Kapitel 42

Weil ich sie liebe

“Ich habe keine Destille. Aber wenn wir die Augen nach einer günstigen offenhalten, könnte ich das Zeug machen…”, meinte Anna, als sie sich die Hände rieb. Hjaldrist saß da neben ihr am Tavernentisch und beugte sich interessiert über das Rezept, das sie sich aufgeschrieben hatte. Tatsächlich hatte der hohe Vampir in der Ruine der Frau nur die Formel für Alkoholika aus Madragora gegeben. Mehr als das und freundlich zu schmunzeln hatte er nicht getan. Es war eigenartig. Aber vielleicht waren manche der intelligenten Vampire ja einfach so. Ja, vielleicht mischten sie sich unter das Volk und dies absolut unbemerkt.

“Schnaps, hm? Das finde ich ja schon einmal besser als deine ganzen Gifte, Anna. Also mal ganz abgesehen davon, dass wir das Rezept von einem angeblichen Blutsauger haben.”, kommentierte Rist und sah von dem Rezept am Tisch auf. Ravello lachte. Svenja, die war nicht da. Sie wollte wohl nicht mit ihrer vermeintlichen Gegenspielerin an einem Tisch sitzen, um zu Abend zu essen und sich etwas zu trinken zu genehmigen.

“Wofür brauchst du das Gift, das du immer bei dir hast, überhaupt? Ich habe noch nie gesehen, dass du es einsetzt.”, warf der Mann aus Beauclair ein und ließ seine Begleiterin damit aufsehen. Er biss noch einmal von dem Käsebrot ab, das er bestellt hatte. 

Oh, richtig. Der Weiße Hase hatte ja keine Ahnung. Was Anna jeden Morgen nach dem Frühstück tat, war schließlich etwas, das nur sie selbst und Hjaldrist etwas anging. Nicht jeder musste wissen, dass sie Gifte schluckte, um sich zu immunisieren.

“Hast du gesehen, wie Rist seine Axt heute, vor dem Kampf gegen die Ghule, behandelt hat?”, fragte die Kurzhaarige nach und schenkte Ravello einen bedeutsamen Blick. Sie log ihn damit dreist an und hatte auch kein schlechtes Gewissen dabei.

“Ohh…”, machte der Ritter, als erführe er gerade eine Erleuchtung “Ich habe immer gedacht, dass du Leute vergiften willst.”

“Was? Blödsinn.”, schnaubte Anna und bemerkte, wie sich Rist hinter seinem Bierkrug ein Grinsen verkneifen musste “Wir benutzen das Zeug für unsere Waffen, um Monster damit schneller unschädlich machen zu können.”

“Verstehe!” nickte Ravello und nahm seiner verschlossenen Kumpanin die Notlüge ab. Entweder war er also sehr vertrauensselig oder einfach nur dumm. Womöglich interessierte er sich aber auch nur zu wenig für die Machenschaften der sehr ‘eigenen’ Alchemistin am Tisch. Aber wie auch immer. Es war ja egal.

“Alraunenschnaps also.”, riss der Skelliger das Gesprächsthema wieder in eine andere, unterhaltsamere Richtung und sah dabei recht begeistert aus “Fändest du es generell nicht interessant Schnäpse zu brauen, Anna? Wir könnten das Zeug verkaufen und uns damit etwas dazu verdienen.”

Die Angesprochene musste ob dieser Vorstellung lachen.

“Und ihn selber trinken?”, fragte sie amüsiert und im Halbernst, denn sie wusste, dass selbst kleine Destillen viel zu teuer waren und sie wohl nie eine besitzen würde “Ja, das wäre was.”

“Wir müssen demnächst gute bezahlte Aufträge annehmen. Dann schmeißen wir mal zusammen und leisten uns die Ausrüstung dafür!”, plante der Jarlssohn und er sah aus, als habe er Spaß dabei. Nachvollziehbar. Denn auch der Hexerstochter ging das Herz auf, wenn sie nun wieder mit ihrem besten Freund zusammen Pläne schmieden konnte. Es hatte ihr sehr gefehlt. Ja, allein zusehen zu müssen, wo man blieb, hatte sich angefühlt, als drücke einen die Welt an eine harte Wand. Das ehemalige Ordensgebäude der Flammenrose zu finden war für die mental kraftlose Anna wie eine Tortur gewesen. Aber jetzt war Rist ja wieder da und unterhielt sie schon wieder mit wahnwitzigen Ideen. Dass er gerade ein wenig angeheitert war, machte das Ganze nur noch besser.

“Wir könnten aus allem Schnaps machen, Anna. Ich habe noch ein Glas Heringsmarmelade von Onkel Adlet über. Die könnten wir brennen!”, grinste der Mann und fasste nach dem Bierkrug am Tisch “Oh, so viele Möglichkeiten!”

Die Alchemistin aus Kaer Morhen prustete und erzog dann das Gesicht angeekelt. Auch Ravello, der mit am Tisch saß, lachte laut.

“Heringsschnaps? Igitt!”, kommentierte der Ritter mit angewiderter Miene “Das kann auch nur von einem Skelliger kommen!”.

“Du hast ja keine Ahnung, Hasi!”, grinste der Besagte und legte einen Arm um Anna’s Schultern, als wolle er damit ihren engen Zusammenhalt signalisieren.

“Anna und ich”, fing Rist an und deutete auf die Frau bei sich, ehe er auf sich selbst zeigte “Gründen ein Schnapsmonopol!”

“DAS will ich sehen!”, kicherte Ravello.

“Und dann machen wir deinem blöden Wein Konkurrenz!”, drohte der Undviker in dieser absolut heiteren Runde. Seine beschwingte Laune war ansteckend und amüsiert lehnte sich Anna an dessen Seite.

“Ja genau, dann kannst du mit deinem Est Est scheißen gehen!”, stimmte die Frau ihrem skelliger Kumpel zu und erntete weiteres Gelächter. 

Der frühe Abend versprach lustig zu werden. Oder jedenfalls glaubte die Dreiergruppe das. Denn viel zu früh tauchte Svenja mit todernster Miene bei ihnen am Tisch auf und durchbohrte Hjaldrist mit ihrem altgewohnt bösen Blick. Anna, die nach wie vor an ihrem feixenden Freund lehnte und gerade noch etwas Dunkelbier hatte trinken wollen, ließ den Becher sinken und sah auf. Auch der gutgelaunte Rist hielt mit dem Reden inne und taxierte die ehemalige Skrugga, die da stand und aussah, als fauche sie gleich wieder schnippisch los. Oh, die Giftmischerin, die gerade noch über Schnäpse gescherzt hatte, konnte sich schon denken wieso. Käme nun gleich wieder eine genervte Bitte an Anna mitzukommen, um zu ‘reden’? Bitte nicht.

“Hjaldrist. Kommst du bitte kurz?”, murrte die Langhaarige und Anna, wie auch Ravello, horchten überrascht auf. Stumm tauschten sie Blicke aus.

“Warum?”, wollte Rist wissen.

“Ich muss dich etwas fragen.”

“Was denn?”

“Unter vier Augen.”

“Ist es denn so wichtig?”

“Ja.”

“Hm.”

“Bitte. Kommst du?”, wollte die Ungeduldige wissen und hielt die grünen Augen fest auf den nicht sehr erfreuten Undviker gerichtet. Es war, als gäbe es für sie gerade niemanden anderes in diesem Raum. Sie ignorierte die starrende Anna und den stillen Ritter aus Toussaint absolut.

