Kapitel 20

Feuerfuchs und WInterkind

Die beiden Abenteurer waren, trotz der Entschlossenheit Annas, erst am nächsten Morgen losgezogen. Seit der frühen Dämmerung waren sie nun schon unterwegs und die lädierte Hexerstochter trug einen stützenden Verband unter dem Stiefel, um sicher und vollkommen schmerzfrei auftreten zu können. Und bisher war der Marsch in den Caed Myrkvid, den Dunkelwald, unerwartet gut und ruhig verlaufen. In voller Montur und begleitet vom Schein ihrer grünen Lampe führte die Frau ihre Schimmelstute hinter sich her. Hjaldrist folgte auf dem Fuße, zerrte an Apfelstrudel’s Halfter und brachte den störrischen Gaul damit dazu über eine dicke, verdrehte Wurzel zu steigen. Das Wetter war heute nicht das Beste. Kurz bevor die Vagabunden den großen Wald betreten hatten, hatte es angefangen zu regnen. Eine dicke, dunkle Wolkendecke hatte sich vor die Sommersonne geschoben und sehr schnell für unangenehmes Nieseln gesorgt. Die Regentropfen kamen hier, im dichten Forst, aber kaum mehr bis zum Grund durch. Die alten Bäume waren hoch und ihre Blätterkronen wie Dächer. Dementsprechend ließen sie auch kaum Licht bis zum Grund fallen, was wiederum den Namen des Caed Myrkvid rechtfertigte. Es war hier, entfernt vom Forstrand, so dunkel, wie am frühen Abend. Nebel schob sich gespenstisch zwischen dicken Baumstämmen und Ästen hindurch, kroch über die Erde, verschleierte Büsche und Sträucher, Steine und Moos. Wege gab es keine. Oder jedenfalls hatten die vorsichtigen Reisenden keinen einzigen entdeckt. Nicht einmal einen schmalen Trampelpfad oder dergleichen gab es. Es war also sehr leicht sich hier zu verirren oder sich aus den Augen zu verlieren, wenn man sich zu weit voneinander entfernte. Daher vergewisserte sich Anna immer wieder dessen, dass Hjaldrist noch hinter ihr war. Sie zog sich die Kapuze ihres wollenen, roten Mantels etwas aus dem Gesicht, warf im Gehen einen Schulterblick zurück und fing den Blick ihres Begleiters auf, bevor sie sich wieder darauf konzentrierte sich einen Weg durch das Unterholz zu bahnen und die Flora dabei nicht zu beschädigen. Und daran änderte sich lange nichts. Der finstere Wald war still und ruhig, während Rist und Anna voran gingen. Er wurde immer dichter, holpriger und das Gelände unberechenbarer. Vorhin, da war Hjaldrist einmal in knietiefen Schlamm getreten und hätte dabei beinah seinen rechten Stiefel verloren. Die zähe, sumpfige Masse, die verschlang und an einem zog, wäre für Apfelstrudel oder Salamireserve bestimmt zum Verhängnis geworden, denn beide Pferde hatten sehr eigene, schreckhafte Gemüter. Wäre eines von ihnen im Moor gelandet, wäre es kein Leichtes gewesen das schwere Tier wieder aus jenem hervor zu ziehen. Und genau aus diesem Grund band Rist seinem schnaubenden Braunen gerade an einem Baum und ließ ihm den Zügel dabei sehr lang. Anna tat es dem Jarlssohn gleich und zurrte die Leine ihrer Stute an einem dicken Ast fest.

“Wir lasse die Pferde erst einmal da…”, meinte die darüber nicht sehr glückliche Novigraderin ernst “Und suchen uns einen sicheren Weg durch den Wald.”

“Wie finden wir den Weg zurück? Wenn sich der Nebel nicht legt, ist es schwer sich zu orientieren.”, warf Rist klugerweise ein. Eigentlich eine Sache, die die gesamte, halsbrecherische Reise in den Caed Myrkvid betraf. Doch zuvor, da hatten sich die zwei Abenteurer keine Sorgen darum gemacht hier wieder heraus zu finden. Sie wollten nämlich nicht gezwungenermaßen nach Belhaven zurück. Wo sie am Ende landen würden, war ihnen einerlei, solange sie es schafften die hiesigen Druiden zu finden. Doch anders, als der Weg zurück in die Stadt, waren die Pferde Anna und Hjaldrist nicht einerlei. Sie wollten sie daher ungern an den Dunkelwald verlieren.

“Ich dachte, du bist hier der Elf von uns beiden.”, witzelte die Giftmischerin und sorgte damit für eine leichte Gesichtsentgleisung ihres Kumpans.

“Was?”, empörte er sich schnaufend.

“Na, so Spitzohren finden sich doch gut in Wäldern zurecht, nicht?”, wollte die Kriegerin wissen und verkniff sich ein zu breites Lächeln. Hjaldrist bedachte sie mit mürrischen Blicken.

“Pff. Ich bin kein Spitzohr.”, abfällig legte der dunkelhaarige Mann den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der Brust. Offenbar mochte er es nicht sonderlich als Elfchen betitelt zu werden. Das würde sich die amüsierte Anna merken. Sie ärgerte ihn beizeiten nämlich ganz gerne.

“Also gut. Ich habe eine Idee...”, meinte sie nach einem Moment der Stille verschmitzt und stellte ihren Rucksack auf den Grund, um jenen zu öffnen und suchend darin herum zu kramen. Hjaldrist kam neugierig näher und machte den Hals lang. Er stutzte, als seine Freundin bald ein blaues, dickes Wollknäuel hochhielt.

“Anna. Ich glaube, gerade ist nicht die Zeit um zu häkeln?”, entkam es ihm irritiert und er schenkte ihr einen sonderbaren Augenausdruck.

“Nein, nein. Sieh her, wir binden den Wollfaden an einen der Bäume hier und rollen das Knäuel auf unserem Weg aus. So können wir ihm später zurück folgen und finden unsere Pferde wieder.”, meinte Anna und wirkte ganz stolz über ihre glorreiche Idee. Rist’s Miene erhellte sich.

“Wie weit kommen wir damit?”, wollte er wissen.

“Hmm?”

“Wie lange ist der Faden?”

“Mh. Etwa dreihundert Meter.”, sagte Anna und lächelte ungebrochen optimistisch “Jedenfalls sagte mir der Wollhändler das.”

“Dreihundert? Dann kommen wir nicht sehr weit.”

“Ich habe noch fünf weitere Knäuel in meinem Rucksack.”

“Oh!”

“Also? versuchen wir es?”, wollte die schlaue Nordländerin auffordernd grinsend wissen und erhob sich, warf ihr blaues Wollknäuel locker in die Luft und fing es wieder auf “Oder hast du eine bessere Idee, wie wir wieder zu den Pferden zurückfinden?”

 

Anna knotete einige Zeit später das Ende des aufgebrauchten zweiten Wollknäuels an das des neuen dritten, als ein tiefes Knarren die nebelverhangene Gegend erfüllte. Abrupt hielt sie im Schein ihrer Lügenlampe inne und sah auf.

“Hast du das gehört?”, flüsterte sie an ihren Kumpel gerichtet. Eigentlich eine obsolete Frage.

“Ich wäre taub, wenn nicht.”, murmelte Rist leise und sah angespannt um sich. Er wendete sich herum, bis er Anna im Rücken hatte und hatte die abwartende Hand bereits am Gürtel lieben. Die Finger an der ledernen Axthalterung, verengte er die braunen Augen prüfend. Die anwesende Novigraderin, die ihr wollenes Knäuel längst hatte sinken lassen, horchte angestrengt in den unheimlichen, zwielichtigen Forst hinein. Und dann ertönte es wieder, dieses Knarren. Es war, als öffne jemand eine riesengroße, morsche Tür; grollend, dumpf. Der gesamte Wald schien dieses Echo weiterzutragen. Und plötzlich schritt da etwas aus dem zähen Nebel. Etwas, das aussah wie ein Stamm, der in beweglichen, dicken Wurzeln auslief. Massig trat er am weichen, feuchten Boden auf, schwer, doch relativ langsam. Dann war da ein zweites Wurzelgeflecht. Wie ein weiteres Bein trat es vor und der getane Schritt war so weit, dass er die Bedächtigkeit der Bewegungen des Wesens ausglich. Hjaldrist entkamen unverständliche Worte, als er das sah und bemerkte, dass das knarzende Ding direkt auf sie zukam. Anna ließ ihr Wollknäuel vor Schreck fallen. Kaum eine Sekunde später schrie sie auf.

“Lauf!”, entkam es der alarmierten Novigraderin und sie erwischte ihren paralysierten Gefährten am Handgelenk, um ihn im dichten Wald nicht zu verlieren “Lauf, lauf!”

Vor sie trat ein beträchtlicher Baum. Ja, tatsächlich. Und er sah aus, wie die Ents, von denen in den alten Märchen und Sagen die Rede war. Ein Loch in seinem dicken Stamm rührte sich schnarrend, war der Mund. Darüber starrten zwei glotzende Augen aus der braunen Rinde hervor. Die lianenähnlichen, dünnen Äste der Weide fielen ihr über den steifen Holzkörper, als seien es lange Haare. Und das zornige Brüllen des großen Baums klang wie das laute Knarren von uralten, dicken Dielen.

Anna zögerte nicht, lief gehetzt los und zerrte Rist hinter sich her. Der entgeisterte Skelliger fasste sich endlich, hielt Schritt und versuchte nicht auf feuchtem Moos auszurutschen oder wieder in tiefen Schlamm zu treten.

“Was, bei Mörhogg?”, bellte er aufgescheucht, doch bekam keine Antwort. Denn Anna, die völlig überfordert durch hüfthohen Farn stob, hatte wirklich keinen Atem zum Reden. Und sie dachte nicht daran ihren besten Freund loszulassen, denn hätten sie sich hier getrennt, hätten sie einander nur schwer oder gar nicht wiedergefunden. Also liefen sie zusammen, so schnell es in unebenem Gelände ging, durch den regelmäßig erzitternden Wald und hatten den schreitenden Baum, der aggressiv mit den Blättern raschelte, direkt im Nacken. Der Ent machte große Schritte und mutete so rasend an, wie es eine Trauerweide nur vermochte. Das helle Lachen einer Frau begleitete diese schräge Szene. Ja, sie kicherte erheitert und sang ein Lied über Bäume und kleine Insekten, die man zertrampelte.

