Kapitel 34

Eine unerwartete Begegnung

Anna tauchte am nächsten Tag spät im kleinen Schankraum des Gasthauses auf, in dem sie sich mit Rist eingemietet hatte. Lange nach dem Mittagessen hatte sie es erst aus dem Bett geschafft und fühlte sich noch immer ziemlich erschlagen. Die vernähte Wunde an ihrem Hals schmerzte und juckte unangenehm, da half auch Salbe und Medizin nicht so viel. Immer wieder musste sie an sich halten sich dort nicht zu kratzen und als sie sich an einen der massiven Tische der Taverne setzte, hätte ihre Stimmung nicht viel mieser sein können. All die Geschehnisse des gestrigen Tages waren zu viel für die erschütterte Novigraderin gewesen: Erst wäre sie fast umgelegt worden und dann hatte sie auch noch die schnippische Hure treffen müssen, die ihr dies angetan hatte. Und als wäre dies nicht schon genug, hatte sie ihr geliebtes Schwert in all dem Trubel verloren und sich mit ihrem besten Freund gestritten. Schnöde Welt. Anna entkam ein tiefes Seufzen. Vielleicht sollte sie einfach wieder zurück ins Bett gehen…

“Ah, du bist endlich wach.”, stellte eine bekannte Stimme fest und als die bedrückte Kriegerin aufsah, erblickte sie Rist. Der ältere Mann schien die Schenke soeben betreten zu haben und kam zu ihr, um sich am Platz ihr gegenüber niederzulassen. Gemächlich tat er das und im Gegensatz zu der matten Giftmischerin relativ gut gelaunt.

“Wie geht es deinem Hals?”, wollte der Skelliger nett wissen und schien zufrieden darüber zu sein, dass die Kriegerin einen Teller mit belegten Broten vor sich stehen hatte.

“Hm, geht schon.”, seufzte Anna und musterte ihren dunkelhaarigen Kollegen skeptisch. Nach ihrer gestrigen Auseinandersetzung wegen Svenja hatten sie sich beim Abendessen eisern angeschwiegen; was vor allem daran gelegen hatte, dass die sture Novigraderin sehr damit beschäftigt gewesen war äußerst verstimmt vor sich hin zu starren. Nicht sehr viel später hatte sich die erschöpfte Frau dann auch schon hingelegt, um sich von ihrem bemerkenswert unguten Tag zu erholen und sich auszuschlafen. Sie hatte also nicht mehr viele Worte mit Hjaldrist gewechselt und wusste nicht, ob er heute böse auf sie war oder nicht. Nachdem er aber ganz gewöhnlich mit ihr sprach, schien wieder alles in Ordnung zu sein. Der Jarlssohn war, ganz nach skelliger Art, nicht sehr nachtragend und das schätzte Anna sehr an ihm.

“Na, immerhin kannst du ganz offensichtlich wieder allein gehen.”, merkte der Undviker an und winkte ganz beiläufig die geschäftige Schankmagd herbei, um für sich und seine kurzhaarige Gesprächspartnerin eine Kanne Schwarztee zu bestellen.

“Das stimmt.”, stimmte Anna zu, nickte leicht. Und sie war froh darüber, dass ihr Freund gleich weiter redete. Denn so tat sich keine unangenehme Stille zwischen ihnen auf, in der sie nicht wusste was sagen.

“Ravello und ich waren heute bei der Stadtwache und in dieser Einrichtung neben der Bank, in der Fundsachen aufbewahrt werden.”, erzählte Rist und verzog einen seiner Mundwinkel dann unzufrieden “Wir wollten dein Schwert ausfindig machen, aber haben es bisher nicht entdeckt. Ich habe Hasi gesagt, dass ich dich hole und wir später weiter Ausschau halten. Zusammen.”

Eine schlechte Nachricht, die die angeschlagene Novigraderin einerseits nicht sonderlich glücklich stimmte. Sie hatte auf der anderen Seite aber auch nicht unbedingt damit gerechnet, dass ihre wertvolle Klinge, die ihr gleichzeitig ein Memento war, so schnell wieder auftauchen würde. Ehrlich gesagt glaubte sie ja, dass sie ihr Bastardschwert nie wieder zu Gesicht bekäme. Denn wenn jemand solch einen gut gepflegten Schatz fand, behielt er ihn. Oder er verscherbelte ihn für teures Geld. Je nachdem.

“Mhm.”, machte Anna also lethargisch “Was schlägst du vor?”

“Wir könnten uns am Markt umsehen. Vielleicht versucht der Dieb das Schwert ja zu verkaufen.”, sinnierte der gewiefte Inselbewohner und Anna ertappte sich dabei leicht schmunzeln zu müssen. Zwar erreichte dieser Ausdruck ihre müden Augen noch nicht, doch immerhin. Denn wie so oft hatte einmal wieder das Sprichwort ‘Zwei Dumme, ein Gedanke’ gegriffen. Es war schon schräg wie ähnlich sie beiden sich dahingehend manchmal waren. Es schien oft so, als besäßen sie den gleichen Kopf.

“Und wenn wir das Schwert nicht finden, dann kaufst du eben einfach ein Neues.”, schlug Rist weiter vor “Ich weiß, es ist keine gute Lösung aber zumindest eine. Es gibt um die Ecke einen Schmied, dessen Arbeiten nicht ganz so schlecht aussehen und auch erschwinglich sind.”

“Mhm…”, machte die Kurzhaarige abermals wenig begeistert, doch sie sah ein, dass ihr Kumpel Recht hatte. Sie sollte sich keinen vergeblichen Hoffnungen hingeben und stattdessen nach vorne sehen. Trotz allem.

“Mein Schwert war auf mich angepasst…”, seufzte Anna wehleidig aus “Aber zur Not tut es auch eines von der Stange… mehr kann ich mir nämlich nicht leisten.”

“Ach, wir erledigen auf unserem Weg in den Norden einfach noch ein paar Aufträge und dann kannst du ja ein neues, tolles Schwert in Auftrag geben.”, schlug der motivierte Rist ermutigend vor. Er schenkte seiner Kumpanin ein dazu passendes Lächeln und schaffte es damit tatsächlich - so wie immer - ihre Miene wieder ein klein wenig zu lockern. Langsam nickte die Giftmischerin, obwohl es sicherlich nicht leicht werden würde, nur mit einem Silberdolch bewaffnet gegen große Ungeheuer und wilde Bestien zu bestehen. Es war, als habe man der Frau einen Arm abgeschlagen. Den rechten. Und als müsse sie nun mit Links kämpfen. Aber nun ja… sie hatte immer noch ihr munter herumlaufendes Aard mit dem gestohlenen Familienerbstück. Sie verengte die braunen Augen taxierend, als sie gleich auf Letzteres zu sprechen kam.

“Das, was Svenja gestern gesagt hat… stimmt es?”, wollte Anna mit leicht gesenkter Stimme wissen, damit niemand mithören konnte “Dass du deine Axt geklaut hast?”

“Was? Geklaut?”, schnappte Hjaldrist und lachte dann betreten, hüstelte “Ich habe sie nicht gestohlen. Sie gehört der Familie und damit auch mir.”

Anna schnaubte belustigt. Ihre Stimmung würde sich gleich noch weiter heben, ganz bestimmt.

“Ah. Ja, das stimmt wohl…”, entkam es ihr langsam und ihr musternder Blick heftete sich bedeutungsvoll an den gewitzten Undviker. Der Mann lächelte schief, kommentierte die Situation aber nicht weiter. Dumm für ihn, dass Anna dies aber wollte:

“Erzählst du mir die Geschichte, wie es dazu kam?”, fragte die Frau neugierig “Ich wusste nicht, dass du und dein Vater im Streit auseinander gegangen seid.”

“Hm?”, murrte Hjaldrist und hob die Brauen. Man merkte ihm an, dass er damit anfing gut nachzudenken, abzuwägen. Dann aber zuckte er schlicht mit den Schultern.

“Da gibt es keine allzu spannende Geschichte.”, erzählte er “Aber ja, wir haben uns ordentlich in die Haare gekriegt.”

“Ja?”

“Ja. Es gab zum Gründertag unseres Familiensitzes ein kleines Fest. So ziemlich alle waren da… meine Geschwister, meine Eltern, mein Onkel und ein paar andere Verwandte mit Anhang. Im Laufe des Abends erhob sich mein Vater dann an der Tafel, um eine feierliche Ansprache zu halten.”, erinnerte sich der Dunkelhaarige und sein Ausdruck war dabei nicht der glücklichste “Es war der Abend, an dem er entschlossen hatte meinen jüngeren Bruder zu seinem direkten Nachfolger, zum Jarl, zu machen. Und ich… ich sollte dessen Berater werden. Denn Haldorn sei der Stärkere von uns beiden und ich derjenige, der mit dem Kopf arbeitet. Die Situation kippe sehr schnell, ich wurde wütend und beschwerte mich. Es wurde laut und unschön. Viele Leute stellten sich auf die Seite meines Vaters und es machte immer weniger Sinn gegen ihn zu reden. Also verschwand ich noch in derselben Nacht. Ich hatte die Schnauze voll.”

“Klingt nicht so toll.”, kommentierte Anna, die ihren Ziehvater ohne jeglichen, heftigen Streit verlassen hatte, mitfühlend “Du hast dir also die Axt genommen, um eine Waffe zu haben, und bist fortgelaufen.”

“Naja, ich hatte eine eigene Waffe. Aber nicht solch eine wie Erlklamm. Außerdem wollte ich meinem Vater eins auswischen… daher nahm ich sie mit.”

“Dein Vater kämpfte davor damit?”

“Ja, beizeiten. Sie gehörte meinem Großvater und davor dessen Opa… du weißt schon.”

“Verstehe. Dann hat sich dein Vater ja sicherlich ziemlich geärgert.”

“Ich hoffe es.”

Anna musste leise lachen, schüttelte den Kopf ungläubig. Die blonde Schankmaid von vor wenigen Momenten kam wieder an den Tisch und stellte zwei Becher und die georderte Kanne tee auf die Ablage. Sofort machte sich Rist daran ein paar Löffel Zucker in eines der Trinkgefäße zu schaufeln. Anna, die den Kopf auf eine ihrer Hände stützte, beobachtete ihn dabei etwas gedankenverloren, sah, wie er einschenkte. Dann aber, holte sie entschlossen Luft, um ihren guten Freund weiter auszufragen. Sie konnte nicht anders, war viel zu neugierig. Außerdem glaubte sie, dass sie eine Erklärung verdient hatte.

