Kapitel 46

Du bist mein bester Freund

Es war eine große Sache den fürchterlichen Fluch einer wandelnden Leiche zu brechen, indem man das verzwickte Rätsel hinter deren Dasein löste. Ähnlich wie der Fall der verwunschenen Violeta, war die Angelegenheit Teresas heikel und kompliziert gewesen. Niemand, außer ein hoffnungsloser Wahnsinniger, hätte den Auftrag De Genwitts erfolgreich abgeschlossen, nachdem er das heulende Muschelwesen der Villa zum ersten Mal gesehen hätte. Die meisten Leute, wenn sie nicht zufällig Hexer oder dergleichen waren, wären wohl fort gerannt oder hätten geglaubt, dass jegliche Bemühungen im Namen Stefan De Genwitts vergebens wären. Man hätte den Schwanz eingezogen und sich abgewandt. Hjaldrist und Anna hatten das aber nicht getan. Und der betroffene Skelliger wunderte sich an diesem Punkt angekommen selbst darüber. Nicht, dass er feige war, doch er machte schon viel Scheiße mit, nicht wahr? Mehr, als das, was er sich früher jemals zugetraut hätte.

Er war einst von einer großen Motivation getrieben gewesen: Sich seinem Vater gegenüber zu beweisen, um sich den Platz als Jarl Undviks zu verdienen. Denn der Vater Hjaldrists hatte dessen jüngeren Bruder als nächsten, hoch strebenden Anführer der winterlichen Insel einsetzen wollen. Dies, weil der besagte Haldorn von klein auf immer mutiger gewesen war als Hjaldrist. Sobald er seine Kampfausbildung abgeschlossen gehabt hatte, war der Junge mit auf Raubzug gegangen und hatte später selbst welche der Beutezüge angeführt. Der Allerklügste oder Bedachteste war der grobschlächtige Haldorn dabei nie unbedingt gewesen, doch skrupellos und stark. Er hatte am Ende ein eigenes, großes Drachenboot besessen, eine vielköpfige Schiffsmannschaft befehligt und all diese Leute hatten ihm loyal unterstanden. Niemand hätte den herrischen Haldorn je infrage gestellt oder das, was er angeordnet hatte, hinterfragt. Denn man hatte gewusst, dass er sich im Kampf und auf hoher See auskannte, wie nur wenige neben ihm es taten. Wenn man es genauer betrachtete, hatten ihn viele als eine Art Held gesehen. Als einen Eroberer von schnellen Langschiffen und mächtigen Viermastern. In Skellige zählte so etwas. Man war hoch angesehen, wenn man anderen härter auf die Fressen hauen konnte, als seine Gegenspieler, oder wertvolle Schätze mit nach Hause brachte. Laute, charakterstarke Haudraufs führten die Inseln eisern an. Und aus genau diesem Grund hatte sich Hjaldrist’s strenger Vater auch dessen jüngeren Bruder, den Rohling und Kapitän, als direkten Nachfolger ausgesucht. Wenn man oberflächlich darüber nachdachte, war diese Entscheidung passend. Denn welcher Jarl hätte einen harten Piraten nicht einem Bücherwurm vorgezogen, der lieber angeln ging, anstatt mächtige Schiffe zu überfallen? Jeder Anführer Skelliges baute eher auf einen axtschwingenden Hünen, als auf einen jungen Mann, der seinen Schwestern Schokolade kaufte, wenn sie einmal im Monat unter Unterleibskrämpfen und Gemütsschwankungen litten.

Tja. Hjaldrist war nie gewesen wie der herzliche, aber rücksichtslose Haldorn. Schon in jungen Jahren hatte er nie verstanden, warum sein Bruder anderen Kindern immer so aggressiv gekommen war. Oh, und aufmüpfig, das war der Jüngere IMMER gewesen. Hatte ein anderes Kind ein größeres Holzschwert besessen als er, dann hatte er es jenem weggenommen und es ausgelacht, wenn es aus diesem Grund geweint hatte. Und hatte jemand ein Mädchen verhauen, dann hatte der stolze Haldorn als Beschützer Vergeltung geübt. Hjaldrist hingegen hatte sich derweil immer gefragt, warum sich sein Bruder nicht auch mit einem kleineren Schwert zufrieden geben konnte. Und er hatte sich gedacht, dass man prekäre Situationen, in denen vorlaute Mädels verhauen wurden, doch auch verbal lösen konnte. Er hatte dahingehend einfach immer viel weiter gedacht, beobachtet, gegrübelt. Und anstatt dass er später, im weiteren Verlauf seines Lebens, mit Haldorn und dessen Leuten losgezogen war, war er eher in seinem Zimmer verschwunden, um sich alleine zu beschäftigen. Dies, obwohl man ihn immer gefragt hatte, ob er nicht auch Lust auf ein Bier und hübsche Weiber hätte. Viel gelesen hatte er, anstatt sich mit Haldorn’s Kumpels anzufreunden und sich mit ihnen zu betrinken. Das erste Mal hatte sich Hjaldrist dann besinnungslos getrunken, als er neunzehn gewesen war. Das war verhältnismäßig spät. Sehr, sehr spät. Und er hatte dies auch nur getan, weil sein jüngerer Bruder ihn dazu angestachelt hatte.

Generell war der damals so introvertierte Mann immer mit allem spät dran gewesen. Und es hatte ihn zu einem beliebten Opfer für Leute wie dem gewalttätigen Alrik gemacht, der ihn irgendwann so verheerend getroffen hatte, dass es ihm bis heute in der Seele wehtat. Dass Hjaldrist ein Jarlssohn war, hatte damals keinen triftigen Unterschied gemacht. Auf Skellige waren die Hierarchien nämlich etwas flacher und lockerer, als am Festland. Kinder der Jarls spielten dort wie selbstverständlich mit den bürgerlichen. Sie tummelten sich nicht nur in der Familienfestung und ab einem gewissen Alter - sobald sie einigermaßen gut kämpfen konnten - bewegten sie sich auch ohne aufmerksame Wachen frei in ihrer Heimatstadt. Sie trugen vielleicht bessere, teurere Kleidung und Waffen, hatten mehr Geld oder einige Verehrer… aber abgesehen davon waren sie wie alle anderen Skelliger auch. In den Tavernen mussten sie bezahlen wie der Rest, sie bekamen nichts geschenkt und niemand verbeugte sich auf den Straßen vor ihnen. In den Nördlichen Königreichen wäre so etwas nicht denkbar. Könige waren hier unnahbare, stark bewachte Individuen, die viele Privilegien hatten, die Hjaldrist manchmal nur den Kopf schütteln ließen. Natürlich lebte es sich auf Ard Skellig auch als Jarlssohn dekadenter und bequem, aber man trieb es nicht auf Spitzen, in denen man sich selbst wie gottgleich oder unfehlbar ansah. Auch Herrscher waren doch nur Menschen. Aber wie auch immer.

Hjaldrist war damals, vor etwas mehr als drei Jahren, von Zuhause fortgelaufen, weil er unsäglich wütend über seinen Vater und dessen Entschluss hinsichtlich des Jarlsthrons gewesen war. Gleichzeitig hatte ihn ein grimmiger Ehrgeiz gepackt, der ihm stur drängend zugeflüstert hatte, dass er seinen dummen Vater unbedingt beeindrucken sollte. Dass er große Taten vollbringen solle, wie die gefeierten Helden Skelliges, und dann würde der Jarl Undviks erkennen, dass sein ältester Sohn entgegen aller Erwartungen ein würdiger Nachfolger sei. Hjaldrist hatte sich daher in einer Nacht-und-Nebel-Aktion und mit der gestohlenen Familienaxt auf den Weg gemacht, um diesem hehren Ziel nachzujagen. Tagelang war er unterwegs gewesen, bis er schließlich bemerkt hatte, dass er eigentlich gar keine genaue Ahnung davon hatte, was er tun sollte. Er hatte Undvik, seinen goldenen Käfig, zuvor nie verlassen. Verloren hatte er sich also gefühlt, als er sich irgendwo in der Wildnis zwischen den Bergen gefragt hatte, welche Heldentat er bloß vollbringen sollte. Erlklamm hatte stets fordernd an ihm gezerrt, ihn am Anfang oft nahezu manisch gemacht. Doch nebenher, da hatte der Mann gezweifelt. Sehr.

