben hatte sie sich wehrloser und verlorener gefühlt als gestern Nacht. Und sie hasste es sich wehrlos zu fühlen. Sie war eine Frau, die stets alles im Griff haben wollte.

“Also… bringst du es mir bei?”, fragte Anna und wagte es kaum aus den Augenwinkeln zu Hjaldrist hin zu sehen. Wurde sie etwa ein wenig rot? Mann, kam sie sich vielleicht bescheuert vor. Wie ein unbeholfener Bittsteller, der vor einem Fürsten buckelte. Lin sprang knapp vor der Giftmischerin über ein Farnblatt hinweg, klatschte in die Hände und pfiff. Er beachtete das Gespräch seiner Freunde nicht.

“Im Ernst?”, entkam es Rist. Er wirkte mehr erstaunt, als amüsiert. Eigentlich hatte Anna erwartet, dass er sie auslachen oder einen dämlichen Scherz machen würde, um sie zu ärgern. Sie hatte sich im Geiste schon darauf vorbereitet und sich schnippische, halbernste Antworten überlegt. Aber stattdessen hatte ihr Begleiter die Brauen in positiver Überraschung hochgezogen und sah die Wasserscheue an, als habe sie gerade gesagt, dass sie es aufgeben würde der Kräuterprobe für Frauen nachzujagen.

“Ja. Im Ernst.”, die leicht peinlich berührte Kurzhaarige hüstelte und fixierte Lin, der einen glatten Stein aufsammelte, der aussah wie ein Ei. Er betrachtete jenen kurz, strich bewundernd mit den Fingern darüber und steckte ihn sich in die Tasche der übergroßen Weste.

“Klar bringe ich es dir bei!”, stimmte der anwesende Skelliger zu und hätte Anna zu ihm hingesehen, hätte sie bemerkt, dass er beachtlich erfreut grinste “Wir erledigen unsere beiden Aufträge und dann gehen wir das an!”

Anna, die froh darüber war, wie locker das Thema nun über den Tisch gegangen war, musste zufrieden lächeln. Sie atmete erleichtert durch, entspannte sich wieder. Und sie war ebenso dankbar dafür, dass über das nackte Besäufnis im Badehaus kein Satz mehr fiel. Oh, sie wurde ja schon ganz betreten, wenn sie nur daran dachte!

Das entfernte Schlagen von Flügeln ließ die Abenteurer, wie auch Lin, Sekunden später innehalten. Anna und Rist warfen sich verheißungsvolle Blicke zu und auch der Göttling sah fragend auf. Letzterer setzte sich gleich wieder in Bewegung und seine Kinderstimme formte ein “Ich sehe mal nach was da ist!”. Lin war so schnell verschwunden, dass seine verdatterten Freunde nicht einmal mehr dazu kamen zum Sprechen anzusetzen. Etwas irritiert starrte Anna dem Waldwesen nach, doch kam im Endeffekt zu dem Schluss, dass es vermutlich gut war, wenn er vorging.

“Er kommt zurecht.”, meinte sie mit gesenkter Stimme und sah Rist nickten.

“Es hat sich angehört, wie Geflatterte.”, warf der Undviker ein und hatte dabei schon die Hand an der Axt. Die Novigraderin nickte und spitzte die Ohren. Und da war es wieder. Kaum merklich, und dennoch, konnte man gelegentliches Flügelschlagen vernehmen. Es klang nicht wie das von Gabelschwänzen oder Wyvern. Es mutete eher an, wie von gefiederten Schwingen. Oder täuschte sie sich? Nur zögerlich ging sie weiter, hielt sich dabei aber nah an Bäumen und sonstiger Deckung, kampfbereit. Ihre Finger lagen angespannt auf ihrem Schwertgriff. Hjaldrist schloss zu ihr auf, mit aufmerksamem Blick und in den tiefen Wald hinein lauschend. Sie beide schlichen beinah.

“Da ist ein Vogel!”, als Lin unerwartet und wie aus dem Nichts wieder neben den Abenteurern auftauchte, erschrak die alarmierte Anna so sehr, dass sie beinah einen heftigen Satz machte. Gerade noch so verkniff sie sich einen schockierten Laut, wich zurück und stieß damit seitlich an Rist. Auch der Mann sah mit harter Miene auf.

“Lin.”, keuchte die Novigraderin überfordert und bemühte sich darum leise zu sprechen, denn sie wollte vermeintliche Feinde nicht auf sich aufmerksam machen “Mach sowas nie wieder.”

“Hmm? Was denn?”, wollte der Göttling wissen, der sich keiner Schuld bewusst zu sein schien.

“Du hast mich ganz schön erschreckt.”

“Oh. Tut mir leid.”, Lin kratzte sich verlegen am Hinterkopf und lächelte verunsichert.

“Du hast einen Vogel gesehen?”, kam ihnen Rist drängend dazwischen “Was für einen Vogel?”

“Einen großen. Mit einem komischen Kopf.”, erzählte das Waldwesen und war damit mit seinen Ausführungen am Ende. Anna zog die Stirn kraus. Ein großer Vogel mit einem eigenartigen Schädel? Da machte das Flügelschlagen, das sie gehört hatten, schon einmal Sinn. Der Kopf der Kämpferin arbeitete und ihre braunen Augen wanderten derweil unstet. Grüblerisch starrte sie vor sich hin, doch dann manifestierte sich in ihrem Hirn eine Vorahnung. Denn Anna hatte schon einmal mit angesehen, wie Balthar solch einen ‘Vogel’ erlegt hatte. Einen Skoffin. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie der Gallilisk nach den Nieren gepickt hatte und penibel darauf aus gewesen war die Aorta des Hexers zu treffen. Doch Anna’s Ziehvater hatte das Mistvieh schnell gekonnt ausgeschaltet und dafür eine gute Belohnung kassiert.

“Ein Skoffin.”, flüsterte die Trankmischerin, als würde sie sich diese Worte selbst zumurmeln. Hjaldrist sah sofort interessiert zu ihr.

