Kapitel 37

Wenn Albträume wahr werden

“Du bekommst die Hälfte all des Geldes, das ich auf dem Weg einnehme.”, entkam es Anna bestimmend, als sie Joris geradeaus entgegen sah. Sie bemerkte, wie Hjaldrist neben ihr leicht zusammenzuckte und ihr den Kopf perplex zudrehte, um sie anzustarren. Doch sie ignorierte es, lächelte schmal und sah, wie der anwesende, sture Hexer tatsächlich damit anfing zu zögern. Der zynische Mann hatte Luft für eine Antwort geholt, doch gleich inne gehalten. Nun schwieg er grüblerisch und schien seine Möglichkeiten zu überdenken. Endlich.

“Und im Ernst? Nur, weil du deine Freundin nun bei dir hast, willst du dich zurückziehen? Warum? Du bist ein Hexer und ich kenne die Leute deines Schlages doch.”, argumentierte die schlaue Frau aus Kaer Morhen weiter “Du wirst zuhause ankommen, dich ein paar Tage lang ausruhen und dann wird dich die Reiselust wieder packen. Und dann? Wirst du Violeta allein in deiner Zunft zurücklassen? Ich, an ihrer Stelle, würde mich da ziemlich verarscht fühlen, ganz ehrlich.”

Worte, die nun auch die besagte Schwarzhaarige groß aufsehen ließen. Die ehemals Verfluchte und ihr Kater hatten sich, vier Tage nach ihrem nächtlichen Kampf, mit Anna und Rist in einem kleinen Biergarten am grünen Rande Riedbrunes getroffen. ‘Zur lustigen Leandra’ stand da auf dem großen, hölzernen Schild über dem efeubewachsenen Rundtor, das in den lauschigen Hof des Lokales führte. Vermutlich war Leandra der Name der Frau des Wirtes. Oder vielleicht gar der der direkten Besitzerin des Hauses, das selbstgebrautes Bier ausschenkte und leckere, deftige Speisen servierte. Leise quietschend wippte das Gasthausschild in der Spätsommerbrise. Die Blätter der Bäume ringsum hatten teils schon gelbliche und bräunliche Färbungen angenommen. Nicht mehr lange und der Herbst wäre hier.

“Joris…?”, fragte die nervöse Violeta vorsichtig und so, als erwarte sie sich eine Aufklärung der Zukunftspläne ihres Nilfgaarders. Die zierliche Frau, die die pechschwarzen Haare zu einem schlichten Zopf geflochten hatte, hatte eine äußerst sanfte Stimme, die sie ein wenig kleinlaut wirken ließ. Die blasse Dame trug Anna’s rotes Kleid aus dem Caed Myrkvid, denn Joris war so gut wie pleite und hatte der Armen nichts zum Anziehen kaufen können. Tja. So kam es eben, wenn man jahrelang nur seiner verwunschenen Geliebten nachjagte anstatt ordentliche Aufträge anzunehmen. Dahingehend war der unfreundliche Kater aus Ebbing ein ganz schöner Idiot. Einer, der sich offenbar gut mit etwas Geld und Argumentationen rund um seine viel jüngere Freundin locken ließ.

“Mh.”, brummte Joris kritisch und lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen zurück. Er sah Anna ungebrochen miesgelaunt an, wenngleich auch sehr nachdenklich. Offensichtlich hatte die Hexerstochter ihn an der richtigen Stelle erwischt. Mit etwas Glück könnte sie ihn fest daran packen und in genau die Richtung schieben, in der sie ihn haben wollte. Normalerweise, da zählte sich Anna ja nicht zur manipulativen Sorte Mensch. Doch gerade, da war es zu einfach Joris für sich einzunehmen.

“Ich werde Violeta nie wieder alleine lassen.”, murrte der unzufriedene Mutant in seinem markanten Akzent und sofort sah man, wie der besagten Frau ein großer Stein vom Herzen fiel: Violeta lächelte erleichtert, rückte etwas näher an Joris heran und fasste nach dessen Hand, um jene schweigend festzuhalten.

“Nun, dann hast du zwei Möglichkeiten: Du setzt dich zur Ruhe, wofür du - in meinen Augen - zu jung bist, und lebst zusammen mit Violeta irgendwo in Nilfgaard. Das, bis du sie deiner Mutationen wegen überlebst und später überdenken musst, wie du allein weiter machst. Vielleicht musst du dann erst wieder lange trainieren, um wieder so fit zu sein wie heute. ODER du bleibst auf dem Weg eines echten Monsterjägers und nimmst Violeta mit dir. Bring ihr doch das Kämpfen bei. Ich bin mir sicher, dass ihr das gut tun wird.”, schlug Anna locker vor und lehnte sich auf der Holzbank, auf der sie saß, zurück. Hjaldrist, der nebenher Schweinebraten mit Semmelknödeln aß, behielt seine Kollegin abwartend im Augenwinkel. Ab und an nickte er leicht, schien der wiefen Novigraderin hier im Groben zuzustimmen. Zwar konnte es ihm egal sein, ob Joris nun mit ihnen kam oder ob sie dem unguten Hexer einfach hinterher liefen, denn da wo Anna hin ging, war auch er. Ganz einfach. Anders als Ravello strebte er nämlich keinem ortsgebundenen Ziel nach. Und dennoch: Die Vorstellung direkt gen Norden zu ziehen anstatt einen riesengroßen Umweg über eine Zunft im Südwesten zu machen, schien ihm sehr viel besser zu gefallen. Rist war jemand, der es eben direkt und einfach mochte und keine Person, die es vorzog unnötige Wege zu gehen. Daher wirkte er mehr als nur zufrieden, als Joris sich das unrasierte Kinn jetzt rieb und ganz, ganz schwach nickte. Allmählich schienen ihm Anna’s mehr oder minder selbstgefällige Vorschläge zuzusagen.

“Vielleicht… könnten wir ja wirklich mit euch kommen.”, murmelte der Mann im dunklen Wams, das mit silbernen Nieten beschlagen war.

“Vielleicht?”, wiederholte Anna dessen Worte, als wolle sie sich darüber lustig machen “Von mir aus sogar gern. Schließlich habe ich vor von dir zu lernen und ich denke auch, dass du uns anderweitig eine Hilfe sein könntest.”

“Es wird dich etwas kosten, vergiss das nicht.”

“Ja und? Was ist denn Geld schon im Vergleich zu dem, das du mir beibringen wirst?”

“Und diese Worte aus dem Mund einer Frau, die angeblich von einem Hexer unterrichtet wurde…”

“Tja.”, machte Anna nurmehr und schmunzelte zufrieden “Ich stelle Münzen nicht über alles und jeden, Joris. Es gibt da noch ein paar andere wichtige Dinge.”

“Genau, das liebe Geld wird unsere kleinste Sorge sein.”, warf nun auch der zuvor so stille Hjaldrist ein, der Messer und Gabel fort gelegt hatte “Wenn wir uns reinhängen, verdienen wir nicht ganz so schlecht. Und wie Anna schon sagte: Du wirst uns eine Hilfe sein, oder nicht? Ich kann dich zwar nicht sonderlich leiden, aber ich sehe ein, dass wir eventuell gut zusammenarbeiten könnten.”

Joris schnaufte auf diese ehrliche Aussage des Skelligers hin grimmig-amüsiert.

“Es geht hier ja auch nicht darum sich ausstehen zu können, Inseljunge.”, bestätigte der Kater mit erhobener Nase und grenzarrogant. Etwas, das die brave Violeta, die neben jenem saß, dazu brachte erst die Stirn zu runzeln und dann etwas traurig den Blick zu senken. Sie enthielt sich eines Kommentars, hielt die Hand ihres Geliebten jedoch weiterhin stumm fest. Anna musterte die etwas ältere Frau knapp, wandte die Aufmerksamkeit dann aber wieder den anwesenden Männern zu.

“Na dann haben wir ja alles geklärt.”, lächelte Rist schmal und Joris nickte zustimmend “Mach uns einfach keine Probleme und wir machen dir auch keine.”

“Selbstverständlich.”, brummte der Mutant mit den goldenen Vipernaugen und fasste nach seinem bauchigen Bierkrug, um einen tiefen Schluck daraus zu trinken.

“Es ist also abgemacht? Wir ziehen gemeinsam gen Norden?”, wollte Anna wie zur Absicherung wissen und Vorfreude mischte sich dabei in ihren Ton. Sie konnte es kaum glauben, dass es funktioniert hatte Joris umzustimmen und versuchte nicht ganz so triumphierend zu grinsen. Am liebsten hätte sie die Hände freudig zusammengeschlagen und gerieben, doch sie verkniff sich das.

“Ja.”, bestätigte der Nilfgaarder mit dem weibischen Gesicht.

“Und du… du bringst mir wirklich bei, wie man kämpft…?”, fragte Violeta vorsichtig nach, als sie ihren Freund skeptisch von der Seite aus ansah. Joris nickte und suchte Blickkontakt zu ihr.

“Du wirst dich in Zukunft selbst gut gegen böse Leute erwehren können, mein Schatz.”, sagte der Kater nett und es war erstaunlich, wie verändert er wirkte, während er mit seiner Liebsten sprach. Seine raue Stimme klang dabei beinah lieb, nachgiebig, einfühlsam. Es passte nicht zu ihm.

 

Kaum vier Tage später überquerten sie die Jaruga zu fünft: Der Jammerlappen von Ritter aus Toussaint, der Hexer aus Nilfgaard mit seiner Geliebten, der Jarlssohn Ard Skelliges und die Giftmischerin von Kaer Morhen. Sie waren eine äußerst ungleiche und schräge Gruppe, kamen bisher aber miteinander aus. Joris und Violeta hielten sich oft abseits, während Rist, Ravello und Anna abends am Feuer Karten spielten. Dafür kochte die schüchterne, doch fürsorgliche Freundin des Hexers wie selbstverständlich für alle und schien sich mit ihrer einzigen weiblichen Begleiterin anfreunden zu wollen. Zweimal war sie schon zu der überraschten Anna gekommen, um mit jener über irgendwelche Belanglosigkeiten zu reden und diese Gespräche waren stets sehr angenehm gewesen. Die Hexerstochter war also guter Dinge, wenn es um die ehemals Verfluchte ging. Joris hingegen, würde nie ganz auftauen, aber das musste er auch nicht. Er war schlussendlich hier, um Anna zu unterrichten und wenn er dies erfolgreich erledigt hätte, würde er wieder verschwinden. Man würde ihn daraufhin vermutlich nie mehr wieder sehen. Es war also nicht zwingend nötig sich darum zu bemühen sich blendend mit diesem komplizierten Mann zu verstehen. Und solange es keine Anfeindungen gab, war alles in Ordnung. Die einzige Sorge, die Anna im Moment hatte, war Rist. Ihr bester Freund war in der vergangenen Nacht einmal wieder im Schlaf herum gewandelt. Das war lange nicht mehr passiert. Und er hatte währenddessen schon wieder panisch unsinniges Zeug geredet; Befürchtungen über einen Hügel und einen Himmel, der so dunkel wurde, dass man nicht einmal mehr die eigenen Hände vor Augen sah. Anna hatte den keuchenden, torkelnden Hjaldrist aufgeweckt. An den Schultern gepackt hatte sie ihren seltsamen Kumpel und ihn heftig geschüttelt. Der aufschreckende Mann hatte sie daraufhin attackiert. Wie außer sich hatte er sie zu Boden geworfen und schon impulsiv zuschlagen wollen, doch gerade noch rechtzeitig hatte er die Novigraderin erkannt. Ohne Plan und jegliche Orientierung hatte er auf ihr gesessen, die Fäuste angriffsbereit erhoben, und sie angestarrt, als wüsste er nicht, warum die Frau auf einmal mit schützend erhobenen Armen unter ihm lag. Es war unglaublich unheimlich gewesen, erschreckend. Joris war des Tumults wegen erwacht und hatte alles gesehen, sich aber bisher nicht dazu geäußert. Wahrscheinlich interessierte es ihn einen feuchten Kehricht warum einer seiner neuen Begleiter nachts herumwankte und dessen Freundin dann plötzlich verprügeln wollte. Joris mischte sich nicht ein und man konnte heilfroh darüber sein, denn er wäre bloß eine Sorge mehr.

Ja, Anna machte sich Sorgen. Und es wurde nicht besser. Gerade, da saß Rist neben ihr und sah müde in seinen Becher, in dem der stark gesüßte Kräutertee längst abgekühlt war. Den ganzen Tag lang hatte er gewirkt wie ein getretener Köter, hatte kaum gesprochen. Und wenn er dies doch getan hatte, dann flüsternd mit sich selbst. Es schien, als habe ihn sein Traum noch nicht losgelassen und als befände er sich mit einem Fuß noch in jenem. Ja, anders konnte sich die verwirrte Alchemistin aus Kaer Morhen die momentane Lage nicht erklären. Von der Seite aus sah sie zu dem betroffenen Skelliger hin, taxierte ihn eindringlich. Das Lagerfeuer warf einen orangen Schein auf dessen hübsches Gesicht, das viel zu abwesend wirkte. Schatten tanzten in seinem Rücken über die moosbewachsenen Mauern der heruntergekommenen Burgruine, bei der sie nächtigten. Der Undviker hatte sich eine Decke über die hängenden Schultern gelegt, denn offensichtlich fror er trotz der relativ lauen Nacht. Er wurde doch nicht etwa krank, oder? Nein. Es ging ihm seines Traums wegen nicht gut. Jedenfalls schätzte Anna das, um sich die unwohle, bedrückende Situation wenigstens ein klein wenig erklären zu können. Sie mochte es schließlich nicht, wenn sie nicht wusste was los war und nicht darüber aufgeklärt wurde. In solchen Situationen sponn sie sich gerne eigene, vage Rechtfertigungen und Erklärungen zusammen. Die waren schließlich besser als nichts. Und dennoch… es gefiel Anna ganz und gar nicht, wie Rist da neben ihr kauerte und absolut verloren vor sich hin sah.

