Kapitel 18

Manche Abschiede sind für immer

Hans Lund, der vermeintliche Professor aus Oxenfurt, hatte Freunde und Bekannte in Cintra. Im Stadtzentrum befand sich eine mittelgroße Universität, die der Zauberer auf seiner Reise besuchen wollte. Denn ehemalige Schüler seiner Lektionen in Oxenfurt lehrten hier nun und auch der Zauberer selbst hatte vor einen Vortrag über irgendwelche Edelstein-Projektionen zu halten. Anna hatte ihn nicht so recht verstanden, als er davon erzählt hatte, obwohl ihr einige wissenschaftliche Begriffe aus den Büchern in Kaer Morhen geläufig waren. Aber es war ja auch einerlei. Wichtig war, dass der freundliche Hans sie dazu eingeladen - nein, aufgefordert - hatte ihn zu begleiten. Man könne Hjaldrist in der Universität helfen, denn es gäbe dort auch Heiler, und das war Grund genug, dass Anna mit dem Professor ging.

Rist war noch immer völlig benommen und hätte die geschaffte Novigraderin ihn nicht vor wenigen Minuten wachgerüttelt, läge er immer noch zitternd unter Deck der ramponierten Serena. Nach wie vor plagte ihn das hohe Fieber und er war beängstigend bleich um die Nase, schwitzte und fröstelte stark. Anna hatte sich einen schlaffen Arm des Mannes um die Schultern gelegt, um ihn zu stützen. Eine Hand hatte sie dabei um seine Taille geschoben, um ihn zu halten, damit er nicht noch gen Grund sackte. Hans Lund ging mit raschelnder Robe neben ihr her und plapperte irgendetwas von faszinierenden Lehren irgendwelcher astronomischer Erkenntnisse oder so ähnlich. Die besorgte Kurzhaarige hörte ihm nur mit einem Ohr zu. So dankbar sie ihm auch für seine Hilfe war, so entnervt war sie nämlich auch. Rist’s erbärmlicher Zustand nahm sie mit und das beachtlich. Der Skelliger hing schwer an ihren Schultern und seine Schritte waren mehr als nur wackelig. Ab und an wäre er gar gestolpert, hätte die Frau ihn nicht gehalten.

“Wir sind bald da.”, murmelte sie ihm gutmütig zu, obwohl sie keine Ahnung davon hatte, wo sich die Universität von Cintra genau befand. Es war, als wolle sie mit dieser geflüsterten Aussage nicht nur ihren kranken Freund beschwichtigen, sondern auch sich selbst. Aus dem Augenwinkel sah Anna zu Hans hin, der Apfelstrudel am ledernen Zügel hinter sich herführte. Lin saß vermummt auf dem braunen Pferd und warf immer wieder besorgte Blicke unter seiner Kapuze hervor. Sie hatten versucht Hjaldrist ebenso auf das Reittier zu verfrachten, weil es ihnen den Weg durch Cintra vereinfacht hätte, hätte er darauf gesessen. Doch abgesehen davon, dass es der arme Kerl nicht einmal auf den guten Apfelstrudel hinaufgeschafft hatte, hätte er sich darauf wohl kaum halten können und wäre wie ein Sack Kartoffeln vom Rücken des Pferdes gefallen. Darum schleifte Anna ihn nun ächzend neben sich her und hoffte auf eine baldige Ankunft in der örtlichen Akademie. Immer wieder fielen ihr dabei Soldaten auf, die zu zweit und rüstungsschepernd durch die Straßen patrouillierten; in schwarzen Mänteln und mit goldenen Sonnen auf Schilden und Waffenröcken. Sie waren Nilfgaarder. Ja, richtig. Die Hexerstochter, die sich im Grunde stets aus der Politik heraushielt, hatte von dem Einfluss dieses Emhyr var Emreis, dem Kaiser der Schwarzen, in Cintra gehört. Die Lage zwischen ihm und König Radovid galt als unsäglich angespannt und viele Leute sprachen bereits von einem drohenden Krieg, der alles verschlucken würde. Eine Angelegenheit, die Anna auf den abgelegenen Skellige-Inseln, die gerade so weit entfernt erschienen, komplett vergessen hatte. Aber so war es eben, wenn man nicht direkt mit den Politikern zu tun hatte und sich nur darum kümmerte das nächste Monster zu erschlagen. Man irrte durch kleine Dörfer und neblige Wälder, vergaß dabei schon mal das Datum oder die Uhrzeit. Das war oftmals wohl auch gut so.

 

Man konnte die Universität in Cintra nicht mit der allerorts bekannten Akademie Oxenfurts vergleichen. Sie war viel kleiner und nicht besonders imposant, nur ein Gebäude unter vielen. Und dennoch war das Hauptgebäude geräumig und die Nebenräume gut strukturiert. Etwa zehn Vortragende lehrten hier, hatte Hans gemeint, und Studenten gab es an die vierzig mehr. Die Leute studierten hauptsächlich Weltbilder, Astronomie, Philosophie und Geschichte. Nebenher gab es einen Medizinflügel mit ein paar wenigen feinfühligen Frauen und Männern, die später als Feldschere zur Armee gehen wollten. Und gerade jenen hatte Hans Anna vorgestellt. Kurz und knapp hatte er die geschäftigen Studenten dazu angewiesen zu helfen und sofort hatten sich welche dieser Leute Rists angenommen. Einer der Medizinprofessoren, ein alter Kerl mit einem gruseligen Glasauge, war ebenso dazu gestoßen und hatte das Geplapper Hans Lunds mit klugen Ausführungen über Verbrennungen verschiedener Grade ersetzt. Und während Anna auf einem ungemütlichen Stuhl im studentischen Behandlungszimmer saß, das über vier harte Krankenliegen verfügte, beugten sich zwei der zukünftigen Feldärzte über den verwundeten, keuchenden Skelliger. Es roch stark nach Formalin und Äther. Die stumme Novigraderin fühlte sich ein wenig fehl am Platz und fand, nervös wie sie war, kaum eine passende Sitzposition. Sie ruckelte etwas umher, seufzte, sah ihren dreckigen Stiefeln entgegen. Ihr und Rist’s Gepäck lagen unweit am Boden herum und waren nach dem heftigen Vorfall auf der Serena noch immer feucht. Ihren Schwertgurt mitsamt den Waffen in den ledernen Scheiden hatte Anna über die Stuhllehne gehängt. Und sie wartete ungeduldig, während die auszubildenden Heiler eilig umher huschten und man Hjaldrist ab und an wirr und schmerzlich stöhnen hörte. Etwas Anderes konnte sie ja auch kaum tun.

 

Es vergingen zwei Tage, in denen sich am erbärmlichen Zustand Rists nur wenig änderte. Der verletzte Mann fieberte und schlief hauptsächlich. Er träumte dabei viel und schlecht, warf sich heftig schwitzend herum und schrie besonders nachts häufig auf. Zumeist sprach er dabei äußerst kryptisches Zeug. Irgendetwas über riesengroße Schwärme von Ziegenmelkern und die Wilde Jagd, über ewiges Eis und enorme Leichenberge. Manchmal auch über Undvik, vergiftete Pfeile, Anna’s erbärmlichen Tod und ein zerrendes Netz, das ihn fing und nicht wieder losließ. Es war das Gequassel eines Fantasierenden, sehr unheimlich, doch ganz offensichtlich auch völliger Blödsinn. Anna brachte derweil viel Zeit damit zu einfach nur zu warten. Immer irgendwo in der Nähe ihres Kumpels verweilend, las sie Bücher über Kräuterkunde der Unibibliothek oder häkelte recht wahllos irgendwelche Deckchen oder Schals, die sie an die hilfsbereiten Medizin-Studenten verschenkte. Lin hatte ebenso eines dieser Werke bekommen und sich tierisch darüber gefreut: Einen blauen Schal mit Fransen, der auf seine kleine Größe angepasst war. Der liebe Göttling hielt sich oft bei seinen Freunden auf, verschwand ab und an wieder stundenlang und kam des Öfteren mit Hans Lund wieder.

Am dritten Tag war das hartnäckig klammernde Wundfieber Hjaldrists dann endlich zurückgegangen. Dennoch schlief er noch die meiste Zeit über, denn sein Körper musste sich von all den enormen Strapazen, die er erfahren hatte, erholen. Einmal, da war der mitgenommene Mann sogar länger wach gewesen. Er hatte irgendwelche brummigen Dinge gemurmelt und zum ersten Mal alleine Suppe getrunken. Auch hatte sich der Schönling ohne Gegenwehr von Anna umarmen und drücken lassen, die sich gefreut hatte wie sonst was. Oh, endlich schien der Undviker wieder über dem Berg zu sein! Zwar war er fernab der Möglichkeit sich sofort wieder in seine Ausrüstung zu werfen und loszulaufen, um sein Abenteuer fort zu setzen, aber dennoch. Die erleichterte Giftmischerin, die kaum von seiner Seite gewichen war und all die Tage ebenfalls im Krankenflügel übernachtet hatte, war heilfroh darüber, dass er überhaupt überlebt hatte. Denn mittlerweile war er für sie so etwas wie zur Familie geworden. Zu dem großen Bruder, den Anna nie gehabt hatte.

