Kapitel 40

Als ein Jarlssohn Reißaus nahm

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die wieder vereinten alten Freunde losließen. Vor allem Anna brauchte eine halbe Ewigkeit, um sich zu fangen und damit aufzuhören zu heulen wie ein Schlosshund. Aber auch Hjaldrist, der völlig durch den Wind war, schien es nicht viel anders zu gehen als ihr. Zwar weinte er nicht gegen die Schulter seiner Kumpanin, doch alles in seiner Haltung verriet, wie gebeutelt er sein musste von Überwältigung, Freude und Fassungslosigkeit. Ravello, der stand bloß etwas verloren am Rande. Der blonde Ritter hatte sich den Helm abgenommen und kratzte sich immer wieder planlos am Hinterkopf, während er sich umsah. Wie bestellt und nicht abgeholt wirkte er und so, als warte er auf irgendwelche Anweisungen. Auch blickte er immer wieder ziemlich argwöhnisch zu Märthe hin, die da am weitläufigen Platz saß und den Kopf geduldig gesenkt hielt. Svenja hingegen, wirkte nicht so ratlos wie der Blondschopf aus Toussaint. Mit verschränkten Armen stand sie da, den Bogen geschultert und mit unzufriedenem Blick. Ihre grünlichen Augen klebten förmlich an Anna und Rist und hätten Blicke töten können, wäre die flennende Hexerstochter in diesem Moment leblos zusammengeklappt. Der Drache in ihrem Rücken war der beleidigten Inselbewohnerin gerade so ziemlich egal. Es dauerte viele Herzschläge lang, bis die Skelligerin die Aufmerksamkeit gewaltsam von ihren sich umarmenden Gefährten losriss, sich abwandte und damit anfing in den Trümmern der Ruine nach wertvollen oder nützlichen Dingen zu suchen. Sie lenkte sich ab, indem sie die Leichen fledderte und kleine Steinchen lieblos durch die Gegend trat.

 

Anna sah aus glasigen Augen auf, als sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte und spürte, wie Rist sie an den Oberarmen von sich drückte, um sie genau zu betrachten. Kritisch tat er das und seine dunklen Augen blieben mehr als nur einmal an dem roten Striemen am Hals der Frau hängen. Forschend und ernst verengte der Mann den Blick, als er Augenkontakt suchte. Anna schniefte noch einmal, atmete tief durch.

“Was haben sie mit dir gemacht?”, wollte Hjaldrist dann wissen und sein Ton verbat jegliche Ausflüchte oder Lügen. Noch immer hielt er die jüngere Giftmischerin fest, die da nur in Ravello’s weiß-blauen Umhang gekleidet dastand. Auf nackten Füßen und mit gebrochenen Fingern, verdreckt und mit Haaren, die dringend einmal wieder gebürstet gehörten.

Anna schluckte trocken, seufzte wie resigniert aus. Doch sie hielt dem Blick ihres guten Freundes stand, war schließlich keine gebrochene, beschämte Frau. Zwar waren die letzten drei Tage alles andere als angenehm gewesen, doch vieles, was der alarmierte Undviker sich gerade in seinen dunkelsten Vorstellungen ausmalte, war nicht passiert. Anna war nicht durch die Hölle gegangen. Das war sie vor neun Monaten schon und die Gefangennahme durch die Flammenrose war im Vergleich zur Todesnachricht Rists wenig erschreckend gewesen.

“Das Narbengesicht wollte mich am Platz hier vorführen. Und offensichtlich glaubte er, dass das effektiver sei, wenn ich dabei nichts anhabe.”, erzählte Anna mit heiserer Stimme und aufrichtig. Hjaldrist’s starrer, todernster Blick veränderte sich nicht und wirkte wie eine stumme Aufforderung dazu weiter zu sprechen.

“Sie hatten mich eingesperrt. Und ich saß drei Tage lang in einer modrigen, winzigen Zelle. Mehr… mehr ist nicht passiert. Nicht wirklich.”, erklärte die Kurzhaarige schnell.

“‘Nicht wirklich’?”, hakte der direkte Skelliger misstrauisch nach und Anna nickte langsam. Sie wusste, worauf er anspielte. Aber nein, niemand hatte sie zu unflätig angefasst oder versucht sie gewaltsam flachzulegen. So weit war es, Melitele sei Dank, nicht mehr gekommen. Hjaldrist, Märthe, Ravello und Svenja waren gerade noch rechtzeitig aufgetaucht und hatten es verhindert, dass die verkommenen Ordensleute über sie herfielen wie die Tiere.

“Ich bekam ein paar Mal eine verpasst, weil ich mein Maul nicht halten konnte. Das Essen war ungenießbar. Ich bekam nur einmal am Tag ein Schüsselchen Wasser zu trinken. Aber das war’s auch schon…”, meinte die schwache Kriegerin und musste dabei sogar ein wenig schmunzeln.

“Und was ist hiermit?”, nun nickte Rist in die Richtung der Kehle seiner Freundin und die ertappte Novigraderin hielt sogleich inne. Das verhaltene Grinsen verging ihr sofort, als sie verstand, was der sorgenvolle Mann meinte und sie senkte den Blick fort. Sich an den Hals fassend schwieg die ausgezehrte Frau und spürte, wie es ihr flau im Magen wurde. Ein unglaublich schlechtes Gewissen überkam sie plötzlich. Es nagte mit spitzen Zähnen an ihr und brachte ihr Herz dazu etwas schneller zu schlagen. Der Drang sich rechtfertigen zu müssen, aber das Gefühl den Mund nicht aufzubekommen kamen zugleich. Und daher blieb Anna stumm. Ihre betretene Reaktion auf Hjaldrist’s Frage war doch vielsagend genug.

Man hörte den wissenden Undviker schwer durchatmen. Dann legte er wieder einen Arm um Anna, um sie kurz zu drücken. Eine erleichternde, tröstende Geste in einem prekären Augenblick, der die betretene Giftmischerin nervös und sprachlos gemacht hatte.

“Wo sind deine Sachen? Weißt du das?”, fragte Rist dann und marterte sein Gegenüber zum Glück nicht weiter, wenn es um die wunde Haut an dessen Kehle ging. Er war ein kluger Mann und schien eingesehen zu haben, dass es nun nicht besonders förderlich wäre, seine Freundin auf etwaige, verzweifelte Selbstmordversuche auszuquetschen. Für diesen Augenblick nahm er den befremdlichen Umstand einer lebensmüden Anna einfach hin. Die ganze Sache wäre ein Thema für später.

“Nein. Keine Ahnung.”, antwortete die Novigraderin, die wieder aufsah “Sie haben mir meine Ausrüstung im Kerker abgenommen, bevor sie mich in die Zelle geworfen haben.”

“Mh.”, machte Hjaldrist grüblerisch, als er Anna losließ und auch den Blick von ihr riss, um um sich zu sehen “Wir finden die Sachen schon. So weit können sie nicht sein.”

“Ja, wir krempeln einfach die Ruine um. Vielleicht finden wir noch andere interessante Dinge!”, warf Ravello von der Seite aus optimistisch ein und sprach damit das an, was Svenja schon seit vielen Momenten ausführte. Die ehemalige Spionin war schon in das zerstörte Gebäude gegangen, in der dunklen Haupthalle verschwunden. Offenbar hatte sie gerade wenig Lust dazu gemeinsam mit ihren Kollegen nach etwaigen Schätzen zu suchen. Besser, man ließ sie also in Ruhe.

“Genau.”, pflichtete Rist Ravello nickend bei und lächelte schwach. Dann richtete er sich wieder an Anna.

“Du bleibst hier. Setz dich hin und ruh dich aus, ja?”, bat der anwesende Undviker seine beste Freundin, die damit nicht ganz so einverstanden wirkte. Denn sie verzog das Gesicht unglücklich.

“Ich kann suchen helfen.”, sagte sie motiviert, doch der Jarlssohn schüttelte den Kopf gleich.

“Nein, bleib bei Märthe.”, konterte er, machte sich augenscheinlich Sorgen um den wackeligen Zustand Annas. War ihm auch nicht zu verdenken, denn die Angesprochene sah aus wie ein bedenkliches Elend auf zwei Beinen.

Anna gab einen enttäuschten Laut von sich, zog die Brauen zusammen. Doch dann gab sie nach und sah ein, dass es wohl besser war, wenn sie nicht auf bloßen Füßen durch Geröll spazierte, um in der Ruine halbnackt nach irgendwelchen Fundsachen zu stöbern.

“Ich wollte nach der Bibliothek sehen…”, seufzte sie dennoch leise und enttäuscht.

“Wir kommen morgen zurück und dann kannst du das tun.”, schlug der diplomatische Hjaldrist vor. Es war ein annehmbarer Kompromiss.

 

Erschöpft von den körperlichen und auch mentalen Strapazen der letzten Tage, war Anna tatsächlich eingeschlafen, als sie auf ihre drei Gefährten gewartet hatte. Mitten am ruinierten Burghof und an die Seite des großen, rot-grünen Drachen gelehnt, war sie völlig weggetreten. Und sie zuckte erst blinzelnd zusammen, als man sie an der Schulter berührte und sanft rüttelte. Ein wenig überfordert atmete die aufhorchende Frau ein, sah auf und brauchte ein paar Atemzüge lange, um zu realisieren, wo sie war.

