Kapitel 33

Der Fluch der dreckigen Vagabundin

Hjaldrist fuhr sich mit einer Hand über das matte Gesicht und seufzte verhalten, als er am wackeligen Tisch des kleinen Tavernenzimmers saß, das er sich mit Anna teilte. Der Regen prasselte laut gegen das geschlossene Fenster und ein langgezogenes Donnergrollen erfüllte den frühen Nachmittag. Der Mann von den Inseln fühlte sich nicht gut, ganz und gar nicht, und das nicht nur der vergangenen, schlaflosen Nacht wegen. Denn er hatte… Stimmen gehört. So, wie es Irre oder Besessene taten. Ja, ganz eindeutig. Vorhin, da hatte er geglaubt, das Gemurmel käme von unten, aus dem gut besuchten Schankraum des stickigen Gasthauses. Oder jedenfalls hatte er sich dies krampfhaft einreden wollen. Dem war aber nicht so gewesen. Ja, die besagten Stimmen, die gerade Ruhe gaben, waren in seinem Kopf gewesen. Aus seinem Schädel waren sie gekommen und der konfuse Skelliger wusste weder wieso dies geschehen war, noch was sie bedeutet hatten. Er hatte einen Mann gehört, der über heftige Rückenschmerzen klagte, und eine Frau, die über die Heirat mit irgendeinem Sohn einer noblen Familie sinnierte. Es hatte den ratlosen Hjaldrist zunächst verwirrt dieses Wispern zu hören und dann... dann hatte es ihm allmählich Angst gemacht. Am Ende waren ihm nur schlimme Kopfschmerzen geblieben. Ziehend zogen sie sich von einer Schläfe zur anderen und malträtierten ihn schon seit einer ganzen Weile. Der arme Krieger, der gerade viel zu empfindlich auf Geräusche oder Licht reagierte, hoffte also inständig darauf, dass Anna bald zurückkäme und ihm Medizin gegen den brummenden Schädel gab. Hjaldrist dachte nämlich nicht daran von sich aus in der Tasche seiner besten Freundin herumzuwühlen, um auf gut Glück ein Mittlechen zu finden, das gegen Kopfweh half. Am Ende erwischte er noch eines der Gifte der Wahnsinnigen und segnete das Zeitliche. Schließlich waren doch acht von zehn Absuden seiner Kollegin toxisch...

 

Anna kam lange nicht. Stattdessen platzte Ravello nach einiger Zeit in den spartanischen Raum. Man hatte den schwer gerüsteten Krieger aus Toussaint schon von weitem kommen gehört. Laut scheppernd war die Blechbüchse die knarrenden Stufen zur ersten Etage herauf gerannt und nun stand er völlig durchnässt und tropfend im Raum. Hjaldrist sah sofort aus kritischen Augen auf und erhob sich steif, als er bemerkte, dass irgendetwas nicht stimmte. Und, ach, ‘irgendetwas’ war dabei noch vage ausgedrückt, denn der etwa gleichaltrige Ritter, der hier eigentlich Hausverbot hatte, hatte zudem noch eine bewusstlose Person mit Kapuze bei sich. Großartig. Er trug jene über die Schulter geworfen wie einen schweren Sack und im ersten Moment befürchtete der alarmierte Skelliger schon, es sei Anna. Freya sei Dank war sie es aber nicht, denn die Möchtegern-Hexerin besaß andere Kleidung.

“Ravello??”, entkam es dem Dunkelhaarigen verdutzt und er runzelte skeptisch die Stirn “Was zum Geier…? Wer ist das?”

“Hjaldrist!”, keuchte der nasse Mann und war ganz offensichtlich durch das Gewitter bis hierher gerannt. Er war völlig außer Atem, holte tief Luft, um zu sprechen. Warum wirkte er so aufgelöst? Was war passiert?

“D-Du musst schnell… schnell mitkommen!”, bat der Blonde stammelnd und trat nervös von einem Bein auf das andere. Der hölzerne Boden unter seinen Füßen war längst feucht.

“Wohin?”, wollte der Skelliger ernst und langsam wissen “Wo ist Anna?”

“Ihr-... sie ist verletzt! Ziemlich. Äh… also...”, stöhnte der Hase vollends außer sich und seine Miene zeugte von blanker Angst um die besagte Frau. Hjaldrist glaubte, ihm bliebe das Herz stehen, als er dies hörte und sah. Seine Glieder versteiften sich abrupt und sein quälender Kopfschmerz war, sowie die entführte Person, die der Hase bei sich hatte, vergessen. Seine Kehle wurde ganz trocken und er blinzelte irritiert.

“Was? Warum hast du sie nicht hergebracht?  WO ist sie??”, fragte der betroffene Undviker lauter, drängender und unfreundlicher, als er es hatte tun wollen. Sein energischer Ton ließ den Hasen zusammenzucken und völlig aufgerüttelt stand er da, musste sich am Riemen reißen, um einen klaren Geist zu wahren.

“Draußen. Wenn-”, keuchte der Beauclairer und wollte weiter sprechen, doch Hjaldrist eilte bereits los. Nur in seine Stoffkleidung gehüllt und unbewaffnet hetzte der Skelliger völlig überstürzt zur Tür, während seine vielen, finsteren Gedanken rasten. Anna. Was war mit ihr? War sie in Gefahr? Er traute der hartnäckigen Frau sehr viel zu und machte sich daher nicht schnell Sorgen um sie. Dass der unruhige Ravello hier aber angelaufen kam und jammerte, dass sie ‘ziemlich’ verwundet sei, schreckte den sonst unerschütterlichen Hjaldrist auf und das nicht zu knapp. Er trat auf den langen Korridor vor dem Zimmer, dachte knapp nach, hielt inne, fluchte. Dann wandte er sich wieder zu dem Kerl aus Beauclair um, denn er hatte schließlich keine Ahnung wo er seine Kumpanin aus Kaer Morhen finden könnte.

“Wo genau? Wo ist sie??”, wollte er also überaus aufgebracht wissen und sein Blick streifte den Fremden, den der Ritter nach wie vor schulterte, nur beiläufig. Im Moment war es viel, viel wichtiger Anna zu finden als nachzufragen warum zur Hölle Ravello eine ohnmächtige Person mit sich herum trug. Der kantige Rausschmeißer der Taverne tauchte am anderen Ende des Ganges auf und stapfte mit zorniger Miene daher. Auch dieser muskelbepackte Hüne kümmerte den adrenalingeladenen Inselbewohner gerade kaum.

“Nahe dem Markt. An der Ecke zwischen dem großen Bankhaus und dem Böttcher.”, sagte der anwesende Ritter schnell und der besorgte Hjaldrist eilte los ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Das Bankhaus mit dem schiefen Dach. Er kannte es und wusste, wo es sich befand. Es war nicht weit von hier.

 

Der unregelmäßig und schwer atmende Skelliger hatte nicht sehr lange durch den ungnädigen Starkregen laufen müssen, um klatschnass zu werden und seine vermisste Freundin zu finden. Genau an dem Ort, den Ravello ihm beschrieben hatte, lag sie seitlich und mit angezogenen Beinen am gepflasterten Boden. Ihr Schwert lag neben ihr, als sei es ihr einfach aus der Hand gefallen. Dieser erbärmliche Anblick brachte den abgehetzten Undviker dazu einen überwältigten Laut auszustoßen. Er stutzte kurz, stöhnte überfordert, als ihm das Herz in die Hose rutschte. Es war, als verschlucke er soeben einen Kübel voller Eiswasser und der laue Regen lief ihm in die Augen, dass er mühselig blinzeln musste. Zwei Männer standen über der kurzhaarigen Frau, die da am dreckigen Grund lag. Sie trugen durchgeweichte, bestickte Wappenröcke in Gelb und eiserne Topfhelme; einer der beiden hatte eine lange, abgegriffene Hellebarde bei sich. Diese Kerle gehörten also eindeutig zur Stadtwache und der größere eben jener stieß die am Boden liegende just vorsichtig mit dem Fuß an. So, als wolle er überprüfen, ob jene noch lebte oder nicht. Hjaldrist’s Miene wurde ob dem härter und er setzte sich hastig in Bewegung, um dem so unwirklich anmutenden Geschehen entgegen zu eilen. 

Bei den zwei Stadtwachen und der reglosen Anna angekommen, kam der Undviker sofort vor Letzterer auf die Knie, beugte sich über sie und packte sie an den schmalen Schultern, um sie auf den Rücken zu drehen und forschend zu beäugen. Blut. Da war so viel Blut. An ihrem Hals. Oh, bitte nicht...

“Anna!”, herrschte der besorgte Dunkelhaarige die schlappe Frau barsch an, doch bekam keine Antwort. Die nasse Kriegerin reagierte nicht, rührte sich kein Stück und für einen erschütternden Moment glaubte Hjaldrist gar, sie sei tot. Ein Gedanke, bei dem ihm ganz anders wurde. Sein Magen schien sich zusammenzuziehen und sich verknoten zu wollen, seine Kehle wurde eng. Dem ratlosen Jarlssohn war es, als habe man ihm ein Eisenrohr über den Schädel gezogen. Doch er mahnte sich leise zu sich selbst murmelnd zur Fassung. Ja, Fassung. Er musste sich jetzt unbedingt am Riemen reißen, verdammte Scheiße!

Hjaldrist atmete einmal schwer durch, zweimal, schluckte trocken und beugte sich dann mit dem Ohr voran zu Anna’s blassen Lippen hin, horchte. Dass er dadurch bemerkte, wie sie schwach atmete, beruhigte den gebeutelten Mann nur wenig. Mit ungeheurer Angst um seine Gefährtin in der aufgebrachten Miene, heftete er seinen Blick an den blutrot verschmierten Hals der Jüngeren und dieses Bild gab ihm ein klammes Gefühl der Ohnmacht, das ihn nur so beutelte. Es war schrecklich und machte ihn ganz fahrig.

