Kapitel 48

Eine Verabredung, nur zum Spaß

Seit Hjaldrist vom Reich der vermeintlich Toten zurück war, hatte er nur ein einziges Mal schlecht geträumt. Seit Anna ihn zwischen Burgruinen und den Leichen von Fanatikern der Flammenrose wieder getroffen hatte, hatte er nur einmal über nächtliche, verdammt realistische Bilder gesprochen, in denen er gesehen hatte, dass ihm dunkle Schatten die Seele aus dem Leib reißen wollten. Heute, da war es aber wieder so weit. Und so sehr sich die Hexerstochter darüber gefreut hatte, dass Rist so lange Ruhe vor den Alpträumen gehabt hatte, so sehr schrak sie aus dem Schlaf hoch, als sie urplötzlich gepackt wurde. Ein überforderter Laut entkam ihr, als man sie erwischte, und sie schlug die Augen auf. Zunächst war sie verwirrt, wusste nicht, wo sie war. Es war dunkel. Ihr Atem stockte, als sie sich reflexartig gegen den stemmte, der sie eisern festhielt. Doch dann hörte sie ihren besten Freund leise im Schlaf reden und gab jeglichen Widerstand sofort auf. Anna besann sich auf die Situation, rief sich in das Gedächtnis, was in der Vergangenheit in Momenten wie diesem hier los gewesen war. Und schnell verstand sie, dass keine Gefahr bestand. Nicht wirklich. Also ließ sie die Hände wieder sinken, widerstrebte nicht und horchte. Rist klammerte sich an sie, grub das Gesicht an ihre Schulter, murmelte irgendwelche unverständlichen Dinge. Ja, sie teilten sich doch ein Bett… deswegen lag sie da vor ihm. Und das war gut, denn nur so war sie erwacht, noch bevor der zitternde, verschwitzte Skelliger tiefer in seinen Albtraum fiel und damit anfing zu schreien. Oder jedenfalls hoffte sie das, als sie versuchte sich unter dem Griff der jammernden Klette aufzurichten. Im finsteren Zimmer fasste Anna an einen Oberarm des Jarlssohns und rüttelte daran.

“Hey…”, flüsterte sie, doch es brachte nichts. Leise seufzte die Giftmischerin, wartete wenige Atemzüge lang ab. Hjaldrist wurde nicht ruhiger.

“Rist.”, sprach die Frau in dem locker sitzenden Hemd ihren Gefährten an, rüttelte drängender an ihm. Und tatsächlich zuckte er dieses Mal zusammen. Er zog die Nase leise hoch, nachdem er Anna losgelassen hatte. Der arme Kerl drehte sich auf den Rücken, hob einen Arm schleppend an und legte ihn sich träge aufs Gesicht. Und dann blieb er einfach so liegen. Unschlüssig runzelte die Alchemistin die Stirn. War Hjaldrist wach? Er klagte zumindest nicht mehr murmelnd vor sich hin. Einmal atmete er im scheinbaren Halbschlaf tief aus, dann drehte er seiner Freundin den Rücken zu und blieb still liegen. Er schlief.

“Oh Mann. Wann hört das nur auf…”, murmelte die Frau entnervt zu sich selbst und wollte sich schon wieder hinlegen, da bemerkte sie, wie Ravello am zweiten Bett im Raum den Kopf hob. Der Ritter war wach und wie es sich herausstellen würde, war er dies schon seit einiger Zeit.

“...schlaft ihr deswegen immer zusammen?”, hörte die Kurzhaarige den Beauclairer auf einmal flüstern. Sie erstarrte kurz, schluckte trocken. Dann sah sie sich aber nach dem Blonden um. Er setzte sich hin und im fahlen Mondschein, der durch das Fenster herein fiel, taxierte er Anna.

“Ich wollte nicht spionieren, aber ich habe letztens gesehen, wie du versucht hast einen Text über Traumvisionen zu übersetzen.”, gab Ravello leise zu, um Rist nicht zu wecken “Die Schrift ist in einem Dialekt aus meiner Heimat geschrieben. Ich war mir nicht sicher, ob ich dir meine Hilfe anbieten soll.”

Überrascht blinzelte die Giftmischerin.

“Wirklich…?”, wisperte sie in die Düsternis der Nacht hinein.

“Das Problem, bei dem euch diese eine Frau helfen soll, die ihr sucht… hm”, setzte der Weiße Hase dann fort “Es hat mit den Träumen zu tun, oder? Ich bin nun nicht bewandert in solchen Dingen, aber ich reise nun schon lange mit euch und da bekommt man unterschwellig so einiges mit.”

Anna musterte den Ritter ein paar Herzschläge lange eingehend, dann nickte sie aber besiegt.

“Ja. Es hat damit zu tun.”, sagte sie mit gesenkter Stimme “Rist… träumt Dinge, die manchmal wahr werden. Oder jedenfalls nehmen wir das stark an. Und… er hört von Zeit zu Zeit Stimmen. Es geht ihm nicht gut damit.”

“Hmm? Eigenartig.”

“Finden wir auch.”, bestätigte Anna leise seufzend “Tut mir leid. Wir wollten dich lange nicht einweihen, weil wir nicht wussten, wie du reagierst… oder, naja, ob du loyal bist. Nicht jeder geht mit solchen Themen gut um und selbst ich hatte am Anfang Schwierigkeiten damit.”

Ravello musste leise lachen, winkte dann aber ab und schüttelte den Kopf.

“Solange ihm seine Stimmen nicht sagen, dass er mich töten soll, ist alles gut. Ich habe an eurer Seite schon so viele seltsame Dinge gesehen, da überrascht mich das nun auch nicht mehr.”, meinte der gutmütige Mann flüsternd und brachte Anna damit dazu mitleidig zu schmunzeln. Sie war froh darüber, dass sich der Ritter gerade so locker gab. Entgegen allen früheren Erwartungen, mauserte er sich wirklich zu einem bereichernden Begleiter. Niemals hätte es sich die Trankmischerin aus Kaer Morhen früher einmal gedacht, dass dem irgendwann einmal so sein könnte.

 

Beim Frühstück sah Rist Anna schief von der Seite aus an, als sie sich ein halbes Fläschchen einer dicken, bräunlichen Flüssigkeit in den Tee rührte, als sei jene schlichtes Sirup. Drei Löffel Zucker folgten, während sie sprach.

“Ich habe dich ja gerüttelt, aber du wurdest nicht wach.”, erzählte die Hexerstochter weiter. Sie hatte ihrem lauschenden Freund gerade erklärt, wie es dazu gekommen war, dass Ravello nun von Hjaldrist’s Leiden wusste. Dabei hatte sie auch feixend erwähnt, dass sich der Undviker heute Nacht an sie geklammert hatte, als gäbe es kein Morgen. Ungewohnt betroffen hatte er den Blick daraufhin auf seinen Becher gesenkt, sich geräuspert.

“Du hast dich einfach umgedreht und weitergeschlafen.”, meinte Anna noch und nahm bedächtig einen Schluck von ihrem vergifteten Schwarztee. Sie verzog das Gesicht daraufhin leicht, stellte ihren Tonbecher noch einmal ab und rührte sich weitere zwei Löffel Zucker in das Getränk. Rist beobachtete dies äußerst skeptisch und sah erst auf, als die Kriegerin ihm eine Frage stellte:

“Was hast du geträumt…?”, wollte sie wissen.

“Hm?”, machte der Undviker und verengte die dunklen Augen darauf nachdenklich. Er sah fort, kratzte sich am Kinn und gab einen grüblerischen Laut von sich.

“Ich weiß nicht.”, gab er zu “Keine Ahnung.”

Anna hob eine Braue. War es denn nicht so gewesen, dass sich ihr Kumpel IMMER an seine seltsamen Träume erinnerte? Oder träume er ab und an gar so, wie es normale Leute taten?