Erst am fünften Tag sah man Rist dann durch das weitläufige Krankenzimmer humpeln, das nebenher auch dafür genutzt wurde neue Krankheiten zu erforschen und Leuten zu helfen, die sich einen echten Heiler nicht leisten konnten. Ja, bei den Göttern, erst letzte Nacht war hier drin unter lautem Geschrei und ungewöhnlichen Methoden ein Kind zur Welt gebracht worden: Mit Skalpell und Schere anstatt über den natürlichen Weg. Es hatte Stunden gedauert und danach hatten die Studenten damit angefangen mit ihrem Mentor über Nachgeburten zu fachsimpeln. Anna hatte sich währenddessen stur auf einem Hocker sitzend auf ihre Häkelnadel konzentriert und nicht hingesehen, denn die Geräusche, schmerzvollen Laute, der eiserne Geruch nach Blut und das Gerede über Plazenten hatten ihr durchaus gereicht. Hjaldrist hatte dem Geschehen ebenso den Rücken zugedreht und sich die Decke bis über beide Ohren hochgezogen. Am Morgen war die frisch zugenähte, bleiche Frau mitsamt Baby dann auch schon wieder weg gewesen, denn ihr grantiger Mann hatte sie schimpfend abgeholt. Anna war also recht müde, als sie just an einem der Tische am Zimmerende saß und eine grünliche, lauwarme Flüssigkeit betrachtete, die sie in einem Gläschen herum schwappen ließ. Sie drehte das Gefäß etwas zwischen den Fingern, zog sich eine weitere Phiole heran und ließ daraus einen kleinen Tropfen in das Glas laufen. Sofort färbte sich die stechend bitter riechende Tinktur lila. Anna runzelte die Stirn und sah aus, als hätte sie sich eine völlig andere Reaktion des Stoffes erwartet.

“Hä?”, machte sie leise.

“Was machst du da?”, fragte eine durchaus bekannte, etwas heisere Stimme und als sie den Kopf wendete, um hinter sich zu blicken, erkannte die Nordländerin ihren Freund aus Undvik. Er sah zwar matt aus, doch viel, viel besser als die letzten Tage über. Sein Gesicht hatte wieder etwas Farbe und er schien sich sogar die Haare gekämmt zu haben. Das war schön, denn zum ersten Mal mutete er wieder an, als stecke ein Lebensgeist in ihm. Nicht wie jemand, der knapp am Rande des Deliriums stand und sich nicht um sich oder seine Umgebung kümmern konnte. Über seinem einbandagierten Oberkörper und den dicken Kompressen, die man ihm seitlich an Taille und Bein angebracht hatte, trug der Skelliger eine leichte Baumwollhose der Universität. Zudem eines seiner weiten Hemden in Weiß, das nicht eng auf seine Brandwunde drückte. Sein Stand war noch immer nicht besonders sicher und er stützte sich soeben auf Anna’s Stuhllehne ab, doch man konnte sich von ihm ja auch keine Riesensprünge erwarten.

“Ich versuche etwas.”, antwortete die sitzende Hexerstochter. Sie war froh darüber ihren Freund hier stehen zu sehen und lächelte leicht.

“Kräuterproben-Kram?”, vermutete Hjaldrist mit schwer deutbarer Miene. Anna nickte und wandte sich wieder ihrer geliebten Arbeit zu.

“Die Universität hat einen großen Kräutergarten und ich habe mich dort bedienen dürfen. Die Leute hier sind wirklich sehr nett.”, erzählte sie und ehe Rist etwas sagen konnte, sprach sie weiter “Hans, falls du dich an ihn erinnerst, war vorhin hier und meinte, dass es im Gasthaus nebenan frischen Spargel gibt. Hast du schon mal welchen gegessen?”.

Der Kranke, der die Stirn gerunzelt hatte, gab einen angewiderten Ton von sich.

“Ich hab’s nicht so mit Gemüse.”, meinte er abfällig.

“So, wie du aussiehst, könntest du aber welches vertragen.”, konterte die schmunzelnde Frau, die die Hälfte der lila, stechend bitteren Flüssigkeit bedacht aus dem einen Glas in ein weiteres kippte, vorsichtig daran roch und daraufhin laut niesen musste. Rist seufzte schwer.

 

Dafür, dass Hjaldrist im Lazarett der Universität noch so angewidert die Nase gerümpft hatte, aß er kaum zwei Stunden später, als habe er in seinem Magen unendlich viel Platz. Zusammen mit Anna und Hans saß er in der gut besuchten Taverne ‘Am Eck’ und stopfte nun schon seine dritte Portion Spargel im Speckmantel in sich rein. Die anwesende Novigraderin verkniff sich einen blöden Kommentar und ein Grinsen; ihre amüsiert musternde Miene wurde weicher und zufrieden. Der arme Skelliger hatte die letzten Tage über ganz schön abgenommen. Besser, er aß nun ordentlich und kam wieder zu Kräften.

“Natürlich verstehe ich mich als Vertreter des Heliozentrischen Weltbildes.”, erzählte Hans neunmalklug weiter, als er seinen weißen Spargel klein schnitt und aus einer kleinen Karaffe am Tisch reichlich dickflüssige, gelbliche Soße darauf kippte “Denn allein schon die Krümmung des Horizonts, die man zur See wahrnehmen kann, spricht doch dafür.”

Anna lenkte den Blick wieder von ihrem Freund fort und fixierte den hageren Professor, der sich eine neue Brille mit dicken Gläsern geleistet hatte. Er kniff die graublauen Augen nun nicht mehr angestrengt zusammen, wenn er einen ansah, doch dafür wirkten jene hinter dem Brillenglas nun riesengroß. Es sah ulkig aus.

“Und die Erde bewegt sich elliptisch um die Sonne, nicht kreisrund.”, fügte die Novigraderin hinzu. Hans wirkte positiv überrascht und lächelte breit, nickte.

“Ihr habt studiert.”, stellte er fest, während im Hintergrund jemand mehr schlecht als recht auf einer quakenden Schalmei spielte. Menschen lachten und klapperten mit Geschirr.

“Kann man so sagen.”, bestätigte die burschikose Kriegerin. Zwar war sie bei Weitem nicht so gelehrt, wie die intelligenten Studenten der Akademien, doch auch in Kaer Morhen lernte man früh etwas über die Welt und die Entstehung der Menschheit. Hexer waren nämlich keine abergläubischen Trottel, die behaupteten, dass die Erde eine flache Scheibe sei und die alle Leute darauf von einem größeren Wesen im Himmel oder sonst wem erschaffen worden wären. Sie waren Realisten. Manchmal gar so sehr, dass es schmerzte.

“Gut, gut.”, freute sich der Zauberer mit dem kahlen Scheitel und vermischte seine Kartoffeln mit der dicken Soße, in der seine Portion Spargel schwamm “Es ist immer schön sich in gelehriger Gesellschaft zu befinden.”

Unweigerlich - und die aufmerksame Anna wusste nicht, ob es Absicht war - sah Hans jetzt stumm zu Rist hin. Über jenen wusste er so gut wie nichts und der mampfende Skelliger musste in seinen Augen wie ein gewöhnlicher Haudrauf erscheinen. Wie ein Söldner, der einer ‘Nicht-Hexerin’, wie der Oxenfurter die Novigraderin stets vielsagend betitelte, einfältig hinterherlief. Bestimmt dache Hans, Rist hätte nicht so viel im harten Schädel. Und natürlich fiel dem essenden Undviker der etwas arrogant taxierende Blick des Älteren auf. Er hielt inne, schluckte seinen letzten Bissen Speck runter und hob den Kopf fragend an.

“Hm?”, brummte der pikierte Dunkelhaarige, der ob seiner Verletzungen, die trotz der Schmerzmittel höllisch wehtun mussten, etwas mürrisch war. Und augenblicklich schien er zu verstehen. Sein Ausdruck lockerte sich ein wenig, besaß auf einmal einen Funken belustigter Schadenfreude.

