Kapitel 35

Ein Gefallen für ein Leben

Mutter Herra machte große Augen, als die ihr bekannten Abenteurer den verletzten Hexer in das Lazarett der Stadtwache Riedbrunes brachten. Und dies taten die aufgebrachten Jüngeren mit einem regelrechten Tamtam, mit lauten Bitten um Hilfe und Geschubse. Anna drängelte sich an einem gerüsteten Wachmann vorbei, der etwas perplex im Gang zwischen den vielen Krankenliegen stand, zeterte und rief nach der Vorsteherin der Krankenstation. Und Rist, der hatte dem blutenden Kater einen Arm unter die Achseln geschoben, um jenen aufrecht zu halten und schwerfällig neben sich her zu bugsieren.

Sie kamen keine Sekunde zu früh. Denn als der abgekämpfte Hjaldrist den Hexer mit dem dunklen Mantel gleich auf eine der leerstehenden Holzpritschen hievte, verlor der Fremde das Bewusstsein und erschlaffte völlig. Mutter Herra war, zusammen mit ihrer jungen Gehilfin mit dem langen Zopf, sofort zur Stelle und beugte sich über den blassen, flach atmenden Mann, dessen Lippen von all den getrunkenen Hexertränken bläulich verfärbt waren. Er sah aus wie eine Leiche. Eine, der man die halbe rechte Seite aufgerissen hatte. Anna runzelte die Stirn tief, als sie den Kater zum ersten Mal richtig musterte und wich einen Schritt weit zurück, um den beiden Heilerinnen Platz zu machen. Rist war sogleich neben ihr und beobachtete das hektische Geschehen ebenso kritisch.

“Ob der durchkommt?”, murmelte der Skelliger unsicher und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine grüne Tunika war an der Seite vom Blut des Hexers besudelt worden. Sein linkes Auge, das Anna’s Faust hart getroffen hatte, sah auch nicht sehr gut aus. Doch immerhin nahm der Undviker dies seiner Freundin nicht übel. Noch nicht. Denn gerade, da gab es wohl wichtigeres.

“Mh.”, machte Anna “Hexer sind hart im Nehmen, aber bei ihm bin ich mir echt nicht sicher.”

“Was ist passiert??”, fragte die hell gekleidete Herra dazwischen und sah sich zu den Ausländern um, während ihre Kollegin mit der strengen Miene schon dabei war das zerrissene Oberteil des Kriegers aufzuschneiden, dessen Lederweste fort zu zerren und die schlimmen Wunden des besinnungslosen Fremden zu versorgen. Anna sah auf.

“Ein Werwolf hat ihn erwischt.”, sagte sie schlicht und sah, wie die Miene der sonst so geduldigen Mutter in eine entsetzte Richtung verrutschte. Herra stutzte.

“Ein Werwolf?”, fragte sie, als habe sie nicht richtig gehört. Die Gabelschwanztöter nickten stumm und brachten die Alte damit dazu ein leises Stoßgebet an Melitele gen Himmel zu schicken.

“Die große Mutter stehe uns bei.”, atmete die betagte Heilerin wehleidig “Letzte Woche die Frau vom Kerber und ein Kind… und heute ein weiteres Opfer? Es sind wahrlich trostlose Zeiten, in denen wir leben. Oh, bei Melitele.”

“Ihr habt von dem Wolfsmensch gehört?”, hakte Anna auf diese Äußerung hin interessiert nach.

“Ja. Wer hat das nicht? Überall spricht man von ihm.”, entgegnete die gute Herra den Kopf ungläubig schüttelnd. Sie kam dann jedoch bald auf den Verwundeten auf der Krankenliege zurück:

“Ist er euer Freund?”

“Nein.”, sagte Rist aufrichtig und schnell “Wir haben ihn aus Zufall getroffen, wenn man das so nennen kann.”

Die Alte schwieg daraufhin und taxierte die Kämpfer von oben bis unten, langsam. Ihr war es natürlich nicht entgangen, dass Hjaldrist ein blaues Auge und Anna einen recht unsicheren Stand hatte. Wer wäre sie denn gewesen, wenn sie dies übersehen hätte?

“Der Werwolf hat euch auch angegriffen?”, wollte sie wissen. Die Abenteurer wiegten unschlüssig die Köpfe.

“Mehr oder weniger.”, entkam es der braunhaarigen Hexerstochter; sie zuckte mit den schmalen Schultern und nickte in die Richtung des Katers, der gerade wieder stöhnend zu Bewusstsein kam “Jedenfalls hat er uns nicht so hart erwischt, wie ihn.”

“Mhm.”, machte Herra erleichtert, seufzte und ihre Gehilfin tadelte just den Hexer, dass er doch liegen bleiben solle. Anna horchte auf und ließ die Aufmerksamkeit zu diesem Szenario wandern.

“Wir helfen Euch!”, versprach die mit dem strengen Blick dem Verwundeten “Bleibt liegen, Ihr seid schwer verletzt!”

“Nein!”, keuchte der nilfgaarder Mann abgehetzt und wand sich aus dem festen Griff der langhaarigen Heilerin “Violeta!”

“Wer ist Violeta?”, wollte die aufgescheuchte Ordensschwester wissen und sie schimpfte, als der Hexer ihre Hand fortschlug.

“Fasst mich nicht an!”, fauchte jener und Anna spürte, wie sich ihre Glieder mit einem Mal anspannten. Es war Ärger, gepaart dem genauen Wissen darüber, wozu Mutanten wie der hier in der Lage waren. Man könnte den wankelmütigen Kater nicht hier behalten, wenn er sich dagegen sträubte. Er war viel stärker als alle hier. Auch in seinem derzeitigen Zustand. Denn würde er durchdrehen, weil er unbedingt zu seinem dummen Werwolf wollte, könnte er Unmengen an Kraft mobilisieren. Es war wie die Situationen, in denen normale Leute unmenschliche Kräfte aufbrachten, um ihr Leben - oder das eines Anderen - zu retten. Nur, dass die durchtrainierten Hexer dahingehend verheerend wirken konnten, wenn sie wollten. Daher unternahm die kluge Kurzhaarige nichts, als sich der Verletzte aufrichtete und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die aufgerissene Seite fasste. Seine weite Kapuze war ihm längst vom Kopf gerutscht und entblößte damit halblanges, dunkelbraunes Haar und eine hässliche Narbe, die sich quer über das bleiche Gesicht des Katers zog. Der Kerl mit dem schmalen, fast weibischen, Gesicht sah nicht älter aus als dreißig. Natürlich war er dies nicht, glasklar, und dennoch schien er einer der Jüngeren seines Schlags zu sein.