Anna sprang über einen spitzen Felsen hinweg, stolperte beinah, drängte sich an ein paar dicken Buchen vorbei, atmete schwer und dachte kaum über den weiteren Weg nach. Sie wollte bloß fort von hier und zwar schnell. Rist folgte ihr aus Ermangelung anderer, besserer Optionen und wirkte nicht minder aufgewühlt, wie seine unruhig atmende Kollegin. Jene hetzte an einem dürren Strauch vorbei, eilte und trat plötzlich ins Leere. Denn es ging bergab. Erschrocken aufbrüllend stürzte sie und landete hart auf nadelbedecktem Waldboden, schlitterte eine Senke hinab und überschlug sich dabei einmal, zweimal. Hjaldrist’s Handgelenk war ihren kalten Fingern längst entglitten. Ohne die Kontrolle über den unfreiwilligen, schmerzhaften Weg nach unten zu haben, schlug die ächzende Kurzhaarige die Arme schützend vor dem Gesicht zusammen, schmeckte Erde, stöhnte überwältigt auf. Am Ende der rutschigen Senke landete sie wuchtig in einem Gebüsch, weitete die Augen benommen und kehlig einatmend. Sie wusste in diesem Augenblick kaum, wo sich das Oben oder das Unten befand; ihr Gleichgewichtssinn war wild durcheinandergewürfelt worden und spielte ihr einen Streich. Zu allem Überfluss landete Rist keinen Herzschlag später halb auf ihr und verpasste ihr dabei einen ungewollten Ellbogenhieb in die protestierende Magengegend. Der Dreck flog nur so durcheinander und die Blätter des Gebüschs, in dem Anna hing, raschelten nur so, als auch der Undviker darin landete. Laut hörte man die Frau aus Kaer Morhen fluchen, dann husten und spucken. Sie drückte Rist von sich, doch der musste wohl erst einmal realisieren, was geschehen war. Schummrigen Blickes kam er auf die Knie und kippte daraufhin fast wieder um. Die arme Hexerstochter hatte eine Hand noch am rebellierenden Magen liegen und stöhnte ein weiteres Fluchwort. Wie ihr Freund, war sie vollkommen verdreckt. Kleine Blätterreste und Baumnadeln rieselten nur so, als sie den Kopf jammernd schüttelte.

“Komm hoch.”, entkam es dem anwesenden, wieder stehenden Krieger dann und ohne Widerworte ließ sich Anna aus dem Gebüsch ziehen. Sie beide wankten kurz und hatten kaum Zeit, um zu Atem zu kommen. Denn schon war die bedrohliche Weide bei ihnen und peitschte unsäglich stark mit den Lianen.

“Na, hol sie dir!”, lachte die fremde, hohe Frauenstimme liebevoll in ihrem Singsang “Nimm sie mit, meine Kleine!”

Anna zog abrupt das Schwert aus der Scheide und hob gegen einen der schmalen Äste des lebenden Baums. Rist hatte seine Waffe ebenso in der Hand und war drauf und dran zum Stamm des knarrenden Waldwesens vorzueilen. Ein wildes Peitschen von Ästen verfehlte in nur knapp. Ein zweites traf ihn an der stählernen Armschiene, dass es nur so schepperte. Er sprang und hackte zu, versenkte das hübsche Axtblatt in der dicken Rinde des Ents. Doch dies schien der hoch gewachsenen Trauerweide nichts auszumachen. Sie reagierte darauf nicht einmal und brachte den schwitzenden Skelliger damit dazu planlos zu starren.

“Was…?”, wisperte er zerfahren.

“Fang sie, aber töte sie nicht!”, tönte die Stimme der Frau, die man nirgendwo ausmachen konnte. Die erdbeschmierte Anna schwang das Langschwert herum, doch es war offensichtlich, dass sie damit nicht mehr ausrichtete als eine kleine, stechende Mücke, die hinter einem großen Pferd her war. Es war zu spät, als dieser Gedanke ihren aufgerüttelten Geist erreichte. Denn als die Monsterjägerin mit den wirren Haaren geschickt zurückwich, um sich hektisch nach Rist umzusehen, wurde sie harsch gepackt. Einige, holzige Lianen schlangen sich um ihre Mitte, zogen sofort ungnädig zu und rissen die Frau ruckartig vom ebenen Boden fort. Anna johlte vor Schreck auf und schlug mit dem Schwert gegen die Äste. Doch es brachte nichts. Wo sie blätterbedeckte Stränge fort schnitt, kamen abrupt neue, um sich erneut um sie zu legen, wie gierige Tentakel eines riesigen Kalmars. Und umso heftiger sich die Braunhaarige wehrte und fuchtelte, strampelte und fluchte, desto fester drückten die groben Weidenlianen zu und wirbelten sie herum. Am Ende schnappte die desorientierte Novigraderin schon japsend nach Luft und gab schmerzverzerrte Laute von sich. Sie konnte kaum noch atmen und glaubte, der verdammte Scheißbaum erdrücke sie noch. Als zerquetsche er ihr die weichen Innereien. Die gebeutelte, auf den Kopf gestellte Kriegerin fühlte, wie die Ohnmacht fahrig nach ihr haschte und wie ihr das Schwert aus der zitternden Hand glitt. Sie hörte Rist rufen und sah vage, wie eine dunkelhaarige, leicht bekleidete Frau die verlorene Stahlklinge mit dem Wolfsknauf vom Boden aufklaubte. Und dann umfing sie die zähe, ungnädige Schwärze.

 

“Das könnt ihr nicht machen!!”, Rist’s lauter Protest ließ Anna heftig hochschrecken. Konfus schlug sie die braunen Augen auf und sah orientierungslos um sich. Sie wollte sich erheben, doch brachte es erst einmal nicht zustande. Und als sie erneut dazu ansetzen wollte, verstand sie ihre missliche Lage und ließ es bleiben. Es war Nacht, bereits völlig dunkel und die frische Waldluft war kühl. Über ihr erstreckte sich der sternenklare Himmel über dünnen Baumkronen einer weitläufigen Lichtung. Da waren Fackeln, die ein unruhig flackerndes, oranges Licht verströmten. Sie ließen die Schatten des Käfiggitters aus Holz auf dem Gesicht der Schwertkämpferin tanzen. Denn, ja, Anna saß in einem Zwinger. Er war gerade einmal so groß, dass er für zwei Menschen Platz bot. Für sie und ihren besten Freund, der gerade mit einer hellhaarigen Frau stritt, die vor dem mickrigen Gefängnis stand. Diese Frau, in naturfarbene Kleider gehüllt und die graublonde Haarpracht zu einem dicken Zopf geflochten, lächelte schwach.

“Oh, wir KÖNNEN.”, konterte jene auf die unglückliche Beschwerde des bemitleidenswerten Skelligers hin “Das hier ist unser Wald. Hier schreiben wir die Regeln.”

“Bullenscheiße!”, keuchte Hjaldrist heiser und war völlig außer sich. Er packte an die Käfiggitterstäbe, die sich nun, da Anna genauer hinsah, als Äste entpuppten. Im schlechten Licht hatte sie zunächst geglaubt, sie hocke in einem gewöhnlichen Gefängnis. Doch dem war nicht so. Denn dieser Zwinger, aus dessen erdigem Grund Gras spross, sah aus, als sei er natürlich gewachsen. Kurios. Die wirre Kurzhaarige sah stumm von den starren Ästen fort, hin zu ihrem verdrossenen Kumpel. Sie war noch zu durcheinander, als dass sie Wut verspüren könnte.

“Rist...”, meinte sie in einer leisen Aufforderung und einem Haschen nach etwas Aufmerksamkeit, doch entweder hörte der grantige Schönling sie nicht oder er ignorierte Anna.

“Wir haben nichts getan! Wieso solltet ihr uns also bestrafen, hm?”, wollte der Krieger wissen. Er trug bloß seine Stoffgewandung, keine Rüstung. Auch seine Waffe war fort. Wahrscheinlich hatte man sie ihm genommen. Anna verengte die Augen leicht und fasste sich an den Brustkorb, sah an sich hinab. Dreckige Stiefel, Hose, Hemd, Jacke. Mehr nicht. Auch ihr Hab und Gut war weg.

Die fremde, ältere Frau mit der unglaublichen Ruhe im Blick lächelte ungebrochen. Sie nickte Rist zum Abschied zu und antwortete ihm nicht weiter.

“Habt eine geruhsame Nacht. Bis morgen.”, und mit diesen Worten wandte sie sich einfach ab und ging.

“Wartet!”, bat der Skelliger, doch vergebens. Die gelassene Dame käme nicht noch einmal, um sich forsch anbellen zu lassen. Rist, der dazu gezwungen war dies zu akzeptieren, ließ sich entnervt seufzend zurücksinken, setzte sich hin und fuhr sich mit der Hand über das blasse, unrasierte Gesicht. Erst dann sah er aus dem Augenwinkel zu seiner zerstreuten Freundin.

“Was… ist los?”, fragte die Frau vorsichtig. Natürlich war die Kacke am Dampfen, das war ihr klar. Sonst wären sie zwei ja auch nicht hier eingesperrt. Doch wo waren sie? Was war bisher geschehen? Warum hatte Hjaldrist, der sonst doch immer recht beherrscht war, so herumgeschrien?

“Die wollen uns anzünden.”, klärte der unglückliche Inselbewohner kurz und knapp auf und Anna wollte die Kinnlade gen Erde klappen. Ihre Augen weiteten sich im Unglauben und sie sagte noch einige, perplexe Momente lange nichts. So, als hoffe sie darauf, dass ihr Kollege gleich lachen und all das hier als Scherz auffliegen lassen würde. Tat er aber nicht.

“Anzünden…?”, murmelte die entsetzte Novigraderin.