“Bei einer Sonnenfinsternis handelt es sich nicht um ein Omen, sondern lediglich um die Tatsache, dass sich der Mond, der die Erde umkreist, zwischen jene und die Sonne schiebt.”, gab der Krieger im luftigen Hemd zum Besten und bewies damit mehr, als gut, dass er KEIN Axtkämpfer mit der Intelligenz eines Steinbrockens war. Er, als Jarlssohn, hatte in der Kindheit natürlich teuren Privatunterricht genossen und war alles andere als dumm. Hans machte große Augen, wirkte perplex und begeistert zugleich.

“Na, sieh mal einer an!”, entkam es ihm “Ich habe Euch offenbar unterschätzt, Söhnchen.”

Anna schnaubte ob dem erheitert, während sie einen Happen Spargel mit Speck in Soße tunkte. Sie konnte es nahezu fühlen, wie Rist’s Brust neben ihr stolz schwoll. Zurecht.

“Ihr beide wärt wirklich gute Studenten. Ja, wahrlich. Ihr solltet darüber nachdenken die Universität zu besuchen.”, entkam es dem lachenden Hans Lund.

“Keine Zeit.”, antworteten die zwei Vagabunden im Chor. Ja, sie hatten keine Zeit für solche langwierigen Dinge. Und auch nicht das Geld dafür, denn Studieren war immens teuer. Abgesehen davon war die Aufforderung des anwesenden Zauberers wohl eh nur rhetorischer Natur gewesen. Eine Floskel.

“So, so. Na dann.”, machte der essende Mann mit der Halbglatze schmunzelnd “Dürfte ich denn fragen, wohin ihr unterwegs seid?”

Eine Frage nach der Anna’s Ausdruck nachdenklicher wurde. Sie kratzte sich auf ihren Spargel schauend am Kinn und spürte den Blick ihres besten Freundes abwartend an sich kleben. Es war klar, dass sie entscheiden müsste, wohin es als nächstes ging.

“...Toussaint.”, sagte sie dann langsam und nickte, als wolle sie sich selbst zustimmen “Ja, ich habe gehört, dass dort ein Wissenschaftler und Alchemist leben soll, der sich mit Dingen auseinandersetzt, die ich erforsche. Ich muss ihn finden und mit ihm sprechen.”

Hans hob die buschigen Augenbrauen über der Klemmbrille. Rist’s Brauen schnellten hoch und seine Mimik entgleiste. Irgendwo im Hintergrund fiel ein Betrunkener singend von einer der alten Tavernenbänke. Die dickliche Schankmagd mit dem weiten, wippenden Ausschnitt erschrak so sehr, dass sie in die Höhe sprang und dabei schrie.

“Toussaint?”, wollte der heisere Undviker verdattert wissen und aufgrund seines Tons war unklar, ob ihm die Idee nun gefiel oder ob sie ihn völlig abstieß.

“Oh, Toussaint!”, lächelte der oxenfurter Zauberer am Tisch hingegen angetan “Ein schöner Ort. Jedenfalls von außen betrachtet. Richtig märchenhaft. Dennoch kann es dort ähnlich hässlich zugehen, wie hier. Die Leute verstecken widerwärtige Charakterzüge nur unter viel Schminke und teuren Stoffen.”

“Ich war noch nie dort.”, gab Anna aufrichtig zu.

“Es fühlt sich ein wenig so an, als käme man in eine andere Welt.”, erzählte Hans Lund und musste leise lachen “Aber ihr werdet ja sehen.”

Die braunhaarige Hexerstochter nickte und bemerkte, wie Hjaldrist neben ihr noch immer ziemlich verwundert dreinsah. Er hatte sogar damit aufgehört zu essen.

“Mhm.”, machte Anna und schien kurz zu überlegen, nach Worten zu suchen. Dann wagte sie es aber und sprach die Frage aus, die ihr so zäh auf der Zunge lag:

“Habt ihr dort jemals von jemandem gehört, der die Kräuterprobe erforscht? Von einem Doktor Murau… Moro… oder so?”, wollte sie wissen. Hans Lund sah daraufhin nicht so aus, als hätte er die leiseste Ahnung. Etwas, das er auch gleich bestätigen würde.

“Die Proben welcher Kräuter?”, hakte der irritierte Professor nach und die Kurzhaarige winkte sogleich ab. Nicht jeder wusste über die heikle Methode Bescheid Menschen zu Mutanten zu machen. In den Köpfen vieler wurden Hexer auch als verschriene ‘Missgeburten’ zur Welt gebracht, nicht mehr. Selbst Lehrer und Zauberer waren nicht allwissend.

“Ach, egal.”, sagte die Novigraderin daher betreten. Einen Versuch war es ja wert gewesen.

“Hmm… also wenn ihr zwei etwas über Kräuter lernen wollt, solltet ihr mit dem Druidenzirkel im Caed Myrkvid sprechen. Er befindet sich in Toussaint, östlich von Belhaven.”, schlug Hans wissend vor. Hjaldrist kräuselte die Stirn auf diese Aussage hin.

“Dunkelwald?”, übersetzte er skeptischen Untertons und der Oxenfurter mutete erneut äußerst erstaunt an.

“Ihr seid der Alten Sprache kundig?”, wunderte er sich. Rist zuckte aber nur lethargisch die Schultern. Für ihn war es keine große Sache, dass er die Sprache der Elfen verstand. Tatsächlich war es aber so, dass es schwer war die Alte Rede überhaupt zu erlernen. Neben den Aen Seidhe sprachen sie nur sehr gut geschulte Menschen, Magier und Zauberinnen flüssig.

“Ich nehme an, dass der Name von irgendetwas herrührt?”, fragte Anna sofort ganz kritisch. Denn war Toussaint nicht ein schillerndes Land mit kitschigen Namen, zwischen die die Bezeichnung eines dunklen Waldes nicht so gut passen mochte? Oder irrte sie sich?

“Ja, wahrscheinlich.”, lächelte Hans Lund leicht. Es war ein Ausdruck, der seine kurzsichtigen Augen nicht ganz erreichte.

“Doch ihr beide seid außerordentlich fähig, Kinderchen. Wäre ich mir dessen nicht sicher, dass ihr gut mit allen möglichen Schwierigkeiten umgehen könnt, dann hätte ich die Druiden nicht erwähnt.”, meinte der ältere Mann ehrlich und hatte Anna damit einen neuen, wagemutigen Plan in den Kopf gesetzt.

 

*

 

Zwei Wochen später befanden sich die Abenteurer wieder auf der Straße. Nach wenigen ruhigen und vielen unruhigen Nächten im Lazarett der Universität Cintras hatten sie den Weg gen Osten genommen, direkt an der Jaruga entlang. Diesem breiten Fluss, in dessen Nähe sie auf ihrem Marsch schon zwei Nächte lange im Zelt übernachtet hatten, wollten sie nun bis nach Sodden folgen und dann querfeldein in den Süden ziehen. An Belhaven vorbei, gen Caed Myrkvid. Es versprach eine lange, beschwerliche Reise zu werden, doch Anna und Rist sahen ihr recht positiv entgegen. Denn ENDLICH waren sie wieder unterwegs und konnten was erleben, arbeiten und ihren Zielen näherkommen. Nun, jedenfalls traf letzteres auf die Hexerstochter zu. Hjaldrist schien schließlich kein offensichtliches, genaueres Ziel zu verfolgen. Der Mann führte sein Pferd am Zügel hinter sich her. Anstatt darauf zu sitzen, hatte er all sein Gepäck und auch den Rucksack seiner Freundin darauf verstaut. So fungierte das sture Tier als Packesel, auf dem, zwischen den Sieben Sachen der Monsterjäger, ein Göttling mit blauem Schal saß und fröhliche Melodien pfiff. Dass Kurt verendet war, war schlecht gewesen. Natürlich war es angenehm zu reisen, wenn man keinen schweren Rucksack tragen musste, doch alles ginge weit besser und auch schneller, hätte man reiten können. So kamen die Abenteurer also nur langsam voran. Und sie verfluchten die Tatsache, dass die Pferde des Gestüts in Cintra so verdammt teuer waren. Zehn Goldstücke hatte der Besitzer desselben verlangt. Für sein ältestes Pferd! Anna hatte es an dem Punkt angekommen aufgegeben zu verhandeln und war brummig von Dannen gezogen. Irgendwo bekäme sie schon einen neuen Gaul. Einen billigeren, wohlgemerkt. Schließlich brauchte sie doch kein Pferd, mit dem sie Rennen gewinnen und Preise einheimsen könnte. Nur ein Tier für die anstrengende Reise, mehr nicht.