“Lin? Sieht der Kopf des Vogels so aus, wie der eines Hahns?”, wollte sie wissen “Und sein Körper wie der einer, äh, Eidechse?”

Der Göttling sah die Kurzhaarige nicht lange nachdenklich an, sondern nickte schnell und selbstsicher und verschränkte die Arme abwartend hinter dem Kopf.

“Ja.”, sagte er. Anna musste zufrieden lächeln.

“Was ist denn ein Skoffin?”, wollte Rist wissen.

“Ein Gorgo. So etwas, wie ein Basilisk. Er ist zur Hälfte ein Hahn, ein Ornithosaurier.”, erklärte die Novigraderin wissend und war froh darüber, dass sie schon einmal beobachtet hatte, wie man solch ein Ungeheuer am besten erledigte. Sie bemerkte nicht, wie übertrieben schlau sie sich anhörte, wie klugscheißerisch. So, wie eine überhebliche Professorin der Akademie in Oxenfurt.

“Also… ey. Mal ganz langsam. Ein Basilisk? Ich dachte, die existieren nur in Märchen.”, gab der Undviker zu und machte eine ernste Miene. Anna musste leise lachen.

“Nicht nur.”, meinte sie “Und ein Gorgo ist auch nur so etwas in der Art. Man nennt sie auch Gallilisken. Wegen ihrem Anteil an Vogelgenen.”

“Es ist also eine Echse mit einem Vogelkopf?”

“Ja, so ungefähr.”

“Wie passiert denn sowas?”

“Man sagt, dass Gallilisken entstehen, wenn ein Hahn mit einem zweiten Gockel verkehrt und ein Ei legt.”

“Äh...”

“Und dieses Ei muss vierzig Tage lang von einer Kröte ausgebrütet werden. Erst dann schlüpft ein Skoffin. Ob das so stimmt, ist aber bis heute nicht belegt… ich finde ja, es klingt unsinnig.”, schnaufte Anna.

“Aha.”, machte Hjaldrist trocken und die Frau aus Kaer Morhen wusste ja nicht, ob er so ganz verstanden hatte. Aber er nahm hin, was sie sagte. Das war gut und genügte.

“Glaubst du, das Vieh hat die Endriagen verscheucht?”, wollte der Skelliger, dem es sicherlich schon kampfeslustig in den Fingern kribbelte, weiter wissen.

“Kann sein, ja. So ein Skoffin ist größer, als eine Endriaga. Denkbar, dass er die ‘Käfer’ frisst. Aber sicher bin ich mir jetzt auch nicht.”

“Und wie bringen wir das Vieh um? Mit einem Spiegel?”

“Mit einem Spie-? Oh.”, Anna hielt inne, als ihr die vielen Sagen um übertrieben große Basilisken einfielen, die Leute durch Blicke versteinerten und selbst nur dann starben, wenn man ihnen ihr eigenes Spiegelbild vorhielt. Sie gluckste erheitert und schüttelte den Kopf sogleich.

“Nein. Wir brauchen keinen Spiegel. Außer, er ist so groß, dass wir den Skoffin damit erschlagen können.”, gab die Novigraderin einen alten Witz von sich, den man in Kaer Morhen schon bis zum Abwinken zerkaut hatte. Jeder der Wölfe kannte ihn. Und jeder von ihnen fand ihn mittlerweile schon gar nicht mehr lustig.

“Ähm.”, machte Rist und stand etwas dumm da. Anna nahm es ihm aber nicht übel.

“Die Sache mit den Spiegeln ist Unsinn. Genauso wie die Behauptung, dass Basilisken - oder ähnliche Geschöpfe - durch ihre Blicke töten können.”, erklärte die wissende Kriegerin und ihr Freund nickte langsam, verstand “Ein Skoffin ist aber trotzdem gefährlich. Er wird versuchen uns zum Verbluten zu bringen. Normalerweise muss solch ein Gallilisk nur einmal treffen. Und diese Treffer sind verheerend. Also pass auf deine Nierengegenden, den Hals, deine Mitte oder die Oberschenkel auf. Dort läuft die Hauptschlagader entlang.”

Anna sah, wie ihr Freund einmal kurz trocken schluckte. Doch dann nahm sein Blick etwas sehr Entschlossenes an. So, wie immer.

“Wie geht man gegen einen Skoffin vor?”, wollte der Mann äußerst zielstrebig wissen, als Anna aus einem der Riemen ihres nicht ganz gefüllten Rucksackes schlüpfte und ihn seitlich zu sich heranzog, um das Gepäckstück zu öffnen. Der Mann sah ihr abwartend dabei zu.

“Hast du noch Obst, Anna?”, fragte Lin dazwischen.

“Diese Biester sind ganz schön schnell. Und nachdem ihre Schnäbel verheerend zupicken können, sollte man sie flankieren. So ein Drecks-Skoffin hat keine Rundumsicht und das sollte man ausnutzen.”, sagte Anna und wühlte aus ihrem Rucksack ein halbvolles Fläschchen hervor, um es ihrem Kollegen zu geben “Drakonidenöl. Die Reste von der Sache mit den Gabelschwänzen damals. Wir werden es brauchen.”