“Oh nein…”, atmete er, sah auf und um sich, hilfesuchend. Dann heftete er die Aufmerksamkeit auf die liegende Novigraderin zurück. Er war kein Doktor. Was sollte er nur tun?? Er könnte der versehrten Frau kein Tuch eng um den Hals binden, um deren Wunde damit abzudrücken. Denn täte er das, schnürte er ihr noch die Luft ab. Also drückte er bloß die zitternde Handfläche gegen den unschönen Schnitt in der weißen Haut und wisperte sich selbst ermutigende Worte zu. Also… also schön. Nachdenken! Er müsste nachdenken! Was sollte er machen? Anna bräuchte einen Heiler und zwar mehr als nur dringend!

“Ey, Mann.”, eine der Stadtwachen erhob die raue Stimme jetzt und fischte damit nach Gehör “Die Kleine da gehört wohl zu dir. Is wohl deine Freundin, hä?”

Hjaldrist hob den Kopf, um zu dem leicht Gerüsteten aufzusehen, der ihn angesprochen hatte. Der Regen klatschte hörbar und wild auf dessen metallenen Helm und fiel dem knienden Undviker ins Gesicht; er drang einem nass und kalt durch das Gewand hindurch und schien Hjaldrist in diesem Moment lauthals auszulachen.

“Wir hamm nen Radau gehört und als wir hier angekommen sind, lag sie da. Wurd wohl überfallen oder so.”, erzählte der schlaksige Wachmann mit Hellebarde und schlampigem Akzent und wirkte dabei nicht sonderlich betroffen. Es hätte nurmehr gefehlt, hätte er mit den Schultern gezuckt und dies - gepaart mit dem früheren Anblick dieses Kerls, der Anna prüfend mit dem Fuß angeschubst hatte wie einen Kadaver - machte Hjaldrist am Rande seiner zerrenden Angst richtig zornig. Er zog die Brauen weit zusammen und verkniff sich ein wüstes Schimpfen. Stattdessen besann er sich darauf, was hier enorm wichtig und äußerst heikel war: Seine bleiche, besinnungslose Freundin, die in einer hellroten Pfütze lag, die aus Blut und Regenwasser bestand.

“Sie braucht einen Heiler!”, schnappte Hjaldrist also erbittert und schob einen Arm unter Anna, um sie vorsichtig hochzuhieven “Und zwar schnell!”

“Was? Sie is nicht tot?”, wollte der kleinere der Wachmänner wissen und entlockte dem pikierten Skelliger damit einen wütenden Laut. Oh, dieser-!

“Einen Heiler! Wo finde ich einen??”, drängte jener, als er sich mitsamt der schlaffen Novigraderin erhob. Deren Schwert ließ er in seiner Abgehetztheit einfach liegen. Man musste froh sein, dass Hjaldrist überhaupt noch den Kopf dafür besaß richtig zu handeln und mit Anna zu einem Arzt zu laufen. Hätte man den armen Kerl gerade nach seinem Geburtstag oder seiner Lieblingsfarbe gefragt, hätte er sicherlich keine Antwort gefunden. Völlig zerstreut war er und das Los seiner besten Freundin ging ihm schmerzlich nah.

Der kleinere Wachmann deute mit einer knappen Geste der Linken hinter sich.

“Unser Lazarett ist dort hinten, rechts um die Hausecke. Und dann immer geradeaus. Ihr könnt die Kleine ja dorthin bringen?”, meinte der Kerl mit dem großen Topfhelm und sein missgestimmter Kollege mit der Hellebarde schnaufte unschlüssig.

“Die gehörn nich zur Armee und solln zu nem anderen Heiler gehn.”, kritisierte Letzterer.

“Hast du etwa ne Ahnung, wo der wohnt?”

“Äh, nein. Ich brauch den ja nie, ne?”

“Na siehste. Wir können doch nicht einfach zulassen, dass die Kleine da ins Gras beißt. Wir sind doch ehrenvolle Männer der Stadtwache. Und was sagt der Hauptmann immer? Wir sind die Stadtwache, der Freund und Helfer aller!”

“Jo. Stimmt auch wieder.”

Hjaldrist hörte den beiden dezent hohlen Männern nicht mehr zu und hatte schon los eilen wollen, als sich die entkräftete Frau in seinen Armen plötzlich rührte. Ihr entkam ein leises, wirres Stöhnen, das den überraschten Skelliger nahezu zusammenfahren ließ. Denn er hatte absolut nicht mit ihm gerechnet. Sofort sah er aus großen Augen auf Anna hinab und sprach sie mit Unglauben im Blick an. Sie kam tatsächlich zu sich! Den Schöpfern sei Dank!

“Anna!”, keuchte der ruhelose Krieger “Ganz ruhig, ich bringe dich zu einem Arzt.”

“Was…? Ich will runter...”, meinte die abwesend wirkende Kurzhaarige mit brüchiger Stimme und wirkte absolut orientierungslos, verwirrt. Sie stand vermutlich unter Schock, fasste an einen der Arme, der sie hielt, und krallte sich dort krampfhaft fest.

“Nein, du bist verletzt. Gib Ruhe.”, Worte, mit denen sich der ältere Jarlssohn endlich eilig in Bewegung setzte. Wie seine triefende Gefährtin war er längst bis zu den Unterkleidern durchnässt und das Wasser war ihm selbst unangenehm kühl in die hohen Stiefel gelaufen, die nun bei jedem Schritt laut schmatzten. Der launische Wind brauste laut und peitschte einem die dicken Regentropfen entgegen. Wieder zerriss ein Blitz den dunklen Himmel. Es passte so, so gut zur Situation.

“Nein. Es… geht schon.”, konnte Hjaldrist Anna murmeln hören und hätte ihr dafür echt gerne eine gescheuert. Denn gar nichts ging, verdammt! Die apathische Novigraderin hatte eine Wunde am Hals und hatte irrsinnig viel Blut verloren, so schien es. Es wunderte Hjaldrist sehr, dass die Monsterjägerin überhaupt zu sich gekommen war. Er hatte schon befürchtet sie zu verlieren und dieser dunkle Gedanke hatte sich schlimmer angefühlt als alles andere auf der Welt. Doch… doch Anna war wach. Und sie brabbelte herum. Das war gut.

“Es geht schon…”, meinte die burschikose Frau erneut dünn. Und Schock hin oder her… es war doch irgendwie typisch für sie. Egal wie schlecht es ihr ging, Anna spielte stets die Starke. Sie konnte aufgrund ihrer verdammten Gifte brechend und blutend am Boden sitzen und hätte man sie dabei panisch angesprochen, hätte sie die Achseln gezuckt und mit kippendem Kreislauf gemeint, dass es ‘schon ginge’. Sie war immer zu stolz oder zu stur, um zuzugeben, dass ihr Zustand in manchen, gefährlichen Momenten miserabel war. So wie jetzt zum Beispiel. Immer markierte sie die Abgebrühte, obwohl der kluge Jarlssohn mittlerweile sehr wohl wusste, dass sie im Grunde überhaupt nicht steinhart war. Denn gerade dann, wenn die Alchemistin aus Novigrad besoffen war, kam ihre weiche Seite ganz gerne heraus. In solchen Momenten war die säuselnde Anna ein emotionales Mädchen, das Nähe suchte, Kitsch mochte und ab und an gar wegen den kleinsten Kleinigkeiten losheulte wie ein Schlosshund. Dann, ja dann, gab sie zu, dass sie oft Angst hatte oder sie eine kleine Blase am Fuß quälte. Dann erlaubte sie es sich laut zu jammern. Doch jetzt nicht. Die nüchterne Anna tat nämlich für gewöhnlich so, als sei sie ein unnahbarer und kaum tot zu kriegender Kämpfer. Womöglich hatte man es ihr antrainiert so zu sein. Vielleicht war es aber auch nur ein Wunschtraum, den sie zu mimen versuchte. So wie ihre Pläne irgendwann zu einer reptilienäugigen Mutantin zu werden. Diese bockige Närrin.

“Gar nichts ‘geht’. Halt also die Klappe.”, entkam es dem gehetzten Hjaldrist auf die leisen Proteste seiner nuschelnden Kollegin hin. Und er lief weiter, schlug den Weg ein, den ihm die stupiden Wachmänner in den gelben Röcken gewiesen hatten. Sein Blick wanderte und hektisch sah er sich nach einem etwaigen Schild um, das das hiesige Lazarett markierte. Ein leiser Fluch entkam ihm, als er keinerlei Wegweiser oder Torschilde erkannte und der graue Regen ihm die weite Sicht erschwerte. Zu allem Überfluss fühlte er, wie Anna in seinen Armen wieder schwerer zu werden schien. Die kalte Hand, die sich zuvor noch an seinen Arm geklammert hatte, ließ los und wurde schlaff, hing reglos zur Seite hinab.

“Anna?”, fragte der gescheuchte Axtkämpfer laut und verunsichert “Anna??”

Sie antwortete nicht mehr! Wo war dieses verflixte Lazarett, von dem die Wachen gesprochen hatten??

 

Eine Priesterin kam Hjaldrist entgegen, als er nicht viel später unangekündigt und eilig in das Lazarett der Stadtwache platzte. Die beiden Soldaten von vorhin hatten vor Augenblicken zu ihm aufgeschlossen und ihm den genauen Weg hierher gewiesen. Die beiden Männer waren noch da und standen just nahe dem Ausgang der Einrichtung, um unter schützendem Dach das Ende des fürchterlichen Gewitters abzuwarten. Der größere der beiden beschwerte sich lautstark über seine vollends durchnässte Uniform, während der zweite nur entnervt seufzte und sich den gefluteten Stiefel ausleerte.

