Kapitel 44

Giftige Küsse und ein Träumer

Hjaldrist hob den Kopf schwach, um zu Anna hin zu sehen. Still saß die Frau da an dem kleinen Tisch im ruhigen Zimmer und schrieb. Sie hatte die fleckigen Unterlagen aus der Ruine der Flammenrose vor sich liegen und runzelte immer wieder die Stirn, während sie sich offensichtlich auf das besann, das da in den Schriften stand. Es war ein gewohntes Bild die Giftmischerin bei ihrer Arbeit zu sehen. Und doch wirkte es etwas anders, als sonst: Man sah es der Novigraderin an, dass sie Schwierigkeiten dabei hatte sich zu konzentrieren. Immer wieder rieb sie sich die Schläfe, seufzte leise oder schlug ächzend die Augen nieder. Auch jetzt legte sie die gescheckte Schreibfeder aus ihrer Linken, mit der sie nur beachtlich langsam hatte schreiben können, und stützte den Kopf darauf. Es war kaum drei Stunden nach Mittag und die Frau mutete schon absolut ermüdet an. Es musste mit ihrem Zusammenbruch von vorhin zusammenhängen. Ja, ganz sicher hatte sie jener enorm viel Kraft gekostet. Es war erschreckend gewesen Anna so entrückt zu sehen, beobachten zu müssen, wie sie grundlos lachte, nicht mehr aufstehen konnte und zu hören, wie sie ziemlichen Stuss lallte. Sie hatte Hjaldrist einmal als ‘Jaromir’ betitelt, ein anderes Mal hatte sie ihn überhaupt nicht erkannt. Absolut befremdlich war es gewesen, als sie wankelmütig damit angefangen hatte in einem ungewohnt markanten kaedweni Akzent zu sprechen und sich so gegeben hatte, als sei sie gerade zehn Runden um die Festung ihrer Zunft gerannt. An dem anwesenden Skelliger hatte sie gehangen und gejammert, gesagt, dass ihr die Füße weh taten und sie den Parcours heute nicht noch weiter laufen könne; dass sie Durst hätte und viel lieber ‘Onkel Vadim’ beim Training zusehen wolle. Dann war die Alchemistin wieder geistig anwesend gewesen und hatte Hjaldrist irgendetwas über irgendwelche Kräuter und Öle erzählt. Völlig aus dem Kontext gerissen hatte sie gebrabbelt und irgendwelche Dinge gesehen, die nicht da gewesen waren: Monster, Schemen, unnatürlich verzerrte Gesichter. Es hatte den Undviker aufgewühlt, ihn zeitweise gar sprachlos gemacht. Und gleichzeitig hatte er sich fragen müssen, was denn bloß los sei, dass Anna von einer Sekunde auf die andere so sehr schlapp machte und sich vollkommen verlor. Der Mann hatte an das gedacht, was Svenja erzählt hatte. Daran, dass die Frau aus Kaer Morhen in den letzten Wochen viel zu viel getrunken hatte. Und daran, dass sie auch nicht davor zurückgeschreckt hatte Drogen zu nehmen. Ja, Anna mochte wohl resistenter gegen allerlei Gifte sein, als andere Leute. Und dennoch. Das, was sie getan hatte, war nicht gesund gewesen. Ganz davon abgesehen, dass sie auch so schon jeden Tag Gift schluckte. Es war eine Kombination, die den Körper der Jüngeren mitgenommen hatte und offenbar hielt die verheerende, wirr machende Nachwirkung noch bis heute an. Es dauerte augenscheinlich eine ganze Weile, bis man sich von der Mixtur aus Depression, Fisstech, Alkohol und giftigen Absuden erholte…

Hjaldrist ärgerte sich über Anna. Weil jene in den vergangenen Monaten so dämlich gewesen war keinerlei Rücksicht auf sich selbst zu nehmen. Und gleichzeitig tat sie ihm leid. Er wollte ihr helfen. Nur wie? Sollte er sie etwas ablenken? Mit ihr sprechen? Er war doch eigentlich ein ganz guter Redner.

“Anna?”, fragte der Krieger in die Stille hinein und sah, wie die Angesprochene den Kopf hob “Es hat aufgehört zu regnen. Willst du etwas an die frische Luft gehen?”

Eine Antwort abwartend blieb Hjaldrist auf seiner Bettkante sitzen. Bis vor wenigen Minuten noch hatte er seine dreckigen Stiefel blitzblank geputzt, während Anna ihre Aufzeichnungen umgewälzt hatte. Nun hatte er nichts mehr zu tun und es wäre gelogen gewesen, hätte er selbst nicht auch rausgehen wollen. Spazierengehen, das klang also nach einer guten Idee und Abwechslung. Hoffentlich hätte die Novigraderin im Raum auch Lust darauf. Hjaldrist wollte sie im Moment nämlich nur ungerne alleine lassen. Wer wusste schon, ob sie nicht wieder durchdrehte, schwächelte oder sogar das Bewusstsein verlor? Gerade, da rechnete der Jarlssohn ja mit allem. War er zu übervorsichtig? Aber wer konnte ihm das schon verdenken?

“Hmm?”, machte die Kurzhaarige und drehte sich auf ihrem Stuhl um, um zu ihrem Freund sehen zu können. Sie lächelte, was auch Hjaldrist einen zufriedenen Ausdruck in die unschlüssige Miene trieb. Dann nickte Anna.

“Ja, gute Idee. Ich komme gerade eh nicht weiter.”, meinte sie und stand langsam auf. Sie hatte sich früher, noch vor dem Mittagessen, umgezogen und trug nur eine ihrer Hosen und ein schlichtes, für ihre Verhältnisse fast zu weit ausgeschnittenes Hemd. Was sich änderte, als sie sich nun daran machte in die wadenhohen Stiefel und ihre Jacke zu schlüpfen, sich einen Schal umzuwickeln und nach ihrem Waffengürtel zu fischen. Auch der Undviker erhob sich, um nach seinem dicken Mantel zu fassen. Zwar regnete es nicht mehr, doch bestimmt war es kalt draußen.

“Wo sollen wir hin?”, wollte Anna beiläufig wissen, als sie sich den Gürtel um die Hüfte legte und zu ihrem Gefährten hin sah.

“Weiß nicht.”, entgegnete jener “Wir könnten uns am Markt umsehen. Mh. Obwohl ich glaube, dass dort nach dem Regen nicht so viel los ist.”

“Gehen wir doch zur Akademie.”, schlug die Braunhaarige stattdessen vor und kam die Gürtelschnalle schließend zu ihrem Kumpel “Vielleicht ist Hans Lund da.”

“Dir raucht der Schädel und du willst in die Universität?”, grinste Hjaldrist ungläubig “Glaubst du nicht, dass ein Spaziergang besser wäre?”