“Ja. Morgen, wenn die Sonne am höchsten steht. Oder was weiß ich.”

“Warum?”

“Weil wir in den Wald gekommen sind.”

“Aber wir haben keine bösen Absichten!”

“Das ist der Flamina von gerade eben egal.”, brummte der Jarlssohn nun und verschränkte die Arme mürrisch vor der Brust. Mit dem Rücken an die stabilen Aststäbe gelehnt, saß er da und sah finster vor sich hin. Und während er das tat, ließ seine vorige Aussage Anna’s Hirn zu Hochtouren auflaufen.

Flamina? Das waren doch die weiblichen Ältesten bei den Druiden. So etwas wie Anführer und Weise, nicht wahr? Die männlichen Äquivalente zu ihnen nannte man Hierophanten.

“Was…?”, entkam es der Trankmischerin nunmehr lau “Aber ich dachte-”

“Tja.”, schnitt Rist ihr das Wort patzig ab. Dann entkam ihm ein tiefes Seufzen.

“Wir sollten uns ganz schnell etwas sehr Gutes einfallen lassen. Sonst sind wir am Arsch. Ich habe schon versucht diese seltsamen Äste hier zu zerstören, aber ohne Waffe kann man das vergessen. Sie sind viel zu zäh.”, schnaubte er. Anna sah angestrengt fort und fixierte einen wahllosen Punkt am grünen Käfigboden.

Also, nochmal ganz langsam: Sie beide hatten die Druiden gefunden. Oder eher: Die Druiden hatten sie gefunden. Mithilfe eines lebenden Baumes hatten diese Leute die Reisenden geschnappt und hierhergebracht, um sie einzusperren. Und die bösartigen Druiden hielten sie nur deswegen noch am Leben, weil sie Anna und Hjaldrist verbrennen wollten. Als Strafe dafür den Caed Myrkvid betreten zu haben? Ach du-... War das hier vielleicht ein schlechter Traum?

“Hjaldrist, hast du denen gesagt weswegen wir hier sind?”, fragte die Kurzhaarige dann schnell, als sie den Kopf wieder hob und ihren Begleiter abwartend taxierte. Er nickte, zuckte mit den Schultern. Die Nachtluft war klamm und roch nach Regen.

“Ja, aber es ist ihnen egal. Wir sind Eindringlinge und sollen deswegen hingerichtet werden. In eine Strohpuppe eingeschlossen und mit Öl übergossen. Nicht, weil das hier so Gang und Gäbe ist, aber weil die Mistelschneider dieser Praktiken beschuldigt werden.”, erzählte der Mann aus Undvik. Anna zog die Brauen sehr weit zusammen und gab einen irritierten Laut von sich.

“Sie… sie machen das, um damit ein Klischee zu erfüllen, das sie im Grunde ablehnen?”

“Ja.”

“Das macht keinen Sinn!”

“Das habe ich denen auch gesagt. Aber offenbar sind sie ganz schön wütend.”

“Weil man Vorurteile gegen sie hat?”

“Wahrscheinlich. Ach, keine Ahnung! Können wir uns jetzt bitte überlegen, wie wir hier rauskommen?”, brummte der Jarlssohn ungeduldig und sah seine Freundin eindringlich an. Jene gab sogleich nach, fragte nicht weiter, sondern richtete den Blick forschend nach draußen. Sie zögerte. Doch dann packte sie an die Stäbe aus Astwerk und wollte daran rütteln und ziehen. Sie zerrte, wollte biegen, trat laut keuchend zu, rüttelte wieder. Doch es half nicht. Der Waldkäfig blieb heile und die verwachsenen Stäbe waren so unnachgiebig, wie Stahl. Der Kriegerin aus dem Norden entkam ob dem ein frustriertes, unbeholfenes Stöhnen, als sie innehielt und die Arme wieder sinken ließ. Rist kommentierte ihre aufbrausende Aktion nicht. War besser so.

Die kläglichen Abenteurer diskutierten und grübelten in dieser unliebsamen Nacht lange. Doch nichts brachte sie weiter. Sie hatten keine Waffen, kein Feuer und keinerlei Möglichkeiten irgendwelche nützlichen Hilfsmittel von Außerhalb in ihr unzerstörbares Gefängnis zu ziehen. Auch zu zweit hatten sie es nicht geschafft die Aststücke zu beschädigen oder auch nur ein klein wenig zu bewegen. Ihre Lage war also aussichtslos und daher hatten sie sich darauf geeinigt einen Fluchtversuch zu starten sobald man sie morgen für den Feuertod holen kommen würde. Und solange könnten sie nichts tun. Daher schliefen sie oder versuchten es zumindest. Denn Anna erwachte immer wieder aus ihrem seichten Schlaf; wegen Geräuschen, die aus dem Dunkelwald kamen oder weil sich Hjaldrist neben ihr unruhig verhielt. In letzter Zeit träumte er offenbar ziemlich häufig sehr schlecht, sprach dabei kryptisches Zeug oder schrie gar auf. Am frühen Morgen, als es langsam anfing zu grauen, war er aber endlich ruhig. Still lag er am grasbewachsenen Käfigboden herum, mit angezogenen Beinen, und rührte sich nur noch selten. Sein Atem ging flach und er schien tief und fest zu schlafen. Anna war jedoch wach. Schon wieder. Und müde sah sie vor sich hin. Sie war etwas bleich um die Nase und fror, rieb sich die Oberarme fröstelnd und rutschte auf dem Hinterteil näher zu Rist heran, um sich von ihm etwas Körperwärme zu erhaschen. Weit senkte sie den Kopf und sah auf ihre Knie, seufzte bestimmt zum zwanzigsten Mal in dieser Stunde.

Was sollten sie bloß machen? Würden sie später fliehen können oder hätten die Druiden wieder irgendeinen grantigen Baum bei sich? Wie würde die ganze Sache ablaufen? Und würden die Druiden zaubern, wenn sie bemerkten, dass ihre Gefangenen die Fliege machen wollten? Wie, zum Geier, kämen Hjaldrist und Anna bloß wieder aus dieser Misere, diesem riesengroßen Haufen Scheiße, heraus?

“Kacke…”, atmete die burschikose Novigraderin und biss sich auf die spröde Unterlippe. Sie hatte Durst und fürchterlichen Hunger, war matt und gleichzeitig innerlich aufgewühlt. Ihr war ein wenig übel. Und sie erschrak, so ruhelos wie sie war, beinah, als sie bemerkte, wie sich in der Düsternis des viel zu frühen Morgens zwei Frauen näherten. Schnell hob sie den Kopf und hielt den Atem an. Kamen die Druidinnen, um sie zu holen? Nein. Nein, sie wollten die Gefangenen doch erst zu Mittag verbrennen!

Unschlüssig ruckelte Anna also auf ihrem Platz herum, wartete ab und starrte argwöhnisch. Denn die zwei Damen näherten sich tatsächlich dem kleinen Gefängnis aus Ästen und Laub. Eine von ihnen trug ein schlichtes Kleid, das dem der Flamina ähnlich war: Es bestand aus weißem Leinenstoff und wurde in der Mitte von einer einfachen Schärpe gehalten. Sie hatte dunkelblaue Blumen im schwarzen Haar und ein frohes Lächeln auf den vollen Lippen. Die Druidin ging barfuß und schien recht jung zu sein, dennoch stützte sie sich schwerfällig auf einen knorrigen Stab, als sie sich mit der zweiten Frau unterhielt. Jene war blond, etwas größer, als die erste und ihr Gang graziler, leichtfüßiger. Das, obwohl sie lederne Stiefel trug. Sie wirkte beinah vornehm, als sie da im grünen Kleid und mit einer Öllampe in der Hand durch das Moos ging und lachte im Gegenzug zu der sehr offenen, humorvollen Dame mit dem Stab, verhalten. Die Kleine erklärte der Großen gerade etwas über irgendwelche Bräuche und ein Fest, das zu Mittag seinen Höhepunkt erreichen sollte: Es ging um die Sommersonnenwende. Anna schluckte trocken und ihre Miene wurde härter, als die zwei Fremden bei ihr ankamen.

“Und das hier werden die Opfergaben sein. Ein Mann und eine Frau. So gehaben wir das seit jeher.”, endete die Schwarzhaarige, die nicht älter aussah als fünfzehn, und die ruhige Blonde hob ihre Lampe an. Anna presste die trockenen Lippen zusammen, um nicht lauthals loszuschimpfen, als sich der warme Lichtschein auf sie legte. Die blauen, leicht mandelförmigen Augen der Fremden musterten sie gleichgültig und nahezu arrogant. So, wie man einen verlausten, stinkenden Bettler auf der Straße ansah. Der Blick der Blondine wanderte langsam über die erdbeschmierte Hexerstochter, die am Boden sitzend feindselig aufsah und sich augenblicklich so verdammt hässlich fühlte.

“Sie sind Eindringlinge. So, wie all die anderen Opfer zuvor…”, erzählte die Druidin mit dem Stock und als die im grünen Kleid zu jener hin lugte, um ihr aufmerksam zu lauschen, erkannte Anna die spitz zulaufenden Ohren der Anmutigen. Eine Elfe also. Sie kam nicht von hier, so schien es. Denn sonst hätte man ihr auch nicht so eingehend von dem heutigen Fest und dem makabren Verbrennen von Opfergaben zur Sommersonnenwende erzählt. Anna’s Zähne mahlten zornig und aus dem Augenwinkel folgte sie jeder Bewegung der Elfe mit den langen, glatten Haaren. Jene wanderte nun um den schmalen Käfig herum und hob die flackernde Lampe erneut, um auch den schlafenden Rist desinteressiert zu betrachten. Das schöne, schlanke Spitzohr blieb stehen und schien ganz plötzlich gründlich über irgendetwas nachzudenken.

“Und ihr macht das jedes Jahr?”, wollte sie wissen ohne die blauen, wachen Augen von dem weggetretenen Gefangenen zu nehmen. Sie strich sich eine lose Haarsträhne der hüftlangen Mähne aus der Stirn.