“Ihr könnt nicht gehen! Ihr verblutet! Seht Euch doch nur mal an, Junge!”, erhob nun auch Herra die Stimme und sie klang dabei wie eine Mutter, die ihr kleines Kind zurechtwies. Die Waffen des Fremden mit der wilden Ausstrahlung schienen ihr vollends einerlei zu sein.

“Sie werden sie töten!”, blaffte der Hexer unfreundlich und kam auf die Beine, dies jedoch bemerkenswert wackelig. Er musste sich auf der hüfthohen Liege abstützen, um nicht einzuknicken, und stöhnte einen leisen Fluch. Anna zog die Brauen skeptisch zusammen.

“Wer tötet wen?”, wollte die strikte Herra wissen und mittlerweile sah die halbe Lazarettbelegschaft her. Kranke, die nicht im völligen Delirium waren, hoben die Köpfe und zwei Wachmänner eilten unschlüssig und rüstungsklappernd näher. Verwundete, die bis gerade eben noch geschlafen hatten, waren zusammengezuckt und starrten ebenso neugierig. Und mittendrin, da stand er versehrte Kater und krümmte sich.

“Niemand tötet hier irgendwen.”, warf Anna jetzt bestimmend ein, denn sie wusste wen der Hexer gerade gemeint hatte: Sie und Rist. Der zwielichtige Kerl mit den zwei Schwertern hatte ganz offenkundig Angst davor, dass die, die er früher noch als nervende Kinder betitelt hatte, den gefährlichen Werwolf zur Strecke brachten. Violeta. Pff. Oh, man musste ja nurmehr Eins und Eins zusammenzählen und man wusste sogleich, was lief: Der Wolfsmensch war eine Frau. Oder eher: Er war eine Frau gewesen und war nun eine Bestie. Ob permanent oder nicht sei dahingestellt. Und der Hexer der zweifelhaften Katzenschule hier, der hatte die besagte Frau, Violeta, einst geliebt, tat es nach wie vor. Der verknallte Narr hoffte sicherlich darauf den üblen Fluch, der auf seiner Liebsten lag, zu lösen. Doch augenscheinlich wusste er nicht wie. Ja, so musste es doch sein?

“Violeta ist sicher. Vorerst.”, brummte Hjaldrist, um die Worte seiner Freundin zu unterstreichen. Sehr glücklich sah er dabei nicht aus, denn wie Anna hätte er den dreckigen Lykanthrop gerade am liebsten ins Jenseits geschickt. Doch viel mehr als die Frau aus Kaedwen war er Realist. Und es war ihm klar, dass sich der Werwolf für diese Nacht zurückgezogen hatte. Ihn zu finden wäre für die Abenteurer schwierig, denn Anna hinkte und der Unviker sah nur noch auf einem seiner Augen gut. Gegen einen verfluchten, zwei Meter großen Wolf könnten sie in solch einer Verfassung nichts tun. Scheiß Situation.

 

Der Hexer neben der Pritsche hatte inne gehalten, als die beiden Monsterjäger gesprochen hatten. Irritiert aufgehorcht hatte er und aus schmerzlich zusammengekniffenen Vipernaugen aufgeblickt. Und nun stand er da, an die harte Liege gelehnt, und starrte den viel Jüngeren entgegen. Zwischen all der Pein, die ihn plagte, blitzte dabei etwas durch, das aussah wie die Miene eines Mannes mit sehr, sehr gemischten Gefühlen in der Magengegend. Er biss die Zähne zusammen und wehrte sich nicht mehr, als Mutter Herra an ihn heran trat, um ihn zurück auf das Krankenbett zu drücken. Nun, er legte sich zwar nicht hin, doch saß zumindest wieder. Und das war immerhin besser, als zu stehen. Die Kollegin der Heilerin machte Anstalten sich erneut den Wunden des Hexers zuwenden zu wollen. Und letzterer, wiederum, hatte seine goldenen Augen nicht von den Ausländern gelassen. Sie klebten prüfend auf jenen, als der Mann die Zähne seines Schmerzes wegen so fest aufeinander presste, dass man sah, wie seine Kiefermuskulatur arbeitete.

Rist und Anna rührten sich nicht vom Fleck und würden stille Beobachter bleiben, sollte man sie nicht direkt ansprechen. Was sollten sie denn auch schon sagen? Im Prinzip hätten sie genauso gut gehen können. Also warum taten sie es nicht? Weil sie fürchteten, dass der unberechenbare Kater Mutter Herra und deren Schwester schaden könnte? Wahrscheinlich. Ja, man wusste doch nie. Abgesehen davon erwarteten sie sich nichts von einem Typen wie dem Mutant mit dem markanten Akzent.

“Ihr…”, begann der dunkelhaarige Mann dann nach einem langen Schweigen, das hier und da erfüllt gewesen war vom schnippischen Murren der jüngeren Heilerin, leisen Kommentaren seitens Herra und gequältem Zischen des sitzenden Hexers “Ihr habt mich… gerettet…”

Anna hob die Brauen weit und sah aus den Augenwinkeln zu Rist hin. Ihr Kumpel sah in dieser Sekunde ebenso so ihr und schenkte ihr einen bedeutsamen Blick. Was käme NUN wohl?

“Ihr… habt mir… das Leben gerettet…”, keuchte der Kater leise und so, als tropften ihm diese ungeliebten Worte zäh wie Harz von den Lippen. Von der Seite aus sah er zu den Jüngeren und seine Augen muteten eher so an, als straften sie die Abenteurer. Anna war sich also nicht sicher, was sie antworten sollte. Zum Glück tat Hjaldrist das für sie.

“Sieht so aus.”, kommentierte der Jarlssohn trocken.

“Warum?”, fragte der Kater mit der dunklen Stimme und den wirren Haaren sofort “Warum… solltet ihr jemanden wie mich… retten, hm?”

“Vermutlich, weil wir nicht ganz so große Arschlöcher sind.”, brummte Rist in grimmiger Belustigung.

“Und weil wir Leute vor Monstren retten.”, fügte Anna noch mit einem Funken Stolz im Unterton hinzu. Wäre es dem Kater auf der Krankenliege besser ergangen, hätte er nun bestimmt verächtlich gelacht. Doch der scharfe Alkohol der Heilerinnen brannte in seinen Wunden und die Nadel, die die junge Schwester durch seine geschwollene Haut zog, stach das rebellierende Fleisch. Also konnte er nur entnervt stöhnen und gleich darauffolgend einen gepeinigten Laut von sich geben.

“Haltet bitte still.”, meinte die strenge Schwester mit dem Zopf. Sie verzog keine Miene.

