Kapitel 39

Gedanken über das Sterben

Das ehemalige Kloster des Ordens der Flammenrose glich einer alten Festung. In der Wildnis im Südosten Redaniens erhoben sich deren marode Mauern in den Himmel, efeubewachsen und gesäumt von unzähligen, zerschlissenen Bannern, auf dem einst einmal das Wappen der religiös-militärischen Gruppierung geprangt haben musste. Sie waren vollkommen verwittert.

“Und ich dachte, es wäre schwieriger diesen Platz zu finden…”, kommentierte Anna, als sie Apfelstrudel zügelte und die vermeintlich verlassene Burg betrachtete, die sich da nicht weit entfernt in den Sonnenuntergang erhob. Ravello kam neben die Frau, gab einen verunsicherten Laut von sich. Ächzend stand er dann mit den Füßen in den Steigbügeln seines Sattels auf, denn bestimmt schmerzte ihm das Hinterteil vom langen Reiten.

“Und ich habe geglaubt, der Sitz dieser Leute sei kleiner gewesen.”, seufzte er verwundert. Seine Begleiterin schnaubte amüsiert und schüttelte den Kopf über den Ritter aus Toussaint, dessen Rüstung nicht mehr ganz so schillernd wirkte wie noch vor ihrem gemeinsamen Aufbruch vor gut einem Jahr. Eine kleine Delle befand sich da im verzierten Kürass, eine Macke in einer Schulterplatte, hier und da ein paar Kratzer an Panzerhandschuhen und Beinschienen. Zwar sah man dem Kerl, der sich in goldenes und silbernes Metall kleidete, durchaus an, woher er kam, doch der abgenutzte Zustand seiner Uniform erzählte von seiner verdammt langen Reise und seinen harten Kämpfen an der Seite der Frau aus Kaer Morhen. Ravello hatte sich aufgerafft, gelernt, vieles gesehen: Monster, Bestien und Menschen, die schlimmer waren als jene beiden. Und er lief nicht mehr vor ihnen davon; jedenfalls vor den meisten nicht. Es war oft nötig gewesen, dass er Anna in manch schlimmer Auseinandersetzung oder in heiklen Kämpfen half. Gerade in den letzten drei Monaten, in denen der starke Joris nicht mehr an ihrer Seite gestanden hatte. Nach der hoffnungsvollen, doch vergeblichen Suche nach Hjaldrist, hatten er und Violeta sich bald zurückgezogen, um endlich nach Ebbing zu gehen. Eine Einladung in die Zunft der Katzen hatten sie dabei an Anna und ihre verbliebenen zwei Gefährten ausgesprochen, sich verabschiedet und dann waren sie ihrer Wege gegangen. Die burschikose Hexerstochter hätte gelogen, hätte sie behauptet, dieses Lebewohl sei leicht gewesen, denn sie hatte Violeta sehr, sehr lieb gewonnen und auch Joris, der Arsch, war ihr irgendwo ans Herz gewachsen. Trotz all seinem mies gelaunten Geschimpfe und der knallharten Trainingszeit, die er Anna beschert hatte. Vor allem war er nämlich DA gewesen. So wie die anderen Drei. Der Hexer, so hart und nüchtern er sich auch immer gegeben hatte, war seiner Schülerin aus Novigrad ein unerschütterlicher Begleiter gewesen, als sie sehr unter dem Verlust ihres besten Freundes gelitten hatte. Und dafür war sie ihm unendlich dankbar.

“Also. Was tun wir?”, wollte Ravello wissen, als er Anna von der Seite aus taxierte “Ich dachte, die Flammenrose sei eine Organisation, die noch in voller Blüte steht. Buchstäblich. Aber… die Festung hier sieht eher verlassen aus.”

“Das ist wohl wahr.”, murmelte die Alchemistin, als sie sich mit der Hand nachdenklich über das Kinn fuhr.

“Und ich dachte, ich käme endlich wieder einmal dazu Leute auszuspionieren, um an Informationen über eine stark bewachte Festung zu kommen, in die wir in einer großartigen Nacht-und-Nebel-Aktion einbrechen müssen.”, warf Svenja von der Seite aus ein und ihr Unterton klang wenig begeistert. Ja, sie gab sich gelangweilt, als sie die Arme vor der Brust verschränkte und mit den Augen rollte. Anna schenkte ihr einen knappen Blick und verkniff sich ein abfälliges Schnaufen. So sehr sie sich mittlerweile auch mit der komplizierten Undvikerin angefreundet hatte, so war Svenja während ihrer Mondblutung unausstehlich. Also so richtig. Zu ihrer schnippischen Art und dem oft sehr kindlich-trotzigen Verhalten gesellte sich dann nämlich ein Zynismus, den die Giftmischerin absolut nicht vertragen konnte. Die Trauer um Hjaldrist, die man gemeinsam trug, hin oder her… irgendwann würde Anna der genervt stöhnenden Skelligerin hier in den Arsch treten und ihr sagen, dass sie sich eine andere Gruppe suchen sollte, der sie die armen Ohren volljammern könnte. Nach Undvik würde der Rotschopf mit den Sommersprossen dann jedenfalls nicht mehr zurückgehen. Denn man hatte sie sicherlich vom Dienst entlassen. In der Zeit vor fünf Monaten, in denen sich die kleine Truppe rund um Anna auf den Inseln befunden hatte, war Svenja nämlich als vermeintliche ‘Komplizin einer Kriminellen’ aufgefallen. Natürlich hatten die Skrugga, die Zuträger des Jarls, bemerkt, wie ihre ehemalige Kollegin mit den Ausländern geredet hatte. Wie sie dabei geholfen hatte Anna aus dem Gefängnis Caer Gvalach’cas zu holen. Turbulent war dies gewesen und folgenschwer für Svenja. Denn auf Undvik galt die ‘Hexerin aus dem Norden’ nun als dreiste Diebin, die am helllichten Tag auf einen Arbeiter am Marktplatz vor der Falkenburg losgegangen war und jenen dabei beinahe getötet hatte; Als verrückter Mensch, der insgeheim alles dafür getan hätte, um festgenommen zu werden. Ja, Anna war verdammt verzweifelt gewesen und der einzige Ort im kalten Undvik, in dem sie bis dato nicht nach Rist gesucht hatte, war der Kerker unter der Stadt gewesen. Und wäre der Arbeiter, den sie mit ihrem Dolch angegriffen hatte, gestorben… na und? Zu jener Zeit hatte sie dahingehend keinerlei Skrupel besessen. Heute, da sah das anders aus. Heute, da hatte sie nämlich längst resigniert, wenn es um ihren früheren Begleiter aus Skellige ging. Ihr war keine andere Wahl geblieben.

“Also ich bin nicht beleidigt darüber, dass du nicht hast spionieren müssen und sich alles viel einfacher gestaltet, als angenommen, Möhre.”, entkam es Anna endlich als Antwort auf Svenja’s gelangweiltes Gehabe. ‘Möhre’, das war ein Spitzname und eine Anspielung auf das rotblonde Haar der Undvikerin mit dem starken Akzent. Einer, den jene überhaupt nicht leiden konnte und daher ballte sie die Finger zornig zu Fäusten. Doch sie schwieg.

“Generell finde ich es auf eine gewisse Art gut, dass der Orden nicht mehr so groß und gefährlich zu sein scheint, wie erwartet. So müssen wir nicht so sehr aufpassen wie geplant. Und naja… herum zu schleichen war noch nie so mein Ding. Da krempel ich lieber alte Ruinen nach Schätzen um.”, lächelte Anna schmal. Sie war ein wenig blass. Seit dem Tod Hjaldrists aß sie nicht oft oder zu wenig. In der ersten Zeit hatte sie jegliche Mahlzeit gar komplett verweigert und stets wegen Übelkeit geklagt. Doch es ging allmählich wieder bergauf. Es musste.

“Mhm. Also was tun wir? Bestimmt haben sich in der Ruine Banditen eingenistet. Siehst du den Rauch zwischen den Mauern dort? Da hat jemand ein Lagerfeuer angezündet.”, mischte sich Ravello ein und wirkte etwas ungeduldig, hatte aber auch eine dunkle Vorahnung im Blick. Zwar war er nicht mehr der Weiße Hase, der sich bei jedem zu lauten Geräusch fürchterlich erschrak und weit weg lief, um sich in irgendeinem Gebüsch zu verstecken, doch Kühnheit war ihm nach wie vor fremd. Er war daher oft getrieben von Argwohn und auf eine ab und an sehr nervtötende Weise verdammt vorsichtig. Etwas, das ihm Anna noch austreiben würde.

“Egal. Ich will da rein.”, entschloss eben jene, die braunen Augen starr auf das Ordensgebäude mit den halb eingerissenen Steinmauern gerichtet “Jedes Kloster hat eine Bibliothek. Und solange die Ruine hier nicht geräumt oder völlig ausgeraubt worden ist, gibt es sicher noch etwas zu holen. Ja, wenn die Flammenrose tatsächlich an Menschen experimentierte, dann finde ich vielleicht noch Schriften darüber zwischen den alten Steinen. Wer weiß?”

“Und die Banditen-”, schnappte Ravello, doch kam nicht weiter. Anna redete dazwischen und schnitt ihm damit dreist das Wort ab.

