Kapitel 38

Es gab nur das dunkle Meer

Anna’s unruhig gehender Atem stieg in der kalten Luft als weißer Dunst auf. Sie biss die Zähne zusammen, wandte sich mit festem Stand um. Ihre braunen Augen fielen auf das massive Monster, das mit großen Schritten auf sie zu stampfte. Der schneeverwehte Boden schien unter diesem riesigen Ding aus Eis zu erzittern und verärgert grollte der Golem, als er weit ausholte. Er war eineinhalb Mann hoch, stark und gefährlich, doch er auch hatte eine große Schwachstelle, die man ausnutzen könnte: Feuer.

Die flinke Hexerstochter wich dem wuchtigen Schlag des klirrend schnarrenden Monstrums rücklings aus, drehte sich, kam in dessen Flanke und umfasste die Drachentraum-Kartätsche in ihrer Rechten schmal lächelnd. Der Golem indes, fuhr zu der burschikosen Frau herum, trat zu, stampfte auf. Anna, die sich viel zu nah an ihren Gegner heran gewagt hatte, wich abermals ab. Das große Wesen schlug rasend nach ihr, einmal, zweimal, und dieses Mal schaffte es die Übermütige nicht mehr sich rechtzeitig davon zu ducken. Mit voller Wucht ging die geballte Faust des schimmernden Eisgolems auf sie hernieder. Doch sie traf sie nicht. Orange schimmernde Scherben aus funkender Magie stoben mit einem Mal wild auseinander, klirrten hallend und schossen der Novigraderin wie eine zerspringende Glaswand aus warmem Licht durch das Blickfeld. Und gleichauf erfasste die Frau ein kurzes Gefühl, wie das, das man erfuhr, wenn man kurz vor dem Einschlafen glaubte zu stürzen. Anna zuckte zusammen. Aber sie fiel nicht. Die Magie, ihr Schild, hatte sich bloß von ihr gerissen und dies bescherte einem jedes Mal ein flaues Gefühl, einen kleinen Schrecken. Daher grinste Anna grimmig zufrieden, als sie sich schnell fasste, atmete tief durch. Anstatt zermalmt zu werden, konnte die Giftmischerin hastig zurückweichen, holte aus und warf ihre Bombe endlich.

“Jetzt!”, brüllte sie, als das tönern ummantelte Geschoss direkt auf dem Schädel des Golems einschlug, zerbrach und dabei leicht entzündliche, sich setzende Gase verströmte. Glutfunken stoben dann umher. Igni. Joris war von der Seite gekommen und sein Hexerzeichen entfachte ein großes, explodierendes Feuer. Es knallte laut und ohrenbetäubend. Anna duckte sich mit schützend erhobenem Arm fort. Der Golem grölte donnernd und taumelte herum, fuchtelte wild, fiel um und der Boden erbebte unter seiner Last. Schnell war der nilfgaarder Hexer bei dem Eismonster, sprang mit einem Kampfschrei auf den spröden Lippen auf es und versenkte die Silberklinge im starr glotzenden Auge der Beute. Dann war es still. Es war vorbei.

Die schwer atmende Anna beobachtete, wie Joris sein teures Schwert ruckartig aus dem reglosen Monsterschädel zog und angewidert ausspuckte. Dann sah sich der ernste Mann nach ihr um und verzog das Gesicht unzufrieden.

“Nur, weil du es kannst, solltest du Quen nicht verschwenden, du Närrin! Warum bist du so nah an den Golem ran?”, schalt er die flatterhafte Alchemistin verächtlich. Anna schnaubte nur abfällig und musste grinsen.

“Ich habe dich damals nur darum gebeten es mir beizubringen. Nicht darum, dass du mich auf Schritt und Tritt bekrittelst.”, schoss sie schlagfertig zurück und brachte den Nilfgaarder damit dazu den Kopf abschätzig zu schütteln, während der halb geschmolzene Eisgolem unter ihm lag.

“Du hast es noch lange nicht gemeistert! Hör auf herum zu experimentieren.”

“Und dennoch hat es gegen einen Hieb eines Golems funktioniert.”

“Er hätte dich zermalmen können, hättest du auch nur einen kleinen Fehler gemacht.”

“Hat er aber nicht.”

“Tse.”

Es war Winter geworden und gestern hatte es zum ersten Mal geschneit. Seit ihrer Abreise aus Mayena waren viele Wochen vergangen. Zwar befand sich die kleine Gruppe rund um Anna endlich im kalten Skellige, doch um Undvik zu erreichen wäre ein weiteres Übersetzen vom nahen Holmstein aus nötig. Eine Überfahrt, die sie mit dem Kopfgeld des Golems endlich, ENDLICH, auch bezahlen könnten.

“Ich glaube ja noch immer nicht, dass ich das hier mache...”, brummte Joris, als er durch den knirschenden Schnee stapfend an Anna vorbeiging und das Silberschwert in dessen Rückenscheide zurück gleiten ließ. Kleine, wirbelnde Schneeflöckchen begleiteten ihn.

Die Frau folgte dem peniblen Griesgram gleich und verkniff sich eine dumme Meldung hinsichtlich dessen Gehabes. Denn naja, insgeheim war sie Violeta dankbar dafür, dass jene sich damals dazu entschieden hatte mit nach Ard Skellig zu kommen, denn damit hatte die gutmütige Schwarzhaarige auch ihren Geliebten an die kleine Gruppe gebunden. Und dieser Hexer, so unfreundlich und zynisch er auch oft sein konnte, war bisher eine große Hilfe gewesen. Er hatte sein Wort gehalten und unterrichtete Anna. Dies überraschend geduldig. Und er hatte den feigen Ravello einmal gegen drei Banditen in einer heruntergekommenen Taverne verteidigt. Es war ein großartiges Bild gewesen, wie der kühle Mutant den Boden mit den dreckigen Idioten aufgewischt hatte. Seither verstand sich der feige Beauclairer blendend mit dem Kater. Sie beide tranken ab und an gar zusammen. Ja, es war gut so, wie es war. Nur Hjaldrist fehlte sehr. Auch jetzt noch, nachdem man ihn zuletzt vor gut zweieinhalb Monaten gesehen hatte. Es war eine viel zu lange Zeit und man hätte glauben können, dass man ihn schnell wieder aufspürte. Dem war aber nicht so. Denn der ganze Plan Annas war langwieriger und komplizierter als anfangs gedacht. Die Wege waren lang, die Ebenen weit und das Geld stets knapp. Nach dem spontanen Aufbruch aus Mayena hatten die Reisenden fast fünf Wochen gebraucht, um bis an das Meer zu gelangen und in Nostrog ein Schiff zu nehmen. Beinah hätten sie sich dabei in den gefährlichen Brokilon, einen Wald, in dem Dryaden hausten, verirrt. Gefolgt war eine halbe Woche auf hoher See und eine ungeplante Ankunft in Kaer Trolde; Im Nordosten der Inseln und viel zu weit von Undvik entfernt. Piraten hatten das große Schiff, auf dem die Abenteurer mit gesegelt waren, verfolgt und dessen Kapitän hatte eine andere Route einschlagen müssen. Am Ende hatten die raubmordenden Skelliger aber doch noch aufgeholt und man hatte gegen sie gekämpft, sie zurückgeschlagen. Selbst der Weiße Hase aus Beauclair hatte dabei ausnahmsweise einmal mitgeholfen, anstatt sich zu verstecken.