“Ja. Es hat uns bisher eine reiche Alraunenernte beschert.”, nickte die Kleine mit dem Stab. Erst nach dieser Erklärung riss die Elfe den phlegmatischen Blick von Hjaldrist fort und lächelte bezaubernd.

“Ich würde die Mandragora-Gärten sehr gerne einmal sehen.”, entkam es ihr.

“Aber natürlich, Frau Ehillea.”, strahlte die Schwarzhaarige und Anna schüttelte den Kopf ungläubig über diesen prompten Themenwechsel. Wie konnte man nur so locker von abscheulichen Hinrichtungen sprechen und davon ausgehend zur Besichtigung von Gärten kommen? Wie abgebrüht musste man sein? Diese verdammten, abgedrehten Spinner!

 

Es war bereits hell auf der Lichtung, als Anna erneut zu sich kam. Sie tat dies an Rist gelehnt, der längst wach war und sie heftig gerüttelt hatte.

“Wa-… was?”, nuschelte die müde Hexerstochter schlaftrunken und blinzelte, wusste zunächst nicht so recht, wo sie war.

“Steh auf.”, flüsterte der Jarlssohn drängend “Sie holen uns.”

Er schüttelte seine beste Freundin erneut, als schlafe sie noch und machte sie damit und mit seiner davor gewisperten Aufforderung augenblicklich wacher. Aus großen Augen sah die Kurzhaarige eilig gen Himmel. Die Sonne stand noch nicht im Zenit. Rist erhob sich und sie tat es ihm sofort nervös gleich.

“Es ist noch nicht Mittag…”, entkam es ihr heiser und als sei dies ein wichtiges, Hoffnung spendendes Detail.

“Spielt keine Rolle.”, zischte der aufgebrachte Undviker und ihm schien der Herzschlag für einen Moment lang auszusetzen, als er bemerkte, dass die zwei Männer, die da kamen, eine dahinstapfende Eiche bei sich hatten. Der massige Baum folgte ihnen gemächlich knarzend und jeder seiner Schritte schien den weichen Waldboden leicht erbeben zu lassen. Oje.

“D-die haben nen Ent. Was machen wir?”, keuchte Anna hastig und unbesonnen.

“Ich-... keine Ahnung.”, gab Rist genauso aufgelöst zurück.

“Ich lenke den Baum ab.”

“Was? Und dann?”

“Und du kümmerst dich um die Druiden.”

“Wir sind unbewaffnet und die können sicherlich zaubern.”

“Ich weiß, verdammt. Aber was sollen wir sonst-”

“Pscht. Still.”

Die zwei gefangenen, dreckbeschmierten und entkräfteten Abenteurer erstarrten, als die zwei Männer in den grauen Roben an das Gefängnis herantraten. Ihr Baum verharrte solange unweit und wiegte sich leicht in der Sommerbrise. Es war, als warte er auf Befehle; auf Anweisungen, die ihm die verrückten Mistelschneider geben würden. Diese Hurensöhne!

“Wir sind hier, um euch zu holen.”, verkündete einer der Druiden, als er an die harten Stäbe aus Astwerk herantrat. Er hatte tiefgrüne Augen und einen langen, rotblonden Bart. Anna zuckte fahrig zusammen, doch ihre Miene wurde sehr schnell düster und böse. Hjaldrist’s Ausdruck war nicht weniger freundlich und er wartete schweigend ab; kampfbereit, obwohl er glaubte nicht die leiseste Chance zu haben.

“Die Flamina will euch sprechen.”, setzte der Fremde fort und fuhr sich mit einer Hand durch den Vollbart “Bleibt friedlich und euch wird nichts geschehen.”

Nun entkam Anna ein knappes und trockenes Lachen, das vermutlich spöttisch klingen sollte.

“Ach. ‘Nichts geschehen’? Ihr wollt uns verbrennen, ihr Bastarde!”, schimpfte sie, doch der Mann lächelte bloß geduldig. Er beäugte sie, als sei sie nicht mehr, als eine kleine Rotznase.

“Euch wird nichts geschehen.”, wiederholte er sich “Macht ihr aber Unsinn, müssen wir den Bäumen ausrichten euch wieder einzusperren.”

“Ihr seid doch wahnsinnig!”, kläffte die aufgebrachte Frau in der gestreiften Jacke und setzte sich unerwarteter Weise in Bewegung, fasste abrupt durch das Gitter nach draußen und wollte nach dem Druiden schnappen. Doch ihr Arm war zu kurz dafür und sie verfehlte den lächelnden Mistkerl daher knapp.

“Ihr seid völlig durchgeknallt!”, schrie sie weiter, doch Hjaldrist beschwichtigte sie, indem er ihr von hinten eine Hand auf die Schulter legte und mahnend zudrückte. Sofort entspannte sich die impulsive, verzweifelte Hexerstochter wieder etwas, atmete tief und gefrustet aus. Sie zog die Nase hoch.

“Warum will die Flamina mit uns sprechen?”, fragte der Jarlssohn mit kratzbürstigem Unterton, bevor seine Freundin weitere, wüste Beschimpfungen brüllen konnte “Gehabt sich das hier so? Mit den Opfergaben eines morbiden Festes zu plaudern, bevor man sie mit Öl übergießt?”

Der Druide mit dem Bart lachte leise und auch sein Kollege schmunzelte und schüttelte das Haupt.

“Nein. Das ist nicht gebräuchlich.”, versicherte er “Kommt ihr nun oder müssen wir die Eiche holen?”

Anna und Hjaldrist sahen auf diese Drohung hin sofort durch die Aststäbe hindurch und zu dem Ent, der kaum zehn Meter weit entfernt in der Sonne stand und die Äste reckte. Die Erinnerungen an gestern, an die Begegnung mit der barschen Trauerweide, steckten ihnen noch sehr, sehr tief und schwer in den armen Knochen. Dieses Wesen hätte sie ohne Mühe und im Nu zerquetschen können, wie lästige Käfer. Und als sie an den kurzen Kampf gegen die Lianen der Weide dachten, erschien es plötzlich als so verlockend einfach brav mit den zwei Druiden in den grauen Kutten zu gehen. Anna atmete demnach durch und auch Hjaldrist holte Luft, um zu sprechen. Der Schönling nickte.

“In Ordnung. Wir kommen mit.”, stimmte er zu, doch sein unzufriedener Ausdruck sprach Bände. Anna ballte die Fäuste und ermahnte ihr Herz im Geiste dazu mit dem schnellen Pochen und Hüpfen aufzuhören. Ruhig! Ja, sie musste sich beruhigen.

“Das ist schön. Also kommt.”, nickte der Bärtige noch und sah sich nach seinem Freund um. Jener hob eine seine Hände und gestikulierte kurz. Der Käfig aus verdrehten Ästen, der die armen Monsterjäger bisher gefangen gehalten hatte, zog sich magisch in den Erdboden zurück, als sei er nie da gewesen. Perplex sah die zurückweichende Novigraderin dem zu.

Anna sah Momente später stur voraus, als sie neben Rist her ging und dabei wieder etwas hinkte, denn bei der Flucht vor der rasenden Trauerweide hatte sie sich und ihr lädiertes Fußgelenk übernommen. Sie beide folgten den zwei seelenruhigen Männern, die die Ausländer aus ihrem ungeliebten Zwinger geholt hatten. Und hinter den Abenteurern, da schritt die lebende Eiche dahin. Gemächlich setzte der Baum Wurzel um Wurzel voran und ließ Anna und Hjaldrist nicht aus dem starren Blick. Es war klar, dass er jederzeit zuschlagen würde, würden die Druiden es so wollen. Man fühlte sich unglaublich klein, wenn man dieses verfluchte Ding im Rücken hatte und keine Bewaffnung bei sich trug. Anna schluckte trocken und ihre Hände waren eiskalt. Dennoch wanderten ihre braunen Augen immer wieder verstohlen umher. Wie die eines Vogels, der sich in ein Haus verirrt hatte und aufgeregt nach einem Weg nach draußen suchte. Doch solch eine gelegene Fluchtmöglichkeit wurde immer aussichtsloser. Denn die Druiden führten ihre zwei Gefangenen direkt in eine Siedlung. Etwa ein Dutzend strohbedeckter Jurten waren hier, inmitten von hohen Bäumen, kreisrund aufgebaut worden. In ihrer Mitte befand sich ein weitläufiger Platz mit einem großen, niedergebrannten Lagerfeuer. Keine dichten Baumkronen verdeckten diesen Hain und die Sonne kam ungehindert bis zur grasbewachsenen Erde, die überwuchert war mit Löwenzahn und Gänseblümchen. Es wäre so idyllisch gewesen, hätten sich Hjaldrist und Anna nicht in einem gefährlichen Schlamassel befunden, das ihnen heute Mittag noch die Köpfe kosten würde. Aus dem Augenwinkel sah die nervöse Hexerstochter erneut um sich und erblickte die verdammte Weide von gestern. Neben ihr gab es weitere Ents: Eine Buche mit Misteln in der Krone, einen Nussbaum und eine Esche mit fleischigen Baumpilzen am Stamm. Sie alle standen ruhig und wollten nicht so recht zu den normalen, leblos wirkenden Bäumen, die den Platz säumten, passen. Es war angsteinflößend daran zu denken, was die belaubten Waldwesen ausrichten könnten, hätten sie sich zusammen auf all die Menschen hier gestürzt. Diese laufenden Pflanzen hätten die Kraft ganze Dörfer nieder zu schlagen, ganz bestimmt.