“Sag bloß, du hattest einen ganz gewöhnlichen Albtraum und ich hab mir umsonst Sorgen gemacht.”, entkam es Anna bewusst leise, als sie wieder dazu ansetzte zu trinken. Dieses Mal schien ihr ihr ‘gestreckter’ Tee einigermaßen zu schmecken. Genug Zucker überdeckte schließlich auch das bitterste Zeug, das man sich ins heiße Getränk mischte.

“Kann sein.”, Hjaldrist zuckte mit den Schultern, dann musste er verschlagen grinsen.

“Ich dachte, dass du IMMER eigenartigen Kram, wie das mit dem Hügel, träumst.”, sagte die Hexerstochter nun wirr und hielt die Stimme weiterhin gesenkt, damit niemand im Schankraum zuhören konnte. Jemand wie Hjaldrist war in Novigrad schließlich nicht sicher; so normal er auf den ersten Blick auch wirken mochte.

“Nein.”, entgegnete der Besagte bedeutsam “Freya sei Dank tue ich das nicht.”

Man lernte nie aus…

 

Nur wenige Zeit später gingen die beiden Abenteurer über den kleinen Fischmarkt der Großstadt. Ravello war in der Taverne geblieben, denn wie besprochen, würde er sich nicht in die Angelegenheit mit der Ewigen Flamme einmischen. Der charismatische Ritter wusste, wie er sich alleine beschäftigen konnte und würde schon lohnende Aufgaben für sich finden. Zudem würde er sicherlich einige Zeit damit totschlagen die Passiflora zu besuchen...

Also marschierte Anna nun nur neben Rist her, als sie auf die beiden Hexenjäger zu ging, die da an einer Ecke des Marktes herum lungerten und sich gerade eine kleine Zwischenmahlzeit genehmigten. Sie saßen da auf einer schmalen, hölzernen Bank und verspeisten gerade Fischbrötchen, als die falschen Menschenjäger vor ihnen zum Stehen kamen. Einer der Männer - ein breitschultriger Kerl mit Krempenhut - sah genervt auf, als er die Augen von Rist zu Anna wandern ließ. Sein Kollege - ein Krieger im knielangen, braunen Ledermantel - runzelte die Stirn.

“Ja?”, fragte der mit dem dunklen Hut kritisch. Es schien ihm nicht zu gefallen, dass man ihn beim Essen in seiner wohlverdienten Pause störte.

“Wir haben ein Anliegen, das wir gerne mit den Verantwortlichen eurer Leute besprechen würden.”, eröffnete Anna gleich frei heraus. Sie holte Luft, um weiter zu reden, doch Herr Krempenhut fiel ihr unhöflich ins Wort:

“Geht es um das Melden von magischen oder alchemistischen Straftaten?”, wollte der Mann unbeeindruckt wissen. Hjaldrist verengte die Augen unzufrieden und es schien ihm nicht zu gefallen, dass der Fremde Anna das Wort ruppig abgeschnitten hatte. Der Skelliger verschränkte die Arme vor der Brust.

“Indirekt.”, sagte die Schwertkämpferin mit harter Miene “Wir wollen für euch arbeiten.”

Nun lachten die beiden Männer auf der kleinen Bank freudlos.

“Ach ja?”, fragte der mit dem Mantel nun und ließ sein zwiebelbelegtes Fischbrötchen sinken “Inwiefern? Wollt ihr euch der Ewigen Flamme verschreiben?”

“Für eine gewisse Zeit, ja. So könnte man das nennen.”, log die Novigraderin “Wir sind Kopfgeldjäger und dachten uns, dass wir uns bei euch ein paar Münzen dazu verdienen könnten.”

Die beiden Fremden musterten erst Anna, dann Rist, von oben bis unten.

“Wir haben Erfahrung.”, fügte der Undviker mit strenger Miene hinzu.

“Ja, das sehe ich.”, meinte Braunmantel, als er die blauen Augen nach dieses Worten wieder auf die Alchemistin richtete. Er lehnte sich lässig zurück, lächelte wölfisch und etwas abschätzig.

“Ihr seid Hexer.”, stellte der sitzende Mann fälschlicherweise fest, weil er Anna’s Medaillon gesehen hatte, doch die Abenteurer sprachen keinen Einwand aus “Es wundert mich ja, dass ihr Anderlinge Leute eures Schlages ausliefern wollt.”

Anna lachte gespielt pikiert und rollte mit den Augen. Auch Hjaldrist tat so, als sei er ein arroganter Hexer, den man gerade damit beleidigt hatte ihn mit Magiern oder gemeinen Trankmischern gleichzusetzen.

“‘Unseres Schlages’?”, wiederholte der Skelliger daher und lächelte kühl “Wohl eher nicht. Aber wie auch immer. Gut, dass Ihr schon einmal wisst, was Hexer sind.”

Eine gute Erklärung abwartend, gafften die beiden Hexenjäger den Schönling an.

“Wir tun vieles für Geld und sind nicht wählerisch, denn die Zeiten sind hart.”, setzte Rist wortgewandt fort und dies völlig von sich in der Rolle als Mutant überzeugt “Und Hexen oder dergleichen einzufangen, unterscheidet sich nicht sehr vom Erlegen von Monstern. Sie alle sind gefährlich und man benötigt ein gewisses Gespür und besondere Mittel, wenn man sie fangen möchte. Beides haben wir.”

“Das mag wohl wahr sein.”, nickte der mit dem Hut und betrachtete Hjaldrist berechnend “Und würde ich sagen, die Geschicke von Hexern wären bei uns fehl am Platz, würde ich lügen. Wir befinden uns zurzeit in den Anfängen unseres hehren Versuches die Welt wieder zu einem besseren Ort zu machen. Dabei kann man jegliche Hilfe gebrauchen, denn Magierpack gibt es zu Hauf.”

Ein schwaches, grimmig-zufriedenes Lächeln schlich sich allmählich auf Anna’s Züge. Sie hatte nicht erwartet, dass es so leicht werden würde sich in den Dienst der religiösen Spinner zu stellen. Aber die fanatische Gruppierung schien schlussendlich ein wenig verzweifelt zu sein, wenn es darum ging, ihre Reihen weiter aufzustocken. Wie der eine Kerl hier gerade erwähnt hatte, befanden sich die Hexenverfolgungen nämlich in den Kinderschuhen. Dies hieß, dass es hier in Novigrad noch nicht lange so rau zuging, wie im Moment.

“Na, dann steht einer gemeinsamen Arbeit doch nichts mehr im Weg?”, schlussfolgerte Hjaldrist und sein Blick ließ die Fremden nicht los.

“Hm. Theoretisch nicht, nein. Auch, wenn ihr eigenartige Anderlinge seid.”, sagte der eine Hexenjäger, während der zweite die Achseln zuckte.

“Aber?”, wollte Rist wissen.

“Ihr müsst euch bei unserem Kommandanten melden, wenn ihr einen Sold kassieren wollt.”

“Wo ist der?”, hakte Anna von der Seite aus nach.

“Zurzeit?”, meinte einer der Hexenjäger “Außerhalb. Doch ihr könnt ihn jeden Tag, kurz nach Sonnenaufgang, in der Kirche antreffen. Versucht euer Glück dann.”

“Habt ihr denn keinen Hauptsitz, wo man ihn sonst aufsuchen kann? Quartiere? Ein Büro vielleicht?”, wollte Hjaldrist unzufrieden wissen.

“Doch.”, sagte Braunmantel bestimmend “Aber man wird euch dort kaum reinlassen. Menge verschwendet seine Zeit ungern an Fremde, die in seinen Augen noch nichts geleistet haben, das seiner Aufmerksamkeit würdig ist. Auch nicht an Monsterjäger.”

