Kapitel 47

Unliebsame Zeiten in Novigrad

Obwohl Anna nur wenig geschlafen hatte, war sie sehr früh wach. Die vergangenen Stunden waren anstrengend gewesen, denn wie erwartet, hatte sich der betrunkene Rist die halbe Nacht lang übergeben müssen, bis er schließlich eingeschlafen war. Und seine hilfsbereite Kumpanin hatte ihm natürlich beigestanden. Neben ihm sitzend hatte sie abgewartet und ihm die Haare aus dem Gesicht gehalten, während er den Kopf würgend in einen Eimer gesteckt hatte. Dies, nachdem er zuvor noch fürchterlich emotional geworden war und geheult hatte wie ein Schlosshund. Der Mann hatte die betretene Kriegerin umarmt und ihr den Jackenkragen vollgeflennt. Ganz entschieden hatte er am Vorabend also viel zu viel getrunken und schnell hatte Anna die Schnapsflasche am schiefen Nachttischchen gegen einen bauchigen Wasserkrug und Schmerzmittel aus ihrer Tranktasche ausgetauscht. Und nun, kurz nach der Morgendämmerung, stand sie bereits in voller Montur im Zimmer und teilte den Sold von De Genwitt auf, um Hjaldrist die Hälfte davon in den Geldbeutel zu stecken. Nie im Leben hätte sie ihren guten Freund um Geld beschissen. Und später würde sie ihm auch erklären, dass sie deswegen so viele Münzen erhalten hatten, weil sie den Adeligen und schlechtesten Vater Oxenfurts erpresst hatte. Generell müsste die müde Frau Rist einiges erzählen, oder? Bestimmt könnte er sich später nicht einmal mehr daran erinnern Paul wiedergefunden zu haben...

Die Alchemistin warf ihrem schlafenden Kollegen einen Seitenblick zu, als sie dessen lederne Geldkatze verschloss und jene zurück in dessen Rucksack steckte, der da lieblos am Boden herumlag. Hjaldrist schlief tief und fest, hatte die Wolldecke bis über den halben Kopf hoch gezogen und würde heute sicherlich nicht mehr so viel an dieser Position ändern. Also würde Anna allein zur Akademie gehen und dort das gut ausgestattete Labor von Hans Lund aufsuchen. Sie würde erst einmal versuchen Alraunenschnaps herzustellen. Nach Schriften suchen, die Theorien über Träumer oder Telepathen beschrieben, das könnte man auch noch die nächsten Tage über. Gerade hatten die Abenteurer schließlich genug Geld, um sich keine Sorgen mehr darum machen zu müssen sich kein warmes Zimmer leisten zu können. Es fühlte sich an wie eine kleine Auszeit, in der man einfach nur sorgenfrei entspannen konnte - bei Büchern und ruhigen Experimenten -, bevor man weiter reiste. Und das war gut. Die letzten Tage waren äußerst turbulent gewesen und die anstehende Reise nach Novigrad wäre sicherlich auch nicht ganz ohne. Anna freute sich also darauf in der großen Akademie zu sitzen und einfach nur in aller Ruhe zu lesen oder an ihren Formeln zu tüfteln.

 

Die Zeit bis zum Abend verging schnell und als die Hexerstochter zurück in ‘Die Alchemie’ kam, war sie um eine gewisse Erfahrung reicher: ‘Fahre dir nicht nachdenklich mit den Fingern über die Lippen, wenn du mit Mandragora hantierst.’

Nicht, dass etwas zu drastisches passiert war, doch Anna war während des Destillierens des Alraunenextraktes heute Nachmittag einmal ohnmächtig geworden. Eine Närrin hatte sie sich dafür gescholten, denn eigentlich hantierte sie doch schon ewig recht souverän mit Giften. Dass sie heute so schusselig gewesen war, hatte wohl daran gelegen, dass sie einfach zu übermüdet war. Aber wie auch immer. Sie hatte einen großen Schritt nach vorn gemacht, erfolgreich dunklen Alraunenschnaps hergestellt und nebenher noch die alten Schriften aus der Ruine der Flammenrose in ihr persönliches Alchemiebuch übertragen. Die Novigraderin war zuletzt verdammt produktiv gewesen und obwohl es ihr noch immer ein wenig schwindelig war, betrat sie die verwinkelte Schänke jetzt frohen Mutes. Ihr Blick wanderte suchend, doch sie konnte weder Rist, noch Ravello erkennen, also machte sie sich schulterzuckend daran die knarzende Holztreppe nach oben zu nehmen. Sie wollte ihre schwere Tasche ablegen, den Mantel ausziehen und dann etwas essen. Ihr rebellierender Magen hing ihr schon in den Kniekehlen, denn mehr als ein schnelles Frühstück - bestehend aus süßem Haferbrei und Tee - hatte sie heute nicht zu sich genommen.

Ihr Weg führte sie also durch den schlecht beleuchteten Korridor im ersten Stockwerk, bis an ihre Zimmertür. Und als sie jene öffnete, erkannte sie ihre beiden Begleiter gleich. Die ungleichen Männer saßen auf dem gestreiften Teppich zwischen den zwei schmalen Betten und spielten dort ein Brettspiel aus Holz: Schach. Anna erkannte das aufgeklappte, weiß-schwarze Brettchen mit den simplen, kleinen Figuren darauf mit Überraschung im Blick.

“Oha…”, machte sie, als sie das spartanische Zimmer betrat, in dem eine Öllampe brannte, denn allmählich wurde es dunkel. Rist, der mit dem Rücken voran an seinem Bett lehnte, stellte gerade einen seiner schwarzen Springer ab und schubste damit Ravello’s weißen Turm um. Der besagte Ritter, der seine Rüstung für heute längst abgelegt hatte, murrte unzufrieden. Dann sahen die zwei Spieler auf.

“Als ich die Universität heute verlassen habe, dachte ich, ich sei die ganzen Intellektuellen los.”, grinste die Alchemistin keck, als sie die Tasche beiläufig auf den staubigen Boden sinken ließ und sich Mantel und Jacke von den Schultern streifte “Doch dann komme ich hier rein und ihr spielt Schach.”

Hjaldrist, der noch etwas blass um die Nase war, schmunzelte verschlagen und Ravello lachte leise.

“Naja, ich lerne noch.”, gab der Blondschopf zu “Rist ist darin viel besser.”

“Pavetta spielte immer gerne Schach.”, kommentierte der gesprächige Jarlssohn gleich schulterzuckend “Also saßen wir oft im Garten und spielten den halben Nachmittag lang. Ich habe nur ein einziges Mal gegen sie gewonnen. Sie war unglaublich gut.”

Anna’s Miene erhellte sich und sie musste nachgiebig lächeln. Sie hielt nicht viel von öden Spielen, in denen man zu viel denken und gefinkelte Strategien austüfteln musste. Leichte Kurzweil oder Gwent sagten ihr eher zu und dennoch fand sie es unterhaltsam ihre beiden Begleiter nun am Boden sitzen und Schach spielen zu sehen. Sie kam zu den Männern hin, beäugte das Spielbrett kurz und ließ sich dann ächzend bei ihren Kollegen nieder. Ihre Aufmerksamkeit wich gleich auf eine halbvolle Holzschüssel, die da herum stand. Sah aus wie Eintopf.

“Iss auf.”, forderte Rist von der Seite aus auf. Also gehörte das nicht aufgegessene Abendessen ihm. Zufrieden fischte die jüngere Frau nach der Schüssel.

“Wie war es in der Akademie?”, fragte Ravello eher aus Höflichkeit nach und Anna, die sich gerade einen Löffel der lauen, dicken Gemüsesuppe in den Mund steckte, sah auf. Natürlich benutzte sie dabei den Löffel ihres besten Freundes. Warum sollte sie sich auch davor ekeln und ihren eigenen holen? Sie beide reisten nun schon lang miteinander und standen sich nah genug, um auch ihr schon benutztes Geschirr miteinander zu teilen.

“Hm?”, machte die Kurzhaarige, nuschelte mit halbvollem Mund “War gut.”

“Was hast du dort so getrieben?”, wollte Hjaldrist beiläufig, aber aufrichtig interessiert, wissen, nachdem er einen der weißen Bauern seines Gegners umgeschubst hatte.

