Kapitel 45

Egal, was sie nun ist

Anna und Rist waren bald im Gasthaus zurück. Schließlich hatten sie heute nicht zu viel Zeit in der großen Akademie verbringen wollen und es war schon Abend. Morgen wäre ein langer Tag, an dem sie endlich das Rätsel rund um die unheimliche Teresa lösen sollten. Danach hätten sie dann Zeit, um hinsichtlich Hjaldrist’s eigenartigen Leiden nachzuforschen, neue Rezepte zu sammeln und Mandragora-Schnaps zu destillieren. Mit dem Verdienst durch den Auftrag rund um das Wesen des De Genwitt-Anwesens könnten sie sich lange bei einigermaßen guter Verpflegung in Oxenfurt aufhalten und hätten alle Zeit der Welt, um ihren Plänen nachzugehen. Einhundert Kronen waren schließlich viel Geld.

Zum Abendessen trafen sie also Ravello in der Schänke an, der sich von seinem beim Würfeln erspielten Geld bereits ein großes Speckbrot und Bier bestellt hatte. Ganz allein saß er da an einem Tisch und zeigte sich überaus erfreut, als er seine beiden Begleiter erkannte. Er hob die Hand zum Gruß, denn mit seinem vollen Mund konnte er nicht sprechen, und seine Kollegen kamen zu ihm. Während sich Hjaldrist gleich zu dem essenden Ritter setzte, zögerte die skeptische Hexerstochter. Ihr Blick wanderte vom leeren Platz neben dem Weißen Hasen fort und fixierte den Blondschopf, der seinen Bissen soeben hinunter schluckte.

“Anna.”, stellte der wenig ältere Krieger mit den halblangen Haaren freundlich fest und ließ sein Brot sinken “Wie geht es dir?”

“Gut, danke.”, sagte die Angesprochene knapp und setzte sich erst jetzt zu ihm und Rist.

“Wo ist denn Svenja?”, fragte Letzterer gleich und sprach damit die kritischen Gedanken seiner besten Freundin laut aus. Ravello zuckte lethargisch die Achseln.

“Wir haben uns nach dem kurzen Besuch bei De Genwitt getrennt. Sie wollte noch irgendwas am Markt suchen und dabei ihre Ruhe haben. Ich glaube, der Adelige hat ihr mit seinem lauten Gerede etwas auf die Laune geschlagen.”, erzählte der Ritter ratlos und seufzte, ehe er einen tiefen Schluck seines dunklen Bieres nahm.

“Verstehe…”, antwortete der Skelliger im grünen Rock langsam und sah von Ravello fort, um seine Kumpanin vielsagend betrachten zu können. Sie erwiderte dies ernst.

“Wo wart ihr denn unterwegs? Ich dachte ja nicht, dass Anna heute noch einmal vor das Haus geht.”, sagte der Beauclairer ehrlich und lächelte etwas betreten, als er die Hexerstochter beäugte “Das heute Mittag war schon etwas unheimlich. Ich befürchtete, dass du nun erst einmal flach liegst.”

“Hmmm.”, brummte die Betroffene nur.

“Wir waren bei der Universität. Ein alter Bekannter arbeitet dort.”, erklärte Hjaldrist locker und schob das Thema der vergifteten Anna damit völlig beiseite. Auch ging er nicht weiter auf Svenja ein. Ravello sollte vorerst keine Ahnung haben. War besser so und die verstohlene Novigraderin war froh, dass ihr Freund von Ard Skellig das offenkundig auch so sah. Die ehemalige Spionin stand dem Ritter hier doch irgendwie nah. Es wäre demnach zu riskant eben jenem zu sagen, dass man glaubte, dass Svenja, das Miststück, Anna beinah getötet hätte. Und dass man gedachte sie damit nicht unbeschadet davonkommen zu lassen. Jemand wie Ravello plapperte doch stets viel zu viel. Gerade den hübschen Frauen gegenüber hatte er ein loses Mundwerk, wenn er getrunken hatte, und bestimmt hätte er geplaudert. Besser also, er blieb erst einmal nichtsahnend. Man könnte ihn später noch aufklären, sollte er sich wirklich als vollkommen loyal herausstellen.

“Ihr habt einen Freund besucht?”, schlussfolgerte Ravello “Und lass mich raten, Hjaldrist: Anna will demnächst noch ein paar langweilige Vorträge der Akademie besuchen. Über Kräuter und all den Kram, mit dem sie immer arbeitet.”

“Naja, so könnte man es nennen.”, grinste Rist leicht “Aber war doch klar. Du kennst sie mittlerweile ja.”

“Mhm. Ich finde es ja noch immer etwas befremdlich, dass sie zwar eine Mietklinge ist, sich aber auch gibt wie eine Gelehrte.”, gab der Weiße Hase zu und musste leise lachen “Man möchte meinen, beides passe nicht zusammen.”

“Hallo? Ich sitze neben euch.”, kommentierte die besagte Frau das Gespräch der beiden Männer mahnend. Eine Schankmagd kam, um mehr Bier und belegte Brote aufzutischen. Das Mädchen musterte Ravello dabei mit einem verträumten Blick, der verriet, dass der Lebemann ihr mindestens schon einmal den Hof gemacht haben musste. Dabei war er doch noch nicht lange in Oxenfurt! Die brünette Frau mit der grünen Schürze stellte das Servierbrett ab, auf dem verschiedene Brote und Krautsalat prangten, sah schüchtern von ihrem Objekt der Begierde fort und hin zu Rist. Und dessen Anblick schien die dann endgültig durcheinander zu bringen. Beim Unterkleid der Melitele! Es war zwar Frühling, aber dennoch! Was war nur immer mit allen Frauen los?

“Ja, das Gelehrten-Getue passt wirklich nicht zu ihr.”, lästerte Hjaldrist gespielt weiter und ignorierte die interessierten Blicke der jungen Schankfrau. Ein wölfisches Lächeln zierte seine Lippen, als er den Blick des Mannes aus Toussaint auffing.

“Ha, und ich dachte, ich stünde mit dieser Meinung allein da.”, witzelte Ravello und schnaufte amüsiert.

“Na danke.”, kommentierte die anwesende Hexerstochter am Rande abfällig und klaubte augenrollend nach einem Schinkenbrot “Ich habe sicherlich eine bessere Erziehung erfahren als du, Hase.”

Mit Hjaldrist legte sie sich dahingehend erst einmal nicht an. Ein Sohn eines Jarls bekam doch sicherlich die besten Lehrer der ganzen Inseln. Bestimmt hatte der Käferschubser auch schon im Jugendalter hart büffeln müssen. Spräche zumindest für seine Art heute zu denken. Außerdem konnte er wirklich schön schreiben und im Rechnen war er auch ganz weit vorne. So etwas kam nicht von ungefähr.

“Tse!“, machte der Blondschopf und verkniff sich ein erneutes Lachen “Ich war früher wenigstens produktiv, anstatt daheim zu sitzen und zu lesen. Ich habe meiner Familie auf den Feldern geholfen und in der Praxis alles über den Weinanbau gelernt, das man-”

“Merkt man.”, sagte Anna trocken, stützte einen Arm am etwas wackeligen Tisch ab und lehnte sich dem Strahlemann mit einem herausfordernden Schmunzeln auf den Lippen entgegen “Und sicherlich hast du auch schon als Kind viel Wein gesoffen.”

“Was?”, maulte Ravello und erst, als die Schankmagd die Hexerstochter mit schiefen, etwas eifersüchtigen Blicken bedacht hatte, ging sie wieder, um die anderen Tische zu bedienen. Die Brünette beneidete die bewaffnete Trankmischerin wohl um ihre Gesellschaft und dachte sich in diesem Zuge sicherlich sonst was.

“Na, der Est Est hat dir doch damals schon die Hirnzellen zerballert. Oder nicht?”, stichelte die Kurzhaarige weiter und bewegte sich dabei nach wie vor auf der freundschaftlich-sarkastischen Ebene, die jeder Anwesende gut verstand. Hjaldrist musste breit grinsen.

“Hirn-Zellen?”, murrte der Ritter ratlos und an diesem Punkt angekommen lachte der Skelliger am Tisch laut auf.

“Na, siehst du?”, gluckste Anna, als der überforderte Ravello sie verwirrt ansah. Er schien sich wohl zu fragen, was ‘Zellen’, die er mit einem Kerker in Verbindung brachte, in seinem Dummschädel verloren hatten. Anders als seine Begleiterin, die schon früh die Anatomie allerlei Lebewesen hatte auswendig lernen müssen, hatte er nicht viel Ahnung von Körpern. Wenn es um einen beauclairer Ehrenkodex, die Weinlese oder das Verstehen und Umgarnen von Weibern ging, war er all seinen Begleitern wohl weit voraus, doch der Rest… naja.

“DIE Quittung hat gesessen.”, beschrieb Rist Anna’s harte Retourkutsche auf die geschauspielert gelästerten Worte belustigt und zog das Holzbrett mit den belegten Broten grinsend an sich heran. Er ließ den Blick sinken, um jene zu beäugen und pickte sich eines heraus, das dick mit Schmalz beschmiert war.

“Sei bloß still, Adelsjunge.”, schnaubte die Giftmischerin erheitert und warf ihrem besten Freund einen wenig ernsten, drohenden Blick zu “Ich habe gehört, Elfchen haben heutzutage nicht mehr so viel zu sagen.”.

“Eey!”, beschwerte sich der Inselbewohner ob dieser Parodie des allgegenwärtigen Rassismus gleich und wollte zu einem Konter ansetzen, doch soweit kam er nicht mehr. Denn ein bekanntes Gesicht tauchte einen Atemzug später schon in der kleinen, spärlich besuchten Taverne auf: Stefan De Genwitt. Hektisch und aufgescheucht kam jener mit sich aufbauschendem, dunkelblauem Samtmantel in den Schankraum gepoltert, hielt planlos inne, sah sich um und steuerte dann sofort schnellen Schrittes auf die Abenteurer zu, nachdem er sie erblickt hatte. Anna’s Glieder versteiften sich gleich, als sie dies bemerkte und auch Rist’s Ausdruck wurde hart. Irritiert sah sich Ravello nach dem Neuankömmling um und bevor noch irgendjemand etwas sagen oder anderweitig reagieren konnte, war der teuer Gekleidete auch schon bei der Dreiergruppe angekommen. Der reiche Mann in dem golden gesäumten Wams wirkte in der mittelmäßigen Absteige hier absolut deplatziert.