“Ihr glaubt wohl wirklich... dass ihr Hexer seid, ihr Narren...”, murmelte der verwundete Kater verächtlich und musste den Kopf schütteln. Sein Blick war nach wie vor feindselig, jedoch nicht mehr ganz so tödlich wie noch vor etwa einer Stunde. Er schnaufte tief aus, krallte sich an seinen dicken Mantel, der ihm von den Schultern gestreift worden war, und wirkte, als versuche er seine Schmerzen, die ihm Schwindel bescherten, zu verdrängen. Er blinzelte, maß die zwei Abenteurer aus dem Augenwinkel mit unzufriedenen Blicken.

“Vielleicht.”, sagte Anna leichthin “Es kann Euch ja egal sein.”

“Ist es nicht.”, knurrte der Kater und Rist rollte mit den braunen Augen. Die Novigraderin schwieg. Doch der Hexer, den beschäftigte das ganze Thema offenbar ungemein, weswegen er nicht damit aufhören konnte zu reden.

“Euer Medaillon hat reagiert, Mädchen.”, merkte er an “Es ist echt.”

“Ja.”, bestätigte die Angesprochene “Und nein, es ist nicht gestohlen, falls Ihr wieder damit anfangen wollt mich zu verspotten.”

Der Kater befeuchtete sich die trockenen Lippen mit der Zunge und holte Luft, um eine Frage zu stellen. Doch im letzten Moment entschied er sich offenbar dagegen und blieb still. Zum Glück. Mit hängendem Kopf sah er von den Jüngeren fort.

Herra’s Assistentin nähte viele Stiche, bis der Mutant wieder damit anfing zu sprechen. Er brach die klamme Stille, die sich im Lazarett aufgetan und sich als seltsame Atmosphäre über die Anwesenden gelegt hatte. Anna und Rist hatten mittlerweile erkannt, dass sie nurmehr hier waren, um darauf zu warten ebenso behandelt zu werden. Die arme Novigraderin bräuchte einen sauberen Verband für ihr Bein und der blau geschlagene Hjaldrist ein kaltes Tuch für sein Gesicht. Sobald die Heilerinnen mit dem viel kritischer versehrten Kerl aus Nilfgaard fertig wären, würden die Gabelschwanztöter vorsichtig nach beidem fragen.

“Ich schulde euch etwas.”, stellte der Kater plötzlich fest und ließ die Reisenden damit skeptisch aufsehen “Ihr habt mein Leben gerettet… daher stehe ich in eurer Schuld.”

Wieder folgte ein eigenartiger, vielsagender Blickwechsel zwischen Anna und Hjaldrist. Einer, nach dem der Ersteren nur ein planloses ‘Achso?’ einfiel.

“Was kann ich also für euch tun…?”, fragte der gebeugt sitzende Hexer, als der letzte Schnitt in seinem blutbeschmierten Oberkörper vernäht wurde. Sein Gesicht war fahl und er wirkte zunehmend müder. Schließlich hatte er viel Blut verloren. Er saß nur noch seines mutierten Schlags wegen aufrecht. Und vielleicht auch wegen dem Schwalbentrank in seinen Adern.

“Also. Ich hätte mir ja nicht gedacht, dass jemand wie Ihr so ehrenvoll ist, dass er Schulden solcher Art auf sich nimmt.”, sagte Anna frei heraus und verkniff sich ein freudloses Lachen.

“Warum?”, brummte der Kater und taxierte sie schon wieder auf unangenehme Art und Weise.

“Mein Vater hat mir nicht ganz so nette Dinge über Eure Schule erzählt. Und ehrlich gesagt entsprach der erste Eindruck, die ich von Euch hatte diesem Bild sehr genau.”

“Ich kann mir denken, was du meinst.”, murmelte Rist seiner besten Freundin wenig begeistert zu.

“Tse.”, machte der Mutant “Wie auch immer.”

“Wir haben also etwas gut bei Euch.”, wiederholte die Giftmischerin und musste schmal lächeln, als sie auf den Punkt kam “Und wo ich so darüber nachdenke… ja, ich hätte da eine Idee. Wenn es Euch wirklich ernst ist, besprechen wir sie morgen. Dann, wenn alle wieder halbwegs bei sich und wohlauf sind.”

Hjaldrist nickte langsam, schien diesen Entschluss gut zu finden. Gleichauf linste er aber auch fragend zu seiner burschikosen Begleiterin hin. Er fragte sich wohl, was da in Anna’s verrückten Kopf herumgeisterte. Sie würde es ihm später auf dem Heimweg in die Taverne erzählen.

 

“Du willst WAS?”, schnappte Rist verblüfft, als er seine Freundin von der Seite aus irritiert ansah. Er verlor dabei beinahe das kühle, feuchte Tuch, das er sich an das blau gehauene Auge hielt. Anna lächelte bloß schief und holte Luft, um zu wiederholen, was sie gerade gesagt hatte:

“Ich will, dass er mir ein Hexerzeichen beibringt.”, meinte die Kriegerin, die neben ihrem Kumpel aus Skellige durch die Nacht hinkte, selbstbewusst. Ein frischer Verband aus dem Lazarett Herras wand sich unter ihrer ledernen Hose und dem Stiefel um ihr rechtes Bein. Es schmerzte schon gar nicht mehr so stark wie früher und die Wolfsfänge hatten sie oberflächlicher erwischt als zunächst angenommen. Welch ein Glück! 

“Aber, Anna, du bist keine Hexerin. Wie willst du solchen Hokuspokus lernen, hm?”, wollte der äußerst skeptische Hjaldrist zurecht wissen. Anna hörte nicht mit dem Grinsen auf. Sie warf einen nahezu überlegenen Blick zu ihrem unwissenden Begleiter hin.

“Man muss kein Hexer sein, um Zeichen zu lernen.”, sagte sie knapp und dies war richtig.

“So? Na, aber Zauberin bist du auch keine. Schon vergessen?”, bekrittelte Rist weiter und sah Anna an, als glaube er, sie sei beim chaotischen Kampf gegen den Werwolf zu hart auf den Schädel gefallen. Kurz nahm er sich das saubere Tuch vom Gesicht, drehte es um und hielt es sich dann wieder vorsichtig an die geschwollenen Lider.

“Ich muss auch keine Zauberin sein, um Zeichen zu erlernen, Rist. Denn sie gehören zur simpelsten, niedersten Magie. Klar, es ist für einen Normalsterblichen dennoch nicht leicht sie zu lernen, aber dennoch…”, sinnierte Anna weiter und rieb sich grüblerisch das Kinn. Aus einer Taverne an der Straßenecke tönte laute, hüpfende Musik und wilder Gesang. Man konnte das lustige Stampfen der Füße der Gäste und das schräge Fideln einer verstimmten Geige hören.