“Ich war im Labor. Und was ich da hergestellt habe, solltest du heute eher nicht probieren, Schnapsdrossel.”, grinste Anna und schenkte ihrem Kumpel einen überaus bedeutungsvollen Blick. Sofort verrutschte die Miene des ertappten Skelligers und Ravello lachte laut.

“...Nein, ich sollte heute keinen Alraunenschnaps kosten.”, bestätigte Rist verdammt trocken und seine dazu passende Begeisterung stand ihm ins farblose Gesicht geschrieben. Auch die Giftmischerin mit der Eintopfschüssel lachte jetzt erheitert.

“Bei Hemdall... ich trinke nie mehr so viel.”, brummte der Undviker schnaufend in sich hinein “Mein Kopf schwirrte mir bis vor wenigen Stunden noch. Wobei das auch von dem Mittel kommen hätte können, das du mir da gelassen hast, Flohbeutel.”

“Tja. Kannst du dich noch an gestern Abend erinnern?”, wollte die Novigraderin wissen und ihr Freund zog die Stirn kraus.

“Ich habe Paul gefunden. Dann musste ich kotzen.”, sagte Rist richtig, zuckte dann erneut die Achseln “Der Rest… ist eher schleierhaft.”

“Dachte ich mir. Du hast ja auch drei Viertel einer Schnapsflasche allein ausgetrunken. Mich wunderte es, dass du überhaupt noch stehen konntest.”, grinste die Frau und auch Ravello verkniff sich breit lächelnd jeglichen Kommentar.

“Ich… ich habe aber keinen Unsinn angestellt, oder?”, fragte der betroffene Skelliger dann vorsichtig und linste in dunkler Befürchtung zu Anna hin. Kurz zögerte jene, dann schüttelte sie entschlossen den Kopf.

“Nein, alles gut.”, versicherte sie nett und ließ den Moment, in dem ihr bester Freund sie stürmisch an die Tavernenwand gedrückt und später jämmerlich geweint hatte, außen vor. Rist war haltlos besoffen und nicht so ganz er selbst gewesen. Was gewesen war, war schon in Ordnung. Und es war ja auch nichts Schlimmes passiert. Es war Anna lieber, ihr Kumpel wurde im trunkenen Zustand sentimental, anstatt gewalttätig. Viele Männer wurden aggressiv und sehr anzüglich, wenn sie soffen und es wäre hart, träfe das auch auf den anwesenden Viertelelf zu.

“Gut…”, seufzte Hjaldrist leise und Ravello schaffte es tatsächlich den schwarzen Springer von vorhin aus dem Schachspiel zu nehmen. Der Skelliger am Streifen-Teppich wirkte derweil nicht allzu beruhigt. Offenbar machte er sich trotz allem einen Kopf wegen gestern; Weswegen genau auch immer. Anna fragte nicht weiter nach, als sie sich neben ihm an das Bett lehnte, den kalten Eintopf weiter aß und ihren Gefährten dabei zusah, wie sie ihre Schachpartie zu Ende spielten. Rist gewann, doch das war keine sonderlich große Überraschung.

 

Die restlichen Tage im beschaulichen Oxenfurt gestalteten sich als sehr, sehr ruhig. Anna und Hjaldrist verbrachten viel Zeit in der Bücherei der Akademie, während sich der gelangweilte Ravello als Eskorte irgendeiner arroganten Adelsdame verdingte. Ob er sie dabei wirklich nur als Leibwächter beschützte, war fraglich, aber auch einerlei. Wer ihn kannte, wusste doch, dass er nichts anbrennen ließ und jede Gelegenheit dafür nutzte der Damenwelt schöne Augen zu machen. Dass Svenja fehlte, störte ihn dahingehend offensichtlich keineswegs und das war gut. Anna hatte zu Anfang ja fast befürchtet, er trauere der verschwundenen Undvikerin hinterher oder wolle sie noch suchen. Ja, tatsächlich hatte sich die Rothaarige aus dem Staub gemacht und dies vermutlich direkt an dem Abend, an dem sie verstanden hatte, dass es ihr nicht geglückt war, ihre Gegenspielerin aus dem Norden todbringend zu vergiften. Svenja war klug genug gewesen zu verstehen, dass jemand, der von Hexern großgezogen worden war, erkannte, wann man ihm Tollkirschengift in das Getränk gegeben hatte. Also hatte sie gut daran getan sofort zu gehen. Ganz zum Unmut der Alchemistin, aber nun gut. Was sollte man auch machen? Die kleine Gruppe rund um Anna hatte letztlich doch besseres zu tun, als eine ehemalige Spionin eines skelliger Adelshauses ausfindig zu machen, um sie zur Rede zu stellen. Außerdem - und da war sich Anna so gut wie absolut sicher - hatten sie die durchtriebene Bogenschützin nicht zum letzten Mal gesehen. Svenja war schließlich auf ihre ganz eigene Art und Weise verrückt. Bestimmt würde sie eines Tages wieder angekrochen kommen... und entweder würde sie sich dann entschuldigen, um wieder bei ihrem geliebten Hjaldrist sein zu können, oder sie würde harte Rache nehmen wollen und all jene, die ihr nicht in den Kram passten, ermorden; oder es jedenfalls versuchen. Was letztere Annahme zu finster? Zu paranoid? Vielleicht. Aber besser, man war umsichtig, anstatt ein mögliches Problem völlig zu ignorieren, hatte Balthar immer gesagt.

 

*

 

Eine gute Woche nach dem Lösen des schrecklichen Fluches rund um Teresa, waren die Abenteurer also zu dritt aufgebrochen, um gen Norden zu reiten. Und sie brauchten nicht einmal eine Karte, denn eine gut befahrene Handelsstraße verband die Studentenstadt mit dem vermeintlich unabhängigen Ort am Meer. Zudem kannte sich Anna in der Gegend aus. Die Wege und Dörfer hatten sich, im Vergleich zu vor sechs Jahren kaum verändert. Und damals, da war sie lange hier umhergeirrt, um Novigrad zu finden. Als 15-Jährige war sie auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern allein umher gestromert und hatte sich einsam zurechtfinden müssen. Dies ohne, dass sie jemals eine große Landkarte in den Händen gehalten hatte oder auf eigene Faust gereist war. Also hatte sie ewig gebraucht, um ihr Ziel zu erreichen, und sich auch zwei, drei Mal verirrt. Und wenn man dies tat, so merkte man sich die Orte, in denen man gestrandet war wie ein orientierungsloser Schiffbrüchiger. Man prägte sich Dörfer ein, in denen man nach dem Weg hatte fragen müssen. Wegesbänke, an denen man verzweifelt gerastet hatte, blieben einem dabei genauso im Gedächtnis wie Schreine oder andere markante Bauten in der Wildnis. Und so lotste Anna ihre beiden Begleiter recht zielsicher der großen, florierenden Hafenstadt entgegen. Von weitem konnte man die hohen Mauern Novigrads schon sehen.

“Du kommst von hier, oder?”, fragte der gut gelaunte Ravello von der Seite aus, wie er da so neben der Hexerstochter und Hjaldrist her ritt. Interessiert musterte er sie, hatte seinen Helm an seiner ledernen Satteltasche festgebunden. Leise klackerte das silber-goldene Metall immer wieder gegen eine Schnalle der besagten, punzierten Tasche. Anna saß derweil hinter Rist im Sattel, denn sie hatte schließlich kein eigenes Pferd mehr. Die ersten paar Stunden ihrer Reise hatte der besagte Undviker seine Kollegin gar vor sich sitzen lassen. Dies war ihm aber zu ungemütlich geworden und demnach musste sich Anna nun damit begnügen den kümmerlichen Platz hinter ihrem Kumpan auszunutzen, während sie sich locker an dessen grüner Tunika festhielt. Zwischendurch war sie sogar einmal eingenickt, hatte an das Kreuz des Jarlssohns gelehnt geschlafen. Sie glaube noch immer einzelne Haare aus Hjaldrist’s kurzem Fellüberwurf im Mund zu haben. Urgh.

