Kapitel 43

Perlen vor die Fische

Stefan De Genwitt war ein recht nobel gekleideter Kerl, der wusste, wie man sich Fremden gegenüber verhielt, so viel stand fest. Höflich hatte er Anna und Rist begrüßt, als jene frühmorgens an seine weiß gestrichene Haustür geklopft hatten. Er hatte ihnen beauclairer Wein und Käse aufwarten wollen, doch sie hatten abgelehnt. Schließlich waren sie hier, um Details über den gut bezahlten Auftrag bezüglich des Anwesens an der Küste zu bekommen. Nicht, um schon vor dem Mittagessen Alkohol zu trinken. Der gestrige Abend war zudem feuchtfröhlich gewesen und Anna brummte der Schädel nur deswegen nicht, weil sie sich nach ihrer täglichen Dosis Gift ein halbes Fläschchen Schmerzmittel in den Rachen gekippt hatte. Eine gewagte Kombination, die ihr den wie in Watte gepackten Kopf gerade ganz leicht machte. Sie versuchte dies zu verbergen und gerade zu stehen, doch Rist, der Bescheid wusste, grinste von der Seite aus immer wieder verhalten in ihre Richtung. Tse. Er hatte ja gut lachen. Schließlich hatte ER nicht die Überzahl an Ertrunkenen erschlagen und daher KEINE Extrarunden Birnenschnaps bezahlt bekommen. Die Hexerstochter räusperte sich. Abgesehen von ihrem Kater war der gestrige, lange Abend aber schön und lustig gewesen. Rist und sie hatten mit Ravello Karten gespielt, gewürfelt und über alte Zeiten geredet. Mit Met und Kirschbier hatten sie sich betrunken; zu späterer Stunde hatte der grinsende Skelliger dann den verhängnisvollen Schnaps springen lassen, der den zart besaiteten Ritter aus Toussaint unter den Tisch befördert hatte. Die beiden Verbliebenen hatten sich später umarmt und sich noch einmal gesagt, dass sie so froh waren wieder beisammen zu sein. Der beduselte Undviker im Bunde hatte seine kurzhaarige Freundin dabei eng an sich gedrückt und viele Herzschläge lang einfach nur bedeutsam geschwiegen. Und dann, nach einer letzten Runde ‘Glückshaus’, waren sie ziemlich erschlagen in ihre Betten gefallen. Ja, sie hatten sich, so, wie sie es früher immer gepflegt hatten, ein gemeinsames Zimmer mit zwei Schlafgelegenheiten darin geleistet. Anna schlief mittlerweile wieder gut alleine auf ihrer eigenen Matratze und ohne die dunkle Befürchtung im Hinterkopf zu haben, dass ihr bester Freund nachts einfach wieder verschwinden könnte. Allmählich kam also die Normalität zurück. Es war schön.

“Nein. Wir wissen nicht, was es ist.”, gab De Genwitt zu, als er da im großen Vorraum seines pompösen Hauses stand, das sich nahe dem Stadtzentrum Oxenfurts befand. Es lag nicht weit von der Akademie entfernt, die es noch aufzusuchen galt.

“Das dachten wir uns.”, antwortete Anna gleich und ihr Blick streifte auch einmal flüchtig den jüngeren Mann, der unweit an die Wand gelehnt dastand “Dennoch wäre eine genauere Beschreibung der Lage interessant. Wir müssen uns auf das einstellen, das Euer Grundstück unsicher macht. Eine ‘Plage’ kann schließlich auch ein Rattenbefall sein.”

“Es sind keine Ratten, nein.”, seufzte De Genwitt und verzog das Gesicht zu einer zutiefst besorgten Maske, als er die Finger hinter dem Rücken verschränkte. Er sah grüblerisch gen Decke und wirkte alles andere als glücklich. Das war verständlich.

“Ja, wir haben es hier nicht mit normalen Tieren zu tun.”, meldete sich der, der da wenige Schritt entfernt stand und der Unterhaltung bisher nur stumm gelauscht hatte. War er ein Verwandter von De Genwitt? Sein Sohn vielleicht? Er sah nicht sehr alt aus.

“Womit dann? Was ist passiert?”, hakte die Monsterjägerin eisern nach “Warum seid ihr beiden euch so sicher, dass das, was in eurem Ferienhaus sitzt, ‘übernatürlicher’ Natur ist?”

“Hmm, naja.”, machte der Auftraggeber mit der Halbglatze und der Klemmbrille auf der knolligen Nase.

“Leute verschwinden dort.”, sagte der Jüngere, der an der Wand lehnte, und Anna runzelte die Stirn.

“Inwiefern?”, wollte sie wissen und auch Hjaldrist sah nun interessiert her, spitzte die Ohren.

“Jeder, der dem Anwesen zu nah kommt, verschwindet spurlos.”, seufzte De Genwitt ratlos “Und es stinkt dort fürchterlich nach altem Fisch. Einer der Bootsleute meint dort vor kurzem ein fliegendes Monstrum gesehen zu haben und hat es umgehend der Stadtverwaltung gemeldet. Es ist unserer Familie wirklich äußerst peinlich.”

“Fliegendes Monstrum? Das klingt doch schon mal besser. Wie sah das Ding aus?”, wollte die Novigraderin sogleich wissen.

“Es hatte… Flügel.”

“Ja. Weiter?”

“Und es hat laut geschrien. Der Schiffsmann meinte, es sei etwa so groß wie ein Mensch gewesen. Mit fahler Haut und langen Krallen. Aber auf die Entfernung ist sowas immer schwer einzuschätzen.”, De Genwitt zuckte mit den hängenden Schultern und schüttelte den Kopf. Sein vermeintlicher Sohn nickte zustimmend.

“Könnten Sirenen sein.”, schätzte Anna beiläufig “Und sonst? Wie fing die ganze Misere an?”

“Ich…”, stammelte der potentielle Kunde unschlüssig und auch sein Kind senkte den Blick weit. Ein kurzes Schweigen entstand, in dem Anna und Hjaldrist Blicke austauschten.

“Ich bin mir nicht so sicher, wie es genau anfing. Also... irgendwann, da fing ein lautes Heulen an und ich bin mit meiner Familie geflohen. Oh, ich bin froh darüber, dass das Haus an der Küste nur unser Domizil für kurze Ausflüge an das Meer ist. Sonst wären wir nun obdachlos!”

Die anwesende Alchemistin betrachtete De Genwitt schweigend und enthielt sich eines blöden Kommentars. Die lange Küste war nicht allzu weit von hier entfernt. Zwar befand sich das befallene Anwesen etwas abgelegener, weit am Rande der Stadt, doch es dauerte zu Fuß nur eine gute halbe Stunde, um dort anzukommen. Jedenfalls wenn Anna die ungefähre Wegbeschreibung richtig verstanden hatte. Wie viel Geld musste man also besitzen, um sich ein zweites Haus in derselben Stadt zu bauen, nur, um näher am Meer zu sein? Pff. Adelige…

“Mhm.”, machte Anna noch, verschränkte die Arme locker vor der Brust und linste zu ihrem wartenden Kumpel aus Skellige hin “Willst du noch etwas wissen? Sonst brechen wir gleich auf.”

Der Jarlssohn schüttelte den Kopf gleichgültig. De Genwitt’s vagen Aussagen schienen ihm auszureichen. Er war so und so lieber jemand, der sich selbst schlau und sich sein eigenes Bild machte. Erzählungen von nervösen Auftraggebern, die keinerlei Ahnung von Monstern, Magie oder Ungeheuern hatten, waren zumeist falsch oder viel zu unsicher. Es war müßig sie über prekäre Lagen ausquetschen zu wollen.

“Wie… wie viel wollt ihr als Anzahlung haben?”, warf der Adelsmann im Raum noch ein und wollte schon in seine Gürteltasche fassen. Als die Schwertkämpferin in der gestreiften Jacke antwortete, hielt er damit aber schnell inne.

“Nichts. Ihr bezahlt uns, sobald wir die Sache erledigt haben.”, meinte sie knapp.

“Was? Oh. Also gut…”, stotterte der Ältere wie vor den Kopf gestoßen und räusperte sich.

“Also...”, lächelte die durchatmende Giftmischerin noch schmal “Wir machen uns auf den Weg. Wir sehen uns später, Herr De Genwitt.”

“Ja. Viel Erfolg.”, nickte der Mann, doch hielt die beiden Abenteurer noch einmal auf, bevor sie das große Haus verlassen konnten “Oh, wartet bitte noch einmal kurz!”

Anna blieb stehen und richtete die fragenden Augen auf den Wohlhabenden zurück. Der jüngere Mann von vorhin war aus dem Hintergrund getreten und sah aus, als läge ihm etwas auf der Zunge. Doch sein Vater sprach für ihn.

“Mein Sohn wird euch begleiten und euch den Weg weisen.”, entschloss De Genwitt mit zuvorkommendem Ton und rückte sich die Brille zurecht “Er hat alle Schlüssel für das Anwesen, damit ihr euch ohne Probleme dort bewegen könnt.”