Dann wühlte die Kurzhaarige noch etwas weiter und förderte ein kleines, helles Leinensäckchen zutage das sie dem Göttling gab. Jener jauchzte begeistert, öffnete das Beutelchen und nahm sich daraus eine kleine Handvoll getrockneter Beeren, die er sich in den Mund steckte. Das Dreiergespann, angeführt von Lin, ging folgend noch einige Minuten durch den Forst, ehe es das gesuchte Monster endlich entdeckte: Der Skoffin war auf einer kleinen Lichtung, deren Blätterdach so dicht war, dass das Sonnenlicht kaum bis zum Grund kam. Vor einer Höhle saß das Ungeheuer mit dem Hahnenschädel und hackte mit dem Schnabel in einem matschigen, bitter stinkenden Haufen aus Chitinpanzer, verdrehten Endriagenbeinen und schleimigem Käferblut herum. Unweit lag noch eine zweite, wesentlich leerere Arachnidenhülle. Offenbar hatte der Gallilisk die Endriagen, so wie vermutet, angegriffen und zu seiner Beute gemacht. Bis auf die harten Panzerschalen der Tiere hatte er kaum etwas von ihnen übriggelassen. Auch die markanten Kokons, in die die Endriagen-Königinnen ihre Eier legten, hingen teils schief von den umliegenden Bäumen oder auch zermatscht am Boden herum. Sie waren für einen vermeintlichen ‘Riesenvogel’ ein Festmahl gewesen. Der besagte Geflügelte riss just eines der Arachnidenbeine aus und warf den Kopf zurück, um es sich mit Schwung in den Rachen zu werfen und im Ganzen zu schlucken. Anna nickte in die Richtung des Biestes und Rist’s Augen folgten der auffordernden Geste. Sie beide verbargen sich noch im Dickicht und das Drakonidenöl schimmerte dunkel an ihren gezogenen Waffen. Lin war nicht bei ihnen; er saß weit entfernt auf einem Baum und aß Trockenfrüchte. Hjaldrist hatte ihn darum gebeten sich nicht weiter zu nähern, ehe der Gorgo tot sei.

“Er ist kleiner, als ich dachte.”, flüsterte der dunkelhaarige Skelliger seiner Freundin zu und sie lächelte schmal. Der Skoffin war mit zusammengefalteten Flügeln maximal so hoch, wie Apfelstrudel. Im Vergleich zu einem Gabelschwanz oder einem Waldschrat wirkte er also tatsächlich klein. Doch die Hexerstochter wusste, dass es Gallilisken dennoch ganz schön in sich hatten.

“Unterschätze ihn nur nicht.”, riet sie dem Undviker daher und er nickte langsam.

“Du rechts, ich links?”, wisperte er und Anna gab einen zustimmenden, leisen Laut von sich. Dann brachen sie auch schon aus dem Unterholz. Mit erhobenen Waffen stürzten sie auf den Skoffin zu, der den Kopf mit dem blutverschmierten Schnabel abrupt anhob und alarmiert zu ihnen sah. Sofort krächzte das Ungeheuer, das modrig nach abgestandenem Teichwasser miefte, gereizt und spreizte die Flügel in einer bösen Drohgebärde. Wie abgesprochen, hielt sich Anna an der rechten Flanke des unansehnlichen Wesens und achtete darauf nicht in die Reichweite des gefährlichen Schnabels zu kommen. Der Gorgo fuhr herum und zeigte sich irritiert davon auf jeder Körperseite einen Angreifer zu haben. Wild schlug er mit dem geschuppten Schwanz zu und verfehlte den gekonnt ausweichenden Rist nur knapp. Die Novigraderin spürte den hackenden Schnabel des Gefiederten um eine Haaresbreite an ihrem Hals vorbei schnellen. Sie stieß den Atem in einem plötzlichen Adrenalinschub aus und in dieser einen Sekunde wollte ihr kalter Schweiß ausbrechen. Ihr Magen zog sich zusammen, doch sie realisierte, dass der Gorgo sie verfehlt hatte. In einem schwungvollen Halbkreis drehte sie sich und ihr Schwert folgte. Der aufgebrachte Skoffin krähte grollend und große, dunkle, ramponierte Federstücke stoben nach allen Seiten davon. Noch einmal schnitt die Stahlklinge der Novigraderin durch die Luft und Anna duckte sich unter einem heftigen Schlag des Flügels fort, den sie soeben verkrüppelt hatte. Unzählige Federn waren zertrennt worden, Blut tropfte, warzige Gorgohaut hing in Fetzen. Und das war nicht das Einzige, denn auf der linken Flanke des Ungeheuers hielt sich Hjaldrist. Ein Tritt der Hinterläufe des Biestes streifte ihn und er wankte zurück, blieb jedoch stehen. Brüllend schlug er dann mit einem Hieb von oben herab auf das Untier ein. Und seine Axt traf gut. Ihr scharfes Blatt senkte sich tief in das krallenbewehrte Bein, das zuvor noch getreten hatte. Der schnarrende Skoffin knickte augenblicklich ein. Desorientiert und vor Wut schäumend flatternd, mit einem lahmen Hinterlauf und einem zerfetzten Flügel, war er dann auch schon keine große Herausforderung mehr. Zwar warf er sich wuchtig herum und wollte furios nach seinen beiden Angreifern picken. Doch vergebens. Es dauerte keine Minute mehr, da trennte ihm ein gezielter Schwerthieb der Hexerklinge den Schädel ab. Blut sprühte und dumpf fiel das verzerrte Hahnenhaupt zu Boden. Die Glieder des Ungeheuers zuckten unkontrolliert, bevor sie erschlafften. Und dann war es auf einmal ganz still auf der Lichtung unter den undurchdringbaren Baumkronen. Über den toten Gorgo sah Anna, die etwas außer Atem zu sein schien, zu ihrem Kumpel hin und senkte das blutverschmierte Schwert. Ihr Gesicht und ihre Kleidung hatten auch ein paar vereinzelte, rote Spritzer abbekommen, doch sie störte sich nicht daran. Als sie sah, dass der unversehrte Hjaldrist stand und allmählich damit begann triumphierend zu grinsen, schlich sich auch auf die Züge der Monsterjägerin ein zufriedenes Lächeln. Und wäre der Undviker nun in Reichweite gewesen, hätte Anna ihm die Siegesfaust gegeben, die sich zwischen ihnen schon längst eingebürgert hatte.

“Das ging ja unerwartet schnell!”, freute sich der Freund der Giftmischerin.