Im Gehen stieß Anna ungewollt an Hjaldrist’s Seite, doch anstatt sich wieder etwas zu entfernen, fischte sie fahrig nach dessen Ärmel, um sich daran festzuhalten. Wie ein kleines Kind, das verunsichert nach der Hand der Mutter griff, tat sie das. Von der Seite aus blickte der Mann etwas überrascht zu seiner jüngeren Begleiterin hin, ließ sie jedoch gewähren. Oh, Anna war an und für sich kein Angsthase. Sie warf sich oft und nur zu gerne in Kämpfe gegen mächtige Wesen und Kreaturen. Beizeiten kroch sie auch schon mal allein in stockfinstere Höhlen oder Katakomben. Doch fünf oder mehr riesige, schreitende Bäume, denen Klingenwaffen nichts anhaben konnten, waren zu viel für das sonst so ungebrochen ehrgeizige Gemüt der Frau aus Novigrad. Selbst, wenn sie in voller Montur und bis an die Zähne bewaffnet hier gestanden hätte, wäre ihr der Arsch auf Grundeis gegangen. Sie versuchte trotzdem nicht allzu beängstigt auszusehen und bemühte sich um eine finstere, sture Miene. Ringsum hatten sich einige der Druiden versammelt. Sie alle trugen simple, helle Kleidung. Manche von ihnen hatten bunte Blüten in den Haaren, besonders die Frauen. Manche der Männer trugen wiederum schlichte Kappen aus Filz und nicht wenige von ihnen hatten lange Stäbe bei sich, die sicherlich nicht nur zum Spazierengehen zu gebrauchen waren. Neugierig starrten die Fremden, tuschelten und flüsterten. Sie beobachteten, wie die zwei Gefangenen vor die große Jurte der Flamina geführt wurden und die knarrende Eiche neben diesem Heim, das mit Efeu überwuchert war, Stellung bezog.

“Bitte, hier hinein.”, der bärtige Druide nickte Rist und Anna zu und deutete in die Richtung des Jurteneinganges “Frau Sybilla erwartet euch.”

Die Novigraderin im Bunde atmete tief durch die Nase durch und ließ den bestickten Ärmel ihres Kumpels nur zögerlich wieder los. Sie folgte ihm in die geräumige Hütte der Druidenältesten. Jene saß dort auf einem hölzernen Stuhl mit hoher Lehne, den ein weißes Fell säumte. In ihrem beigen Kleid lehnte sie da und sah fragend auf, als die zwei Abenteurer eintraten. In ihrem Haus befand sich ein großer Tisch, auf dem eine große Schüssel mit Gemüse darin stand und der locker Platz für sechs, sieben Leute bot. Auf kleinen Kästchen und Tischchen ringsum befanden sich viele Tontöpfe mit verschiedensten Gewächsen darin und durch den Raum spannten sich an der Decke Schnüre, von denen hier und da leichte, halbtransparente Fähnchen mit seltsamen Zeichen darauf hingen. Wie weiße Schleier wehten sie der Zugluft wegen sacht. Es roch nach Kräutertee und Honig.

Die Elfe von heute Morgen war bei der Flamina. In ihr schmuckes grünes Kleid gehüllt saß sie auf einem zweiten großen Sessel und trank etwas aus einem kleinen Hornbecher. Anders als die Flamina, die abwartend musternd schwieg, erhob sich das Spitzohr elegant und stellte den Becher fort. Ihre blonden Haare fielen ihr wie Seide von den schmalen Schultern und die unnatürlich blauen Elfenaugen nahmen einen zufriedenen, gutwilligen Ausdruck an. Sie faltete die Finger bedächtig ineinander und trat einen Schritt weit vor.

“Céadmil Invaerneweddin.”, lächelte die Elfe hinreißend. Es war unglaublich, wie schön sie war. Verwirrt sah Anna sie an und wusste nicht, was sagen, denn sie verstand die Sprache der Dame nicht. Sie warf einen hilfesuchenden Seitenblick zu Rist und erkannte, dass der Mann just so aussah, als stünde er einem wahrhaftigen Herzinfarkt nahe. Die entrückte Nordländerin blinzelte verwirrt, sah zurück zur Elfe und dann wieder zu ihrem grenzenlos fassungslosen Freund. Was folgte war ein Schwall aus Wörtern aus dem Mund des Selbigen, die Anna nicht verstand, denn sie gehörten zur Alten Rede. Perplex starrte die Giftmischerin ihren Kumpel also an, wie er gestikulierte und der Elfe weiter vorn irgendwelche Anschuldigungen zu machen schien. Er raufte sich die Haare, als sie gelassen antwortete und schlug sich dann die Hand vors Gesicht, als die Dame hinter vorgehaltener Hand glockenhell lachte. Und Anna schwieg. Etwas verloren und deplatziert wirkend stand sie da, verdreckt und planlos, und sah zwischen der Elfenfrau und dem Undviker hin und her. Erst, als die Diskussion in der Jurte verstummt war, holte die Kurzhaarige hörbar Luft. Dann fragte sie vorsichtig nach.

“Rist...? Was geht hier vor?”, wollte sie wissen und lugte noch einmal aus Argusaugen zu der bildhübschen Elfe in dem grünen Samtkleid. Jene lächelte ihr stoisch zu. Hjaldrist stöhnte abgespannt und trotz seiner Aufgebrachtheit und den vorigen, aufbrausenden Worten, lag da ein Deut Erleichterung in seinem Ton. Seine dunklen Augen hefteten sich auf Anna. Er seufzte und nickte in die Richtung der Blondine mit dem langen Haar und den spitzen Ohren.

“Das hier ist Ehillea.”, offenbarte der Skelliger “Meine Großtante.”

“Deine WAS?”, Anna glaubte, sie habe sich verhört und starrte ihren Freund, dem Erde an der Wange klebte, entsetzt an. Sofort zeigte sie eine längere Erklärung verlangend auf die erhabene Elfe weiter vorn und nahm die geweiteten Augen solange nicht von Rist.

“Meine Großtante.”, wiederholte sich der Mann räuspernd. Die Flamina beobachtete das Geschehen nach wie vor nur schweigend.

“Die Schwester deiner Oma?”

“Die Schwester meiner Oma.”, bestätigte der Undviker unwohl und nickte schwach. Aus dem Augenwinkel linste er zu Ehillea zurück. Jene stand bloß abwartend da und schmunzelte leicht.

“Aber-... was...”, entkam es der verdatterten Novigraderin nunmehr. Sie war fassungslos, wusste gar nicht so recht was sagen.

“Was macht sie hier? Warum ist sie nicht in Undvik?”, hakte die perplexe Kurzhaarige nach und an diesem Punkt angekommen, mischte sich auch die Elfe ein, um die es hier ging.

“Ich bin noch hier. Ihr müsst nicht in der dritten Person von mir sprechen.”, warf sie ein, als hätte man sie vergessen. Ja, Anna sprach hier mit Hjaldrist, als seien sie unter vier Augen. Doch das waren sie nicht.

“Verzeiht, dass die Druiden so harsch mit euch umgegangen sind. Wie ich es Invaerneweddin bereits erklärt habe, gab es da wohl ein Missverständnis.”, lächelte Ehillea schmal “Nicht wahr, Sybilla?”

Die Druidin im Hintergrund sagte nichts, was das ansehnliche, feingliedrige Klingenohr wiederum als Bestätigung hinnahm.

“Invaerne-wer…?”, murmelte Anna und Rist winkte schnell und hüstelnd ab. Dessen Verwandte musste erheitert und hinter vorgehaltener Hand lachen.

“Ach, nur ein Kosename, verzeiht.”, erklärte sie sich und die ungläubige Hexerstochter schenkte ihr und ihrem Freund seltsame Blicke.

“Jedenfalls schienen die Druiden euch für welche der Banditen gehalten zu haben, die in letzter Zeit nur zu oft durch den Caed Myrkvid streifen.”, erzählte Ehillea beschwichtigend weiter. Ihr weiches Gesicht nahm wieder etwas Ernsteres an.

“Ihr müsst wissen, dass es unweit ein Erzvorkommen gibt. Die Menschen wissen das und haben daher schon einige Male versucht hierher zu kommen, um die Natur auszubeuten. Sybilla und die anderen wollen das verhindern. Denn der Bau einer Mine würde den Tod vieler alter Bäume und Tiere bedeuten.”, klärte die schlanke Elfe aus Skellige auf. Sie seufzte mitleidig und schüttelte den Kopf, schlug die meerblauen Augen nieder. Anna schwieg. Auch ihr Kumpel sagte nichts. Doch die bisher stumme Flamina erhob sich endlich und kam, sich das helle Kleid vorn glattstreichend, an die Seite Ehilleas.

“Das ist richtig.”, pflichtete Sybilla bei und fixierte die Abenteurer aus strengen Augen “Vor zehn Monden erst wurde unsere Siedlung überfallen. Es war der erste Vorfall dieser Art. Und seither wachen die Baumwesen sehr aufmerksam über uns. Drei unserer Leute wurden von den gierigen Menschen aus dem Norden getötet. So etwas soll nie wieder passieren.”

“Und deswegen verbrennt ihr die Räuber in Strohpuppen?”, brummte Rist. Sybilla lachte leise. Der unaufrichtig amüsierte Ausdruck erreichte ihre Augen kaum.

“Man schimpft und Geisteskranke. Und man behauptet, wir würden jeden Eindringling kaltherzig in solchen Puppen anzünden. Die Menschen fürchten uns dieser Geschichten wegen und daher erfüllen wir sie. Oft lassen wir einen Zeugen solch einer Prozedur laufen, damit er weitererzählen kann, wie ‘grausam’ wir doch sind. Es gilt unserem Schutz, wenn Ihr versteht, was ich meine.”, rechtfertigte die Flamina sich.

“Aber wir sind keine Banditen.”, konterte Rist.

“Und bestimmt waren unter euren bisherigen Opfern auch Unschuldige!”, fügte Anna hinzu. Wieder lächelte Sybilla dünn und unnachgiebig.

“Das mag sein. Doch wir können keine Risiken mehr eingehen. Wir verteidigen unser Land so, wie es auch jeder andere tun würde. Ja, sagt mir: Welcher König würde nicht Soldaten aussenden, wenn eine feindliche Armee in sein Gebiet vorstößt? Wo, in der heutigen, gewaltvollen Zeit, hilft Reden denn noch? Wir sind nur 34 Leute. Und wir dürfen uns keine Fehler erlauben.“, setzte die ältere Flamina fort. Die Reisenden verstummten auf diesen Vergleich hin. Denn irgendwo hatte die erfahrene Druidin ja Recht. Dies, obwohl ihre Methoden so obskur und übertrieben erschienen.