Irgendwann war Hjaldrist dann in Kaer Muire gelandet. Der damals 24-Jährige hatte sich Geld in wilden Straßenkämpfen verdient oder andere bezahlte Aufgaben übernommen, um sich über Wasser zu halten - wie beispielsweise das abendliche Wachestehen in Tavernen oder das Helfen beim Bootsbau in den Häfen. Einmal, da hatte er sogar einen ganzen Tag lang widerlich verkrustete Teller gewaschen. Es war die Zeit gewesen, in der er sich schnell einen Namen als Grubenkämpfer gemacht hatte. Zwar war er früher, zuhause, nie einer der harten Schläger oder der gefeierten Krieger gewesen, dennoch hatte er, wie jedes Jarlskind, eine gute Kampfausbildung erhalten. Und obwohl er in jungen Jahren ein graues Mäuschen gewesen war, hatte er angefangen die Faustkämpfe in den dreckigen Straßen zu mögen. Sie hatten ihn aus seinem Schneckenhaus herausgeholt. Eine blutige Nase oder Prellungen hatten ihn irgendwann nicht mehr gestört. Anders als zu den Anfängen, wo ihn die dreckigen Wettkampfzuschauer als ‘Milchbart’ betitelt hatten, hatte er später, als man ihm begeistert den Namen ‘Felsen’ hinterher gejubelt hatte, kaum noch mit der Wimper gezuckt, als ihm das Blut vom Kopf gelaufen war. Diese Zeit hatte ihn hart gemacht und ihn, ohne dass er es geahnt hatte, auf den nächsten Schritt seiner Laufbahn vorbereitet: Das Monsterjagen.

Oh, Hjaldrist konnte sich noch gut daran erinnern, wie Anna damals wie aus dem Nichts im kleinen Blandare aufgetaucht war. Er hatte gerade den vorlauten ‘Fischfresse’ aus den Latschen gehauen, als die aufgeregte Frau auf den Platz getreten war und großkotzig posaunt hatte, dass sie unbedingt gegen ‘Felsen’, also den irritierten Undviker, kämpfen wolle. So wie er hatte sie das Geld schließlich dringend gebraucht. Hjaldrist hatte in jenem Moment nicht gewusst, ob er laut lachen oder den Kopf ungläubig schütteln sollte, denn eine Gestalt wie Anna hatte er bis dato nicht gesehen. Wie ein Mann des Nordens gekleidet hatte sie da gestanden, mit hochgekrempelten Ärmeln, schief sitzender Weste und solch einem selbstsicheren Blick, dass man sie kaum hatte ernst nehmen können. Zudem hatte sie nicht ausgesehen wie eine der skelliger Kämpferinnen. Im Vergleich zu den ruppigen Frauen, die man immer wieder bei den blutigen Straßenkämpfen angetroffen hatte, war die Kurzhaarige in der gestreiften Jacke schmächtig gewesen; ein armes Mädchen, das man eigentlich nicht schlagen wollte. Doch ihr Auftreten war trügerisch gewesen und Anna hatte sich als die erste Gegnerin seit langem herausgestellt, die dem berühmten ‘Felsen’ Paroli geboten hatte. Mannomann, was hatten sie sich geprügelt...

Nicht lange danach hatte sich die burschikose Novigraderin dann als Möchtegern-Hexerin herausgestellt, die auf der Suche nach irgendetwas unergründlichem auf der Reise war. Dies hatte den interessierten Hjaldrist aufhorchen lassen. Er, der in seinem Alltag voller Straßenkämpfe festgefahren gewesen war, hatte wieder eine gute Gelegenheit gesehen, Heldentaten vollbringen zu können. Denn Ungeheuerjäger, Hexer, so hatte er aus den Büchern gewusst, zogen für gewöhnlich gegen große Bestien in den Kampf und retteten damit viele Menschenleben. Ja, es war DER Anstoß für den Jarlssohn gewesen weiterzumachen, in die Welt zu ziehen und etwas zu vollbringen, das mehr wert war als all die großen Raubzüge seines jüngeren Bruders zusammen. Der kecken Anna gegen die Gabelschwänze zu helfen, nachdem er die Frau kaum eine Woche gekannt hatte, war zuletzt aus egoistischen Motiven passiert. Genauso, wie Hjaldrist sein Skellige nur verlassen hatte, um sich selbst einen großen Gefallen zu tun: Um bald als großer Kämpfer zurückzukommen. Die eigensinnige Arianna war für ihn nur eine Art Werkzeug dafür gewesen, eine Möglichkeit und eine Wegweiserin. Er hatte sie, wenn man es derb ausdrückte, schamlos ausgenutzt.

Dies hatte sich verändert. Denn irgendwann hatten die beiden sich miteinander angefreundet und der wackere Hjaldrist war loyal, wenn es um solche engen Kontakte ging. Der sich öffnende Skelliger hatte darum angefangen auch für die engagierte Anna zu arbeiten, nicht nur für sich selbst. Aufrichtig hatte er damit begonnen sie hinsichtlich der Kräuterprobe zu unterstützen. Dies als Preis dafür, dass die Frau ihn mit in Schlachten gegen Ungeheuer und Monster nahm. Sie hatten sich dahingehend bemerkenswert gut ergänzt und nebenher auch sehr oft einen unglaublichen Spaß gehabt. Alles war großartig gewesen und es hatte sich nicht mehr schlecht angefühlt Anna zu folgen. Schließlich war es nicht mehr darum gegangen sie auszunutzen, sondern während eines Abenteuers von einigen Monaten füreinander da zu sein.

Aus dem Plan nur kurz miteinander zu reisen, war aber nichts geworden. Denn spätestens in Toussaint hatte der nachdenkliche Hjaldrist dann erkannt, dass es ihm nicht leicht fallen würde, Annas Seite bald wieder zu verlassen. Er hatte schon so viele finstere Biester erschlagen und sogar tapfer auf einer Turney gefochten. Dies hätte seinem Vater sicherlich gereicht, um ihm die Aufmerksamkeit zu zollen, die er verdiente. Es war doch auch schon längst genug gewesen, nachdem der Dunkelhaarige den Angriff des Ifrits auf dem Schiff nach Cintra oder die Ents des Caed Myrkvid überlebt hatte. Mit all dem, das er bis zu jenen Tagen erlebt hatte, hätte man spannende Geschichtsbücher füllen können. Dies hatte er jedoch erst spät, in Beauclair, erkannt. Nämlich zu dem Zeitpunkt, als Anna betrunken an diesem Louis gehangen hatte, wie eine willige Verehrerin. Es war das erste Mal gewesen, dass sich Hjaldrist gefragt hatte, warum er eigentlich noch unterwegs und nicht längst zurück im kalten Undvik war. Er hatte mit sich gerungen, seine Optionen abgewogen. Und dann, noch am selben Abend, als er die quirlige Frau im bunten Schein des Sommerfeuerwerks geküsst hatte, hatte er sich dazu entschlossen, dass er jene doch noch länger begleiten wollte. Nein, er hatte nicht verstanden, dass er mehr für sie empfand, als gute Freundschaft. Sondern er hatte realisiert, dass die nachsichtige Anna einen aufmerksamen Kumpan brauchte, der auf sie achtete, weil sie manchmal zu einer Gefahr für sich selbst wurde. Dann, wenn sie vermeintlich tödliches Gift schluckte. Wenn sie neue, gefährliche Formeln erfand, die der Kräuterprobe nahe kamen, und jene an sich testete. Und dann, wenn sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrank und ein leichtes Opfer für dreckige Männer wurde, die Frauen nicht achteten. Hjaldrist hatte nicht wollen, dass seiner besten Freundin jemals das passierte, was Alrik damals mit ihm angestellt hatte. Sie sollte kein Opfer eines sabbernden Kerles werden, der sie ohne ihre Zustimmung ausnutzte und danach blutend in einer dunklen Ecke liegen ließ. Der Jarlssohn hatte schlussendlich mit dem Gedanken gespielt Anna sogar noch so lange zu begleiten, bis sie ihr Ziel erreicht hätte; bis sie eine katzenäugige Mutantin geworden war. Er hatte es sich vorgenommen derweil einfach noch ein paar Heldentaten für seine späteren Memoiren zu ‘sammeln’.