In Kaer Trolde angekommen hatte es dann nicht lange gedauert, bis man Anna und ihre Leute dann gefangen genommen hatte. Denn Joris hatte bei dem Kaperversuch der Piraten auf See den Sohn eines wichtigen, reichen Mannes getötet. Gefolgt war ein unwohles Vorsprechen in einem eher informellen Prozess und eine Freilassung, als man erkannt hatte, dass der Hexer ja nur sich selbst und seine Leute gegen Angreifer verteidigt hatte. Es war fast schon tragikomisch gewesen. Und zeitintensiv. Also hatte es geschlagene zehn Wochen gedauert - viel zu lange - bis die Abenteurer Kaer Muire erreicht hatten. Auch dies nur über Umwege, da Anna ihre Karte an einem Punkt vor den weitläufigen Bergen falsch gelesen hatte. Alles, was schief laufen konnte, war also schiefgelaufen. Und dennoch war die ungleiche Gruppe jetzt guter Dinge, denn Undvik erschien zum Greifen nah.

 

“Und?”, Ravello sah von dem verbeulten Kochtopf auf, über den er sich gebeugt hatte. Violeta saß, in einen dicken Mantel gehüllt neben dem Ritter und wirkte erleichtert darüber Joris und Anna in einem Stück wieder zu sehen. Es war Abend geworden und ein wärmendes Lagerfeuer tanzte inmitten des kleinen Platzes in der skelliger Wildnis. Es warf umher huschende Schatten auf den verschneiten Grund und die Gesichter der Anwesenden.

“Alles gut. Die Leute der Gegend müssen sich nun nicht mehr vor ihrem ‘Eismonster’ fürchten und wir haben einige Goldstücke mehr in der Tasche.”, meinte die Novigraderin zufrieden und gesellte sich zu den besagten beiden, um neugierig in den Topf Ravellos zu lugen und zu schnuppern. Der Hexer hingegen, begab sich zu seinem Zelt, um die Schwerter abzulegen und lief dabei beinah in Svenja, die sich eine Decke aus ihrem Gepäck geholt hatte. Ja, auch sie hatte die Truppe begleitet, um Rist zu suchen. Die Rotblonde kam ans Feuer und ließ sich neben Violeta nieder. Ganz bewusst hielt sie sich damit etwas von Anna fern, denn sie beide verstanden sich nach wie vor nicht gerade gut. Seit die zurzeit sehr aufbrausende Hexerstochter im Streit einmal völlig ausgerastet war und Svenja die Nase blutig geschlagen hatte, hatte letztere einen gesunden Respekt vor jener. Und trotzdem reisten sie gemeinsam durch das weite Land. Denn Anna hatte längst verstanden, dass sie den dummen Rotschopf noch gebrauchen würde. Schließlich kannte sich jener einigermaßen gut in Ard Skellig aus und hatte als hochrangige Spionin der Falchraites, Hjaldrist’s Clan, gewirkt. Wenn man also irgendetwas in die Richtung dieser Sippe vorhatte - was in der Tat zutraf -, war Svenja leider von Nutzen. Sehr. Nur deswegen schien Anna die Frau nicht fortzuschicken. Doch, ach, nicht nur sie war unfreundlich, wenn es um die Zuträgerin ging. Auch Svenja sprach nicht in hohen Tönen von der Frau aus Kaer Morhen. Ihr Unmut aufeinander beruhte also auf Gegenseitigkeit und während Anna den Rotschopf nicht ausstehen konnte, weil jene zu den Jarlsschatten gehörte und sie in der Vergangenheit ausspioniert und fast umgebracht hatte, so schien es Svenja nicht zu gefallen, dass die jüngere Hexerstochter so viel von Rist hielt. Es war müßig.

“Wir können uns die Überfahrt nach Undvik also endlich leisten?”, hakte Violeta erfreut nach und Anna sah auf. Sie nickte lächelnd.

“Das ist großartig!”, lachte die Schwarzhaarige und sah aufgeregt zwischen allen Anwesenden hin und her. Auch Joris gesellte sich jetzt an das fröhlich flackernde Feuer.

“Was gibt es zu essen?”, wollte der brummige Mutant wissen.

“Eintopf aus Resten. So wie die letzten Tage auch.”, seufzte Ravello, dessen Geld langsam aber sicher zur Neige ging. Lange hatte der Sohn einer reichen Winzerfamilie seine Kollegen über Wasser gehalten. Doch auch sein Erspartes hatte einmal ein Ende gefunden. Ein Grund, weswegen Anna und Joris seit der letzten Woche jeden Auftrag angenommen hatten, den sie hatten finden können. Die Novigraderin hatte Nekker erschlagen und Kikimorennester in frostigen Sümpfen aufgespürt. Joris, der hatte einen Gorgo in einer finsteren Höhle erschlagen und eine Bauernfamilie von einer Mittagserscheinung befreit. Sie beide waren effektiv. Und auch, wenn Anna nicht froh darüber war die niederen Aufgaben - sprich: die leichten Aufträge - erledigen zu müssen, arbeitete sie hart. Denn auch der Winter war es. Tavernenzimmer zu mieten war ab und an also bitter nötig. Viel zu oft lagerte die Gruppe nämlich im Freien und Violeta war bis vor ein paar Tagen fürchterlich erkältet gewesen.

