Kapitel 36

In deinen Armen bin ich daheim

“Wie kam es dazu, dass ihr euch kennengelernt habt?”, wollte die neugierige Anna wissen, als sie da auf der verwitterten Wegesbank saß und die vom Gift noch immer etwas wackeligen Beine ausstreckte. Frische Luft tat gut und das Wetter versprach schön zu werden. 

Die kurzhaarige Frau hielt den Blick abwartend auf Joris gerichtet, als sie sprach. Hjaldrist saß neben ihr und schnitzte abwesend dreinsehend mit seinem Messer auf einem dicken Stock herum. Sie befanden sich unweit von Riedbrune, nahe dem Weg, der gen Westen führte. Eine Esche warf ihren Schatten auf die Dreiergruppe. Ravello war nicht dabei; er war in seiner Taverne geblieben, denn er verstand von Hexerdingen so und so nichts.

“Sie lebte in einem Wald nahe einem Ort, in dem ich vor einiger Zeit zu tun hatte.”, erzählte der Kater, der, im Gegensatz zu Anna und Rist, nicht saß. Er stand neben der breiten Holzbank gegen den alten Baum gelehnt da und starrte nachdenklich in die Ferne. Joris hielt die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte unzufrieden. Dennoch sprach er relativ offen.

“Im Wald?”, hakte die anwesende Alchemistin irritiert nach “Allein?”

“Ja.”, brummte der Hexer “Allein.”

“Warum das?”

“Violeta war eine Ausgestoßene. Man hatte sie aus einem kleinen Dorf in Angren vertrieben, damit sie allein in den kargen Wäldern lebt.”, entkam es Joris “Es war eine harte Strafe.”

“Eine Strafe wofür?”, noch immer sah Anna zu dem dunkel gekleideten Mutant mit dem verschlissenen Lederwams auf, musterte ihn interessiert “Was hat sie getan?”

“Tut das was zur Sache?”, murrte der unfreundliche Kerl und sah aus dem Augenwinkel zu der Novigraderin hin. Das prekäre Thema schien ihm äußerst unangenehm zu sein.

“Vielleicht. Schließlich geht es darum einen Fluch zu lösen. Und sowas kann man nur, wenn man gut über die betroffene Person Bescheid weiß.”, sagte Anna sofort beschwingt, bemühte sich um ein Lächeln und erntete dafür einen missmutigen Blick des nilfgaarder Narbengesichts. Noch nie im Leben hatte sie solch eine mürrische Person getroffen.

“Ach, komm.”, beschwerte sie sich gleich für das grimmige Starren, lachte leise “Du bist doch ein Hexer. Du kannst mir also nicht erzählen, dass dir zumindest DAS nicht klar ist.”

Der Kater gab ein entnervtes Schnauben von sich, sah wieder fort. Er ließ eine kurze, ungute Stille aufkommen, doch setzte dann bald wieder zum Sprechen an. Und zu Anna’s Freude zeigte er sich kooperativ.

“Sie hat jemanden erschlagen. Ihren älteren Bruder.”, fing der gezwungen offene Mann langsam an und die Giftmischerin bemerkte, wie Rist damit aufhörte zu Schnitzen. Der stirnrunzelnde Skelliger sah auf, zuerst zu seiner Freundin und dann zu Joris. Seine Miene war kritisch.

“Die Strafe für den Mord war verdammt zu werden. Violeta floh vor den mistgabelschwingenden Bauern und versteckte sich im tiefen Wald. Sie fand dort eine kleine, verlassene Hütte - wenn man diesen verdammten Haufen an Brettern und Steinen überhaupt als solch eine bezeichnen kann. Und sie lebte dort… das recht lange. Als ich sie zum ersten Mal traf, war sie völlig verwildert.”, erzählte der Hexer mit der tiefen Stimme weiter und hielt die goldenen Vipernaugen starr nach vorn gerichtet. So, als sähe er seine düsteren Erinnerungen just vor sich, bildlich und greifbar. Seine sonst so raue, scharfe Stimme war melancholisch geworden und er seufzte gar leise.

“Warum… hat sie sich keinen anderen Platz zum Leben ausgesucht? Sie hätte in ein anderes Dorf gehen können anstatt im Wald zu verkommen.”, fragte Anna etwas naiv dazwischen. Ja, hätte man SIE verstoßen, hätte sie sich einfach ein neues Zuhause in der Zivilisation gesucht. So schwer war das doch nicht? Man folgte einfach den Wegen und kam dann mit etwas Glück schon irgendwo raus.

“Tse.”, machte Joris verächtlich und sein Ton strafte die Jüngere “Violeta war keine bewaffnete Vagabundin, so wie du. Sie hatte ihr Zuhause zuvor nie verlassen, sich nie zu weit vom Dorf entfernt. Man kann von solch einer braven Person nicht erwarten, dass sie plötzlich zum kampfbereiten Abenteurer wird.”

“Warum hat sie ihren Bruder ermordet?”, warf der zuvor noch so ruhige Hjaldrist fragend dazwischen. Warum Violeta zu lange im Wald gehaust hatte anstatt in ein anderes Dorf zu ziehen, schien ihn wenig zu interessieren. Er hob den dunkelhaarigen Kopf, heftete den Blick eisern auf den größeren Hexer, den er skeptisch betrachtete.

“Mörder erwartet für gewöhnlich eine schlimmere Strafe als die Verbannung in den Wald.”, merkte der kluge Undviker richtig an und der Ausdruck Joris’ wurde immer finsterer.

“Woher soll ich wissen, warum man sie nur ausgestoßen hat? Ich bin jedenfalls froh darüber, dass man sie nicht gehängt hat.”, brummte der Hexer feindselig und hätten Blicke schmerzhaft sein können, hätte der arme Hjaldrist spätestens jetzt sehr laut geschrien.

“Hm.”, machte der Skelliger auf die schnippische Reaktion hin aber bloß und erneut kam eine klamme Stille auf. Dick legte sie sich über die Köpfe der drei Anwesenden und während Rist wieder damit anfing Rinde von dem Stock zu schälen, den er unlängst gefunden hatte, schien Joris verbissen vor sich hin zu grübeln. Anna verkniff sich ein langes, genervtes Seufzen und entschied sich erst einmal dafür ihrem besten Freund zuzusehen. Hatte jener wohl einen Plan im Kopf oder schabte er nur auf dem Holzstück herum, um etwas zu tun zu haben?

“Ihr Bruder wollte sie vergewaltigen.”, brach es nach einer viel zu langen, unangenehmen Zeit des Schweigens aus Joris hervor. Wieder hörte Rist mit dem Schnitzen auf, ließ den Stock weit sinken, und Anna spitzte die Ohren. Und während der Inselbewohner aus Undvik nicht aufblickte, wirkte die Kurzhaarige äußerst interessiert - aber auch schockiert.

“In der Scheune der Familie. Da hat Violeta ihm mit einem Spaten den Schädel eingehauen. Jedenfalls hat sie mir das erzählt.”, sagte der Hexer langsam und fuhr sich mit dunkler Miene über das Kinn. Er rümpfte dabei die Nase, als rieche er irgendetwas äußerst widerliches. Anna hob das Haupt, warf einen vorsichtigen Seitenblick zu dem betroffenen wirkenden Mutant hin. Und ihr Ausdruck wurde einen Deut mitleidig. Ja, mitfühlend, weil sie wusste, wie man sich als Frau fühlte, der die gierigen Kerle an die Wäsche wollten. Zwar war es bei ihr niemals so weit gekommen, dass wirklich etwas passierte und mit mehr als einem Klaps auf den Hintern waren ihr besoffene Narren nie gekommen. Anna hatte diese Typen verprügelt, ehe jene auch nur dazu kommen konnten daran zu denken sie flachzulegen. Und dennoch… allein das Gefühl wie ein wertloses Objekt ohne ein eigenes Hirn betrachtet zu werden, war schlimm. Geklapse auf den Arsch und anzügliche Sprüche reichten aus, um eine kluge Frau zu einem Stück Fleisch zu degradieren, in das man Schwänze stecken konnte. Jedenfalls in Anna’s strengen Augen. Sie konnte sich also gut vorstellen, wie sich Violeta gefühlt haben musste. Und dann war der, der sich an ihr vergreifen hatte wollen, auch noch ihr großer Bruder gewesen? Jemand, den man eigentlich liebte und zu dem man aufsah? Widerlich.