Aber ‘einfach’, das war es nicht geworden, denn es war der Tag gekommen, an dem man Anna vor Hjaldrist’s ungläubig aufgerissenen Augen getötet hatte. Oder jedenfalls hatte er das geglaubt. Man hatte ihn entführt, er war geflohen. Und als er dabei auf Drakensund gestrandet war, hatte er alles hinterfragt. Seine bisherigen Taten, seine Familie, sein Leben. Anfangs völlig verzweifelt hatte der ratlose Skelliger nicht weiter gewusst, denn nach dem, was er gesehen und erfahren hatte, hatte er nicht mehr nach Undvik zurück wollen. Nicht als Gefangener, nicht als Berater seines Bruders, nicht als Jarl. Seine eigentlich so schöne Heimat war ihm, als Adlet ihm ungewohnt stillschweigend Tee und Heringsbrote serviert hatte, wie ein schwarzer, hünenhafter Feind erschienen. Wie jemand, den man nicht besiegen konnte oder wollte. Hjaldrist hatte es tagelang nicht geschafft zu sprechen. Oh, er hatte Anna bis heute nicht in aller Länge davon erzählt, doch er war ein grübelndes Elend gewesen, das kein Wort von sich gegeben und sich völlig zurückgezogen hatte. Dies in dem gezwungen rationalen Versuch sich wieder zu ordnen und einen Sinn im Leben zu finden. Bisher, da waren seine Motivationen doch gewesen seinen strikten Vater zu beeindrucken und die flatterhafte Anna zu beschützen. Doch der Erzeuger des Mannes, der fast an der Küste vor Hindarsfjall ertrunken wäre, hatte sich als unerwartet grausam herausgestellt. Und Arianna… war tot gewesen. Wie, ja WIE, hätte man an solch einem Punkt einfach frohen Mutes und wie gewohnt weitermachen können? Lange hatte sich Hjaldrist dies gefragt und versucht sich neue Pläne zurechtzulegen. Bis zu der unruhigen Nacht, in der er von seiner totgeglaubten Freundin geträumt hatte. Oh, es hatte daraufhin keine zwei Tage gedauert, bis er hektisch aufgebrochen war, um sie zu finden. Sein Ziel als gefeierter Jarl in Undvik zu sitzen war zwar dahin gewesen, aber der mittlerweile 25-Jährige war sich sicher gewesen, dass seine geschätzte Gefährtin von früher noch lebte. Es hatte einfach so sein MÜSSEN. Für ihn war es also keine Frage gewesen, dass er allein und nur mit dem roten Band seines Onkels und Erlklamm bewaffnet, los eilte, um sie zu suchen. 

Er hatte die Vermisste, den Göttern sei Dank, auch tatsächlich gefunden. Mehr noch: Der erleichterte Hjaldrist hatte endlich verstanden, was er wirklich wollte: Anna. Er liebte sie. Und heute… reiste und kämpfte er nurmehr ihretwillen, so schien es. Jedenfalls zurzeit. Weil er sie nicht wieder allein lassen wollte. Weil er sonst nirgendwo anders hin konnte. Weil es ihn krank machte daran zu denken wieder einsam sein zu müssen. 

So wie die Frau aus Kaer Morhen war letztlich auch der Jarlssohn zu einem wahrhaftigen Vagabunden geworden. Es war nicht das, was er zu Anfang hatte wollen. Nie im Leben hätte er das verschneite Undvik verlassen, um eine harte Reise anzutreten, die niemals enden würde; um nur das zu besitzen, was man am Körper trug und kein Dach über dem Kopf sein eigen zu nennen. In den Ohren des jüngeren Hjaldrist hätte sich all dies angehört wie absoluter Blödsinn und hätte man ihm damals einmal prophezeit, dass er jetzt so leben würde, wie er es eben tat, hätte er den Kopf ob seiner unsicheren Lage heftig geschüttelt und abgewunken. Denn würde er sich jetzt nicht als Monsterjäger verdingen, ja, wäre er auf einmal nicht mehr imstande zu kämpfen, dann wäre er obdachlos. Bei Freya, es müsste ja nur irgendetwas schlimmes passieren - der Verlust eines Beines durch irgendeine fremde Klinge, der Angriff eines Basilisken, der einen permanent bewegungsunfähig zurückließ oder ein verheerender Schlag auf den Kopf, der einen einfältig machte - und der eigentlich adelige würde in der Gosse landen. Ob Anna ihm dann noch beistehen würde? Bei aller Liebe, er war sich absolut nicht sicher. Und er würde es auch nicht von ihr abverlangen. Es war beängstigend.

Hjaldrist sah aus seinen tiefen Gedanken auf, als Anna im Gehen einen Arm brüderlich um seine Schultern legte. Von der Seite aus sah sie her und riss die Aufmerksamkeit des dunkelhaarigen Kriegers auf sich, indem sie sprach.

“Ich weiß, dass ich vielleicht nicht so gut darin bin zu reden…”, sagte die Kurzhaarige betreten “Aber ich kann sehr gut zuhören. Also wenn du über die Sache mit Teresa sprechen willst, dann schieß los.”

Der Undviker blinzelte überrascht, verstand dann aber sofort, was die nette Hexerstochter meinte: Seit sie die besagte Verfluchte vorhin beerdigt hatten, hatte Hjaldrist wenig gesprochen und bloß nachdenklich geschwiegen. Der Fall Teresas hatte ihn irgendwo getroffen und ihn erst dazu gebracht sich zu fragen, warum er tat, was er tat; warum er denn noch immer umher zog und manchmal übernatürliche, unschöne Aufträge erledigte. Natürlich machte es ihm schon Spaß zu kämpfen und es war interessant immer wieder neuen Monstren zu begegnen. Oh ja, er mochte es. Nur manchmal… da war es zu viel. So wie heute.

“Hm…?”, machte der Mann und ertappte sich dabei es als sehr angenehm zu empfinden, wie die etwa gleich große Anna da neben ihm her ging. Der Arm an seinem Rücken fühlte sich gut an, warm, die Hand an seiner Schulter wohlig. Es brachte ihn dazu leicht zu lächeln.

“Geschichten wie die von Teresa ermüden einen manchmal.”, gab Hjaldrist zu. Er seufzte, sah wieder von Anna fort und achtete auf den Weg vor sich. Die Nacht war wolkenverhangen und nicht allzu hell, darum musste man aufpassen, wohin man trat, bevor man den geebneten, breiten Weg nach Oxenfurt wieder erreichte. Das knöchelhohe Gras war nass vom nachmittäglichen Regen und die Feuchte drang einem durch die Stiefel. Hm. Der Undviker mit den abgetretenen Sohlen sollte sich demnächst neue Schuhe zulegen…

“Ich weiß.”, gab Anna ihrem Kumpel zurück “Man muss aber versuchen sich so etwas nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen.”

“Sagt sich so leicht. Sein eigenes, totes Kind in das Meer zu werfen, ist schon herb.”, gab Hjaldrist murrend von sich und spürte eine kleine Enttäuschung in sich aufwallen, als seine Freundin ihren Arm wieder von ihm sinken ließ. War es dämlich so zu fühlen? Vielleicht. Aber der hin und her gerissene Skelliger kam auch nicht aus seiner Haut heraus. Was ihn wiederum ärgerte. Ach, es war müßig.

“Hmm…”, machte die anwesende Novigraderin nurmehr. Es war klar gewesen, dass sie ihrem Freund nicht damit kommen würde die Angelegenheit rund um das Begräbnis Teresas zu zerklauben. Wie erwähnt war sie ein Zuhörer, kein Redner. Und Anna war niemand, der Gefühle zu lange analysierte oder ihren geplagten Kollegen darüber ausfragte, wie es ihm ging, um dann darüber zu mutmaßen warum. Sie war dahingehend simpel und heute, da freute sich Hjaldrist auch sehr darüber. Er hatte nämlich keine Lust darauf über seine Psyche nachzudenken. Viel eher interessierte es ihn, wie er wieder etwas Ordnung in sein aufgewühltes Innenleben bringen könnte; was er von sich und seinen innigen Gedanken über Anna halten sollte. Und dahingehend könnte die Frau wohl tatsächlich helfen… indirekt aber doch. Also setzte der Axtkämpfer nach wenigen Minuten des Nebeneinanderhergehens dazu an zu reden. Er holte Luft zum Sprechen, haderte noch einmal ganz kurz mit sich. Doch dann fragte er seine jüngere Kollegin etwas, das ihn immer wieder einmal beschäftigte. Weil es in gewisser Weise mit der wichtigen Entscheidung zu tun hatte, in welche Richtung Hjaldrist in Zukunft denken sollte.

“Anna?”, entkam es ihm ruhig “Darf ich dich was fragen?”

Die Angesprochene sah im spärlichen Mondlicht auf, während sie durch das feuchte Gras ging.

“Klar.”, meinte sie gleich “Was ist denn?”

“Wie war das mit dieser Frida damals?”, wollte er wissen und sein Mund fühlte sich auf einmal so trocken an.

“Hm? Was meinst du?”, Anna hob die schmalen Brauen irritiert, doch wirkte keineswegs so, als stöße ihr die Thematik vor den Kopf. So eigen und verbohrt sie manchmal auch war, wenn es direkt um Körpernähe ging, so gab sie sich erstaunlich offen, wenn man sie einfach nur danach fragte. Bestimmt hätte sie einen auch über ihre sexuellen Vorlieben aufgeklärt, hätte man nur hartnäckig genug nachgehakt. Aber Hjaldrist war niemand, der so etwas tat. Es ging ihn nämlich nichts an.