Die Gabelschwanztöter setzten skeptische Mienen auf. Besonders Anna legte die Stirn äußerst kritisch in Falten.

“Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.”, mahnte sie gleich ehrlich “Wenn wir es mit Monstern oder Ungeheuern zu tun haben, könnte es durchaus gefährlich werden.”

“Das macht nichts.”, lächelte der großzügige Auftraggeber zuversichtlich “Paul ist ein guter Kämpfer und hat einen sehr guten Fechtlehrer. Er wird euch nicht im Wege stehen.”

“Na, wenn Ihr meint.”, entkam es der Novigraderin mit gemischten Gefühlen in der Magengrube und einer ihrer Mundwinkel zuckte weniger zufrieden, als sie an dem Sprechenden vorbei und hin zu dessen Sohn sah “Wir werden nicht auf ihn aufpassen. Wir sind keine Leibwächter, sondern Monsterjäger.”

“Ich weiß, ich weiß.”, nickte De Genwitt hastig und warf seinem Sohn Paul dann einen auffordernden, vielsagenden Blick zu. Der junge Mann, der sicherlich nicht älter war als achtzehn, grinste zufrieden und lief los, um seine Ausrüstung zu holen. Hoffentlich würde er sich wirklich als so nützlich herausstellen, wie sein stolzer Vater ihn beschrieben hatte.

 

“Sobald ich mein Training beendet habe, werde ich als Ritter in die Welt hinaus ziehen!”, meinte Paul, als er neben Anna her stakste. Die Frau mit der Fuchssträhne schwieg. Seit einiger Zeit schon führte der junge De Genwitt einen ausschweifenden Monolog darüber wie großartig er selbst doch war und die Hexerstochter wirkte mehr und mehr genervt von ihm. Nicht mehr lange und sie würde ihn grantig anmaulen, ganz sicher.

“Meine Fechtkünste sind unübertroffen. Ich habe bisher alle anderen Schüler von Meister Bosch besiegt und war der Jüngste im Wettkampf vor drei Wochen.”, palaverte der Kerl mit den kurzen, schwarzen Haaren weiter. An seiner Hüfte hing ein sehr teuer anmutendes Schwert und sein Brustpanzer aus Leder und Nieten war bestimmt in penibler Feinarbeit auf ihn angepasst worden. Seine Familie hatte ja das Geld dafür, nicht wahr?

Das Dreiergespann ging durch die breiten Straßen Oxenfurts, vorbei am geschäftigen Markt und am alten Hafen entlang, an dem Rist und Anna gestern erst eine Horde Ertrunkener abgeschlachtet hatten. Hier und da zeugten noch dunkle, getrocknete Monsterblutflecken auf hellem Pflasterstein davon und die Alchemistin hatte den Gestank nach muffigen Algen und stechendem Salzwasser, der von den Bestien ausgegangen war, noch immer in der Nase. Sie verzog das Gesicht leicht und sah von der Seite aus genervt zu Paul hin. Hjaldrist hielt sich wohl ganz bewusst weiter hinten, um dem selbstgefälligen Adelsjungen nicht zuhören zu müssen. Zwar stammte der Undviker auch aus einer sehr gehobenen Schicht - ja, im direkten Vergleich mit der Herrschaftsform hierzulande gar aus dem Hochadel - doch mit Leuten wie dem geschniegelten Paul schien er absolut nichts anfangen zu können.

“Wenn mich jemand mit dem Langen Schwert frontal stechen will, dann halte ich dessen Waffe einfach auf, indem ich sie mit der Parier stoppe und in die Kronhut wechsle. Dann bin ich unantastbar und habe den Kampf in der Hand.”, plapperte der Klugscheißer weiter und bemerkte gar nicht, wie missbilligend Anna ihn von der Seite aus ansah. Sie verkniff sich ein lautes, wehleidiges Stöhnen. Was zum Geier redete der Kerl da? Hatte er seine ganzen Theoriebücher über das Schwertkämpfen auswendig gelernt oder wie?

“Mach das bei mir und ich tret dir in die Eier.”, kommentierte Anna brummig und Paul hielt sofort bemerkenswert pikiert inne. Der Jüngere blieb starr stehen und drehte der Frau den Kopf entrückt zu.

“Äh, was?”, schnappte er, als sei er vollkommen verwirrt. Idiot.

“Wenn du in deine Kron wechselst, ist dein ganzer Unterkörper frei. Dann kann man dir richtig schön in die Eier treten.”, kommentierte die Kurzhaarige wissend und wollte mit den braunen Augen rollen “Hast wohl noch nie dran gedacht.”

“Uhm…”, der jüngere Adelige wirkte ratlos und wirr. War klar gewesen. Er war leicht zu durchschauen, absolut flach und auf eine naive Art und Weise stupide.

“Und weißt du was? Wenn du nicht endlich damit aufhörst zu reden, dann zeige ich dir gleich, wie sich das anfühlt.”, murrte die Frau und konnte Hjaldrist’s sehr, sehr breites Gegrinse förmlich im Nacken kribbeln spüren. Der gelassene Skelliger schloss zu den anderen beiden auf und betrachtete Paul kurz von oben bis unten.

“Tja. Mag ja sein, dass du deine Übungen jeden Tag brav abstotterst, Kleiner, aber die reale Welt ist dreckiger, als dein Schwertgefuchtel am Hinterhof.”, kommentierte Rist richtig.

“Man tritt dem Gegner nicht zwischen die Beine!”, brüskierte sich der etwas beschämt wirkende Junge gleich, als müsse er sich verbal gegen einen bösen Angriff verteidigen “Das ist nicht ehrenhaft!”

“Ehre spielt auf der Straße keine Rolle.”, sagte Rist richtig “Und mit deinem Hutenlauf wirst du nicht weit kommen, wenn du dich nicht ALLER Möglichkeiten bedienst nicht in einer dreckigen Gosse abgeschlachtet zu werden.”

Paul verstummte. Fassungslos sah er erst den unbeeindruckten Rist, dann die entnervte Anna an. Die Frau lächelte freudlos und wendete sich dann ab, um weiter zu gehen. Der Junge De Genwitt würde sein Maul nicht weiter groß aufreißen, das war sicher. Melitele sei Dank. Und wenn doch, würde sie ihm demonstrieren, wie man jemanden in jeder Schwerthut einen schmerzhaften Tritt verpassen konnte.

 

Das schmucke Anwesen der reichen Familie stand nahe den Klippen einer Anhöhe vor Oxenfurt. Tatsächlich wirkte es abgeschieden, obwohl man die Stadt zu dessen Rechten erkennen konnte. Es war ruhig, ein Sommerdomizil aus hellem Holz und Stein, wie es im Buche stand. Und bis auf das Rauschen des Meeres, das gegen die steilen Felsen brandete, war nur das Quäken von flatternden Möwen zu vernehmen. Eine salzige, kühle Brise wehte an Anna’s Nase heran und strich ihr durch die unordentlichen Haare. Es war unangenehm, denn der Tag war nicht sonderlich warm und die dicke Wolkendecke hinderte jeglichen wärmenden Sonnenstrahl daran bis zur Erde durch zu dringen. Die Frau zog sich den braunen Mantel an der Vorderseite enger zusammen.

“Da vorne ist es!”, meinte Paul bestimmend “In wenigen Minuten sind wir da.”

Voller Tatendrang ging der Junge voran und marschierte stolz, denn das Haus, das längst in Sichtweite war, war groß und schön. Es gehörte seiner reichen Familie und demnach auch ihm, dessen schien er sich durchaus gewahr zu sein. Er, der Erbe des ganzen Geldes seiner Eltern, trug die Nase hoch, während er sie Hand kampfbereit auf seinem Schwertgriff liegen hatte. Oh, dieser Kerl würde irgendwann noch richtig derbe auf die Schnauze fallen, ganz klar. Fragte sich nur wann. Vielleicht sogar schon heute?

“Renn nicht so weit vor.”, forderte Anna und bemerkte, wie der Jüngere den Schritt zu seinem Glück verlangsamte. Er warf ihr einen Schulterblick zu und wartete darauf, dass auch Hjaldrist aufgeschlossen hatte. Der besagte Skelliger trug die Axt in einer Hand, doch wirkte nicht besonders aufgerüttelt. Anders als Paul war er bereit im Notfall kämpfen zu müssen, doch seine Berufung und die damit verbundenen, bisherigen Erfahrungen ließen ihn sehr ruhig anmuten. Er kam neben seine beste Freundin und stieß sie dabei leicht mit der Schulter an, als hasche er nach Aufmerksamkeit.

“Riechst du das?”, fragte er. Sie nickte. Verwesender Fisch. Umso näher sie dem Anwesen der Adelsfamilie Oxenfurts kamen, desto mehr stank es danach. Schon jetzt stach er einem widerlich modrig in die Nase. Anna entkam ein angewiderter Laut und sie hörte, wie Paul trocken würgte.