“Ja, ich gehe da rein. Vielleicht lagern dort ja nur Reisende. Und wenn irgendwelche feindseligen Leute da sein sollen, vermöbeln wir sie einfach.”, meinte die Kurzhaarige und knackte zwischen Zügeln und Sattelknauf mit den Fingerknöcheln.

“Du willst-... oh, warte mal!”, keuchte der Mann aus Toussaint.

“Was denn?”, Anna hob eine Braue leicht an und taxierte ihren Gefährten “Hast du etwa Angst vor dem Feuerchen dort?”

“Was??”

Anna lachte daraufhin leise in sich hinein.

“Du hast Angst.”, stellte sie dann gleich glucksend fest.

“Nein… aber-... ach, sollten wir vorher nicht etwas essen gehen und uns ausruhen?”, fragte Ravello, dem der Magen schon zuvor protestierend rumort hatte. Auch er wirkte abgekämpft und müde.

“Ausruhen? Wir sind erst vor kurzer Zeit in Tretogor aufgebrochen!”, erinnerte Anna und ihre Motivation und Sturheit überspielten ihr Zeitgefühl vollkommen. Denn tatsächlich waren sie vor vielen Stunden von Tretogor aus losgeritten, um weiter nach der Flammenrose zu suchen. Sie hatten sich dort in einer großen Taverne eingemietet gehabt. Es war der letzte freie Raum gewesen, den sie erhascht hatten; ein spartanisches Gästezimmer mit zwei harten Betten und einem klemmenden Fenster, das man nicht weiter als wenige Zentimeter öffnen konnte. Doch es hatte gereicht. Ravello hatte den Vorzeige-Ritter gemimt und den Frauen die beiden Betten überlassen, während er selbst am Boden schlafen hatte wollen. Doch Anna wusste, dass dem am Ende nicht so gewesen war. Denn Svenja war eingeknickt und hatte den Kerl bei sich auf der Matratze schlafen lassen. Das war in letzter Zeit des Öfteren passiert. Zwar gab sich die Spionin immer so desinteressiert und zickig, doch wenn Not am Mann war, griff sie gern auf den blonden Ravello als Bettgefährte zurück. Man könnte fast meinen, sie plane aus ihm ein Spielzeug zu machen und die wissende Anna war sich nicht sicher, ob ihr der geduldige Beauclairer deswegen leidtun sollte oder nicht. Wohl weniger. Denn er selbst war nicht besser als die Möhre. Aber nun gut. Solange die zwei Idioten nicht dann herum vögelten, während die Novigraderin anwesend war, war alles in Ordnung. Sie hatte nämlich nur wenig Lust darauf sich das anhören zu müssen, aufzuspringen und Svenja und Ravello nachts anzumaulen, damit sie aufhörten sich zu verhalten wie die Karnickel.

Ob da ein wenig Frust mitschwang? Hm. Nein. Anna war selbst kein Kind von Traurigkeit. War sie nie gewesen. Und in den letzten Wochen, während ihrer Phase, in der sie resigniert hatte, ihr alles einerlei erschienen war und ihr niemand vernünftig zugeredet hatte, hatte sie mitunter ein, zwei Kerle abgeschleppt. Halb betrunken war sie dabei gewesen. Mit einem ihrer kurzweiligen Liebhaber - sie kannte seinen Namen bis heute nicht einmal, doch er war von der redanischen Armee gewesen - war sie nachts einfach in einem Nebenraum einer Taverne in Oxenfurt gelandet. Mit dem zweiten, einem Spieler und Betrüger einer schmierigen Schänke nahe Gors Velen, im stickigen Lagerraum des jeweiligen Gasthauses. Techtelmechtel in irgendwelchen dunklen Ecken und mit Leuten, die man nicht einmal wirklich kannte, hatten dabei klammheimlich mehr dargestellt als das, was sie gewesen waren. Sie waren eine Ablenkung von schlimmen Erinnerungen oder finsteren Gedanken, die die Hexerstochter immer wieder einholen wollten, gewesen. Anna nutzte liebestolle Kerle und beizeiten auch Frauen also aus, war völlig egoistisch.

Fühlte sie sich schlecht deswegen? Nein. Sie hatte nicht einmal mehr diese klamme Panik in sich ein Blag zu kriegen, denn dank verschnörkelter Aufzeichnungen in ihrem alten Buch, die laut der kleinen, beigefügten Notizen den Fingern des Geistes Valerie entsprungen waren, verfügte sie über eine Formel für einen Trank, der temporär unfruchtbar machte. Ein weiteres ‘kleines’ Experiment, das die Giftmischerin zurzeit an sich ausprobierte. Und es schien bisher ganz gut zu funktionieren, nicht wahr? Das sogar mit äußerst wenigen Nebenwirkungen.

“Oh ja, Essen. Und ein Nickerchen wäre auch toll.”, fügte Svenja nickend hinzu, doch Anna verzog bloß skeptisch den Mundwinkel. Ein Ausdruck, auf den der Blonde aus Beauclair sogleich reagierte, als habe er ihn am Rande alarmiert. Denn der ältere Mann war nicht nur hinsichtlich etwaiger Gefahren misstrauisch und vorsichtig, sondern auch dann, wenn sich seine Gefährtin aus Kaer Morhen einmal wieder vor dem Essen drücken wollte. Schließlich war sie dahingehend beachtlich ‘problematisch’ gewesen und dies war noch nicht sehr lange her. Und gerade, da neigte sie noch immer dazu sich selbst zu überfordern, nicht an Schlaf oder Mahlzeiten zu denken. Es war ihre ganz eigene Art mit dem fürchterlichen Ableben Hjaldrists umzugehen; mit dem Gedanke daran, dass ihn das dunkle, gierige Meer geschluckt hatte. Nicht nur Schäferstündchen mit Fremden lenkten Anna also ab; auch Arbeit, lange Märsche und das Kämpfen taten das. Ravello hatte dies längst durchschaut und waltete mittlerweile als tägliche Erinnerung daran auch einmal Pause zu machen, anstatt sich so weit zu verausgaben, dass man umfiel.

“Ja, und ein Nickerchen.”, pflichtete der Blondschopf Svenja bei. Seine blauen Augen blieben auf Anna gerichtet und er wirkte ernst.

“Lass uns Pause machen. Die nächste kleine Ortschaft ist sicherlich nicht weit.”, forderte der Ritter und es war klar, dass es Streitereien gäbe, stelle sich die Hexerstochter nun quer “Wir haben noch genug Geld übrig, was wir vor allem dir zu verdanken haben, Anna. Wir geben die Silberstücke nicht ohne dich für ein Abendessen aus.”

Svenja maß den gutmütigen Ravello auf diese Aussage hin mit einem Blick, der den Mann dezent strafte. Ihr verzogener Ausdruck erzählte, dass SIE sehr wohl alleine gegessen und sicherlich NICHT kollegial mit ihrer weiblichen Begleiterin gehungert hätte. Anna mochte stur sein, aber die ehemalige Spionin aus Skellige war ein noch größeres Kaliber als sie. Wenn es sein musste, dann schiss sie auf den Starrkopf ihrer Kollegin und wurde wieder zu deren mentalen Gegenspielerin. Dass die Alchemistin aus Novigrad gefährliche Monster für das dafür benötigte Geld erledigte und unlängst ihr Pferd verkauft hatte, weil sie so und so auf dem Ross des verstorbenen Hjaldrist ritt, interessierte die Möhre wohl wenig.

“Nein, tut mir leid. Ich reite nicht zur nächsten Gaststube, nur, um danach wieder hierher zu kommen. Ich habe so lange gesucht und habe die Festung endlich gefunden. Ich drehe nicht ab. Nicht jetzt.”, sagte Anna. Und mit diesen Worten winkte die ausgelaugte Frau ab, schüttelte den Kopf noch einmal ungläubig schmunzelnd und trieb Apfelstrudel dann dem heruntergekommenen Kloster entgegen, das da in der Ferne von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in ein warmes Orange getaucht wurde. Denn das wäre doch auch das gewesen, was Rist getan hätte, nicht? ‘Einfach mal tun, denn mit Überdenken und Herumgrübeln verschwendet man nur Zeit.’, das wäre seine Devise gewesen. Und Anna’s Herz fühlte sich so schwer an wie ein kleiner Felsbrocken, der in ihrer Brust hing, als sie daran dachte. Sie atmete einmal tief aus und schlug die braunen Augen nieder, vertrieb die Erinnerungen an ihren Freund für einen Moment aus ihren Gedanken. Und sie straffte die Schultern, als sie ihrem Wallach die Sporen gab. Schon bald wäre sie ihrem großen Ziel eine neue Formel für die Kräuterprobe zu kreieren einen großen Schritt näher. Ganz bestimmt. Sie konnte es kaum erwarten.

 

Es war wohl die beißende Müdigkeit, die es Anna verwehrte vernünftig zu denken und die sie dazu trieb absolut nachsichtig zu handeln. Trotz des sichtbaren Feuers zwischen den Burgmauern, zügelte sie Apfelstrudel nämlich erst, als sie sich viel zu nah vor der alten Festung befand. Sie stieg vom braunen Pferd und kam an das alte, verschlossene Holztor, bevor sie die Gestalt erblickte, die im Schatten der untergehenden Sonne, unter den verwilderten Sträuchern nahe der Burgmauern, stand. Und Anna spitzte erst aufgerüttelt die Ohren, als Apfelstrudel unruhig schnaubend zu tänzeln begann. Ein Bolzen sirrte durch die Luft, schlug kurz vor dem Pferd ein und brachte es zum Scheuen, ehe es wie von der Hornisse gestochen davon galoppierte. Ravello rief unweit nach Svenja und forderte sie ungewohnt herrisch dazu auf anzuhalten. Noch ein Bolzen, zwei, drei. Anna erstarrte wie zur Eissäule und erwartete Schmerz, als ihr die finstere Vorahnung über den Rücken hinunter kroch wie ein kalter Aal. Doch da war kein Ziehen, kein Schneiden, kein Schlagen. Hatte man sie bewusst verfehlt?