“... dem hätte ich auch ein paar über die Birne gezogen.”, kommentierte die Giftmischerin deswegen murrend und verengte die braunen Augen dabei leicht “Violeta hat sich nur gewehrt.”

“Tja. Dennoch hat sie sich damit zur Mörderin und Aussätzigen gemacht.”, fügte Joris pragmatisch hinzu. Rist hingegen schwieg, schien zu dem heiklen Thema nichts zu sagen zu haben. Ja, ganz im Gegenteil: Der halb geschnitzte Stock in seiner Hand schien ihn gerade sehr zu interessieren, während er seinen Messergriff zwischen den Fingern drehte, als plane er jemanden abzustechen. Es war auf seltsame Art und Weise auffällig und Anna zog die Stirn kraus, als sie dies merkte, doch ihre ungeteilte Aufmerksamkeit wurde schnell wieder von Joris in Anspruch genommen.

“Jedenfalls lebte sie dann im Wald. Ich traf sie, wollte helfen. Wir… kamen uns näher und ich habe sie oft besucht.”, erzählte der gesprächige Mutant “Sie hatte viel Angst, verließ den Forst nie und hielt sich stets in der Nähe ihrer verkommenen Hütte auf.”

“Sie war zu der Zeit aber ein Mensch?”, hakte Anna unsicher nach.

“Ja. Aber es ging ihr immer schlechter. Sie wurde aggressiv, wilder. Und irgendwann, als ich einmal wieder nach ihr sehen wollte, war sie nicht mehr sie selbst. Sie war… sie war, was sie heute ist und zuerst erkannte ich sie gar nicht. Ich kämpfte gegen sie, verwundete sie. Und sie verwandelte sich zurück. Es blieb jedoch nicht lange dabei. Und irgendwann… da war sie verschwunden. Also suchte ich sie.”

“Und du hast sie hier, in Riedbrune wiedergefunden?”, wollte die schlussfolgernde Giftmischerin auf der schiefen Bank wissen. Sie wischte sich beiläufig ein paar verirrte Holzspäne von Rist’s Schnitzerei vom Schoß.

“Ja. Ich nahm dafür alle Aufträge, die von Lykanthropie erzählten, an und folgte jedem noch so kleinen Gerücht.”, nickte Joris “Zwei Jahre lang.”

“Zwei Jahre??”, keuchte Anna wie überfordert und ihre Augen weiteten sich in Unglauben “Du bist ihr so lange nachgelaufen?”

“Ja. Natürlich.”, sagte Joris knapp und fast schon trocken. Er löste die goldenen Augen wieder von der Ferne und richtete sie auf seine perplexe Gesprächspartnerin hinab. Sein Ausdruck war taxierend, abfällig.

“Wenn man jemanden liebt, tut man so etwas eben.”, rechtfertigte sich Joris mürrisch und schien genervt davon zu sein sich überhaupt erklären zu müssen.

“Trotzdem sind zwei Jahre eine lange Zeit, um jemandem wegen irgendwelcher Hoffnungen hinterher zu jagen.”, antwortete die Kurzhaarige, weil ihr dazu einfach nichts besseres mehr einfallen wollte.

“Mh.”, knurrte Joris daraufhin “Du warst wohl noch nie so richtig verliebt, Mädchen.”

Anna zog die Brauen dieser Aussage wegen weit zusammen und obgleich sie gerade noch Luft zum Sprechen geholt hatte, schloss sie die Lippen jetzt. Ein negativ überraschter, leiser Laut entkam ihr; ein unzufriedenes ‘Hmmm’. Doch nicht, weil der Hexer in der Tat recht hatte, sondern weil er schon wieder über sie mutmaßte, als sei er der gemeinste Großkotz, der über alles und jeden besser bescheid wusste als jeder andere Mensch auf dieser Welt.

“Ach. Und ich dachte, ihr zwei wärt ein Paar.”, grinste der Kater nahezu boshaft. Er nickte in einer kurzen Geste gen Rist und entlockte Anna damit auch noch ein tiefes, beachtlich genervtes Stöhnen.

“Auch Frauen und Männer können miteinander befreundet sein ohne etwas miteinander zu haben.”, beschwerte sich die vor den Kopf gestoßene Novigraderin und wusste im selben Zuge nicht so recht, warum sie überhaupt auf solch eine lächerliche Diskussion einging. Ja, eigentlich sollte sie die stichelnden Kommentare ihres neuen, unbeliebten Begleiters einfach ignorieren.

“Aha?”, machte Joris als spotte er.

“Ja.”, schnaufte die sture Anna.

“Das stimmt nicht.”, sprach der Hexer seine Meinung frei aus und wirkte dabei schon wieder todernst. Oh, dieser Kerl…

Und warum enthielt sich Hjaldrist überhaupt? Konnte der nicht auch mal etwas sagen?

Anna sah unglücklich zu ihrem besten Freund hin, suchte vielsagend Blickkontakt. Der Skelliger aber, sah ihr nur mit äußerst undeutbarer Miene entgegen. Die Situation kippte damit in eine unangenehm eigenartige Richtung, die Anna am Ende nurmehr dazu brachte sich wehleidig seufzend mit der Hand über das Gesicht zu fahren.

“Können wir bitte wieder das Thema wechseln?”, seufzte die geplagte Frau schlussendlich aus “Oder geht es hier nun darum, dass du, Joris, darüber mutmaßt, was wir nachts im Zelt machen?”

“Was ‘macht’ ihr denn?”, schoss der Hexer sogleich mit mehrdeutigem Unterton zurück und Anna’s Miene kippte immer mehr in eine absolut starre, unbegeisterte Richtung. Hätte die Kurzhaarige gesehen, wie Rist nun auch noch damit anfing ganz schwach in sich hinein zu schmunzeln, hätte sie ihn dafür gehauen. Anders als sie, fand er die Situation gerade wohl amüsant. Den Blick wieder auf seinen Stock sinken lassend, überließ der Skelliger seine beste Freundin dem stichelnden, unguten Mutant aus Nilfgaard. Dabei verkniff er sich ein allzu breites Grinsen.

“Was wir tun? Nicht das, was du gerade denkst.”, brummte die pikierte Anna auf Joris’ vieldeutig gestellte Frage hin ehrlich “Also hör auf mich SO anzusehen.”

Der Hexer aber, der schnaufte belustigt und betrachtete die Kriegerin, als fände er ihr Gehabe in diesem Moment äußerst bemitleidenswert. Dass da nichts zwischen Rist und Anna lief, schien er ganz augenscheinlich nicht zu glauben. Und dennoch war es so. Die beiden Abenteurer waren so etwas wie… Kumpels und es hätte sich seltsam angefühlt, wäre da mehr gewesen, oder? Auch, wenn die flatterhafte Hexerstochter den anwesenden Skelliger durchaus ansehnlich fand. Für die nüchterne Anna war Hjaldrist einem großen Bruder gleich; da war eine Art Blockade, die sie davon abhielt daran zu denken sich ihm anzubiedern. Eine Blockade, die ab und an zwar fiel, wenn sie sehr betrunken war, aber… ach. Es war doch müßig! Sollte sie jetzt etwa ein schlechtes Gewissen haben, weil sie sich im angeheiterten Zustand zuweilen an ihren gequälten Freund klammerte, emotional wurde und ihm stundenlang erzählte, wie gern sie ihn und vor allem seinen hübschen Elfenarsch hatte? Weil es EINMAL vorgekommen war, dass sie sturzbetrunken zu ihm ins Bett gekrochen und dort gleich eingeschlafen war, da sie ihre eigene Matratze nicht mehr hatte finden wollen? Das war doch harmlos. Und abgesehen von dem einen Ausrutscher von damals, als Anna ihr Trankexperiment auf gut Glück geschluckt und dadurch rattig geworden war wie Nachbar’s Köter, war nichts mehr passiert. Kein anzügliches Gegrapsche, kein inniger Kuss, nichts. Nur brüderliche Umarmungen und im Suff vielleicht mal ein Küsschen auf die Wange. Anna war also im Recht und Joris ein blöder Arsch.