“Also schön...”, brummte Hjaldrist nachgiebig und erhob sich, um mit der ehemaligen Spionin zu gehen. Und obwohl Svenja versichert hatte, dass die Unterredung nicht lange dauern würde, ahnte Anna, dass dem nicht so wäre. Gespräche mit der besitzergreifenden Schnepfe aus Undvik waren niemals kurz. Mit gerunzelter Stirn und einem flauen Gefühl in der Magengegend sah die Kriegerin aus Novigrad ihrem besten Freund und dessen Ex hinterher, als sie die Treppe nach oben nahmen. Tja. Das war es nun wohl mit dem lauschigen Abend mit dummen Witzen bei Bier und belegten Broten gewesen.

 

*

 

Hjaldrist fühlte sich schon an dem Punkt entnervt, als er Svenja folgte. Bevor er überhaupt mit ihr gesprochen hatte, ertappte er sich dabei absolut keine Lust auf das zu haben, was folgen sollte. Doch er sah ein, dass es nötig war. Der aufmerksame Mann hatte schließlich gesehen, wie feindselig die Spionin Anna heute angestarrt hatte und konnte sich denken, dass sie der Novigraderin noch das Leben schwer machen würde, würde man ihrem dummen Mundwerk keinen Riegel vorschieben. Früher, vor Monaten, hatte der Skelliger schon einmal bemerkt, wie die Rothaarige auf Anna losgegangen war. Zum Glück nur verbal, aber dennoch. Nun, nachdem die alte ‘Bekannte’ Hjaldrists noch immer da war und man sie nicht verscheucht hatte, hatte er eigentlich gedacht, die Frauen der kleinen Gruppe kämen miteinander aus. Aber sicherlich war dem nicht so. Sehr oft hatte er sich am heutigen Tage gefragt, ob Svenja Anna noch tot starren wollte. Und er würde der schnippischen Skrugga seine Meinung dahingehend sagen müssen. Ja, er hatte schon mit dem Gedanken gespielt sie zur Seite zu nehmen. Nur heute, da hätte er das nicht getan. Zu schön war es vorhin im Schankraum gewesen und er hatte es genossen mit Ravello und Anna zu blödeln, während sich Letztere vertraut an ihn gelehnt hatte. 

Der 25-jährige Undviker verkniff sich ein Seufzen, als er die letzte Stufe nahm, die in das obere Stockwerk des alten Hauses führte. Svenja ging voran und dies mit einem auffallend lockeren Hüftschwung. Glaubte sie etwa, Hjaldrist würde ihr nun deswegen auf dem Weg nach oben nach sabbern, wie ein hirnloser, notgeiler Idiot? Es war so typisch. Sie war so überzeugt von sich selbst, war sie immer gewesen. Und erst vor ihrem angemieteten Zimmer hielt die überhebliche Frau inne, um die knarzende Türe aufzuschließen. Der, der ihr folgte, beobachtete dies kritisch, doch sprach sich nicht dagegen aus in den Raum der Jüngeren zu kommen. Er hatte doch keine Angst vor ihr und glaubte zudem ihr weit überlegen zu sein. Dies nicht nur körperlich. Was könnte sie also schon tun? Schimpfen und schreien? Versuchen ihren ehemals Geliebten in ihr Bett zu zerren? Tse. Das sollte sie bloß mal versuchen!

“Komm.”, bat Svenja einladend und deutete in ihr Gästezimmer. Sie wartete, bis Hjaldrist jenes betreten hatte und folgte ihm dann. Darin angekommen, machte sie sich erst einmal in aller Ruhe daran zwei Öllampen zu entzünden, die auf Kommode und Nachtschränkchen standen, um für Licht zu sorgen. Die selbstgefällig lächelnde Spionin kannte dabei keine Eile, denn es passte ihr wohl nur in den Kram, dass ihr vermeintlicher Exfreund hier war, anstatt unten. Lieber ließ sie ihn hier warten, anstatt ihn wieder zurück in die Schänke zu lassen. Der Mann, der sich dies denken konnte, steckte sich die Hände in die Taschen und wartete ab. Angeheitert, das fühlte er sich längst nicht mehr. War er nervös? Nein. Er fühlte sich nur etwas unbehaglich. Wer, an seiner Stelle, hätte das auch nicht?

“Also, was ist?”, fragte er etwas ungeduldig und gespielt ahnungslos, nachdem die Andere nicht redete. Er wollte bald zu seinen anderen beiden Kumpanen - vor allem zu Anna - zurück. Das hier würde kurz und schmerzlos werden.

“Oh nein, warte. Lass mich raten: Es hat damit zu tun, dass du Anna heute permanent böse angestarrt hast.”, entkam es dem wissenden Mann direkt. Dies war eben seine Art und er hatte keine Lust darauf hier um den heißen Brei herumzureden. Im Gegenzug erwartete er sich von seiner Gesprächspartnerin Ehrlichkeit. Ein komplizierter Wunsch, wenn man bedachte, wer oder was sie war: Ein ehemaliger Jarlsschatten. Diese Schlangen besaßen Silberzungen und mit der Aufrichtigkeit nahmen sie es nicht immer so genau, wenn es nicht um ihre direkten Vorgesetzten ging. 

Ach, eigentlich war Hjaldrist genau das gewesen. Wäre Svenja heute noch eine Skrugga, dann unterstünde sie ihm rein theoretisch. Jetzt und unter ihren Umständen erwartete er sich aber nicht mehr allzu viel. 

Svenja schnaubte auf die scharfe Äußerung Hjaldrists hin genervt und stemmte sich die Hände in die Seiten. Sie wendete sich von ihrer Öllampe ab, um den, der ein wenig dastand, wie bestellt und nicht abgeholt, ansehen zu können.

“Ja, damit könnte es zu tun haben.”, bestätigte die Rotblonde langsam und sprach erst nach einer kurzen Kunstpause weiter “Und damit, dass sie dich dreist verarscht. Es wundert mich, dass du das bis heute nicht bemerkt hast. Normalerweise bist du doch nicht dumm. Selbst Anton ist es aufgefallen.”

“Ah, du willst sie schlecht reden, weil du weißt, dass wir uns nahe stehen.”, schlussfolgerte der Skelliger gleich und überhörte die vermutlich falsche Behauptung bezüglich Ravello geflissentlich “Bist du etwa eifersüchtig?”

“Das tut nichts zur Sache!”, brüskierte sich die Langhaarige und trat mit verärgerter Miene näher. Hjaldrist musterte sie und ihr zorniges, gerötetes Gesicht. Und in diesem Augenblick fragte er sich ernsthaft, was er früher einmal an ihr hübsch gefunden hatte. Sie beide waren zwar nie ein offizielles Paar gewesen, doch er hatte mit ihr geschlafen. Und er hatte die Sommersprossige schön gefunden, süß, anziehend. Heute, da wusste er nicht mehr weswegen. In seinen Augen war sie nurmehr eine normale Frau. Eine, die die Visage hässlich verzog, wenn sie grantig war. Ja, er fühlte nichts, wenn er sie ansah. Auch dann nicht, wenn er versuchte sich dessen zu entsinnen, wie es früher einmal zwischen ihnen gewesen war.

“Du meinst, es tut nichts zur Sache, dass dich die Eifersucht mehr als nur offensichtlich zerfrisst?”, hakte Hjaldrist ruhig nach “Mach mir nichts vor. Ich bin nicht blind und kann mir ausmalen, was du dir heute gedacht hast, als du Anna angesehen hast.”

