Kapitel 4

Ein Aard aus Fleisch und Blut

Am darauffolgenden Abend leisteten sich die zwei wackeren Gabelschwanztöter das teuerste Essen, das die schäbige Taverne in Blandare hergab: Gebackenen Schweinebraten mit reichlich Butterkartoffeln, Gemüse und den tomatengespickten Kräuter-Rahmfladen des Hauses. Und natürlich gab es dazu reichlich Bier, um auf den Sieg über die vier ‚Drachen‘ des Dorfes anzustoßen. Dunkles für Anna, helles für Hjaldrist. Die Ausländerin und der bekannte Straßenkämpfer waren in aller Munde, seit sie den blutigen Kopf des großen Gabelschwanzes und die abgehackten Vorderkrallen der schuppigen Jungtiere ins Dorf geschleppt hatten. Anna hatte in grenzmorbider Weise mit den spitzen Klauen gewinkt, Hjaldrist den Schädel des toten Schafsdiebs ächzend und humpelnd hinterhergetragen. Sie hatten all dies vor die Füße des Bauern geworfen, der sie beauftragt hatte. Dieser alte Skelliger hatte sich ganz schön erschrocken, dann aber damit angefangen überwältigt und heilfroh zu lachen. Schnell hatten sich die aufgeregt plappernden Menschen des Kaffs um die Monster-Trophäen versammelt, waren nähergekommen, um jene zu berühren und genauer zu betrachten. Die Dorfwache hatte Mühe damit gehabt all die Schaulustigen zu beruhigen und übermütige Kinder davon abzuhalten auf den großen, stinkenden Kopf des Gabelschwanzes zu steigen, sich darauf zu setzen oder anderen Blödsinn damit anzustellen. Und während die etwas unbeholfene Dorfbevölkerung gestaunt hatte, waren Anna und Hjaldrist um achtzig Silber und zwei Pferde reicher geworden. Der stolzen Hexerstochter hatte man die Zügel eines dunkelbraun gescheckten Wallachs in die Hand gedrückt. Das neue Reittier von Hjaldrist war heller und hatte die Farbe gebackenen Teiges, weswegen Anna das gute Ross ungefragt feixend auf den Namen ‚Apfelstrudel‘ getauft hatte. Ihr Gefährte hatte dies nicht kommentiert, sondern nur die braunen Augen verdreht. Er hatte damit noch viel stärker gerollt, als Anna’s Pferd den abgedroschenen Namen Kurt bekommen hatte, doch hatte auch dazu die Klappe gehalten. Er hatte die Tiernamen nun, beim Essen, kein einziges Mal angesprochen und war offenkundig nicht erpicht darauf darüber zu diskutieren. Alles in allem war es also ein schöner Anfang einer feuchtfröhlichen Nacht; mit leckeren Speisen und viel Alkohol. Und Anna war sich sicher: Hätte sie vor einer guten Stunde nicht so viel fettigen Braten in sich hineingestopft, läge sie nun schon längst sturzbetrunken unter der abgesessenen Kneipenbank. Tat sie aber nicht. Stattdessen saß sie noch immer da, klaubte gerade ein paar Nüsse aus einer kleinen Holzschale am Tisch und fühlte sich nicht viel betrunkener, als angeheitert. Ihr Kopf war wie in Watte gepackt und die Schmerzen, die ihr durch die schlampig verbundene Seite jagten, nur noch dumpf spürbar.

„Darf ich dich was fragen?“, Hjaldrist sah über den etwas schiefen Tavernentisch zu seiner burschikosen Gefährtin hin und sein neugieriger Ausdruck gefiel Anna nicht so recht.

„Kommt drauf an was.“, meinte die Novigraderin skeptisch und steckte sich ein paar der gesalzenen Nüsse in den Mund, die einen dazu brachten noch mehr zu Trinken zu bestellen. Sie lehnte sich zurück und beäugte den Schwarzhaarigen aufmerksam. Ja, was käme jetzt wohl? Ihr war schon aufgefallen, dass die Zunge des Kriegers durch das viele Bier schon viel lockerer war, als die ihre.

„Warum hast du keine Hexermagie gegen den Drachen eingesetzt? Du wolltest neulich auch nicht darüber reden und gingst dem Thema aus dem Weg.“, kommentierte der schlaue Kerl und der gerade noch so gelassene Ausdruck Annas wurde um einen Deut härter. Sie spürte ein unangenehmes Stechen in der Magengegend und es war, als habe sie gerade ein paar tiefe Schlucke Eiswasser getrunken. Sie atmete flach durch die Nase ein.

„Ich hatte noch nie mit nem Hexer zu tun. Es interessiert mich daher ziemlich.“, sagte Hjaldrist aufrichtig und nippte an seinem kühlen Getränk, das über den hölzernen Becherrand auf den Tisch schäumte. Er sah Anna an, als suche er in ihrem Gesicht nach irgendeiner Regung, die sie verraten könnte.

„Ganz ehrlich? Du wirkst auf mich nicht sehr magisch oder andersartig. Eher wie eine normale Kämpferin, die mit dem Schwert umzugehen weiß. Du hast all die Tage über nie gezaubert oder dergleichen und es fällt mir echt schwer dich von einer gewöhnlichen Mietklinge zu unterscheiden.“, lachte der Dunkelhaarige ehrlich und blickte sein Gegenüber nahezu wissend an. Er war nicht so naiv, wie er soeben tat, und seine Augen verrieten dies.

