Kapitel 32

Wenn der Regen kommt

“Wirst du etwa rot? Na, na, Flohbeutel…”, Hjaldrist schmunzelte in triumphierender Zufriedenheit darüber sich im fahlen Schein der mystischen Lampe erfolgreich gerächt zu haben. Er betrachtete die betreten seufzende Anna grinsend und es war schwer zu sagen, was er sich in diesem seltsamen Moment dachte. Denn schließlich hatte die Frau gerade zugegeben, dass sie es durchaus begrüßt hätte mit ihm in der Kiste zu landen. Das, weil es ihr das letzte Mal mehr als nur gefallen hatte und die Bilder in ihrem Kopf dazu neigten recht abenteuerliche Züge anzunehmen. Tja, was dachte man sich, wenn einem die beste Freundin so etwas sagte? Anna hoffte ja, dass sie nicht geklungen hatte wie ein gieriges Mädel, das dem Jarlssohn insgeheim nach sabberte. Denn das tat sie ganz entschieden nicht. Und WENN sie Rist mal hinterher lief, dann nur, um vor ihm an einem Ort des Geschehens aufzuschlagen und mehr Gegner niederzureißen als er.

Ach, es war schwierig. Anna war früher alles andere als brav gewesen und wusste gar nicht, wie viele kichernde Mädchen sie mit gekonnten Anmachmaschen um den Finger gewickelt hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie oft sie mit hübschen Mägden auf Heuböden oder mit zunächst schüchternen Tavernenmädchen auf dreckigen Böden gelandet war; dies großteils ziemlich betrunken. Jedenfalls hatte sie Balthar und den anderen der Zunft kaum in etwas nachgestanden. Aber diese kurzen Abenteuer waren etwas anderes gewesen, als das mit Rist. Sie hatte ihre Begleiterinnen meist kaum gekannt und manchmal sogar nicht einmal die Namen von ihnen gewusst. Es war ihr einerlei gewesen, was diese Leute gedacht, gehofft oder am folgenden Tag getan hatten. Hjaldrist aber, der war keine zufällige Bekanntschaft, sondern ihr bester Freund, und zudem jemand, mit dem die ehrgeizige Anna noch lange umherzuziehen gedachte. Daher stimmte sie die momentane Situation auch so immens unbeholfen. Die gerötete Novigraderin hoffte einfach, dass der Mann nicht weiter nachfragen würde und es dabei beließ, dass es sich die Kurzhaarige durchaus vorstellen könnte sich wieder einen kleinen ‘Ausrutscher’ zu leisten und mit ihm ein Bett zu teilen. Und dieses Mal nicht wortwörtlich, sondern im übertragenen Sinn. Und rein theoretisch. Praktisch war das absolut nicht drin, denn das heikle Thema ‘Schwangerschaft’ war etwas, mit dem sich Anna nie wieder völlig aufgelöst und panisch auseinandersetzen wollte. In dieser Hinsicht war es wohl gut, dass Rist ein Kerl war. Sein Geschlecht fungierte wie ein vor Dummheiten schützender Zaun. Oh, und bevor er nun noch dazu kam etwas zu sagen, setzte die braunhaarige Novigraderin zum nächsten, verbalen Schlag gegen ihren Kumpel an. Sie holte Luft, um ihm im Schein der Lügenlampe ordentlichen Konter zu geben. Dafür, dass er die arme Anna hier so hatte auflaufen lassen.

“Weißt du, Käferschubser…”, fing die klammheimlich vorfreudige Hexerstochter an, ehe ihr Freund eine neue Meldung schnappen konnte “Ich bin mir sicher, dass es auch etwas gibt, das DIR ziemlich peinlich ist.”

Anna sah, wie der konfrontierte Skelliger kurz erstarrte und sie dann sofort überaus ernst ansah. Sein dummes Gegrinse von gerade eben wich ihm schlagartig aus dem Gesicht. Dann erhob er sich alarmiert von seinem Bett.

“W-wehe!”, drohte er lasch.

“Hmm?”, machte die unbeeindruckte Kriegerin gespielt naiv und beobachtete, wie sich der Undviker näherte, um nach der flimmernden Laterne von Märthe zu fischen. Doch Anna war schneller als er, nahm jene an sich und drehte sich damit schnell schützend weg. Die grüne Lampe daraufhin außer Reichweite vom grapschenden Hjaldrist hoch haltend, holte sie Luft, um ihre Frage laut auszusprechen.

“Was ist das peinlichste Erlebnis, das dir je widerfahren ist?”, wollte sie wissen und lachte, als Rist eiligst über sie kam, um ihr die Drakensund-Laterne weg zu nehmen. Anna wand sich herum, umschlang das antike Ding mit beiden Armen und gluckste schadenfroh. Und für den Mann aus dem Westen war es zu spät. Noch wie zum Angriff bei Anna auf der Matratze kniend, gab er sich schnell geschlagen. Denn sicherlich fühlte er sich just wieder so, als dränge ihn eine unsichtbare Macht zum Sprechen. Als könne er nicht anders und als wolle er es in der ersten Sekunde auch genau so. Es war wie eine kurze Gehirnwäsche, die einen perplex zurückließ. Als die Frau, die die Laterne umklammerte, also zu dem Mann aufsah - der über sie gebeugt war und die Hände noch so erhoben hatte, als hatte er sie packen und schütteln wollen - erblickte sie Augen, die für wenige Herzschläge lange etwas apathisch wirkten. Schnell kam deren Glanz aber zurück und Rist zog die Brauen weit zusammen, ließ die Hände und die Schultern sinken. Er sah Anna streng an, als er die Lippen zum Reden öffnete. Und er ließ sogleich von ihr ab, als ihm ein nachgiebiges Seufzen entkam. Rist ließ sich auf der schmalen Bettkante nieder und die Hexerstochter konnte sich wieder aufrichten. Interessiert wartete sie ab.

“Ich war fünfzehn. In Undvik stand das Fest der Lichter des Westens an. Die ganze Stadt hatte sich wochenlang darauf vorbereitet und jeder freute sich irrsinnig auf die Feierlichkeit. Auch ich. Das Lichterfest war immer eines meiner liebsten. Vor allem auch deswegen, weil ich am Tag darauf Geburtstag habe und schon als Kind immer so lange wach bleiben durfte, um nach den Festlichkeiten etwas in meinen Geburtstag hinein zu feiern. Es war also ein lang ersehnter, großer Tag. Jeder putzte sich schon nach dem Aufstehen heraus. Ich auch. Und meine Schwestern halfen mir dabei ziemlich beschwingt. Pavetta hatte mir sogar einen hübschen Mantel genäht, der als vorläufiges Geburtstagsgeschenk gelten sollte. Sie hatte es irgendwie damit mir Sachen zu nähen…”, erzählte Rist frei heraus. Sein Ausdruck war nicht mehr ärgerlich, sondern melancholisch. Und langsam aber sicher glaube Anna, dass dieses ehrliche, unerwartet lange Geständnis hier nicht so unterhaltsam und bescheuert werden würde, wie erhofft. Ja, sie hatte gedacht, dass ihr guter Kumpel irgendeine knappe Peinlichkeit erzählen würde, wegen der sie etwas zu Lachen hätte. Eine, mit der sie den Skelliger stichelnd aufziehen könnte. Aber seine Miene sah nicht danach aus, als käme gleich eine zum Brüllen lustige Geschichte. Dennoch hörte sie gespannt zu. Ihre Lampe, die hielt sie längst nicht mehr umklammert. Sie hatte das wertvolle Artefakt einfach neben sich auf der harten Matratze abgestellt.