“Und was ist mit Svenja?”, fragte sie und sah, wie Hjaldrist auf dieses Nachhaken inne hielt, um unschlüssig aufzusehen.

“Ravello hat sie heute Morgen gehen lassen. Er meinte, er habe wegen ihrer Anwesenheit selbst nicht schlafen können und ihr deswegen die halbe Nacht lang ein Ohr abgekaut.”, feixte der Krieger schadenfroh “Ich glaube, das ist eine viel schlimmere Strafe als der Verlust von Waffen oder Kleidung.”

Anna musste grinsen und schenkte ihrem Kumpel einen amüsierten Blick. Ravello hatte der Schlampe sicherlich von seinen nie verrichteten, glorreichen Heldentaten erzählt. Sie konnte einem ja fast leidtun. Aber… das Thema um Svenja’s Abreise war eigentlich nicht das Anliegen der ruhelosen Alchemistin aus Kaedwen gewesen.

“Ich meinte eigentlich das, was sie von sich gegeben hat…”, korrigierte die burschikose Frau also “Dass sie sagte, dass ihr was miteinander hattet.”

Nun wanderten die Brauen des konfrontierten Undvikers dezent in die Höhe. Er musterte seine Kumpanin skeptisch und sein Ausdruck entschied sich dabei dazu immer mehr in eine äußerst verzwickte Richtung zu rutschen. Die Situation gefiel ihm nicht sonderlich.

“Du hast nichts dagegen gesagt. Darum nehme ich an, dass es stimmt…”, schätzte Anna. Es konnte ihr ja egal sein mit wem Rist wo was gehabt hatte - oder noch hatte -, aber dass er sie belogen hatte, war einmal wieder ein kleiner Hieb in den Stolz gewesen. Oder war die Hexerstochter da einfach zu penibel? Nein. Nein, sie und Rist waren doch verdammt gute Freunde. Und einem besten Freund erzählte man doch so gut wie alles, oder nicht?

“Ja, mehr oder weniger.”, entkam es dem Jarlssohn endlich und ziemlich zögerlich. Er senkte den Blick nachdenklich auf seine Tasse, rührte lieblos in seinem Schwarztee herum. Der Mann wirkte dabei so, als seien seine Erinnerungen an früher, an Svenja, nicht allzu schön.

“Wir waren nicht zusammen. Aber irgendwann ergab es sich eben, dass wir gemeinsam in der Kiste landeten. Wir waren beide ziemlich besoffen, zugegeben. Und wäre dem nicht so gewesen, wäre auch nichts passiert.”, erklärte Rist und rieb sich das Kinn. Skeptisch sah er wieder zu Anna auf, die ihn abwartend ansah. Und sie spürte, wie ihr ein kleiner Stein vom Herzen fiel, denn scheinbar hatte ihr Kollege sie ja doch nicht angeflunkert. Svenja hatte die Sache von damals nur anders aufgefasst als ihr Schwarm es getan hatte.

“Es war der Auslöser dafür, dass sie damit anfing mir hinterher zu rennen.”, setzte der Mann fort “Und anfangs war es ja ganz in Ordnung. Sie war eine sehr gute Freundin, darum sah ich es mit ihr nicht so eng. Immerhin mochte ich sie im Vergleich zu den Speichelleckern der Familie. Scheinbar schnappte sie dies alles aber so auf, als hätten wir eine Beziehung.”

“Verstehe…”, murmelte Anna mitleidig und verzog das Gesicht “Dann war es bei euch so wie bei mir und Frida. Nur… naja, dass Frida nicht meine beste Freundin, sondern nur eine Bekannte, war.”

“Ja, so ungefähr.”, lachte Hjaldrist leise, nickte. Und in unergründbarer Weise wirkte er dabei erleichtert. Warum? Weil der blöde Mist von damals Geschichte war? Oder weil Anna so locker reagierte wie jeder Kumpel es getan hätte? Warum hätte sie dies denn auch nicht tun sollen?

“Wie hast du es am Ende geschafft sie abzuwimmeln?”, hakte die interessierte Novigraderin weiter nach, beugte sich dabei etwas vor “Das hast du doch, oder?”

“Hm. Ja. Es gab da einen Vorfall…”, sagte Rist sehr, sehr langsam und seine eigenartig melancholisch werdende Miene hinderte Anna daran hartnäckig weiter zu fragen. Denn als jemand, der den Skelliger verdammt gut kannte, wusste sie, dass sie damit Grenzen überschritten hätte. Welche, das wusste sie nicht genau, aber sie ließ es einfach. Sie fühlte sich in ihrer Annahme nur noch bestätigt, als ihr Kumpel von den Inseln abwehrend endete:

“Aber darüber will ich nicht reden.”, entschloss er hartnäckig und man sah ihn trocken schlucken. Anna zog die Stirn kraus, nickte langsam.

“Alles klar.”, meinte sie nach wenigen Herzschlägen selbstverständlich. Melitele sei Dank lenkte Hjaldrist das unerwartet ungemütlich gewordene Thema sogleich um.

“Weißt du was? Du bist ganz schön neugierig, Flohbeutel.”, stellte er fest und brachte die besagte Frau damit dazu keck zu lächeln. Sie fasste nach ihrem Teebecher.

“Darf ich nicht? Du bist mein bester Freund und interessierst mich eben. Erst recht, wenn eine Furie aus Undvik auftaucht und sich so gibt, als sei sie deine verflossene, große Liebe.”, grinste die Schwertkämpferin in der gestreiften Jacke und nippte vorsichtig an ihrem heißen Getränk “Ich mag solch skandalöse Dinge.”

“‘Skandalöse Dinge’.”, wiederholte der Dunkelhaarige mit etwas tieferem Ton als sonst und rollte belustigt mit den Augen. Er lehnte sich leger zurück, taxierte Anna mit Erheiterung im Blick und schien das, was ihn vor Sekunden noch bedrückt hatte, vergessen zu haben. 

“Du könntest mich auch ausfragen, Käferschubser. Aber das tust du ja nie.”, sagte Anna, als sei dies eine Herausforderung. Tatsächlich störte es sie klammheimlich ein wenig, dass ihr pragmatischer Kumpan sie noch nie so richtig gelöchert hatte. Es war, als sei ihm ihre Vergangenheit einerlei. Hm. War dem denn wirklich so?

“Weil ich meine Nase nicht immer überall reinstecken muss.”, konterte Rist.

“Tja, selber schuld.”, grinste die Hexerstochter und wendete sich den Resten ihres verspäteten Frühstücks zu. Mittlerweile war sie nicht mehr proppenvoll und konnte wieder etwas essen; daher klaubte sie nach einer angebissenen Käsebrotscheibe mit Schnittlauch, um jene zu verspeisen.

“Hmmm…”, brummte Hjaldrist langgezogen und klang dabei so, als folge dem gleich noch etwas. Er starrte Anna eindringlich an.

“Du überlegst dir nun, was du mich fragen könntest?”, murmelte jene mit vollem Mund und nuschelte dabei leicht “Na, dann schieß mal los. Schlimmer als die Fragerei im Schein meiner Märthe-Lampe kann es ja nicht werden, Elfenpopo.”

“Wie ist es in Kaer Morhen?”, wollte der Besagte im grünen Rock dann auf einmal wissen und die essende Frau am schmalen Tisch blinzelte irritiert, hielt inne. Denn eigentlich hatte sie sich eine dümmere Frage oder blöde Scherze erwartet. Dass ihr teetrinkender Freund nun so aufrichtig interessiert nach ihrem Zuhause fragte, überraschte sie.

“Wenn man nicht von deinem Schlag ist, kann man sich darunter nichts vorstellen.”, rechtfertigte sich der Axtkämpfer noch schulterzuckend und sah seine Freundin abwartend an “Erzähl doch mal wie es ist dort aufzuwachsen.”

Anna musste abermals schmunzeln, doch nicht etwa spöttisch oder dergleichen. Ihr Gesicht erhellte sich ein wenig, doch bevor sie den unwissenden Rist aufklärte, stellte sie eine Gegenfrage:

“Wie stellst du dir Kaer Morhen denn vor?”, fragte sie und konnte es sich nicht verkneifen amüsiert glucksen zu müssen “Du tust ja fast so, als seien Hexerszünfte ein großes Mysterium.”

“Sind sie das denn nicht? Ich kenne jedenfalls niemanden, der jemals den Sitz von einer betreten hat.”, antwortete der Schönling und damit gehörte der Punkt ihm “Ich glaube, dass es auf den Inseln nicht einmal einen Sitz von Hexern gibt… jedenfalls habe ich nie davon gehört.”

Anna runzelte die Stirn. Und sie sah nun, verspätet aber doch, ein, warum ihr Freund wissen wollte, wie ein Heim von Hexern aussah. In der Tat betrat man solche als Außenstehender für gewöhnlich nicht. Hexer galten in den kritischen Augen vieler Leute als Abschaum und ausgestoßen. Wer wollte also schon eine Gruppe der Katzenäugigen besuchen? Menschen hielten sich normalerweise aus Angst oder Vorurteilen von ihnen fern. Und wenn die braunhaarige Alchemistin genauer nachdachte, konnte sie sich wahrlich nicht daran erinnern in Kaer Morhen jemals jemanden anderes gesehen zu haben als ihre Leute oder irgendwelche Zauberinnen und dergleichen. Und letztere auch nur aus sehr weiter Ferne, da die quirlige, junge Anna stets dazu angehalten worden war solche Personen nicht zu behelligen. Ja, so war das gewesen. Selbst diesen Geralt hatte Anna verdammt selten zu Gesicht bekommen, denn einerseits war er einfach viel zu oft nicht da gewesen und andererseits hatte es stets geheißen: ‘Geh ihm nicht auf die Nerven, Anna.’ oder ‘Gaffe nicht so, Wölfchen.’