“Oh…”, machte sie etwas verplant. Rist hockte da vor ihr und deutete mit einer knappen Handgeste hinter sich. Ravello stand dort, hatte Anna’s Ausrüstung dabei: Jacke, Rüstung, Waffen, Stiefel. Die beiden aufmerksamen Männer hatten sogar daran gedacht in den Truhen und Schränken der ehemals hier hausenden Leute nachzusehen und der müden Frau eine neue Hose und ein Hemd mitzubringen. Die am Boden Sitzende wirkte daher einen Deut erstaunt und ihr Ausdruck lockerte sich. Dann half ihr Hjaldrist dabei aufzustehen und nahm den hübschen Umhang von Ravello entgegen, um ihn wie einen Sichtschutz auszubreiten und vor Anna zu halten. Nicht, dass es nun noch einen Unterschied gemacht hätte. Denn Ravello hatte die arme Giftmischerin vorher nackt am Vorhof stehend gefunden und auch Rist wusste längst, wie die burschikose Kurzhaarige unter ihrer Klamotte aussah. Doch darum ging es hier nicht. Es ging um das Zeigen eines gewissen, gut gemeinten Respekts und Anna war ihren beiden Begleitern mehr als nur dankbar dafür. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich angezogen hatte und als sie Hemd und Hose trug, musste Hjaldrist ihr dabei helfen in die gestreifte Jacke zu schlüpfen. Die gebrochenen Finger schmerzten der ächzenden Frau zu sehr und sie war ihrer Abgeschlagenheit wegen viel zu ungelenk und schwerfällig. Sie freute sich schon auf ein Bett. Oh, und auf etwas zu essen. Sie hatte einen unglaublichen Hunger, einen Riesendurst. Und als hätte der anwesende Undviker letzteres soeben erraten, drückte er der fertig angekleideten Anna seine Wasserflasche großzügig in die Hände. Dankend nahm jene sie an und leerte sie gierig in einem Zug, verschluckte sich dabei beinahe. Die drei Tage im Kerker hatten Anna völlig ausgemergelt. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so wenig getrunken und überhaupt nichts gegessen. Wenn sie daran dachte und sich an den gequält knurrenden Magen fasste, wurde es ihr ganz schummrig vor den Augen.

“Ich nehme ihre Rüstungsteile… in meinem Gepäck ist noch etwas Platz dafür.”, sprach Hjaldrist zu Ravello und nahm von jenem die Platten Annas entgegen.

“Wo ist Svenja?”, wollte der Weiße Hase dann noch wissen, als er sich ein wenig besorgt umsah. Von der Frau aus dem Westen war nichts zu sehen. Sie hatte sich wohl mit böser Miene zurückgezogen.

“Keine Ahnung.”, der Skelliger zuckte gleichgültig die Achseln “Lasst uns gehen. Die taucht schon wieder auf.”

Nur zögerlich nickte Ravello auf diese Aussage hin, fühlte sich mit dem Gedanken die Rothaarige allein zu lassen, aber ganz offensichtlich nicht sonderlich wohl. Sein argwöhnisches Starren wich zurück zu Märthe, die nach wie vor auf ihrem Platz verharrte und wartete. Sie wollte wohl sichergehen, dass man sie nicht mehr brauchte und ihre Freunde in Sicherheit waren. Ob sie heute noch zurück zu Adlet, Rist’s Onkel auf Drakensund, fliegen würde?

Auch Anna wandte sich jetzt dem imposanten Drachen zu, der sie aus seinen gelblichen Augen mit den geschlitzten Pupillen ansah. Die Hexerstochter lächelte.

“Danke.”, sagte sie und nickte der Geschuppten anerkennend zu, während Rist neben sie trat und sich den Handschuh von der Linken streifte. Ein rotes Bändchen aus geflochtenem Leder wand sich dort um das Handgelenk. Rist löste es und Anna beobachtete dies verblüfft.

“Ja, danke. Bestelle Onkel schöne Grüße von mir und richte ihm aus, dass er sich seinen Katzenfellumhang sonst wohin stecken kann.”, schmunzelte Hjaldrist und warf dem Drachen das rote Band des alten Einsiedlers zu. Märthe fing das Bändchen mit dem Maul und schnaubte, dass der starke, nach Schwefel riechende Atem den Skelliger und seine Freundin beinah umblies. Der eingeschüchterte Ravello erschrak einmal mehr und wich ein paar Schritte weit zurück. Mit einem zufriedenen Laut, der sich fast wie ein Gurren anhörte, richtete sich der grüne Drache dann auf, um die Schwingen auszubreiten. Der folgende Flügelschlag verursachte einen Wind, der den Staub im Festungshof nur so aufwirbelte.

Anna winkte ihrer alten Bekannten nicht, ohne ein wenig Wehmut zu verspüren. Gerne hätte sie sich noch mit der lieben Märthe unterhalten. Aber nun gut… früher oder später würde man sich bestimmt einmal wieder sehen.

 

Ravello und Svenja hatten sich in einer kleinen Taverne in einem Bauerndorf irgendwo in der Pampa zwischen Tretogor und Ghelibol eingemietet. In einem Gasthaus namens ‘Feldblick’, in dem auch Hjaldrist ein Zimmer besaß.

“Ich habe Ravello und Svenja gestern Nacht hier angetroffen. Es war ein richtig großer Zufall…”, erzählte der Undviker, als Anna etwas plump von Ravello’s Pferd rutschte. Apfelstrudel war schließlich vor drei Tagen durchgebrannt und so hatte man nurmehr über den Hengst des Ritters verfügt. Der Mann aus Toussaint und Rist waren zu Fuß gegangen, während man der dösigen Hexerstochter den breiten Pferderücken überlassen hatte.

“Warum warst du überhaupt hier…?”, wollte sie wissen. Auf der kurzen Reise hierher hatte sie kaum gesprochen, erst einmal all die Geschehnisse des Tages verarbeiten müssen. Sie hatte vor sich hin gesehen, war am Ende fast eingenickt. Doch nun, da wirkte sie wieder ein kleines Bisschen wacher.

“Ich… habe nach dem alten Sitz des Ordens der Flammenrose gesucht.”, erklärte Hjaldrist, der sein Gepäck aus den Satteltaschen des weißen Rosses klaubte, offen. Er stellte seinen sehr vollen Rucksack ab, öffnete jenen und versuchte noch eine kleine Decke und eine Schüssel darin verschwinden zu lassen.

“Warum?”, hakte Anna nach, als sie ihrem Freund zusah und Ravello sich seines Pferdes annahm.

“Ich wusste doch, dass du den Orden auch suchst.”, sagte der Skelliger und schloss seinen Rucksack wieder, hob ihn hoch und schulterte ihn.

“Aber ich dachte, du glaubtest, ich sei tot.”, erinnerte sich die Novigraderin richtig. Rist hielt auf diese Äußerung hin inne, wurde ernster. Er sah seine Gefährtin mit undeutbarer Miene an.

“Habe ich auch.”, gab er dann zu.

“Aber…?”, fragte Anna und musste zugeben, dass sie die Worte ihres Freundes dezent verwirrten.

“Ich habe vor ein paar Wochen gesehen, dass sie sich schnappen werden. Dass sie dich einsperren.”, meinte der Undviker mit gesenktem Ton und dies gab ihm eine sehr kryptische Ausstrahlung “Es war ganz vage. Aber dennoch…”

Die Giftmischerin stutzte und verengte den Blick skeptisch prüfend.

“Und ich habe die Ruine gesehen. Das hat mir gereicht.”, erklärte Rist weiter “Also bin ich los, um sie so schnell wie möglich zu finden. Es hat leider nur länger gedauert, als erwartet. Leider. Aber als ich dann Ravello und Svenja getroffen habe und sie mir erzählt hatten, was passiert war, sind wir so schnell wie möglich aufgebrochen, um dich zu befreien. Ich musste loslaufen, um Märthe weit abseits des Dorfes zu rufen. Ich habe Stunden auf sie gewartet… und naja, den Rest kennst du.”

“Du hast gesehen, was passieren wird?”, hakte Anna verblüfft nach “So, wie du damals den Hügel gesehen hast?”

“Ja.”, bestätigte der Mann von den Inseln und musste seufzen. Das Gesprächsthema war ihm nicht angenehm, das merkte man. Also entschied sich die Kurzhaarige dazu nicht weiter darauf einzugehen. Sie könnte all das Gerede über Träume und vermeintliche Visionen gerade so und so nur schwer kapieren. Sie war zu müde für solch hochgestochenen Kram. Und es war ja auch egal, warum Hjaldrist hier war. Er WAR hier und das zählte. Alles andere, das waren Angelegenheiten für später.

