Kapitel 31

Freunde, auf die man sich verlassen kann

Als Anna erwachte, war es noch nicht einmal richtig hell draußen. Es dämmerte erst und eine frische Morgenbrise wehte zum offenstehenden Fenster herein, bauschte die weißen Vorhänge leicht auf. Die Frau fühlte sich wie erschlagen, ächzte ob dem leise, wollte sich umdrehen. Doch sie konnte nicht. Denn da lag irgendetwas auf ihr. Nein, jemand hielt sie fest. Schlaftrunken und mit einem irritierten Funke im matten Blick hob sie den Kopf etwas an und sah auf. Da lag ihr jemand gegenüber, hatte einen Arm um sie gelegt. Sie erkannte die bestickte, grüne Tunika, die derjenige trug. Das war Rist.

Der verwirrten Frau, der das rote Kleid zerknittert und etwas schief am Körper hing, entkam ein leiser, unschlüssiger Laut. Sie wollte sich aus der unerwarteten Umarmung lösen, um sich erst einmal aufzusetzen. Um sich umzusehen und zu verstehen, wo sie war. Doch es gelang ihr nicht. Ihr Freund hielt sie nämlich weiterhin eisern fest und nur daran bemerkte sie, dass er längst wach war. Was war los? Was sollte das hier denn bitteschön? Sie befanden sich doch nicht in einem winterlich arschkalten Zelt, in dem sie beim Schlafen kuscheln mussten, um nicht zu erfrieren!

“Rist...”, entkam es der noch etwas Verschlafenen im sanften Protest, der unmissverständlich klar machte, dass ihr die irgendwo unheimliche Situation nicht gefallen mochte. Auslöser dafür war weniger die Tatsache, dass der Skelliger hier eng mit ihr im Bett lag; sondern vielmehr die Frage dahinter warum er dies überhaupt tat und weswegen er auch dann nicht locker ließ, wenn sie unzufrieden murrte. Irgendetwas stimmte doch nicht. Oder? Denn klar, sie umarmten sich beizeiten schon mal. Freunde taten das. Sie hatten auch schon sehr oft zusammen in einem Bett geschlafen, weil sie sich keine zwei hatten leisten können oder es bibbernd kalt gewesen war. Aber das gerade eben, das war anders.

Anna hörte, wie der Mann bei ihr auf einmal tief durchatmete und er klang verdammt erleichtert dabei. Als sei ihm gerade ein zentnerschwerer Felsbrocken vom Herzen gefallen. Warum? Was war passiert? Was war mit ihm?

Und zu allem Überfluss drückte der Krieger seine Kumpanin jetzt an sich. So, als sei er über alle Maßen froh. Es war die Art von Drücken, das man austauschte, nachdem man sich lange nicht gesehen hatte und sich zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wieder traf. Und genau diese Geste drängte Anna dazu gut nachzudenken und sich an das Letzte zu erinnern, das sie sich in die sehr vagen Gedanken zurückrufen konnte. Sie verengte die braunen Augen angestrengt grübelnd und sah der Halsbeuge ihres Freundes dabei stumm entgegen. Auch ließ die Hexerstochter es jetzt zu so festgehalten zu werden, als sei sie ein Stofftier. Nachgiebig hatte sie den Kopf auf die Matratze zurück sinken lassen.

Also… mal von vorn: Sie beide waren in einem stinkenden Sumpf gewesen, hatten gegen wandelnde Leichen gekämpft und dann war eine Erscheinung aufgetaucht. Valerie. Ja, genau. Sie hatten einen mündlichen Vertrag mit dem Geist geschlossen und dann…

Kälte. Anna erinnerte sich unwohl daran, wie es sich angefühlt hatte, als die besitzergreifende Valerie in sie gefahren war. Es hatte wehgetan und sie hatte den furchtbaren Eindruck gehabt, dass ihr all die Innereien mit einem Mal herausgerissen werden würden. Sie hatte den eigenen Pulsschlag in den Ohren pochen und rauschen gehört und ihr war unglaublich schummrig geworden. Sie hatte laut geschrien. Und dann? Einnehmende Schwärze. Ohnmacht.

“Was ist passiert...?”, murmelte die wirre Kurzhaarige also mit ungewollt dünner Stimme und wandte sich damit direkt an Rist, der bis jetzt noch kein Wort verloren hatte. Hatte er überhaupt geschlafen? Und… war das da etwa Anna’s Wolfsmedaillon an seinem Hals? Was, zur Hölle, war passiert??

“Ich dachte, sie gibt dich nicht wieder her.”, vernahm man seitens des unglaublich müde klingenden Undvikers und Anna runzelte die Stirn tief.

“Was?”, entkam es ihr sofort. Sie drängte den heilfrohen Skelliger endlich erfolgreich von sich, um sich schwerfällig aufzurichten. Er ließ die Alchemistin ohne ein weiteres Wenn und Aber los. Oh, brummte Anna der Schädel vielleicht! Schmerzlich kniff sie eines ihrer Augen zu. Urgh, und sie hatte solch einen Hunger… ihr flauer Magen hing ihr in den Kniekehlen.

Hjaldrist, der blieb im Gegenzug zu seiner Kollegin einfach liegen und sah aus, als käme er ganz frisch aus der Folterkammer. Also nicht körperlich, aber mental. Die sitzende Novigraderin im knittrigen Kleid bedachte ihn zunächst irritiert-prüfenden, dann absolut sprachlosen Blickes. Dem Mann entkam ein tiefes Seufzen, dann drehte er sich auf den Rücken und fuhr sich mit den Händen stöhnend über das erschöpfte Gesicht. Er hatte tatsächlich nicht geschlafen, nicht wahr?

“Alles lief ganz gut. Wir haben Valerie bespaßt so gut es ging. Also Ravello und ich.”, erzählte der blasse Axtkämpfer zögerlich “Aber sie wurde zu überheblich und war auch nach dem dritten Tag noch da. Ich denke, sie hatte sogar vor zu bleiben.”

Anna stockte der Atem, als sie dies hörte, und sie starrte ihren besten Freund fassungslos an. Oh, bei Melitele, wie bitte? Valerie hatte sich tatsächlich erdreistet und versucht in dieser Welt zu bleiben? Dieses Miststück!

“Ich konfrontierte sie also und wollte, dass sie dich wieder freigibt. Sie wurde daraufhin zornig”, sprach Rist gedankenverloren weiter und sah dabei der hell getäfelten Zimmerdecke entgegen “Sie forderte mehr und... wollte mit Ravello vögeln.”

“Bitte was?”, schoss es aus der Hexerstochter hervor und sie schauderte merklich angewidert, verschränkte die Arme eng vor der Brust und fing damit an Hjaldrist zögerlich aus Argusaugen zu betrachten.

“Und dann…?”, wollte sie betont langsam und voller Misstrauen wissen “Sag mir jetzt nicht, dass ich und Ravello-”

“Nein. Nein, habt ihr nicht.”, schnitt der Undviker das Wort der Frau sogleich ab und blickte zu ihr, als habe er ein schlechtes Gewissen. Ja, er sah wahrlich zerstört aus, doch nichtsdestotrotz richtete auch er sich jetzt auf, um sich mit dem Kreuz voran an das hölzerne Kopfende des Bettes zu setzen. Der lehnende Krieger musterte seine vom Schlafen zerzauste Kollegin, als glaube er nicht, dass sie wieder sie selbst war. Von oben bis unten tat er dies und sein Blick stach schon fast. Dieses Verhalten und die Miene des Schönlings erzählten mehr als tausend Worte und genug, damit Anna verstand, wie schwer er es gehabt haben musste. Es tat ihr leid. Valerie in sich zu lassen war eine unkluge, gefährliche Scheißidee gewesen.

“Ravello hat sich geschickt aus der Affäre gezogen. Er hat sich in dieser Taverne Hausverbot eingehandelt, damit Valerie ihn nicht überstürzt flachlegen kann. Doch das Weib gab nicht auf. Und nachdem ich noch da war, bestand sie dann plötzlich darauf, dass ich mit ihr in die Kiste hüpfe. Obwohl ich ja ‘nicht ihr Typ’ sei.”, der Mann rollte mit den dunklen Augen und Anna’s entgeisterter Ausdruck drohte abermals zu entgleisen. 