“Hmm…”, machte die Braunhaarige auf Ravello’s Frage hin “Ich wurde hier geboren und lebte bis zu meinem sechsten Lebensjahr hier, ja.”

“Also hast du hier eine Familie?”, wollte der Mann aus Toussaint weiter wissen und der Ausdruck der konfrontierten Frau verhärtete sich ein Stück.

“Ja.”, sagte sie knapp.

“Oh.”, lächelte der unwissende Blondschopf und beugte sich leicht vor “Was machen deine Eltern denn?”

Nun sah auch Rist auf und spitzte die Ohren. Anna hatte ihm einst von ihrer leiblichen Familie erzählt, doch war dabei sehr oberflächlich geblieben. Der dunkelhaarige Inselbewohner war damals noch nicht gut genug mit der Schwertkämpferin aus Kaer Morhen befreundet gewesen, als dass er sie neugierig ausgefragt hätte. Und bisher hatte er sie nicht wieder mit dem Thema belästigt, weil er geglaubt hatte, es sei Anna unangenehm. Um ganz ehrlich zu sein, hatte er auch nie eine wirkliche, passende Gelegenheit dazu gefunden. Dass der naiv anmutende Ravello all dies nun einfach so und geradeaus ansprach, erweckte auch das Interesse des Skelligers. Wer wusste denn nicht gerne besser über die Familien seiner engsten Freunde Bescheid?

“Mein Vater ist Fischer.”, sagte die Giftmischerin in der gestreiften Jacke mit wenig Begeisterung im Ton.

“Das bietet sich hier ja an. Novigrad liegt, wie Oxenfurt, direkt am Meer.”, kommentierte der Ritter und stellte sich nun sicherlich den Besitzer eines großen Fischkutters vor. Mit gut besuchtem Marktstand und allem drum und dran. Aber so war Anna’s Erzeuger nicht. Jemand wie der konnte doch froh sein ein altes Ruderboot zu besitzen und die Mäuler seiner vielen Kinder mit Mühe und Not stopfen zu können.

“Und hast du Geschwister?”, hakte Ravello weiter nach.

“Als ich das letzte Mal gezählt habe, waren es fünf. Glaube ich. Und ein sechstes Kind war unterwegs.”, meinte die Frau ehrlich und sah jetzt zu dem Blondschopf hin. Er wirkte ein wenig irritiert.

“Das… sind viele.”, stellte er räuspernd fest.

“Ja, das sind viele. Und wenn meine Karnickel von Eltern so weiter gemacht haben, wie damals, gibt es sicher noch ein paar mehr.”, sagte Anna hintergründig und mit wenig begeisterter Miene. Mehr hatte sie dazu nicht mehr zu sagen und allmählich schien es dem Beauclairer zu dämmern, dass seine Kollegin mit der Fuchssträhne nicht aus den besten Verhältnissen stammen musste.

“Äh… oh.”, stammelte er deswegen und sah schnell fort, wirkte betreten und kratzte sich am Hinterkopf. Auch Hjaldrist’s Gesicht war etwas härter geworden. Der Jarlssohn senkte den Kopf im Gegenzug zu Ravello aber nicht, sondern sah nur unergründlichen Blickes vor sich hin. Vielleicht wünschte er sich ja eine bessere Familie für Anna. Oder er bedauerte, dass ihre Erzeuger keine anständigen Leute waren. Wer wusste das schon?

“Meine leiblichen Eltern sind arm. Sie können es sich nicht einmal leisten innerhalb der Stadtmauern zu leben und haben eine kleine Hütte mit Strohdach... irgendwo zwischen den Toren und der Wäscherei vor Novigrad.”, sprach die Kurzhaarige offen weiter “Mein Vater ist Alkoholiker, meine Mutter eine unterbutterte redanische Hausfrau, wie sie im Buche steht. Und das war’s.”

“Tut mir leid.”, meinte Ravello schnell, doch Anna musste nur belustigt schnauben.

“Warum? Ich ging in sehr jungen Jahren mit Balthar mit und habe meine Eltern seither nur einmal gesehen. Ich habe kein gutes Verhältnis zu ihnen… oder eher: Gar keines. Also ist es mir auch egal, was mit ihnen ist.”

Der ältere Ritter runzelte die Stirn und warf Rist einen unschlüssigen Blick zu. Der Undviker schwieg.

 

Kaum eine halbe Stunde später hatten sie dann eines der südlichen Stadttore Novigrads erreicht. Froh darüber endlich aus dem harten Sattel zu kommen, sah Anna ungeduldig dabei zu, wie Rist von Apfelstrudel rutschte und benutzte dann einen der freigewordenen Steigbügel, um ebenso gelenk von dem braunen Tier herunter zu kommen. Sie hörte, wie Ravello’s prunkvolle Rüstung schepperte, als er es seinen Kumpanen gleich tat und sein weißes Ross am Halfter erwischte. Die beiden Torwachen nickten den Neuankömmlingen eher desinteressiert zu und ließen sie ohne weiteres passieren.

Laue Meerluft erfüllte die Straßen der Großstadt und eine angenehme Frühlingsbrise wehte einem um die Nase. Das Wetter war recht schön, die Straßen erfüllt von geschäftigen Leuten. Doch neben dem Geruch nach Salzwasser mischte sich entfernt der Gestank nach Rauch. Und zu den Füßen der Bürger Novigrads konnte man auf Anhieb zwei Bettler erkennen, die am Straßenrand saßen und den Vorbeigehenden nach Almosen bittend alte Schüsseln entgegen streckten. Einer der Obdachlosen hatte keine Beine mehr und lehnte daher in einem kleinen Holzkarren. Seine Beinstümpfe waren unordentlich verbunden worden und rot nässte es durch die fleckigen Verbände hindurch. Anna riss die taxierenden Augen schnell von dem Elend fort und ging vor, um ihre zwei Begleiter zu den großen Stallungen des weitläufigen Ortes zu führen. Ravello hingegen, starrte ungläubig. Der Ritter aus dem schillernden Beauclair kam nicht besonders gut damit zurecht Leid mit anzusehen. Er hielt gar inne, um den beiden Bettlern ein paar Kupfermünzen in ihre verbeulten Schalen zu werfen. Hjaldrist und die Hexerstochter warteten auf den gutmütigen Blonden und tauschten derweil vielsagende Blicke aus. Zwar war auch Rist nicht sonderlich daran gewöhnt gleich mehrere dahinsiechende Bettler an einem Fleck zu sehen, doch er war jemand, der solche Dinge offenbar besser verkraftete, als der pingelige und sensible Ravello.

“Am Hafen gibt es eine annehmbare Taverne. Den ‘Goldenen Stör’. Dort könnten wir später nach Zimmern sehen. Am zentralen Marktplatz gibt es auch noch ein Gasthaus… wobei die Zimmer dort wohl recht teuer sind. Hmm.”, sagte Anna, als sie neben ihrem besten Freund stand und auf den spendablen Ritter aus dem Süden wartete “Dort gibt es oft Vorstellungen. Die Taverne hat sogar eine richtige Bühne im Schankraum.”

“Welche Vorstellungen?”, fragte der Jarlssohn nach und schenkte seiner Kumpanin einen fragenden Blick.

“Musik. Es gibt viele Künstler in Novigrad.”, erklärte die Frau und lächelte leicht “Es gibt sogar ein kleines Theater. Ich habe mich damals einmal dort eingeschlichen, um ein Schauspiel über ein Märchen zu sehen, in dem die Prinzessin den Drachen heiratet, der sie entführt hatte, anstatt mit dem ehrenvollen Ritter zu gehen.”

Der überraschte Skelliger gluckste beim Gedanken an dieses Bild leise.

“Ich wusste nicht, dass du so etwas magst.”, gab er mit eigenartigem Unterton zu.

“Hm? Ich finde Schauspieler sehr unterhaltsam. Und ich mag Musik.”, sagte Anna mit erhobenen Brauen und recht schnell verlor Rist daraufhin sein schiefes Gegrinse. Stattdessen sah er fort, um sich wieder nach Ravello umzusehen. Er dachte kurz merklich nach, befeuchtete sich die Lippen mit der Zunge. Und dann wandte er sich noch einmal mit einem Vorschlag an Anna.