“Du bist immer noch ganz schön komisch, Rist.”, kommentierte Anna, grinste schief und matt “Hm. Gehen wir was essen. Ich verhungere sonst wirklich noch.”

 

Anna machte große Augen, als man ihr ihre reichliche Mahlzeit auf den Tisch stellte: Eine Art Fladenbrot mit viel fettigem Speck und einer dicken, braunen Soße. Es war die heutige Empfehlung des angeblich sehr erfinderischen Kochs, die sie natürlich ohne Nachzufragen bestellt hatte. Zu hungrig war sie gewesen, um darüber nachzudenken, was sie den essen wollte. Und sie hätte sich selbst über ein Stück hartes Brot mit alter Wurst gefreut wie ein kleines Kind. Unter den Augen ihres besten Freundes, der ihr in der kleinen, doch netten Taverne gegenüber saß, schnitt sie das in Soße getränkte Speckgericht schlampig klein und steckte sich davon sofort ein großes Stück in den Mund. Ein erleichterter, angetaner Laut entkam ihr, denn mit ihrem sehr vollen Mund konnte sie nicht sprechen und zum Ausdruck bringen, wie gut es tat nach drei Tagen des Hungerns wieder etwas Vernünftiges zwischen die Zähne zu bekommen. Rist’s Augenbrauen hoben sich und er verkniff sich ein Lachen. Er selbst hatte seine Speise noch nicht angerührt und war vielmehr damit beschäftigt Anna zuzusehen. Es war, als habe er Angst, dass sie sich in Luft auflösen könnte, würde er sie aus den aufmerksamen Augen lassen. So, als sei sie eine Einbildung, die wieder verschwand, wenn man zu oft blinzelte. Der Jarlssohn saß also da und beobachtete Anna eingehend; als könne er es noch immer nicht fassen, dass sie tatsächlich wieder mit ihm an einem Tisch saß.

“Auf Skellige nennt man das 'Pfannenkuchen'.”, erklärte er beiläufig, während seine Begleiterin ihr Mahl in sich hinein stopfte, als gäbe es kein Morgen.

“Nur dort mischt man in den Teig Äpfel oder Fisch, anstatt Speck. Und man übergießt die Dinger nicht mit Unmengen an süßer Soße.”, kommentierte Rist gesprächig weiter. Der mit dem Essen sehr beschäftigten Hexerstochter entkam auf diese Erläuterung hin ein ‘Mhm’, ehe sie den ersten ihrer vier ‘Pfannenkuchen’ schon fast verschlungen hatte. Dieses Zeug mit der zähen Soße, die ein wenig an Honig erinnerte, würde noch zu einem ihrer Lieblingsgerichte werden. Und während sie aß und kurz darauf auch ein hungriges Auge auf die Essensreste ihres Kumpels warf, verspeiste sie auch jene noch. Rist, der verfiel solange in angenehmes Schweigen und ließ die dunklen Augen nach wie vor nicht von Anna. Von Ravello war weit und breit nichts zu sehen. Vermutlich suchte er nach der mies gelaunten Svenja oder wartete draußen auf sie.

 

Irgendwann, nach drei großen Bechern Malzbier und einer weiteren, duftenden Portion Speck-Pfannenkuchen war Anna endlich satt und lehnte sich müde, doch zufrieden auf dem hölzernen Stuhl zurück, auf dem sie saß. Und endlich erwiderte sie auch den Blick ihres Freundes, der geduldig darauf gewartet hatte, dass sie ihren fürchterlichen Hunger stillte. Die Alchemistin lächelte, bekam denselben freundlichen Ausdruck als stumme Antwort zurück. Und dann brach sie das Schweigen.

“Ich war in Undvik.”, erzählte sie “Ich habe deinen Bruder getroffen.”

Hjaldrist wirkte auf diese Äußerung hin äußerst perplex. Seine Brauen schossen in die Höhe und er taxierte Anna unschlüssig.

“Was?”

“Wir haben dich gesucht… Joris, Violeta, Ravello, Svenja und ich.”, erklärte sie “Und dabei lief ich Haldorn und seinen Leuten über den Weg.”

“Und? Wie geht es ihm?”, wollte Rist sofort überaus interessiert wissen. Er lehnte sich etwas vor, als er eine Entgegnung erwartete. Alleine diese Reaktion reichte, um dessen gewahr zu werden, dass der direkte Nachfolger des Jarls hier in den letzten Monaten nicht zuhause gewesen sein konnte. Denn wäre er auf Undvik gewesen, hätte er sich nun nicht so neugierig gezeigt, wenn es um seine Familie ging.

“Er… naja, war etwas unfreundlich aber wohlauf. Und er meinte, du seist tot.”, erinnerte sich Anna und musste leise in sich hinein seufzen. Sie schüttelte den Kopf langsam, holte einmal mehr Luft, um weiter zu reden.

“Ich wollte ihm nicht glauben. Darum haben wir weiter gesucht. Überall. Also wirklich. Wir haben die ganze Insel nach dir umgekrempelt. Ich war sogar im Gefängnis.”, erzählte die Frau und diese vielen Erinnerungen kamen ihr so ewig weit entfernt vor. Schwer zu glauben, dass sie erst wenige Monate alt waren. Und noch unglaublicher war es, dass Hjaldrist wieder aufgetaucht war und sie jetzt irritiert ansah.

“Was hast du denn bitteschön angestellt, um im Kerker zu landen?”, wollte der Mann im grünen Rock entrückt wissen.

“Hab fast nen Typen abgestochen.”

“Was?? Spinnst du?”

“Ja.”, schmunzelte die Frau, ehe sie die braunen Augen niederschlug und ihr Ausdruck melancholischer wurde. Sie ließ die Schultern sinken, denn sie wusste mittlerweile sehr wohl, wie dämlich ihre Aktion auf Skellige gewesen war. Dort, im kalten Undvik, galt sie nun als kriminell. Und mehr noch: Sie war aus dem Gefängnis ausgebrochen und wurde höchstwahrscheinlich gesucht. Ob ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt war…? Wäre sie vogelfrei, wenn sie jemals wieder zurück auf die kalten Inseln gehen würde? Etwas, das sie sich in den vergangenen Wochen schon oft gefragt hatte. Ihr Ausbruch aus den Kerkern war nun an die fünf Monate her. Wenn man ihr wirklich auf den Fersen war und dies auch hier am Festland, dann hätten die Skrugga sie doch schon längst wieder aufgespürt. Oder? Interessierten sich die Jarlsschatten überhaupt für eine entlaufene Ausländerin, die einen unwichtigen Arbeiter am Markt Caer Gvalch’cas attackiert hatte?

“Ich wollte in das Gefängnis kommen, weil ich dachte, dass man dich dort vielleicht eingesperrt hat.”, rechtfertigte sich Anna schließlich mit gesenktem Haupt “Tut mir leid. Es war dämlich.”

“Gut, dass du das einsiehst.”, antwortete Rist auf dieses Geständnis hin schnaubend. Seinem Ton konnte man glücklicherweise entnehmen, dass er nicht böse war. Ja, womöglich war er seiner Freundin ja sogar insgeheim dankbar für ihre schrägen Bemühungen.

Anna sah wieder zu dem älteren Mann auf, schuldbewusst und geschlagen. Ihre Miene strahlte aus, wie schwer ihr die vergebliche Suche nach ihrem Freund gefallen war, als sie mit der unversehrten Hand unruhig an ihrem Ärmelsaum herum fummelte. Wie sehr die Lage die 21-Jährige fertig gemacht und wie unglaublich ratlos und ohnmächtig jene sich gefühlt hatte.

“Rist.”, meinte die Frau dann und sehnte sich nach Klarheit “Was ist passiert, nachdem sie dich entführt haben?”

Hjaldrist sah der abwartenden Hexerstochter ruhig entgegen und seine Augen wirkten dabei etwas abwesend. So, als rekapituliere er seine letzten Monate in nur wenigen Momenten, ehe er sie darlegen wollte. Der Schönling stützte die Ellbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die ineinander gelegten Hände und senkte die Augen nachdenklich auf die fleckige Ablage.

“Ich wollte mich gegen sie wehren und habe gekämpft. Ich bin völlig ausgerastet, als ich geglaubt habe, sie hätten dich umgebracht. Du… du lagst da vor mir, hattest Schaum vorm Mund stehen und hast dich dann einfach nicht mehr gerührt, nicht mehr geatmet.”, murmelte Hjaldrist vor sich hin “Also bin ich auf diese Leute losgegangen. Manche von ihnen kannte ich noch von früher… daher verstand ich nicht, warum sie mit solch roher Gewalt angreifen. Aber egal… ich schaffte es sie kurz fernzuhalten, doch es waren zu viele. Sie schlugen mich also bewusstlos und nahmen mich mit.”

Anna sah Hjaldrist schweigend an, während er erzählte. Die dürre Wirtin des Hauses brachte ihnen einen neuen Krug kalten Malzbiers an den Tisch und räumte das benutzte, dreckige Geschirr ab. Der Skelliger, der der Giftmischerin gegenüber saß, hielt derweil kurz mit dem Sprechen inne und wartete, bis die Fremde wieder hinter ihrem Tresen verschwunden war.