“He, Rist.”, entkam es der Kurzhaarigen daher bald “Hast du Lust auf eine Runde Gwent?”

Der angesprochene Skelliger sah gleich her. Die Behauptung er sähe matt und ausgelaugt aus, wäre haushoch untertrieben gewesen. Anna presste die trockenen Lippen aufeinander und fühlte sich augenblicklich schlecht. Normalerweise, da scherte sie sich nicht zu sehr um andere, doch wenn es um ihr Aard auf zwei Beinen ging, dann litt sie immer mit. Ja, zu oft schon hatte sie erleben müssen, wie Rist schwer verwundet worden war und jedes Mal hatte sie geglaubt halb mit ihm zu sterben. Daher stimmte es sie auch heute nicht allzu froh ihn so zu sehen, wie er nun einmal da saß.

Der Mann zog sich die Decke enger um die Schultern und verzog den Mundwinkel unschlüssig. Na, immerhin hatte er damit aufgehört apathisch vor sich hin zu sehen. Zu reden oder auch einfach nur über irgendwelche Kleinigkeiten nachzudenken, schien ihn abzulenken. Melitele sei Dank. Anna hatte sich gerade dies erhofft.

“Nein… nicht wirklich.”, beantwortete Rist die nette Frage seiner sorgenvollen Kumpanin ehrlich. War es ihm zu verübeln?

“Hmm… wir könnten würfeln. Um ein paar Kupfer. Wie wär‘s?”, schlug Anna als nächstes vor und zwang sich zu einem Lächeln. Sie würde nicht locker lassen.

“Wir haben doch vorhin schon gewürfelt…”, meinte der unglaublich unmotivierte Kerl, der da neben der Alchemistin auf einem umgekippten, verwitterten Mauerteil der Ruine saß. Das Lagerfeuer knisterte vor ihren Füßen und wärmte einem die steifen Glieder. Es roch nach brennendem Holz, Moos und Moder.

Anna entkam ein langgezogenes Seufzen. Sie kratzte sich am Hinterkopf und musterte ihren Freund, der keine Lust darauf hatte irgendetwas zu spielen, ratlos. Dann kam ihr jedoch noch eine Idee. Eine vermeintlich gute. Die Frau musste leicht grinsen und legte Rist den Arm kumpelhaft um die Schultern, als sie beiläufig Luft zum Sprechen holte.

“Ich habe noch viel von dem Serrikanischen Fusel übrig.”, entkam es Anna verschwörerisch leise “Betrinken wir uns ein bisschen. Nach all der Scheiße in Riedbrune könnten wir das doch gebrauchen, meinst du nicht?”

“Wir sitzen hier in der dunklen Wildnis herum. Wir können uns jetzt nicht einfach so mit Schnaps abschießen, Anna.”

“Och, warum nicht? Joris ist hier, gleich da hinten. Er ist stärker als wir alle zusammen.”, die Kurzhaarige nickte in die Richtung des Hexers der Katzenschule, der mit Violeta vor seinem Zelt saß und jener im Öllampenschein irgendetwas vorlas.

“Und Ravello wird sicherlich auch wach, wenn es Ärger gibt.”, mutmaßte die lächelnde Frau und ließ die Augen zu dem Beauclairer schweifen, der schon vor einiger Zeit am Lagerfeuer eingeschlafen war. Der Ritter lag da, den Abenteurern den Rücken zugedreht, und mit seinem blauen Umhang als Kopfkissen. Er schlief wie ein Stein. Es war seine einzige Fähigkeit, die er neben dem Umgarnen von dummen, willigen Weibern und dem verdammt schnellen Weglaufen noch hatte.

“Sprich: Es passiert schon nichts.”, schloss Anna ihren Vorschlag rund um das Trinken und wandte sich schon ab, um ihren Rucksack ungelenk an sich heran zu ziehen und darin herum zu wühlen. Sie zog eine Feldflasche hervor, die sicherlich einen ganzen Liter fasste, schüttelte jene prüfend und lächelte dann schief, als sie es schwappen hörte. Ha. Wenn sie den schlechtgelaunten Rist nicht durch das Spielen um Geld auf andere Gedanken bekommen könnte, dann mithilfe des guten Alkohols aus dem fernen Osten! Sie hatte den süßen Kräuterschnaps einmal bei einer Tombola in einer fragwürdigen Kneipe in Cintra gewonnen. Bisher hatte sie ihn nur selten angerührt, doch heute, da würde sie so weit gehen ihn mit ihrem besten Freund zu leeren. Das bis zum letzten Tropfen. Bestimmt würde Rist wieder lachen, wenn er den Boden der Feldflasche erreicht hätte.

 

Hjaldrist lachte schon nach der Hälfte der gut gefüllten Flasche wieder. Und dies stimmte die etwas weniger angeheiterte Anna richtig froh. Ganz bewusst hatte sie ihren traurigen Freund öfter und mehr von dem scharfen Fusel aus Serrikanien trinken lassen. Natürlich plante sie selbst nicht nüchtern zu bleiben, doch schließlich galt es doch den Skelliger, der seit der vergangenen Nacht auffallend lustlos gewesen war, wieder aufzumuntern. Und es funktionierte gut. Gerade, da gestikulierte er mit der Feldflasche in der Hand herum und erzählte von seiner Familie:

“Und er war schon immer ’n Idiot. Also nicht im negativen Sinn…”, meinte der Mann und gab einen amüsierten Laut von sich “Haldorn und seine Leute waren ringsum gefürchtet. Ziemlich. Und ich finde, dass er das, was er nicht in der Birne hatte, mit dem Segeln kompensiert hat. Aber wie auch immer… äh, wo war ich steh’n geblieben?”

“Bei dem Teil, wo er ne Truhe voller Kuhmist heimgebracht hat.”, erinnerte Anna erwartungsvoll grinsend und griff nach der Flasche mit dem süßen Kräuterschnaps, um einen großzügigen Schluck daraus zu trinken. Sie war etwas näher an ihren Kumpel heran gerutscht und hatte sich dabei einen Platz unter dessen wolliger Decke erschlichen, die ihr nun die Schultern wärmte. Zwar hatte sie ein paar neue Scheite Holz in das Lagerfeuer nachgelegt, doch die kühle Nachtbrise, die einem im Nacken kitzelte, war unangenehm gewesen. Also saßen die beiden Abenteurer nun zusammen da, Rist’s Decke um die Schultern gelegt und die Augen auf das orange flackernde, ab und an knackende Feuer in der Mitte des Lagerplatzes gerichtet.

“Ahja. Der Kuhmist...”, schmunzelte Hjaldrist begeistert “Haldorn hat bei seinem Beutezug tatsächlich das Schiff von ner Zauberin erwischt. Anstatt zu kämpfen, is die Olle einfach verschwunden und hat ihre Mannschaft zurückgelassen. Die Typen wurden alle getötet und das umsonst, denn die Zauberin hat vor ihrem Abgang all die Schätze an Bord in Scheiße verwandelt.”

Anna gluckste erheitert und gab die lederbezogene Feldflasche an ihren besten Freund zurück.

“Und er hat das auf seiner ganzen Rückreise nach Skellige nicht bemerkt?”

“Nein. Er und seine Leute war’n die ganze Zeit über der Annahme, dass in den Kisten Lebensmittel und Gold seien. War aber nicht so.”, lachte Hjaldrist schadenfroh in sich hinein und nuschelte bereits ein klein wenig “Du kannst dir nicht vorstellen, wie das gestunken hat!”

“Was hat dein Vater gemacht?”, wollte Anna amüsiert wissen.

“Oh, der ging so richtig an die Decke.”, grinste der Undviker, der in lustigen Erinnerungen schwelgte “Er hat Haldorn ne ordentliche Standpauke gehalten und ihn gefragt, ob er bescheuert sei ein Schiff von ner Zauberin anzugreifen. Weil die sind doch gefährlich.”

“Das stimmt.”

“Ja, ich sagte ja, dass Haldorn nicht immer der Hellste war… aber er hat wohl aus der Sache mit dem Mist gelernt. Und den Göttern sei Dank haben wir nie von der Zauberfrau gehört. Also noch nicht. Der Überfall war nämlich kurz vor meiner Abreise. Aber naja...”, lachte Rist und hob die halbvolle Feldflasche wie zum Toast “Auf meinen Bruder, diesen bescheuerten Tor.”

“Auf Haldorn und seine Scheißtruhe!”, stimmte Anna mit ein und grapschte Momente später wieder nach dem Hochprozentigen aus Serrikanien. Ravello, der schlief nach wie vor tief und fest, schnarchte sogar, und von Joris und Violeta war längst nichts mehr zu sehen. Die beiden hatten sich sicherlich auch schon in ihrem Zelt schlafen gelegt.

 

Die überaus gute Laune kippte, so wie es sich für viel zu flüssige Nächte oft gehabte, schnell. Zwar war Anna’s alte Flasche noch nicht leer, doch nachdem die mittlerweile recht duselige und unbedachte Frau die heutigen Leiden ihres Kollegen direkt angesprochen hatte, war jener ziemlich rührselig geworden.

“Ich weiß nich, was mit mir los is…”, jammerte Rist geschlagen vor sich hin “Ich träum immer so schlecht… und kann mich dann, uhm, an nix erinnern… nur daran, dass es übel war.”

Die braunhaarige Novigraderin, die neben dem betrunkenen Häufchen Elend saß und den Arm unter der naturfarbenen Baumwolldecke wieder um jenes gelegt hatte, nickte langsam und mitleidig.

“Ich wusst nich, dass du dich nich erinnerst.”, gab jene zu und bemühte sich nicht zu lallen. Es funktionierte nur dürftig, denn der Alkohol lenkte die Zunge der schummrigen Frau längst.

“Ja… und trotzdem geht’s mir dann voll schlecht.”, seufzte der emotionale Skelliger und nahm noch einen tiefen Schluck aus der Schnapsflasche. Dies war keine sehr gute Idee, doch alle noch wachen Anwesenden - also Anna und er - waren zu betrunken, um dies so vernünftig zu sehen. Für sie war der Hochprozentige entweder der beste Gefühlsbetäuber oder ein Ansporn dazu offener zu sprechen. Außerdem schmeckte er mit jedem Schluck besser, also warum sollte man schon mit dem Trinken aufhören?

“Das tut mir voll leid, Rist…”, murmelte die Giftmischerin und streichelte den Rücken ihres besten Freundes beschwichtigend “Aber du bist ja nich allein. Ich werd dich immer aufwecken, wenn du schlecht träumst. Das versprech ich.”

“Danke…”, seufzte der selbstmitleidige Undviker leise. Sein Kopf schien ihm mittlerweile viel zu schwer zu sein und seine Miene war beachtlich kläglich. Sie verleitete Anna, die ihrem Freund zuvor einen mitleidig prüfenden Seitenblick zugeworfen hatte, dazu, eben jenem einen dicken Kuss auf die Schläfe zu drücken. Und der Alkohol trug dazu bei, dass der Besagte dies keineswegs als befremdlich empfand. Im Gegenteil: Die nahezu mütterliche Geste schien ihn gar zu beruhigen. Rist schüttelte den Kopf leicht und ungläubig, als er mit benebeltem Blick auf seine Handflächen hinab sah.

“Manchmal, da hör ich seltsame Stimmen, Anna.”, meinte er dabei wispernd “Sie-… also… kommen aus meinem Kopf raus… einfach so...”

Noch ein Punkt, der vom vielen Alkohol im Blut Annas verharmlost wurde. Ja, er machte diese prekäre Offenbarung fast zur Nichtigkeit. Hjaldrist hatte gerade vorsichtig gesagt, er höre Stimmen. Und die Novigraderin, die nickte nur langsam und tätschelte ihm im stummen Beistand die Schulter. So, als habe er ihr gerade einen harmlosen Grund für seine schlechte Laune genannt, ein alltägliches Problem oder eine kleine Reiberei. Mit etwas Pech würde sich Anna nicht einmal mehr an die wichtige Äußerung des geplagten Jarlssohns erinnern.

“Manchmal, da isses richtig übel, weißt du… und dann weiß ich nimmer, was ich machen soll… so wie heute...”, jammerte Rist weiter und schüttelte den wirren Kopf abermals, hielt die Feldflasche fest wie ein rettendes Tau und fröstelte.

“Warum ich...?”, fragte er sich abschließend noch, zog die Nase hoch und kippte sich noch mehr des Serrikanischen Fusels in den trockenen Rachen, als helfe ihm das Getränk dabei alles zu vergessen.