Oh, was käme nun? Hatten der Hase und Svenja die Lage rund um Paul und die Villa am Meer denn nicht schon einigermaßen geklärt?

“Mein Sohn.”, fing De Genwitt an, als er atemlos bei dem Tisch des Dreiergespanns angekommen war “Ist es wahr, was mir eure Begleiter gesagt haben?”

Die sorgenvollen Augen des Älteren wanderten unruhig zwischen Anna und Hjaldrist hin und her. Erstere, die schon befürchtet hatte, nun gewaltigen Ärger zu bekommen, weil man sie des Todes Pauls beschuldigte, entspannte sich wieder ein klein wenig. Die Frau lehnte sich zurück, blickte ihren Auftraggeber ruhig an.

“Wenn sie Euch erzählt haben, dass er im Kampf von den Klippen gestürzt ist, dann ja.”, sagte die Alchemistin gleich ehrlich. Der Adelige, der da stand, wurde bleich und senkte das Haupt, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, das um Jahre gealtert wirkte. Völlig vernichtet wirkte er dabei, mit hängenden Schultern und verzweifelt.

“Ich hatte Euch vorgewarnt, Herr De Genwitt.”, ergänzte Anna ihre vorigen Worte noch tadelnd “Ich hatte befürchtet, dass es gefährlich wird und gesagt, dass wir keine Leibwächter sind. Man kann nicht auf einen übermütigen Kerl aufpassen, wenn man gleichzeitig von Ungeheuern und Monstern attackiert wird.”

De Genwitt erstarrte wie zur Eissäule, als die Novigraderin ihren letzten Satz aussprach. Er wagte es zunächst kaum aufzublicken.

“Monster…?”, wisperte der Reiche und sein aufgelöster Blick wanderte unruhig. Anna überging dies zunächst, denn sie hatte noch etwas zu Paul zu sagen.

“Wie gesagt, ist der Junge von der Klippe gestolpert.”, meinte die Frau mit der Fuchssträhne und es war schon bemerkenswert, wie sie jemanden, der nur drei Jahre jünger war als sie, als ‘Junge’ betitelte. Doch in ihren Augen konnte man Reife nicht immer am Alter festmachen. Paul De Genwitt hatte sich verhalten, als sei er fünfzehn. Für sie war er ein überhebliches Kind gewesen; sie hatte sich neben ihm uralt gefühlt.

“Man kann annehmen, dass Paul also tot ist. Mit viel Glück könnte es aber auch sein, dass er den Sturz überlebt hat. Ich kann Euch anbieten, dass wir nach eurem Sohn - oder seinem Körper - suchen, sobald wir die Angelegenheit rund um Euer Haus geregelt haben.”, schlug Anna vor und erhoffte sich damit eine höhere Bezahlung “Davor ist uns das leider nicht möglich. Die weitläufige Gegend um die Villa ist gefährlich und es gibt dort nicht nur ein Monstrum, sondern auch Sirenen. Wir können also nicht einfach so dort herum stromern und nach Paul suchen.”

De Genwitt schwieg und schien nicht zu wissen, wie er all das, was Anna so kühl sagte, verdauen sollte. Monster, Sirenen, ein totgeglaubter Sohn. Kein Adeliger, der das schöne Leben gewohnt war, käme damit zurecht. Anna aber, die saß relativ locker da. Alle besagten Punkte gehörten zu ihrem harten Geschäft. Zudem wusste sie, dass Paul noch lebte. Anzugeben, dass man ihn nur dann suchen könnte, wenn der Fluch der De Genwitt-Villa gelöst war, war eine kleine Lüge gewesen. Denn solange Teresa im Haus saß und ihre Perlen weinte, blieb Paul ein Fisch. Kümmerte man sich um die ganze magische Misere und beseitigte sie, würde der Junge wieder seine menschliche Form zurück erlangen. Oder jedenfalls nahm Anna dies stark an. Er würde zu sich kommen, irgendwo im Meer. Und dann würde er entweder elend ertrinken und sein Körper irgendwo angespült werden. Oder aber, er wäre nah genug an der Küste, um an Land schwimmen zu können. Man würde sehen.

“Also.”, schloss Anna daher “Finden wir Paul’s Leiche, bekommen wir dreißig Kronen mehr von Euch. Bringen wir ihn Euch lebendig zurück, fünfzig. Das ist mein Angebot.”

De Genwitt sah gescheucht auf und schluckte schwer. Schnell nickte er.

“Ja. Ja, abgemacht. Alles für meinen Sohn.”, keuchte der Adelige hektisch und die Frau aus Kaer Morhen lächelte zufrieden. Dann deutete sie auf den leeren Platz neben Ravello.

“Setzt Euch bitte.”, bat sie “Denn wir haben da noch mehr zu bereden.”

Der zerstreute, wirre Mann aus Oxenfurt musterte die Jüngere unschlüssig, doch ließ sich gleich nieder. Ravello rutschte auf der hölzernen Tavernenbank zur Seite, um dem aufgeregten Adelsmann Platz zu machen. Der Ritter schwieg und beäugte Anna mit einem Gemisch von Interesse und Entsetzen im Blick. Zwar hatte er in den letzten Monaten viel gesehen, doch Ungeheuer und dergleichen schreckten ihn trotzdem noch sehr ab. Er kämpfte nur gegen sie, wenn es keinen anderen Ausweg gab. 

Vor einigen Wochen hatte Anna einen Abaya-Auftrag angenommen, um an Geld für Essen zu kommen. Sie hatte für die ganze Gruppe gearbeitet und sich dabei immer in allerhand gefährliche Situationen begeben. Ravello, der hatte den Tellerwäscher gemimt und sich seine warmen Zimmer in Tavernen damit gesichert. Und Svenja, die hatte geschnorrt. Bei dem gutmütigen Ritter hatte sie geschlafen, bei der augenrollenden Hexerstochter hatte sie mitgegessen. Aber wie auch immer. 

Jedenfalls hatte es da diesen gut bezahlten Abaya-Auftrag gegeben. Bewaffnet mit Nekrophagenöl und Feuer war Anna gegen dieses Biest, das zwei Fischer gefressen hatte, in den Kampf gezogen. Es war relativ gut gelaufen und abgesehen von etwas Schlamm in den Augen und einer schweren Prellung an der Hüfte, war nichts passiert. Die fähige Monsterjägerin hatte die Abaya beinah niedergestreckt, da war eine große Gruppe Ertrunkener aufgetaucht, um das fauchende Wasserweib zu verteidigen. Zwei davon hatte Anna niedergemacht, drei. Doch die stinkende Abaya war wieder auf die Beine gekommen, hatte sie gepackt und in den schlammigen Sumpf geworfen. Die letzte Kartätsche der Frau war dabei zerbrochen und deren Scherben im Matsch versunken. Anna hatte einen ihrer Stiefel im Schlamm verloren und ihre Gegner hätten sie fast gehabt. Da war Ravello aufgetaucht und hatte ihr den Arsch gerettet. Also mehr oder weniger, denn er hatte die Aufmerksamkeit der Bestien so lange schreiend auf sich gezogen, bis sich seine Kollegin wieder gefasst und das starke Wasserweib erstochen hatte. Der Rest hatte dann kein Problem mehr dargestellt. Und dies war der erste Kampf des Weißen Hasen gegen Nichtmenschliche gewesen. Er hatte danach nächtelang nicht schlafen können und dafür ein Drittel der Bezahlung des Auftrages bekommen.

“Wer ist Teresa?”, fragte Anna frei heraus, nachdem sie ihre Gedanken an Ravello und Ertrunkene beiseite geschoben hatte. Sie sah De Genwitt geradeaus an.

“Was?”, fragte der auffallend schnell. Diese überraschte Reaktion verriet ihn.

“Wir haben sie bei Eurem Haus getroffen und uns gefragt, wer sie ist. Sie selber konnte es uns leider nicht verraten.”, lächelte die berechnende Giftmischerin schmal und faltete die Finger am Tisch locker ineinander. Sie sah, wie der Adelige schwer schluckte und ihrem stechenden Blick auswich.

“Mh.”, machte Anna daher “Lasst Euch Zeit. Wir gehen nicht weg.”

Und mit diesen Worten blieb sie einfach nur stumm abwartend sitzen und fasste nach ihrem Becher. Hjaldrist warf ihr von der Seite aus einen skeptischen Blick zu, doch schwieg ebenso. Die dunklen Augen des Skelligers fielen auf den nervösen Adeligen zurück. Jener holte erst nach einer gefühlten halben Ewigkeit Luft zum Sprechen.

“Teresa…”, fing De Genwitt mit gesenkter Stimme an “Ist-… war meine Tochter.”

Anna’s schmales Lächeln wurde einen Deut zufriedener.

“Aber… aber sie ist gestorben.”, gab der Reiche zu und weckte damit das Interesse der Novigraderin.

“Wie?”, wollte Anna wissen und sah, wie De Genwitt mit sich haderte. Willkürlich fixierte er einen Weinfleck auf dem Tavernentisch und sein Gesicht nahm einen betretenen Ausdruck an. Aufgebracht fuhr er sich über die Lippen.

“Selbstmord.”, entkam es dem Mann dann, als lief ihm dieses Wort zäh wie dickes Kiefernharz von der Zunge. Es sah aus, als fühle er sich schuldig, als er gleich damit anfing auf seinen Fingernägeln herumzukauen.

“Wann?”, hakte Anna weiter nach.

“Uh…”, machte De Genwitt und sah vorsichtig auf “Vor fünf Wochen.”