Anna’s Lippen waren schmal geworden, denn schon wieder sprach sie der zu interessierte Kerl hier auf etwas an, das sie nur zu gerne vergaß oder gar verdrängte. Wenn man es denn so nennen konnte. Ja, es lastete immens schwer auf der ambitionierten Alchemistin, dass sie nicht so war, wie sie es gerne wäre: Eine Mutantin. Mit katzengleichen Augen, größtenteils giftresistentem Körper und übermenschlichen Reflexen. Eine Hexerin, die mächtige Zeichen sprechen konnte; so wie Balthar, Vadim oder Jaromir. Aber sie war keine. Sie wollte schon so lange eine werden, doch wusste noch nicht so wirklich wie. Das, obwohl sie schon seit geschlagenen zwei Jahren nach einer Methode dafür suchte. Anna fühlte sich daher ohnmächtig. So, so ohnmächtig. Und im normalen Zustand hätte sie jetzt einen dummen Scherz gemacht, um dies zu überspielen. So etwas konnte sie so gut, wie sonst niemand. Der Alkohol versagte ihr dieses geschickte Manöver jedoch und machte sie traurig. Die Kriegerin fühlte sich abrupt schlecht, beleidigt, frustriert. Hjaldrist’s drängendes Nachfragen stieß der trunkenen Anna hart vor den Kopf und es war, als reibe er Salz in eine hässliche Wunde, die schon seit ihrer Jugendzeit weit aufklaffte. Am liebsten hätte die Frau an Ort und Stelle geflennt, doch diese Blöße gab sie sich nicht. Daher reckte sie das Kinn leicht und schluckte schwer, ballte die Hände unter dem Tisch zu Fäusten.

„Was denn? Das is grade keine Beleidigung gewesen.“, meinte der Straßenkämpfer im grünen Rock unzufrieden „Warum schaust du so?“

Und womöglich wusste er bereits Bescheid. Er wollte nur eine Bestätigung seiner vagen Annahme hören und Sicherheit darüber haben, dass er hier, in Blandare, nicht an der Seite einer versierten Hexerin gekämpft hatte. Sondern zusammen mit einer stinknormalen Frau, die sich in seinen Augen womöglich viel zu groß aufspielte. Felsen, nein, Hjaldrist dachte nun bestimmt, die Schwertkämpferin aus Novigrad sei eine haltlose Schwindlerin, ein Großmaul und eine Angeberin, die sich mit Lügen auf den Lippen aufplusterte. Aber das war sie nicht. Sie war tatsächlich im rauen Kaer Morhen groß geworden und hatte dort unter den Fittichen ihres Ziehvaters und ihrer ‘Onkel’ hart trainiert. Noch vor dem spärlichen Frühstück war sie damals jeden Tag um die Festung gelaufen, hatte sich dabei sogar einmal den Arm und ein Bein gebrochen. Ihre Füße waren zu oft blasenübersät gewesen und ihre Finger so rau, wie die eines Schmiedes. Balthar hatte die junge Anna mit verbundenen Augen über die Schwebebalken geschickt, ihr mit Übungsschwertern blaue Flecke verpasst und sie immer wieder belehrend angeherrscht. Und wofür? Dafür, dass sie verzweifelte Kurzhaarige irgendwann an ihre körperlichen Grenzen gestoßen war. An welche, die sie ab diesem Zeitpunkt immer überwinden hatte wollen. Doch es hatte bis heute nicht funktioniert. Die laienhafte Monsterjägerin könnte nicht mehr werden, als sie schon war. Jedenfalls nicht ohne das Ritual, das Männer zu Hexern machte. Ja, Männer. Es war so frustrierend. Und es tat weh. War Anna zu verbissen? Verrückt? Würde sie ihr Ziel denn je erreichen?

Die Alchemistin wurde zornig, ärgerlich über sich selbst und ihre Art, und biss sich auf die Innenseiten der Wangen, um mit körperlichem Schmerz von dem seelischen abzulenken. Ihr Bier, das rührte sie nicht mehr an und genauso wenig lächelte sie weiterhin angeheitert-dümmlich vor sich hin. Die Hexerstochter war aberplötzlich und unpassend todernst, ihr Ausdruck angespannt, steinern. Sie öffnete die trockenen Lippen, um Luft zum Sprechen zu holen, befeuchtete jene nur flüchtig mit der Zunge. Doch sie sagte nichts, hielt inne und schloss den Mund wieder. Dann erhob sie sich einfach und ging. Sollte sich dieser Hjaldrist doch zum Teufel scheren!