Anna hingegen, wollte aus ihrer Rolle als mitfühlender Beistand, der Rist immer wieder liebe Dinge zumurmelte nicht mehr heraus. Mehr als nur angeheitert saß sie da, hatte Arm und dünne Decke um ihren bedrückten Kollegen gelegt und seufzte immer wieder nachdenklich. Wo sie im nüchternen Zustand zu distanziert gewesen wäre und sich dezent unwohl oder bescheuert dabei gefühlt hätte, das hier so ausschweifend zugetan zu tun, ging sie betrunken völlig darin auf. Oh, manchmal, da schien es so, als sei sie ein völlig anderer Mensch, wenn sie erst einmal genug gesoffen hatte.

“Das wird schon wieder…”, meinte Anna und grapschte fahrig nach der Schnapsflasche, die sehr bald leer sein würde “Ich hab doch gesagt, ich bin auch noch da. Du bist nich allein und ich pass ein bisschen auf dich auf. Siehste, sonst sagst immer nur du, dass du aufpassen musst, aber eigentlich, da mach ich das auch. Äh. Macht das Sinn?”

Hjaldrist wiegte den Kopf leicht und unschlüssig, dann nickte er aber zögerlich und sah wieder ein Stück weit auf. Er war blass um die Nase, seine betrunken-verzweifelten Augen glasig. Er hatte doch nicht etwa vor zu heulen?

“Oh…”, entkam es Anna überfordert, als sie dies sah “Ach… Ach komm… ich sagte doch: Alles wird wieder besser werden. Schau, uns ging’s schon oft schlecht und wir haben’s, äh, immer wieder geschafft, hm?”

Lasche, leere Phrasen, die in den Ohren eines jeden Nüchternen als eben solche aufgefallen wären. Man hätte die lallend plappernde Hexerstochter belächelt und sie, sie nicht ernst nehmend, ins Bett geschickt und ihr ein Wasserglas auf den Nachttisch gestellt. Zum Glück war aber keiner der wachen Anwesenden auch nur annähernd nüchtern. Und aus diesem Grund wirkte der momentane Monolog für sie wie ein vielsagender Schwall aus gedankenvollen Äußerungen und Geständnissen. Nicht lächerlich, sondern beeindruckend.

“Das stimmt…”, nuschelte Hjaldrist vor sich hin und sein Blick wich wieder etwas ab. Er schloss den Mund, schluckte schwer und verengte die dunklen Augen schwach, als er so in die Leere sah.

“Ja, das stimmt…”, flüsterte er nach einer kurzen, angestrengt grüblerischen Pause, als müsse er sich diesen Umstand noch einmal bestätigen. Es brachte die verquer fürsorgliche Anna dazu breit und etwas dümmlich zu lächeln.

“Und wenn ich sonst was machen kann, um dich aufzumuntern, dann sag mir das einfach und ich mach’s. Wir sind schließlich Freunde und da kümmert man sich miteinander-... uh… ‘umeinander’...”, war ‘Umeinander’ überhaupt eine existentes Wort? Anna runzelte in ihrem Suff die Stirn.

“Mh...”, machte das besoffene Elend aus Skellige mit gesenkter Stimme und sah von der Seite aus bekümmert zu seiner Freundin hin “Is ‘Umeinander’... überhaupt ‘n Wort?”

Die Frau aus Novigrad stutzte ungläubig, als Rist das, was sie sich soeben genau so im Geiste gefragt hatte, wissen wollte. Sie hob die Brauen einen Deut weit und zusammen mit der unglaublichen Verwunderung bescherte ihr der Serrikanische Schnaps eine recht belämmerte Miene. Eine, die allmählich immer mehr verrutschte, als Hjaldrist sie so geschlagen und gleichzeitig verwirrt ansah. Und so, als warte er unruhig auf irgendetwas.

“Ich weiß nicht…”, murmelte die abrupt ergriffene Kurzhaarige und hielt wie gebannt Augenkontakt. Im Normalfall wäre es ihr nun - rein theoretisch, denn praktisch wäre es niemals dazu gekommen - heiß und kalt gleichzeitig geworden. Nervosität hätte sie eingeholt, hätte sie gepackt und ihren Körper erstarren lassen. Und dann hätte sie sich einmal mehr und im Stillen gedacht, wie schön ihr bester Freund doch war. Dass sie wohl ein wenig auf dieses Elfenhafte stand, das jener an sich hatte. Dass es ihr verwegene Gedanken bescherte und diese Tatsache sie gleichzeitig dastehen ließ wie eine komplette, absolut oberflächliche Idiotin. Oberflächlich deswegen, weil sie Hjaldrist nicht auf romantische Art und Weise liebte, doch sein Äußeres beizeiten sehr anziehend fand. Und dann hätte die nüchterne Anna den Drang den Undviker einfach zu küssen locker fort geschoben, einen dummen Witz gemacht und sich abgewendet. Denn wenn sich jemand stur beherrschen konnte, dann sie.

Die betrunkene Anna aber, die dachte sich nicht so viel. Man konnte vielleicht sogar so weit gehen zu sagen, dass ihr der Alkohol die Birne einmal wieder völlig leer gefegt hatte und nur Platz für spontanes, unbedachtes Verhalten ließ. Für einen simplen Gedanken wie ‘Oh, wie jämmerlich mich der Schönling anstarrt. Ich knuddle oder küsse ihn einfach und alles wird wieder gut.’ zum Beispiel. Und dementsprechend handelte die Giftmischerin in der nächsten Sekunde auch: Sie beugte sich vor und führte ihren Gedankenzug einfach aus, küsste Rist ohne dabei einen wirklich sinnigen Gedanken zu fassen. Und jener ließ dies, vermutlich nur des Alkohols wegen, zu. Ja, zunächst zögerte er, mutete am Rande seines unglücklichen Zustands gar etwas überwältigt an. Doch dann schloss er die Augen und ließ es einfach geschehen, denn warum hätte er dies auch nicht sollen? So wie Anna, sagte er sich in seinem betrunkenen Kopf sicherlich auch, dass es ja nichts zu verlieren gäbe. Es war ja nur eine kleine, intimere Aktion in einem Moment, in dem allen Beteiligten alles damit verbundene einerlei erschien. Etwas harmloses, das andere Leute beispielsweise auch dann taten, wenn sie bei Trinkspielen verloren. Morgen sähe man das vielleicht nicht mehr ganz so leger, doch sei’s drum. Und daher rückte die in ihrem Tun bestätigte Anna näher an ihren Gefährten heran, legte ihm eine ihrer kalten Hände an die unversehrte Wange. Sie musste schief lächeln, als Hjaldrist ihren Kuss sofort erwiderte und die Lippen für sie öffnete. Schon jetzt war er butterweich. Etwas, das man richtig klischeehaft all den vorherrschenden Umständen zu verdanken hatte: Der großen Niedergeschlagenheit des Undvikers oder der Tatsache, dass er heillos betrunken war. Hjaldrist fühlte sich mit seinen Problemen unverstanden, einsam und allein; Dies erst recht nach einer halben Flasche Kräuterschnaps. Und die betrunkene Anna, die sich vorher noch ganz aufrichtig als Hilfe angeboten hatte, würde das ein klein wenig ausnutzen. Sie konnte einfach nicht anders, als sie ihren bekümmerten Kumpel im Schein des flackernden Lagerfeuers innig küsste.

 

Als Anna erwachte, war es kühl. Die Dämmerung brach gerade an, schickte erste Sonnenstrahlen über den Horizont und der Morgentau hatte sich feucht auf die wirren Haare der Giftmischerin gelegt. Das Lagerfeuer inmitten der alten Ruinen war längst erloschen und abgesehen vom frühen Vogelgezwitscher und dem leisen Schnarchen Ravellos war es still ringsum.

Ein leiser Fluch verließ die staubtrockene Kehle der Hexerstochter, die es gestern nicht mehr in ihr Zelt geschafft hatte, und ihre Zunge wollte ihr schal am Gaumen kleben. Sie blinzelte benommen, erschauderte ob der kalten Morgenluft und schmiegte sich schnell wieder enger an den, der da vor ihr unter der fleckigen, hellen Wolldecke lag: Rist. Oder eher: An den großzügigen Fellbesatz von dessen Kapuzenüberwurf. Ganz offensichtlich schlief der Mann noch, denn sein Atem ging flach und gleichmäßig. Und Anna fühlte sich nicht einmal fehl am Platz, als sie nach Wärme haschend im Rücken des Jarlssohns ruhte. Denn es war nicht das erste Mal, dass sie sich nachts an jenen gedrückt hatte, um nicht zu sehr zu frieren. Bei jeder dieser seltenen Gegebenheiten hatte sie, wie heute auch, hinter ihm gelegen. Dies, weil sich Hjaldrist von Anfang an quergestellt und gemeint hatte, er schliefe sicherlich NICHT eng an Anna gedrängt HINTER ihr. Die kritische Alchemistin wollte gar nicht so genau wissen wieso, doch sie konnte es erahnen: Als Kerl verkraftete man einen morgendlichen Arsch im Schritt wohl nicht immer so gut. Und genau deswegen hielt die Novigraderin immer dann, wenn die Nacht eisig war oder man unter freiem Himmel schlafen musste, als Rückenwärmer her. War schließlich besser, als sich den Tod zu holen. Soldaten machten das beizeiten angeblich genauso.

Was der Frau, anders als ihre mittlerweile eher gewohnte Schlafposition, aber klamme, betretene Gedanken bereitete, war das, was sie gestern getan hatte: Sie hatte ganz schön, nun ja, ‘ausgiebig’ mit ihrem besten Freund herum geknutscht und konnte sich leider an alles erinnern. An sich gepresst hatte sie das rührselige, unglaublich gefügige und betrunkene Etwas aus Skellige, als hätte sie nie mehr die Gelegenheit dazu irgendjemanden zu küssen. Leise seufzte die Kriegerin ob dem, schalt sich selbst eine Närrin und ließ den schmerzenden Kopf gegen die schief sitzende Kapuze ihres Freundes sinken, schloss die schmerzenden Augen. Es dauerte daraufhin keine fünf Augenblicke mehr, da sich der Undviker vor Anna etwas rührte und die Decke vernehmlich fröstelnd höher zog.

“Uh…”, entkam es ihm dabei leise und er klang alles andere als zufrieden “Mein Kopf…”

Anna entkam daraufhin nur ein zustimmender Laut. Es war keine sonderlich gute Idee gewesen eine Schnapsflasche auszutrinken, als kippe man sich Wasser in den durstigen Rachen.

“Das... ist ziemlich peinlich gewesen....”, murmelte der gequälte Inselbewohner weiter vor sich hin und entlockte der Frau hinter sich damit ein betroffenes Schnaufen. Sie schlug die braunen Augen nieder und verkniff sich ein tiefes Seufzen. 

“Entschuldige.”, murrte die Verunsicherte schlicht in den Fellbesatz vor sich und nicht ohne ein übles Gefühl in der Magengegend zu verspüren. War das ihr schlechtes Gewissen oder wollte ihr Bauch nur des zu vielen Alkohols wegen rebellieren? Womöglich beides.

“Hmm?”, machte Rist ohne sich auch nur ein Stückchen zu rühren. Offenbar hatte er wenig Lust darauf sich unter seiner alten Decke hervor zu schälen und sich der unwohl kühlen Morgenluft auszusetzen. Wahrscheinlich schmerzte ihm der Schädel zudem auch noch viel zu sehr oder er wollte gleich noch ein paar Momente weiter dösen. Es war ja auch noch früh.

“Ich werde zu aufdringlich, wenn ich betrunken bin...”, stellte Anna fest und diese Äußerung sollte gleichauf als Rechtfertigung für ihr vermeintliches Vergehen dienen, für das sie sich vor wenigen Momenten entschuldigt hatte. Ja, sie wurde zudringlich, wenn sie trank. Dies war nicht neu und dennoch empfand sie es als angebracht sich deswegen bei ihrem Kumpel zu entschuldigen. Schließlich hatte sie ihm die Zunge in den Hals gesteckt, als sei es selbstverständlich. Nicht jeder tat das so schnell ab wie sie selbst und gerade ihr Kollege gehörte doch zur gefühlsbetonteren Sorte Mensch. Uh, zum Glück war gestern nicht mehr passiert.

“Pff…”, konnte man den Skelliger brummig hören und er gab sich, als maß er den ganzen Intimitäten wenig bei “Das meinte ich nicht.”

“Hmm?”

“Mein Gejammer. DAS war peinlich.”, erklärte Hjaldrist sich und auf einen Schlag machte sich wohltuende Erleichterung in Anna’s verkrampften Eingeweiden breit. Sie atmete tief aus, hob den Kopf etwas an und stützte ihn auf eine ihrer Hände.

“Jeder jammert mal…”, meinte die Frau nur “Passiert halt. Gerade, wenn man besoffen ist.”

“Mh.”, machte Rist wenig überzeugt, doch fügte seinen Worten nichts weiter hinzu. Was hätte er auch sagen sollen? Auch sprach er es nicht an, dass Anna ihn bedrängt hatte. Hatte ihm dies etwa gefallen? Oder war es ihm völlig egal? Es konnte jemandem wie ihm doch kaum einerlei sein!