“Ja, stimmt.”, nickte Krempenhut “Ihr gehört nicht zum Orden, noch seid ihr gläubig. Vermutlich seid ihr sogar neu in der Stadt. Unser Boss wird euch nicht persönlich empfangen, also werdet ihr ihn abpassen müssen.”

“Und zwar nach dem Morgengebet in der Kirche im Norden der Stadt. Oder nach einer der Hinrichtungen.”, fügte der Mann mit der teuren Kopfbedeckung noch hinzu. Es war erstaunlich, wie kooperativ diese Leute wirkten, obwohl ihr Anführer angeblich ein voreingenommener und distanzierter Mann war.

“Mhm.”, machte Anna wenig begeistert.

“Wie sieht dieser Menge aus?”, hakte Rist nach.

“Glatze, lange Narbe im Gesicht, recht groß. Man kann ihn nicht übersehen.”, versicherte der Kerl mit dem braunen Mantel und dem Fischbrot in der Rechten. Über Anna’s Miene wollte ein Schatten huschen, als sie das Bild des eiskalt lächelnden Mannes vor Augen hatte, der gestern die rothaarigen Frauen am Platz des Hierarchen hatte verbrennen lassen. Er war also der Anführer der Spinner dieses Ewigen Feuers? Menge war sein Name?

“Danke.”, sagte Rist trocken.

“Viel Glück.”, antwortete einer der entspannten Hexenjäger schulterzuckend. Dann wendete sich jener wieder seinem salzigen Imbiss zu.

“Das lief ja ganz gut…”, murmelte Anna, nachdem sie sich daraufhin mit ihrem besten Freund abgewandt hatte, um zu gehen. Er nickte, doch seufzte auch etwas skeptisch.

“Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass dieser Menge auf uns aufmerksam wird.”, sagte der Undviker richtig und steckte sich die Hände in die Taschen.

“Wir warten frühmorgens einfach einmal vor der Kirche. Dann MUSS er an uns vorbei.”, schlug die optimistische Hexerstochter vor und lächelte aufmunternd “Ich kann Warten zwar nicht sonderlich leiden, aber es wird sich sicherlich lohnen.”

“Naja, es ist ja nicht so, als müssten wir tatenlos in dieser Stadt herumsitzen und gelangweilt darauf warten, dass sich uns eine Gelegenheit bietet mit Menge zu sprechen.”, warf Hjaldrist ein “Wir können hier genug Dinge unternehmen und uns die Zeit bis zum Morgengebet totschlagen.”

“Das ist wahr.”, stimmte die Frau zu und sah zu ihrem dunkelhaarigen Kumpel hin. Jener sah aus, als läge ihm noch etwas auf der Zunge und tatsächlich spuckte er nach einem kurzem Zögern aus was es war:

“Du wolltest mir doch das Theater zeigen.”, erinnerte der Viertelelf langsam “Oder… naja… wir suchen uns ein Wasserloch, in das ich dich hinein schubsen kann.”

Anna musste schmunzeln und ihr Blick war vielsagend. Ein stummer, wenig ernster Vorwurf lag in ihm.

“Ah. Das Theater ist mir da schon lieber!”

“Dachte ich mir.”, lächelte Hjaldrist schief.

“Also haben wir heute Abend ne Verabredung?”, witzelte die Kurzhaarige und bemühte sich krampfhaft darum den neben sich bedeutungsvoll anzusehen, anstatt blöde zu lachen und noch einen gespielt koketten Spruch hinterher zu schicken.

“Eine-... was?”, entkam es Rist und tatsächlich schien Anna ihn mit ihrem Scherz getroffen zu haben. Er wurde ja fast rot und für wenige tiefe Atemzüge lange gar sprachlos! 

Langsam aber sicher glaubte die Novigraderin ja wirklich, ihr älterer Kumpel sei hoffnungslos schüchtern. Ja, er hatte doch einmal gemeint, er sei immer der Spätzünder seiner Familie gewesen. Und heute? Erst wimmelte er stets alle Frauen ab, schimpfte laut mit seiner besten Freundin, wenn sie im trunkenen Zustand mit Rittern liebäugelte, und dann wollte er nicht mit dem abenteuerlustigen Ravello mit ins Bordell. Der gute Hjaldrist war, ohne es gemein zu meinen, irgendwo wirklich verklemmt, wie? 

Nun… die anwesende Kriegerin war vielleicht nicht so viel besser als er, aber immerhin konnte sie ohne Probleme über harmlose Dinge wie Verabredungen oder Puff-Besuche lachen. Sie bewertete aus Spaß gerne Leute, sprach manchmal alte Erinnerungen an Schäferstündchen mit Mägden auf Heuböden aus. Abgesehen davon wurde sie im nüchternen Zustand jedoch nicht schnell, äh, aktiv; und sie war auch nicht sehr freizügig. Aber Rist, der war da nochmal ein ganz anderes Kaliber. Oder verhielt er sich nur wie eine Mimose, wenn Anna in der Nähe war, um keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen? Schwer zu glauben. War er wirklich schon immer so gewesen? Nein, eigentlich nicht. Rist hatte früher doch auch gern über dreckige Dinge gelacht, oder? Es war schon seltsam, dass er gerade so vor den Kopf gestoßen wirkte. War wohl nicht sein Tag.

“Eine Verabredung.”, grinste die Alchemistin, sich dazu entschließend ihren Kumpanen noch etwas zu triezen, und schob ihre Grübeleien damit fort.

“Du… du bist bescheuert, Anna.”, sagte der Mann und räusperte sich dann, als er ihrem Blick gekonnt auswich.

“Hmmm?”, machte sie grinsend und bekam nur ein ungeschicktes ‘Pff’ als Antwort.

“Ach komm, ich meine es doch nicht ernst.”, klärte die Betroffene auf und lachte leise, gab Rist einen leichten Schubs “Das solltest du mittlerweile wissen.”

“Jaja.”, schnaufte der Schönling brummig, als er aus den Augenwinkeln zurück zu seiner amüsierten Kumpanin sah. Er taxierte sie und fuhr sich mit der Hand durch den Nacken.

“Wobei…”, fing die Novigraderin noch einmal motiviert an und dem gepeinigten Rist entkam ein entkräftetes Stöhnen.

“Nein, verschone mich.”, versuchte sich der Mann verbal zu erwehren, doch erfolglos.

“Wir könnten doch so tun, als sei es eine Verabredung. Nur zum Spaß!”

“Wie…?”

“Ach, schau doch nicht so. Ich… ich meine doch nicht, dass wir uns verhalten sollen wie ein angehendes Pärchen. Bei Melitele!”, stellte die Frau gleich klar, um ihren Begleiter zu beschwichtigen. Dann wurde sie im Vergleich zu gerade eben etwas ernster. Betreten lächelte sie, druckste ein wenig herum.

“Wir… waren viel am Arbeiten. Entweder haben wir gekämpft oder lange über Büchern gebrütet. Wir haben, abgesehen vom Kartenspielen, lange nichts mehr gemacht, das wirklich Spaß macht.”, fasste Anna richtig zusammen und seufzte wehleidig “Ich habe seit langem das Gefühl nie so richtig abschalten zu können.”

Spätestens jetzt sah auch der Skelliger wieder abwartend und relativ ernst zu seiner Begleiterin hin. Ob er ihr denn zustimmte? Sein Ausdruck war so nachdenklich geworden.