“Ach, ich habe nicht vor an die Bücher der Akademie zu gehen. Ich will mir nur einmal die Lage ansehen. Und vielleicht finden wir ja schon einmal eine Anregung für dich, um mit den Stimmen da drin umzugehen.”

Die burschikose Frau tippte dem Skelliger bei den Worten ‘da drin’ an die Stirn und lächelte schief. Es war bewundernswert wie locker sie mit dem fragwürdigen Umstand umging, dass ihr Kumpan Dinge hörte und träumte. Dass er nicht gewöhnlich und womöglich gar krank war. Seine Schultern sanken ein Stückchen weit und sein Ausdruck lockerte sich, als er seine Freundin ansah. Und einmal wieder wurde es ihm drängend bewusst, dass sie das Talent besaß es ihm ganz warm ums leichter gewordene Herz werden zu lassen. Oh, wo würde das noch hinführen? Er sollte sich besser zusammenreißen...

“Na? Ist das eine Idee? Außerdem ist der Weg zu der Uni ja wohl Spaziergang genug.”, meinte Anna, als sie Hjaldrist brüderlich den Oberarm klopfte und er nickte zögerlich.

“Ja, also schön.”, entkam es dem Dunkelhaarigen “Gehen wir.”

 

“Ich bin froh, dass Ravello und Svenja los sind, um De Genwitt die Sache mit seinem Sohn zu erklären…”, gab Anna sich räuspernd zu, als sie nicht viel später neben Hjaldrist durch Oxenfurt ging.

“Nicht nur du. Ich bin ungerne der Überbringer von schlechten Botschaften.”, meinte er ehrlich und steckte sich die kalten Hände in die Taschen, trat in eine der vielen Regenpfützen “Er wird schließlich annehmen, dass Paul tot ist. Und einen geliebten Menschen zu verlieren, ist nie schön. Nicht…?”

Der schlaue Jarlssohn sprach diese Worte bedeutungsvoll aus, vielsagend. Er hatte doch mit Anna über deren letzte Monate reden wollen. Die Causa De Genwitt war dafür ein perfekter Vorwand. Nicht, dass der direkte Undviker sonst solche Gelegenheiten brauchte, denn seine Klappe war eigentlich groß genug. Doch beim momentanen, heiklen Thema tat er sich etwas schwer. Vielleicht, weil er besonders darauf bedacht war vorsichtig zu sein. Schlussendlich wusste er nicht, wie seine Freundin reagieren würde. Den Schöpfern sei Dank ging sie darauf ein, wie es sich gleich zeigen sollte:

“Ja…”, sagte Anna mit leicht gesenkter Stimme “Es ist nicht schön.”

Sie sah nicht zum betroffenen Hjaldrist hin, als sie antwortete. Erst, als er weiter fragte, schenkte sie ihm einen betretenen Seitenblick.

“Als ich mit Svenja geredet, oder eher: gestritten, habe, hat sie gemeint, dass du in den letzten Monaten ziemlich eskaliert bist, Anna.”, entkam es dem kritischen Jarlssohn und er spürte, wie er leicht nervös wurde “Sie hat von Drogen geredet. Und von… anderen Dingen. Stimmt das?”

Stille. Erst nach mehreren Atemzügen, die sich anfühlten wie eine halbe Ewigkeit, nickte die Konfrontierte und fuhr sich dabei mit der Hand durch den Nacken. Ihre braunen Augen fielen zurück auf die nasse Straße.

“Ja.”, bestätigte die Frau die dunklen Befürchtungen knapp und Hjaldrist’s Gesicht wurde sofort härter. Schwer atmete er durch die Nase aus, wirkte entnervt dabei. Er wollte gerade die trockenen Lippen öffnen, um etwas zu sagen, da sprach Anna weiter.

“Halte mir nur keine Standpauke. Ich weiß, dass es dämlich war, Rist.”

Der Axtkämpfer in der grünen Tunika schloss den Mund wieder und taxierte seine Kollegin von der Seite aus. Sie wagte es gerade nicht zu ihm zu sehen. Das machte nichts.

“Ich hatte nicht vor, dir eine Standpauke zu halten.”, versicherte er, doch sein strenger Ton verriet, dass er die Kurzhaarige zumindest bekritteln wollte. Die Finger nach wie vor in den tiefen Taschen vergraben, spazierte Hjaldrist weiter neben der jüngeren Hexerstochter her. Sie passierten zwei grüßend nickende Stadtwachen und umgingen einen schmalen, morschen Wegweiser, der im vorangegangenen Unwetter umgekippt war und nun auf der Erde lag.

“Bei dem, was heute passiert ist, vermute ich, dass deine Aktionen der letzten Wochen einfach zu viel für dich waren.”, setzte Hjaldrist nach einer kurzen, unangenehmen Schweigepause besorgt fort. Und er versuchte einen gesunden Weg zwischen gutem Zureden und Mahnen zu finden. Ja, er wollte Anna nicht ausschimpfen, wie man es mit kleinen, dummen Kindern tat. Denn die Frau in der gestreiften Jacke war alt genug und schien ihre Fehler mittlerweile auch einzusehen. Und trotzdem fühlte sich ihr bester Freund dazu verpflichtet ihr ehrlich mitzuteilen, was er von der beschissenen Lage hielt. Er war schließlich keiner, der solche Dinge tot schwieg oder zu lange einsam grübelte, wenn ihn etwas zu sehr beschäftigte.

“Drogen, Alkohol… und dann die Bereitschaft dazu sich selbst zu töten? Die Striemen an deinem Hals sind noch immer nicht ganz verheilt, Arianna. Und so, wie du mich letztens angesehen hast, stammen sie nicht von einer Folter der Spinner der Flammenrose.”, sagte der Skelliger frei heraus.

“Was soll das werden, Rist?”, entgegnete die Kurzhaarige sofort und ihr dezent patziger Ton verriet, dass sie sich gerade schwer beschuldigt fühlte. Dahingehend war die sture Anna sehr oft ein offenes Buch. Wenn sie sich bedrängt oder beleidigt fühlte, dann merkte man das gleich. Und wie. Zu oft kam sie dann auch sehr schnell mit schnippischem Konter. Zwar fiel der nicht so hysterisch aus, wie er es immer bei Svenja tat, doch es war merklich, wie schnell und überstürzt er kam. Dies besonders bei heiklen Angelegenheiten, die die Schwertkämpferin selbst betrafen.