“Als ich zu mir kam, hatten sie mir die Augen verbunden und mich gefesselt, als sei ich ein Gefangener. Und ich weiß ja nicht, wie viel du von den Skrugga mitbekommen hast, Anna, aber eigentlich sollten sie auf mich hören. Sie unterstehen der gesamten Jarlsfamilie, nicht nur meinem Vater. Niemals im Leben würden sie einen ihrer Befehlshaber knebeln. Aber tja… ich saß also blind und unfähig etwas zu tun auf einem Pferd sonst wohin.”, meinte Rist und klang ärgerlich dabei “Sie brachten mich nach einem langen Ritt auf ein Schiff. Und erst unter Deck, als sie mich in eine der kleinen Kojen sperrten, nahmen sie mir die Augenbinde und die Fesseln ab.”

Anna runzelte die Stirn und musterte ihren Freund etwas wirr, doch sie stellte noch keine Fragen. Es war ihr klar gewesen, dass die Skrugga dem Jarl unterstanden. Auch hatte Svenja erzählt, dass es geheißen hatte, dass man Rist mit milden Methoden zurück nach Hause bringen sollte. Das, was sie daher irritierte war, dass es tatsächlich so gewesen war, dass die Spione ihren eigentlichen Vorgesetzten behandelt hatten wie einen Aussätzigen, einen niederen Gefangenen. Das Verhalten dieser Leute war also seltsam und höchst bedenklich gewesen, nicht? Warum?

“Niemand sprach mit mir. Ich bekam aber zumindest annehmbares Essen vorgesetzt, als ich eingesperrt war. Ich schlief wie immer schlecht, aber zumindest litt ich keinen Hunger und blieb bei Kräften. Und die brauchte ich später noch…”, erzählte Rist weiter.

“Hm? Was ist passiert? Haldorn meinte, dass euer Schiff in einen Sturm kam und viele Leute der Besatzung starben.”, mischte sich Anna neugierig ein. Ihr Freund hob eine Braue, als er sie ansah, als habe sie gerade etwas außerordentlich dämliches gesagt. Er lachte leise und freudlos, schüttelte den Kopf und schenkte ihnen Malzbier nach.

“Nein, nein. Es gab kein Unwetter...”, versicherte der Mann, als er den bauchigen Bierkrug wieder abstellte und seinen Becher an sich heran zog.

“Eines Nachts schaffte ich aus der Koje zu entkommen. Ich hatte unter dem Bett eine alte Haarnadel gefunden und es nach einer halben Ewigkeit zustande gebracht das Schloss der massiven Tür damit zu öffnen. Ich bin über das halbe Schiff geschlichen, um Erklamm zu finden…”, sagte der Mann brummig und Anna musste amüsiert glucksen.

“Glaube ich dir das nun, oder nicht?”, fragte sie belustigt und konnte es sich nicht vorstellen, wie es ihr Kumpel schaffte all seine potentiellen Feinde, einen Haufen gut ausgebildeter Zuträger, bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu umgehen.

“Sie waren besoffen. Ich lief in zwei von den Bastarden hinein und der eine erkannte mich nicht einmal. Der zweite kotzte über die Reling.”, schmunzelte der Undviker triumphierend “Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ich es schaffe auf hoher See einfach so abzuhauen. Aber dem war dann so: Ich klaute mir das kleine Beiboot und war auf und davon, ehe sie auch nur bemerkten, dass irgendetwas nicht stimmte.”

Anna lachte auf. Dies so befreit, wie sie es seit Monaten nicht mehr getan hatte. Und Hjaldrist, der lachte natürlich mit.

“Es wundert mich nicht, dass sie meinem Vater erzählten, dass ich abgesoffen sei. Zu behaupten, man sei in einen Sturm gekommen, ist eine bessere Ausrede als zu sagen, dass der Gefangene, der Sohn des Jarls, auf hoher See Reißaus gemacht hat.”, grinste Rist verwegen “So haben sie sich wohl eine ziemlich derbe Standpauke erspart. Und Strafen dafür, dass sie am Schiff gesoffen und gefeiert haben, anstatt gut auf mich aufzupassen.”

“Wie ging es weiter?”, wollte Anna gleich etwas zappelig wissen.

“Ich ruderte ein gutes Stück weit, ohne überhaupt zu wissen, wo ich genau war. Zwei Tage lang verbrachte ich auf dem kleinen Boot und holte mir den Sonnenbrand meines Lebens.”, erinnerte sich der erzählfreudige Krieger “Und dann kam endlich eine Insel in Sicht. Drakensund. Ich freute mich wie ein Schnitzel. Nur gab es da noch das Problem der hohen Klippen der Insel. Erinnerst du dich an sie? Vor Drakensund anzulegen ist selbst mit einem großen Boot schwierig und die Strömungen sind gefährlich. Zudem kam ich an die eher unzugängliche Südseite der Insel… was hieß, dass ich sie irgendwie umfahren wollte. Das funktionierte aber leider nicht so gut. Die Flut setzte ein und trieb mich den Felsen entgegen.”, entkam es dem hübschen Mann, dem die Haarsträhnen schon bis zum Kinn reichen wollten. Auffallend mehr der hellen, silberblonden Haare blitzten darin auf als früher und bestimmt hatten sie mit der elfischen Verwandtschaft Rists zu tun. Ehillea, dessen spitzohrige Großmutter, hatte weißblonde Haare besessen. Ob das bei dem Jarlssohn auch einmal so wäre? Wurde er im frühen Alter noch blond anstatt grau?

“Und dann?”, fragte Anna langsam, als sie ihren Kumpan eindringlich ansah. Sie wurde ein wenig nervös bei dem, das Hjaldrist da erzählte. Schaukelnde Boote und das dunkle, große Meer waren ihr noch nie geheuer gewesen.

“Ich sprang aus meinem Boot, ehe ich damit an den Klippen zerschellen konnte.”, sagte der Undviker und brachte seine erschrockene Freundin damit dazu den Atem anzuhalten “Aber ich wäre ja kein richtiger Skelliger, wenn ich es nicht geschafft hätte, gekonnt an Land zu schwimmen!”

“Du verarscht mich.”, murrte Anna und Rist lachte leise und nachgiebig.

“Hmpf. Also schön. Ich bin fast abgesoffen, habe es aber aus unerfindlichen Gründen doch noch geschafft halb ans Ufer zu gelangen. Irgendwo zwischen einer Felsformation und einem morschen Schiffswrack. Was das angeht, hatte Haldorn also beinahe recht.”, gab der Dunkelhaarige zu und Anna stöhnte überfordert.

“Ich kletterte über den alten Bug des Wracks an Land und legte mich dabei einmal richtig schön auf die Fresse. Hab mir die Schulter ausgerenkt und mir den Unterarm angebrochen. Aber immerhin lebte ich. Die Götter haben wohl noch Pläne für mich.”, erzählte der nostalgische Axtkämpfer weiter und nahm einen tiefen Schluck von seinem herb-süßlichen Getränk.

“Und du bist zu Adlet gelaufen.”, schloss Anna die aufregende Geschichte richtig. Hjaldrist nickte zustimmend.

“Ich war ziemlich am Ende und mein Onkel päppelte mich mit Heringsmarmelade und seinen verqueren Kochkünsten wieder auf. Auch Märthe war oft da. Und als es mir wieder etwas besser ging, blieb ich einfach bei ihnen, denn ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Es war ein wenig wie unterzutauchen. Auf der Dracheninsel war ich schließlich sicher.”, der Mann wich dem Blick seiner Gefährtin aus, als er daran zurück dachte. Sein Gesichtsausdruck verrutschte etwas, nahm einen Funken Trauer an. Und er seufzte. Schon wieder. Normalerweise, da tat er das nicht so oft.

“Ich fühlte mich zum einen von meinem Vater verraten und mir wurde klar, dass ich nie wieder nach Undvik zurück will. Und zum anderen… hielt ich dich für tot. Schließlich hatte ich dich unter den Giftpfeilen der Jarlsschatten blutend kollabieren sehen und obwohl du Giften gegenüber wohl immuner bist als andere, glaubte ich nicht daran, dass du den Angriff tatsächlich überstehst. Ich… ich wusste also nicht weiter. Sollte ich nach Skellige zurück? Nein. Doch wohin dann? Alleine durch das Festland zu reisen, erschien mir in dieser Zeit so sinnlos. Also blieb ich bei Adlet und Märthe, saß viel herum, ging angeln oder half meinem Onkel mit seinem Garten. Es ging mir nicht gut. Wirklich nicht. Ich habe dich vermisst.”, entkam es Rist ehrlich und er verzog einen Mundwinkel bedauernd. Vorsichtig blickte er wieder auf. Anna lächelte schwach.