“Wir... könnten uns ja einmal eine Vorstellung in dem Theater ansehen gehen.”, meinte er ohne wieder zu der Frau zurück zu blicken. Der Ritter aus Toussaint schloss gerade rüstungsklappernd zu ihnen auf.

“Das wäre toll!”, nickte die Alchemistin und ihr Ausdruck erhellte sich sehr. Sie wusste nicht, warum Hjaldrist ihr vorgeschlagen hatte ins Theater zu gehen. Entweder schätzte er Komödien und Dramen auch oder er wollte einfach nur ein guter Freund sein, der auch abseits der Arbeit einmal etwas mit Anna unternahm. So oder so, sie freute sich.

“Fürchterlich!”, empörte sich Ravello, als er nun zu seinen wartenden Begleitern aufgeschlossen hatte “Habt ihr den Mann ohne Beine gesehen? Armer Kerl. Er war einmal Soldat, hat er gesagt.”

“Mhm.”, machte Hjaldrist “In großen Städten gibt es eben auch großes Leid.”

“Das stimmt.”, pflichtete die Giftmischerin bei und einer ihrer Mundwinkel verzog sich bedauerlich “Die Grätsche zwischen Reich und Arm kann hier wirklich groß sein. Seien wir froh, dass wir uns gut als Monsterjäger verdingen und nicht betteln müssen…”

Ravello entkam ein entnervter Laut. Dann nickte er jedoch zögerlich und versuchte seine düsteren Gedanken zu verscheuchen, indem er das Thema wechselte.

“Bringen wir die Pferde in den Stall und suchen uns dann etwas zu essen?”, fragte der Blonde “Ich verhungere noch und kann kein Trockenfleisch mehr sehen.”

“Das machen wir.”, nickte Anna, deren Magen auch längst vor sich hin rumorte, begeistert “Am Markt gibt es den besten Backfisch, den du jemals gegessen hast. Mit dicker Soße und Zwiebeln. Oh, und sie haben dort auch diese kandierten Nüsse.”

Ravello musste leise lachen und auch Hjaldrist grinste in sich hinein, rollte mit den dunklen Augen. Der Skelliger war wohl der einzige im Bunde, der nicht sehr auf Essen fixiert war oder stundenlang über Lieblingsspeisen sinnieren konnte. Fettiges, gebackenes Zeug und gebrannte Nüsse, das klang dennoch auch in seinen Ohren unglaublich gut.

 

Die Lust auf Essen und Süßigkeiten verging den drei Abenteurern bald. Als sie nämlich auf den zentralen Marktplatz Novigrads traten, den sogenannten ‘Platz des Hierarchen’, drängte sich ihnen übel stechender Geruch nach Rauch und verbranntem Fleisch entgegen. Es kratzte nur so in den Lungen. Anna kam gerade neben Hjaldrist zum Stehen, als sie perplex aufsah und das makabre Spektakel beobachten konnte, das sich einem hier bot. Unweit, zwischen der Vivaldi-Bank und den ganzen Marktständen, hatte man drei kleinere Scheiterhaufen aufgeschichtet. Dicke, massive Holzpfosten steckten in dem Reißig und Feuerholz. Einer davon brannte schon lichterloh, während die anderen beiden erst mit reichlich Öl übergossen wurden. Menschen waren mit Seilen und Ketten an die Eichenstämme gefesselt worden: Zwei Frauen mittleren Alters. Beide hatten rötliches Haar und während die eine herzzerreißend weinte, schrie die zweite, als man ihr das schlichte, graue Kleid mit Lampenöl bespritzte. Anna weitete die braunen Augen und ließ die Schultern sinken. Sie hörte, wie Ravello einen überfordert-verwirrten Ton ausstieß. 

Die Stimme eines groß gewachsenen, dunkel gekleideten Mannes, der vor den drei Scheiterhaufen auf und ab ging und dabei selbstgefällig erschien, schallte über den gut besuchten Platz. Eine bunte Menschentraube von Schaulustigen hatte sich vor ihm gesammelt und lauschte gespannt. Ein weiterer Kerl, gekleidet in Rot und Schwarz, brachte die eine gefesselte Schreiende soeben zum Schweigen, indem er sie mit einer Glefe bedrohte. Ein anderer Krieger in Lederrüstung wartete geduldig und mit steinerner Miene mit einer Fackel in der Hand.

“...denn verflucht sind sie, diese Magier und Hexen, diese Besessenen und Trankmischer! Ja, wem haben sie nicht geschadet, frage ich euch, mit ihren dunklen Zaubern und Giften?”, posaunte der Glatzkopf mit der dicken Narbe im Gesicht. Seine Visage war zu einer ernsten, angewiderten Maske verzogen und er breitete die Arme weit aus, als erwarte er Kritik seitens der Zuschauerschaft. Aber niemand widersprach ihm. Es war daher fraglich, ob man ihn fürchtete oder ob die dummen Menschen hier seinem abergläubischen Palaver tatsächlich ohne nachzufragen zustimmten. 

Anna spürte, wie der stechende Blick von Rist unangenehm auf sie traf. Und auf einmal fühlte sich ihre alchemistische Ausrüstung, die sie im Rucksack bei sich trug, zentnerschwer an. Der arme Magen wurde ihr flau und der Mund ganz trocken.

“Diese rothaarige Hexe hier half Frauen dabei deren ungeborene, wehrlose Kinder zu töten! Mit dunkelster Magie trieb sie sie ab und dies ohne schlechtes Gewissen! Sie verkaufte Elixiere, die der Empfängnis entgegen wirken und verpestete die Geister guter, gläubiger Bürgerinnen Novigrads!”, schuldigte der laute Redner zornig an und zeigte auf die, die da von dem Wachmann mit der Glefe dazu gebracht wurde den Mund zu halten. Sie schüttelte den Kopf hastig, fluchte, wurde mit der langen Waffe des Rot-Schwarzen gestochen und schrie auf. Anna fuhr heftig zusammen und fühlte sich urplötzlich richtig klein.

“Was zum Geier…”, wisperte Rist neben ihr ungläubig und der stupide Mob am Platz tat unmissverständlich kund, dass er dem Hassredner im nietenbeschlagenen Ledermantel zustimmte: Laute ‘Buuhs’ hallten über den Markt und eine dickliche Frau bewarf die vermeintliche ‘Hexe’ am Scheiterhaufen mit einem Ei. Gräulicher Dotter und Eiweiß spritzten.

“Die Entscheidung darüber Kinder zu gebären, obliegt zuletzt den Ehemännern und den Göttern. Die Hexe stellte sich also gar über letztere. Kein Mensch sollte so etwas tun, denn es ist frevelhaft und höchst verwerflich!”, blaffte der Glatzkopf gestikulierend weiter und spuckte angeekelt aus.

“Blasphemie!”, grölten die Zuschauer gleich und noch ein Ei flog, traf die Gefesselte an der Schläfe und beschmierte ihr das hübsche Gesicht “Verbrennt sie!”

“Und es scheint, als seien alle Rothaarigen verflucht, nicht wahr? Denn diese hinterhältige Magierin hier”, der Sprechende deutete auf die zweite Gefangene, die noch immer laut weinte “Besaß Bücher über okkulte Vorgehensweisen! Man sah sie gar dabei nackt im Wald zu tanzen!”

“Das ist nicht wahr!”, weinte die Todgeweihte verzweifelt und schüttelte den langhaarigen Kopf. Es stank nach Öl und Tod.

“Sie soll sterben!”, gellte der wütende Mob mit emporgehobenen Fäusten.

“Die Ewige Flamme soll ihre verkommenen Seelen reinigen!”, donnerte es und der eine Wachmann erhob seine Fackel, als sei der lodernde, wachsgetränkte Lappen, der sich um den Stock wand, heilig. Die aufgeregten Zuschauer jubelten und priesen das ‘Ewige Feuer’ an. Wieder flog ein Ei, dann eine faulige Tomate. 

