Kapitel 41

Herzensangelegenheiten und Alraunenschnaps

Hjaldrist bekam nicht viele Bissen des reichlichen Frühstückes runter. Nicht, dass er eigentlich keinen Hunger hatte. Den hatte er schon. Auch fand er die eigenartigen Speck-Pfannenkuchen des Hauses ganz gut. Aber er war nervös und der Grund dafür saß da neben ihm und erzählte ihm gerade begeistert davon, dass es in den Ruinen des Ordens der Flammenrose eine Bibliothek geben könnte.

“Schließlich experimentierten diese Leute viel… es muss also ein Labor und einen Haufen Bücher geben.”, schlussfolgerte Anna, als sie das Frühstück geschäftig klein schnitt und dazu ansetzte die übergroße Portion gebackenen Teiges und Specks in genau zwei gleich große Hälften aufzuteilen. Sie ahnte schließlich nicht, dass ihr Kumpel gerade nicht so viel essen könnte wie sie.

“Mhm.”, machte der anwesende Mann nur und beobachtete seine gesprächige Gefährtin, ohne ihr wirklich zuzuhören. Seine dunklen Augen wanderten flüchtig an der Giftmischerin mit den vom Schlafen wirren Haaren runter und wieder nach oben, blieben an deren Profil hängen. Hjaldrist hatte seine Gabel längst sinken lassen und hätte er sich gerade selbst dabei gesehen, wie fasziniert er seine Freundin ansah, hätte er beide Hände fest vor dem Gesicht zusammengeschlagen.

Anna war… hübsch. Also nicht nur das, sondern anziehend. Dies, obwohl man ihr ansah, dass sie erst vor kurzem aus dem Bett gekrochen sein musste. Sie sinnierte mit halb vollem Mund vor sich hin, in ihrer Männerkleidung und mit den recht kurzen Haaren, und dennoch tat es der Tatsache nichts ab, dass der Skelliger den aufmerksamen Blick nicht von ihr nehmen konnte. Es war im gestern schon so ergangen. Nachdem sie sich auf dem Vorplatz der alten, verkommenen Burg gegenüber gestanden hatten, hatte er geglaubt, sein armes Herz spränge ihm noch aus der viel zu engen Brust hervor. Hjaldrist hatte kaum mehr klar denken können, als er seine totgeglaubte Gefährtin erblickt hatte, hatte sie bei ihrer mitreißenden Begrüßung gar nicht mehr loslassen wollen. Und dann, auf ihrem Weg in dieses kleine Bauerndorf, beim Abendessen und später im Zimmer, war ihm mehr und mehr bewusst geworden, dass sich da etwas verändert hatte. In der Art, wie er Anna sah.

Oh, die letzten Monate waren hart gewesen. Hjaldrist hatte zwar ein ruhiges und relativ gemütliches Leben bei seinem Onkel Adlet und Märthe geführt; zurückgezogen und frei von jeglichem Ärger. Doch er hatte damit zurechtkommen müssen, dass ihn sein verdammter Vater hatte entführen lassen wollen. Dass sich dies so anfühlte wie arger Verrat oder hintergangen zu werden. Er hatte es mittlerweile auch irgendwie verkraftet. Womit er aber nie klar gekommen war, war der fürchterliche Umstand gewesen, dass sein Erzeuger Anna hatte töten lassen. Oder jedenfalls hatte der ratlose Hjaldrist dies irrsinnig lange schmerzlich angenommen. Und obwohl seine Zeit bei Adlet sonst mehr oder weniger sorgenfrei verlaufen war, so hatte ihn die Tatsache des Fehlens seiner guten Freundin wahnsinnig gemacht. Ja, krank gemacht hatte ihn die Vorstellung, dass er sie nie mehr wieder sehen würde, weil man sie mit tödlichen Giftpfeilen niedergestreckt hatte. Oh, das Bild, das der Jarlssohn dazu noch immer im Kopf hatte, war scheußlich: Anna war umgekippt, hatte geschrien und sich an die Wunden gefasst. Und auf einmal war sie so blass geworden, ihre Lippen fahl und bläulich. Geröchelt hatte sie, gekrampft, sich übergeben. Dann war sie kollabiert und in ihrer eigenen Kotze liegen geblieben. Eine schreckliche Erinnerung, die dem gebeutelten Hjaldrist heute noch einen höchst unangenehmen Schauer über den Rücken jagte und ihm den Körper versteifte.

Er war also auf Drakensund gewesen und obwohl er sich in Gesellschaft befunden hatte, hatte er sich so einsam gefühlt, allein gelassen, traurig. Er hatte zuerst seinem Vater die Schuld dafür gegeben, dann sich selbst. Und irgendwann, als es nicht besser geworden war, hatte er sich gefragt, ob er… ob er Anna vielleicht geliebt hatte. Ob da doch mehr gewesen war als diese enge, bedingungslose Freundschaft. Gestern, da hatte Hjaldrist seine Antwort darauf gefunden.

“...glaubst du nicht auch?“, endete Anna ihren langen Monolog leise lachend und ließ ihren geistig abwesenden Kumpan dabei aufhorchen. Ein klein wenig irritiert sah er sie daher an, mehr als ein verwirrtes ‘Äh’ entfleuchte ihm nicht. Und als seine unschlüssige Kumpanin ihn mit erhobenen Brauen ansah, fühlte er sich urplötzlich ziemlich bescheuert.

“Alles in Ordnung...?”, wollte die Hexerstochter langsam wissen und legte den Kopf skeptisch schräg. Hjadrist schluckte trocken und räusperte sich.

“Ja. Ja, alles gut.”, entkam es ihm lasch und man sah es Anna an, dass sie ihm nicht so recht glauben wollte.

“Hast du wieder schlecht geschlafen?”, wollte sie aus diesem Grund wissen und der konfrontierte Skelliger mit dem viel zu schnell pochenden Herzen nickte. Er hatte in der Tat wenig geschlafen. Dieses Mal hing es aber weniger mit seinen Träumen zusammen, als mit der Frau, die da bei ihm im schmalen Bett gelegen hatte. Die halbe Nacht lang hatte er ihr einfach nur wie gebannt beim Schlafen zugesehen.

Anna’s Miene verrutschte in eine mitleidige Richtung und sie seufzte leise.

“Ich habe gepennt wie ein Stein. Tut mir leid.”, meinte sie und lächelte dabei etwas betreten. Wofür entschuldigte sie sich denn?

“Was?”, entkam es dem Undviker planlos.

“Ich habe dir damals doch gesagt, dass ich da sein werde, wenn du wieder schlecht träumst.”, erinnerte die Frau und fuhr sich mit der Hand durch den Nacken. Hjaldrist’s Blick sank von eben dieser fort, hin zu dem aufgescheuerten, roten Striemen an Anna’s Hals. Sie hatte sich ein Halstuch umgebunden, um die Wunde zu verbergen. Dennoch blitzte jene nahe ihrer Kehle durch. Der Skelliger öffnete den staubtrocken gewordenen Mund, um etwas zu sagen, holte Luft. Er sollte seine Freundin fragen, ob sie denn keinen Verband mehr hätte und ihr anbieten ihr dabei zu helfen die oberflächliche Verletzung zu versorgen, die sich da um Hals und Nacken wand. Er hatte noch Salbe von seinem Onkel übrig, die er Anna am Striemen entlang auftragen könnte. Doch die Worte blieben Hjaldrist in der Kehle stecken. Denn gerade, da reichte ihm die Vorstellung davon aus, um seine Gedanken durch den Wind zu werfen. Verdammt nochmal. Er war doch sonst nicht so.

“Schon gut.”, meinte Hjaldrist schlicht und als habe er diese Phrase auswendig gelernt. Tief atmete er durch, ehe er sich langsam erhob.