Er-... was? Rist und der Geist… hatten miteinander geschlafen? Hier? Hjaldrist hatte mit ANNA gepennt? So wie damals? Die besagte Frau mit der fuchsroten Strähne im Haar taxierte ihren müden Kumpel mit eigenartig gemischten Gefühlen in der Magengegend. Gleichzeitig spürte sie, wie es ihr zuerst kalt, dann warm wurde und wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Dabei musste sie so dämlich und vor den Kopf gestoßen aussehen, dass der Viertelelf lachte.

“Es ist nichts passiert, keine Sorge.”, versicherte er aufrichtig.

“Warum nicht?”, schoss Anna unüberlegt zurück und brachte ihren zuvor noch so ruhigen Freund damit heftig zum Stutzen “Äh-... ich meine… erzähl weiter...”

Eine kurze, betretene Schweigepause entstand, in der Hjaldrist die Stirn tief runzelte und die Novigraderin verlegen lachte.

“Uhm… also…”, sortierte sich der wieder viel wachere Kämpfer in dem grünen Rock dann räuspernd “Valerie’s Wortlaut war, dass sie mit jemandem das Bett teilen möchte. Und nun ja, das haben wir getan, wenn du verstehst, was ich meine.”

“Hmm?”, machte die anwesende Alchemistin nun und Heiterkeit zog von Sekunde zu Sekunde mehr an ihren Mundwinkeln “Du hast es wortwörtlich genommen?”

“Ja.”, schmunzelte Skelliger locker und schlug die Beine lässig übereinander, als er die Arme hinter dem Kopf verschränkte “Und ich habe sie damit mit ihren eigenen Waffen geschlagen.”

Anna musste ja nicht wissen, dass Valerie den überrumpelten Hjaldrist wild geküsst und er dies erwidert hatte. Dass sie anfangs versucht hatte ihn mit allen Mitteln einer Frau herumzukriegen. Dass der Mann ganz schön eisern hatte sein müssen, um nicht noch zu erliegen und seine ganzen guten Vorsätze zu vergessen. 

Anna musste nicht wissen, dass er sich entnervt in sein Zimmer zurückgezogen hatte, nachdem Valerie eingeschlafen war, um sich, naja, um sich selbst zu kümmern. Bei den Schöpfern, man konnte über die dämliche Zicke sagen, was man wollte, doch so, wie sie sich gestern gegeben hatte, war sie verdammt heiß gewesen. Welcher Kerl hätte sich nach ihrem Gebalze also keinen runterholen müssen? Aber… tja, zum großen Glück aller war der gute Hjaldrist nicht nur auf dem Schlachtfeld ein unnachgiebiger Hund. Und daher hatte er Anna’s Körper nicht unangebracht angefasst. Also gut, nur ein klein wenig, aber das zählte nicht. Seine Hände waren nämlich aus Versehen auf ihren Hintern gerutscht. Mehr oder weniger. Und als ihr bester Freund durfte er das. Schließlich haute die Hexerstochter ihm doch auch gelegentlich aus Spaß auf den Arsch.

“Du konntest sie also dazu überreden einfach nur mit dir in einem Bett zu schlafen und die Abmachung damit als eingehalten anzusehen. Das ist genial.”, fasste die rekapitulierende Hexerstochter glucksend zusammen und ihr Kumpan nickte. Er wirkte fast schon stolz dabei. Auch Anna lächelte breit und zutiefst erleichtert. Ihr Freund war wahrlich ein Genie. Ein Genie mit ein wenig dunkelroter Farbe im Gesicht und dies so nah den Lippen, dass sich Anna schnell zusammenreimen konnte, woher sie kam. Sie unterdrückte ein wissendes Lächeln, das sich nicht zwischen sehr schief und verdammt ungläubig entscheiden konnte. Die Frau hakte nicht weiter nach.

 

Ravello wartete bereits auf die beiden Abenteurer, als sie bei einem kleinen Gasthaus ankamen, das man ‘Zuckerbrot und Wein’ nannte. Über dem Eingang des urigen Gebäudes hing ein aufwändig verziertes Holzschild, auf dem dieser Name stand, und Anna kam jenes bekannt vor. Nur woher? Sie glaubte es schon einmal gesehen zu haben.

Mit merklich unsicherer Miene winkte der Ritter aus Toussaint, der über seinem weißen Hemd einen blauen Mantel und eine karierte Gugel trug. Seine skeptischen Augen hingen aufmerksam auf Anna. Sie wunderte sich dieses Gehabes wegen kein Stück. Denn sie hatte auch Hjaldrist’s zutiefst erleichterten Blick heute Morgen gesehen. So wie jener musste sich der Weiße Hase sicherlich auch fragen mit wem er es heute zu tun hätte: Mit einem schnippischen Sumpfgeist oder einer burschikosen Alchemistin aus Novigrad.

“Hallo Hase!”, begrüßte die Frau daher gleich keck und lächelte breit. So, wie sie auf den abwartenden Blondschopf zukam, blieb somit keinerlei Zweifel mehr, dass sie wieder sie selbst war: In Hemd und Hose marschierte sie auf den Mann zu, mit Wolfsamulett am Gürtel und gestreifter Jacke über den schmalen Schultern. Die Giftmischerin sah, wie der Beauclairer die Augen erst groß machte, überrascht blinzelte, und dann damit anfing erleichtert zu grinsen.

“Anna!”, stellte er richtig fest. Er kam der Angesprochenen und ihrem Begleiter Rist ein Stück weit entgegen und plauderte dann sofort aufgeregt drauflos.

“Du bist wieder du! Welch ein Glück. Wir hatten eine ganz schöne Mühe mit Valerie, weißt du?”, erzählte er und die kleinere Hexerstochter musterte ihn froh. Seit Hjaldrist ihr von der spontanen Aktion mit dem Hausverbot erzählt hatte, schätzte sie den geschniegelten Ritter höher, als sie es früher getan hatte. Er hatte sich als guter Kumpan herausgestellt und sie klopfte ihm während der Begrüßung dankend die Schulter dafür.

“Rist hat mir schon das Ein oder Andere erzählt.”, bestätigte sie “Danke, dass du geholfen hast, Blondie.”

Auf diese Aussage hin fing Ravello damit an zu strahlen. Es war, als fühle er sich in der kleinen Runde zum ersten Mal akzeptiert und auch geschätzt. Anna wusste noch nicht genau, was der sonst so feige Ritter in den vergangenen Tagen genau gemacht hatte, aber sie würde es noch erfahren.

“Ihr müsst mir alles erzählen.”, bat die Frau daher und Rist, der mit den Händen in den Taschen neben ihr stand, gab einen zustimmenden Laut von sich. Der hungrige Mann nickte gen Eingangstür des ‘Zuckerbrot und Wein’.

“Das werden wir tun. Aber lasst uns erstmal rein gehen und essen.”

 

Die beiden Männer erzählten Anna alles. Bei einem ausgedehnten Frühstück, das sich aus deftigen und süßen Pasteten zusammensetzte, horchte die Frau lange nur schweigend zu. Während sie das tat, sah sie immer wieder irritiert zu Hjaldrist hin oder musterte Ravello unzufrieden. Viel zu oft zog sie die Brauen nachdenklich zusammen. Und am Ende, da kam sie zu dem Schluss heilfroh darüber zu sein, dass die ganze Misere doch noch gut ausgegangen war. Denn die waghalsige Aktion hätte genauso gut schief laufen können. Gewaltig schief. Also atmete Anna am Ende der ausschweifenden Erläuterungen erleichtert aus, zeigte sich jedoch gleichauf etwas überfordert davon an all das Erzählte zu denken oder zu glauben.