Gleichzeitig begann sich die Novigraderin mit dem brummenden Kopf zu fragen, warum ihr Kumpel gestern beinahe geheult hatte. Was waren nochmal dessen schlimme Beweggründe gewesen? Was hatte er gesagt? Es war wichtig gewesen, ganz sicher. Er hatte ihr irgendetwas offenbart. Etwas, das er davor noch nie offen zugegeben hatte… nur was?

Anna legte die Stirn in Falten, dachte angestrengt nach. Nur langsam wich sie dabei von Rist ab, schob die wärmende Baumwolldecke von sich und richtete den Oberkörper ächzend auf. Vollkommen schwerfällig tat sie das und rieb sich die pochende Schläfe, als sie die Erinnerungen an die gestrige Nacht nur zäh und langsam wieder einholten. Die Verkaterte setzte sich vollends hin, rieb sich die Oberarme und wischte sich dann vom Morgentau feuchte Haarsträhnen aus dem Gesicht. Leicht verzog sie die Mundwinkel, trug einen widerlichen Geschmack nach Serrikanischem Kräuterfusel auf der Zunge. Und trotzdem blieben ihre Gedanken bei Rist’s betrunken gelallten Sätzen des vergangenen Abends hängen. Bei ehrlichen Äußerungen, die ihr nun langsam aber sicher wieder einfielen.

“Du hast gesagt…”, sprach die müde Hexerstochter in der rot-schwarz gestreiften Jacke leise, zog die Brauen weit zusammen und schob die Worte in ihrem Mund hin und her, ehe sie sie zögerlich ausspuckte “dass du Stimmen hörst. In deinem Kopf.”

Sie vernahm, wie Rist auf diese Erkenntnis hin tief durchatmete und sich dann auf den Rücken drehte, um zu ihr aufsehen zu können. Der ernste, bedeutsame Blick des Skelligers sprach Bände. Und er wirkte gleichzeitig wie eine stumme Bestätigung. Der betroffene Hjaldrist schwieg, denn er musste nichts sagen. Anna starrte den im Gras liegenden Mann ebenso schweigend an und versuchte nicht allzu wirr und besorgt - oder gar geschockt - auszusehen. Stimmen zu hören war nämlich alles andere als harmlos oder normal. Es war keine Kleinigkeit und sprach für mehrere, schwerwiegende Zustände: Geisteskrankheit etwa. Oder Besessenheit. Fürchterliche Dinge, die der gedankenvollen Anna, in Verbindung mit ihrem besten Freund, den Atem rauben wollten. Sie wusste nicht, was sagen und hatte auch keine Ahnung was sie jetzt tun sollte. Augenblicklich fühlte sie sich wacher und unglaublich nervös. Selbst die morgendliche Kühle kümmerte sie kaum mehr.

“Erzähle es niemandem.”, bat Rist mit gesenkter, etwas heiserer Stimme “Bitte.”

Die Giftmischerin nickte langsam und brachte ihren Kumpel damit dazu beschwichtigt zu lächeln. Es war ein Ausdruck, der seine dunkel untermalten Augen nicht erreichte.

“Ich erzähle es keinem.”, versprach die Frau nickend, als sie ihren matten Gefährten ungebrochen besorgt musterte “Aber... sag mir-”

Anna stockte mitten in ihrer geflüsterten Aufforderung und hielt sofort inne, als sich Ravello unweit rührte. Sie sah erschrocken auf, wie ein Einbrecher, den man auf frischer Tat ertappt hatte, und beobachtete, wie sich der blonde Ritter aus Beauclair gähnend streckte. Die Novigraderin schloss die Lippen und sah aus den Augenwinkeln vielsagend zu Hjaldrist hin, der sich mittlerweile auch ungelenk aufgesetzt hatte. Sie beide würden ihr heikles, geheimes Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen müssen. Denn Anna hatte da noch dringende Fragen, die sie jetzt ungemein beschäftigten...

 

Beim Frühstück hatte sich Hjaldrist wieder völlig gefasst und saß sogar mit halbwegs guter Laune mit am Feuer, als er eine Wurst klein schnitt und jedem seiner Begleiter etwas davon reichte. Anna zerteilte Brot und Violeta kümmerte sich freundlich lächelnd darum, dass jeder auch noch einen Happen Käse bekam. Joris saß schweigend auf einem Stein der heruntergekommenen Ruine und starrte in das kleine Lagerfeuer, auf dem in einem kleinen Topf Wasser für Tee vor sich hin brodelte. Ravello war noch nicht so ganz wach und gähnte schon zum gefühlten fünften Mal in dieser Minute. Dies, obwohl er doch geschlafen hatte wie ein Baby. Er steckte alle, bis auf den Hexer, damit an.

“Wenn wir querfeldein nach Nordwesten reiten, schaffen wir es in relativ kurzer Zeit nach Mayena. Ich kenne den Weg.”, warf der anwesende Nilfgaarder in die stille Runde ein und beantwortete damit jede anstehende Frage um den heutigen Plan und die weitere Vorgehensweise auf der langen Reise gen Temerien.

Anna sah auf, hob die Brauen überrascht. Ravello nickte zustimmend. Und sie alle waren wohl froh darüber, dass sie über Pferde verfügten, denn ohne Reittiere wäre der vor ihnen liegende Pfad eine langwierige Qual gewesen. Die Vierbeiner standen nicht weit entfernt im feuchten Gras, rupften letzteres gemächlich kauend aus oder dösten mit gesenkten Häuptern vor sich hin. Man hatte sie an eine kleine Baumgruppe gebunden, die sie nicht nur daran hinderte, davon zu laufen, sondern auch Schatten spendete. Die Sonne war längst aufgegangen und hing noch tief am Himmel.

“Ich sage: Wir brechen das Lager nach dem Essen bald ab und machen uns dann auf den Weg.”, meinte der anwesende Mann aus Beauclair “Oder?”

Anna warf Hjaldrist daraufhin einen kurzen Blick zu. Er war bedeutungsvoll und erzählte davon, dass sie noch dringend und allein mit ihm sprechen wollte. Der betroffene Skelliger hielt inne und ließ sein Brotstück sinken.

“Gute Idee. Rist und ich wollten davor nur noch kurz etwas klären.”, entkam es der Hexerstochter, als sie dem abwartenden Ravello den Kopf wieder zudrehte. Sie bemerkte am Rande, wie Joris mit den Achseln zuckte. Schlussendlich war es dem Mutant egal wie schnell sie in den Norden reisten. Dies war schließlich nicht sein primäres Ziel.

“Könntest du unser Zelt abbauen, sollten wir nicht schnell genug wieder da sein? Ich gebe dir demnächst nen Met dafür aus.”, bat Anna ihren Kumpan aus Toussaint.

“Hmm? Ja klar.”, entgegnete der hilfsbereite Blondschopf geduldig, doch musste sich auch wundern “Was habt ihr denn vor?”

“Pff.”, machte Joris auf diese Frage hin abfällig-amüsiert und verschränkte die Arme vor der Brust “Ist doch klar.”

“Rist und ich müssen etwas bereden.”, fiel Anna dem unguten Hexer ins Wort und schenkte ihm einen tadelnden Blick “Unter vier Augen.”.

“Jaja.”, grinste der besagte Nilfgaarder schief und wissend “Und ich bin die Königin Cintras.”

“Äh…”, meinte Ravello nurmehr verwirrt, als er Anna jetzt musterte und den Blick auch einmal gen Hjaldrist wandern ließ. Der Undviker steckte sich schnell seinen letzten Happen Wurstbrot in den Mund, um nicht reden zu müssen. 

“Ihr-... wirklich? Ich dachte-”, stammelte Ravello und nahm allmählich einen grüblerischen Ausdruck an. Nicht mehr lange und er würde genauso verwegen grinsen wie Joris es in diesem unangenehmen Moment tat, ganz bestimmt. Oh, diese Typen!

“Oh Mann…”, stöhnte Anna entnervt “Nein Ravello, wir gehen nicht in den Wald bumsen.”

Joris musste sich ganz offensichtlich ein lautes, dreckiges Lachen verkneifen und Violeta, die bisher sehr schweigsam neben jenem gesessen hatte, senkte den Blick betreten auf ihre Knie. Sie wurde puterrot.

“Keine Ahnung, Joris, warum du so besessen von dem Gedanken bist, dass da was zwischen mir und Rist läuft. Denk dir eben deinen Teil. Aber lass Ravello damit in Ruhe.”, schnaubte die braunhaarige Alchemistin schnippisch “EIN Idiot, der mich mit dämlichen, mehrdeutigen Sprüchen nervt, ist mir genug.”

Nun war es so weit: Der dämliche Krieger aus Toussaint tauschte einen knappen Blick mit dem Bastard von Hexer aus und begann ebenso damit äußerst schief zu schmunzeln. Na großartig.

“Ich? Besessen?”, säuselte Joris “Bin ich nicht. Ich spreche nur Tatsachen an. Oh, oder ist dir das Ganze etwa peinlich, Mädchen?”

Anna’s Gesicht war eine Wand aus Entnervtheit und Unglauben. Sie gab einen wenig begeisterten Laut von sich, rollte dann aber nurmehr mit den Augen und winkte ab. Es hätte ja keinen Sinn zu streiten, denn Joris redete immer respektlos gegen alles, was man sagte. Die Giftmischerin wollte daher gerade zu Hjaldrist sehen, um ihm auffordernd zuzunicken und ihn darum zu bitten doch zu gehen. Aber dies wurde jäh unterbrochen, und zwar von Joris, der seine große Klappe einfach nicht halten wollte:

“Es ist dir also tatsächlich peinlich, dass du heute Nacht mit ihm herum gemacht hast.”, stichelte der Mutant weiter und lachte boshaft in sich hinein “Ist ja wirklich süß. Wie alt seid ihr beide noch gleich? Fünfzehn?”

Anna erstarrte ob dieser Worte wie zur Eissäule und sie bemerkte, wie auch Rist zusammenzuckte und in die Richtung des vorlauten Hexers starrte. Jener, der heute Nacht offensichtlich mehr mitbekommen hatte, als es allen gut tat, fand die Situation augenscheinlich urkomisch. Auch der belustigte Ravello hätte im Kreis gegrinst, hätte er keine Ohren besessen. Nur Violeta, die legte die Stirn kritisch in Falten und atmete tief aus.

“Mir ist gar nichts peinlich, Arschloch!”, entkam es Anna dann plötzlich zurecht patzig. Rist, der sah sich im Gegensatz zu ihr wohl nicht dazu imstande zu reden. Seltsam. Sonst war er doch auch nicht auf den Mund gefallen.

“Ho...”, machte Joris ohne seinen munteren Gesichtsausdruck zu verlieren. Gespielt ehrfürchtig erhob er seine schwieligen Hände abwehrend vor sich.

“Werd doch nicht gleich beleidigend, Mädchen.”, schmunzelte der kurzhaarige Nilfgaarder und zwang die angesprochene Kriegerin damit zu einem bösen Starren. Stille.

“Du bist gemein, Joris.”, meldete sich die sanftmütige Violeta unerwarteterweise zu Wort und verpasste ihrem gehässigen Geliebten dabei einen Klaps in die Seite “Lass sie doch in Ruhe. Du machst dir hier mit deinem Verhalten keine Freunde.”

Anna’s Aufmerksamkeit fiel auf die gutmütige Schwarzhaarige und sie konnte in dieser Sekunde nicht anders als tiefe Dankbarkeit für deren Einwand zu empfinden. Dann sah sie zurück zu Rist, der aufgegessen hatte und sich langsam von seinem Platz erhob. Er warf seiner besten Freundin einen entschuldigenden Blick zu, wendete sich dann aber gleich todernst an Joris.

“Wie Anna schon sagte: Denk dir doch, was du willst. Ich für meinen Teil denke mir jedenfalls gerade, dass ich dir in den Arsch treten würde, bräuchte Anna dich nicht noch.”, meinte der pikierte Skelliger endlich und seine Kollegin in der gestreiften Jacke atmete erleichtert durch. Sie hatte sich schon gefragt, warum sie sich und ihn ganz allein verteidigen musste. Gut, dass er sich auch noch eingemischt hatte. So ersparte er sich nämlich eine ärgerliche Standpauke.

“Komm, gehen wir.”, richtete sich der ärgerliche Inselbewohner nach seiner Ansprache an die noch sitzende Anna und gestikulierte kurz von der alten Ruine fort. Eine unebene, grasbewachsene Weite erstreckte sich dort nah der Berge Soddens und gesäumt vom Rand eines spärlichen Wäldchens. Man könnte dort gemütlich spazieren gehen.

 

“Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat…”, meinte Rist aufrichtig, als er neben seiner interessierten Gefährtin her ging. Er hatte beide Hände tief in den Taschen vergraben und fühlte sich augenscheinlich sehr unwohl, als er da über die verwilderte Wiese ging. Er und Anna hatten den Weg zwischen den kleinen Anhöhen und dem Wäldchen hinter der Burgruine eingeschlagen und spazierten dort nun schon seit einer geraumen Zeit umher. Sie hatten sich weit von ihren Begleitern entfernt, von denen sie gerade die Schnauze voll hatten.