“Sirenen ernähren sich unter anderem von Fischen…”, murmelte sie “Aber ich bezweifle stark, dass sie Stücke davon herumliegen und vergammeln lassen.”

“Hmm...”, machte Rist und musste schief lächeln, als seine Kollegin zu ihm sah “Vielleicht haben wir es ja mit wählerischen Wasserweibern zu tun.”

Anna schnaubte amüsiert.

“Ja klar.”, sagte sie und schenkte Hjaldrist einen schiefen Blick.

“Weißt du, Anna, bei uns in Skellige gibt es Fisch in Dosen, der-”

Ein lautes Heulen brach durch die Gegend und ließ den gesprächigen Undviker innehalten. Auch die Giftmischerin bei ihm blieb abrupt stehen und hob den Kopf. Paul war heftig erschrocken und eilte sofort zu den beiden Reisenden zurück, um sich nahe bei ihnen zu halten. Er erwartete sich von ihnen sicherlich Schutz vor allen Gefahren. Seine Finger waren auf einmal so fahrig, dass er sein Schwert nicht ziehen konnte. Und wieder war da ein langgezogenes Jammern. Es war, als trüge der Meereswind die Stimme an die Ohren der Anwesenden heran.

“Also schön.”, murmelte der argwöhnische Rist leise “Was war das?”

“Sirenen hören sich anders an.”, kommentierte Anna im selben Zug und verengte die Augen zu Schlitzen. Und tatsächlich war die Stimme, die mit der Brise kam, kein hohes, schrilles Fauchen und Schreien. Es klang wie ein Weinen. Wie eine Frau, die mit dem langsam aufziehenden Sturm klagte.

“Ja, Sirenen hören sich SEHR VIEL anders an.”, bestätigte der wissende Skelliger, der in seinem Leben sicherlich schon genug der besagten, fliegenden Monstren gesehen oder gehört hatte. Und als sich Anna zögerlich wieder in Bewegung setzte, um weiter auf das Anwesen zuzugehen, tat er es ihr gleich. Gleichzeitig war es, als brausten die Wellen lauter und wilder. Als käme ein stärkerer Wind auf. Mit jedem Schritt mehr, den sie machte, bekam die Frau in der rot-schwarzen Jacke ein schlechteres Gefühl bei der ganzen Sache. Und dann, kaum zwanzig Fuß weiter, stand die kleine Gruppe inmitten von halb verwesten Fischen und Grätenüberresten. Viele der toten Tiere säumten den Weg, der zum offenstehenden, schmiedeeisernen Grundstückstor führte und der Gestank, der von ihnen ausging, war widerwärtig. Leise und angeekelt stöhnend, zog sich Anna das grüne Halstuch vor Mund und Nase, in der Hoffnung, dass dies helfen würde. Rist tat es ihr gleich, als er ein paar Schritte an ihr vorbei ging und sich forschend umsah.

“Es sieht aus, als seien die Fische hier an Land gesprungen und liegen geblieben, um zu sterben.”, sagte der kritische Inselbewohner und seine gute Freundin wandte sich, um um sich blicken zu können. Ihre suchenden Augen hingen am feuchten Grund, wanderten über halb zerfressene und matschige Fischkadaver. Sie versuchte in keinen davon zu treten, als sie all die Gräten, Flossen und milchig trüben Fischaugen sah. Wie viele von den Tieren lagen hier? Zwanzig? Mehr? Sie alle waren relativ groß; etwa so lang wie sehr dicke Forellen oder ausgewachsene Karpfen. Es war schwer zu glauben, dass sie durch ein Unwetter an Land geworfen worden waren.

Anna’s Blick huschte weiter, streifte einen glänzenden, zusammengefallenen Fisch mit bräunlichen Schuppen. Neben dem in sich eingesackten Kadaver lag eine kleine, weiße Perle. Und kaum wenige Ellen lang weiter lag noch eine im grünen Gras. Die Giftmischerin legte die Stirn in Falten und wollte etwas sagen, doch Paul unterbrach sie jäh:

“Eine Perle! Und da hinten liegt noch eine!”, verkündete er verblüfft. Man sah, wie er ein paar Schritte weit eilte und sich schnell bückte, um nach einem der runden, weißen Stücke zu klauben. Anna stutzte. Sie wusste nicht recht, warum sie auf einmal aufgewühlt sprach, doch es war, als geschähe es aus einem bloßen Instinkt heraus. Denn irgendetwas stank hier doch bis zum Himmel! Und damit meinte sie nicht die fauligen Fische.

“Nicht anfassen!”, blaffte sie herrisch. Doch zu spät. Paul hatte bereits zwei der Perlen zwischen den gierigen Fingern und die üble Vorahnung der burschikosen Hexerstochter bewahrheitete sich auf dem Fuße. Der schwarzhaarige Junge im Lederwams zuckte heftig zusammen, fing damit an erstickt nach Luft zu ringen, klappte zusammen. Es ging so schnell. Und bevor er am harten Grund aufschlug, war er fort. Also… nicht direkt verschwunden, doch nicht mehr er selbst. Vor den ungläubigen Augen von Rist und Anna zappelte ein großer Lachs am Grund. Der überforderten Frau entkam ein überraschtes Fluchen.

“Was-”, keuchte Hjaldrist ebenso und schien sich nicht entscheiden zu können, ob er schockiert oder fasziniert sein sollte “Was passiert hier??”

“Ach du Scheiße!”, schnappte die Novigraderin und schlug die Arme über dem Kopf zusammen “Paul!”

Mit leeren Augen und aufgerissenem Maul zuckte der Lachs weiter und rollte hilflos durch das Gras, fiel zwischen seine längst verstorbenen und zersetzten Gleichgesinnten.

“Wir werfen ihn ins Meer!”, entschloss Anna sofort geistesgegenwärtig, wenngleich auch zu schnell und ohne wirklich darüber nachzudenken.

“Was??”, wollte Hjaldrist wissen “Wir können ihn nicht einfach ins Meer werfen!”

“Er ist ein Fisch, Rist!”

“Aber er ist auch Paul!”

Beiden gescheuchten Abenteurern entkam im Chor ein ohnmächtig-gehetzter Laut.

“Was machen wir also?”, wollte Anna wissen “Sieh mal, wie groß der ist! Der würde doch in keinen Kübel passen!”

“Ähm. Naja.”

“Wenn wir ihn hier weiterzappeln lassen, dann erstickt er, bevor wir über andere Möglichkeiten seiner Rettung nachdenken können!”

“Stimmt.”

“Also?”

“Wir, äh, also gut. Wir werfen ihn ins Meer!”, sagte Hjaldrist auf einmal aus Ermangelung anderer Optionen und stimmte seiner aufgebrachten Kollegin damit doch noch zu.

“Na, dann los!”, rief die Schwertkämpferin, ehe sie sich daran machte zu Paul zu kommen, um ihn zu erfassen. Dies stellte sich aber als schwieriger heraus, als gedacht, denn das Tier war ganz schön glitschig. Er entglitt der 21-Jährigen mehrmals und besudelte ihr die Handschuhe mit durchsichtigem Schleim.

Hjaldrist war zum Glück gleich bei seiner Freundin und half. Anders als sie, ging er jedoch schlauer, wenngleich auch gewaltsamer, vor, als Anna. Er schob die Frau beiseite und fasste routiniert nach dem großen Fisch. Er packte jenem in die Kiemen, um ihn hochzuheben, anstatt die Arme planlos um jenen zu schlingen und darauf zu hoffen, dass er nicht zu heftig zappelte. Der geübte Skelliger warf seiner Kumpanin einen abfällig-erheiterten Blick zu, dann zog er den großen Lachs schnell bis an die Kante der meterhohen Felsen, die zum schäumenden Meer hin führten. Der Wind riss an Hjaldrist’s Mantel.

“War klar”, kommentierte Anna die unglaubliche Situation, als sie neben Rist her eilte “dass du dich mit Fischzeugs auskennst!”

Der angesprochene Jarlssohn musste lachen, dann beförderte er Paul auch schon wuchtig über die Felsformation nach unten. Platschend landete das zappelige Tier auf der Wasseroberfläche und verschwand. Den Sturm über dem Wasser begleitete wieder das langgezogene, schmerzliche Heulen von früher.

“Ich kenne mich mit Fischzeugs aus? Ach, wieso denn?”, fragte Hjaldrist voller Ironie in der Stimme.

“Weil du in deiner Freizeit nichts anderes zu tun hast, als zu spielen und zu angeln?”, grinste die Alchemistin, während ihr Blick dem Lachs folgte, der in den Fluten verschwand. Rist lachte.

“Tja.”, machte er nurmehr, wechselte dann aber das Thema und kam auf die momentane, komplizierte Lage zurück. Er wendete Anna den Kopf zu und wurde wieder ernster.

“Was sagen wir De Genwitt? Dass wir seinen Sohn von der Klippe geschubst haben?”, fragte er. Seine Kumpanin musste sich auf diese Worte hin auf die trockene Lippe beißen, um nicht damit anzufangen zu breit zu grinsen. Sie konnte einfach nicht anders. So tragisch das Schicksal Pauls auch war, so war es vor allem… unterhaltsam. Oh, sie war ein schlechter Mensch.