“Naja, du hast damals einmal erzählt, dass ihr euch öfter getroffen habt.”, erinnerte sich der Jarlssohn vorsichtig. Er war ein wenig nervös.

“Das stimmt, ja.”, nickte die Novigraderin und taxierte ihren Freund etwas unschlüssig. Sie schien nicht zu wissen, was sie von seinen Fragen halten sollte. Dennoch beantwortete sie sie.

“Ich war damals mit Balthar in der Gegend, um einen kniffligeren Auftrag zu erledigen. Oder… naja. Balthar übernahm eigentlich das meiste und ließ mich entweder zusehen oder im Dorf zurück. Es war ziemlich frustrierend. Und mir war oft sehr langweilig.”, erklärte die schnaufende Frau schulterzuckend “Recht bald lernte ich Frida kennen, gab ihr einen aus, redete mit ihr. Sie war schnell betrunken, weil sie keinen Alkohol vertrug. Sie war ganz süß und dazu noch eine Priesternovizin aus Skellige, was in meinen Augen doch recht exotisch war. Sie gefiel mir also, ich gefiel ihr und naja… wir landeten zusammen in der Kiste. Ist dies das, was du meintest?”

“Ähm.”, entkam es dem ertappten Undviker langsam, während er sich wieder vom Blick seiner Kollegin losriss “Und dann?”

“Hm. Wir trafen uns noch ein paar Mal, denn ich hatte nichts Besseres zu tun. Wir waren auch zusammen am Markt oder Mittagessen. Es war richtig nett.”, erklärte die aufrichtige Frau und verzog einen Mundwinkel dann abrupt unzufrieden “Frida sah das auch so. Zudem gehörte sie zur anhänglicheren Sorte Mensch. Nach nur fünf Tagen eröffnete sie mir auf einmal, dass sie glaubte, in mich verliebt zu sein. Mir sind die Augen fast rausgefallen, als ich das gehört habe.”

Hjaldrist sah aus dem Augenwinkel berechnend zu Anna zurück, schwieg. Sie sprach weiter.

“Zum Glück reisten Balthar und ich schon am nächsten Tag ab. Ich habe ihn gar dazu angestachelt so früh als möglich loszuziehen, um Frida bloß nicht noch einmal sehen zu müssen. Dass sie plötzlich angeblich viel mehr für mich empfand, war mir sehr, sehr unangenehm. Ich hatte Angst, dass sie mich noch begleiten wolle und hatte keine Lust darauf einen verknallten Menschen am Arsch kleben zu haben. Ich meine… ich hatte sie echt gerne und in einem anderen Leben hätte es zwischen uns gut laufen können. Aber… uh… nein, danke.”, die stirnrunzelnde Novigraderin musste leise und freudlos lachen, den Kopf schütteln “Ich war eine Monsterjägerin, kein Beziehungsmensch. Was sollte ich denn mit einem lieben Mädchen an meiner Seite? Wenn man durch die Gegend reist, mit seinen Waffen und der Alchemieausrüstung verheiratet ist, dann bleibt da weder Zeit noch Platz für so etwas. Und das habe ich damals schon gedacht, wo ich noch nicht einmal richtig durch die Weltgeschichte zog und nebenher noch nach Kräuterprobe-Formeln und Traum-Experten gesucht habe.”

Hjaldrist biss die Kiefer so fest aufeinander, dass es schmerzte, als er die Gegend vor sich fixierte. Er ballte die kalten Hände zu Fäusten, doch entspannte sie gleich wieder, als er tief durch die Nase ausatmete.

“Als jemand, der lebt, wie ein Hexer, kommt es eben nicht infrage sich jemals einen Partner auszusuchen, sich niederzulassen, zu heiraten und Kinder zu kriegen. Und ganz ehrlich? Persönlich wäre so etwas auch absolut nichts für mich. Aber das habe ich ja schon mal gesagt. Ich muss reisen und immer etwas tun, sonst werde ich verrückt.”, sagte Anna ernst. Dabei erwähnte sie nicht wieder, dass sie glaubte durch ihr risikoreiches Leben sehr früh zu sterben und daher keine gute Wahl für eine Beziehung zu sein. Wahrscheinlich hatte sie nachgedacht, bevor sie gesprochen hatte, und war zum Schluss gekommen ihren besten Freund momentan besser nicht mit dem Thema ‘Tod’ zu konfrontieren. Da tat sie gut daran. Und dennoch musste der Skelliger mit dem flauen Magen unweigerlich daran denken.

“Meinst du?”, entkam es Hjaldrist als kritische Antwort. Er wusste nicht recht, warum er nun gegen seine selbstsichere, doch bindungsängstliche Freundin redete. Vielleicht, weil ihn deren ehrliche Äußerungen hart getroffen hatten. Aber… hatte er sich denn überhaupt etwas anderes erwartet?

“Ich denke, dass man sich auch dann jemandem gegenüber weit öffnen kann, wenn man wie ein Hexer lebt. Beides schließt sich nicht unbedingt aus.”, kritisierte der klammheimlich frustrierte Mann und hatte Glück, dass Anna nicht zu verstehen schien, worauf er hier anspielte.

“Mh?”, machte sie und verengte die braunen Augen nachdenklich “...Nein. So etwas geht nicht.”

Der Skelliger mit der engen Kehle verstummte.

“Ich habe doch dich, Rist.”, lachte die Frau leise “Sowas reicht mir vollkommen.”

Das hatte gesessen. Und obwohl sich jeder gute Freund sehr über diese Aussage gefreut hätte, stach sie dem armen Undviker in die Brust wie ein spitzer Speer. Denn er sah die Hexerstochter nicht mehr nur als ‘gute Freundin’ an. Und er wollte nicht, dass Anna ihr Verhältnis zu ihm lieblos als ‘Sowas’ bezeichnete. Es war penibel, ja, aber Anna’s Meldung ging dem stolzen Inselbewohner eben entschieden gegen den Strich. Daher sprach er es direkt an.

“Hmm? ‘Sowas’?”, fragte er nach und versuchte dabei so zu klingen, als scherze er auf seine gewohnte Art “Na danke, Anna.”

“Ach komm, du weißt schon, was ich meine.”, schnaubte die Kriegerin, die die Situation nicht weiter hinterfragte, belustigt und knuffte ihrem beleidigten Begleiter in die Seite “Oder muss ich dir noch einmal erklären, dass du mein bester Freund bist?”

“Hm?

“Du bist mein bester Freund.”

Autsch. Hjaldrist wusste nicht warum und wie, doch er schaffte es trotz allem einen amüsierten Laut von sich zu geben. Lieber wäre er jetzt aber allein zurück zum Gasthaus gegangen, als ihm zum ersten Mal in den Sinn kam, dass er sich einfach nur haltlos betrinken könnte, um das vorangegangene Gespräch zu vergessen. Der Gekränkte schluckte schwer und räusperte sich, um die Kehle frei zu bekommen.

“Mhm. Passt schon.”, log der Jarlssohn, der sich urplötzlich so ungeschickt fühlte. Damit war die Angelegenheit für die unbedachte Anna gegessen. Und Hjaldrist… naja... der war leider wieder ein wenig schlauer.

 

*

 

Hjaldrist war nun schon seit Stunden fort und Anna begann sich wirklich Sorgen um ihn zu machen. Früher, als sie zurück in die oxenfurter Taverne gekommen waren, in der sie sich eingemietet hatten, hatte der schweigsame Mann nicht einmal mehr etwas gegessen, sondern sich gleich zwei Becher Gewürzwein in den Rachen gekippt. Und dann hatte er sich am Tavernentresen eine billige Flasche Schnaps gekauft und war verschwunden. Dies mit den gemurmelten Worten, dass er etwas Zeit allein bräuchte. Kurzerhand hatte er also das Gasthaus namens ‘Die Alchemie’ verlassen und war seither nicht wieder gekommen. Dem Alkoholpegel und der Feierlaune der lauten Tavernengäste nach zu urteilen, musste es schon nach Mitternacht sein. Anna entfloh ein leises Seufzen und sie knibbelte sich unruhig an der Nagelhaut herum.

“Er kommt schon wieder. Hjaldrist ist doch ein Mann, der sich gut erwehren kann, Anna.”, versicherte Ravello, als er dies beobachtete. Der gutmütige Ritter sah seit einiger Zeit schon sehr müde aus, doch war bei seiner ruhelosen Begleiterin geblieben, damit sie nicht alleine in der Schänke warten musste. Er war ein netter und kollegialer Idiot.