“Merle und Pavetta halfen mir also. Ich hatte neue, schöne Kleider und die Größere der beiden Mädchen kam dann noch auf die Idee mir die Augen etwas zu schminken. Also nicht so, wie es die Frauen tun. Nur ein bisschen und in Schwarz eben. Mir gefiel das, es war schön. Und ich mag schöne Dinge. Aber dann stellte es sich heraus, dass all das ein dummer Einfall gewesen war...”, meinte der bedrückte Undviker.

“Ein dummer Einfall? Gab es deswegen etwa Probleme? Und-... oh! DESWEGEN willst du nie, dass ich dir Kohlestift an die Augen mache!”, realisierte Anna, als fiele es ihr wie Schuppen von den Augen, und sah ihren Kollegen von der Seite aus groß an. Er zuckte die Achseln, dann nickte er lethargisch und schlug die Lider nieder. Der Mann knetete sich die Hände und wirkte auf einmal so klein. Es war seltsam ihn so unsicher zu sehen, obgleich nicht negativ. Die kurzhaarige Alchemistin hatte schon geglaubt, Hjaldrist sei in allen Belangen ein Fels in der Brandung, von sich überzeugt und unnahbar. War er aber nicht und das machte ihn auf eine bemerkenswert sympathische Art menschlich.

“Im Verlauf des Lichterfestes wurde ich dann ganz schön veralbert. Abgesehen von der Schminke, war ich körperlich immer der Spätzünder der Familie. Und gepaart mit den verdammten Genen meiner Großmutter Ehillea, war bei mir keinerlei Anzeichen irgendeiner maskulinen, körperlichen Veränderung zu sehen. Dabei stand ich schon vor meinem sechzehnten Geburtstag. Kurzum wurde ich also ganz schön gehänselt und für ein Mädchen gehalten. Selbst ein paar der Erwachsenen lachten mit und machten die beklemmende Lage noch schlimmer für mich. Meine Laune war schnell am Boden und der Tag gelaufen.”, erzählte Rist seufzend weiter und Anna wusste nicht, ob sie nun etwas sagen sollte oder nicht. Sie war sich auch nicht im Klaren, ob sie sich schlecht fühlen sollte, weil sie ihren Kumpel dazu gezwungen hatte über seine miese Erfahrung zu reden. Sie holte Luft, um eine Frage zu stellen, doch war zu zögerlich. Der anwesende Mann sprach einfach weiter.

“Es gab da so eine Gruppe von Jungs, die unter Gleichaltrigen als die angesehen wurden, die das Sagen haben. Du weißt schon… diese Gruppierung, der alle Mädchen hinterherlaufen, die schlägern und sich immer für die Besten halten. Mein Bruder gehörte eigentlich zu ihnen, war zu dem Zeitpunkt, in dem sie mich bedrohten und verarschten, aber nicht da. Leider.”, murrte Hjaldrist im Schein der grün flackernden Lampe und sah seine Gesprächspartnerin dabei nicht an. Er wirkte ein wenig nervös, fing damit an sich beiläufig an den ohnehin schon kurzen Fingernägeln herumzukauen. Anna, die einsam von Außenseitern großgezogen worden war und daher keine Ahnung von Verhältnissen der besagten, jugendlichen Gruppierungen hatte, sah ihren besten Freund weiterhin nur groß an. Redete Rist nun noch immer, weil ihn die Magie der Laterne dazu zwang? Oder sprach er von sich aus? Die Kurzhaarige zweifelte stark, doch in einem war sie sich sicher: Gleich käme etwas, das mit dem Spaß rund um Lügenartefakte und Neckereien nichts mehr zu tun hätte. Sie wollte den unruhigen, peinlich berührten Hjaldrist doch nicht quälen. Und daher fasste sie entschlossen nach ihrer Laterne aus Drakensund, öffnete das kleine Glastürchen eben jener und blies das Feuer dahinter aus. Sofort war es wieder düster im Zimmer und die Augen brauchten ein paar Wimpernschläge lang, um sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Es roch nach Kerzenrauch und Rist sah nicht auf.

“Tut mir leid.”, entschuldigte sich die reumütige Anna gleich “Ich dachte, ähm, ich ärgere dich nur ein bisschen, aber-”

“Hm. Ich glaube, der Älteste der Jungengruppe hieß Ilrik… Alrik… oder so ähnlich. Er war drei Jahre älter als wir alle.”, sprach der Schönling am Bett ungehalten weiter und brachte seine Kumpanin damit dazu überrascht inne zu halten. Anstatt nämlich aufzuhören und der burschikosen Frau maulend in die Seite zu boxen, blieb der Inselbewohner relativ ruhig und erzählte einfach weiter. Warum? Wollte er etwa, dass Anna das Ende seiner Geschichte hörte? Oder hatte er tatsächlich dringenden Gesprächsbedarf? Ungläubig blinzelte die 20-jährige Novigraderin und beäugte Hjaldrist interessiert.

“Dieser Idiot kam jedenfalls zu mir und erwischte mich am Handgelenk, verdrehte mir den Arm weit und posaunte herum, dass er seine Tanzbegleitung für das Fest gefunden habe: Eines der süßesten, hübschesten Mädchen überhaupt. Mich. Ich habe ganz schön laut geschimpft, konnte aber nicht mehr tun als herumschreien, denn er war stärker und größer als ich. Pavetta bekam eine ganz schöne Angst, die kleine Merle weinte los. Und die Freunde von diesem Alrik lachten nur und feuerten den Typ an. Am Ende der ganzen Misere warf mich der Bastard einem der Tische entgegen, mit dem Gesicht voran, und tat völlig überzogen so, als vögle er mich. Es war DIE Attraktion für die ganze Gruppe und ein Gesprächsthema, das unter den Jugendlichen wochenlang in aller Munde war.”, brummte der Skelliger verstimmt. Seine Nervosität schien langsam wieder aus ihm zu weichen, nun, da er die Sache mit dem Tisch losgeworden war. Doch sie machte passivem Ärger platz. Anna indes, war sprachlos. Ihre Zunge klebte ihr schal am Gaumen und ihre Kehle fühlte sich ganz trocken an. Wenn sie versuchte sich die damalige, schreckliche Situation des kleinen Rist vorzustellen, der anfangs freudig und stolz auf sein Lieblingsfest stolziert war, dann aber behandelt worden war wie eine kleinlaute Schankmaid im Norden, wurde es ihr ganz anders. Mitleid ließ die Miene der schweigenden Frau traurig werden.