“Was ich von ihr denke? Ha. Sie ist eine dumme Hure! Sie hat sich in den letzten Monaten an jeden rangeworfen, der nicht bei Drei außer Sichtweite war. Und jetzt, wo du wieder da bist, musst du dafür herhalten! Ist ja auch bequemer für sie. Da muss sie sich ihre Opfer gar nicht erst suchen.”, knurrte Svenja und schüttelte den lockigen Kopf ungläubig “Es ist ekelhaft! Sie hat sogar einen Trank erfunden, der verhindert, dass sie schwanger wird. Das nur, damit sie richtig schamlos herum vögeln kann. Sie hat Anton davon erzählt, als sie sich Fisstech durch die Nase gezogen hat.”

Der Undviker schwieg. Er fühlte sich, als sei er gerade mit dem Kopf voran in eine dicke Holzplanke gerannt.

“Und dieses billige Flittchen lässt du an dich ran? Sie klimpert einmal armselig mit ihren Wimpern und sieht dich aus gläsernen Augen an und du nimmst sie mit ins Bett? Urgh.”, schuldigte die Spionin verächtlich an und deutete mit dem Zeigefinger auf Hjaldrist’s Brust “Ich hoffe, du holst dir keine Krankheiten! Denn die Männer, mit denen Arianna damals gebumst hat, waren ganz schön widerlich.”

Noch immer blieb der Skelliger stumm. Und obwohl er es sich vorgenommen hatte hier keine Emotionen zu zeigen und sich nicht in den Kram reden zu lassen, spürte er, wie ihm das Herz zentnerschwer nieder sackte. Das, was sein Gegenüber gerade gesagt hatte, hatte sich angefühlt wie tausende kleine Messerstiche. Das tat es noch immer. Die Worte machten ihm die Brust so eng, dass er glaubte, in seinen Lungen sei kaum mehr Platz für Atemluft. Der Mann biss die Kiefer zusammen und sah Svenja starr entgegen. Er konnte nichts dagegen tun, dass sein äußerst lebendiges Kopfkino angefacht wurde und ihm Bilder zeigte, die er eigentlich nicht sehen wollte. Es waren Vorstellungen, die weh taten und das nicht nur geistig. Seine Kehle war auf einmal so kratzig und trocken.

“Oh, Moment! Sag jetzt nicht, dass ihr wirklich miteinander geschlafen habt!”, schnappte die Rothaarige mit den bösen, grünen Augen. Früher, da hatten jene den Jarlssohn immer an tiefe, klare Waldseen erinnert. Heute, da bestanden sie nur noch aus Gift.

“Wie weit bist du nur gesunken, Hjaldrist? Du hast dich von diesem seltsamen Mädel einlullen lassen und rennst ihr seit deinem Verschwinden aus Undvik hinterher?”, schnaufte die ehemalige Skrugga überzogen enttäuscht “Du bist doch kein Schoßhündchen! Früher warst du immer so schlau und hast über alles, was du getan hast, gut nachgedacht! Was ist nur davon geblieben, hm?”

Hjaldrist’s Blick senkte sich allmählich zur Seite und nachdenklich verengte er die Augen. Sie waren unstet geworden und zeugten von diesem inneren Hin und Her, das er gerade verspürte. Von den gemischten Gefühlen, die nicht wussten, wohin sie streben sollten. Oh der Gedanke daran, dass Anna in den letzten Monaten tatsächlich herumgehurt hatte, machte ihn fertig. Er traf ihn wie ein harter Tritt, der ihn in ein tiefes, kaltes Loch beförderte. Es war schlimmer als jeder Schlag, den man in heiklen Kämpfen kassieren konnte. Das, obwohl er doch wusste, wie seine flatterhafte Freundin war, wenn sie betrunken war und man nicht vernünftig auf sie einredete. Obwohl er sich dessen gewahr war, dass er eigentlich keinerlei Anspruch auf sie hatte. Ja, keinen. Sie beide waren ‘nur’ Freunde. Hjaldrist sollte sich gerade also nicht so fühlen, als habe man ihn auf widerlichste Weise betrogen. Und dennoch tat er das. Er hasste sich dafür.

“Hjaldrist!”, ermahnte Svenja patzig “Würdest du bitte etwas dazu sagen?”

Der betroffene Krieger hob den Kopf wieder. Sein Ausdruck war todernst geworden und sein Gesicht eine undurchdringbare Maske aus Stein. Er wollte nicht, dass Svenja ihn noch durchschaute, ihn noch härter traf, und noch weniger verspürte er das Verlangen danach, als das dazustehen, als das er gerade betitelt worden war: Als hechelnder Schoßhund, mit dem man alles machen konnte. Denn das war er nicht.

“Du hast keine Ahnung, Svenja.”, entkam es ihm und seine Stimme war ganz heiser geworden “Du zeterst hier herum und schuldigst an, ohne dich dabei auch nur ein kleines bisschen schlecht zu fühlen, du Biest!”

“Ja, das tue ich! Weil ich weiß, was gut für sich ist, Hjaldrist!”, schnappte der Rotschopf pikiert “Und weil ICH, im Gegenzug zu DIR, weiß, wie sich die kleine Schlampe Arianna in letzter Zeit benommen hat! Du kannst ja auch gerne mal Anton dazu befragen. Er wird nur bestätigen, was ich hier sage.”

Der Konfrontierte presste die Lippen zusammen und ein Schatten huschte über sein Gesicht. Er schluckte schwer und ballte die Hände zu Fäusten. Warum war ihm irgendwo ganz tief im Innern gerade SO zum Heulen zumute?

“Ich will nur das Beste für dich!”, beteuerte die Bogenschützin schwer seufzend “Und du glaubst gar nicht, wie schwer es mir fällt, das hier zu tun!”

“Das hier fällt dir schwer?”, brummte der Mann langsam “Ha… das glaube ich kaum.”

“Doch, das tut es. Ich bin nur hier, um dich wieder auf einen guten Weg zurückzuführen. Auf einen gesunden, in dem dich diese… diese Spinnerin nicht in der Mangel hat.”, verteidigte sich die Kleinere und sah dabei aus, als sei sie voller Überzeugung von sich selbst “Ich will, dass du wieder der Alte wirst und glücklich bist!”

Stille.

“Halt den Rand, Svenja.”, sprach Hjaldrist nach einigen tiefen Atemzügen und es klang wie eine Drohung “Ich war niemals jemand anderes. Und Anna ist nicht so, wie du sie darstellen willst. Du tust all das hier nur für dich selbst. Du willst uns gegeneinander ausspielen und stellst dich selbst als das Seelenheil dar. Fühlst du dich dabei denn nicht absolut bescheuert? Du bist hier die Wahnsinnige.”

“Was?”, keuchte Svenja und reckte das Kinn voller Trotz “Das ist nicht wahr!”

“Und ob es wahr ist. Ich kenne dich doch!”, schoss Hjaldrist zurück und versuchte die dunklen Gedanken rund um Anna in diesem Augenblick zu vergessen. Er wollte nicht unter dem ohnmächtigen Gefühl einknicken zu wissen, dass seine Gefährtin aus Kaer Morhen unter Drogeneinfluss mit irgendwelchen, beliebigen Kerlen geschlafen hatte und es in Zukunft vielleicht wieder tun würde. Vorhin, da hatte ihn dies tieftraurig gemacht, eifersüchtig. Und nun, da Svenja immer mehr gegen ihn redete, machte es ihn wütend. NIEMAND legte Anna flach, wenn ER in der Nähe war! NIEMAND machte sie schlecht, so wie die verdammte Furie aus Undvik es gerade tat! Denn Hjaldrist war jetzt wieder da und würde sich darum kümmern, dass an seiner besten Freundin weder notgeile Kerle noch falsche Worte hängen blieben! Denn sie hätte das auch für ihn getan, ganz bestimmt.