Letzterer maß die Jüngere gerade noch aus Katzenaugen, die verwegen wissend aussahen, lenkte den Blick dann aber endlich fort. Es war der Moment, in dem Anna es vermochte das Gespräch endlich wieder auf Violeta zurück zu lenken:

“Also. Bezüglich unseres Werwolfs…”, räusperte sich die Frau mit der fuchsroten Haarsträhne “...hätte ich eine Idee.”

Joris horchte auf und sah sofort ernst zu Anna zurück. Er schwieg, doch starrte sie drängend an. Es war eine stumme, unruhige Aufforderung darum schnell weiter zu reden.

“Balthar, mein Vater, hat mir früher immer Gute-Nacht-Geschichten erzählt. Meistens, da hat er sie sich, mit seinen Erfahrungen als Hintergrund, selbst ausgedacht. Und oft hatten sie daher auch einen gewissen, wahren Kern.”, fing die nostalgisch werdende Alchemistin an und lehnte sich auf der verwitterten Holzbank zurück. Zwei Soldaten der Stadtwache marschierten metallen klappernd am abgetretenen Weg vorbei und schenkten Joris dabei argwöhnische Blicke. Dies so bemüht unauffällig, dass es schon wieder auffiel.

“Es gab da eine Geschichte eines Wolfsmannes namens Karl.”, sagte Anna, als sie nachdenklich in die weite Ferne sah und die Beine in der wärmenden Sommersonne gemächlich ausstreckte.

“Karl? Im Ernst?”, hörte sie Rist erheitert glucksen.

“Baltar war noch nie sehr einfallsreich, wenn es um Namen geht.”, grinste die Frau, nickte.

“Heißt du deswegen Anna?”, wollte Joris schon wieder in seinem spöttelnden Ton wissen. Die Novigraderin ignorierte ihn schlicht.

“Karl lebte in einer kleinen Stadt im Norden. Er war ein armer Mann und deswegen sah er sich irgendwann dazu gezwungen am Markt einen kleinen Laib Brot zu stehlen. Er wurde dabei erwischt und als Strafe aus der schönen Stadt verbannt, um in der kargen Wildnis zu leben. Man sagte, dass er dies tun sollte wie ein Tier: Dass er sich sein Essen fortan mühsam selbst jagen und auch in größter Kälte draußen schlafen müsse, wie es die Wölfe tun. Die Monate vergingen und umso länger Karl lebte wie ein Wolf, desto mehr wurde er zu einem. Am Ende, da hatte er einen grauen Pelz und spitze Fangzähne. Tatsächlich war er zu einem Wolf geworden.”, erzählte Anna eine kurze Zusammenfassung von Balthar’s Kindergeschichte über Lykanthropen. Dann richtete sie die braunen Augen auf Joris zurück, der grüblerisch zu ihr hinab sah.

“Vielleicht ist genau das mit Violeta passiert.”, schloss die Frau.

“Du willst dich an einem Kindermärchen festhalten?”, brummte der Hexer nicht so vorwurfsvoll, wie er es vermutlich gern getan hätte, und Anna zuckte lethargisch die Achseln.

“Warum nicht? Ein Märchen ist besser als nichts, hm?”, meinte sie wie in einer indirekten Herausforderung “Lieber versuche ich dem Fluch so auf den Grund zu gehen, als blind herum zu probieren.”

“Damit hat sie Recht.”, warf Rist ein, als er sein Messer fort steckte und seinen abgeschabten Holzstock einfach lieblos fortwarf “Ich bin dafür, dass wir versuchen Violeta’s Problem zu lösen, indem wir über das Märchen nachdenken. Und wenn es am Ende nicht klappt, können wir noch immer anderes in Erwägung ziehen.”

“Du kannst natürlich auch auf die Methoden aus den Bestiarien zurückgreifen. Nur fürchte ich, dass die Rettungsaktion für Violeta dann etwas unangenehmer ausfallen wird…”, grinste Anna schmal und betrachtete Joris so wissend, dass er nicht nachzufragen brauchte, um zu ahnen, woher die gewiefte Novigraderin so gut über Monsterbücher Bescheid wusste. Er konnte es sicherlich zusammenreimen und gab daher bloß einen leisen, mürrischen Laut von sich.

“Also schön. Was schlägst du vor?”, wollte der Hexer wissen.

“Hmm…”, machte Anna langgezogen “Also angenommen, Violeta erging es wie Karl. Dann heißt das, dass der Fluch, der auf ihr liegt, daher kommt, dass sie zu lange und allein in der Wildnis leben musste. Richtig?”

“Und um den Fluch umzukehren, müsste man sie nur dazu bringen genau das Gegenteil von dem zu tun, das sie zu einem Wolf gemacht hat?”, fragte der schlussfolgernde Rist stirnrunzelnd nach “Das klingt im Grunde viel zu einfach.”

Die Hexerstochter musste zufrieden lächeln.

“Manchmal müssen Vorgehensweisen nicht sehr kompliziert sein, damit sie Probleme lösen.”, entkam es der Frau und sie sah selbstsicher zwischen ihren beiden ungleichen Kumpanen hin und her. Ihre Augen blieben am Ende auf ihren besten Freund hängen.

“Und ja. Wir müssen Violeta einfach dazu bekommen das Gegenteil von dem zu tun, das sie zu einem Lykanthrop hat werden lassen.”, meinte Anna entschlossen.

“Wir sollen sie also in ihr altes Zuhause locken? Wie stellst du dir das vor? Angren ist ein ganzes Stück weit weg und ich bezweifle stark, dass der Werwolf freiwillig mit uns kommt… geschweige denn uns nicht attackiert.”, grübelte Hjaldrist seufzend und rieb sich das unrasierte Kinn.

“Ich glaube, dass es auch jedes andere Heim tut, solange es für Violeta in irgendeiner Form ein Zuhause ist.”, schätzte die Giftmischerin weiter.

“Hmpf.”, machte Joris “Wie stellst du dir das vor, Mädchen? Dass wir uns ein Haus aus dem Ärmel schütteln und Violeta’s Namen auf das Schild an der Eingangstür schreiben?”

“Nicht direkt. Wir sollten uns eben etwas einfallen lassen, das all dem am nächsten kommt.”, seufzte Anna und kräuselte die Stirn, als sie damit anfing sich nachdenklich am Daumennagel herum zu kauen.

“Das Vorhaben ist schwierig.”, erkannte Joris richtig.

“Das ist es immer.”, antwortete Anna knapp “Aber wir kriegen das schon hin.”

“Optimistisch wie eh und je.”, kommentierte Hjaldrist die Worte seiner Kumpanin und musste grinsen. Auch die Kurzhaarige schmunzelte.

“Also. Was bedeutet ‘Zuhause’?”, lenkte die Frau die Thematik wieder auf das große Vorhaben rund um die verfluchte Violeta zurück.

“Heimat? Meine Zunft? Ein warmes Bett?”, murrte Joris.

“Ja, zum Beispiel.”, meinte Anna zustimmend und musste bei ihrem folgenden Gedankenzug leise lachen “Oder vielleicht ein Ort, an dem man gern ist. Das Zuhause vieler Spieler oder Säufer ist ihre Stammtaverne.”

“Zuhause ist, wo die Leute sind, denen man nah steht und die man liebt.”, warf Hjaldrist plötzlich ein und die Tiefgründigkeit dieser Aussage ließ die anderen beiden Anwesenden innehalten. Sie beide drehten dem Krieger die Köpfe zu und hoben die Brauen. Anna beide, Joris eine.