“Ich muss mal. Bin gleich wieder da.”, meinte er und Anna nickte. Dann verließ er das Zimmer. Es war wie eine kleine Flucht.

 

Die hiesige Taverne war zwar klein und spartanisch, doch dafür waren die Waschgelegenheiten überraschend sauber. Am Ende des Ganges der oberen Etage des Gebäudes befand sich ein Raum, in dem es eine Kommode voller Trockentücher gab. Darauf standen zwei Waschschüsseln und Seife. Sogar einen breiten Spiegel gab es und im Vergleich zu so manch anderer Gaststube, war das großartig. Vermutlich befanden sich die Schüsseln voller sauberem Waschwasser und die duftenden Seifenstücke nur deswegen in einem eigenen Raum, weil man nicht jeden Tag durch jedes Gästezimmer gehen wollte, um dort Waschgelegenheiten zur Verfügung zu stellen. Oder man hatte einfach nicht genug davon und daher mussten sich alle Gäste einen Waschraum teilen. So oder so war das Hjaldrist recht. Sich kurz zurückzuziehen, um die wirren Gedanken zu sortieren und sich das Gesicht zu waschen, war nötig gewesen.

Der Mann stützte sich mit beiden Händen auf der hölzernen Kommode ab und hob den Blick dem etwas schief montierten Spiegel vor sich entgegen. Gemischte Gefühle durchwühlten ihm die flaue Magengegend und ließen ihn tief und entnervt ausatmen.

Was sollte er jetzt machen? Er war so froh wieder hier zu sein, Anna unverhofft wieder an seiner Seite zu wissen und sich dessen gewahr zu sein in Zukunft wieder gemeinsam weitermachen zu können. Es war so schön sich nicht mehr allein fühlen zu müssen und wieder die Motivation dazu zu besitzen Pläne zu schmieden. So unglaublich erleichternd und anspornend war das, dass es einen ganz hibbelig machte. Es erfüllte einen. Und gleichzeitig sackte dem Mann das Herz bis in die weichen Knie, wenn er daran dachte, wie er früher mit Anna umgegangen war und wie sie auch jetzt wieder miteinander umspringen würden: Selbstverständlich ungeheuer vertraut, offen, geschwisterlich. Er erinnerte sich daran, wie sie stets aufeinander aufgepasst hatten. Wie sie bei großer Kälte in ihrem Zelt zusammen gelegen hatten, unter einem Berg von Decken und heißem Kräutertee, um nicht zu erfrieren.

Ja, dem armen Hjaldrist wurde es heute etwas anders, als er daran dachte. Denn sein Kopf sponn ungehalten weiter und seine Gedanken fassten gierig nach den Bildern, in denen die bescheuerte Anna ihn im Vollsuff geküsst hatte. Nach denen, wo die nachsichtige Giftmischerin sich einfach irgendeinen toxischen Absud in den Rachen gekippt hatte, der sie rattig gemacht hatte wie Nachbar’s Köter. Oh, Hjaldrist wusste noch ganz genau, wie sie damals vor ihm gesessen und auffordernd nach seiner Hand gefasst hatte. Er konnte sich so gut daran erinnern, wie verlangend sie ihn angesehen hatte, wie sie seinen Namen wie eine indirekte Bitte ausgesprochen hatte. Sie war nicht sie selbst gewesen. Und auch dann, wenn sie richtig betrunken gewesen war, hatte sie sich nie so verdammt lasziv gegeben, wie an diesem Abend. Der Moment war... anders gewesen. Und auch Hjaldrist war massiv aus seiner Rolle gefallen. Damals, da hatten ihn keine großen Gefühle getrieben. Nicht wirklich. Sondern so etwas wie Neugier. Anna, wie sie ihn auf sich gezerrt hatte, hatte in ihm etwas wachgekitzelt, das sich sehr, sehr tief verborgen in seinem Hinterkopf befunden hatte.

Wegen ‘der Sache’ mit Alrik hatte er früher alles und jeden von sich gestoßen, das ihn auch nur entfernt daran erinnert hatte mit jemandem intim zu werden. Es war gewesen, als hätte er sich unterbewusst davor schützen wollen, dass ihm so etwas noch einmal passiert:

Alrik war ihm schon immer auf den Fersen gewesen. Zusammen mit seinen zwei, drei Leuten, hatte er stets über den schmächtigeren Hjaldrist gelacht. Weil der Jarlssohn ein Spätzünder gewesen war hatte er das getan, und weil der Jüngere seiner elfischen Wurzeln wegen immer feinere Züge besessen hatte, als alle anderen. Früh hatte man ihn verlacht, weil er angeblich ausgesehen hatte wie ein Mädchen. Später, da war das weiter gegangen. Das, weil er kein Riese gewesen war oder auch nicht so breite Schultern besessen hatte, wie die meisten jungen Männer in seinem Alter. Weil er lieber auf seine beiden Schwestern geachtet hatte, als auf Raubzüge zu gehen. Und weil er lieber gelesen hatte, als anderen Leuten grundlos auf die Fressen zu hauen. ‘Mädchen’, so hatte der respektlose Alrik ihn immer abschätzig genannt. Und obwohl Haldorn, Hjaldrists jüngerer Bruder, den Gehänselten immer verteidigt hatte, hatte Alrik nicht aufgehört ihn zu verlachen. Er war wie ein Geschwür gewesen.

Dann, irgendwann, hatte der raue Schläger Hjaldrist erwischt. Also so richtig. Der Jarlssohn war gerade guter Dinge am Heimweg gewesen, da hatte Alrik ihm regelrecht aufgelauert. Wie besessen war das Arschloch gewesen, hatte dem Jüngeren eine Rechte und einen Tritt verpasst, die ihn völlig benommen gemacht hatten. Und dann… dann hatte er ihn in eine dunkle, feuchte Seitengasse des Hafens geworfen. Die beiden Freunde des Gewalttätigen waren auch da gewesen und hatten laut gelacht. Besoffen waren sie gewesen und ohne Hemmschwelle. ‘Mädchen’, so hatten sie Hjaldrist genannt. Und wie zur Bestätigung hatte Alrik ihn zwischen den morschen Lagerkisten und Dreck genommen wie eine billige Nutte. Oh, dessen stinkende Kumpels hatten gelacht, während er den schwächeren Hjaldrist mit dem Gesicht voran in den Dreck gedrückt hatte. 

Es hatte so wehgetan. Nicht nur körperlich. Es war so unwirklich und für den Verstand unfassbar und so erschreckend erschienen, dass der Gepeinigte nicht einmal geschrien hatte. Und er hatte sich in jener Nacht erst wieder auf die wackeligen Beine raffen können, nachdem Alrik und seine Leute längst verschwunden gewesen waren. In der kalten Gosse hatten sie ihn einfach liegen lassen, wie einen getretenen Köter. Blutend, beschämt, verdreckt und mit zerrissener Hose. Hjaldrist hatte sich nach dieser Erfahrung lange schuldig und dreckig gefühlt. Da hatte auch das noch so viele Waschen und Baden nicht geholfen.

Man möchte meinen, Sex sei ja nur etwas, das man tat, um Spaß zu haben; einfache Kurzweil auf physischer Ebene. Aber so war es nicht. Es war, in den falschen Händen, wie ein gefährliches Folterwerkzeug. Wie ein glühendes Eisen, das man jemanden auf die Haut drückte und das dicke Narben hinterließ, die niemals vergingen. Jedenfalls hatte es sich für den abgeschreckten Hjaldrist so angefühlt. Natürlich hatte er Svenja nach dem, was geschehen war, also von sich gestoßen. Er hatte niemanden mehr bei sich haben wollen, bei dem auch nur die leiseste Gefahr bestand, dass ihn derjenige falsch anfassen könnte. 