“Und warum habt Ihr das nicht von vornherein erwähnt?”, wollte die ungenierte Giftmischerin wissen und es klang wie ein Vorwurf. Tatsächlich ärgerte sie sich gerade über den, der ihr da gegenüber saß. Es war, wenn es um verfluchte Häuser ging und man als Monsterjäger waltete, ein wichtiges Detail, wenn in den besagten Häusern Leute verstorben waren. Denn nicht selten kamen Tote als Erscheinungen oder anderweitige Kreaturen wieder. De Genwitt hätte Anna und Rist einiges an Ärger erspart, hätte er sie gleich zu Anfang gänzlich über die missliche Lage aufgeklärt. Die beiden Abenteurer hätten sich auf Teresa vorbereiten können und wären nicht Gefahr gelaufen in Fische verwandelt oder hinterhältig attackiert zu werden.

“Ich… naja. Ich hielt es nicht für wichtig.”, wollte sich der Adelige herausreden und sah die Jüngere am Tisch scheu an. Er hüstelte und senkte den Blick wieder fort. Anna war ihre Begeisterung daraufhin anzusehen. Mit einer Miene, die so viel sagte wie ein stummes ‘Im Ernst?’ betrachtete sie den teuer Gekleideten. Doch dann schob sie ihren ärgerlichen Unglauben beiseite. Es brächte ja nichts zu diskutieren, warum De Genwitt gestern nicht über Teresa gesprochen hatte. Er war nun ja hier und könnte dies nachholen.

Die Hexerstochter seufzte entnervt aus und schlug die braunen Augen nieder. Hjaldrist, der neben ihr saß, stöhnte ebenso genervt.

“Es IST wichtig.”, sagte Anna dann, als sie wieder aufsah “Erzählt uns also alles über den Tod Eurer Tochter.”

De Genwitt starrte die drängende Novigraderin verunsichert an. Er atmete ein wenig unruhig, was wohl nachvollziehbar war. Er fühlte sich sicherlich in die Ecke gedrängt und auch nicht sonderlich gut dabei über sein Kind zu sprechen, das sich selbst getötet hatte. Selbstmord galt in vielen Glaubensrichtungen als Sünde und dies prägte die Gesellschaft.

“Also… also gut.”, gab der Adelige nach vielen Wimpernschlägen endlich nach. Wieder fiel es ihm schwer Blickkontakt zu halten. Also sah er von der Seite aus gedankenverloren zu Ravello hin, der unbeteiligt sein Speckbrot aß.

“Sie schnitt sich die Arme auf.”, berichtete der Mann schwer betroffen “Teresa liebte einen jungen Mann. Doch der wies sie ab.”

Anna sah dem Adeligen in dem bestickten Samtmantel schweigend entgegen, nahm einen Schluck ihres gewässerten Saftes und blieb stumm. De Genwitt sollte ausreden.

“Und nunja… Teresa hatte eine schwere Zeit. So sind Leute in ihrem Alter eben. Wir versuchten sie immer wieder aufzumuntern.”, bedauerte der Reiche “Doch es half nicht. Also nahm sie sich das Leben. Als ich sie gefunden hatte, war sie längst tot.”

Die anwesende Novigraderin war niemand, der all zu viel Menschenkenntnis besaß. Natürlich war sie empathisch, doch sie hatte einfach zu lange unter verbohrten Mutanten gelebt, als dass sie jede Gemütsregung anderer perfekt deuten könnte. Sie lernte noch. Doch De Genwitt besaß das Potential selbst auf sie sehr eigenartig zu wirken, auffällig. Er seufzte hier herum, zog eine niedergeschlagene Miene… doch abgesehen davon? Nichts. In Anna’s kritischen Augen sollte ein Mann, der eine Tochter auf schreckliche Art verloren und sie tot aufgefunden hatte, nervlich fertiger sein und nicht so trocken über ihren Tod reden können. Er hatte nicht einmal glasige Augen. Wenn es um Paul gegangen war, war er viel aufgebrachter gewesen. Irgendetwas an der geschichte Teresas war also faul. Oder irrte sich die Alchemistin? Es hätte Sinn gemacht. Denn irgendetwas musste am Tod der jungen Frau nicht gepasst haben. Dass sie als verfluchtes Wesen zurückkam und die Villa ihres Vaters besetzte, sprach dafür. Tragik und Selbstmord hin oder her… wenn jemand ein ordentliches Begräbnis bekam, dann blieb er tot und wandelte nicht länger auf der Welt der Lebenden.

“Hat sie sich die Arme zufällig mit Muschelstücken aufgeschnitten?”, fragte die Frau frei heraus und beäugte De Genwitt prüfend.

“Was?”, jener war zusammengezuckt und sah sie jetzt irritiert an “Mit Muscheln…? Nein. Wie soll so etwas gehen?”

“Wenn man etwa Fächermuscheln zerbricht, sind deren Stücke ziemlich scharf und spitz.”, meinte Anna gleich “Ihr habt ein Haus am Meer. Ihr könnt mir nicht sagen, dass ihr noch nie Muscheln gesammelt habt.”

“Uhm…”, machte der Adelige nervös und schüttelte den Kopf langsam “Was… was hat das mit allem zu tun?”

“Ich frage nur.”, meinte die Kurzhaarige kühl “Und wo wurde Teresa bestattet?”

“Am… am Friedhof der Stadt. Da, wo jeder begraben wird.”, meinte De Genwitt zögerlich.

“Wer war der Mann, in den Teresa verliebt war?”, warf Hjaldrist jetzt von der Seite aus ein und zog damit all die Aufmerksamkeit auf sich.

“Was? Oh.”, machte De Genwitt und blinzelte überfordert. Er rückte sich die Klemmbrille zurecht, die auf seiner Knollennase steckte.

“Er… er ist der Sohn des Schuhmachers. Denke ich.”

“Ihr habt ihn nie persönlich kennengelernt?”, fragte Rist argwöhnisch weiter.

“Nein.”

“Hm.”

Anna kratzte sich am Kinn, als sie von ihrem besten Freund zurück zu De Genwitt sah.

“Ich denke, das reicht uns. Danke.”, sagte sie. Denn die Informationen, die der Adelige hier preisgegeben hatte, gaben genug her, dass man gut weiterarbeiten könnte. Jedenfalls sie selbst hatte nun schon ein paar Ideen. Und eine davon war es den Sohn des Schusters aufzusuchen und mit ihm über Teresa zu sprechen.

 

“Wir erledigen unseren Auftrag und dann ziehen wir weiter nach Novigrad.”, meinte Anna zuversichtlich, als sie sich die Jacke von den Schultern streifte, um sie über die Stuhllehne zu hängen. Ihre Waffen hatte sie auf die kleine Kommode im Zimmer gelegt, in dem eine große Öllampe brannte. Es war schon relativ spät, denn die Abenteurer hatten sich noch eine ganze Weile im Schankraum aufgehalten und gewürfelt. De Genwitt war nach seinem kurzen Besuch bald verschwunden und Anna hatte ja darauf gehofft, dass Svenja noch auftauchten würde. Doch das war sie nicht. Entweder hatte sie also unergründlich viel zu tun oder aber sie war schon vor Anna und Rist’s Rückkehr von der Akademie abgehauen. Ihr Zimmer war abgeschlossen gewesen und die misstrauische Hexerstochter hatte daher nicht nach den wenigen Habseligkeiten der Rothaarigen sehen können. Auch durch das Schlüsselloch hatte sie nichts erspähen können, das darauf hingewiesen hätte, ob die verschlagene Skelligerin noch da war oder nicht. Es war ärgerlich. Entweder tauchte die Schnepfe morgen also auf oder sie blieb verschollen. Sie jetzt zu suchen wäre vergeblich gewesen, denn Svenja wusste, wie man sich unbemerkt durch eine Stadt bewegte. Erst recht nachts. Man könnte also nur den Morgen abwarten und darauf hoffen, dass man noch eine Gelegenheit dazu bekäme die damalige Spionin auszuschalten.

“Wolltest du dich nicht noch länger in der Akademie aufhalten, Anna?”, wollte Hjaldrist nach den Worten seiner Freundin wissen, als er sich die Stiefel auszog, und zu seinem Bett ging, um sich erst einmal erleichtert ächzend auf dessen Kante niederzulassen.

“Nein. Wir suchen nach Schriften, die dir eventuell noch weiterhelfen könnten, benutzen Hans Lund’s Labor und dann gehen wir. Länger als eine Woche werden wir nicht brauchen, glaube ich.”, versicherte die Frau und setzte sich auf ihre Schlafgelegenheit, rieb sich müde die Augen und gähnte daraufhin hinter vorgehaltener Hand.

“Danke.”, sagte Rist dann auf einmal und ließ die matte Anna damit fragend aufsehen. Sie hob die Brauen verwirrt in die Höhe, doch wurde schnell aufgeklärt.

“Weil du mir helfen willst.”, meinte der offene Undviker und fummelte dabei etwas an seinem Hemdärmel herum “Klar, wir sind Freunde. Aber trotzdem wollte ich das mal gesagt haben. Alleine hätte mich meine Lage wohl überfordert. Denke ich.”

Die überraschte Alchemistin musste auf diese Äußerungen hin lächeln.

“Du hilfst mir doch auch ständig, Rist.”, erinnerte Anna gleich und für sie war es das selbstverständlichste auf der Welt ihren besten Freund zu unterstützen. 