“Wir haben ihm das Leben gerettet, Rist!”, empörte sie sich dann gespielt “Wir haben ihn davor bewahrt zu ersticken!”

Man hörte den Schönling leise lachen und sah, wie er den Kopf ungläubig schüttelte.

“Na, so oder so hattest du ihn ja vorgewarnt…”, grinste der Undviker noch.

“Richtig.”, nickte Anna und zuckte mit den schmalen Schultern. Sie konnten erst einmal nichts mehr für den überheblichen Sohn des Adelsmannes tun. Später, da könnten sie sich noch immer überlegen, ob sie überhaupt Lust dazu hatten. Denn wie gesagt, waren sie keine Leibwächter und nicht für den Jungen zuständig gewesen. Sie waren einzig und allein hier, um herauszufinden, was im und um das Anwesen der De Genwitts vor sich ging. Mittlerweile konnte man sich jedenfalls dessen sicher sein, dass es sich entschieden um KEINE Rattenplage handelte, sondern höchstwahrscheinlich um einen Fluch oder anderweitige Magie. Anna konnte es kaum erwarten herauszufinden, warum hier unzählige Perlen herum lagen, die Menschen zu Fischen machten. Hatte sie jemand gesammelt und mit einem Zauber belegt, um sie auszulegen wie makabere Köder? Oder was war geschehen?

“Sehen wir uns das Haus an?”, fragte Rist und ließ Anna damit aufsehen. Sie nickte entschlossen.

Bis zum Anwesen kamen die beiden Abenteurer jedoch nicht. Denn schon, als sie wenige Schritte darauf zu gemacht hatten, kam da eine Frau nahe an das kunstvoll geschmiedete Tor, das zu der Villa führte. Langsam schritt sie von der Seite her auf es zu, nur, um sich in dessen Nähe an den verschnörkelten Eisenzaun zu stellen und den Kopf tief hängen zu lassen. Weinend fasste sie an die Gitterstäbe, als sei sie innerhalb jener gefangen. Dabei stand das Gartentor doch sperrangelweit offen. Anna hielt sofort inne.

Die schniefende Fremde weiter vorn trug ein zerschlissenes, rüschenbesetztes Kleid, das ihr feucht am Körper klebte. Der Stoff war weiß und halb durchsichtig; Wie die schwarzen, langen Haare tropfte er vor Nässe. Die Dame sah demnach aus, als sei sie just aus dem Meer gekommen. Sie sah nicht her und heulte bloß. Und dieses Jammern verflocht sich mit dem aufkommenden Sturm, der die Kleidung er Monsterjäger bauschte.

“Sie sind tot…”, weinte die mysteriöse Frau “Sie sind alle tot…”

“Was…?”, flüsterte Hjaldrist und umfasste seine Axt nun mit beiden Händen. Seine Freundin legte die Linke ebenso auf ihr Schwertheft. Man wusste ja nie.

“Wie fühlst du dich, Rist?”, fragte Anna sofort mit gesenkter Stimme und es erschien, als bemerke die nasse Frau sie beide gar nicht. Ganz in Selbstmitleid verfallen, hing sie da an den Zaunstangen und schluchzte der verwesenden Fische wegen. Es war zwar bewölkt und ob des aufziehenden Unwetters dunkel, doch Tag. Die Unbekannte konnte also kaum eine nächtliche Erscheinung sein. Sie wirkte viel zu real, obwohl ihre Haut auffallend blass aussah.

“Wie ich mich fühle…?”, murmelte Hjaldrist gleich und sah die Kurzhaarige von der Seite aus unschlüssig an “Das Mädchen da vorn macht mich etwas unruhig und das liegt nicht an ihrer durchsichtigen Kleidung.”

“Das meinte ich nicht.”, sagte Anna ernst “Löst ihr Heulen irgendetwas in dir aus?”

“Nein.”, meinte der Skelliger in der grünen Tunika sofort entschlossen und wusste gleich, worauf seine vorsichtige Gefährtin anspielte “Ich fühle nichts. Es ist nicht so wie in Rogne damals, keine Sorge.”

“Gut.”, murmelte die erleichterte Frau und erinnerte sich an das kleine Dorf von vor etwa einem Jahr. Damals, da hatte eine schöne Nymphe die Ortsbewohner in Angst und Schrecken versetzt. Viele Männer waren verschwunden und niemand hatte genau gewusst weswegen oder wohin. Anna und Hjaldrist hatten dann aufgedeckt, dass die besagte Teichnymphe die Bewohner Rognes angelockt und ertränkt hatte. Mit ihrer hellen, schönen Stimme hatte sie jeden Kerl angezogen wie Feuer die Motten. Auch der arme Rist war damals nicht davon verschont geblieben und hatte sich einlullen lassen. Er hatte keine andere Wahl gehabt, denn die betörende Magie war verdammt stark gewesen.

Das weiter vorn war nun aber keine Nymphe. Sie war auch keine Sirene. Und um ehrlich zu sein, erinnerte sie Anna aus der Entfernung ein klein wenig an eine Wasserleiche. Dies lag vor allem an der blassblauen Haut der Unbekannten, die da weinte und immer lauter schluchzte. Deren Schultern bebten dabei, zitterten.

“Also schön.”, sagte Anna leise und warf Rist noch einen letzten, bedeutsamen Blick zu “Sei kampfbereit, ja? Wir gehen hin und sprechen sie an, um zu sehen, ob sie feindselig ist.”

“Ha.”, gluckste der Undviker auf diesen wagemutigen Plan hin grimmig-amüsiert “Das klingt ja einmal wieder nach einer unserer altbekannten Methoden. Ich fühle mich direkt wohl.”

Auch die Giftmischerin musste schmunzeln, wandte sich dann aber gleich, um auf die Heulende zuzugehen. Über verrottete, stinkende Fische hinweg steigend, machte sie sich auf den Weg zum geschmiedeten Eisentor des schönen Anwesens auf der Anhöhe. Und dabei erhob sie bereits die Stimme, um durch den Wind zu der zu sprechen, die da nahe dem offenen Tor stand und schier verzweifelte.

“Heda!”, rief die Frau aus Kaer Morhen auffordernd “Wir kommen jetzt zu dir!”

Die Fremde rührte sich nicht, reagierte kein Stück, sondern heulte nur hysterischer. Hjaldrist schloss erneut zu seiner besten Freundin auf und hatte eine todernste Miene aufgesetzt. Erklamm hielt er fest mit beiden Händen umschlossen und würde nicht davor zurückscheuen das geschliffene Axtblatt in den Schädel der Unbekannten zu hauen, sollte sich jene als gefährlich herausstellen.

Umso näher Anna der Genannten kam, desto weiter wurde ihr Blick. Auch verlangsamte sich ihr Schritt immer mehr, als ihr Blick vor die Füße der Weinenden sank. Da lagen nämlich viele Perlen. Vor den verschmutzten Schühchen der Schwarzhaarigen häuften sie sich und ungehalten rieselten mehr von ihnen hernieder. Die planlose Hexerstochter sah mit dem Anflug einer irritierten Ahnung im Blick wieder auf. Und als sie keine zehn Meter mehr von der Bleichen entfernt stand, sah sie, wie die kleinen Perlen von deren Gesicht herab rieselten, wie Tränen. Oh. Ja, dieses seltsame Wesen weinte weiße Perlen! Man hörte Rist dieses Umstands wegen einen wirren Laut von sich geben.

“Was zum-”, machte er und in dieser Sekunde sah die Frau hinter dem verschnörkelten, brünierten Zaun abrupt auf. Sie verstummte sogleich und wenige letzte Perlen rieselten ihr aus den weißlich, matten Augen. Deren Pupillen erinnerten an die der toten Fische vor dem Haus. Dann ging alles unglaublich schnell. Anna konnte sich kaum versehen, da verzog die Fremde das blasse Gesicht zu einer hässlichen, wütenden Fratze. Sie bäumte sich auf und packte fester an die Gitterstäbe vor sich. Stücke länglicher, scharfer Muscheln steckten ihr in den Unterarmen, als hätte sie jemand dort hinein gerammt, und ließen sie schwarz bluten. Dann kreischte sie laut und zornig auf, grollte und warf den Kopf herum. Binnen Sekunden war sie über dem hohen Zaun, kletterte gelenk wie eine Spinne und fiel die anwesende Alchemistin an. Anna taumelte zurück, stieß das keuchende Biest von sich und zog das Schwert. Laut aufheulend fiel das Ding mit den langen, schwarzen, verklebten Haaren in den Dreck. Doch schnell warf es sich herum, kam erneut und auf allen Vieren auf die Kurzhaarige zu. Jene gab einen überwältigten Laut von sich.