“Oh Mann…”, seufzte die Novigraderin, schüttelte das Haupt leicht. Dann warf sie ihrem besten Freund einen entschuldigenden Blick zu. Ihre Augen streiften den Schulterzuckenden, wichen etwas ab und blieben an einer blau gestreiften Vase hängen, die unweit auf einem hölzernen Tischchen stand. Anna verengte den Blick und man konnte ihr förmlich ansehen, wie ihr Kopf damit anfing zu arbeiten. Denn dieses bauchige Blumengefäß dort hinten… es kam ihr so bekannt vor. Genauso vertraut wie das bunte Tavernenschild, die brünette Schankmagd in dem schlichten, roten Kleid und der Geruch nach frisch gebackenem Aprikosenkuchen. Es war der Alchemistin, als sei sie schon einmal hier gewesen, obwohl sie wusste, dass sie das nicht war. Oder?

“Sagt mal…”, meinte sie langsam, ehe sie wieder zu ihren beiden Begleitern zurück sah “Wart ihr mit Valerie hier…?”

Rist stutzte auf diese Frage hin merklich, während der überraschte Ravello schnell mit dem Kopf nickte.

“Ja. Woher weißt du das?”, fragte der Beauclairer, als er seine halbvolle Tasse abstellte “Ich dachte, du erinnerst dich an nichts.”

“Das… dachte ich auch.”, entgegnete Anna lau und wusste nicht, ob sie sich nun unwohl fühlen sollte oder nicht. Die Situation war befremdlich. Sie taxierte Ravello und sah vor ihrem geistigen Auge, wie er in einem Kirschtörtchen herum stocherte, lachte und etwas über die großen Kirschbäume von Toussaint erzählte. Dass der süße Saft eben jener großartig schmecke und er ihn auch ganz gerne in Rotwein mische. Dass jedermann diese fruchtige Mixtur einmal ausprobiert haben sollte. Die braunhaarige Frau erinnerte sich, wie der Blonde neben ihr gesessen und eine Tasse schwarzen Kaffee mit Eierlikör für sie bestellt hatte. Sie erinnerte sich.

“Anna?”, fragte Rist von der Seite aus und holte die abwesende Kurzhaarige damit in das Hier und Jetzt zurück. Vollends wirr sah sie auf. Da war kein Kirschtörtchen mehr. Und anstatt über Obstbäume zu quasseln, sah Ravello sie besorgt an.

“Was?”, entfleuchte es der 20-Jährigen etwas perplex.

“Geht es dir gut?”, wollte ihr bester Freund gleich wissen und haschte mit dieser Frage drängend nach ihrer labilen Aufmerksamkeit. Der Viertelelf berührte sie fragend am Arm.

“Ja.”, versicherte die konfuse Novigraderin vorschnell “Ja… alles gut. Denke ich.”

“Du solltest mehr essen.”, fand der anwesende Skelliger gutmütig, als er seine matte Freundin auf ihre lasche Entgegnung hin beäugte und schnippte in die Luft, damit die Schankmaid auf ihn aufmerksam wurde. Dies zurecht, denn die müde Anna hatte trotz ihres Hungers nicht viel zu sich genommen. Der Appetit war ihr während der Erzählungen ihrer ehrlichen Begleiter stellenweise abhanden gekommen.

“Irgendetwas mit viel Zucker.”, murmelte der Inselbewohner weiter und wie zu sich selbst “Willst du Torte?”

“Äh.”, machte Anna unschlüssig-überrumpelt, doch kam nicht mehr dazu sich zu entscheiden, denn ihr Freund war einen Wimpernschlag später schon dabei eine großzügige Bestellung aufzugeben und der Hexerstochter den dicksten Schokoladenkuchen des Hauses zu ordern. Denn wenn er in den letzten Monaten etwas gelernt hatte, dann, dass man einen kaputten Flohbeutel mit Süßigkeiten wieder einigermaßen in Gang setzen konnte. Anna musste leise lachen.

Die Hexerstochter blieb relativ still, als sie den Kuchen, der mit unsäglich viel dunkler Schokolade überzogen war, folglich aß. Ravello hatte am Rande erzählt, dass sich die pingelige Valerie nur von Speisen ernährt hatte, die nicht von Tieren stammten. Sprich: Von Gemüse, Obst und solch mageren, faden Dingen. Es war also kein Wunder, dass sich Anna jetzt so ausgelaugt fühlte. Dazu kam, dass sie besessen gewesen war. Bestimmt hatte die arme Alchemistin ob dieser Tatsache eine Art… Kater. Ja, so war es ganz bestimmt! Sie würde sich nachher einfach eine Weile schlafen legen und abends, da wäre alles wieder in Ordnung. Es musste. Denn noch immer hatten die Abenteurer hier, in Riedbrune, zu tun. Sie müssten in den stinkend dampfenden Sumpf zurück, um zu sehen, wie es dort um den vermeintlichen Fluch stand. Ob sie die Bedrohung durch die wandelnden Wasserleichen erfolgreich abgewendet hatten oder nicht. Ob Valerie fort war. Und vor allem müssten sie anschließend zum reichen Handelsgildenmeister der Stadt, um ihre dicke Belohnung abzuholen. Es waren lauter Dinge, bei denen Anna Hjaldrist unbedingt begleiten wollte. Denn sie hatte nicht vor ihn in nächster Zeit noch einmal allein zu lassen. Und auf Ravello, so heldenhaft er sich auch vor einem verhängnisvollen Techtelmechtel mit der aufdringlichen Valerie gedrückt hatte, war schlussendlich nicht ganz so viel Verlass.

“Ich kann es noch immer nicht glauben, dass die Hexe fort ist…”, entkam es dem besagten Ritter mit dem halblangen Haar gerade, als er mit dem essenden Skelliger sprach “So beharrlich wie sie war…”

“Ich hatte es auch nicht unbedingt erwartet. Aber seien wir froh drum.”, antwortete der Mann im grünen Rock, während er ein Stück Käse-Speck-Pastete mit Preiselbeeren klein schnitt. Aus dem Augenwinkel linste er kurz prüfend zur ruhigen Anna hin, die sich etwas Sahne auf den Schokoladenkuchen löffelte. Sie mischte sich nicht ein.

“Oh ja. Bei meiner Ehre, wir können echt froh sein”, sagte der Blondschopf seufzend, folgte Rist’s Blick aufmerksam und betrachtete Anna damit kurz. Dann aber, fing er langsam damit an verwegen zu schmunzeln. Seine blauen Augen wanderten zu dem Undviker zurück und taxierten jenen mehrdeutig. Diese wissende Miene wurde auch gleich indirekt erklärt.

“Du hast Valerie ihren letzten Wunsch also erfüllt?”, hakte Ravello überaus neugierig nach und in seinem Ton schwang absolute Sensationsgeilheit mit. Anna tat so, als höre sie gar nicht zu. Sie versuchte zu erahnen, wie ihr bester Freund just aus der Wäsche sah und verkniff sich ein verstohlenes Grinsen. Sie schaffte es keine Miene zu verziehen und stopfte sich mehr ihres klebrig süßen Gebäcks in den Mund.

“... Ja. Habe ich.”, antwortete der angesprochene Skelliger und dies auffallend langsam. So, als habe er darüber nachdenken müssen, was er entgegnen sollte. Ravello gluckste begeistert. So, wie es eine hoch interessierte Tratschtante tat, der man just erzählt hatte, dass irgendein Bekannter irgendjemanden mit einem anderen Bekannten betrogen hätte. Und dies auf dreckigste, wunderlichste oder spektakulärste Art und Weise. Anna fasste erneut nach dem metallenen Schlagsahnetöpfchen.

“Ja?”, fragte der Hase weiter und lang überaus belustigt.

“Ja, habe ich.”, bestätigte Rist noch einmal und Anna, die nicht aufblickte, konnte sich die Miene ihres hübschen Kumpans gerade so richtig bildlich vorstellen. Wie selbstzufrieden er Ravello angrinste und sich so gab, als hätte er tatsächlich mit Anna geschlafen. Als sei dies eine große Errungenschaft. Oh, Hjaldrist veralberte den gutgläubigen Ritter in Blau-Weiß ganz schön und Anna fand dies ungemein unterhaltsam. Ganz dezent sah sie auf und erkannte, wie der blonde Krieger dem Dunkelhaarigen jetzt zu nickte. Er gestikulierte unauffällig in die Richtung der Frau, um die es ging, als glaube er, sie bemerke es nicht. Doch das tat sie. Schließlich hatte Balthar seiner gelehrigen Ziehtochter doch beigebracht die Augen und Ohren immer überall zu haben.