 

*

 

Anna konnte sehr, sehr stur sein, wenn sie wollte. Erst recht, wenn sie sich beleidigt fühlte und daneben auch noch mehr Alkohol im Blut hatte, als ihr gut tat. Und so hatte sie sich in ihr hartes Bett verkrochen, die kratzige Baumwolldecke bis zur Nase hochgezogen, und dachte nicht daran heute Abend noch ein Wort mit Hjaldrist, diesem Arsch, zu sprechen. Sie hätte sich ja auch gerne zur Seite gedreht, um demonstrativ mit dem Rücken zum Raum zu liegen, doch die längliche Wunde an ihrer Seite, die sie sich im Kampf gegen den Gabelschwanz geholt hatte, ließ das nicht zu. Also lag sie gezwungenermaßen am Kreuz und starrte der staubigen Zimmerdecke entgegen, die nachts genauso finster war, wie ihr Blick. Anna’s Kollege war ihr nicht gefolgt. Zum Glück. Wahrscheinlich würde er noch lange im gut besuchten Schankraum verweilen und sein Bier austrinken. Vermutlich würde er sich dabei ins Fäustchen lachen und sich über Anna lächerlich machen, weil sie abgehauen war, wie ein kratzbürstiges Weib während ihrer Mondblutung. Vielleicht ärgerte er sich aber auch. Es war der Hexerstochter egal. Sie schuldete dem Skelliger keinerlei Antworten oder Erklärungen. Ja, wer war sie denn? Und sie hatte auch nicht vor ihm heute noch eine Gute Nacht zu wünschen. Das, obwohl sie beide die letzten Tage über und vor dem Schlafengehen des Öfteren noch geplaudert hatten. Über Kulturunterschiede hatten sie dies getan, über verschiedene Tiere, skelliger Essen oder noch Belangloseres. Sie hatten herumgelegen, jeder in seinem Bett, oder sie waren unten in der Schenke gesessen und hatten über das Wetter, Gabelschwänze oder Annahmen über das Funktionieren der Welt sinniert. Dabei war es aufgefallen, dass sie beide sehr wenig über sich selbst gesprochen hatten. Anna hatte ihre Vergangenheit in keinem Mucks erwähnt und auch Hjaldrist hatte sich nicht über Dinge wie Familie, Heimatort oder dergleichen geöffnet. Im Grunde kannten sie einander also gar nicht. Sie waren quasi Fremde und hatten erst seit weniger als einer Woche miteinander zu tun. Das reichte nicht aus, um einem Menschen seine gesamte Lebensgeschichte anzuvertrauen. Und wahrscheinlich würde es auch nie so weit kommen, denn die vier Gabelschwänze des Dorfes waren tot, das Kopfgeld kassiert und Hjaldrist wollte Skellige verlassen. Jedenfalls hatte er vor ein paar Tagen noch davon gesprochen ein Schiff nach Cintra nehmen zu wollen. Kam Anna nur recht. Dann war sie wenigstens das neugierige Nachfragen und -sticheln nach dem Hexertum los. Die soeben viel zu emotionale Frau schnaufte genervt und zog sich die Bettdecke zur Gänze über den Kopf. Der Alkohol ließ sie daraufhin sehr bald einschlafen. Dies noch bevor ihr Zimmergenosse kam, um sich ebenfalls hinzulegen.

 

Als Anna erwachte, war Hjaldrist schon weg. Seine paar Habseligkeiten waren aber noch da, was bedeutete, dass er nicht sonderlich weit sein konnte. Die teure, grüne Tunika lag auf seinem ungemachten Bett herum und sein großer Rucksack, an dem eine verbeulte, schmiedeeiserne Pfanne baumelte, lag am Boden unweit der Tür.

Die matte Kurzhaarige wischte sich den Schlaf aus den Augen, als sie den Oberkörper leise ächzend aufrichtete und sich umsah. Noch immer meckerten ihre Knochen dabei und ihr Schädel, der brummte vom vielen Bier, das sie am vergangenen Abend getrunken hatte. Zu viel zu saufen war wohl nicht die weiseste Entscheidung gewesen, doch sei’s drum. Anna wollte heute so oder so nicht viel unternehmen, sondern sich ausruhen. Vielleicht würde sie später auf den Markt gehen, um dort herumbummelnd Ausschau nach Heilkräutern und Salben zu halten. Die hatte sie dringend nötig, denn ihre versehrte Seite meldete sich gerade schmerzlich zu Wort. Und dann würde sie Futter für Kurt besorgen, irgendwo einen Apfel für das dunkelbraune Tier stibitzen. Wenn es hier und zu dieser kargen Zeit denn überhaupt solch ein Obst gäbe, verstand sich. Und während die im Bett sitzende Frau so über ihren langweiligen Tagesplan nachdachte, sich dabei murrend den Schnitt der Schrapnellbombensplitter am nackten Bein rieb, kam sie nicht umhin sich zu fragen ob ihr skelliger Gefährte heute abreisen würde. Oder hatte er vor auch noch etwas länger zu bleiben? Er war während des gestrigen Kampfes schließlich auch verwundet worden, nicht wahr? Er müsste sich ausruhen, bevor er Blandare verließ.