“Und er hat seine Axt dabei. Was kann da schon schiefgehen?”, lächelte der Blondschopf und schenkte der Angesprochenen noch etwas Schwarztee ein. Anna’s Mundwinkel zuckte unglücklich und sie zog das Honigtöpfchen an sich heran, das da am abgegriffenen Tisch stand. Ringsum waren die Leute sehr guter Laune. Ein Barde in einem schillernden Wams flötete ein lustig hüpfendes Lied und einen Tisch weiter feierten fünf Soldaten in Rot und Weiß ihren wohlverdienten Feierabend. Sie spielten Karten, lachten donnernd und tranken immer dann, wenn einer einen König ablegte. Wäre es der Hexerstochter gerade nach Spielen gewesen, wäre sie sicher zu den Redaniern hingegangen, um sie nach den Regeln ihrer Kartenrunde zu fragen und eventuell eine Runde mitzuspielen. Jetzt aber saß sie nur da und rührte viel Honig in ihren dampfenden Tee, während Ravello sie mitleidig betrachtete.

“Ich dachte mir nicht, dass die Sache mit Teresa ihn so sehr mitnimmt, dass er sich betrinken muss.”, gab Anna zu und suchte Blickkontakt zu dem Beauclairer am Tisch. Anders als jener war Svenja noch immer nicht wieder aufgetaucht.

“Hmmm…”, machte der langhaarige Krieger, der die Geschichte mit dem verfluchten Muschelmädchen längst erfahren hatte “Daran zu denken, dass ein Vater die Leiche seines eigenen Kindes einfach so fort wirft, ist schrecklich. Dahingehend kann ich Hjaldrist irgendwo verstehen. Mir wurde es auch ganz übel, als du mir vorhin davon berichtet hast.”

“Ja, schon…”, meinte die Novigraderin nachgiebig und sah unschlüssig vor sich hin “Weißt du, Ravello, ich habe ihm angeboten, dass er mit mir darüber reden kann, aber er hat es nicht wirklich getan.”

Wieder entfleuchte Anna ein Seufzen. Sie musste ja wirklich der miesteste aller Gesprächspartner sein, wenn ihr bester Freund mit ihr nicht einmal über seine Sorgen sprechen konnte, was? Ja, sie wusste, dass sie manchmal ungeschickt war, wenn es darum ging, über Emotionen und dergleichen zu reden. Sie hatte es früher schließlich nie müssen. Wenn man unter drei abgebrühten Hexern aufwuchs, dann gehörte es nicht dazu lange, tiefgründige Gespräche zu führen. Zumal Leute, die die Kräuterprobe durchliefen, durch die Formel abstumpfen. Jedenfalls hatte Balthar das einmal so gesagt. Und wenn Anna an früher dachte, nahm sie ihm dies ohne Zweifel ab. Ihre ‘Familie’ in Kaer Morhen war die beste gewesen, die sie sich hatte vorstellen können, keine Frage. Doch an emotionalem hatte es deutlich gefehlt. Nicht, dass die Frau einen Vergleich hätte, doch Rist hatte ihr von seiner herzlichen Familie erzählt. Und das, was er da so von sich gegeben hatte, hatte der Alchemistin aufgezeigt, was sie in ihrer Kindheit verpasst hatte: Dicke Küsse auf die Wangen, eine Mutter, die immer darauf achtete, dass man schön gekleidet und mit vollem Magen das Haus verließ, liebevolle Zuwendung in harten Zeiten. Eine Mutter, die hätte Anna wohl wirklich nötig gehabt und das nicht nur in der verwirrenden Zeit, in der sie zum ersten Mal ihre Mondblutung bekommen hatte. In diesem Sinne war sie immer auf sich allein gestellt gewesen. Oh, und was hatte sie manchmal heimlich in ihrem Zimmer geheult!

Deswegen war sie heute so, wie sie war, oder? Aus diesen Gründen fiel es ihr schwer viel zu Reden oder sich anderen Menschen offenherzig zuzuwenden. Zu oft verbarg sie ihre Unsicherheit dahingehend hinter Sarkasmus oder dummen Witzen. Ach, sie war wirklich ein mieser Beistand und sie fühlte sich absolut dumm deswegen, ohnmächtig, schlecht.

Ausgelaugt stöhnte Anna, als sie das Gesicht in den Händen vergrub und eine kleine Beleidigung an sich selbst murmelte. Ravello musste verhalten lachen, als er das sah.

“Bei meiner Ehre, Arianna.”, gluckste er “Kopf hoch! Hjaldrist taucht schon wieder auf. Manchmal, da braucht man eben Zeit für sich allein. Man kann dann besser nachdenken.”

Die Hexerstochter sah hinter ihren behandschuhten Fingern auf, als sie die Hände wieder sinken ließ. Ihr Ausdruck war wenig begeistert.

Hmm. Wie könnte sie sich hinsichtlich des Redens und des Einfühlens in andere nur bessern? Konnte man so etwas üben? Sie wollte keine schlechte Freundin sein und es wäre schön, wenn man sich ihr auch gerne anvertrauen würde. Die stumpfe Giftmischerin wollte, dass sie auch einigermaßen souverän mit gewissen Situationen umgehen könnte. Dass sie sich nicht eigenartig fühlte, wenn ihr im nüchternen Zustand jemand zu nah kam. Aber WIE zum Geier stellte man das an?

“Sag mal. Komme ich dumm rüber, Ravello?”, fragte Anna den, der ihr gegenüber saß plötzlich und der blonde Mann hob die Brauen in seiner Überraschung weit.

“Was meinst du?”, wollte er wissen.

“Keine Ahnung.”, entkam es der Frau, die es einmal wieder nicht schaffte in Worte zu fassen, was sie genau empfand. Sie schob die Worte in ihrem Mund hin und her und zog die Augenbrauen weit zusammen.

“Ich meine… wenn man mit mir spricht.”, sagte sie dann “Vielleicht wirke ich so, als ob man mit mir über nichts reden kann.”

Wieder musste Ravello leise kichern.

“Was?”, entkam es ihm ungläubig “Du bist völlig in Ordnung, meine Liebe.”

Durchdringend sah Anna ihren Kollegen aus forschend zusammengekniffenen Augen an. Dann lockerte sich ihr Gesicht aber bald wieder und machte der Resignation Platz. Denn natürlich meinte der Ritter, dass die anwesende Kriegerin ‘in Ordnung’ sei. Er kannte sie einfach nicht gut genug. Oder eher: Er hatte noch nie auf tieferer Ebene mit ihr zu tun gehabt. Wenn sie beide über irgendwas geredet hatten, dann über das Essen, Reisepläne oder Angebote am Markt. Nie hatten sie über etwas gesprochen, das nicht eher trivial gewesen war. Also bis heute eben nicht. Denn gerade, da hatte Anna dem Blondschopf doch gezeigt, dass sie an sich zweifelte. Aber vielleicht sollte sie damit eher bei Rist ankommen. Der war schließlich ihr engster Freund und im Gegensatz zu ihr auch sehr redegewandt. Womöglich hätte er ja einmal wieder gute Ratschläge für die Alchemistin, die sich fühlte, wie ein kleines, dämliches Kind, parat.

Anna, die nachdenklich vor sich hin sah, fasste nach ihrem tönernen Teebecher und trank einen Schluck von dem gesüßten Getränk. Ravello winkte die brünette Schankmagd herbei, die ihm neulich schöne Augen gemacht hatte, und bestellte eine Schale von diesen serrikanischen Knabbereien, die man aus Kartoffeln herstellte. Solche exotischen Dinge gab es in Oxenfurt nicht selten, denn die große Stadt war gut an den Welthandel angebunden.

“So oder so”, sagte der Mann aus Toussaint nach einer langen Schweigepause etwas ernster als zuvor “Mach dir keinen Kopf, Anna. Die finstere Miene steht dir ganz und gar nicht.”

“Ich versuch’s.”, meinte die Novigraderin und zuckte mit den Schultern “Aber wenn Rist nicht bald wieder auftaucht, gehe ich ihn suchen.”

“Wie du meinst.”

 

Anna musste Hjaldrist nicht suchen gehen, denn kaum eine halbe Stunde später kam er von selbst in die volle Taverne zurück. Dies so betrunken, wie erwartet, doch mit einer Überraschung im Gepäck.

Die burschikose Novigraderin erhob sich sofort, als sie sah, wie ihr Freund in das Haus getorkelt kam und dabei jemanden vor sich her bugsierte. Der beschwingte Skelliger trank gerade noch einen tiefen Schluck aus seiner halbvollen Schnapsflasche und registrierte dann, dass seine Kumpanen im Schankraum saßen. Er versuchte schief zu lächeln, sah dabei aber schlicht dümmlich aus. Er schubste den, den er da bei sich hatte, in die Richtung Annas und tat dann gleich lallend kund, dass er etwas Tolles geleistet hatte:

“Anna!”, entkam es dem besoffenen Mann freudig “Schau ma, wen ich da hab!”