“Irgendwann ging es dann wieder mit den Träumen los. Und in einem davon habe ich die Leute der Flammenrose gesehen. Und dich. Das hat mir gereicht, um mich aufzuraffen und wieder loszuziehen. Denn ich wusste nun schließlich, dass das, was ich nachts sehe, nicht immer völliger Blödsinn ist.”, setzte der Viertelelf seine Erzählung fort “Mein Onkel hatte keine Ahnung von den Träumen, aber ich erzähle ihm, dass ich dich suchen gehe. Dass ich glaube, dass du doch noch am Leben bist. Adlet fand diese entschlossene Entscheidung gut, ermutigte mich. Und er gab mir sein Armband, das magisch mit Märthe verbunden ist. Ja, er sagte zu mir, dass er glaubt, dass du in großen Schwierigkeiten steckst. Und dass Myrgtabrakke kommen wird, sollte ich sie brauchen. Bis dahin sollte ich das rote Band einfach behalten.”

“Wie im Märchen von dem ‘Männchen mit der Roten Schnur’.”, kommentierte Anna und erinnerte sich an die Geschichte, die man ihr einst auf Drakensund erzählt hatte. An die, in der ein armer, hungriger Bettler, den man vor einer reichen Stadt abgewiesen hatte, mit einem Drachen an einer roten Schnur zurückkam, um alle geizigen, arroganten und ignoranten Leute zu töten.

“Ja, genau.”, schmunzelte Hjaldrist “Keine Ahnung, ob mein Onkel nur gemutmaßt hatte, oder ob er genau wusste, dass wir Märthe’s Hilfe brauchen würden. Er ist ein seltsamer Kauz. Aber ich bin ihm jedenfalls sehr dankbar für diese Unterstützung.”

“Mhm.”, pflichtete Anna bei. Und dann legte sich Stille über die beiden Abenteurer. Sie war nicht unangenehm und doch musste die Alchemistin aus Kaer Morhen ihren Kopf wieder senken, um geistesabwesend vor sich hinzusehen.

Hjaldrist war es in den letzten Monaten also auch nicht sonderlich gut ergangen. Und er hatte allen Ernstes gesagt, er hätte Anna vermisst. Es war eine aufrichtige, rührende Aussage, die die geschlauchte Frau eigentlich erfreuen sollte. Aber sollte sie jene wirklich mit einem guten Gefühl in der Magengegend annehmen? Rist hatte auch auf seine eigene Art leiden und damit umgehen müssen, dass sein eigener Vater dafür gesorgt hatte, dass man ihn entführte. Das, nachdem man ihm seine treue Weggefährtin genommen hatte. Eine schreckliche Erfahrung. Traumatisch vielleicht. Doch anders als Anna hatte der Skelliger doch keinen Unsinn angestellt? Er war nicht völlig labil geworden und hatte nicht alles getan, um sich abzulenken und den Starken zu spielen, oder?

Die stumme Giftmischerin kaute sich auf der Unterlippe herum, schlug dann die geröteten Augen nieder.

Sie hatte nicht nur gestohlen und einen unschuldigen Mann in Undvik angegriffen, um in den Kerker zu kommen. Sie hatte an den Freitod gedacht, sich viel zu oft besinnungslos gesoffen oder sich so weit verausgabt, dass sie beinah umgefallen wäre. Einmal, da hatte sie sogar Fisstech genommen. Und sie hatte herum gevögelt; mit Wildfremden und ohne wirklich darüber nachzudenken, was sie tat. Jetzt, da sie sich daran erinnerte, fühlte sie sich schlecht, absolut. Sie widerte sich selbst an. Um den Tod ihres besten Freundes zu vergessen, hatte sie unbewusst so gehandelt, wie er es niemals von ihr hätte wollen. Sie hatte all das gemacht, das Rist ihr heute als gutes Gewissen auf zwei Beinen ausreden würde. Und sie hatte in ihrem Rausch oder mit ihrer gleichgültigen Einstellung geglaubt es sei gut. Sie schämte sich. Für all die vergangenen neun Monate. Anna hatte sich verhalten, als sei sie nicht sie selbst gewesen und diese Tatsache kam ihr nun langsam, ganz langsam, in den wieder klarer werdenden Sinn. Jetzt, wo ihr Rist gegenüber saß und sie daran erinnerte, wer sie sein konnte, war sie sich selbst fremd. Oh, wie hatte sie sich nur aufgeführt! Selbstmordgedanken, Techtelmechtel mit widerlichen Typen. Zwei Dinge, von denen sie ihrem besten Kumpel niemals von sich aus erzählen würde. Denn, ja, man konnte mit ihm bestimmt über alles reden... doch wenn es um die beiden besagten Thematiken ging, fühlte sich Anna jetzt wie eine ungezogene Tochter, die ihrem Vater nicht erzählen wollte, was sie angestellt hatte, weil es dafür nur wieder lauten Tadel gab. Besser also, sie hielt die Klappe.

“Du solltest mit deiner Hand zu einem Heiler gehen.”, ein lieber Kommentar seitens Hjaldrist, der Anna wieder aus ihren finsteren Gedanken riss. Und sie nickte zögerlich.

“Kommst du mit?”, fragte sie und es klang mehr wie eine Bitte. Es war irrational, doch gerade, da wollte sie nicht ohne ihren besten Freund aus dem Haus. Sie hatte ihn doch gerade erst wieder zurück. Alleine umher zu spazieren war für sie also keine Option, denn das hatte sie viel zu lange getan. Lieber ging sie neben Rist her und erzählte ihm von den wenigen schönen Sachen, die sie in den letzten Wochen erlebt hatte.

“Klar.”, meinte der nette Jarlssohn wie selbstverständlich. Und das tat er dann auch. Sie fanden im kleinen Dorf eine alte Kräuterfrau, die früher einmal als Ärztin im Krieg gewaltet hatte und Anna eine Schiene anlegte, damit deren blau und grün geschwollene Finger wieder gerade zusammenwachsen konnten. Zurück im ‘Feldblick’ wusch sich Anna, aß noch eine Kleinigkeit und nahm sich eine Kanne Tee mit auf Rist’s Zimmer. Zum Unmut Svenjas hatte sie es nämlich abgelehnt sich einen eigenen Raum zu mieten. Vor den ungläubigen Augen von Ravello und der Spionin, die beide wieder zurückgekehrt waren, hatte Anna Hjaldrist kleinmütig gefragt, ob sie denn bei ihm schlafen dürfe. Und er hatte einfach genickt und ihr die Schulter getätschelt. Svenja hatte in diesem Moment ausgesehen, als erleide sie einen schweren Herzinfarkt, doch alle Anwesenden hatten dies so weit es ging ignoriert. Und nun lag Anna zum ersten Mal seit Tagen wieder in einem bequemen Bett. Mit einem großen Kopfkissen, einem weißen Laken und einer sauberen Decke. Frisch gewaschen, mit verbundener Hand und einer Kanne gesüßten Tees auf dem Beistelltischchen. Es war eigentlich so gewöhnlich, doch wenn man einmal wie der letzte Dreck in einem Schmutzloch eingesperrt gewesen war und dies für gefühlte WOCHEN, dann war ein gemütliches Bett neben einer warmen Mahlzeit das Beste, das man haben konnte. Einzig und allein seinen totgeglaubten besten Freund überraschend wieder bei sich zu haben war noch besser.

Anna rutschte rücklings ein Stück weit der hellen Wand entgegen, an der das Bett stand, um Rist Platz zu machen. So wie bei ihrem Gang zur Heilerin und der Bitte danach hier schlafen zu können, hatte sie kleinlaut darauf bestanden, dass der Skelliger auch weiter nicht von ihrer Seite wich. Zwar fühlte sich Anna gerade ein wenig wie ein kleines Kind, das bei seinen Eltern im Bett schlafen wollte, weil es Angst davor hatte, allein sein zu müssen, aber sei’s drum. Heute, da war ihr dies genauso einerlei wie der Umstand, dass sie vor ihren Begleitern geheult hatte wie ein junges Mädchen und dass Ravello sie splitterfasernackt gesehen hatte. Und vielleicht gehörte das hier ja auch dazu, dass sie es verkraften konnte, dass Hjaldrist so plötzlich wieder aufgetaucht war. In ein paar Tagen, da würde sich Anna wieder mit Vorliebe allein auf ihrer Schlafgelegenheit breit machen. Dann, wenn ihr wirrer Schädel kapiert hatte, dass ihr Seelenverwandter nicht wieder fortgehen würde. Auch dann nicht, wenn er einmal ohne sie wohin stolzierte. Aber heute war dem nicht so.

“Ich werde dich später hierfür aufziehen, das ist dir klar?”, fragte Rist leise und mit seiner gewohnten, gespielten Schadenfreude im Ton, als er die Decke über sich und Anna zog.

“Du Arsch.”, murmelte die Frau, die ihm gegenüber lag, bloß und erntete dafür einen erheiterten Blick. Man sah es dem gutmütigen Undviker an, dass er nur scherzte und dass er durchaus verstand, warum sich seine Freundin hier voller Verlustangst in seinem Bett zusammenrollte. Vielleicht ging es ihm ja wie ihr und es war ihm ebenso lieber, dass sie hier war anstatt in einem eigenen Gästezimmer am anderen Ende des Korridors. Seine Taten sprachen jedenfalls dafür, denn er legte einen Arm einfach so um die völlig ermattete Novigraderin, die längst irgendwo zwischen Wachsein und dem Einschlafen wankte.