Nasse Kleider und Schuhe, die kümmerten den nervösen Hjaldrist in diesem Moment am wenigsten. Ja, sie waren, verglichen mit dem blutenden Häufchen Elend in seinen Armen, ein klitzekleines Problem.

“Ach du meine Güte...”, eine ältere Frau, die zu dem Mann aus dem Westen und Anna kam, berührte den aufgelösten Skelliger sofort auffordernd am Oberarm. Sie trug eine schlichte, helle Robe, eine fleckige Heilerschürze und ein Kopftuch. Die Dame mit den Lachfalten an den Augen- und Mundwinkeln war wohl an die vierzig, fünfzig Jahre alt und ein silbernes Medaillon, das der Krieger von den Inseln nicht einordnen konnte, hing an einer hübschen Kette um ihren Hals. Es zeigte drei stark stilisierte Frauenkörper mit erhobenen Armen.

“Kommt, Kind. Kommt.”, bat die ganz offenkundig Geistliche und wies in die Richtung einer der vielen, spartanischen Holzpritschen hier. Jene war, im Gegenzug zu den meisten anderen, noch frei. Ohne zu zögern, sich gar vorzustellen oder seine missliche Lage zu erklären, trug der abgehetzte Hjaldrist seine bewusstlose Freundin zu dem schmalen Krankenbett und legte sie vorsichtig ab. Fahrig wischte er ihr ein paar nasse Strähnen aus dem Gesicht und den geschlossenen Augen, als er sie eindringlich musterte.

“Wehe du machst schlapp…”, presste der Undviker dabei hervor und bemühte sich um einen beleidigten Ton “Hörst du? Wehe!”

Eine weitere Fremde in weißer Kleidung und mit braunem Haar, das zu einem langen Zopf geflochten war, huschte derweil herbei und beugte sich sofort über die Novigraderin auf der schlichten Pritsche, um jene kritisch zu beäugen. Hjaldrist horchte und sah sofort auf.

“Ihr müsst ihr helfen!”, entkam es dem Inselbewohner energisch bittend und obwohl er durchaus wusste, dass dieses Drängen überflüssig war. Denn die jüngere Frau in Weiß kippte bereits Alkohol auf ein sauberes Tuch und fing damit an sich um die fahle Anna zu kümmern. Mit geschickten Händen streifte sie der Liegenden die rot-schwarze Jacke von der einen Schulter, um den unschönen Schnitt am Hals besser begutachten und säubern zu können.

“DAS gibt eine Narbe.”, kommentierte die Langhaarige unglaublich trocken und beachtete den unruhigen Mann neben sich kaum noch. Schließlich hatte sie nun zu tun. Und wie.

“Narben sind egal.”, sagte der etwas größere Krieger schnell und mit einem Deut verzweifelter Hoffnung im Ton “Glaubt Ihr-”

“Ruhig, ruhig.”, unterbrach die ältere Dame mit dem Amulett jetzt und drängte Hjaldrist sanft zur Seite, um an dessen statt an die harte Pritsche herantreten zu können, auf der Anna nach wie vor regungslos lag. Der Skelliger biss die Zähne ob dem fest aufeinander, um in seiner Aufgebrachtheit keine unangebracht barsche Meldung zu schnappen. Er wusste, dass die geruhsamen Schwestern hier helfen würden und das so gut es ging. Doch er machte sich eben auch Sorgen. Enorme Sorgen. Er reckte den Hals, um an der gelassenen Alten vorbei und zu seiner besten Freundin hin sehen zu können, fand sich selbst so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Oh, was für ein Tag...

“Sie darf nicht sterben.”, entkam es Hjaldrist weiter und er stützte sich neben der älteren Frau auf den Rand der alten Krankenliege. Seine dunklen Augen klebten förmlich an Anna und der jungen Schwester, die noch mehr des stechend riechenden Alkohols auf ihr rot verfärbtes Leinentuch schüttete. Hjaldrist wollte schon ein stummes Stoßgebet gen Himmel schicken, denn viel mehr konnte er im Moment nicht tun. Er wünschte, dem sei nicht so. Er wollte helfen.

“Sterben? Na, das wird sie schon nicht...”, lächelte die Priesterin mit dem Amulett so gelassen, dass es großes Potential dazu besaß den armen Axtkämpfer noch vollends zu irritieren. Sie wirkte so selbstsicher. Warum? Log sie etwa, um den zappeligen Besucher zu beschwichtigen? Heiler taten so etwas.

“Ihre Aorta wurde knapp verfehlt. Es ist nur eine Venenverletzung. Die Jugularis Externa blutet dennoch stark und zu oft verwechseln Leute dies mit einer Verwundung der Schlagader. Mhm. Auch Kopfwunden bluten für gewöhnlich heftig, obwohl sie meist nur halb so schlimm sind.”, erklärte die jüngere Schwester mit dem braunen Haar nun routiniert. Hjaldrist sah sie argwöhnisch an. Er war zwar ein gelehriger Mann, der die Schule lange besucht hatte und gern las, doch vom medizinischen Fachjargon verstand er nicht viel. Daher musste er sich die Bedeutung hinter dem, was die jüngere Heilerin da sagte, zusammenreimen. Jugu-was? War eine Verwundung der Venen nun verheerend oder nicht? Anna hatte so viel geblutet, dass es doch kritisch um sie stehen müsste. Sie war nicht bei Bewusstsein. Warum gaben sich die beiden Frauen hier also so verdammt gelassen?

“Der Unterschied zwischen einer Verletzung der Arteria Carotis und der Jugularis Externa ist, dass Erstere meist tödlich endet, weil man zu schnell zu viel Blut verliert. Zweitere ist ebenso drastisch, wenn man sie nicht behandelt, doch kein Problem, wenn man sich schnell genug darum kümmert. Und das tun wir jetzt.”, fachsimpelte die brünette Frau, die aus einem Beutelchen an ihrer Schürze eine kleine Salbendose, Faden und Nadel hervor fischte. Ihrer ruhigen Miene nach zu urteilen, war die Wunde Annas eine der zweiten, überlebbaren Sorte. Einer dieser Jugu-wieauchimmer. Oder? Tief atmete Hjaldrist dieser Erkenntnis wegen durch und heftete die dunklen Augen abwartend auf seine totenblasse Freundin, die bald mit vielen Stichen am Hals genäht wurde. Er hörte der plappernden Heilerin kaum mehr zu, während jene irgendetwas über die Beschaffenheit von verschiedenen Adern, die Blutgerinnung von Menschen und das Einwirken der Gottmutter erzählte. Und erst jetzt wurde der Axtkämpfer wieder etwas ruhiger. Er spürte, wie die unglaubliche Anspannung in seinem zittrigen Körper nachließ, wie er es wieder schaffte gleichmäßig zu atmen. Wie er seine zuvor so wild rasenden Gedanken wieder fokussieren konnte.

Oh, Anna’s Anblick hatte ihm einen immensen Schrecken eingejagt. In der Sekunde, da er befürchtet hatte, sie sei tot, war es ihm ganz anders geworden und dies nicht nur emotional, sondern in der Tat auch körperlich. Es war gewesen, als fühle er diese geistige Qual und den drohenden Verlust unmittelbar am ganzen Leib. Nie wieder wollte er solch eine entsetzliche Begebenheit mitmachen. Doch er wusste auch, dass dies bloß ein Wunschdenken war, denn schließlich hatte er es hier mit einer verrückten Giftmischerin zu tun, die regelmäßig gegen gefährliche, fauchende Monster in den Kampf zog. Er würde in Zukunft also weiter und gut darauf achten, dass die starrköpfige, dumme Anna ihr Leben nicht zu sehr aufs Spiel setzte. Mehr könnte und würde er nicht tun. Und sollte es tatsächlich dazu kommen, dass Anna früh-... dass Anna starb…

Also-

Was sollte er dann machen? Ja, was hätte er wohl getan, hätte er sie heute zu spät gefunden und wäre sie daher von dieser Welt gegangen? Er wusste es nicht. Wirklich nicht. Vermutlich wäre er dann in ein paar Tagen allein weitergezogen, anfänglich voller Trauer und auch sehr, sehr planlos. Ravello hätte ihn dabei sicherlich nicht begleitet, denn für den naiven Blonden gab es ja nur das utopische Ziel den Orden der Flammenrose auszulöschen und nach verrichteter Tat nach Hause zu reisen. Der schillernde Ritter wäre nicht aus Spaß an der Sache mit dem Skelliger mitgegangen, um irgendwelche mitreißenden Abenteuer zu finden und bemerkenswerte Heldentaten zu vollbringen.