Innige körperliche Nähe, die ging so oft mit tiefen Gefühlen einher. Wenn man jemanden liebte, dann hieß das, dass man demjenigen dahingehend vertraute, dass er einem nicht wehtat. Und gleichzeitig gab man jenem die Macht dazu dies so sehr zu tun wie es sonst keiner konnte. Svenja, der hatte Hjaldrist nach der Sache mit Alrik nicht mehr vertrauen wollen, obwohl sie so etwas wie eine beste Freundin gewesen war. Er hatte jedem misstraut und mit keinem über seine neuen, verstörten Ansichten geredet. Niemand hatte es anfangs gewusst. Man hätte ihn so oder so nicht verstanden. Das war nun sechs Jahre her.

Und dann war da plötzlich Anna gewesen. Diese flatterhafte Frau, die, wenn sie einmal etwas getrunken hatte, kaum darüber nachdachte, ob es nun fragwürdig war mit irgendwelchen Leuten herum zu machen. Die immer wie selbstverständlich und leger davon geredet hatte, dass Liebe in ihren Augen etwas vollkommen anderes sei als Sex und dass man beides gut voneinander trennen könne. Dass sie nicht einmal wirklich wisse, wie es sich anfühlte sich zu verlieben und dass so etwas sicherlich nicht passieren könne, wenn man mit jemandem schlief. Sie war auf einmal da gewesen, hatte geschmunzelt und mit den Schultern gezuckt, wenn man sie auf ihre vergangenen Abenteuer mit zig Frauen angesprochen hatte. Es hatte Hjaldrist nicht zu knapp irritiert. Dann, etwas später, hatte es ihn neugierig gemacht. Er hatte sich manchmal gefragt, ob Anna denn nicht doch Recht hätte und ob er sich auch einmal so locker geben sollte wie sie, um sich das Leben ein wenig zu erleichtern. Mit irgendwelchen Fremden hatte er sich das aber nicht vorstellen können, denn er war nicht wie seine hemmungslose Gefährtin gewesen. Mit ihr aber, da hatte er sich diese irrsinnige Idee unter Umständen vorstellen können. Schließlich hatten sie sich an diesem Punkt angekommen schon sehr gut gekannt. Und als dann die Nacht gekommen war, in der Anna ihren missglückten Trank getrunken hatte, der sie vollkommen bereitwillig gemacht hatte, war der Jarlssohn schlussendlich eingeknickt.

Es war gut gewesen. Ja, es hatte ihm gefallen. Und zum ersten Mal seit JAHREN hatte er am darauffolgenden Tag erschreckend offen über die Thematik ‘Sex’ scherzen können. Oh, er hatte Anna ausgelacht, nachdem jene kaum hatte sitzen können und ihn mit ziemlich betreten-grummeliger Miene beäugt hatte. Dann hatte sie auch gekichert. Und alles war gut gewesen, so leicht. Man konnte gar sagen, es habe irgendetwas in Hjaldrist gelöst, denn seither war er wieder etwas offener und hatte das Gefühl mit der Vergewaltigung von vor sechs Jahren abgeschlossen zu haben. Ja, wenn er heute an sie dachte, fühlte er nichts. Er hatte keine Angst mehr, kein Schuldgefühl, keinen dicken Kloß im Hals, kein Stechen in der Brust. Und wenn er Anna nun ansah, dann… dann war da etwas, von dem er geglaubt hatte, es nie mehr ernsthaft spüren zu können: Er wollte mehr. Nein, er war nicht gierig, notgeil oder auf einer Ebene angespornt, auf der er das rohe Verlangen verspürte über seine Begleiterin herzufallen. Er wollte sie nicht anzüglich betatschen, ihr ungefragt zu nah rücken oder ihr genauso widerwärtig begegnen, wie es so viele Kerle für gewöhnlich taten. Er war nicht von solch einem Schlag. Aber Hjaldrist wollte-… ja, was wollte er denn genau? Er wollte, dass Anna ihn wieder küsste. Dass sie noch einmal bei ihm schlief und er ihr einfach wieder die halbe Nacht lang dabei zusehen könnte. Hjaldrist wollte seine jüngere Begleiterin umarmen, sie drücken, einfach nur bei ihr sein. Aber wie sollte er ihr das sagen…? Sollte er überhaupt? Denn würde er das, würde es etwas an ihrer engen Freundschaft ändern, ganz bestimmt. Schließlich war die freiheitsliebende Anna doch immer von Bindungsangst gescheucht vor all jenen fort gelaufen, die ihr gebeichtet hatten mehr für sie zu empfinden. Immer hatte sie sich aus zu starren zwischenmenschlichen Verpflichtungen heraus gewunden, um ihr eigenes Ding zu machen. Sie war wie ein kleiner, hübscher Vogel, der sich nicht partout einfangen ließ.

Würde sie also auch dann die Beine in die Hand nehmen, wenn HJALDRIST ihr sagen würde, dass er heute etwas anders über sie dachte als noch vor neun Monaten? Würde sie ihm mit laschen Ausreden kommen, in denen sie beteuerte ihr Leben lang eine Vagabundin sein zu wollen und ihres Berufes wegen sicherlich zu früh zu sterben? Dass sie keine Familie gründen und keinen festen Wohnsitz haben wollte? 

All das war dem Jarlssohn entschlossen egal. Und wenn es sein müsste, würde er sich auch dann noch an ihrer Seite halten, wenn sie ihr Ziel eine seltsame Mutantin zu werden, erreicht hätte. Ja, es war ihm einerlei. Er wollte nicht nach Undvik zurück, nie wieder. Lieber reiste er bis an sein Lebensende durch das Land, als sich irgendwann auf den Jarlsthron seines verfickten Vaters zu setzen, der ihm offenbar nicht viel Gutes wünschte. Und vor allem… wollte er Anna nicht wieder vermissen müssen.

Dem gequälten Mann entkam ein erneutes, tiefes Seufzen, als er den Kopf weit sinken ließ. Ein leiser Fluch folgte.

 

Hjaldrist hielt sofort irritiert inne, nachdem er einige Zeit später wieder zurück in sein kleines Zimmer kam. Er war kaum in den Raum gekommen und hatte die knarrende Tür geschlossen, da stockte er in seinem Tun. Denn seine sich weitenden Augen waren auf Anna gefallen, die da auf dem Bett saß und weinte. Ja, sie saß einfach nur da, mit dem halb aufgegessenen Frühstück auf dem Schoß und heulte stumm vor sich hin. Ein Anblick, der den Skelliger dezent überforderte, denn er war so unerwartet gekommen und man wusste nicht, wie man ihn einordnen sollte. Der Mund stand Hjaldrist einen kleinen Spalt weit überrascht offen, als die Alchemistin zu ihm aufsah und die Nase leise unter nassen Augen hochzog. Sie sagte nichts. Und noch ganz anders als früher mutete sie wie vollkommen aufgerüttelt an. Als sei in der Zwischenzeit etwas absolut Schreckliches geschehen. Ihre Schultern zitterten gar ein wenig, als sie da so saß wie das letzte Häufchen Elend. Hjaldrist fiel alles aus dem Gesicht.

“Arianna...?”, entkam es ihm wie in einer düsteren Vorahnung, als er sich in Bewegung setzte. So aufgelöst, wie die Angesprochene da auf der Bettkante saß, sah man sie nur beachtlich selten. Oder jedenfalls war das vor Monaten noch so gewesen. Es hatte schon VIEL gebraucht, um sie zum Weinen zu bringen.