“Im Endeffekt ist ja nichts passiert. Nicht wirklich. Niemand hat mich geschlagen und das einzige, das mir weh getan hat, war mein Arm, den Alrik mir verdreht hatte. In Skellige ist so etwas nichts. Aber dennoch… ich bin an diesem Abend noch vor dem Höhepunkt des Festes nach Hause gegangen. Und ich hatte noch lange unschöne Albträume.”, gestand der gesprächige Rist ganz offen “Ich war früher eben zart besaitet.”

“Was hat dein Bruder getan, nachdem er das rausgefunden hat?”, wollte Anna empört wissen “Er gehörte doch eigentlich zu den Schlägern?”

“Ja, genau. Alrik war gerade noch dabei mich dem Tisch entgegenzudrücken, als Haldorn auftauchte. Er hat mit diesem Idiot den Boden aufgewischt und Zweien der anderen Narren blutige Nasen beschert. Einem davon hat er sogar einen Zahn ausgeschlagen.”, schmunzelte der Viertelelf und auch Anna musste leise lachen.

“Das hatten sie verdient.”, bestätigte sie zufrieden.

“Ja, mindestens.”, nickte Rist. Dann tat sich ein langes Schweigen zwischen den beiden Abenteuern auf. Eines, von dem die Novigraderin nicht so recht wusste, ob sie es als angespannt empfinden sollte oder nicht. Sie glaubte nämlich noch etwas sagen zu müssen, fuhr sich mit der Hand ratlos durch den Nacken. Erneut warf sie einen vorsichtigen Seitenblick zu Hjaldrist hin, der da etwas geknickt auf ihrer Bettkante saß. Kurz zögerte sie, doch dann legte sie einen Arm brüderlich tröstend um seine Schultern.

“Weißt du, dieser Spast von damals hatte irgendwo schon recht.”, sagte Anna und ließ ihren Kumpel damit äußerst kritisch aufsehen. Er schwieg und daher sprach sie gleich weiter, bevor er ihre Meinung noch in den falschen Hals bekam.

“Du bist wirklich ein hübscher Kerl und ich wette, wenn man dich heute neben die ganzen Deppen von damals stellen würde, würden sich die Mädels für dich entscheiden. Das, ohne lange nachdenken zu müssen.”, versicherte Anna aufrichtig und hörte, wie Hjaldrist belustigt schnaubte. Leicht sah er zu der lächelnden Alchemistin hin und obwohl er sich darum bemühte nicht allzu ernst zu wirken, erkannte sie, dass er ihre Aussage als großes Kompliment ansah. Denn seine zuvor noch so mies gelaunte Miene war unweigerlich etwas sanfter geworden.

“Also… ich habe die zwei Schankmägde vorhin kichern und tuscheln sehen, als wir im Gastraum saßen. Die blonde und die brünette. Ich wette, du könntest sie beide gleichzeitig abschleppen, wenn du willst.”, sagte Anna im verschwörerischen Ton und schenkte ihrem Kumpel im weißblauen Mondlicht einen vielsagenden Blick “Soll ich sie dir klarmachen?”

Rist hob die Brauen auf dieses Angebot hin weit an, musste unweigerlich schief lächeln. Doch seine dunklen Augen straften Anna gleich mit einem abfälligen Blick, in dem eine vieldeutige Botschaft lag.

“Ich glaube, ich passe.”, sagte er “Ich habe es nicht so mit dem Herumhuren wie du.”

“Was?”, pikierte sich Anna lachend.

“Du willst doch andauernd irgendwelche Leute abschleppen.”

“Gar nicht! Nur, wenn ich betrunken bin.”

Dem Skelliger entkam ein entnervter Laut, doch man hörte ihm an, dass ihn die Situation belustigte. Die nostalgische Melancholie von früher war längst wieder aus ihm gewichen, so schien es. Zum Glück. Anna ließ den Arm, den sie um ihren Freund gelegt hatte, wieder sinken. Dann, und auch, um von ihren besoffenen Eskapaden abzulenken, kam sie noch einmal auf das frühere Gesprächsthema zurück. Ein wenig ernster wurde sie dabei, damit sie nicht noch anmutete, als ob sie scherzen würde.

“Rist? Entschuldige wegen vorhin.”, bat sie und dies zeugte davon, dass es ihr wirklich leidtat, denn normalerweise war Anna zu stur, um sich schnell bei irgendwem zu entschuldigen “Ich wollte keine schlimmen Dinge aus deinem Leben aufbringen.”

“Schon gut.”, entgegnete der ruhige Mann “Lass uns das einfach nicht noch einmal machen, in Ordnung?”

Die Giftmischerin nickte schnell zustimmend, fühlte sich ungemein erleichtert. Und sie glaubte auch, dass sie in Zukunft besser mit ihrem Gefährten umgehen könnte. Zwar hatten sie einander Dinge gestanden, die verdammt unpassend erschienen waren und einen peinlich berührt hatten, doch immerhin wussten sie jetzt ungefähr, wo sie standen. Außerdem fühlte es sich gut an, dass sich Hjaldrist seiner Freundin so direkt anvertraut hatte. Die Geschichte aus seiner Jugend schien ihn bis heute irgendwo belastet zu haben, denn bestimmt erinnerte er sich zu oft daran. Aufgrund seines Elfenblutes war der Krieger auch heute nicht so hart und kantig gebaut wie so manch ein Hüne. Er war nicht so haarig und rau wie seine Landsleute. Und obwohl er ein exzellenter Kämpfer war, den man vermutlich auch erfolgreich als Rammbock einsetzen könnte, sah er nicht danach aus. Absolut nicht. Da waren keine großen, schwieligen Hände, kein Stiernacken und keine narbige Hackfresse. Und hätte man Rist in die glitzernde Klamotte eines Bänkelsängers gesteckt, hätte man es ihm durchaus abnehmen können, dass er ein gepflegter Mann der Künste war. Diese Tatsache mochte ihm vielleicht nicht so sehr gefallen, denn bestimmt hätte er gern einen Bart bis zur Brust, Schultern wie ein Schrank und ein kantiges Kinn; aber Anna fand es gut so, wie es war. Denn so hatte sie neben einem wuchtigen Aard auf zwei Beinen auch noch wen, den sie ganz gern anschaute. Und vielleicht sollte sie Rist ja ganz unterschwellig dabei unterstützen sich selbst auch ziemlich gut zu finden. Nur wie? Ob er manchmal an sich zweifelte?