“Also…”, schnaufte der Skelliger und fasste zusammen: “Du willst den Hexer morgen treffen und von ihm verlangen, dass er dir ein Zeichen beibringt. Und dann? Willst du, dass er mit uns reist? Dass wir hier bleiben? Hast du vielleicht daran gedacht, dass er nicht der… nun, ‘angenehmste’ Zeitgenosse ist? Ich meine, du hast ihn doch gesehen und gehört. Er ist ein Kotzbrocken. Einer aus Nilfgaard auch noch dazu.”

“Mh.”, gab die legere Frau zurück und zuckte mit den schmalen Schultern “Mal sehen. Vielleicht stimmt er gar nicht zu. Und wer weiß? Vielleicht hat er doch mehr mit seinem Schlag gemeinsam als angenommen und taucht überhaupt nicht auf?”

“Das stimmt. Aber trotzdem: Was, wenn er einwilligt? Was dann?”, hakte der verletzte Undviker weiter nach und blieb damit so hartnäckig, wie er es sonst nur im Kampf war. Scheinbar beschäftigte ihn das Thema ‘Anna und Zeichen’ unerwartet stark. Die Kurzhaarige maß ihn mit einem forschenden Blick und gemischte Gefühle wogten in ihrer Magengrube auf. Schätzte sie es, dass sich ihr guter Freund so sehr um sie scherte oder war es ihr zu viel?

“Naja, mir persönlich wäre es am liebsten, wenn er mit uns kommt.”, gab sie ganz offen zu “Aber… ganz ehrlich? Sollte er zustimmen, was ich inständig hoffe, würde ich auch hier bleiben, um zu lernen. Oder ein Stück mit ihm gehen.”

“Das ist ja ganz schön egoistisch.”, bemerkte Hjaldrist kritisch, konnte sich ein schmales Schmunzeln jedoch nicht verkneifen. Es war, als hätte er im Vorhinein genau gewusst, was ihm seine beste Freundin antworten würde. Natürlich hatte er das.

“Mag sein.”, grinste die ertappte Novigraderin “Stört es dich?”

Man sah, wie der Mann im grünen Rock auf diese Frage hin die Stirn tief runzeln musste. Und ob er tatsächlich nachdachte oder nur so tat, war Anna nicht ganz klar, zugegeben. Ihre braunen Augen verengten sich forschend. Manchmal wünschte sie sich, sie könne in den Kopf Hjaldrists hinein sehen.

“... Nein.”, entkam es Rist Momente später schon und er klang einen Deut lethargisch dabei. So, als sei es selbstverständlich, dass die ehrgeizige Monsterjägerin Entscheidungen traf, denen er einwilligte, weil er keine andere Wahl hatte. 

“Nachdem ich dir so und so stets an den Fersen klebe, soll es mir einerlei sein, wo du hin rennst.”, setzte der gerade sehr nachgiebige Mann seinem Entschluss noch hinzu.

“‘An den Fersen kleben’...”, wiederholte Anna mit tieferem Unterton, der sie verschwörerisch klingen ließ “Das klingt eigenartig. Frida klebte mir auch auf den Fersen und das war ganz schön gruselig.”

“Tja. Irgendwer muss eben auf dich aufpassen.”, schnaubte Hjaldrist belustigt und schenkte seiner Kollegin solch einen vielsagenden Blick, dass sie erheitert lachen musste. Zusammen bogen sie in die düstere Straße ein, in der sich ihr Gasthaus befand.

“Aufpassen, hm? Sei froh, dass wir Freunde sind, sonst hätte ich jetzt ganz schnell Reißaus genommen, um vor meinem beharrlichen Verfolger zu flüchten.”

“Pff.”, meckerte der Dunkelhaarige im Halbernst weiter “Und ja, aufpassen. Oder eher: Beschützen. Vor dir selbst, vor lüsternen Rittern, vor unberechenbaren Hexern…”

“Was? Hallo??”, empörte sich Anna und war dabei eine schlechte Schauspielerin, die ihr Amüsement nicht so ganz verbergen konnte “Da will jemand noch ein zweites blaues Auge haben, dünkt mir!”

Rist vergrößerte den Abstand zwischen sich und der maulenden Giftmischerin auf diese Äußerung hin grinsend und fing einen Blick auf, der die Situation endgültig zum reinsten Gewitzel erklärte. Dennoch schaffte er es relativ schnell wieder recht ernst zu werden. Denn kaum ein paar Meter Fußweg später, sprach er die humpelnde Anna erneut auf den nilfgaarder Kater an:

“Und was willst du von ihm lernen?”, fragte der Undviker und brach damit das nächtliche Schweigen. Er ging schon wieder relativ dicht neben seiner Kumpanin her. Anna sah aus ihren Gedanken auf.

“Hm?”

“Welches Hexerzeichen? Und… wie viele davon gibt es überhaupt?”

“Oh. Ich kenne fünf: Aard, Axii, Yrden, Quen, Igni und Somne.”, erklärte die wissende Frau aus Kaedwen. Sie lächelte schwach, denn es freute sie, dass Rist nachfragte. Anna mochte es über Dinge zu plaudern, die sie persönlich etwas angingen und die sie jahrelang studiert hatte. In dieser Hinsicht war sie manchmal schon ganz schön von der trockenen Theorie und sich selbst begeistert.

“Aard… naja, das kennst du ja schon. Axii auch - seit heute. Igni ist das Heraufbeschwören von Feuer, Yrden eine Art… magische Falle? Quen wirkt wie ein Schild. Das hast du heute auch gesehen, als sich der Hexer zwischen uns und den Werwolf geworfen hat. Und Somne ist eine Art primitiver Schlafzauber, der einen Dinge vergessen lässt.”, sagte Anna neunmalklug und spürte die Augen ihres interessierten Gefährten von den Inseln auf sich hängen.

“Und welches dieser Zeichen willst du lernen, hm?”, fragte Hjaldrist nach. Noch einmal nahm er sich das weiße Tuch vom Auge, drehte es um und drückte sich die kühlere Seite des feuchten Lappens an das schmerzende Gesicht. Und Anna ertappte sich dabei keine genaue Antwort auf die Frage des Schönlings zu finden. Sie zog die Brauen zusammen, wiegte den Kopf abschätzend und gab einen nachdenklichen Laut von sich.

“Hm… also Igni fällt weg. Glaube ich.”, schätzte sie “Es ist angeblich das schwierigste Zeichen. Feuer ist nicht leicht zu kontrollieren.”

“Und ein Aard hast du schon.”, kommentierte Rist so ernst, dass es im momentanen Kontext fast schon niedlich klang. Die heitere Alchemistin verkniff sich einen dummen Scherz.