Da waren Männer auf den maroden Burgmauern. Männer mit Armbrüsten, die Bolzen auflegten und Armbrustbögen vernehmbar spannten. Gerüstete mit fleckigen, roten Wappenröcken und purpurnen Gambesons unter Platten voller Flugrost. Die Begleiter der Giftmischerin aus Kaer Morhen hatten jene längst bemerkt, rissen an den ledernen Zügeln und brachten ihre wiehernden Reittiere damit barsch dazu zu halten.

“Kommt näher und sterbt!”, rief eine fremde, strenge Stimme von oben. Anna ballte die Hände zu Fäusten.

“Und du, Junge, rühre dich vom Fleck und ich schieße dir einen Bolzen in deinen Schädel!”, drohte der Mann auf der schiefen Burgmauer und meinte damit höchstwahrscheinlich Anna. Wen auch sonst? Ganz, ganz langsam lockerte sie die kalten Finger wieder, linste auf ihre Rechte hinab. Und ihre Gedanken rasten. Quen. Sie beherrschte das Zeichen mittlerweile relativ gut. Hätte sie die Zeit es zu wirken und davon zu laufen? Nein. Es hätte zu lange gedauert. Und da waren Schützen auf den Mauern, die ihr all ihre Bolzen in das Kreuz gejagt hätten, wäre sie gerannt. Apfelstrudel war auch fort gelaufen. Sie wäre also nicht schnell genug weit genug entfernt, um sich in Sicherheit zu wägen. Verdammte Scheiße.

Was sollte Anna also tun? Sich ergeben? Und dann?

Die kurzhaarige Frau hob den Blick vorsichtig an, sah im Augenwinkel, wie aus einem Loch in der Burgmauer drei, vier weitere Gestalten traten. Sie eilten daher, hatten die Waffen - Langschwerter und Rabenschnäbel - gezogen. Auch der Typ im Gestrüpp nahe dem Tor regte sich nun, trat aus den Schatten und griff nach seinen Dolchen.

Oh, Anna könnte kämpfen. Ja, sie könnte versuchen Quen zu wirken und danach so viele dieser Leute hier mitzunehmen wie möglich, sich unter die Mauerreste zu ducken und zu hoffen, dass man ihr kein Geschoss durch das Hirn trieb. Sollte sie?

Die braunen Augen der nervösen Alchemistin wanderten unstet und so, als ob sie suchten. Sie wendete den Kopf den Männern zu, die klappernd heran eilten. Und dann sah sie, wie hinter jenen noch jemand aus der unschönen Kluft in der alten Festungsmauer kam. Oder nein, eher: Etwas. Das, was da über die vielen Steine stieg, war kein Mensch. Es war viel größer, breiter, mit einem massigen Streitkolben in den Händen und einem unnatürlich dunklen, grollenden und aggressiven Brummen auf den Lippen.

“Oh, Scheiße…”, wisperte die zusammenzuckende Novigraderin und diesem prekären Moment verflogen ihre zuvor noch so wild rasenden Gedanken mit einem Mal aus ihrem Kopf. Ihr dummer Schädel war urplötzlich völlig leer. Aus ihren überfordert geweiteten Augen sah die Frau nurmehr dieses Monstrum, das sich da mit wenig Hektik im Tun näherte: Dieses Ding, das aussah wie eine laufende Rüstung mit einer eingravierten, brennenden Rose am Kürass. Es war einer der Mutanten, von denen in den vielen Schriften über den Orden die Rede war. Einer von denen, an denen man herumexperimentiert hatte. Dessen war sich die schlaue Hexerstochter mit den ungläubig aufgerissenen Augen sicher. Ihre trocken gewordenen Lippen standen ihr einen Spalt weit offen, als sie die Hände ganz, ganz langsam anhob, um anzuzeigen, dass sie nicht angreifen würde. Nur ein Tor hätte jetzt zur Klinge gegriffen. Und sie blieb einfach nur stehen, rührte sich nicht und beobachtete mit einem Anflug von morbider Faszination im Blick, wie die rüstungsscheppernde Kampfmaschine der Flammenrose auf sie zu stapfte. Gleichzeitig schickte die Entsetzte ein stummes Stoßgebet gen Himmel. Wäre das hier ihr Ende? Nein. Denn dann hätte man sie doch schon längst erschossen. Oder?

Anna musste das Haupt weit heben, um zu dem schnaufenden Mutanten aufsehen zu können, als jener vor ihr stand und sie hinter seinem Helm heraus aus milchigen Augen anglotzte. Die arme Frau mit den erhobenen, zittrigen Händen wagte es kaum zu atmen, als ihr Blick über die dreckige, abgenutzte Rüstung des Wesens wanderte. Und sie rührte sich kein Stück, denn sie wusste, dass sie nun jede falsche Bewegung mit Pech das Leben kosten könnte. Noch immer war ihr Kopf so leer und sie schaffte es nicht einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Gerade, da gab es da nur den breiten Hünen vor ihr, der sie um mehrere Köpfe überragte und seinen massigen Streitkolben fest mit beiden Händen umschloss. Diese Waffe musste so viel wiegen wie ein mittelgroßer Badezuber und es war nicht auszudenken, was passieren würde, würde dieses Ding auf sie niedergehen. Die fahrige Alchemistin musste bei diesem Gedanken trocken schlucken, hob die großen, braunen Augen wieder dem hässlichen Helm der Kreatur entgegen. Bleiche Haut hinter dickem Metall, ebenso fahle Pupillen, ein blutunterlaufener Blick. Mehr konnte man durch den Sichtschlitz des zerkratzten Kopfschutzes nicht erkennen. Doch es reichte, um der viel kleineren Frau einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Denn, bei Melitele, was hatte man bloß mit diesem ‘Mann’ hier gemacht? Wie hatten die Experimente der Flammenrose nur ausgesehen? Hatte man DAS HIER tatsächlich nur über kompliziert gebraute Tränke und Absude bewerkstelligt?

Flach atmete Anna aus und ein, besann sich darauf dies kontrolliert zu tun, um sich irgendwie zu beruhigen.

Wollte sie so werden wie dieser Mutant hier? Wollte sie die geheimen Formeln der alchemistischen Versuche der Flammenrose wirklich haben? Sie… sie war sich just in diesem Moment nicht mehr sicher. Denn es fühlte sich so falsch an. Ja, es war FALSCH, was man dem schrecklichen Krieger, der vor ihr stand, angetan hatte.

 

“Na, sieh mal einer an…”, der, der zuvor noch auf der verkommenen Burgmauer gestanden hatte, war herunter gekommen und hatte sich zwischen seinen Männern durchgeschoben, um zur stummen Anna zu gelangen. Jetzt hielt er neben seinem ‘Kollegen’ mit dem riesigen Streitkolben an und beäugte die regungslose Abenteurerin eingehend von oben bis unten. Der Mann im purpurnen Waffenrock und der silbernen, abgeranzten Rüstung, trug eine unschöne, dicke Narbe im Gesicht, die sich von seiner Stirn aus über Wange und bis hin zum Nacken zog. Die Hälfte eines seiner Ohren fehlte und sein hellbraunes Haar war recht kurz geschoren worden. War er der Anführer der Bande hier?

“Das ist ja gar kein Junge.”, stellte das Narbengesicht amüsiert brummend fest und trat noch näher. Anna sah aus dem Augenwinkel zu ihm, riss die Aufmerksamkeit aber nicht von dem Mutanten in der massiven Rüstung aus brüniertem Stahl fort. Denn jener stellte hier schlussendlich die schlimme Bedrohung dar. Normale Menschen, die jagten der Novigraderin in der gestreiften Jacke kaum noch Angst ein. Da konnten sie tun oder sagen, was sie wollten.

“Das ist eine Frau!”, entkam es dem in der Uniform des Ordens der Flammenrose, als erfreue ihn der ausgesprochene Umstand überaus. Auch seine Kollegen begannen nun damit verwegen zu grinsen, manche lachten sogar wie im Triumph oder grölten freudig. Und die bedrängte Hexerstochter, die sich hier sehr vorgeführt fühlte, konnte sich schon denken wieso. Oh, sie steckte gerade wirklich übelst in der Klemme. Wie käme sie der heiklen Situation bloß wieder aus?

Nervös lugte die Kurzhaarige wieder zum dreisten Narbengesicht hin, ballte die kalten, feuchten Hände zu Fäusten und biss die Zähne fest aufeinander. Im Geiste ermahnte sie sich zur eisernen Fassung, doch ihr Ärger - über die dreckigen Kerle hier, die dumme Situation und sich selber - wühlte sie zu sehr auf und brachte ihre Eingeweide dazu sich zu verknoten. Anna wurde es leicht übel und sie verfluchte die Tatsache, dass sie nicht auf den übervorsichtigen Ravello gehört hatte. Oh, warum war sie nur so übermütig gewesen, so stolz? Ihr Starrkopf brächte sie ins Grab und wahrscheinlich würde das auch noch sehr, sehr bald geschehen. Vielleicht würde sie der enorme Mutant hier zermatschen, wer weiß? Womöglich würden sie die ehrlosen Kerle der Burgruine abstechen, nachdem sie sie vergewaltigt hätten? So lief das doch, nicht wahr? Aber… fürchtete sich Anna davor? Hatte sie wirklich Angst?