“Was ist denn?”, wollte der Besagte wissen, als er bemerkte, wie nachdenklich Anna ihn anstarrte. Sie horchte auf und winkte dann gleich ab.

“Hast du das Heftchen mit den Geschichten noch?”, fragte sie anstatt auf die Thematik einzugehen, wie man als harter Kerl auszusehen hätte und wie nicht. Und, dass sie ruppige Typen mit Zottelbärten schrecklich fand.

“Ja, klar.”, bestätigte der anwesende Axtkämpfer “Ich werfe das gute Ding doch nicht weg.”

“Liest du mir was daraus vor?”, wollte die Novigraderin nett wissen. Denn einerseits kannte sie noch nicht alle Geschichten der Gebrüder Groll und andererseits wusste sie nur zu gut, dass ihr Kumpel diese schlechten Schmuddelgeschichten sehr gern vortrug. Sie amüsierten ihn ungemein und es war schon eine Freude ihn nun dabei zu sehen, wie er sich das zerknitterte Kurzgeschichten-Heft grinsend aus dem Hemd hervor zog. Anna lachte auf.

“Du hattest es in deinem Oberteil stecken?”, fragte sie ungläubig.

“Ja, ich habe es Ravello heute vorgelesen, als wir auf dem Weg in den Sumpf waren.”

“Und?”

“Er fand die Geschichte von Blondpunzel zum Brüllen gut.”, feixte der Dunkelhaarige und wieder gab Anna einen amüsierten Laut von sich. Dann machte sie sich aber daran ihre Lampe abermals zu entzünden, damit Rist Licht zum Lesen hatte. Es würden keine weiteren stichelnden Fragen im Schein der Laterne fallen, denn das hatten die Gabelschwanztöter einander versprochen. Außerdem stand der Mond sicherlich nicht mehr hoch genug. Die Hexerstochter bemerkte nämlich, wie ihr Amulett nicht mehr auf das grünlich flackernde Licht reagierte. Alles war gut. Es war keine Magie mehr im Spiel. Anna stellte die Laterne also am alten Beistelltischchen des Bettes ab und rutschte dann auf der muffigen Matratze zurück, um sich mit dem Rücken voran an die Wand zu lehnen, an der die besagte Schlafgelegenheit stand. Abwartend sah sie ihren älteren Gefährten an. So, wie ein kleines Kind, das auf seine Gutenachtgeschichte wartete.

“Also…”, räusperte sich Hjaldrist vernehmlich und kam zu der erwartungsvollen Hexerstochter, um sich neben jener locker und mit dem Kreuz voran an die vertäfelte Zimmerwand zu setzen “Es gibt die Geschichte von ‘Rotkleidchen’, die kennst du noch nicht.”

Der Inselbewohner befeuchtete sich den Finger flüchtig mit der Zunge und blätterte in seinem schmuddeligen Heftchen bis zu einer bestimmten Seite vor. Dann holte er Luft, um zu lesen:

“Es war einmal eine kleine, süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah. Am allerliebsten hatte sie aber ihre Großmutter. Die Alte wusste gar nicht, was sie ihrem guten Mädchen noch schenken sollte, darum nähte sie ihr ein knappes Kleidchen von rotem Sammet. Und weil es dem Dirnchen so gut stand und es gar nichts anderes mehr tragen wollte, hieß es nur noch ‘Das Rotkleidchen’.

Eines Tages sagte die Mutter von Rotkleidchen zu ihrem Kind: ‘Komm, Mädchen, hier hast du einen Korb mit Kuchen und gutem Wein. Bring diese Dinge doch zur lieben Großmutter, damit sie sich daran laben kann. Und dieses Mal, Mädchen, sei doch sittsam und gehe nicht mit den Männern mit, bevor du die Großmutter besucht hast. Es wird noch zu spät, wenn du dich wieder so lange bumsen lässt.’”, erzählte der Jarlssohn und während Anna prustete, verkniff er es sich selbst ganz augenscheinlich krampfhaft. Er blieb gefasst, schmunzelte bloß schmal, und las weiter:

“‘Ich will schon alles gut machen.’, sagte Rotkleidchen zur Mutter und gab ihr die Hand darauf. Die liebe Großmutter wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. Und es war schon Abend. Rotkleidchen wollte sich also beeilen. Als sie aber in den Wald kam, da begegnete die Dirne einem Werwolf. Sie war ein gutes Mädchen und fürchtete sich vor keinerlei Dingen. Immer war sie freundlich, daher sagte sie: ‘Guten Abend, Herr Wolf.’”, rezitierte Hjaldrist in seiner ulkigen Erzählerstimme und seine Freundin, die mittlerweile leger an seiner bequemen Schulter lehnte, klatschte die Hände einmal zusammen.

“Ha, ein Werwolf!”, meinte sie dabei breit und verwegen lächelnd “Wie der, den wir morgen besuchen werden, was?”

“Naja, ich hoffe, dass unser Wolf nicht so drauf ist, wie der in der Geschichte. Wenn ja, muss ich dich verstecken.”, schnaubte der Viertelelf erheitert und sah aus dem Augenwinkel bedeutungsvoll zu der Abenteurerin hin.

“Was? Wieso?”

“Weil du immer mit jedem Kerl mitgehen willst.”

“Das ist nicht wahr!”

“Pscht. Hör zu.”, bat der Skelliger und trug weiter vor, was da in seinem Büchlein stand:

“Und der Wolf, der hielt inne und starrte Rotkleidchen aus großen Augen an. Das kurze Gewand der jungen Frau schien ihm sehr zu gefallen, denn wunderbar samten schmiegte es sich an Brüste und Hinterteil.

‘Hallo Mädchen. Was hast du nur für ein schönes Kleidchen.’, brummte der Werwolf geifernd.

‘Schönen Dank, Herr Wolf.’, lächelte die Dirne bezaubernd.

‘Was trägst du denn unter deinem Röckchen?’, fragte der Wolf.

‘Nichts.’, erzählte Rotkleidchen und es war die Wahrheit.

Die kluge Dirne verstand wohl und sah gut, wie sehr dem Werwolf diese Vorstellung gefiel, denn wie es sich für Wölfe gehört, trug er kein Beinkleid.

‘Oh, Herr Wolf, was hast du für ein großes Gemächt!’, staunte Rotkäppchen.”

“Aah, nicht im Ernst!”, jauchzte Anna, doch Rist ermahnte sie dazu still zu sein. Er las weiter:

“‘Oh, Herr Wolf, was hast du für ein großes Gemächt!’, staunte Rotkäppchen.