“Paul!”, keuchte die stehende Kurzhaarige sogleich und sah mit offen stehendem Mund dabei zu, wie der Besagte an den kleinen Tisch gewankt kam und sich schwer atmend an dessen Kante abstützte. Er war klatschnass und triefte nur so. Sein Erscheinen hatte die halbe Tavernenbelegschaft verstummen lassen. Jeder gaffte oder jedenfalls fühlte es sich gerade so an. Es war unangenehm.

Auch Ravello stand nun auf und betrachtete den jungen De Genwitt mit Unglauben im Blick, blinzelte Überrascht. Er forderte den Dunkelhaarigen gleich zuvorkommend dazu auf sich zu setzen und etwas warmen Tee zu trinken. Anna hingegen, kümmerte sich um ihren besten, sturzbetrunkenen Freund.

“Rist”, fing sie an “Wo hast du ihn gefunden? WO bist du so lange gewesen?”

Der Undviker mit den leicht geröteten Wangen kam zu ihr und stützte sich leise lachend an ihrer Schulter ab, um nicht umzufallen. Er wollte gerade einen weiteren Schluck aus seiner Flasche nehmen, zögerte dann aber, hielt inne und schien zu verstehen, dass er wohl besser antworten sollte, anstatt sich noch mehr Schnaps in die durstige Kehle zu schütten. Also sah er beduselt auf und sein grenzdämliches Schmunzeln schwand nicht.

“War spaziern.”, erzählte er und Anna ächze ob seiner unsäglichen Alkoholfahne “Und da hab ich ihn ge... gefundn! Also den Paul.”

“Wo?”, wollte die Frau gleich wissen und überlegte, ob sie ihrem Kumpel die Flasche wegnehmen sollte.

“Na… am Strand.”, nuschelte der Schönling und stützte sich schwer auf seine Freundin “Hab… hab zuerst gedacht, ne, der issn Ers-... Ertrunkener. Ich wollt ihn schon angreifn, da hab ich ihn er… erkannt. Da hab ich gesagt: ‘I… Ich kenn dich doch!’”

“Paul lief am Strand herum?”, hakte Anna skeptisch nach und runzelte die Stirn. Die Soldaten vom Nebentisch sahen noch immer skeptisch her und tuschelten. Vielleicht überlegten sie sich, ob sie den betrunkenen Ausländer zur Rede stellen sollten. Schließlich hatte der einen völlig durchweichten, verzweifelten Jungen in die Taverne gestoßen. Und Leute der Armee, die wurden schnell übermütig, wenn es darum ging für Ordnung zu sorgen.

“Ja… der lief da rum.”, bestätigte Rist schnell nickend und gestikulierte mit seiner gluckernden Flasche. Ein Hicksen entkam ihm und die Alchemistin musste entnervt ausatmen.

“Verdammt, Rist…”, stöhnte sie “Ich bin ja wirklich froh, dass du mitsamt Paul aufgetaucht bist… aber musstest du allein und auch noch völlig betrunken vor die Stadtmauern gehen?”

“Ich bin nich… äh, betrunkn vor die Mauern.”, korrigierte der Mann besserwisserisch lallend “Ich bä-... bin nur besoffn wieder rein.”

Der blaue Skelliger musste ob seiner Schlagfertigkeit und dem blöden Witz dahinter lachen und erhob die Flasche auf sich selbst. Anna war es aber wenig zum Lachen zumute. Sie hatte sich ewig lange Sorgen gemacht und spürte auch, wie sie deswegen ein wenig böse auf ihren Begleiter wurde. Sie schluckte dieses Gefühl krampfhaft hinunter und rieb sich die Schläfe.

“Es wundert mich, dass sie dich SO überhaupt wieder herein gelassen haben…”, seufzte die Trankmischerin nur noch und schob die ganze Thematik dann beiseite. Sie taxierte das besoffene Elend bei sich.

“Du gehörst ins Bett, Rist.”

“Pff. Nein, Mama, tu ich… tu ich nich.”, widersprach er dusselig grinsend, ließ los und plumpste dann mit dem Elfenarsch voran auf die schmale Tavernenbank. Geräuschvoll stellte er seine Schnapsflasche am Tisch ab und klaubte nach einer Handvoll Knabbergebäck. Die Hälfte davon verlor er bereits, bevor er es sich in den Mund gesteckt hatte.

“Bei Melitele…”, ächzte Anna leise, entschloss sich dann aber dazu ihren Freund einfach walten zu lassen. Stattdessen wandte sie ihre Aufmerksamkeit Paul zu, der da frierend und zitternd neben Ravello saß und sich die feuchten Hände an einer Tasse Schwarztee wärmte.

“Paul?”, sprach die Schwertkämpferin ihn direkt an “Du hast Hjaldrist am Strand getroffen?”

Der Junge nickte und gab einen überforderten Laut von sich. Er sprach von sich aus gleich weiter:

“Ich… ich lag im Sand, als ich zu mir kam.”, erklärte er entrückt “Als ob… als ob ich schiffbrüchig sei. Ich weiß nicht… ich weiß nicht, was passiert ist.”

Der steinerne Ausdruck Annas entspannte sich wieder etwas. Sie musterte den Schwarzhaarigen, der etwas von seinem Tee trank. Ravello sah besorgt zu ihr auf.

“Was ist das letzte, an das du dich erinnerst?”, wollte die Frau wissen und man sah, wie der nasse Paul damit anfing angestrengt nachzudenken. Hjaldrist lachte im Hintergrund ein leises, besoffenes ‘Haha, Fischjunge’ und kassierte dafür einen schiefen Blick seitens seiner besten Freundin.

“Ich… ich wollte Perlen aufheben?”, murmelte der junge De Genwitt und starrte wirr vor sich hin. Die Trankmischerin atmete durch, nickte zustimmend..

“Wir haben gegen Monster gekämpft, Paul. Und du bist währenddessen von den Klippen hinter der Villa deiner Familie gestürzt.”

Groß sah der Betroffene auf diese unwahre Äußerung hin auf. Seine dunkel gerahmten Augen waren weit, und er schüttelte langsam den Kopf.

“Ich… ich erinnere mich nicht…”, jammerte er wehleidig “Welche Monster…?”

“Sirenen.”, sagte Anna knapp und zwang sich zu einem Lächeln “Aber das tut nichts mehr zur Sache. Du bist wieder hier und das zählt.”

Der Junge betrachtete die ältere Schwertkämpferin schwer schluckend, doch nickte dann, ehe er zurück in seinen Teebecher sah.

“Ich habe überlebt…”, schlussfolgerte er richtig und verblüfft.

“Ja, das hast du.”, bestätigte Anna “Und ich glaube, es wäre gut, wenn ich dich jetzt nach Hause bringe, hm?”

Hastig nickte Paul.

“Ja, ich will heim.”, sagte er und noch immer zitterten ihm die Schultern ein wenig “Vater macht sich sicherlich Sorgen.”

“Oh ja, das tut er.”, meine die Alchemistin wissend und versuchte dabei ihren Groll über De Genwitt für später aufzuheben “Er glaubt, du seist tot.”

“Wa-was?”

“Aber das bist du nicht. Es ist Zeit nach Hause zu gehen…”, schloss Anna das Thema sofort. Sie hatte keine Lust darauf zu erklären, wie aufgelöst Stefan De Genwitt über die Todesnachricht seines Sohnes gewesen war. Die beiden Kerle sollten das unter sich bereden. Es war spät und die Kurzhaarige wollte das Ganze schnell abschließen.

“Komm, Paul.”, sie nickte dem Jungen also auffordernd zu.

 

Eine gute Stunde später machte sich Anna mit 250 Kronen in der Tasche auf den Weg zurück zur Taverne. Sie hatte Paul zu dieser späten Stunde wohlbehalten bei dessen fassungslosen Vater abgeliefert und De Genwitt dabei recht finster angesehen. Sie hatte jenem gesagt, dass man sich - anders als er - um ein ordentliches Begräbnis für Teresa gekümmert hatte. Zusammen mit deren damaligen Geliebten, den sie so streng entrissen worden war. Und dann hatte die Hexerstochter den ertappten, nervösen Adeligen erpresst. Zweihundertfünfzig Goldstücke hatte sie eisern gefordert; als Preis dafür zu schweigen. Es war, wenn man den ursprünglichen Sold der Monsterjägerin betrachtete, ein Plus von ganzen einhundert Kronen: 100 dafür den Fluch der Villa zu lösen, 50 für das Zurückbringen eines lebenden Pauls und noch einmal 100 Münzen Schweigegeld. Der reiche Stefan De Genwitt hatte nicht lange gezögert, bis er Anna diese Belohnung in die Hände gedrückt hatte und zugegeben: Noch nie im Leben hatte die Ungeheuerjägerin solch eine horrende Summe erhalten. Doch der Adelige, dem das Muffensausen gekommen war, hatte gerne bezahlt. Er hatte schließlich das Geld und vermutlich hätte die Novigraderin noch mehr herausschlagen können, was? Aber wie dem auch sei… jetzt ging die Kurzhaarige froh darüber, dass sie alles erledigt hatte, durch das nächtliche Oxenfurt und freute sich schon auf ihr Bett. Das neue Gewicht in ihrer Tasche ließ sie dabei auch darüber hinwegsehen, dass in der Taverne noch ein volltrunkener Rist saß, der das zusammen belegte Gästezimmer heute noch mit etwas Pech vollkotzen würde. 250 Kronen! Es war ein kleines Vermögen!