“Doch was euch zwei angeht: Ich bitte euch um Verzeihung. Freunde Ehilleas sind auch meine Freunde. Euch steht es frei zu gehen, doch lade ich euch auch dazu ein zu bleiben und mit uns zu feiern. Ich weiß, der Schreck steckt euch wohl noch in den Knochen, doch hilft Wein und Gesang dabei ihn abzuschütteln.”, entkam es der aufrichtigen Dame im naturfarbenen Kleid, aber sie mutete dadurch nicht weniger kalt an “Badet euch. Zieht euch um. Euch soll hier, im Caed Myrkvid, kein Leid mehr geschehen.”

 

Es war früher Abend, als Anna und Rist aus der kleinen, strohbedeckten Jurte traten, die zurzeit eigentlich von Ehillea bewohnt wurde. Die Elfe hatte ihnen die gemütliche Hütte in der Zwischenzeit überlassen, damit sie sich zurückziehen und ausruhen könnten. Und das hatten die Abenteurer auch getan, nachdem sie sich in einem sehr nahen Waldsee den Dreck von den Körpern gewaschen und die Erde aus den Haaren geschrubbt hatten. Trotz der fröhlichen, lauten Feierlichkeiten am Hauptplatz des Hains, hatte die erschöpfte Anna eine Zeit lang richtig tief geschlafen und auch Hjaldrist hatte zwei gute Stunden lang vor sich hin gedöst. Dies bei seiner matten Freundin im breiten Bett, denn schließlich war in diesem großen Ding voller Felle und Kissen doch Platz genug gewesen. Die weise Elfentante des Undvikers war diese Zeit über nicht aufgetaucht, hatte die viel Jüngeren in Ruhe gelassen. Nur einmal, da war ein rothaariges Druidenmädchen eingetreten, um frische Kleidung für die Fremden auf das Bettende zu legen. Dies jedoch unbemerkt, denn die ursprünglichen Gefangenen, die jetzt Gäste des Dunkelwalds waren, hatten fest geschlafen. Nun aber, da hatten sie sich längst umgezogen und trugen die leichten Monturen, die man ihnen gebracht hatte: Hjaldrist steckte in einer einfachen, doch hübschen, dezent orangefarbenen Tunika, deren vordere Mitte unter einem breiten, grünlichen Kragen etwas schräg bis zu den Knien lief. Sie wurde von einer Schärpe zusammengehalten. Die neue Hose des Skelligers war dunkel, das Hemd unter der kurzärmeligen Tunika beige. All die Stoffe sahen aus, als seien sie von den hiesigen Leuten selbst eingefärbt worden. Der Inselbewohner schien froh darüber zu sein, heute nur noch in solch bequemer Kleidung herumspazieren zu müssen. Vielmehr war er aber damit beschäftigt den neugierigen Blick an Anna zu heften, die neben ihm aus der Jurte kam. Denn die sonst so burschikose Frau, die selbst in Hosen schlief, steckte in einem roten Kleid der Druiden. Es war einfach geschnitten, oben anliegend, mit großzügiger Schnürung und langen, grünen Ärmeln. Nach unten hin wurde es weiter und fiel in schönen Falten. Der bestickte Ausschnitt des Kleidungsstückes war für jemanden, wie die kesse Novigraderin weit; Nicht so ausfallend und skandalös, wie der so mancher Frauen auf Beutefang, doch für ihre Verhältnisse durchaus beachtlich. Und als sie so dastand, war ihr forschender Blick war auf den Platz gerichtet, in dessen Mitte ein großes Feuer brannte. All die Druiden waren anwesend, saßen auf hölzernen Bänken oder im Gras, aßen, tranken und lachten. Einer von ihnen klimperte auf einer alten Laute, eine Frau spielte auf einer kleinen Flöte und ein Anderer trommelte beschwingt. Singend und klatschend tanzten ein paar der Mistelschneider um das hoch flackernde Feuer im Hain, stampften mit den Füßen auf und summten. Die Stimmung war ausgelassen und nichts erinnerte an das Grauen, das Anna und Hjaldrist vor Stunden noch erwartet hatten. Hier, in der Abenddämmerung, war die große Druidensiedlung zu einem anschaulichen Platz geworden. Zu einem Ort der Versammlung und des Zusammenseins bei Musik und Umtrunk.

Anna sah sich nach ihrem Freund um, dessen Blicke sie im Nacken kitzelten. Abwartend taxierte sie ihn, zuppelte ein wenig am Kragensaum ihres Kleides herum und fasste sich an den Stoff, der sich eng an ihre Taille schmiegte. Es war ungewohnt solch ein Ding zu tragen und immer wieder hatte sie den Drang dazu zu überprüfen, ob man ihr wohl nicht in den Ausschnitt sehen konnte oder ob die Schnürung an eben jenem locker war. Sie seufzte leise und friemelte an ihrem Ärmel herum. Sollte sie sich unbehaglich fühlen? Sie wusste es noch nicht so recht. Ihre anderen Klamotten waren dreckig, verschwitzt oder nass und mussten gewaschen werden. Sie könnte sich nicht umziehen.

“Hör auf damit andauernd an dem Kleid herumzufummeln.”, sagte Hjaldrist, als er endlich zu Anna aufschloss. Er schmunzelte dabei ein wenig und sah damit aus, als ob er ihr Verhalten niedlich finden würde. Die konfrontierte Kriegerin quittierte dies nur mit einem abfälligen Schnauben und wischte sich die Haare aus der Stirn. Ihre verzwickte Miene erhellte sich jedoch gleich wieder etwas, als ihr Kumpel lieb meinte, das Kleid der Druidinnen stehe ihr. Ihre Lippen verzogen sich gar zu einem leichten Lächeln, nachdem er das getan hatte. Dann nickte er ihr auffordernd zu.

“Suchen wir Ehillea?”, fragte er und diese Option erschien auch der Alchemistin in Rot am besten. Denn zur Flamina wollte sie nicht. Sybilla war ziemlich unsympathisch und wirkte so streng. Und den Rest der Kommune kannten die Reisenden nicht. Sie wollten sich nicht wahllos zu irgendeinem fremden Grüppchen gesellen und so tun, als seien sie alle Freunde. Denn das waren sie nicht. Noch heute Morgen hatte man die beiden Außenseiter verbrennen wollen und dies hatten sie sich gut gemerkt. Es würde eine Weile dauern, bis sie hier an etwas, wie Vertrauen denken könnten.

 

Ehillea stand nicht weit von dem großen Feuer entfernt. Sie hielt einen gebrannten Tonbecher in den Händen, als wärme sie sich die Finger daran, und ihre blauen Augen folgten dem Treiben am Platz im Hain aufmerksam. Schwach lächelte sie dabei und sah so, wie sie da stand, unglaublich anmutig aus. Noch nie hatte Anna eine Elfe, wie sie gesehen. Die einzigen Spitzohren, mit denen sie jemals zu tun gehabt hatte, waren dreckige Halunken gewesen. Söldner, die ihr gezeigt hatten, wie man sich Fisstech in das Zahnfleisch rieb und ihr den Schwindel und Brechreiz ihres Lebens beschert hatten. Die Klingenohren der Scoia’tael hatten, so wie Rist’s Großtante, ebenso feinere Züge besessen, doch vom Gemüt her waren sie nicht besser, als irgendwelche Menschen gewesen. Mit Narben in den Visagen und Dreck an den Mänteln waren sie herumgelungert, hatten sich mit Messern Essensreste zwischen den Zähnen hervorgepuhlt und Drogen geschnupft. Nichts an der strahlenden Ehillea erinnerte an diesen chaotischen Haufen, als sie wach hersah und ein Nicken andeutete, um die beiden Jüngeren zu begrüßen.

“Ihr seid wach. Wie geht es euch?”, wollte die Blonde wissen, als Anna und Rist bei ihr ankamen. Um Respekt vor der Hexerstochter zu bekunden, griff sie dabei auf die Gemeinsprache zurück.

“Besser…? Denke ich.”, entkam es der Kurzhaarigen, die sich in Ehillea’s Anwesenheit fühlte wie ein hässliches Entlein vor einem wunderschönen Schwan. Die Elfe lächelte sanftmütig und wendete sich dann an ihren Verwandten, der bei Anna stand.

“Ich weiß nicht, warum ihr in den Caed Myrkvid gekommen seid, Invaerneweddin. Doch ich hoffe, ich werde es nicht bereuen die Verantwortung für euch übernommen zu haben, damit ihr nicht sterben müsst.”, sagte die Blondine mit der langen Mähne ruhig und sah ihren Großenkel eindringlich an. Ihre merkwürdigen Augen wirkten, als könne sie damit in Andere hineinsehen. Dennoch wahrte sie eine bedächtige Miene und starrte nicht böse. Anna sah abwartend zu Hjaldrist hin und war dezent nervös.

“Du wirst es nicht bereuen.”, versicherte er gleich mit fester Stimme.

“Wir gehören nicht zu den Banditen, die die Druiden angegriffen haben.”, fügte die Novigraderin im roten Kleid dem hastig hinzu “Wir sind hier, weil ich mit den Leuten des Hains sprechen will.”

Auf diese Äußerung hin wanderten die unnatürlich blauen Elfenaugen, die an tiefe Waldseen erinnerten, zu Anna zurück. Ehillea wirkte unerwarteter Weise überrascht.

“Sprechen? Worüber?”, wollte der Blondschopf wissen und zum ersten Mal erkannte die Hexerstochter ehrliches Interesse im Blick der Älteren. Im Hintergrund trommelten und flöteten die Trankmischer und lachten und tanzten auf bloßen Füßen wild um das Feuer am großen Platz. Sie alle trugen Blumenkränze auf den Köpfen, lange, luftige Kleider in allen möglichen Farben oder wallende Roben aus schwerem Stoff.

“Über Alchemie.”, sagte Anna aufrichtig und die kluge Elfe musterte sie, als glaube sie dies nicht so recht.

“Dieses Anliegen muss sehr wichtig sein, wenn Ihr dafür in den Dunkelwald kommt.”

“Ist es.”