‘Komm doch zu mir. Ich habe noch etwas Zeit, bis ich bei der Großmutter sein muss.’

Es dauerte nicht lange, da vergnügten sich die Dirne und der Werwolf im Gestrüpp. Und noch nie zuvor hatte jemand das begeistert stöhnende Rotkleidchen so gekonnt gefreit, wie Herr Wolf es tat. Und die Moral von der Geschicht? Wer ficken will, der muss freundlich sein. Ende.”, schloss der dunkelhaarige Schönling die Erzählung und klappte sein Heft zu. Anna schüttelte den Kopf ungläubig und gluckste.

“Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.”, sagte sie “Wer lässt sich denn bitteschön solche Geschichten einfallen? So ein Schund.”

“Ja. Gut, oder?”, fragte Hjaldrist in geschauspielerter Begeisterung, doch ehrlich belustigt. Anna schüttelte abermals den Kopf.

Der Axtkämpfer von den Inseln las ihr später noch eine weitere Geschichte über ein ‘etwas anderes Schneiderlein’ vor, doch deren Ende hörte die müde Alchemistin nicht mehr. Sie war längst an ihren lesenden Kumpel gelehnt eingeschlafen, als jener mit einer weiteren, schmierigen Moral endete.

 

Anna kam leider nicht dazu sehr lange zu schlafen. Es war noch dunkel, als sie ein aufgebrachter Laut hochschrecken ließ. Sofort saß sie kerzengerade auf der Matratze und sah aufgescheucht um sich. Ihre Augen brauchten eine Weile, um sich an die Düsternis im Raum zu gewöhnen, doch ihr Kopf verstand schnell, was schon wieder los war. Ja, ‘schon wieder’, denn es kam viel zu oft vor, dass Hjaldrist im Schlaf herum schrie.

“Bei Melitele…”, murrte die erschöpfte Anna entnervt und rieb sich ein Auge, bevor sie seufzte und die nackten Beine vor das Bett stellte. Die Frau erhob sich und ging auf ihren bloßen Füßen quer durch das kleine Zimmer, um zu ihrem murmelnden Freund zu gelangen. Das tat sie in letzter Zeit und in solchen Situationen immer. Ja, bevor Rist sie noch lange wach hielt und sich selbst krampfhaft herum warf, weckte sie ihn einfach. Sie hatte sich gar die Erlaubnis dafür erteilen lassen, denn auch der arme Skelliger hielt wenig von den Träumen, die ihn nicht losließen. Also ließ sich die Kurzhaarige auf der Bettkante des keuchenden Kriegers nieder, beäugte ihn im fahlen Mondlicht, das durch das offene Fenster herein schien, prüfend. Die Stirn runzelnd seufzte sie abermals. Hjaldrist war völlig durchgeschwitzt, warf den Kopf herum und wisperte immer wieder ein ‘Nein, nein, nein’. Als sei es eine Beschwörungsformel. Schwer und unregelmäßig atmete der Undviker, krallte sich an seine dünne Bettdecke. Und Anna, die schritt endlich zur Tat: Sie erwischte den älteren Mann an den Schultern und rüttelte einmal kurz an ihm.

“Rist...”, entkam es ihr dabei mit gesenkter Stimme. Der Schlafende reagierte nicht und murmelte stattdessen irgendetwas davon, dass die Pfeile kämen. Oh Mann. Welche Pfeile denn?

“Rist.”, brummte Anna nun lauter und mit mehr Nachdruck, schüttelte ihren Kumpan beherzt. Er wiederum, zuckte heftig zusammen, atmete hörbar tief ein. Dann schrie er auf, als erschrecke er fürchterlich, schlug gar nach seiner zusammenfahrenden Freundin. Die überrumpelte Anna konnte dem gerade noch ausweichen, indem sie zurückwich, doch wurde kaum eine Sekunde später schon gepackt und aus panisch geweiteten Augen angesehen.

“Sie sind am Hügel.”, presste Rist dabei hervor, als sei er gerade ganz woanders. Die nervöse Hexerstochter, die an den Oberarmen so eisern festgehalten wurde, dass es an einen Schraubstock erinnerte, war wie zur Eissäule erstarrt. Entgeistert blickte sie ihrem entrückten Kumpel entgegen und wagte es kaum zu blinzeln. Rist’s Atem ging stoßweise, seine Lippen standen ihm einen kleinen Spalt weit offen. Und er starrte. Es war unheimlich und es erschien Anna, als vergehe eine halbe Ewigkeit, ehe etwas Vernunft in die ängstliche Miene des Skelligers zurückkam. Nur langsam entspannte sich sein Ausdruck etwas und genauso zögerlich wurde der Griff an den Armen der Novigraderin mit dem schnell pochenden Herzen lockerer. Dann verengte der Dunkelhaarige den Blick, blinzelte irritiert und sah Anna an, als verstünde er nicht wo und was er war. War er wach?

Der kurzhaarigen Alchemistin entkam ein überwältigter, gleichauf beschwichtigender Laut.

“Whoa... “, machte sie und brachte ihren entrückten Kumpel damit dazu sie endgültig wieder loszulassen. Perplex sah Hjaldrist Anna an und schien mühsam nach Worten zu klauben. Die Frau ersparte ihm das wirre Nachfragen, indem sie ihn gleich aufklärte:

“Du hast schon wieder herumgeschrien. Und du wolltest mir Eine verpassen, als ich dich wecken wollte. Das hast du noch nie gemacht.”, sagte die Kurzhaarige ungläubig und rieb sich den schmerzenden Oberarm. Autsch. Der Kerl hier konnte wirklich ganz schön barsch zupacken, wenn er wollte.

“Oh…”, atmete der Mann, dem ein paar verirrte Haarsträhnen feucht an der Stirn klebten “Ich… ähm... tut mir leid.”

“Das war unheimlich, Rist.”, kommentierte Anna weiter und bekam darauf keine Antwort mehr. Sie hatte sich aber auch keine erwartet.

 

Als Anna am folgenden Nachmittag gemächlich zur kleinen Taverne zurück spazierte, kippte das sommerliche Wetter und dunkle Wolken näherten sich aus dem Osten. War es am Morgen noch sonnig und nahezu windstill gewesen, kündigten starke Böen einen Gewittersturm an. Und die schwitzende Novigraderin freute sich sehr auf den Regen, denn die letzten Tage über war es einfach viel zu trocken und heiß gewesen. Vielerorts war das Gras schon ganz dürr und braun geworden. Bunte Ladentafeln wippten endlich quietschend im Wind, der das Gewitter vorhersagte, und die Leute in den vielen Gassen huschten geschäftig umher. Händler kramten ihre wertvollen Waren eilig in geflochtene Körbe oder genagelte Holzkisten und brachen ihre Marktständchen ab, um in weiser Vorahnung nach Hause zu gehen. 