“Stimmt!”, lächelte Anna breit, denn Rist hatte Recht. Der vorangegangene Kampf war wahrlich einfacher abgelaufen, als gedacht. Das Biest auf der grünen Lichtung war aber auch klein gewesen, vielleicht sogar noch ein Jungtier.

“Glaubst du, die geben und mehr Geld, wenn wir ihnen DEN Schädel vor die Füße werfen?”, wollte Hjaldrist schmunzelnd wissen, als er Minuten später neben Anna durch den Wald ging. Er hatte sich den widerlichen, mittlerweile ausgebluteten, stinkenden Kopf des Skoffins über die Schulter gelegt und war wohl guter Dinge. In seiner Tasche steckte ein Dutzend der Federn aus dem Bürzel des Ungeheuers. Jene waren schön, groß und ließen sich gut an Schreiberlinge oder Sammler verkaufen. Neben Hjaldrist ging Lin. Der kleine Göttling sah immer wieder mit großen, ungläubigen Augen zu dem Gorgoschädel hoch, dem die Zunge aus dem Schnabel hing.

“Keine Ahnung”, meinte Anna “Aber vermutlich werden sie es erstmal versuchen sich irgendwie aus dem Thema heraus zu winden. Ich glaube ja, dass sie uns nicht mehr bezahlen werden, als die Ursprungsbelohnung. Und die Ausrede dafür wird sein, dass wir ja nur eine Bestie getötet hätten, anstatt drei.”

“Pff. Ein Skoffin ist eine ganz andere Nummer als drei Endriagen…”, murrte der Skelliger, doch er schien seiner erfahrenen Kollegin zu glauben. Er redete nicht gegen ihre Argumente, denn sie hatte schon zu oft mit Idioten zu tun gehabt, die partout nicht mit sich handeln hatten lassen. Sie kannte alle Ausreden und die kleingeistigen Ansichten von Außenstehenden. Man durfte sich nicht zu viele Hoffnungen machen, wenn man eine Arbeit besser erledigte, als verlangt. Die meisten Auftraggeber interessierten zusätzliche Bemühungen nämlich nicht, denn man sei ja ‘selber Schuld sie überhaupt getätigt zu haben’.

“Tja. Naja, immerhin haben wir die Federn. Die bekommen wir sicherlich schnell und teuer los.”, grinste Anna noch “Und sollten uns die Leute in Rogne zu blöd kommen, dann können sie zusehen, wie sie selbst mit dem Braunbären, der den ganzen Honig klaut, zurechtkommen.”

 

“Was ist DAS?”, dem dicklichen Vorsteher des mickrigen Bürgerrats Rognes entglitt die Miene vollends, als er den blutverschmierten Kopf des Skoffins vor die Füße geworfen bekam. Rist, der dies erledigt hatte, wischte sich etwas geronnenes Monsterblut von der Schulter und räusperte sich. Anna, die neben ihm stand und sich die Hände abwartend in die Seiten stemmte, sah dem besagten Vorstand mit dem auffallenden, gezwirbelten Schnurrbart auffordernd entgegen. Sie hatte den Namen von diesem Typen mit der grau melierten Gesichtsbehaarung schon wieder vergessen. Darum hieß er in ihrem Kopf nun einfach Horst. Sie hatte es ohnehin nicht so mit skelliger Namen.

“Das ist ein Gorgoschädel.”, erklärte die Frau knapp. Hjaldrist grinste stolz.

“Ein WAS?”, wollte Horst wissen und war längst etwas zurückgewichen. So, als habe er Angst, dass ihm der abgetrennte Schädel, der größer war als der einer Kuh, in die Waden zwicken könnte. Zudem wirkte er dezent pikiert, denn die beiden Monsterjäger hatten ihm das ausgeblutete, markant stinkende Ding einfach so auf den Boden seiner Hütte geworfen. Angeklopft hatten sie bei ihm und darauf gewartet, dass er seine knarrende Haustür öffnete. Und, naja. Dann war der Schädel eben zum Gruß gefolgt, denn Rist hatte das stark nach Tod und Verfall miefende Teil nicht länger tragen wollen. Also lag es nun im Eingangsbereich des lauschigen Heims herum und ließ die Zunge heraushängen. Ein widerlicher Anblick.

“Der Schädel eines Gorgos, Skoffins oder Gallilisken. Er war dafür verantwortlich, dass die Endriagen den Wald verlassen haben und hierhergekommen sind.”, erklärte die Novigraderin weiter “Jetzt sind sie aber fort. Weil der Skoffin tot ist. Und sie werden nicht wieder auftauchen.”

Horst schwieg und ließ den ungläubigen Blick auf den monströsen Kopf am Grund sinken. Er verzog das Gesicht etwas, rümpfte die Nase angewidert und hielt sich schließlich sein Halstuch vor sie. Er stöhnte eine unverständliche Beschwerde. Von der Seite aus sah Hjaldrist abwartend zu Anna hin.

“Wir haben den Auftrag erledigt. Und das auch noch gründlicher, als erwartet. Ich denke, wir haben uns eine kleine Zuzahlung verdient.”, lächelte die Giftmischerin schmal und hielt Horst aufmerksam mit den braunen Augen fixiert. Der Konfrontierte sah sofort wieder auf, kritisch und genervt. Man hörte ihn verzwickt seufzen.

“Der Auftrag lautete die Endriagen zu töten.”, korrigierte er die dreiste Frau hinter vorgehaltenem Batisthalstuch. Ein nettes Stück. Vielleicht sollte sich Anna auch so eines zulegen? Schals waren immer so unpraktisch und durch ihre Länge behinderten sie beizeiten im Kampf. Ja, ein Halstuch hätte schon was.

“Ja, das stimmt wohl.”, konterte die Kurzhaarige “Aber hätten wir nur die Endriagen getötet, hättet ihr noch immer einen Skoffin zwischen den nahen Bäumen sitzen gehabt. Und glaubt mir, er war keine Stunde weit von Rogne entfernt.”

“Aber der Auftrag-”, fing Horst an. Anna unterbrach ihn sogleich.