Dann war da Hjaldrist. Er ließ Erlklamm auf das fremdartige Wesen niedergehen und hackte dem herumfahrenden Ding am Boden einen Fuß ab. Wieder fauchte und brüllte es, erwischte den Mann an einem Bein und wollte zubeißen. Anna erwischte die vermeintliche Frau von hinten, zerrte sie an ihrem nassen, weißen Kleid von dem Skelliger und trat barsch nach ihr. Unglaublich schnell wich die Schwarzhaarige ab und kam sich verdrehend auf die Beine. Unmenschlich bewegte sie sich und hob mit den scharfen Muschelkanten an den Unterarmen nach vorn. Sie zerriss damit einen Ärmel Anna’s, schnitt in warme Haut, kam um die blutende Trankmsicherin herum, packte zu. Rist stieß seine beste Freundin aber geistesgegenwärtig fort, rammte dem feuchten Biest den Axtknauf harsch entgegen. Er verfehlte es, denn es war schneller als er. Trotz des fehlenden Fußes wich es zurück; humpelnd auf dem verschmierten Beinstumpf und die Augen weit verdrehend. Seine gebleckten Zähne waren spitz wie die von Raubfischen und es verzog die Fratze weiter zu einer widerwärtigen Maske. Schwarzes Haar hing dem Monstrum in das blassblaue Gesicht. Dann schrie und heulte es wieder. Und auf dieses Brüllen kam dieses Mal eine Antwort aus vielen Stimmen. Im Rücken der Kreatur stoben Sirenen aus dem unruhigen Wasser wie Pfeilspitzen. Sie schossen in die Lüfte, breiteten die nassen Schwingen aus und gellten laut. Der Wind riss an ihren Haaren. In ihrer Hektik zählte Anna auf die Schnelle sechs Stück der geflügelten Wasserfrauen. Und sie sprach impulsiv einen Fluch aus.

“Rist!”, blaffte die Kriegerin schnell “Wir haben unter Umständen ein Problem!”

“Ach!”, kam es seitens des hübschen Mannes zurück und er musste gehetzt grinsen “Erzähle mir mal was neues!”

Keinen Moment später kam die erste Sirene im Sturzflug auf Anna und Hjaldrist zu. Es war ein Augenblick, in dem das seltsam heulende Wesen, das Perlen weinte, nutzte, um zu verschwinden. Es kletterte wieder über den Eisenzaun des Anwesens der De Genwitts und kroch auf allen Vieren davon, um in den Rosenbüschen zu verschwinden.

“Hjaldrist!”, rief Anna und gestikulierte in die Richtung des besagten Monsters, um ihren Freund darauf aufmerksam zu machen, dass ihr unheimliches Ziel gerade verschwand.

“Ich weiß!”, entkam es dem keuchenden Skelliger, als er der ersten Sirene auswich und zur Seite wanken musste, damit ihn eine zweite nicht traf. Anna kam hinter eines der Biester, die vom Himmel gestoßen waren, und holte mit dem blitzenden Schwert in der Linken aus. Sie verwundete die keifende Sirene, brachte sie dazu gellend aufzuschreien. Einen Wimpernschlag später schon, stürzte ein weiteres dieser Monster herab. Anna entkam dessen spitzen Klauen nur knapp, fuhr herum und zertrennte einen der häutigen Flügel. Die langhaarige Sirene fiel zu Boden, rollte durch ihren Schwung wenige Fuß weiter und blieb zeternd zwischen toten Fischen liegen. Hjaldrist war schnell bei ihr und besiegelte ihr Todesurteil. Doch den attackierten Abenteurern wurde keine Pause gegönnt. Zwei weitere geflügelte Wasserwesen kamen von oben und warfen Anna um. Die eine kam über sie und wollte zuschnappen. Die Frau aus Kaer Morhen trat zu, stach mit der Klinge nach und rollte sich flink unter dem Monster fort, ehe sie wieder auf die Beine kam. Tief atmete sie durch, machte einen Ausfallschritt, hob zu. Und dann hörte sie auf einmal das tiefe Dröhnen eines Horns. Es klang so nah neben ihr, dass sie vor Schreck einen Satz machte und perplex herum fuhr. Es klingelte nur so in ihren Ohren. Hjaldrist hatte sein Kriegshorn in der Hand, das er früher einmal von der guten Märthe bekommen hatte, und blies es. Sofort lockerte sich die aufgerüttelte Miene Annas, denn sie erinnerte sich an die Worte, die die gutmütige Drachenfrau damals von sich gegeben hatte: ‘Es holt geflügelte Ungeheuer vom Himmel’, hatte Märthe lächelnd gesagt. Und das tat das Horn just tatsächlich. Wütend schnatternd und schnarrend fielen die orientierungslosen Sirenen ringsum hernieder wie schwere Steine. Hart trafen sie am Boden auf, zwei von ihnen blieben sofort regungslos liegen. Perplex wich Anna ab, starrte ihren Kumpel an und nicht minder überrascht ließ Rist sein Kriegshorn langsam sinken. Mit Lippen, die ihm einen überwältigten Spalt weit offen standen, sah er auf diese Waffe hinab, dann zu seiner Freundin.

“Es funktioniert!”, schnappte er, dann musste er kurz und zufrieden lachen.

“Das war gut!”, stimmte Anna nahezu atemlos, doch ebenso heiter ein. Und hätte sie die Zeit dafür besessen, hätte sie ihm eine Siegerfaust gegeben. Doch Zeit, die blieb ihnen nicht. Denn es galt noch die verbliebenen drei Sirenen unschädlich zu machen. Etwas, das nun leichter fiel, da sie sich verärgert am Boden wandten und enorm verwirrt erschienen. Es dauerte keine Minute, da waren sie allesamt einen Kopf kürzer. Buchstäblich.

 

“Es ist dort hinten im Busch verschwunden!”, rief Anna Rist durch den aufkommenden Sturm, der vereinzelte Regentropfen mit sich trug, hektisch zu. Sie deutete gen Anwesen, das von schönen, weiß blühenden Rosensträuchern gesäumt war. Der aufmerksame Skelliger nickte, winkte seine Freundin zu sich und machte sich dann zusammen mit ihr daran das geschmiedete Gartentor des großen Grundstücks zu passieren. Die Abenteurer eilten dahin, als glaubten sie, das einfüßige Monster noch zu verlieren. Sie traten auf ihrem Weg in grünes Gras, das hier und da von kleinen Perlen gespickt war, und Anna rutschte beinah auf einem fauligen, schleimigen Fisch aus. Dabei versuchte sie nicht daran zu denken, dass die verendeten Tiere mit den aufgerissenen Mäulern und den ausdruckslosen Augen einmal Menschen gewesen waren. Oh, wie makaber hätte der Platz hier ausgesehen, wären tatsächlich Leichen herum gelegen! Die Frau, an deren Lodenmantel der Sturm zog, verzog das Gesicht und kam vor den Rosenbüschen zum Stehen. Ihr Wolfsmedaillon zuckte unruhig an ihrem Gürtel. Die Gegend rund um die Villa der De Genwitts war durchzogen von Magie und es war keine Frage, dass das seltsame Wesen mit der fahlen Haut und den herausstehenden Muscheln in den Unterarmen entweder einen starken Zauber auf sich trug oder selbst äußerst magiepotent war. War es also herbei beschworen oder verflucht worden? Oder war es selbst ein Magiewirker? Man würde sehen. Und die gewiefte Anna hatte da schon eine Idee, wie sie herausfinden könnte, wie eng das heulende Biest eine Verbindung zu dem Arkanen hatte. 

Während der kampfesschreiende Hjaldrist direkt in die weißen Rosensträucher stob, um das schmale Monster aufzuscheuchen, fasste die Hexerstochter an ihre lederne Trankgürteltasche, um jene mit fahrigen, kalten Fingern zu öffnen. Ihr Schwert hielt sie solange behelfsmäßig und ungeschickt mit ihrer verletzten Rechten fest. Ein leiser, schmerzlicher Fluch entkam ihr dabei, doch sie versuchte zu ignorieren, dass es wehtat, wenn ihre zwei gebrochenen, geschienten Finger auch nur die kleinste Berührung spürten. Sie zog ein Fläschchen aus ihrer Tasche, in der sich kleine, feine Silberspäne befanden, und entkorkte es mit den Zähnen. Dann kam sie Rist nach, der das fauchende Wesen mit den langen, nassen Haaren just schimpfend von sich zwängte. Jaulend schlug es mit den scharfen Muschelarmen nach ihm und verfehlte sein Gesicht nur knapp, kassierte dafür einen Schlag mit der Breitseite Erlklamms und landete rücklings in den Rosen. Weiße Blütenblätter stoben auseinander und wütend wand sich das Ding, das aussah, wie eine äußerst blasse, magere Frau. Es gellte eine unverständliche, wütende Gebärde.