Es war am frühen Morgen durchaus angenehm den gewundenen Weg an der Jaruga entlang zu wandern. Der Fluss rauschte vor sich hin und die Dämmerung warf orangene Strahlen über die nahen Hügel. Obwohl es für die Uhrzeit schon relativ warm war, haftete am knöchelhohen Gras noch der Tau und machte einem die Stiefel nass. Die Vögel zwitscherten ihr Morgenlied und weit und breit war kaum eine Menschenseele zu sehen. Vor wenigen Momenten war Anna und Hjaldrist ein reisender Händler mit einem prall gefüllten Rucksack begegnet. Und davor waren unweit ein paar nilfgaarder Soldaten in schwarzen Mänteln vorbeimarschiert. Doch ansonsten war es richtig ruhig. Die Reisenden hielten sich am Weg, der sich kaum zwanzig Meter von der Jaruga entfernt durch die Ebene schlängelte und hier und da von Bäumen oder dichten, grünen Sträuchern gesäumt war. Es war ein schöner Tag und selbst Hjaldrist, dem die heilende Brandwunde nicht mehr wie wahnsinnig zu ziehen und zu jucken schien, war seit wenigen Tagen wieder guter Laune. Er war wieder so, wie früher, machte ab und an blöde Scherze und trainierte mit seiner Axt, wenn sie lagerten und es ihm zu langweilig wurde.

“Und nachdem er diese beiden Zutaten verwechselt hatte, wuchs der Maus, an der er den Absud ausprobierte, ein drittes Ohr.”, schmunzelte Anna breit, als sie plappernd neben ihrem Kumpel herging. Apfelstrudel’s Hufgetrappel begleitete sie dabei rhythmisch.

“Ein drittes Ohr?”, Hjaldrist zog die Brauen zusammen und sah skeptisch zu der Novigraderin hin.

“Ja, am Rücken. Mir war an dem Punkt klar, dass Adlet einen Fehler gemacht hatte. Aber er sah die ganze Angelegenheit wie, naja, eine Art neuen Durchbruch. So genial er auch war, so verrückt war er auch. Er fand die drei Ohren super.”, lachte die Kurzhaarige in sich rein. Sie konnte sich noch so gut an ihre erste Woche auf dem kleinen Drakensund erinnern, als sei es gestern gewesen.

“‘Verrückt’ ist gut.”, schnaubte Rist halbernst “Stell dir mal vor, DIR wäre ein drittes Ohr gewachsen…”

Anna verzog das Gesicht, als sie sich dies vorstellte. Lin summte ein seltsam schräges Lied über hohe Farne und kleine Käfer mit blauen Panzern.

“Also, nein, ich bin ganz zufrieden mit nur zwei Ohren...”, grinste die Kräuterkundige unbeschwert, zuppelte etwas an ihrem lockeren Schwertgurt herum und stellte ihn um ein Gürtelloch enger. Als sie flüchtig aufsah, erkannte sie, wie eine kleine Gruppe den Weg entlangkam. Wie bei dem Händler und den Soldaten zuvor, ging sie etwas zur Seite. Ihre Sohlen traten in das weiche, feuchte Gras abseits des Weges, damit sie gleich gut an den Fremden vorbeigehen könnte, denn die Straße war nicht allzu breit. Hjaldrist ging dicht neben Anna und hielt den Zügel seines trottenden Pferdes fest.

“Und bist du auch glücklich über die Sache mit den Flöhen, Flohbeutel?”, neckte der Skelliger in der grünen Tunika und bekam dafür einen kleinen Schubs von der Seite. Er lachte belustigt. Das Lachen verging ihm jedoch Augenblicke später, da Anna ihren sicheren Schritt zögerlich verlangsamte und auf einmal todernst geradeaus sah. Ihre braunen Augen hingen hart und mit einem Funken Unschlüssigkeit auf der Gruppe der vier Kerle, die sich näherten. Sie sahen nicht aus wie Soldaten, Händler oder Boten. Sie wirkten auch nicht wie normale Bürger oder Banditen. Denn ihre Kleidung war nicht spartanisch und ihre Körper hünenhaft. Und vor allem war Anna deren Bewaffnung aufgefallen. Natürlich. Denn die Fremden, die da kamen, trugen jeweils zwei Schwerter auf den breiten Rücken. Leicht kniff die Novigraderin die Augen zusammen, als könne sie so besser sehen. In diesem Moment hielt sie inne und blieb stehen. Hjaldrist, der einen Schritt später stoppte, warf ihr einen fragenden Schulterblick zu. Dann aber, folgten seine dunklen Augen denen seiner starrenden Freundin und hefteten sich ebenso an die Vier, die keine dreißig Meter mehr entfernt daher spazierten. Mit den Händen in den Taschen und ziemlich leger taten sie das. Sie hatten Anna und ihren Freund schon längst gesehen, das war klar. Klar war auch, dass sie entweder Hexer oder Schwindler, die sich als Mutanten ausgaben, waren. Niemand anders trug zwei Schwerter an einem Rückengurt. Die plötzlich so befangene Anna atmete einmal tief durch, denn sie hatte ihre Familie aus Kaer Morhen vor dem geistigen Auge: Jaromir, Vadim und Balthar. Wie jene nach dem Winter manchmal zusammen ausgezogen waren und sich dann bei der ersten Weggabelung getrennt hatten, um ihrer Wege zu gehen. Wie sie Anna zu sich gewinkt hatten, damit sie ein Stück weit mitkam, um am Ende mit ihrem Ziehvater zu gehen. Sie erinnerte sich an die zwei Schwerter, die jeder von ihnen bei sich getragen hatte. An die schönen, runenbesetzten Klingen mit den Lederwickelungen am Griff und den gegossenen Knäufen. Sie selber hatte damals nie zwei Waffen besessen. Nur eine: Ihr Stahlschwert, das sie nach ihrer langen Grundausbildung geschenkt bekommen und gegen ihre stumpfe Übungswaffe ausgetauscht hatte. Sie hatte immer herum gequengelt und gemault und sich manchmal das Silberschwert von schlafenden oder sturzbesoffenen Balthar stibitzt, um damit im Hof herum zu laufen. Mann, oh Mann, war der Kerl deswegen manchmal säuerlich gewesen. Tja. Und später, nachdem Anna durchgebrannt war, hatte sie hart gespart, um sich selbst eine Silberwaffe anfertigen zu lassen. Es hatte bei Weitem nicht für ein Bastardschwert gereicht, doch ihr Langdolch war ihr gut genug.

“Oh.”, entkam es Anna dünn.

“Wer sind die?”, murmelte Rist, der noch immer unschlüssig darauf wartete, dass sich seine still gewordene Kollegin rührte. Apfelstrudel scharrte ungeduldig mit dem Vorderhuf, streckte den Hals und schüttelte die Mähne, um ein paar Fliegen loszuwerden. Lin hatte damit aufgehört zu pfeifen.

“Hexer. Glaube ich.”, gab die Kurzhaarige dem wartenden Undviker zurück.

“Du ‘glaubst’?”

“Vielleicht tun sie auch nur so. Ich habe schon einmal solch einen Betrüger getroffen und ihm dafür ordentlich Eine aufs Maul gegeben. Er hatte zwei billige Stahlschwerter bei sich und einen dieser Hexer-Anhänger, wie man sie auf Jahrmärkten bekommt.”

Hjaldrist gab einen nachdenklichen Laut von sich. Er schien die Besorgnis im Ausdruck seiner Kumpanin nicht ganz nachvollziehen zu können.

“Wir sind keine Monster, also können wir denen doch egal sein. Und wenn es Stümper sind, wischen wir mit denen locker den Boden auf.”, meinte der dunkelhaarige Mann “Oder? Komm, Anna.”

Rist hatte Recht. Und dennoch kam Anna nicht umhin ein sehr schlechtes Gefühl zu verspüren, als die Fremden schon so nah waren, dass man ihre Ausrüstung bei jedem Schritt klappern hörte. Die Vier, die gelbe Schärpen oder Schals trugen, unterhielten sich und lachten rau. Und immer wieder sahen sie her. Anna senkte den Blick leicht, ging weiter und Hjaldrist blieb eng neben ihr. Er schien die seltsame Anspannung seiner Freundin zu fühlen, umfasste die ledernen Zügel seines Pferdes daher fester und beschleunigte seinen Schritt.