“Ich glaube, hmm, irgendwann nach unserer Abreise aus Skellige hat es angefangen.”, seufzte der gezwungen gesprächige Krieger “Aber ich bin mir nicht ganz sicher. Ich habe auch davor schon ab und an schlecht geträumt. Nur die Stimmen, die waren damals noch nicht da.”

“Es passierte also fließend…”, stellte Anna fest und blickte von der Seite aus zu ihrem Begleiter hin. Jener sah geradeaus vor sich und versuchte keinen Augenkontakt aufzubauen. Er musste sich ja ganz schön dämlich fühlen…

Die Schwertkämpferin ließ ein kleines, leeres Glasfläschchen aus ihrer Hand in ihre Gürteltasche verschwinden. Vor wenigen Momenten noch hatte sich darin zähflüssiges Gift befunden. Reste eines Absudes, die Anna mit einem Mal ausgetrunken hatte. Dies zu tun war beiläufig geworden. Selbst Hjaldrist wirkte schon nicht mehr so sorgenvoll, wenn sich seine Begleiterin nach dem frühstücken Toxine in den Rachen kippte. Er maß sie lediglich noch mit skeptischen Blicken und vertraute auf die wenigen Gegengifte, die er bei sich trug, doch das war es auch schon.

“Fließend? Ja, kann man wohl so sagen.”, bestätigte der Undviker geschlagen.

“Und du hörst sie immer…?”, wollte die besorgte Anna weiter wissen, als sie da neben Hjaldrist durch das wadenhohe Gras schlenderte. Unweit huschten ein paar Rehe über die Ebene, um kurz daraufhin im Unterholz des angrenzenden Waldes zu verschwinden. Der Spätsommertag war klar und versprach heiß zu werden.

“Nein.”, der Mann schüttelte den Kopf “Ich höre sie nur manchmal. Und ich weiß nicht, ob die Stimmen mit den Träumen zusammenhängen. Hin und wieder, da höre ich sie auch, ohne schlecht geschlafen zu haben. Dann machen sie mir aber nicht so viel aus wie gestern. Ja, gestern, da war es wirklich übel.”

“Verstehe…”, murmelte die Hexerstochter und fuhr sich mit der Hand über das Kinn, als sie den Blick wieder von ihrem Freund losriss und damit anfing unschlüssig grüblerisch vor sich hinzusehen. Ihr Mund war ihr ihres Giftes wegen ein wenig trocken geworden und ihre Knie waren weich. Dies würde schnell vergehen.

“Es ist keine Besessenheit.”, meinte Anna dann relativ selbstsicher “Denn du sagtest vorhin doch, dass sich die Stimmen wie die verschiedenster Leute anhören. Und dass sie dir nichts befehlen. Du… naja, hörst sie einfach nur. So, als würdest du andere Menschen belauschen? Das ist eigenartig. Also abgesehen davon, dass mein Medaillon nicht auf dich reagiert, wenn du einmal wieder komisch drauf bist.”

“Ja, der Vergleich mit dem Belauschen ist vielleicht der beste…”, entkam es dem ratlosen Hjaldrist und er seufzte abermals schwer “Und ich würde ja gerne behaupten, ich sei froh darüber, dass du mir sagst, dass da kein übernatürliches Wesen in mir sitzt, das mich lenkt. Aber… naja. Wie könnte ich mich gerade freuen, hm?”

Anna musste leise lachen, doch dies klang nicht sonderlich glücklich.

“Scheiß Situation.”, fasste die Kurzhaarige den leidigen Zustand ihres armen Kollegen in ihrer ganz eigenen Manier zusammen. Ja, die Sache mit Rist war übel. Und wenn Anna ehrlich zu sich selbst war - ganz, ganz ehrlich - dann wäre es ihr lieb gewesen, wäre ihr Kollege einfach von einem Geist oder dergleichen besessen gewesen. Denn in dem Fall hätte sie etwas gegen das Gemurmel in dessen Kopf und all die gruseligen Anwandlungen unternehmen können. Alle anderen Gegebenheiten abseits der Besessenheit, in denen man Stimmen vernahm, waren der Monsterjägerin mehr oder weniger ein Rätsel. Sie fühlte sich also ohnmächtig annehmen zu müssen, ihr bester Freund sei eventuell geistig krank. Oh, wie sollte sie nur mit alldem umgehen? Wie sollte sie helfen?

“Was willst du machen?”, hakte die mitleidende Frau also nach und richtete sich damit wieder direkt an den Betroffenen. Der laue Wind brauste durch die nahen Baumkronen und wehte den Geruch nach Fichtennadeln bis an Anna’s Nase heran.

“Hm.”, machte Rist “Ich weiß nicht. Vielleicht… könnten wir ja zusammen nach einer Lösung für mich suchen, sobald du dein Ziel erreicht hast. Noch geht es mir relativ gut, aber wenn das mit den Träumen und den Stimmen noch schlimmer wird, dann-”

“Ich soll dir helfen, nachdem ich es irgendwann geschafft habe eine Kräuterprobe für mich zu mischen?”, fiel Anna dem matten Skelliger harsch ins Wort. Ihr Ton klang nahezu empört, als sie stehen blieb und Hjaldrist starr und ernst ansah. Auch er hatte innegehalten und warf einen vorsichtigen Blick in die Richtung der Alchemistin mit der fuchsroten Haarsträhne. Da war plötzliche Unsicherheit in seiner Miene. Fühlte er sich wie ein Bittsteller, dem es nicht gestattet war Forderungen auszusprechen? Wie ein Gehilfe, der selbst nicht unterstützt wurde?

“Das werde ich nicht tun.”, setzte Anna ihre strenge Äußerung fort und sah, wie sich Rist ihrer Worte wegen ein wenig versteifte. Dessen Lippen standen wie im Unglauben einen kleinen Spalt weit offen, als er die jüngere Frau mit irritiertem Blick fixierte. Kurz schwiegen sie sich an.

“Anna…?”, fragte der Viertelelf nach einigen Atemzügen zögerlich und so, als glaube er urplötzlich mit einer Fremden zu reden.

“Wir suchen von JETZT an nach einer Lösung für dich, Rist. Was denkst du denn?”, sagte die Angesprochene mit fester Stimme weiter “Wir laufen doch nicht querfeldein durch die halbe Welt, um meine Alchemieformeln aufzubessern, und ignorieren dabei, dass es dir schlecht geht.”

Worte, die die ungemein angespannte Atmosphäre, die die Luft kurzzeitig richtig dick gemacht hatte, abrupt wieder lösten. Rist’s hart gewordene Miene lockerte sich augenblicklich und er hob die Brauen an, blinzelte überrascht, ehe ihn lockere Freude einholte.

“Es ist dahingehend doch nur gut, dass wir so viel herumkommen. So geraten wir nämlich womöglich auch an Leute, die dir helfen können oder sich zumindest mit… äh, Stimmen und Träumen auskennen.”, schlussfolgerte Anna richtig “Wir halten einfach die Augen offen. Nach der Kräuterprobe UND nach einer Lösung für dich. Ich habe doch gestern schon gesagt, dass wir uns umeinander kümmern. Und das meinte ich ernst, obwohl ich besoffen war.”

Als die 20-Jährige ihren Vorschlag losgeworden war, lächelte sie ihrem besten Freund aufmunternd zu. Sie streckte die Hand gleich nach ihm aus, klopfte ihm brüderlich die Schulter. Und tatsächlich verzogen sich jetzt auch die Lippen des durch den Wind geworfenen Undvikers zu einem dankbaren, erleichterten Lächeln.

“‘Umeinander’ ist also ein Wort, huh?”, wollte er voller Ironie im Unterton wissen und Anna schnaufte dieser Meldung wegen erheitert.

“Das war ganz schön bescheuert gestern. Natürlich ist ‘Umeinander’ ein Wort.”, grinste die Novigraderin und konnte sich eines vielsagenden Blickes nicht erwehren. Schließlich holten sie die vagen Erinnerung an die vergangene, feuchtfröhliche Nacht ein. Erinnerungen, die zwar etwas peinlich waren, im Grunde aber auch unterhaltsam. Ob Rist das auch so sah? ER war am Ende doch das ‘Opfer’ der betrunkenen, übermütigen Anna gewesen, nicht? Einmal wieder spürte die Frau, wie das schlechte Gewissen mit spitzen Zähnen an ihr nagte. Daher holte sie sofort Luft, um zu sprechen. Um sich noch einmal - und dieses Mal auch richtig - zu entschuldigen.

“Die ganze Aktion war ziemlich blöd.”, fing die reumütige Alchemistin an und schluckte trocken, lächelte unruhig und fuhr sich mit der Hand durch den Nacken “Äh. Entschuldige nochmal. Ich sollte nicht mehr so viel trinken.”

“Als ob DU das einhalten würdest.”, bekrittelte Hjaldrist mit wissendem, erheiterten Ton “Ich kenne dich doch. Außerdem hätte ich dann niemanden mehr, der mit mir säuft. Also vergiss es.”

“Ähm.”, fiel es der betretenen Anna dazu nur ein “Ich wollte dir jedenfalls nicht so sehr auf die Pelle rücken. Also… in dem Moment schon, aber im Nachhinein betrachtet, war es gemein von mir.”

“Gemein?”, fragte Rist und hob eine Braue weit an “Ich habe mitgemacht, also war da nichts Gemeines dran. Du hast mich von meinen düsteren Gedanken abgelenkt, schon vergessen?”

“Mh.”, machte die Novigraderin und rieb sich planlos den Nasenrücken. Ratlos deswegen, weil sie nicht so recht wusste, wie sie mit der konfrontierenden Situation umgehen sollte. Lachen wäre wohl gut. Ja, mit Witz und Sarkasmus überspielte sie unangenehme Angelegenheiten doch oft recht gut. Also rang sie sich zu einem schwachen Grinsen durch.

“Mach dir bloß keine Hoffnungen.”, sagte sie und bemerkte, wie ihr Kollege sie auf diese Aufforderung hin etwas schräg ansah. Gleichzeitig schien er sich einen Herzschlag lang innerlich getroffen zu fühlen. Ein Moment, der schnell vorbeiging und der einem leisen, abfälligen Lachen des Mannes Platz machte.

“Wir haben schon viel, viel Schlimmeres getan, Flohbeutel, und ich habe mir keine gemacht. Ich sagte doch: Du bist nicht mein Typ.”, schoss der Jarlssohn scherzend zurück und brachte Anna damit dazu einen gespielt enttäuschten Ton von sich zu geben.

“Hmm? So? Ich kann mich gut daran erinnern, wie du im Schein meiner Lügenlampe gesagt hast, dass du mich attraktiv findest.”, grinste die Kurzhaarige breit und triumphierend.

“Vielleicht funktioniert deine Lampe ja auch gar nicht und ich habe gelogen.”, schmunzelte der Undviker schlagfertig und würde sicherlich den Teufel tun NICHT das letzte Wort zu haben. Anna boxte ihm für seine Meldung gegen den Oberarm, dass er ächzte. Erneut musste er lachen und es war klar, dass keiner der Anwesenden das anfangs noch ernste Gespräch hier mehr für voll nahm. Anstatt ein nüchterner Austausch rund um eine Entschuldigung zu bleiben, hatte sich die Angelegenheit zur Witzelei zwischen besten Freunden entwickelt, die sich auch trotz ihrer geschauspielerten Ausdrücke und all der kleinen Neckereien verstanden. Es erleichterte Anna. Und es fegte jegliche schlechte Gedanken an die letzte Nacht oder Befürchtungen, die damit zu tun hatten, fort. Sie holte gerade Luft, um einen dummen Scherz über Hjaldrist’s Vorlieben zu machen, da sah sie, wie jener die dunklen Augen überwältigt weitete. Dies wie völlig aus dem Kontext gelöst und in negativer, ängstlicher Weise. Die Ausstrahlung des gerade noch so frohen Skelligers kippte, seine Glieder versteiften sich merklich. Und er fasste barsch nach dem Unterarm seiner Freundin, die ihn argwöhnisch betrachtete. Wollte der Kerl sie jetzt etwa veralbern?

“Rist?”, fragte Anna verdattert “Was ist los?”

Der Besagte sah an der Kurzhaarigen vorbei, als stünde da irgendetwas schreckliches hinter ihr. Ein riesiges, sabberndes Monstrum oder eine Armee fürchterlicher Untoter etwa. Sofort warf Anna daher einen forschenden Schulterblick hinter sich. Doch da war nichts. Nur Gras, ein paar Büsche, ein Hügel, ein Baum. Anna verengte die Augen prüfend, drehte Rist den Kopf zögerlich wieder zu und sah ihn an, als verstünde sie die Welt nicht mehr. Sämtliche Farbe war dem Inselbewohner aus dem Gesicht gewichen. Die Situation war auf einmal wirklich ernst, das wurde der nervösen Kriegerin klar. Doch weswegen?

“Lauf.”, atmete Hjladrist.

“Was?”, flüsterte Anna wirr.

“Wir müssen weg.”, meinte der aufgescheuchte Mann mit sehr viel mehr Nachdruck in der Stimme und zerrte auffordernd am Arm seiner besten Freundin, die vor Verwirrung gebeutelt schien. Er wollte loseilen, aber Anna setzte sich nur langsam in Bewegung.

“Rist! Was ist los??”, schnappte sie gleich. Der eiserne Griff um ihren Unterarm war so fest, dass er schmerzte.