Heldentaten. Wegen ihnen hatte Hjaldrist das kalte Undvik damals verlassen. Und sie waren auch seine drängende Motivation hinter allem, was er tat, nicht wahr? Der ambitionierte Krieger wollte sich insgeheim unbedingt beweisen und zeigen, dass er unglaublich stark war. Dass er hervorragend kämpfen, viel einstecken und andere Menschen vor dem großen Übel beschützen konnte. Sein Vater sollte irgendwann genauso stolz auf ihn sein können wie auf seinen ruppigen Bruder Haldorn. Und dann… dann würde Hjaldrist den ihm zustehenden Posten als Jarl der Winterinsel beanspruchen können. Schließlich war ER der Älteste in der familiären Rangfolge. Wenn er irgendwann von seinen vielen Abenteuern zurückkehren würde, hätte er viel mehr erfahren und härter gekämpft als sein kleiner Bruder es auf all seinen langen Beutezügen auf dem Drachenboot der Familie je getan hatte. Und Anna, die war dahingehend nur eine willkommene Hilfe und Wegweiserin. Als Tochter eines Hexers wusste sie, wie man in die verzwicktesten Lagen hinein geriet oder die größten Monster fand. Sie spazierte immer geradewegs und erhobenen Hauptes in die unglaublichsten Miseren hinein und ermöglichte es Hjaldrist somit seine erhofften Heldentaten anzugehen und sein wichtiges Lebensziel zu erreichen. Ohne die Frau hätte der ältere Krieger bisher wohl kaum gegen einen riesigen Waldschrat gekämpft, vier Gabelschwänze auf einmal erledigt oder einen wahrhaftigen, grünen Drachen gesehen. Nüchtern betrachtet agierte sie, ohne es überhaupt zu wissen, als Mittel zum Zweck. Rein theoretisch passte sie dem pragmatischen Inselbewohner richtig gut in den Kram und er benutzte sie auf gewisse Art und Weise. Praktisch, da sah all dies aber komplett anders aus. Wenn man die heutige Situation des dunkelhaarigen Skelligers betrachtete, dann stand er als zerfahrenes Nervenbündel neben seiner ohnmächtigen Kollegin, die sich über und über vollgeblutet hatte. Dann saß er mit ihr stundenlang im stillen Beistand am kalten Boden, wenn sie sich einmal wieder ihrer Gifte wegen übergab und dabei halb erstickte. Dann erwischte er sie, um ihr den Kopf zu tätscheln und zu versprechen, dass alles wieder gut werden würde. Ach, betrachtete man seine Lage heutzutage, da erblickte er seine beste Freundin jedes verdammte Mal so, so erleichtert, wenn sie ihn einmal wieder nachts aus den Albträumen riss. Und der langsam etwas melancholisch werdende Hjaldrist wusste, dass der zukünftige Abschied von Anna irrsinnig schwer ausfallen würde, würde er irgendwann als Clananführer nach Undvik zurückgehen und die Frau als katzenäugige Jägerin in der Wildnis verschwinden. Es würde ihm das Herz ein klein wenig brechen, das wusste er jetzt schon.

 

*

 

Ein beißender Schmerz durchfuhr Anna’s Kiefer, Hals und Schulter, als sie zu sich kam. Und ein gequältes Stöhnen entkam ihrer trockenen Kehle, als sie überfordert blinzelte und sich sofort an den pochenden Nacken fassen wollte. Jemand hinderte sie daran, sprach zu ihr, doch sie verstand die Worte nur dumpf. Nur allmählich normalisierte sich ihr Hören und wurde klarer; konfus sah sie aus glasigen Augen auf und verzog das Gesicht schmerzvoll. Es roch markant nach Formalin und Äther, nach Kräutern und Krankheit. Die Luft war feucht und kühl. Und… war Anna nass? Sie war nass. Ihr dünnes Hemd klebte ihr unangenehm am Körper und auch ihre Hose schmiegte sich vollends durchweicht an sie. Die Alchemistin aus Kaer Morhen hasste dieses Gefühl.

Anna wollte den Oberkörper schwerfällig aufrichten und wieder wurde sie daran gehindert. Dieses Mal, da erkannte sie endlich auch von wem: Rist. Der Skelliger in der grünen Tunika sah sie besorgt an, drängte sie vorsichtig, doch bestimmt auf den harten Untergrund zurück. Die Kurzhaarige keuchte einen kurzen Protest.

Was war los? Wo war sie? War sie ohnmächtig geworden? Die Haut an ihrem Hals brannte höllisch und dies strahlte weit aus, peinigte sie ungemein.

“Bleib liegen.”, bat Hjaldrist gezwungen ruhig “Du hast viel Blut verloren, du bist noch ganz blass.”

“Was?”, wisperte die wirre Novigraderin, als sie nur schleppend von ihren klammen Erinnerungen eingeholt wurde. Angestrengt nachdenklich verengte sie die braunen Augen, sah von ihrem Kumpel fort und zur hölzernen Zimmerdecke empor.

Svenja. Der Dolch. Ja, die Hexerstochter erinnerte sich.

“Diese Schlampe…”, atmete Anna anstatt sich weiter über ihren erbärmlichen Zustand zu beklagen “Ich bring sie um.”

Noch einmal wollte sich die Frau aufsetzen, wieder hinderte sie ihr Freund in guter Absicht daran. Zwar musterte jener Anna nach ihrer Aussage skeptisch, doch Rist dachte nicht daran sie im Moment schon aufstehen zu lassen. Sie wäre bloß gestürzt, ganz bestimmt.

“Du bringst erst mal niemanden um, Anna.”, sprach der Besagte gegen die wackelige Entscheidung der Verletzten “Bleib liegen.”

“Nein!”, protestierte die Starrköpfige jetzt, schlug die kalte Hand, die sie niederdrückte, fort und richtete sich auf. Nur mühsam schaffte sie dies, setzte sich hin und spürte, wie es ihr sofort schummrig wurde. Kleine, weiße Funken sprühten in ihr Blickfeld und entlockten ihr einen zornigen, wenngleich recht wackeligen, laschen Ton. Für ein paar Herzschläge verschwammen die klaren Bilder vor ihren flimmernden Augen zu einem Gemisch aus Farben und Formen.

“An, verdammte-...”, nuschelte die Frau, als sie ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte und verengte den Blick. Da war ein Arm an ihrem Rücken, der sie davon abhielt von ihrer schmalen, unbequemen Pritsche zu fallen.

“Ich sagte doch, dass es keine gute Idee ist herumzuzappeln.”, brummte Rist pikiert und seine Stimme hörte sich so dumpf an, als stünde er im Nebenraum. Anna stöhnte entnervt, kniff ein Auge schmerzverzerrt zu und gab sich die Blöße Leid auszudrücken.

“Aua…”, murmelte sie kleinlaut und fasste sich an den frisch vernähten Schnitt, der seitlich an ihrem Hals prangte und unwohl spannte. Hjaldrist streichelte ihr beschwichtigend den Rücken.

“Wo sind meine Sachen…?”, hakte die Giftmischerin gleich als nächstes nach. Denn wenn sie etwas gelernt hatte, dann, dass man seine Waffen nie achtlos fortlegen und vergessen sollte. Man musste sie immer griffbereit haben, hatte Balthar stets gesagt. Als der Inselbewohner auf die Frage hin zögerte und damit anfing nervös zu starren, wurde Anna argwöhnisch. Sie sah ihm geradeaus aus fragenden, noch etwas gläsernen Augen entgegen.

“Tasche, Gürtel und Dolch sind da…”, gab Rist zu “Aber... dein Schwert ist weg.”

“Was?”, keuchte seine versehrte Kollegin ungläubig, ehe sie sich zurück in den Geist rief, was geschehen war: Sie war umgekippt, hatte die kostbare Stahlwaffe dabei ungewollt fallen lassen, verloren. Dann hatte die schwarze Ohnmacht sie übermannt. Jemand… jemand musste dies ausgenutzt und ihr geliebtes Bastardschwert gestohlen haben. Oh, verdammt.

“Ich… verstehe.”, meinte die Frau in der vollgebluteten Jacke und ihr ohnehin schon matter Ausdruck wurde dabei noch müder. Sie senkte den Blick weit. Ihr Schwert war weg. Ihr Ziehvater hatte es ihr einst geschenkt.

“Wir finden es wieder.”, warf Hjaldrist schnell ein und brachte seine beste Freundin damit dazu wieder schwach aufzublicken. Sie seufzte, als glaube sie ihm nicht.

“Ganz sicher. So weit kann es ja nicht sein.”, versprach der Schönling noch optimistisch und bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln. Log er? Anna zuckte lethargisch die Achseln, ehe eine kurze Schweigepause entstand.

“Was ist passiert?”, wollte der neugierige Rist dann wissen, brach die Stille damit und Anna spürte, wie seine dunklen Augen abwartend auf ihr klebten. Sie zog die Brauen zusammen und schnaufte ärgerlich.

“Svenja.”, sagte sie knapp und trocken “Svenja ist passiert.”

“Was?”, kam es scharf und schnell zurück, als sich Rist merkbar versteifte “Welche Svenja?”

“Kennst du etwa mehrere?”, fragte Anna und sah auf. Mit harter Miene fing sie den Blick ihres Gefährten auf, der den stützenden Arm um sie langsam wieder sinken ließ. Entgeistert starrte er die Verwundete an.

“Die… aus Undvik?”

“Ja.”

“Mh. Ravello hat vorhin jemanden mit in die Taverne gebracht. Diese Person war besinnungslos und trug eine weite Kapuze. Ich habe sie nicht erkannt.”, erzählte der erleuchtete Undviker dann sogleich. Anna schwieg, denn sie musste ihrem klugen Freund wohl nicht erklären, dass es sich bei diesem ‘Jemand’ um die besagte Spionin mit den rotblonden Haaren handelte. Sein Ausdruck sprach nämlich Bände und erzählte davon, dass er langsam aber sicher immer mehr verstand.

“Sie hat mich gesehen und ist vor mir fort gelaufen.”, erklärte die Hexerstochter auf der Krankenliege mit heiserer Stimme “Da bin ich ihr nach und habe sie gestellt. Ich WUSSTE ja, dass sie uns nachstellt. Ich habe sie damals im Hafen Kaer Troldes gesehen.”

Die kurzhaarige Frau sah, wie die trockenen Lippen von Hjaldrist schmal wurden und seine Miene außerordentlich ernst. Abwartend sah er Anna an, schwieg.

“Ich wollte also wissen, warum sie hier ist. Da hat sie mich angegriffen. Ravello war auch da, war aber wie immer zu nichts zu gebrauchen. Doch immerhin… immerhin hat er Svenja ohnmächtig geschlagen und dich geholt. Nicht?”, endete die Kriegerin. Ihr Blick war etwas fahrig, denn noch immer fühlte sie sich sehr ausgelaugt und schwach, konnte sich kaum richtig konzentrieren. Auch war ihr ein wenig übel. Sie musste einiges an Blut verloren haben.