Anna kam an die Seite ihres besten Freundes und zögerte nicht länger. In einer abrupten Bewegung schüttete sie der wild Schnarrenden Silberspäne entgegen und die heftige Reaktion darauf kam sofort: Das Monster, das sich gerade hatte aufrichten wollen, warf sich wieder zurück auf den harten Grund und schlug sich dabei eine blutende Wunde am Hinterkopf. Es zappelte krampfend, streckte das Kreuz durch, packte sich an das Gesicht und riss die milchigen Augen auf. Mit dem Fuß und dem Beinstumpf trat es unkoordiniert, wühlte die Blumenerde unter sich damit auf. Die Alchemistin begann damit grimmig-zufrieden zu grinsen, als sie dies sah und ihr halb leeres Glasfläschchen wieder zurück in die Tranktasche verschwinden ließ. Sie holsterte ihr Bastardschwert. Hjaldrist hielt perplex inne und erlaubte es sich zu Atem zu kommen.

Als Anna dann näher auf das Wesen am Boden zu trat, zog sie ihren Langdolch. Silber. Das Metall, das verheerend auf magische Wesen und Verfluchte wirkte, war in die teure Waffe eingeschmiedet worden. Wenige Schnitte oder ein gezielter Stich würden reichen, um die Furie zu ihren Füßen ausbluten zu lassen. Ja, Silbererz fraß sich in magisches Fleisch wie ätzende Säure. Es verbrannte, biss, hinderte Wunden daran sich zu schließen und ließ Blut nicht gerinnen. Für Menschen oder Tiere waren Silberwaffen nichts anderes als normale Klingen aus Stahl. Doch wenn es um Übermenschliches ging, dann waren sie Gold wert. Nicht umsonst trug ein jeder Hexer zwei Schwerter bei sich: Eines aus simplem Metall, eines aus einer Silberlegierung.

Das zuckende Monstrum am Grund fauchte erschrocken und hob die dunkel beschmierten Arme schützend vor sich. Es wandte den Kopf schnell ab, als die entschlossene Jägerin kam und kniff die Augen zu, als wolle es das Kommende nicht sehen. Es war der Punkt, an dem Anna plötzlich innehielt.

“Nein, nein, nein....”, keuchte und heulte die Schwarzhaarige, der das weiße Kleid tropfte, mit heiserer Stimme “Nein, nein.”

Die Hexerstochter ließ den Dolch sinken und betrachtete das Geschöpf aus durchdringend forschenden Augen. Sie presste die Lippen aufeinander, atmete tief durch die Nase aus. Und sie unternahm nichts, während sich das Wesen vor ihr fort duckte und sich klein machte, als würde es dadurch unsichtbar werden. Das wurde es aber nicht.

“Anna?”, kam es von hinten. Rist war schnell bei seiner Freundin und maß sie eines flüchtigen, doch eindringlichen Blickes. Er nickte auffordernd in die Richtung der Kauernden am feuchten Erdboden.

“Mh.”, entkam es der Novigraderin nur “Es hat also Verstand.”

“Was?”, fragte der Undviker irritiert.

“Sieh doch.”, knapp gestikulierte Anna in die Richtung der Bleichen mit den pechschwarzen Haaren. Jene sah gerade aus ihren trüben Fischaugen auf, prüfend, als glaube sie nicht, dass sie noch immer lebte. Hjaldrist taxierte sie äußerst kritisch, umfasste die wertvolle Axt wieder merklich fester. Doch so wie seine Gefährtin hatte auch er innegehalten und unternahm nichts. Er war zwar höchst alarmiert und dazu bereit wuchtig zuzuschlagen, aber er tat es nicht.

“Verstehst du uns?”, fragte die interessierte Giftmischerin das getretene Biest am Boden und jenes lenkte die Aufmerksamkeit sofort auf sie zurück. Es blinzelte, doch nicht so, wie es Menschen taten. Seine hässlichen Augen schlossen und öffneten sich unabhängig voneinander, asynchron. Es wirkte genauso eigenartig wie der gesamte Rest des armen Dinges in dem feuchten Kleid. Dem besagten Wesen entkam ein wehleidiges Stöhnen. Es zuckte, sah fort, dann nickte es knapp. Abschätzend betrachtete Anna dies. Wieder musste sie schmal lächeln. Dies sah freudlos aus, doch wissend.

“Hm.”, machte Rist unschlüssig und Verwunderung schwang dezent in seinem Ton mit “Was jetzt?”

Der Mann war nicht dumm. Und er erinnerte sich offenbar an das, was ihm seine gelehrige Kollegin einmal gesagt hatte: Ein guter Monsterjäger verdiene sein Geld zwar damit vielerlei Biester zu erschlagen, doch sobald jene vernunftbegabt waren, rede er eher mit ihnen, als sie blind abzuschlachten. Hexer waren keine Mörder; jedenfalls nicht die der Wolfszunft. Und bevor sie ein Wesen, das sich ergab oder sich verbal zu wehren versuchte, erschlugen, sprachen sie damit. Denn manchmal, da ließen sich Probleme anders lösen als mit geschliffenen Klingen und Blutvergießen.

“Wer bist du?”, wollte Anna wissen, als sie die braunen Augen nicht von der blutenden Kreatur auf der Erde nahm. Jene fuhr erschrocken zusammen und sah wieder auf. Der Mund mit den spitzen Zähnen darin stand ihr offen und sie atmete schwer. Die Novigraderin mit dem Silberdolch wartete ab und glücklicherweise übte sich auch der anwesende Jarlssohn in Geduld. Er schien gerade nicht so ganz glauben zu wollen, was passierte.

“Hast du einen Namen?”, wollte die hartnäckige Kriegerin wissen und ihr Blick ließ das eigenartige Geschöpf nicht los. Die milchigen Augen des selbigen wanderten. Es schien angestrengt nachzudenken, als ihm das Wasser von den strähnigen Haaren tropfte.

“Teresa.”, keuchte es dann, zuckte abermals zusammen und gab einen Laut von sich, der an ein nasses Röcheln erinnerte “Sie sind tot!”

Hjaldrist hob die Brauen und nun ließ auch er seine Waffe sinken. Das feucht glänzende Geschöpf am Grund warf sich herum, sah noch einmal gescheucht auf. Dann floh es hektisch auf allen Vieren; wie eine Spinne, die man verfolgte und zu zerschlagen versuchte. Die Außenwand der hell gestrichenen Villa erklomm es so und hinterließ daran eine schwarze Blutspur. Es schnarrte verärgert, als es durch eines der offenstehenden Fenster verschwand. Dann war es ruhig. Nurmehr der kühle Wind heulte und peitschte den Abenteurern Regentropfen entgegen, als wolle er sie endlich von diesem Ort verscheuchen. Die Wellen des Meeres brausten und schäumten wie zur bösen Drohung.

Anna ließ ihren Dolch in dessen Scheide am Waffengurt zurückgleiten. Dann schnaufte sie entnervt.

“Ich glaube, wir sollten mit De Genwitt reden.”, sagte sie nach einer Weile des Schweigens “Es scheint, als habe er uns da eine Kleinigkeit verschwiegen.”

Hjaldrist nickte langsam und seine Gefährtin war froh darüber, dass er zu verstehen schien. Er maß die jüngere Giftmischerin mit einem Seitenblick, der langsam ein Stück sank und an ihrem versehrten Oberarm mit dem blutigen Ärmel hängen blieb. Der Hemdärmel war dort von den Muscheln Teresas aufgerissen worden und ein unschöner Schnitt prangte auf der hellen, tätowierten Haut darunter. Es brannte, als habe man Anna Salz in diese Wunde gestreut. Nicht verwunderlich, wenn man bedachte, dass das Wesen, gegen das sie gekämpft hatte, vor Meerwasser nur so triefte.

Man hörte Rist leise seufzen, dann sah er wieder auf und nickte seiner Freundin in einer Manier zu, die bedeutete, dass sie zu ihm kommen solle. Irritiert hob sie die Brauen. Dann sah sie, wie sich der Viertelelf einen zusammengerollten, sauberen Verband aus der Gürteltasche klaubte. Anna versuchte nicht zu überrascht auszusehen, als sie dann gefügig einen Schritt auf ihren Kumpanen zu machte und ihm den schmerzenden Arm hinhielt. Der Kerl war doch sonst nie so zimperlich gewesen, wenn es darum gegangen war, dass sich die nachsichtige Novigraderin zu Hack verarbeiten ließ. Sie hatte schon so oft geblutet oder irgendwelcher Schnitte oder Prellungen wegen gejammert. Hjaldrist hatte sie in diesen Fällen stets schadenfroh ausgelacht. Jetzt stand er jedoch da, wickelte der abwartenden Alchemistin den Verband um die wunde Stelle am Oberarm und zog ihn sorgfältig fest. Er sah die Frau dabei nicht an und es mutete an, als erforderte die simple Wundversorgung gerade seine vollste Konzentration. Anna musste schief lächeln.

“Danke, dass du mich vor dem schrecklichen Tod durch Verbluten bewahrst, Rist.”, meinte sie feixend. Ja, sie war ihm durchaus dankbar und seine Geste war absolut liebenswürdig gewesen. Doch auf der anderen Seite war der Schnitt an ihrem Arm doch kaum der Rede wert, lächerlich. Daher konnte sie nicht anders, als zu scherzen. Der Jarlssohn übertrieb doch.