Aber wie auch immer…

“Ich stelle mir Kaer Morhen vor wie… hm...”, brach Hjaldrist das Schweigen und riss seine Freundin damit aus ihren Gedanken an Früher “Wie ein großes Gebäude, das irgendwo am Arsch der Welt steht. Wie eine Akademie, in der sich lauter Verrückte tummeln.”

“Verrückte?”, lachte die Novigraderin und schaffte es dabei nicht empört zu klingen.

“Ja, so wie du.”, witzelte der Undviker “Vielleicht gibt es an die… hm… fünfzig davon. Und sie alle sind Kerle, denn du meintest ja, dass es unter den Hexern nur Männer gibt. Und ich glaube, dass so eine Hexerszunft ganz schön zwielichtig wirkt. Vielleicht wie eine Sekte. ‘Kaer Morhen’, das klingt doch schon so verquer.”

Wieder musste Anna lachen, diesmal lauter und beherzter als noch zuvor. Der schmunzelnde Rist, der es erfolgreich geschafft hatte seine Freundin aufzumuntern, sah sie geduldig und erwartungsvoll an. Denn er erhoffte sich nach wie vor eine aufschlussreiche Erklärung.

Anna räusperte sich und schnaufte noch einmal erheitert, bevor sie endlich zum Sprechen ansetzte.

“Mein Zuhause ist keine zwielichtige Akademie.”, meinte sie bestimmend und fragte sich, ob Hjaldrist sie einfach nur hatte veräppeln wollen “Es ist eine alte Burg in den Bergen. Eine, die dezent am Arsch der Welt liegt… damit hattest du Recht. Und es gibt keine fünfzig Hexer dort.”

“Eine Burg also.”

“Ja. Die steht schon ewig dort und man sieht es ihr auch an.”, nickte Anna “Trotzdem ist der Ort sehr schön. Es gibt ringsum viel Wald und einen Fluss, der in kalten Wintern stellenweise zufriert. Als Kind habe ich versucht dort Eisschuhlaufen zu lernen… am Ende gab ich es aber auf und blieb bei meinem Schlitten.”

“Du bist Schlitten gefahren?”, hakte Hjaldrist begeistert nach. Vermutlich, weil man das im kalten Undvik auch gut konnte. Jeder liebte Schlittenfahren.

“Ganz allein? Du warst zu deiner Zeit doch das einzige Kind in Kaer Morhen?”, fügte er an.

“Das schon. Aber Balthar kam oft mit mir mit. Gerade, als ich noch kleiner war.”, erzählte die Hexerstochter lächelnd “Er ließ mich nur dann mit Karacho den verschneiten Hügel runterfahren, wenn er mit am Schlitten saß. Diese alte Glucke. Trainierte mich hart und streng im Kampf, aber hatte Angst, dass ich mir beim Schlittenfahren etwas breche. Ich stürzte tatsächlich mal. Hatte ne blutende Nase. Du hättest den völlig entgeisterten Balthar sehen sollen...”

Nun war es Rist, der lachen musste. Anna’s Geschichte schien ihn sehr zu erheitern.

“Der große, starke Hexer fährt mit seiner kleinen Ziehtochter Schlitten. Was für ein Bild.”

“Tja.”, die Novigraderin zuckte die Achseln und sah ihren Kumpel etwas betreten an “Es war besser als gar nicht Schlitten zu fahren.”

Gleichauf musste die Frau mit der fuchsroten Strähne wehmütig in sich hinein lächeln. Die Erinnerungen an ihre Kindheit waren schön. Generell war sie immer gerne in Kaer Morhen gewesen. Und… sie vermisste ihre schräge Familie. So sehr sie auch ihren eigenen, ehrgeizigen Träumen nachjagte, so waren es Momente wie dieser hier, die ihr Heimweh bescherten und sie ein klein wenig an sich selbst zweifeln ließen. Zum Glück gab es aber immer noch Hjaldrist, der sie sogleich wieder ablenkte.

“Hm.”, machte der Skelliger “Und was ist mit dem Training?”

“Was soll damit sein?”, Anna legte den Kopf fragend schräg.

“Ich nehme an, dass die Leute einer Hexerburg sowas anders angehen als andere. Ich habe jedenfalls noch nie davon gehört, dass Achtjährige den lieben langen Tag kämpfen müssen. Es klingt seltsam.”

“Ich musste nicht den ganzen Tag kämpfen. Es gab noch andere Aufgaben.”, erklärte Anna weiter und fischte nach ihrem vorletzten, bereits angebissenen Wurstbrot. Das letzte und noch ganze, das schob sie ihrem Begleiter zu.

“Nach dem Aufstehen musste ich unseren Parkour laufen, dann musste ich Theorie büffeln und erst danach kam, bis zum Abend, das Training. Uhm. Und wenn ich mein Maul während des Tages einmal wieder zu sehr aufgerissen oder etwas angestellt hatte, dann musste ich die Strecke um die Burg noch einmal nehmen. Das ist oft passiert. Ich war kein braves Kind.”, räusperte sich Anna.

“Parkour?”, fragte Rist kritisch.

“In Hexerkreisen nennt man es auch ‘die Quälerei’.”, grinste die Frau breit “Es ist eine lange Strecke mit gewissen, schweren Hindernissen, die man bewältigen muss.”

“Hm. Achso.”, der Undviker gab einen nachdenklichen Laut von sich “Na, trotz der anderen Aufgaben war all das für ein Mädchen viel. Oder?”

“Manchmal schon.”, bestätigte die nostalgische Alchemistin und seufzte “Aber ich hatte es nie so schwer, wie es ein Junge gehabt hätte. Ich durfte viele Pausen machen und bekam normales Essen. Balthar war dahingehend zu nett. Wäre ich ein Bursche gewesen, den man auf die Kräuterprobe vorbereitet, dann hätte ich Speisen mit gewissen, bitteren Pilzen, Moosen und Kräutern bekommen. Angeblich kriegen manche Kinder davon Leberschäden oder Nierenversagen.”

“Hexer geben ihren kleinen Novizen giftiges Zeug?”, warf Hjaldrist abfällig dazwischen und man hörte in seinem Unterton, dass er wenig Verständnis dafür hatte.

“Ja, so stand es in einem Buch, das ich später mal in die Finger bekommen habe. Und ehrlich gesagt bin ich froh darüber, dass ich das nicht essen musste.”, lachte die Frau leise “Essen ist mir doch heilig.”

“Jaja… aber dafür schluckst du heute jeden Tag Gift. Kommt das nicht aufs Gleiche raus wie Suppe aus Pilzen und Moos?”, bekrittelte Hjaldrist und bedachte seine Kollegin mit vielsagenden Blicken, die vermutlich tadelnd sein sollten. Sie prallten an der starrköpfigen Novigraderin ab, wie an einer harten Wand.

“Hm. Vermutlich. Nur, dass man ein Gift mal eben schluckt und danach was ordentliches, leckeres essen kann.”

“Wenn man nicht kotzen muss.”

“Ja, wenn man nicht kotzen muss. Aber das musste ich eh schon lange nicht mehr.”

Hjaldrist entkam auf diese absolut locker getane Aussage hin nurmehr ein entnervtes Stöhnen. Der Mann mit der Teetasse vor der Nase konnte es sich jedoch nicht verkneifen ganz schwach schmunzeln zu müssen. Vermutlich würde er seine sehr eigene Begleiterin nie verstehen.

 

*

 

Anna brauchte noch zwei Tage, um sich wieder einigermaßen zu erholen. Eine Zeit, in der sie und ihre beiden Kollegen vor allem Ausschau nach ihrem Schwert gehalten hatten. Dies leider erfolglos. Und obwohl es sicherlich klüger gewesen wäre Riedbrune zu verlassen - denn Svenja hatte Rist’s Familie schließlich von dessen ungefähren Aufenthaltsort in Kenntnis gesetzt -, beharrten die Abenteurer darauf ihre bereits geplante Werwolfjagd abzuschließen. Die müde Novigraderin, die viel Zeit auf ihrem Zimmer verbracht hatte, hatte sich gut auf den Kampf mit der Bestie vorbereitet, wenn sie einmal nicht geschlafen hatte. Mental und auch hinsichtlich ihrer alchemistischen Ausrüstung. Und jetzt, am dritten Tag, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, waren die  Monsterjäger bereit, um es mit dem besagten Wolfsmensch aufzunehmen. Oder jedenfalls hielten sie sehr selbstbewusst an diesem Vorhaben fest.

Anna, die hatte ihr kostbares Stahlschwert natürlich nicht wieder gefunden. Wäre ja auch zu schön gewesen. Stattdessen hatte sich die Giftmischerin also ein schlichtes Langschwert eines örtlichen Schmieds gekauft. Denn nur mit einem Langdolch bewaffnet hatte sie sich viel zu nackt gefühlt. 

 

“In der Tat wurde die Bestie wieder gesichtet. Nördlich. Nicht weit von dem Bauernhof entfernt, auf dem er letzte Woche ein Massaker angerichtet hat. Erst gestern verschwand dort ein Kind. Heute Morgen hat man es gefunden… oder jedenfalls das, was davon übrig war.”, seufzte der unglückliche Handelsgildenmeister Riedbrunes, als er sich auf seinen massiven Holztisch stützte. Er schüttelte den halb kahlen Kopf ratlos, schlug die Augen nieder. Er war ein etwas untersetzter Mann mit kräftiger Statur. Sein Gesicht zierten ein dunkler Schnauzbart und eine Knollennase. Wäre er noch kleiner und viel bärtiger gewesen, hätte er glatt als Zwerg durchgehen können. Anna sah den verzweifelten Mann ernst an. Und auch Rist’s Miene wirkte streng.

“Ich habe vor wenigen Tagen gegen den Werwolf gekämpft.”, erzählte der Skelliger sofort und die Aufmerksamkeit des Gildenmeisters heftete sich auf ihn. Letzterer wirkte zunächst überrascht, nickte dann aber anerkennend. Er schien nicht gewusst zu haben, wer sich der Misere zuletzt angenommen - oder es zumindest versucht - hatte.

“Ich verstehe.”, meinte der nachdenkliche Kerl mit dem Schnauzbart, den die Leute am Markt ‘Weißgold” nannten. Vielleicht war es dessen Nachname. Oder er hatte sich diesen Rufnamen durch seine lohnenden Geschäfte eingehandelt. Wer wusste das schon?