“Richtig.”, stimmte sie zu “Also bleiben noch Axii, Somne, Yrden und Quen.”

“Welches ist davon wohl am einfachsten zu beherrschen?”

“Also auf Anhieb tippe ich auf Quen. Man muss damit keine anderen Menschen oder Lebewesen beeinflussen und sich nur auf sich selbst konzentrieren. Jedenfalls anfangs. Das macht es im Vergleich zu Axii oder Somne beispielsweise leichter.”

“Das war das Schild, das leuchtend splittert, wenn es bricht.”

“Genau.”, nickte die Hexerstochter.

“In Anbetracht dessen, dass du für meinen Geschmack viel zu oft auf die Schnauze fällst, würde ich dir auch tatsächlich zu dem Zauber raten, Flohbeutel. Zu Quen.”, lächelte Hjaldrist und ein harmloser Hohn lag dabei in seiner Stimme. Anna boxte ihm dafür so barsch gegen den Oberarm, dass er ächzte.

“Ey! Sei nicht so ein Arsch.”

“Ich bin kein Arsch, ich mache mir nur Sorgen.”

“Jaja...”, grinste die Alchemistin und ihr unsäglicher Sturkopf befahl ihr in diesem Augenblick sich aus Prinzip gegen Quen zu entscheiden. Vielleicht wollte sie den im Grunde sehr klugen Hjaldrist ganz unterbewusst nicht Recht geben oder sich nicht als schwach darstellen. Womöglich wollte sie wieder die Harte, Unbesiegbare spielen; jemanden, der keinen Schild vor nichts und niemanden braucht. Und obgleich der anwesende Jarlssohn nicht im Unrecht war, schwenkte das Gemüt seiner Begleiterin in eine kindisch-trotzige Richtung. Zwar schimpfte sie nicht herum, sondern gab sich locker; doch in ihrem Kopf hatte sie sich von der Idee rund um Quen und den sehr praktischen, angenehmen Seiten dieses Zeichens abgewandt. Dies innerhalb von wenigen Herzschlägen und so flatterhaft wie eh und je. Sie konnte einfach nicht anders, war nunmal so. Wieder nach vorn, der dunklen Straße entgegen, sehend, tippte sich die burschikose Frau grüblerisch an die trockenen Lippen und glaubte einen festen Entschluss gefasst zu haben. Einen, der sie als hart im Nehmen und Stark im Auftreten stützte. Und einen, der gegen Rist’s Äußerung, die sie als Tollpatsch und Idiotin dargestellt hatte, hielt.

Ja, Axii, Gedankenmanipulation, erschien der starrköpfigen Anna gerade als sehr gute Alternative zu einem magischen Schild. Dieses Zeichen wäre im Gegenzug zu Quen zwar viel schwerer zu meistern, doch sie würde es schaffen. Denn bisher hatte sie immer so gut wie alles geschafft, nicht wahr?

 

*

 

Schwer ausatmend stützte sich die benebelte Hexerstochter auf der kleinen, abgegriffenen Kommode ab, die da im spartanischen Zimmer stand. Ein eckiger Spiegel hing in Kopfhöhe an der Wand über dem Möbelstück und zeigte Anna das Bild einer beachtlich blassen Frau in locker sitzender Kleidung, der die Haare vom Schlafen noch wirr vom Kopf abstanden. Ein feuchter Lappen aus weichem Leinen lag da neben einer verbeulten Waschschüssel auf der Ablage. Es war der, den sich Rist gestern Abend an das schmerzende Auge mit den geschwollenen Lidern gedrückt hatte. Der argwöhnische Mann, dessen Gesicht schon wieder viel besser aussah, verweilte soeben angespannt im Hintergrund und beobachtete seine ächzende Freundin stumm. Still und äußerst kritisch; so wie immer, nachdem sie Gift geschluckt hatte.

Angestrengt kniff die Kriegerin mit den wackeligen Beinen die braunen Augen zusammen und spritzte sich etwas Wasser aus der Waschschüssel in das Gesicht, atmete tief durch und lehnte sich zunehmend unkoordiniert an die hölzerne Kommode. So, wie es jemand tat, der nach einer durchzechten Nacht mit zu viel Schnaps aus einer stickigen Taverne taumelte und orientierungslos Halt an einer nahen, schiefen Hauswand suchte. 

Scheiße. Es war keine gute Idee gewesen das Gemisch aus Äther und Vitriol noch vor dem Frühstück zu trinken...

Anna fuhr sich mit der kalten Hand über das nass gespritzte Gesicht, aus dem just jeglicher, kümmerlicher Rest an gesunder Farbe wich. Und Hjaldrist’s Miene, die verrutschte in eine äußerst alarmierte Richtung, als seine Freundin, die sich einen Moment später krümmte, Anstalten machte trocken würgen zu müssen. Fahrig hielt sie sich einen Handrücken vor den Mund, konnte nichts dagegen tun, dass ihr der Speichel ungehalten von den Lippen rann. Sie blinzelte überfordert, stöhnte leise. Dann wurde es ihr kurz schwarz vor Augen. Nur für einen Herzschlag lang. Und als sie wieder zu sich kam, knickte sie ein. Erschrocken suchte sie dabei Halt, fasste nach vorn und ihre zitternden, feuchten Finger streiften kühles Metall, griffen zu. Die alte Metallschale gab natürlich nach. Es schepperte laut. Wasser machte Anna die gesamte rechte Seite von der Taille abwärts nass, klebte ihr die Kleidung dort unangenehm an den Körper. Und ehe sie verstand, was passiert war, saß sie am staubigen Boden. Da war plötzlich Rist und er wirkte sehr besorgt. Anna sah ihn aus gläsernen Augen an, so, als blicke sie durch ihn hindurch; einen Moment lange, zwei, drei. Der Skelliger sagte irgendetwas, doch sie verstand ihn nicht. Und dann, dann krampfte sie abrupt. Wieder war da die haschende Schwärze. Die Vergiftete bekam keine Luft. Rist rief irgendetwas, versuchte sie still zu halten. Die Novigraderin lag am Boden. Warum lag sie am Boden? Sie konnte nur noch ausatmen, doch keine Luft holen. Atmen. Es ging nicht.

Anna bemerkte nicht, wie sie röchelte und japste, nach Luft rang und wie ihr Leib zuckte wie der eines sterbenden Tieres. Sie realisierte nicht mehr was geschah, verstand nicht, dass sich ihre rebellierende Kiefermuskulatur so sehr versteifte, dass Hjaldrist ihren Mund nicht aufbekam, um ihr Gegengift in den zugeschnürten Rachen zu kippen. 