Anna standen die trockenen Lippen vor negativer Überwältigung offen und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Vollkommen vor den Kopf gestoßen war sie und ihre wirren Augen wanderten unstet, als sie sah, wie die zwei Scheiterhaufen schließlich angezündet wurden. Die gefesselten Frauen schrien um ihre Leben, wollten zappeln und warfen die Köpfe herum, doch es brachte ihnen nichts. Binnen Sekunden wurden sie von den gierigen Flammen erfasst. Der zornige Mob applaudierte und grölte Zustimmung, während sich Anna eher unbewusst an die Seite des Kopfes fasste und damit die fuchsrote Strähne in ihrem Haar verbarg. Ravello, der das sah, nahm sich geistesgegenwärtig die blaue Bundhaube ab und setzte sie seiner sprachlosen Begleiterin nervös auf. Irritiert hielt die Novigraderin inne, sah zu dem vorsichtigen Beauclairer auf und spürte dann schon, wie man ihr den schweren Rucksack vom Rücken zog.

“Hey…”, machte sie leise und überfordert, sah sich um und erkannte, wie Hjaldrist ihr Gepäck mit strenger Miene an sich nahm. Keinen Atemzug später drückte er ihr dafür seine Sachen in die Hand.

“Trag das.”, forderte er ernst und Anna wusste auch weswegen: Der Skelliger besaß KEINE Tränke, Tinkturen, Gifte, Kräuter, Essenzen und wissenschaftlichen Bücher. Der Rucksack seiner Freundin hingegen, war voll damit.

“Rist.”, zischte die Kurzhaarige mit der Bundhaube am Kopf protestierend, doch es brachte nichts. Sie kassierte dafür bloß einen mahnenden Blick.

“Sei still.”, bat der Schönling, als er Anna’s Kram schulterte “Und lass uns zur Taverne am Hafen gehen. Wir können später noch auf den Markt. Dann, wenn die Spinner da vorne weg sind...”

Die starrende Anna schluckte und erwiderte nichts mehr. Denn sie wusste, dass es nichts brächte nun gegen den eisernen Hjaldrist anzureden. Er hatte sich gerade dazu entschlossen die Sieben Sachen seiner jüngeren Gefährtin zu tragen, um im Falle einer Durchsuchung und mit viel Pech derjenige zu sein, den man als ‘bösartigen Alchemisten und Zauberer’ in Gewahrsam nahm. Eine stumme und doch große Botschaft, die der Kurzhaarigen einen äußerst kalten Schauer über den Rücken jagte. Der Beschützerinstinkt des Undvikers ging in ihren Augen definitiv zu weit.

“Ja, lasst uns bitte gehen…”, sagte Ravello aufgebracht und zwang sich krampfhaft dazu von den brennenden Leichen, die an den lodernden Holzstämmen hingen, fort zu sehen. Ein wehleidiges Stöhnen entkam ihm, als er die stumme Anna folglich vor sich her schob.

 

Anna war, bis die kleine Gruppe den ‘Goldenen Stör’ am novigrader Hafen erreicht hatte, unglaublich nervös und paranoid gewesen. Denn in den Straßen hatte sie immer wieder welche der ruchlosen Anhänger des Ewigen Feuers gesehen. Diese Hexenjäger. Jene waren schließlich nicht wirklich unauffällig gekleidet: Sie trugen Ledermäntel oder -wämse, die schwarz oder braun und nietenbeschlagen waren, Riemen aus rot gefärbtem Leder, dicke Kettenhemden, Hüte mit breiten Krempen. Es war fast so, als gehörten diese Kleidungsstücke zu ihrer Uniform. Viele von ihnen trugen dabei Jacken mit Krägen, die so hoch waren, dass sie den Männern und Frauen bis zu den Wangenknochen reichten. Nicht selten waren diese Leute hünenhaft und schwer bewaffnet, mit Narben in den strengen Gesichtern, Gürtelbüchern an den Hüften  oder Augenklappen. Man hatte also tatsächlich den Eindruck, dass sie auf militärischer Ebene ganz genau wussten, was sie taten. Und damit nicht genug, denn auch viele Priester in weiß-roten Kutten prägten das Straßenbild Novigrads. Auf ihrem Weg zur Taverne hatte Anna einen davon auf einer Kiste stehen und zu den aufgeregten Leuten sprechen sehen. Über das Ewige Feuer und reinigende Flammen hatte er palavert, der religiöse Spinner, und die Zuhörer hatten zustimmend genickt oder mit ihm gebetet. Sie hatten Magiebegabte, Kräuterfrauen, Orakel und Alchemisten verteufelt, als seien jene Schuld an all dem Leid der grausamen Welt. Es war grotesk und falsch, so falsch. Novigrad war sonst doch immer eine freie Stadt der Möglichkeiten gewesen.

“Oh, wo sind wir da nur rein geraten. WIE soll man in einem Zustand wie dem hiesigen eine Frau finden, die sich mit Magie befasst…? Herrje… und hier werden zudem auch noch harmlose Trankmischer verfolgt. Ich fühle mich echt nicht wohl.”, Anna fuhr sich mit einer kalten Hand über das Gesicht und schüttelte das Haupt, als sie auf der schmalen Kante ihres Bettes saß und nicht mehr wusste, wie sie die Professorin namens Mia Baran - die eine Hilfe für Rist wäre - finden sollte. 

Zusammen mit Ravello und Hjaldrist hatte sich die Kriegerin aus Kaer Morhen ein einziges Zimmer mit zwei Betten darin gemietet, denn es hatte nurmehr dieses eine gegeben. Es war nicht ideal, aber für ein paar Tage schon in Ordnung. Der zuvorkommende Ritter im Bunde, der sich etwas fehl am Platz gefühlt hatte, hatte sich schon ein Schlaflager am harten Boden herrichten wollen, als man ihm eines der beiden harten Betten überlassen hatte. Die anwesende Novigraderin hatte nämlich beschlossen - wie schon so oft - einfach bei ihrem besten Freund zu schlafen. Es war zuletzt nichts neues, dass sie sich eine Schlafgelegenheit teilten und, bei Melitele, kurz nach ihrem Wiedersehen, war Anna dabei auch noch sehr… kuschelbedürftig gewesen. Zusammen zu schlafen war demnach kein Problem. Also hatte Hjaldrist auch nur gleichgültig mit den Schultern gezuckt, als die Frau ihre Matratze guten Gewissens dem Ritter überlassen hatte. Dies hatte Ravello zunächst irritiert, doch nachdem Anna ihm knapp erklärt hatte, dass es in der Vergangenheit oftmals nötig gewesen war, dass sie sich mit Rist eine Matratze oder einen Zeltplatz teilte, hatte der Blondschopf nurmehr die Brauen gehoben und nicht mehr nachgefragt. Dass er Hjaldrist dabei ein schiefes Lächeln zugeworfen und der betroffene Skelliger daraufhin nervös weg gesehen hatte, hatte die Frau nicht mehr bemerkt. Denn sie hatte sich schon seufzend daran gemacht ihren wertvollen Alchemiekram hinter einer der wackeligen Kommoden zu verstecken. Niemand sollte erfahren, dass sie mit Tränken und Kräutern hantierte. War bei der momentanen Lage im ungnädigen Novigrad besser so. Sie hatte nämlich ganz entschieden keine Lust darauf am Scheiterhaufen zu landen.

Jetzt, nachdem sich die drei Abenteurer also etwas in ihrem Zimmer breit gemacht und die Schlafsituation geklärt hatten, saß Anna auf ihrem Bett und stöhnte entnervt.

“Meine Sachen habe ich schon mal versteckt…”, fing sie grüblerisch an “Aber was ist mit meinen Haaren?”

“Hmm…”, machte Ravello, der auf einem Stuhl nahe des Bettendes lehnte und musterte seine Gefährtin besorgt. Er pickte eine Trockenpflaume aus einem kleinen Leinenbeutelchen und steckte sie sich in den Mund.

“Schneid sie ab.”, kam es von der Seite und die angesprochene Giftmischerin sah zu Hjaldrist hin, der da neben ihr saß und beiläufig ein kleines Loch in seinem teuren Mantel flickte “Wenn diese Spinner da draußen wirklich glauben, dass rötliche Haare ein Merkmal von ‘Hexen’ sind, dann bist du nur dann wirklich sicher, wenn du keine solchen Haare hast. Nicht einmal eine Strähne davon.”