Anna hob den Blick dem düster werdenden Himmel entgegen, als ein erster Regentropfen vor ihr auf den abgetretenen Pflasterstein fiel. Besser, sie sputete sich gleich genauso, wie es die paar Verkäufer just taten. Denn sie hatte keine Lust darauf nass zu werden. Die Alchemistin hatte alle Zutaten für ihr Mondöl besorgen können, war lange unterwegs gewesen, und der wieder wachere Rist wartete bestimmt schon ungeduldig auf sie. Der müde Skelliger war heute Vormittag nämlich murrend im Bett geblieben, hatte in der vergangenen Nacht und nachdem Anna ihn geweckt hatte, nicht mehr einschlafen können. Dies hatte er also von Frühmorgens bis zur Mittagszeit nachholen wollen. Und es war längst nach der zwölften Stunde. Ja, besser, die Hexerstochter beeilte sich! Sie freute sich schon auf das Essen. Es gäbe als Geheimtipp Wildbraten mit weingetränktem Rotkraut und Kartoffelklößen, hatte der dicke Schankwirt heute Früh verkündet. Lecker!

 

Die burschikose Kriegerin mit dem Beutel voller Kräuter und verschiedensten Tinkturen kam nicht bis zur lauschigen Taverne ohne den Strahlemann Ravello in seiner prunkvollen, gold-silbernen Rüstung zu erspähen. Die Miene der erfreuten Novigraderin erhellte sich sofort, als sie den popeligen Ritter unweit des Gasthauses, in dem sie sich eingemietet hatten, sah. Der Blondschopf lehnte dort lässig an einer schiefen Hauswand und unterhielt sich ganz gut mit jemandem. Es war eine etwas kleinere Gestalt in einem erdfarbenen, wadenlangen Mantel, bewaffnet mit einem entspannten Kurzbogen und einem Köcher voller grün-schwarz gefiederter Pfeile, den sie locker geschultert hatte. Sie trug eine schwere Kapuze auf dem Haupt und verbarg Gesicht und Haar damit vollends. Anna hielt inne und runzelte die Stirn, als sie dies sah. Gerade eben, da hatte sie ihrem älteren Begleiter noch einen frechen Gruß zurufen wollen, doch sie hielt inne und wartete unschlüssig ab. Leute, die am helllichten Tag und im warmen Sommer mit Kapuzenumhängen aus Wolle durch die Gegend marschierten, waren ihr noch nie geheuer gewesen. Sie beobachtete skeptisch was passierte.

Ravello zuckte die Achseln unschlüssig, nickte dann, deutete auf die nahe Taverne. Die schmalere Person vor ihm gestikulierte ebenso leicht beim Sprechen. Leider befand sich die interessierte Anna zu weit von dem Geschehen entfernt, als dass sie irgendetwas vom Gespräch der Zwei hätte hören können. War jenes überhaupt wichtig? Ja, sie glaubte schon. Denn die erfahrene Frau hatte ein schlechtes Gefühl, das ihr in der Magengegend rumorte, und wusste nicht so recht weswegen. Dies machte sie argwöhnisch. Nur langsam setzte sie sich daher erst nach vielen Herzschlägen wieder in Bewegung. Um zum Gasthaus zu gelangen, müsste sie am schnatternden Ravello und dessen Bogenschützen-Bekanntschaft vorbei. Es wäre eine Gelegenheit einen prüfenden Seitenblick zu den miteinander Sprechenden zu werfen und die zwielichtige Person unter der weiten, braunen Kapuze zu sehen. 

Ach, Anna war einfach zu neugierig und manchmal auch ein wenig paranoid, so schien es. Und dennoch: Ein forschender Blick auf Ravello’s mysteriösen Gesprächspartner zu werfen, könnte ja nicht schaden, was? Also ging die Alchemistin einigermaßen guter Dinge weiter auf die Taverne zu, aus der Musik eines jauchzenden Bänkelsängers erklang, und versuchte dabei nicht auffallend zu starren. Ihr gerüsteter Kumpan aus Beauclair ruinierte ihr spontanes Vorhaben dann jedoch schnell: Er sah auf, erkannte Anna sogleich und hob eine Hand zum Gruß.

“Hallo!”, tönte er freundlich und mit breitem Lächeln im Gesicht “Wie geht es dir?”

Die schmale Person vor dem Weißen Hasen wandte sich zögerlich ein Stück, um unter der tiefsitzenden Kapuze zu der ertappten Hexerstochter hin schielen zu können. Und just in dem Augenblick bemerkte die Monsterjägerin in der gestreiften Jacke, wie die Frau, die vor dem blonden Ritter stand, wie zur Eissäule erstarrte. Lediglich den Kopf drehte sie schnell fort. So, als wolle sie ihr Gesicht unbedingt verbergen. Warum? Wer war das?

“Warst du einkaufen?”, wollte der nette Ravello mit leicht erhobener Stimme wissen, damit Anna ihn auf die kurze Entfernung gut hören könnte. Die misstrauische Angesprochene schenkte ihm jedoch kaum Beachtung, sondern hielt die fremde Frau im weiten, dunklen Mantel fixiert. Jene, wiederum, war nicht dumm und bemerkte dies natürlich. Kurzum lief sie einfach los. Tatsächlich, sie rannte drauflos, als glaube sie vor der irritierten Novigraderin fliehen zu müssen. Wie eine Verbrecherin mit Dreck am Stecken. Anna, ihre plötzliche, negative Überraschung krampfhaft zur Seite drängend, eilte der Fremden augenblicklich hinterher und drückte dem perplexen Ravello ihre Einkäufe beiläufig  in die Hand, als sie den besagten Ritter dabei passierte. Der Blonde rief ihr mit verwirrter Miene etwas nach, Anna beachtete ihn nicht. Wie ein Raubtier verfolgte sie nämlich die, die da vor ihr floh. Sie wusste nicht einmal, weswegen jene dies tat, doch allein, dass sie überstürzt fortlief, als ginge es um ihr Leben, war ein guter Grund sie zu jagen und nachzuforschen was hier so zum Himmel stank.

“Warte!”, maulte Anna laut und bog nach der aufgescheuchten Fremden in eine kleine Seitengasse ein. Ein paar räudige Ratten, die sich um einen verschimmelten Haufen Müll geschart hatten, stoben quietschend auseinander, und beinah trat die Novigraderin auf eines der Tiere. Fliegen surrten laut. Gerade noch so sprang die ächzende Braunhaarige über den panischen Nager hinweg und bemühte sich die Fliehende nicht aus den Augen zu verlieren. Ihr Atem ging schnell und ihre Ausrüstung klapperte bei jedem schnellen Schritt. Der alarmierte Blick wanderte eilig, heftete sich an den Rücken derer, dessen brauner Mantel sich beim Laufen bauschte. Und lauwarmer Regen mischte sich mehr und mehr in das Blickfeld der Novigraderin, die eigentlich nicht hatte nass werden wollen. Verdammt! Die dicken Wassertropfen, zuerst wenige, dann immer mehr, rieselten dumpf auf die umliegenden Dächer und machten den Boden feucht.