“Urgh.”, machte der katzenäugige Joris nur, nachdem der Weiße Hase auf die Pampe in seinem Kochtopf gedeutet hatte. Doch er jammerte nicht weiter, denn er sah ein, dass man sich momentan eben mit wenig begnügen musste. Der Mann rückte näher an das Lagerfeuer heran und streckte jenem die frierenden Hände entgegen.

“Eintopf ist immerhin warm.”, grinste Anna vor sich hin “Und besser als nichts.”

Die Frau zog sich ihren braunen Mantel enger um die frierenden Schultern. Ravello nickte auf diese Worte hin zustimmend und rührte mit seinem alten Kochlöffel in seiner kulinarischen, nach Kartoffeln und Zwiebeln riechenden Überraschung herum. Ein langes, müdes Schweigen tat sich über der Gruppe im winterlich kargen Wald auf. Svenja brach es irgendwann und wirkte beachtlich nervös dabei.

“Arianna.”, erhob sie die Stimme zögerlich “Ich würde gerne mit dir reden.”

Die angesprochene Alchemistin, die bisher gedankenverloren in das Lagerfeuer geblickt hatte, sah überrascht auf und verengte die braunen Augen skeptisch. Sie taxierte die ungeliebte Skelligerin ein paar Herzschläge lange eindringlich, bevor sie zu einer Antwort ansetzte.

“Na gut.”, entkam es ihr trocken “Was ist?”

Langsam erhob sich die Spionin jetzt, wirkte nach wie vor etwas unsicher und so, als müsse sie sich gewaltsam zu all dem hier durchringen.

“Nicht hier.”, bat die Rotblonde und Ravello runzelte die Stirn, als Joris ihm einen kritischen Blick zuwarf. Violeta beäugte die anderen Frauen verblüfft. Anna entkam ein entnervtes Seufzen.

“Schön. Aber versuche mir deinen Dolch ins Kreuz zu schlagen und ich drehe dir den Hals um…”, drohte die sich ächzend erhebende Giftmischerin und klopfte sich ein paar Schneeflocken vom dunklen Mantel. Der kalte Wind fuhr ihr durch die Haare, die sie seit Rist’s Verschwinden nicht hatte schneiden lassen. Ihre Stirnfransen hätten ihr bis über die Nasenspitze gereicht, hätte sie sie nicht zur Seite gestrichen.

“Das habe ich schon nicht vor…”, murrte Svenja und nickte dann auffordernd vom kleinen Lagerplatz fort “Kommst du also?”

 

“Wir sind weit gekommen.”, fing Svenja das sich eigenartig anfühlende Gespräch an, als sie sich ein Stück weit vom Lager entfernt hatten. Anna ging neben ihr durch den knöchelhohen Schnee und sah sie von der Seite aus misstrauisch an. Noch nie hatte die Undvikerin sie um eine normale, ernste Unterredung gebeten. Sonst, da hatten sie sich stets nur beleidigt oder sich passiv aggressiv angefeindet. Bestimmt käme das noch.

“Kann man wohl sagen.”, antwortete die Monsterjägerin und taxierte ihre etwas kleinere Begleiterin “Worauf willst du hinaus?”

Eine Frage, nach der Svenja stehen blieb und sich Anna zuwendete. Sie wirkte nicht sehr glücklich und ihre Körperhaltung sprach von großer, emotionaler Distanz.

“Wir… setzen bald nach Undvik über. Und mit Glück treffen wir dort auf Hjaldrist.”, stellte die Rothaarige mit den vielen Sommersprossen im Gesicht richtig fest. Sie zupfte dabei ihren braunen Fellkragen zurecht, wich dem Blick ihres Gegenübers aus und mutete an, als fühle sie sich betreten.

“Ja, das stimmt.”, bestätigte Anna und wurde noch immer nicht schlau aus der Anderen.

“Was hast du dann vor?”, hakte die neugierige Skelligerin nach und sah wieder auf. Ihre grünlichen Augen hefteten sich prüfend auf die Alchemistin.

“Was?”, murrte Anna “Was soll ich dann vorhaben? Wir nehmen Rist natürlich mit. Und sollte er bleiben wollen, fragen wir ihn, ob er komplett bescheuert ist.”

“Das meinte ich nicht.”

“Was dann?”

Stille. Anna stemmte sich die kalten Hände in die Seiten.

“Du weißt schon, was ich meine…”

Die konfrontierte Hexerstochter machte die Augen forschend schmal und taxierte die Frau, die da vor ihr stand. Sie bemerkte, wie unwohl sich Svenja fühlen musste, erkannte ihren nahezu verschämten Blick. Oh, Anna kannte diesen Ausdruck. Frida hatte sie auch einmal so angesehen.

“Oh Mann…”, atmete die Kurzhaarige sogleich, als es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen war “Du stehst noch immer auf ihn.”

Svenja schwieg, schlug die Lider nieder. Und die Stille war so vielsagend, dass es von der Seite der verliebten Spionin keine weiteren Erklärungen brauchte. Anna rollte mit den Augen, schüttelte den Kopf.

“Warum kommen mir immer alle mit diesem Thema?”, murmelte sie sich selbst zu.

“Ich lasse ihn mir nicht wegnehmen.”, meinte Svenja dann plötzlich überraschend entschlossen und da war sie wieder, die alte, gewohnte Feindseligkeit. Der anwesenden Kriegerin aus Kaer Morhen entkam ein abschätzig-belustigtes Lachen. Oh, Melitele steh ihr bei...

“So?”, fragte Anna “Du tust ja fast so, als sei er ein Ding. Menschen kann man nicht besitzen, Mädel.”

“In gewisser Weise schon!”, verteidigte sich die Undvikerin verstimmt und klang dabei wie eine Klugscheißerin “So wie in diesem Fall. Ich kenne Hjaldrist länger als du und-”

“Halt mal die Luft an.”, bremste die noch relativ ruhige Novigraderin die eifersüchtige Frau vor sich aus und tatsächlich verstummte Svenja abrupt. Böse sah sie Anna an.