Anna runzelte die Stirn tief und Ravello sah augenblicklich ziemlich schockiert aus.

“Sie soll sich die Haare abschneiden?”, fragte der Blonde nach und betrachtete Rist, als habe der gerade etwas völlig anstößiges gesagt.

“Ihr ist ihre Frisur doch egal. Wäre dem nicht so, hätte ich es auch nicht vorgeschlagen.”, rechtfertigte sich der Jarlssohn schlicht und verknotete die beiden Enden eines Nähgarns. Das Loch in seinem Überwurf war damit passé.

“Wirklich?”, murrte der Beauclairer und richtete die Aufmerksamkeit auf Anna zurück. Jene hatte den Mund unzufrieden verzogen.

“He! Mir sind meine Haare NICHT egal.”, schnaufte sie.

“Achso?”, grinste der Viertelelf hintergründig und wurde dafür in die Seite geboxt. Er wusste daraufhin nicht, ob er ächzen oder lachen sollte. Ravello schmunzelte breit und schüttelte den Kopf.

“Aber das mit dem Abschneiden wäre wirklich eine Idee.”, setzte die Hexerstochter fort “Zumindest auf der einen Seite. Ich habe das schon einmal bei jemandem gesehen. Sah ganz gut aus. Es ist jedenfalls besser, als nur eine Kapuze zu tragen und zu hoffen, dass niemand unter sie späht.”

“Na, wenn du meinst...”, sagte Ravello langsam und skeptisch. In Toussaint hatte er es schließlich immer nur mit Prinzesschen zu tun gehabt; mit gepuderten, peniblen und hübschen Mädchen in schönen, wallenden Kleidern. Solch einer Frau zu sagen, sie solle sich die geliebten Haare abschneiden, wäre nicht denkbar gewesen. Daher wunderte sich der Weiße Hase heute immer wieder über Anna, die so gar nicht dem Bild einer Dame aus Beauclair entsprach. Manchmal, da mutete sie in ihrer Denkweise gar wie ein wahrhaftiger Kerl an. Aber war dies verwunderlich, wenn man bedachte, dass sie wie einer erzogen worden war?

“Rist, du hast die Schere.”, bemerkte Anna, als sie sich wieder zu ihrem Freund umsah. Dann deutete sie auffordernd an ihre linke Kopfseite, an der die fuchsrote Strähne prangte, die sie Adlet’s Trank von damals zu verdanken hatte “Mach mal.”

“Was?”, schnappte der Skelliger wirr “Ich?”

“Ja. Und mach sie richtig kurz, damit man keinen farblichen Unterschied mehr sieht.”, lächelte die Hexerstochter schmal, während sie hoffte, dass sie das, was Hjaldrist gleich tun würde, nicht noch bereute. Die Haare auf einer Seite, bis knapp über dem Ohr, kürzer zu haben, würde ihr doch stehen? Naja. Augen zu und durch...

Momente später saß Rist dann auch schon seiner jüngeren Freundin zugewandt auf der Bettkante. Er fischte nach einer dicken Haarsträhne und legte die zum Schneiden geöffnete Schere, die er zuvor beim Flicken seines Mantels verwendet hatte, flach an Anna’s Kopf an.

“Sicher?”, fragte er noch einmal kritisch.

“Mach schon.”, forderte die Abwartende und fummelte dabei etwas unruhig an ihrem unteren Hemdsaum herum. Ravello reichte ihr etwas Trockenobst.

 

Kaum eine halbe Stunde darauf war Hjaldrist fertig und beäugte das Ergebnis seiner Laien-Haarschneidekunst mit erhobenen Brauen. Leicht nickte er, als lobe er damit sich selber, dann klopfte er Anna die Schulter.

“Fertig.”, sagte er, ließ die scharfe Schere sinken. Ravello sah abwartend zwischen den beiden Monsterjägern hin und her, als sich Anna an die nahezu kahl geschnittene, linke Kopfhälfte fasste und dort mit der Handfläche über die sehr kurzen Haare rieb.

“Ungewohnt.”, kommentierte sie, linste prüfend zu ihrem Kumpel aus Undvik hin. Jener musterte sie aufmerksam und da war ein Anflug eines Lächelns, das an seinen Lippen zog. Gefiel ihm, was er sah? War das gut oder schlecht?

“Und…?”, wollte die Novigraderin unsicher wissen, doch ihre Sorgen wurden schnell zerschlagen.

“Sieht toll aus.”, meinte Rist aufrichtig und schien ganz stolz auf sich zu sein.

“Ja, es steht dir.”, warf Ravello noch nett ein und Anna fühlte, wie ihr das Herz gleich leichter wurde. Das, obwohl sie wusste, dass der Hase aus Toussaint sehr schnell dabei war Komplimente auszusprechen. Hjaldrist aber nicht unbedingt. Und der hatte gesagt, ihr Haarschnitt sei ‘toll’. Zufrieden lächelte die Frau.

“Hmmm. Weißt du was?”, setzte der Jarlssohn am Bett fort “Ich will auch.”

Überrascht taxierte die Trankmischerin ihren entschlossenen Freund.

“Uh? Wirklich?”, meinte sie verblüfft.

“Ja, aber an beiden Seiten.”, schlug er ganz offen vor “Meine Matte nervt mich mittlerweile und sie wieder zur Gänze kürzer zu schneiden, ist mir zu langweilig.”

“Meine rechte Hand ist noch immer kaputt, Rist.”

“Faule Ausrede. Du kämpfst doch auch mit Links, nicht? Da kann es doch nicht so schwer sein eine Schere zu bedienen. Hier.”

Und mit diesen Worten überreichte er seiner sprachlosen Kollegin, die so viel vom Haareschneiden verstand, wie er selbst - nämlich nichts -, das Schneidewerkzeug. Ein wenig verdattert nahm Anna jenes auch entgegen und nach kurzem Zögern, deutete sie Hjaldrist an ihr eine Seite des Kopfes zuzudrehen, damit sie anfangen könnte. Hoffentlich stellte sie sich dabei einigermaßen gut an. Sie hatte nur wenig Lust darauf mit dem Jarlssohn streiten zu müssen, weil er nach ihren Bemühungen aussah wie ein Besen.

“...als ich klein war, kippte ich mir einmal aus Versehen dicken Holzleim über den Kopf.”, fing die Anna mit dem Erzählen an, als sie ihrem besten Freund dann bedächtig die Haare schnitt. Sie musste leicht grinsen, als sie beschriebene Szene von früher ganz genau vor dem geistigen Auge sah.

“Holzleim? Wie das?”, wollte Ravello irritiert wissen.

“In Kaer Morhen standen ein paar Reparaturarbeiten an, denn die Burg ist nicht mehr die neueste, und irgendjemand ließ einen kleinen Eimer Kleber auf einem der Tische in der großen Halle stehen. Natürlich sah ich das und wollte unbedingt wissen, was in dem Kübelchen ist.”, erzählte Anna ruhig weiter “Also ging ich hin, zog neugierig am Eimer und er fiel mir entgegen. Das Resultat war eine heulende 6-Jährige mit ziemlich versauten Haaren.”

“Oh nein…”, lachte der Ritter aus Beauclair leise hinter vorgehaltener Hand und man konnte auch Rist amüsiert glucksen hören.

“Ja…”, sagte Anna heiter “Im Nachhinein klingt es wirklich lustig, aber damals war das eine Tragödie. Vadim musste mir die Haare verdammt kurz schneiden, damit man all den Leim wieder von meinem Kopf bekam.”

“So kurz wie heute an der einen Seite?”, fragte Ravello nach und die Giftmischerin nickte. Sie schnitt noch ein paar Stellen hinter Rist’s linker Schläfe zurecht.

“Zudem wurde es Winter und in Kaer Morhen kann der schon einmal richtig hart ausfallen. Man hat mir also eine dicke, knallbunte Strickmütze aufgesetzt, damit ich damit aufhöre über meinen kalten Kopf zu jammern. Im Nachhinein betrachtet, sah das wohl ganz schön dämlich aus…”, lachte Anna leise und begann zu witzeln “Hexer haben nicht unbedingt ein Gespür dafür Klamotten aufeinander abzustimmen oder kleine Mädchen passend zu kleiden.”