Die angespannte, harte Miene der Frau lockerte sich leicht, als sie den Blick zur Seite senkte und einen wahllosen Punkt an dem verwitterten, efeubewachsenen Festungswall fixierte. Tief atmete sie aus. Da war Adrenalin in ihr, so viel. Es machte sie vollkommen verrückt, brachte ihr Herz zum Rasen. Gewohnt war das für sie, denn es passierte vor jedem Kampf oder jedem heftigen Streit, jeder Prügelei und dergleichen. Ja, die Hexerstochter war aufgebracht. Aber Panik? Angst vor dem Tod? Nein, die hatte sie nicht, wenn sie genauer darüber nachsann. Nicht wirklich. Und um ehrlich zu sein, hatte sie in den letzten Monaten doch oft über dieses befremdliche Thema nachgedacht. Nach dem Ableben Hjaldrists hatte sie sich den Kopf zermartert, tagsüber, nachts, andauernd. Über den Tod hatte sie gegrübelt und als sie dann in ihr tiefes mentales Loch gefallen war, hatte sie sich lethargisch gefragt, wie es wohl wäre einfach zu sterben, aufzugeben. Sie war aber zu feige gewesen es zu versuchen. Nun, da war sie wieder an solch einem Punkt angelangt, wurde zurückgeworfen in dieses morbide Nachdenken über das Sterben, das sie vor Wochen schon so sehr beschäftigt hatte. Und sie fragte sich auf ein Neues, wie es wohl sei, wenn man verging. Wo kam man wohl hin, nachdem man das Leben ausgehaucht hatte? Was passierte nach dem Tod? Und vor allem: Würde sie ihren besten Freund wieder sehen, würde sie ihm einfach in die vermeintliche Ewigkeit folgen? Warum fühlte sich letztere Vorstellung gerade so gut an...?

An Anna’s trockenen Lippen zerrte ungnädig ein schmales Lächeln, das ihre gesenkten Augen nicht erreichte. Und diese so unpassend anmutende Mimik schien das stockende Narbengesicht zu verunsichern. Der höchst amüsierte, erfreute Ausdruck des Ordensmannes im roten Rock verrutschte und anstatt weiter zu feixen, machte ihn seine plötzliche Unsicherheit und die Ruhe der bedrohten Kriegerin zornig.

“Was gibt es da zu grinsen, hm?”, wollte er cholerisch wissen, als er sich in Bewegung setzte und an die Gefangene heran trat. Er erwischte sie rüde am Oberarm und riss daran, um nach der Aufmerksamkeit der grüblerischen Frau zu haschen. Es funktionierte. Anna zuckte heftig zusammen, blickte auf und verengte die braunen Augen feindselig. Instinktiv fasste sie mit der freien Rechten nach ihrem gewickelten Schwertgriff, doch war zu langsam. Zu viele Augen beobachteten sie gerade und viel zu wachsam war der Anführer der schmutzigen Bande. Er schubste die junge Frau zurück, bevor jene die Waffe ziehen konnte. Sein Stoß war dabei so heftig, dass sie rücklings stolperte und mit dem Kreuz voran in den lief, der da zuvor aus dem Gebüsch gekommen war. Der besagte Mann fing sie also quasi auf, lachte draufgängerisch, schlang die Arme von hinten um sie und raunte aus seinem stinkenden Mund in ihr Ohr.

“Ich seh schon, wir werden Spaß mit dir haben, Wildfang...”, meinte er und trieb Anna damit an den Rand des schauerlichen Ekels. Sie verzog den Mund, als schmecke sie etwas unglaublich Widerliches und wand sich impulsiv aus dem Griff des Kerls, fuhr herum. Die Männer auf der hohen Mauer über ihr legten die Armbrüste an, doch das Narbengesicht erhob die flache Hand sofort und befahl damit inne zu halten. Belustigt beäugte er die Novigraderin, hatte seinen mutierten, wachsam gaffenden Hünen im Rücken.

“Du gefällst mir, Mädchen. Und deswegen wirst du heute nicht sterben.”, säuselte der Geschorene und seine unnatürlich blauen Augen, die Anna an die von Fischen erinnerten, verengten sich zu einem wölfischen Ausdruck. Sie trugen ein gieriges Funkeln in sich, das der nicht ernst genommenen Jüngeren ganz und gar nicht gefiel.

“Komm her.”, befahl das abstoßende Narbengesicht, doch die angesprochene Giftmischerin dachte nicht im Traum daran.

“Fick dich.”, maulte Anna daher nur und brachte die umher stehenden, nach Schweiß und Waffenöl miefenden Kerle damit erneut dazu wie angetan zu lachen. Die Schneide ihres Stahlschwertes sang, als sie es mit einem Mal zog und ohne jegliche Vorwarnung oder weiteres Drohen auf den Anführer der rattigen Kriegerbande losging. Denn was hätte sie jetzt schon noch zu verlieren? Nichts außer ihrem Leben. Und nun, da ihr der Tod nicht mehr als übergroß oder zu bedrohlich erschien, könnte sie sich genauso gut von Bolzen durchlöchern oder von einem Riesenstreitkolben zermalmen lassen. Oh, es sollte ihr doch egal sein, was die widerlichen Typen hier mit ihrem Körper anstellten! Lebensmüde zu sein bedeutete nämlich auch emotionale Unnahbarkeit.

Metall traf klirrend scharrend auf Metall, als Anna aso zuhob. Ihre geschliffene Schneide sauste nach vorn, zerschnitt dem Narbengesicht den dicken Gambesonärmel und traf erneut auf die Parierstange von dessen Langschwert. Überrumpelt wirkte der Mann auf einmal, taumelte zurück, doch fing sich. Er schlug mit seiner Waffe zu, doch verfehlte Anna, die sich gelenk fort duckte.

“Nicht schießen! Haltet die anderen beiden im Auge!”, bellte der Krieger seinen Schützen zu und wies auch seinen unnatürlichen Mutant gescheucht dazu an nichts zu tun. Doch die restliche Meute, die hielt er nicht auf. Und einer von jenen war es dann auch, der der Frau aus Kaer Morhen mit den harten Panzerstiefeln in die Kniekehlen trat und sie dazu brachte zu Boden zu gehen. Anna knickte schmerzlich aufstöhnend ein, ging auf die Knie. Jemand nahm ihr ihren Dolch sogleich, sie schlug mit dem Schwert nach ihm und schnitt ihm drei Finger ab. Blutend fielen die Gliedmaßen neben ihr auf die Erde und das gellende Schreien des Fremden klang in ihren Ohren wie Musik. Sie musste freudlos lachen und wusste nicht wieso, wollte aufstehen, doch wurde niedergerungen. Jemand trat ihr auf die Schwerthand und ein dumpfer Schmerz jagte ihr bis in die Schulter hoch, ließ ihr die Ohren sausen. Sie schnappte nach Luft, als man ihr erneut kraftvoll auf die Hand trat, um ihr das Bastardschwert zu entwenden. Die Pein, die davon erzählte, dass Knochen gebrochen worden waren, trieb ihr die Schwärze in den Blick und ließ sie überfordert keuchen. Anna entkam zwischen einem wütenden Jammern und einem verärgerten Schrei ein wüster Fluch. Und sie wehrte sich. Es war wie ein Reflex. Sie trat, strampelte, wand sich wie ein gefangenes Tier. Doch am Ende, da sah sie ein, dass es nichts brachte. Als sie von vier Männern im Schach gehalten wurde und mit dem Gesicht voran im Dreck lag, gab sie schlussendlich auf. Und sie holte Luft, um zu einer letzten Forderung anzusetzen.

“Tötet mich doch, ihr Bastarde!”, presste sie hervor und das so sehr in Rage, dass sie beim Sprechen spuckte “Ja, bringt mich um!”

Denn, ja, was hatte sie schon zu verlieren? Vielleicht würde sie Hjaldrist bald wieder sehen. Sollten diese Banditen sie doch ermorden, es sollte ihr einerlei sein! Oh ja, sie würde den Tod umarmen wie einen lang vermissten Bruder!

Statt Anna jedoch die vermeintliche Gnade zu erweisen, zog man sie auf die Knie. Narbengesicht schnaubte wieder so belustigt wie ganz zu Anfang, hatte sich beruhigt. Erneut mutete er so unglaublich amüsiert an.

“Dich töten? Oh nein!”, sagte er überheblich und sein Atem ging vom vorangegangenen Kampf schwer “Das wäre doch eine Verschwendung.”

Die entwaffnete Gefangene, die man grob auf die Beine bugsierte und von hinten an den Schultern festhielt, verzog den Mundwinkel und spuckte rot aus. Sie hatte sich bei ihrem vorigen Kniefall auf die Zunge gebissen.