Zugegeben, vor eineinhalb Jahren hätte sie das nicht so gesehen. Sie war sich selbst die Nächste gewesen und wäre niemals so weit gegangen ihre eigenen, ihr heiligen Pläne und Ziele zu verrücken, um einem Begleiter gerecht werden zu können. Doch die Zeiten hatten sich geändert. SIE hatte sich verändert und das wohl zum Guten. So wie früher war sie zwar noch immer der Annahme, dass Nahestehende eine große Schwäche waren; gerade nach Rist’s Verschwinden war ihr das schmerzlich bewusst geworden. Aber lieber reiste Anna heute gemeinsam und damit verwundbar durch die Weltgeschichte, anstatt noch einmal allein zu sein und die Gesellschaft des Skelligers zu missen. Eher gab sie sich auch mal den Vorhaben ihres guten Freundes hin, als starrköpfig und im Alleingang voran zu schreiten. Ja, dies hatte sich im Vergleich zu vorletztem Jahr auch in eine andere Richtung gewendet: Die Kurzhaarige wusste, dass sie stur war. Viele hatten sich in der Vergangenheit die Zähne an ihr ausgebissen. Aber im Vergleich zu früher, da konnte man mittlerweile mit ihr reden, um sie umzustimmen. Oder jedenfalls traf das auf Hjaldrist zu. Nach allem Erlebtem hatte sie eingesehen, dass er ab und an Recht hatte und manchmal wirkte wie ein gutes Gewissen. Nicht, dass die Schwertkämpferin hüpfte, wenn er sagte, sie solle es tun. Nein, auch der nachgiebigere Jarlssohn hatte noch oft mit ihr zu kämpfen. Doch so wie letztens, vor dem Kampf ihrer Begleiter gegen die Ghule vor der Burgruine der Flammenrose, besann sich Anna manchmal auf die gutgemeinten Ratschläge ihres klugen Freundes. Sie war schließlich kein Ein-Frau-Trupp mehr. Und sie wollte nicht ernsthaft streiten. Nicht mit jemandem, der ihr nah stand. Nicht mit Rist.

Balthar hatte der jungen Anna immer gesagt, dass sie sich nichts, aber auch nichts, gefallen lassen solle. Dass sie alle, die ihr laut kamen, noch lauter anschnauzen müsse. Worte, die seien - so wie scharfe Schwerter - wertvolle Waffen, und seine Ziehtochter solle sie genauso verheerend einsetzen. ‘Mit dem Kopf durch die Wand und niemand kann dich stoppen.’, war die Devise gewesen. Für Diplomatie oder sorgfältiges Ausdiskutieren war da kein Platz gewesen. Balthar war damals schon ein Mann der Taten gewesen, der sich nichts hatte sagen lassen. Und Anna, die hatte er dahingehend noch strenger erzogen, denn als Frau hatte man es nie leicht. Wenn man so, wie die besagte Novigraderin, in Männerkleidung herumlief, mit Waffen am Gürtel und kurzen Haaren, dann wurde man selten ernst genommen. Weiber gehörten der Meinung der Allgemeinheit nach schließlich in die Küche. Sie sollten Männer heiraten, die sie nicht immer liebten, aber gut für sie sorgen könnten... und dann hieß es jenen viele Kinder zu schenken, um eine Absicherung für das Alter zu haben. Sah man dies nicht so und widersprach man dem gängigen Rollenbild einer unterjochten Frau, war man in manchen Augen vielleicht interessant, doch im Grunde noch weniger wert, als eine kleinmütige Idiotin, die ihrem Kerl tagein tagaus das Essen kochte, Socken flickte oder jedes Jahr ein Blag gebar. Dies immer in der Hoffnung, dass das, das die Hebammen oder die weiblichen Verwandten aus einem heraus holten, ein Junge war. Denn die waren ja viel mehr wert als Mädchen. Jedenfalls im intoleranten, konservativen und patriarchalischen Norden. Tja. Nicht überall konnte es so schön sein wie in Skellige oder Toussaint. Ja, Anna hatte die gesellschaftlichen Frauenbilder dort mit großen Augen bewundert. Sie hatte den Schildmägden Kaer Troldes überrascht hinterher gesehen und in Straßenkämpfen Schläge von Skelligerinnen kassiert, die ringsum und wie selbstverständlich alle Männer fertig gemacht hatten. In Beauclair hatte sie die verwöhnten Puderquasten von Weibern mit rollenden Augen bedacht, doch insgeheim hatte sie auch dort bewundert, wie sehr die Damenwelt auf Händen getragen wurde. Oh, überall war es für Frauen besser, als in den Nördlichen Königreichen.

Also hatte man Anna zu einer unnachgiebigen Person mit einem recht, nun ja, ‘starken’ und eigenwilligen Charakter erzogen. Eine Eigenschaft, die ihr bis heute oft geholfen hatte, denn es war schließlich nicht unbedingt negativ unnachgiebig und eisern zu sein. Nur manchmal, da stand ihr dies jetzt im Weg. Nämlich dann, wenn es um Hjaldrist ging. Balthar hatte seine Tochter zwar gut dazu erzogen sich im harten Norden erwehren zu können - körperlich wie verbal -, doch auf eines hatte er sie nie wirklich vorbereitet: Enge Freunde; Leute, die einem erst fremd waren, einem später aber sehr nah standen und mit denen man daher gut auskommen sollte. Anna, so charakterstark, großmäulig und schlagfertig sie auch sein konnte, war nach dem Beginn der gemeinsamen Reise mit Rist also schnell auf große, zwischenmenschliche Hürden gestoßen. Auf Situationen, in denen sie sich so unbeholfen gefühlt hatte wie ein kleines, dummes Kind. Diskussionen etwa. Tiefgehende Gespräche. Oder gewisse Absprachen. Es war vorgekommen, dass Hjaldrist locker, aber ernst, über irgendwelche wichtigen Belange hatte reden wollen und seine weniger gesprächstüchtige Freundin damit unerwartet so eiskalt erwischt hatte, dass sie zornig geworden war. Anders hatte sie sich einfach nicht zu helfen gewusst. Ein gutes Beispiel dafür war der Moment gewesen, in dem Rist ganz zu Anfang erkannt hatte, dass Anna keine Hexerzeichen hatte wirken können. Er hatte sie auf harmlos neckischer Ebene damit aufgezogen, dass sie keine Mutantin war, und wissen wollen, wer oder was sie nun wirklich war. Die Situation war mehr oder minder eskaliert. Zwar hatten sie sich damals kaum eine Woche gekannt und es war etwas Alkohol im Spiel gewesen, aber dennoch. Anna hatte völlig den Halt verloren, weil sie nicht gewusst hatte, wie sie sich geben sollte. Nachzugeben und einen kühlen Kopf zu bewahren, um komplizierte Angelegenheiten in einem ruhigen Gespräch zu zerlegen, war nicht ihr Ding gewesen und sie hatte sich deswegen nicht einmal schlecht gefühlt. Heute, da würde sie nicht mehr trotzig aufstehen, schimpfen und ihrem irritierten Begleiter sagen, dass er sie einmal kreuzweise könne, weil sie glaubte immer im Recht, stark und unnahbar zu sein. Sie würde reden oder es zumindest versuchen. Und dies lag nicht nur daran, dass die Giftmischerin ihren Undviker mittlerweile viel, viel besser kannte und lieb gewonnen hatte. 

 

Als die nostalgische Anna nach einigen Herzschlägen wieder aus ihren Gedanken aufsah, bemerkte sie, wie Hjaldrist sie sanft lächelnd musterte. Dankbarkeit über all die Hilfe und den Einsatz der Frau lag da noch immer in seinem Blick... und irgendetwas zweites, das Anna nicht so recht deuten konnte oder wollte. Doch es war nicht negativ, keineswegs. Sie erwiderte den stummen Ausdruck daher ebenso froh und holte dann Luft, um weiter zu sprechen.

“Wir sollten schlafen. Morgen ist ein langer Tag.”, meinte sie, als sie an den geplanten Besuch beim Schuster und an die bevorstehende Auseinandersetzung mit Teresa dachte. Die schon etwas schläfrige Kriegerin hoffte inständig, dass die Sache schnell und glimpflich vonstattengehen würde.

“Mhm. Ich bin ja schon einmal gespannt darauf, was wir noch über unser Muschelmonster herausfinden werden…”, nickte Rist skeptisch “De Genwitt wirkte heute ja nicht sehr vertrauenswürdig.”

“Gut, dass das nicht nur mir aufgefallen ist…”, kommentierte die Novigraderin und musste die Stirn etwas kräuseln “Bestimmt hat er Dreck am Stecken. Das riecht man doch auf hundert Meilen...”

Der anwesende Inselbewohner lachte leise und zuckte mit den Schultern.

“Wir werden sehen.”, schloss Rist.

 

Die Nacht war ruhig verlaufen. Tatsächlich hatte auch Hjaldrist gut geschlafen und wirkte nun, da er neben Anna durch das nasse Oxenfurt spazierte, ziemlich gutgelaunt. Schon beim Frühstück hatte er gescherzt und dies freute die Frau. Immer wieder linste sie zufrieden zu ihrem Kumpan hin. Rist hatte doch gemeint, seine Träume kämen seltener. Das war gut. Hoffentlich blieb es so.

“Der Wirt meinte, dass unser Schuhmacher gleich dort vorn lebt. Nach dem Fleischer, links.”, Anna deutete in die Richtung, die sie beschrieb und schürzte sich die Augen des Nieselregens wegen. Das Wetter war, anders als die Laune ihres besten Freundes, ziemlich unschön. Die Straßen waren dort, wo man sie nicht gepflastert hatte, matschig und das Wasser füllte die vielen Schlaglöcher am Weg. Man musste also aufpassen, dass man nicht in eine vermeintlich flache Pfütze trat und plötzlich knöcheltief in einem Loch verschwand, stolperte und nasse Füße bekam.

Die beiden Abenteurer bogen in die Straße ein, in der sich der Schuster angeblich befinden sollte und tatsächlich erblickten sie dort, zwischen einem heruntergekommenen Wohnhaus und einem Schmied, ein großes, geschnitztes Holzschild in der Form eines Schuhs. Darauf stand in gemalten, verwitterten Lettern ‘Schuster Pawlak’. Anna hätte triumphierend die Handflächen aufeinander geklatscht, hätte sie keine gebrochenen Finger gehabt. So stieß sie Rist aber nur freudig in die Seite.

“Das war ja einfach.”, stellte der angerempelte Jarlssohn richtig fest, als er den Blick unter der Kapuze zu dem Haus des Handwerkers hob und schmunzelte. Der Mann rieb sich kurz die Nase, sah zu Anna hin und steckte sich die Hände in die Taschen.

“Wollen wir?”, er deutete mit dem Kinn gen Haus. Eines der Fenster des selbigen war offen und von drinnen konnte man Stimmen hören. Also war jemand zuhause. Blieb nurmehr zu hoffen, dass sich der Sohn des Schuhmachers darunter befand.