Anna entkam ein leises Seufzen und sie zog die Brauen etwas zusammen, sah auf ihre dünne Bettdecke und ihre Handflächen hinab, die vom vielen Arbeiten und dem ständigen Kämpfen etwas schwielig waren. Ein paar fahle Sonnenstrahlen, die zu dieser Jahreszeit aber nichts dazu beitrugen das Zimmer zu erwärmen, fielen durch den breiten Schlitz zwischen den halb zugezogenen Vorhängen herein. Jene waren recht altmodisch und passten zu der restlichen rustikalen Einrichtung der Taverne, die zum Großteil aus Holz bestand. Rot-weiß kariert hingen sie da und waren wohl vor JAHREN das letzte Mal gewaschen worden, denn ihr Weiß war vergilbt und man konnte vom Bett aus sehen, dass Staub an ihnen hing. Von draußen drangen Stimmen herein; das herzliche Gebrüll der Marktschreier vor dem Haus, Hundebellen, Hufgetrappel und das Gemurmel der wenigen Gasthausbesucher, die unten sicherlich schon beim Mittagessen saßen. Ein schwacher Geruch nach saurem Kraut, Braten und Zwiebeln stieg Anna in die Nase. Essen. Die sonst so gefräßige Hexerstochter hatte keinen sonderlichen Appetit und dies lag nicht am Alkohol, den sie gestern im Übermaß in sich hinein gekippt hatte. Zwar hämmerte ihr der Kopf und die Zunge klebte ihr schal am Gaumen, doch ihrem Magen ging es soweit gut. Sie hatte einfach keine Lust darauf etwas zu essen, weil sie sich anderweitig übel fühlte: Anna hatte ein unsäglich schlechtes Gewissen, das ihr den Bauch ganz flau machte. Und zwar wegen Hjaldrist, den sie gestern einfach so im gut besuchten Gasthaus hatte sitzen lassen. Des vielen Bieres wegen war sie viel zu rührselig geworden und kindisch-eingeschnappt von Dannen gezogen, obwohl ihr ihr Bekannter nur eine vermeintlich einfache Frage gestellt hatte. Oh, bei den Göttern, in ihrem Suff hatte die Kriegerin gar geglaubt der Skelliger veralbere sie oder frage aus purer Bosheit nach. So war dem aber nicht, das ahnte die Kriegerin. Hjaldrist war kein hinterhältiger Kerl, der einem nur Schlechtes gönnte. Er hatte keine gespaltene Silberzunge und freute sich nicht über lange Gesichter oder Unfrieden. Vermutlich hatte er gar keinerlei Ahnung davon, weswegen Anna ihn gestern so dermaßen böse angestarrt und ihn dann mit störrischem Schweigen gestraft hatte. Ach, die Frau kannte den Käferschubser zwar noch nicht lange, dennoch glaubte sie Leute wie ihn relativ gut einschätzen zu können. Und Hjaldrist wirkte nicht wie jemand, der gerne schadenfroh stichelte, um Mitmenschen ernsthaft aufzuwiegeln. Er machte ab und an dumme Scherze, ja, doch die waren harmlos, neckend, spaßig. Also fühlte sich Anna grottenschlecht und kam sich ganz schön dämlich vor, infantil und lächerlich, weil sie sich am Vorabend gegeben hatte, wie ein weinerliches Prinzesschen auf der Erbse.

Sie war jedoch kein Prinzesschen. Und sie sollte sich bei dem Straßenkämpfer Skelliges entschuldigen. Ja, SOLLTE. Denn da gab es wieder das Problem des massiven Sturkopfes der Frau aus Kaer Morhen. Einerseits hatte sie ein sehr schlechtes Gewissen, das ihr zuflüsterte, auf Hjaldrist zuzugehen. Doch andererseits war sie sich sicher, dass sie sich noch dämlicher vorkommen würde als jetzt, würde sie zu ihm schleichen und eine ungeschickte Entschuldigung stammeln. Sie würde sich ganz sicher blamieren. Im harten Dickschädel der Novigraderin lagen nun also zweimal ‚Dämlich-Vorkommen‘ auf der Waage: Das, das von bedrückendem Schuldbewusstsein angefacht wurde und jenes, das daher rührte, dass sich die Braunhaarige nicht zur Idiotin machen wollte, indem sie angekrochen kam, um einzugestehen, dass sie einen kleinen Fehler gemacht hatte. Pah, wie Anna es hasste zu kriechen!

 

Wie es sich später im geschäftigen Schankraum herausstellte, musste Anna nicht gezwungenermaßen und mit verkrampften Gliedern zu Hjaldrist laufen, um ein lasches ‚Entschuldige‘ hervor zu murmeln. Denn der Skelliger kam ganz einfach zu ihr und was noch viel besser war: Er tat so, als sei nichts gewesen, als er sich zu seiner geknickten Gefährtin setzte.

„Ich habe die Pferde gefüttert.“, meinte der Mann, als er sich zu Anna gesellte, die gerade mit einer Miene wie hundert Tage Regenwetter in eine Tasse Tee mit Milch gestarrt hatte. Misstrauisch sah sie auf und fixierte den lächelnden Kerl, der für seinen gestrigen, exzessiven Bierkonsum sehr frisch aussah. Er steckte in einer schlichten Lederhose und einem weißen Hemd, hatte sich heute offensichtlich noch nicht die Mühe gemacht sich mehr Stofflagen anzuziehen oder sich gar aufzurüsten. Und das bei dem verschneiten Hundswetter! Oh Mann, Skelliger schienen die Eiseskälte ja wirklich gewöhnt zu sein.

„Ich habe recht günstig einen Sack Heu und etwas Weizen bekommen. Ich denke, das reicht den Tieren für heute.“, setzte Hjaldrist seine Ansprache fort und locker lehnte er sich zurück, kaute auf einem Holzspießchen herum und machte Anstalten mit dem schiefen, knarzenden Stuhl wippen zu wollen.