“Ich wollte nur sagen, dass ich denke, dass dein schwerer Schwächeanfall von heute vielleicht mit den letzten Wochen zusammenhängt. Dass ich glaube, dass du gerade fertiger bist, als du dich gibst.”, redete Hjaldrist gleich weiter, um ein wenig Klarheit zu schaffen und seine Freundin daran zu hindern sich verbal verteidigen zu wollen. Denn das müsste sie nicht. Der Undviker erwartete es sich nicht einmal, dass sie sich in irgendeiner Form rechtfertigte. Wenn Anna dies nicht von sich aus tun würde, würde Hjaldrist alles so hinnehmen, wie es war. Ganz einfach. Schließlich konnte man es nicht mehr ändern, dass die Novigraderin ihre Gesundheit und gar ihr Leben riskiert hatte. Dass sie sich offenbar extrem labil gezeigt hatte, obwohl sie sonst doch immer einer der stärksten Menschen gewesen war, den der pragmatische Skelliger gekannt hatte. Ja, so sehr er sich klammheimlich über seine Gefährtin ärgerte, so empfand er Mitleid. Und er wollte ihr beistehen. Es war das mindeste, das er tun konnte. Und er wollte verhindern, dass sie noch einmal in ein Loch fiel.

“Wir sind Freunde. Und Freunde helfen einander.”, setzte der seufzende Hjaldrist nachgiebig fort, da Anna nichts sagte “Darum spreche ich gerade über die ganze Geschichte. Verstehst du das? Weil ich glaube, dass es dir vielleicht gut tut. Von dir aus redest du ja nicht.”

Man bemerkte, wie die braunhaarige Alchemistin wieder aufsah, um ihren Kumpel zu taxieren. Sie sah nicht besonders glücklich aus, doch der Anflug von pikiertem Ärger war wieder aus ihrem Gesicht gewichen. Sie war beschwichtigt.

“Mir geht es viel besser.”, meinte sie “Wirklich. Mir ging es auch zu Mittag gut. Ich weiß nicht, warum ich diesen… Aussetzer hatte. Ich kann mich nicht einmal mehr so recht daran erinnern. Aber… mentale Zusammenbrüche hin oder her… man verliert wegen ihnen doch nicht Teile des Gedächtnisses?”

Man sah der schwer getroffenen Anna an, dass sie sich ein überfordert fühlte. Sie gestikulierte ratlos beim Sprechen und zog die Brauen unzufrieden zusammen.

“Ich finde es auch extrem. Aber wie willst du dir die Sache denn anders erklären?”, wollte Hjaldrist wissen. Er war jemand, der stets gute, logische Erklärungen für alles suchte und auch wusste. Nur gerade, da fühlte er sich planlos.

“Ich weiß nicht…”, murmelte die arme Giftmischerin und seufzte abermals, verschränkte die Arme eng vor der Brust. Unwohl fühlte sie sich, keine Frage. Vielleicht war Hjaldrist zu weit gegangen. Er hatte Anna nicht wieder verwirren, sondern ihr nur helfen, wollen.

“Auf jeden Fall...”, wollte er die Thematik daher vorerst abschließen “Rede mit mir über die letzten Monate, wenn dir danach ist. Oder wenn sie dich bedrücken. Ja? Dafür bin ich gerne da.”

Die Hexerstochter nickte leicht und mutete noch immer an, als sei sie in Gedanken versunken, als grüble sie angestrengt. Der mitfühlende Undviker nahm die aufmerksamen Augen nicht von ihr, hätte sie gern sanft bei der Hand genommen und gemeint, dass sie sich den hübschen Kopf jetzt nicht noch zerdenken sollte. Dass es gerade schon in Ordnung sei, wie es war und dass man eh nichts daran ändern könne. Doch er ließ seine Finger gezwungenermaßen bei sich und schwieg, drehte den Kopf fort und schalt sich im Geiste einen Narren. Er hatte seine gute Freundin hier gerade zum Reden bringen wollen und ihr gesagt, dass sie ganz offen mit ihm sprechen solle, sollte sie Sorgen haben. Ermahnt hatte er sie und darauf hingewiesen, dass das, was heute passiert war, ihrer Nachsichtigkeit der letzten Monate zuzuschreiben war. Er hatte der womöglich traumatisierten Anna damit vor den Kopf gestoßen, oder? Und vor allem hatte er sie kurz unbedingt zum Sprechen drängen wollen, weil er doch wollte, dass sie ehrlich mit ihm war. 

Dabei redete er selbst nicht. Er, der Tor, sah der unwissenden Novigraderin nun schon tagelang verliebt nach, wenn es niemand bemerkte. Er haderte mit sich, hatte sich die Hand so oft ungläubig über sich selbst vor das Gesicht gehauen und glaubte kaum, dass es gerade jemanden gab, der hoffnungsloser und dämlicher war als er. Ach, er wusste, dass er reden sollte. Dass er Anna erklären sollte, dass er heute anders zu ihr stand, als früher. Es wäre so einfach. Doch er bekam sein Maul einfach nicht auf. Wie konnte er also guten Gewissens erwarten, dass seine Gefährtin ihr emotionales Innenleben bereitwillig vor ihm ausbreitete und darüber erzählte, wie sie sich hatte umbringen wollen? Dass sie ihm reumütig erklärte, warum sie herumgehurt und sich Fisstech zwischen die Zähne gerieben hatte?

Hjaldrist sah starr vor sich hin, als er eine schmale Gasse nahm, die in die Richtung der großen Akademie führte, die man schon von weitem sehen konnte. Er saugte an seinen Zähnen, atmete tief durch die Nase durch. Dann rang er irgendetwas in sich nieder, das ihn gerade dazu ermahnen hatte wollen still zu sein. Ganz kurz waren all seine Bedenken fort und ein Anflug von Adrenalin gab ihm einen plötzlichen Schubs. Es stichelte ihn an zu reden. Ja, ‘Augen zu und durch’. Und tatsächlich glaubte der zittrige Jarlssohn in dieser Sekunde, dass er es Anna einfach sagen könnte, wie er fühlte. Ja, es war doch nicht schwer. Es waren nur drei Worte. Drei simple Worte und er hätte es geschafft, müsste sich nicht mehr das Hirn zermartern und seine Empfindungen nicht mehr hinunter schlucken. Also holte der Krieger Luft, um zu Sprechen. Es war besser so.

“Anna”, fing er an “Ich muss dir etwas-”

Doch weiter kam er nicht, denn die Angesprochene sah just auf und weitete die Augen in einer plötzlichen, unerwarteten Realisation. Wissend, dahingehend aber auch ein wenig unsicher, beäugte sie ihren Kumpanen nun. Es war ein Ausdruck gemischter, hin und her reißender Gefühle, der ihn nurmehr nervöser machte. Was… was war los? Sie konnte doch nicht ahnen, was er gerade hatte sagen wollen!

“Schweinebraten.”, keuchte Anna verdattert und brachte Hjaldrist damit ganz schön durcheinander. Er stutzte.

“W-was?”, fragte er mit dünner Stimme.