“Ja, er hat mich geholt.”, bestätigte Hjaldrist und obwohl ihn das heikle Thema ‘Svenja’ sehr zu beschäftigen schien, rang er sich zu einem schiefen Lächeln durch “Und du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Flohbeutel. Ich dachte, du seist tot.”

Der ehrliche Mann entlockte Anna mit diesem Geständnis ein leises Lachen. Sie schlug die Augen nieder und rieb sich den Nasenrücken.

“Tut mir leid.”, seufzte die betroffene Abenteurerin und spürte, wie ihr eine Schulter geklopft wurde. Dann wurde sie brüderlich umarmt und gedrückt. Etwas, das sie erwiderte.

“Und danke, Rist.”

“Oh, sie ist wach!”, drang eine fremde Frauenstimme an die Ohren der Hexerstochter heran. Sie sah auf, ließ ihren Kumpel langsam wieder los und legte den Kopf abwägend schräg. Eine Priesterin? Sie musste eine Heilerin sein. So wie ihre jüngere Ordensschwester, die sie begleitete. Letztere, mit einem langen, braunen Zopf und strengem Gesicht, nickte Anna grüßend zu. 

“Wie geht es Euch, Kindchen?”, wollte die ältere Geistliche wissen, als sie an dem Dutzend Krankenliegen vorbei ging, um zu der Novigraderin zu gelangen. Ihre jüngere Gehilfin aber, die wandte sich schon wieder einem anderen Verletzten zu, der im Hintergrund über sein schmerzendes Knie klagte.

“Es geht.”, antwortete Anna der Fremden und beobachtete, wie jene neben Hjaldrist trat.

“Schön, schön.”, lächelte die bedächtige Frau “Euer Freund hat euch heute Nachmittag hierher gebracht und wir haben uns um Euch gekümmert. Melitele meinte es gut mit Euch.”

Die Kurzhaarige musterte die Alte mit dem weißen Kopftuch kurz von oben bis unten, dann nickte sie zögerlich.

“Danke.”, meinte sie schlicht. Was sollte sie auch sonst sagen?

“Ihr habt jetzt eine Naht am Hals. Tragt dort regelmäßig Salbe auf, damit sie gut heilt. Ich gebe Euch welche. Und überanstrengt Euch nicht, denn dann könnte die besagte Naht aufreißen.”, sprach die Dame mit der fleckigen Schürze ruhig und Anna nickte, obwohl sie wusste, dass sie den letzten Punkt kaum einhalten würde. Alten Leuten und Priesterinnen widersprach man eben nicht. Diese Personen galten nämlich als äußerst hartnäckig, stur und redegewandt. Und Anna hatte keine Lust zu streiten. Stumm nahm sie ein kleines Salbendöschen von der Heilerin entgegen.

“Was bekommt Ihr dafür?”, fragte Rist gleich.

“Nichts.”, lächelte die Priesterin “Außer Ihr wollt etwas für diese Einrichtung spenden. Wir Anhängerinnen der Gottmutter verlangen für unser Werk kein Geld.”

Irritiert sah der Skelliger die Ältere auf diese nüchterne Erklärung hin an, stellte jedoch keine weiteren Fragen. Etwas verdattert senkte er den Blick dann, kramte nach seinem Geldbeutel und drückte der Frau in Weiß Augenblicke später eine Krone in die Hand.

“Ihr und Eure Assistentin solltet mal in ein gutes Gasthaus gehen und dort das beste Essen bestellen.”, riet er dabei und brachte die Priesterin damit dazu angetan zu lachen. Anna wusste, dass die Geistliche diesem großzügigen Angebot nicht nachgehen würde. Eher legte sie das Goldstück in die Kasse des Lazaretts oder setzte es zum Erhalt der Stätten von Melitele ein. Ja, eher würde die Alte viele Kerzen und Räucherwerk für Schreine und Altäre kaufen, als sich teures Essen zu leisen. Aber nun ja, Rist meinte es nur gut und dass er gleich eine ganze Krone hergegeben hatte, zeugte von großer Dankbarkeit. Anna taxierte ihn vorsichtig von der Seite aus. Sie würde ihm später eine halbe Krone geben, um dem Mann gegenüber kein allzu schlechtes Gewissen haben zu müssen.

“Möge Melitele Euren weiteren Weg leiten, meine Kinder.”, sagte die Heilerin fromm “Doch überstürzt nichts. Ihr könnt gerne noch bleiben.”

“Nein.”, entgegnete Anna schnell, realisierte dann, wie unhöflich sie geklungen hatte und räusperte sich dann etwas betreten “Ich meine… nein, danke. Ich glaube, wir kommen gut zurecht. Und danke nochmal für die Hilfe, Frau-... ähm.”

“Mutter Herra.”, stellte sich die Alte belustigt vor.

“Äh, ja. Danke, Mutter Herra.”

Anna schaffte es nicht von selbst gerade zu stehen. Von ihrer harten Liege zu rutschen und aufzustehen, war schon schwierig für die taumelige Frau mit den weichen Knien gewesen und daher stand sie nun an die Pritsche gelehnt da und sah Hjaldrist mit bleicher Miene an. Oh, Scheiße, ihr armer Kreislauf. Ihr war schwindelig. Ihr Kopf fühlte sich so schwer an.

“Kannst du nicht gehen?”, wollte der Skelliger wissen und klang wenig überrascht dabei “Komm her.”

Die zerfahrene Schwertkämpferin betrachtete ihren Kumpel, der die Hände so nach ihr ausstreckte, als biete er es ihr an sie auf die Arme zu nehmen und zu tragen. Anna runzelte die Stirn in ihrem farblosen Gesicht und stammelte leise.

“Das ist... komisch…”, murmelte sie dabei und brachte Rist damit dazu ihr einen eigenartigen Blick zuzuwerfen. Er blinzelte erst perplex, musste aber bald amüsiert schmunzeln und drehte sich um.

“Na dann komm Huckepack. Na los.”, forderte er die wankende Kriegerin auf. Und dieses Mal folgte sie dem auch ohne jegliche Widerworte und mit einem besseren Gefühl in der Magengegend. Die Arme von hinten um Rist’s Schultern schlingend, wurde Anna also hochgehoben und Huckepack genommen. Die Wange ließ sie abgekämpft seufzend an dessen regenfeuchten Hinterkopf sinken. Die Alchemistin freute sich auf trockene Kleidung und ein bequemes Bett. Und Essen. Sie bekam nun, da die Übelkeit allmählich nachließ, einen unsäglichen Hunger. Oh, und sie war so müde...

 

In ihrem Zimmer angekommen, marschierte Rist zu Anna’s Bett um eben jene dort von seinem Rücken kommen und sich setzen zu lassen. Die Frau fröstelte leicht, rieb sich die Oberarme und es dauerte kaum noch wenige Augenblicke, ehe ihr Kumpel ihr eines seiner Hemden zuwarf. Die arme Hexerstochter war zu benommen, als dass sie dies rechtzeitig verstanden hätte und anstatt das Kleidungsstück aufzufangen, bekam sie es ins Gesicht. Ein entnervter Laut entfloh ihr, als ihr das Oberteil in den Schoß fiel.

“Zieh dir was Trockenes an, bevor du dich auch noch erkältest.”, riet der Skelliger beiläufig und machte sich auch selbst daran sich die klatschnasse Tunika und das Hemd vom unterkühlten Körper zu streifen. Viel langsamer und ungeschickter als er trat sich die sitzende Anna die Lederstiefel von den Füßen. Oh, wie lange hatte sie nur völlig durchnässt im Lazarett herum gelegen? Es musste schon früher Abend sein, denn der düstere Himmel, von dem nach wie vor Nieselregen gen Boden fiel, wurde noch dunkler. Tja. Soviel zur geplanten Werwolfjagd…

Missmutig folgte Anna’s Stiefeln nun auch die gestreifte Jacke und etwas gedankenverloren sah sie zu Hjaldrist auf, der sich den Gürtel öffnete und leise über das verflixte Wetter schimpfte. Er hatte seiner Freundin den Rücken zugedreht und ließ sein nasses Gewand achtlos zu Boden fallen. Die braunen Augen Annas wanderten unbedacht am Kreuz des Mannes hinab und blieben dann einige Atemzüge lang an dessen Hinterteil hängen. Die eigentlich recht entkräftete Frau musste in einem kleinen Anflug von Zufriedenheit grinsen, müde aber dennoch. Sie ersparte sich einen Kommentar, der beschrieb, dass sich Rist’s Hose des Regens wegen in ‘interessanter’ Art und Weise an seinen Elfenarsch schmiegte. Noch interessanter wurde es, als der Kerl dann auch noch aus dem besagten Kleidungsstück schlüpfte, um nach trockenem Beinkleid zu klauben. Ja, Anna gaffte beizeiten und machte auch keinen Hehl daraus, kommentierte dies oft oder machte dumme Scherze dabei. Schauen, das dürfte man ja wohl. Und ihr Lieblingsskelliger war doch selbst schuld daran nicht unattraktiv auszusehen.