„Wie viel hast du bezahlt?“, wollte Anna wissen und dies waren die ersten Worte, die sie seit der kleinen Eskalation von gestern von sich gab. Sie klang relativ neutral dabei, ruhig, denn es tat gut über Triviales zu reden. Sie würde ihrem Gefährten später die Hälfte des Geldes, das jener für das Pferdefutter ausgegeben hatte, zurückzahlen.

„Passt schon.“, schmunzelte der Dunkelhaarige aber bloß und wechselte das Thema sofort.

„Geht’s dir wieder besser?“, eine gut gemeinte Frage, die Anna ein unschlüssiges Kopfwiegen und einen nichtssagenden Laut entlockte. Ein lethargisches Schulterzucken folgte. Noch immer fühlte sie sich, wie der dämlichste Mensch auf Erden, doch sprach es nicht an. Sie war nicht sonderlich gut in solchen Dingen.

„Passt schon…“, meinte sie deswegen knapp und wiederholte die Worte ihres Gegenübers damit in einem anderen Kontext, als Pferdefutter-Schulden. Der Skelliger nickte leicht, verkniff sich ganz offensichtlich ein wissendes Grinsen. Er wirkte zufrieden, denn er war zwar kein simpler Mann, doch mochte es einfach. Es erleichterte ihn sicherlich ungemein nun nicht über irgendwelche Gefühle und übertriebenen Alkoholgenuss diskutieren zu müssen.

„Wie lange bleibst du noch hier in Blandare?“, wollte Hjaldrist wissen. War das ehrliches Interesse oder wollte er einfach nur reden, um die blasse Anna aufzumuntern? Die Frau fasste nach ihrer warmen Teetasse und drehte jene ein wenig zwischen den Händen, als sie nachdenklich wurde. Der Stiel des hölzernen Löffels in dem Trinkgefäß rutschte am Becherrand entlang.

„Bis morgen oder übermorgen?“, schätzte sie „Ich sollte mich etwas ausruhen, bevor ich mich wieder daran mache Geld zu verdienen.“

Dieses Geldverdienen bedeutete Ungeheuer und Monster zu jagen, denn was Anderes hatte Anna nie gelernt. Und die angeschlagene Novigraderin wollte nur ungern gegen Bestien kämpfen oder lange Ritte einlegen, solange ihre Rippen noch so sehr stachen, dass sie nur sehr steif gehen oder sitzen konnte. Wieder nickte der Skelliger am Tisch, als wolle er der vernünftigen Hexerstochter zustimmen.

„Du suchst dir dann die nächsten Drachen?“, hakte Hjaldrist ganz offen nach und brachte Anna damit tatsächlich dazu verhalten zu lächeln. So, als habe ein Kind gerade irgendetwas Dummes zu ihr gesagt.

„Es gibt nicht nur ‚Drachen‘, wie du sie nennst. Es kreucht und fleucht auch noch anderes Getier herum. Besonders hier in Skellige. Die Viecher auf den Inseln sind größer als anderswo.“, meinte Anna wissend.

„Ja, ja, ich weiß…“, entgegnete der relativ leicht bekleidete Krieger und in seinem Blick funkelte plötzlich etwas: Eine Idee. War da Begeisterung? Vorfreude? Neugierde? Anna verengte die müden Augen forschend und sah Hjaldrist an, als wolle sie in dessen Miene irgendetwas Bestimmtes finden. Als befürchte sie, der Mann habe irgendetwas ziemlich Dämliches oder Halsbrecherisches vor. Eine ihrer Brauen wanderte langsam ein Stückchen weit hoch.

„Was planst du?“, fragte sie zögerlich und sprach den ‚Drachenreiter‘ damit direkt auf ihre schwammigen Befürchtungen an.

„Nichts.“, lächelte der Krieger hintergründig und nahm sich den zerkauten Holzspieß aus dem Mund, um ihn einfach so über die Schulter fort zu werfen. Hätte die massige Holzfäller-Wirtin DAS gesehen, hätte sie den schlanken Hjaldrist um nicht nur einen Kopf kürzer gemacht.

„Ja, geplant habe ich eigentlich nichts. Aber ich hätte einen Vorschlag.“, setzte der Kämpfer mit rauer Stimme fort und machte Anna damit hellhörig. Überrascht, doch mit Argusaugen, spitzte die Schwertkämpferin die Ohren.

„Welchen Vorschlag? Na, rück raus mit der Sprache!“, bat die 20-Jährige, die nicht dafür bekannt war eine Engelsgeduld zu besitzen. Sie lehnte sich dem verschlagenen Skelliger ein kleines Stück weit entgegen, die Unterarme am Tisch und mit aufmerksamem Blick. Eine direkte Antwort bekam sie aber leider nicht.

„Ich glaube, ich habe dich missverstanden, als du mir vor dem Kampf gegen die Gabelschwänze erklärt hast, was ‘Aard’ ist.“, gab der stuhlschaukelnde Skelliger zu. Oh Mann. Bitte nicht schon wieder. Aber gut, dieses Mal war Anna ja zum Glück nicht betrunken. Sie würde also nicht sehr zornig werden und die Schänke auch nicht fluchtartig verlassen. Sie hatte sich im Griff.

„Was meinst du?“, fragte die Hexerstochter und versuchte nicht unberuhigt zu klingen.