Rist nickte, seine Mundwinkel verzogen sich zu einem schrägen, bedeutungsvollen Lächeln voller angeberischer Überheblichkeit. Unglaublich welch ein guter Schauspieler er doch sein konnte, wo er eigentlich einer der direktesten und aufrichtigsten Menschen war, den Anna kannte…

Ravello hob die Brauen, zog die breiten Schultern ebenso etwas hoch und machte wieder eine knappe Geste in Richtung Anna. Es war ein stummes ‘Und, war sie gut?’. Noch immer grinste der Spielchen spielende Skelliger, nickte. 

Die betroffene Frau sah auf und bemerkte mit unglaublichem, innerlichen Amüsement, wie Ravello ob dem wie ertappt erstarrte und so tat, als sei er geschäftig damit zu Werk ein paar Löffel Zucker in seinen Milchkaffee zu rühren. So, als sei nichts. Rist hingegen hörte nicht damit auf zu schmunzeln, denn die Situation unterhielt ihn prächtig. Er würde sich später ganz schön über den gutgläubigen Hasen lustig machen.

Anna senkte den gespielt nichtsahnenden Blick wieder, um sich ihrem klebrigen Kuchen zu widmen. Und sofort erkannte sie im Augenwinkel, wie der blonde Kerl aus Beauclair wieder damit anfing den etwa gleichaltrigen Jarlssohn eindringlich und neugierig anzustarren. Seine Miene wurde etwas ernster, ein kaum auffälliges Nicken gen Anna folgte. Er wollte wohl wissen, ob die Alchemistin wüsste, was in der letzten Nacht passiert war. Hjaldrist schüttelte den Kopf und brachte Ravello’s Unterkiefer damit dazu gen Tischplatte zu klappen. Aufgeregt und tief atmete der Ritter durch die Nase ein und er wäre sicherlich gern zappelig geworden. Gewaltsam riss er sich am Riemen, um sich nicht dreckig ins Fäustchen zu lachen. Oh, er war und blieb ein Idiot. Und ein Klatschmaul vor den Schöpfern, schlimmer noch, als es jede Frau sein könnte. Die Hexerstochter schnaufte erheitert.

 

Den folgenden Nachmittag verbrachte Anna damit zu schlafen. Sie war ermattet und hundemüde gewesen, war nach dem langen Frühstück im ‘Zuckerbrot und Wein’ sofort eingenickt und hatte geschlafen wie ein Stein. Das diesmal ohne ihr Kleid, sondern in einem bequemen, lockeren Hemd und knapper, luftiger Hose. Das momentane, sommerliche Wetter ließ einfach nichts anderes zu und so hatte sich die Alchemistin vollkommen weggetreten an ihre kuschelige Bettdecke geklammert. Natürlich hatte sie sich dabei im spartanischen Zimmer hingelegt, das sie sich mit ihrem besten Freund teilte. Sie war schließlich nicht Valerie und bestand nicht auf ein teures Einzelzimmer. Alles war also beim Alten und das war gut.

 

Die dösende Hexerstochter erwachte, als sie eine Bewegung im Zimmer wahrnahm und schweren Stoff rascheln hörte. Sie zuckte leicht zusammen, ächzte in ihr Kissen. Dann drehte sie sich herum, blinzelte sich den Schlaf aus den braunen Augen. Es war relativ dunkel geworden. Wie spät war es wohl? Rist war da und öffnete gerade das Fenster, um frische Luft herein zu lassen. Tagsüber hatte man davon absehen müssen, denn draußen war es einfach viel zu heiß und laut gewesen. Die spartanische Taverne befand sich nämlich direkt am Rande des Marktes. Doch nun war es angenehm still und Anna richtete sich auf, während sie sich die Augen rieb.

“Und? Ausgeschlafen?”, wollte Rist ruhig wissen und begann damit sich aus seiner Lederrüstung zu schälen. Er murrte leise und beschwerte sich dann darüber wie sengend heiß es heute Nachmittag gewesen sei.

“Mhm.”, machte Anna, die sich hingesetzt hatte, und ihren abgekämpften Kumpan jetzt beobachtete. Dabei kamen ihr unweigerlich vage Gedanken. Welche, in der sie sich am Marktplatz Riedbrunes Lippenrot und Parfüm kaufte und welche, in denen sie sich lachend ein weißes, dämliches Filzhütchen aufsetzte. Sie runzelte die Stirn. Hatte sie geträumt? Oh, warum waren ihr im Schlaf solch schräge Dinge gekommen? Oder… oder waren es die Erinnerungen an das, was Valerie getan hatte? Augenblicklich fühlte sich die etwas zerknautschte Frau wacher.

“Rist?”, entkam es der Kurzhaarigen drängend. Es war eine argwöhnische Stimmlage, die den Undviker dazu zwang, inne zu halten und fragend aufzusehen.

“War… der Geist einkaufen?”, wollte sie direkt wissen. Ravello hatte zwar erzählt, dass Valerie mit ihm und Rist über den großen Markt geschlendert war, doch er hatte nicht erwähnt, dass sie dabei Geld ausgegeben hatten. Anna selbst, die hatte heute noch nicht in ihren Geldbeutel gelugt, denn Rist hatte ihr Frühstück bezahlt. Langsam aber sicher dämmerte ihr auch, warum er dies getan hatte. Oh. Oh, herrje. Anna musste trocken schlucken.

“Ja…”, sagte der Mann jetzt wenig begeistert “Leider. Am ersten Morgen. Als sie sich aus dem Staub gemacht hatte, während ich noch geschlafen habe. Als ich sie dann am Marktplatz fand, hatte sie schon eine Tasche voll mit Zeug. Der Kram steht wohl noch in dem Zimmer nebenan.”

In dem Raum, den Valerie angemietet hatte, wusste die Novigraderin, und mit einem Mal sackte ihr das Herz in die Hose. Finstere Befürchtungen ereilten sie. Oh, ihre arme Geldkatze! Früher am heutigen Tage war sie zu verwirrt und zu müde gewesen, um darüber nachzudenken, doch nun, da rasten ihre Gedanken wild umher. Ein Einzelzimmer im hiesigen Gasthaus war relativ teuer. Parfüm war noch viel kostbarer und es gab schon einen Grund dafür warum sich nur Adelige mit den hochpreisigen Duftwässerchen eindeckten. Und was hatte die wahnsinnige Valerie noch gekauft? Was war mit der Schminke? Von welchem Händler kam sie? Von einem der teuren? Oder war das Zeug Ramsch?

“Oh nein…”, keuchte die aufgerüttelte Anna und stöhnte wehleidig. Sie kam sogleich aus ihrem Bett und mit Sorge im Blick ging sie auf bloßen Füßen zu ihrem unordentlichen Kleiderstapel hin, um ihre lederne Tasche fahrig zwischen den vielen Stofflagen hervor zu klauben. Sie hockte sich hin, öffnete jene und fischte nach ihrem Geldbeutel, um mit dunkler Vorahnung im Blick in jenen hinein zu lugen. Was sie daraufhin sah, entlockte ihr einen leidigen Laut.

“Oh nein.”, fiel der leicht bekleideten Frau nurmehr ein, als sie sich nicht mehr als einen mickrigen Silber und ein paar Heller auf die offene Handfläche schüttete. Valerie hatte all ihr Geld ausgegeben. Diese… diese verdammte, dumme Schnepfe!

“Anna, komm runter.”, hörte die verzweifelte Alchemistin den besonnenen Rist gleich sagen. Er hatte sich die schön verzierte Rüstung mittlerweile ausgezogen und war näher gekommen. Seine Hand fand die Schulter seiner fassungslosen Kollegin und drückte jene beschwichtigend.