“Er besagte, dass man sich der ‘Endriagen vor den Toren des Dorfes’ entledigen sollte. Und das haben wir getan. Werft doch mal einen Blick aus dem besagten Tor hinaus. Dort krabbelt nichts mehr herum. Die Endriagen haben sich wieder in den Wald verkrochen und werden dort auch nicht mehr herauskommen.”, setzte die wissende Kriegerin fort und straffte die Schultern. Hjaldrist verkniff sich ein Schmunzeln und verschränkte die Arme vor der Brust.

“Sagt wer?”, wollte der misstrauische Bürgerratsvorstand Rognes wissen und langsam aber sicher verlor Anna die Geduld.

“Ich sage das.”, meinte sie bestimmend und man sah ihr an, wie sie sich fühlte: Genervt.

“Was, wenn Ihr Euch irrt?”

“Sie ist eine Hexerin!”, fuhr Hjaldrist jetzt scharf dazwischen und Anna dankte ihm im Geiste dafür “Stellt Ihr sie in solchen Angelegenheiten wirklich infrage?”

Horst zuckte zusammen, denn Rist schien auf ihn einen größeren Eindruck zu machen, als Anna. Warum auch immer. Lag wohl an seinem Geschlecht. An seiner Abstammung als Landsmann konnte es ja nicht liegen, denn wie ein gebürtiger, stämmiger Skelliger sah der Viertelelf ja bekanntlich nicht aus.

Der Vorstand atmete tief aus und gab sich geschlagen. Mehr oder weniger jedenfalls, wie man es gleich feststellen würde. Entnervt nickte er, zögerlich und langsam.

“Also schön.”, meinte er “Ihr bekommt die ursprüngliche Belohnung, doch keine Münze mehr. Die Endriagen sind fort, doch der Rest interessiert mich nicht.”

Anna sah aus dem Augenwinkel vielsagend zu ihrem Kumpel hin, dessen Gesicht steinern wurde. Es war ein stummes ‘Ich hab’s dir ja gesagt’. Der Mundwinkel des Schönlings zuckte unzufrieden. Doch er verkniff sich jegliche weiteren Kommentare, denn es brächte ja auch nichts mit dem sturen Horst herumzustreiten. Und jenem drohen, das würden die Ungeheuerjäger nicht. Dafür waren sie einfach zu nett.

“Sehr gnädig. Wirklich.”, brummte Anna wenig begeistert. Sie und der mit dem gezwirbelten Bart würden sicherlich keine Freunde mehr werden, so viel stand fest.

 

*

 

Hjaldrist warf seinen schweren Rucksack auf den hölzernen Boden des Tavernenzimmers, das sie sich angemietet hatten. Vorgestern hatten sie die singende Nymphe des Bergsees erledigt und dafür an die fünfzig Goldstücke bekommen. Das war ganz schön viel Geld und es war verwunderlich, dass die wenigen Leute Rognes überhaupt so viel besessen hatten. Angeblich lebte hier eine wohlhabende Familie und ein altes, reiches Ehepaar. Die einen handelten mit Holz, die anderen hatten in Kaer Trolde eine Art Pfandhaus besessen und sich nach einem lohnenden Leben in diesem Metier nach Rogne abgesetzt, um ihren Lebensabend in dem ruhigen Örtchen mit der schönen Aussicht zu genießen. Vermutlich kam ein Großteil der Belohnung für die vermeintliche ‘Hexerin und ihren Schüler’ von ihnen. Die besagten Reisenden hatten sich also das beste Zimmer im Gasthaus geleistet. Es war wunderbar einmal wieder in echten Betten schlafen zu können und sich nachts nicht in voller Montur und zwei Decken einwickeln zu müssen, um am Lagerfeuer oder im Zelt nicht zu erfrieren.

Der Endriagenauftrag, der in einer Begegnung mit einem Gorgo geendet hatte, hatte den beiden Abenteurern dann noch einmal fünf Goldmünzen eingebracht. Dazu kamen die dreizehn wertvollen Skoffinfedern. Es hatte sich also mehr als nur gelohnt nach Rogne zu kommen, in dieses Kaff, das so fürchterlich langweilig wirkte. Anna und Rist hatten nun ein gutes Polster, wenn es um das liebe Geld ging, und Erstere hätte sich sogar neue Stiefel leisten können, hätte der Schuster ihre alten heute nicht wieder fachmännisch zurechtgemacht und sogar geputzt. Dafür, dass er im Gwent verloren hatte, hatte er das getan. Ja, so, wie es gerade war, ließ es sich leben. Und andere Leute hätten sich wohl erst einmal auf die faule Haut gelegt. Doch wer wären Anna und Rist denn gewesen, hätten sie gefaulenzt?

“Also…”, fing der Jarlssohn im Bunde an und er strich sich die Kleidung vorn etwas glatt, als seine dunklen Augen Anna suchten “Wissen wir denn, wo die Bienenstöcke sind?”