“Ohja, Verschwendung.”, wiederholte das verhasste Narbengesicht breit grinsend. Dann erhob er die Stimme, um sich an die zu richten, die die ganze unfaire Szene hatten mit ansehen müssen: Ravello und Svenja. Die beiden saßen nach wie vor unbeholfen am Rande, auf den Rücken ihrer nervösen Pferde, und wagten sich nicht weiter vor, weil ein Dutzend Armbrüste auf sie gerichtet war. Der Weiße Hase war nicht mutig genug auf solch eine Bedrohung zuzupreschen, um am Ende - sollte er überleben - auch noch gegen einen riesigen Mutant kämpfen zu müssen. Und Svenja, die war Anna gegenüber einfach nicht loyal genug. Sie stellte sich selbst über ihre Gefährtin aus dem Norden und war zur Not gefühlskalt genug, sich für deren Tod zu entscheiden, um selbst zu überleben. Einzig und allein für Rist, den sie abgöttisch geliebt hatte, hätte sie sich früher einmal geopfert. Doch die heutigen Zeiten waren andere; sie waren hart und ungnädig und der Undviker in der grünen Tunika war längst nicht mehr da.

“He, ihr!”, bellte das überhebliche Narbengesicht also und wendete den unschlüssig abwartenden Begleitern Annas den Blick grinsend zu. Sie waren so weit entfernt, dass sie ihn sicherlich gerade noch so hören konnten, wenn er sehr laut sprach.

“Zweihundert Kronen und ihr bekommt sie wieder!”, rief der skrupellose Mann Ravello und Svenja zu “Ihr habt drei Tage Zeit! Danach machen wir eure kleine Freundin hier um einen Kopf kürzer!”

Man sah, wie dem konfrontierten Beauclairer alles aus dem Gesicht fiel und wie dessen rothaariges Betthäschen das Gesicht zu einer wütenden Fratze verzog.

“Und nun verschwindet oder ich überlege es mir anders und lasse euch durchlöchern wie Temerischen Käse!”, lachte das unsympathische Narbengesicht freudlos und laut. Anna starrte ihn wütend aus verengten Augen an, ihre Kiefer mahlten. Und unter dem schmerzhaft festen Griff an ihren Schultern, fasste sie plötzlich nach hinten. Dies aber nicht, um die zwei Häscher zu schlagen, die da hinter ihr standen. Sondern, um geschickt nach zwei vollen Fläschchen zu fischen, die sich da in ihrer kleinen Tranktasche am Gürtel befanden. Dreckig bräunliche Flüssigkeiten befanden sich in ihnen. Verheerende Gifte. Hochdosiert und wenn die abgehärtete Alchemistin beide davon trank, sogar für sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit tödlich. Ihre eine, verletzte Hand schmerzte, als sie in ihre lederne Tasche fasste und die Frau schaffte es nicht den gebrochenen Mittel- und Ringfinger zu bewegen. Doch sie biss die Zähne fest zusammen, ignorierte die Qual.

Anna kam kaum eine Sekunde später dazu eines der Glasfläschchen zu entkorken, doch weiter leider nicht. Man schlug ihr die Gifte aus den Händen, dass die Phiolen am Grund zerbrachen. Während sie vernahm, wie das blaffende Narbengesicht Ravello und Svenja fort scheuchte, nahm man ihr hastig den Gürtel, an der die schmale Tranktasche hing. Dann noch den mit den teuren Waffenscheiden und dem halb stumpfen Kräutermesserchen. Man erwischte sie lieblos, riss sie bestimmend herum. Anna verkniff sich ein angestrengtes Keuchen, um nicht zu viel Schwäche zu zeigen, presste die Lippen aufeinander. Sie hatte keine andere Wahl, als sich den Arm auf den Rücken drehen zu lassen, um wehrlos mitgenommen werden zu können. Sie senkte den Kopf, verfluchte die prekäre Situation und gab dann doch einen schmerzlichen Laut von sich, als man sie mit verdrehtem Arm vor sich her schob, um sie in das Innere der alten Festungsruine rempeln zu können. Alleine der Vorhof eben jener war groß. Überwachsene Steine lagen hier und da auf dem gepflasterten Grund, der von Unkraut durchbrochen worden war. Ein Baum stand da nahezu in der Mitte des weitläufigen Platzes und unweit brannte das große Feuer, dessen tanzenden Schein Anna vorhin schon von Weitem gesehen hatte. Ein Spanferkel briet darüber und verströmte einen Geruch, der der Frau sonst das Wasser im Mund hätte zusammenlaufen lassen. Gerade, da wurde ihr davon aber nur schlecht. Oh, hatte sie denn wirklich geglaubt, irgendwelche harmlosen Reisende würden sich hier ihr Abendessen zubereiten? Wie dumm war sie ob ihrer Müdigkeit und Abgekämpftheit gewesen? Oder: Zu was hatte ihre verhaltene Lebensmüdigkeit sie hier nur getrieben? Was hier passierte, war mehr als nur eine unliebsame Begegnung mit einem Pack dreckiger, dämlicher Banditen. Das hier war ein Aufeinandertreffen mit Überbleibseln des mächtigen Ordens, den Anna so lange gesucht hatte. Die Mitglieder der Flammenrose und Anhänger der Ewigen Flamme waren zu einer aufgesplitteten Gruppierung von Raubrittern geworden, so schien es. Zu Mördern, Vergewaltigern und Halunken, die ihre finsteren Mutanten, die sie geschaffen hatten, und ihre fragwürdigen Motive nicht versteckten. Und es waren viele. Mit den Schützen auf der alten Mauer zählte Anna, die den Kopf hob, während sie über den Vorplatz geschubst wurde, an die siebzehn Mann. An dem Feuer, über dem das Schwein gebraten wurde, wärmten sich noch einmal sechs weitere Kerle in roten Wappenröcken die Hände. Und wer wusste schon, wie viele es von ihnen noch gab? Die Ruine, die hier im Sonnenuntergang lag, war groß. In ihrem Inneren, da hausten sicherlich noch mehr als die gerade anwesenden Dreiundzwanzig und der genetisch Veränderte mit dem Streitkolben. Anna war also ziemlich am Arsch. Nur warum war es ihr dennoch zum Lachen zumute? Wurde sie noch verrückt?

 

Man brachte die Gefangene mit den gebrochenen Fingern in die unteren Gewölbe der Festung. Eine halb eingestürzte Treppe aus abgetretenem Stein führte dorthin und Fackeln erhellten den gewundenen Gang, der im Kerker endete. Der feuchte Geruch nach Moder und Rattenkot stieg Anna in die sensible Nase, als sie die letzten drei Stufen nach unten nehmen musste und fast stürzte, weil von der zweiten Stufe nurmehr ein kleines Stück stand und man keinen guten Halt darauf fand. Einer der Raubritter hielt den nach wie vor leicht verdrehten Arm der gekrümmt strauchelnden Kurzhaarigen fest wie ein Schraubstock. Ein weiterer folgte und hinter ihnen marschierte das Narbengesicht, pfiff eine Melodie und wirkte dabei recht selbstgefällig. Ihr Weg führte sie über feuchten Boden, durch einen langen Korridor, der nur dürftig vom orangen Fackelschein erhellt wurde. Schmale Gefängniszellen reihten sich hier links und rechts an den Seiten auf. In manchen von ihnen lehnten längst verwitterte Skelette. In zwei lagen jedoch relativ frische, aufgedunsene Leichen, die beißend süßlich nach starrer Verwesung stanken. Es trieb Anna die saure Galle in den Mund, ließ sie ein, zwei Mal trocken würgen. Ratten quiekten und stoben ängstlich auseinander, als die Menschen kamen. Und dann hielt die kleine Gruppe an. Vor einer leeren Zelle befahl das arrogante Narbengesicht stehen zu bleiben und die gepackte Anna spürte, wie der Mann, der sie im Schach hielt, endlich lockerer ließ. Sie spürte ihren Arm kaum noch. Langsam sah sie sich um und blickte direkt in die Fischaugen des Anführers des ehrlosen Haufens. Im spärlichen Licht der flackernden Wandfackeln wirkte der Vernarbte fast schon unheimlich, als er so schief schmunzelte.

“Nehmt ihr ihre Ausrüstung ab. Alles. Weg mit der Rüstung und all dem Schnickschnack. Na los.”, herrschte er an und seine beiden Gefolgsleute mit dem Wappen der Flammenrose an den Brustpanzern folgten diesen Worten natürlich. Einer von ihnen riss an Anna’s rot-schwarzer Jacke, zerrte ihr jene ungeschickt von den Schultern. Der Zweite packte an die gut gehütete Armschiene, die am linken Arm der Frau festgeschnallt war. Es war die, zu der Rist das rechte Gegenstück besessen hatte; das Rüstungsteil aus der morschen Truhe in Redgill. Die zwei Abenteurer hatten damals den Geist der kleinen Lena besänftigt, indem sie jenem den Schädel der Katze Mimi zurückgebracht hatten, und-

Anna sah abrupt auf, ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Und als der Handlanger des Narbengesichts einen Riemen ihrer geliebten Armschiene lösen wollte, schlug sie mit eben jener zu. Es kam so unerwartet, dass sie dem grunzenden Kerl die Nase mit dem gepanzerten Arm blutig haute. Doch die Retourkutsche ließ nicht lang auf sich warten: Die Hexerstochter wurde so hart ins Gesicht geschlagen, dass es ihr den Kopf zur Seite riss und ihre Kiefer schmerzhaft pochend rebellierten. Taumelig wurde sie, bekam noch eine ordentliche Rechte verpasst, die ihr ein Klingeln in den Ohren bescherte. Da war noch ein Stoß in die Magengegend, ein Tritt, den sie aber nur noch am Rande wahrnahm. Sie bemerkte es auch kaum mehr, wie sie nieder ging, denn die Bewusstlosigkeit erfasste sie mit ungnädig festem Griff und zog sie in die sanfte, alle Empfindungen verschluckende Dunkelheit.