„Du hast es gegen Halmar’s Endriaga eingesetzt. Also Aard. Weißt du nicht mehr? Du hast irgendetwas gerufen und auf einmal ist das Insekt der Länge nach umgefallen.“, sagte Hjaldrist in einem tadelnd-erinnernden Ton und sah Anna dabei mit einem vielsagenden Blick an, den die Novigraderin anfangs nicht zu deuten vermochte. Sie runzelte die Stirn grüblerisch, taxierte Hjaldrist und ihre Augen wanderten, als sie zurück an den Kampf gegen den übergroßen Arachniden dachte. Das Vieh war auf den Rücken gefallen, ja. Weil der hier so verschlagen grinsende Skelliger von der Seite angerannt gekommen war, um das Ungeheuer mit all seiner Körperkraft zu rammen. Er hatte gewirkt wie ein Aard auf zwei Beinen; nicht magisch, doch durchaus effektiv. Ganz, ganz langsam aber sicher fing Anna also damit an zu verstehen, was der gewitzte Hjaldrist meinte. Wie er über sie und sich selbst dachte. Die Mimik der Frau erhellte sich und hatte sie zuvor noch so genervt und wirr gewirkt, so mutete sie nun an, als sei ihr ein kleines Lichtlein aufgegangen. Offenbar hatte der Skelliger, der ihr gegenüber saß, nach der kleinen Eskalation von gestern nachgedacht. Er hatte sich bestimmt vieles zusammengereimt und war von selbst darauf gekommen, dass Anna einfach nicht imstande war Aard zu wirken. Weswegen auch immer. Entweder war es ihm gewahr geworden, dass sie keine Hexerin war oder aber er dachte einfach, sie sei nicht gut genug und deswegen so frustriert. Daher wollte er sie hier gerade aufmuntern, indem er sich selbst als die Kraft hinstellte, die Sachen umwarf, wenn Anna schrie. Als ziemlich menschliches Aard eben. Und das war unglaublich liebenswürdig. Es war solch eine irrsinnig bescheuerte und gleichzeitig auch goldige Sache, dass die niedergeschlagene Hexerstochter damit anfing ehrlich und erleichtert zu lächeln. Sie konnte einfach nicht anders und atmete tief und befreit aus.

„Und ich muss sagen…“, setzte Hjaldrist fort „dass ich das Ganze recht eindrucksvoll fand. Diese Technik würde dir auf deinem weiteren Weg sicher auch eine ungeheure Hilfe sein, darum solltest du sie öfters einsetzen.“

Anna stutzte heftig, als sie dieses Angebot hörte. Das legere 'Aard aus Fleisch und Blut' hatte ihr gerade den Vorschlag unterbreitet noch eine Weile zusammen zu reisen, oder? Die eigentlich einzelgängerische Novigraderin wusste ja nicht so recht, was sie davon halten sollte. Zwar mochte sie Hjaldrist, keine Frage, doch wenn sie beide zusammen durch das Land ziehen würden, wäre sie ihm sehr bald eine gute und lange Erklärung darüber schuldig, was sie hier in Skellige tatsächlich suchte. Dass sie nicht nur hier war, um Monster zu töten und damit ihren Sold zu verdienen, denn das könnte sie ja auch jenseits des Meeres tun. Sie war hier, um die alten Druiden zu finden. Um hinter die uralte Rezeptur der Kräuterprobe zu kommen, die einst von den besagten Männern erdacht worden war, bevor man sie in den Hexerszünften angepasst hatte, um Mutanten zu züchten. Anna wollte eine Formel finden, die auch sie, als Frau, aushalten könnte ohne zu sterben. Und sie würde diesen Plan für nichts und niemanden in der Welt aufgeben!

Die aufgeregten Gedanken der Hexerstochter rasten, als sie dem unangenehm abwartenden Blick von Hjaldrist auswich und einen willkürlichen Fleck am Tisch fixierte. Angestrengt grübelte sie und zog die Brauen weit zusammen. Ja, sie würde den Skelliger mit den dunklen Haaren aufklären müssen. Sie könnte ja schlecht mit ihm reisen und ihm dabei irgendetwas vormachen. Eine ungute Angelegenheit, denn im Grunde glich Anna’s Vorhaben einer Art Selbstmordkommando. Doch auf der anderen Seite könnte Hjaldrist der Alchemistin doch auch helfen, würde er davon absehen, dass jene stur einem vermeintlich tödlichen Ziel hinterherjagte. Anna wollte sich in naher Zukunft nämlich daran wagen verschiedenste Tränke an sich selbst auszuprobieren. Sie wollte wissen, was sie aushielt und was nicht, welche Zutaten der Formeln der Kräuterprobe sie vertrug und wie viel davon. Alleine könnte sie das nicht. Was, wenn sie kollabierte? Dann wäre niemand da. Wenn der Käferschubser aber bei ihr wäre, könnte er auf sie aufpassen. Eine große Verantwortung für den Skelliger, doch eine enorme Stütze für die Frau, die ihrem Ziel einen Schritt weit näher kommen könnte. Oh, war sie egozentrisch? Was könnte Anna diesem Mann hier, den sie doch eigentlich kaum kannte, zu- und anvertrauen?