“Was ist mit dir?”, wollte der überforderte Mann wissen, als er zu Anna kam und sich bei ihr niederließ, ohne die Augen von ihr zu nehmen. Sie erwiderte seinen besorgten Blick, als habe sie ein schlechtes Gewissen oder als fühle sie sich übel für das, was sie hier tat. 

Oh, was zum Geier, war nun plötzlich los?

Die Frau zuckte lethargisch die Achseln und schüttelte den Kopf vermutlich über sich selbst. Dann sah sie fort und vergrub das verheulte Gesicht in ihren Händen. Die Hoffnung darauf, dass sie sich gleich wieder beruhigen würde, war vergeblich. Hjaldrist verengte die Augen forschend und nicht ohne einen Funken Mitleid im Blick. Es fühlte sich an wie ein spitzes Messer in der Brust, die sonst eigentlich recht heitere Giftmischerin hier so zu sehen.

“He… was ist...?”, fragte Hjaldrist abermals, doch dieses Mal viel vorsichtiger und so, als rede er mit einem kleinen Kind. Es war frustrierend wie verwirrt und unbeholfen er sich gerade fühlte. Was war los? Was sollte er machen?

Eindringlich taxierte der Krieger seine Freundin und fasste dann nach dem Teller auf deren Schoß, um ihn fort zu nehmen und auf den Boden vor dem Bett zu stellen. Dann, als er sie wieder ansah, zögerte er. Zweimal setzte er dazu an sie beschwichtigend an der Schulter berühren zu wollen, bevor er es wirklich tat. Und er fühlte sich so unglaublich dämlich dabei. Anna bestand schließlich nicht aus Feuer. Er verbrannte sich doch nicht die Finger an ihr. Also warum gab er sich so?

Schwer atmete der Undviker aus. Noch immer musterte er Anna unschlüssig, doch sah ein, dass es nun nichts brächte auf sie einzureden. Denn noch immer weinte sie leise in ihre Hände und konnte sich gar ein kleines Schluchzen nicht verkneifen. So, wie sie da saß, wirkte sie, als sei sie völlig am Ende. Und dieser Anblick zwang Hjaldrist dazu sich zu fragen, ob diese Närrin, die sonst immer die Starke mimte, ihre Gefangenschaft der letzten Tage wirklich so gut verkraftete, wie sie es sich wünschte. 

Schweigend legte Hjaldrist seiner Gefährtin einen Arm um die Schultern und senkte den Blick. Mehr konnte er gerade nicht tun. Die dunklen Augen auf den gestreiften Teppich im Zimmer geheftet sagte er kein Wort und blieb einfach nur im stummen Beistand bei Anna sitzen. Hätte sie nur ein kleines Bisschen herumgejammert oder eine Krokodilsträne vergossen, hätte er sie veralbert und die unangenehme Situation mit einem dummen Witz oder Spruch aufgelockert. Er hätte Anna ganz direkt gesagt, dass sie doch nicht herum flennen solle, weil es keinen Grund dafür gäbe. Der Moment war aber ernst. Scherze waren nicht angebracht und solange der pragmatische Undviker nicht wüsste, was los war, würde er sicherlich keine seiner Weisheiten von sich geben. Der Mann schlug die Lider nieder.

“Oh…”, machte Anna dann irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit. Ihre Stimme war brüchig, ihr Ton heiser.

“Das ist… das ist so bescheuert…”, wisperte sie. Und da war es wieder. Dieses vermeintliche Herunterspielen von emotionalen Situationen. Doch Hjaldrist schwieg weiterhin, anstatt sie zu tadeln. Er sah aus den Augenwinkeln zur Verheulten hin. Anna nahm sich die Hände vom Gesicht und sah aus glasigen Augen auf ihre Finger hinab.

“Was ist bescheuert?”, fragte der Jarlssohn nach wenigen Atemzügen der Stille. Wirklich schlauer, das war er bis jetzt nicht.

“Ich dachte… ich dachte, du kommst nicht wieder…”, wisperte die Kurzhaarige vor sich hin und gab einen leisen, wehleidigen Laut von sich, der ankündigte, dass die letzten Tränen noch längst nicht geflossen waren. Sie wirkte ungläubig; so, als könne sie die Situation gerade nicht so ganz fassen.

“Was…? Wann?”, fragte Hjaldrist nach. Er drehte Anna den Kopf erneut zur Gänze zu.

“Vorhin…”, gab die Frau leise zu und schniefte. Sie wagte es nicht zu ihrem Freund hin zu sehen und starrte stattdessen noch immer ihre offenen Handflächen an. Das, was sie da gerade von sich gegeben hatte, überraschte Hjaldrist, obwohl er es sich doch hätte denken können. Nicht nur die Gefangenschaft durch die Flammenrose hatte Anna zugesetzt. Die letzten Monate und der Glaube daran, dass ihr bester Freund tot sei, hatten sie noch viel härter getroffen. Eine Tatsache, die in prekären Momenten wie dem hier, sichtbar und spürbar wurde. Ja, beim großen Hemdall, die Frau hatte weinen müssen, weil Hjaldrist nach dem Abort nicht gleich wieder hier aufgetaucht war. Sie hatte allen Ernstes die Angst verspürt, dass er wieder verschwunden sein könnte. Es ließ den Jarlssohn gerade etwas sprachlos zurück. Oh, er wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Er nahm die Situation zwar ernst, doch Anna’s Befürchtung wäre in den Augen so vieler doch absolut dumm und übertrieben gewesen. Man hätte sie gefragt, ob sie denn bescheuert sei. Aber das war sie nicht. Und auch, wenn sie sich oft verhielt wie eine Wahnsinnige, hätte der Inselbewohner sie niemals für absolut gestört gehalten. Anna war einfach nur… kompliziert, obwohl sie auf den ersten Blick so simpel gestrickt erschien. Das war alles.

“Ich gehe doch nicht weg.”, entkam es Hjaldrist betroffen, während er seine nervlich fertige Kumpanin noch immer eindringlich ansah. Sie selbst blickte aber noch immer nicht auf und am liebsten hätte der sich bemühende Skelliger ihr die Hand an die Wange gelegt, um sie dazu zu zwingen zu ihm zu sehen. Vielleicht… hätte er ihr mit dem Daumen eine Träne weggewischt, ihr einen kleinen Kuss gegeben. Oder jedenfalls verspürte er den Drang dazu dies tun zu wollen. Es war eine Idee, die er hastig abtat und wieder zur Seite schob. Stattdessen nahm er Anna einfach in den Arm und tätschelte ihr den Rücken. So, wie er sie immer getätschelt hatte, wenn er geglaubt hatte sie beruhigen zu müssen. Es fühlte sich also richtig und gewohnt an. Dennoch ärgerte er sich immens über den Augenblick, als er das verweinte Elend aus Novigrad nur sanft drückte und über dessen Schulter an die öde Wand starrte.

 

*

 

“G-Ghule…?”, stammelte Ravello leise und etwas ungläubig vor sich hin, als er sich neben Anna hinter einem kleinen Felsen hervor lehnte, um die Augen in übler Vorahnung auf die alte Ruine zu richten. Die jüngere Hexerstochter sah zu dem Ritter mit dem kitschig verzierten Helm auf und verkniff sich ein Augenrollen. Stattdessen musste sie schmunzeln.

“Tja. Leichen haben nun mal die Angewohnheit diese Viecher anzuziehen.”, sie zuckte mit den Schultern.

“So schnell?”, murmelte der Beauclairer und duckte sich wieder hinter den Stein, der ihn vor etwaigen Blicken der Leichenfresser abschirmte “Götter, steht mir bei...”