Als die vier vermeintlichen Hexer an den zwei Reisenden vorbeigingen und Anna neugierig in ihre Richtung schielte, blieb kein Zweifel mehr daran, dass es sich um wahre Mutanten handelte. Nicht um Betrüger. Ja, die wissende Novigraderin erkannte ihre auffallend unnatürlichen Pupillen in den goldenen Augen. Sie bemerkte all die Trankgürtel und -taschen, die sich an breite Schultergurte schmiegten oder sich um die Mitten der durchtrainierten Männer legten. Jeder von ihnen trug ein Hexermedaillon in der Form eines Greifenkopfes. Leicht klapperten die Anhänger gegen Kettenhemden und beschlagenes, festes Leder. Greifen. Anna zwang sich gewaltsam dazu fort zu sehen und fixierte einen willkürlichen Punkt in der Ferne vor sich. Hjaldrist zerrte den unruhigen Apfelstrudel, der plötzlich Anstalten machte stehen bleiben zu wollen, hinter sich her und fluchte leise.

Anna hatte schon einmal von den Greifen gehört. Balthar hatte ihr in der Kindheit von ihnen erzählt; kurz und knapp, aber dennoch. Er hatte von den verschiedenen Schulen geredet: Von den Giftmischern bei den Vipern, den leichtfüßigen Katzen, den standhaften Bären in ihren schweren Rüstungen, den säbelrasselnden Mantikoren aus Serrikanien und von den Greifen, die in ihren Moralvorstellungen und Aufnahmebeschränkungen nicht besser zu sein schienen, als irgendwelche dreckigen Söldner. Es mochte ja sein, dass Anna dahingehend etwas voreingenommen war, doch in ihrem Kopf waren die Greifen immer DIE Hexer gewesen, die aussahen, wie ein Haufen Taugenichtse mit katzenhaften Augen. Leute, die stümperhaft arbeiteten und dies zur Not auch unehrenhaft. Jedenfalls hatte ihr Mentor immer so von diesen Männern geredet. Doch war es wirklich so? Eigentlich hatte sie keine Lust darauf es heraus zu finden...

“Tse. Störrischer Gaul, was?”, als einer der fremden Männer innehielt, um Hjaldrist amüsiert schnaufend auf Apfelstrudel anzusprechen, schluckte Anna trocken. Sie sah sich sogleich um und erkannte, wie das besagte Pferd stillstand, wie ein bockiger Esel und nicht mehr weitergehen wollte. Lin, der darauf saß, hatte sich die Kapuze tief in das Gesicht gezogen. So, wie man es ihm angewiesen hatte. Erst gestern Abend hatte die Kurzhaarige ihn noch einmal ermahnt und ihm dringlich dazu geraten sich zu vermummen, wenn fremde Leute in der Nähe waren. Weil eben nicht jeder wusste was ein Göttling war und man ihn als Laie vielleicht schnell mit irgendwelchen bösartigen Ungeheuern verwechseln konnte.

“Kann man so sagen.”, brummte Rist unzufrieden. Der große Hexer mit der gelben Schärpe taxierte Apfelstrudel abfälligen Blickes, dann wanderten seine ockerfarbenen Augen mit den geschlitzten Pupillen gen Anna. Seine Miene erhellte sich in einer schleichenden Erkenntnis, die die Frau nicht zu deuten vermochte. Noch nicht. Auch die drei anderen Greifen hatten angehalten, um auf ihren Freund zu warten. Sie hatten sich zu ihm und den Vagabunden umgewendet, die Arme abwartend verschränkt und damit aufgehört miteinander zu plaudern.

“Na, sieh mal einer an!”, der Hüne mit der Schärpe, dem eine markante Narbe quer über das blasse Gesicht lief, musste grinsen. Er sah Anna eindringlich an, als er das tat, und augenblicklich fühlte sich die Jüngere ziemlich unbeholfen und nackt. Sie hatte keine Lust darauf sich mit einem Mutanten und seinen drei Freunden anzulegen, denn sie wusste nur zu gut, wozu diese Leute in der Lage waren. Sie war schließlich in der Gesellschaft von welchen aufgewachsen.

“Was hast du denn da, Kleine?”, wollte der raue Kerl wissen und Anna verstand zunächst nicht, was er meinte. Irritiert sah sie ihn an und wollte schon nachfragen. Dann nickte er in die Richtung ihrer kleinen Gürteltasche. Ihr verwirrter Blick sank auf jene und auf das, was da neben dem Behältnis am Gürtel hing: Ihr Wolfsmedaillon. Als die 20-Jährige wieder aufsah, war der viel ältere Greif nähergekommen, um sie eindringlich zu mustern.

“Woher hast du das, hm?”, fragte der Mann, während Rist im Hintergrund alarmiert aufhorchte und sich augenblicklich anspannte. Apfelstrudel schien ihm gerade ein sehr kleines Problem zu werden. Seine Hand wanderte abwartend, doch bereit, an seinen Axtgriff.

“Das war ein Geschenk.”, sagte Anna sofort und versuchte nicht zu zeigen, wie nervös sie wurde. Sie ballte die Hände zu Fäusten.

“Ein Geschenk?”, lachte der narbige Hexer. Seine drei Kollegen näherten sich nun ebenso; langsam und interessiert kamen sie her und nickten Rist dabei obligatorisch grüßend zu. Na großartig. Der Tag hatte doch so gut angefangen...

“Ja. Von meinem Vater.”, bestand Anna. Sie sah dem Größeren stur entgegen. Die goldenen Hexeraugen wanderten von ihrem Medaillon fort und hin zu ihren zwei Waffenscheiden. Als belustige ihn an ihnen irgendetwas, schmunzelte das Narbengesicht schief.

“Und woher hast du diese Waffen? Hast du sie etwa gestohlen, Kleine?”, hakte der Mann nach und die Novigraderin biss die Zähne zusammen. Sie ballte die Fäuste fester, entspannte sie aber gleich wieder und gab sich gelassen. Durch die Nase atmete sie flach aus. Ja, ganz ruhig jetzt.

“Nein. Sie gehören mir.”, sagte Anna ehrlich. Leider schien ihr der Greif aber nicht zu glauben. Er wollte plötzlich einfach so an den Gürtel der kleineren Frau fassen. Der Krieger haschte nach dem Wolfsamulett, doch die Giftmischerin wich gekonnt zurück, damit der dreiste Arsch den Hexeranhänger nicht in die Finger bekäme.

“Wir wollen keinen Ärger, also geht!”, sagte Anna sofort abwehrend und als sie beherzt zu einer weiteren Äußerung ansetzte, mischte sich ein zweiter Hexer ein. Ein etwas kleinerer Typ mit gelbem Leinenschal, der ihm fast bis zur spitzen Nase hoch reichte, war das.

“Veit, sieh mal.”, forderte jener aus dem Hintergrund das Narbengesicht auf und deutete dabei auf Lin. Anna glaubte, ihr stocke und gefriere das Blut in den Adern und auch Rist sah nicht minder beunruhigt aus. Zwar war er gefasster, weil er offenbar noch nie so direkt mit Hexern zu tun gehabt hatte, aber dennoch sah man ihm an, dass er gerade sehr, sehr gern an einem anderen Ort gewesen wäre. Zusammen mit Anna und dem kleinen Waldgeist, der nun heftig und ertappt auf Apfelstrudel zusammenzuckte.

“Was denn?”, Veit riss seine Aufmerksamkeit von Anna fort und lenkte sie auf den Göttling, der die Hand mit der blauen Haut gerade an sich zog und sie unter seiner Weste zu verstecken versuchte. Zu spät. Die anwesende Novigraderin warf Hjaldrist geistesgegenwärtig einen drängenden Blick zu und nickte hastig in die Richtung des Pferdes. Und der Skelliger verstand sofort. Er kam an die Seite von Apfelstrudel und verpasste ihm einen ordentlichen Klaps auf die Flanke. Ein Schlag, nach dem jedes normale Pferd wiehernd davongestoben wäre, wie der Teufel, mit klappernden Hufen und so schnell es nur konnte. Nur der Braune nicht. Er blieb einfach stehen, anstatt zu galoppieren und Lin damit in Sicherheit zu bringen. Scheiße.

Aufgerüttelt sah Anna von Apfelstrudel fort, zu Lin, dann zu Hjaldrist und den Hexern. Der mit dem gelben Schal zog auf einmal eines seiner Schwerter und dessen Silberklinge glitt dabei hörbar sirrend aus der ledernen Rückenscheide. Es war, als ob ein Köter eines wilden Hunderudels losbellte. Denn kaum einen Herzschlag später hatten auch die Freunde des Greifens ihre Klingen kampfbereit in der Hand.

“Lauf!”, brüllte Anna nur mehr aus voller Kehle und sah, wie Lin panisch vom Pferd hüpfte. Er lief wie von der Hornisse gestochen los und einer der Greifenhexer rannte ihm sofort hinterher. Hjaldrist eilte ebenso los, um dem laufenden Mutanten in die Quere zu kommen. Anna packte an den Griff ihres Langschwerts, zog es abrupt und ohne einen wirklichen Plan zu haben. Sie handelte blind und wusste nur eins: Sollte hier gleich ein wüster Kampf losbrechen, hätten sie und ihr bester Freund keine Chance. Gegen einen Hexer hätten sie vielleicht bestehen können, denn Anna kannte deren Tricks. Doch nicht gegen vier.