“Gut.”, kommentierte letztere diesen Umstand. Dann holte sie erst Luft, um ernst weiter zu sprechen:

“Ich habe keine Ahnung, warum immer ALLE der Annahme sind, dass da was zwischen mir und Rist laufen würde. Wahrscheinlich hat Joris dir irgendwelche Geschichten erzählt. Aber hör auf mich damit zu nerven, denn es ist Blödsinn.”

“Was soll das heißen?”

“Dass wir Freunde und kein Paar sind?”, schnaufte Anna entnervt “Also spar dir dein infantiles Verhalten.”

“Wirklich?”, wollte Svenja skeptisch wissen und so, als sei ihr Gegenüber die unglaubwürdigste Person auf dieser Welt. Anna schwieg, sah den Rotschopf still und relativ gelassen an. Sie war aufrichtig und des Verhaltens Svenjas mehr als nur müde.

“Ich halte mich aus deinem Scheiß raus. Es interessiert mich nicht, ob du Rist nachsabberst und es ist mir auch ziemlich Schnuppe, was da mal zwischen euch war oder irgendwann wieder sein könnte. Komm also runter.”, meinte Anna und ihr Unterton erzählte davon, dass sie verdammt wenig von der Frau aus Skellige hielt “Rist ist mein bester Freund und das war es auch schon. Und er ist ein freier Mann, der machen soll, wonach ihm steht. Und wenn er wieder mit dir anbandelt… na und? Es kümmert mich kaum.”

“Er wird es irgendwann müssen.”, schnaubte Svenja.

“Bitte, was?”, lachte Anna ungläubig.

“Er ist der Sohn eines Jarls. Er muss irgendwann heiraten und Kinder zeugen.”

“Ach du Scheiße…”

“Was? Es ist doch wahr.”, bestand die Undvikerin eisern “Und er wird sicherlich keine Ausländerin ehelichen.”

“So, wie ich ihn kenne, heiratet er eher seine Axt, als daran zu denken, einen Baum zu pflanzen und für viele Nachkommen zu sorgen.”, schmunzelte die Alchemistin und musste sich bei dem lustigen Gedanken auf die Unterlippe beißen, um nicht noch zu breit zu grinsen.

“Das werden wir ja sehen!”, verteidigte Svenja ihre recht konservativen Ansichten und verschränkte die Arme fest vor der Brust.

“Werden wir wohl.”, nickte Anna, der die Füße allmählich abfroren, schulterzuckend und hoffte, dass das seltsame Gespräch damit beendet wäre. Leider blieb das aber bloßes Wunschdenken, denn noch immer brodelte es in der älteren Spionin des Jarls. Unverändert bissig sah sie die Hexerstochter an.

“Joris hat gesagt, dass ihr euch geküsst habt.”

“Hat er das?”

“Ja. Stimmt das?”

“Ja. Und?”

Svenja verzog das Gesicht, als schmecke sie etwas absolut Widerliches. Leicht schüttelte sie das lockige Haupt, wirkte ungläubig und enttäuscht zugleich. Wie eine arme Ehefrau, die hinterrücks von ihrem Mann betrogen worden war. Oh, und Anna hatte geglaubt, die Auseinandersetzung hier könne nicht noch bescheuerter werden...

“Warum habt ihr das getan?”

“Vielleicht aus Spaß?”, entkam es Anna sofort leichthin “Hör zu, wie ich schon sagte, kann Rist tun und lassen was er will. Führe dich nicht auf wie eine eifersüchtige Geliebte, denn das ist ziemlich daneben.”

“Es ist-”, protestierte Svenja, aber die Novigraderin überging dies und sprach einfach weiter.

“Ich werde bis an mein frühes Ende permanent durch die Gegend ziehen und hart arbeiten. Da ist kein Platz für irgendwelche Liebeleien. Wenn sich Rist mal mit irgendeiner Frau an der Seite in seine Burg - oder wo auch immer seine Familie wohnt - zurückziehen will, soll er das machen. Und wenn er einfach nur so herum vögeln möchte, dann soll er. Würde ihm sicherlich mal guttun.”, schnaubte Anna und verkniff es sich erneut die Augen zu verdrehen. Svenja gab einen empörten Laut von sich. Die Worte ihrer Kollegin schienen ihr absolut nicht zu passen.

“Das sagst du, um mich abzuwimmeln, Arianna.”

“Nein. Rist und ich sind FREUNDE, kapiert? Daher habe ich auch keine Angst davor, dass er mich je vergisst. Denn gute Freundschaften halten im Gegensatz zu lächerlichen Beziehungen ein Leben lang.”, waren die abschließenden, festen Worte der Alchemistin und sie traf die schnippische Rotblonde bei sich damit offensichtlich sehr hart. Svenja presste die Lippen stur zusammen und sah fort. Sie zögerte, trat von einem Bein aufs andere. Und dann drehte sie sich abrupt ab, um einfach schnellen Schrittes zu gehen und Anna im Neuschnee stehen zu lassen. Mehr, als sich die Hand dieses Verhaltens wegen gegen die Stirn zu klatschen, blieb der stöhnenden Novigraderin also nicht. Welch ein beklopptes Weib hatte sie da nur mit an Bord?

 

*

 

Anna hielt sich schwerfällig den Kopf und seufzte leise, als sie da neben Ravello unter Deck des Handelsschiffes eines lokalen Gewürzhändlers saß. Der dickliche Kapitän hatte sich schlicht und auf einfache, skelliger Art als Pieter vorgestellt. Er umsegelte die Inseln oft, zusammen mit seinen beiden Söhnen, und kam ab und an auch nach Cidaris, Verden oder Cintra. Sein Frachtschiff war nicht sehr groß, doch es reichte, um genug Waren und ein paar zahlende Gäste mitzunehmen. Es war nicht mit den riesigen Fähren vergleichbar, aber auch nicht klein. Doch so wie alle anderen Boote, schaukelte es unheilvoll in den Wellen. Jeder andere hätte das womöglich nicht so gesehen, denn der Seegang war ruhig, doch der armen Anna war es schon wieder speiübel.

“Wenn wir Rist auf Undvik finden, dann trete ich ihm dafür in den Arsch…”, flüsterte die blasse Novigraderin, die einen Kübel zwischen den Knien stehen hatte, keuchend “Fest. Oh ja… so sehr, dass ihm mein Stiefel zum Hals rauskommt.”