Anna sah wieder auf und wippte unter dem Tisch nervös mit einem Bein. Sie fühlte sich hin und her gerissen, als sie den Mund aufmachte, um zu sprechen. Sie schob die zähen Worte im Mund hin und her. Doch dann entschied sie sich.

„Ja…“, meinte sie langsam und mit leicht gesenkter Stimme, während Hjaldrist bereits damit anfing unheimlich triumphierend zu grinsen „Diese Technik wäre wirklich hilfreich. Du hast Recht. Ich könnte ein Aard gebrauchen.“

„Ha!“, machte der Mann nun, klatschte einmal begeistert in die Hände. Und Anna war sich nicht sicher, warum er das tat. Hatte sie ihm die Monsterjagd etwa schmackhaft gemacht? Glaubte er an ihrer Seite reich zu werden? Oder mochte der Skelliger sie einfach und wollte daher noch eine Weile mit ihr reisen? Hatte er nichts Anderes zu tun? Oder sah er in der Novigraderin eine Möglichkeit sicher von den Inseln zu entkommen? Fragen über Fragen.

Anna betrachtete Hjaldrist, der ihr voller Vorfreude entgegenblickte, eingehend. Dann aber wurde ihr Ausdruck wieder etwas ernster, ihre Haltung angespannter. Sie atmete tief durch, als ihre Gedanken nur so im Kreis sprangen. Wild hüpften sie umher und waren nur schwer zu fassen. Der Landsmann verengte die Augen prüfend.

“Hm? Gibt es ein Problem?”, hakte er kritisch nach.

„Nein… nein. Aber was unsere gemeinsame Reise angeht, muss ich dir noch etwas sagen.“, entkam es der kurzhaarigen Frau mit gesenkter Stimme. Sie lächelte verunsichert in sich hinein, suchte erneut und mühsam Blickkontakt. Was gleich käme, fiel ihr schwer, das hätte ein jeder bemerkt. Doch warum? Weil sie sich bisher nur so selten über ihre Natur ausgesprochen hatte? Weil sie selbst Balthar gegenüber nie laut gejammert hatte und es nicht gewohnt war mit frischen Bekannten über sich selbst zu reden? Oder wollten die Worte ihre trockenen Lippen nur deswegen so schwer verlassen, weil sie die Reaktion ihres neuen Freundes fürchtete? Die fahrige Hexerstochter befeuchtete sich die Lippen flüchtig mit der Zunge, dann redete sie endlich.

„Ich…“, entkam es ihrem Mund beachtlich zäh und zögerlich „bin keine Hexerin.“

Und dann schwieg sie abwartend, sah Hjaldrist nahezu scheu an. Es passte nicht zu ihr. Die Augenbrauen des Skelligers wanderten noch weiter hoch, doch dann sah man auf einmal, wie er gleichgültig mit den Schultern zuckte.

„Und?“, antwortete er ruhig und gelassen, fing schon wieder damit an etwas mit seinem Stuhl zu wippen. Irgendwann würde er sich deswegen noch das Genick brechen, ganz bestimmt.

„Ist mir doch egal, was du bist.“, versicherte der Mann und seinem gleichmütigen Unterton konnte man entnehmen, dass er dies ernst meinte. Anna hatte solange etwas Mühe damit ihr Gesicht im Zaum zu halten und ihre furchtsame Miene nicht in einen dämlich-perplexen Ausdruck rutschen zu lassen. Dies resultierte darin, dass sie einfach nur überrascht und ungläubig starrte. Als sei sie eine Mörderin, der man versichert hatte, dass man sie vor kein Gericht zerren wollte, obwohl sie Leben auf dem Gewissen hatte. Anna wäre tatsächlich auf jede Reaktion Hjaldrists vorbereitet gewesen: Darauf, dass er irritiert nachfragte und auch darauf, dass er anfing zu schimpfen und wissen wollte, warum seine Kumpanin ihm das alles nicht schon viel früher offenbart hatte. Doch der Skelliger gab sich gleichgültig. Es fühlte sich an, als fiele der Novigraderin ein zentnerschwerer Steinbrocken vom Herzen. Ja, ihre Kehle war nicht mehr eng, ihr Magen weniger flau. Und sie lächelte. Hjaldrist’s Gegrinse war ansteckend.

„Und gibt es sonst noch etwas, das du mir beichten willst?“, durchbrach die Stimme des Besagten den Moment.

„Äh…“, machte die Kurzhaarige.

„Bist du in Wirklichkeit vielleicht ein Kerl? Stehst du auf Ziegen? Hast du heute Nacht heimlich in den Blumentopf im Zimmer gepisst?“, fragte der Skelliger mit einem gespielten Ernst in der Stimme, dem Anna nicht gleichkam, als sie scherzend antwortete.

„Ah, nein. Viel schlimmer: Ich bin die Prinzessin von Nilfgaard.“, witzelte sie und biss sich auf die Lippe.

„Oh, das trifft sich ja gut! Denn ich bin ein Jarlssohn und damit ebenfalls ein Thronfolger.“, schnaubte der schlagfertige Hjaldrist amüsiert.

„Wie passend!“, lachte die feixende Schwertkämpferin. Und die Blicke, die die beiden daraufhin austauschten waren voller ironischer, abfälliger Belustigung und Blödelei. Es waren Blicke, die man nur unter bestimmten Menschen austauschen konnte, weil sie nicht jeder verstanden hätte. Mit erhellter Miene rührte Anna daraufhin in ihrem Milchtee, trank einen Schluck. Dabei bemerkte die den einen, flüchtigen Funken unwohler Ernsthaftigkeit in den Augen ihres Freundes nicht.