Anna würde sich nicht an die verzweifelten Worte ihres aufgebrachten Freundes erinnern, die er von sich gegeben hatte, als ihr der Schaum vorm Mund stand. Daran, wie sie gerüttelt, geohrfeigt und schließlich in eine schlampige Seitenlage gedreht worden war, damit sie nicht noch an ihrem eigenen Erbrochenen erstickte. Denn als Anna wieder zu sich kam, was das Letzte, an das sie sich erinnerte, die fallende, scheppernde Wasserschüssel mit den vielen Dellen. Sie blinzelte, murmelte unverständliche, kontextlose Dinge. Und die Situation, in der sie sich fand, war ihr nicht unbekannt; nicht mehr. Denn schon einmal hatte sie nach einem fürchterlichen Anfall mit angsteinflößend langen Gedächtnislücken gespürt, wie man sie festhielt. Und sie hatte das erleichterte, sehr entnervte Seufzen Hjaldrists schon oft gehört. Sie beide saßen am feuchten Holzboden und hätten auf Außenstehende sicherlich gewirkt wie ein großes Häufchen Elend. Den Kopf an die Schulter ihres Kumpels und Retters gelegt, lehnte Anna da, völlig entkräftet und frierend. Ihre Zähne klapperten, als habe sie Schüttelfrost und sie zitterte am ganzen Leib. Wie jemand, der in einer eisigen Winternacht Wärme an einem wohligen Lagerfeuer suchte, drängte sich die verwirrte Frau also dem nervlich müden Rist entgegen. Denn dessen Körper war warm und die starken Arme des Undvikers hielten sie davon ab wieder nieder zu sacken, denn selbst das Sitzen wäre für Anna schwer gewesen. Sie war völlig konfus, schwach. Wie ein wehrloses, kleines Kind war sie und im Normalfall hätte sie sich in diesem seltsam intimen Augenblick mehr als nur betreten gefühlt. Die ungewöhnliche Situation, in der sie solch enge Nähe zu Rist suchte und jener dies auch noch zuließ, hätte sie durcheinander gebracht und sie dazu gedrängt irgendwelche dummen Scherze zu machen. Witzelnd hätte sie ihren Freund geschubst und sich ein Stück von ihm entfernt. Ja, normalerweise. Doch gerade, da war nichts normal. Und es war nicht schlimm, dass der stille Hjaldrist seine bibbernde Freundin festhielt, weil jene unglaubliche Schwierigkeiten damit hatte wieder richtig zu sich zu kommen. Ja, es war in Ordnung.

 

*

 

Ravello starrte sich schon seit der Ankunft der Abenteurer vor der Taverne, in der er sich eingemietet hatte, die Augen aus dem Kopf. Denn nicht nur Anna und Rist waren aufgetaucht, sondern auch eine dritte Gestalt mit feindseligem, leicht paranoidem Blick. Der Hexer, der gestern Nacht noch schwer verwundet und blutend im Lazarett der Stadtwache gelegen hatte. Seine Lebensretter hatten ihn vor etwa einer Stunde in der besagten Krankenstation aufgesucht und festgestellt, dass der zähe Kater bereits dabei gewesen war in seine volle Montur zu schlüpfen. Dies etwas schwerfällig, aber dennoch. Hjaldrist hatte ganz schön dumm aus der Wäsche gesehen, als er dies beobachtet hatte. Doch Anna, die hatte das Verhalten des schnippischen Mutanten nicht sehr gewundert. Schließlich wusste sie nur zu gut, wie viel diese Leute aushielten. 

Früher einmal, da hatte sie erleben müssen, wie ein verdammt aggressiver, männlicher Königsgreif ihren Ziehvater Balthar schlimm zugerichtet hatte. Das große Tier hatte sein Revier verteidigt und der Hexer hatte sich im Kampf gegen das Ungeheuer einen großen Fehler geleistet. Er hatte die damals 15-jährige Anna fort gestoßen, damit das kreischende Biest die Klauen nicht in sie schlug. Ja, die Novigraderin sah es noch ganz genau vor sich: Wie sie vor Entsetzen johlend schrie und das riesengroße, flatternde Wesen auf sie zu stürzte. Wie es mit dem Schnabel nach ihr hackte und sie mit einem wuchtigen Flügelschlag umwarf. Wie Balthar zwischen sie und den schnarrenden Königsgreif kam und an des Mädchens statt getroffen wurde. Melitele, das war blutig gewesen! Anna hatte geglaubt, es sei um ihren Mentor geschehen, hatte seinen Namen geschrien und geheult wie ein Schlosshund. Doch stattdessen hatte der langhaarige Mann den Greif erledigt und war dann erst einmal etwas mit Vadim trinken gegangen.

Hexer waren verdammt hart im Nehmen. Und der Kater war keine Ausnahme. Die Frau in der gestreiften Jacke ließ den Blick von jenem fort weichen und maß Ravello stattdessen tadelnd. Könnte der dämliche Beauclairer bitte einmal damit aufhören den Mann aus der Katzenschule anzugaffen, als sei jener ein Zirkusbär?

Die Kurzhaarige räusperte sich, als sie da neben Hjaldrist auf der breiten Tavernenbank saß und gerade einen Teller Rührei mit Speck vor die Nase gestellt bekam. Ein längst überfälliges Frühstück, denn die arme Anna hatte mittlerweile einen unglaublichen Hunger. Vorhin, da hatte sie sich des Giftes wegen noch übergeben müssen und ihr Magen hatte rebelliert wie nach dem Genuss von längst verdorbenem Fisch. Doch nun, da ging es wieder. Zum Glück.

“Also…”, fing die noch etwas bleiche Kriegerin an und wandte die Aufmerksamkeit wieder dem anwesenden Mutant zu. Jener sah sie durchdringend aus seinen goldenen Augen an. Er hatte sich nichts zu essen bestellt und hielt sich stattdessen an einem hölzernen Bierhumpen fest.

“Was wollt Ihr?”, der nervöse Kater kam damit sofort auf den Punkt, ohne jegliches Geplänkel oder Zögern. Sein Ausdruck war kalt und seine scharfe Direktheit stieß der Novigraderin ein wenig vor den Kopf. Sie hielt inne, gab einen irritierten Laut von sich. Rist sah ernst zwischen ihr und dem Hexer hin und her, als er sich ein dick belegtes Schinkenbrot in den Mund steckte. Dabei hingen seine dunklen Augen öfter und länger an Anna, die er immer wieder prüfend taxierte. So, als befürchte er, sie klappe heute noch ein zweites Mal keuchend und wild zuckend zusammen.