Ravello tätschelte der Hexerstochter den schmalen Rücken und verkniff sich ein Lachen.

“Ich bin ja schon gespannt darauf, was er sagt, wenn er uns sieht…”, meinte Svenja nachdenklich und der Weiße Hase nickte zustimmend. Joris und Violeta waren nicht da, sondern an Deck, um den miesen Wellen zuzusehen.

“Und ich erst…”, brummte Anna in ihren Eimer “Und dann trete ich ihm noch einmal in den Elfenarsch. Dafür, dass er monatelang nach sich suchen lässt.”

“Du bist echt optimistisch.”, warf Ravello unsicher ein und ließ die Frauen aufsehen “Wer weiß schon, was mit ihm ist.”

Anna verstummte daraufhin und ihre blasse Miene wurde noch ernster als zuvor. Sie sah fort, ziemlich betroffen. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

“Was meinst du?”, fragte der anwesende Rotschopf ein wenig dümmlich.

“Sie haben ihn mit Gewalt entführen müssen. Glaubst du wirklich, dass er freiwillig in Undvik ist und dort herumspaziert, als fühle er sich zuhause?”, zweifelte der Ritter aus Beauclair und sprach damit die unheilvollen Befürchtungen an, die Anna schon seit Mayena stichelnd quälten.

“Es geht ihm gut.”, flüsterte sie wie zu sich selbst und dies so leise, dass die anderen dem nicht zuhörten.

“Hmm? Ich weiß nicht.”, seufzte Svenja und zuckte mit den Schultern “Sein Vater wird ihn jedenfalls so gut behandeln, wie es eben geht. Der Jarl ist ein guter Kerl. Und auch seine Familie ist sehr nett. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass es Hjaldrist zu schlecht geht. Auch dann nicht, wenn er zuhause festgehalten wird.”

“Wir werden ja sehen…”, entgegnete der blonde Ravello und atmete tief durch die Nase aus “Bald sind wir in Undvik und dann wird uns sehr vieles klar werden, denke ich.”

“Genau das.”, nickte Svenja “Ich werde vor euch in die Burg gehen und nach dem Rechten sehen. Nichts gegen dich, Arianna, aber ich weiß nicht, wie die Leute wohl reagieren, wenn sie dich sehen.”

“Die meisten werden wohl kaum wissen, wie ich aussehe.”, murrte die Angesprochene sofort pikiert “Ich komme also mit. Wenn ich mir die Jacke ausziehe und mein Amulett verstecke, wirke ich wie jeder andere.”

“Nein, tust du nicht.”, kritisierte der Blondschopf aus Toussaint jetzt “Nimm es mir nicht übel, Anna, aber erstens siehst du nicht aus, als kämst du von Skellige. Und zweitens sieht man weibliche Nordlinge, mit kurzen Haaren und in Männerkleidung selten. Du wirst Aufmerksamkeit auf dich ziehen, so oder so.”

“Ravello hat recht.”, sagte die anwesende Zuträgerin “Lass mich vorgehen und ich sehe mir die Lage an, bereite Hjaldrist vor. Wenn er seinen Leuten sagt, dass du willkommen bist, kannst du ohne Sorgen oder Probleme aufschließen. Schließlich ist er, wer er ist. Und die Bediensteten und Krieger des Clans werden seinen Worten Folge leisten.”

Anna gab auf diesen Vorschlag hin einen grummeligen Laut von sich, doch warf auch keine Widerworte mehr ein. Sie würde sich fügen müssen, damit ihr langwieriger Plan nicht noch auf den letzten Metern scheiterte.

Undvik war ein eisiger und ziemlich ungnädiger Fleck Skelliges. Der kalte Wind heulte laut und peitschte Anna wild Schneeflocken entgegen, als sie an der Speerfischküste im Osten der Insel von Bord ging. Das Wetter war so schlecht, dass sie gar darauf vergaß sich darüber zu freuen endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Die Schifffahrt hierher hatte länger gedauert als angenommen und die Frau wusste gar nicht, wie oft sie sich ihrer verdammten Seekrankheit wegen hatte übergeben müssen.

Die fröstelnde Frau ließ den Blick unter ihrer Kapuze schweifen. Da waren ein paar Hütten, verschneite Wege. Es war nicht viel los und die graue Ortschaft wirkte klein und unfreundlich. Keine Menschenseele war bei diesem Schneesturm vor ihrem Haus. War den Leuten nicht zu verdenken. Und auch die abgekämpfte Anna sehnte sich nach einem warmen Zimmer, gutem Essen und dampfendem Gewürzwein. Ein tiefes Seufzen entkam ihr, als sie in ihre Tasche fasste und dabei ein paar Münzen zwischen ihren Fingern klingelten. Sehr viel hatte sie nach der kostspieligen Überfahrt nicht mehr übrig. Wenn sie, Joris, Ravello und Svenja zusammenlegen würden, könnten sie sich wohl zwei Gasträume und Verpflegung für alle leisten. Für einen Tag. Aber das war besser als gar nichts, nicht wahr? Die Hexerstochter straffte die Schultern und setzte sich in Bewegung, um nach einer nahen Schänke zu suchen. Anna’s Begleiter, denen es sicher ähnlich ging wie ihr selbst, folgten ihr.

 

Nach drei Tagen erreichten sie unter der Führung von Svenja den Ort, in dem Hjaldrist’s Familie hauste. Caer Gvalch’ca hieß er und laut der Landsfrau mit der rotblonden Mähne hieß das aus der Alten Sprache übersetzt so viel wie ‘Falkenburg’. Eine Turmruine, die man ebenso nach diesem schönen Tier benannt hatte, erhob sich ein paar Meilen entfernt in den Himmel und bot damit ein recht eindrucksvolles Hintergrundszenario für das große Dorf, in dessen Mitte eine Burg prangte. Sie war groß und massiv, mit vielen Fenstern und zwei runden Türmen. Das graue Bauwerk erinnerte Anna nur am Rande an alle anderen Festungen, die sie hier in Skellige gesehen hatte. Der erste Unterschied, den sie etwa erkannte, war, dass das Gebäude recht hoch erschien und so, als sei es gebaut worden, um Riesen abzuhalten. Ob das mit der Mythologie Undviks zu tun hatte? Die Leute von hier sprachen andauernd von Eisriesen, die für sie eine größere Bedrohung darstellten, als erzürnte Drachen oder die Wilde Jagd.