“DAS meinte ich vorhin. Wir… könnten uns doch einfach einmal wieder die Klamotten anziehen, die wir damals im Caed Myrkvid bekommen haben und uns einfach so verhalten wie… naja, wie normale Leute.”, schlug Anna vor und ertappte sich dabei einen Deut kleinmütig zu klingen. Hörte sie sich dumm an? Sie kam sich nämlich sehr dämlich vor, verzog den Mundwinkel unglücklich und rieb sich den Nasenrücken. Jetzt war sie diejenige, die dem überraschten Blick von Hjaldrist auswich. Es war ihr nicht peinlich zugegeben zu haben, dass sie einfach einmal eine kleine Auszeit vom Monsterjägerdasein bräuchte; wenn auch nur für einen Abend. Schließlich war es doch nur normal sich einfach einmal gehen lassen zu wollen, durchzuatmen. Und doch kam sich die Frau belämmert vor. Vielleicht, weil sie gerade zugegeben hatte eine Schwäche zu haben? Sie wusste es nicht.

“Mh. Also gut.”, kam es auf einmal von Rist’s Seite und Anna sah gleich auf “Lass uns das so machen. Wir machen einen auf Normalbürger und sprechen einen Abend lange nicht über all unsere Pläne.”

Die burschikose Frau blinzelte irritiert, als sie dies hörte, dann drängte sich jedoch schnell ein erfreutes Lächeln auf ihre Züge. Auch ihr freundlich drein sehender Gefährte wirkte jetzt viel, viel gelassener als noch vorhin. Er schien verstanden zu haben, was die Trankmischerin unter ‘Verabredung’ gemeint hatte und sah ein, dass es eine lustige Abwechslung sein könnte, gemeinsam die Waffen und Rüstungen für einen Abend lang hinzulegen, um einfach nur Unterhaltung durch Schauspieler und Musik zu suchen. Und das konnte man ja auch dann ganz ungezwungen tun, wenn man ‘nur’ miteinander befreundet war. Es ging zwischen ihnen schließlich nicht um mehr. Das war es nie.

 

*

 

Es war ungewohnt nicht mehr anzuziehen, als Stoffkleidung, wenn man vorhatte abends nach draußen zu gehen. Noch eigenartiger fühlte es sich an die Waffe hinzulegen und sie im Tavernenzimmer zu lassen, mit dem Vorhaben sie den Rest des Tages nicht mehr anzurühren. Ja, Hjaldrist musste sich eingestehen, dass es sich fast schon befremdlich anfühlte. Es war wie nackt zu sein. Anna und er würden außer Haus gehen, ohne, dass sie Aufträge, Streit, Monster oder dergleichen suchten. Sie würden sich einfach nur ein Theaterspiel ansehen und davor vielleicht noch etwas trinken oder essen gehen. Je nachdem. Und dabei würden sie sich auf die Stadtwachen und angeheuerte Aufpasser verlassen müssen, sollten sie in eine prekäre Lage geraten. Das in einer Großstadt, in der die Kluft zwischen Reich und Arm eine große Anzahl an Kriminellen garantierte. Aber nun gut. Die gemeinsamen Unternehmungen, die anstanden, machten das flaue Gefühl im Magen mehr als nur wett und der Jarlssohn musste bei dem Gedanken daran in sich hinein lächeln: Er hatte eine Verabredung mit Anna. Dass sie dies zuvor sehr runtergespielt und klar gemacht hatte, dass sie ja nur Freunde seien, war Hjaldrist in diesem Augenblick vollkommen egal. Sollte seine Kumpanin doch glauben, was sie wollte. Für ihn wäre der kommende Abend mehr, als nur ein Weggehen mit einer ihm irgendwo nahe stehenden Person. Viel mehr. Und deswegen schaffte er es kaum mit dem Strahlen aufzuhören, als er sich die purpurne Tunika über die Schultern zog, die er letztes Jahr im Caed Myrkvid bekommen hatte. Als er sich daraufhin die reich bestickte Schärpe umband, fiel sein Blick auf Ravello, der da im Raum saß und mit gerunzelter Stirn in einer der Abschriften las, die Anna aus der Bibliothek in Oxenfurt hatte. Am Tisch sitzend und über das Pergament gebeugt schwieg er und beachtete seine beiden Begleiter kaum. Soweit Hjaldrist wusste, hatte die anwesende Novigraderin dem Blonden aufgetragen einen der Texte über Träumer aus Toussaint zu übersetzen. Der arme Kerl musste doch bei ihrer Schrift, dieser Sauklaue, schon Probleme haben. Ein Wunder, dass er überhaupt lesen konnte, was?

Die besagte Frau hatte gerade ihr rotes Kleid aus dem Gepäck gezogen und schüttelte es aus, betrachtete es kurz stirnrunzelnd und legte es beiseite, um sich die rot-schwarze Jacke von den schmalen Schultern zu streifen. Sie trat sich die Stiefel von den Füßen, machte Anstalten sich das Hemd auszuziehen. Ein Punkt, an dem sich Hjaldrist halb abwendete. Das tat er immer, obwohl die viel offener gewordene Anna längst nicht mehr böse starrend darauf bestand. Der recht gut erzogene Mann schaute zwar ganz gern, denn er war auch nur ein Kerl, aber dennoch. Er musste nicht herum stehen und Anna ganz offenkundig beim Umziehen zusehen; es gehörte sich einfach nicht. Und in diesem Zuge linste er aus dem Augenwinkel auch einmal prüfend zu Ravello hin. Der Ritter aus dem Süden hatte noch nie mit im Gästezimmer übernachtet und auch stets sein eigenes Zelt gehabt. Demnach war er niemals in der Nähe gewesen, wenn sich die Frau im Bunde umgezogen hatte. Zudem war er ein Weiberheld und ein geiler Bock. Hjaldrist würde ihn also blöd anmaulen, sollte der Krieger Anna jetzt lüstern anstarren.

Das tat Ravello aber nicht. Man sah, wie er einmal knapp zu der Kriegerin blickte, die sich die Hose öffnete, und wie er den Kopf dann weg drehte, um jenen auf eine Hand zu stützen und weiter zu lesen. Ein überraschendes Verhalten, wirklich. Hjaldrist hob die Brauen verblüfft an.

“Wir gehen nachher weg.”, warf Anna einen Atemzug später schon ein und richtete ihre Worte an den Weißen Hasen. Jener sah nicht auf, weil er wusste, dass die Sprechende noch dabei war sich anzuziehen.

“Das dachte ich mir.”, meinte der Ritter, als seine blauen Augen beiläufig über die Zeilen auf dem Papier vor ihm wanderten. Hjaldrist lenkte den Blick fragend gen Anna, die sich gerade in ihr Kleid zwängte. Sie hatte die Schnürung an dessen Rücken nicht geöffnet und es nun dementsprechend schwerer ächzend in das Kleidungsstück hinein zu schlüpfen. Sie hatte es schon fast erfolgreich über Kopf und Schultern gezogen, als sie weiter redete.

“Willst du mit?”, fragte sie den Ritter im Raum auf einmal und sofort drehte der Jarlssohn jenem den Kopf wieder zu. Er wusste, dass es dämlich war, aber in diesem Moment spürte er da ein kleines, unwohles Stechen in der Brust. Eines, das absolut dagegen war, dass Ravello gleich Ja sagte. Er presste die Lippen aufeinander und sah wieder fort, um nicht zu auffällig zu starren. Am Rande nahm er es Anna sogar etwas übel, dass sie ihren zweiten Kollegen ebenso gefragt hatte, ob er heute Nacht denn nicht mitkommen wollen würde. Es war absoluter Blödsinn und bescheuert, dass der Undviker so dachte, das wusste er. Dennoch kam er nicht umhin es zu tun. Am liebsten hätte er laut über sich und die Situation, die ihm absolut nicht passte, geseufzt.

“Hmm?”, machte der Blondschopf “Ach, nein. Ich habe andere Pläne.”

Hjaldrist spürte, wie ihm abrupt ein Stein vom Herzen fiel. Aus dem Augenwinkel sah er noch einmal zu seinem langhaarigen Gefährten hin und bemerkte, wie jener seinen Blick auf einmal erwiderte. Ravello lächelte vielsagend und in seinem Ausdruck lag eine ziemlich deutliche Botschaft. Ein stummes ‘Werf dich an sie ran’ oder ein ‘Ich weiß, warum du nicht mit ins Bordell kommst, du redlicher Hund’.