“Ja. Ich habe vorhin, am Metstand, noch kurz mit dem Imker gesprochen.”, die burschikose Novigraderin steckte sich gerade drei kleine Fläschchen in die Gürteltasche. Sie und Hjaldrist waren aufgerüstet und bewaffnet, dazu bereit aufzubrechen. Es war ihr dritter Tag in Rogne und sie hatten das Mittagessen gerade hinter sich. Es hatte frisch gegrillten Fisch mit Petersilienkartoffeln gegeben; ein gewöhnliches Gericht Skelliges. In Rogne wurde heute ein Fest gefeiert, durch das man dem Frühling Lebewohl sagte und den Sommer lautstark begrüßte. Dazu waren im Dorfzentrum viele bunte Bänder und Tücher aufgehängt worden, die sich in der warmen Brise bauschten. Es gab Musik, Tanz, Mjodr und Feuerstellen, über die auf Holzstöcke gespießte Fische gegrillt wurden. Es war eine schöne Feierlichkeit und da die ‘Hexe vom See Rognes’ zudem auch noch Geschichte war, waren die Bewohner des lauschigen Örtchens noch besserer Laune. Anna und Rist hatten sich die laute Feier des Dorfes die letzten Stunden über angesehen und neben dem Mittagessen auch einen Becher Bier getrunken. Gerade der Hexerstochter hatten der ganze Gesang und die Grillerei gefallen. Es hatte ihr regelrecht imponiert, denn sie hatte die skelliger Tradition den Frühling zu verabschieden nicht gekannt. Generell war sie bisher eher selten auf irgendwelchen Feiern gewesen, denn wie hätte sie auch dazu kommen können? In den Nördlichen Königreichen hatte man sie im Grunde oft belächelt oder schief angesehen. Sie hatte sich ob dem nicht besonders gerne in den Städten aufgehalten. Daneben war sie alleine gereist. Und Feste alleine zu besuchen machte keinen Spaß. Nun aber, hatte sie einen Begleiter. Dazu auch noch einen, der die hiesigen Gebräuche kannte und sich mit ihr vorhin, am Fest des Sommeranfangs, durch einen Marktstand voller Süßkram und Obst probiert hatte. Es war ziemlich unterhaltsam gewesen. Nun, da wollten die zwei Monsterjäger aber wieder an die Arbeit gehen. So schön es heute in Rogne auch war, so wollten sie nicht mehr allzu lange bleiben. Es zog sie hinaus in die Welt und deswegen hatten sie vor ihren letzten Auftrag dieser Ortschaft heute noch zu erledigen.

 

Anna und Rist lagen später lange auf der Lauer. Sie hatten sich ein Stück von dem kleinen Dorf entfernt, in dem die gut gelaunten Leute noch immer sangen und tanzten. Bestimmt würden sie das noch bis spät in die Nacht tun, denn das Wetter war schön und der Wein lecker.

Die beiden Abenteurer saßen also unweit des Grundstückes, das der Imker für seine Bienen nutzte. Vier Bienenstöcke waren dort aufgebaut, zwischen ein paar Büschen und Bäumen und nah am Waldrand des Forstes, der satt bis zum Gebirge hoch wucherte. Angeblich waren es vor den lästigen Bärenangriffen einmal mehr Stöcke gewesen.

“Ich bezweifle ja, dass wir den Bären heute noch zu Gesicht bekommen.”, seufzte die Novigraderin, die mit ihrem Freund hinter einem Busch saß “Im Dorf ist es zu laut. Kein Wildtier traut sich da zu nah heran.”

“Hm.”, machte Rist skeptisch “Der Bär kommt doch auch sonst nah an den Ort heran. Sieh nur, wie nah das Dorfinnere ist… das ist doch per se seltsam.”

“Stimmt schon.”, brummte die Kurzhaarige, die gelangweilt im Gras saß “Ich habe einfach keine Lust mehr darauf noch länger hier zu bleiben. Den Auftrag will ich mir aber auch nicht entgehen lassen…”

“Ein Dilemma.”, kommentierte Hjaldrist schmunzelnd und Anna quittierte dies mit einem verhaltenen, entnervten Stöhnen, das mehr der langweiligen Situation galt, als ihrem witzelnden Freund. Sie fuhr sich mit der behandschuhten Hand durch den Nacken, sah sich um und fing dann damit an in ihrem Rucksack herum zu wühlen, der neben ihr auf der Wiese stand.

“Willst du zum Fest zurück? Wir können auch morgen nochmal kommen.”, schlug der anwesende Skelliger vor. Ein verlockendes Angebot, wenn man an Speis, Musik und Trank in Rogne dachte. Anna schüttelte dennoch den Kopf und zog ihr Gwent-Deck aus dem Rucksack hervor. Auffordernd legte sie es vor sich hin und ihr Blick traf fragend auf ihren Kumpel.

“Spielen wir ne Runde.”, meinte sie. Schließlich war Kartenspielen doch ein besserer Zeitvertreib, als Löcher in die Luft zu starren und sich den Hintern tatenlos platt zu sitzen. Hjaldrist lächelte schief, dann nickte er. Und die beiden Freunde, die sich in der Wiese gegenübersaßen, spielten lange miteinander, während die Leute im entfernten Dorfzentrum klatschten, jubelten und sangen. Das Fest zur Sommerbegrüßung war nach ein, zwei Stunden des Wartens auch noch am frühen Abend im vollen Gange. Man konnte die Leute bis hierher, in die Nähe der Bienenstöcke, lachen, klatschen und singen hören. Ein gesunder, normaler Bär hätte sich eher im Wald versteckt, als hier herum zu laufen. Und dennoch: Gerade, als Anna eine Nekker-Karte ausspielte, nahm sie im Augenwinkel eine vage Bewegung wahr und hielt sofort inne. Sie sah auf, horchte und drehte den Kopf alarmiert in die Richtung des niedrig eingezäunten Imkergrundstückes. Ihre Augenbrauen wanderten hoch und augenblicklich duckte sie sich ein wenig und rutschte etwas weiter hinter das Gebüsch, das zwischen der Imkerei und dem Platz, auf dem sie saß, wuchs. Rist tat es ihr gleich und hatte das große, zottelige Tier weiter vorn ebenso längst erkannt. Zum Glück dämmerte es erst und somit war die Umgebung in die letzten, rötlichen Sonnenstrahlen getaucht. Wäre es finstere Nacht gewesen, hätten die Abenteurer den Bären kaum gesehen, nur gehört. Nun aber, konnten sie ihn von der Entfernung aus gut erkennen. Mühelos kletterte er über den Zaun des Imkers hinweg, denn schließlich reichte der einem Mensch lediglich bis zur Hüfte. Und dann steuerte das große Tier zielstrebig auf die Bienenstöcke zu.

“Ich glaub’s nicht.”, atmete Anna und fasste an ihren gewickelten Schwertgriff.