“Runterkommen?”, atmete die Kurzhaarige empört und sah von ihren wenigen Münzen auf. Ihr Blick sprach dabei Bände und erzählte davon, wie es ihr gerade die Eingeweide zusammen schnürte. Ihr war übel.

“Ich kann nicht runterkommen, wenn mein ganzes Geld futsch ist, Rist!”, beschwerte sich die Novigraderin und ein ungewollter Vorwurf schwang in ihrem Unterton mit. Als wolle sie die Schuld an ihrem Pech dem anwesenden Skelliger zuschieben. Sie sollte dies nicht. Denn der Jarlssohn konnte nichts dafür, dass der verstimmten Anna mehr als vierzig Goldstücke geraubt worden waren. Ja, geraubt. Denn nichts anderes war das, was Valerie getan hatte, gewesen!

“Ich habe so hart gearbeitet und diese Alte wirft mein Geld einfach so und innerhalb von drei Tagen zum Fenster hinaus! Ich wollte mir doch neue Stiefel kaufen.”, stellte die zerzauste Kriegerin entnervt fest und bemerkte in ihrem Elend nicht, wie ihr guter Kumpel damit angefangen hatte in seinem eigenen, klimpernden Geldbeutel herumzukramen “Was mache ich denn jetzt?”

“Gib mal her.”, forderte der Besagte und die geknickte Anna hielt inne. Noch immer hockte sie am harten Boden und sah mit irritierter Miene auf. Der Skelliger nickte auffordernd in die Richtung der leeren Geldkatze der Frau.

“Gib her.”, bat er abermals und die verzweifelte Hexerstochter tat wie ihr geheißen. Mit wachsender Verwunderung im Blick beobachtete sie dann, wie der Jarlssohn den gähnenden Lederbeutel mit Gold und Silber füllte. Der Frau stockte der Atem und ihre braunen Augen weiteten sich in ihrem Unglauben.

“Was tust du da?”, wollte sie überwältigt wissen und erhob sich hastig.

“Die Belohnung für den Auftrag.”, erklärte sich der bedachte Skelliger schlicht “Ravello und ich waren bis vor etwa einer halben Stunde unterwegs, um nach dem Sumpf vor dem Loc Monduirn zu sehen. Er ist nicht mehr da. Stattdessen gibt es nur noch ein karges Gebiet ohne Nebel, Geister und Untote. Alles ist gut.”

“Was…?”, die verdutzte Anna verstand nicht so recht. Sie hatte ihren Kollegen doch begleiten wollen! Stattdessen hatte sie den ganzen Tag verschlafen. Sollte… sollte sie sich deswegen mies fühlen und ein schlechtes Gewissen haben? Sprachlos nahm sie ihren wieder gut gefüllten Geldbeutel entgegen und murmelte kleinlaut etwas, das wie ein ‘Danke’ klang. Sie fühlte sich urplötzlich ganz schön betreten.

“Fünfunddreißig Kronen sollten vorerst reichen, hm?”, meinte der lächelnde Mann, der Anna damit mehr gegeben hatte, als sie an der heiklen Angelegenheit mit dem Moor verdienen hätte sollen. Schlussendlich hatten sie doch abgemacht die Belohnung von achtzig Goldstücken dreizuteilen. 

“Und wenn du trotzdem in Geldnot kommen solltest, dann sag mir doch einfach Bescheid und ich borge dir was.”, meinte der großzügige Dunkelhaarige leichthin, musste ob der unbeholfenen Haltung seiner jüngeren Freundin schmunzeln. Er ließ seine eigene, lederne Geldkatze wieder in seiner Tasche verschwinden und sah der fertigen Anna aufmunternd entgegen.

“Ach, und wenn wir schon dabei sind:”, fing Hjaldrist noch bedeutungsvoll an, als seine dunklen Augen an der Schwertkämpferin mit dem schief sitzenden Hemd klebten “Es gibt hier noch ein anderes Monster, um das wir uns kümmern sollten. Komm, zieh dir was an und lass uns ein Bier trinken gehen. Ich werde dir dabei alle Einzelheiten erklären.”

 

“Ein Werwolf.”, schloss Anna die ausschweifenden Erzählungen ihres Freundes verwundert und musterte Rist daraufhin mit einer Miene, die in eine äußerst kritische Richtung rutschen wollte. Der Mann nickte.

“Du hast also alleine gegen ihn gekämpft?”, fragte die Hexerstochter überflüssigerweise nach, denn sie konnte kaum glauben, wie waghalsig ihr Kumpan vorgegangen war. Natürlich hatte der kühne Skelliger sich allein und mit nur einer Stahlwaffe in den Händen in den Kampf gestürzt. Es hatte keine andere Option für ihn gegeben, denn seine novigradische Unterstützung war nicht sie selbst gewesen und Ravello, der war ein feiger Hase.

“Ja.”, bestätigte Rist, als er nach seinem tönernen Becher fasste. Er sagte dies so verdammt gelassen, dass Anna die Brauen zusammenzog und ungläubig stöhnen musste.

“Lykanthropen sind irrsinnig gefährlich.”, meinte sie “Das war nicht so klug.”

“Naja, ich lebe noch.”, entgegnete der Undviker leichthin und musste grinsen “Außerdem wusste ich am Anfang ja nicht, dass es ein Wolfsmensch ist.”

“Oh, das ist wieder so typisch.”, sagte die Frau und obwohl sie ernst bleiben wollte, zog ein breites Schmunzeln an ihren Mundwinkeln “Wirfst dich in den Kampf, ohne vorher zu wissen, womit du es genau zu tun hast.”

“Ich hatte ja kaum eine Wahl.”, verteidigte sich der Jarlssohn im grünen Rock und nahm einen kleinen Schluck Bier “Ich war der einzige Mensch in der Taverne, der dem Bauer helfen konnte. Und ich konnte ja schlecht abwinken und ihn mitsamt seiner Familie verrecken lassen.”

“Mh. Das ist wohl wahr.”, bestätigte Anna, die diese Haltung als Verteidiger der unschuldigen, wehrlosen Leute verstand und auch schätzte. Gerade auch deswegen, weil sie wusste, dass dieser Punkt auch im Hexerkodex nicht unwichtig war. Doch verlor sie ihren skeptischen Unterton  nicht.

“Und dennoch war es ein ganz schönes Wagnis, Rist.”

“Ach, wie auch immer.”, winkte der konfrontierte Mann ab und zeigte damit unmissverständlich, dass er nicht mehr herum diskutieren wollte “Kümmern wir uns nun um den Köter oder nicht?”

“Ja, klar.”, nickte die Alchemistin gleich und akzeptierte die abwehrende Haltung ihres lockeren Gefährten damit. Sie hatte zwar noch nie gegen einen Werwolf gekämpft, doch sie wusste, was in der Theorie zu tun war. Außerdem war es immer wieder spannend gegen einen Gegner antreten zu müssen, den man zuvor noch nie außerhalb der Bestiarien gesehen hatte. Es juckte die Hexerstochter also nur so in den Fingern und die Tatsache, dass sie die letzten Tage über nichts hatte machen können, machte sie ganz unruhig. Zudem gefiel ihr die Gegebenheit nicht, dass Hjaldrist und Ravello heute ohne sie losgezogen waren, um nach Überbleibseln von Valerie’s Fluch zu suchen. Ganz und gar nicht. Warum? Weil sie dies einfach verschlafen hatte, verdammt. Sie wollte wieder irgendetwas tun, denn die stickige Taverne kam ihr jetzt schon viel zu eng vor. Sie wollte raus und kämpfen.

“Ich besorge mir morgen ein paar Kleinigkeiten, damit wir uns für den Kampf wappnen können. Abends ziehen wir dann los. Was meinst du?”, beschloss Anna und sah, wie Rist zufrieden lächelnd nickte.

“Was brauchen wir alles?”, hakte er interessiert nach.