“In Skellige haben wir Mützen, die dick mit Bärenfell gefüttert sind.”, warf Hjaldrist dazu passend und schmunzelnd ein “Als Kind hatte ich eine davon. Die haben Ohrenklappen, die man unter dem Kinn zusammenbinden kann, und sehen sicherlich nicht viel besser aus als dein gestrickter Farbklecks von damals.”

“Wahrscheinlich nicht, ja…”, schnaubte die Frau belustigt und musste den Kopf schütteln. Dann machte sie sich daran auch die zweite Seite von Hjaldrist’s schwach hell melierter Haarpracht zu bearbeiten.

“Hmm… also, Jungs...”, machte sie nach nur einer kurzen Schweigepause und die Männer horchten auf “Was sollen wir nun eigentlich machen?”

“Wegen der Professorin aus Oxenfurt?”, fragte der wissende Undviker am Bett gleich nach.

“Ja… wir wollten sie doch suchen und sie darum bitten, dass sie dir weiterhilft. Auch, wenn wir in der Akademie einige Aufzeichnungen gefunden haben, die wir nurmehr übersetzen müssen.”, erinnerte Anna “Aber nachdem Leute wie diese Lehrerin hier mit Sicherheit von den Hexenjägern gesucht werden, verstecken sie sich bestimmt… oder aber wir haben viel Pech und Mia ist längst geflohen.”

“Mhm. Die Situation in der Stadt macht das Aufspüren dieser Frau nicht einfacher.”, brummte der Skelliger leise und fuhr sich über das unrasierte Kinn, sah nachdenklich in die Leere. Auch er schien noch nicht so recht zu wissen, wie sie vorgehen sollten. Und er wirkte auch sorgenvoll.

“Eine Idee wäre es irgendwelche Leute zu finden, die sie kennen könnten, und sie nach Mia zu fragen. Wirte, Waschweiber, Nachbarn, Verwandte, Freunde…”, sinnierte Anna “Nur weiß ich nicht, wie klug es ist einfach herum zu spazieren und preiszugeben, dass man jemanden wie sie sucht. Vielleicht wissen die Hexenjäger schon über sie Bescheid und man macht sich selbst verdächtig, indem man sie sucht.”

“Hm… sollten die Leute des Feuerkultes auf einen aufmerksam werden, könnte man noch immer behaupten, dass man Magier und ähnliche Personen einfangen möchte, um Kopfgelder zu kassieren. Oder?”, fiel es Rist ein und er hielt den Kopf brav für seine Freundin still “Wir sind Ungeheuerjäger. Also könnten wir so tun, als seien wir so geldgeil, dass wir Alchemisten, Magiebegabte und so weiter ausliefern wollen, um dafür einen guten Sold zu kassieren.”

“Das klingt schlau.”, nickte Ravello, obwohl er sich für gewöhnlich aus dem ‘Jägergeschäft’ heraus hielt und sein eigenes Ding drehte, das weniger mit Monstern zu tun hatte “Man könnte sogar weiter gehen: Diese Religiösen direkt ansprechen und sie fragen, ob sie Arbeit für einen haben.”

Anna hielt mit dem Haareschneiden inne und sah auf. Auch der Skelliger bei ihr spitzte die Ohren und schwieg abwartend.

“Versteht ihr, was ich meine?”, schloss der Blondschopf im kleinen Zimmer zögerlich “Wäre das keine Idee?”

Über die Schulter warf Rist seiner Begleiterin einen skeptischen Blick zu. Einen, den sie mit einer ganz bestimmten Berechnung in den braunen Augen erwiderte.

“Es wäre wirklich eine Idee…”, sagte sie langsam und sah, wie Hjaldrist damit anfing nachzudenken “Wir geben vor Kopfgeldjäger zu sein. Mein Medaillon wird zudem als Beweis reichen, dass wir gut darin sind Ergebnisse zu liefern.”

“Du meinst, sie kennen deine Zunft?”, hakte der Undviker nach.

“Es sind religiöse Leute, die Anderlingen nachjagen. Ich nehme also schon an, dass ihnen die Hexerschulen ein Begriff sind.”, schätzte die Giftmischerin “Und wenn nicht, erklären wir ihnen eben, was Hexer so tun. Und dass wir dabei helfen wollen ‘Ketzer’ zu fangen.”

“Mh.”, machte Rist knapp “Naja… ja. Wir könnten es versuchen. Vielleicht trauen uns die Bastarde ja tatsächlich und stecken uns wertvolle Informationen zu. Aber wir sollten trotzdem vorsichtig sein.”

Anna lächelte schmal.

“Das werden wir.”, sagte sie und schenkte Ravello einen amüsiert-anerkennenden Blick “Ich dachte mir nicht, dass dir mal solch ein guter Einfall kommt, Hase.”

Der Ritter musste abfällig lachen.

“Was soll das heißen?”, wollte er gespielt vorwurfsvoll wissen und man sah Hjaldrist breit grinsen.

“Ach nichts.”, sagte die 21-Jährige schnell und verkniff sich einen dämlichen Kommentar “Begleitest du uns?”

“Zu den Feuertypen?”, hakte der Blonde kleinmütig nach “Uhm… nehmt es mir nicht übel, aber ich passe.”

“Mit seiner Rüstung würde er so und so nicht als Kopfgeldjäger durchgehen.”, kommentierte der Schönling neben Anna abschließend “Wir sollten die Sache zu zweit durchziehen.”

 

Anstatt auf den Markt zu gehen, um dort Backfisch zu kaufen, hatten die Abenteurer im ‘Goldenen Stör’ gegessen. Obwohl Anna ihre Tranktasche im Zimmer versteckt und Hjaldrist ihre Haare an der Seite mit der auffallenden, rötlichen Strähne geschnitten hatte, zog sie nichts an den Ort, an dem man vor kurzer Zeit noch drei Menschen bloßgestellt und verbrannt hatte. Ja, sicherlich hingen die verkohlten Leichen noch dort herum; als stille Mahnung an die Bevölkerung. Weder Anna, Hjaldrist, noch Ravello wollten dies sehen und daher hatten sie sich dazu entschlossen den zentralen Marktplatz zu meiden, während sie durch die Stadt bummelten. Zwar sah man die Anhänger der Feuerscheiße gelegentlich überall, doch immerhin blieb man vom Anblick und dem Gestank mehrerer Brandleichen verschont. 

Anna führte ihre beiden Gefährten also durch die belebte Großstadt und zeigte ihnen die wenigen Orte oder Lädchen, die sie noch von ihrem letzten Besuch in Novigrad kannte und interessant fand. Zumindest das sollte am ersten Tag ihrer Ankunft drin sein. Denn morgen Früh würden sie schon als vermeintlich skrupellose Kopfgeldjäger bei den Anhängern der Ewigen Flamme vor der Türe stehen. Ach, das könnte ja noch was werden…

 

“Und das hier ist die ‘Passiflora’, das größte Bordell, das ich jemals gesehen habe.”, die Novigraderin hielt vor einem großen Haus, das gesäumt war von Efeu und Rosenbüschen. Laternen aus Papier wiegten sich in dessen Eingangsbereich im Wind. Zwei große Holztreppen führten an der Hausfront in die erste von vier Etagen und hohe Fenster ließen das Etablissement recht elegant anmuten. Ein hübscher Springbrunnen plätscherte vor sich hin.

“DAS ist ein Bordell?”, staunte Ravello und Anna nickte.

“Normalerweise sind solche Läden immer recht schmierig und heruntergekommen, hm?”, meinte sie, als sie zu dem Blonden hin sah, dessen Interesse an der ‘Passiflora’ eindeutig geweckt worden war. Sie musste lachen, als sie den neugierigen Blick des Lebemannes sah und konnte ahnen, dass er Lust darauf hatte in den kommenden Tagen einmal hier aufzuschlagen.

“Ich habe gehört, das Bordell sei teuer.”, mahnte die Kurzhaarige gleich feixend “Du kannst dir das sicherlich nicht leisten.”

“Pfff.”, machte der ertappte Beauclairer “Ich gehe demnächst einfach mal da rein und sehe, wie weit ich komme, ohne zu viel zu bezahlen.”