“Aber viel Spaß euch.”, wünschte der Mann aus dem Süden nett. Anna, die damit beschäftigt war sich das eng geschnürte Kleid über den Oberkörper nach unten zu ziehen, sah nicht, wie der Beauclairer dem Skelliger verwegen entgegen grinste. Zum Glück. Hjaldrist blinzelte nervös, räusperte sich kaum merklich.

“Ah, schade.”, machte die Frau auf die Absage seitens Ravello “Was hast du denn vor?”

“Na, ich wollte mir doch die Passiflora von innen ansehen.”

Anna lachte.

“Na dann viel Glück…”, schmunzelte sie und musste den Kopf mit den zerzausten Haaren leicht schütteln. Sie hatte es endlich in ihr Gewand hinein geschafft und strich es sich vorne glatt.

“‘Glück’?”, wiederholte der Ritter empört und riss den wissenden Blick von Hjaldrist fort, um ihn zurück auf Anna zu richten “Ich brauche dabei doch kein Glück.”

“Jaja…”, schnaubte die Kurzhaarige amüsiert. Bestimmt stellte sie sich gerade einen Ravello vor, der wie der stolzeste Gockel in den Edelpuff marschierte und versuchte dort die Weiber aufzureißen, wie er es immer in den ollen Schänken tat. Es war, zugegeben, ein ulkiges Bild.

“Du brauchst kein Glück, das stimmt.”, mischte sich jetzt auch der Skelliger grinsend ein “Sondern Geld.”

“Tse. Ein paar Münzen habe ich schon noch.”, verteidigte sich der schmunzelnde Blondschopf.

“Vielleicht genug für das Hafenbordell.”, schätzte Anna.

“Jajaja, redet nur, ihr beiden!”, beschwerte sich Ravello halb ernst “Ihr werdet schon sehen! Spätestens morgen wird die Passiflora MICH anheuern wollen, weil ich einfach so gut in dem bin, was ich tue.”

“Im Prahlen und Frauen-Anschleimen?”, fragte Hjaldrist.

“Unter anderem.”, bestätigte der straßenköterblonde Mann belustigt und mit geschwellter Brust. Sein dreckiges Lächeln verriet, dass er auch auf sexueller Ebene sehr von sich überzeugt zu sein schien.

“Au weia…”, machte die Hexerstochter nurmehr amüsiert, fuhr sich mit der heilen Hand über das Gesicht und fing sich dafür einen strafenden Blick des Sitzenden ein.

“Hey, du hast ja KEINE Ahnung!”, lachte der Ritter und seine Kollegin wirkte nicht minder heiter.

“Die will ich auch gar nicht haben.”, sagte jene. Ravello war wohl so gar nicht ihr Typ und nie im Leben hätte sie daran gedacht jenem auch nur irgendwie zu nah zu kommen. Jedenfalls hatte sie das einmal aufrichtig gesagt. Hjaldrist musste zugeben nicht beleidigt darüber zu sein. Jemand wie Anna - besonders im trunkenen Zustand - wäre nämlich eine verdammt leichte Beute für den zuvorkommenden und bezirzenden Ritter gewesen. Dessen Bruder Louis, der Ravello auf charmante Art sehr ähnlich gewesen war, war doch das beste Beispiel dafür gewesen: Er hatte nicht lange damit gezögert die lallende Frau aus Novigrad an sich zu ziehen und ihr geschönte Worte zuzuflüstern, ihr Honig ums Maul zu schmieren. Es war so offensichtlich aufreißerisch und auf eine kitschige Art draufgängerisch gewesen, dass es Hjaldrist allein beim Zuhören schon die Zehennägel aufgerollt hatte. Und gleichzeitig… ärgerte er sich heute ein wenig darüber, dass er es nicht ebenso schaffte Anna einfach mal so und mit gezielten Worten für sich gewinnen zu können. Es brachte ihn zum Zweifeln. Ja, er war ihr gegenüber nicht fordernd, doch das bewusst. Denn der kluge Hjaldrist wusste doch, wie sehr sich seine Freundin vor ehrlichen Geständnissen sträubte. Deren kurzweiliges Techtelmechtel mit dieser Frida war doch ein gutes Beispiel dafür. Davon abgesehen, dass sie erst kürzlich gesagt hatte keinerlei Interesse an-… wie hatte sie es genannt? Sie habe ‘keine Lust einen verliebten Menschen am Arsch kleben zu haben? Ja, so hatte die Flatterhafte es betitelt und es hatte sich angefühlt, wie ein harscher Schlag ins Gesicht. Genau darum hielt der Skelliger die Klappe und schluckte runter, was eigentlich raus wollte. Nur deswegen stellte er sich im Kampf zwischen Bauch und Kopf auf die Seite des letzteren. Hjaldrist KONNTE Frauen bequatschen, wenn er wollte und WUSSTE, dass er nicht schlecht aussah. Es war ihm zudem durchaus bewusst, dass er viele haben könnte und dass er sich dafür nicht einmal so wirklich anstrengen bräuchte. Er könnte es also ohne Bedenken um seine Person darauf ansetzen Anna für sich gewinnen zu wollen. Er würde dabei einfach aus sich herauskommen, allen Mut zusammennehmen und Ravello’s Verhalten damit Konkurrenz machen. Man lebte schließlich nur einmal. Aber… nein. Denn es ging um Anna, nicht um irgendeine Frau. Der unsichere Skelliger wollte sie nicht abschrecken und sie am Ende noch als Begleiterin verlieren, weil er - wie Frida - zugab in sie verliebt zu sein. Also würde er schweigen und ihr, so wie immer schon, ein guter Kumpel sein. Vielleicht… vielleicht hätte Hjaldrist irgendwann ja doch noch Glück und Anna begann so zu fühlen wie er. Es wäre schön.

“Du willst meine Qualitäten nicht herausfinden? Tja, da entgeht dir was, meine Liebe.”, lächelte Ravello breit und riss den grübelnden Jarlssohn damit wieder aus seinen Gedanken.

“Ach, schade.”, sagte Anna ironisch und erwiderte das Gegrinse des Ritters dabei.

“Ihr seid bescheuert. Alle beide.”, kommentierte Hjaldrist mit schiefem Blick, doch einem dicken Schmunzeln im Gesicht.

“Ach, deswegen hast du uns doch gern.”, entkam es Ravello schlagfertig. Und er hatte Recht.

 

Später gingen Anna und Hjaldrist durch die noch recht belebten Straßen Novigrads. Der Abend hatte längst gedämmert, als sie unbewaffnet und wie schlichte Leute gekleidet nebeneinander her gingen. Immer wieder warf der Skelliger seiner Begleiterin dabei kurze Blicke zu, musterte sie unauffällig. Sie war hübsch. Das Kleid von Ehillea stand ihr. Und vielleicht hätte man ihr Komplimente machen sollen… also wenn man darauf aus gewesen wäre ihr gezielt zu schmeicheln. Aber der Jarlssohn ließ es. Er verkniff sich einen netten Kommentar, weil er nicht wusste, wie Anna jenen aufgefasst hätte, und besann sich darauf, dass sie ja ‘nur’ Freunde waren. Als Kumpel sah man seiner Gefährtin eben nicht groß nach und sagte ihr auch nicht, dass ihr Anblick ungewohnt, aber faszinierend war. Dass sie ihr Kleid öfter tragen sollte. Und dass sie dieses Kompliment nicht falsch verstehen solle, weil man sie auch in Männerkleidung toll fand.

Also sprach Hjaldrist den weiteren Plan an, anstatt Anna auffallend liebe Worte zu schenken.