“Na?”, eine fremde Stimme riss die Braunhaarige aus ihren Gedanken “So spät alleine unterwegs?”

Die Frau blieb stehen und sah sich um. Aus einer dunklen Gasse zu ihrer Rechten trat ein Mann in dunkelbraunem Mantel, mit wölfischem Lächeln im unrasierten Gesicht. In seinem Gürtel steckte ein langes Messer, das sofort nach der Aufmerksamkeit Annas haschte. Der Fremde zögerte auch nicht länger, bevor er auf die Straße kam und die abwartende Novigraderin von oben bis unten betrachtete. Er schmunzelte, als beäuge er irgendetwas, von dem er nicht wusste, was er davon halten sollte. Doch es schien ihn dennoch zu faszinieren. Die Miene der Kurzhaarigen verdunkelte sich ein wenig und so alarmiert sie gerade eben noch gewesen war, so zeigte sie sich nurmehr unbeeindruckt.

Zwei Kerle. Da waren noch zwei in der Gasse rechts.

“Sieht so aus.”, antwortete sie dem Typen, der ihr nun gegenüber stand. Zwei andere schälten sich aus dem Schatten der Seitengasse. Anna tat so, als hätte sie sie nicht schon längst bemerkt. Der Lage schon jetzt müde wandte sie sich ab und ging einfach weiter, die heile Linke jedoch nah an ihrem Schwertheft ruhen lassend. Schließlich vermutete sie, was eventuell folgen könnte: Die drei ruchlosen Männer hinter ihr wollten sie wohl überfallen. Eine reiche Beute hätten sie gemacht, hätten sie es mit einer normalen Frau zu tun gehabt. Aber das hatten sie nicht. Und als der erste an die Schulter von Anna packte, um sie barsch dazu zu zwingen sich zu ihm umzuwenden, schlug sie die unwillkommenen Finger grob fort und fuhr mit harter Miene herum. Kaum zwei Atemzüge später hatte sie ihr blitzendes Bastardschwert in der Hand. Sie müsste mit Links kämpfen, ja. Na und?

“Oho!”, der Typ in dem braunen Mantel wich mit beschwichtigend erhobenen Händen zurück und grinste. Einer seiner Kumpels - ein untersetzter Mann mit tiefen Pockennarben im Gesicht - lachte. Der zweite - ein schwarzhaariger Elf in heruntergekommener Kleidung - verschränkte die Arme amüsiert abwartend vor der Brust. Anna schnaufte genervt.

“Lasst mich in Ruhe oder ich stecke euch dreien mein Schwert so tief in die Ärsche, dass es euch oben wieder rauskommt.”, drohte die konfrontierte Novigraderin, wurde aber, wie so oft, nicht ernst genommen. Die Kerle lachten nämlich nur rau und der eine schüttelte ungläubig das Haupt.

“Aber, aber! Wer wird denn gleich so unfreundlich sein?”, fragte er.

“Ich.”, gab die ruppige Frau entschlossen zurück “Also fickt euch und zieht Leine.”

Die erfahrene Hexerstochter hatte sich schon so oft in Situationen wie dieser hier wiedergefunden, dass man glauben möchte, sie bliebe absolut kalt. Tatsächlich war da aber Anspannung in ihr. Adrenalin machte ihr die Finger ganz kribbelig. Doch Angst, die hatte sie nicht. Es gab nur noch wenig, vor dem sie sich wirklich fürchtete. Zu viel hatte sie schon gesehen und hatte sie sich beim ersten Mal, als man sie überfallen hatte wollen - und es auch tatsächlich geschafft hatte -, beinah in die Hose gemacht, so machte sie die Anwesenheit der dreisten Männer vor ihr nur noch ärgerlich. Denn einmal wieder bekam sie es mit stupiden Kerlen zu tun, die glaubten, sie einfach so überrumpeln und ausnehmen zu können. Und wer wusste schon, was gerade noch in deren dreckigen Schädeln vor sich ging? Sie wollte es gar nicht so genau wissen. Anna verzog das müde Gesicht, als schmecke sie etwas Widerliches.

“Du lässt dich doch nich etwa von diesem Mädel da fertigmachen?”, lachte der verdreckte Elf im Hintergrund und der Untersetzte stimmte dem erheitert ein. Der im braunen Mantel rollte mit den Augen und warf einen pikierten Schulterblick zu seinen stichelnden Freunden. Dann zog er sein Messer.

“Oh nein”, sagte er, als er die Aufmerksamkeit zurück auf Anna richtete “das tue ich nicht.”

“Bist du dir sicher?”, lächelte die Novigraderin schmal. Dann griff der Angestachelte schon ohne weitere Vorwarnung an. Zweimal fuhr seine scharfe Klinge ins Leere, denn die gut vorbereitete Alchemistin wich dem Straßenschläger natürlich geschickt aus, drehte sich, holte aus und rammte ihm den Schwertknauf wuchtig gegen den Schädel. Braunmantel schrie auf, hielt sich den Kopf und taumelte ein paar Schritte seitwärts. Doch sein langes Messer, das ließ er nicht los. Tatsächlich wendete er sich Anna schnell wieder mit Blut in den Augen zu, verfluchte sie wüst und stach nach ihr. Die geschliffene Klinge fuhr durch Leinen, dann knickte der Angreifer bereits ein, denn Anna hatte ihm das Knie mit voller Kraft zwischen die Beine gerammt. Atemlos ging der Fremde in die Knie und krächzte schmerzverzerrt, bevor er mit einem weiteren Tritt gegen die Schulter rücklings umgeworfen wurde und klagend auf der nassen Straße liegen blieb. Sich den Schritt haltend krümmte er sich und die angriffslustige Giftmischerin sah ernst auf.

Der Elf und der Pockennarbige griffen sie nun zusammen an. War klar gewesen. Diese feigen Schweine. Sie würden dennoch kaum eine Chance gegen Anna haben, denn wie sie bemerkte, wankte der dunkelhaarige Elf, war betrunken. Und der Untersetzte war einfach zu langsam, wurde mit einem gezielten Schlag der flachen Klinge auf das Handgelenk entwaffnet. Fluchend hielt er sich die pochenden Finger, kniff die Augen fest zusammen.

“Du Schlampe!”, blaffte der Entwaffnete spuckend und wollte sich wieder nach seinem Dolch bücken. Anna schubste ihm als Antwort seinen betrunkenen Begleiter entgegen und zusammen landeten die zeternden Männer im Dreck. Anna, die Hjaldrist’s Worte von gestern im Kopf hatte, wandte sich ab. ‘Du bist keine Mörderin’, hatte der Jarlssohn streng gesagt. Es stimmte. Und aus diesem Grund lief die Novigraderin nun, um der heiklen Situation zu entfliehen; auch, wenn es an ihrem Stolz nagte. Wenn Braunmantel, der Elf und Pockennarbe wieder auf den Beinen wären, wäre sie längst hinter der nächsten Ecke verschwunden.

 

Als Anna die kleine, verwinkelte Taverne Momente später etwas atemlos betrat, war der Gastraum noch immer recht gut besucht. Der bunt gekleidete Bänkelsänger von früher hatte Verstärkung in Form eines angeheiterten Laienmusikers bekommen und die redanischen Soldaten spielten noch immer Karten. Auch Ravello und Rist waren noch da. Der eine sah gerade ermüdet auf, als er Anna erblickte, der andere bekam dies nicht einmal mehr mit.

“Anna!”, entkam es dem Ritter aus Toussaint erleichtert, als er seiner Kollegin grüßend zunickte und sie auch gleich zu ihm und dem betrunkenen Jarlssohn an den Tisch kam. Der Blonde musterte sie knapp und hob dann eine Braue.

“Alles gut? Du wirkst gehetzt.”, bemerkte er.