Hjaldrist sah nach dem Kommentar der witzelnden Hexerstochter auf und wirkte einen Atemzug lange tatsächlich pikiert. Dann aber zog ein wölfisches Grinsen an seinen Lippen und er haute der Jüngeren auf die verbundene Stelle, dass sie überwältigt schreien musste.

“Aua!”, entkam es ihr.

“Es ist immer schön, wenn der Schmerz nachlässt, Flohbeutel.”, schmunzelte der Jarlssohn und da war die vermisste Schadenfreude auch schon wieder “Warts ab, du wirst sehen.”

“Du Arsch!”, lachte Anna wehleidig und hielt sich den rebellierenden Oberarm. Ihr bester Freund klopfte ihr grinsend auf die Schulter.

 

Einige Zeit später saßen die Abenteurer wieder in der kleinen, doch feinen oxenfurter Taverne, in der sie sich eingemietet hatten. Sie hatten sich dazu entschlossen erst einmal etwas Trockenes anzuziehen, zu Mittag zu essen und sich dann auf den Weg zurück zu Stefan De Genwitt zu machen, um ihn zur Rede zu stellen. Denn die Sache rund um die schräge Teresa war nicht koscher und bestimmt hätte der reiche Auftraggeber noch etwas über sie zu sagen. Schließlich schien sie an dessen Villa gebunden zu sein. Sie war zudem kein Monster, das einfach zufällig auftauchte, um einem das Leben schwer zu machen. Mit Nekkern, Kikimoren oder sonstigen ‘Plagen’, wie der Adelige mit der Klemmbrille es so schön betitelt hatte, hatte die Perlen Weinende wenig zu tun. Anna vermutete daher einen Fluch oder dergleichen. Und sie war schon immer jemand gewesen, der solche komplizierten Angelegenheiten lieber löste, anstatt stupide auf alles drauf zu prügeln, das unter Magieeinwirkung kreuchte und fleuchte. Balthar hatte sie dazu erzogen und sie war ihm dankbar dafür. Denn diese Art unterschied sie von Leuten wie den mordenden Greifenhexern von damals. Von diesem dreckigen Haufen, der den wehrlosen Lin erschlagen hatte.

“Wie jetzt? Sie weint Perlen, die Menschen in Fische verwandeln?”, schnappte Ravello ungläubig und lehnte sich dabei etwas vor “Das ist ja wie im Märchen!”

“Ja, tut sie.”, bestätigte Anna nickend, als ihr die Schankmagd eine große Portion Schweinebraten mit Klößen hin stellte “Wer gierig ist und die Perlen aufhebt, wird zu einem Fisch. So etwas habe ich noch nie gesehen.”

“Unglaublich.”, staunte der blonde Ritter und sah auch einmal groß zu Svenja hin, als erwarte er sich eine Meinung von ihr. Tatsächlich war die Skelligerin diesmal anwesend und aß mit ihren drei Begleitern zusammen. Es schien, als habe sie sich allmählich gefangen und als fühle sie sich langsam wieder wohler in der kleinen Gruppe. In ihrem duftenden Gemüseeintopf herum rührend nickte die ehemalige Skrugga langsam. Draußen prasselte der Regen gegen das Gasthausfenster.

“Schon erschreckend, dass solche Dinge so nah an einer großen Stadt passieren. Normalerweise, möchte man glauben, kommen sie weit abseits der Zivilisation vor. In… naja, verkommenen Häusern oder gruseligen Höhlen.”, kommentierte die Undvikerin im harten Akzent und trank ihren Becher Kirschsaft leer.

“Tja.”, machte Anna “Manchmal leben Monster sogar unter uns, IN den Städten, und sie werden nicht bemerkt.”

“Und manchmal, da sind Menschen die größeren Monstren.”, schloss Hjaldrist neunmalklug und steckte sich einen Bissen seines fettigen Speck-Omelettes in den Mund. Die kurzhaarige Frau neben ihm nickte zustimmend und zermatschte mit der Gabel ihre Klöße in der Schweinebraten-Soße.

“Man hat einmal eine Endriaga auf uns gehetzt. Einen dieser übergroßen Käfer, die eigentlich nur im Rudel vorkommen und relativ friedlich sind, wenn man sie in Ruhe lässt.”, erzählte Anna weiter “Rist und ich hatten an einem Wettkampf teilgenommen und eigentlich gegeneinander gekämpft. Das wurde den Zuschauern aber zu langweilig. Also holte der Veranstalter die Endriaga, machte sie aggressiv und ließ sie gegen uns kämpfen. Das arme Vieh war ziemlich verwirrt… und ich persönlich musste mich wirklich fragen, wie bescheuert und rücksichtslos Menschen sein können.”

“Klingt nach diesem Drecksack Halmar aus Blandare…”, sagte Svenja und die Hexerstochter sah sie überrascht an.

“Ja, genau der war es.”, bestätigte Hjaldrist und schüttelte den Kopf leicht. Er pustete auf seinen nächsten, heißen Bissen Omelett, um jenen etwas abzukühlen. Die Frau aus Undvik rollte derweil mit den grünen Augen, als sie an die moralisch fragwürdigen Straßenkämpfe des besagten Halmar dachte. Dann erhob sie sich langsam, um neue Getränke für den ganzen Tisch zu holen. Anna sah ihr positiv verblüfft nach.

“Da hat jemand einen guten Tag.”, grinste die Novigraderin bedeutungsvoll und ihr bester Freund nickte. Es schien ihn auch sehr zu erleichtern, dass sich Svenja heute so freundlich und ausgeglichen zeigte. Gut, dass sie es geschafft hatte, sich endlich am Riemen zu reißen. Ravello lächelte zufrieden.

“Ich dachte schon, sie würde uns verlassen. Aber nachdem ich heute Morgen mit ihr geredet habe, wirkt sie sehr entspannt.”, erzählte der Weiße Hase am Tisch offen.

“Du hast mit ihr gesprochen?”, wollte Anna neugierig wissen.

“Äh ja. Aber nur kurz. Ich lief ihr über den Weg, als sie vom Gespräch mit euch beiden kam und meinte zu ihr, dass ich es gut finde, dass sie endlich zur Vernunft gekommen ist. Und dass sie dafür meinen Respekt hat. Sie sah aus, als fühle sie sich geschmeichelt.”, der Ritter im blau-weißen Wappenrock zuckte mit den Schultern “So oder so wird das gemeinsame Reisen jetzt sicher angenehmer. Das ist schön.”

Auch die Giftmischerin, die ihr Essen klein schnitt, lächelte jetzt und Rist atmete erleichtert durch. Er wollte gerade noch etwas anfügen, als Svenja schon wieder kam und daher alle verstummten. Die langhaarige Frau mit den vielen Sommersprossen hatte vier Becher dabei und überladen, wie sie war, stellte sie jene etwas ungelenk am alten Tisch ab. Der zuvorkommende Ravello wollte ihr gleich helfen, doch sie winkte ab und zeigte, dass sie ihren Begleitern auch allein die Getränke zuschieben konnte. Dem hilfsbereiten Beauclairer warf sie nunmehr einen abfälligen Blick zu, setzte sich. Anna verkniff sich ein vielsagendes Schmunzeln und einen dummen Kommentar, nahm ihren frischen Beerensaft dankend entgegen. Und sie beobachtete den betretenen Blondschopf und die eigensinnige Bogenschützin noch ein paar kurze Augenblicke lange. Die beiden hätten gut zueinander gepasst, fand sie. Und nun, da die ehemalige Spionin offenbar endlich zu sich kam und verstand, dass Hjaldrist nicht mehr an ihr interessiert war, bot es sich doch an, dass sie mit Ravello anbandelte. Vielleicht würde der schillernde Ritter in dem Fall auch einmal damit aufhören allen möglichen, hübschen Frauen nach zu schleimen. Womöglich würde er sich wirklich an Svenja halten, anstatt den Damen am Markt hinterher zu laufen, wie ein hechelndes, nach Parfüm riechendes Hündchen.

“Wir werden nachher gleich noch zu De Genwitt gehen, um weiter an dem Auftrag zu arbeiten.”, sagte Rist in die Runde, als er sein Mittagessen fast aufgegessen hatte. Anna nahm einen Schluck von ihrem süßen Getränk, als sie zu ihm linste.

“Und was habt ihr noch vor? Spielen wir heute Abend Karten?”, fragte der Jarlssohn nett und Ravello nickte sofort.

“Ich will dann einmal mit Anna’s Gwent-Deck spielen.”, meinte der Blonde vorfreudig und drehte der Besagten den Kopf strahlend zu “Darf ich?”

Die angesprochene Kurzhaarige, die da neben Rist saß, antwortete nicht, als sie hinter ihrem tönernen Becherrand aufsah. Sie verengte die braunen Augen schwach, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ein schaler, dezent bitterer Geschmack hatte sich in ihrem Mund ausgebreitet, ganz schwach, aber dennoch war er da. Die stockende Frau ließ das halbvolle Trinkgefäß sinken, sah auf dessen rötlichen Inhalt hinab.