“Hört auf!”, schrie die Kurzhaarige herrisch dazwischen.

“Stopft der kleinen Schwindlerin und ihrem Freund die Mäuler!”, blaffte das Narbengesicht als Entgegnung “Und fangt den Nekker!”

Anna weitete die Augen und stutzte. Nekker? Lin war kein-

Oh verdammt!

Im Augenwinkel sah die gehetzte Frau, wie der Hurensohn mit dem Schal gestikulierte und Rist, das Aard auf zwei Beinen, mit einem richtigen Aard zurückwarf. Der ächzende Skelliger landete rücklings am feuchten Boden und kam gleich wieder gekonnt auf die Beine. Doch der Greif war schon an ihm vorbei, um Lin hinterher zu eilen. Der Undviker schien ihn nicht zu interessieren. Ein zweiter Greif folgte dem ersten auf dem Fuße, um nach dem vermeintlichen Nekker zu suchen. Unschlüssig sah der Jarlssohn ihnen nach, umfasste seine Waffe fest und wusste augenscheinlich nicht, ob er ihnen folgen sollte, um den Göttling zu retten oder ob es besser sei zu bleiben, um Anna zu helfen. Die besagte Hexerstochter wiederum, erhob die Stahlklinge bereits gegen diesen widerlichen Veit. Der Mann formte mit der freien Linken und gerade noch rechtzeitig Quen. Als die Schneide der schreienden Novigraderin auf ihn niederging, zerbarst der magische Schild und stob wie hunderte kleine, orange schimmernde Glassplitter auseinander. Apfelstrudel wieherte ob dem panisch, bäumte sich auf und lief davon. Dann schlug der groß gewachsene Hexer zu und verfehlte Anna, die sich unter dem wuchtigen Angriff weg duckte, nur um eine Haaresbreite. Das Adrenalin ließ ihr das Blut in den Ohren rauschen. Zugleich nahm es ihr aber jegliche Angst und drängte sie dazu so zu handeln, wie sie es jahrelang gelernt hatte. So, wie der penible Balthar es ihr mühsam in den Schädel gezwängt hatte. Und als sich die burschikose Frau herumwendete und sah, wie der Greif sein Schwert schwang, sah sie ihren Ziehvater. Wie jener das stumpfe Übungs-Langschwert in der Ochshut hielt, sie breit anlächelte und dazu aufforderte gleich in einer zur Abwehr passenden Haltung zu kontern. Wie mechanisch riss die Kurzhaarige das Schwert hoch und Metall klirrte laut gegen Metall. So fest, dass es ihr bis in den Ellbogen hoch vibrierte. Sie stieß ein Keuchen aus, ruckte mit dem Schwert nach oben und drängte die fremde Klinge mithilfe der geraden Parierstange von sich. Sie verlagerte das Gewicht gleichauf auf das linke Bein, trat mit dem rechten zu und traf. Doch leider nicht, wie gezielt, zwischen die Beine, sondern bloß den Oberschenkel des Mannes. Dennoch wankte er einen Schritt weit zurück und dies war die Gelegenheit für Anna mit einem Schwerthieb von oben nach zu setzen, um dem Greif mit sehr viel Glück den Scheitel zu spalten.

Anna hatte kein Glück. Denn die Gelbschärpe war zu schnell. Wie aus dem Nichts blies ihr das Narbengesicht lodernde Feuerglut entgegen. Igni. Die Frau sprang zur Seite und spürte, wie die Hitze gierig an ihr vorbei flammte. Schwer atmete sie ein, fuhr herum, wurde übermütig und kam dem Hexer beim nächsten Angriff viel zu nah. Als sie plötzlich keine Armlänge mehr von ihm entfernt stand und ihre Klinge gegen die des Greifens ächzte, drehte der Mann die Parier ein, hob den Waffengriff abrupt und schlug der Frau den Stahlknauf in einer flüssigen Bewegung ins Gesicht. Man hörte sie einen schmerzvollen Laut ausstoßen und sie taumelte gekrümmt zurück. Anna hielt sich gepeinigt die Nase, aus der das Blut nur so heraus zu strömen begann. Ein ersticktes Stöhnen entkam ihr, als sie tausende kleine Funken durch ihr Sichtfeld sprühen sah und Blut schmeckte. Sie blinzelte, ermahnte sich zur Fassung und hörte den Freund von Veit lachen. Jener hatte Hjaldrist am Kragen gepackt, denn der Undviker hatte sich vorhin dazu entschieden zu bleiben. Der Gelbschal stieß den Schönling von sich und seine Finger formten rasch Yrden. Die magische Falle schnappte um den Undviker herum zu und zerrte ihn brutal gen Grund. Überfordert keuchte Anna, als sie dies im Augenwinkel erkannte. Sie haderte mit sich und umfasste den Griff ihrer Stahlklinge so fest, dass ihr die Fingerknöchel weiß hervortraten. Ihre Zähne mahlten. Sie wollte zu ihrem Freund, doch bekam von hinten solch einen harten Schubs, dass sie beinah stolperte. Doch sie fing sich, hieb mit blutverschmiertem Gesicht und rot beflecktem Kragen zu, den gewickelten Waffengriff mit beiden Händen umfassend. Ein Hau von oben, sie wich aus. Ein Gegenschlag, der den Arm des Greifens streifte. Der schrie zornig, blutete, Anna grinste grimmig. Noch ein Schwerthieb, diesmal von unten. Die Trankmischerin schritt zur Seite weg, hob dem Narbengesicht den Ort der langen Waffe entgegen und hielt ihn damit auf Abstand. Wirksam, bei jedem anderen Menschen, doch nicht bei einem Hexer. Denn er beherrschte Zeichen. Igni flammte erneut auf und versengte Anna beinah die gestreifte Jacke. Sie schlug eine Finte, täuschte, stach mit einem Ausfallschritt nach vorn, traf auch, war jedoch wieder zu nah und konnte Balthar’s dunkle Stimme in den Ohren hallen hören: ‘Wölfchen, achte darauf, dass du immer mindestens eine Schwertlänge Abstand zu deinem Gegner hast!’. Zu spät. Der schadenfrohe Greif hakte den Fuß hinter dem ihren ein und zog Anna damit quasi den Boden unter den Stiefeln fort. Ein simpler Anfängertrick. Die Schwerkraft tat den Rest und hart landete die Kurzhaarige am Kreuz. Der plötzliche Aufprall nahm ihr den Atem und dennoch rollte sie sich zur Seite, um schwer keuchend und desorientiert aufzustehen. Sie hätte dies wohl auch geschafft, doch plötzlich kam dem Feind ein weiterer Kerl zu Hilfe. Es war einer derer, die Lin zuvor hinterhergerannt waren. Er war offenbar zurückgekehrt, trat gewaltsam auf den Schwertarm der Frau und ließ sie durch den ruckartigen Tritt aufschreien. Er drehte die Sohle hin und her, als wolle er ein Insekt darunter zermalmen und quetschte der armen Novigraderin die ungeschützte Haut unter dem naturfarbenen Hemd. Der skrupellose Mann hätte ihr sicherlich auch den Knochen gebrochen, hätte sie nun nicht, getrieben von lähmendem Schmerz, das Schwert mit dem Wolfsknauf losgelassen. Ja, die Klinge fiel ihr aus den tauben Fingern und in dieser Sekunde ließ der Greif mit den schweren, schmutzigen Stiefeln von ihr ab. Veit stand über ihr und lächelte zufrieden, bückte sich zu ihr herunter und riss ihr das Wolfsmedaillon mit einem Ruck vom Gürtel. Sie gab einen Laut des Protests von sich und wollte mit beiden Händen nach der zerrissenen Kette haschen.

“Na, na.”, machte der Hexer, als spräche er mit einem Kleinkind, und hob das Schmuckstück aus ihrer Reichweite.

“Nein!”, entkam es Anna ungewollt bittend.

“Siehst du, Kleine. So etwas passiert mit bösen Mädchen, die es wagen Hexer zu bestehlen. Du kannst uns doch nichts vormachen. Jeder weiß, dass Mädchen, wie du, keine Hexer werden können, nicht wahr?”, grinste der Kerl dreckig und sofort holte die Frau Luft für eine unbeholfene Antwort. Es war eigentlich müßig und sinnlos mit diesem Mann zu reden, der glaubte, Anna habe ihr Medaillon von einem Katzenauge geklaut oder dergleichen. Ja, wer wusste schon, was er sich dachte? Und dennoch trieb die Verzweiflung sie dazu zu erklären und zu betteln.