“Ich frage mich, wo Ravello hin ist.”, meinte Rist, als er sich seine Hose anzog und sich kritisch nach Anna umsah. Die Frau zerrte sich gerade das durchnässte Hemd vom Kopf und gab einen zustimmenden Laut von sich. Sie bemerkte, wie sich Rist wieder fort drehte, als er sah, wie das weiße Kleidungsstück zu Boden geworfen wurde und sich Anna daran machte auch noch das Brusttuch loszuwerden. Aus den Augenwinkeln linste er jedoch zu ihr. Sie bemerkte es nicht, schlüpfte schnell in das trockene, zu große Hemd, das man ihr zuvor gegeben hatte. Dann folgte die feuchte Hose und Hjaldrist’s langes Hemd verdeckte dabei alles, das man Anna - die nicht immer Unterwäsche trug, weil sie einfach nicht genug davon besaß - hätte weg starren können. Nach dieser, für sie gerade sehr anstrengenden, Arbeit, ließ sich die Verwundete einfach zurück, auf ihre Matratze, sinken. Sie atmete einmal tief durch und hob sich die Finger an den Hals, um ihre frische Naht dort vorsichtig zu befühlen. Schmerzlich sog sie die Luft durch die Zähne ein.

“Bestimmt ist Hasi gerade in seinem Gasthaus.”, mutmaßte Hjaldrist, der sich die feuchten Haare zurück strich und ziemlich grüblerisch wirkte “Ich gehe nachsehen.”

“Hmm? Ich will mit.”, entschloss Anna sofort, denn sie hatte da noch eine Rechnung offen.

“Was?”

“Wenn diese Svenja bei Ravello ist, dann bring ich sie um.”, schnaubte die Schwertkämpferin und sah grimmig auf. Noch immer sah sie ziemlich krank aus.

“Hexerkodex hin oder her. Sie hat mich fast getötet!”

“Ja, aber du kannst ihr nicht einfach so an die Gurgel gehen. Nicht jetzt.”

“Ich kann es zumindest versuchen.”

“Du kannst kaum selbst stehen.”

Anna biss die Kiefer zusammen und warf ihrem zu vernünftigen Freund einen finsteren Blick zu. Einen Moment lang war die zerrende Müdigkeit und Schwäche, die die Frau gepackt hielten, vergessen.

“Hör zu, Anna, ich würde dich nicht aufhalten, ginge es dir gut. Aber das tut es nicht.”

“Es geht schon.”

“Nein, tut es nicht. Sieh dich doch mal an. Und deswegen kannst du Svenja nicht angreifen.”

“Aber-”

“Arianna...”

“Nimm mich wenigstens mit, Rist! Bitte.”

Man sah, wie der Angesprochene innehielt, lange zögerte, haderte; und man hörte, wie der Undviker daraufhin nachgiebig ausatmete. Oh, welch ein Glück!

“Also schön… zieh dir ne Hose an und komm.”

 

“Der Mann aus Beauclair?”, fragte die dickliche Schankmagd des ‘Hummer und Fisch’ mit angehobenen, buschigen Brauen “Der ging vor kurzem in sein Zimmer, ja. Hatte eine Freundin dabei, die sich beim Saufen übernommen hat. Die war sternhagelvoll, konnte nicht mal mehr selber gehen. Und das schon um DIE Uhrzeit…”

Hjaldrist nickte der Frau mit den Pockennarben, die drei alte, geleerte Bierhumpen hielt und den Kopf ungläubig über die vermeintliche ‘betrunkene Kumpanin des Ritters’ schüttelte, dankend zu.

“Wo ist das Zimmer? Ich müsste mit dem Herrn sprechen.”, wollte er wissen. Anna stand still neben ihm und hatte sich bei ihm untergehakt, um nicht noch herumzutaumeln oder gar zu stürzen. Beides war gerade nicht abwegig, denn die Frau war fertig. So richtig fertig. Nur ihr Stolz und der rasender Ärger über Svenja hielten sie gerade noch aufrecht. Am liebsten hätte sie sich schlafen gelegt.

“Hmm, der erste Raum nach der Treppe dort hinten. Rechts. Da nächtigt er.”, wies die Schankmagd schulterzuckend und wandte sich dann wieder ihrer geschäftigen Arbeit zu “Schönen Abend.”

“Danke.”, entkam es dem dunkelhaarigen Skelliger nurmehr und er machte sich, mit seiner schlappen Begleiterin im Schlepptau, auf den Weg nach oben.

 

Ravello war tatsächlich da und er zeigte sich mehr als nur erleichtert, nachdem er Anna und Rist die Tür nervös geöffnet hatte. Seine angespannte Miene wurde locker, als er seine beiden Gefährten erblickte und er schickte für ihr Kommen einen kurzen Dank gen Himmel.

“Oh, endlich…”, atmete der Blondschopf in strahlender Rüstung und machte Platz, damit die beiden Abenteurer eintreten könnten. Nachdem jene das getan hatten, sah er noch einmal verstohlen auf den düsteren Gang hinaus, nach links und nach rechts. Dann schloss er die knarrende Zimmertür und drehte den Schlüssel im eisernen Schloss, dass es klackte.

Anna hob den forschenden Blick dem kleinen Zimmer entgegen und bemerkte die andere Frau sofort. Jene saß da auf einem wackeligen Stuhl, an dessen Lehne gefesselt und mit einem Knebel aus Leinentuch zwischen den Zähnen. Die grünen Augen der schmalen Undvikerin verengten sich sofort zu Schlitzen, als sie die Kriegerin mit der vernähten Wunde am Hals erkannte. Sie murmelte energisch irgendetwas, doch der Stoff zwischen ihren trockenen Lippen hinderte sie daran verständlich oder laut zu sein. Zornig rüttelte sie an den Fesseln, die ihre Handknöchel rücklings an der Stuhllehne hielten. Ravello hatte ja ganze Arbeit geleistet! Bestimmt hatte er einmal in irgendeinem Roman gelesen, wie Leute entführt wurden. Aus der Praxis kannte der Weichling dies nämlich sicherlich nicht.

“Du!”, donnerte Anna und zeigte anschuldigend auf die Sitzende. Sie wollte Rist schon loslassen, um furios zu Svenja zu gehen, doch der Skelliger hielt seine aggressive, wankende Freundin in weiser Voraussicht fest.

“Anna.”, ermahnte er, doch konnte seinen aufgebrachten Unterton nicht verbergen “Ruhig.”

“Sie wollte mich töten!”, beschwerte sich die Kurzhaarige mit der fuchsroten Strähne, doch wehrte sich nicht gegen den Griff ihres Kumpels. Sie wusste, dass sie im Grunde zu entkräftet und er viel stärker war als sie. Also schnaubte sie nur noch pikiert und versuchte Svenja einfach mit giftigen Blicken zu töten. Als sie dies tat, beobachtete sie, wie die Aufmerksamkeit der Rothaarigen auf Hjaldrist fiel und wie die Spionin sofort wieder etwas ruhiger zu werden schien. Wieder gab jene hinter dem weißen Knebel unartikulierte Laute von sich.

“Hm. Tatsächlich.”, hörte man seitens Rist, der die Gefesselte just ansprach. Seine Stimme klang, als könne sich der Mann nicht entscheiden, ob er grantig oder überrascht sein sollte. Und dieser Funke absolut neutraler Überraschung, stimmte Anna missmutig. Svenja hatte sie UMBRINGEN wollen. Wie konnte ihr BESTER Freund da nur so verdammt ruhig bleiben und die Schlampe aus Skellige auch noch auf eine Art ansprechen, als bewundere er deren Hartnäckigkeit? Ja, es war schon beachtlich, dass diese Svenja ihnen bis hierher gefolgt war und das vermutlich allein. Aber dennoch! Von der Seite aus sah die erboste Novigraderin unzufrieden tadelnd zu ihrem Kollegen hin. 

“Du bist es also wirklich.”, stellte Rist fest und musste den Kopf leicht schütteln “Bist uns von den Inseln aus bis hierher gefolgt. Warum?”

Anna schwieg und sah sich die prekäre Szene einfach nur abwartend an. Nach wie vor hielt sie sich am Arm ihres Freundes fest, um nicht allein auf wackeligen Beinen stehen zu müssen. Ihre Knie waren butterweich und sie kämpfte gegen ihren rebellierenden Kreislauf an, der ihr sehr labil erschien. Die Treppe hoch zu gehen, war etwas zu viel gewesen. Melitele sei Dank brauste daneben aber auch ungeheuer viel Adrenalin durch ihren Körper. Es stichelte sie an, richtete sie auf, machte sie wütend und aufgekratzt. Das war gut.

Ravello indes, war die ganze Zeit über etwas unschlüssig herumgestanden. Nun, da Hjaldrist Svenja aber eine Frage gestellt hatte, auf die hin er sich eine Antwort erwartete, ging der Gerüstete zum Rotschopf und nahm der Frau etwas unsanft den Knebel ab. Als das zusammengerollte Tuch fiel, holte die Undvikerin tief Luft und spuckte verächtlich aus, während sie den Beauclairer mit vergrämten Blicken strafte. Sie lachte kurz und abschätzig und drehte Rist daraufhin wieder den Kopf zu.

“Du bist nicht du selbst, Hjaldrist!”, blaffte die Frau. Ihre Kleider waren vom Regen nass und ihre Haare hingen ihr wirr und feucht vom Kopf.

“Du hast keine Ahnung, was du tust!”, setzte sie ihrer Behauptung noch nach und machte Anna’s Miene damit finster. Dennoch blieb die Hexerstochter schweigsam, linste wieder zu ihrem Kumpel hin und sah ihn dabei an, als erwarte sie sich, dass der Kerl seine alte Bekannte sofort verbal in den Boden stampfte. Tat er aber nicht. Stattdessen bewahrte er einen kühlen Kopf.

“Achja? Was tue ich denn?”, fragte er schlicht. Beiläufig warf er Anna einen fragenden Blick zu, der wie eine stumme Frage wirkte. Wie ein stilles ‘Willst du dich setzen?’. Entschieden schüttelte die Giftmischerin daraufhin den Kopf. Sie könnte JETZT doch kaum ruhig herumsitzen! Und wäre sie gerade nicht so dermaßen schwach gewesen, wäre sie der gefesselten Frau am anderen Ende des kleinen Gästezimmers an die Kehle gesprungen.