“Unser Hase ist ja noch immer genauso mutig wie früher…”, kommentierte Hjaldrist von der Seite aus und schnaufte amüsiert. Er hatte bereits seine Axt in der Hand und sah aus, als wäre er mehr als nur bereit in die Überreste der Festung der Flammenrose zu stürmen, um dort alles Kriechende und Kreischende kurz und klein zu schlagen. Ja, der Skelliger in der grünen Tunika mutete überaus motiviert an und schenkte Anna einen vorfreudigen Blick. Die Frau erwiderte jenen ebenso froh, denn es tat gut Rist wieder hier zu wissen. Oh, sie konnte es ja noch immer nicht ganz glauben, dass er wieder bei ihr war. Wie oft hatte sie sich dabei ertappt sich heute suchend nach ihm umzusehen? So, als wolle sie sich dessen versichern, dass er keine Einbildung war. Er war keine. Und dieser Umstand machte der kurzhaarigen Frau das Herz ganz leicht. Sie hatte beinahe schon vergessen gehabt, wie sich dies anfühlte,

“Was? Hallo? Ich habe Anna in den letzten Monaten VIEL geholfen!”, beschwerte sich Ravello auf Rist’s spöttischen Kommentar hin pikiert. Der Jarlssohn gluckste bloß belustigt und nahm von Anna ein schmieriges Tuch entgegen, das jene vor wenigen Atemzügen mit Nekrophagenöl getränkt hatte. Es würde Erlklamm effektiver gegen die vielen Ghule machen.

“Sei nicht so laut.”, murrte Svenja von hinten und verdrehte die grünen Augen weit. Überaus genervt war sie und ihre Lieblingskollegin Anna versuchte sie seit ihrer letzten Auseinandersetzung schlicht zu ignorieren. Ganz subjektiv wäre es der Burschikosen lieb gewesen, wäre der Rotschopf in der kleinen Taverne geblieben. Doch wenn sie die Lage bei der Ruine der Flammenrose nüchterner betrachtete, dann war es gut die wankelmütige Skelligerin dabei zu haben. Sie war eine gute Bogenschützin und auch, wenn sie Rist auf Schritt und Tritt hinterher stolzierte, so stellte sie eine fähige Verstärkung dar. Das würde den Kampf gegen das Dutzend Leichenfresser weiter vorn gleich immens erleichtern. Zumal Anna ihre rechte, geschiente Hand nicht benutzen konnte. Zwei ihrer Finger waren schließlich gebrochen, was hieß, dass sie ihr langes Schwert nicht so führen konnte, wie gewohnt. Quen zu wirken war zudem auch nicht möglich, da es Gesten brauchte, um Magie aus der Erde zu ziehen. Im Fall der Hexerstochter waren das Fingerzeichen mit der Rechten, denn sie war Rechtshänderin. Eine Waffe führen, das konnte sie zur Not auch mit Links. Balthar hatte sie dahingehend ausgebildet und damals stets darauf gepocht, dass sie später einmal in allen Lagen kämpfen könnte. Als Monsterjäger brach man sich schnell einmal die Knochen. Doch bei jemanden, der gut in diesem Metier war, wirkte sich das nicht sehr stark auf die Arbeit aus. Krank oder verwundet zu sein, bedeutet eine Flaute im Verdienst. Und kein Geld anschaffen zu können, arm zu sein, war eine Qual. Denn es bedeutete draußen schlafen und sich von Resten ernähren zu müssen. Dies galt in Anna’s Fall zum Beispiel auch für eine Schwangerschaft. Angenommen, sie bekäme ein Blag, dann wäre sie auf lange Zeit ziemlich verhindert. Eine Tatsache, die mitunter ein Grund dafür war, dass ihr Ziehvater es ihr stets eingebläut hatte, dass es schlecht sei sich mit Kerlen einzulassen. Regelrecht verteidigt hatte Balthar Anna gegen alle gierigen Männer und die bloßen Gedanken an jene. Oh, wenn er nur wüsste, was seine labile Ziehtochter die letzten Monate über so getrieben hatte…

Anna schlug die braunen Augen nieder und rieb sich die Schläfe. Ein entnervtes Seufzen entkam ihr und sie konnte sich eines kleinen Anflugs von Ekel nicht erwehren. Ein wenig mit Leuten rumzumachen, wenn man besoffen war, war ja nicht so schlimm. Mit hübschen Mädchen in der Kiste zu landen, war auch in Ordnung, denn die kümmerten sich zumeist um ihr Äußeres und ihre Körper. Aber die zwei Typen, die die entrückte Novigraderin in den vergangenen Wochen an sich ran gelassen hatte, waren widerwärtig gewesen. Nach Alkohol und Schweiß hatten sie gestunken und in ihrem Rausch hatte dies Anna nicht einmal gestört. Wenn sie heute daran dachte, dann könnte sie kotzen. Sie war ja nur froh darüber sich keine Krankheit eingefangen zu haben. Dahingehend hatte sie schieres Glück gehabt.

“Ravello und ich gehen vor.”, fing Rist an und ließ Anna damit wieder aus ihren unliebsamen Gedanken aufsehen “Svenja hält sich hinter uns. Und du, Anna, warte einfach ab.”

“Was? Ich soll warten?”, entkam es der Kurzhaarigen sofort und sie konnte es förmlich spüren, wie die anwesende Undvikerin neben ihr zufrieden grinste.

“Ja…”, bestand Hjaldrist und suchte Blickkontakt zu seiner Freundin aus Novigrad “Ich traue es dir schon zu, dass du mit Links kämpfen kannst. Aber ich bin dennoch dagegen, dass du dich mit deiner gebrochenen Hand einem Haufen Ghulen entgegen wirfst.”

Anna schloss die Lippen und schwieg. Denn in den Augen des besorgten Skelligers war gerade mehr zu erkennen, als bloße Bedenken hinsichtlich der versehrten Finger seiner Begleiterin. Heute Morgen, vor wenigen Stunden erst, hatte sie mental völlig neben sich gestanden. Geheult hatte sie, weil sie sich plötzlich eingebildet hatte, dass Hjaldrist wieder fort sei. Sie hatte sich nach diesem Weinkrampf gar noch einmal hinlegen müssen. Es war also klar, dass ihr bester Freund es jetzt nicht wollte, dass sie kämpfte. Er nahm die Lage ernst.

“Aber-”, drängte die Starrköpfigkeit Anna dazu beleidigte Einwände auszusprechen. Sie wollte murren und sich beklagen, böse vor sich hin sehen und dann voran marschieren, um allen zu zeigen, dass sie auch allein und mit Links gegen ordinäre Ghule bestehen könnte. Doch sie stockte, bevor sie dem abwartenden Rist schnippische Worte entgegen spie. Sie hielt einfach die Klappe und erinnerte sich daran, dass sie es ihm einmal versprochen hatte ab und an auch nachzugeben. Es fiel ihr verdammt schwer. Doch Anna schwieg eisern, schluckte ihren Protest gewaltsam hinunter und dachte daran, wie Hjaldrist sie heute Morgen voller Sorge im Blick beschwichtigt hatte. Dann nickte sie zögerlich.

“Also gut.”, seufzte sie und ließ sie angespannten Schultern sinken “Ich werde nicht kämpfen.”

Der Gesichtsausdruck ihres Kumpels lichtete sich auf diese Versicherung hin merklich. Auch Ravello drehte der ungewohnt fügsamen Giftmischerin den Kopf zu und schwieg verblüfft. Einzig und allein Svenja nahm die Augen nicht von den Nekrophagen weiter vorn.

“Gehen wir endlich?”, wollte die sommersprossige Skelligerin wissen und legte einen ihrer Pfeile auf die Bogensehne “Oder schlagen wir hier Wurzeln?”

Aus dem Augenwinkel linste Anna zu der Rothaarigen hin, als ihr Ausdruck wieder etwas dunkler wurde. Hjaldrist und Ravello nickten. Dann gingen die drei los, während ihre Begleiterin mit den gebrochenen Fingern zurückblieb.