 

Der junge Mann, den Anna und Rist suchten, war tatsächlich da. Sein Vater, der gerade dabei gewesen war, eine Sohle auf einen Lederstiefel zu nageln, hatte innegehalten und ihn ohne viel zu zögern gerufen. Generell erschien Herr Pawlak als recht simpel und unkompliziert. Er hatte die beiden Abenteurer begrüßt, als seien sie schlichte Kunden. Dies, obwohl sie seinen Laden in vollen Monturen und dem dringenden Nachfragen nach dessen Sohn betreten hatten.

“Seid ihr Freunde von Damian?”, hatte er brummig wissen wollen. Anna hatte den Kopf geschüttelt.

“Hm.”, hatte der Bärtige daraufhin nurmehr gemeint und seinen Jungen dann laut darum gebeten doch herunter, an den Tresen, zu kommen. Und da stand jener nun und sah seine Besucher irritiert an. Damian schien etwa im selben Alter wie die Hexerstochter aus Kaer Morhen zu sein. Für einen Handwerker wirkte der Dunkelhaarige recht gepflegt und er war auch nicht unansehnlich. Es war also nachvollziehbar, dass ein Adelsmädchen Gefallen an ihm gefunden hatte.

“Was ist los?”, fragte Damian skeptisch nach “Was kann ich für Euch tun?”

“Wir sind Monsterjäger.”, klärte Anna gleich auf “Und wir hätten da ein paar Fragen an Euch.”

“Monsterjäger?”, entkam es dem Angesprochenen perplex. Er schien sich keinen Reim darauf machen zu können, was solche Leute von ihm wollten. Der Mann blinzelte überfordert und warf seinem glatzköpfigen Vater einen Blick zu. Der phlegmatische Ältere zuckte nur die Achseln und machte sich dann wieder an die Arbeit. Er klaubte nach seinem halbfertigen Stiefel aus braunem Leder und verschwand in einen Nebenraum, wo er geschäftig weiter hämmerte.

“Ja.”, sagte Anna “Wir haben Fragen bezüglich Teresa.”

Der Schusterssohn weitete die blauen Augen und wirkte entrückt. Ein Schleier des Bedauerns legte sich nach und nach über sein erblasstes Gesicht.

“Teresa? Sie… ist tot.”, antwortete er dann “Ich fürchte, Ihr kommt fünf Wochen und zwei Tage zu spät.”

“Das ist uns durchaus bekannt.”, sagte die burschikose Alchemistin sogleich fest “Unsere Fragen beziehen sich aber auch auf Vergangenes. Wärt Ihr dazu bereit sie uns zu beantworten?”

Damian verschränkte die Arme unwohl vor der Brust und zog die dicken Brauen zusammen. Er gab einen unschlüssigen Ton von sich, nickte dann aber.

“Kommt darauf an… aber… na gut.”, stimmte er zu “Was wollt Ihr denn wissen?”

“Teresa’s Vater meinte, das Mädchen sei in Euch verliebt gewesen. Stimmt das?”

“Ja… ja. Und ich in sie.”, murmelte der arme Kerl betreten. Er senkte die Augen weit, wirkte betroffen.

“Ihr in sie? Das ist mir neu.”, gab Anna ehrlich von sich und linste einmal knapp zum abwartenden Hjaldrist hin. Dessen Gesicht wurde härter, als er ihr einen hintergründigen Blick schenkte.

“Das wundert mich nicht.”, setzte Damian fort “Teresa’s Vater mochte mich nicht. Er hatte nicht einsehen wollen, dass seine Tochter etwas an mir fand. Sie war schließlich seit der Kindheit einem anderen versprochen gewesen.”

“Mh.”, machte Anna abfällig schnaufend “Adelige…”

“Ja.”, nickte der Sohn des Schusters und zuckte lethargisch die hängenden Schultern “Aber es war uns egal. Wir trafen uns dennoch. Als Stefan De Genwitt dies realisierte, brachte er Teresa fort. Er… er wollte nicht, dass wir uns wieder sehen. Ich wusste nicht, wo sie war, bis ich ihren Bruder Paul kontaktieren konnte. Das passierte in etwa eine Woche nach dem Verschwinden meiner Liebsten.”

“Was hat Paul gesagt?”, wollte die neugierige Novigraderin gleich wissen. Ihre braunen Augen hingen aufmerksam auf ihrem Gegenüber und anders als De Genwitt, wirkte Damian zutiefst betrübt und niedergeschlagen. Er haderte mit sich und sah aus, als wolle er nicht weiter sprechen. Ein langes Seufzen entkam ihm. Er zog die Nase leise hoch und fasste sich mit viel Mühe.

“Es ist wichtig.”, warf Hjaldrist ruhig ein und zog damit die Aufmerksamkeit des Schustergehilfen auf sich. Damian taxierte den Skelliger mit einem Gemisch aus Argwohn und Trauer im Gesicht.

“Ich habe... Paul am Markt angetroffen. Er wollte zuerst nicht mit mir reden.”, erinnerte sich der Mann hinter der schiefen Ladentheke. Er stützte sich mit den Unterarmen auf jener ab und sah nicht auf, sondern nachdenklich vor sich hin.

“Irgendwann sprach er dann doch mit mir. Er kannte mich wohl aus Erzählungen von Teresa und hat eingesehen, dass ich ihr wichtig war…”, erzählte Damian weiter “Er… er sagte mir, dass sie tot sei. Dass man sie mit aufgeschnittenen Armen im Ferienhaus der Familie gefunden hätte. Ihr… ihr Vater hatte sie dort hingebracht und eingesperrt, nachdem er von unserer Beziehung erfahren hatte. Teresa und ich waren nicht so lange zusammen, daher wusste ich nichts von diesem Anwesen. Leider. Doch hätte ich es gewusst-… ich... ich wäre dort hin und hätte sie zurückgeholt!”

Anna schwieg, während sie der unschönen Geschichte Damians zuhörte. Ihre Miene war ernst und auch Hjaldrist lauschte stumm. Der Undviker schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf oder fixierte mit verengten Augen wahllose Punkte an der Wand.

“Paul meinte, er und sein Vater hätten Teresa tot aufgefunden. In ihrem Zimmer. Sie hatte dort… Muscheln, die sie viel früher einmal am Strand gefunden hatte, zerbrochen, um sie… um sie wie Klingen zu benutzen. Oh, ich habe schreckliche Bilder dazu im Kopf, Monsterjäger. Seit dem Gespräch mit Paul schweben sie mir vor und sie gehen einfach nicht weg.”, keuchte Damian frustriert. Erst jetzt suchte er wieder wackeligen Blickkontakt. Der Mann hatte Tränen in den blauen Augen. Anna schluckte trocken, doch war in dem Moment froh mit dem ehemals Geliebten Teresas zu sprechen. Es brachte Klarheit in die unheimliche Misere rund um das De Genwitt-Anwesen. Gleichzeitig wurde ihr der Magen etwas flau, als sie nun daran dachte, Damian gleich erklären zu müssen, warum genau sie und Rist hier waren. Die Kurzhaarige wusste schließlich nicht, wie der Schusterssohn reagieren würde. Sie sah aus den Augenwinkeln zu Hjaldrist hin und erkannte mit Erleichterung im Blick, dass jener zum Sprechen ansetzte. Es schien, als habe er erkannt, dass seine Gefährtin gerade ungerne weitersprach.

“Teresa ist nicht wirklich tot.”, eröffnete der Skelliger “Noch nicht.”

Damian zuckte heftig zusammen und sah den anderen Mann an, als habe er sich verhört. Ziemlich entrückt tat er das und mit stockendem Atem.

“Sie wurde zu einem Wesen, das in der Villa ihres Vaters haust.”, gab Rist zu “Wir haben sie gestern gesehen. Ein Fluch scheint sie zu lenken und wir hofften darauf, dass du uns helfen kannst, Damian.”

Starr sah der Schustergehilfe den Schönling an. Anna enthielt sich solange und baute auf das sprachliche Geschick ihres besten Freundes.

“Sie… sie ist… was?”, stammelte der neue Bekannte und man sah, wie er sich komplett versteifte. Ängstlicher Unglauben machte ihm die Augen weit und er musste sich auf der Ablage vor sich abstützen “Seid… seid Ihr Euch sicher?”

Hjaldrist atmete tief aus und verzog den Mundwinkel.

“Ja… sind wir.”, bestätigte er “Es scheint, als könne Teresa nicht ruhen. Wir wollen den Fluch, der auf ihr liegt, also lösen.”

“Entweder ist sie durch die Liebe zu Euch gebunden oder sie bekam kein ordentliches Begräbnis.”, mischte sich Anna ein “Wir sind uns noch nicht sicher, doch würden es gerne herausfinden. Wisst Ihr denn, ob Teresa nach ihrem Tod standesgemäß beerdigt wurde?”

Damian schluckte schwer. Er schien gerade nicht zu glauben, was passierte und rang sich sichtlich dazu durch zu sprechen. Das Wasser in seinen Augen wurde nicht weniger.

“Sie… sie hat ein Grab.”, versicherte der besagte Mann sichtlich unruhig und Anna musterte ihn still “Ich habe es schon besucht. Gestern erst bin ich dort gewesen und habe Blumen abgelegt.”

“Na dann”, meinte die Hexerstochter langsam “bleibt uns noch die Befürchtung, dass sie nur noch hier ist, weil sie Euch, Damian, so gewaltsam entrissen wurde.”

Der dunkelhaarige Angesprochene schloss die Lippen und es schien ihm den Atem verschlagen zu haben. Hin und her gerissen sah er der Novigraderin entgegen und wusste wohl nicht, was er sagen sollte. Er blinzelte sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel, wischte die hastig fort. Der Trauernde hatte gerade erzählt, er habe Teresa’s Grab besucht. Er war dabei deren Tod zu verarbeiten. Wie musste es sich in dieser Lage nur anfühlen auf einmal gesagt zu bekommen, dass die Geliebte noch auf dieser Welt weilte? Und das auch noch als irgendein unmenschliches Wesen, das Villen heimsuchte?