“Bleib stehen!”, rief die Kurzhaarige und rempelte polternd ein leeres Fass um, als sie aus der engen Seitengasse kam. Beinah stürzte sie. Im Vorbeirennen erfasste Anna dann einen weiß verzierten Blumentopf, der auf einer Fensterbank eines ihr sehr nahen Hauses gestanden hatte. Sie lief, setzte der Fremden nach, holte beherzt aus. Und dann flog der Tontopf, aus dem ein kleiner, lila Lavendelbusch ragte, durch die Luft. Wie durch ein unglaubliches Wunder traf er auch: Er erwischte die schreiende Fremde hart an der Schulter und dies so unerwartet, dass die versehrte Frau heftig erschrak. Erde stob umher, duftender Lavendel fiel zu Boden, der bemalte Tontopf zerschellte in dutzende Scherben, als er am harten, nassen Grund aufschlug. Und die von dem Geschoss Getroffene, stöhnte schmerzlich und wankte zur Seite, hielt sich dabei jammernd die Schulter. Es war ein günstiger Moment, den die schlaue Anna ausnutzte. Sie schloss zu der noch paralysierten Fremden auf, packte sie grob am Oberarm und riss sie zu sich herum. Noch völlig betäubt von ihrem unerwarteten Schmerz wehrte sich die mit dem Mantel nicht. Und Anna, die stutzte, als sie endlich das relativ blasse, sommersprossige Gesicht der vermeintlich Fremden sah.

“Svenja.”, entkam es der etwas größeren Kurzhaarigen entrückt und sofort wurde ihr zuvor noch so gehetzter Ausdruck härter. Die zweite Frau sah aus ihren gepeinigt zugekniffenen, grünen Augen auf. Und auch ihre Miene verzog sich äußerst feindselig. Lange, rotblonde Locken fielen ihr aus der Kapuze und sie zögerte nicht damit mit der freien Faust abrupt zuzuschlagen. Gerade noch so schaffte es die überwältigte Anna diesem Angriff auszuweichen, ließ Svenja dabei los, legte die Hand dafür aber kampfbereit an ihren lederumwickelten Schwertgriff. Und dann war da plötzlich Ravello. Hinter der grantigen Rothaarigen war er aufgetaucht und schnitt ihr damit den direkten Fluchtweg ab. Dezent überfordert sah Svenja also um sich, wie ein in die Ecke gedrängtes Tier. Sie schenkte der überlegenen Anna bitterböse Blicke und gab einen frustrierten Laut von sich, als die Hexerstochter sie daran hinderte sich zur Seite davon zu stehlen.

“Oh nein, du bleibst hier!”, herrschte die Kurzhaarige die unzufriedene Skelligerin böse an, während Ravello etwas planlos herum stand. Doch immerhin unterstützte der große Blonde seine Kumpanin aus Kaer Morhen bedingungslos. Der Regen prasselte mittlerweile äußerst stark vom Himmel und entfernter Donner grollte über das Land. Ein Blitz zuckte am Horizont. Anna begrüßte das, denn bei solch einem Wetter waren keine Menschen auf den Straßen. Dies, wiederum, bedeutete, dass sich keine schaulustigen Idioten um sie sammelten, um zu gaffen oder die Stadtwache zu rufen. Sie waren also mehr oder minder allein.

“Was suchst du hier, hm?”, wollte Anna harsch wissen und funkelte die bedrängte Svenja zornig an. Ihr Ton duldete keine Ausflüchte oder billige Lügen. Die Dinge, die Hjaldrist seiner Gefährtin über diese verdammte Furie hier erzählt hatte, reichten aus, um die Novigraderin eben jener nicht gerade freundlich zu stimmen. Ja, wie war das nochmal gewesen? Svenja war eine gute Sandkastenfreundin des Undvikers und so richtig dicke mit ihm gewesen. Er hatte sie damals als beste Freundin bezeichnet. Dies jedenfalls so lange, bis sie sich in ihn verliebt hatte, sich veränderte und damit anfing ihm schwärmend nachzulaufen. Der desinteressierte Mann hatte sie bald abgewiesen, der Rotschopf war daraufhin verbittert geworden und den Kämpfern der Insel beigetreten, um sich zu beweisen. Am Ende hatte sie einen Posten innerhalb der höheren Spione und Diplomaten von Rist’s Vater eingenommen. Bis auf den Anfang dieser Geschichte sprach also NICHTS für sie. Und wenn sie noch immer zu dem dreckigen Haufen von Zuträgern gehörte, die dem Jarl von Undvik unterstanden, dann verhieß ihre Anwesenheit nichts Gutes. Oh ja, was machte sie hier? Suchte sie Rist? Wollte sie ihn bekehren und zurück nach Skellige schleppen? Das könnte sie vergessen!

“Was ist denn überhaupt los, Anna?”, wollte der zerstreute Ravello ratlos wissen und musste ob des rauschenden Regens lauter sprechen, damit man ihn überhaupt verstand. Auf seine Frage hin bekam er keine Erklärung der Situation, sondern eine Gegenfrage:

“Was wollte sie von dir?”, rief die verstimmte Kriegerin und wurde von den tödlichen Blicken der anderen Frau nahezu durchbohrt. Den Bruchteil einer Sekunde später ging Svenja ganz plötzlich auf Anna los. Sie schlug ungelenk mit dem Bogen nach ihr, doch wurde schnell entwaffnet. Damit nicht genug, denn ehe noch mehr geschehen konnte, zog sie sich eine weitere Waffe aus dem Stiefel. Die blitzende Klinge eines kleinen Dolches sauste daraufhin durch die Luft, einmal, zweimal, und immer entkam die überrumpelte Novigraderin jener nur um eine Haaresbreite. Die Rothaarige schrie verärgert, drehte sich herum, hob erneut zu. Nur dieses Mal traf ihr Dolch auf harten Stahl; auf Anna’s Schwert. Singend scharrten die Klingen gegeneinander und obwohl die Skelligerin mit ihrer kurzen Reichweite glasklar im Nachteil zu sein schien, gab sie nicht auf. Sie zeigte damit diese unglaubliche, zähe Kampfeslust, die die rauen Inselbewohner so oft verkörperten. Unter einem halbkreisförmigen Schwertstreich duckte sie sich hinweg, steckte einen Tritt gegen das Schienbein ein, wich erneut keuchend aus und machte ein paar Schritte zurück. Mit Mordlust im Blick reagierte die langhaarige, verdammt flinke Spionin dann schnell. Anstatt wieder anzugreifen und dabei in den gefährlichen Nahkampf zu wechseln, warf sie ihre kleine Waffe. 