 

Das Dreiergespann war unglaublich effektiv. Und obwohl der schwer gerüstete Ritter im Bunde mehr als nur vorsichtig anmutete und sich sehr oft erschrak, weil er fast über die Leichen der Ordensleute stolperte, blieb er an Svenja’s Seite, während Rist sich einfach allein durch die fauchenden Ghule pflügte. Ravello hob den Schild vor seine kleinere Kollegin, die die aggressiven Leichenfresser mit Pfeilen spickte. Svenja legte auf, spannte die Sehne, schoss, wich ab und maulte ihrem Schildträger Befehle zu. Der Besagte wirkte für sie wie ein stählerner Wall, der alle Nekrophagen, die ihm zu nah kamen, um ihre Körperglieder erleichterte. Das Grölen und Kreischen der Monstren hallte über den weitläufigen Platz, der noch makaber vom gestrigen Kampf erzählte. 

Hjaldrist hackte einem Biest die Axt in den Schädel und spaltete jenen regelrecht. Dunkles Blut spritzte. Der kampfeslustige Mann trat zu und bugsierte den unkontrolliert zuckenden Ghulkörper in ein Loch, das da im gepflasterten Steinboden des Burgvorhofes prangte. Es stank bestialisch nach Tod und Verwesung. Der süßlich-stechende Geruch drang faulig bis an Anna’s Nase heran und sie glaubte das Surren der Fliegen am Platz bis zu sich herüber summen zu hören. Die naserümpfende Frau stand da am Rande und sah ihren Gefährten dabei zu, wie sie Ghul um Ghul nieder streckten. Sie fühlte sich nutzlos. Doch sobald ihre Hand wieder heile wäre, wäre dem nicht mehr so, nicht wahr? Sie HASSTE es sich unnütz zu fühlen.

 

Erst, als sich der letzte Leichenfresser nicht mehr rührte, kam Anna zu den anderen. Sie hatte es tatsächlich geschafft sich zurückzuhalten, obwohl sie am liebsten mitgekämpft hätte, um sich zu beweisen. Hjaldrist nickte ihr dafür dankbar zu, als sie zu ihm aufschloss, und wischte sich Ghulblut von der Wange. Der hübsche Krieger war bis auf einen kleinen Kratzer am linken Arm unversehrt. Auch dem zittrigen Ravello ging es ob seiner dicken Ritterrüstung blendend. Nur Svenja beschwerte sich über einen Gebissabdruck in ihrem neuen Stiefel. Na, immerhin war das Leder des selbigen dick genug gewesen, um den zubeißenden Nekrophagen daran zu hindern, das Bein der ehemaligen Skrugga zu zerfetzen…

“Gehen wir rein?”, fragte Ravello unschlüssig nach, als er sich nach Anna umsah und sie nickte.

“Vorne links, da geht es nur in den Kerker. Dort finden wir nichts. Ich würde also gerne durch die Haupthalle gehen.”, lächelte die Novigraderin mit der fuchsroten Strähne schwach und musste trocken schlucken, als sie in diesem Zug an das modrige, kalte Gefängnis der Ruine dachte. Sie war heilfroh darüber wieder frei zu sein und würde all die schlimmen Erinnerungen an ihre Gefangenschaft hier sicherlich bald vergessen können. Schließlich war Rist wieder da. Das wog doch die finsteren Gedankenfetzen an den Freitod durch Erdrosseln, vollgewichstes Essen, Kerle, die einem die Kleidung vom Körper rissen und rattenzerfressene Leichen auf. Nicht wahr? Anna atmete einmal tief durch und straffte die Schultern.

“Na dann los.”, Hjaldrist nickte in die Richtung des großen Hauptgebäudes der heruntergekommenen, efeubewachsenen Festung. Er hatte sich jenes gestern schon einmal flüchtig angesehen; zusammen mit Ravello hatte der Mann Kleidung für Anna besorgt und ihre Habseligkeiten zwischen den Trümmern aufgespürt. Bestimmt fänden sich die beiden Männer hier gleich gut zurecht. Svenja, die tat das wohl auch, war aber weniger kooperativ, wenn es um die Wünsche ihrer jüngeren weiblichen Gefährtin ging. 

Oh, Anna fragte sich ja immer mehr, wie viel Sinn es noch machte, mit der Furie von den Inseln zusammen zu reisen. In den letzten Monaten, da hatten sie sich einigermaßen gut verstanden. Sie hatten gut zusammengearbeitet, kaum gestritten. Es hatte sich angefühlt, als sei zwischen den beiden Frauen endlich alles gut und die damals sehr schweigsame Hexerstochter hatte die ehemalige Spionin bei sich behalten, weil jene nicht gewusst hatte, was sie machen sollte. Svenja hatte so gewirkt, als sei sie der etwas Größeren dafür dankbar. Dann, als der Rotschopf mit Ravello angebandelt hatte, hatte sich Anna keinerlei Sorgen mehr darüber gemacht jemals wieder mit Svenja zanken zu müssen. Man hatte Rist für tot gehalten und der charmante Beauclairer im Bunde hatte für die untervögelte Skelligerin wie ein Ersatz hergehalten. Die sich einsam fühlende Giftmischerin aus Kaer Morhen war in dieser Zeit nicht glücklich gewesen. Doch immerhin hatte die Atmosphäre in ihrer kleinen Gruppe gestimmt. Dies hatte ihr die langen Abende erleichtert, in denen sie traurig gewesen war. Manchmal, da hatte man mit Svenja gar über diese Niedergeschlagenheit reden können. Die Schützin aus dem Westen hatte die bedrückte Anna verstanden, weil sie Hjaldrist ebenso vermisst hatte. Nun, da der Besagte aber wieder hier war, schien es so, als sei die Annäherung zwischen den ungleichen Frauen mit einem Mal nichtig geworden. Svenja war so patzig und unfreundlich wie zu Anfang. Und sie scherte sich keinen Deut mehr um die Meinung der Alchemistin der kleinen Truppe. Ja, sie schiss auf sie und gab ihr das Gefühl dämlich und überflüssig zu sein. Dabei vergaß sie aber, dass die Gruppe eigentlich ANNA folgte, nicht ihr. 

Ach, es war müßig. Vielleicht sollte man einfach zusehen, dass man die unausgeglichene Rotblonde zeitnah fort schickte, wenn sie sich nicht besserte und weiterhin darauf bestand zu zetern und sich über ihre gereizte Kollegin zu beschweren. Anna hatte keinen Nerv für das kindische Verhalten der Langhaarigen mit den Locken mehr. Früher, da hatte jenes doch schon so an ihrer mickrigen Geduld gekratzt. Sie wollte das Gekebbel nicht noch einmal durchmachen müssen. Und auch hatte sie wenig Lust darauf dabei zuzusehen, wie die Undvikerin dem abweisenden Rist nach schleimte und verzweifelt versuchte ihn doch noch herumzukriegen. Ja, was käme denn noch? Würde Svenja offensiver werden und Taten anstatt Worte oder Blicke sprechen lassen? Würde sie dem anwesenden Skelliger eng an die Pelle rücken und versuchen ihn mit körperlichen Reizen zu betören? Eine unliebsame Vorstellung, auf die Anna eigentlich gerne verzichten würde. Sie war zwar nicht eifersüchtig, doch eine toxische Person wie Svenja hatte an der Seite ihres besten Freundes nichts verloren!