“Oder nicht?”, wollte Hjaldrist wissen und ließ den Blick etwas verunsichert auf seine Kumpanin sinken “Was bringt mir ein Haus oder mein Geburtsort, wenn ich dort niemanden habe, dem ich mich verbunden fühle...?”

 

*

 

Sie wollten den Fluch des Werwolfes also lösen, indem sie das aggressive Monstrum in die Arme des Hexers aus Nilfgaard trieben. Und das buchstäblich. Es war eine wahnwitzige Idee und ein sehr gefährliches Vorhaben… dennoch bereiteten sich die Monsterjäger nun ernst und akribisch darauf vor.

Hjaldrist hob den Kopf im Schein der beiden alten Öllampen im kleinen Zimmer und ließ den Blick auf das Profil seiner besten Freundin fallen. Seit einiger Zeit saß sie nun schon stumm an dem abgegriffenen Holztisch im Gästezimmer. Etwas schlampig in lockere Kleidung gehüllt und sich der sommerlichen Hitze wegen immer wieder mit dem Arm über die Stirn wischend, beugte sich Anna über ihr altes, zerschlissenes Buch und betrachtete ihre unordentlichen Einträge auf dem vergilbten Pergament mit zusammengezogenen Augenbrauen. Ab und an blätterte sie um, gab nachdenkliche Laute von sich. Ein paar kleine Fläschchen standen da vor ihr, eine Kerze und ein benutztes Tontöpfchen mit Mörser. Seit dem Anbruch der Dunkelheit arbeitete die Frau da an irgendetwas, das ihr Kumpel nicht so ganz verstand. Er war eigentlich nicht dumm und hatte mit Anna und Joris besprochen, was sie morgen tun wollten; doch abgesehen davon hatte er einmal wieder keine Ahnung von dem, was seine Freundin da unweit zusammenmischen wollte. Es ging nicht um dieses Gift, das sie tagein tagaus schluckte, das war klar. Denn wäre dem so, müsste sie sich nicht so augenscheinlich konzentrieren und leise murrend vor sich hin grübeln. Ja, das Giftmischen lag der wahnsinnigen Novigraderin und ihre gewöhnlichen toxischen Absude oder Tinkturen bereitete sie zu wie eine Tavernenköchin den allmorgendlichen Haferbrei. Wenn es aber um anderweitige Tränke und Elixiere ging, geriet Anna ins Stocken. Heiltränke, Öle oder harmlosere Mittelchen waren absolut nicht ihr Ding. Schon oft hatte Hjaldrist dies bemerkt und deswegen immer wieder einmal Schmunzeln müssen. So, wie er auch jetzt wieder leicht grinste, nachdem er die Kriegerin eindringlich gemustert hatte.

“Was wird das?”, entkam es ihm nach einer viel zu langen Zeit des Schweigens. Der Undviker sah, wie die angesprochene Anna den Kopf etwas anhob.

“Hast du vor es morgen einzusetzen?”, wollte Hjaldrist dann noch neugierig wissen. Der Jarlssohn legte seine wertvolle Waffe beiseite, die er bis vor wenigen Augenblicken noch mit einem Wetzstein bearbeitet hatte, klopfte sich den Schleifstaub vom Schoß. Er erhob sich von seiner harten Bettkante, auf der er gesessen hatte und näherte sich seiner Kollegin daraufhin mit in den Taschen vergrabenen Händen. Bei Anna angekommen, beugte er sich leicht vor und ließ die Aufmerksamkeit von der Frau fort wandern, um das zu beäugen, das da vor jener am Tisch herumlag: Viel zu viel Zeug, das er nicht ganz zuordnen konnte. Flüssigkeiten, Kräuterkram, Phiolen, ein bräunliches Pulver in einer kleinen Holzdose. Ein scharfer Geruch nach Hochprozentigem und stechendem Äther stieg dem Skelliger in die Nase und er hustete verhalten.

“Ja, habe ich.”, antwortete Anna, nickte “Schließlich können wir es Joris schlecht zumuten einen rasenden Werwolf festzuhalten, hm?”

Hjaldrist hob die Braue, sah zu seiner ruhigen Freundin zurück und sein Blick erzählte davon, dass er in dieser Sekunde nicht viel klüger war als noch vor seinem interessierten Nachhaken. Die schief lächelnde Anna verstand.

“Das hier”, sie deutete auf ihre Arbeit des heutigen Abends “wird ein starkes Beruhigungsmittel. Ich bin mir bezüglich der Konzentration noch nicht ganz sicher, weil ich nicht weiß, womit man den Metabolismus eines Wolfsmenschen am ehesten vergleichen kann. Wie viel von dem Trank braucht er wohl, um apathisch zu werden? So viel wie drei Menschen? Mehr? Mh. Ich lese mich noch etwas ein und dann wird das schon werden...”

“Hm? Du willst Violeta einschläfern, damit Joris sie sicher umarmen kann?”, fragte Hjaldrist skeptisch nach “Glaubst du denn, das funktioniert?”

Der pragmatische Skelliger hörte Anna leise lachen und sah, wie sie den Kopf schüttelte.

“Nein. Nein, sie soll nicht schlafen. Ich will sie nur… nun ja, gefügiger machen. Es ist nicht möglich einen wütenden Werwolf einfach so zu umarmen. Deswegen machen wir sie mithilfe eines Trankes gleichgültiger. Solche Absude werden normalerweise dazu eingesetzt, um Patienten vor schwierigen Behandlungen teilnahmslos zu machen. In stärkerer Konzentration kann man sie damit sogar für einige Zeit schlafen lassen. Es ist mehr oder weniger das Somne der Trankmischer.”, erklärte die wissende Kurzhaarige schmunzelnd, als sie zum abwartenden Hjaldrist aufsah. In gewisser Art und Weise mischte sich da auch ein Deut Stolz in ihren Blick. Vielleicht, weil sie sich darüber freute einmal wieder über ihr Handwerk klugscheißen zu können. Der geduldige Undviker ließ sie. Wenn es Anna nicht übertrieb, war es zumeist ja ganz niedlich, wie sie sich aufplusterte und plapperte wie eine angehende Lektorin der Akademie in Oxenfurt. In der Vergangenheit hatte er Anna - ohne sich wirklich dafür zu interessieren - schon oft irgendwelche Dinge über das Hexertum oder Trankmischerei gefragt, nur, um zu sehen, wie sie wieder voll darin aufging begeistert strahlend von ihren Erfahrungen zu erzählen. Er mochte das.

“Verstehe.”, entgegnete der Mann langsam und fuhr sich über das Kinn “Und wie verabreichen wir Violeta das Beruhigungsmittel?”

“Ich... habe keine Ahnung.”, lächelte Anna gleich und dies nicht, ohne einen Anflug von Unschlüssigkeit in ihrer lockeren Miene “Dahingehend müssen wir uns wohl etwas einfallen lassen. Sie müsste es jedenfalls schlucken. Schwert und Axt damit wie mit einem Waffenöl zu benetzen und Violeta zu verletzen, wäre zwar einfacher aber es brächte nichts, fürchte ich. Die Flüssigkeit muss Kontakt zur Schleimhaut haben, um zu wirken.”

Hjaldrist gab nach dieser selbstsicheren Erklärung einen gequälten Laut von sich.

“Das Ganze wird also wieder einmal darauf hinauslaufen, dass du herum schreist, um das Monster abzulenken und ich ganz nah an das Vieh ran muss, um ihm dein Elixier in den Rachen zu kippen.”, seufzte Hjaldrist und schnaubte dann grimmig amüsiert. Der Dunkelhaarige zog sich die Hände aus den Taschen hervor, um die Arme verschränken zu können.

“Hast du gesehen, wie lange die Zähne von Violeta sind?”, wollte er gespielt vorwurfsvoll wissen.