“Ja, wer hätte sich das gedacht…”, sagte Hjaldrist beipflichtend “Was machen wir?”

“Wir schleichen uns an, soweit es geht und greifen ihn dann an?”, schlug die kampfbereite Frau aus Ermangelung anderer Optionen vor. Denn Verscheuchen brächte nichts. Der Bär würde wiederkommen, um auch noch die übrig gebliebenen, heilen Bienenstöcke zu zerstören.

“Mhm. Ich könnte mir aus dem Pelz nen schönen Mantel machen lassen.”, flüsterte Rist amüsiert. Seine burschikose Kollegin schmunzelte. Und dann setzten sie sich auch schon in Bewegung. Sie kamen gleich erstaunlich weit an den hungrigen Bären heran, ohne, dass jener sie beide bemerkte. Seltsam für ein Wildtier, das eigentlich weglief, sobald es nur im Entferntesten Gefahr witterte. Doch der Vierbeiner war offensichtlich so auf die Bienenstöcke fixiert, dass er unvorsichtig war und kaum noch auf seine direkte Umgebung achtete. Er hörte die zwei Monsterjäger erst, als jene über den hölzernen Zaun der Imkerei sprangen. Hjaldrist’s Kniekacheln schepperten, Anna’s Füße kamen schwer am Boden auf und der Bär fuhr brummend herum, die eine Tatze voller Honig und mit unzähligen, verärgert schwirrenden Bienen im Rücken. Die hastende Kräuterkundige war sogleich bei dem Unfriedenstifter und schlug mit einem Kampfschrei auf den trockenen Lippen zu: Mit dem Schwert holte sie weit aus und sirrend ging jenes hernieder. Der Bär, völlig durcheinander gebracht von dem plötzlichen Angriff, warf sich herum und entkam nur dadurch der tödlich aufblitzenden Klinge der Frau. Schon war Rist neben dem großen, pelzigen Vierbeiner. Wuchtig und mit Schwung warf er sich einfach so gegen jenen und brachte ihn damit stark ins Wanken. Der Braunbär wich ab, grollte verärgert und stellte sich drohend auf die Hinterbeine. Mit den vorderen stampfte er ungeschickt und traf keinen der beiden wendigen Abenteurer. Der Geifer tropfte dem zornigen Tier vom Maul, als es ein lautes, tiefes Grölen ausstieß. Es schüttelte sich, schlug erneut mit der krallenbewehrten Pranke zu und schnappte mit den spitzen Zähnen nach Anna. Vergebens. Und als sei das Tier so intelligent eine drohende Niederlage zu bemerken, riss es sich aus dem bloßen Instinkt sich wehren zu müssen und wendete sich ab, lief los. Ja, tatsächlich, der riesige Bär floh einfach.

“Ihm nach!”, Anna riss das Schwert in die Höhe und Rist eilte bereits an ihr vorbei, um dem massigen Honigdieb zu folgen. Er machte einen Satz über den niedrigen Imkerszaun und rannte so schnell, wie er nur konnte. Und die Novigraderin folgte, obwohl sie sich dabei etwas dämlich vorkam. Ja, denn eigentlich jagte sie doch Ungeheuer und Monster. Keine einfachen Bären. Im Grunde waren sie und ihr Kumpel auch viel zu versiert für ein einziges Exemplar dieser pelzigen Waldbewohner. Der Braunbär sollte ihr also leidtun. Sie seufzte tief aus, doch hetzte dem Vierbeiner mit dem braunen Zottelfell weiterhin nach. So weit, bis er an einen schmalen Felsvorsprung kam unter dem es meterweit senkrecht nach unten ging. Der Bär stoppte gerade noch so, warf den Kopf herum, brummte laut und atmete hektisch. Er schien keinerlei Ambition mehr dahingehend zu haben seine hartnäckigen Verfolger zu attackieren. Für ein Tier wie ihn, das hier so sehr in der Klemme saß, war das äußerst ungewöhnlich. Jedes wilde Geschöpf wehrte sich schließlich, wenn es bedrängt und angegriffen wurde. Erst recht, wenn es eigentlich zu den Raubtieren zählte, die nicht viele Feinde hatten. Und genau aus diesem Grund hielt Anna schlussendlich an, anstatt auf den Bären loszustürmen, der da am Rande der Klippe stand und unruhig herumtänzelte. Sie streckte den Arm in einer stummen Geste an Rist aus, damit auch jener innehielt, und anstatt das Tier blindlings zu attackieren oder vom Fels zu stoßen, näherten sie sich jenem jetzt langsam, prüfend. Der Braunbär hatte entweder enorme Angst oder er wollte den anwesenden Menschen nichts antun. Warum? Es passte nicht und stank bis zum Himmel. Und Hjaldrist, der forderte all dies mit einem Mal heraus. Er machte unerwarteter Weise einen heftigen Schritt auf den Vierbeiner zu, blaffte jenen dabei an und erhob die Axt gefährlich. Anna wusste, dass der kluge Undviker hier gerade nur Grenzen austestete und den Bären reizen wollte, weil auch er nicht glauben wollte, dass das Wildtier sich verhielt, wie ein panisches Kätzchen. Und diese Masche funktionierte. Dies mit solch einem unwirklich anmutenden Ausgang, dass es Anna die Kinnlade beinah bis zu den Knien klappen ließ: Vor ihren Augen brüllte der Bär auf und seine großen Kiefer mit den spitzen Zähnen schrumpften. Die braunen Zottelhaare verschwanden von seinen Pranken, dem Gesicht dem Rücken, und er streckte das Kreuz durch. Es war auf eine morbide Art faszinierend. Und ehe sich die perplexe Giftmischerin am Platz versehen konnte, stand da ein Kerl vor Hjaldrist und ihr. Ein völlig gewöhnlicher Typ mit kurzen, braunen Haaren und Vollbart. Nach seiner vorangegangenen Verwandlung war er nackt, bedeckte sich, Melitele sei Dank, aber sofort mit den Händen. Anna’s Augen hatten sich im Unglauben geweitet. Und auch ihr Kumpel stand nunmehr regungslos da und gab irgendetwas von sich, das klang wie ein irritierter, leiser Fluch.