“Was… was wollt Ihr jetzt tun?”, fragte der Schusterssohn irgendwann kleinlaut, nachdem er sich die Nase mit einem Stofftaschentuch geputzt hatte.

“Wir werden zu der Villa zurückgehen und versuchen mit Teresa zu sprechen. Das letzte Mal war unser Aufeinandertreffen nicht allzu schön, doch sie kann durchaus denken.”, erklärte Anna und zögerte kurz. Dann rückte sie jedoch schnell mit ihrer Forderung heraus:

“Ich will, dass Ihr uns begleitet, Damian.”, sagte sie. Der gleichaltrige Mann vor ihr erstarrte und sein Mund stand ihm ein Stück weit offen. Anhand seiner Reaktion konnte man sehen, wie sehr ihn die momentane überforderte. Hatte er Angst? Freute er sich? War er schockiert? Vermutlich bestanden seine Gefühle aus einer Mixtur aller drei Empfindungen.

“Würdet Ihr das tun?”, drängte Anna. Und es dauerte nurmehr wenige Wimpernschläge, bis Damian schwer schluckte, das Standbein nervös wechselte und ein leises ‘Ja’ wisperte.

“Ich komme mit Euch…”, sagte der nervlich fertige Kerl geschlagen und mit hängendem Kopf “Ich will sie sehen. Egal, was sie nun ist.”

 

Damian hielt sich weit hinter Rist und Anna, als sie sich später der Villa von De Genwitt näherten. Erstere hatten den Sohn des Schuhmachers dazu ermahnt gut aufzupassen, nichts anzufassen und just in diesem Moment betraten sie den Vorplatz des pompösen Hauses, wo sich die Rosenbüsche im Wind wiegten. Die vorsichtige Alchemistin hatte ihre Silberwaffe in der Hand, als sie in Perlen trat und über verendete, schleimige Fische hinweg stieg. Die dunkle Blutspur an der Außenwand der Villa war trotz des Regens noch immer zu sehen. Anna riss den Blick davon fort und konzentrierte sich auf ihren Weg, erklomm die paar weißen Stufen, die zum Hauseingang empor führten und hielt dann erst vor der hell gestrichenen Tür an. Der Wind heulte und trug das lange Weinen Teresas mit sich - so wie das letzte Mal auch. Die tosenden Wellen des Meeres vor Oxenfurt begleiteten dies wieder, brausten gegen die steilen Felsen vor dem Anwesen und trugen nicht unbedingt zur Freundlichkeit des Ortes bei. Alles an diesem eigentlich so ansehnlichen Platz wirkte so düster.

Anna fasste nach der bronzenen Türklinke vor sich, drückte sie hinunter, doch erfolglos.

“Abgeschlossen.”, erkannte sie und sah sich dann gleich nach dem zielstrebigen Hjaldrist um, der gerade zu ihr aufschloss. Er drängte sie kurz sanft beiseite und holte dann Schwung, um die teure Tür einfach so einzutreten. Ein einziger wuchtiger Tritt genügte, damit das Ding aus seinen Angeln fiel und geräuschvoll rummstend in den Eingangsbereich der Villa krachte. Das Aard auf zwei Beinen war seinem Namen wieder mehr als gerecht geworden. Die Hexerstochter verkniff sich ein Grinsen, als sie Rist in das unheimliche Haus folgte. Damian tat es den beiden sichtlich eingeschüchtert gleich. Man hatte ihm erklärt, dass es hier Sirenen geben könnte und daher war er nicht erpicht darauf allein im Freien zu warten.

Als die drei das große Feriendomizil der De Genwitts betraten, war das Weinen im Sturm verstummt. Teresa war still geworden. Nurmehr der Wind gähnte laut und das Meerwasser schäumte geräuschvoll gegen die Klippen.

“Sie weiß, dass wir hier sind.”, schlussfolgerte Anna deswegen “Aber sie wäre ja auch taub, wenn sie das spätestens jetzt nicht täte.”

Hjaldrist, der vor wenigen Augenblicken einen ziemlichen Lärm gemacht hatte, indem er sich und den anderen Zutritt zum teuren Anwesen verschafft hatte, runzelte die Stirn. Er wusste sicherlich nicht, ob er sich jetzt angegriffen fühlen sollte.

“Wir wollten uns nicht anschleichen.”, kommentierte er zu seiner Verteidigung und es hörte sich nahezu nach einer Frage an. Der Viertelelf ließ den Blick durch den Vorraum schweifen, auf dessen Grund weiße Perlen lagen.

“Richtig.”, bestätigte die Novigraderin und umfasste den rot umwickelten Griff ihres Dolches fester. Sie hatte nicht vor jenen zu verwenden, doch würde auch nicht davor zurückschrecken, würde sie in eine missliche Lage geraten und es daher müssen. Dann holte sie Luft, um die Stimme zu erheben.

“Teresa!”, rief sie in das riesige Haus hinein “Komm heraus!”

Man sah, wie der unbewaffnete Damian verunsichert zusammen zuckte und sich nah bei den Abenteurern hielt. Er wusste schließlich nicht, was ihn gleich erwarten sollte. Hätte er dies, hätte er vermutlich kehrt gemacht, um zu fliehen.

Anna ging weiter in die weitläufige Eingangshalle der Villa, an deren Decke ein großer Kristallleuchter hing. Marmorne Treppen führten links und rechts in das obere Stockwerk und waren gesäumt von kunstvoll geschnitzten Geländern. Alles wirkte aufgeräumt und sauber. Doch abgesehen von dieser wunderbar schmucken Erscheinung stank es penetrant nach altem Fisch, Algen, stechend-süßlicher Verwesung und salzigem Meerwasser. Es war widerlich. Die Giftmischerin rümpfte die Nase angewidert.

“Teresa!”, rief sie abermals auffordernd, doch weder kam eine Antwort, noch rührte sich etwas.

“Uh…”, flüsterte Damian wie zu sich selbst und stöhnte leise, als er sich den Mantelkragen vor Mund und Nase zog “Wie es hier riecht… und die Fische draußen… was ist das nur für ein Ort...?”

“Wo ist sie?”, murrte Rist derweil und kam neben seine Freundin, um suchend um sich zu blicken “Man hat sie gerade vorhin noch heulen gehört. Sie kann nicht weit sein.”

“Sie ist wohl… naja… schüchtern.”, gab Anna zurück und fing dafür ein Grinsen ihres besten Kumpels ein. Sie lächelte schief und dennoch blieb sie aufmerksam und kampfbereit. Denn man wusste ja nie, was gleich käme.

Es war still. Im großen, hellen Haus regte sich nichts und keinerlei Geräusch war zu vernehmen. Nur das Prasseln des stärker werdenden Regens und das laute Geheul des Windes drangen von draußen herein. Anna sah den grauen, marmornen Treppen entgegen, die nach oben führten, horchte. Doch da war nichts. Hjaldrist rührte sich neben ihr, seine Ausrüstung klapperte leise und er linste aus dem Augenwinkel zu seiner angespannten Freundin hin. Ein stummes, aufforderndes Fragen lag da im Blick des hübschen Skelligers und die Frau musste schmal lächeln.

“Weißt du, was Hexer in solchen Situationen ganz gern machen?”, fragte sie und bemühte sich längst nicht mehr darum zu flüstern. Wozu hätte sie dies auch sollen? Rist hob eine Braue.

“Sie setzen sich hin und warten.”, meinte Anna und in Gedanken sah sie Balthar und Vadim ganz genau vor sich; wie sie Lockmittel auslegten und direkt vor jenen meditierten, bis die Biester auftauchten. Das stundenlang. Es machte ihnen nichts aus.

Hjaldrist runzelte die Stirn äußerst kritisch.

“Das fand ich schon immer scheiße.”, setzte Anna fort “Ich hasse es zu warten.”

Die Miene des dunkelhaarigen Undvikers verrutschte sofort in eine amüsiertere Richtung. Er wirkte froh darüber, dass seine Kollegin nicht herumsitzen und darauf warten wollte, dass etwas passierte. Gleich umfasste er Erlklamm wieder fester, motivierter, und ein schiefes Lächeln schlich sich auf seine Züge.

“Ich hätte dich auch gehauen, hättest du deinen Arsch jetzt nicht bewegt, um Teresa zu suchen.”, kommentierte Rist trocken und entlockte Anna damit ein amüsiertes Glucksen. Sie sollte mit den Augen. Damian, der hinter den beiden Besagten stand, sah ungläubig zwischen den Abenteurern hin und her. Noch immer lenkte Kleinmut sein Tun und er schien seine Begleiter absolut nicht zu verstehen.

“Wie… wie könnt ihr gerade scherzen?”, fragte er bestürzt und wisperte dabei, als habe er Angst, irgendein schreckliches Monster könne ihn hören.

“Berufserscheinung.”, erläuterte Anna knapp und sah sich ein Grinsen verkneifend zu dem ängstlichen Sohn des Schusters um.

Dann erklang auf einmal das platschende Geräusch von einem nassen Fuß auf Steinboden, gefolgt von einem dumpfen, schmatzenden Laut eines wunden Beinstumpfes. Das merkliche Hinken kam von oben, näherte sich der linken, breiten Treppe, die in den schmucken Eingangsbereich mit dem teuren Kronleuchter herunter führte. Sofort hielt Anna inne und richtete den Kopf aufgerüttelt in die besagte Richtung. Hjaldrist trat einen Schritt weit vor und sein Ausdruck wurde härter. Sekunden später schon erschien Teresa am oberen Ende der Stufen, die in die offene Halle führten. Den Kopf schräg gelegt und ebenso schief stehend, stockte sie und blinzelte mit ihren asynchron zwinkernden Fischaugen. Sie bleckte die spitzen Zähne, als sie Anna und Rist erkannte und ein aggressives Grollen entkam ihrer Kehle. Doch sie griff nicht an, sondern erschien als verunsichert. Vermutlich hatte sie noch im Hinterkopf, was die fähigen Ungeheuerjäger mit ihr angestellt hatten. Dass jene ihr den rechten Fuß abgetrennt hatten. Und sie war sich wohl bewusst, dass sie zwar schnell und stark war, doch dass ihr die Fremden einfach überlegen waren. Nebenher hoffte Anna darauf, dass sich das seltsame Wesen daran erinnerte, dass man es am vergangenen Tag verschont hatte.