Dann sah der Blondschopf zu Hjaldrist hin und lächelte schief.

“Kommst du dann mit? Wird sicherlich witzig und die Mädels fliegen bestimmt auf dich. Die bezahlen doch eher uns beide als andersrum.”, meinte der Ritter in der prunkvollen Rüstung vorfreudig und brachte den Skelliger damit dazu die Brauen zu kräuseln. Der Axtkämpfer drehte Ravello den Kopf zu und beachte ihn mit einem unglaublich desinteressierten, leicht pikierten Blick. 

“Was?”, fragte der Undviker mit tiefem Unterton, als habe er sich verhört. Anna verkniff sich ein lautes Lachen und wunderte sich einmal mehr darüber, dass Rist einfach nie auf solche Forderungen ansprang. Aber gut, er war nach wie vor eben ein Mann der sehr anständigen Sorte. Oder aber er war klammheimlich beachtlich schüchtern und überspielte dies mit seiner ruhigen, abschätzigen Miene.

“Meinst du nicht?”, hakte der Blonde nach “Ich stehe nicht auf Männer, aber du bist schon ganz ansehnlich, das muss ich zugeben.”

Dem Viertelelf entkam ein überforderter Laut, ehe er den größeren Beauclairer dazu aufforderte die blöde Klappe zu halten.

“Und nein, kein Interesse. Such dir jemanden anderes für gemeinsame Puff-Besuche.”, entkam es dem Inselbewohner und Ravello zuckte mit den Schultern. Dann hefteten sich seine blaugrauen Augen auf Anna, die da still und belustigt zwischen den Kriegern stand.

“Anna?”, fragte der Blonde auf einmal mit einer stummen Herausforderung in der Stimme.

“Hä?”, machte sie “Nein, nein. Schlag dir das aus dem Kopf! Ich gebe dafür doch kein Geld aus! Für den Preis von ner Alten da drin kann man sich sicherlich mehrere Mahlzeiten in einem guten Gasthaus kaufen.”

“Ach, komm schon.”, grinste der Charmebolzen aus dem Süden “Du magst hübsche Mädchen doch auch.”

“Die haben dort sicherlich nicht nur Frauen…”, kommentierte Anna entnervt.

“Na, siehst du. Doppelt gut für dich!”

“Vergiss es.”

“Warst du überhaupt schon mal in einem Bordell?”

“Das tut nichts zur Sache!”, beschwerte sich die Novigraderin halb ernst und verschränkte die Arme augenrollend “Also... du bist wirklich unglaublich, Ravello!”

Die kopfschüttelnde Alchemistin bemerkte nicht, wie der leicht angespannte Hjaldrist neben ihr erleichtert durchatmete, als sie dem Beauclairer und dessen abendlichen Plänen eine Abfuhr erteilte. Beruhigt lächelte der Skelliger in sich hinein.

 

Am folgenden Abend ging Ravello früh schlafen, während Anna und Hjaldrist noch unterwegs waren, um am großen Hafen entlang zu spazieren. An einer gewissen Ecke der stinkenden Docks, so hatte der Wirt des ‘Goldenen Störs’ gesprächig erzählt, gäbe es regelmäßig harte Straßenkämpfe. Und jene wollten die beiden Reisenden nun unbedingt sehen. Sie waren noch zu aufgerüttelt, als dass sie, wie ihr ausgelaugter Begleiter aus Toussaint, ins Bett gehen wollten und freuten sich darauf den ein oder anderen Kupfer auf einen dreckigen Gossenschläger zu setzen.

“Du könntest ja mitmachen, ‘Felsen’.”, grinste Anna, als sie neben ihrem Freund her ging und warf ihm einen höchst amüsierten Blick zu “Und ich wette dann auf dich. So verdienen wir uns eine goldene Nase!”

Der Skelliger musste kurz lachen.

“Glaubst du nicht, das wäre zu auffällig? Zwei Neue kommen in der Stadt an und werfen sich auf einen Haufen, um in Straßenkämpfen viel Geld zu machen…”, fasste der Jarlssohn zusammen.

“Vermutlich.”, schmunzelte Anna breit und steckte sich die Hände in die Taschen. Trotz allem versuchte sie sich die Laune nicht von den unmenschlichen Zuständen in Novigrad vermiesen zu lassen. Sie ignorierte die Hexenjäger, die man hier und da sah, weitgehend und konzentrierte sich lieber auf lockere Gespräche mit ihrem Freund. Es war recht kühl geworden und die Hexerstochter war froh über ihren Mantel aus brauner Wolle. 

Kleine Wellen schwappten ruhig und rhythmisch an die Hafenmauern und man konnte ein Boot sehen, das zum Nachtfischen auslief. In manchen dunklen Seitengassen lungerten lallende Leute herum, doch interessierten sich nicht für Anna und Rist. Ein schwankender, halbnackter Mann wich ihnen gerade noch so aus und murmelte dabei wirres Zeug. Es war ein Wunder, dass der zugedröhnte Typ nicht stürzte und ins Meer fiel, fand die Alchemistin und ihrem Kollegen schien gerade derselbe Gedanke zu kommen.

“Du kannst noch immer nicht schwimmen, Anna.”, bemerkte er nämlich richtig und linste aus dem Augenwinkel zur Konfrontierten hin. Kalt erwischt zuckte sie zusammen und verengte den Blick etwas.

“Ja…”, meinte sie langsam und dies klang fast schon nach einer Frage “Ich weiß.”

“Ich bin noch immer der Meinung, dass du es lernen solltest.”, kritisierte der Undviker, den man schon als Kleinkind in das Meer vor seiner Heimatinsel geworfen hatte, damit er es lernte nicht wie ein Stein unterzugehen.

“Mmh…”, entkam es Anna ein wenig wehleidig “Ja, ich weiß.”

“Also?”, wollte der drängende Skelliger erwartungsvoll wissen und fing sich dafür einen unschlüssigen Blick seitens seiner Begleiterin ein.

“Was? Willst du, dass ich hier und jetzt in das Wasser springe? Urgh. Da muss ich dich leider enttäuschen.”, entgegnete die Frau und deutete dem dunklen Meer vor Novigrad entgegen. Ruhig schaukelten vertäute Schiffe hier an den Docks.

“Hast du die Dreckssuppe da heute Nachmittag gesehen?”, fragte Anna “DA gehe ich nicht rein. Ganz sicher nicht.”

Hjaldrist lächelte schief und holte Luft, um zu scherzen.

“Du bist aber pingelig.”, neckte er mit gespielt vorwurfsvollem Unterton.

“Pah, geh du doch hier baden.”, protestierte die Schwertkämpferin “Ich hole mir dabei jedenfalls keine Krankheiten. Die Leute kippen doch ihren ganzen Unrat ins Wasser.”

“Ich habe gehört, das ist gut für die Haut, Arianna.”

“Wah, scheiß auf die Haut...”

“Buchstäblich.”, schloss der Undviker die Diskussion um die Wasserqualität vor Novigrad richtig einschätzend. ‘Scheiße’ war doch zutreffend, oder nicht? In mehrerlei Hinsicht. 

Anna musterte den älteren Mann schiefen Blickes, doch konnte sich ein erheitertes Schnaufen nicht verkneifen. Eine kurze Schweigepause tat sich auf, dann kam sie aber auf die Forderung ihres besten Freundes zurück:

“Wenn du außerhalb ein sauberes Wasserloch findest, darfst du mich gern in jenes hinein schubsen.”, sagte sie und Hjaldrist mutete wenige Atemzüge lange überrascht an. Er hob eine Augenbraue weit.

“Ich habe dich damals, nach der Begegnung mit der Nymphe, doch darum gebeten mir das Schwimmen beizubringen.”, erinnerte sich die Kurzhaarige richtig und zuckte die Achseln “Wenn wir einen geeigneten Ort dafür finden, dann will ich das auch durchziehen.”

Der Gesichtsausdruck des Anwesenden erhellte sich. Er schien es wohl nicht erwartet zu haben, dass sich seine Kollegin der Vernunft fügte.

“Also schön.”, sagte er daher mehr als nur zufrieden und schien sich in seinem Kopf bereits einen guten Plan zurechtzulegen. Auweia.

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