“Du weißt nicht, was du da redest!”, antwortete Svenja einmal mehr schnippisch “Du bist vollkommen durch den Wind, weil du diese Hure vögelst und nicht mehr klar denkst!”

“Halt’s Maul, Svenja!”, blaffte der Axtkämpfer nun ungewohnt impulsiv. Normalerweise, da war er Pragmatiker und behielt gern einen kühlen Kopf. Doch die gesamte, überfordernde Situation und die Erzählungen der Skrugga wühlten ihn so sehr auf, dass er nicht mehr anders konnte, als kurz vor dem Ausrasten zu stehen. Er wusste nicht, wohin mit seinem Ärger und all dem Frust. Doch beides musste irgendwie raus.

Hjaldrist’s Hand schnellte nach vorn und packte Svenja am breiten Kragen. So fest fasste er zu, dass die Frau ein Auge schmerzverzerrt zukniff und ein ersticktes Würgen von sich gab. Aus geweiteten Augen sah sie ihn an und so, als glaubte sie, ihr Schwarm habe den Verstand verloren. Oh, sie würde sich noch wundern!

“Halt’s Maul und hör mit deiner Tirade auf oder du kriegst es ernsthaft mit mir zu tun, du Miststück.”, knurrte Hjaldrist, als er Svenja auf Augenhöhe zog und ihr dabei so nahe kam, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Sein Blick war voller Abscheu, als er in Rage redete.

“Rede noch einmal so über Anna, wie du es hier getan hast, und du wirst eine verdammt harte Zeit haben, das verspreche ich dir. Und wenn es wirklich stimmt, dass du mich ach so gut kennst, dann weißt du doch, dass ich jemand bin, der zu seinem Wort steht.”, drohte der Skelliger und er verzog die Mundwinkel, als schmecke er etwas Widerliches. Er haderte kurz mit sich, dann stieß er Svenja ruckartig von sich. Sie stürzte beinahe rücklings und überlegen sah der erzürnte Jarlssohn dabei zu. Er beobachtete, wie sich die Spionin an den Hals fasste und schnell atmete, erkannte ihren schockierten Blick in der aufgelösten Miene. Sollte ihn dies freuen?

“Und weißt du wieso, Svenja? Willst du wissen, warum mich die Scheiße, die deinen Mund verlässt, so ankotzt, hm?”, wollte der Ältere weiter wissen. Seine Lippen umspielte ein freudloses, verächtliches Lächeln. Flach holte er Luft, um weiter zu sprechen.

“Weil ich sie liebe.”, warf der Mann seinem Gegenüber vor die Füße und es überraschte ihn, wie leicht es ihm unter seiner Wut fiel diese Worte, dieses große Geständnis, loszuwerden. Es traf die schockierte Skelligerin im Raum merklich hart. Wie zur Eissäule war sie erstarrt und sah Hjaldrist aus großen Augen an, während ihr die vollen Lippen offen standen. Selbst sie wusste gerade nicht mehr, was sie sagen sollte. Sie wollte stammeln, doch versagte. Stattdessen wurde ihr Blick sehr glasig. Das, was der Jarlssohn hier gerade gesagt hatte, hatte sie erschlagen, wie es sonst nichts anderes könnte. Nachdem sie ihn zuvor noch gezielt mit Worten und Behauptungen über Anna verletzt hatte, hatte sie eine gewaltige Retourkutsche erfahren. Und jene brachte sie dazu zurück zu wanken und sich negativ überwältigt auf die Bettkante setzen zu müssen.

“Nein… das ist nicht wahr.”, atmete Svenja, als sie auf ihre Knie starrte “Du bist völlig verrückt geworden…”

Hjaldrist schnaubte abfällig.

“Wir sind hier fertig.”, beschloss er herrisch “Ich will dich nicht mehr in unserer Nähe haben. Verschwinde.”

Und damit wandte er sich zum Gehen.

 

Wieder im staubigen Korridor angekommen, ließ sich Hjaldrist mit dem Rücken voran an die kalte Wand sinken und schlug die feuchten Hände vor dem Gesicht zusammen. Ein leiser, doch wüster Fluch entkam ihm dabei und mit einem Mal schien all der Zorn von gerade eben wieder abzuflauen. Seine ihn beutelnde Aufgebrachtheit schwand und ließ ihn wie entkräftet zurück. Langsam nahm er die Finger wieder vor dem Gesicht fort und sah auf, starrte in die Leere vor sich. Er fühlte sich auf einmal wie um viele Jahre gealtert.

Wer hätte sich gedacht, dass der Abend, der doch so nett und spaßig angefangen hatte, SO enden würde? Er war jedenfalls ruiniert, keine Frage. Und hatte der Undviker früher noch so schnell in den Schankraum zurück gehen wollen, als möglich, so wollte er jetzt gerade niemanden mehr sehen. Bräuchte er Ruhe? Ja, vielleicht. Er müsste nachdenken. Über das, was ihm Svenja in den schmerzenden Kopf gepflanzt hatte. Ah, allein darüber zu grübeln, wie nachsichtig Anna in den letzten Monaten gehandelt hatte, machte den Jarlssohn krank. Ihm war übel. Und er konnte sich selbst gerade nicht ausstehen.

“Oh.”, eine durchaus bekannte Stimme ließ Hjaldrist Sekunden später schon zusammenzucken und aufsehen. Und er wusste nicht, ob er sich freuen sollte, als er sah, wie Anna unerwarteterweise im Gang stand. Planlos abwartend verweilte er an seinem Platz.

“Das ging aber schnell.”, stellte die jüngere Alchemistin fest und zeigte damit, dass sie eigentlich damit gerechnet hatte, dass ihre verhasste Kollegin und ihr bester Freund noch länger miteinander reden würden “Wie lief’s?”.

Der Undviker fuhr sich noch halb in Gedanken mit der Zunge über die Zähne und musterte Anna einen knappen Moment lange, ehe er die dunklen Augen von ihr nahm. Er stieß sich von der harten Wand in seinem Rücken ab, stellte sich wieder gerade hin, dann zuckte er mit den Schultern.

“War nervtötend.”, sagte er trocken, wollte aber nicht viel mehr erklären. Er hätte sich nur wieder geärgert.

“Mh. Das kann ich mir denken.”, meinte die Novigraderin offen und obwohl Hjaldrist sie gerade nicht ansah, hörte er, wie sie dabei grinsen musste. Freute sie sich etwa darüber, dass die Unterredung mit der Zicke von den Inseln nicht gut verlaufen war? War klar gewesen.

Anna schloss zu ihrem Gefährten auf und erst, als sie bei ihm angekommen war, schaffte Hjaldrist es sie wieder anzublicken. Er fühlte sich elend. Und bevor die interessierte Kriegerin ihn noch auf seine ermattete Miene ansprechen konnte, redete er und lenkte vom Thema ab. Er hatte heute eigentlich keine Lust mehr darauf irgendetwas zu diskutieren oder sich das Hirn über etwaige Techtelmechtel seines Gegenübers zu zermartern. Er wollte gerade gar nichts mehr.

“Wolltest du schlafen gehen?”, fragte er lau. Dumme Frage. Natürlich hatte seine Kumpanin das wollen. Sonst wäre sie ja auch nicht hier oben. Und anders als Svenja war sie doch niemand, der einem hinterher schlich, um neugierig zu lauschen.

“Ja.”, bestätigte die Frau und seufzte müde “Ich bin immer noch etwas fertig… und meine Hand tut weh.”

“Mhm.”, machte der Axtkämpfer.