“Wann finden die Vorstellungen im Theater immer statt?”, wollte er wissen “Meinst du, wir sollten davor noch etwas essen gehen?”

Die Novigraderin mit den kurzen Haaren gab einen nachdenklichen Ton von sich.

“Der Theaterplatz ist nicht so weit von der zentralen Taverne am Markt entfernt. Ich sage: Wir machen einfach einen kurzen Umweg, um nach den Zeiten der Vorführungen zu fragen. Und dann sehen wir weiter.”, schlug die Frau locker vor “Wenn wir noch Zeit haben, können wir direkt etwas essen gehen. Und wenn nicht, tun wir das halt später.”

“Gute Idee.”, nickte der Krieger in der orangefarbenen Tunika und lächelte leicht. 

 

Keine halbe Stunde später saßen die zwei Abenteurer im ‘Eisvogel’, der größten Schänke der Stadt. Sie hatten die erste Abendvorstellung des Theaters knapp verpasst, doch würden einfach die Schau kurz vor Mitternacht besuchen. Morgen wäre ein Feiertag; der ‘Tag der drei Gestalten’, zu Ehren der Muttergöttin Melitele. Trotz der starken Präsenz des Ewigen Feuers in Novigrad, war der Melitele-Glauben noch immer einer der weitverbreitetsten des Nordens und daher wurde er auch gefeiert. Viele Leute hatten demnach Zeit und müssten am kommenden Morgen nicht früh aufstehen, um zu arbeiten. Stattdessen würden sie Kurzweil in den Schenken und Etablissements suchen. Also stand heute Nacht eine zweite Vorstellung im Theater an; ein Drama im Namen des kommenden Tages der Großen Mutter. Hjaldrist würde Anna noch darüber ausfragen. Denn obwohl es in Skellige ein Äquivalent zu Melitele gab - Freya -, interessierte er sich für etwaige Unterschiede. Zunächst, da zog es seine Neugierde aber in eine andere Richtung:

“Wie lange hast du deine Tätowierungen eigentlich schon?”, wollte der Mann wissen, als er seiner Freundin dabei zusah, wie sie sich etwas Fleisch klein schnitt. Überrascht sah sie auf. Sie beide saßen in einer der Ecken der großen Taverne, an einem kleineren Tisch unweit der Bühne, auf der ein Barde seine Laute stimmte. Das Gasthaus war gut besucht und sie hatten Glück überhaupt noch einen Platz bekommen zu haben.

“Wie lange?”, fragte die Frau und runzelte die Stirn “Hmm… die erste bekam ich mit 18. Davor war ich ja auch immer nur in Kaer Morhen und Balthar hätte es mir sicherlich verboten mich tätowieren zu lassen. Die Risiken einen ungeübten Tätowierer zu finden, der einen verschandelt, oder sich dadurch Wundfieber einzufangen, sind einfach zu groß.”

“Einer von Haldorn’s Kumpels tätowierte damals auch. Meistens aber nur ziemlich vulgäre Motive.”, kommentierte Hjaldrist grinsend und stocherte beiläufig in seinen Bratkartoffeln herum.

“Wirklich?”, lachte Anna “Na super.”

Unbeschwert betrachtete der Skelliger seine Gesprächspartnerin und seine aufmerksamen Augen wichen an ihr hinab, hin zu ihren blaugrünen Ärmeln aus Leinen. Darunter, da befanden sich die großen Hautverzierungen der Frau. Man sah sie nicht oft, weil die Novigraderin fast immer lange Oberteile trug. Doch vorhin, als sie sich umgezogen hatte, hatten die Tätowierungen wieder das Interesse des Dunkelhaarigen geweckt. Und ihm war bewusst geworden, dass er seine Freundin noch nie danach gefragt hatte. Sie hatte viele Zeichen auf der Haut und bestimmt erzählten jene kleine Geschichten. Es war ein großartiges Thema für eine Verabredung, nicht wahr? Er hakte also nach; bezüglich der ausgeschmückten Darstellung einer Katze, die auf ihren vier Pfoten landete, auf dem linken Arm; des grün gefiederte Pfeils, der den ganzen rechten einnahm; den Flügeln auf den Schulterblättern.

“Was bedeuten sie?”, fragte der Undviker also, als sich Anna einen Bissen ihres Bratens in den Mund steckte “Die meisten Leute tragen Tätowierungen doch, um damit etwas auszudrücken.”

Die Frau gluckste leise und belustigt.

“Das stimmt. Ich kannte mal jemanden, der Darstellungen seiner liebsten Sexpositionen am Bauch hatte. DAS war bedeutungsvoll.”, meinte sie und Hjaldrist verzog die Mundwinkel, musste abfällig lachen.

“Aber… naja…”, fuhr Anna fort “Über welche meiner Tätowierungen willst du denn etwas wissen?”

“Über alle.”, lächelte der Mann begeistert und sein Gegenüber schien sich über das rege Interesse zu freuen. Denn die Miene der Kurzhaarigen hatte sich erhellt. Also waren ihr ihre Bilder auf der Haut wichtig. Gut.

“Also schön…”, fing die Hexerstochter nachdenklich an “Die Tätowierung mit der Katze war meine erste. Ich hatte früher einmal einen getigerten Kater. Rufus. Ich habe ihn damals als Kind einmal als kleines Kätzchen im Wald gefunden und mitgenommen. Neben den Hexern, die mir wie eine Familie waren, war er mein einziger Freund.”

Hjaldrist sah Anna verwundert an und horchte interessiert. Er hatte nicht gewusst, dass sie ein Haustier gehabt hatte.

“Normalerweise, da reagieren Katzen auf Hexer sehr aggressiv. Sie spüren, dass jene ‘anders’ sind und gehen ihnen vehement aus dem Weg.”, erklärte Anna weiter “Rufus war aber nicht so. Er kannte Balthar und die anderen von klein auf und fühlte sich in der Burg wohl. Wir haben ihn aber auch immer gut gefüttert.”

Der anwesende Undviker lachte leise. Bestimmt war der Kater nur bei Anna geblieben, weil sie ihn verhätschelt hatte.

“Rufus wurde zehn Jahre alt. Es war schrecklich, als er eines Tages verschwunden und nie wieder aufgetaucht ist. Aber so sind Katzen eben. Sie ziehen sich zum Sterben zurück.”, seufzte die Frau im purpurnen Kleid und zuckte mit betroffener Miene die Schultern “Der Kater war mir, wie schon gesagt, sehr wichtig. Und so habe ich ihn mir bei der ersten Gelegenheit stechen lassen. Als Andenken an meinen einzigen, treuen Freund aus der Kindheit.”

“Verstehe…”, meinte Hjaldrist und taxierte Anna eingehend. Er hatte nicht gedacht, dass in ihr auch solch eine sentimentale Seite stecken konnte. Es überraschte ihn genauso, wie es die Frau in seinen Augen menschlich machte.

“Die Flügel am Rücken kamen danach. Sie stehen dafür, dass ich meinen eigenen Weg gehe und mein Ding mache. Ist ziemlich simpel. Viele Leute tragen Flügelmotive als Zeichen für Freiheit und solchen Kram… aber naja… ich mag sie trotzdem.”, lächelte die Kurzhaarige betreten und kratzte sich am Hinterkopf.

“Und der Pfeil?”, wollte Hjaldrist wissen und zog seinen mit dunklem Bier gefüllten Becher an sich heran, um einen Schluck daraus zu trinken.

“Oh.”, machte Anna “Der erinnert mich immer daran aufmerksam zu bleiben und auf meine Umgebung zu achten. Ist eine Art Memento.”

“Hä?”, entkam es dem irritierten Skelliger.