“Sie sind am Hügel!”, keuchte der Skelliger in dunkler Vorahnung, als habe er sich noch nie in seinem Leben so gehetzt gefühlt wie jetzt. Und diese drängenden Worte ließen die Novigraderin heftig zusammenzucken. Eine Welle aus Paranoia brach ungehalten über sie herein. Denn sie hatte schon oft gehört, wie Hjaldrist warnend von ‘dem Hügel’ gesprochen hatte. Nur war er dabei noch nie wach gewesen. Oh, bei Melitele!

Ein Pfeil schlug geräuschvoll vor den Füßen Annas in den Erdboden ein. Sie erschrak ob dem so sehr, dass sie aufschrie und einen Satz zurück machte. Rist hingegen, erfasste sie wieder, erwischte sie fahrig an der Hand und zog sie hinter sich her. Doch zu spät. Wieder sirrte ein langer, teuer befiederter Pfeil durch die Luft. Die verfolgten Abenteurer duckten sich unter jenem hinweg und liefen, als ginge es um ihre Leben. Und dann war da ein ziehender Schmerz. Ein Singen eines Holzschaftes, der durch die Luft schoss. Ein unglaublich starkes Brennen an Anna’s Oberarm. Der dritte Pfeil hatte sie gestreift und brachte sie dazu die Zähne fest zusammen zu beißen. Sie sah Hjaldrist, spürte, wie er an ihrer Hand zog, um sie dazu zu bewegen schneller zu laufen. Seine Finger waren kalt und feucht. Und dann war da ein dumpfer Aufschlag. Er war so wuchtig, dass er Anna zu Fall brachte. Er traf sie am Bein, riss ihr jenes vom Grund fort und zwang sie nieder. Der Aufprall am harten Boden presste der burschikosen Frau die Luft aus den Lungen. Sie schrie verhalten auf, als ein stechender Schmerz ihren Oberschenkel durchzuckte, biss sich fest auf die Unterlippe.

Ein Pfeil. Da steckte ein Pfeil in ihrem Bein! Scheiße!

Als Anna aufsah, war ihr zittriger Freund bei ihr und wollte ihr hoch helfen. Rist war ungewohnt panisch, fasste die verwundete Hexerstochter an den Oberarmen und sagte irgendetwas. Er wollte sie auf die wackeligen Füße ziehen, doch schaffte es nicht. Denn Anna half nicht mit. Auf einmal… da wurde ihr alles so einerlei. Sie spürte keinen Schmerz und keine Unruhe mehr. Ihr war schummrig vor Augen. Sie blinzelte angestrengt und hörte, wie Rist ihren Namen flehentlich sagte. Etwas brach unter einem spürbaren Widerstand. Das war der Pfeilschaft des Geschosses in ihrem Schenkel gewesen. Der Undviker hob die Braunhaarige hoch. 

Es roch entfernt nach Arenaria. Teures Henkersserum. Hatte man die taumelige Novigraderin etwa vergiftet? Giftpfeile. Welch eine Ironie. Würde sie nun sterben müssen...?

Da waren Männer. Anna wusste nicht wie viele. Sie wusste nur, dass sie plötzlich wieder am Boden saß und den Kopf schwerfällig hob. Der Atem stockte ihr und sie hörte das eigene Blut so laut in den Ohren rauschen, dass sie keine anderen Geräusche mehr wahrnehmen konnte. Sie konnte ihre Finger nicht mehr fühlen.

Wo war Rist? Irgendjemand kämpfte da. Da war ein großes Netz. Die Männer hatten es über Hjaldrist geworfen, als sei er ein Wildtier, das man einfangen wollte. Sie rangen ihn brutal nieder, traten ihn sogar einmal. Es war Anna egal. Alles in ihrem Blickfeld verschwamm zu einem Tanz aus bunten Farben und Formen. Hjaldrist war auf einmal weg. Die Männer auch. Egal. Anna lag am Boden. Wie lange schon? Sie spürte, wie ihr saure Galle in den Mund stieg und sie würgen ließ. Sie bekam keine Luft, wollte husten, sich übergeben. Und dann, dann legte sich die ungnädige, klamme Schwärze über sie.

 

*

 

Anna entkam ein überfordertes Stöhnen, als man sie auf den Rücken drehte. Sie blinzelte benommen, schaffte es kaum den Blick zu fokussieren.

“Hallo?”, drang eine Frauenstimme unruhig an sie heran “Hallo??”

Die benommene Hexerstochter wurde geohrfeigt und ächzte, ob dem auf, fasste im laschen Protest nach vorn, doch ihre zitternden Finger griffen bloß in die Leere. Sie murmelte ein paar unverständliche Worte, drehte den Kopf konfus in die Richtung der Frau, die sie im skelliger Akzent angesprochen hatte. Rotblondes Haar, Sommersprossen, eine Schärpe in Blau und Grün, wie sie auch Hjaldrist hatte.

“Könnt Ihr mich hören?”, wollte die Fremde wissen und rüttelte Anna, sah auf und verunsichert um sich “Steht auf.”

Fremd? Nein, diese Skelligerin hier war nicht fremd. Die Novigraderin verzog das Gesicht schmerzvoll und wollte sich an das dumpf pochende Bein fassen. Doch sie konnte nicht. Ihre Hand war viel zu fahrig und ihr Arm zu schwer. Alles war so schwer. Sie konnte sich kaum rühren. Ihr war schlecht. Es stank nach Erbrochenem.

“Bei der großen Freya…”, murmelte Svenja entnervt und erwischte die Frau am dreckigen Boden dann an einem Oberarm, um sie hochhieven zu können. Sie packte dabei den Arm, der von einem Pfeil der unbekannten Angreifer gestreift worden war. Anna gab einen kehligen, schmerzverzerrten Laut von sich, kniff die Augen zusammen. Wieder wurde es ihr schwindelig, erneut war da ein saurer Geschmack in ihrem Mund. Svenja fluchte leise in ihrem Dialekt. Es wurde dunkel. So dunkel.

 

“Ich weiß es nicht!”, die Stimme der Schlampe aus Undvik holte Anna aus der zähen Ohnmacht.

“Er war nicht bei ihr??”, das war Ravello. Er klang haltlos empört.

Es war so kalt. Die Hexerstochter zitterte, schlotterte. Sie konnte nichts dagegen tun, dass ihr die Zähne klapperten, obwohl man sie dick zugedeckt hatte.

Wo war sie? Was passierte? Wo war Rist?

“Doch… doch, er war bei ihr!”

“Und wo ist er jetzt??”

“Schreit doch nicht so herum…”, mahnte Violeta “Schau, Joris, sie kommt zu sich.”

Anna entkam ein Keuchen, als sie sich zur Seite drehte und sich leicht krümmte. Kalter Schweiß brach ihr aus. Es war so kalt. Kalt und dunkel.

 

Als Anna die glasigen Augen abermals öffnete, konnte sie nichts sehen. Sie spürte nur, wie jemand an ihre schmalen Schultern fasste. Ungläubig starrte sie in die finstere Leere, wusste nicht so recht, was geschah. Schweißgebadet war sie und die Decke klebte daher unangenehm feucht an ihrem Körper. Ihr Bein tat weh, so höllisch weh. Wo war sie? Wo… wo war sie?

Der Atem der wirren Frau beschleunigte sich, wurde unruhig und flach. Nervosität haschte zuerst schadenfroh nach ihr, dann haltlose Angst. Sie konnte nichts sehen. Rasende Panik ergriff sie ungnädig und beutelte sie heftig durch.

“Nein…”, keuchte die Kriegerin und verschluckte sich dabei fast am eigenen Speichel, hustete “Nein.”

Das Herz schlug ihr bis zur viel zu engen, schmerzenden Kehle. Sie bekam keine Luft.

“Nein!”, japste Anna und wollte sich aufsetzen, doch jemand drängte sie sofort herrisch zurück.

“Bleib liegen.”, brummte Joris’ Stimme unfreundlich “Du hast Fieber.”

“Ich sehe nichts!”, presste die Kurzhaarige ängstlich hervor “Ich kann nichts sehen!”

Der Hexer schwieg daraufhin vielsagend. Er hatte keine Mühe damit seine Kollegin still zu halten. Wie ein Schraubstock hatte er sie in der Mangel, als sie zu einem erneuten, kläglichen Versuch ansetzte aufzuspringen. Die Situation erdrückte sie, war wie ein finsterer Raum, dessen Wände rapide näher kamen und sie zu zerquetschen drohten. Anna schrie, hustete wieder. Sie strampelte. Doch es brachte nichts.

“Violeta, bring das Fläschchen dort her. Ja, genau das.”

Die Novigraderin jammerte und schnappte wenig erfolgreich nach Luft. Sie würde noch ersticken!

“Gib es ihr. Ich halte sie fest.”

Jemand öffnete der aufgewühlten Anna gewaltsam den Mund. Eine bittere Flüssigkeit rann daraufhin in jenen. Es dauerte nicht lange, bis der Schlaf wieder über die Fiebrige kam.

 

Anna erwachte in einem Bett. Nicht irgendwo in der Wildnis, sondern in einem richtigen Bett. Vogelgezwitscher drang durch das geöffnete Fenster herein und erste Sonnenstrahlen kitzelten die blasse Frau an der Wange. Sie blinzelte schlaftrunken, hob sich die Hände an das fahle Gesicht und rieb sich die matten Augen. Leise ächzte sie, drehte den Kopf etwas, als sie die kalten Finger wieder sinken ließ. Wo… war sie?

Den Blick durch das Zimmer wandern lassend, schob Anna die Bettdecke von sich, richtete sich allmählich auf. Sie fühlte sich schwach, komplett ausgelaugt. Ihr war nicht einmal zum Fluchen zumute, als sie realisierte, dass sie sich in einem kleinen Tavernenzimmer befinden musste. Da stand ein Stuhl an ihrem Bett, als hätte jemand über sie gewacht. Er war leer. Den Raum säumte ein dicker, gestreifter Teppich und die Morgenbrise bauschte die vergilbten Vorhänge leicht. Und da war etwas, das die Hexerstochter innehalten ließ. Oder eher: Da war etwas NICHT, fehlte: Ein zweites Bett. Sie war allein. Wo war Rist?

Absolut ernüchtert und nur dürftig imstande das, was geschehen war, zu verstehen, setzte sich Anna hin. Sie strich sich ein paar verirrte Strähnen aus der Stirn und murrte leise, als ihr ein leichter Schmerz durch das Bein zuckte. Vorsichtig senkte sie den Blick auf letzteres und erkannte einen dicken, sauberen Verband. Sie trug nichts weiter als Unterkleider und ein weites Hemd.

Wo war sie hier?

Anna drehte sich, um die nackten Füße vor das Bett stellen zu können. Ihr Kopf schmerzte. Es war nicht schlimm, dennoch da und nervtötend. Ein alter Wasserkrug stand da auf dem Beistelltischchen des Bettes. Die ausgelaugte Novigraderin mit der rauen Kehle fasste danach, hatte kurz Probleme mit dem Gefühl in ihren Fingern und musste die Karaffe mit beiden Händen umfassen, um sie hochheben zu können. Daraufhin trank sie die Hälfte des Wassers leer, denn sie hatte einen unglaublichen Durst und ihr Mund war trocken wie Papier.

Als Anna den Wasserkrug wieder sinken ließ, wanderte ihr Blick erneut durch das Zimmer. Ihre Sachen lagen da unweit der Tür auf einer gestrichenen Kommode. Rist’s Rucksack stand neben dem Einrichtungsstück und dieser Anblick bescherte der Frau ein Gefühl, als fiele ihr ein Stein vom Herzen. Die verzierte Tonkaraffe wieder auf den Nachttisch stellend, erhob sich die Kurzhaarige schließlich. Ihre Knie fühlten sich weich an und waren äußerst wackelig. Sie strauchelte einen Schritt weit, doch fing sich gleich und verengte die braunen Augen angestrengt. Ihr Kreislauf rebellierte und zwang sie dazu sich wieder auf die harte Bettkante zu setzen.

 

Erst eine knappe Stunde später trat Anna in den kleinen Schankraum. Sie hatte sich umgezogen, trug eine saubere Hose, ein naturfarbenes Hemd und ihre Jacke. Ein wenig unwohl kam sie in die Gaststube, mit eng vor der Brust verschränkten Armen und unschlüssig suchendem Blick. Denn nach wie vor hatte sie keine Ahnung, wo sie sich befand. Das Einzige, woran sie sich erinnerte, war, dass sie und Rist aus dem Hinterhalt attackiert worden waren. Sie hatte sich einen Pfeil eingefangen… und dann-... sie wusste es nicht mehr. Demnach ließ sie die dunkel untermalten Augen gleich skeptisch forschend wandern. Und sie erkannte tatsächlich ein bekanntes Gesicht: Violeta saß unweit an einem Tisch und erhob sich nun, da sie Anna erkannte.

“Oh!”, machte die gutmütige Schwarzhaarige und lächelte froh “Du bist endlich wach!”

Anna nickte leicht, näherte sich ihrer Bekannten und fragte sich gleichzeitig, wo ihre drei männlichen Begleiter abgeblieben waren.