“Ich… ähm.”, setzte die Trankmischerin dann fort “Ich habe mir kein eigenes Zimmer bezahlt. Kann ich vielleicht wieder-”

“Ja, kannst du.”, entgegnete Hjaldrist gleich, bevor Anna überhaupt zu Ende gesprochen hatte. Ein erleichtertes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Sie so zu sehen machte dem bedrückten Mann das Herz gerade wieder ein klein wenig leichter. Auch freute er sich insgeheim darüber, dass sie wieder vorhatte bei ihm zu nächtigen. Trotz allem. Vielleicht… vielleicht sollte er ja vorerst einfach vergessen, was Svenja gesagt hatte. Denn auch, wenn ihre ekelhaften Erzählungen der Wahrheit entsprachen, so waren sie Vergangenheit. Oder nicht? Sie gehörten zu einer Zeit, in der Hjaldrist nicht hier und seine Freundin offensichtlich wie von Sinnen gewesen war. Womöglich sollte man sie also einfach als ‘nicht passiert’ abtun. Ginge das? Er war sich nicht sicher. Was ihm aber durchaus bewusst wurde, war, dass Anna heute getrunken hatte. Sie sah im Moment nicht sonderlich nüchtern aus der Wäsche und hätte Svenja ihren Schwarm vorhin nicht abgeholt, dann wäre er selbst ganz sicher auch ein bisschen betrunken. Ja, die Giftmischerin mit den gebrochenen Fingern, die da vor Hjaldrist stand, war dezent angeheitert und trotzdem war sie hier, anstatt unten in der Schenke fragwürdigen Spaß zu haben. Der Skelliger rechnete ihr das in diesem Augenblick hoch an und hoffte, dass sie sich auch in Zukunft so geben würde. Dass sie eher zu ihm kommen würde, um ihren Rausch auszuschlafen, anstatt mit irgendwelchen fremden, wahllosen Leuten herumzuknutschen.

 

“Ravello hat mir erzählt, dass es in Toussaint in Wein eingelegte Zwiebeln gibt… angeblich schmecken sie süß.”, erzählte die betrunkene Anna dann auf dem Weg zum gemeinsamen Gästeraum völlig unbeschwert “Was hältst du denn von Zwiebelschnaps, Rist?”

Leise und am Rande belustigt musste der Mann schnaufen, als er von der Seite aus zu seiner duseligen Kollegin hin sah.

“Man könnte auch Schnaps aus in Wein eingelegten Zwiebeln machen…”, sinnierte die Kurzhaarige weiter, als sie nach Hjaldrist in das kleine Zimmer trat und sich daran machte die rot-schwarze Jacke und die dreckigen Stiefel auszuziehen.

“Du bist bescheuert.”, kommentierte der Undviker, als er sich ebenso das Schuhwerk von den Füßen trat. Er machte sich nicht die Arbeit Kerzen zu entzünden. Man wollte so und so gleich schlafen und das Mondlicht, das fahlblau durch das Fenster herein drang, genügte, um genug sehen zu können.

“He, vorhin fandest du die ganzen Schnapsideen auch gut.”, meinte Anna brummig und schälte sich auch noch aus ihrer Hose, um daraufhin zum Bett zu marschieren und sich nieder zu lassen. Flüchtig wanderte der Blick des anwesenden Mannes an ihr hinab. Er konnte nicht anders.

“‘Schnapsideen’, huh?”, Hjaldrist, dessen Stimmung noch immer etwas gedrückt war, musste nurmehr leise Lachen und den Kopf schütteln. Und als er zu seiner Freundin kam, um die weiche Bettdecke über sie beide zu ziehen, fragte er sich, warum er sich heute dermaßen hatte fertigmachen lassen. Ja, so war es doch: Das, was die boshafte Svenja gesagt hatte, hatte ihm für eine gewisse Zeit lang fast den Boden unter den wackeligen Füßen weggezogen. Jetzt, wo er nur wenige Worte mit Anna gewechselt hatte, fühlte er sich wieder viel ruhiger, besser. Trotz all den Bildern in seinem armen Kopf, konnte er Anna gerade kaum böse sein. Und er sah seiner Freundin ruhig dabei zu, wie sie sich ächzend an das Kopfkissen kuschelte und ihre schmerzende Hand leise verfluchte. Er beobachtete die burschikose Frau, als sie die Augen schloss, in der Düsternis irgendein unverständliches ‘Gute Nacht’ murmelte und ihm einfach zugewandt liegen blieb. Hjaldrist verkniff sich ein unschlüssiges Seufzen, zwang sich dazu der Kurzhaarigen ebenso eine gute Nacht zu wünschen. Und er fragte sich noch einmal, was geschehen würde, würde er ihr einfach aufrichtig sagen, wie er über sie dachte. Würde sie wirklich fort laufen und IHN zurücklassen? Das wollte er nicht.

Kurz erstarrte Hjaldrist dann, als Anna auf einmal näher rückte. Es war wie eine stumme Frage oder eine Einladung; man konnte es sich wohl auslegen, wie man wollte. Und wie gestern Nacht legte er zögerlich einen Arm um sie.

 

*

 

Anna wurde wach, als sich bei ihren Beinen etwas regte. Sie zuckte zusammen, als sie etwas Kaltes an ihren Waden spürte und öffnete die Augen mit einem überforderten Laut auf den Lippen. Sofort drehte sie sich herum, wollte den Oberkörper aufrichten. Gut, dass ihre Waffen heute Nacht nicht neben dem Bett gelegen hatten. Denn in diesem Fall hätte sie nun längst ihren Langdolch in der Hand gehabt, um sich völlig entrückt gegen alles zu wehren, dass da so hinterhältig im Schlaf über sie gekommen war. Als sie aber schnell verstand, wo sie war und sich fing, erblickte sie nur Hjaldrist. Jener saß da nahe des Bettendes und mit dem Rücken voran an die Wand gelehnt auf der Matratze. Die Decke hatte er sich weit über den Schoß gezogen und er streckte die kalten Füße abermals nach den warmen Schenkeln von Anna aus. Die Frau gab einen wenig begeisterten Ton von sich.

“Guten Morgen.”, konnte man den Eisberg aus Undvik sagen hören “Ich habe Frühstück besorgt.”

Rist deutete auf das schiefe Nachtkästchen, auf dem neben einer Teekanne ein Teller mit ein paar dick beschmierten Butterbroten stand. Anna’s Augen folgten seinem Fingerzeig, richteten sich aber bald wieder auf ihren Freund zurück. Jener sah, wie sie, so aus, als sei er gerade erst aufgewacht und nicht schon längst munter. Ziemlich müde wirkte er, wie er da so lehnte und sich die Füße an Anna aufwärmen wollte. Jene wusste, wieso der arme Kerl sie so matt anblickte. Denn heute Nacht hatte er wieder schlecht geschlafen und dieses Mal hatte die wieder allzeit bereite Hexerstochter dies auch mitbekommen. Sie war hochgeschreckt, als Rist laut im Schlaf gejammert hatte und sie hatte ihn wachgerüttelt. Dies gefühlte zehnmal vor der Morgendämmerung. Der schwitzende Skelliger hatte dabei wieder kryptisches Zeug geredet. Und nachdem Anna ihn aufgeweckt hatte, hatte er ihr von seinen Alpträumen erzählt. Ziemlich aufgelöst hatte er gewirkt, bis er sich wieder eisern gefasst und sich überflüssigerweise entschuldigt hatte. Und er hatte beschrieben, was er im heutigen, wiederkehrenden Traum gesehen hatte: Schwarze, große Schatten. Wie sie ihn überwältigen, ihn zu Boden ringen und ihm die Seele aus dem Leib reißen wollen. Er hatte geträumt jämmerlich an seinem eigenen Blut zu ersticken, während Anna seinen Namen schrie. Irgendwo in einem kargen Wald voller Schemen, die sie mit finsteren Fratzen auslachten.