Trotz ihrer monumentalen Größe wies die Falkenburg, nach der der Ort benannt worden war, Merkmale der Bauart der Elfen auf. Nirgendwo anders auf dem Inselarchipel hatte Anna dies gesehen. Während die Burgen anderer Jarls kleine Fenster, viele Schießscharten und gedrungene Mauern besaßen, gab es hier hohe Wände, große, rundbogenartige Fensterpartien und Tore mit geschwungenen Eisenbeschlägen. Es passte irgendwo nicht in das Bild der rauen, lauten und herzlichen skelliger Seeleute. Und dennoch war es faszinierend.

Viele, lange Banner flatterten vor den Burgmauern und -türmen, selbst aus der Ferne konnte man das Wappentier darauf erkennen: Eine weiße Schlange auf blau-grünem Grund.

“Es gibt hier gleich um die Ecke eine Gaststätte.”, wendete sich Svenja wissend an die Gruppe in ihrem Rücken, als sie sich zu jener umsah. Sie nickte in die Richtung einer schmalen Gasse, die gen Westen des Dorfes führte. Anna hielt inne und sah den Rotschopf abwartend an.

“Ich laufe zur Burg und sehe mir die Lage dort an. Wie besprochen.”, meinte die geschäftige Undvikerin und lächelte vorfreudig “Sobald ich mehr weiß, komme ich zurück.”

Ravello nickte, während sich Violeta etwas verunsichert an Joris’ Arm festhielt.

“Ich glaube nicht, dass man nach euch sucht. Warum auch? Aber haltet euch trotzdem etwas bedeckt.”, bat Svenja vorsichtig “Man weiß ja nie.”

“Klar.”, entgegnete Anna schlicht und hob den Blick wieder der Falkenburg entgegen. Tief atmete sie aus. War Rist hier? Was machte er? Viel zu lange suchten sie jetzt schon nach ihm und dem Ziel ihn wieder zu sehen so nah zu sein, machte die 21-jährige Novigraderin nervös. Denn sie wusste nicht, wie ihr Freund reagieren würde. Er würde sich doch darüber freuen, dass Anna und die anderen ihm gefolgt waren? Was würde er sagen? Und vor allem: Würde er wieder mit seiner besten Freundin mitkommen? Warum hatte er bisher nicht versucht sie zu kontaktieren? Fragen über Fragen, die sich in diesen Tagen hoffentlich noch aufklären würden.

“Also… bis später!”, entkam es der aufgeregten Svenja noch, dann war sie gleich verschwunden. Die, die sie zurückließ, sahen ihr schweigend nach und konnten nur auf das Beste hoffen.

Es würde schon alles gut gehen, oder?

 

“Er ist nicht da.”, eröffnete Svenja ermattet, als sie am folgenden Abend an den spärlich gefüllten Tavernentisch ihrer wartenden Gefährten trat. Sofort hielt Anna mit dem Essen inne, ließ den Löffel sinken, doch sah nicht auf. Sie hörte, wie Violeta ein trauriges ‘Oh nein…’ wisperte und spürte auch, wie sich ihre eigenen Glieder langsam verkrampften. Ravello und Joris betrachteten die zierliche Spionin der Jarlsschatten irritiert.

“Wie ‘Er ist nicht da’?”, fragte die betroffene Anna langsam und sah zögerlich zur Skelligerin auf “Hast du nach ihm gesucht?”

“Ja, natürlich. Nachdem ich mit Alrik gesprochen hatte, habe ich überall, wo es nur geht, nachgesehen. Er war nicht da.”

“Was hat dieser Alrik gesagt?”, wollte die Alchemistin am Tisch mit übler Vorahnung im Blick wissen und spürte bereits, wie ihr die Kehle trockener und enger wurde. Sie versuchte kontrolliert zu atmen.

“Alrik hat gesagt… er hat gesagt, uhm.”

“Was?”

“Er hat gesagt, dass er tot ist.”

Anna weitete die braunen Augen leicht, erstarrte augenblicklich wie zur Eissäule. Ihre Lippen standen ihr einen kleinen Spalt weit offen und sie mutete an, als verstünde sie nicht, was Svenja gerade gesagt hatte. Plötzlich, da war ihr Kopf so verdammt leer und sie vergaß darauf Luft zu holen. Hatte ihr Herz gerade für einen Schlag lang ausgesetzt oder hatte es sich nur so angefühlt?

“Aber… aber ich glaubte es nicht. Alrik verhielt sich seltsam und so abweisend. Ich… ich wollte mit Hjaldrist’s Vater sprechen, aber der war auch nicht zugegen. Ich hatte das Gefühl, dass niemand mit mir reden wollte.”, erzählte die Undvikerin weiter “Vielleicht wissen sie, dass ich mit euch unterwegs bin. Womöglich glauben sie sogar, ich sei eine Verräterin.”

“Rist ist nicht tot.”, sagte Anna leise und mit zitternder Stimme, als müsse sie sich das jetzt unbedingt einreden. Als sei es eine Beschwörung, die zweifelsohne funktionierte.

“Das… das habe ich auch gesagt…”, entkam es der stammelnden Svenja und ihr Blick war glasig. Getreten ließ sie sich mit hängendem Kopf auf einen der Stühle am großen Tisch sinken, sah ungläubig vor sich hin.

“Ich habe Alrik gesagt, dass er mich nicht veralbern soll…”, erklärte die Frau mit dem markanten Akzent leise weiter “Und dann… dann meinte er zu mir, ich solle im Burggarten nachsehen. Dort stünde ein kleiner Gedenkstein.”

Anna schwieg.

“Also bin ich in den Burggarten… und… und da stand wirklich einer. Ich… ich habe gefragt wieso. Mitglieder von Jarlsfamilien erhalten sonst doch Seebestattungen. Daraufhin meinte Alrik, dass man Rist’s Körper nicht gefunden hätte.”