“Ich habe mal einen Pfeil der Scoia’tael abbekommen.”, erzählte Anna “Nicht lange, bevor ich zum ersten Mal nach Ard Skellig aufgebrochen bin. Ich war etwas zu nachsichtig, habe die Gegend von den recht misstrauischen Elfen betreten. Und im Zuge dessen hat mir einer von ihnen einen Pfeil durch die linke Schulter geschossen. Ich bin zu der Zeit wirklich dämlich gewesen. Und ich habe mich ziemlich über mich selbst geärgert. Da habe ich mir einen Pfeil tätowieren lassen, um mich immer im Kopf zu behalten, dass ich achtsam sein und auf mich achten muss.”

“Hm, das macht Sinn.”, meinte Hjaldrist langsam, nickte, doch kam nicht umhin ein wenig grinsen zu müssen “Obwohl du manchmal noch immer nicht sehr auf dich ‘achtest’, Anna.”

“Was soll das heißen?”, fragte sie, obwohl sie sichtlich wusste, was der Krieger meinte: Die Sache mit den Giften und die Experimente hinsichtlich der Kräuterprobe. Hintergründig sah der Viertelelf sie an und wurde dafür unter dem Tisch gegen den Stiefel getreten. Wieder entkam ihm ein Lachen.

“Schon gut, schon gut.”, schnappte er feixend, doch sah, dass Anna ihm seine Meldung nicht böse nahm. Im Gegenteil. Sie musste plötzlich auf eine ungewohnt sanfte, etwas nachgiebige Art lächeln. Der Inselbewohner hielt inne.

“...danke, Rist.”, meinte sie dann plötzlich und der Angesprochene konnte sich keinen Reim darauf machen. Er spürte, wie er ein wenig unruhig wurde, als seine Freundin ihn so aufrichtig lieb ansah. Der Mann schluckte trocken.

“Wofür?”, fragte er zögerlich.

“Dafür, dass du immer auf mich aufpasst.”, sagte sie und stumm hob der Axtkämpfer die Brauen. Er sah Anna an, als suche er in ihrem Gesicht nach etwas. Nach einem Anflug eines Witzes oder nach einem Ausdruck, der verriet, dass gleich eine blöde, neckende Meldung kam. Es folgte aber keine und dies brachte Hjaldrist ein klein wenig durcheinander.

“Äh…”, antwortete er etwas verplant “Bitte.”

 

Zwei, drei Humpen Bier später machten sich die satt gegessenen Monsterjäger auf den Weg zum Theater. Die Zeit im Eisvogel war unterhaltsam gewesen, obwohl sie heute nicht in ihren vollen Monturen herum gesessen und wie immer gewürfelt hatten. Stattdessen hatten sie geredet, sich ungezwungen über dieses und jenes unterhalten. Es war irgendwo eigenartig und ungewohnt gewesen, fand Hjaldrist, aber er hatte es genossen. Es fühlte sich an, als kenne er Anna wieder ein klein wenig besser, obwohl er sie doch schon zuvor als jemanden betrachtet hatte, der ihm sehr, sehr nah stand. Doch bisher hatte es zwischen ihnen eben nur wenige sehr tiefgründige Gespräche gegeben. Sie hatten sich stets auf einer kumpelhaften Ebene bewegt, denn etwas anderes hatte ihnen nicht gefehlt. Jetzt aber, wo sich der Skelliger weitaus interessierter an seiner weiblichen Begleiterin zeigte, sprach er gern Dinge an, die tiefer gingen. Heute Abend, da hatte er nur wenige dumme Witze gemacht und Anna nicht so oft veralbert, wie er es sonst tat. Ja, das kumpelmäßige, geschwisterliche Gehabe war heute wirklich ein Stück gewichen, um einer kleinen Imitation einer tatsächlichen Verabredung zu weichen. Und während Hjaldrist noch versuchte sich damit zurechtzufinden, erschien es so, als habe seine Kollegin keinerlei Probleme damit. Musste daran liegen, dass sie in der Vergangenheit immer sehr locker und ungezwungen mit Mädchen zu tun gehabt haben musste. Ja, sie hatte doch erzählt Leute wie Frida einfach mal aus Spaß ausgeführt zu haben. Emotional hatte ihr das nie so viel bedeutet. Für sie musste der momentane Abend also wirklich nur ein gelungener Zeitvertreib und ein Abschalten vom Alltag sein. Ohne jegliche Hintergedanken. Und sicherlich vertraute sie ihrem Freund auch so weit, dass sie annahm, er habe ebenso keine. Doch damit… doch damit lag sie falsch. Hjaldrist konnte einfach nicht anders, als sich zu fragen, wie die Nacht ausgehen würde, wären sie beide ein angehendes Paar oder Leute, die schlicht darauf aus waren nicht allein ins Bett zu gehen. Also… nicht, dass er vorhatte sich so zu verhalten. Aber trotzdem musste er unweigerlich daran denken. Und-

Ah, es war doch müßig. Hjaldrist sollte einfach versuchen sich heute gehen zu lassen und sich nicht noch ein schlechtes Gewissen einzureden, weil er mehr für Anna empfand als sie für ihn. Er sollte Spaß haben, denn der Abend war schön und er war einfach nur froh bei seiner Gefährtin aus Kaer Morhen zu sein. Außerdem würde er nicht einsam schlafen gehen müssen. Also nur im wörtlichen Sinn. Aber… aber das sollte reichen. Es MUSSTE.

“Huh?”, machte Anna perplex, als Hjaldrist das Geld für zwei Eintrittskarten zum Theater auf den kleinen Tisch des Verkäufers derselben legte. Es schien sie zu irritieren, dass sie nicht selbst bezahlen musste; zumal sie bereits in ihrer Geldkatze herum gekramt hatte.

“Wir tun so, als sei es eine Verabredung. Schon vergessen?”, erinnerte der Krieger amüsiert und warf seiner Freundin einen etwas verwegenen Blick zu. Er wusste schließlich, wie die Rollenverteilungen dabei auszusehen hatten; jedenfalls hier, im Norden. Der Mann hatte zu bezahlen und Punkt.

Anna’s Miene lichtete sich und sie lächelte breit und dankend, nickte. Dann machten sie sich daran das Theater zu betreten. Eine hölzerne Tür trennte die Straße von dem lauschigen Innenhof, in dem eine Bühne und viele Zuschauerbänke standen. An einer anliegenden Hauswand lehnten drei aufmerksam beobachtende Typen, die aussahen wie harte Schläger vom Hafen. Vermutlich spielten sie heute Abend die Rausschmeißer. Die Atmosphäre war dennoch sehr gut und Hjaldrist ließ den Blick groß umher schweifen. Man hatte den Hof schön dekoriert und mit farbenfrohen Lampen geschmückt, die für ein warmes Licht sorgten. Auf den Zuschauerbänken lagen rote Wolldecken parat, damit trotz der lauen Frühlingsnacht niemand fror, und in einer der Ecken schenkte eine beleibte, laut lachende Dame Wein aus. Viele augenscheinliche Künstler waren anwesend und unterhielten sich geschäftig miteinander.

In all dem heiteren Trubel stubste Anna den Jarlssohn an und nickte ihm auffordernd zu.

“Suchen wir uns gute Plätze, solange es sie noch gibt. Es sind viele Leute hier.”, meinte sie und ihr Freund nickte sogleich.

“Geh schon mal vor, ich hole uns noch was zu trinken.”, schlug der Inselbewohner vor und sah kurz darauf schon, wie die Kurzhaarige verschwand, um zwei Sitzplätze in der ersten Reihe zu reservieren.