Kein Wunder also, dass der Jarlssohn jetzt da saß wie ein Schluck Wasser in der Kurve und gähnte.

Die anwesende Novigraderin setzte sich hin, streckte sich und versuchte sich unter dem dicken, weißen Verband zu kratzen, der ihr die Schiene an der rechten Hand hielt. Etwas träge fasste sie dann nach einem der Brote, die Hjaldrist mitgebracht hatte und biss hinein. Ihr knurrender Magen dankte ihr dafür.

“Hmmm…”, machte Rist nach einiger Zeit des Schweigens dann “Was machen wir heute?”

Bewundernswert, dass er trotz seiner Müdigkeit die Motivation besaß etwas zu unternehmen oder gar weiter zu reisen. Womöglich war er dies mittlerweile gewöhnt und ignorierte seine Abgeschlagenheit einfach.

“Hm.”, Anna lenkte den Blick nachdenklich zur Zimmerdecke “Wir könnten uns nach einer Anschlagtafel umsehen oder uns etwas unter den Leuten umhören. Vielleicht gibt es in der Gegend ja irgendwelche Aufträge zu erledigen.”

“In diesem Kaff? Aber gut, können wir machen.”, schmunzelte der Mann und gähnte abermals hinter vorgehaltener Hand. Es war ansteckend.

“Wir könnten auch gehen und zusehen, dass wir in zivilisiertere Gegenden kommen. In großen Städten gibt es immer viel zu tun und die Unterhaltung stimmt dort auch. Ich würde gerne einmal wieder einen Bänkelsänger hören...”, sagte die Kriegerin mit den wirren Haaren und ihr letzter Satz hatte etwas wehleidig geklungen. Sie biss abermals von ihrem Butterbrot ab. Dann fasste sie nach der Teekanne, die noch dampfte und einen wunderbaren Geruch nach Waldfrüchten verströmte. Anna seufzte wohlig.

“Gute Idee…”, pflichtete Rist bei “Ich gehe auch lieber wieder wohin, wo etwas los ist. Ich saß lange genug am Arsch der Welt fest. Ich will wieder einmal in eine Stadt.”

“Na, dann sind wir uns ja einig.”, lächelte die Frau froh und schenkte ihnen reichlich Tee ein.

“Und wo willst du genau hin?”, hakte der Undviker sogleich nach. Seine dunkel untermalten Augen hingen interessiert auf seiner Kumpanin. Er musterte sie in einer eigenartigen Weise, während sie ihm einen Becher des Früchtetees reichte. Musste an seinem Schlafmangel liegen.

“Dahin, wo du hin willst.”, entgegnete die Kurzhaarige und ihr Lächeln war ungebrochen “Hast du eine Idee?”

“Was meinst du damit?”, wollte der innehaltende Rist dezent irritiert wissen. Forschend verengte der den Blick, hob eine Braue etwas an.

“Ich habe in den Ruinen gefunden, was ich gesucht habe. Ich werde die nächsten Wochen damit zu tun haben mit den neuen Formeln zu arbeiten. Und deswegen bist du dran. Wir hatten doch abgemacht, dass wir auch nach einer Lösung für deine Probleme suchen.”, gab Anna von sich und konnte den Ausdruck ihres Freundes gerade nicht gut deuten. War er überrascht? Dankbar? Ja, und warum sagte er denn nichts? Es hatte ihm doch nicht die Sprache verschlagen?

“Du träumst noch. Soviel weiß ich seit letzter Nacht.”, seufzte die Hexerstochter als Erklärung ihrer vorigen Aussagen “Und die Stimmen? Sind die auch noch da?”

Hjaldrist seufzte leise, nickte.

“Ja.”, meinte er offen “Eigentlich… träume ich seltener, als noch vor ein paar Monaten. Es kommt in der Woche vielleicht einmal vor. Wenn überhaupt. Aber die Stimmen, die höre ich seit gestern wieder öfter. Auf Drakensund hatte ich einmal fast geglaubt, ich sei sie los.”

“Mh.”, machte Anna und taxierte ihren Kumpel nachdenklich. Ein Funke Mitleid lag da in ihrem Blick, als sie ihren wohlig warmen Teebecher zwischen den Fingern drehte. Es war zwar Frühling, doch gerade morgens war es noch relativ kühl. Auch hier, im billigen Tavernenzimmer, dem ein Kamin oder Ofen gänzlich fehlte. Tee war also großartig.

“Wir suchen also nach etwas, das dir helfen kann.”, beschloss Anna und setzte ihre Ansprache damit fort “Was hältst du von, hm... Oxenfurt? Die Stadt ist nicht allzu weit von hier entfernt. Wir könnten uns in der Akademie umsehen und Hans Lund besuchen. Erinnerst du dich noch an den Kerl von dem Schiff damals? Er hat uns geholfen, als es dir so schlecht ging. Und ich durfte seine alchemistischen Gerätschaften benutzen.”

Langsam sah man Rist nicken. Mit einer Hand fuhr er sich nachdenklich über das unrasierte Kinn und senkte dabei den Blick. So, als müsse er gut über den Vorschlag seiner Freundin nachdenken. Warum? Oxenfurt war doch eine großartige Anlaufstelle, wenn man in gewisse Richtungen forschen wollte. Oder hatte er Sorgen? Anna gab einen amüsierten Ton von sich.

“Grübel doch nicht. Lass uns einfach gehen.”, meinte sie “Wir werden den Leuten der Akademie doch nicht sagen, dass du Stimmen hörst und vermeintliche Visionen hast. Wir… geben einfach vor an der Materie generell interessiert zu sein. Wie klingt das?”

Rist sah wieder auf. Er wirkte erleichtert, als seine angespannten Schultern wieder sanken.

“Abgemacht.”, sagte er und endlich musste auch er lächeln. Zufrieden beobachtete Anna das. Sie holte Luft, um dazu anzusetzen, weiter zu reden. Sie wollte die Idee aussprechen, dass man mit der Ausrüstung von Hans Lund ja Alraunenschnaps destillieren könnte; da klopfte es an der Tür. Die unbeschwert anmutende Frau ließ ihr fast aufgegessenes Brot sinken und hob den Kopf dem Zimmerausgang entgegen.

“Hmm? Ja?”, machte sie. Und wenige Wimpernschläge später schon, da stockte sie. Gut, dass sie nicht mehr aß, denn sonst hätte sie sich übelst verschluckt. Denn die, die da eingetreten war, war Svenja. Die ehemalige Spionin wirkte ungewohnt kleinmütig, wie sie da zwischen Tür und Angel verweilte und man sah ihr an, dass es ihr vor den Kopf stieß Rist und Anna zusammen auf einem Bett sitzen zu sehen. Wer wusste schon, was sie sich dabei dachte? Dennoch riss sie sich am Riemen und schloss die knarrende Tür hinter sich, verschränkte die Arme vor der Brust und sah getreten fort. Ihr Blick war finster, ihre Lippen waren schmal, doch das Seufzen, dass sie gleich von sich gab, klang nachgiebig. Es kam unerwartet und machte die anwesende Alchemistin ein wenig sprachlos. Sie legte ihr Butterbrot zurück auf dessen Teller, stellte den bauchigen Teebecher stumm ab. Auch Hjaldrist sprach kein Wort.