Die schwer getroffene Frau aus Kaer Morhen blieb weiterhin stumm und ihr Körper fühlte sich an, als hätte man einen langen Speer durch ihn hindurch getrieben. Sie hörte Violeta schniefen und wie Ravello einen überforderten Laut ausstieß.

“Unsere lange Reise war also umsonst?”, warf Joris mürrisch ein. Svenja ignorierte diese ungute, gerade so unpassende Frage.

“Was ist passiert...?”, fragte Ravello kleinmütig und so wie Anna war ihm die Lust auf das Essen eindeutig vergangen.

“Alrik meinte, er sei ertrunken.”, sagte die Rotblonde mit unsteter Stimme und wischte sich eine kleine Träne von der Wange fort, zog die Nase hoch “Man sei mit ihm auf dem Weg nach Undvik gewesen und ein schlimmer Sturm habe das Schiff auf der Höhe von Hindarsfjall gepackt. Manche Leute starben dabei. Unter ihnen war angeblich auch… auch Hjaldrist.”

Ein äußerst bedrückendes Schweigen legte sich auf diese Erzählung hin über die Runde. Es schien die Anwesenden auszulachen, und machte die Luft viel zu dünn. Niemand wusste, was er sagen sollte. Violeta, die das Gesicht an Joris’ Schulter vergraben hatte, hatte damit angefangen leise zu weinen. Auch Anna spürte einen sehr, sehr dicken Kloß in ihrem Hals. Doch anders als Svenja oder Violeta wollte sie die schreckliche Geschichte rund um den verheerenden Sturm auf See nicht glauben. Ja, sie konnte nicht annehmen, dass Rist tot sei. Jemand wie er verging doch nicht einfach so! Er durfte nicht!

Die sture Giftmischerin erhob sich also von ihrem Platz, sah zwischen Entsetzen und Grimmigkeit hin und her gebeutelt auf. Jetzt, oh, allerspätestens jetzt war es an der Zeit auf alles zu scheißen. Sie würde in die verdammte Falkenburg marschieren und dort ein paar Leute anbrüllen. Sie würde den Arsch ihres besten Freundes dort heraus zerren, mit Gewalt, wenn nötig. Und wenn es das Letzte wäre, das sie tat!

 

Ravello und die aufgebrachte Anna scheiterten bereits an den beiden Torwachen der Falkenburg. Das große Gebäude im Rücken hatten sich jene eisern in den Weg der Ausländer gestellt und sahen sie abfällig an. Fackelschein fiel orange auf ihre Profile.

“Ich muss mit dem Jarl sprechen.”, brummte die Hexerstochter zum dritten Mal gereizt und spürte, wie ihr blonder Begleiter sie mahnend am Arm berührte. Sie schüttelte ihn ab.

“Das ist, wie schon gesagt, nicht möglich.”, entgegnete eine der zunehmend gereizten Wachen unfreundlich. Sie trug die Farben ihres Clans, Schwert und Schild. Ein rotbrauner Bart prangte im Gesicht des Fremden, der Anna mit wenig Respekt in den dunklen Augen betrachtete. So, wie Svenja es ihr prophezeit hatte, fiel die Kriegerin aus dem Norden in ihrer Aufmachung negativ auf. Ihre bestimmende Art und ihre Bewaffnung hatten gereicht, um die hünenhaften Nachtwachen misstrauisch zu stimmen. Die Atmosphäre war schlecht und so kalt, wie der Winterabend.

“Warum geht es nicht? Es ist dringend.”, sagte die Frau in der rot-schwarzen Jacke und ballte die Hände zu Fäusten. Oh, das hier durfte doch nicht wahr sein! Der einzige Weg in die Burg der Falchraites war der hier. Alle anderen Seiten des Bauwerks waren undurchdringbar und die Mauern zu hoch, als dass man sie einfach so erklimmen könnte.

“Weiß der Jarl denn über Euer Kommen Bescheid?”, fragte eine der Wachen.

“Was? Nein.”

“Dann habt Ihr hier nichts verloren.”

Anna entkam ein frustrierter Laut, doch sie versuchte sich gefasst zu halten. Nun auszurasten brächte nichts. Oh, seit Rist’s Verschwinden neigte sie wirklich dazu cholerisch zu sein. Lag dies an dem zähen, nagenden Frust in ihr?

“Ich…”, fing die burschikose Frau dann noch einmal an und wollte aus Ermangelung anderer Möglichkeiten auf eine Notlüge zurückgreifen “Ich jage Monster und Ungeheuer. Und ich will mich damit in den Dienst des Jarls stellen.”

Welch ein lascher Vorwand. Die beiden breiten Wachen taxierten die Frau, die sie absolut nicht ernst nahmen, knapp und tauschten dann amüsierte Blicke aus. Oh, ernsthaft? Anna MUSSTE in die Feste! Unbedingt! Wie sollte sie die wachsamen Fremden bloß überzeugen? Sie war so eingenommen von diesen Gedanken und abgelenkt von ihrem Groll, dass sie nicht bemerkte, wie sich hinter ihr Leute näherten. Es waren vier Männer, der eine schwerer bewaffneter als der andere. Bis auf einen, wirkten sie alle wie dreckige Banditen und Straßenkämpfer. Nur der offensichtliche Anführer der kleinen Meute mutete gepflegter an als der Rest und trug einen teuer aussehenden, fellbesetzten Mantel in Blau und Schwarz. Anna sah auf, als er die Stufen zur Burg erreichte und die beiden Torwachen sofort etwas steifer erschienen. Sie strafften die Schultern, nickten dem Kerl mit dem ausfallenden Mantel zum Gruß zu. Und als die aufgewühlte Hexerstochter zufälligen Blickkontakt zu dem Mann erhaschte, stutzte sie. Denn im Feuerschein sah sie in dieselben Augen, wie sie auch Rist hatte. Nur war das hier nicht ihr Freund. Der etwa gleichaltrige Skelliger vor ihr war größer, kantiger. Er trug einen Vollbart, doch hatte dieselben dunklen Haare wie Anna’s ehemaliger Begleiter. Auf schräge Art und Weise sah er ihm also sehr ähnlich.