“Ich habe Schweinebraten gegessen. Mein Becher war leer.”, setzte Anna fort und sah ihren Freund mehr und mehr aufgeregt an. Jener hingegen ballte die Hände leicht zu Fäusten, weil er sich über die aufreibende Situation ärgerte. Er… er hatte seiner Gefährtin gerade etwas Wichtiges sagen wollen und sie unterbrach ihn, um über Essen zu reden? Ja, es schien, als kämen ihre Erinnerungen wieder zurück, was wirklich schön war, aber-... ach, verdammt!

“Ja… so war das.”, meinte Hjaldrist trocken, schluckte. Anna war stehen geblieben und er tat es ihr jetzt gleich, wandte sich ihr abwartend zu. Oh Mann...

“Und dann…”, die burschikose Frau runzelte die Stirn und wich dem Blick ihres verkrampften Begleiters aus, um angestrengt nachzudenken. Sie fuhr sich über das Kinn, kaute sich auf der Unterlippe herum.

“Ravello hat dich gefragt, ob er mit deinen Karten spielen darf.”, erinnerte sich der Skelliger richtig.

“Ja…”, nickte die gedankenversunkene Hexerstochter “Und davor?”

“Hm? Keine Ahnung.”, schnaufte der Dunkelhaarige, der sich nach wie vor recht bescheuert fühlte “Wir haben über Halmar geredet oder so.”

“Stimmt.”, murmelte Anna. Eine an den Nerven zerrende Schweigepause tat sich zwischen ihnen beiden auf, in der Hjaldrist das Standbein unruhig wechselte. Langsam aber sicher wurde es ihm dann doch bewusst, wie unbedacht er vor wenigen Momenten noch hatte handeln wollen. Urgh. Er war ein Idiot. Er hätte seiner bindungsängstlichen Gefährtin beinahe gesagt, wie er über sie dachte. Er hätte ihr völlig überstürzt gebeichtet, dass sie seine Welt war. Dies, ohne zu bedenken, was die Folgen dafür hätten sein können. War es also gut, dass die aufgekratzte Anna ihn unterbrochen hatte? Er war sich nicht mehr so sicher. Generell war er einfach nurmehr verwirrt. Hjaldrist wollte sich ein tiefes Loch graben und sich in jenes hinein setzen.

“Svenja.”, entkam es der Giftmischerin mit dem dicken Schal dann auf einmal abrupt, als sei dieser Name eine Erleuchtung. Groß sah sie Hjaldrist an und ein Funken Zorn schlich sich nach und nach in ihren zuvor noch so wirren Ausdruck. Die geweiteten Augen der Kriegerin begannen zu wandern und sie sah auf einmal beachtlich mitgerissen aus. Warum? Was war los? Sollte man sich auf ihr Verhalten einen Reim machen können?

“Was ist mit Svenja?”, hakte Hjaldrist nach und schob seine vorigen Gedanken beiseite. Jene könnten ihn heute Nacht ja noch wach halten. Lange.

“Sie hat mich vergiftet.”, schnappte Anna.

“Was?”

“Sie hat uns allen etwas zu trinken geholt.”, erinnerte sich die Monsterjägerin und ihre Worte wollten sich überschlagen “Wir hatten uns noch darüber gewundert.”

Hjaldrist hielt inne und starrte seine Kumpanin verdattert an.

“Ravello wollte ihr dabei helfen die Becher auszuteilen, aber sie hat ihn nicht lassen und es ganz allein erledigt.”, sprudelte es aus Anna hervor und nun machte auch ihr Begleiter große Augen. Denn… verdammt, ja. Es machte Sinn, was die Jüngere da gerade sagte. Sie hatte Recht. Sie hatte etwas getrunken und dann war sie durchgedreht. Warum hatte er nicht früher daran gedacht? Warum hatten ihn die Bedenken an die vergangenen Monate so sehr vom Offensichtlichen abgelenkt?

“Mein Saft hat nach Tollkirsche geschmeckt. Ich erinnere mich wieder.”, sagte die Alchemistin schnell und richtete die Augen starr auf ihr Gegenüber zurück “Sie wollte mich umbringen, Rist.”

“Schon wieder.”, ergänzte der Mann diese schreckliche Erkenntnis “Diese-”

“Diese Schlampe.”, atmete die Hexerstochter grantig und ballte die unversehrte Linke zur Faust. Dies so fest, dass ihr die Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie wendete sich knapp ab, um furios fort und ein wahlloses Fass anzusehen, das da in der schmalen Gasse stand. Es sah aus, als wolle sie danach treten, doch sie tat es nicht. Man sah, wie die Frau die Zähne so fest zusammenbiss, dass ihre Kiefermuskulatur merkbar arbeitete.

“Und ich Idiot habe nachgegeben, als sie sich letztens so scheinheilig entschuldigt hat! Ich hätte es mir doch denken können, dass sie irgendetwas vorhat!”, schnaubte die Kurzhaarige.

“Was willst du jetzt tun?”, fragte Hjaldrist sofort. Er war nicht viel ruhiger als Anna, doch weitaus gefasster als sie. Zorn und Enttäuschung wühlten ihm die Eingeweide auf, ja. Doch anstatt wie seine Freundin zu schimpfen und wütend-nachdenklich vor sich hin zu sehen, suchte er sofort nach einer Lösung für die prekäre Lage. Oder er wollte es zumindest versuchen. So war er schon immer gewesen.

“Ich bring sie um.”, schnappte die impulsive Hexerstochter selbstsicher und sah jetzt aus zu Schlitzen verengten Augen zu Hjaldrist zurück “Ich töte dieses Biest.”

“Anna!”, mahnte der Undviker sofort mahnend “Du bist keine Mörderin.”

“Rist, sie hat nun zweimal versucht mir die Hufe hochzureißen! ZWEIMAL.”, keuchte die Frau empört “Das erste Mal habe ich überlebt, weil du da gewesen bist. Und heute, da habe ich ihren Anschlag nur deswegen überstanden, weil mein Körper Gifte wie die der Tollkirsche gewöhnt ist! Hätte sie irgendein anderes Mittel benutzt, wäre es vielleicht nicht so glimpflich ausgegangen! Was wäre dann los gewesen, hm? Hättest du dich dann auch so nachgiebig gezeigt?”

Der Jarlssohn verstummte dieses indirekten Vorwurfs wegen und zog die Stirn skeptisch kraus. Er biss sich auf die Unterlippe, dachte angestrengt nach. Nein. Wäre Anna gestorben und wäre er dahinter gekommen, dass Svenja Schuld daran trug, hätte er jener den Arsch aufgerissen. Aber so richtig.

“Ich steche dieses Miststück ab.”, entschloss die Kurzhaarige dann fest und der besonnene Undviker erhob eine Hand sogleich beschwichtigend. So aufbrausend er im Kampf sein konnte, so verhältnismäßig ruhig blieb er gerade.