Anna lachte auf diese Äußerung hin nur wieder und mutete dabei beinah unbeschwert an. Bemerkenswert. Einmal wieder war sie viel zu optimistisch - oder aber auf eine erschreckende Weise abgebrüht. Es war jedes Mal aufs Neue schwer sie dahingehend einzuschätzen. Andere würden Anna daher wohl der Einfachheit halber als verrückt oder als absolut durchgeknallt bezeichnen. Es war ein Wahnsinn, der die gefährliche Tendenz hatte anzustecken und aus diesem Grund zog ein schiefes, vorfreudiges Grinsen auch an den Mundwinkeln des anwesenden Skelligers.

“Die Zähne? Ja, die sind lang. Und spitz. Darum bin ich froh, dass ich nicht diejenige sein werde, die dem Werwolf den Trank hier einflößen wird.”, nickte die Sitzende.

“Sondern ich.”, ergänze Hjaldrist.

“Sondern du.”, bestätigte Anna und biss sich auf die Unterlippe, um nicht noch zu breit grinsen zu müssen. Ein unbeschwerter Ausdruck, der bald wieder viel ernster wurde, nachdenklicher. Hjaldrist runzelte die Stirn, als seine Gefährtin ihn taxierte und zum erneuten Sprechen ansetzte.

“Der Einfall mit der Umarmung war wirklich gut, Rist.”, bemerkte die braunhaarige Alchemistin mit unverhohlener Anerkennung im Unterton, faltete die Finger auf der Tischplatte locker ineinander und lachte dann betreten “Es ist so simpel und trotzdem wäre ich selber nicht drauf gekommen. Manchmal habe ich das Gefühl, mir fehlt dahingehend die Feinfühligkeit. Lustig, dass gerade du sie hast, du harter Krieger.”

Worte, die den unerwartet offen angesprochenen Skelliger innehalten ließen. Ja, fast stutzte er. Doch er fing sich sehr schnell und betrachtete Anna auf ihre ehrlichen Worte hin so, wie man es mit Kindern, die etwas Naives gesagt hatten, tat. Er meinte es nicht böse, konnte aber auch nicht anders. Oh, es war verwunderlich, dass gerade HJALDRIST hier als die einfühlsame Kraft wirkte. Er, der im Gegenzug zu seiner besten Freundin anderen Leuten bisher beträchtlich seltener nah gekommen war. Man hätte daher meinen können, er sei der empathische Klotz und die Frau aus Kaer Morhen diejenige, die ein Händchen für Menschen oder Gefühle hatte. Aber dem war nicht so. Schlussendlich, und wenn man ihre gleichen und doch so unterschiedlichen Wesen betrachtete, machte alles schon Sinn: Anna war in eiserner Isolation und von ein paar abgeklärten Hexern großgezogen worden. Ohne eine liebe Mutter, gute Freunde oder dergleichen. Deswegen wirkte sie auch heute noch - selten aber doch - etwas weltfremd oder scheu, wenn es um manche Gesten oder Gebräuche ging. Und wenn sie von intimeren Begegnungen sprach, schwang immer eine große Bindungsangst und Distanz in ihren Worten mit. Hjaldrist, hingegen, war unter Gleichaltrigen groß geworden. Mit drei Geschwistern, beiden Elternteilen und wohlbehütet. Gerade seine Mutter war immer eine herzliche Glucke gewesen, wie sie im Buche stand. Keines ihrer Kinder hatte das Heim je ohne ein reichlich belegtes Brot und einen dicken Kuss auf die Wange verlassen. Er konnte es sich nicht vorstellen wie es für Anna gewesen sein musste all das nicht zu haben und anstelle von liebevoll verpacktem Proviant in Papiertütchen frühmorgens, noch vor dem Frühstück, um eine alte Burg laufen zu müssen, bis ihr die Füße weh taten. Oh Mann. Der Undviker nahm es seiner burschikosen Kumpanin immer weniger übel ab und an so… verbohrt zu sein.

“Was ist?”, die Stimme der Besagten riss den Mann aus seinen Gedanken und er sah mit gemischten Gefühlen in der Magengegend auf.

“Uhm. Nichts.”, meinte er und bemühte sich um einen abfällig-belustigten Blick, als er der Alchemistin die Schulter klopfte “Und gern geschehen. Wenigstens einer von uns muss ja ne romantische Ader haben.”

Anna gab einen unglaublich erheiterten Laut von sich und klang angetan dabei. Der witzelnde Skelliger tippte stark darauf, dass letzteres geschauspielert war und einem freundschaftlichen Necken gleichkommen sollte. Typisch. Er rollte leicht die Augen und wandte sich grinsend ab.

“Experimentiere nicht mehr zu lange herum, Flohbeutel. Morgen ist ein langer-”

“Du warst vorhin ziemlich komisch.”, warf die Giftmischerin am abgegriffenen Tisch ein, anstatt ihren Freund ausreden zu lassen und ihm eine Gute Nacht zu wünschen. Sie drehte sich auf ihrem hölzernen Stuhl zu jenem um und ihre braunen Augen hefteten sich gnadenlos auf ihn. Hjaldrist verengte den Blick prüfend, als er stehen blieb, um Anna einen unschlüssigen Schulterblick zuzuwerfen.

“Was?”, fragte er aufrichtig irritiert.

“Als Joris von Violeta’s Vergangenheit erzählt hat. Von ihrem Bruder.”, meinte die Novigraderin offen heraus “Du hast plötzlich ausgesehen, als wärst du völlig wütend. Nicht schockiert, sondern wirklich zutiefst betroffen. Als hättest du ihn gekannt oder so...”

Hjaldrist schwieg.

“Ich habe dich bisher sehr selten so gesehen, darum frage ich.”, rechtfertigte sich die gedankenvolle Schwertkämpferin noch. Und anders als ihr Kollege, saß sie relativ gelassen auf ihrem Platz, den Arm auf die Stuhllehne gelegt und den Blick abwartend auf den Mann im spartanischen Zimmer gerichtet. Noch immer schwieg jener. Und er spürte, wie sich seine Eingeweide allmählich zu verknoten drohten. Ein flaues Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit und er verzog den Mund, als schmecke er auf einmal etwas Widerliches. Da war eine gewisse Kälte, die ihm die Brust nach oben kroch, sein Herz erfasste und sich eisern an seine Kehle hing, jene eng und trocken machte. War da Nervosität? Ein Anflug von Ohnmacht? Hjaldrist’s sonst so fester Blick wurde unstet. Dies so sehr, dass er den starrenden Augen Annas schließlich vollends auswich. Anstatt sie ungebrochen standhaft anzusehen heftete er seine Aufmerksamkeit auf ein kleines Loch in der gezimmerten Wandvertäfelung. Wahrscheinlich war dort einmal jemand mit einer Rüstung dagegen gerannt. Oder man hatte Möbel herum bugsieren wollen und die hübsche Täfelung so beschädigt. Und als Hjaldrist die Macke im alten Holz so betrachtete, schweiften seine Gedanken fort. Weit. Sie waren nicht schön. Ja, furchtbar. Doch er würde den Teufel tun der erwartungsvollen Anna von ihnen zu erzählen. Er würde sie niemals vor irgendjemandem ausbreiten. Sie gehörten in seinen Hinterkopf, weit weg und fort gesperrt.

“Violeta’s Geschichte war unschön.”, entkam es Hjaldrist nach einer gefühlten Ewigkeit trocken und so, als habe er diese Phrasen auswendig gelernt “Solche Schicksale regen einen eben auf.”

Es war ein lasches Ausweichen auf ein besorgtes Nachhaken, das wusste der nüchterne Jarlssohn. Zusammen mit seinem offenkundig abwehrenden Gehabe, musste diese Tatsache selbst einem Blinden auffallen. Ja, es fiel so sehr auf, dass es der gewieften Anna doch entgegen schreien musste, dass ihr Gefährte KEINERLEI Interesse daran hatte sich in irgendeiner Weise mit ihrer eigentlich so einfachen Frage zu beschäftigen. Sie war nicht dämlich und sicher würde sie verstehen. Aus dem Augenwinkel sah Hjaldrist zu der besagten Frau zurück und deren Miene besänftigte ihn, denn die stichelnde Neugier wich nach und nach aus ihr und machte der Nachgiebigkeit Platz. Den Göttern sei Dank.