“Setz dich. Du solltest etwas essen, Anna.”, meinte Violeta lieb und gestikulierte zu dem Platz ihr gegenüber. Die Hexerstochter tat wie geheißen und setzte sich hin, während die Ältere schon eine Schankmagd heran winkte und ein großzügiges Frühstück bestellte. Dann ließ sich die Geliebte Joris’ wieder nieder und wandte der verwirrten Anna die vollste Aufmerksamkeit zu.

“Wie geht es dir?”, wollte sie wissen.

“Geht so…”, murmelte Anna und ließ den Blick ein wenig schweifen, während ihre Gefährtin weiter sprach.

“Oh, ich bin so froh! Man hat dich vergiftet. Joris meinte, du hättest sterben sollen. Er war sich so sicher. Aber gestorben, das bist du nicht.”, erzählte Violeta und haschte damit nach dem Gehör Annas. Es funktionierte. Ernst sah die Hexerstochter zur Langhaarigen zurück.

“Die Pfeile…”, erkannte die Alchemistin richtig. Sie waren also tatsächlich vergiftet gewesen. DAS erklärte einiges.

“Ja. Wir mussten dir eine Pfeilspitze aus dem Oberschenkel ziehen. Joris hatte zum Glück genug Verbände und Alkohol dabei.”, erklärte Violeta geduldig weiter “Aber… trotzdem ging es dir sehr schlecht. Zuerst, da haben wir geglaubt, das Gift tötet dich. Dann bekamst du Wundfieber. Es war unschön. Deswegen sind wir so schnell es ging hierher gereist. Der Herr Ritter hat all unsere Zimmer bezahlt und teure Medizin für dich gekauft. Er hat offenbar viel Geld.”

Anna zog die Brauen weit zusammen und musterte die ehemals Verfluchte unschlüssig.

“Wie lange…”, fing sie an “Wie lange habe ich geschlafen?”

“Uhm.”, räusperte sich Violeta betreten “Acht Tage.”

“Acht Tage!”, Anna wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dabei die Handflächen auf die Tischplatte gehauen. Doch stattdessen keuchte sie nur überfordert und starrte in die Leere.

“Wo sind wir?”, fragte sie wispernd und schnell.

“In Mayena.”, antwortete Violeta und ihr Gesicht sah besorgt aus, als sie dazu ansetzte ihre entsetzte Gesprächspartnerin beschwichtigen zu wollen “Mach dir keine Sorgen, ich-”

“Wo sind die anderen?”, wollte Anna wissen und ignorierte den Versuch der zweiten Frau sie beruhigen zu wollen.

“Sie… sie sind draußen. Joris wollte sich in dieser Nacht eine Arbeit suchen und der Herr Ritter ist nach dem Frühstück los, um einzukaufen.”, stammelte Violeta.

“Und Rist?”, entkam es der bleichen Kriegerin.

Violeta schwieg. Und dieses Schweigen, das eigentlich schon alles erzählte, brachte die aufgelöste Alchemistin dazu langsam und mit einer dunklen Vorahnung im Gesicht aufzusehen. Verunsichert blickte sie ihr Gegenüber an und machte die Augen schmal, als könne sie so in Violeta’s Kopf hinein starren.

“Er-... uhm…”, stotterte die Schwarzhaarige, während die Schankmagd des Hauses zurück kam, um reichlich Speis und Trank auf den Tisch zu stellen. Eine bedrückende Stille tat sich zwischen den Reisenden auf. Eine, die Anna verrückt machen wollte und daher brach sie sie bald:

“Wo ist er?”, fragte die Kurzhaarige langsam und ihr scharfer Ton duldete keine Ausflüchte oder unruhiges Gestammel mehr. Sie spürte, wie ihr das Herz schnell zu pochen begann; wie ihr die aufkommende Nervosität den Hals zuschnürte und wie sich ihre Eingeweide verdrehten.

“Ich… weiß nicht.”, gab Violeta schlussendlich aufrichtig zu und senkte den Blick betreten.

Anna’s Magen fühlte sich an, als habe sie gerade einen Eimer voll mit klirrend kaltem Eiswasser getrunken. Absolut ungläubig beäugte sie ihre Gefährtin und vergaß beinahe darauf zu atmen, denn die Erinnerungen an den Angriff auf sie und ihren besten Freund holten sie wieder ein. Sie wollte etwas sagen, als die knarrende Tavernentür aufging und Svenja das Haus mit der hölzernen Decke betrat. Die Rothaarige wirkte perplex, als sie Anna bei Violeta sitzen sah, unruhig, am Rande jedoch auch froh. Sie zögerte, ehe sie an die beiden anderen Frauen heran trat und ihnen im vorsichtigen Gruß zunickte.

“Ihr seid wach.”, stellte die Sommersprossige fest, als sie Anna von oben bis unten betrachtete. Und letztere, die erhob sich nun sofort in impulsiv feindseliger Manier.

“Du!”, keuchte die labile Alchemistin “Was hast du getan??”

“Was?”, entkam es Svenja, als sie instinktiv einen Schritt weit abwich und die Hände abwehrend anhob “Ich habe nichts-”

“Wir wurden angegriffen und du steckst dahinter!”, schuldigte die aufgerüttelte Anna barsch an “Du hast uns weiterhin verfolgt! Ich hätte es ahnen müssen!”

“Arianna...”, mischte sich Violeta sanftmütig tadelnd ein, doch wurde ignoriert.

“Ich habe nichts damit zu tun!”, beteuerte Svenja sogleich, doch es brachte ihr nichts. Denn schon wurde sie am breiten Kragen gepackt und halb über den Frühstückstisch geworfen. Geschirr schepperte, Gläser klirrten und zerbrachen am Grund. Die überrumpelte Skelligerin verlor den Halt und riss ein paar Stühle mit um, als sie dann ächzend am harten Boden landete. Anna folgte ihr sofort mit zornig geballten Händen. Mit todernster, böser Miene wollte sie erneut nach der Rothaarigen packen, sie rütteln, sie schlagen. Sie hätte die Schlampe an die harte Wand bugsiert und ihr die Zähne für das, was jene getan hatte, ausgehauen. Doch so weit kam es nicht, denn der zähe Schwindel holte die aufbrausende Hexerstochter wieder ein und brachte sie zum Wanken. Schwerfällig stützte sie sich auf der Tischplatte ab, als der Wirt heran gelaufen kam und die Arme empört über dem Kopf zusammenschlug.

“Was soll das??”, blaffte er, doch die zornige Anna hörte ihm nicht zu. Stattdessen schritt die diplomatische Violeta ein und entschuldigte sich reumütig beim erschrockenen Tavernenbesitzer. Die geschwächte Novigraderin mit dem unsteten Blickfeld hingegen, blieb einfach nur frustriert stehen und sah dabei zu, wie sich Svenja wieder erhob. Ziemlich gescheucht wirkte jene jetzt und heißer Schwarztee tränkte ihren einen Ärmel. Sie wischte sich die Butter und Marmelade von den geschmierten Broten, die früher noch am Tisch gelegen hatten, vom Oberteil.

“Bei Freya!”, stieß die Undvikerin aus und fixierte Anna sofort wachsam aus ihren grünen Augen “Beruhigt Euch! Ich habe Euch GERETTET!”

“Nein…”, schnappte Anna gleich “Das glaube ich nicht.”

“Doch! Ich habe Euch zu Euren Freunden gebracht, nachdem die Skugga, die Schatten des Jarls, euch angegriffen haben.”, erzählte Svenja schnell und ihre Worte überschlugen sich beinahe “Ich… ich wusste, dass sie kommen und-”

“Klar. Du bist ja auch eine von denen! Dreckige Zuträgerin!”, schnappte Anna und ihre Blicke straften den schwer schluckenden Rotschopf “Du hast ihnen gesagt, wo wir sind!”

“Ja… und, ach, nein! Habe ich nicht!”, sagte die Undvikerin “Ich… ich habe ihnen seit unserem Gespräch damals keinen Bericht mehr erstattet. Wie abgemacht. Ich wollte nur nach Hause zurück!”

“Und trotzdem bist du da. Warum??”, schnappte die Giftmischerin außer sich und holte mit ihrer letzten Kraft grantig aus “Ich hätte dich damals töten sollen!”

“Nein, wartet! Ich habe Euer Schwert!”

Anna stockte in ihrem unüberlegten Tun.

“Wie bitte?”

“Ich wollte es zurückgeben, aber ihr wart alle abgereist. Also musste ich euch erst einmal wieder suchen. Das war nicht leicht! Das… das Schwert ist oben. Bei meinen Sachen. Ich habe gut darauf geachtet.”

Gequält stöhnend fasste sich Anna auf diese unerwartete Offenbarung hin an das Gesicht, ließ sich kraftlos auf einen der noch stehenden Stühle am Tisch nieder. Sie schüttelte den Kopf ungläubig, ließ die Schultern sinken. Und sie fragte nicht weiter nach. Ihr verloren geglaubtes Stahlschwert war ein Thema für einen anderen Zeitpunkt, denn hier ging es noch immer um die Geschehnisse von vor acht Tagen. Und um Rist. 

Violeta, die den kahlen Schankwirt mittlerweile mit ihrer netten Art beschwichtigt hatte, war wieder gekommen und legte eine Hand beruhigend auf Anna’s Schulter.

“Sein Vater hat ihn also holen lassen…”, murmelte die getretene Kurzhaarige nach einer traurigen Schweigepause vor sich hin. So, als spräche sie zu sich selbst. Svenja gedachte nicht sich zu setzen und sah nervös auf die Novigraderin hinab.

“Ja.”, bestätigte sie langsam “Aber macht Euch keine Sorgen. Ihm wird nichts geschehen.”

“Diese Leute haben uns angegriffen.”

“Das… ja, das kam unerwartet, aber-”

“Unerwartet?”, entkam es Anna patzig und sie sah anschuldigend auf, starrte die rotblonde Skelligerin an “Wieso unerwartet?”

“Wir-... also wir hatten die Aufgabe nach ihm zu suchen und sicher zu stellen, dass er wohlauf ist. Es hieß, dass wir ihm klarmachen sollen, dass er sich in… äh... schlechter Gesellschaft befindet. Dass wir ihn dazu überreden freiwillig zurück nach Undvik zu gehen.”, gab Svenja kleinlaut zu und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

“Schlechte Gesellschaft…”, wiederholte Anna abfällig und mit gesenkter Stimme. Die anwesende Undvikerin enthielt sich eines weiteren Kommentars, doch der klugen Alchemistin war schon klar, was gemeint war. Wahrscheinlich hatte man sie mit den Hexern gleichgestellt; mit dreckigen Mutanten, die überall verschrien und ungern gesehen waren. Und welcher Jarl wollte schon, dass sein Sohn mit solch einer Missgeburt herum reiste? Keiner. Welchem Jarl war es einerlei, dass sein geschätzter Nachfolger einer aussätzigen Vagabundin folgte? Keinem.

“Es war nicht geplant dermaßen gewaltsam vorzugehen. Der Jarl meinte damals, dass wir Hjaldrist in allen Fällen gut behandeln sollen… aber stattdessen-”

“Was? Was ‘stattdessen’?”

“Ihr erinnert Euch nicht?”

Anna schwieg bedeutsam und sah Svenja fest und auffordernd an. Sie hielt die Luft einen Wimpernschlag lang an, atmete flach und kontrolliert wieder aus. Die Skelligerin gab schnell nach.

“Sie haben ihn genauso angegriffen wie Euch. Ohne Gift, aber mit Stahl. Er wollte sich wehren. Und dann haben sie ihn mithilfe eines Netzes eingefangen wie ein Tier. Ich konnte nicht alles sehen, doch als sie ihn mitgenommen haben, hat er sich nicht mehr gerührt. Das… das war nicht der Plan. Der Jarl ist ein strenger, aber ein gütiger Mann und würde es niemals zulassen, dass man so etwas mit seinem Sohn macht.”, erklärte der wissende Rotschopf “Und Alrik… der ist normalerweise auch nicht so… gewaltbereit. Jedenfalls nicht, wenn es um landsleute geht.”

Anna gab auf diese Schilderung hin einen überforderten Laut von sich, schüttelte den Kopf in ihrem großen Unglauben. Alrik? Diesen Namen hatte sie schon einmal gehört. Rist musste irgendwann von ihm erzählt haben.

Violeta sah irritiert zwischen den anderen beiden Frauen hin und her. Dass Hjaldrist aus der Adelsschicht stammte, war ihr neu und überwältigte sie wohl. Sie nahm die Hand erschrocken vor die vollen Lippen und wisperte ein ‘Oh.’

“Das Ganze war sicher ein sehr, sehr großes Missverständnis… ja, ganz bestimmt.”, schätzte Svenja noch abschließend, doch klang verdammt unsicher dabei. Ein wenig verloren sah sie Anna an und fummelte dabei nervös an ihrem bestickten Hemdsaum herum. Die Sitzende ignorierte das.