“Ich will, dass Ihr mir ein Hexerzeichen beibringt.”, sagte die Giftmischerin nach vielen Wimpernschlägen endlich und durchbrach damit die Anspannung, die über der kleinen Gruppe gehangen hatte. Ravello runzelte die Stirn, wusste ganz augenscheinlich nicht, worum es ging. Und der Hexer ließ seinen großen Bierkrug sinken, sah Anna zuerst perplex, dann zunehmend böse an.

“Was?”, hakte der Kater so ungläubig nach, als habe er sich verhört.

“Bringt mir ein Zeichen bei. Ihr sagtet, dass Ihr in unserer Schuld steht und das ist der Preis. Dafür, dass wir Euer Leben gerettet haben.”, meine die drängende Alchemistin frei heraus, bemühte sich um einen festen Blick und einen bestimmenden Ton. Sie wusste schließlich, dass sie bei diesem Mann hier nicht weit kommen würde, würde sie nett und nachgiebig sprechen. Er war ein abgebrühter Mutant, ein Exemplar einer gefährlichen Schule mit fragwürdigem Ruf. Bei den Bären oder den Wölfen käme man mit lieben Gesprächen vermutlich relativ weit. Bei den Katzen nicht.

“Also?”, fragte die Frau erwartungsvoll, während Ravello und Rist ihrem Blick abwartend folgten. Der Ritter in dem weiß-blauen Wappenrock wirkte unverändert nervös und Hjaldrist äußerst kritisch. Ein langes Schweigen entstand und man sah, wie der unfreundliche Hexer damit anfing gründlich nachzudenken. Man konnte seinen Kopf förmlich arbeiten hören. Am Ende, und als er zu einem festen Entschluss gekommen zu sein schien, richtete er die Vipernaugen auf seine Gesprächspartnerin zurück. Es mutete so an, als sei der Skelliger ihm einerlei geworden und als ignoriere er den gaffenden Krieger aus Toussaint völlig. Ja, Rist war für ihn unwichtig und Ravello Luft.

“Nein.”, entkam es dem dunkel gekleideten Kerl schlicht. Anna’s Miene wurde strenger. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Backenzähne und verzog den Mundwinkel unzufrieden.

“Warum nicht?”, wollte sie Sekunden später schon stur wissen.

“Es dauert zu lange. Und ich habe noch andere Pläne.”

“Es dauert nicht lange, wenn ich mich anstrenge.”, konterte die Frau wie absolut von sich überzeugt.

“Ihr habt ja keine Ahnung.”

“Doch, habe ich.”

“Woher? Ihr seid keine Hexerin, auch, wenn Ihr Euch dafür haltet.”, knurrte der Kater mit der dicken Narbe im Gesicht und hätte sicherlich gern gespottet.

“Ich halte mich für keine Hexerin.”, schoss Anna sogleich zurück.

“Ach ja? Und was soll Euer Gehabe? Und das Medaillon?”

“Das Amulett war ein Geschenk meines Vaters. Er ist ein Hexer. So wie Ihr.”, gab die Giftmischerin Preis und entlockte dem Nilfgaarder damit ein belustigtes Schnauben.

“Hexer sind unfruchtbar, Mädchen.”

“Er hat mich ja auch adoptiert.”

“Achso?”

“Ja.”

“Warum glaube ich Euch das nicht? Ja, warum macht Ihr auf mich einfach nur den Anschein absolut verrückt zu sein?”, fragte der respektlose Kater und betrachtete die Kurzhaarige abfällig.

“Sie mag durchgeknallt sein, aber sie sagt die Wahrheit.”, brummte Hjaldrist, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, dazwischen. Sein Blick hing strafend auf dem älteren Mann in dem beschlagenen Lederwams. Jener musste nach dieser Meldung abschätzig lachen.

“Na, vielen Dank.”, murrte Anna dafür mit gesenkter Stimme und Rist zuckte die Achseln.

“Stimmt doch.”, rechtfertigte sich der Schönling und lehnte sich zurück, griff nach seinem halb aufgegessenen Wurstbrot.

“Was ist ein Hexerzeichen?”, fragte der blonde Ravello dazwischen, als sei er ein naives Kind.

“Halt die Klappe, Hase.”, würgte ihm Rist das Wort sofort ab. Er hatte den Mund voll, nuschelte daher.

“Es stimmt also?”, kam der dunkelhaarige Kater auf Anna’s Geschichte zurück und musste noch immer schmal grinsen. Er musterte die Frau mit unangenehmen Blicken und wie von oben herab. An ihr runter wanderten die Katzenaugen, dann wieder hoch, langsam. Anna presste die Lippen aufeinander und reckte das Kinn ein Stückchen weit.

“Ja es stimmt.”, sagte sie daraufhin langsam “Aber was tut das zur Sache?”

“Gar nichts.”, entgegnete der Hexer schlicht “Ich kann es nur nicht glauben.”

“Wir haben also keine Abmachung?”, kam die verärgerte Novigraderin auf das eigentliche Thema zurück.

“Nein.”, bestätigte der Nilfgaarder kalt “Sucht Euch einen anderen Gefallen aus.”

Anna atmete tief durch die Nase aus und schluckte. Sie versuchte dem Mutant weiterhin geradeaus in die unmenschlichen Augen zu blicken, doch konnte sich der Unsicherheit in ihrem Innern nicht erwehren. Jene brachte ihren Blick dazu mehr und mehr unstet zu wandern. Denn ihr fiel nichts ein, um das sie den Kater noch bitten wollte. Sie wollte ein Zeichen lernen. Unbedingt. Alles andere hatte gerade keinen Wert für sie. Doch sie war auch zu stolz, um zu betteln oder zu flehen. Dieser Stolz, gepaart mit Ratlosigkeit, brachte die Schwertkämpferin dazu einfach nur steif da zu sitzen und zu schweigen. Sie mochte solche ungemütlichen Situationen wie diese nicht, war nicht die überzeugendste Rednerin. Frustriert knetete sie sich unter dem Tisch die Hände.

“Du willst also den Fluch deines Werwolf lösen…”, Hjaldrist hatte die Stimme in dem bedrückenden Schweigen erhoben “Wie hieß er… nein, SIE nochmal? Viola? Violeta?”

Der konfrontierte Hexer hielt inne und verengte die Augen zu wütenden Schlitzen. Sofort drehte er dem schlauen Undviker den Kopf zu und sah jenen an, als sei Rist’s Aussage eine versteckte, bösartige Drohung gewesen. Anna horchte überrascht auf.

“Und du kriegst es nicht hin.”, stellte der Skelliger schmerzhaft direkt fest, wahrte eine ernste Miene.

“Worauf wollt Ihr hinaus?”, brummte der Mutant gleich, bevor der Inselbewohner weiterreden konnte.