“Haldorn.”, entkam es der vor den Kopf gestoßenen Kurzhaarigen verblüfft und der Angesprochene hielt noch perplexer inne. Seine drei Schläger blieben ebenso stehen, musterten den verunsicherten Ravello in seiner schillernden Rüstung belustigt. Und während Rist’s jüngerer Bruder damit anfing Anna eindringlich prüfend anzustarren, schenkten dessen Männer dem Ritter aus Beauclair amüsierte Blicke. Ohne zu sprechen, machten sie sich so über den Blonden, der hier so fehl am Platz wirkte, lustig.

“Das bin ich.”, antwortete Haldorn der Hexerstochter langsam und unschlüssig. Er schien nicht zu wissen, wie er mit der Fremden vor sich umgehen sollte. Ob er vielleicht ahnte, wer sie war? Es war schließlich bekannt gewesen, dass Rist mit einer Person wie Anna umherzog. Oder nicht? Jedenfalls hatten es alle Spione und der Jarl gewusst.

Anna wollte ein Stein vom Herzen fallen. Ein erleichtertes Lächeln zog sogar an ihren Mundwinkeln.

“Ich suche Euren Bruder!”, brach es sofort aus der hoffnungsvollen Alchemistin heraus. Denn wenn nicht jetzt, wann dann?

Der große Skelliger zog die Brauen zusammen und schwieg. Auch dessen Begleiter sahen jetzt aufmerksam her und ließen von Ravello ab.

“Nach Hjaldrist?”

“Ja. Kann ich ihn-”

“Er... ist tot.”, entkam es Haldorn, als tropften ihm diese harten, direkten Worte nur zäh von der schalen Zunge. Seine Miene war wie aus Stein gemeißelt und sein Blick wollte Anna für ihr unbedachtes Nachfragen strafen. Schwer atmete er durch die Nase aus.

“Hjaldrist ist vor einigen Wochen auf See umgekommen.”, erzählte der Mann mit dunkler Stimme “Er wollte endlich zurückkommen, doch hat es nicht geschafft.”. Es war eine unglaublich schlimme Aussage, die Haldorn sehr schmerzte, das sah man ihm trotz seines ruppigen, harten Auftretens an. Er reckte das Kinn leicht, verzog den Mundwinkel verstimmt.

“Also verschwindet.”, brummte der Undviker noch abschließend und wandte sich ab.

“Ich glaube Euch nicht!”, presste Anna jetzt impulsiv hervor und haschte nach dem Oberarm Haldorns, um den Mann dazu zu bringen sie wieder anzusehen. Alarmiert blickten die Kollegen des adeligen Skelligers auf, doch sie unternahmen nichts. Sie wussten, dass ihr Freund und Anführer gut allein zurechtkäme. Erst recht, wenn seine Diskussionspartnerin ‘nur’ ein maulendes Mädchen in Männerkleidung war.

“Warum sagt jeder, dass er tot ist??”, schnappte die Frau verzweifelt. Der Größere vor ihr betrachtete sie entnervt, schlug ihre fahrige Hand von sich und schenkte Anna einen warnenden Blick.

“Weil es leider stimmt.”, knurrte der breitschultrige Krieger giftig und war sicherlich nur deswegen so ungehalten, weil er selbst nicht mit dem Unfall seines älteren Bruders zurechtkam “Und jetzt verschwindet, Kleine, bevor ich mich vergesse!”

“Nein!”, keuchte Anna, der die Kontrolle über die heikle Situation immer mehr entglitt.

“Arianna!”, mischte sich Ravello alarmiert ein, denn er hatte die bösen Blicke der Freunde des Jarlssohns gesehen “Hör auf. Es hat keinen Sinn.”

“Halt die Klappe!”, schnappte die kurzhaarige Frau und der gedankenvolle Haldorn wendete sich schon ab, um zu gehen und sein Zuhause schwer seufzend zu betreten.

“Kümmert euch um sie… ich habe keine Zeit für so etwas.”, murmelte der autoritäre Skelliger seinen Wachen zu. Dann waren er und seine rauen Schläger auch schon fort.

“Haldorn, warte! Bitte!”, rief die Hexerstochter Rist’s Bruder nach und klang ziemlich aufgelöst dabei. Doch es brachte nichts.

An diesem ungnädigen Abend würde sich Anna den Befehlen der Torwachen der Falkenburg beugen müssen. Genauso, wie sie es eine Woche lang nicht schaffen würde in das große Gebäude zu gelangen oder je mit jemandem der Jarlsfamilie zu sprechen. Sie würde eine Straftat begehen, stehlen und gar zu einem Mordversuch ansetzen, um im Kerker Caer Gvalch’cas zu landen. Dies nur, um zu bemerken, dass sie ihren Freund auch dort nicht entdecke. Ja, sie würde den vermissten Rist nicht finden, auf der ganzen, weiten Insel nicht. Sie würde vergebens suchen und erst zu spät verstehen, dass sie ihre Lage nicht ändern könnte. Anna würde Skellige irgendwann wieder verlassen und dies mit der allmählichen Realisation darüber, dass sie ihren besten Freund längst an den Tod verloren hatte. Sie würde in ein tiefes Loch fallen, oft heulen wie ein Schlosshund und sich fragen: ‘Warum?’. Zum ersten Mal in ihrem Leben würde sie einen solch großen Fehlschlag einstecken müssen, der sie erdrückte und es ihr schwer machte sich wieder mental aufzuraffen. Nur der geduldige Ravello und die fürsorgliche Violeta würden dabei lieb auf sie einreden, ihr Essen zuschieben oder sie umarmen. Manchmal sogar auch Svenja, denn die Trauer um Rist war das einzige, das die beiden Frauen miteinander verband.

Und irgendwann, da würde Anna einfach weiter machen. So wie zu Beginn ihrer Reise und vor dem ersten Treffen mit Hjaldrist, dem ‘Felsen aus Blandare'. Es half ja nichts. Und was hätte sie auch sonst tun sollen? Ihr Weg wäre am Ende immer ein einsamer, dessen war sie sich schon seit jeher im Klaren gewesen. Sie hatte nur nie geglaubt, dass sie ihren wichtigsten Begleiter so bald verlöre. Dass es nicht einmal einen Ort gäbe, an dem sie jenem gedenken konnte. Keine Grabstätte, keinen zugänglichen Gedenkstein. Es gab nur das dunkle Meer. Aber so war es eben. Das Leben war hart.

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