“Nein.”, widersprach er seiner Gesprächspartnerin “Das tust du nicht. Anna, bist du ganz bei Sinnen? Hast du eine Ahnung, was passiert, wenn du auffliegst?”

“Es ist mir egal!”, entkam es der Jüngeren in ihrem Ärger unbedacht und Hjaldrist seufzte tief aus. Er wusste, dass die Giftmischerin gerade nur deswegen so nachsichtig und grenzdämlich sprach, weil sie absolut aufgerüttelt war. Er müsste sie unbedingt beruhigen. Denn andernfalls gäbe es sehr bald ein bedenklich großes Problem. Anna war gefährlich, wenn sie es wollte oder musste. Svenja zu töten wäre ihr ein Leichtes gewesen.

“Arianna, mach nicht denselben Fehler wie auf Undvik. Du hast mir erzählt, dass du dort womöglich gesucht wirst, weil du versucht hast jemanden zu töten.”, erinnerte der Mann “Willst du, dass auch hier ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt wird, hm? Ich für meinen Teil würde gerne weiterhin frei mit dir reisen können. Das, ohne paranoid sein zu müssen, weil uns halb Oxenfurt auf den Fersen ist.”

Anna schwieg und sah ihren Freund durchdringend an. Sein Einwand ärgerte sie, das merkte man. Oh, diese starrköpfige Frau!

“Es gibt sicherlich auch andere Lösungen für unser Problem.”, sprach der vernünftigere Skelliger schnell weiter.

“Ja? Welche denn?”, wollte die Novigraderin wissen “Willst du Svenja noch einmal fort schicken und darauf hoffen, dass sie dieses Mal nicht wieder auftaucht?”

Der wackelige Blick des konfrontierten Inselbewohners wanderte, als er sich betreten grüblerisch unter der Nase rieb. Er wich den stechenden Augen seiner Gefährtin aus und sah in Gedanken vor sich hin. Denn die durchtriebene Svenja einfach nur weg zu schicken, wäre vielleicht wirklich keine gute Idee. Sie war augenscheinlich wahnsinnig genug, dass das Risiko bestehen würde, dass sie weiterhin rachsüchtig auf Anna’s Leben aus wäre. Dass sie der kleinen Gruppe nach schlich, um ihre Erzfeindin doch noch auszuschalten. Es war ihr absolut zuzutrauen.

“Oh, warte, ich weiß!”, entkam es der Alchemistin dann urplötzlich und ihre ärgerliche Miene lichtete sich “Wir schlagen sie mit ihren eigenen Waffen!”

“Was meinst du damit?”

“Wir vergiften sie. Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht die Mittel dazu, nicht wahr?”, lächelte Anna schmal, denn in der Tat trug sie genug Toxin mit sich herum, um ein ganzes Stadtviertel dahin zu raffen. Hjaldrist taxierte sie dennoch unsicher. Die Frau wollte Svenja also vergiften? Fragwürdig, doch weniger auffällig als ein blutiger Mord durch eine scharfe Klinge. Außerdem baute der Jarlssohn darauf, dass seine Freundin irgendein Gift mischen konnte, das jemanden langsam genug tötete, dass es kein großes Aufsehen erregte.

“Und wie willst du das genau anstellen?”, hakte der Axtkämpfer kritisch nach. Er sah Anna ernst an und verschränkte die Arme abwartend vor der Brust. Durch die Seitengasse zog ein unangenehm kühler Wind. Er passte gut zur momentanen Situation.

“Willst du ihr auch etwas ins Getränk mischen? Oder in das Abendessen? Nehme es mir nicht übel, Anna, aber ich bezweifle stark, dass jemand wie sie von DIR irgendetwas annehmen würde. Sie wird vorsichtig sein und sich fragen, ob jemand ahnt, dass sie dich hatte beseitigen wollen.”, schlussfolgerte Hjaldrist “Sie wäre dumm, würde sie dir zu sehr trauen. Das hat sie doch schon vorher nicht, oder? Außerdem isst sie selten mit uns.”

“Mh. Richtig. Ich mische ihr nichts in ihr Essen.”, die Kurzhaarige nickte langsam und ohne die braunen Augen von ihrem Kumpel zu nehmen. Ein verstohlenes Grinsen hatte sich auf ihre Züge geschlichen..

“Du küsst sie.”, beschloss die Novigraderin dann auf einmal und Hjaldrist stutzte heftig. Beinah verschluckte er sich an der eigenen Spucke. Hatte er sich gerade verhört? Oh, hoffentlich!

“Bitte was?”, empörte er sich “Ich soll WAS?”

“Ich mische etwas Starkes zusammen, das jedoch nicht allzu schnell wirkt. Du nimmst es in den Mund und küsst sie dann.”, erklärte die Frau ihren perfiden Plan “Svenja steht doch auf dich. Sag ihr, dass du sie noch liebst und sie wird kaum widerstehen können. Ja, es ist doch einfach: Eine kleine Szene, drei simple Worte, ein Kuss und es ist vorbei mit dieser Schnepfe.”

Hjaldrist verstummte und ein vager Schatten huschte über sein Gesicht.

Eine kleine Szene, drei simple Worte und ein Kuss? Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und sein Blick war starr. Anna’s Worte hatten ihn gerade unerwartet hart getroffen. Wie ein begossener Köter stand er da und fand kaum den Atem, um zu reden. Es tat weh, dass SIE wollte, dass er mit anderen Frauen, mit seiner EX, herum knutschte. Klar, es sollte einem guten Zweck dienen, aber dennoch. Pah, Arianna könnte sich ihre Idee sonst wo hin stecken! Oh, er hätte sie gerade am liebsten verflucht, doch wusste auch, dass er ihr ihren eigentlich gewieften Einfall nicht übel nehmen sollte. Sie hatte nämlich keine Ahnung, dass sich ihre Aufforderung für ihren Freund wie eine barsche Ohrfeige angefühlt hatte.

“Nein.”, sagte der Krieger trocken und versuchte dabei nicht gekränkt zu wirken “Das mache ich nicht.”

“Ach, du musst doch keine Angst haben, dass du wegen des Giftes stirbst, Rist.”, versicherte die Unwissende gleich und schmunzelte dabei aufmunternd “Ich gebe dir das Gegengift dafür und dir wird nichts geschehen. Du wirst in etwa eine Stunde Zeit haben es zu nehmen. Dir passiert nichts.”