“Es gibt da ein Öl, das man auf Silberwaffen auftragen kann, um sie gegen gewisse Wesen schädlicher zu machen.”, klärte die Novigraderin auf “Mondöl. Manche Leute nennen es auch Argentia.”

“Und das Zeug willst du morgen noch besorgen?”

“Ich werde besorgen, was ich dafür brauche, um es herzustellen. Ich bezweifle nämlich, dass hier irgendjemand darüber verfügt… und wenn, dann ist es sicherlich arschteuer.”

“Verstehe. Na dann.”

“Du kannst mir dabei helfen, wenn du willst.”

“Klar.”

Anna winkte nebenher eine Schankmagd herbei, die sich gerade an dem kleinen Tisch hatte vorbeischieben wollen, bestellte beiläufig noch zwei Bier und wendete sich dann wieder ihrem Freund aus Undvik zu. Dabei stützte sie die Unterarme auf den Tisch und beugte sich verschwörerisch vor.

“Man sagt, dass Menschen zu Werwölfen werden, wenn man sie mit einem entsprechenden Fluch belegt…”, führte die Kurzhaarige das Gespräch von gerade eben fort und fing damit die Neugierde ihres Kumpels ein “Wenn man den Fluch löst, wird auch dessen Träger wieder normal. Jedenfalls stand das so in einem Buch, das ich einmal gelesen habe. Darin stand aber auch, dass Lykanthropie im Körper eines Befallenen immer mehr anwächst. Man kann sich das so vorstellen, äh, dass sie einfach immer mehr von jenem Besitz ergreift.”

“So wie Syphilis?”

“So wie Syphilis.”, lachte Anna.

“Verstehe.”

“Am Ende ist der kranke Mensch auch dann unglaublich aggressiv, wenn es nicht Nacht und er kein Werwolf ist. Er wird cholerisch und laut, nervös und gefährlich.”

Hjaldrist hob die Brauen überrascht an und trank seinen Becher schnell leer, ehe Nachschub an den schmalen Tisch gebracht wurde.

“Willst du nachforschen, inwieweit unser Wolfsmensch von einem Fluch belegt ist?”

“Hmm, mal sehen. Morgen.”

 

Weitere Erinnerungen Valeries holten Anna an diesem Abend ein, bevor sie zu Bett gehen konnte. Sie hatte den gut besuchten, stinkenden Schankraum just verlassen und es war spät, als sie zurück in ihr düsteres Zimmer trat und sich die gestreifte Jacke von den Schultern streifte. Die Holzdielen knarrten unter ihren Stiefelsohlen. Hjaldrist hatte sie begleitet und wollte ebenso zeitnah ins Bett. Morgen wäre wieder ein langer Tag.

Der besagte Jarlssohn gähnte vernehmlich, streckte sich seufzend und ließ sich auf seiner harten Bettkante nieder, um sich die Stiefel auszuziehen. Es schien, als habe er einen Becher zu viel getrunken, denn er wirkte ein wenig tapsig.

Anna, anders als ihr angeheiterter Kollege, hatte längst innegehalten und stand noch immer etwas verloren zwischen ihrer Schlafgelegenheit und der geschlossenen Zimmertüre herum, die alte Jacke in den Händen. Als erblicke sie etwas, das gar nicht existierte, sah sie vor sich hin und ihre Miene mutete einen Deut angestrengt an. So wie gestern Abend schien der Mond durch das offene Fenster herein und die frische Nachtbrise streifte die vergilbten Vorhänge. So wie gestern auch verweilte Anna mehr oder weniger zwischen Tür und Angel. Oh, so wie am gestrigen Abend stand sie da und ließ den Blick gen Rist wandern. Der Mann stellte seine dreckigen Stiefel in dieser Sekunde beiseite und fasste fahrig nach einem Wasserglas, das auf seinem abgegriffenen Beistelltischchen stand. Er beachtete Anna dabei kaum. Anders als gestern. Ja, gestern, da hatte er ihr Aufmerksamkeit geschenkt. Und wie! Die Frau konnte es ganz klar vor ihrem geistigen Auge sehen: Wie Rist, der vermeintliche Schwerenöter, damit anfing eindeutig schief zu lächeln und sie dazu aufforderte zu ihm zu kommen. Wie sie daraufhin ohne zu zögern zu ihm ging und die Arme bereitwillig um seinen Nacken schlang. Es war Anna kurz, als fühle sie die warmen Hände an ihrer Hüfte noch immer. Ganz plötzlich. Alles holte sie ein und ließ sie sprachlos zurück. Etwas durch den Wind geworfen fasste sie sich zögerlich an die Lippen, die gestern Abend geküsst worden waren. Und das nicht einfach nur flüchtig. Der erstarrten Hexerstochter wurde es heiß und kalt zugleich und sie hatte Mühe damit sich in Gedanken zu rufen, dass all die Erinnerungen, die sie just überschwemmten wie eine tosende Meereswelle, nicht die ihren waren. Sie gehörten jemandem anderes. Jemandem, der sich mit ihrem Körper an ihren besten Freund geschmiegt hatte, als sei jener ein Magnet der Begierde oder wertvolle Beute, die man nicht mehr loslassen wollte.

Es war befremdlich. Ja, Rist und Anna standen sich nah, doch nicht SO. Und obwohl die wissende Novigraderin durchaus schon eine Seite an dem älteren Undviker kennengelernt hatte, die anzüglicher nicht sein könnte, war er in ihren Augen kein Verführer oder dergleichen. Er war… naja, Rist eben. Der Kerl, der ihr brüderlich auf den Rücken haute, andauernd dämlich lachend beim Schere-Stein-Papier gewann oder sich brüllend irgendwelchen geifernden Monstern entgegen warf. In Anna’s Bild, das sie sich in ihrem Kopf von Hjaldrist gemalt hatte, wollten die Farben eines Mannes, der einen wollüstig auf Betten warf und es einem dann gekonnt besorgte, nicht so recht passen. Und die Kriegerin wusste nicht warum, zumal sie es besser wusste. Es war eben so. Demnach richtete sie ihre Aufmerksamkeit nun mit äußerst unschlüssiger Miene auf den, der da gerade seine Tunika auf den Boden warf und sich den Kragen weiter zerrte, um sich das Hemd gleich leichter ausziehen zu können. Rist bemerkte das entrückte Starren zwar nicht, denn dafür war es einen Deut zu düster im Raum und er zu angetrunken, doch er fand es offenkundig eigenartig, dass Anna wie zur Eissäule erstarrt war. Er musste ihren Blick nicht gut sehen können, um sich zu fragen, was denn bitteschön los sei.

“Alles gut?”, wollte er wissen “Du stehst da so still herum, Anna.”

Anna zuckte zusammen und stutzte merklich. Dann holte sie aber gleich Luft, um zu sprechen.

“Äh, ja.”, log sie schnell, doch ihre braunen Augen hingen nach wie vor auf dem Anderen. Sie erkannte im Halbdunkel, wie der Mann die Brauen irritiert anhob, setzte sich dann aber gleich in Bewegung. Die Aufmerksamkeit nur schwerlich von Rist fort reißend, wandte sich Anna ihrem Bett zu und legte die Jacke fort, trat sich die Stiefel von den Füßen.

Oh, bei Melitele! Die burschikose Frau biss sich auf die Unterlippe, kaute darauf herum. Ihr Freund hatte also tatsächlich mit Valerie rumgemacht und ihr nichts davon erzählt. Warum? Fühlte er sich deswegen etwa schlecht? Anna musste trotz der aufkeimenden Nervosität verhalten grinsen und hielt dies auch nicht zurück, denn erstens hatte sie dem beduselten Hjaldrist den Rücken zugedreht und zweitens waren die Lichtverhältnisse nicht allzu gut hier. Es war viel zu finster. Aus diesem Grund ließ die Kurzhaarige den Blick suchend schweifen, ehe er zufrieden auf die kleine Lampe fiel, die da neben einem Becher und Zündhölzern auf ihrem Nachttischchen stand. Sich auf der harten Bettkante niederlassend, fasste Anna nach ihrer Laterne aus Drakensund und benutzte die Zündhölzchen folglich dazu sie zu entfachen. Das grünliche Feuer flackerte sofort tanzend empor und erfüllte den Raum mit einem fahlen, unwirklich anmutenden Schein, der mittlerweile so vertraut schien. Keiner der beiden Reisenden wunderte sich mehr über die grün schimmernde Laterne von Märthe, denn sie wurde zu oft als praktische Lichtquelle benutzt.