“Es ist nicht gestohlen! Mein Vater ist ein Hexer, er hat es mir geschenkt!”, sprudelte es aus ihr hervor, doch sie bekam dafür nur ein abfälliges Lächeln als Antwort.

“Du scheinst dich ja wirklich noch schlechter auszukennen, als gedacht. Weißt du denn nicht, dass Hexer unfruchtbar sind? Du bist nicht nur eine verfickte Betrügerin, sondern auch eine schlechte Lügnerin, so scheint es.”, meinte Gelbschärpe überheblich und Anna stieß den Atem überfordert aus.

“Gib es mir wieder! Bitte!”

“Ich sage dir gleich, was ich dir geben werde…”

Im Hintergrund zerrte einer Lin aus dem Gebüsch. Am Bein zog er den armen, wimmernden Göttling hinter sich her und Rist versuchte dem kleinen Waldgeist zu Hilfe zu kommen. Zu spät. Wieder zu spät. Eine scharfe Greifenklinge ging senkrecht auf den zappelnden und schreienden Göttling nieder, wie ein Spieß. Sie drehte sich in der tiefen Wunde einmal herum, dass es nur so knackte. Lin zuckte unkontrolliert und röchelte nass. Ein Zittern schüttelte ihn, er spuckte rot, würgte. Dann wurde es still. Totenstill. Es war, als sei die Zeit stehengeblieben.

Zwei der stupiden Hexer nickten sich wenige Herzschläge später zufrieden zu, als der Körper des armen Göttlings schlaff und leblos im nassen, rot gefärbten Gras lag. Einer von ihnen stocherte noch einmal an ihm herum, als wolle er den kleinen Körper mithilfe der Klinge hochheben. Und Hjaldrist standen die staubtrockenen Lippen im Schock einen Spalt weit offen. Der Skelliger, der bis auf ein blaues Auge unverwundet zu sein schien, war wie zur Eissäule erstarrt und zutiefst entsetzt sah er in die Richtung, in der eine der Gelbschärpen gerade den kleinen, aufgespießten Leib Lins auf seinem Schwert in die Höhe hielt. So, wie man es mit einem verwesten, madenzerfressenen Tierkadaver tat, den man mithilfe eines Stocks aus einem Tümpel gefischt hatte.

“Er ist hin.”, verkündete der Mörder dabei überflüssigerweise. Dunkelrotes Blut tropfte von seiner Schneide, über Schwertheft und Hand, zu Boden. Ein paar Nerven im Arm des Verstorbenen zuckten noch etwas.

“Gut…”, schnaubte Veit zufrieden und nickte anerkennend. Anna, die da am Boden saß, glaubte, sie träume gerade schlecht. So unwirklich und verstörend war das grausige Bild, das sich ihr bot. Sie verstand nicht, was passierte und war völlig zerstreut, hielt sich verwirrt den schmerzenden Arm. Erst, als sich das blutende, doch keineswegs lebensgefährlich verletzte, Narbengesicht von ihr entfernte und dabei Anna’s Wolfsmedaillon pfeifend an der Kette herumschwingen ließ, horchte und sah die blass gewordene Frau mit der rot beschmierten Nase wieder auf. Sofort wendete sie das Haupt diesem Bastard nach und in ihrem wirren Kopf schien es nur so zu arbeiten. Als sie dann realisierte, was der Hexer, der zielstrebig auf die Jaruga zu ging, vorhatte, kam sie stöhnend auf die Beine. Anna eilte ihm schwerfällig nach. Der mit dem Schal hielt sie aber auf, indem er sie so hart, wie ein Schraubstock am Oberarm packte und zurückzerrte.

“Nein!”, rief sie Veit nach, streckte die Hand nach jenem aus und sah, wie der Kerl ihr Medaillon einmal kurz hoch schnippte, um es lässig wieder aufzufangen. Er stand mit dem Rücken zu ihr, holte locker aus. Und dann warf er den Anhänger in der Form eines Wolfskopfes mit aufgerissenem Maul in den Fluss. Anna schrie, als hätte man ihr einen Dolch in die Magengegend getrieben. Und tatsächlich fühlte es sich auch so an. Ihre Eingeweide verkrampften sich und schienen sich zu schweren Eisklötzen zu verwandeln. Während sie losgelassen wurde und daraufhin blindlings auf die Jaruga zu rannte, als könne sie ihr Memento aus Kaer Morhen, die Erinnerung an Balthar und die Anderen, noch irgendwie retten, kniete sich Hjaldrist ungläubig starrend zu Lin, der unnatürlich verdreht im hohen Gras lag.

“Du solltest dir eine andere Gesellschaft suchen, Junge.”, riet ihm einer der schwer bewaffneten Greifen dabei ernst “Dieses Mädel dort ist eine ehrlose Schwindlerin und wird irgendwann noch härter auf die Schnauze fallen, als heute. Irgendwann wird sie auf Leute treffen, die sie töten werden, anstatt ihr eine Lektion zu erteilen. Und wenn du dann bei ihr bist, na, du weißt schon… ‘Mitgehangen, mitgefangen’.”

Ohne die Geschlagenen noch eines weiteren Blickes zu würdigen zogen die vier Greifen dann von Dannen. Im Glauben einen schädlichen Nekker getötet und einer Diebin ein Hexermedaillon genommen zu haben, wollten sie in die nächste Taverne gehen, um auf ihre noblen Verdienste anzustoßen. Sie ließen die Jüngeren und den Toten allein nahe dem Weg neben der Jaruga zurück.

 

Anna saß lange und starr in der Wiese vor der rauschenden Jaruga und hatte dabei den ebenen Weg, der gen Osten führte, im Rücken. Sie hatte sich das blutige Gesicht behelfsmäßig gewaschen. Ihre Nase war geschwollen und blau, doch wie durch ein Wunder nicht gebrochen. Na, jedenfalls ließ sich der gerade Nasenwurzelknochen nicht verschieben. Die schlechtgelaunte Frau sah schweigend vor sich hin, den blauen Schal, den sie für Lin gehäkelt hatte, zwischen den kalten Fingern. Ihr Blick war hart und finster und ihre Wut zu groß, als dass sie geflennt hätte. Später, da würde sie das vielleicht tun, aber nicht jetzt. Gerade, da ging es eben nicht. Ihr bester Freund stand unweit im plätschernden Wasser. Nachdem es so und so warm und die Sommersonne längst aufgegangen war, hatte er sich aus Tunika und Hemd geschält, sich die Stiefel ausgezogen und die Hose bis zu den Knien hochgekrempelt. Und nun watete er durch das wadenhohe Wasser. Der Fluss war hier nicht reißend, denn er musste um eine Kehre und wurde so auf natürlichem Weg abgebremst. Es war, für einen erfahrenen Schwimmer, wie Hjaldrist, nicht sonderlich gefährlich an diesem Punkt in die Jaruga zu gehen. Grimmig suchenden Blickes stakste er also durch das kühle Nass und seine Augen wanderten aufmerksam. Ab und an bückte er sich nach Dingen, die er für Anna’s Hexermedaillon hielt, zog aber bloß Steine oder Miesmuscheln aus dem Wasser. Das tat er nun schon seit einer geraumen Zeit und äußerst hartnäckig. Zuvor, da war er sofort zu seiner Kumpanin geeilt, die schon selbst in die kalte Jaruga hatte steigen wollen, und er hatte die aufgebrachte, blutige Kriegerin davon abgehalten. Er hatte sie zurückgedrängt, ihr herrisch ein Stofftaschentuch für die schmerzende, blutende Nase in die Hand gedrückt und gemeint er ‘mache das schon’. Und seitdem hatte er kein Wort mehr gesprochen, war am Suchen. Es war wohl vergebens eine kleine Kette in einem breiten Flusslauf zu finden, doch es war eine sehr liebe Geste des Skelligers. Bestimmt waren ihm die Füße schon halb erfroren. Und trotzdem kramte er weiterhin stur im Wasser herum, streckte den Hals suchend, watete weiter und war bald schon bis zur Hüfte im Fluss. Anna ließ ihn. Denn vermutlich wollte er ihr nicht nur einen großen Gefallen tun, sondern sich auch ablenken. Konzentriert nach irgendeinem Kleinod zu suchen ließ einen nicht so sehr an den Toten denken, den man in ein Tuch gewickelt hatte, um ihn später an einem passenden Ort zu begraben. Ja, die schwer getroffenen Abenteurer hatten sich dazu entschlossen Lin’s Körper dem Wald zurück zu geben, denn dort gehörte er hin. Sie würden in einen nahen Forst gehen und dort den schönsten aller Bäume finden, um den Göttling darunter zu beerdigen. Das hatte er verdient. Anna versuchte bei diesen Gedanken nicht schwer schluckend neben sich zu sehen, dorthin, wo der verschnürte Leichnam lag. Das, was passiert war, wollte ihr nach wie vor nicht in den schmerzenden Kopf. Sie verspürte noch nicht einmal tiefe Trauer, sondern nur beißenden Zorn, der ihr den Magen unsagbar verdrehte, und Ärger über die, die sie und ihre Freunde früher angegriffen hatten. Über diese Greifenhexer mit ihren gelben Schärpen und das widerliche Grinsen von Veit. Oh, Anna wusste doch, dass sie und Rist es niemals mit vier Hexern zugleich aufnehmen könnten. Sie waren einfach nicht stark genug. Und dennoch sann sie just in diesem Augenblick nach Rache. Nach blutiger, harter Vergeltung für den Tod Lins und dafür, dass man ihr ihr heiliges Medaillon genommen hatte. Ja, es war ihr einerlei, dass sie einen metallenen Schwertknauf brutal in das Gesicht bekommen hatte. Sie glaubte auch, dass Rist sein blaues Auge gut verkraftete, denn er hatte schon schlimmere Schläge erfahren. Doch der feige, überstürzte Mord an Lin war unverzeihlich. Genauso, wie die Sache mit dem geliebten Wolfsamulett, das Rist noch immer suchte.