“Wartet!”, der ehemalige Bär, der nun ein Mann von etwa vierzig Jahren war, bat Hjaldrist, der sich zuvor noch groß gemacht und herum geblafft hatte, darum aufzuhören.

“Ich will niemandem etwas zuleide tun!”, wehrte sich der Fremde mit schnellen Worten. Und Anna fing an zu verstehen. Ja, klar! Dieser seltsame Kerl hier war nicht weggelaufen, weil er Schiss gehabt hatte. Er war davongestoben, weil er nicht hatte kämpfen wollen. Weil er kein Mörder war. Er war zwar einer der Vildkaarle, der sogenannten ‘Bärenberserker’, doch das hieß nicht, dass er unzivilisiert war und sich alles erlaubte. Das einzige, das er heimlich tat, war es den örtlichen Imker zu ruinieren.

“Was zum Geier?”, konnte man Rist maulen hören, als sei es völlig gewöhnlich einen Vildkaarl anzutreffen “Was soll das?”

“Ich kann es erklären!”, der Bärenmann, der sicher um einen halben Kopf größer war, als seine Jäger, hob die Hände abwehrend vor sich, was dazu führte, dass er sich die Scham nicht mehr bedeckte und Anna den Blick betreten abwendete. Rist aber, den störte das in keinster Weise.

“Ja, dann mach das mal!”, forderte der Undviker rüde “Was soll die Scheiße mit den Bienenstöcken?”

“Ich… äh-”, stammelte der konfrontierte Braunhaarige und Hjaldrist hielt seine Waffe noch immer demonstrativ in beiden Händen. Die vorherrschende Stimmung war äußerst angespannt.

“Raus mit der Sprache!”, tönte Rist herrisch.

“Ja, ja… schon gut!”, keuchte der Nackte überwältigt “Ich… ich wollte Holm eins auswischen!”

“Was?”

“Ihm… gehören die Bienen. Und naja-”

“Und dafür verwandelst du dich in einen Bären und zerstört seine Bienenstöcke?”, maulte der Schönling fassungslos.

Der blasse Fremde senkte den Blick stumm und blieb peinlich berührt stehen. Auch hielt er sich die Hände wieder vor den Schritt, wofür Anna mehr als nur dankbar war. Es vergingen einige Augenblicke des Schweigens. Niemand sagte etwas. Der ertappte Vildkaarl betrachtete seine Zehen, Rist starrte den Typen an, als wüsste er nicht, was er von jenem halten sollte, und Anna stand da, wie bestellt und nicht abgeholt. Sie kramte in ihrem Kopf nach passenden Worten, nach Fragen. Und sie fand auch eine. Na, immerhin.

“Und… warum wolltet Ihr diesem Holm eins auswischen? Was hat er getan?”, wollte die Frau neugierig wissen und sah dem Bärtigen abwartend entgegen. Ungeduldig wechselte sie das Standbein und verschränkte die Arme locker vor der Brust.

“Er ist ein Bastard.”, kam es relativ schnell und abfällig als Antwort “Er hat mir meine Hilda ausgespannt.”

Rist warf Anna über die Schulter einen Blick zu.

“Das rechtfertigt aber nicht, dass Ihr sein Hab und Gut zerstört. Wie viele Bienenstöcke sind kaputt? Acht, neun?”, konterte die unzufriedene Novigraderin, die sich eigentlich eine bessere Erklärung erhofft hatte.

“Oh, ihr zwei habt ja gar keine Ahnung!”, brummte der Fremde. Noch immer sah er nicht auf und verengte die Augen böse, während er seine Füße betrachtete.

“Das stimmt. Und das will ich auch nicht. Echt nicht. Hört einfach auf mit dem Scheiß und zahlt uns eine Entschädigung. Dann sagen wir unserem Auftraggeber, dass wir Euch, den dreisten Honigdieb, von der Klippe gestoßen haben und die Sirenen längst an euch nagen.”, schlug die versierte Hexerstochter vor. Gewitzt verlangte sie natürlich nach Geld, denn sie wusste, dass jetzt nichts mehr daraus werden würde dem Imker einen Bärenschädel vorbei zu bringen. Der Vildkaarl hob den Kopf, um Anna verbissen anzustarren.

“Oder macht weiter und wir verpetzen Euch. Mir ist es einerlei.”, sie zuckte mit den schmalen Schultern und tat gleichgültig. Doch ganz tief im Innern hoffte sie inständig darauf, dass der nackte Mann anbeißen würde.

“Nein! Ihr könnt es den anderen nicht sagen!”, schnappte jener sofort und man sah ihn trocken schlucken “Niemand würde mich mehr in Rogne haben wollen! Das ist Erpressung!”. Anna schnaubte grimmig amüsiert und lächelte überlegen.

“Na also. Dann lasst das sinnlose Zerstören sein und bezahlt uns. Euer Imkerfreund hätte uns fünfzig Kupferstücke für einen toten Bären gegeben. Bestimmt könnt Ihr das überbieten.”, meinte sie fordernd und Rist nickte zustimmend. Man hörte den Bärenmann lange seufzen. Doch er gab nach. Er musste. Denn einen anderen Weg weiterhin in Rogne leben zu können und dabei keinen fragwürdigen Ruf und sehr böse Blicke der Nachbarn zu kassieren, gab es nicht.

“Also gut.”, grummelte der Kerl daher nurmehr und beendete damit die letzte, örtliche Aufgabe der beiden ambitionierten Monsterjäger, die voraussichtlich schon morgen abreisen könnten “Ich gebe euch fünfundfünfzig Kupfer. Aber bitte erzählt niemandem von meinen Taten.”

Kommentare zu Kapitel 16

Kommentare: 0