Oh, der getroffene Hjaldrist hatte doch keine Bedenken hinsichtlich des Giftes. Er vertraute seiner jüngeren Kollegin dahingehend, denn obwohl sie sehr viel wagte, wenn sie selbst Toxine schluckte und mit diesen Absuden umging, als seien sie normale Arznei, so wusste er um die Fähigkeiten Annas. Wenn es um Tränke ging, die töten sollten, gab es weit und breit niemanden, der besser war als diese Irre. Und dies hieß auch, dass sie sich gut mit Gegengiften auskannte. Ja, es ging doch nicht um die tödliche Flüssigkeit, die Hjaldrist in den Mund nehmen sollte. Es ging darum, dass er jemanden anderes küssen sollte als… als Anna.

“Mag sein.”, entkam es dem unnachgiebigen Dunkelhaarigen jetzt eisern “Aber ich mache es nicht. Tut mir leid.”

Die Hexerstochter müsste sich einen anderen Weg überlegen Svenja auszuschalten.

 

Später gingen sie zur Akademie. Trotz allem. Ja, so aufgebracht Anna hinsichtlich Svenja auch war, so hatte sie nicht überstürzt zurück zur Taverne laufen wollen, um sich umgehend um jene zu kümmern. Es hätte nichts gebracht; das hatte auch Hjaldrist seiner finster dreinblickenden Kollegin eingeredet. Die rachsüchtige Skelligern war doch gerade mit Ravello unterwegs und wer wusste schon, wo sie beide sich nach dem Gespräch mit De Genwitt genau aufhalten würden? Davon abgesehen hatte Anna keine Lust darauf ihre kostbare Zeit zu verschwenden, indem sie in der Taverne auf die Rothaarige wartete. Tse. Sie saß doch nicht im Gasthaus herum, in der Hoffnung, dass die Schlampe auftauchte. Außerdem müsste sie sich noch überlegen, wie sie Svenja verheerend treffen könnte. Rist hatte sich ja wenig kooperativ gezeigt und dem Plan die Undvikerin mit einem Kuss zu vergiften, nicht zugestimmt. Jetzt, wo sich die Hexerstochter wieder einigermaßen beruhigt hatte, nahm sie ihm dies auch nicht mehr übel. Zuvor, da hatte sie sich ein wenig geärgert, weil ihr bester Freund sie dahingehend einfach im Stich ließ. Doch jetzt verstand sie, dass er weder scharf darauf war todbringendes Gift in den Mund zu nehmen, noch darauf seine beschissene Exfreundin zu küssen. Niemand hätte das gern getan. Also müsste sich Anna einen anderen Plan überlegen. Und ihr würde schon etwas einfallen. Ungestraft würde die ehemalige Skrugga ihr nicht davonkommen!

 

“Es ist schön, euch wieder zu sehen!”, lächelte Hans Lund, nachdem er seine Besucher begrüßt hatte “Wie ist es euch ergangen?”

Der Mann, den die Abenteurer letztes Jahr während der turbulenten Schiffsfahrt von Ard Skellig nach Cintra kennengelernt hatten, lächelte freundlich und deutete den Jüngeren mit einer einladenden Handgeste an, doch mitzukommen. Sie hatten vorhin nach ihm fragen müssen und vor einem der großen Vorlesungsräume auf ihn gewartet. Nun, da hatte er Zeit für Anna und Hjaldrist. Und offenbar nahm er sich jene gern. Er war früher schon ein zuvorkommender, netter Mann gewesen und Anna’s Begeisterung für die Bibliothek hatte ihm damals imponiert. Natürlich hatte er die ambitionierten Gabelschwanztöter also in guter Erinnerung behalten.

“Alles gut.”, antwortete die Hexerstochter, als sie zu Hans aufschloss “Wir kamen viel herum. Und jetzt sind wir wieder einmal hier und dachten uns, wir sagen Hallo.”

“Das ist aber nett.”, nickte der schlanke Zauberer erfreut “Und ihr habt Glück, denn ich reise in fünf Tagen ab. Meine Lehrzeit hier ist vorüber und ich gehe wieder für einige Monate nach Ard Skellig zurück.”

“Hmm?”, machte Rist, als er aufhorchte “Ihr geht auf die Inseln?”

“Ja.”, bestätigte der Alte “Ich habe dort einen guten Freund, dem ich bei der Arbeit über die Schulter sehen will. Ich kam auch letztes Jahr von einer kleinen Reise nach Hindarsfjall, die ich mit ihm angetreten hatte. Er ist ein bemerkenswerter Druide und Zauberwirker, doch vor allem ein alter, enger Kumpan.”

“Verstehe.”, entgegnete der anwesende Undviker langsam und musterte Hans Lund dabei interessiert. Es schien, als könne er es sich nicht vorstellen, wie der schmale Grauhaarige wochenlang bei den Druiden des harten Skelliges lebte. Er hatte ihn wohl anders eingeschätzt. Anna schmunzelte, als sie neben den beiden Männern durch den langen Korridor der Akademie ging.

“Gut, dass Ihr noch da seid, Hans.”, warf sie ein “Denn um ehrlich zu sein, sind wir nicht nur hier, um Euch zu besuchen.”

“Ah. Ihr wollt wieder an die Bücher?”, schätzte der Magiebegabte leise lachend und mutete dabei fast etwas angetan an. Es war ihm natürlich bewusst, dass man eigentlich nicht einfach so zur Universität kommen konnte, um sich dort zu bewegen wie ein Angehöriger. Die Studenten Oxenfurts - oder eher: Deren Familien oder Gönner - zahlten horrende Summen für eine gute Ausbildung. Nur Lernende durften sich also absolut frei auf dem Gelände bewegen, Vorlesungen besuchen und die Materialien der Akademie nutzen. Eine Regel, die nicht griff, wenn sich einer der Professoren ausnahmsweise einmal für einen nicht zahlenden Besucher verbürgte. Und das tat Hans. Ja, in der Tat schien er sich gar über die Anwesenheit Annas und Rists zu freuen. Warum auch immer. Entweder war er einfach nur zu lieb, oder er empfand den Besuch der Umherziehenden als erfrischend. Vielleicht traf aber auch beides zu?

“Hmm, ja, an die Bücher wollen wir auch.”, gab Anna zu und spürte den abwartend-drängenden Seitenblick Rists auf sich liegen. Der Mann war sicherlich etwas nervös, als er gleich auch prüfend zu dem Zauberer hin sah. Wer, in seiner Lage, wäre das nicht gewesen?

“Wir würden gerne in die Bibliothek. Und wir hätten Fragen bezüglich einer gewissen Thematik…”, gab die Novigraderin zu und sprach damit für ihren geplagten besten Freund. Sie tat es gern und hoffte auf eine Lösung für dessen Probleme.

“Zu welcher Thematik denn, Kind?”, hakte Hans nach und es schien, als sei sein Interesse geweckt. Durch seine dicke Nietbrille sah er Anna neugierig an. Sein säuberlich geknöpfter Mantel raschelte beim Gehen.