Teresa verengte die unmenschlichen Augen und duckte sich, als denke sie darüber nach zu einem weiten Sprung anzusetzen. Als hole sie Schwung, um einem ihrer Gegner abermals an die Kehle zu springen. Die anwesende Hexerstochter nahm abrupt einen festen Stand ein, als sie dies sah, und auch ihr Kumpel tat es ihr gleich. Damian, der starrte nur, während ihm das Unterkiefer nach unten sackte.

“Wir wollen dir nichts tun!”, entkam es Anna sofort. Tatsächlich hielt das nasse Wesen mit den Muscheln in den Armen daraufhin inne und klappte mit den Fischzähnen. Dessen milchig matte Pupillen wanderten unruhig und es zuckte, als sei dies ein Tick. Die Giftmischerin atmete flach aus.

“Wir haben… Besuch für dich.”, eröffnete die Kurzhaarige mit der fuchsroten Strähne dann und sah sich flüchtig nach Damian um. Der arme Mann fuhr heftig zusammen und begann zu stammeln. Nichts desto trotz löste sich Anna aus ihrer Kampfhaltung und packte den Gleichaltrigen am Oberarm, um ihn auffordernd neben sich zu zerren. Hjaldrist machte etwas Platz dafür. 

Teresa’s Aufmerksamkeit fiel auf den Oxenfurter, der aussah, als mache er sich gleich in die Hose. Damian zitterte, biss die Zähne sichtlich fest zusammen und sah aus geweiteten, blauen Augen zu seiner ehemals Geliebten auf. Unruhig ging sein Atem und er brachte kein Wort heraus.

“Das hier ist Damian.”, erklärte Anna mit fester Stimme “Kennst du ihn noch?”

Teresa zuckte wieder, sah wach zu der Hexerstochter zurück. Wasser tropfte ihr von den blauen Lippen, den schmalen Schultern, den schiefen Fingern. Der Boden unter ihr war längst feucht und schmierig von dem schwarzen, fauligen Blut ihres Beinstumpfes, der seit gestern unschön aufgerissen war. Dies schien sie aber genauso wenig zu stören, wie die scharfen Fächermuschelsplitter, die in ihren zarten Unterarmen steckten. Offenbar empfand sie keinen Schmerz.

“Wa-was…”, keuchte der überwältigte Damian endlich leise “T-Teresa…?”

Anna blieb neben dem Dunkelhaarigen stehen und steckte ihren wertvollen Silberdolch nicht fort. Auch Hjaldrist blieb höchst alarmiert und beobachtete jede noch so kleine Regung des verfluchten Geschöpfes weiter vorn. Jenes sah unnatürlich blinzelnd zu dem Schusterssohn zurück. Eine unangenehme, plagende Stille legte sich zäh über die abwartenden Anwesenden. Eine, in der Teresa tatsächlich zu überlegen schien. Und dann ging sie plötzlich nieder, auf alle Viere. Blitzschnell und wie eine große Spinne kam sie die Treppe herunter, huschte an die Seite der drei Besucher und richtete sich dicht vor Damian wieder auf, um ihn aus großen Fischaugen anzustarren. Der arme Mann zuckte arg zurück, gab einen erschrockenen Laut von sich und war erfüllt von blankem Terror. Er wollte zurückweichen, doch die unnachgiebige Anna, die ihn noch barsch am Oberarm gepackt hatte, hielt ihn eisern fest.

“Ruhig.”, sagte sie ernst und nahm die berechnenden Augen nicht von Teresa. Rist hatte die Axt leicht angehoben, denn man wusste ja nie. Doch es geschah nichts. Das blutbeschmierte, fahle Wesen in dem großen Raum griff nicht an. Stattdessen streckte es die modrigen Hände nach dem Gesicht des blassen Damian, dem menschlichen Köder, aus und umfasste es locker. Eine Geste, die absolut sanftmütig anmutete. Anna wollte schon erleichtert aufatmen, als Teresa ihren damaligen Geliebten eingehend betrachtete. Jener war wie zur Eissäule erstarrt und als die Verfluchte vor ihm dann in animalischer Manier an seinem Gesicht roch, passierte, was die skeptische Novigraderin zuvor noch befürchtet hatte: Er pisste sich tatsächlich ein. Die Alchemistin mit dem Langdolch wich einen Schritt ab, als sie dies bemerkte und das Gesicht leicht angeekelt verzog.

“Er ist hier.”, entkam es Teresa dann auf einmal mit ihrer so unpassend weinerlich menschlichen Stimme und wieder tickte sie “Er ist gekommen.”

Mit ‘Er’ meinte sie vermutlich den bibbernden Damian. Das war gut, nicht wahr? Sie erkannte ihn also.

“Ja, er ist da.”, meinte Anna langsam und taxierte das übernatürliche Mädchen vor sich. So, als warte sie auf irgendetwas. Und das tat sie auch. Denn wenn Teresa’s Anwesenheit damit zu tun hatte, dass sie durch ihre starken Gefühle zu ihrem Geliebten gebunden war, dann bedeutete das doch, dass sich der Fluch jetzt lösen sollte. Jedenfalls in der Theorie. Gerade, da sah das jedoch anders aus, denn das Muschelwesen mit den langen, schwarzen Haaren veränderte sich nicht. Es stand da nur vor Damian, hielt dessen entsetztes Gesicht fest und starrte ihn ungläubig an, beäugte ihn interessiert. Die Giftmischerin warf Hjaldrist einen kurzen, unschlüssigen Blick zu. Der Axtkämpfer im grünen Rock wirkte ähnlich ratlos wie sie. Denn was sollten sie nun noch tun? Was KÖNNTEN sie machen?

“Was…”, keuchte Damian leise und fassungslos in die klamme Stille hinein, nachdem er sich einigermaßen gefangen hatte und realisierte, dass ihm nichts geschehen würde. Oder vielleicht hoffte er das nur. Doch er straffte die breiten Schultern schon wieder etwas und schien in Teresa langsam die zu sehen, die sie einmal gewesen war. Der haltlose Schrecken in seiner farblosen Miene wich nämlich tiefer Trauer, Entsetzen, Planlosigkeit. Das Wesen mit der weißblauen Haut ließ ihn nicht los.

“Was… was haben sie mit dir gemacht…?”, wisperte der fassungslose Schustergehilfe und seine Augen wanderten unruhig an Teresa hinab “Was… was ist nur passiert…?”

An diesem Punkt ließ die verwunschene Frau ihre Hände mit den langen, unschön eingerissenen Fingernägeln wieder sinken. Sie zuckte, röchelte leise, wich wirr zurück, tickte erneut und sah zwischen all den Anwesenden hin und her.

“Beantworte ihm seine Fragen, Teresa.”, sprach Anna das süßlich-stechend stinkende Monstrum direkt an und jenes horchte auf “Du hast gestern gesagt, dass du uns verstehst. Du hast in unserer Sprache gesprochen. Also rede jetzt.”

Damian, der hilflos dastand, sah seine ehemals Geliebte noch immer völlig zerfahren an. Seine Unterlippe zitterte schwach, als er versuchte nicht in Tränen auszubrechen. Ein überfordertes Stöhnen entkam ihm.

“Teresa…”, seufzte er voller Bedauern und Trauer in der brechenden Stimme. Und dies schien in dem starrenden Wesen im Saal etwas zu bewirken. Denn auf einmal öffnete es die schmalen Lippen, um zu reden.

“Sie sind alle tot…”, jammerte Teresa völlig aus dem Kontext gerissen. Dann zuckte sie zusammen und sah auf, blickte groß in die Luft, als flöge dort irgendetwas. Aber da war nichts. In die Leere starrend, begann sie zu sprechen.

“Über die Felsen.”, keuchte sie langgezogen und schmerzvoll “Über die Steine hat er sie geworfen.”

“W-was…?”, stotterte Damian und fühlte sich nach wie vor sichtlich unwohl. War ihm auch nicht übel zu nehmen. Wer stand denn schon gern mit vollgepissten Hosen vor einem verqueren Monster, dem blutige Muscheln aus den Armen ragten? 

Anna schwieg und sah sich die etwas morbide Szene einfach nur stumm an. Sie hatte den Oberarm ihres Köders längst losgelassen.

“Wie die Fische.”, jammerte Teresa und vergrub das hässliche Gesicht in den Händen, die vom vielen Salzwasser ganz schrumpelig waren.

“W-wer hat wen geworfen…?”, fragte Damian kleinmütig und sah nun auch einmal hilfesuchend zur Hexerstochter und deren besten Freund hin. Rist schwieg und beobachtete das fahle Biest in der Halle weiterhin mit Argusaugen. 

“Er hat sie über die Felsen geworfen…”, röchelte Teresa, hustete Meerwasser und wandte sich ab, bevor sie damit anfing zu heulen. Ihre Stimme schlich sich wieder in den Wind, der zornig an den hölzernen Fensterläden rüttelte. Der Schusterssohn zuckte zusammen, sah zu den Fenstern auf, schluckte. Völlig verplant stand er da.

“T-Teresa?”, fragte er und schien nicht zu wissen, ob er sich der Verfluchten nähern sollte. Schließlich sah sie nicht nur furchterregend aus, sondern stank auch noch bestialisch. Der Geruch nach Tod und Verwesung kam von ihr. Und Anna wusste mittlerweile auch warum: Das widerliche Wesen, das hier stand, war der wahrhaftige Körper der Toten, nicht wahr? Das fünf Wochen alte Grab am Friedhof Oxenfurts war nicht echt und die Beerdigung nur Schau gewesen, damit sich die Adelsschicht nicht empörte und keine bösen Gerüchte aufkamen. Ja, De Genwitt hatte seine tote Tochter über die Klippen hinter dem Ferienhaus geworfen, oder? Es würde SO VIELES erklären.