Den Lichtspender also wieder am Nachttischchen abstellend, sah Anna auf. Sie zog sich die ledernen Handschuhe von den Fingern, legte sie neben Lampe, Becher und Zündholzschachtel. Dann fanden ihre kalkulierenden Augen den merklich fertigen Rist erneut. Das, was da zwischen ihm und dem Geist aus dem Sumpf gelaufen war, wenngleich auch nur kurz, ließ sie nicht los. Es beschäftigte sie ganz schön. Daher taxierte sie ihren müden Freund, der gerade in seinem Geldbeutel nach etwas zu suchen schien, eindringlich. Dies so auffällig und mit stechendem Blick, dass der Undviker damit aufhörte herumzukramen und den Kopf fragend hob. Er wäre sehr, sehr dumm gewesen, hätte er das auffällige Verhalten seiner Freundin spätestens jetzt nicht bemerkt.

“Hm?”, machte er wieder “Was denn?”

“Ich erinnere mich.”, gab die Hexerstochter plötzlich von sich und sah, wie Rist ein paar Momente lang brauchte, um zu verstehen, was sie überhaupt meinte. Er legte den Kopf schräg und verengte die dunklen Augen unschlüssig. Doch dann lockerte sich seine Miene wieder um einen Deut weit. Er ahnte nichts Schlimmes.

“Du meinst die Tage, in der Valerie in dir steckte.”, stellte der kluge Mann fest und nuschelte dabei unmerklich “Das hast du heute schon ein paar Mal anklingen lassen.”

“Ja genau.”, bestätigte die sitzende Novigraderin und spürte am Rande, wie sie nervöser wurde. Sie versuchte dies zu ignorieren, doch fummelte an ihrem Ärmelsaum herum, zupfte dort an einem losen Faden. Normalerweise, da fiel es ihr nicht sonderlich schwer ihren Kumpel auf irgendwelche Angelegenheiten anzusprechen. Man konnte mit dem Viertelelf über vieles gut reden. Warum sie also zögerte, wenn es um den gestrigen Abend ging, war ihr ein Rätsel. Vielleicht gerade deswegen, weil Rist für sie jemand war, den man in erster Linie NICHT mit Intimitäten in Verbindung brachte, sondern mit lustiger Kurzweil, gefährlichen Aufträgen, Reisen und dergleichen. Weil Anna ihn als besten Freund und Bruder im Geiste betrachtete, nicht als Objekt der Begierde oder gar Schwarm. Sie beide hatten bisher auch selten über das gesprochen, was sie früher so in den Betten Anderer getrieben hatten. Sie wussten zwar über die ungefähren, damaligen Beziehungslagen und -neigungen Bescheid, aber das war es auch schon. Sex war nicht ihr Gesprächsthema, so schien es. Kerle quatschten untereinander zwar gern über ihre dreckigen Abenteuer, wusste Anna, denn sie war zwischen ein paar ganz markanten Exemplaren von jenen aufgewachsen; doch obwohl sie Rist genauso kumpelhaft nah stand, gehabte es sich zwischen ihnen Zweien nicht so wie zwischen zwei besten Freunden männlichen Geschlechts. Hm. Vielleicht kannten sie sich dafür ja auch einfach noch nicht lange genug. Ja, wie lange reisten sie schon Seite an Seite? Es mussten an die zehn Monate sein. Oh, bald wäre es ein Jahr.

“Du hast mit Valerie rumgemacht.”, entkam es der unruhigen Anna dann auf einmal und sie brach die klamme Stille im Raum damit. Noch immer saß sie so gut wie völlig bekleidet auf ihrer schmalen Bettkante und hatte den losen Faden an ihrem Ärmelsaum längst zu einem kleinen, naturfarbenen Knäuel zusammengerollt. Der Jarlssohn hingegen, hatte sich gerade gemächlich hinlegen wollen. Nun aber, hielt der Mann damit inne und horchte auf. Er warf einen hastigen Seitenblick zu seiner nachdenklichen Kollegin hin. Und obgleich er aussah, als sei ihm das Herz gerade kurz stehen geblieben, nickte er einfach. Er nickte.

“Ja.”, gab er zu “Wir haben uns geküsst.”

Die überrumpelte Novigraderin, perplex über die selbstverständliche Ehrlichkeit ihres Gefährten, blinzelte überrascht. Ihr Ausdruck entglitt ihr ein Stückchen weit, doch sie hielt an sich keinen absolut verblüfften Laut von sich zu geben.

“Oh.”, sagte sie daher nur lau und bemerkte, wie Hjaldrist genauso wirr wirkte, wie sie es gerade eben einen Herzschlag lang getan hatte. Wieso?

“Ich dachte ja nicht, dass du das einfach so zugibst.”, kommentierte die Kriegerin geradeheraus.

“... ich auch nicht.”, schnaufte Hjaldrist als Antwort und schien sich gehörig über sich selbst zu wundern. Sein dummer, grüblerischer Blick, der davon erzählte, wie sehr er sich vor den Kopf gestoßen fühlte, brachte Anna schließlich zum Lachen. Und dies, wiederum, erleichterte den Undviker augenscheinlich enorm. Denn er maß sie mit einem forschenden Blick und einer Miene, die sich wieder erhellte. Und das Lachen machte es dem offenen Inselbewohner auch leicht zu reden, so schien es.

“Sie war etwas einnehmend, wenn man das so nennen kann.”, seufzte Rist und zuckte lethargisch mit den Schultern “Ich habe also ein bisschen mitgemacht. Es hat mir am Ende auch ganz gut in den Kram gepasst, denn ich konnte sie so ganz schön verarschen.”

“Sie dachte, du schubst sie aufs Bett, um sie flachzulegen. Stattdessen kamst du ihr mit dem wortwörtlichen ‘Bett-Teilen’.”, ergänzte die Alchemistin richtig.

“Ja.”, meinte der Skelliger amüsiert und wich Anna’s Blick aus, um den Kopf ungläubig zu schütteln. Er schien selbst nicht zu glauben, was gestern geschehen war.

“Das hat sie ganz schön beleidigt.”, kommentierte die Novigraderin und sah, wie der Viertelelf ob dem verschlagen in sich hinein schmunzeln musste. Natürlich musste er das.

“Dann war es das ja auch wert, was?”, meinte er und sah aus dem Augenwinkel wieder her. Er musterte Anna abschätzend.

“Ja, ich finde schon.”, grinste die Frau breit, nickte. Bestimmt musste ihrem verunsicherten Kumpan gerade ein Stein vom Herzen fallen. Genauso wie das schlechte Gewissen, das man zuvor noch in seinem angeheitert-unschlüssigen Ausdruck erkannt hatte. Ja, Hjaldrist wirkte überaus erleichtert.

“Wobei ich mich ja wundern muss, Rist.”, das schiefe Lächeln war noch nicht aus dem Gesicht der Alchemistin gewichen, die da eine ganz plötzliche, verwegene Idee hatte “Ich habe nämlich den Eindruck, dass es dir gefallen hat.”

“Was?”, fragte der Mann so schnell, dass er sich damit selbst verriet. Anna lachte abermals leise.

“Ich dachte, dass du mich unattraktiv findest. Denn… wie war das letztens, als du mich einmal wieder ‘Knut’ genannt hast?”, erinnerte die Frau mit der fuchsroten Strähne und warf damit in den Raum, dass der gemeine Skelliger sie gerne wegen ihrer kurzen Haare und ihrer nicht zu fraulichen Figur aufzog. In solchen Momenten des Gekebbels, da nannte er sie immer ‘Knut’. Es war der Name, den Anna damals für sich verwendet hatte, als sie den Knappen am Turnier in Beauclair hatte mimen müssen. Mhm, ‘Knappe Knut’ war die gebündelte Ladung an stichelnden Neckereien, die Hjaldrist für sie persönlich auf Lager hatte. Und manchmal, da fühlte sich die pikierte Novigraderin davon richtig beleidigt. Besonders dann, wenn sie betrunken war und des Alkohols wegen sentimental wurde. Ja, in solchen Momenten wurde sie manchmal zu einem richtigen, schnippischen oder weinerlichen Mädchen.