 

*

 

Anna wusste nicht mehr, wie lange sie nun schon im Kerker der verrückten Anhänger der Ewigen Flamme saß, denn an einem Ort wie diesem verlor man jegliches Zeitgefühl. Es war düster und nur wenig Fackelschein fiel in die Zelle der Kurzhaarigen, der man gerade einmal Hemd und Hose gelassen hatte. Und dies auch nur für kurze Zeit, denn der ruppige Kerl, der ihr heute das Essen gebracht und dem sie gegen das Schienbein getreten hatte, hatte ihr breit lächelnd versprochen, dass man ihr auch bald den Rest ihrer Kleidung nehmen würde. Man wolle sie sich schließlich einmal ‘genauer betrachten’ und sehen, wo man ihr was in den Körper stecken könnte. Widerlich.

Die verdreckte Frau mit dem finsteren Blick ließ die Augen auf die Schüssel sinken, die nach wie vor unangerührt vor ihr stand. Ein stetes Tropfgeräusch nasser Wände und das leise Quieken und Pfotengetrappel der Ratten begleitete dies. Irgendeine glibberige, graue Pampe mit aufgequollenen Krümeln darin befand sich in dem Schüsselchen zu Anna’s nackten, frierenden Füßen. Bestimmt waren es die Reste von einem Haferbrei, den es vor Tagen oben zum Frühstück gegeben hatte. Und so, wie die argwöhnische Novigraderin die Leute vom verdammten Narbengesicht einschätzte, hatten sie allesamt in diesen zähen Schleim gewichst. Ganz bestimmt. Ja, sicherlich lachten sie sich ins Fäustchen, weil sie dachten, ihre Geisel habe das Zeug gegessen.

Anna gab einen angewiderten Laut von sich, schüttelte den Kopf, um die Gedanken an die abstoßende Bande zu verscheuchen wie lästige Fliegen. Sollten die Ratten doch die Wichs-Pampe fressen, sobald sie mit den stinkenden, aufgeblähten Leichen nebenan fertig wären. Die eigentlich unglaublich hungrige und ausgezehrte Alchemistin selbst würde nichts anrühren, das man ihr gab. Eher starb sie. Oh, das wäre sie ohnehin schon längst, hätte man sie nicht am Leben gelassen und hätte man ihr nicht die Waffen oder die Gifte genommen. Mit jedem Augenblick, den sie mehr hier unten in diesem schimmligen Drecksloch saß, neben einem Kübel voller Scheiße und Pisse, sehnte sie sich mehr danach die Augen für immer zu schließen.

Es war schon lustig, nicht? Damals, als sie nach Hjaldrist’s Tod oft daran gedacht hatte auch sterben zu wollen, hatte sie sich irgendwo vor sich selbst erschrocken. Sie hatte sich streng getadelt, hastig wieder die Starke gemimt und versucht die schleichenden Selbstmordgedanken weit in ihren Hinterkopf zu verdrängen. Anna hatte sich empört gefragt, ob sie denn noch richtig ticke. Und es hatte sie entsetzt, dass sie der Tod eines anderen Menschen so sehr dazu drängte, dem Besagten folgen zu wollen. Denn war sie vor eineinhalb Jahren nicht als hoffnungslose, optimistische Einzelgängerin aufgebrochen? Als jemand, der alles und jeden sitzen gelassen hätte, um ihrem Traum nachzujagen? Ja, nichts und niemand hätte sie je aufhalten oder ihr Gemüt trüben können. Sie war unantastbar gewesen, ambitioniert und vor allem egozentrisch und distanziert. Nie im Leben hätte sie auch nur daran gedacht irgendetwas zu Großes für jemanden anders zu tun. Nur dann… dann hatte sie Rist getroffen. Und mit der Zeit war er zu ihrem besten Freund geworden, zu dem einzigen, den sie je gehabt hatte. Zu einem Seelenverwandten. Zu einer besseren Hälfte, wenn man es denn genauer betrachtete, und zu jemandem, der ihr in den Arsch getreten hatte, wenn sie dazu angesetzt hatte Mist zu bauen. Für ihn wäre sie durchs Feuer gegangen, bedingungslos. Aber diese Zeiten waren vorbei. Und das, was von ihrem Ego geblieben war, war im Grunde ein Häufchen Elend, das sich seit nun etwa neun Monaten so fühlte, als fehle ihm ein Stück von sich selbst. Eines, das nun, da es im dunklen, fürchterlichen Gefängnis von skrupellosen Raubrittern saß, ernsthaft darüber nachdachte, wie es so schnell als möglich sterben könnte. Alles andere hatte kaum Bedeutung mehr. Und wenn Anna ganz, ganz ehrlich zu sich selbst war, also wirklich aufrichtig... dann war ihr großes Ziel eine Kräuterprobe für sich zu finden, doch schon längst nurmehr ein Vorwand gewesen, um sich zu beschäftigen. Um sich von der Ohnmacht und dem wohlig anmutenden Gedanken einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen abzulenken. Eigentlich wollte sie schon lange nicht mehr, hatte es sich aber nie eingestanden. Jetzt, da tat sie das aber. Die winzige, finstere und stinkende Zelle voller Moder und Rattenscheiße zwang sie dazu. Der harte, feuchte Grund, der ihr die Kleidung längst dreckig getränkt hatte, ermutigte sie dahingehend. Die erdrückende Enge des schwarzen Räumchens drängte sie. Und der Gestank nach Tod lockte sie mit süßer Silberzunge.

 

Anna, die matten Augen abwesend auf die Zellentür gerichtet und die schwachen Arme um die angezogenen Knie gelegt, fröstelte. Ihr Blick wanderte ruhig, als suche sie irgendetwas. Über die glitschige Wand strich er, über den Kübel voller Exkremente, über die Schüssel mit dem grauen, gammeligen Haferbrei. Und dann blieb er abrupt an den dicken Gitterstäben der kleinen, schimmligen Gefängniszelle hängen. Anna hob den Kopf etwas an und ihr müder Ausdruck lichtete sich, wurde wacher, als sei ihr gerade ein großartiger Einfall gekommen. Sie ließ die Arme, die sie um die Beine geschlungen hatte, sinken, setzte sich gerader hin. Und dann machte sie sich daran ungelenk das schmutzige Hemd auszuziehen. Als habe sie es plötzlich überaus eilig, riss sie ihr Oberteil in Streifen, band jene wiederum zusammen, beäugte sie, machte weiter, bis sie ein geknotetes Band aus fleckigem Leinen hatte. Wie im Wahn erhob sie sich auf wackeligen Beinen und richtete die rot geränderten Augen auf die Querstange in dem Zellengitter vor sich, zog ihr Band straff.

Erhängen. Sie würde sich erdrosseln. Warum war ihr der Gedanke denn nicht schon früher gekommen, verdammt??

“Du hast wahrlich gute Freunde, Kleine!”, hallte eine bekannte Stimme voller Sarkasmus durch den langen, feuchten Kerkergang. Sie kam von weiter oben und gemächliche Schritte waren von der halb eingefallenen Treppe her zu vernehmen. Narbengesicht. Er kam. Anna, die aufgescheucht aufgesehen hatte wie ein Dieb, den man auf frischer Tat ertappt hatte, blickte hektisch auf die verriegelte Zellengittertür vor sich zurück.

“Sie haben nämlich nicht einmal einen einzigen Kopper springen lassen!”, lachte der kurzhaarige Bastard und das leise Geklapper seiner Rüstungsteile näherte sich weiter. Schepper, schepper. Stufe für Stufe kam er herunter. Anna müsste sich beeilen. Den ironischen Worten des Mannes also keinerlei Aufmerksamkeit schenkend, knotete sie ihr fransiges Leinenband an die Querstange ihrer Gefängnistüre, formte eine nach Tod dürstende Schlinge, bückte sich leicht, um den Kopf durch jene hindurch stecken zu können.

“Und weißt du was, kleine Schlampe? Heute ist der dritte Tag!”, posaunte das Narbengesicht erfreut und sein Gang verriet, dass er soeben den flachen Korridor erreicht hatte “Weißt du, ich bin ein ehrbarer Mann und stehe zu meinem Wort! Oh ja. Ich hätte dich für zweihundert Kronen freigelassen!”

Anna ging nieder, schloss die Augen fest. Sie atmete einmal tief aus, ließ die Gitter los, an denen sie sich gerade noch festgehalten hatte, und die Schlinge um ihren Hals zog zu. Sofort verschnürte es ihr die Kehle und als sie reflexartig nach Atem schnappen wollte, war es ihr nicht mehr möglich. Es ging einfach nicht und dieses Gefühl war eines der beängstigendsten auf der Welt. Und dennoch… sie versuchte sich nicht dagegen zu sträuben. Ihr Todeskampf würde nicht lange dauern.