“Was mache ich denn jetzt…?”, wisperte die Hexerstochter vor sich hin und fühlte sich immer einsamer. Sie holte Luft, um noch etwas zu sagen und zu jammern, da kamen Ravello und Joris in die nahezu leere Taverne zurück. Der eine froh und mit einem blonden Mädchen an der Hand, das er bestimmt irgendwo am Markt bezirzt hatte; und der andere abgekämpft und mit dunklen Blutspritzern an Lederwams und Hose. Der Hexer rollte mit den Augen, während der Charmeur aus Toussaint seiner Eroberung irgendetwas zuflüsterte. Anna hob ihren so schwer gewordenen Kopf an, um zu den ungleichen Männern hin zu linsen. Sie kamen zu ihr und während Ravello seinem hübschen Mädchen noch irgendwelche netten Dinge sagte, war Joris direkt da. Leider. Er stank nach Tod, war in den vergangenen Stunden ganz offensichtlich Monsterjagen gewesen. Die gerade sehr empfindliche Alchemistin verzog den Mundwinkel leicht.

“Du bist wieder zu dir gekommen. Gut.”, kommentierte Joris nüchtern und hob eine Braue “Und doch wundert es mich. Das Henkersgift hätte dich umbringen sollen.”

“Hat es aber nicht.”, schnaubte die Sitzende, die in den letzten Monaten immuner gegen so manche Toxine geworden war, schlecht gelaunt “Nur fast, so wie es scheint.”. 

Sie erklärte sich nicht weiter.

“Dein Freund ist fort. Ist wohl entführt worden. Was hast du nun vor?”, setzte Joris schmerzhaft direkt fort und erntete dafür einen mahnenden Blick Violetas. Anna, die die erneut ausgesprochene Tatsache wie ein spitzer Dolch in die Brust traf, schwieg und sah wieder von dem unbekümmerten Nilfgaarder fort. Was sie tun wollte? Sie wusste es nicht, wusste im Moment gar nichts.

 

Anna blieb bis zum späten Abendessen schweigsam und zurückgezogen. Ziellos war sie den ganzen Tag lang umher gewandert oder hatte sich in ihrem Zimmer verkrochen, um nachzudenken. Grimmig und grüblerisch hatte sie gewirkt und jeden dumm angemacht, der ihr nicht in den Kram gepasst hatte. Denn sie fühlte sich miserabel. Die Arschlöcher aus Undvik hatten Rist mit Gewalt eingefangen und waren just in diesem Moment wohl auf dem Weg zurück nach Undvik. Und dann? Was würden sie dann mit dem Mann tun? Ihn vor seinen ollen Vater schleifen, damit er sich eine laute Standpauke anhören könnte? Ihn zu den Priesterinnen schicken, weil man glaubte, er sei von Anna, der vermeintlichen Hexerin, verzaubert worden? Ihn bestrafen? Ja, was würde man wohl unternehmen? Hjaldrist war ein Nachfolger des Jarls, der direkte sogar. Hatte man ihn nur deswegen gesucht? War es so verdammt dringend, dass er zurück nach Undvik ging, obwohl er dies gar nicht wollte? Warum? Oh, immer wieder fragte sich Anna ‘Warum?’. Ihre gesamte Situation war mies und sie fühlte sich so ohnmächtig. Sie hasste es. Hjaldrist fehlte und obwohl sie vier muntere Begleiter an ihrer Seite hatte, war da, wo sich der Skelliger befunden hatte, ein enormes, schwarzes Loch. Es hatte Anna zunächst verzweifeln lassen. Und dann… dann war der Zorn gekommen. Die missliche Lage machte sie wütend; über den Jarl, dessen Leute, Svenja, sogar über sich selbst. Und sie kam diesen dunklen Gefühlen, die heiß in ihr brodelten, nicht aus. Dementsprechend saß sie nach der Abenddämmerung auch schlecht gelaunt mit am Tisch und sah kein einziges Mal auf, während sich Ravello und Violeta über Fleischpasteten mit Preiselbeeren unterhielten. Der mittlerweile gewaschene und frisch gekleidete Joris aß schweigend und Svenja war nicht da. Sie tat gut daran Anna’s Weg gerade nicht zu kreuzen. Dies, obwohl sie der Novigraderin den Arsch gerettet und jener das stählerne Bastardschwert aus Kaer Morhen zurückgegeben hatte. Diese Aktionen wogen alles andere eben nicht auf. Der Frust, der Anna das Innere verkrampfte und sie langsam aber sicher noch wahnsinnig machte, war größer als jegliche Dankbarkeit. Er war es auch, der die Frau mitten beim Abendessen dazu zwang abrupt aufzustehen. Sofort verstummten Ravello und Violeta und auch Joris sah innehaltend zu der Jüngeren auf. Ohne etwas zu sagen, wandte sich Anna ab, um nach oben zu gehen.

 

Nur eine halbe Stunde später marschierte die Giftmischerin dann in voller Montur durch den Schankraum, um zur Tavernentür zu gelangen. Sie hatte ihr Gepäck wie zur Abreise geschultert und bei jedem Schritt scharrte ihr Schwertheft hörbar gegen ihre flachen Gürtelnieten. Determiniert sah sie geradeaus, finster und voller Tatendrang. Das, obwohl sie sich noch immer nicht vom Gift der Jarlsschatten erholt hatte. Sie fühlte sich am Rande schwach und sehr müde, doch ignorierte dies vollkommen. Oder sie versuchte es zumindest. Noch ehe sie den Ausgang des Gasthauses erreicht hatte, wurde sie von Ravello aufgehalten. Er und die anderen hatten sich noch beim Essen befunden und ihre jüngste Kollegin natürlich gesehen.

“Anna.”, meinte der Ritter mit den halblangen Haaren, als er sich der burschikosen Frau in den Weg stellte “Was machst du?”

“Ich gehe.”, brummte die Kurzhaarige wild entschlossen.

“Wohin?”, wollte der Blonde verdattert wissen “Du bist noch nicht wohlauf, hast kaum etwas gegessen und-”

“Halt die Klappe und lass mich vorbei.”, sagte die Frau drohend, als sie zu dem größeren Krieger aufsah “Ich hole Rist zurück.”

“Was??”, brach es aus dem popeligen Beauclairer hervor und er wusste wohl nicht, ob er lachen oder weinen sollte “Bei meiner Ehre, Anna, komm mal runter und setze dich zu uns. Lass uns reden.”

Etwas, dem die Alchemistin nicht nachkam. Stattdessen schob sie sich trotzig an dem Weißen Hasen vorbei, um nach draußen zu gelangen. Kühl schlug ihr die Abendluft entgegen, als sie die Türe aufschlug, tief durchatmete und sofort die breite Straße nahm, die von der schlecht besuchten Taverne fort führte. Sie hatte keine Ahnung, wo sich die Stallungen Mayena’s befanden, doch sie würde es schon herausfinden und ihr Pferd holen. Genauso, wie sie es schaffen würde allein gen Skellige zu ziehen, weiter im Westen ein Boot zu nehmen und zu den Inseln überzusetzen. Sie… würde Undvik und die Leute von dort schon finden und-

Anna’s zuvor noch so starrer, grimmig-entschlossener Blick veränderte sich mit jedem Schritt mehr. Er verrutschte, wurde weicher. Sie konnte Violeta und Ravello hinter sich rufen hören. Und mit jedem Haus, das sie in der Dunkelheit der Nacht passierte, wurde ihr Schritt langsamer. Ihre Gedanken rasten, ihre harte Miene lockerte sich mehr und mehr und sprach von Ratlosigkeit. Und dann, dann blieb sie abrupt stehen. Hier, irgendwo in der großen Stadt, in der sie sich vor Orientierungslosigkeit kaum retten konnte. Ihre Knie waren weich und sie fühlte sich augenblicklich so klein. Viel zu klein. Ihr Rucksack zog schwer an ihren Schultern und fühlte sich an, als wolle er sie zu Boden zerren.

Skellige war so weit weg. Da war ein weites, beschissenes Meer zwischen dem Festland und den Inselarchipel. Anna wollte es schaffen es zu überqueren, aber-

Aber sie könnte nicht. Oder? Könnte sie? Nein…

Sie war so klein.

“Anna! Bleib hier, verdammt!”, Ravello hatte mittlerweile zu der impulsiven Frau aufgeholt. Violeta tat dies wenige Sekunden später auch und voller Mitleid im schmalen Gesicht. Die Schwarzhaarige kam sofort zu der Novigraderin und fasste lieb nach deren Hand. Anna schlug die warmen Finger der Dame jedoch fort, fuhr herum und sah ihre Verfolger warnend an. Voller Sturheit war ihr Starren, doch es hielt den musternden Augen der anderen beiden nicht stand. Im Hintergrund spazierte auch Joris ohne viel Eile daher, mit den Händen in den Taschen und einem schmalen, aberkennenden Lächeln auf den Lippen.

“Wir verstehen, dass du dir Sorgen machst, aber du kannst nicht einfach so loslaufen. Du begibst dich noch in Gefahr, so, wie du gerade drauf bist.”, appellierte Ravello an die Vernunft seiner kleineren Kollegin.

“Der Herr Ritter hat recht.”, bestätigte Violeta betroffen nickend “Du kannst nicht einfach alleine losgehen, Anna.”

“Dann kommt mit!”, entkam es der Angesprochenen gleich “Wir müssen Rist helfen!”

“Anna…”, seufzte Ravello planlos und wollte dem noch etwas hinzufügen, doch der schnippische Joris kam ihm dazwischen. Lässig hielt der Mutant bei der kleinen, aufgebrachten Gruppe an und taxierte die Anwesenden abfällig. Seine goldenen, stechenden Vipernaugen blieben an der aufgelösten Hexerstochter hängen.

“Du bist ganz schön blöd, Mädchen.”

“Sei still!”, protestierte die Frau zischend und zog die Nase hoch “Ich zwinge niemandem zu irgendetwas. Wenn ihr hier bleiben wollt, schön. Aber ich gehe! Wie kann ich hier herumsitzen und über Fleischpasteten philosophieren, während irgendwelche Bastarde Hjaldrist entführt haben? Wer weiß schon, was sie mit ihm machen??”

Anna redete sich halb in Rage, was nur von der aufkommenden Verzweiflung in ihrer flauen Magengrube ausgebremst wurde. Anstatt herumzuschreien oder gewalttätig zu werden, wie sie es in ärgerlichen Momenten und Ausnahmesituationen oft tat, bröckelte ihre feindselige Miene daher mit jeder Phrase mehr. Und ihre heisere Stimme wurde wackelig, wollte brechen.

“Ja, ihr könnt gern hier im Gasthaus herumsitzen, wenn das bequemer für euch ist. Aber… aber ich kann das nicht.”, die bepackte, gestikulierende Kriegerin schüttelte den Kopf und ballte die Hände zu Fäusten, als sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel blinzelte. Sie wollte so hart wirken wie eh und je, keine Schwäche zeigen. Aber genau um jene ging es hier gerade: Ihren einzigen, besten Freund. Und darüber, dass sie nicht wusste, wo er genau war und wie es ihm ging. Sie wusste nur, dass er sich in den Händen von fürchterlichen Leuten befand, die rücksichtslos mit Giften hantierten. Sie hatte Angst um Rist, vermisste ihn.

“Ich… ich gehe!”, entkam es Anna abermals starrköpfig und in diesem Moment schaffte sie es nicht mehr die wütende Trauer und die Tränen zurückzuhalten. Vor all ihren Gefährten verkniff sie sich wenig gekonnt ein Schluchzen und stand da wie ein unbeholfen losweinendes Etwas. Wie ein Kind fühlte sie sich, grub das Gesicht schließlich an die Hände, um es zu verstecken.

“Ja, dann geh eben.”, kommentierte Joris verächtlich.

“Ich begleite sie.”, hörte man Violeta gegen reden und die fürsorgliche Frau war sogleich bei der fertigen Anna, um sich demonstrativ neben jene zu stellen “Sie hat geholfen mich zu retten und nun begleiche ich diese Schuld. Ich helfe ihr dabei Hjaldrist zu suchen.”

“Violeta!”, knurrte der Hexer negativ überrascht.

“Nein, mein Entschluss steht fest. Es tut mir leid.”, sagte die ehemalig Verfluchte und bemühte sich hörbar um einen festen Ton. Ravello seufzte tief und nachgiebig.

“Mh. Ich gehe nicht allein in den Norden.”, meinte der Ritter zögerlich “Und wenn ich den Orden der Flammenrose mit einem Umweg über Skellige finden muss, dann sei es so. Bei meiner Ehre!”

Auch der geduldige Blondschopf stellte sich damit auf die Seite seiner Begleiterin aus Kaer Morhen und bewies einmal mehr, dass man sich manchmal doch auf ihn verlassen konnte.

“Anna und Rist sind meine Freunde. Und ich helfe ihnen, so wie sie auch meiner Familie geholfen haben.”, meinte der Hase bestimmend. Eine selbstsichere Äußerung, die dem anwesenden Nilfgaarder ein tiefes, genervtes Seufzen entlockte. Joris sah abermals zu Violeta hin, die einen Arm mütterlich um die völlig aufgelöste Anna gelegt hatte, die leise schniefte und sich immer wieder mit dem Ärmel über die Augen wischte.

“Also… lasst uns morgen abreisen, nachdem wir uns gut vorbereitet haben. Nicht mehr heute und völlig überstürzt. Es ist schon so spät und du, Arianna, solltest schlafen.”, besiegelte Ravello den Entschluss des Großteils hier “Wir werden Hjaldrist bald finden, ganz bestimmt.”

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