“Hört zu.”, fing Svenja nach einigen äußerst unangenehmen Momenten des Schweigens an. Die klamme Stille hatte sich im kleinen Raum ausgebreitet gehabt wie eine zähe, undurchdringbare Masse. Sie hatte die Anwesenden beinah erdrückt.

“Es tut mir leid.”, entschuldigte sich die Rothaarige und hob den scheuen Blick wieder. Ihre Augen hefteten sich zuerst auf Anna, dann auf Hjaldrist. Erstere hob die Brauen überrascht an. Hatte sie sich gerade verhört?

“Ich habe darüber nachgedacht, wie ich mich benommen habe, und habe verstanden, wie daneben mein Verhalten war.”, gab die ehemalige Skrugga zu und atmete einmal tief durch, als sie den perplexen Jarlssohn im Raum ansah.

“Was du gestern gesagt hast, hat mich wohl wachgerüttelt. Keine Ahnung.”, meinte der Rotschopf und vollführte eine ratlose, phlegmatische Handgeste. Anna blickte unwissend zwischen der zweiten Frau und ihrem besten Freund hin und her. Passierte das hier gerade wirklich?

“Jedenfalls wollte ich mich entschuldigen. Und ich hoffe, dass wir in Zukunft besser miteinander auskommen werden. Ich kann nämlich nicht wieder nach Hause zurück und weiß nicht, wohin ich alleine gehen soll.”, schloss Svenja betreten und schlug die Lider besiegt nieder. Anna runzelte die Stirn, zögerte. Dann befeuchtete sie sich die trockenen Lippen flüchtig mit der Zunge und gab ein überraschtes ‘Ha!’ von sich.

“Ein Wunder ist geschehen! Was hast du ihr gestern Abend denn bitteschön gesagt, Rist?”, wollte die burschikose Trankmischerin nicht ohne ein wenig Belustigung in der Stimme wissen.

“Nichts.”, schnappte der Inselbewohner auf dieses Nachhaken auffallend schnell “Also… ich meine... nichts zu drastisches.”

Anna legte den Kopf skeptisch schräg, während die Frau aus Skellige her sah und so anmutete, als verstehe sie irgendetwas, von dem die Jüngere keinen blassen Schimmer hatte. Etwas, das von großer Bedeutung war. Oder bildete sich die wirre Hexerstochter das nur wieder ein?

“Er hat gesagt, dass ich gehen muss, wenn ich dich weiter belästige, Arianna.”, erzählte die Schützin frei heraus und der Ausdruck Rists lockerte sich abrupt. Aus den Augenwinkeln sah er zu Anna herüber, prüfend, abwartend.

“Oh.”, meinte jene schlicht “Dann ist mir alles klar. Du reißt dich also lieber zusammen, als zu verschwinden.”

“...Ja.”, entkam es Svenja zögerlich und man sah sie schwer schlucken. 

“Mh.”, Anna zuckte mit den Schultern “Soll mir recht sein. Solange es keine Streitereien gibt, kannst du gern bleiben. Die Wochen vor Rist’s Rückkehr sind ja auch angenehm gewesen. Aber fang noch einmal damit an mir blöd zu kommen und ich trete dir in den Arsch. Verstanden?”

“Verstanden.”, seufzte die Undvikerin tief aus und verzog den Mundwinkel mit einem Anflug von Unzufriedenheit. Würde sie wirklich davon ablassen in den kommenden Tagen und Wochen herum zu meckern und ihre 21-jährige Gefährtin als Schlampe zu bezeichnen? Man würde ja sehen.

“Na dann.”, fiel es Anna nurmehr ein und es klang wie eine indirekte Aufforderung dieses Gespräch nun zu beenden, da ja alles geklärt sei. Die Novigraderin mit den gebrochenen Fingern war dahingehend recht unkompliziert. Wenn man sich ehrlich bei ihr entschuldigte, dann nahm sie das zumeist an und war selten nachtragend. Sie konnte zwar stur und manchmal auch etwas trotzig sein, aber Angelegenheiten zu zerklauben, ewig zu analysieren und anderen Leuten schlecht nachzureden, war in ihren Augen Zeitverschwendung. Außerdem war sie nie so die Rednerin gewesen. Was sollte sie also noch sagen?

“Bis später.”, sagte Svenja, die verstanden hatte, nur noch und wandte sich ab.

“Wir gehen nach Oxenfurt.”, warf Anna der rotblonden Frau noch nach “Richte das Ravello bitte aus, sollte er gerade in der Nähe sein.”

“Wird gemacht.”, nickte die reumütige Undvikerin. Dann verschwand sie.

“Das… kam unerwartet.”, fasste die Giftmischerin daraufhin das zusammen, was sich gerade im kühlen Tavernenzimmer abgespielt hatte. Nachdem Svenja gegangen war, sah sie nun verblüfft zu Rist, dem ebenfalls nichts Besseres mehr einfiel, als die Achseln zu zucken.

“Du hast ihr wirklich nur gesagt, dass sie mit ihrem Geschimpfe aufhören soll, weil sie sonst gehen muss?”, wollte Anna ungläubig wissen “Das wäre doch zu einfach gewesen. Ich habe ihr das damals auch mal gesagt, als wir gestritten haben, und es war ihr scheißegal.”

“Tja.”, machte der Viertelelf und wich dem Blick seiner starrenden Begleiterin aus, um noch geschäftig etwas von seinem Tee zu trinken. Das Getränk schien ihm ja richtig zu schmecken.

“Soll ich mich freuen?”, fragte Anna weiter und der Jarlssohn lachte leise in seinen tönernen Becher.

“Naja, nachdem sie nun definitiv weiß, dass sie da bleiben kann, wo der Pfeffer wächst, wenn sie wieder aufmuckt, wird sie wohl Ruhe geben.”, schätzte Hjaldrist und wirkte erleichtert dabei. Vorsichtig sah er auf und seine dunklen Augen hatten das Potential Anna noch zu durchlöchern.

“Hoffen wir’s.”, meinte die Kurzhaarige und musste bei dem Gedanken daran, dass ihr Freund sie gegen die damalige Skrugga verteidigt hatte, lächeln. Wer hätte schon gedacht, dass man die Furie mit den Sommersprossen so schnell zum Schweigen bringen könnte? Es schien so, als hätte es nur den richtigen Mann dafür gebraucht.

“Danke, Rist.”

“Hm? Gern geschehen.”

 

Am Nachmittag waren sie dann bereits auf dem Weg gen Westen. Dies zu viert, denn die einsichtige Svenja hatte sich tatsächlich dazu entschlossen klein beizugeben und zu bleiben. Und Ravello, der wollte der ehemaligen Spionin wegen wohl nicht nach Toussaint zurück. Oder aber, der Angsthase wagte es nicht die lange Reise ins kitschige Beauclair allein anzutreten, wer wusste das schon? In seinen Augen hatte es ausgereicht die Splittergruppe des Ordens der Flammenrose in der Ruine in Redanien auszulöschen, um seinem toten Bruder Louis die Ehre zu erweisen. Seine ‘Queste’, wie er es immer so geschwollen genannt hatte, lag jetzt also hinter ihm. Anna war sich also sicher, dass sein Bleiben ein klein wenig mit Svenja zu tun hatte. Sie war zwar keine Spezialistin darin zu verstehen, wann sich jemand genau in einen anderen verguckte und sie wusste auch nicht, wie sie das, was da zwischen dem Ritter und der ehemaligen Skrugga gelaufen war, einstufen sollte. Aber irgendwie ahnte sie, dass der schleimige Ravello noch immer etwas an dem schnippischen Rotschopf hing, der heute den ganzen Nachmittag lange kaum ein Wort gesprochen hatte. Stumm trieb die Schützin ihr Pferd hinter ihren drei Gefährten her, während Anna mit auf Rist’s braunem Vierbeiner ritt. Schließlich hatte sie ihren dummen Gaul, Salamireserve, doch verkauft. Und genug Geld, um sich ein neues Pferd leisten zu können, hatte die Frau bei weitem nicht mehr. Also musste der arme Apfelstrudel sein Herrchen UND sie tragen. Bisher schien es das ausdauernde Tier nicht zu stören.