Anna stieß ein Seufzen aus und schlug die braunen Augen nieder. Sie würde noch eine Weile hier sitzen bleiben und versuchen wieder etwas runter zu kommen. Und dann, dann würde sie aufstehen und ihren Kumpel zu sich rufen, um weiter zu gehen. Die Bemühungen des Viertelelfs brachten im Endeffekt ja genau so wenig, wie das böse Starren der Schwertkämpferin, die über alle möglichen Methoden nachsann vier Hexern auf einmal den Garaus zu machen.

Es verging noch eine gute Stunde, bis sich Anna endlich erhob und sich dabei leise ächzend an den Kopf fasste. Der Schlag in ihr Gesicht hatte ihr einen brummenden Schädel beschert und ihre qualvoll pochende Nase machte dies nicht besser. Nun, da sie sich wieder allmählich entspannte und das Adrenalin aus ihrem Blut geschwunden war, überkam sie der übel stechende Kopfschmerz erst so richtig. Und das Schlimme daran war, dass Apfelstrudel, dieses dämliche Vieh, mit ihrem Gepäck über alle Berge war. Sie hatte also nur bei sich, was sie auch am Körper trug. Keine Schmerzmittel. Sie würde ihren Brummschädel und ihre geschwollene Nase wohl oder übel ertragen müssen.

Die entnervte Frau wollte gerade nach ihrem Freund rufen, um ihn dazu aufzufordern mit der sinnlosen Sucherei aufzuhören; um sich bei ihm zu bedanken, obwohl er umsonst im Flussbett umher gewatet und geschwommen war. Da tauchte der klitschnasse Skelliger plötzlich aus dem tieferen Wasser auf und hielt irgendetwas triumphierend in die Höhe. Anna hielt inne und kniff die Augen ungläubig zusammen. Der Undviker schwamm eilig ins seichtere Nass, stapfte mühsam voran und kam schlussendlich aus dem Fluss heraus.

“Ich habe es!”, verkündete er atemlos. Und wäre er dabei bester Laune gewesen, hätte er wohl laut gelacht und stolz gegrinst. Nun aber, da lächelte er nur müde. Denn die Bilder von Lin’s Tod steckten ihm noch genauso tief in den Knochen, wie seiner Begleiterin.

Anna horchte auf und wirkte augenblicklich viel wacher. Sie kam Hjaldrist sofort entgegen und das ganz aufgeregt. Und tatsächlich hielt er ihr daraufhin ihr Wolfsmedaillon entgegen. Die metallene Kette daran war zerrissen, doch das machte nichts. Die Miene der Novigraderin erhellte sich sehr und perplex suchte sie Blickkontakt. Rist, der Teufelskerl mit den etwas blau angelaufenen Lippen, hatte das silberne Amulett tatsächlich aus der breiten Jaruga hervorgetaucht! Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Doch offenbar nicht für ihn.

“Danke!”, atmete Anna und umarmte ihren Freund eng, bevor sie ihr Medaillon an sich nahm. Sie drückte den Mann froh. Er war eiskalt.

“Ich habe damals, als Kind, schon immer bei den Tauchwettkämpfen gewonnen.”, klapperte der nasse Kerl, der nichts weiter trug, als seine Hose, und wartete darauf wieder losgelassen zu werden. Dann überreichte er seiner Gefährtin den verloren geglaubten Anhänger. Anna, heilfroh darüber ihr Andenken an Kaer Morhen wieder zurück zu haben, steckte ihn sich sofort in die Gürteltasche und zog deren Riemen fest zu.

“Danke, Rist. Du bist großartig.”, sagte sie dann noch einmal aufrichtig und mit einem genauso ehrlichen, erleichterten Lächeln auf den Lippen.

 

Sie begruben Lin unter einer riesigen Eiche im nahen Wald. Etwas weiter südlich, im Forst, der die Amellberge malerisch hinter sich hatte. Ziemlich still und wortkarg waren die grün und blau gehauenen Abenteurer hierhergekommen. Rist hatte Lin getragen und Anna war ihm stumm gefolgt. Das an die zwei, drei Stunden lang. Bis sie den passenden Baum gefunden hatten eben. Und nun hoben die zwei Gabelschwanztöter mit bloßen Händen ein Loch aus. Der moosbewachsene Waldboden war hier relativ locker und weich. Es machte ihnen also nichts aus keine Schaufel dabei zu haben. Die Handschuhe der Reisenden waren schmutzig und voller Dreck, es roch nach feuchter Erde und harziger Rinde. Sonnenstrahlen fielen durch das satte Blätterdach herein und kitzelten einen im Nacken. Auf der großen, alten Eiche saß ein Rotkehlchen und zwitscherte fröhlich. Es war schön hier, nahezu idyllisch. Grün, nicht zu verwachsen und dennoch abgelegen. Die Atmosphäre des friedlichen Waldes wollte also nicht so recht zu dem passen, was Rist und Anna gerade taten.

Die kniende Frau machte den Rücken wieder gerader und klopfte sich die feuchte Erde von den Handschuhen, als Hjaldrist aufstand, um den schlaffen, eingewickelten Körper Lins an sich zu nehmen. Er trug den Leichnam zu dem frisch gegrabenen Loch, legte ihn zögerlich in jenes hinein und kam dabei wieder zu Anna auf den Waldboden. Man sah ihn schwer schlucken und hörte ihn leise seufzen. Dann warf er seiner Freundin mit den glasigen Augen einen prüfenden Seitenblick zu. Sie nickte langsam, mit trauriger Miene, und kämpfte gegen das stechende Gefühl an, das ihr die Kehle zuschnüren wollte. Denn es war ja das Eine Schmerz über einen verstorbenen Freund zu empfinden. Das Andere war solch eine tiefe Trauer auch in den Augen von jemand anderem, nahestehendem, zu erblicken. Es brachte die Hexerstochter fast um die eiserne Fassung Hjaldrist so fertig zu sehen. Aber eben nur beinah. Schnell sah sie wieder fort und fummelte sich ungeschickt den blauen, blutbefleckten Schal aus der Tasche, um ihn als Mitgift auf den Toten zu legen. Dann fing sie damit an Erde in das Loch, auf Lin, zu schieben. Es tat so weh. Anna hatte noch nie jemanden beerdigen müssen. Und es fühlte sich so falsch an die weiche Walderde auf den toten Göttling nieder rieseln zu lassen. Sie schniefte leise und ihr bester Freund half ihr gleich. Zusammen bedeckten sie das frische Grab gut und legten am Ende noch ein paar Steine darauf, damit kein Wildtier den Toten wieder freilegen könnte. Und dann schwiegen sie. Rist und Anna blieben einfach nur an Ort und Stelle sitzen; mit traurigen Mienen und feuchten Augen. Der Skelliger im Bunde, der schon immer zugänglicher gewesen war, als seine verbohrte Kameradin, fasste im stillen Beistand nach der Hand Annas und sie ließ das auch zu. Zusammen sahen dem kleinen Grab vor sich dann lange entgegen, als glaubten sie, es verschwände dadurch. Als brächte dies Lin zurück. Doch das tat es nicht.

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