“Aber nun ja, die drei Tage sind um. Heute ficke ich dich, dann ficken dich die anderen. Und danach überlege ich mir, ob dich Ondar zu Brei zermalmen soll oder ob ich die Anderen auf dich hetzte wie ein Rudel wilder Hunde. Wir werden-”, das unbarmherzige Narbengesicht stockte im selbstzufriedenen, triumphierenden Geschwafel, als es an die Zelle der Gefangenen kam. Der Mann hörte mit dem Reden auf und die Novigraderin, der der Leinenstoff fest in die Haut schnitt, zuckte. Ihr Blickfeld verschwamm, während ihr Körper sich gegen den Luftmangel in ihren rebellierenden Lungen zu wehren versuchte. Anna verfiel in einen reflexartigen Hustenanfall, doch konnte nicht ausatmen, was in einem erstickten Röcheln endete. Dann war es endlich vorbei. Oder jedenfalls glaubte, HOFFTE, sie das. Als sie die entsetzten Augen nämlich wieder aufschlug, war sie noch nicht tot. Ja, als die benommene Anna aufschreckte, zog das ärgerliche Narbengesicht sie gerade aus ihrer muffigen Kerkerzelle.

“Du kleine, verdammte Fotze!”, schimpfte er zornig und wirkte wie ein Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug hatte wegnehmen wollen “Wenn hier jemand darüber entscheidet, wann du stirbst, dann ich! ICH, verstehst du??”

Erschüttert keuchte die hin und her gerissene Frau am Boden, holte tief Luft und fasste sich an die schmerzende Kehle, die von ihrem selbst geknoteten ‘Strick’ eine längliche, rote Druckstelle aufwies. Der nasse Steingrund in ihrem nackten Kreuz fühlte sich unangenehm kalt an und als die wirre Anna nach hinten fasste, um sich aufzurichten, griff sie in irgendetwas weiches, klebriges und gab ein angewidertes Stöhnen von sich.

“Du willst dich also an deiner Kleidung erhängen, hm? Ganz schön schlau!”, blaffte das gekränkte Narbengesicht barsch und erwischte seine Gefangene an einem Handgelenk, zerrte sie auf Augenhöhe. Noch immer etwas wackelig auf den Beinen mit den butterweichen Knien wollte sich die Kurzhaarige an der sehr nahen Wand abstützen, doch das Arschloch der Flammenrose ließ sie nicht. Stattdessen riss der irre Kerl jetzt an ihrem Hosenbund.

“Ich nehme dir all deine Kleidung, damit du nichts mehr anstellen kannst.”, grinste der verquere Kerl “Oh, und dann werfe ich dich nackt auf den Vorhof! Freust du dich schon darauf, hm? Es wird ein Fest!”

Anna, der der Dreck mittlerweile selbst an der Wange klebte, stieß zur verbalen Notwehr ein verächtliches Lachen aus.

“Du bist vollkommen abgedreht.”, kommentierte sie und war erstaunt darüber, wie fest ihre heisere Stimme dabei klang “Du bemitleidenswerte Arschgeburt!”

Es war nicht schwer das Narbengesicht zu beleidigen. Denn die kleinere Hexerstochter kannte keine Furcht. Nicht mehr. Ja, denn womit jagte man jemandem, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte, schon Angst ein? Sollte man sie doch nackt vor eine Meute sabbernder Mörder werfen! Sie würde einfach die Augen schließen und darauf warten, dass es vorbei wäre, ganz einfach.

Anna spuckte ihrem stärkeren Gegenüber, das ihr die lederbesetzte Hose bis zu den Knien hinunter gezogen hatte, in das verzogene Gesicht und zwang sich zu einem überlegenen Lächeln. Denn wenn sie schon in einem ekelhaften Spektakel untergehen sollte, dann würde sie dies mit all ihrer verbliebenen Würde tun. Sie heulte oder flehte doch nicht herum! Wer war sie denn?

“Jemand wie du hat doch Komplexe.”, keuchte Anna grimmig-erheitert “Hast wohl keine Liebe von deiner Mutter gekriegt, du Hurensohn!”

Ein Schlag, ein Stoß. Die ausgehungerte Frau stolperte und schlug sich ein Knie auf, weil ihr die Hose noch schief an den Beinen hing. Das Narbengesicht zerrte sie ihr am Ende vom Körper und packte Anna dann gewaltsam am Oberarm. Sie biss die Kiefer zähneknirschend zusammen, kniff ein Auge schmerzlich zu.

“Perverses Arschloch!”, schimpfte sie weiter, ehe sie hochgezogen und den modrigen Gang entlang geschleift wurde. Die schiefen Kerkertreppen wurde sie nach oben gezerrt und das vollkommen hektisch. Der zornige Bandenboss der Flammenrose hatte es wohl eilig die gefangene 21-Jährige so schnell wie möglich über den Vorhof der Festung zu treten und sie dort zu demütigen, um sie endlich zum Schweigen zu bringen, wie? Er hatte wohl erkannt, dass Schläge nichts brachten. Oh, was für ein mickriger, jämmerlicher Kerl! Wieder lachte Anna, zwischen schwer und unstet gehenden Atemzügen leise in sich hinein. Bald wäre es vorbei.

Bevor das verstimmte Narbengesicht und die schwache Anna die obersten Stufen der alten Steintreppe jedoch erreichten, erfüllte ein fürchterliches, grollendes Kreischen die Gegend. Es war so laut, dass es im sich windenden Treppengang widerhallte und den, der die Novigraderin da harsch dem Ausgang entgegen stieß, zusammenfahren ließ. Auch Anna sah erschrocken auf, musste den Arm schützend vor die Augen heben. Denn das Sonnenlicht, das durch das Tor schien, das ins Freie führte, war unerträglich und stach in die Pupillen der Frau, die sich in den letzten Tagen an die klamme Dunkelheit im unterirdischen Gefängnis gewöhnt hatten. Einen überforderten Ton von sich gebend, blinzelte die geblendete Kurzhaarige, der man ihrer Kleidung völlig entledigt hatte und die man eigentlich am Burghof hatte präsentieren wollen. Sie hörte das Schlagen von großen, ledernen Flügeln im Wind. Es klang ihr so vertraut. Ein Gabelschwanz? Ein Wyvern?

Ein lautes Krachen und Donnern, die Erde erbebte unter einer großen Last. Steine polterten und es staubte, Männer schrien auf einmal wild durcheinander und das ratlose Narbengesicht drängelte sich aufgebracht an seiner Gefangenen vorbei, um nach draußen zu eilen. Anna ließ den schützenden Arm vor ihrem blassen Gesicht leicht sinken und verengte die schmerzenden Augen, blinzelte angestrengt. Eine weitere, heftige Erschütterung brachte sie dazu zur Seite zu wanken, doch zum Glück fand sie Halt an der harten Wand des Treppenganges, anstatt zu stürzen. Mit der versehrten rechten Hand fing sie sich ab, unbedacht, mit gebrochenen, geschwollenen Fingern, und gab einen schmerzverzerrten Laut von sich. Mit der heilen Schulter, anstatt der Handfläche, lehnte sie sich darauf folgend an den Stein.

“Ein Drache!!”, schrie jemand gellend, beantwortet von einem neuerlichen Kreischen einer riesigen Bestie “Zu den Waffen! Möge das Ewige Feuer uns leiten!!”

Ungläubig horchte Anna auf, zögerte. Und dann lief sie auf einmal auf ihren nackten Füßen los, dem Ausgang des Verlieses entgegen. Ein geschuppter Schwanz peitschte über den Festungsvorhof, als die Frau die große Tür erreichte und nach draußen sehen konnte. Menschen wurden vom Boden fort gefegt wie kleine Holzfigürchen. Manche von ihnen standen wieder auf, andere blieben bewegungsunfähig liegen. Und als Anna überwältigt aufsah, sah sie keinen Gabelschwanz oder Wyvern. Sondern einen wahrhaftigen Drachen. Der Anblick des grün Geschuppten mit den rötlich schimmernden, häutigen Flügeln ließ sie erstarren. Sie hielt sich am gemeißelten Türrahmen fest, in dem sie stand und widerstand dem Drang instinktiv einen Schritt weit zurückweichen zu wollen und entgeistert zu schreien. Der gehörnte Drache auf der halb eingesackten Festungsmauer reckte den Hals, fauchte und breitete die Schwingen im Sonnenlicht weit aus, warf einen enormen Schatten auf den Platz. Und dann kam er auf den großen Hof, stampfte mit den Beinen nach dem gepanzerten Mutanten der Feuerrose, der mit erhobenem Streitkolben auf die Bestie zugelaufen war. Die klauenbewehrten Echsenpranken warfen den Hünen ohne Mühe zurück und er kam so massig am Boden auf, dass seine Rüstung nur so schepperte. Dieser entstellte Kerl mit der fahlen Haut, der vor drei Tagen so groß und übermächtig erschienen war, wirkte in Anna’s Augen auf einmal so klitzeklein. Er kam nicht einmal mehr dazu sich schwerfällig zu erheben, da schnappte der Drache mit den spitzen, langen Zähnen nach ihm und riss ihn hoch in die Luft. Man hörte den Hünen laut und rau aufschreien, brüllen, als er wild herumgewirbelt wurde. Der tobende Drache warf ihn über den halben Burghof, schleuderte den Mutierten so wuchtig gegen eine der Steinwände der Festung, dass Teile davon brachen, einstürzten und den Gerüsteten unter sich begruben.