“Der Wolfsmensch muss verschwinden und das dringend. Er ist eine große Gefahr für die Stadt und den Handel. Die Straßen ringsum sind gerade abends nicht mehr sicher und wenn sich das herumspricht, werden viele Händler davon absehen hierher zu reisen, um ihre Waren oder ihr Geld hier zu lassen. Das darf man nicht riskieren.”, sagte Weißgold mit harter Miene. Er richtete sich wieder auf, wirkte entschlossener als noch zuvor und taxierte die beiden Abenteurer, die in vollen Monturen in seinem Haus standen. Der dicke Mann straffte die Schultern.

“Ihr seid Ungeheuerjäger? Hexer? Zugegeben, ich traute verwegenen Leuten wie euch nie. Doch ihr habt euch um die Hexe aus dem nahen Sumpf gekümmert und daher baue ich auf eure Fähigkeiten und vertraue euch.”, ein Anflug eines schwachen Lächelns zeichnete sich unter dem schwarzen Schnauzbart ab “Erschlagt den Werwolf und ich werde dafür sorgen, dass ihr gebührend entlohnt werdet.”

“Wie viel?”, fragte die angespannte Anna sogleich.

“45 Florin?”, schlug der teuer gekleidete Gildenmeister vor “Oder bevorzugt ihr eine andere Währung? Unsere Gilde verfügt zurzeit über jegliche Zahlungsmittel, denn wir haben mit Geschäftspartnern aus allerlei Orten zu tun.”

“Wir sind in den Norden unterwegs… also wären uns Kronen lieber.”, merkte die Hexertochter gleich an. Sie hasste es nämlich zur Bank laufen zu müssen, um dort Geld zu wechseln. Die Wartezeiten in solchen Einrichtungen waren meistens bedrückend lange. Was sollte sie außerdem mit Nilfgaarder Geld? Stand es im Konflikt etwa zu gut für die Schwarzen? Sie hatte nicht die leiseste Ahnung und war schon froh, dass sie redanische Soldaten von nilfgaarder Gerüsteten unterscheiden konnte. Mehr wollte sie nicht wissen. Drohender Krieg war unschön, Politik anstrengend und alles, was damit zu tun hatte, ging sie als neutrale Person nichts an.

“Also 70 Kronen.”, beschloss Weißgold und legte die großen Hände ineinander.

“Achtzig.”, bestand Anna hartnäckig und spürte den bedeutsamen Blick, den Rist ihr von der Seite aus zuwarf “Ein Werwolf ist ein gefährlicher Gegner und man braucht gewisse Mittel im Kampf gegen ihn, die nicht sehr billig sind.”

Der Handelsgildenmeister im bestickten Doublet lachte rau auf und haute nun mit der flachen Hand auf seine Tischplatte. Ein Papierstapel, der darauf gelegen hatte, fiel um und Zettel segelten raschelnd zu Boden.

“Ihr gefallt mir, Mädchen.”, grinste er und die irritierte Anna runzelte unschlüssig die Stirn. Machte sich der Kerl gerade über sie lustig oder meinte er das, was er gesagt hatte, ernst? Er war schwer einzuschätzen.

“Und weil Ihr das tut, gebe ich Euch 90 Kronen. Vorausgesetzt ihr bringt mir einen Beweis für den Tod des Wolfsmenschen.”, lächelte der unpassend großzügige Mann und die Kriegerin mit dem Silberdolch blinzelte perplex. Hjaldrist wirkte nicht minder überrascht und ließ die Arme, die er bisher vor der Brust verschränkt gehalten hatte, sinken.

“Ich hätte angenommen, dass es Beweis genug wäre, wenn die Straßen nach unserem Einschreiten wieder sicher sind. Aber schön. Wir bringen Euch eine Trophäe.”, nickte Anna selbstsicher und streckte Weißgold die Rechte hin. Der viel Ältere wirkte zufrieden, schlug ein.

“Ihr bekommt die Hälfte des Geldes jetzt und die andere, sobald ihr erfolgreich zurückkehrt.”, versprach der knollennasige, doch Anna winkte ab.

“Wir nehmen unsere Belohnung nicht im Voraus.”, erklärte sie schief lächelnd und bemerkte gar nicht, wie sehr sie dabei nach ihrem Ziehvater klang “Gebt uns das Gold, sobald wir wieder in einem Stück hier sind... und dabei auch ein Stück des Biestes bei uns haben.”

Wieder musste der Gildenmeister laut lachen.

“Also gut. Viel Erfolg, Monsterjäger. Lasst euch nicht fressen.”, wünschte er den beiden ausländischen Abenteurern noch, ehe jene das große Anwesen des Dicken verließen und sich dabei über die versprochene Belohnung freuten wie kleine Kinder.

 

Am folgenden Abend waren Rist und Anna bereits auf dem Weg zu den nördlichen Höfen, bei denen der aggressive Werwolf angeblich sein Unwesen trieb. Es war so nah, dass sie gar zu Fuß gingen und ihre Pferde in den Stallungen gelassen hatten. War vermutlich so und so besser, denn auch, wenn ihre dummen Gäule störrisch und bissig waren, so wäre es ein großer Verlust gewesen, hätte der Lykanthrop Riedbrunes eines davon getötet. Pferde waren schließlich teuer. Und WENN jemand Salamireserve den Garaus machte, dann ja wohl Anna selbst!

“Du bist dir sicher, dass du kämpfen kannst?”, wollte Hjaldrist skeptisch wissen, als er neben seiner motivierten Freundin her ging. Er hatte die Hände in den Taschen stecken, linste aus dem Augenwinkel zu Anna und sein Blick sank flüchtig auf ihren Hals. Ein grünes Halstuch und der breite Kragen der gestreiften Jacke verdeckte die unschöne Naht dort vollends.

“Ja, klar.”, gab die Frau in der Lederhose zurück und hob eine Braue, warf einen kritischen Seitenblick zu ihrem Kumpel hin “Warum sollte ich es nicht können?”

“Du hast erst vor kurzem viel Blut verloren und warst völlig fertig.”, erinnerte der Mann zurecht.

“Hm ja. Aber mir geht es wieder ganz gut, keine Sorge.”

“Also gut.”, entgegnete Rist auf diese Versicherung hin nurmehr, doch klang dabei nicht so, als vertraue er seiner verrückten Kumpanin völlig. Schließlich gab sie sich zu oft härter, als sie es war. Bestimmt befürchtete er daher, dass die Hexertochter nur deswegen auf die Jagd ging, weil sie einfach nicht mehr in ihrem kleinen Zimmer herumsitzen und däumchendrehen wollte. Doch wäre sie wahrhaftig so leichtsinnig sich in einen Kampf mit einem Werwolf zu stürzen, obwohl sie nicht ganz bei Kräften war? Wohl nicht. Denn in der Theorie wusste sie schließlich wie verheerend eine Begegnung mit einem großen Wolfsmensch sein konnte. Hjaldrist würde einfach auf das Wort der legeren Kurzhaarigen bauen müssen.

“Wie werden wir vorgehen? Kann man Werwölfe anlocken?”, wollte der Undviker nach mehreren Augenblicken interessiert wissen. In seinem Rücken kletterten gerade die letzten, schwachen Sonnenstrahlen über den Horizont. Schon bald würde es dunkel werden.

“Hmmm. Kommt drauf an…”, grübelte Anna und schlug den Weg zum Stadttor ein “Ich würde sagen, dass wir uns einfach auf die Lauer legen und abwarten. Sobald wir etwas Verdächtiges hören, schreiten wir ein.”

“Dein Amulett reagierte auf den Werwolf.”, warf Rist auf einmal ein.

“Wie?”, perplex horchte die Novigraderin auf. Doch schnell fiel ihr wieder ein, dass der Skelliger in der grünen Tunika ihr Amulett kürzlich getragen hatte. Ja, als sie nach den vier Tagen, in denen sie als Valerie hatte herumstolzieren müssen, zu sich gekommen war, hatte Hjaldrist die Kette gehabt. Um den Hals hatte er sie getragen.

“Als ich mich dem Vieh näherte, vibrierte das Medaillon sehr stark. Vielleicht könnten wir es diesmal also auch benutzen.”

“Es reagiert auf Magie.”, kommentierte Anna langsam und verengte die braunen Augen nachdenklich, rieb sich das Kinn “Also haben wir es tatsächlich mit einer Art Fluch zu tun.”

“Hmm?”

“Na, ich erzählte dir doch, dass manche Werwölfe sind, was sie sind, weil sie verflucht wurden.”, erinnerte die burschikose Frau ihren Gefährten und stieß ihm dabei leicht in die Seite.

“Oh, richtig!”, Rist’s Miene erhellte sich in seiner plötzlichen Erleuchtung “Dann wird es ja einfach das Biest zu finden!”

“Ich hoffe es.”, lächelte Anna grimmig “Und ich hoffe auch, dass wir in keine Zwickmühle geraten werden. Balthar meinte einmal, dass Werwölfe irrsinnig schnell seien. Und sie regenerieren sich.”

“Was? Na super.”, keuchte der Jarlssohn und verzog die Mundwinkel “Wir müssen ihn also schneller töten, als er sich erholt?”

“Ja, im Prinzip.”, stimmte die Frau aus Kaer Morhen zu, musste jedoch auch schmunzeln “Ich habe da aber ein kleines Ass im Ärmel.”

“Welches?”

“Gift.”

“Huh?”

“Wir vergiften ihn. Womöglich hat er dann Probleme damit sich zu fangen, wer weiß?”, sagte Anna begeistert und man sah ihr an, wie stolz sie auf ihren Plan war “Wir benetzen deine Axt mit dem Zeug. Und auf meine Silberklinge kommt das Mondöl. Wenn diese Kombination gegen einen Lykanthropen nicht spitzenklasse ist, dann weiß ich auch nicht.”

“Aah…”, langsam aber sicher fing nun auch der Krieger damit an mit einem Gemisch aus Schaden- und Vorfreude zu lächeln “Das ist genial!”

“Ich hatte ja auch genug Zeit, um mir das einfallen zu lassen.”, schnaufte Anna weniger belustigt, als sie es hatte wollen “Riedbrune scheint etwas gegen mich zu haben. jedes Mal, wenn wir hier sind, liege ich zerstört im ollen Gästezimmer herum. Damals war es mein Knöchel und dieses Mal-... tja.”