“Wir tun einfach so, als ob wir uns draußen in nem Zelt den Arsch abfrieren.”, murmelte Anna weiter “Dann fühlt sich die Erinnerung an das hier später nicht zu eigenartig an...”

“Aber wenn wir uns draußen die Ärsche abfrieren, liegst du eigentlich immer hinter mir.”, erinnerte Rist richtig und musste schief lächelnd mit den Augen rollen.

“Dann dreh dich um.”, brummte Anna und schnaufte müde. Der Mann vor ihr schwieg auf diese Forderung hin kurz und zögerte, als müsse er innerlich mit sich hadern.

“...Nein.”, sagte er dann auf einmal entschlossen.

“Pff.”, bekam er nur noch als schläfrige Antwort zurück. Die entkräftete Hexerstochter bemerkte Sekunden später nicht einmal mehr, wie sie einnickte und in einen sehr, sehr tiefen Schlaf fiel. Morgen, da wäre wieder alles besser. Es wäre wie ein neuer Anfang.

 

Als Anna erwachte, dämmerte es vor dem Fenster des Tavernenzimmers. Im ersten Moment, in dem sie zu sich kam, war sie wirr und wusste nicht, wo sie sich befand und wie sie an diesen wohligen, ruhigen Platz gekommen war. Doch ihre Erinnerung holte sie ein, ehe sie die Augen richtig geöffnet hatte. Mit der warmen Decke bis zur Nase hochgezogen und ihrem besten, noch schlafenden Freund vor sich, fühlte sie sich wenige Herzschläge lange etwas überfordert. Denn es war so friedlich, so altgewohnt. Sie war überwältigt von der Tatsache, dass nach einem monatelangen Martyrium alles wieder so war wie früher. Einfach so und von einem Tag auf den nächsten. Nun, vielleicht stimmte das nicht so ganz, denn manche Dinge und Erfahrungen prägten einen in gewisser Art und Weise. Aber dennoch. Ein Lächeln kitzelte Anna’s Mundwinkel, als sie die Augen wieder schloss und sich dazu entschied noch eine Weile liegen zu bleiben. Hätte sie noch enger an Hjaldrist heran rutschen können, hätte sie das nun getan. Denn wie war das nochmal gewesen? Sie taten heute einfach so, als sei ihnen kalt? Was für ein Schwachsinn. 

Noch näher rücken, das ging aber nicht. Und wo die armselige, verletzte Alchemistin gestern herum gejammert hatte wie ein kleines Kind, darauf bestanden hatte, dass ihr Kumpel bei ihr blieb und damit ihre Gefühle verbal zum Ausdruck gebracht hatte, so war Rist eher der ‘körperliche’ Typ. Und deswegen hielt er Anna, die er so lange für tot gehalten hatte, im Schlaf fest, als sei sie ein übergroßes Stofftier. Es war ungewohnt aber behaglich. Und es war gut, dass sie sich beide noch immer auf der Ebene einer innigen Freundschaft befanden, auf der man das hier auch tun konnte. Dies völlig selbstverständlich und etwas später mit blöden Witzen darüber auf den Lippen.

Oh, die rasende Svenja würde sich ihren Teil denken, nicht wahr? Sie war doch schon völlig außer sich gewesen, als sich Hjaldrist und Anna bei ihrem Wiedersehen nur umarmt hatten. Absolut eifersüchtig war sie abgehauen, um erst sehr spät wieder aufzutauchen und sich die Haare dann noch einmal zu raufen, als sie mitbekommen hatte, dass ihr geliebter Skelliger seine beste, nervlich fertige Freundin mit auf sein Zimmer nahm. Wäre Anna boshaft, hätte sie nun schadenfroh gegrinst und sich die Hände gerieben. War sie aber nicht. Sie empfand Svenja’s Getue einmal wieder nur als absolut entnervend und überflüssig. Auch hinsichtlich Ravello, dem der Rotschopf nun ja wochenlang nachgestiegen war. Die beiden hatten sich schon fast so verhalten, als würde das, was da zwischen ihnen lief, bald ernster werden. Es war Normalität gewesen, dass die Undvikerin den popeligen Ritter mit zweideutigen Sprüchen oder Blicken lockte oder sich im Gegenzug von ihm um die Finger wickeln ließ. Dahingehend hatten sich die beiden Idioten irrsinnig gut ergänzt. 

Doch was würde jetzt passieren, wo Rist wieder da war? Bestimmt würde Svenja Ravello links liegen lassen, um wieder die alte, große Liebe des armen Jarlssohns zu spielen, ganz bestimmt. Es war dreist und ziemlich daneben, absolut egoistisch, trampelhaft. Aber so war die ehemalige Skrugga eben. Und die Hexerstochter befürchtete, dass sie noch viel Stress mit dieser launischen Frau haben würde. Oh, Svenja würde sich aufpudeln und Anna zum gefühlten hundertsten Mal darüber belehren, dass man ihr Rist nicht ‘wegnehmen’ dürfte. Und die Alchemistin würde wieder nur da sitzen, mit den Schultern zucken und die Stirn skeptisch runzeln. So war es früher immer gewesen. Dem Rotschopf klarzumachen, dass man Hjaldrist nicht verliebt nachsabberte und auch nicht vorhatte eine Beziehung mit ihm einzugehen, war müßig. Es brachte nichts. Ärger stand also am Plan. Doch nicht jetzt und hier, zum Glück. Gerade, da konnte die sich erschlagen fühlende Anna noch in Ruhe dösen, bis sie der Hunger später aus dem Bett zwingen würde. Und es dauerte auch nicht lange, bis sie wieder knapp davor war in das Reich der Träume abzudriften. Im Halbschlaf bemerkte sie, wie sich Hjaldrist vor ihr regte und hörte, wie er schläfrig-benommen seufzte. Sie spürte, wie der Mann etwas lockerer ließ und seinen Arm dann wieder ganz an sich zog, sich aber nicht weiter bewegte. Vermutlich hatte er selbst auch noch vor faul liegen zu bleiben. Es war ja auch noch früh und die ersten, orangen Sonnenstrahlen schafften es kaum über den schmalen Fenstersims des stillen, schlicht eingerichteten und kleinen Gästezimmers herein.

Wieder rührte sich Rist ein wenig. Und dann waren da auf einmal seine Finger, die nach Anna’s unversehrter Hand fassten, um jene festzuhalten. Augenblicklich glaubte die zuvor noch halb einnickende Frau, sie sei hellwach. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus und das Adrenalin klatschte ihrer Überraschung Beifall. Doch sie hielt die Augen gezwungen geschlossen und stellte sich schlafend. Irgendwie schaffte sie es auch tatsächlich sich nicht merkbar zu versteifen und stattdessen ruhig weiter zu atmen. Sie wurde ein wenig nervös, spürte die Körperwärme ihres gerade ungewohnt zugetanen Freundes auf einmal viel deutlicher als noch zuvor. Ihr Kopf wollte nicht so recht funktionieren. Doch mehr geschah nicht. Anstatt der überrumpelten Giftmischerin so wie noch zuvor beim Dösen einen Arm um die Schultern zu legen, hielt Hjaldrist einfach ihre linke Hand in der seinen. Und dass dies passierte war eigentlich auch nicht schlimm, fand Anna, als ihr Hirn den Moment endlich erfasste. Das hier war nur eigenartig, weil der anwesende Mann noch nie in solch einer Art auf seine Begleiterin zugegangen war. Anna schob dessen Verhalten also einfach auf die ungläubige Wiedersehensfreude und den Versuch zu verstehen, dass man einander wieder hatte. Und dann, als die sich schlafend stellende Kriegerin Augenblicke später spürte, wie sie vermeintlich heimlich auf die Stirn geküsst wurde, sackte ihr das Herz nicht wieder vollends in den Magen. Sie ließ es zu, blieb relativ gelassen, wunderte sich nicht mehr zu sehr. Denn an Tagen wie heute war Zuneigung, die etwas an der Außengrenze von bloßer Freundschaft kratzte, schon in Ordnung. Es war nur menschlich, was sie taten. Und schließlich geschah ja auch nicht mehr.

 

Anna erwachte, nachdem sie vorhin wieder eingeschlafen war, erneut, bevor Rist es tat. Mittlerweile war es hell im Zimmer und von draußen konnte man das Geschrei von Kindern und das Bellen eines aufgeregten Hundes vernehmen. Die Frau drehte sich langsam auf den Rücken, entzog die Finger der warmen Hand ihres Freundes und streckte sich leise ächzend. Mit genervt verzogenem Mundwinkel rieb sie am Verband, der ihr die Schiene an der rechten Hand hielt. Das dumme Ding juckte. Vielleicht sollte sie es später vorsichtig ersetzen?