“Über die Steine... zu den Fischen…”, jammerte Teresa weiter und krümmte sich dabei leicht. Perlen rieselten ihr von den Händen, zwischen denen sie ihr verzerrtes Gesicht versteckte. So schrecklich sie war, so tat sie einem in diesem Moment auch leid.

“Dein Vater… hat dich über die Klippe geworfen?”, entkam es Hjaldrist jetzt ungläubig und Anna nickte gleich langsam und wie zur Bestätigung.

“Ja…”, stöhnte Teresa, weinte lauter und der Sturm verbog die Bäume vor den Fenstern “Ja… zu den Fischen… und sie ist tot… sie sind alle tot.”

Der anwesende Skelliger sah von der Seite aus zu seiner Kumpanin hin und ein Schatten huschte über sein Gesicht. Die Novigraderin erwiderte dies mit einem hintergründigen Blick. Die Lage hier war allerspätestens jetzt klar: Teresa war eine wandelnde Leiche, gelenkt durch den beißenden Fluch ihres lieblos weggeworfenen Körpers. Sie weilte nicht, wie zuerst angenommen, auf dieser Welt, weil ihr Damian gefehlt hatte. Sondern weil man sie nie beerdigt hatte. Weil man sie einfach so in das schwarze Meer geworfen hatte, achtlos, wie einen Kadaver. Und die Fluten, die hatten sie zurückgegeben; Als dunkle Parodie ihres damaligen Selbst, im weißen Kleid und mit Muscheln, die ihr in die Arme stachen. Wäre es nicht so grotesk und fürchterlich gewesen, hätte es Anna fasziniert. Denn noch nie hatte sie von einem Geschöpf wie Teresa gehört oder gelesen, geschweige denn eines gesehen. Ja, was war sie genau?

“Er hat… was?”, entkam es Damian jetzt und die körperliche Erscheinung seiner toten Geliebten rückte für ihn sichtlich immer mehr in den Hintergrund. Da, wo anfangs Panik gewesen war, stand nurmehr bloße Empörung. Es war, als spräche er mit einer Menschenfrau.

“Man… man hat dich doch beerdigt. I-ich war bei deinem Grab, Teresa!”, sagte der Mann völlig aufgelöst und gestikulierte unbeholfen “Ich-”

“Damian.”, bremste die Hexerstochter den Gleichaltrigen ein “Ich wette, wenn man ihr Grab freilegt, kommt keine Leiche zum Vorschein. Das Begräbnis war nur ein Alibi für ihren Vater.”

“W-wie?”, wollte der zittrige Angesprochene wissen und wollte wohl nicht wahrhaben, was Stefan De Genwitt getan hatte.

“Ihr habt Teresa gehört. Ihr Vater hat ihren Körper gefunden und sie dann über die Klippen in die See geworfen. Wahrscheinlich war er überfordert und wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Womöglich war ihm seine Tochter aber wirklich so wenig wert, dass er sie einfach den Fischen übergeben hat. Wer weiß?”, mutmaßte Anna und sah dabei auch einmal zu Rist hin. Jener sah sie finster an, nickte zustimmend.

“Was für ein Vater macht so etwas…?”, murmelte der Skelliger brummig “Ich will es ja nicht glauben.”

“Oh, du wärst überrascht darüber, was Leute hierzulande so mit ihren Kindern anstellen.”, kommentierte die Novigraderin wissend und verzog den Mund, als schmeckten die Worte, die jenen noch verlassen wollten, ekelhaft “Sie zwingen sie zu harter Arbeit, schlagen sie, verkaufen sie, vergewaltigen sie. Erst recht, wenn die bemitleidenswerten Kinder Mädchen sind.”

Damian schwieg betreten und senkte den Kopf, während Anna ärgerlich redete. Und so, wie sie sprach, schwang da persönlicher Unmut in ihrem Ton mit. Denn sie erinnerte sich just an ihre leiblichen Eltern. An ihren sehr betrunkenen Vater und die schwangere Mutter, die fünf jüngere Kinder durch das Haus scheuchte. An kaltherzige Elternteile, die ihre kleine Tochter einfach so verschenkten und ihr später nicht einmal mehr in die Augen sehen wollten.

“Was sollen wir tun?”, fragte Hjaldrist dazwischen und verhinderte damit, dass seine Kollegin noch weiter in Missmut versank. Er riss ihre ungeteilte Aufmerksamkeit gekonnt wieder an sich und lenkte sie auf die Perlen weinende Teresa zurück. Die Alchemistin betrachtete den feuchten Rücken der ihr Abgewandten kurz nachdenklich.

“Sie braucht eine Beerdigung.”, schloss Anna dann gleich bestimmend “Eine richtige, angemessene. An einem Ort, der ihr zu Lebzeiten gefallen hat.”

Nun horchte Damian auf.

“Unter… unter der Linde.”, schnappte er gleich und sah nervös zu den Monsterjägern, knetete sich die Hände “Dort haben wir uns immer getroffen.”

Die Giftmischerin, die nicht so schnell mit einer guten Idee für das Begräbnis gerechnet hatte, sah überrascht zu dem Oxenfurter hin.

“Es… es ist nicht so weit von der Stadt entfernt.”, meinte Damian kleinlaut, als wisse er nicht, ob er nun etwas dummes gesagt hatte oder nicht.

“Gut.”, nickte Anna “Dann bringen wir sie dorthin.”

Man sah, wie Teresa auf diese entschlossenen Worte hin aufsah, ihren schwarzhaarigen, strähnigen Kopf anhob und die Hände vor dem Gesicht sinken ließ. Tickend sah sie sich nach den Besuchern der teuren Villa um, blinzelte auf ihre eigenartige Weise. Sie verstummte, während ein paar letzte Perlen von ihren blassen Wangen fielen und zu Boden rieselten. Zwischen Hjaldrist und dessen bester Freundin sah sie hin und her, dann zu ihrem damaligen Liebhaber. Absolut verloren wirkte sie plötzlich und weniger bedrohlich als noch zuvor. Zufrieden betrachtete Anna dies.

“Hast du gehört, Teresa?”, fragte sie eindringlich, als spräche sie mit einem kleinen Kind “Wir werden dir ein schönes Begräbnis bereiten. Damian wird auch da sein.”

Die Fischaugen hefteten sich auf den Besagten und die schreckliche Miene des Monsters wurde weicher. Es stöhnte, keuchte. Die vielen Muscheln fielen von dessen Armen ab und rieselten geräuschvoll zu Boden. Blut tropfte. Dann taumelte das wankende Wesen mit der bleichen Haut ganz plötzlich, knickte ein und ging nieder. An diesem Punkt schien Damian völlig vergessen zu haben, dass er es hier mit einer wandelnden, verkommenen Wasserleiche zu tun hatte. Ohne nachzudenken eilte er zu Teresa, fing sie gerade noch so auf. Und als sie in die Arme des Dunkelhaarigen fiel, erschlaffte ihr dünner Körper. Da waren keine glotzenden Fischaugen und spitze Fänge mehr, nur noch leere Pupillen in Braun und eine gerade, weiße Zahnreihe im leicht offen stehenden Mund. Schlaff und regungslos hing das langhaarige Mädchen da, atmete noch einmal tief aus. Und dann verstummte auch der reißende Sturm vor den großen Villenfenstern.

 

Es regnete nicht mehr, als sie des Abends bei der alten Linde ankamen. Man hatte Teresa’s Leiche in ein großes Tuch geschlagen und an den schönen Ort gebracht, an dem sie sich früher immer heimlich mit ihrem Liebsten getroffen hatte. Er war nicht weit von der Stadt entfernt, doch knapp nach dem Waldrand versteckt genug, um nicht gleich gestört oder gesehen zu werden. Anna und Hjaldrist hatten sich früher noch darum gekümmert den toten Körper transportbereit machen zu können, während Damian beschämt nach Hause gelaufen war, um sich umzuziehen. Und jetzt standen alle drei unter dem großen Baum unweit von Oxenfurt. Rist hatte dem trauernden Schustergehilfen still dabei geholfen ein tiefes Loch auszuheben. Zusammen hatten sie Teresa in jenes hinab gelegt. Anna, die hatte dann noch Branntkalk auf jene geschüttet, um Wildtiere und Ghule davon abzuhalten sie, angelockt vom Verwesungsgeruch, zu finden. Und dann… dann hatten sie die verstorbene Adelige begraben.

Schweigend stand Anna neben ihrem besten Freund vor dem Grab der jungen Frau, während der sensible Damian davor kniete und leise weinte. Er hatte selbstgepflückte, bunte Blumen niedergelegt, ein paar rührende Worte zum harten Abschied gesprochen. Und die Verstorbene war dieses Mal auch tot geblieben. Sie war nicht wieder schnarrend und zähnefletschend aufgetaucht, um blutend zu heulen und rasend zuzuschlagen. Alles hatte ein gutes Ende genommen. Der Spuk rund um die De Genwitt-Villa war gelöst worden und die Tragödie der Verliebten hatte ein Ende.

Anna sah zu Rist hin, der da ruhig neben ihr stand und die dunklen Augen auf das frische Grab gerichtet hielt. Da war Mitgefühl in seinem Ausdruck; dies und auch Ärger. Vermutlich über den nachsichtigen, skrupellosen Vater Teresas. Oh, Hjaldrist war doch ein Familienmensch. Er hatte seiner neugierigen Gefährtin einmal erzählt, wie lieb seine Mutter ihre Kinder immer behandelt hatte. Wie weder er, Haldorn, Merle oder Pavetta das Haus je ohne Wegzehrung und einen Kuss verlassen hatten dürfen. Die Tatsache, dass ein Vater sein totes Mädchen einfach so in das hungrige Meer warf, musste für ihn erschütternd sein.

Die Giftmischerin streckte die Hand also zögerlich nach der Schulter ihres Freundes aus, klopfte jene leicht und ließ die Finger dann darauf liegen.

“Jetzt ist alles gut.”, sagte Anna leise “Teresa ruht nun in Frieden. Sie konnte Damian noch einmal sehen und hat das Begräbnis bekommen, das sie verdient hat...”

Hjaldrist nickte und schlug die müden Augen nieder.

“Lass uns gehen, Anna.”

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