Hjaldrist bedachte seine entnervt stöhnende Kumpanin mit einem mitleidigen Schmunzeln und klopfte ihr den Rücken brüderlich.

“Genau deswegen kümmern wir uns nun schnell um unseren Auftrag, holen unser Geld ab und hauen danach ab von hier.”, kommentierte er gutmütig.

“Ja, besser ist das wohl.”, schnaubte die braunhaarige Frau, als sie beide die Stadtmauern hinter sich ließen und aufs freie Feld traten. Ein breiter Weg mit vielen Schlaglöchern schlängelte sich durch die Ebene und führte, den Wegschildern nach, bis zu den Höfen, die die schwer bewaffneten Abenteurer suchten. Nicht mehr lange und sie wären an ihrem Ziel, um dort die Augen nach einem zwei Meter großen, aufrecht gehenden Wolf offenzuhalten. Hoffentlich ginge alles gut.

 

Bei dem Ort angekommen, an dem sie das Geschehen vermuteten, blieben die Abenteurer nicht besonders lange allein. Unweit des großen Hofes, von dem sich der Werwolf sein letztes Opfer geholt hatte, saßen sie in der klammen Dunkelheit gut verborgen im hohen Gras. Ein zähflüssiges, im fahlen Schein des aufgehenden Mondes schimmerndes Öl aus einer Phiole auf ein Leinentuch schüttend, verweilte Anna im Schneidersitz neben ihrem Kumpel. Der wiederum, fasste mit spitzen Fingern nach dem Gift, das ihm die Alchemistin hingestellt hatte. Knapp sah die burschikose Frau auf und verkniff sich ein Lachen, als sie dies sah. Hjaldrist traute dem verkorkten Fläschchen mit dem schwarzbraunen Sewantenextrakt darin wohl nicht.

“Es passiert nichts, solange du es nicht in den Mund nimmst oder es in eine Wunde bekommst.”, flüsterte die wissende Kurzhaarige ihrem übervorsichtigen Freund zu “Allerhöchstens bekommst du einen juckenden Ausschlag davon.”

Skeptisch sah Hjaldrist auf, schenkte der grinsenden Frau einen kritischen Blick.

“Ist das das Zeug, das du immer trinkst?”, wollte er mit gesenkter Stimme wissen. Laut zu sprechen war schließlich keine gute Idee, wenn man einer bösartigen Bestie auflauern wollte.

“Nein, das was ich trinke, ist viel, viel schwächer.”, versicherte Anna und deutete anschließend auf das Fläschchen in Rist’s Hand “Wenn ich das hier schlucken würde, wäre ich schneller hinüber als ich ‘Werwolfjagd’ sagen könnte.”

Rist hob die Brauen, taxierte seine Kumpanin. Dann aber grinste auch er schwach und schüttelte den Kopf ungläubig. Anna reichte ihm ihr zusammengefaltetes Tuch, damit er es dazu benutzen konnte seine Axt mit dem Sewantenextrakt zu benetzen.

 

Es dauerte keine halbe Stunde, als sich nahe den beiden sitzenden Abenteurern etwas regte. Und sofort horchten sie alarmiert auf, als sie das Rascheln zwischen den Sträuchern vernahmen. Anna’s Hand wanderte prüfend zu ihrem silbernen Medaillon, das da an ihrem Gürtel hing, doch der metallene Wolfskopf reagierte nicht. Kein Stück weit vibrierte er. Sie weitete die braunen Augen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können und sah aufmerksam um sich. Auch Hjaldrist war auf ein Knie gekommen und stützte sich mit einer Hand am Boden ab, um im Ernstfall sofort mit Leichtigkeit aufzustehen. Der argwöhnische Mann holte Luft, als wolle er etwas sagen, doch schnell gab Anna ein leises ‘Pscht’ von sich, um ihn davon abzuhalten. Denn keine zwanzig Meter weit entfernt kam jemand hinter den dornigen Brombeerstauden hervor, wischte sich beiläufig etwas vom Ärmel und blieb zwischen den Bäumen stehen. Der nächtliche Schemen war von der Statur her eindeutig ein Mann, kein Werwolf. Er war nämlich zu klein und zu schmal, um solch ein Monstrum zu sein. Doch was zur Hölle suchte er hier? Schlich hier mitten in der Nacht herum, wie jemand, der bald Dreck am Stecken haben würde. 

Anna warf einen schnellen Seitenblick zu Hjaldrist hin, nickte in die Richtung des fremden Kerls. Der ältere Skelliger nickte ebenso langsam, hatte den Mann zwischen den Bäumen also auch gesehen. Und er blieb still auf seinem Platz; genauso, wie es seine abwartende Freundin tat. Sie würden beobachten, was geschehen würde. Und sollte der zwielichtige Fremde irgendetwas vorhaben, würden sie es merken. Niemand schlich nachts um einen Bauernhof herum. Jedenfalls keiner, der nicht irgendetwas vorhatte.

Ob der Mann dort vorn vielleicht doch der Werwolf war? Müsste er sich noch verwandeln? Aber… sollte er denn nicht längst ein Biest sein? Warum reagierte das Medaillon aus Kaer Morhen nicht? Anna hätte leise fluchen können, weil sie die Lykanthropie nie sonderlich gerne studiert hatte. Tatsächlich hatte sie lieber Kräuterkram gelernt oder Texte über Erscheinungen gelesen, als sich mit dem faden Thema der Gestaltwandler und ähnlichem auseinanderzusetzen. Und daher fand sie sich gerade etwas unschlüssig wieder. Ratlos und entnervt. Sie schnaufte leise.

Der fremde Kerl weiter vorn rührte sich kaum. Er näherte sich dem Hof des armen Bauern nicht, hatte sich nach einigen Minuten bloß an einen der Bäume gelehnt, zwischen denen er gehalten hatte. Seltsam. Es wirkte, als warte er auf irgendetwas. Genauso wie Anna und Rist, die in den letzten, angespannten Momenten immer wieder bedeutungsvolle Blicke ausgetauscht hatten. Und umso länger sie im feuchten Gras hockten, desto stärker beschlich die Frau eine Vorahnung. Eine, in der sich irgendein Wahnsinniger aus der Stadt einbildete den gefährlichen Werwolf fangen oder sehen zu müssen. Schließlich hatte es sich im Ort herumgesprochen, dass dieses Vieh innerhalb der letzten Tage zwei Menschen gewaltsam getötet hatte. Es hätte die Braunhaarige also nicht gewundert, wenn es naive Leute gab, die sich als Helden hervortun wollten, indem sie planten Monster zu erschlagen.

Was sollten Rist und Anna also tun? Den leichtsinnigen Mann weiter vorne ansprechen und ihm raten sich schnell zu verziehen, bevor es hier unschön wurde? Ihn weiter nur im Auge behalten und darauf warten, dass der rasende Wolfsmann auftauchte und ihn attackierte?

Der geduckten Schwertkämpferin entkam ein verhaltener, unschlüssiger Laut. Sie wollte ihrem Kollegen gerade etwas zuflüstern, als sie urplötzlich eine leichte Bewegung an ihrer Hüfte wahrnahm. Sie hielt augenblicklich inne, zuckte beinah zusammen. Ihr Medaillon. Es zuckte.

“Rist.”, wisperte sie vielsagend und der Skelliger taxierte sie sofort fragend “Das Amulett.”

Sofort verengte der Mann die dunklen Augen und sah wieder fort, um aufmerksam in die umliegende Gegend zu horchen. Seine Hand wanderte kampfbereit an den Griff seiner wertvollen Waffe, an der das schwarze Gift ölig glänzte. Schnell vibrierte der Anhänger, den Balthar seiner Ziehtochter einst geschenkt hatte, heftiger. Und nicht nur er war in Bewegung geraten, sondern auch der dunkle Schemen des Mannes weiter vorn. Zwar hatte sich jener nicht verwandelt, war also nicht der gesuchte Werwolf, doch er war hastig aus den Schatten der Bäume getreten. So, als ahne er etwas. Und so, als stünde er tatsächlich mit dem Fall des verfluchten Wolfes in Verbindung.

Anna wollte sich erheben, doch bevor sie dies konnte, erhob der besagte Fremde die Stimme herrisch.

“Bleibt, wo ihr seid!”, rief er durch die finstere Nacht und seine Stimme klang rau. Irritiert hielt die Novigraderin in der gestreiften Jacke inne, war sich nicht sicher, wen der Mann meinte. Denn schließlich war er weit genug entfernt, um Hjaldrist und seine Begleiterin kaum zu bemerken. Sie waren im hohen Gras verborgen und hatten keinerlei Geräusche verursacht.

“Ja, euch beide meine ich!”, blaffte der Kerl feindselig und machte damit unmissverständlich klar, dass er damit tatsächlich die zwei Abenteurer ansprach. Letztere warfen einander perplexe Blicke zu. Anna war die, die sich daraufhin zuerst erhob. Gefährlicher Werwolf und vibrierendes Hexeramulett hin oder her. Die fremde Person im Mondlicht hatte nun schon genug Lärm verursacht. Würde die Giftmischerin nun auch noch sprechen, hätte es keinen Unterschied mehr gemacht. Und sie wollte unbedingt wissen, wer der Mann unweit, nahe den Bäumen war. Warum war er hier und wie konnte es sein, dass er Anna und Rist bemerkt hatte, als sei es helllichter Tag?

“Wer seid ihr?”, rief die Hexerstochter mit leicht verstimmtem Unterton.

“Verschwindet!”, maulte der mit dem tiefen Ton drängend zurück. Anna hörte Rist verächtlich schnauben. Der Undviker im grünen Rock stand längst neben ihr, Erklamm in den Händen und die Miene hart.