Anna verschränkte die Arme vor der Brust und gleichzeitig beobachtete sie ihren Freund, der aussah, als läge ihm etwas auf der Zunge. Etwas, das er gern ausgespuckt hätte, aber krampfhaft zurückhielt. Man hätte meinen können, er verkneife sich einen blöden Spruch, der den Zweck hatte, die abwartende Giftmischerin zu ärgern. Wäre da nur nicht diese seltsam verstimmte Miene des Kriegers gewesen. Worüber ärgerte er sich gerade? Er tat das doch?

“Sag mir jetzt bloß nicht, dass du mich insgeheim doch attraktiv findest. Dann verpass ich dir Eine.”, schmunzelte Anna und griff damit etwas auf, das sie sonst eigentlich nicht so lustig fand. Dies so locker, wie es nur ging, wenn sie guter Laune war. Denn im Grunde beschäftigte sie dieses Thema klammheimlich schon seit Drakensund. Seit dem peinlichen, ärgerlichen Augenblick, in dem Rist sie im Zuber Adlets gesehen und ein Brett genannt hatte. Es war kindisch so zu denken, das wusste die braunhaarige Frau. Und dennoch…

“Oh! Oder tust du das etwa?”, lachte sie und machte sich auf einen witzelnden Konter gefasst. Diese erwartete, spaßige Entgegnung kam aber nicht. Stattdessen sah der Undviker so aus, als ringe er innerlich immens mit sich selbst.

“Ja.”, sagte er dann auf einmal und Anna fiel alles aus dem Gesicht.

“Wie jetzt?”, schnappte sie irritiert und fragte sich sogleich, warum Rist dies zugab. Er war doch eigentlich niemand, der ihr ihres Körpers wegen nette Komplimente machte.

“Du hast das gestern Abend genossen, weil du mich eigentlich hübsch findest?”, plapperte die Frau weiter und spürte, wie es ihr leichter ums Herz wurde. Denn im Grunde hatte sie der Gedanke, dass ihr Kumpan sie unattraktiv fand, immer irgendwo beschäftigt. Wer wollte vor seinen Engsten schon als hässliches Entlein dastehen? Niemand. Anna schätzte Rist’s Meinungen stets hoch.

“Ja, tue ich.”

“Ernsthaft?”

“Ja.”, entkam es dem armen Rist erneut, als habe man ihn beschworen dies zu tun. Sein Ausdruck war dabei nicht mehr ganz so verwirrt wie vorhin. Eher getroffen und ganz schön düster. Der just nicht mehr so betrunken wirkende Mann sah aus, als ob er hier dazu gezwungen werden würde zu reden. Irgendetwas passte doch nicht so recht… und als Anna das Gesicht ihres Freundes im grünlichen Schein ihrer kleinen Lampe musterte, dämmerte ihr allmählich, was hier los war. Märthe’s magisches Licht. Es funktionierte also, nicht wahr? Ja, Adlet’s Freundin hatte doch gemeint, man könne im Schein der grünen Laterne nicht lügen, solange der Mond im Zenit stand. Es funktionierte. Es funktionierte! Und Anna wusste: Sie könnte ihren Kumpel von den Inseln nun alles fragen und er würde aufrichtig antworten, wenngleich durch magisches Einwirken dazu gezwungen. Ein verlockender, aber auch sehr falscher Gedanke. Hjaldrist sah jetzt schon recht mürrisch aus und es wäre nicht richtig, würde die Novigraderin ihm nun all seine kleinen Geheimnisse entlocken. Sie sollte es dabei belassen, dass der Skelliger offenbart hatte, dass er nicht fand, dass die Hexerstochter aussah wie ein ‘Knut’.

“Anna?”, drang keinen Moment später schon die Stimme des dunkelhaarigen Kriegers an die stumme Frau heran und ließ sie fragend aufblicken. Sie ahnte, was dabei in Hjaldrist’s Kopf vorging, denn sie kannte dessen veränderte Miene. Und ehrlich gesagt machte ihr jene in der momentanen Situation ein klein wenig Angst. Ihr gewiefter Kumpan hatte, so wie sie, verstanden, was hier gerade vor sich ging, und sein Blick konnte sich nicht zwischen ‘wölfisch’ und ‘belustigt’ entscheiden. Oh ja, sie kannte diesen berechnenden Ausdruck nur allzu gut.

“Ja…?”, fragte die Kurzhaarige in ihrer dunklen Vorahnung daher vorsichtig.

“Valerie’s Erinnerungen scheinen dir doch auch zu gefallen, oder irre ich mich? Ich habe deinen Blick doch gesehen.”, wollte der lächelnde Mann wissen und es war klar, dass er hier gerade Vergeltung übte. Und zwar für Anna’s hinterhältiges, zu neugieriges Nachhaken von vorhin. Die Frau versteifte sich abrupt und fühlte sich wie ein schmutziger Einbrecher, den man auf frischer Tat ertappt hatte. Gleichzeitig lag ihr eine klare Antwort auf der Zunge, die nur so danach drängte, ihre trockenen Lippen zu verlassen. Die Hexerstochter holte Luft, um zu Reden, stockte. Doch die Lampe drängte sie eisern dazu ehrlich zu sprechen.

“Ja, schon.”, entkam es Anna und am liebsten hätte sie ihrem Kumpel dafür Eine gehauen. Sie hörte, wie der Undviker schmunzelnd schnaubte, und sah, wie er sie dann ungläubig-erheitert taxierte. Seine Augen musterten sie von oben bis unten, langsam.

“Soso…”, machte er mit ganz offensichtlich gespieltem, grüblerischen Ton und gestellter, angetaner Miene. Anna schlug sich die Hände vor das Gesicht. Oh Mann… ach herrje...

“Und-”, wollte Hjaldrist, der Drecksack, weiter fragen, aber Anna kam ihm schnell mit einem lauten Murren dazwischen.

“Oh nein, halt bloß die Klappe. Wir sind quitt!”, protestierte sie herrisch.

“Und warum gefallen dir diese Gedanken?”, endete der höchst interessierte Schönling trotz allem und seine beste Freundin stöhnte gequält. Gerne hätte sie seinen Namen jetzt anschuldigend gebrummt und ihn mit einem laschen Schimpfwort bedacht, aber stattdessen entfleuchte ihr eine aufrichtige Antwort. Es ging im grünlichen Schein ihrer magischen Lampe, die das Wolfsmedaillon dazu brachte leicht zu zucken, einfach nicht anders.

“Weil ich weiß, dass du ziemlich gut im Bett bist und weil ich ein ziemlich abenteuerliches Kopftheater habe. Deswegen.”

Eine kurze Schweigepause entstand auf diese äußerst schmerzhaft ehrliche Meldung hin. Eine, die Rist bald räuspernd brach, während Anna ihn nur entgeistert anstarrte. Hatte sie das von gerade eben tatsächlich gesagt?

“Also schön, Flohbeutel, das war gerade ziemlich eigenartig.”

“Du Arsch!”, empörte sich die peinlich berührte Novigraderin und war schon wieder dabei sich die Hände ungläubig-betreten vor das Gesicht zu drücken. Ihr entkam ein geschlagenes Seufzen, doch der anwesende Kerl lachte nur. Lachte er sie etwa aus? So, als glaube er es tatsächlich hier gewonnen zu haben? Oh, aber nein! Noch waren sie beide nicht fertig, denn das Elfchen hatte den Bogen überspannt. Anna müsste sich nur wieder fassen, dann hätte sie noch eine Frage für Rist. Eine ziemlich gute!

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