Anna’s schmale, nackte Schultern sanken leicht, als sie dem eindrucksvollen Grünen mit aufgerissenen Augen zusah und es nicht schaffte sich auch nur ein kleines Stück zu bewegen. Wie zu Eis erstarrt stand sie da. Und langsam, ganz, ganz langsam, verstand sie, was hier passierte. Schleppend realisierte sie, was geschah und in ihrem überwältigten Unglauben erkannte sie, wie der wütende Drache eine, in der Frühlingssonne rötlich schillernde Schwinge senkte, damit jemand darüber von dessen Rücken sicher zu Boden klettern konnte. Der besagte Mann hob den Kopf sofort einer kleinen Gruppe der dreckigen Raubritter der Flammenrose entgegen. Dann lief er schon auf sie zu, mit erhobener Axt und einem lauten Kampfschrei auf den Lippen. So, als wüsste er genau, dass er und der große Grüne mehr als nur übermächtig waren.

“Anna!”, Ravello’s Ruf hallte gleichzeitig von einer ganz anderen Richtung aus laut an die Ohren der festgewurzelt dastehenden Frau heran, die den starren Blick nicht von dem Drachen und dessen menschlichem Begleiter reißen konnte.

“Arianna, komm! Schnell!”, wieder war da der Weiße Hase, der wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. Er erreichte seine Kollegin nicht, denn einer der Bastarde der Festung fiel ihm in die Seite und er musste sich gegen den Rabenschnabel-Schwingenden erwehren. Der Beauclairer riss den Schild hoch, rammte jenen seinem Angreifer frontal entgegen und schlug mit dem kitschig verzierten Ritterschwert aus Toussaint nach. Etwas, das die unbekleidete Frau, die hier am Rande des tosenden Chaos stand, kaum beachtete. Denn wie gebannt sah sie dabei zu, wie der anwesende rot-grüne Drache nach der Gruppe schlug, die der Drachenreiter gerade attackierte. Wie er Feuer ausatmete und brüllte. Die Echse, die ihren offensichtlichen Verbündeten mit der Axt natürlich gewollt verfehlte, ließ eben jenem nur einen einzigen Krieger übrig und schnarrte erneut aggressiv, sah sich um.

“Märthe.”, atmete Anna in ihrer plötzlichen Realisation bewegt und all das hier erschien ihr wie ein wilder Traum. Erst recht, als ihre braunen, gläsernen Augen auf den zurück fielen, der Erlklamm schwang und seinen Gegner wuchtig in den Dreck trat.

Oh. Nein. Nein. Das konnte doch nicht sein!

Überfordert blinzelte die Novigraderin und vergaß auf ein Neues darauf zu atmen. Sie wollte etwas rufen, aber konnte nicht, denn die mitreißende Rührung verschluckte all ihre Worte. Ravello kam von der Seite aus endlich zu ihr, löste sich den blau-weißen Umhang eilig von der silber-goldenen Rüstung und legte jenen Anna vorsichtig um die Schultern, ehe er sie auffordernd am Unterarm erwischte.

“Wir müssen weg.”, keuchte der abgekämpfte Mann und zog am Arm seiner perplexen Gefährtin, doch jene dachte nicht daran zu gehen.

“Rist...”, entkam es ihr “Das da drüben ist Rist!”

“Ja. Ja, aber jetzt komm endlich!”, meinte Ravello hinter seinem gefiederten Helm abgehetzt “Wir erklären dir alles später! Der Drache macht hier noch alles kurz und klein!”

“A-aber. Er… er war tot! Sein Bruder hat gesagt, dass er ertrunken ist!”, sagte Anna wie außer sich, hatte ihrem Kumpan aus dem Süden nicht zugehört. Die gesamte Situation nach allem, was hier passiert war, zu fassen, gelang ihr absolut nicht. Und ihre rasenden Gedanken ließen sie nurmehr wirr und aufgebracht zurück. Irgendwo brach eine dicke Säule nieder. Märthe zertrat zwei der schreienden Banditen des ehemaligen Ordens. Ravello erschrak fürchterlich und erhob den Wappenschild schützend vor sich und Anna. Ein Pfeil sirrte durch die Luft und traf einen der Feinde direkt in den Sehschlitz seines Helmes. Ohne einen Mucks von sich zu geben, fiel er rücklings um wie ein Brett. Svenja lief auf die Burgmauer, um einen besseren Überblick zu bekommen und wurde von niemandem beachtet. Der Drache am Vorhof zog schließlich all die ängstliche Aufmerksamkeit auf sich. Männer flohen, wurden von Pfeilen ins Genick getroffen. Narbengesicht stieß Hjaldrist über einen Mauerrest, bekam Momente später die Axt des Skelligers in die Schulter geschlagen, lief davon und entkam wohl. Schreie, Rüstungsklappern, Drachenkreischen, Flügelschlagen, fliegende Pfeile, dumpfe Aufschläge auf Ravello’ Schild, Gepolter und Geklirr. Dann, irgendwann, war es still.

Staub der zusammengefallenen Steinwände und Gebäudemauern hing schwer in der Luft, dunkles, schmieriges Blut tränkte den Grund an vielen Stellen, regungslose Körper in verbeulten Rüstungen lagen herum. Es waren nicht alle, dennoch viele der skrupellosen Raubmörder, die hier gehaust hatten. Der Drache schüttelte den Kopf und züngelte zufrieden, faltete die Flügel an den Körper und verharrte auf seinem Platz. Svenja kam von der noch halb intakten Außenmauer der Festung herab, strich sich elegant verirrte Haarsträhnen aus dem sommersprossigen Gesicht; und Ravello legte die Hand im stillen Beistand auf die Schulter Annas, als er den Schild mit dem springenden Hasen darauf endlich sinken lassen konnte. Und zwischen all dem Geröll marschierte Hjaldrist auf sie zu. Mit festem, schnellen Gang tat er das und einer dunklen Miene, die sich von Schritt zu Schritt mehr auflockerte. Als er dann vor seiner Freundin und dem beauclairer Ritter ankam, hielt er inne. Und hatte er davor noch ausgesehen wie ein rasender Krieger, der alles in seinem Weg zerfleischte, so war sein Ausdruck jetzt der eines nachgiebigen, von seiner Lage völlig mitgenommenen Mannes, der nicht so recht wusste, was er sagen sollte. Anna, der es nicht viel anders ging, stand der staubtrockene Mund leicht offen und ihr Blick war unstet. Ihre glasigen Augen wanderten unruhig, erkannten die so vertraute Kleidung ihres totgeglaubten Gefährten, dessen wertvolle Waffe und die dunkel untermalten Augen, die davon sprachen, dass der dumme Kerl viel zu wenig schlief. Bloß die Haare Rists waren seit seinem Verschwinden nicht geschnitten worden. Es war ungewohnt. Doch der Rest, der sah aus, wie vor viel zu vielen Monaten.

Fassungslos betrachtete Anna ihren besten Freund, der sie wiederum ebenso ungläubig beäugte. So, als hätten Ravello und Svenja ihm nicht schon zuvor gesagt, dass Anna hier war, sah er eben jene an.

“Sie haben dich erschossen, dich vergiftet...”, wisperte der Undviker, der es nicht glauben konnte, dass die verdreckte Alchemistin mit den zerzausten Haaren noch lebte “Ich habe gesehen, wie du-”

Der ergriffene Blick des Kriegers schweifte kurz fort und er sah aus, als starre er wenige Sekunden lange alten, schmerzlichen Erinnerungen entgegen. Dann aber heftete er die Augen wieder auf die atemlos starrende Anna - dies einen Deut weniger zerfahren als noch davor, doch noch immer überaus betroffen. Rist holte Luft, um etwas zu sagen, hielt jedoch inne und ließ es besser bleiben. Und anstatt zu reden, umarmte er seine Gefährtin, die da dick in Ravello’s breiten Umhang gehüllt dastand, einfach stumm. Er drückte sie so fest an sich, dass sie leise ächzen musste und erst an diesem Punkt angelangt, verstand die entrückte Giftmischerin wirklich, dass der Mann bei ihr tatsächlich der war, den sie für tot gehalten hatte. Der, wegen dessen Ableben sie sich so gequält und wegen dem sie beinah den Freitod gewählt hatte. Er war plötzlich wieder da. Einfach so. Rist drückte sie und es war so vertraut. Er roch noch genauso wie früher, trug die grüne Tunika, die ihm seine Schwester genäht hatte, hatte mit seinem schlampigen skelliger Akzent gesprochen. Und es war, als fiele Anna eine zentnerschwere Last von den Schultern, die sie monatelang fast zerquetscht hätte; das erdrückende, böse Gefühl, das sie mit spitzen Fängen zerfressen hatte wollen, wurde mit einem Mal einfach fort gewischt wie ein zäher Fleck auf einem Tavernentisch. Sie fühlte sich auf einmal so leicht und befreit. Es war solch eine enorme Erleichterung, dass es ihr das Wasser unaufhaltsam in die geröteten Augen trieb, als sie die enge Umarmung von Hjaldrist endlich erwiderte und das Gesicht an dessen Schulter vergrub.

Anna hatte keine Ahnung, warum der ältere Undviker noch lebte. Warum er hierher gekommen war und das auch noch auf dem Rücken von Märthe… oder eher: Myrgtabrakke. Alles, die ganze Situation, die sich anfühlte wie ein so unwirklicher Traum, war der heulenden Hexerstochter ein enormes Rätsel. Doch das war gerade vollkommen egal.

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