Die burschikose Alchemistin, die nicht mehr trug als ihre Unterkleider und ein Hemd, sah der getäfelten Zimmerdecke schlaftrunken entgegen. Dann drehte sie den Kopf dem zu, der da ihr zugewandt auf der überraschend bequemen Matratze lag und friedlich schlief. Kurz taxierte sie Rist, entschloss sich dann aber dazu ihn schlummern zu lassen. Der Kerl tat dies zu oft zu selten und wenn die Sache mit seinen Träumen schlimmer geworden war, dann konnte er jeden Augenblick der Ruhe gut gebrauchen. Also machte sich die wohlwollende Hexerstochter daran sich so leise und vorsichtig als möglich aus dem Bett zu schälen. Sie zog die helle Decke von sich und überließ jene ihrem besten Freund. Dann rutschte sie dem Fußende des Bettes entgegen, um aufzustehen. Ihr wundes Knie schmerzte ein wenig, doch es war nicht schlimm. Sie würde später eine Salbe darauf verschmieren, einen Verband darum wickeln und dann wäre es gut. Aber erstmal würde sie sich auf die Suche nach dem Abort und einem Frühstück machen…

In ihre Hose schlüpfend und die Stiefel schlampig anziehend, schlich Anna zur Zimmertür. Ob man sich frühmorgens Speck-Pfannenkuchen bestellen könnte? Oh, hoffentlich!

 

Der Schankraum war bis auf eine kleine Gruppe kartenspielender Reisender leer. Svenja und Ravello waren weit und breit nicht zu sehen. Nur die Gwentspieler waren da, hatten ihre Waffen neben sich auf den Tisch gelegt und zockten um Geld. Sie sahen aus, als seien sie vor ihrer Rast lange unterwegs gewesen. Und sie muteten nicht an wie Männer, deren Gesellschaft Anna direkt nach dem Aufstehen guttat. Also wandte sie den interessierten Blick schnell ab und begab sich auf den Weg zum abgegriffenen Schanktresen, um die Wirtin dort auf das Frühstück anzusprechen. Die zierliche, blonde Magd des Hauses schob sich dabei grüßend und höflich lächelnd an Anna vorbei, um mit einem Bierkrug auf die Fremden mit den Waffen und den Karten zuzugehen. Wie erwartet hörte man Sekunden später, wie die dreckigen Kerle pfiffen und das Mädchen mit anzüglichen Worten bedachten. Die ohrenspitzende Hexerstochter, die einen vielsagenden Blick der wenig begeisterten Wirtin erntete, seufzte tief aus und sah über ihre Schulter nach hinten. Einer der Fremden zwickte der armen Schankmagd dreist in den Hintern, dass sie sprang und einen erschrockenen Laut von sich gab. Mehr geschah aber nicht. 

Hm. Die morgendlichen Gäste des Hauses schienen sich ja einigermaßen zu benehmen zu wissen. Und einer Angestellten einer Taverne auf den Arsch zu hauen, war doch ‘normal’, nicht wahr? Urgh. Es war zum Kotzen. 

Anna sah wieder fort und schenkte den widerlichen, stinkenden Typen keine Beachtung mehr. Einmal wieder war sie froh darüber, dass Ravello und Rist ganz anders waren, als die meisten Kerle, die sie je getroffen hatte. Ravello war ein Charmeur, der nach Duftwässerchen roch und er überhäufte Frauen lieber mit Blumen als mit anzüglichen Sprüchen oder Berührungen. Und der gute Hjaldrist war… naja, eher für sich. Konnte man das so nennen? Und jetzt, wo sie so darüber nachdachte, fiel der grüblerischen Giftmischerin auf, dass sie es noch nie gesehen hatte, dass ihr Kumpel aus dem Westen irgendeiner Frau hinterher stieg. Sie hatte ihn noch nie verwegene Blicke mit irgendeinem hübschen Weibsbild austauschen sehen, geschweige dessen, dass der gut erzogene Skelliger seine Finger immer für sich behielt. Oder sah Anna ihn einfach nur so züchtig, weil sie ihn sehr gern hatte und es ihm nicht zutraute, dass er Frauen als Objekte der Begierde betrachtete, sondern als Menschen? Aber vielleicht war er ja ganz anders und in unbeobachteten Momenten ein übler Draufgänger wie er im Buche steht? Oh, nein. Schwer vorstellbar. 

Also... warum riss sich der Jarlssohn denn niemanden auf? War er zu schüchtern? Oder… Moment mal. Er stand doch nicht etwa auf Männer?

Anna, die gerade eine große Portion Pfannenkuchen und einen Humpen Milch überreicht bekam, blinzelte ihrer schrägen Gedanken wegen abwesend und ziemlich perplex. Ein grenzdämlicher Ausdruck, wegen dem die dürre Wirtin sie fragend ansah. Die kurzhaarige Novigraderin schüttelte schnell den Kopf und wandte sich, um nach oben zu gehen.

Nein, sie glaubte nicht, dass Rist jemand war, der mit Kerlen schlief. Denn wäre dem so, hätte sie doch am Rande etwas davon bemerkt. Der hübsche Undviker, der eigentlich jede und jeden haben könnte, grub weder Frauen noch Männer offensiv an, betatschte keinen und das selbst dann nicht, wenn er betrunken war. Er war also vermutlich wirklich nur brav, ein Romantiker und nicht daran interessiert sich durch die halbe Welt zu bumsen. Ja, auch das schien es heutzutage noch zu geben. Und es war angenehm zu wissen solch einen Freund als guten Einfluss zu haben.

 

“He!”, eine bekannte Stimme hielt Anna unfreundlich auf, als sie gerade die knarrende Holztreppe zu den Gästezimmern erklommen hatte, um zurück zu Rist zu gehen. Den Teller mit den aufgehäuften Pfannenkuchen in der Linken haltend und den Milchhumpen etwas ungeschickt zwischen rechten Arm und Körper geklemmt, hielt die Frau im staubigen Korridor inne. Sie hatte nicht im kleinen Schankraum bleiben wollen, denn die vier Reisenden dort unten passten ihr nicht in den Kram. Wäre sie in ihrer Nähe geblieben und hätte sie sich blöde Kommentare dieser Arschlöcher anhören müssen, hätte sie sicherlich eine Prügelei angezettelt. Die Folgen dafür wären unschön gewesen, ganz bestimmt. Denn noch immer fühlte sich die verletzte Kurzhaarige von ihrer Gefangenschaft ermattet und schwach.

“Was soll das?”, fragte Svenja, die ihre Kollegin hier patzig angesprochen hatte. Die Rothaarige war aus ihrem Zimmer getreten und dabei hoffentlich nur zufällig in Anna gelaufen. Oder hatte sie etwa den Zeitpunkt abgewartet, in dem die Giftmischerin vorbei spazierte? Zuzutrauen wäre es ihr gewesen.

“Was soll was?”, fragte Anna trocken nach und versuchte dabei so gleichmütig wie möglich zu klingen.

“Du weißt schon, was ich meine.”, brummte die Spionin, die sich da an die kalte Wand des Ganges lehnte und die Arme eng vor der Brust verschränkte. Sie sah aus, als wäre sie schon länger wach, trug fast ihre volle Ausrüstung und ihr langes, lockiges Haar - im Gegensatz zu der zerknautschten Kriegerin mit den zwei gebrochenen Fingern - ordentlich gekämmt. Sie erhob die Nase leicht, als fühle sie sich überlegen. Na großartig.

“Komm runter, Möhre.”, meinte Anna schlicht “Es ist nichts passiert.”

“‘Nichts passiert’?”, wiederholte die sommersprossige Undvikerin beachtlich säuerlich “Du sahst ihn gestern mit deinem Hundeblick an und hast ihn gefragt, ob du BEI IHM SCHLAFEN kannst.”

“Ja und?”, antwortete die etwas größere Frau aus dem Norden aus Ermangelung anderer Worte. Ja, sie hatte Rist nett darum gebeten bei ihm bleiben zu dürfen. Mehr aber nicht. Svenja, der war das jedoch egal. Alles, was über das Umarmen ‘ihres’ Hjaldrists hinausging, war für sie schlimmer Betrug und Verrat. Unglaubliche Eifersucht lenkte die überhebliche Inselbewohnerin, Missgungst und Argwohn. Es war nicht auszuhalten.

“Du hattest gesagt, dass du nichts von ihm willst.”, erinnerte die ehemalige Skrugga zornig und musste sich sichtlich darum bemühen nicht zu schreien. Hätte sie nämlich mit hochrotem Kopf herum gebrüllt, hätte sie die Leute der gesamten Etage auf die Auseinandersetzung hier aufmerksam gemacht. Und das wollte sie sicherlich nicht.

“Ich will auch nichts von Rist.”, verteidigte sich Anna relativ ruhig, doch mit genervter Miene. Sie hatte einen fürchterlichen Hunger und wollte in ihr Zimmer, um ihre Speck-Pfannenkuchen zu essen. Außerdem war sie vor kurzem erst aufgestanden und hatte wenig Lust auf eine blöde Diskussion um Svenja’s Objekt der Begierde.