“Was du tust?”, schnappte Svenja empört “Denke doch einmal nach! Du bist doch sonst auch nicht auf den Kopf gefallen!”

“Ach? Kläre mich auf.”, bat der pragmatische Skelliger trocken und sah der Rotblonden geradeaus und auffordernd entgegen. Jene kramte mühsam nach Worten und schien Mühe damit zu haben sich zu fassen. Sie befeuchtete sich die Lippen flüchtig mit der Zunge.

“Nein. Mach mich los! Und bring diese… diese Frau hier raus! Dann rede ich.”, beschwerte sie sich. Wieder schenkte sie Anna einen stechend bösen Blick. Die Kurzhaarige biss die Zähne zusammen und murrte feindselig.

“Damit du wieder einen Dolch nach jemandem werfen kannst? Nein. Und Anna bleibt hier.”, bestand Rist eisern “Du bist hier nicht in der Position irgendwelche Forderungen stellen zu können, Spionin.”

“Tse.”, entkam es der zähen Skelligerin auf diese Äußerungen hin ungläubig und durchaus wütend “Wenn du dich nur selbst reden hören könntest, Hjaldrist! Oh, du hast dich SO verändert.”

“Ich warte noch immer darauf, dass du mir erklärst, warum du mir nachstellst.”, merkte der Konfrontierte an. Ravello sah unbeholfen zwischen beiden Parteien hin und her, hustete leise. Svenja’s Lippen wurden schmal und sie schien gerade abzuwägen, ob es es wert sei noch weiter zu zetern oder ob sie reden sollte. Die gekippte Atmosphäre im Raum war schlecht und die Luft erschien so dick, dass man sie mit dem Schwert hätte schneiden können. Anna trat ungeduldig von einem Bein aufs andere.

“Also schön.”, beendete Svenja die klamme Stille dann endlich, nachdem sie hörbar Luft zum Sprechen geholt hatte “Komm zurück nach Undvik.”

“Ich wusste es!”, brach es auf diese Forderung der Spionin aus der verärgerten Anna heraus “Ich wusste, dass sie dich zurückholen will und-”

“Diese Magierin hat dich verzaubert! Sie hat dir den Kopf gewaschen und benutzt dich! Sie ist eine Gefahr!”, blaffte Svenja sogleich patzig dazwischen “Wie kannst du, ja DU, das nicht merken, Hjaldrist??”

“Was??”, keuchte Anna entrückt.

“Diese Missgeburt hat dich unter ihrer Kontrolle und das völlig! Dass du damals einfach fortgelaufen bist, sah dir nicht ähnlich! Dein Vater hatte Recht!”, schuldigte die Undvikerin weiter an und war so aufgebracht, dass sie beim Reden spuckte.

“Jarl Halbjorn hatte Recht! Ich wollte ihm nicht glauben, weil ich dich doch so gut kannte, aber er sprach die Wahrheit, als er meinte, du würdest dich seltsam verhalten!”, maulte Svenja laut und zerrte erneut an den dicken Fesseln, die sie hielten “Der Hjaldrist, den ich kenne, würde niemals einfach so sang- und klanglos verschwinden! Er würde keinen Familienschatz stehlen und seinen Vater wüst beschimpfen! Du warst immer so ruhig und nett, hast dich dafür eingesetzt, dass gerecht gewaltet wird! Du bist immer dem klugen Rat deines Vaters gefolgt und hättest nie ein krummes Wort an ihm gelassen! Oh ja, was ist nur aus dir geworden?? Ich erkenne dich nicht wieder!”

Anna beobachtete und hörte all dies mit ungläubigem Ausdruck. Sie sah zu ihrem Freund hin, dann wieder zu Svenja.

“Anstatt vernünftig zu sein, ziehst du mit dieser dreckigen Vagabundin durchs Land! Du benutzt Erlklamm gegen irgendwelche niederen Monstren und befleckst das Familienerbstück dadurch mit verdorbenem Blut! Wo ist der Respekt? Hm? Hat dir die Mutantin das Denken so sehr verschleiert, dass du nicht einmal, mehr weißt, wie man den Ahnen Ehre erweist?”, krakeelte Svenja entrüstet weiter und war zornesrot dabei “Oh ja, schau doch nicht so! Ich weiß, was diese Frau hier ist! Sie ist eine dieser Hexer, dieser verfluchten Zauberer! Und ich weiß auch, zu was diese perversen Kreaturen imstande sind! Ich habe gehört, was sie mit dem alten Jarl Hindarsfjalls gemacht haben. Das Gehirn haben sie ihm gewaschen und sein Land haben sie verdorben! Überall, wo sie hinkommen, jagen ihnen der Tod und das Unglück nach und sie entführen gar Kinder! Ich spucke auf sie, diese verdammten-”

“HALT die Klappe, Svenja!”, herrschte Rist die Rothaarige jetzt harsch an. Und der laute Ton, den er dabei an den Tag legte, war genau der, den sich Anna von Anfang an erhofft hatte. Sie verzog die Mundwinkel missgünstig, als sie die Spionin von oben bis unten taxierte. Oh, diese Närrin.

“Ich habe dich geliebt!”, schallte es wie ein schneidender Vorwurf durch den spartanisch eingerichteten Raum und diese Aussage Svenjas brachte den irritierten Ravello zum Stutzen “Hast du das, was zwischen uns war, völlig vergessen?”

Wie der Weiße Hase stockte nun auch Anna und sah wie gescheucht zu Rist hin. Der ältere Mann stand stocksteif da und ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass ihm die Knöchel weiß hervortraten. Er redete nicht gegen das, was der Rotschopf gerade losgeworden war, an. Ja, der Kerl sagte nichts dagegen. Der Hexerstochter fiel es wie Schuppen von den Augen und angewidert linste sie aus dem Augenwinkel zur großmäuligen Spionin zurück.

“Sei still.”, presste der vor den Kopf gestoßene Rist hervor.

“Nein! Das, was hier passiert, muss aufhören! Du musst zurück nach Undvik kommen und der Fluch muss enden!”

“Welcher Fluch denn bitte??”

“Der, den SIE auf dich gelegt hat!”, Svenja nickte bei dieser Meldung gen Anna und brachte die entrückte Novigraderin damit dazu grantig zu schnaufen.

“Wie verblendet und abergläubisch kann man sein?”, brummte die Hexerstochter und sprach dabei mehr mit sich selbst als zu irgendeiner anderen Person “Sie ist nicht besser, als die Leute, die Balthar, Vadim und Jaromir damals beschimpft und getreten haben.”

“Hör nicht auf sie! Sie flüstert dir nur Lügen zu, dieses manipulative Stück Scheiße!”, rief Svenja.

“Halt den Rand, du dumme Sau!”, blaffte Anna als impulsive Entgegnung “Wenn hier jemand verblendet ist, dann wohl du! Ignoranter Trampel!”

“Seid still!”, erhob Rist die Stimme in all dem Tratra herrisch und brachte die zwei wutentbrannten Frauen damit zum Schweigen. Ravello zuckte ob dem heftig zusammen und mutete immer planloser und kleiner an. Er versuchte sich ein Husten zu verkneifen. Hatte sich wohl erkältet, der arme Trottel.

“Anna, es bringt nichts sie anzuschreien… spar dir also den Atem.”, meinte der hübsche Skelliger und beschwichtigte seine Freundin damit. Die Novigraderin atmete schwer durch und blinzelte benommen. Es war schlecht gewesen sich hier dermaßen aufzuregen. Richtig schlecht.

“... Ich will mich doch hinsetzen.”, sagte sie also leise und kniff die braunen Augen leicht zu. Ravello, der darin DIE Gelegenheit sah endlich zu helfen und etwas beizutragen, kam zu ihr und erwischte sie vorsichtig an den Schultern. Sie war ihm dankbar dafür.

“Du kannst dich auf mein Bett setzen. Komm mit.”, meinte der Ritter lieb und Hjaldrist warf ihm dafür einen anerkennenden Blick zu.

“Und jetzt zu dir…”, setzte der besagte Skelliger einen Wimpernschlag später fort und richtete sich damit wieder an seine Bekannte aus Undvik. Wobei die Bezeichnung ‘Bekannte’ wohl zu lasch war, nicht wahr? Wie war das nämlich nochmal zwischen den beiden Inselbewohnern gewesen? ‘Freunde’, hm? Am Arsch. 

Anna, die sich just auf der Bettkante Ravellos niederließ, hob den schweren Kopf angespannt. Der Weiße Hase blieb bei ihr, setzte sich ebenso, um dem Geschehen im Zimmer zuzusehen, und hielt zum Glück die Klappe.

“Ich stehe unter keinem Zauber und Anna hat mit meinem Verschwinden rein gar nichts zu tun.”, erklärte der verstimmte Mann in der grünen Tunika weiter “Du solltest dich also bei ihr entschuldigen, Svenja. Dafür, was du gesagt und auch getan hast.”

“Ich scheiße auf ihre Entschuldigungen.”, murmelte die Hexerstochter von der Seite aus. Oh ja, warum sollte sie dem Biest vergeben? Entschuldigende Worte wären also vergebens.

“Ich entschuldige mich nicht! Ich habe nur getan, was nötig war!”, krähte die Vertraute des Jarls holprig “Und du sagst, sie hätte dich nicht verhext? Ach. Was hat sie dann mit dir gemacht? Fickst du sie und bist du deswegen so kopflos? Ich dachte, dass gerade DU nicht so primitiv bist!!”