“Aber, nein, wartet.”, lächelte er dann auf einmal “Lasst uns doch in mein Schreibzimmer gehen. Dort können wir in aller Ruhe sprechen und ich kann euch etwas zu trinken aufwarten.”

Die Trankmischerin hielt inne, erwiderte den freundlichen Ausdruck des Alten dann aber schnell. Auch Hjaldrist nickte mit erwartungsvollem Ausdruck im Gesicht.

 

Der kleine Raum, den Hans Lund besetzte, war nicht weit entfernt. Direkt nach dem langen Korridor, der an dem großen, belebten Speisesaal der Akademie vorbei führte, befand er sich auf der rechten Seite des Traktes mit dem marmornen Boden. Der Zauberer bat seine Gäste just in jenen hinein und deutete auf ein abgesessenes, rotes Sofa, das da in einer der Ecken stand. Die Wände waren gesäumt von alten Bücherregalen und an einem Ende des Zimmers stand ein massiver, antik anmutender Tisch. Hans ging um jenen herum, um zu einem Beistelltischchen zu gelangen, auf dem wenige Becher und eine Karaffe standen. Er brachte Anna und Rist etwas Apfelsaft, bevor er seinen hölzernen Stuhl geschäftig holte, um sich zu den Jüngeren zu setzen. Auf dem kleinen Sofa war schließlich kein Platz mehr für ihn.

“Es freut mich, dass zwei junge Leute wie ihr hierher kommt, um mich zur Theorie zu befragen.”, gab Hans Lund zu, als er sich ächzend niederließ “Viele Studenten, müsst ihr wissen, sind nur hier, weil ihre Eltern das von ihnen verlangen. Sie sehen das Studium als etwas an, das sie tun müssen, aber nicht immer wollen. Wirklich ambitionierte Schüler gibt es selten.”

“Mhm, verstehe.”, machte Anna. Sie hatte Rist ihren Becher gegeben, damit jener das Gefäß kurz halten könne, während sie ihre Waffen und Erlklamm unter das Sofa schob. Jene wären anderweitig nur im Weg gewesen. Dann sah sie wieder auf und ließ sich dankbar nickend ihren trüben Saft reichen. Jener schmeckte gut und sie Atmosphäre im Raum war ganz angenehm. Es roch nach Kerzenwachs, Räucherharz und alten Büchern. Anna mochte das. Es erinnerte sie an Kaer Morhen.

“Also. Nun, da wir es uns bequem gemacht haben:”, setzte Hans fort “Was kann ich für euch beide tun, hm?”

“Wir hätten Fragen bezüglich… naja, Visionen.”, sagte Anna gleich offen heraus. Sie richtete den Blick fest auf den Zauberer vor sich, als sie ihren hölzernen Trinkbecher sinken ließ.

“Visionen? Was meint Ihr damit direkt?”, fragte der etwas blasse Professor gleich locker nach “Davon gibt es vielerlei Arten.”

“Ähm”, entkam es der kurzhaarigen Frau ungeschickt “Ich meine Träume. Träume, in denen man Sachen sieht, die wahr sind. Wo man Dinge träumt, die in der Zukunft passieren.”

Hans Lund runzelte nachdenklich die Stirn.

“Es gibt Träumer. Sie haben die seltene Gabe die Geschichten von Gegenständen zu träumen oder andere Menschen dazu zu bringen Visionen zu sehen.”, meinte der Ältere gleich und rieb sich grüblerisch das Kinn “Dafür sprechen sie zuerst mit ihren Klienten. Sie benötigen Erinnerungen der selbigen, die stark emotional behaftet sind. Und dann versetzen sie ihre Besucher in tranceartige Zustände, in denen jene Metaphern der Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart sehen.”

Anna blinzelte überrascht, doch Hjaldrist sah Hans unverändert abwartend an. Das, was der gelehrige Professor da gerade erzählt hatte, entsprach schließlich nicht exakt seinem Muster von Albträumen, die ihn immer wieder und völlig unkontrolliert einholten.

“Mehr weiß ich darüber aber nicht. Es ist nicht meine Wissenschaft und ich fürchte, unsere Spezialistin dafür ist abwesend.”, bedauerte Hans seufzend “Ihr könntet also nur versuchen etwas dazu in den Büchern der Bibliothek zu finden. Fragt die Büchereiverwaltung dahingehend. Sie wird euch sagen können, wo ihr welche Schriften findet.”

Langsam nickte die Hexerstochter. Die Antwort des Älteren war nicht das, was sie sich erwartet hatte, aber immerhin besser als nichts. Die Werke der Bücherei würden zudem sicherlich auch noch etwas hergeben können.

“Und dann… dann haben wir noch Fragen zu Stimmen, die man hört, ohne, dass jemand da ist.”, sagte die Novigraderin und der Zauberer musterte sie verblüfft. Er musste ein wenig verwirrt lächeln.

“‘Stimmen, die man hört’?”, wiederholte der Studierte die Worte der burschikosen Kriegerin “Das bedarf auch einer genaueren Definition.”

“Na, wir haben auf unserem Weg jemanden getroffen, der meinte, Stimmen zu hören.”, log Anna “Einfach so. Er ging durch die Stadt und hörte Leute sprechen, die gar nicht da waren.”

“Hmm.”, machte der Alte und rückte sich die Brille mit dem Hornrahmen zurecht “Nun, entweder war sein Geist sehr krank oder besessen. Oder aber, er war ein Telepath. Die Möglichkeiten sind vielfältig.”

Rist, der bisher nur stumm da gesessen und sich die Hände unruhig geknetet hatte, hob den Kopf. Er sah zuerst zu Anna hin, dann zu Hans. Man sah ihn trocken schlucken.

“Ich glaube nicht, dass er besessen war.”, warf die Giftmischerin gleich selbstsicher ein “Wir, als Monsterjäger, hätten das bemerkt, glaubt mir.”

“Na, wenn Ihr meint. Dann bleibt nurmehr etwas wie Krankheit oder Telepathie.”, lächelte Hans sanftmütig “Habt ihr beide ihn denn nicht darüber ausgefragt? Er hätte euch wahrhaftig mehr erzählen können, als ich. Ich bin nur ein alter Astrologe.”

Der Zauberer spielte seine Fähigkeiten damit bestimmt herunter. Leute wie er waren doch sehr begabt und klug. Oder nicht? Normalerweise, da gaben sich Magier und Zauberinnen doch kaum mit - in ihren Augen - dreckigen Vagabunden ab. Ja, Anna glaubte, dass der Alte schlauer war, als er vorgab zu sein. Und aus diesem Grund beharrte sie weiter auf der momentanen Thematik. Sie gab die Hoffnung nicht auf so viel über den Zustand ihres besten Freundes herauszufinden, wie es ging.