 

*

 

„Also. Wohin reiten wir?“, wollte Hjaldrist wissen, als er den Sattelgurt Apfelstrudels strammer zog und über dessen Rücken zu Anna hin sah. Das Pferd war so hoch, dass der Skelliger das gerade noch so vermochte. Seine dunklen Augen hefteten sich auf die Frau, die ihrem eigenen Vierbeiner gerade liebevoll die samtigen Nüstern rieb.

„Ich will nach Gedyhe. Kennst du diesen Ort?“, sie sah fragend auf.

„Nein.“, entgegnete der Krieger sogleich und verengte den Blick grüblerisch. Es war noch früh und die winterliche Luft klirrend kalt. Anna war froh über ihren dicken Mantel.

„Aber bestimmt kenne ich jemanden, der weiß, wo dieses Gedyhe liegt.“, versicherte Hjaldrist, fasste prüfend nach einem seiner Steigbügel, zog daran und machte ihn um zwei Riemenlöcher länger. Seine Kollegin saß bereits in ihrem Sattel, als ihr einheimischer Freund es ihr gleichtat.

„Es liegt irgendwo im Osten. Jedenfalls hat man mir das so gesagt.“, meinte Anna, nahm ihre ledernen Zügel auf und drückte Kurt die Fersen leicht in die Flanken, um ihn zum Gehen zu bewegen. Hjaldrist schloss gleich zu ihr auf. Er saß etwas lockerer im Sattel als Anna, hatte die Steigbügel länger und hielt die Zügel nicht sehr straff. Es war ein völlig anderer Reitstil, vermutlich gewöhnlich für die Gegend. Da, wo Anna herkam, ritt jedenfalls kaum jemand so.

„Im Osten, hm?“, machte Hjaldrist nur.

Der Weg, der aus Blandare herausführte, war so breit, wie ein Wagen. Daher konnte man auch ohne weitere Probleme nebeneinander her reiten. Wäre das Wetter nur nicht wieder so scheißkalt gewesen, hätte sich dies sogar als angenehm gestaltet. Vereinzelte, zarte Schneeflocken rieselten vom noch sehr düsteren Morgenhimmel und Hjaldrist rieb sich die kalten Hände, als er sprach.

„Im Osten gibt es viele Druiden. Überall buckeln die dort herum, das sag ich dir.“, sagte der Mann wissend und Anna horchte auf. Sie wendete ihrem Freund erfreut den Kopf zu, lächelte hinter dem Schal, den sie sich beinah bis zur Nase hochgezogen hatte, um die Kälte davon abzuhalten ihr in den Nacken zu beißen.

„Ja?“, fragte sie plötzlich ziemlich aufgeregt. Dies schien den Reiter Apfelstrudels dezent zu irritieren.

„Ja…“, entgegnete er zögerlich, nickte schwach.

„Es wirkt fast so, als seist du darauf aus mit diesen seltsamen Typen zu reden.“, fügte der Skelliger nur noch skeptisch hinzu und nun war es die Hexerstochter, die nickte.

„Darum bin ich hier.“

„Wie jetzt?“

„Ich bin auf der Suche nach einer alchemistischen Formel. Und ich habe gehört, die Druiden des Inselarchipels seien Meister, wenn es um solche Angelegenheiten geht.“, erklärte Anna aufrichtig. Einzelne Schneeflocken hatten sich ihr auf die Schultern gelegt und so, wie ihr Begleiter hatte sie sich die Kapuze über den Kopf gezogen, um sich vor Nässe und Kälte zu schützen.

„Aha.“, machte Hjaldrist, der nicht viel Ahnung von Alchemie zu haben schien. Er war, so wie Anna ihn einschätzte, ein Krieger durch und durch. Warum sollte er sich also für das Brauen von Tränken oder Tinkturen begeistern?

„Und was für eine Formel ist das, dass sie so wichtig ist?“, hakte er dennoch neugierig nach.

„Eine, die… hm. Eine, die einen stärker macht.“, erklärte die Novigraderin knapp und zögerlich. Und dies war nicht gelogen. Wenn man der Kräuterprobe unterzogen wurde, mutierte man. Man entwickelte gewisse Resistenzen und wurde ausdauernder, konnte viele Jahre älter werden, als ein normaler Mensch und sich viel, viel inniger konzentrieren. Letzteres bewirkte, dass man sich dabei leichter tat Hexerzeichen zu lernen, die eigentlich nichts Anderes waren als simple Magie. Natürlich bezahlte man für all das auch einen Preis. Ab und an gar den höchsten. Doch daran wollte die ambitionierte Frau nicht denken. Woher sie all das wusste? Anna hatte sich mittlerweile vieles zusammenreimen können, hatte Balthar ausquetschen wollen, nach alten Aufzeichnungen gesucht und geforscht. Jahrelang.

„Ach ja?“, Hjaldrist runzelte die Stirn „Ich dachte, solche Dinge gibt es nur im Märchen.“

„Naja, wir werden ja herausfinden, ob dem so ist.“, schmunzelte die Hexerstochter geheimnisvoll.

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