 

Die Hauptrollen des Theaterstücks hatten drei Personen inne: Ein Mädchen, eine Frau mittleren Alters und eine Greisin. Passend zu Melitele, die stets als Dreigestalt dargestellt wurde. Das ganze Schauspiel war in drei Teile gegliedert, die das Leben der Heilerin ‘Marianne’ darstellten: Einmal die Kindheit bei strengen Eltern, die Flucht aus deren Haus, das Lernen in einem Kloster der Gottmutter. Und dann war da noch eine Romanze zu einem Soldaten namens Efim, der früh sterben sollte und dem die Heilerin aus dem Kloster nicht mehr helfen könnte. Erzählt wurde die ganze Geschichte von der alten Frau, die, wiederum, Marianne an ihrem Lebensabend darstellen sollte. Das ganze Stück war wunderbar aufgebaut und mit Liebe zum Detail geschrieben worden. Das erkannte man selbst als Laie. Auch waren die Schauspieler wirklich gut. Hjaldrist hatte zuvor noch nie ein Theaterstück gesehen. Nur kleinere Vorführungen in Tavernen, die kaum an das heran reichten, das im Theater Novigrads gezeigt wurde. Zumal die vermeintlichen Schauspieler Skelliges oft sehr betrunken gewesen waren. Daher hatte der Jarlssohn geglaubt, er hielte nichts von solchen Dingen. Er war zunächst nur deswegen mit Anna hierhergekommen, weil jene große, glitzernde Augen bekommen hatte, als sie vom Theater gesprochen hatte. Außerdem war es ein Vorwand dafür gewesen mit ihr auszugehen. Jetzt aber ertappte sich Hjaldrist dabei das Schauspiel wirklich zu mögen, denn man konnte tatsächlich ein wenig mit dem Drama miteifern. 

Auf der Bühne brach die junge Marianne soeben neben ihrem geliebten Soldaten auf die Knie und weinte um ihn, während er sein Leben aushauchte. Der Undviker im Publikum bekam eine ungläubige Miene und wollte es nicht fassen, dass Efim tatsächlich starb. Es war eine unerwartete Wendung in der Geschichte, die ihn ärgerte. Kurz linste er von der Seite aus zu Anna hin. Und jene saß da und hob sich eine Hand erschüttert vor den Mund.

“Oh nein…”, konnte man sie ganz leise und traurig flüstern hören. Hjaldrist betrachtete sie erstaunt. Die Jüngere schien von dem Schauspiel ja wirklich sehr mitgerissen zu sein und selten hatte der Mann sie so gesehen wie jetzt. Sie zeigte gerade eine Seite von sich, die er bisher kaum erkannt hatte oder die nur viel zu selten hervor geblitzt war. Und sicherlich lag das nicht am guten Wein, den die Kriegerin soeben trank. Die sonst so raue Frau saß hier und verhielt sich wie ein Mädchen. Also wie so ein RICHTIGES Mädchen. Sie mutete gar so an, als müsse sie gleich mit Marianne heulen. Es war… süß.

“Die Große Mutter gibt und die Große Mutter nimmt”, sagte die Alte auf der Bühne, die das Geschehen des Dramas kommentierte “Und ich wusste, eines Tages würde ich wieder an seiner Seite weilen.”

Anna wischte sich flüchtig eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. Unglaublich, dass sie wegen einer erfundenen Liebesgeschichte weinen musste. Scheinbar schien sie Schauspielerei und dergleichen wirklich zu mögen. Ja, sie ließ sich doch völlig auf die Schau ein, fieberte mit, zeigte dabei Emotion. Hjaldrist musste unweigerlich lächeln, riss den musternden Blick nur mit viel Mühe wieder von seiner Freundin los. Vielleicht sollte er sie auch in Zukunft wieder in das ein oder andere Theaterstück einladen. Er mochte es Anna auch einmal so ungespielt sanftmütig zu sehen, fand diese Seite an ihr wirklich niedlich. Aber besser, er sagte ihr das nicht.

 

Das Theaterstück, das etwa eine Stunde gedauert haben musste, endete schließlich mit einer Moral über das Leben und eine Verabschiedung durch alle Darsteller der gut besetzten Rollen. Diese Personen heimsten viel Applaus und Lob ein und das zurecht. Am Ende gingen die Schauspieler von der Bühne und überließen den Besuchern den bunt geschmückten Innenhof.

“Oh Mann, es war so traurig!”, rekapitulierte Anna das Ganze tief seufzend, als sie da neben ihrem Gefährten saß. Sie war nicht betrunken, doch angeheitert, das hörte man sofort. Hjaldrist nahm ihr ihren leeren Becher ab und spürte, wie ihm der ganze Wein auch ein klein wenig zu Kopf stieg.

“Das Ganze war überraschend gut.”, gab er dabei zu “Das hätte ich mir nicht gedacht.”

“Wieso?”, fragte die Hexerstochter, als sie unschlüssig aufsah. Sie beide erhoben sich von ihren Plätzen und machten sich daran der dicken Schankfrau ihre ausgeliehenen Weinbecher zurückzugeben.

“Ich habe davor noch nie ein Spiel in einem richtigen Theater gesehen. Nur kleinere Auftritte in Tavernen.”, erzählte der Skelliger offen.

“Achso.”, Anna blinzelte überrascht, musste dann aber lächeln “Na, für alles gibt es ein erstes Mal. Und solange es dir gefallen hat, ist doch gut!”

“Das stimmt.”, nickte der Undviker, als er mit seiner Kumpanin durch all die Leute schlenderte, um die beiden leeren Tonbecher dann auf dem kleinen Tresen der Ausschank zu stellen.

“Und kommst du mal wieder mit, um so etwas anzusehen?”, fragte Anna erwartungsvoll, als sie von der Seite aus zu ihrem Freund blickte. Er nickte und sie zeigte sich sehr erfreut darüber.

“Ha, klasse!”, lachte sie und auch der ältere Undviker war zufrieden, wenn er daran dachte sich gerade weitere Abende wie diesen hier gesichert zu haben “Dann muss ich nicht allein hin.”

“Mhm. Apropos.”, entgegnete der Mann “Was sollen wir jetzt machen?”

“Ich will noch nicht schlafen gehen.”, sagte Anna gleich und ihr Kumpan war da ganz auf ihrer Seite. Nur was könnte man um diese Uhrzeit noch unternehmen?

“Du kennst dich in Novigrad besser aus als ich. Schlag was vor.”, forderte der Inselbewohner gerade heraus und warf seiner Begleiterin einen abwartenden Blick zu. Sie runzelte die Stirn und begann nachzudenken.

“Wir könnten zum ‘Eisvogel’ zurück. Vielleicht spielen die da noch Musik.”, meinte sie “Es gibt auch einen Laden namens ‘Rosmarin und Thymian’, aber da war ich noch nie. Angeblich treiben sich dort auch immer viele Musiker und interessante Leute herum. Das Etablissement gehört diesem Rittersporn. Dem, dessen Balladen sogar in Toussaint bekannt sind.”

“Erst stellst du dich als Freundin der Schauspielerei heraus und jetzt redest du von Balladen?”, witzelte Hjaldrist und wirkte dabei koketter als gewollt “Du überrascht mich immer wieder, Anna.”

Die Frau lächelte schief, als sie das Theater dann gemeinsam verließen. Sie hakte sich bei ihrem Kumpel unter, als sie neben ihm her ging.

“Zugegeben: Ich weiß das mit den Balladen nur, weil mir Balthar davon erzählt hat.”

“Hmm? Wie das?”

“Rittersporn hat Lieder über Geralt geschrieben und der stammt doch aus unserer Schule. Natürlich kannte also jeder die Balladen oder zumindest den Namen des Barden. Ich glaube, die beiden Kerle sind richtig gute Freunde.”, erklärte die Kurzhaarige wissend weiter “Und es wäre doch spannend diesen Rittersporn einmal persönlich singen zu hören, oder?”

“Naja…”, grinste Hjaldrist “Dann könnten wir zumindest damit angeben es einmal getan zu haben. Wenn er wirklich so bekannt ist, wie du meinst…”

“Ja, nicht?”, flötete die heitere Frau “Ich zeige dir sein Gasthaus!”

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