Anna war zu langsam. Zwar wollte sie sich fort wenden, doch tat dies nicht hastig genug. Sie spürte als Strafe für dieses Versagen einen scharfen, brennenden Schmerz, der ihr vom Nacken ausgehend bis in den Kiefer hoch zuckte. Metall schlug irgendwo hinter ihr klappernd auf Pflasterstein auf. Und wie instinktiv fasste sich die Alchemistin sofort seitlich an den Hals, sog die Luft zwischen fest zusammengebissenen Zähnen ein. Dies schien ein schlimmer Anblick zu sein, der den nutzlosen Ravello endlich mobilisierte. Anna hatte noch nicht ganz realisiert, was passiert war, doch ahnte schlimmes, als sie den entsetzten Laut aus der Kehle des straßenköterblonden Ritters vernahm. Sie spürte, wie ihr etwas, vermischt mit dem lauen Regen, warm in den Kragen lief und in ihrem Hemd versickerte. Viel davon. Verdutzt nahm sie ihre zitternden Finger vom Hals, ganz langsam, senkte den Blick dann auf jene. Blut klebte ihr zäh am braunen, ledernen Handschuh und dieser Anblick weitete ihr die Augen in ungläubiger Fassungslosigkeit. Die Zeit schien für einen Moment stillzustehen und die schockierte Anna konnte das laute Prasseln des Regens nicht mehr klar hören. Adrenalin wallte in ihr hoch, machte ihr die Sinne beinah taub und den Magen flau. Ihr armes Herz begann zu rasen und ihre Hände wurden fahrig, als sie sich die Linke erneut hektisch an den ziehend brennenden Hals presste. 

Ravello war derweil schon bei der im skelliger Dialekt schimpfenden Svenja angelangt und hielt die fuchtelnde Frau fest. Es gelang ihm gut, denn zum einen war er viel größer, schwerer und stärker als sie und zum anderen besaß die Frau aus dem Westen keine Nahkampfwaffe mehr, da sie ihren Dolch nach Anna geworfen hatte. Letztere stand da wie festgewurzelt. Die Hand seitlich am Hals, ließ sie das Schwert so weit sinken, dass dessen Ort am Boden aufkam, und nur ganz holprig holten ihre wirren Gedanken auf, um im Hier und Jetzt anzugelangen.

Svenja’s Dolch hätte sich beinah in den ungeschützten Hals der nachsichtigen Novigraderin gebohrt. Dadurch, dass die Kurzhaarige aber versucht hatte auszuweichen, hatte die Klinge sie nur gestreift. Und… und dennoch…

Wurde ihr gerade schwindelig? Oh, ihr wurde schwindelig...

“Ravello...”, entkam es Anna hilfesuchend mit dünner Stimme, als sie sah, wie der Blonde es tatsächlich schaffte die keifende Svenja zu Boden zu ringen und sich in voller Rüstung auf sie zu setzen, damit sie sich nicht mehr rühren konnte. Der Regen ging in solchen Strömen auf dem Platz nieder, als kippe jemand tausende Kübel voller Wasser über der Stadt aus. Und genau diese ungeheuren Wassermengen machten es der atemlosen, blutenden Hexerstochter schwer einzuschätzen, wie es um die Wunde an ihrem Hals stand. Hatte Svenja die… die Schlagader getroffen? Oh, hoffentlich nicht. Bitte nicht!. Anna presste die Kiefer so fest aufeinander, dass es nahezu schmerzte und ihre Zähne knirschten. Sie unterdrückte ein überfordertes Stöhnen und ihr Herz raste in ihrer so eng werdenden Brust. Die bange Frau wurde taumelig und kalter Schweiß brach ihr aus. Panik haschte mit gierigen Fingern nach ihr.

“Ravello…!”, presste sie erneut hervor, um den bescheuerten Ritter auf sich aufmerksam zu machen. Jener sollte diese beschissene Svenja sofort unschädlich machen, bewusstlos schlagen oder festsetzen. Und… und er müsste Rist holen! Ganz schnell! 

Den ersten Part dieses Gedankenzuges schien der Mann aus Beauclair ebenso gehabt zu haben. Zum Glück. Anna hatte ihres unsteter werdenden Blickes nicht erkannt, warum oder wie der Hase es geschafft hatte, doch als er sich erhob, lag die Schlampe aus Skellige reglos am Boden. Irgendwie… irgendwann war der aufgerüttelte Blonde dann auch schon bei der blassen Anna und packte sie fest an beiden Armen, um ihr geradeaus und prüfend entgegenzusehen. Noch immer hielt die verletzte Frau ihre Stahlklinge krampfhaft umklammert und drückte die zweite Hand an ihre frische, schmerzhaft pochende Halswunde gepresst. Es tat so weh.

“Anna! Oh nein!”, stöhnte der Blondschopf ungläubig und starrte die Kurzhaarige entsetzt an, wurde fast genauso bleich wie sie. Er schien weder zu wissen was er sagen, noch was er tun sollte. Oh, dieser Idiot.

“Nimm… Svenja und hole Hjaldist.”, wisperte die unbedachte Frau mit den äußerst weichen Knien heiser und erst an diesem Punkt angekommen, reagierte der unbeholfene Kerl aus dem Süden endlich, zuckte zuerst zusammen und lief dann rüstungsklappernd los wie ein aufgescheuchtes Huhn. Er hetzte völlig aufgebracht zu der Bewusstlosen aus Undvik hin, klaubte sie wie befohlen auf, um sie sich über die Schulter zu werfen wie einen Kartoffelsack, und ließ Anna dann allein am verregneten Platz zurück. Oh, hoffentlich wäre Rist bald da. Er wüsste, was zu tun wäre, nicht wahr? 

Der schwere, laue Regen klebte der fahlen Anna Haare und Kleidung an Kopf, Gesicht und Körper. Als sie versuchte sich auf den grollenden Donner und das Rauschen des vielen Wassers zu konzentrieren, um sich von ihrer misslichen Lage abzulenken, bemerkte sie erst, dass sie plötzlich am harten, dreckigen Boden saß. Ihr Schwert war ihr irgendwann aus der Rechten gefallen und sie hatte es nicht einmal realisiert. Aber das machte nichts. Sie bräuchte es gerade nicht. Oder? Nein…

Die gequälte Hexerstochter mit dem engen Blick presste sich auch noch die zweite Hand an die blutende Wunde am Hals. Sie stöhnte überfordert, ächzte leise. Dann kam die ungnädig klamme Schwärze über sie und zerrte sie in die süße Ohnmacht.

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