Man sah, wie ein finsterer Schatten über Hjaldrist’s Gesicht huschte und wie sich der Mann schließlich selbstsicher in Bewegung setzte. Er marschierte auf die sitzende Svenja zu, die ob diesen bedrohlichen Anblicks zunehmend nervös wurde. Dann setzte er einen Fuß an den Stuhl, an den die Furie gefesselt war, und stieß ihn einfach mit einem Ruck um. Die Spionin gab einen erschrockenen Ton von sich, es polterte laut, rummste, sie jammerte. Hatte sich wohl den Hinterkopf am harten Holzboden gestoßen, die Gute. Anna musste grimmig zufrieden lächeln und beobachtete, wie sich ihr Freund nun zu Svenja beugte, um sie todernst und eiskalt anzusehen.

“Hör gut zu. Wäre Anna wegen dir gestorben, hätte ich dich gesucht. Ja, gejagt hätte ich dich und dich dafür umgebracht, Zuträgerin.”, knurrte der außerordentlich wütende Krieger “Du glaubst, dass du im Recht bist, aber dem ist nicht so. Wenn du Anna also noch einmal beleidigst, fährt dein Maulbesen morgen ins Leere. Verstanden?”

“Ich… ich erkenne dich nicht wieder…”, keuchte die ächzende Svenja noch einmal außer sich und versuchte zu zappeln, um sich von dem Stuhl zu lösen. Ravello hatte die Fesseln aus Juteseil aber sehr stramm gezogen und gut verschnürt. Sie käme ohne fremde Hilfe nicht frei.

“Nein. ICH erkenne DICH nicht wieder.”, konterte Rist, den Anna noch nie zuvor so zornig gesehen hatte “Und ich dachte nicht, dass du so unglaublich dämlich bist, dass du Eins und Eins nicht zusammenzählen kannst. Das, wo du mich doch ‘so gut kanntest’, nicht wahr?”

“Was?”, atmete die Frau am Boden und es schien, als habe sie gerade enormen Respekt vor ihrem Landsmann. Verständlich, denn vermutlich hatte sie ihn auch noch nie so erlebt wie jetzt; mit dieser dunklen Miene und dem gefährlich drohenden Ton in der rauen Stimme.

“Denke doch einmal nach.”, riet Rist gespielt gelassen “Könnte es denn nicht sein, dass ich gegangen bin, weil mich meine beschissene Lage angekotzt hat? Du bist doch eine Spionin hohen Ranges, du solltest über die Entschlüsse meines Vaters Bescheid wissen.”

“Wie? Aber dein Bruder-”

“Es ist mir egal, was Haldorn ist oder kann. Ja, Svenja, schalte doch einmal dein Hirn ein und denke angestrengt nach. Überlege dir, warum es denn sein kann, dass ich Undvik verlassen habe, und dann rekapituliere, ob es gut war, was du hier, in Riedbrune getan hast.”, meinte der Jarlssohn bitter und richtete sich wieder auf. Voller Missbilligung sah er auf die Rotblonde hinab und wandte sich dann fort.

“Ich bin hier fertig. Gehe morgen nach Hause, Svenja.”, entkam es dem Krieger “Denn sehe ich dich noch einmal in unserer Nähe, dann zeige ich dir, dass man Erlklamm nicht nur mit Monsterblut beflecken kann.”

“Wa-was?”, stöhnte die bloßgestellte Spionin, während Anna ihren besten Freund aus großen Augen betrachtete.

“Lass uns gehen…”, meinte der Mann nurmehr, als er den abwartenden Blick der Alchemistin einfing “Komm.”

“Hjaldrist!”, jammerte Svenja weiter, wurde jedoch geflissentlich ignoriert “Warte!”

“Ravello, wir lassen sie heute Abend noch hier und morgen Früh darf sie gehen. Ohne ihre Waffen, denn die bleiben bei uns. Vielleicht sollten wir ihr auch die Kleider nehmen, damit sie nackt durch die Stadt laufen muss. Der Denkzettel sollte genügen.”, entschied der Schönling und der aufhorchende Hase nickte zustimmend. Der besagte Blonde aus Toussaint half Anna soeben hoch, stützte sie.

“Wir knebeln Svenja erstmal wieder, damit sie nicht schreit, und dann könnten wir ja was essen gehen.”, schlug der verschnupft schniefende Kerl aus Beauclair so unpassend unbeschwert vor, dass sich das Gesicht von Hjaldrist wieder lockerte und der Mann leise lachen musste. Auch Anna schmunzelte.

“Nein!”, protestierte die Undvikerin am Grund mit brüchiger Stimme “Nein, wartet! Hjaldrist! Es tut mir leid!”

Es war eine Aussage, die alle Anwesenden dazu drängte innezuhalten. Rist warf einen Schulterblick zu der Sommersprossigen zurück. Die anwesende Giftmischerin seufzte bloß genervt.

“Ich… ich habe einen Brief nach Skellige geschickt. Darin steht, wo du bist. Wenn du… wenn du mich gleich und mit meinem Hab und Gut gehen lässt, schicke ich einen neuen Wisch los und setze deine Familie in falsche Kenntnis! Ich… ich verwische deine Spur, schreibe ihnen, dass du in Oxenfurt bist… oder sonst wo!”, sagte die eingeschüchterte Frau mit den rotblonden Haaren schnell und ihre Worte überschlugen sich dabei “Bitte!”

“Das sagt sie jetzt nur so, weil sie die lange Nacht nicht auf diesem Stuhl verbringen will und ihre Ausrüstung teuer war.”, kommentierte Ravello.

“Vermutlich.”, bestätigte Rist.

“Nein! Das sage ich nicht so! Ich-... Hjaldrist hat Recht…”, schnappte Svenja und klang etwas weinerlich dabei “Ich… ich habe nur Befehle ausgeführt. Und ich war zornig. Es… es tut mir leid! Lasst mich gehen!”

Erneut tat sich im Zimmer eine ungute Stille auf. Anna sah skeptisch zu ihrem besten Freund hin und Ravello zögerte, zuckte dann mit den breiten Schultern. Der Ritter ließ es zu, dass sich die Novigraderin an ihm festhielt, denn noch immer war sie etwas schlecht zu Fuß.

“... was machen wir?”, wollte der Mann aus Beauclair dann nach viel zu vielen Momenten des Zögerns und Nachdenkens wissen. Man hörte Hjaldrist entnervt stöhnen. Und erst nach vielen weiteren, langen Atemzügen, setzte der Axtkämpfer dazu an etwas vorzuschlagen.

“Also schön.”, fing er an und Anna glaubte, sie höre schlecht “Dein Brief ist mir schnurz, denn wir reisen so und so bald ab. Aber wenn du uns anderweitig beweisen willst, dass du uns gut gesinnt bist, habe ich eine Aufgabe für dich.”

“Welche… Aufgabe?”, hörte man die bewegungsunfähige Frau am Boden vorsichtig, doch gleichauf hoffnungsvoll fragen.

“Anna’s Schwert.”, entkam es Hjaldrist und er zog sein Messer; vermutlich wollte er damit die Fesseln seiner Verflossenen durchtrennen “Die Klinge mit dem Knauf, auf dem ein Wolfskopf prangt. Sie ging in dem ganzen Trubel, den du ausgelöst hast, verloren. Bringe sie wieder und wir lassen dir Bogen und Dolch. Gehen wirst du trotzdem erst morgen. Und: Keine krummen Spielchen, sonst hast du ein gewaltiges Problem.”

“Ich werde ihr nie trauen!”, maulte die aufgerüttelte Novigraderin gleich und ließ es sich nicht gefallen, dass man über ihren Kopf hinweg entschied “Sie hätte mich fast getötet!”

“Anna.”, meinte Rist mahnend, drängend.

“Was? Nur weil ihr zwei früher einmal irgendetwas miteinander hattet, heißt das nicht, dass ich verharmlose was sie getan hat oder was sie ist!”, beschwerte sich die angekratzte Alchemistin lautstark und atmete einmal tief durch, als es ihr wieder einen Deut schummrig wurde. Eine schmerzhaft direkte Aussage, die den Jarlssohn dazu brachte zu erstarren. Svenja schwieg ebenso.

“Du kannst ja gerne nette Worte mit diesem Miststück austauschen, Hjaldrist. Aber ich bin raus.”, motzte Anna stur weiter und wartete gar nicht erst auf eine Antwort. Sie bräuchte keine und jedwelche Worte seitens ihres Freundes hätten so und so keinen Unterschied gemacht. An ihrem Entschluss gab es nichts zu rütteln.

“Ravello, lass uns gehen…”, endete die beleidigte Giftmischerin noch und schenkte Rist einen anschuldigenden Blick “Wir sind unten, was essen. Komm nach, wenn du es schaffst dich loszureißen.”

“Bitte, was?”, dem perplexen Skelliger war alles aus dem Gesicht gefallen und in seiner Stimme hallte Fassungslosigkeit wider “Mich ‘loszureißen’? Ich habe ihr nur aufgetragen, dass sie dir dein Schwert zurückbringen soll! Tu nicht so, als hätte ich dich hintergangen!”

“Und dennoch gibst du ihr, dieser falschen Schlange, eine Chance und den Anlass weiter mit uns zu tun zu haben! Warum? Schick sie doch mit ihren Waffen zum Teufel, bevor ich wieder zu Kräften komme und sie absteche. Ich finde mein Schwert auch alleine.”, schnaubte Anna bissig. Ihr undviker Kumpel gab einen gefrusteten Laut von sich.

“Schön.”, gab er energisch unzufrieden nach “Dann eben nicht. Ich habe es nur gut gemeint.”

“Notiert. Aber nein, danke.”, antwortete die zittrige Alchemistin. Für sie war die ganze, dumme Sachlage abgeschlossen. Sie würden die Schlampe aus Skellige gehen lassen und dann würden sie diese Furie hoffentlich nie mehr wieder sehen. Und wenn doch, oh, dann müsste sich Rist gar nicht erst um deren Tod kümmern. Denn das würde Anna höchstpersönlich erledigen!

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