“Ja… sie regen einen auf.”, wiederholte Anna die Worte Hjaldrists argwöhnisch-langsam und bestätigte ihn damit in seiner dringenden Hoffnung einfach nur in Ruhe gelassen zu werden und schlafen gehen zu können, ohne sich weiter erklären zu müssen. Zwar beäugte die Kurzhaarige ihren Freund nach wie vor mit einem Funken besorgtem Interesse im Blick, doch sie würde nicht weiter fragen. Der Skelliger war ihr sehr, sehr dankbar dafür.

 

Am nächsten Abend waren die Abenteurer und Joris auf dem Weg zum Stadtrand. In der Hoffnung Violeta in der kommenden Nacht ausfindig machen und zurückverwandeln zu können, hatten sie ihre vollen Monturen angelegt. Lederrüstungen, Ketten- oder Plattenteile. Auch ihre Waffen hatten sie bei sich, obwohl sie inständig darauf hofften, jene nicht zu exzessiv einsetzen zu müssen. Das einzige Mittel, das man gegen den verwunschenen Werwolf verwenden wollte, war schließlich die bittere Mixtur aus alchemischen Zutaten, die Anna in der vergangenen, langen Nacht noch zusammen gepanscht hatte. Hjaldrist hatte keine Ahnung, wie lange die Frau noch dafür gebraucht hatte. Er selbst war nach ihrer Unterhaltung ins Bett gegangen und kurz darauf eingeschlafen wie ein Stein. Wie einer, der von schlechten Träumen rund um Anhöhen, Pfeile, schwarze Vögel und Verfolgungswahn geplagt wurde und zweimal schweißnass erwachte, aber dennoch. Er hatte, im Gegensatz zu seiner Kumpanin, geschlafen. Anna’s Ausdruck beim Mittagessen nach zu urteilen, hatte sie das Mischen des Beruhigungstrankes für Violeta also mehr Zeit gekostet als zunächst angenommen. Die müde Novigraderin war ein wenig schnippisch gewesen, mürrisch, und ihre Augenringe hatten laut für ihre nächtliche Brauaktion gesprochen. Aber sei’s drum. Gerade, da war Anna wieder halbwegs frohen Mutes und drückte Hjaldrist das Fläschchen in die Hand, in der sich das befand, an dem sie so lange gearbeitet hatte: Eine dreckig grünliche, zähflüssige Mixtur, die sich ihren Weg heute in den Körper des Werwolfes suchen sollte. Und dies mithilfe des kühnen Kriegers aus Skellige, der, einmal wieder, als derjenige walten sollte, der in den direkten Kontakt mit dem mächtigen Monstrum ging. Oh, das könnte ja noch etwas werden! Aber der Mann bleib einfach mal zuversichtlich und ließ den Absud, den ihm Anna gegeben hatte, in seiner Tasche verschwinden.

“Hast du irgendeine Ahnung, wo Violeta sein könnte?”, fragte er dabei und drehte den Kopf Joris zu. Der dunkel gekleidete Hexer wirkte heute noch griesgrämiger als am vergangenen Tag. Wahrscheinlich war er äußerst nervös. Konnte man ihm nicht verübeln.

“Sie wird nicht in die Stadt gehen, sondern sich hier am Rande der Siedlung aufhalten. Es gibt unweit einen Wald, in dem sie sich tagsüber wohl versteckt. Also beobachten wir die Lage zwischen dem Forst und Riedbrune. Ganz einfach.”, schlug Joris wie selbstverständlich vor, als er Hjaldrist’s Blick nicht erwiderte, sondern starr geradeaus sah.

“Klingt gut.”, warf Anna ein, die neben ihrem besten Freund her marschierte “Der Bauernhof, den Violeta überfallen hat, liegt auch in der besagten Gegend. Also ist Joris’ Idee eine gute.”

Hjaldrist nickte nurmehr. Er hatte von allen Anwesenden am wenigsten Ahnung, wenn es um Lykanthropen ging. Doch Violeta nahe dem Wald zu suchen, klang auch für seine Ohren wie die einzig ordentliche Idee.

 

Kaum zwei Stunden später, lange nach der Abenddämmerung, war die kleine Gruppe dann tatsächlich erfolgreich. Sie hatten sich kaum im hohen Gras niedergelassen und sich erneut flüsternd besprochen, als sich ein schwarzer, großer Schemen aus der klammen, nach Regen riechenden Nacht schälte. Der Himmel war wolkenverhangen und das Mondlicht drang daher nur dürftig bis an den Grund durch. Doch es reichte, um den krallenscharrenden Werwolf zwischen den Sträuchern und Büschen am Waldrand auszumachen. Hjaldrist warf einen kurzen, prüfenden Seitenblick zu Anna, als die Frau den Kopf alarmiert hob und die Hand an ihren Gürtel legte. Dorthin, wo sich auch ihr eigenartiges Medaillon befand, das auf Magie und dergleichen reagierte. Joris kam zögerlich auf die Knie und stand gelenk auf, verweilte jedoch wie auf der Lauer in geduckter Haltung. Hjaldrist tat es ihm gleich, als er spürte, wie ihn die Nervosität schleichend einholte. Adrenalin machte ihm die Hände kalt und feucht, wallte durch sein Blut und spannte ihm die Glieder kampfbereit an, als er beobachtete, wie Violeta einige Fuß entfernt auf das freie Feld huschte. Sie kam auf alle Viere, streckte sich, reckte den Hals und schickte ein verheißungsvolles Heulen gen Himmel. Es war ein Grollen, das durch Mark und Bein ging und Hjaldrist dazu dränge nach dem gewickelten Griff seiner Waffe zu fassen.

Das, was gleich folgen sollte, war allen Anwesenden klar. Sie hatten abgesprochen, was geschehen würde und es passierte schnell:

Anna eilte los, mit dem blitzenden Silberdolch in der Hand, und riss einen Arm provozierend hoch. Sie rief Beleidigungen, machte Violeta damit auf sich aufmerksam. Sofort wandte sich der riesige Werwolf der viel kleineren Frau zu und knurrte verärgert, stellte die Nackenhaare auf.

“Na, komm her!”, blaffte die laute Kriegerin fordernd und Hjaldrist wollte sich nicht vorstellen, wie aufgeregt seine Freundin in diesem Moment eigentlich sein musste. Allein sie dort auf der dunklen Wiese zu sehen, wie sie dem viel stärkeren Lykathrop gegenüber stand, ließ dem Undviker das Herz in die Magengrube sacken. Trocken schluckte er, dann hetzte auch er los. Joris, dem schenkte er dabei kaum Beachtung, denn der Hexer käme, anders als Anna, gut allein zurecht. Und er würde hoffentlich das tun, zu dem man ihn aufgefordert hatte: Warten, bis er damit an der Reihe wäre seine Geliebte in die Arme zu schließen.

 

Große, krallenbewehrte Pranken hoben zu und verfehlten Hjaldrist’s aufgescheuchte Freundin nur um eine Haaresbreite. Der Undviker sah sie herumfahren, hörte das Singen von deren Schwert und kam flink in den Rücken Violetas. Bis jetzt hatte jene ihn nicht bemerkt. Das Fläschchen, das Anna ihm gegeben hatte, in der Linken, holte Hjaldrist mit der Rechten, die Erklamm fest umschloss, aus. Der Werwolf jaulte auf, als er im Kreuz getroffen wurde, wandte sich um, schnarrte böse, geiferte. Anna brüllte wieder etwas. Violeta schien sich nicht entscheiden zu können, wen sie daraufhin attackieren sollte. Gut.