“Anna?”, fragte Ravello abermals nach, als die Novigraderin die Brauen zusammenzog und zögerlich aufblickte. Sie tat das jedoch geistesabwesend, nicht aufmerksam, und sah den Mann aus Toussaint an, als sei er gar nicht hier. Noch immer hing ihr der Geschmack nach Kirschsaft an den trockenen Lippen. Doch da war noch etwas anderes. Jemand wie sie merkte das doch sofort.

Engelstrompete? Nein. Tollkirsche.

Anna’s Blick, der schnell unsteter wurde, wich von dem verwirrten Ravello ab und hin zur starrenden Svenja.

“Arianna?”, hörte sie Rist fragen und seine Stimme klang ein wenig dumpf, verzerrt. Die Hexerstochter musste ganz leise lachen, absolut grundlos. Und am Rande ihres Verstandes wusste sie weswegen: Das verheerende Gift von Tollkirschen machte einen ein wenig euphorisch, bevor es unmittelbar tötete.

Die Atem holende Alchemistin ließ ihren Becher fallen; es polterte und der restliche Inhalt des Gefäßes übergoss sich auf Tischkante und ihren Schoß. Vor Anna’s Augen verschwammen die Bilder, wurden wackelig, bunt. Ravello wuchs ein zweiter, unnatürlich breiter Kopf und die Augen Svenja’s wurden so groß wie Fassdeckel. Mächtige, dunkle Klauen erfassten Anna von der Seite und sie gab einen überforderten Laut von sich. Sie hörte, wie Ravello hektische Fragen stellte und sah, wie der Zweiköpfige aufstand. Seine Haare waren nicht mehr blond, sondern blau. Die starrende Frau vernahm, wie die Undvikerin am Tisch ihren Namen überaus besorgt sagte.

Svenja. Diese Schlange.

Die Schwertkämpferin wollte aufstehen, doch schaffte es nicht, denn die spitzen Krallen von früher hielten sie noch immer fest. Sie gehörten Rist. Benebelt zu jenem hin sehend, erkannte die Giftmischerin nicht nur die großen, schwarzen Pranken des Mannes, sondern auch ein weit aufgerissenes Maul voller spitzer, schmaler und ungleich langer Zähne, die nach ihr schnappten. Schwer atmete sie durch, ermahnte sich irgendwo in ihrem Inneren, dass all das hier nicht real war. Die auswendig gelernten Phrasen über Tollkirschen liefen ihr durch den Geist, wurden immer vager. Dann waren sie fort. 

Halluzinationen, Euphorie. Anna lachte hinter vorgehaltener Hand. 

Tod. Doch sie blieb aufrecht sitzen. 

Gedächtnisverlust.

Die halbe Tavernenbelegschaft sah die Vergiftete aus glotzenden, glühenden und aufgerissenen Augen an. Die Leute stöhnten, schnarrten, kicherten, geiferten, spuckten buntes Licht. Die Alchemistin wurde gerüttelt, angesprochen, dann hochgehievt.

“Onkel Jaromir…”, stöhnte sie erschöpft, doch lächelte breit “Ich habe mein Buch verloren…”

Und dann saß Anna plötzlich auf ihrem Bett. Als sie den schweren Kopf blass hob, sah sie Rist, der vor ihr hockte und sie drängend ansah. Sie konnte ihren verschwommenen Blick nur äußerst schwer fokussieren und blinzelte immer wieder angestrengt. Der Mann bei ihr streckte die Hand nach ihrer blassen Wange aus, tätschelte jene, als wolle er damit nach Aufmerksamkeit haschen. Es klappte nicht. Er tätschelte fester.

“Anna.”, sprach er die Kurzhaarige laut an “Hallo?”

Der Frau entfleuchte ein dünnes Stöhnen, als sie sich an den Kopf fasste.

“Was…?”, machte sie nachgiebig “Was ist mit Teresa?”

Hjaldrist wirkte entrückt und starrte seine Kollegin nach dieser Frage perplex an.

“Wie? Was soll mit ihr sein?”

“Warum sind wir hier…?”, wollte die aufgelöste Anna folgend wissen und machte ihren besten Freund damit sprachlos.

“Anna, du warst gerade völlig weggetreten. Du hast gelacht und komisches Zeugs geredet.”, erinnerte der Jarlssohn und erhob sich endlich aus der Hocke, um sich zu der Burschikosen auf die Bettkante zu setzen “Ich habe dich vor keiner halben Stunde hier hoch gebracht. Du hast mir dabei irgendwelche Dinge aus Kaer Morhen erzählt.”

“Hmm…?”, machte die Braunhaarige lethargisch “Ich erinnere mich nicht.”

“Ach du Scheiße…”, murmelte der Skelliger leise und fuhr sich mit der Hand über das unrasierte Gesicht “Ich wusste ja, dass es keine gute Idee ist, wenn du dich gleich wieder so sehr übernimmst...”

“Ich habe mich nicht übernommen.”, protestierte Anna lasch und sprach ein wenig so, als sei sie betrunken “Wir haben gut gekämpft, Rist.”

“Und dennoch bist du fast zusammengeklappt und jetzt völlig durcheinander.”, sagte der Mann verunsichert “Was war nur los?”

Seine beste Freundin sah ihm starr entgegen und versuchte sich gewaltsam zu konzentrieren. Es funktionierte nur dürftig. Leicht verengte Anna die Augen, deren Pupillen noch immer zu weit waren, verzog den Mundwinkel.

Da war eine Erinnerungslücke. Also vielleicht… vielleicht hatte Hjaldrist ja Recht und sie hatte sich wirklich überfordert? Wochenlang war sie wirklich am Ende gewesen, hatte den Freitod wählen wollen, Fisstech genommen und gesoffen wie ein Loch. Mental hätte man sie für nichts gebrauchen können, sie war ein Wrack gewesen. Konnte es sein, dass es mit ihr doch nicht so schnell bergauf ging, als erwartet? Bekam sie gerade die Rechnung für die Sache mit den Drogen und dem Alkohol? Erst vorgestern hatte sie sich dabei ertappt sich wieder Fisstech ins Zahnfleisch reiben zu wollen. Oh. Brauchte sie noch Zeit? Sie war doch sonst nicht so sensibel. Sie hatte in ihrem Leben noch keinen wirklichen Schwächeanfall erlitten. Bis heute. Es war befremdlich.

“Uh…”, seufzte Anna erschlagen “Mein Mund ist ganz trocken…”

Hjaldrist fasste nach der Kanne, die seit dem Frühstück auf dem Nachtkästchen stand und schenkte seiner Kumpanin den kalten Tee in ein Glas ein. Jene nickte dankend und nahm ihn mit der heilen Hand entgegen, um ein paar Schlucke davon zu trinken. Der Mann bei ihr machte sich Sorgen, das sah man ihm an. Man merkte es auch deshalb, weil er nicht scherzte und keine blöden Sprüche von sich gab.

“Geht es wieder?”, wollte er wissen, nachdem die Novigraderin getrunken hatte. Sie nickte zögerlich.

“Mir ist ein bisschen schwindelig…”, gab Anna zu “Aber sonst geht es schon.”

“Gut.”, entkam es Rist nur wenig erleichtert “Wir bleiben heute erst einmal hier. Ich schicke die anderen beiden später zu De Genwitt und lasse ausrichten, dass wir unsere Arbeit heute noch nicht ganz erledigen können.”

“Aber-”

“Nein, kein Aber.”, bestand der Schönling, der offenbar nicht vorhatte, heute noch einmal von der Seite seiner wirren Kollegin zu weichen, streng “Wir haben heute schon genug getan. Morgen sehen wir weiter.”

“Also schön.”, seufzte die Frau am Bett ungewohnt einsichtig. Sie gab damit zu, dass es gerade wenig brächte, wenn sie wieder los eilten, um mit Stefan De Genwitt zu sprechen und Teresa im strömenden Regen aufzusuchen. Morgen, da wäre dafür ein besserer Tag.

“Aber was ist mit Paul?”, fragte die Kriegerin noch kritisch, als Rist ihr einen Arm im stummen Beistand locker um die Schultern legte “Sein Vater wird sich fragen, wo er ist.”

“Svenja und Ravello werden ihm die Lage halbwegs erklären können. Ich werde ausrichten lassen, dass es einen harten Kampf gab, während dem Paul über die Klippen gestolpert ist.”

“Mhm…”, machte Anna und nickte zustimmend. Dass der besagte, junge Adelige über die Klippen nahe der Villa gefallen war, stimmte ja auch irgendwo. Und es war angenehm, dass Ravello und Svenja als Boten wirken sollten. So blieb der Hexerstochter wenigstens die aufgebrachte, emotionale Reaktion von De Genwitt auf den vermeintlichen Tod seines Sohnes erspart...

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