“Nun, in dem Fall empfehle ich Euch mit Sybilla zu sprechen.”, lächelte Ehillea zurückhaltend und nippte an ihrem dampfenden Becher. Als sie bemerkte, wie die kurzhaarige Novigraderin etwas neugierig gen Trinkgefäß lugte, lachte sie leise und wies dann zu einem Tisch, der da unweit stand.

“Setzen wir uns. Der Gewürzwein ist gut und passt wunderbar zu den Hanfbroten. Ihr beide solltet ihn probieren.”, lud die bildhübsche Frau ein und die ausgezehrten Abenteurer nickten sofort bereitwillig. Denn neben Durst hatten sie auch einen fürchterlichen Hunger. Essen und Trinken klang also nur zu verlockend.

Anna hinkte kaum merklich, als sie Ehillea also zu dem Tischchen folgte, an dem sich die Elfe niederließ. Hjaldrist setzte sich dazu, seine Freundin fand den beiden gegenüber Platz und die Blondine zögerte nicht damit den Gästen reichlich Wein einzuschenken. Sie füllte auch ihren kleinen Becher wieder auf, der augenblicklich dampfte und einen verlockenden Geruch nach süßen, roten Reben und Nelken verströmte. Obwohl es Sommer war, hatten die Druiden den Wein leicht erhitzt. Denn die Nächte im Caed Myrkvid konnten durchaus kalt werden, wie es Anna erst gestern hatte herausfinden müssen. Gewärmter Wein war also eine Wohltat. Und während das Fest ringsum nicht abflaute und die Flötenmelodie fröhlich mit der Laute hüpfte und trällerte, setzte Rist zum Sprechen an. Er lehnte beide Unterarme locker auf den Tisch, drehte seinen Weinbecher zwischen den Fingern und sah zu Ehillea hin. So, wie die beiden da nebeneinandersaßen, konnte man fast nicht glauben, dass sie miteinander verwandt waren. Klar, Hjaldrist sah nicht aus wie ein typischer Skelliger, war schmaler gebaut und seine Züge waren feiner. Er war sehr weit davon entfernt auch dann, wenn er es wollen würde, ruppig, abgeranzt oder wie ein steinharter Hüne zu wirken. In dem Sinn kamen die Elfengene wohl durch. Doch abgesehen davon hatte er nichts an sich, das der Erscheinung seiner Großtante glich. Er besaß keine Mandelaugen mit so seltsam tiefem Blau darin, hatte keine Spitzohren und keine hellblonden Haare. Nun ja, Anna hatte längst bemerkt, dass sein Haar vereinzelt heller meliert anmutete und dass dies für einen Menschen in seinem Alter nicht gewöhnlich war. Entweder kam da also auch Elfisches aus ihm raus oder er wurde einfach nur früh grau. Daneben war sein Gehabe alles andere, als dem seiner Verwandten gleich. Er war nicht elegant und anmutig, blickte nicht so eigenartig arrogant vor sich hin und lächelte nicht zurückhaltend. Anna war froh darüber.

“Also. Was machst du eigentlich hier? Bist du nun auch zum Druidentum übergegangen?”, wollte der besagte Skelliger an seine Großtante gerichtet wissen. Abwartend sah er die Blonde neben sich an und sein Starren duldete keine Ausreden. Ehillea lächelte zauberhaft.

“Nein. Trankmischerei liegt mir recht fern, wie du weißt.”, erinnerte die Elfe mit der sanften Stimme “Ich bin vielmehr zu Besuch.”

“Zu Besuch?”, Rist kräuselte die Stirn.

“Ja. Das Waldsterben ist mir doch seit jeher ein Anliegen. Zudem komme ich in meiner Profession als Vermittlerin zum Zug.”, meinte die Langhaarige, die leicht nach Jasmin duftete, aufrichtig. Anna hob die Brauen und wusste nicht, ob sie so recht folgen konnte. Ehillea bemerkte diesen Blick und klärte auf:

“Menschen dringen immer wieder in unberührte Wälder vor und zerstören sie kopflos. Sie sind gierig und holen sich mehr Holz, als sie brauchen. Oder aber, sie roden ganze Forstflächen, um Minen zu errichten. Der Handel und das liebe Geld sind daran schuld.”, seufzte die schöne Frau “Erst recht in kriegerischen Zeiten, wie dieser. Kriege, müsst ihr wissen, werden nicht nur mit Waffengewalt bestritten. Geld und Güter spielen ebenso eine große Rolle. Und sie drängen die Menschen dazu zu vergessen, dass sie der Natur sehr schaden.”

Anna’s fragende Miene rutschte in eine wieder viel ernstere Richtung. Sie verstand endlich und fasste nachdenklich nach ihrem warmen Becher.

“Ich bin den Menschen jedoch nicht böse. Denn manchmal wissen sie es einfach nicht besser.”, setzte die geduldige Elfe fort “Früher fungierte ich als Botschafterin zwischen den Völkern. Zwischen den Aen Seidhe und den Menschen. Das ist eine Art, nun, Tradition unserer Familie und die Insel forderte es so. Später, da ging ich jedoch auf Reisen, um meine Liebe zu den Wäldern und Tieren mit dieser diplomatischen Profession zu verbinden. Heute versuche ich zu vermitteln, sobald Leute zu stark und zu gewaltsam in die Natur eingreifen. Als Sprecherin der Druiden hier genieße ich Ansehen, wenn ich zwischen dem Caed Myrkvid, dem Norden und dem Süden reise.”

“Und du findest es gut, dass die Druiden des Waldes Leute ermorden?”, wollte Hjaldrist äußerst skeptisch wissen. Anna trank stumm etwas von ihrem Wein, der wirklich ausgezeichnet schmeckte. Er lief einem die Kehle runter wie weicher, gewürzter Traubensaft. Daneben griff sie nach einem der Hanfbrote, die reichlich mit Butter beschmiert waren.

“Nein.”, antwortete Ehillea Hjaldrist ruhig “Es ist weder gut vermeintliche Eindringlinge zu töten, noch ist es rechtens hier einzubrechen, um die Leute des Hains und den Wald anzugreifen. Und genau deshalb bin ich hier. Ich hoffe auf Einigungen und Lösungen.”

“Eine langwierige Sache.”, schätzte Anna im Hintergrund, nachdem sie einen Bissen leckeren Brotes hinuntergeschluckt hatte. Die faszinierende Blondine am Tisch nickte.

“Ja, langwierig, in der Tat. Jedenfalls für euch Menschen.”, lächelte sie gutmütig und machte damit indirekt klar, dass sie als Elfe länger lebte, als jeder Normalsterbliche. Die Novigraderin blinzelte etwas wirr, als ihr dies in den Sinn kam. Sie fühlte sich ein wenig dumm. Und unweigerlich fragte sie sich, wie alt Hjaldrist wohl werden würde. Und wie alt war er im Moment? Sie hatte keine Ahnung, obwohl sie ihm nah stand. Was, wenn er schon sechzig Jahre auf dem Buckel hatte und nur so aussah wie um die Dreißig? Ja, wie war das so mit Menschen, die Elfenblut besaßen? Eigenartigen Blickes taxierte die Kurzhaarige ihren besten Freund, der gerade einen Teller voller belegter Hanfbrote zu sich heran zog, um sie eingehend zu beäugen. Er pickte sich eines mit Butter und Kresse heraus und schien nicht so glücklich darüber zu sein, dass es keine Wurst gab. Offenbar lehnten die Druiden des Dunkelwalds Fleisch ab.

“Ach, aber bitte reden wir doch nicht über solche unguten Themen. Wir sind auf einer Feier zur Midaëte.”, lenkte Ehillea dann ein. Sie griff nach ihrem Becher und vollführte damit eine elegant prostende Geste.

“Hael.”, lächelte sie dabei und der essende Rist nickte, gab ein ‘Hael’ aus halbvollem Mund zurück und trank. Auch Anna hob den Becher leicht an und gab den elfischen Toast von sich, musste breit lächeln. Die Gesellschaft, in der sie sich befand, war angenehmer, als zunächst angenommen.

Der Wein und Ehillea, die gelassen von ihren spannenden Reisen erzählte, der Gesang, Spaß und Tanz ringsum, lockerten die Stimmung der Kriegerin aus Kaer Morhen folgend sehr. Auch Hjaldrist lachte, als seine Elfentante den Onkel Drakensunds, Adlet, als völlig durchgeknallt bezeichnete. Die Atmosphäre war angenehm und ausgelassen. Noch amüsierter wurde Anna, als sie bemerkte, dass die bildschöne Elfe am Tisch nach kaum einer Stunde des Trinkens angeheitert anmutete. Denn sie lachte offener, gab sich entspannter und weniger vornehm, obwohl sie nach wie vor ihre fremdartige Anmut besaß.

“In einen Fuchs?”, fragte die Elfe nach dem Geplapper Hjaldrists belustigt nach “Ach herrje…”

“Ja… wir haben tagelang nach ihr gesucht und sie hat sich erst zurückverwandelt, nachdem Adlet ihr einen weiteren Trank eingeflößt hat.”, grinste der Schönling und warf Anna einen schelmischen Blick zu. Die Novigraderin lächelte betreten und kratzte sich am Hinterkopf, als sich die blauen Augen der Großtante an sie hefteten.

“Hmmm. Aenyecrevan.”, entkam es der Blondine und sie wirkte angetan und stolz, als sie das sagte. Dann lächelte sie der Kurzhaarigen am Tisch wohlwollend zu “Wie passend!”

Anna hob eine Augenbraue verdattert an und linste hilfesuchend in die Richtung ihres besten Freundes, der nur mit den Schultern zuckte.

“Sie hat die Angewohnheit Freunden und Verwandten blöde Spitznamen zu verpassen…”, erklärte der wissende Undviker und verkniff es sich mit den braunen Augen zu rollen. Er musste schief grinsen und den Kopf über die Elfe neben sich schütteln. Jene wirkte durch eben diese Ausführung viel menschlicher. Ja, Anna’s Gesicht lichtete sich und sie erwiderte den netten Ausdruck der Elfenfrau jetzt. Jene hatte ja auch Rist mit einem Kosenamen bedacht, nicht? Wie lautete der nochmal…?