Ein Schwertstreich, Rufe, der Werwolf stürzte, doch kam wieder auf die Beine. Hjaldrist atmete tief durch, warf sich dem widerlichen Wesen entgegen und schlug ihm mit dem Axtknauf hart gegen die Schulter. ‘Verletzen, nicht töten’, das hallte immer wieder durch seinen Kopf. Der determinierte Mann verengte die dunklen Augen, gab einen angestrengten Laut von sich und versuchte den Wolfsmensch aus dem Gleichgewicht zu bringen, entkam dessen spitzen Fängen bloß knapp. Da war Anna, sie half. Ihr Dolch verwundete Violeta und ließ sie rau aufheulen. Ein weiterer Schlag. Der Wolfsmensch mit dem stellenweise verklebten Fell warf sich abrupt zur Seite, begrub den unvorbereiteten Hjaldrist plötzlich unter sich. Es geschah so schnell, dass der Krieger erst realisierte, was passiert war, als er unter der schweren Bestie lag. Schwarzer Pelz presste sich ihm entgegen und die Masse des Monstrums nahm ihm die Luft zum Atmen. Es stank bestialisch; Nach nassem Köter und Tod. Hjaldrist wollte sich zur Seite drehen, doch es ging nicht. Er wollte nach Luft ringen, doch er konnte nicht. Er schmeckte schmieriges Fell, als er den Mund öffnete. Ein überforderter, erstickter Laut entkam ihm. Knapp neben ihm grub sich eine Silberklinge durch einen Werwolfsarm und er zuckte heftig zusammen, stemmte sich gegen den schweren Körper auf sich, trat zu. Und es half. Der jaulende Lykanthrop rollte sich von dem halb erdrückten Skelliger, ging auf alle Viere, wich den Schwanz einziehend zurück und fletschte die Zähne wie zu einem aggressiven Abschied.

“Oh, nein, du bleibst!”, konnte Hjaldrist Anna’s Stimme heiser brüllen hören, als er sich etwas schwerfällig zur Seite drehte, um den Oberkörper ächzend aufzurichten. Er stöhnte gequält, doch biss die Zähne zusammen und stand auf, ehe er wieder richtig zu Atem kommen konnte. Und das Nächste, was er sah, war seine Kumpanin aus Novigrad; Wie sie mit dem langen Dolch voran gegen Violeta lief, jene unglücklicherweise verfehlte und stattdessen seitlich von einer der massigen Werwolfpranken getroffen wurde. Wuchtig schlug das Untier zu und in diesem prekären Moment stockte dem erschrockenen Skelliger der Atem. Er weitete die Augen, den Namen seiner versehrten Begleiterin auf der Zunge. Doch es war zu spät. Anna wurde zurückgeworfen wie eine kleine Puppe aus Stoff. Sie rollte nach einem dumpfen Aufschlag am harten Boden noch einige Fuß weiter und blieb dann benommen im Gras liegen. Ein Anblick, der den gebeutelten Hjaldrist, der die wertvolle Trankphiole nach wie vor festhielt, planlos machte. Aufgescheucht sah er zwischen der Frau, die er eigentlich stets zu beschützen gedachte, und dem rasenden Werwolf hin und her, atmete tief ein und aus. Einmal, zweimal. Es war ihm, als vergehe die Zeit just viel zu langsam. Als zöge sich der Moment zäh wie Harz. Was sollte er nur tun? Er müsste Anna helfen! Doch Violeta dürfte nicht entkommen; nicht schon wieder!

“Los!”, die Stimme des unfreundlichen Hexers riss den Undviker aus seiner Starre und ließ ihn zusammenzucken. Joris. Wie aus dem Nichts war er erschienen, obwohl er sich hätte zurückhalten sollen, und zog die Aufmerksamkeit des Lykanthropen und des Undvikers auf sich.

“Erledige es!”, bellte der Nilfgaarder herrisch. Er war bei Anna angekommen, erwischte sie barsch an einem Oberarm und zog sie auf die Knie. Die Frau in der gestreiften Jacke hielt sich keuchend den Kopf, blutete.

“Na los, du Idiot!”, schnarrte der Kater, die goldenen Vipernaugen auf Hjaldrist gerichtet.

Kaum eine Sekunde später setzte sich der Inselbewohner im grünen Rock endlich wie von der Hornisse gestochen in Bewegung. Er fiel der zornigen Violeta, die drauf und dran gewesen war auf Joris und Anna zuzustürzen, in den Rücken und verpasste ihr einen verheerenden Hieb mit der Axt. Einen Kampfschrei auf den trockenen Lippen, rempelte er den Werwolf an, umfasste seine Waffe fester, schlug erneut zu. In den Nacken, gegen die Leiste. Wie im Rausch agierte er, funktionierte ohne zu denken, das Bild seiner blutenden Kumpanin aus Novigrad im Hinterkopf. Und Erlklamm schmiegte sich freudig an seine Handfläche, flüsterte ihm leisen Beifall zu und drängte ihren Besitzer vorwärts. Hjaldrist wurde barsch umgestoßen, kam wieder hoch, musste einen harten Schlag gegen die Hüfte einstecken, doch fing sich. Er schlug wieder zu, immer wieder. Seine Wange blutete, sein eines Handgelenk schmerzte höllisch. Noch ein wuchtiger Hieb. Dann - und es war dem Skelliger selbst kaum erklärbar - fiel der Werwolf. Hechelnd und blutüberströmt sank er in der klammen Düsternis in das Gras und knurrte gequälte Laute, zuckte. Joris blaffte einen Einwand, doch der kehlig durchatmende Hjaldrist hob eine Hand, um ihm stumm anzuzeigen bloß die Klappe zu halten. Lykanthropen, so hatte Anna erzählt, besaßen die Fähigkeit sich sehr schnell zu regenerieren. Es würde also nicht sehr lange dauern, bis Violeta wieder völlig wohlauf wäre und daher müsste sich der Skelliger in der bestickten Tunika beeilen. Schwer atmend trat er auf das Biest zu, beugte sich zu dem schnaufenden Elend hinab. Dann packte er grob an die Schnauze der Verfluchten und zerrte deren Kiefer ein Stück weit angestrengt auseinander. Violeta wehrte sich, doch war in dieser Sekunde nicht schnell genug. Das von Anna gebraute Mittelchen fand seinen Weg in ihr Maul. Oh, endlich!

“Ich hoffe für dich, es wirkt.”, brummte Hjaldrist dabei feindselig und mit gesenkter Stimme “Denn wenn nicht, stirbst du heute.”

Dann richtete sich der Mann wieder auf, um schnell von dem fluchbehangenen Biest zurückzuweichen. Das Glasfläschchen seiner Kollegin achtlos fort werfend und mit ernstem Blick sah er sich nach Joris um. Der schmale Mutant ließ Anna, die abwinkte und leise fluchte, soeben los. Die Hand, die sich jene an die Stirn presste, war dunkel beschmiert und Blut tropfte noch immer zu Boden. Die Frau stand auffallend wackelig, doch immerhin war sie bei sich.

“Hexer!”, rief Hjaldrist und nickte gen Violeta “Mach schon!”

Das Szenario, das sich dem abgekämpften Undviker Momente später bot und in dem ein Hexer der Katzenschule einen benommenen Werwolf liebevoll in seine Arme zog, wirkte grotesk. Hjaldrist war sofort zu Anna geeilt und stützte sie, hatte ihr seine Schärpe aus teurem Tartanstoff gegeben, damit sie sich jenen gegen die nicht sonderlich schlimme, doch stark blutende, Kopfwunde drücken konnte. Die Augen hielt er gespannt auf das Geschehen rund um Joris und Violeta gerichtet. Und er fragte sich, ob es tatsächlich wirken würde, würde der Mutant seine verfluchte Geliebte nun an sich drücken und ihr sagen, dass alles wieder gut werden würde.

‘In deinen Armen bin ich daheim’, hieß es in einem Lied, das Hjaldrist einmal gehört hatte. Man hatte es auf der Hochzeit seiner Tante gespielt und es war ihm gestern schnell in den Sinn gekommen, während Joris und Anna noch plump darüber nachgedacht hatten, ob eine Hexerszunft mehr ‘zuhause’ war als eine Stammtaverne. Ob dieser Einfall, der zu dem geführt hatte, was hier nun passierte, fruchten würde, war dahingestellt. Noch.