“Gehen wir hin?”, wollte Rist brummig wissen und seine Freundin nickte sofort. Doch soweit sollte es nicht kommen. Denn kaum eine Sekunde später hallte ein lautes, donnerndes Heulen durch die Nacht. Es glich schon einem dunklen Grölen, das einem die Nackenhaare aufstellte, und noch nie zuvor hatte Anna ihren Silberdolch so schnell in der Rechten gehabt, wie jetzt. Das hohe Geheul normaler Wölfe stimmte in das dunkle des Wolfsmenschen mit ein, klang wie eine bereitwillige Antwort auf eine Forderung. Und dann stoben bereits mehrere Schatten aus dem Dickicht. Man hörte ihre Pfoten im Gras rascheln, ihr Hecheln, das Knurren. Instinktiv drehte die alarmierte Anna Rist den Rücken zu, zögerte, steckte den Dolch wieder fort und zog ihre neue Stahklinge, die sie eilig mit beiden Händen umfasste.

“Verdammt.”, keuchte sie hervor und zu mehr kam sie nicht. Denn ein zotteliger Wolf mit grauem Fell sprang just aus dem hohen Gras und direkt auf sie zu. Sie wich ab, schlug mit der Klinge nach dem Tier und verfehlte es knapp. Das Geraschel ringsum zeugte davon, dass das Wolfsrudel die Menschen längst umzingelt hatte und sie nun umkreiste wie willkommene Beute. Oh, wäre es bloß nicht so düster gewesen!

Anna hörte, wie Rist, der ihr die Rückseite deckte, einen der Vierbeiner wuchtig von sich stieß und wie sein scharfes Axtblatt durch die Luft sauste. Sie hörte ein jämmerliches Jaulen, ein wütendes Bellen. Und sie sah, wie ihr ein schwarzer Wolf gleich in die Flanke fallen wollte. Die aufmerksame Frau wandte sich herum, hob zu und verwundete das aggressive Tier tödlich. Gleichauf hetzte ein weiterer Vierbeiner auf sie zu, schnappte, verbiss sich hart wie ein Schraubstock in ihrem Stiefel und zerrte wild daran. Fast stürzte die Alchemistin ob dem, gab einen erschrockenen Laut von sich. Sie spürte, wie die spitzen Zähne des Wolfes durch das Stiefelleder drangen, doch versuchte die ziehenden Schmerzen zu ignorieren. Ein wütender Kampfschrei entkam der schwer atmenden Hexerstochter, ehe sie zustach und dem wilden Tier den geschliffenen Stahl zwischen die Schultern trieb. Laut knackten Knochen, als das hungrige Schwert niederging wie ein Speer; dies so weit, bis der Ort der Waffe an den harten Boden stieß. Das Wolfsmaul ließ mit einem Mal locker und Anna zerrte ihm ihr schmerzendes Bein zwischen den Kiefern heraus. Dann zog sie das blutbeschmierte Langschwert ruckartig aus dem Tierkadaver. In ihrem Rücken trat Hjaldrist soeben nach einem Wolf, schlug mit der Axt nach und verkrüppelte das knurrende Tier. Einer der Vierbeiner hastete heran, um sich in der metallenen Armschiene des Mannes zu verbeißen. Kurz wurde der gepackte Skelliger von dem starken Wildtier zur Seite gezerrt, wurde es jedoch mit einem weiteren Axtschlag los und fluchte laut in seinem Dialekt. Noch ein Wolf kam von hinten, wurde von Anna abgewehrt. Eines der Tiere verlor durch einen weiten, singenden Klingenstreich die Rute und eilte winselnd von Dannen.

Und dann war da plötzlich eine große Gestalt, die sich vor dem weißen Mond aufbäumte und sich zornig heulend reckte. Anna stöhnte überfordert, als ihr Medaillon wie wild an ihrem ledernen Gürtel hüpfte. Sie erwischte Rist an der Schulter und brachte ihn damit dazu sich dem Werwolf zuzuwenden. Alles ging so schnell. Das riesige, schwarze Biest stürzte auf die beiden, viel kleineren Ausländer zu. Eine Bewegung von Links. Jemand schrie etwas. Dunkles Leder, Geklapper von Ausrüstung, nietenbeschlagene Handschuhe. Ein Mann war zwischen Hjaldrist und Anna gekommen. Es war der von vorhin. Eine weite Kapuze verbarg sein Gesicht. Zwei Schwerter am Rücken. Quen-Splitter barsten zu allen Seiten davon und stoben durch die Nacht wie helle Funken aus Glut und orangem Glas. Anna weitete die Augen, stolperte fast rücklings. Hjaldrist hielt sie gerade noch so am Arm fest und gab einen erschrockenen Ton von sich. Aard. Der schnarrende Werwolf, der die Abenteurer um drei Köpfe überragte, wurde zurückgeschleudert, als sei er nicht mehr als eine kleine Strohpuppe. Meterweit rollte er durch das nasse Gras, bevor er jaulend liegen blieb und den Kopf schüttelte.

Und der Hexer, der sich vermeintlich schützend vor Rist und seiner Freundin aufgebaut hatte, marschierte ohne zu zögern auf das Untier zu; selbstsicher, stolz. Seine Schwerter fasste er dabei nicht an und die jüngeren Leute, die ignorierte er völlig, als er die Stimme erhob.

“Komm zu dir!”, herrschte der Fremde laut und der Werwolf kam auf alle Viere, fletschte die langen Zähne und knurrte grollend. Die langen, schwarzgrauen Wolfsohren angelegt troff ihm der stinkende Geifer zähflüssig aus dem Maul. Der selbstbewusste Hexer breitete die Arme aus, als wolle er das muskelbepackte Monstrum zum direkten Faustkampf fordern. Anna und Rist trauten ihren aufgerissenen Augen kaum. Und noch weniger taten sie das, als der Fremde den verfluchten Wolf mit einem aggressiven Ton anblaffte. Er trat dem Monstrum vollends offensiv entgegen und ersteres wich tatsächlich zurück, um zu fliehen. Vorerst, wohlgemerkt, denn bestimmt käme der Wolfsmensch wieder, um sich seine Beute zu holen. Auch die normalen Wölfe aus dem Wald hatten sich nach dem magischen Quen-Funkensprühen verzogen. Wie ihr großer, viel stärkerer Anführer hatten sie sich scheu zurückgezogen. Und der Hexer, der setzte ihnen nicht nach. Er machte weder Anstalten die kleineren Vierbeiner verwunden, noch den großen töten zu wollen. Nun, da beide fort waren, stand der Mann nur still da und ließ seine Arme wieder sinken. Man hörte ihn schwer und langgezogen ausatmen.

Skeptisch sah die sprachlose Anna dem Kreuz des starken Hexers solange entgegen und ihr Kumpel Hjaldrist, der wirkte noch kritischer. Denn dessen erste Begegnung mit den Mutanten war alle andere als schön gewesen. Ja, damals hatten die Greifenschweine Lin umgebracht. Diese fünf feigen Hurensöhne hatten die unterlegene Novigraderin und den Undviker attackiert und einen harmlosen Göttling für einen Nekker gehalten. Die Eingeweide der kurzhaarigen Frau verkrampften sich heute noch schmerzhaft, wenn sie daran dachte. An dieses Bild, in dem einer der stupiden Hexer das kleine Wesen mit dem weißen Blumenkranz am Kopf aufgespießt hatte wie ein Schwein, das man zum Schlachten geholt hatte.

Anna holte tief Luft, blinzelte überfordert und schüttelte den Kopf, als könne sie ihre traurigen Gedanken damit loswerden wie lästige Fliegen. In diesem Augenblick wandte sich der fremde Hexer zu den wartenden Abenteurern um, die nah beieinander standen und noch immer die Waffen in den Händen hielten. Langsam musterte er sie von oben bis unten und seine schmalen Lippen verzogen sich währenddessen unzufrieden. Seine goldenen Vipernaugen funkelten im Schatten der Kapuze wie die einer Katze und Anna wusste warum: Weil er einen Trank getrunken hatte, der ihn nachts genauso gut sehen ließ wie tagsüber.

“Ich sagte doch, dass ihr verschwinden sollt.”, brummte der Mann mit dem dunklen Umhang bissig und rührte sich kaum von der Stelle. Hjaldrist hatte Anna am Unterarm erwischt und hielt sie daran fest. So, als glaube er, die wahnsinnige Frau hätte irgendwelchen Unsinn vor und als müsse er sie davon zurückhalten.

“Nein.”, antwortete die Kurzhaarige “Wir gehen nicht.”

Der prüfende Blick der Schwertkämpferin wanderte zögerlich an dem sicherlich viel älteren Mann hinab, als jener näher kam. Dabei erkannte sie dessen Medaillon: Den Kopf eines Katers.

Hektisch sah die 20-Jährige wieder auf. Sie war nervös, oh ja, und wie. Und sie umklammerte ihren roten Schwertgriff so fest, dass es fast schon wehtat. Balthar hatte ihr einst von der Katzenschule erzählt. Deren wendige Anhänger waren allesamt von der relativ aggressiven, hinterhältigen Sorte. Sie töteten gern und gut, waren unberechenbar. Jedenfalls sagte man sich das so. Ob es stimmte?

“Die Monsterjagd ist nichts für Kinder.”, kommentierte der heisere Mutant unfreundlich. Es war glasklar wie ernst er seine Gegenüber nahm: Gar nicht.

“Also verzieht euch und geht nach Hause.”, endete er in seinem markanten nilfgaarder Akzent.

“Wir haben den Auftrag den Werwolf zu erledigen.”, schnappte die pikierte Anna sofort, als spräche sie hier mit einem nahezu normalen Mensch “Es ist unsere Aufgabe und wir werden sie auch erledigen!”

Der Hexer lachte freudlos und zeigte seine negative Überraschung nicht.

“Tse. Ich habe in meinem Leben ja schon viel erlebt, doch so etwas habe ich noch nie gesehen: Zwei Kinder, die kaum wissen, wie sie ihre Waffen zu halten haben, jagen einem Lykanthropen nach. Ah, und was ist das?”, der unsympathische Fremde mit dem schmalen, blassen Gesicht kam noch näher und seine Aufmerksamkeit fiel auf den Wolfsanhänger am punzierten Gürtel Annas “Woher hast du ihn, hm? Vom Jahrmarkt? Oder hast du ihn etwa gestohlen?”

Die aufgebrachte Novigraderin wich abrupt zurück und setzte eine zornige Miene auf.

“Finger weg!”, drohte sie, denn sie erinnerte sich nur zu gut daran, was die Drecksgreifen mit ihrem Amulett getan hatten. Gestohlen hatten sie es und in den Fluss geworfen! Der Kater, der lachte im Gegenzug jedoch nur abfällig und trocken. Scheinbar glaubte er tatsächlich es mit einer Kette vom Jahrmarkt zu tun zu haben. Sollte er doch.