 

Sie brauchten an die fünf Tage, um endlich in Oxenfurt anzukommen. Abgekämpft, doch froh darüber die große Stadt endlich erreicht zu haben, steckten Rist und Anna sofort die Köpfe am großen Schwarzen Brett des Ortes zusammen. Ravello, der kündigte an die Stallungen aufzusuchen und Svenja, die folgte jenem zögerlich, weil sie sicherlich keine Lust darauf hatte zu viel Zeit allein mit ihren beiden anderen Kumpanen zu verbringen. Die rothaarige Frau hatte sich distanziert und würde wohl auch noch lange für sich sein. Sie brauchte das jetzt bestimmt. Entweder würde sie sich dann, irgendwann, wieder fangen, sich öffnen und freundlicher sein, oder sie würde zum Entschluss kommen, dass ihr ihre Gefährten nicht guttaten. Denn sie schwärmte doch noch sehr für Rist, richtig? Wenn sich ihre falschen Annahmen über ihn und dessen beste Freundin nicht noch änderten, dann wäre es doch ein kleiner Untergang für sie weiterhin mit den Besagten umherzuziehen. Aber nun gut. Sollte sie doch walten, wie sie wollte.

“Der Auftrag hier klingt interessant.”, Anna deutete auf einen Anschlag, der ein rotes Wachssiegel eines Adelshauses trug “Das Haus De Genwitt zahlt für das Lösen seines Problemchens ganze einhundert Novigrader Kronen. Einhundert! Das ist doch was!”

Hjaldrist horchte sogleich auf und betrachtete den besagten, lohnenden Fall neugierig. Er fischte nach dem angenagelten Anschlagzettel und nahm ihn an sich, um ihn sich genau durchzulesen.

“Im Anwesen der Familie an der Küste hat sich eine Plage breitgemacht, die es zu beseitigen gilt.”, meinte der Jarlssohn nachdenklich und lächelte dann schief “Eine ‘Plage’, was? Das klingt in der Tat nach etwas, womit wir umgehen können.”

“Wir sollten mit den De Genwitts reden.”, nickte Anna “Wir holen uns weitere Informationen ab und erledigen den Kram.”

“Das machen wir.”, pflichtete der Ältere bei und faltete den Hexerauftrag zusammen, um ihn sich in die Tasche zu stecken. Die Aussicht darauf hundert Kronen zu verdienen war großartig, denn ihre gähnenden Geldbeutel waren auch schon einmal voller gewesen. Ja, selbst Rist, der gut mit Münzen umgehen konnte, hatte kaum noch einen Kupfer übrig, denn er hatte in den vergangenen Monaten keinerlei Geld verdient.

“Was ist mit dem zweiten Gesuch?”, wollte der Schönling neugierig wissen, sobald er den Auftrag rund um das teure Anwesen der De Genwitts verstaut hatte.

“Mh. Ertrunkene im Hafen.”, sagte Anna und zuckte gleichmütig mit den schmalen Schultern “Ein halbes Dutzend für zehn Kronen. Das erledigen wir trotz meiner kaputten Hand doch im Vorbeigehen.”

“Hm.”, machte Rist und musste leise in sich hinein lachen “Oh Mann.”

“Was denn?”, die Novigraderin in der gestreiften Jacke hob den Kopf, um von dem Ertrunkenen-Auftrag fort und zu ihrem besten Freund hin zu sehen.

“Mir wurde nur gerade wieder bewusst, wie abgebrüht wir mittlerweile sind.”, gab das Aard auf zwei Beinen zu. Apfelstrudel, den Rist am Halfter festhielt, knippelte neugierig an dessen Mantel herum. Der Mann störte sich nicht daran.

“Was meinst du?”, Anna’s Miene rutschte in eine irritierte Richtung “Es sind nur Monster.”

“Ach, das meinte ich gar nicht.”, seufzte der Undviker grinsend. Eine kurze Pause entstand, in der er seiner Kollegin den Blick wieder zuwandte.

“Vor eineinhalb Jahren sind wir mit über den Köpfen zusammengeschlagenen Armen im Kreis gerannt, weil ein Spinner eine Endriaga auf uns los gehetzt hat. Erinnerst du dich?”, entkam es dem Axtkämpfer und Anna’s Gesicht lichtete sich sofort. Nun musste auch sie leicht grinsen.

“Es war eine ziemlich große Endriaga, Rist.”, merkte sie gespielt tadelnd an.

“Ja, aber dennoch. Damals hätten wir auch wegen eines halben Dutzends Ertrunkener penibel herum geplant. Nicht?”, sagte er. Wurde er gerade etwa nostalgisch? Das war ja süß.

“Wahrscheinlich.”, lachte Anna trocken “Mittlerweile haben wir halt eine gewisse… naja… Routine, wie?”

“So kann man es wohl auch nennen, ja.”, antwortete der Skelliger mit den dunklen Haaren. Und er wirkte froh. Der Weg, den er gegangen war und der Mann, der er heute war, schienen ihm wohl zu gefallen. Es war großartig zu realisieren, dass man sich weiterentwickelt hatte. Anna konnte Rist dahingehend sehr gut verstehen, denn sie dachte nicht viel anders als er. Noch mehr freute sie sich aber darüber, dass sie beide die Gelegenheit genutzt hatten sich aufeinander einzuspielen und gemeinsam stärker zu werden. Dies, trotz der langen Zeit, in der sie getrennt gewesen waren. Gerade, da war es so, als sei Hjaldrist nie weg gewesen. Als seien dessen Entführung und der vermeintliche Tod, die neun schmerzlichen Monate der vermeintlichen Einsamkeit, nur ein schlimmer Traum gewesen. Anna atmete durch und zog die Riemen ihres Rucksackes motiviert straffer. Ja, sie fühlte sich so leicht. Alles würde wieder besser werden und nie wieder würde sie morbide fasziniert darüber nachdenken sich selbst das Leben nehmen zu wollen.

“Also. Suchen wir uns eine Taverne? Wir hauen die paar Ertrunkenen noch vor dem Abendessen um, dann können wir uns auch ein gemütliches Zimmer leisten.”, schlug die Frau vor und klang äußerst beschwingt dabei.

“Das klingt nach einem guten Plan.”, stimmte Rist zu und schenkte seiner Gefährtin einen bedeutsamen Blick “Und dann trinken wir endlich in Ruhe zusammen, ohne, dass wir von meckernden Ziegen aus Skellige unterbrochen werden.”

“Bin dabei.”

“Und der, der weniger Ertrunkene erschlägt, muss dem Anderen eine Runde ausgeben.”

“Abgemacht!”, die herausgeforderte Kurzhaarige lachte voller Vorfreude im Blick. Seit die beiden sich wieder hatten, hatten sie nicht wirklich zusammen getrunken. Weder im letzten, abgeschiedenen Dorf, noch auf dem langen Weg nach Oxenfurt. Und ihr Wiedersehen sollte - nun spät aber doch noch - ein wenig gefeiert werden!

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