 

Im Keller der alten, muffigen Ruine befand sich tatsächlich ein Labor voller Gerätschaften und staubiger Regale, in denen verwitterte Bücher und Flaschen prangten. Anna war sofort in ihrem Element und hatte all ihre grüblerischen Gedanken fort geschoben, um das gut ausgestattete Labor umzukrempeln. Die metallenen Geräte, die aussahen wie Folterwerkzeuge, störten sie dabei wenig. Sie war, ihre Lampe von Märthe vor sich hebend, schnell bei einem der spärlich befüllten Regale, um dessen Inhalt zu begutachten. Sie stellte ihre grünlich flackernde Laterne ab und fasste nach einem dicken, staubigen Wälzer, blätterte darin, stellte ihn wieder zurück und fischte nach einem weiteren, schimmeligen Buch über Heilkräuter und deren Anwendung. Die Stirn skeptisch runzelnd wiegte sie den Kopf, denn Heiltränke und Salben interessierten sie herzlich wenig. Besser sie sah sich weiter um.

Im Rücken der Hexerstochter hob Ravello eine alte Wachsfackel hoch, um den kühlen Raum auszuleuchten. Seine Augen hingen an einer schmalen Pritsche, an der dicke, lederne Riemen für Kopf, Arme und Beine befestigt waren. Ein Tischchen stand neben der Liege. Darauf befanden sich Nadeln, Messer, Scheren und Röhrchen. Lauter Werkzeuge, die dem empfindlichen Mann aus Toussaint einen angewiderten Laut entlockten. Svenja schwieg und wartete mit vor der Brust verschränkten Armen ab und Hjaldrist, der half Anna beim Suchen. Er hatte sich an den antiken Tisch gesetzt, der am Ende des Zimmers stand und durchwühlte dessen scharrende Schubladen auf etwaige Aufzeichnungen über Kräuterproben und dergleichen. Zwar hatte der dunkelhaarige Krieger nicht viel Ahnung von Alchemie, doch was ihm Anna bisher so erklärt hatte, reichte aus, damit er verstand, wie Formeln für das Herbeiführen von Mutationen hießen. Wie Zeichnungen darüber aussehen könnten. Von all den Begleitern Annas, kannte er sich vermutlich am besten aus, wenn es um das Trankmischen ging. Schließlich hatte seine Freundin ihn in der Vergangenheit des Öfteren darum gebeten ihr beim Brauen zu helfen.

 

Tatsächlich fanden die beiden Abenteurer schon nach kurzer Zeit des Suchens Schriften, die Anna als hilfreich betrachtete. Die Frau legte just ein Buch über Transmutationen auf den Tisch im Raum. Dazu kamen ein paar kleine Fläschchen mit diversen Flüssigkeiten oder Pülverchen darin. Viele von ihnen könnte man noch weiterverarbeiten. Rist hatte eine alte Schriftrolle aus einer der breiten Schubladen gezogen und reichte sie seiner Freundin.

“Sieht doch nicht so schlecht aus. Wirkt wie ein Rezept für irgendein Zeug, das aus Ordensleuten ‘Große Brüder’ macht. Oder jedenfalls wie etwas, das für irgendwelche Teile dafür gebraucht wird. Was weiß ich.”, kommentierte der Jarlssohn unsicher und seine Kumpanin strahlte wie ein Honigkuchenpferd “Kannst du damit arbeiten?”

“Ja. Ich denke schon.”, nickte Anna froh und nahm die Schriftrolle an sich ”Danke!”

“‘Große Brüder’... sind das nicht Leute wie dieser halbe Riese von gestern?”, hakte der nachdenkliche Undviker langsam nach, als er sich erhob und seine Freundin dabei forschend ansah “Du hast nicht vor etwas zu trinken, das er genommen hat, oder?”

“Ich glaube, so nennt man sie, ja.”, bestätigte die Novigraderin gleich, als sie ihren Rucksack abstellte, um ihre Fundsachen penibel darin zu verstauen “Und nein. Ich bin vorsichtig.”

“So vorsichtig wie sonst auch?”, wollte Hjaldrist wissen und maß die Kurzhaarige mit einem schiefen Blick. Verkniff er sich ein Grinsen oder meinte er die Frage ernst?

“Ey, was soll das heißen?”, brummte Anna und im Gegensatz zu dem Schönling musste sie sich geistig ermahnen, um nicht breit und vielsagend zu schmunzeln. Sie wusste, worauf der Ältere anspielte.

“Du weißt schon, was ich meine.”, sagte der Jarlssohn, als er um den Tisch herum ging, um zur Kriegerin zu kommen.

“Mach dir keine Sorgen.”, gab ihm Anna nur zurück, schenkte ihm ein schiefes Lächeln und bekam ein tiefes, langgezogenes Seufzen als Antwort. Und damit wandte sie sich ab, um zu gehen. Sie nickte Ravello zu, um ihm anzuzeigen, dass sie hier fertig sei. Svenja war schon längst wieder nach oben verschwunden.

“Gehen wir.”, meinte Anna froh, doch wurde jäh unterbrochen. Als sie sich in Bewegung setzen wollte, um auf die massive Steintreppe zuzuhalten, die nach oben führte, drang eine fremde Stimme ruhig an ihr Ohr heran.

“Ihr habt euch um die vielen Ghule gekümmert. Respekt. Ihr seid mutig.”, meinte ein Fremder, der aus dem zähen Schatten der Steinstufen trat. Ein freundliches Lächeln zierte das etwas fahle Gesicht des älteren Mannes mit den gräulichen Haaren. Er trug relativ dunkle Kleidung und hatte einen Tornister geschultert. Waffen hatte er keine bei sich, was ihn nicht unbedingt zu einer vertrauenswürdigen Person machte. Denn wer lief in Gegenden wie dieser hier schon unbewaffnet herum?

Anna hielt sofort inne, als sie den Mann im Zwielicht des alten Labors entdeckte. Rist war gleich bei ihr und hatte eine feindselige Miene aufgesetzt. Und Ravello, der war zurückgewichen und sah verwirrt zwischen allen Anwesenden hin und her.

“Wer seid Ihr?”, entkam es der skeptischen Hexerstochter sofort und legte sich die Linke an den Waffengürtel.

Der Fremde lachte nachgiebig und ohne die Lippen zu weit zu öffnen.

“Argwohn ist gut. Ihr seid also nicht nur mutig, sondern auch schlau.”, kommentierte der viel ältere Kerl und trat wenige Schritte näher. Er hatte die Hände am Rücken zusammengefaltet und musterte die Abenteurer aus freundlichen Augen. Wäre er nicht hier, in einem alten Festungskeller aufgetaucht, vor dem es unlängst noch von Leichenfressern gewimmelt hatte, und wäre er nicht unbewaffnet gewesen, wäre er wahrhaftig sympathisch erschienen. Nun aber, zog er nur tiefes Misstrauen auf sich.

“Wer seid ihr?”, fragte Anna abermals und dieses Mal tat sie das mit mehr Nachdruck. Es war ihr ein Rätsel, wie dieser Fremde, der markant nach Thymian und Rosmarin roch, so lautlos hier herunter gelangen hatte können. Er war einfach so aufgetaucht, als sei er eine Erscheinung.

“Ich bin nur ein Reisender, der zufällig hier vorbeikam.”, entgegnete der Ältere “Nicht so wie ihr, wie es scheint?”

Die Novigraderin schwieg und sah im Augenwinkel, wie Hjaldrist ein Stückchen weiter vor trat. So, als demonstriere er damit beiläufig, dass er schützend zwischen dem Fremden und Anna stand. Dass er seine Freundin im Notfall verteidigen würde, denn schließlich hatte er ihr das doch seit jeher geschworen.