“Ja… alles gut.”, nickte die Frau in deren Augen der versuchte Überfall von gerade eben kaum der Rede wert war. Es gehörte für sie letztlich zum Alltag sich erwehren oder die Augen über derbe Kerle verdrehen zu müssen. Ihr Blick fiel auf Rist, als sie da vor dem Tisch stand.

“Der ist hinüber.”, kommentierte Ravello leise, als er den Skelliger nun ebenfalls betrachtete. Jener lehnte mit gläsernem Blick da und hielt seine Flasche fest, in der drei Viertel des scharfen Feuerwassers fehlten. Anna seufzte tief aus, musste dennoch nachgiebig lächeln.

“Oh Mann.”, machte sie und der Viertelelf dem ein paar verirrte Haarsträhnen im Gesicht hingen, sah dösig auf. Er blinzelte ein paar Mal lethargisch, befeuchtete sich die Lippen flüchtig mit der Zunge und ließ die Schultern hängen. Es war wohl an der Zeit ihn ins Bett zu bringen, was? Allein würde er es heute jedenfalls nicht mehr in das obere Stockwerk schaffen. Und im Schankraum sollte er nicht übernachten.

“Rist?”, sprach Anna den Besagten also an “Gehen wir schlafen?”

Er reagierte nicht, sondern sah sie nur angestrengt an. Offenbar hatte er Probleme damit seine Sicht zu fokussieren. Ach, der arme Narr hatte sich völlig abgeschossen. Was redete die Novigraderin denn überhaupt noch mit ihm? 

“Komm, lass deine Flasche hier.”, bat die Frau, als sie ihrem Freund die Hand helfend hin reichte, doch er schüttelte den Kopf sogleich entschieden.

“Mh, nein…”, machte er und drückte den Schnaps an sich wie einen wertvollen Schatz. Anna lachte leise.

“Also gut… dann nimm sie mit. Aber jetzt komm.”, sagte sie mit etwas mehr Nachdruck in der Stimme und der fahrige Undviker nickte. Er fasste nach ihrer Hand und ließ es zu, dass Anna ihm auf die wackeligen Beine half. Fast kippte er dabei wieder zurück auf die Tavernenbank.

“Ooh…”, machte er dabei und wurde fest am Oberarm erwischt, um nicht zu fallen. Das einzige, worüber er gerade die vollste Kontrolle hatte, war seine geliebte Schnapsflasche, so schien es. Er hielt sie fest, komme was möge. Anna, die sich auf die Unterlippe biss, um nicht zu breit zu grinsen, hakte sich eisern bei ihrem Kumpel unter und hielt ihn so gekonnt aufrecht.

“Brauchst du Hilfe?”, fragte Ravello von der Seite aus, doch die Frau schüttelte den Kopf.

“Tu mir nur einen Gefallen”, bat sie “Richte dem Wirt aus, dass wir noch ein paar Tage bleiben und sage ihm, dass ich unser Zimmer morgen Früh gleich bezahle, ja?”

Der Blonde nickte selbstverständlich.

“Danke, Ravello.”, lächelte die dankbare Alchemistin noch, dann wandte sie sich mit dem Unsinn nuschelnden Rist ab, um zu gehen.

Der darauf folgende Weg nach oben glich einem mühsamen Hürdenlauf, der nicht leichter wurde, indem sich der volltrunkene Jarlssohn als schweres Gewicht an Anna’s Seite heftete.

“Trinkt aus, meine Freunde”, summte der taumelige Skelliger, als er am Arm seiner Stütze zog und die knarrende Treppe beinah wieder rücklings hinunter polterte “bis wir voll sin. Hebt die, äh...”

Nur mit Mühe und Not bewahrte die Giftmischerin sich und den haltlos Besoffenen davor zu stürzen. Ächzend zerrte sie Rist weiter.

“Hebt die Hu… Humpen auf’s Drachnboot. Wir sin Piratn bis an… bis in den Toood...”, lallte der Mann und Anna fluchte leise.

“Wir kämpfn Seite an… an Seite mitm Schwert inner Hand. Wir entführn ihre Hurn und plündern ihr L… Land!”, sang der Jarlssohn in einem harten Akzent weiter und schwang seine Flasche, dass er etwas vom Schnaps verschüttete “Ups.”

“Scheiße, Rist.”, keuchte Anna und konnte sich trotz allem eines Schmunzelns nicht erwehren “Reiß dich zusammen!”

Noch zwei Stufen und sie hatten es in die obere Etage der ‘Alchemie’ geschafft. Die Trankmischerin erfasste den Arm ihres Kumpels fester und zog ihn hoch, damit er wieder gerader stand. Dann setzten sie ihren holprigen Slalom fort. Und während sich die arme Anna abmühte, nahm Rist noch einen großen Schluck von seinem starken Getränk, hustete daraufhin und stieß ein überfordertes Stöhnen aus. Die Jüngere, die das im Augenwinkel sah, hielt kurz inne und verzog das Gesicht, da traf der benommene Blick ihres elenden Anhängsels auf sie. Einen Atemzug lange sahen sie sich an. Und während Anna abgekämpft wirkte und versuchte keinen stummen Vorwurf in ihrer Miene aufflammen zu lassen, wurde der gerade noch säuselnd singende Inselbewohner ganz still. Er zog die Brauen leicht zusammen, als suche er in den Augen seiner Freundin nach irgendetwas, musterte sie eingehend und wirkte daraufhin für einige Herzschläge lange ziemlich verloren. Und dann setzte er sich auf einmal in Bewegung. Anna erschrak beinah, als er sie an einer Schulter erwischte und zurück zwängte - der alten Wand entgegen. Ein heiserer Ton entkam ihr, als sie jene hart im Kreuz spürte und sofort gescheucht aufsah. Instinktiv versteifte sie sich, obwohl sie ja nur ihren besten Freund vor sich hatte und sie presste die Kiefer fest aufeinander. Der Blick der Frau wurde unstet, als Rist bedenklich nah kam und sie aus betrunkenen, doch stechend auffordernden Augen ansah. Ganz kurz wirkte er so… fremd, während er sich mit einem Unterarm neben Anna an der kalten Wand abstützte und das zähe Denken seinem Tun viel zu langsam nachzuhinken schien. Er verengte die dunklen Augen, als er starrte, und öffnete die Lippen leicht, als wolle er etwas sagen. 

“Hjaldrist.”, mahnte die bedrängte Kurzhaarige mit fester Stimme und fühlte, wie ihr ihre Lage die Eingeweide zerwühlte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie trocken schluckte. Sie ertappte sich dabei die Hand am Dolchgriff liegen zu haben und erschrak deswegen schrecklich über sich selbst. Sofort ließen ihre kalten Finger das gewickelte Leder wieder los. Scheiße. Scheiße, Mann!

Und dann sah sie, wie der entschlossene Ausdruck ihres Gegenübers auf einmal verrutschte und weich wurde, wie jenes den Kopf weit senkte. Der gerade so impulsiv anmutende Mann sah nicht wieder auf, haderte sichtlich mit sich und ließ die Stirn an Anna’s Schulter sinken. So zusammengesackt blieb er dann vor ihr stehen; sich kraftlos neben ihr abstützend und seine Schnapsflasche wie ein schweres Gewicht in der Rechten. Man hörte ihn tief ausatmen und die Alchemistin bildete sich ein, dass dies zittrig klang.

Rist blieb stumm stehen und seine Freundin versuchte ihre klamme Ohnmacht zur Seite zu schieben und sich wieder zu sammeln. Nur zögerlich hob sie dabei eine Hand an, um sie dem Undviker ratlos auf den Rücken zu legen und jenen beschwichtigend zu tätscheln. Sie wollte seufzen, wusste nicht was tun.

“Du… du gehörst wirklich ins Bett.”, kommentierte sie flüsternd und ihr Blick fiel über seine Schulter in den dunklen Korridor.

“Tut mir leid, Anna…”, murmelte der nuschelnde Betrunkene absolut reumütig in die gestreifte Jacke der Angesprochenen. Er entfernte sich jedoch nicht gleich wieder, sondern verharrte einfach so an seinem Platz, als bräuchte er es nun, dass man ihm den Rücken streichelte.

“Schon gut, Schnapsnase.”, versicherte die Monsterjägerin, obwohl ihr die vorangegangene Situation den Magen noch flau zurückließ und das stechende Adrenalin in ihren Adern längst nicht vollends abgeflaut war. Schwach lächelte sie, doch dies erreichte ihre braunen Augen nicht. Morgen, da wäre das von gerade eben längst wieder vergessen, nicht wahr? Es passierte eben schon mal, dass man des lieben Alkohols wegen eskalierte. Gerade Anna kannte das doch gut genug. Sie würde Rist dessen Verhalten also nicht übel nehmen.

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