“Er konnte es sich selbst nicht genau erklären. Er meinte einfach, er höre Stimmen. Verschiedenste Stimmen, die immer über irgendetwas sinnierten.”, fasste Anna Rist’s Problem knapp zusammen “Sie haben nie mit ihm direkt gesprochen und waren mal weniger, mal mehr zu hören.”

“Hmm…”, machte Hans und fuhr sich einmal mehr über das Kinn. Er nickte langsam, als er sich auf seinem Stuhl zurück lehnte und zwischen den Abenteurern hin und her sah.

“Ich bin mir nicht sicher, aber ich persönlich würde in dem Fall darauf tippen, dass ihr einen Telepathen getroffen habt.”, schätzte der Mann und als Anna flüchtig zu ihrem Freund aus Skellige linste, bemühte jener sich darum keine allzu großen Augen zu machen “Wisst ihr, wenn jemand geisteskrank ist, dann geht das sehr oft damit einher, dass er wahnsinnige Stimmen hört, die ihm etwas befehlen. Es passiert nicht selten, dass man solche Leute wegsperren muss, weil sie sonst zur Gefahr werden. Sie werden manchmal vollkommen von den Stimmen in ihren Köpfen gelenkt und am Ende hilft nur noch eine Lobotomie. Es ist fürchterlich. Bei Telepathen ist dem nicht so.”

“Lobotomie?”, fragte Anna unwissend nach.

“Man schlägt einem Menschen einen schmalen Meißel durch den Augenwinkel bis in das Gehirn. Man macht ihn damit emotional taub.”, erklärte Hans Lund und die Alchemistin zuckte leicht zusammen. Sie musste sich unweigerlich an das Auge fassen, als fühle sie die erwähnte, schmerzliche Prozedur am eigenen Leib.

“Ach du Scheiße.”, flüsterte sie und der Zauberer musste ob ihrer unverhaltenen, derben Ausdrucksweise lachen.

“Was ist ein Telepath genau?”, fragte der gerade noch so stille Rist auf einmal dazwischen, um auf das Ausgangsthema des Gespräches zurückzukommen “Also ich meine… wie würdest du dessen Fähigkeiten beschreiben, Hans?”

Der Professor rückte die Brille zurecht und schenkte dem jüngeren Mann seine Aufmerksamkeit. Er zog die Brauen kurz nachdenklich zusammen, dann nickte er, als müsse er einem seiner eigenen Gedankenzüge beipflichten. Dass Rist ihn auf skelliger Art duzte, so wie er es immer mit jedem tat, störte ihn nicht.

“Das ist jemand, der die Gedanken anderer Menschen lesen kann. Dies äußert sich so, dass er jene hört, als seien sie Stimmen in seinem Kopf. Man sagt, es gäbe Leute, die gar die Gedanken von Tieren lesen können.”, erläuterte der Alte “Warum jemand aber zu einem Telepathen wird, weiß ich nicht. Ich kann Euch auch nicht sagen, welcher Prozess genau dahinter steht, denn wie schon gesagt, bin ich kein Spezialist auf diesem Gebiet und die Vortragende dahingehend ist zurzeit nicht hier.”

“Wo ist sie denn?”, wollte Hjaldrist gleich wissen. Er war aufgeregt, das hörte Anna.

“Soweit ich weiß ist sie zurzeit bei ihrer Familie in Novigrad.”, Hans Lund wiegte den Kopf abschätzend “Dort will sie auch bis zur Jahresmitte bleiben. Wenn es euch aber so wichtig ist, mehr über Träumer und Telepathen zu erfahren, dann sucht sie auf und versucht euer Glück.”

“Novigrad ist nicht weit von hier.”, sagte Anna und warf ihrem Kumpel ein zufriedenes Lächeln zu “Wir können sie also tatsächlich suchen.”

Dabei ignorierte die Braunhaarige das flaue Gefühl, das ihr der Gedanke an ihre große Heimatstadt in die Eingeweide zwang. Seit Jahren war sie nicht dort gewesen und ihr letzter Besuch in Novigrad hatte einen bitteren Beigeschmack besessen. Sie hatte damals ihre leibliche Familie gesucht, doch nicht gefunden, was sie sich erhofft hatte.

“Ihr Name ist Mia Baran.”, verriet Hans Lund noch und nippte an seinem Becher “Leider weiß ich aber nicht, wo in Novigrad sie haust.”

“Das macht nichts.”, sagte Anna “Wir finden sie schon.”

“Na, dann wünsche ich viel Erfolg.”, nickte der Zauberer mit der Nietbrille “Auch, wenn ich mich - rein aus persönlichem Interesse - frage, weswegen ihr beide so erpicht darauf seid alles über die besagten Themen zu erfahren. Es scheint fast so, als ob ihr direkt betroffen seid.”

“Äh, naja.”, sagte Anna schnell “Wir sind doch immer allem auf der Spur, das übernatürlich wirkt. Wir verdienen unser Geld damit und wollen uns weiterbilden.”

“Unser Bekannter war auch ein großer Anstoß dafür.”, ergänzte Rist aus Ermangelung anderer Erklärungen.

“Ja, er war… faszinierend.”, warf die jüngere Hexerstochter noch ein und wäre es nicht zu auffällig gewesen, hätte ihr bester Freund ihr gerade sicher VIELE bedeutsame Blicke zugeworfen. So aber, sah er gezwungenermaßen dem offenherzigen Hans Lund entgegen und nickte zustimmend. Bestimmt würde der Axtkämpfer die arme Anna später damit aufziehen, dass sie ihn als ’faszinierend’ tituliert hatte. Es war ein ziemlicher Fehlgriff in der Wortwahl gewesen.

“Oh, Hans. Weißt du was?”, schnappte die Giftmischerin dann und hüstelte, lenkte das Thema um “Ich habe kürzlich ein Rezept für Alraunenschnaps in die Finger bekommen.”

Überrascht hob der Professor die buschigen Augenbrauen.

“Mandragora sind zum Großteil hochgiftig.”, sagte er verblüfft.

“Nicht, wenn man sie richtig verarbeitet.”, grinste die Frau neunmalklug und der Zauberer musste den Kopf ungläubig lächelnd schütteln.

“Ah, ich weiß schon, worauf Ihr aus seid, junge Dame.”, gluckste der Alte “Ach. Benutzt das Labor, wenn Ihr wollt. Ihr wisst doch sicherlich noch, wo es ist? Aber passt mit Euren Zutaten auf und wascht die Gerätschaften nach der Benutzung gründlich aus, ja?”

“Verstanden!”

“Und lasst mich den Schnaps probieren, wenn ihr fertig seid.”

“Aber klar doch.”, lächelte die freudige Frau breit und stieß ihrem Kumpel, der da neben ihr auf dem Sofa saß, vielsagend in die Seite. Alraunenschnaps! Sie würde in den nächsten Tagen versuchen welchen herzustellen!

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