“Wir sind ganz gut darin Rätsel zu lösen.”, rückte Hjaldrist mit der Sprache heraus “Was, wenn wir dir mit dem Werwolf helfen? Zählen wir diesen Gefallen zu der Tatsache dazu, dass wir dich gestern retteten… wäre es dann genug, um meiner Freundin hier ihren Wunsch zu erfüllen?”

“Bitte, was?”, knurrte der Hexer grimmig “Wollt Ihr mich erpressen?”

“Nein.”, sagte Rist schnell, doch lässig “Es war nur ein Vorschlag. Eine Idee. Also?”

“Hm.”, schnaufte der Kater und wirkte alles andere als glücklich. Doch immerhin schien er seine Gelegenheiten und Möglichkeiten im Geiste abzuwägen. Bissig linste er gen Hexerstochter zurück, schwieg lange und klaubte währenddessen nach Worten.

“... welches Zeichen?”, hakte er später tatsächlich mit seiner dunklen Stimme nach. Anna hob die Brauen in ihrer Überraschung leicht, wirkte misstrauisch. Doch dann holte sie Luft, um etwas zu sagen. Dies sehr zögerlich. Und dann, bevor ihr ein Ton entkam, schloss sie die trockenen Lippen, anstatt zu sprechen. Die unschlüssige Frau sah dem Nilfgaarder stumm entgegen und schob die Worte in ihrem Mund hin und her.

“Welches Zeichen wollt Ihr lernen?”, fragte der Kater abermals ungeduldig und Hjaldrist lächelte schmal. Der Käferschubser war wohl stolz darauf die Sache hier herumgerissen und zum Positiven gewendet zu haben.

Anders als der Skelliger sah Anna wider Erwarten nicht erleichtert aus. Denn sie haderte mit sich, tatsächlich. Warum? Wegen heute Morgen. Denn der erneute Vorfall, in dem sie, so wie ihr bester Freund es gestern noch genannt hatte, einmal wieder ‘auf die Schnauze gefallen’ war, hatte sie dezent aufgerüttelt. Und er hatte sie auch dazu gebracht vieles noch einmal umzudenken, zu überdenken, abzuwägen: Ihre Entscheidung bezüglich des Weges, den sie hinsichtlich der Hexerzeichen gehen würde, ihre Vorhaben und Pläne. Auf eine Waage gelegt hatte sie all das, ihren Sturkopf, die Meinung ihres liebsten Kollegen und die prekäre Situation von heute Früh; ihren Zustand und die Tatsache, dass sie ihren weiten Weg nicht allein gehen wollte. Also fasste sie sich ein Herz, schalt sich im Geiste selbst eine Närrin und gab Hjaldrist klammheimlich Recht. Ja, er hatte gestern die Wahrheit ausgesprochen: Manchmal, da war Anna sehr, sehr dumm und legte sich deswegen regelmäßig aufs Maul. Sie riskierte Kopf und Kragen so oft, dass es ihr schon als gewöhnlich erschien und es keine große, bedenkliche Sache war Gift zu schlucken, Monstern schreiend entgegen zu rennen oder in dunkle, tiefe Löcher zu springen. Anna war nicht unsterblich, mächtig oder unverwundbar. Ihr juckendes Bein, das nach wie vor in einem dicken Verband steckte, erinnerte sie just in dieser Sekunde daran. Rist, der ihr heute erst wieder Gegengift zwischen die knirschenden Zähne gezwängt und sie eng an sich gedrückt hatte, als sie gefroren hatte, hatte Recht.

“Quen.”, entkam es der Frau mit der harten Maske auf einmal. Der Hexer hob eine Braue.

“Quen?”, wiederholte der fahle Mann, als fände er es auf irgendeine unverständliche Weise amüsant, was Anna da so herrisch gesagt hatte.

“Ja, Quen.”, bestätigte die Novigraderin mit der trockenen Kehle und die Zunge klebte ihr schal am Gaumen. Flach atmete sie aus und spürte, wie ihr nach ihrem Entschluss ein kleiner Stein vom Herzen fiel. Sie musste gar schwach lächeln, als sie Rist’s anerkennender Seitenblick streifte. Ravello, der verstand nach wie vor kein Wort und der Kater starrte schon wieder verdammt berechnend. Anna hasste diesen Blick, der einen dazu brachte sich absolut nackt zu fühlen und verschränkte unwohl die Arme vor der Brust.

“Also schön.”, entkam es dem besagten Nilfgaarder dann endlich “Wenn das Leben von Violeta gerettet wird und sie wieder die sein kann, die sie einst war, sollst du Quen lernen, Mädchen.”

Anna’s braune Augen weiteten sich und die Arme, die sie gerade eben noch verschränkt hatte, lockerten sich wieder etwas. Sie glaubte kaum, was sie gerade gehört hatte. Der Kater hatte eingewilligt? Einfach so? Er hatte dem Plan Rists zugestimmt? Der Mann würde Anna Quen beibringen, dafür, dass man ihm mit seiner Violeta half?

Die verblüffte Novigraderin ließ die Arme sinken und spürte, wie sich ihr ganzer Körper allmählich entspannte. Ihr Essen, das längst nicht mehr dampfte, hatte sie bisher nicht wieder angerührt, war viel zu aufgeregt.

“In Ordnung!”, brach es aus Anna hervor und sie lächelte breit “So machen wir das.”

Wieder kam als Antwort nur ein abfällig-belustigtes Schnauben seitens des neuen Kollegen der Abenteurer.

“Wie heißt du überhaupt?”, fragte Rist murrend dazwischen und richtete sich damit an den zwielichtigen Mann mit dem silbernen Hexeramulett in Form eines Katzenkopfes “Ich kämpfe ungern an der Seite von Leuten deren Namen ich nicht kenne.”

“Joris.”, stellte sich der wenig sympathische Mutant trocken vor.

“Hjaldrist.”, gab der jüngere Undviker zurück.

“Anna.”, warf die anwesende Frau noch ein und nachdem Ravello bloß wieder verwirrt starrte und offenbar noch immer nicht wahrhaben wollte, dass ein waschechter Hexer neben ihm saß, nickte Anna in dessen Richtung “Und das ist Ravello.”

… Oh, welch ein schräger Haufen. Als Anna Kaedwen damals verlassen hatte, hatte sie sich nie gedacht irgendwann mit irgendwem zusammen zu arbeiten. Sie hatte geglaubt ihrer Zukunft allein nachjagen zu müssen. Und nun saß sie hier mit einem vernarbten Katzenschulen-Hexer aus Nilfgaard, einem feigen Ritter aus Toussaint und einem Jarlssohn aus Skellige, der daneben ihr bester Freund war, an einem Tisch. Die Werwolfjagd und alles, was danach käme, würde noch äußerst ‘interessant’ werden. Ganz bestimmt.

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