Im wenigen Mondschein, der durch den dichten, schwarzen Wolkenvorhang bis zur Erde drang, hockte Joris in der wadenhohen Wiese, den langsam immer mehr erschlaffenden Körper des gejagten Wolfsmenschen in den Armen. Violeta’s unruhiges Schnauben und das nasse Keuchen verebbten immer mehr, wurden zu einem unregelmäßigen Atmen, das man kaum noch vernehmen konnte. Der nervöse Hexer hielt die blutende Bestie fest, die die Augen des Beruhigungsmittels Annas wegen kaum noch offen halten konnte. Völlig lethargisch wirkte sie. Und dann, nach langem, unverständlich beteuerndem Wispern Joris’ tat sich etwas. Tatsächlich. Hjaldrist machte die ungläubigen Augen weit, als er bemerkte, wie sich der Werwolf leicht krümmte und sein Fell verlor, als sei es Laub, das im Herbst von den Bäumen fiel. Die hässlichen, schmierigen Haare fielen dem Vieh aus und dessen lange Schnauze bildete sich zurück, als es überwältigt knurrte und die Zähne fletschen wollte. Zähne, die bald nicht mehr lang und spitz waren. Ja, wenige Herzschläge später waren da keine pelzigen Wolfsohren mehr, keine wild peitschende Rute und keine Pranken, die so groß waren wie der Kopf eines Mannes. Hjaldrist blinzelte perplex, als er die zierliche Frau in den Armen des Hexers aus Nilfgaard erblickte: Eine Dame, wohl kaum älter als Mitte Zwanzig, mit blasser Haut und pechschwarzem, langen Haar, das ihr unordentlich von den nackten Schultern fiel. Eine unschöne Schnittwunde zierte ihre Schulter und Blut beschmierte ihren Rücken, doch es war halb so schlimm. Der schnell heilende Lykanthropenkörper hatte lebensgefährliche Verletzungen zuvor verschlossen und anstatt klaffender Wunden, waren nur tiefe Kratzer geblieben. Mit etwas Glück gäbe dies nicht einmal Narben. Hjaldrist hörte, wie auch Anna neben ihm einen überraschten Ton von sich gab. Die Kurzhaarige blinzelte angestrengt, denn ihr war Blut von der Kopfverletzung in das protestierende Auge gelaufen.

“Es hat funktioniert...”, konnte man die geschlagene Frau verblüfft flüstern hören, als sie sich da so schwerfällig von ihrem Freund stützen ließ. Sie war so benommen, dass sie nuschelte wie eine Betrunkene.

“Ja.”, entkam es dem Inselbewohner bloß und so, als glaube er nicht, was er sah. Es hatte funktioniert.

 

“Du stehst also zu deinem Wort?”, wollte Hjaldrist wissen, als er dem mürrischen Joris skeptisch entgegen sah. Nun, am Morgen nach dem Kampf gegen Violeta und das erfolgreiche Lösen deren Fluchs, saßen die beiden ungleichen Männer an einem Tisch beisammen. Der müde Skelliger hatte den Nilfgaarder frühmorgens in der Taverne erblickt und sich sofort zu jenem gesellt. Nicht, weil er so gerne Zeit mit dem ungeliebten, patzigen Hexer verbrachte, sondern weil es da noch eine wichtige Angelegenheit gab, die sie zu besprechen hatten. Nun, eigentlich hätte Anna dies ja tun sollen, aber die schlief tief und fest. Endlich. Die halbe Nacht lang war sie wach gelegen und hatte ihrem besten Freund ganz schöne Sorgen bereitet. Sehr verwirrt hatte sie gewirkt und über schlimme Kopfschmerzen geklagt, sich gar ein paar Mal übergeben müssen. Ihr unglücklicher Sturz in der heftigen Auseinandersetzung mit dem Werwolf hatte ihr nicht gut getan. Sie hatte sich dabei nicht nur eine Wunde am Kopf zugezogen, sondern auch eine Gehirnerschütterung, so schien es. Zu gebrauchen wäre die Frau zumindest für die nächsten wenigen Tage nicht und der mitleidige Hjaldrist wollte sie unbedingt schlafen lassen. Etwas, zu dem er in den vergangenen Stunden und wegen seiner schmerzlich ächzenden Kollegin selbst kaum gekommen war. Nur deswegen war er noch vor der Morgendämmerung in den spärlich besuchten Schankraum getreten. Aber nun gut, immerhin hatte er dabei Joris angetroffen anstatt sich nur ein Glas Wasser zu holen und wieder nach oben zu verschwinden. Der hartnäckige Mutant hatte tatsächlich mit grimmiger Miene und einem Becher Schwarztee in den Händen darauf gewartet Anna anzutreffen. Wo er selbst lagerte oder sich eingemietet hatte, wusste der anwesende Undviker nicht. Jedenfalls nicht hier. Genauso wenig hatte er eine Ahnung vom Verbleib Violetas. Wie es jener wohl ging?

“Ich stehe zu meinem Wort, ja.”, brummte Joris als Antwort, als er Hjaldrist, der ihm gegenüber saß, starr entgegen sah. Seine stechenden Katzenaugen schienen sich in den Undviker mit dem tiefen Kratzer an der rechten Wange hineinbohren zu wollen, doch eben jener bemühte sich darum sich nicht zu sehr daran zu stören. Er lächelte schmal, als ihm der Kater versicherte sein Versprechen zu halten: Anna simple Magie, ein einziges Hexerzeichen, beizubringen. Es kam zugegebenermaßen unerwartet, dass Joris dies nun tatsächlich vorhatte und damit zugab, dass er in der Schuld seiner neuen Bekannten stand.

“Wo ist dein Mädchen?”, hakte der Mutant mit ernster Miene nach “Ich wollte die Sache eigentlich mit ihr bereden. Nicht mit dir.”

Der pikierte Undviker kräuselte die Brauen und verkniff sich ein entnervtes Seufzen, während die dickliche Schankmagd an den Tisch kam, um eine Kanne duftenden Früchtetees darauf abzustellen. Das Getränk roch verführerisch nach Waldbeeren.

“Sie ist nicht ‘mein Mädchen’.”, korrigierte Hjaldrist gleich und zog die heiße Teekanne fahrig an sich heran, um sich etwas daraus in seinen mitgebrachten Becher einzuschenken “Und sie schläft. Es geht ihr nicht gut und deswegen wirst du mit mir Vorlieb nehmen müssen.”

“Aha. Weiß sie das?”

“Nein, aber es tut kaum was zur Sache. Ich reise mit Anna und kann daher auch mitreden, wie wir die Angelegenheit mit dir handhaben. Wir sprechen uns einfach ab und ich richte ihr alles aus.”

Joris zuckte gleichgültig die Achseln.

“Schön. Wenn du meinst.”, sagte der dunkelhaarige Hexer schlicht “Ich plane mit Violeta von hier aus nach Südwesten zu ziehen. Nach Ebbing.”

“Was?”, warf der irritierte Hjaldrist sofort ein und unterbrach seinen Gesprächspartner damit “Das trifft sich nicht gut, denn wir wollen in den Norden gehen.”

“Tja, das ist nicht mein Problem.”, sagte der Kater gelassen und lehnte sich leger zurück “Kommt mit oder lasst es.”

“Du kannst auch woanders Monster jagen.”

“Ich habe nicht vor das zu tun. Ich will nach Hause. Zusammen mit Violeta.”

Der Undviker verengte die dunklen Augen und verzog den Mundwinkel unzufrieden. Er verstand zwar gut, dass sich Joris und Violeta nun zurückziehen wollten - vermutlich in die Hexerzunft der Katzen -, doch für ihn, Ravello und Anna wäre es ein immenser Umweg die beiden Turteltäubchen zu begleiten. Schlussendlich strebten sie dem Norden entgegen, um dort nach dem Orden der Flammenrose zu suchen. Dieses Ziel und Anna’s Wunsch Hexermagie zu studieren, passten also nicht gut zusammen. Jedenfalls nicht, wenn Joris in den Süden ziehen wollte. Oder?

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