“Niedlich.”, provozierte er “Und rieche ich da etwa Argentia und Sewantenpilze? Da hält sich aber jemand für einen waschechten Hexer.”

Die respektlos konfrontierte Alchemistin schwieg auf diese Äußerung hin einfach und sah ihr Gegenüber böse an, reckte stur das Kinn. Rist’s Ausdruck war nicht minder freundlich.

“Lass uns in Ruhe.”, brummte der vernünftigere Skelliger jetzt, damit seine Freundin nicht noch dazu kam irgendetwas Verhängnisvolles zu sagen oder zu tun. Er übernahm das Reden, war mit seiner Art und in solchen Momenten ohnehin besser darin.

“Du kennst uns nicht, also lass uns unser Ding machen. Wenn wir in deinen Augen ‘Kinder’ sind, solltest du dir wegen uns doch keine Sorgen machen, hm?”, sagte der Inselbewohner dem etwa gleich Großen mit den beiden Schwertern am Kreuz. Diese unverhofft diplomatische Weise zu Sprechen brachte den Hexer dazu die Brauen zu heben und zu schmunzeln. Er stemmte sich eine Hand in die Seite.

“Ein Mädchen, das sich für eine Hexerin hält und ein Skelliger, der sich nicht prügeln möchte. Ich dachte, die Situation könnte nicht noch eigenartiger werden, aber das wurde sie gerade…”, säuselte der Kater, der Hjaldrist sicherlich dessen Dialekts wegen als Inselbewohner erkannt hatte. Das Aussehen des Jarlssohns sprach jedenfalls nicht dafür. 

Der belustigte Ausdruck des zwielichtigen Katers schwand kaum einen Moment später wieder und er trat sehr nah an Rist heran, packte ihn äußerst barsch am Kragen und zog ihn so weit zu sich heran, dass sich ihre Nasenspitzen beinah berührten.

“Das hier ist mein Revier. Kommt mir in die Quere und ich töte euch.”, knurrte der Mutant bedrohlich und seine Augen mit der geschlitzten Pupillen funkelten aggressiv.

“Behindert mich bei meiner Arbeit und ich schneide euch Kindern die Kehlen durch und werfe euch in den nächsten Straßengraben.”, drohte der schwer bewaffnete im leise gezischten Ton. Dann ließ er Hjaldrist mit einem Ruck los.

“Verstanden?”

Der Undviker, dem Anna es nicht übel genommen hätte, wäre ihm das Herz gerade kurz stehen geblieben, schwieg. Und die Frau, die Rist mittlerweile zu gut kannte, sah, wie jener kurz zu überlegen schien dem fremden Hexer die blutdurstige Axt in die Schulter zu schlagen. Doch er tat es nicht. War klüger so.

Der Kater wollte sich gerade zum Gehen abwenden, da tauchte der Wolfsmensch wieder auf. Es war vorhersehbar gewesen, dass die geifernde Bestie in dieser verhängnisvollen Nacht zurückkommen würde, doch dass dies so schnell geschähe, hatte sich Anna nicht gedacht. Verschreckt von den Zeichen des Hexers und versehrt durch die Klingen der Ungeheuerjäger, trauten die kleinen Wölfe sich nicht mehr aus dem dichten Unterholz und leckten sich irgendwo zwischen den schützenden Tannen die Wunden. Der Werwolf aber, der war nun noch aggressiver als zuvor. Und als er in das Blickfeld der aufhorchenden Novigraderin hastete, reagierte ihr Amulett erneut. Sogleich sprang das Schmuckstück, sirrte gegen ihre Gürtelnieten. Und der perplexe Mutant, der noch vor ihr stand und dies bemerkte, bedachte sie mit einem eigenartigen Blick.

“Vorsicht!”, blaffte Anna und verhinderte damit, dass der aufrecht gehende, große Wolf mit den messerscharfen Zähnen nach der Schulter des starrenden Hexers schnappte. Der Mutant strauchelte sich der Gefahr entziehend zur Seite und auch die beiden jüngeren Abenteurer wichen mehr schlecht als recht ab. Anna riss den Kopf herum und sah dem Biest nach, das sofort wieder zu der kleinen Gruppe herum fuhr. Hjaldrist umfasste seine Axt fest mit beiden Händen, nahm einen sicheren Stand ein. Anna warf ihre ungeliebte Stahlklinge zur Seite und zog hastig den Langdolch, der vor Mondöl nur so triefte.

“Verwunde ihn!”, rief die kampfbereite Novigraderin ihrem Kumpel mit der giftbeschmierten Axt zu. Zwar war der Sewantenextrakt darauf von dem vorangegangenen Kampf gegen die kleinen Wölfe etwas abgerieben, doch an manchen Stellen konnte man ihn dennoch noch schimmern sehen. Außerdem lag da noch der markante Geruch nach den hochgiftigen Pilzen in der Luft.

“Schon unterwegs!”, bestätigte der dunkelhaarige Skelliger knapp und preschte mit ungebrochener Kühnheit nach vorn, während Anna versuchte an die Seite des knurrenden Monstrums zu gelangen. Sie erkannte im Augenwinkel noch, wie sich der anwesende Hexer ebenso in Bewegung setzte, doch beachtete ihn nicht weiter. Ein Fehler. Denn wenige Sekunden später war er schon bei der Novigraderin und stieß sie so barsch zur Seite, dass sie stürzte. Mit dem verwundeten Bein, in das einer der Wölfe vorhin gebissen hatte, vertrat sie sich und stolperte, schlug sich die Knie und eine Handfläche auf. Sie ächzte laut, verstand nur zögerlich, was geschehen war und sah dann eilig auf.

“Rist!!”, rief sie warnend, doch zu spät. Irgendwie, nein, NATÜRLICH hatte es der nilfgaarder Kater nämlich zu dem Skelliger geschafft. Zwar stand der Undviker gerade noch, doch wankte ein paar Schritte weit unnatürlich benommen zur Seite und blieb dann regungslos stehen. Er hielt seine Axt nicht mehr in den Händen, musste sie ob des fremden Angreifers verloren haben und war demnach unbewaffnet. Schlecht. Sehr schlecht. 

Anna atmete schwer, rappelte sich hoch und duckte sich gerade noch so unter dem massigen Körper des Werwolfs hinweg, der sie bei einem Ausweichmanöver beinah wieder umgeworfen hatte. Sie hörte den Hexer herumbrüllen und sah, wie Hjaldrist benommen und grenzdämlich vor sich hin sah. Wegen Axii. Ganz bestimmt. Dieser verdammte Dreckskerl der Katzenschule!

“Hjaldrist!”, rief die gescheuchte Frau über den Kampfplatz mit dunkler Vorahnung im Blick und nur schleppend sah der Jarlssohn her, setzte sich in Bewegung. Das aber nicht, um im Beistand zu seiner besorgten Freundin zu kommen. Sondern er marschierte mit kaltem Blick voran und klaubte auf seinem Weg das zuvor fortgeworfene Schwert der Frau auf, um jene damit anzugreifen. Vor Überwältigung schreiend strauchelte Anna vor einem Hieb zurück und spürte, wie ihr Knöchel stechend schmerzend rebellierte.

“Hör auf!”, brüllte sie und streckte die Hände abwehrend vor sich aus. Ihr Dolch befand sich nach wie vor in einer davon, doch sie würde den Teufel tun ihn gegen ihren manipulierten Kumpel einzusetzen. Die Schwertschneide schnitt ihr sirrend am Ohr vorbei, als sich die Alchemistin reflexartig fort drehte und den Fehler machte die Augen dabei zuzukneifen und den Atem anzuhalten. Für einen Augenblick hatte Anna geglaubt, es sei aus mit ihr, doch sie stand noch. Oh, sie stand noch. Rist hatte sie wieder knapp verfehlt und so wich sie schnell und geduckt ab. Gerade so, dass sie die Arme nicht über dem Kopf zusammengeschlagen hatte und fast über Erlklamm stolperte. Erst dann fasste sie sich wieder und wandte sich dem Mann zu, behielt dessen Waffe, die unweit am Grund lag, im Augenwinkel. Mit ihr könnte sie sich gegen jemanden, der ein Langschwert führte, eher erwehren, als mit einem Dolch…

“Hjaldrist!”, mahnte die Frau laut, doch der Skelliger schien sie nicht zu hören. Mit festem Schritt kam er auf sie zu gestapft und Anna’s braune Augen wanderten planlos. Doch dann atmete die bedrohte Hexerstochter einmal tief durch, besann sich, riss sich am Riemen. 

Rist war kein Monster. Er war ein Mensch; ein exzellenter Kämpfer. Aber das war Anna auch. Und als ihre prüfenden Augen an dem Undviker hinunter wanderten, musterten und analysierten, dachte sie an ihr erstes Treffen in Blandare. Daran wie ihr ‘Felsen’ finster entgegen geblickt und sich die Faust kampfbereit in die Handfläche geschlagen hatte. Sie erinnerte sich an dessen herausfordernden, abschätzigen Blick, das schiefe Lächeln. Und unweigerlich musste sie genauso schräg schmunzeln.

“Also schön.”, sprach sie flüsternd zu sich selbst, als sie die schmalen Schultern straffte. Sie steckte sich den Dolch beiläufig in den Gürtel, bückte sich hastig, fasste mit fahrigen Fingern nach Erlklamm. Dann stürzte sie sich Rist entgegen. Den lauten Hexer und den brutalen Werwolf hatte sie in diesem prekären Augenblick völlig vergessen.