“Es kann dir egal sein, warum wir hier sind. Oder gehörst du etwa zu dem Orden der Flammenrose?”, brummte der Undviker kratzbürstig. Die braunen Augen seiner besten Freundin wanderten von ihm fort, wieder hin zu dem Mann mit dem großen Tornister hin. Und als Ravello seine Fackel weiter anhob, erstarrte Anna. Ihre Aufmerksamkeit war auf die Wand im Rücken des unbekannten Mannes gefallen. Etwas, das sie sich angewöhnt hatte, nachdem Balthar sie in der Kindheit stets streng dazu ermahnt hatte. ‘Sieh immer nach, ob jemand einen Schatten hat.’, hatte der Ziehvater der Giftmischerin immer mit erhobenem Zeigefinger gesagt ‘Besser, du schaust einmal zu viel als einmal zu wenig.’

Die ungläubigen Augen der versteiften Kriegerin richteten sich zurück auf das Gesicht des Fremden und sie spürte, wie ihr das Adrenalin in den Körper schoss. Wie es durch ihr Blut wallte und ihr die Sinne verschärfte. Sie ließ die Hand von ihrem Waffengurt sinken und ertappte sich erst jetzt dabei die Luft angehalten zu haben. Ihr Herz schlug ihr bis zur schmerzenden Kehle.

Der Mann dort hatte keinen Schatten.

“Rist.”, murmelte Anna leise und wollte damit drängend nach der Aufmerksamkeit ihres Kumpels haschen.

“Zum Orden? Nein, zu dem gehöre ich nicht.”, meinte der Unbekannte, der da im Halbdunkel stand. Noch immer hielt er die Arme locker hinter dem Rücken verschränkt.

“Gut. Dein Glück.”, antwortete Hjaldrist unfreundlich und schien sich keinen Reim über den Mann machen zu können, der da vor ihm stand.

“Hjaldrist.”, warf die Kurzhaarige erneut ein und nun blickte ihr Freund endlich über die Schulter zu ihr hin. Auch der Fremde sah aufmerksam her.

“Es ist gut.”, sagte die Frau mit solch bedeutsamem Unterton, dass der Skelliger die dunklen Augen prüfend verengen musste und sie ansah, als verstünde er sie kaum.

“Hmm?”, machte er.

“Wir sollten gehen.”, forderte die jüngere Hexerstochter dann gleich. Ihre Hände waren feucht und kalt, sprachen davon, wie aufgerüttelt Anna plötzlich war. Und sie hatte allen Grund dazu. Denn der, der da vor ihr und ihren Gefährten stand, war ganz sicher ein Vampir. Keiner, der zu den niederen Sorten gehörte, die sich sehr animalisch verhielt. Sondern ein gebildet wirkender, freundlich mit geschlossenem Mund lächelnder Mann. Das machte ihn zu einem der gefährlichsten Geschöpfe überhaupt und die erschrockene Alchemistin hatte ganz entschlossen keine Lust darauf sich auch nur in irgendeiner Weise mit ihm anzulegen. Es wäre ihr sicherer Tod, denn höhere Vampire waren mächtig.

“Ihr besitzt ein Medaillon der Wolfszunft.”, bemerkte der Fremde, der so stark nach Kräutern roch “Doch Ihr seid keine Hexerin.”

Anna hielt inne.

“Denn für Frauen wirkt die Kräuterprobe tödlich, soweit ich weiß.”, sinnierte der kluge Vampir weiter “Also seid vorsichtig, wenn Ihr mit den Formeln des Ordens hantiert, junge Dame.”

Die starre Miene der Hexerstochter verrutschte weit und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Auch Rist war verstummt und sah ganz schön perplex aus der Wäsche. Und Ravello, der mutete so verwirrt an wie eh und je.

“In… in Ordnung.”, entkam es der atemlosen Anna knapp, weil sie einfach nicht wusste, was sie tun oder sonst sagen sollte. Unbewusst war sie näher an Rist heran gerückt, obwohl jener nichts, aber auch gar nichts, gegen sein noch so ruhiges Gegenüber ausrichten könnte.

“Kennt ihr Geralt von Riva?”, wollte der Vampir noch wissen, nachdem er zufrieden gelächelt hatte.

“Äh…”, machte Anna ertappt “Vom Sehen.”

“Bestellt ihm doch liebe Grüße von einem alten Freund.”, bat der ältere Mann “Und richtet ihm dabei aus, dass es wieder frischen Alraunenschnaps gibt. Dann wird er wissen, wen Ihr meint.”

“Al-Alraunenschnaps?”, fragte die Schwertkämpferin in der gestreiften Jacke ungläubig nach und gleichzeitig schalt sie sich eine Närrin. Dafür, dass sie geredet hatte, anstatt davor nachzudenken. Und dafür, dass sie nicht einfach genickt und schnell die Fliege gemacht hatte. Mit ihrem neugierig-impulsiven Nachhaken fachte sie das Gespräch mit dem hohen Vampir nur noch weiter an.

“Oh ja. Er ist vorzüglich!”, lachte der Namenlose leise “Obwohl es eine Heidenarbeit ist, ihn herzustellen. Leider habe ich keinen dabei, sonst könntet Ihr ihn probieren.”

Anna blinzelte überrascht.

“Mandragora sind giftig, wenn man sie nicht richtig vorbehandelt.”, sprach sie ihre Bedenken aus. ‘Mandragora’, das war ein anderer Name für die Wurzeln, die manchmal an kleine Menschenkörper erinnerten.

“Das stimmt.”, meinte der alte Vampir nickend “Wenn man es aber tut, dann kann man großartige Dinge daraus zubereiten. Zauberinnen pflegen sich Mandragora-Salbe auf die Haut aufzutragen. Man nennt diese Creme ‘Glamarye’. Sie lässt einen auch im hohen Alter jugendlich aussehen. Ah, aber was langweile ich euch Jungspunde denn? Der Schnaps interessiert euch wohl mehr, als Schönheitsmittelchen für alte Frauen.”

Hjaldrist warf seiner verdatterten Freundin einen unschlüssigen Blick zu. Er schien nicht mehr zu wissen, was er von dem überfreundlichen Fremden halten sollte.

“Äh, naja.”, entkam es Anna. Natürlich interessierten sie alle möglichen Formeln, die mit Alraunen zu tun hatten. Diese Pflanzen waren hochgiftig, sehr selten und für sie von besonderem Interesse. Aber schließlich sprach sie hier gerade mit einer zu gefährlichen, uralten Kreatur. Sie sollte nicht hier sein. Sie sollte gehen und ihre beiden Kollegen mit sich nehmen, so schnell es ging.

“Mh.”, lächelte der Vampir zuvorkommend “Ihr könnt das Rezept haben, wenn ihr Geralt Grüße von mir bestellt. Würdet Ihr das tun?”

“Wenn… wenn ich ihn mal treffen sollte, kann ich das machen.”, meinte die Kurzhaarige und sah den dunkel Gekleideten wirr an. Denn warum sollte ein höherer Vampir es wollen, dass man einen berühmt berüchtigten Hexer für ihn grüßt? Es konnte doch nicht möglich sein, dass beide Besagten miteinander befreundet waren? Oder waren sie Feinde und der Gruß wie eine Drohung? Wollte Anna wirklich die Überbringerin davon sein?

“Ich danke Euch.”, nickte der Mann mit dem abgegriffenen Tornister und kam näher “Ich habe meinen alten Freund lange nicht mehr gesehen und wüsste auch zu gerne, wo er sich gerade aufhält.”

“Mhm.”, machte Anna langgezogen und Rist wich nicht zwischen ihr und dem zu menschlich wirkenden Wesen fort. Letzteres störte sich nicht daran, sondern lächelte nach wie vor nur schmal.

“Also. Habt Ihr etwas zu Schreiben dabei? Ich erzähle Euch, wie man Schnaps aus Mandragora-Wurzeln machen kann.”

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