“Ich habe noch nie solch eine schlechte Lügnerin getroffen wie dich, Arianna.”, knurrte Svenja böse und verengte die grünen Augen zu Schlitzen “Oh, du hattest mir versprochen ihn nicht anzurühren. Und was machst du? Ich habe doch gesehen, was du die letzten Monate über gemacht hast. Wie du diese ekelhaften Kerle mit dir genommen hast, du Flittchen. Wie du Ravello erzählt hast, dass du ein Mittelchen hast, das dich unfruchtbar macht und du dich deswegen austoben kannst.”

Die Konfrontierte schwieg.

“Du hast dich immer wie eine kleine Schlange aus den Gesprächen mit mir heraus gewunden. Aber mittlerweile kenne ich dich doch. Du geierst allem nach, das nicht bei Drei auf den Bäumen ist.”, sprudelte es aus der erbosten Skelligerin heraus und sie schnaubte wütend. Sie stieß sich von der alten Wand in ihrem Rücken ab, um ein paar Schritte auf Anna zugehen zu können und deutete mit dem Zeigefinger anschuldigend auf die Jüngere.

“Dabei ist es dir sogar egal, ob du einen Mann oder eine Frau in dein Bett zerrst. Es ist ekelhaft.”

“Halt’s Maul. Du hast keine Ahnung.”, entkam es der beleidigten Hexerstochter sogleich und ein Schatten wollte über ihr Gesicht huschen. Im Geiste ermahnte sie sich trotz allem zur Fassung und dazu eine ruhige Miene zu behalten. Dies brächte hier vorerst mehr, als loszuschimpfen oder sich aufgebracht zu zeigen.

“Doch, ich habe Ahnung.”, Worte, die Anna ignorierte und die sie überging, indem sie selbst noch einmal zum Sprechen ansetzte.

“Lass das, was früher einmal war, endlich ruhen. Ihr wart zusammen, ja, aber heute, da hat Hjaldrist kein Interesse mehr an dir. Hätte er das, hättest du es nicht so schwer bei ihm zu landen. Und dann wärst du ihm auch nicht egal, hm?”, murrte die Kriegerin mit der fuchsroten Strähne “Erst machst du mit Ravello rum und jetzt, wo Rist wieder da ist, lässt du ihn links liegen und willst dich wieder an Hjaldrist kletten, wie eine eifersüchtige Ehefrau. Das ist doch gestört. Sieh dich doch mal selbst an.”

“DU bist gestört, Arianna.”

“Mag sein. Aber wenigstens rücke ich damit keinem persönlich auf die Pelle und betrachte andere Personen nicht als mein Eigentum.”, schnaufte die Frau, die ihr Frühstück festhielt. Hätte sie die heile Linke frei gehabt, hätte sie es sich wirklich überlegt Svenja für ihr Gezeter eine zu verpassen. Ein Schlag auf die Nase hätte die Närrin sicherlich wieder einigermaßen zur Vernunft gebracht.

“Ich war seine ERSTE Liebe und werde es immer bleiben. Und irgendwann, wird er das wiedererkennen. Es wird ihm wie Schuppen von den Augen fallen.”, versprach Svenja selbstsicher und erinnerte Anna in diesem Moment irgendwie an eine fauchende Katze. Die Alchemistin rümpfte die Nase leicht.

“Er ist nur noch immer zu verblendet und verletzt.”, schnappte die ehemalige Spionin und starrte ihr Gegenüber ungebrochen giftig an “Aber irgendwann, da wird er sich erholt haben und dann wird alles wieder wie früher.”

Anna zog die Brauen tief zusammen und legte den Kopf einen Deut weit irritiert schräg. Drehte Svenja nun komplett durch? Nur, weil die Hexerstochter bei ihrem besten Freund übernachtet hatte? Ankuscheln, Händchenhalten und Küsse auf die Stirn hin oder her. Da lief nichts!

“Was, zum Geier, redest du da?”, entkam es Anna langsam und in ihrem Unterton schwang eine scharfe Drohung mit, ein stummes ‘Schlag nicht noch weiter über die Stränge, oder ich stelle mein Frühstück fort, um dir die ungehaltene Fresse zu polieren!’

“Was ich rede??”, lachte Svenja abschätzig und ohne Freude im Ton. Sie musterte Anna schief von oben bis unten. Dann schien sie eine unergründliche Erkenntnis einzuholen, denn ihr Gesichtsausdruck lichtete sich abrupt und ein verachtendes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht.

“Oh…”, machte die damalige Skrugga langgezogen und arrogant “Du hast also keine Ahnung.”

“Was? Wovon?”, brummte Anna und war zunehmend verwirrt. Was sollte das mysteriöse Getue denn nun schon wieder?

“Er hat es dir nicht erzählt.”, stellte Svenja fest, als freue sie sich über diesen undurchsichtigen Umstand. Sie stemmte sich die Hände in die Seiten und gluckste grimmig-belustigt.

“Ihr seid ja wirklich sehr, sehr gute Freunde.”, setzte sie dem dann noch mit solch einem Sarkasmus in der Stimme nach, dass es einem in den Ohren wehtat. Zudem kratzte dieser indirekte Vorwurf, dieses Herunterspielen der guten Freundschaft zwischen dem Undviker und seiner Kumpanin aus Kaer Morhen, am Stolz der letzteren. Sie hatte keine Ahnung wovon Svenja, diese dumme Schnepfe, hier schon wieder redete. Aber sie bekam mehr und mehr das Verlangen danach den Boden mit dem vorlauten Rotschopf aufzuwischen. Ja, was erlaubte sich dieses Inselgör denn eigentlich? 

Gekränkt verengte Anna die braunen Augen und obwohl sie eigentlich einen Scheiß auf das gab, was Svenja’s Mund verließ, fragte sie sich, ob Rist ihr wirklich etwas sehr wichtiges verschwieg. Und warum er das tat. Die geschulte Silberzunge Svenja war gut darin manipulativ zu sein und das in diesem Moment so sehr, dass sie gar die sture Anna damit erwischte. Oh, was, bei allen Schöpfern, war früher einmal passiert, das zur Trennung von Hjaldrist und seiner Ex hier geführt hatte? Was war es bloß gewesen, dass Svenja es hier so kryptisch anschnitt und es dazu benutzte, um der jüngeren Frau vor sich ein schlechtes Gefühl einzuzwängen?

“Du bist ein völlig durchgeknallter Trampel.”, presste Anna hervor, um sich zu wehren “Ich dachte, dass du dich gebessert hättest. Aber das hast du nicht. Und jetzt geh mir aus dem Weg.”

Svenja schnaubte belustigt und trat leger zur Seite. Die Kriegerin aus der Wolfszunft strafte sie noch einmal bösen Blickes, dann schob sie sich an der Skelligerin vorbei, um zu gehen.

Nur wenige Atemzüge später war Anna schon zurück im angemieteten Gästeraum. Gerade schob sie die Zimmertür mit der Hüfte zu, denn schließlich war sie vollbepackt mit kalt gewordenem Essen. Ihr Blick fiel auf Rist, der mittlerweile ebenso wach war und sich die Augen reibend auf der schmalen Bettkante saß. Die Schwertkämpferin hielt kurz inne, schloss die trockenen Lippen und musterte ihren Kumpel mit gemischten Gefühlen in der Magengegend. Der Streit mit Svenja steckte ihr noch tief in den Knochen, doch sie zwang sich gewaltsam dazu deren Worte zu verdrängen und eine frohe Miene aufzusetzen.

“Guten Morgen, Sonnenschein.”, lächelte Anna schief.

Oh Mann… Sie hätte Svenja eine verpassen sollen. Oder zwei. Wäre Anna nur nicht noch von den vergangenen Tagen geschwächt gewesen, dann hätte sie sich nicht so schnell zurückgezogen. Sie wäre der blöden Schlampe nicht aus dem Weg, sondern an die Gurgel gegangen, ganz sicher.

“Ich habe Frühstück mitgebracht.”, verkündete die Frau dann noch, als sie zu ihrem Kumpan kam und sich dankend den großen Humpen voller Milch abnehmen ließ.

“Schon wieder diese Pfannenkuchen?”, schmunzelte Hjaldrist noch etwas müde, als er erkannte, was Anna da bei sich hatte. Er nahm einen Schluck aus dem mitgebrachten Trinkgefäß.

“Ja und dieses Mal haben die mir die Dinger sogar mit Käse überbacken.”, freute sich die Kurzhaarige, als sie sich zu ihrem Freund setzte und ihm eine von zwei Gabeln reichte, die in dem fettigen Berg aus Teig, Speck und Sirup gesteckt hatten. 

Friedlich aßen die Abenteurer dann zusammen. Anna erzählte nicht von Svenja, denn sie wollte nicht länger über deren toxische Worte nachdenken. Und es fiel kein Wort über die vergangene Nacht, über das enge Zusammen-Schlafen und die Tatsache, dass Anna mitbekommen hatte, wie Hjaldrist ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt hatte. Denn wie war das nochmal? In unglaublichen Zeiten wie dieser, waren solche Dinge unter Freunden auch mal in Ordnung.

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