 

Zu Anna’s Vorteil machte Axii seine Marionetten zumeist orientierungslos. Ja, zwar konnten Katzenäugige ihre Opfer mit diesem Zeichen lenken und ihnen eine temporäre Gehirnwäsche verpassen, doch die Betroffenen wurden dadurch etwas wirr. Und diese Verwirrung seitens Hjaldrist nutzte die gewiefte Alchemistin aus, als sie es wagte in den direkten Nahkampf gegen den furiosen Skelliger zu gehen. Ein, zwei Mal musste sie der blitzenden Schwertklinge ausweichen, steckte einen harten Stoß und einen heftigen Tritt ein. Doch dann kam sie endlich an die Waffenhand ihres Freundes. Ein Ausfallschritt nach links, ein beherztes Greifen nach vorn. Die Kriegerin packte an den Griff des Langschwertes, ließ nicht mehr los. Rist wehrte sich und zerrte an der Waffe mit dem spitzen Ort. Anna hakte einen Fuß hinter die Ferse ihres abwesenden Kumpels, schubste ihn mit seiner eigenen Familien-Waffe, die sie just hielt. Und in seinem verblendeten Zustand stürzte der Mann dadurch tatsächlich rückwärts, ließ Anna’s Schwert aber nicht los und riss die leichtere Frau damit mit sich. Sie gab einen verärgerten Laut von sich, als sie es nur mit Mühe und Not schaffte, die Schneide des Schwertes nicht zu streifen und es stattdessen mit aller Kraft und Erklamm nach unten zu drücken. Es glich einer Kunst sich selbst und Hjaldrist dabei nicht zu verletzen. Die Hexerstochter saß auf dem ächzenden Viertelelf, schimpfte, rangelte.

“Lass los!”, keuchte sie “Komm endlich zu dir, du Idiot!”

Und als das nicht half, ließ sie den Griff der Axt mit einer Hand los, um ihrem besten Freund eine gesalzene Rechte zu verpassen und ihm damit ein blaues Auge zu verpassen.

“Tut mir leid”, stöhnte die Frau abgekämpft “Du hast einen Schlag gut!”

Tatsächlich schrie der liegende Mann jetzt schmerzlich auf und verzog das Gesicht wütend, als er sich an das schmerzende Auge fasste. Und das Langschwert des Schmieds in Riedbrune war frei. So schnell es ging erhob sich Anna also damit, nutzte die Gelegenheit, taumelte zurück und fort von dem geschlagenen Kerl am Grund.

“Scheiße, Mann…”, hustete sie und erschrak, als sie im nächsten Moment von der Seite angerempelt wurde. Der Kater war mit dem breiten Rücken voran gegen sie gelaufen und der Werwolf folgte auf dem Fuße. 

“Nein!!”, brüllte der Mutant flehentlich, doch zu spät. Der riesige Wolf begrub beide Menschen unter sich, knurrte grollend und hob mit der riesigen Pranke zu. Anna, die vor Schreck schrie, hörte, wie es ihr der Hexer mit der Kapuze gleich tat. Doch anders als sie, johlte er nicht vor Überwältigung, sondern vor Schmerz. Die spitzen Krallen des Wolfsmenschen hatten ihn nämlich getroffen und ihm die halbe Seite aufgerissen. Aus geweiteten Augen sah die Novigraderin auf und erkannte nurmehr, wie die weiß aufblitzenden Zähne der Bestie auf sie zuschossen. Anna klammerte sich wie hilflos an beide Waffen, an Axt und Schwert, die sie nach wie vor krampfhaft festhielt und schaffte es nicht eilig zu handeln. Melitele sei Dank war der zähe Hexer schneller als sie. Er skandierte Aard und der Werwolf wurde abermals fort geschleudert, verfehlte mit seinem massigen Körper Rist, der unweit am Boden saß und allmählich wieder zu sich zu kommen schien, knapp.

“Verfickte Scheiße!!”, entkam es der stöhnenden Alchemistin, deren Medaillon am Gürtel nur so sprang, und die schrecklichen Gefühle in ihr suchten sich durch das Gefluche ein Ventil nach Außen “Kacke!”

Der Kater kam daraufhin nur schwerfällig wieder auf die Beine. Anna erkannte, wie er eine kleine Phiole mit den Zähnen entkorkte und sich deren roten Inhalt sofort in den Rachen kippte, ehe er das kleine Behältnis achtlos zur Seite fort warf. Er gab einen frustrierten Laut von sich und was der starrenden Kurzhaarigen erst jetzt auffiel: Er hatte seine Schwerter noch immer nicht gezogen. Oh, dieser Tor!

“Ich weiß, er ist verflucht!”, schnappte die wissende Frau, die erst jetzt wieder auf die Beine kam “Aber ich glaube es ist etwas zu spät, um ihn von der Magie zu erlösen!”

“Nein!”, grollte der Mutant stur “Ist es nicht!”

“Er hätte Euch beinahe zu Frikassee verarbeitet!”

“Halt das Maul, Mädchen!”

Anna gab einen langgezogenen, mies gelaunten Laut von sich. Und dann lief der Mutant auch schon wieder vor, dem heulenden Werwolf entgegen. Dieser Narr! Was wollte er denn? Sich mit dem Biest anfreunden? Er war ein HEXER, verdammt! Die Kriegerin aus Kaedwen ärgerte sich. Müsste SIE den Werwolf etwa erschlagen? 

Innehaltend und unschlüssig auf die beiden Waffen in ihren Händen lugend, entschloss sich die hin und her gerissene Anna Sekunden später dafür das relativ billige Schwert fort zu stecken und die antike Axt aus Undvik zu behalten. Ja, Erlklamm war besser, als ein namenloses, schlichtes Stück Stahl. Und sie war vergiftet, hungerte gierig nach dem Blut des Lykanthropen. Ihr Zweck war es zu töten, hier und jetzt. Anna würde den Werwolf zur Strecke bringen, denn es war ihre Aufgabe! IHRE.

Die Alchemistin mit der hart gewordenen Miene bemerkte kaum, wie sie plötzlich wie von stichelnder Wut erfüllt zu sein schien. Wie sie sich abrupt nach vorn gedrängt fühlte, völlig frei von Angst und eisern entschlossen. Nur warum? Fest umfasste sie den lederumwickelten Axtgriff mit einer Hand und obwohl sie zuvor noch nie mit solch einer Waffe wie Erlklamm gefochten hatte, war sie auf einmal dermaßen überzeugt davon es zu beherrschen, dass sie grimmig zufrieden lachen musste. Oh, sie würde das finstere Biest hier am Platz zur Strecke bringen und erledigen, was der törichte Nilfgaarder nicht vermochte! Der Wolfsmensch würde niemanden mehr ermorden! Anna’s Herz begann damit heftig zu pochen, als sie daran dachte. Und irgendetwas in ihrem Hinterkopf schien ihr laut Beifall zu klatschen. Töten. Sie würde das verfluchte Monstrum töten!

Selbst Rist schaffte es nicht Anna davon abzuhalten sich dem schnarrenden Werwolf mit erhobener Axt entgegen zu werfen. Die kurzhaarige Frau hörte ihn aufgebracht nach ihr rufen und vernahm auch, wie der Hexer schrie.

“Violeta!!”, entkam es dem verwundeten Katzenäugigen, als ginge es um sein Leben. Da ging Erlklamm schon auf das knurrende Biest nieder und scharfes Metall traf auf weiches Fleisch. Anna hatte das größere Geschöpf an der Hüfte getroffen und nur dessen harter Beckenknochen hielt die gut zugeschliffene Axt schließlich auf. Sie ging so tief, dass sie gar in jenem stecken blieb und die keuchende Alchemistin die Waffe mit großer Anstrengung wieder an sich reißen musste. Groß sah sie auf, als sich der Werwolf vor Schmerz aufbäumte und so laut jaulte, dass es in den Ohren schmerzte und durch Mark und Bein ging. Einen Atemzug später wurde Anna auch schon von der Seite gepackt und fortgezogen. Hätte Hjaldrist dies nicht getan, hätte der rasende Werwolf der Frau in der gestreiften Jacke ins Gesicht gebissen. Und so schnell, wie der Inselbewohner seine Freundin erwischt hatte, so entriss er ihr nun sein Familienerbstück, als sei es ein für sie glühend heißes Eisen. Überrumpelt sah die Frau auf und ihrem Kollegen direkt in die verengten Augen. Das eine war vom früheren Schlag blau unterlaufen.

“Mach das nie wieder!”, keuchte der Mann unfreundlicher, als er es wohl wollte. Hatte er etwa Angst um seine Begleiterin aus Kaer Morhen gehabt? Oder war ihm seine Axt dermaßen heilig? 

“Violeta, hör auf!”, die raue Stimme des hinkenden Katers ließ die Abenteurer aufsehen. Und Anna erkannte nurmehr, wie der Werwolf zuschlug und den Mutant damit zu Boden warf. Der verletzte Mann wand sich im Dreck, doch kam nicht mehr hoch.

“Wir müssen ihm helfen!”, keuchte Anna, denn obwohl sie für den Dreckskerl keinerlei Sympathie empfand, wollte sie es nicht zulassen, dass der blutgeile Wolfsmensch ein weiteres Opfer zerriss. Hjaldrist schien zum Glück ähnlich zu denken wie sie und war so schnell bei dem Kater, dass sich die Novigraderin kaum versehen konnte. Sie selbst hingegen, fasste tief in ihre Tasche und fischte daraus eine Kartätsche hervor. Rist hackte nach dem Riesenwolf, der zurückwich. Anna wollte ihr verhängnisvolles Wurfgeschoss zünden.

“Bombe!!”, brüllte sie im Voraus und als hätten sie sich abgesprochen, eilte Rist zur Seite fort, um in Deckung zu gehen. Auf halbem Wege schien ihm aber etwas einzufallen, denn er hielt stockend inne. Einen Herzschlag später war er dann beim blutenden Hexer, hievte jenen mühsam hoch und wollte ihn fort, in Sicherheit, schaffen. Anna sah sich also dazu gezwungen zu den Männern zu eilen und den Werwolf anzuschreien, um den anderen beiden etwas Zeit zu verschaffen. Das verunsicherte Monstrum ließ sich nicht lange vollkommen irritieren, doch es reichte aus. Als sich der abgehetzte Hjaldrist und der blutende Kater einige Fuß weit entfernt hatten, zündete Anna ihre Kartätsche und warf sie dem irritierten Werwolf entgegen. Die Kurzhaarige fuhr herum, hastete fort und Wimpernschläge später knallte es laut in ihrem Rücken. Funken sprühten, roter Feuerschein erhellte die Nacht und schneidende Metallsplitter stoben auseinander. Der verfluchte Wolf raunte und jaulte donnernd. Und er floh. Schon wieder und für diese Nacht wohl endgültig.

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