“Was bedeutet der Name?”, wollte Anna wissen.

“So viel wie Feuerfuchs.”, gab die Elfenfrau zurück und die Novigraderin musste lachen “Du hast viel Feuer in dir, Arianna. Ich kann es sehen.”

“Also ‘Flohbeutel’ wäre eigentlich passender.”, warf Hjaldrist mit schiefem Grinsen ein und bekam dafür einen festen Klaps auf den Hinterkopf. Erheitert glucksend beschwerte er sich und schlug die Arme schützend über dem Haupt zusammen, ehe er zum Gegenschlag ansetzte und die arme Anna bei sich mit den Zeigefingern so beherzt in die Seite piekte, dass sie damit anfing zu lachen und von der Bank floh. Ja, der Abend stellte sich als wirklich unterhaltsam heraus. Und das, obwohl die zwei Vagabunden es heute Morgen nicht für möglich gehalten hatten überhaupt noch so lange zu leben.

 

Es blieb im Laufe des Festes nicht dabei, dass Ehillea und ihre zwei Anhängsel von außerhalb des Caed Myrkvid an ihrem Tisch sitzen blieben. Irgendwann, da hatten sie sich erhoben und sich dem lodernden, wärmenden Feuer zur Sommersonnenwende genähert. Sie waren leicht angetrunken und hatten Freude an dieser jungen Nacht, die von den tanzenden Flammen erhellt und der lauten Musik der Druiden erfüllt wurde. Sie klatschten in die Hände, als die jüngsten Frauen des Hains in farbenfrohen Kleidern um das große Feuer tanzten. Die undviker Elfenfrau berührte Rist sacht am Arm und deutete amüsiert auf einen Druiden, der unweit herumtorkelte und bestimmt nicht nur Alkohol intus hatte. Anna stand ebenso belustigt da, war absolut mitgerissen von dem fröhlichen Spektakel am Platz. Die lebenden Bäume am Rande des Hains störten sie längst nicht mehr. Die Ents, die zunächst so unheimlich und respekteinflößend gewirkt hatten, waren zur Nebensache geworden. Die burschikose Frau aus dem Norden lachte begeistert und beobachtete das Geschehen mit einem Strahlen im Gesicht. Auch die Männer des Caed Myrkvid mischten sich beim nächsten Flötenlied, das von der großen Trommel begleitet wurde, wieder in den lustigen Tanz um das Lagerfeuer. Einer von ihnen erwischte Anna währenddessen einfach so und spielerisch am Arm, zog sie mit und drängte sie einem der Mädchen in den weiten Kleidern entgegen. Und während die Novigraderin sofort überrumpelt und planlos starrte, nahm die Druidin sie wie selbstverständlich an den Händen und forderte sie mit Gesten dazu auf sich einfach gehen zu lassen und mit um das Feuer zu springen. Wirklich tanzen, das musste man dabei nicht können. Und die Kurzhaarige, die so etwas schließlich nie gelernt hatte, war froh darüber. Zunächst hielt sie sich etwas zurück, auch ihres noch etwas beleidigten Fußgelenks wegen. Doch es dauerte nicht lange, da stand sie den Druiden in nichts nach, tanzte lachend mit ihnen und hüpfte im leichten Weinrausch zum Takt der Musik und des Trommelschlags. Penibel an ihrem Leinenkleid herumzuzuppeln und die Arme unwohl vor der Brust zu verschränken lag ihr dabei längst fern. Sie hatte ungehalten Spaß, reichte einer schwarzhaarigen Druidin vor sich die Hand und wurde in einem simplen Volkstanz zum nächsten Hainbewohner geführt. Sie drehte sich, sah auf. Eine lächelnde, rothaarige Frau stand plötzlich vor ihr und legte ihr, wie so vielen anderen zuvor, einen Kranz aus blauen Kornblumen auf den Kopf. Die Druidin bewegte sich daraufhin weiter und tänzelte zu einem Anderen, um ihm ebenso Blumen zu schenken. Doch Anna, die hatte innegehalten. Nahezu erstarrt war sie und fasste sich im flackernden Feuerschein vorsichtig ans Haar. Ihre Fingerspitzen berührten die hübschen, duftenden Blumenblüten darin und augenblicklich sank ihre Stimmung. Denn als sie den Blick senkte, sah sie Lin vor ihrem geistigen Auge. Wie er vor ihr stand, pfiff, summte und ihr einen Blumenkranz flocht. Wie er fröhlich lächelte und ihn ihr reichte, als seien die Blüten ein wertvolles Geschenk. Er hatte Margeriten und Kornblumen geliebt, sie stets äußerst geschäftig vom Wegesrand gepflückt. Lin hätte das Fest zur Sommersonnenwende auch gefallen. Oh, was wäre er hier im grünen Hain herumgesprungen und wie laut hätte er mit den feiernden Druiden gesungen… nicht wahr? Es wäre für den Kleinen ein unvergessliches Erlebnis gewesen und er hätte mit Vorliebe und seiner schrägen Weltoffenheit die guten Hanfbrote probiert.

Anna bemerkte erst, dass sie weinte, als ihr eine dicke Träne vom Kinn tropfte. Noch immer stand sie wie verloren da, inmitten des Platzes und vor dem knisternden Lagerfeuer, das sie um mehrere Köpfe überragte; zwischen tanzenden und laut feiernden Menschen. Ganz plötzlich schien sie nicht mehr hierher zu gehören. Die Blumen auf ihrem Kopf und das hübsche Kleid wollten nicht mehr so recht zu ihrem tieftraurigen Ausdruck und den nassen Wangen passen. Anna stand herum, wie ein verplantes, flennendes Häufchen Elend. Als sie dies selbst spät realisierte, wendete sie sich ab, wischte sich mit dem Ärmel über die braunen Augen und zog die Nase hoch. Die aufgelöste Novigraderin hatte sich kaum in Bewegung gesetzt, um sich betreten zurückzuziehen, da stand Hjaldrist schon vor ihr. Er musste den plötzlichen Stimmungswechsel seiner besten Freundin bemerkt haben, nachdem ihr die Druidin den Kornblumenkranz in die Haare gelegt hatte. Und natürlich wusste er sofort Bescheid, WUSSTE weswegen Anna plötzlich in Tränen ausgebrochen war. Es war höchste Zeit dafür gewesen. Denn bisher hatte sie des toten Göttlings wegen kein einziges Mal so richtig geweint. Dass sie nun leise schluchzen musste war, als ob eine Mauer in ihr barst, in sich niedersackte und all die krampfhaft verdrängten Gefühle tosend losbrechen ließ.

 

“Na, na.”, Ehillea zeigte sich irritiert besorgt, als sie die zwei kläglichen Abenteurer wenige Zeit später abseits auffand “Was ist denn los?”

Anna und Rist saßen zusammen auf der Holzbank, auf der der Abend so lustig und feuchtfröhlich begonnen hatte. Diesmal jedoch mit dem Rücken zum emporleckenden Feuer mit den hellen Glutfunken und all den singenden Leuten. Der Skelliger in der orangen Tunika hatte einen Arm um die Schultern seiner Kumpanin gelegt. Er stand ihr damit stumm bei und tröstete, sah jedoch auch äußerst niedergeschlagen aus. Seine dunklen Augen waren glasig, doch anders, als seine Freundin aus Kaer Morhen, schniefte er nicht. Anna wischte sich eine letzte Krokodilsträne von der Wange und ermahnte sich im Stillen zur Fassung. Schließlich saß sie nun schon viel zu lange hier und kriegte sich kaum mehr ein. Dies war ungewöhnlich für sie, denn an und für sich mimte sie doch immer die Starke. Eher verglich man sie sonst mit irgendwelchen Haudraufs und Kerlen eines Söldnerhaufens und vergaß dabei, dass sie auch durchaus eine sehr mädchenhafte Seite an sich hatte. Und dieser Part heulte, jammerte und hatte manchmal auch eine ziemliche Angst.

“Alles gut.”, antwortete Hjaldrist seiner sorgenvollen Großtante lau und sprach für seine Freundin mit dem blauen Blumenkranz im Haar, die nicht in der Stimmung war sich groß zu unterhalten. Anna atmete tief durch und schlug die schmerzenden Augen nieder. Ehillea betrachtete sie eingehend, doch war natürlich schlau genug, um zu verstehen, dass nichts ‘gut’ war. Man musste doch bloß die Mienen der Jüngeren auf der kleinen Steckbank beäugen. Ja, selbst Hjaldrist sah aus, als müsse er sich ordentlich am Riemen reißen. Also setzte sich die Elfe einfach zu ihnen.

“Ihr habt schlimme Dinge gesehen. So gehabt es sich, wenn man viel reist.”, entkam es der Blonden ruhig “Diese Erfahrungen formen einen und daher sind sie wichtig.”

Anna schwieg, hielt ein Stofftaschentuch fest in ihrer Rechten, seufzte und putzte sich die Nase. Und Rist atmete ebenso tief aus.

“Ich bezweifle… ich bezweifle, dass der Tod von Freunden so ‘wichtig’ und gut für irgendwelche Entwicklungen ist.”, kritisierte der anwesende Skelliger und Ehillea’s Ausdruck veränderte sich trotz dieser indirekten Erklärung der Situation nicht. Sie lächelte leicht und reizend.

“Va'esse deireádh aep eigean, va'esse eigh faidh'ar. Etwas endet, etwas beginnt.”, kommentierte die weise Elfenfrau diese Aussage schlicht “So ist der Kreislauf der Dinge.”

Anna verstand nicht, was die schlanke Dame damit meinte, fragte aber auch nicht nach. Doch Rist sah aus, als verkneife er sich eine schnippische Meldung. Der Jarlssohn äugte wieder von seiner Großtante fort, hatte den einen Arm noch immer um die Schwertkämpferin in dem roten Kleid gelegt und drückte sie brüderlich. Es half. Ja, Anna war heilfroh darüber nicht allein zu sein.

Kommentare zu Kapitel 20

Kommentare: 0