Kapitel 49

Rosmarin, Thymian und zu viel Wein

“Bist du dir sicher, dass der Laden da ein Gasthaus ist?”, fragte Hjaldrist sehr skeptisch, als er mit Anna vor dem ‘Rosmarin und Thymian’ ankam. Die vermeintliche Schänke war noch gut besucht, denn von drinnen drangen Gelächter und lauter Gesang bis auf die Straße. Doch da gab es ein kleines Detail, das den Skelliger stutzen ließ: Vor dem Gebäude standen zwei sehr leicht bekleidete Damen, die ihm unmissverständliche Blicke zuwarfen. Eine dritte bezirzte soeben einen Betrunkenen, der zufällig vorbei getorkelt war.

“Zwanzig Kronen die Nacht, na?”, säuselte sie dabei unüberhörbar und legte dem wankenden Kerl schon einen Arm einladend um den Nacken. Er stammelte irgendwas von einer Frau und Kindern, doch die Hure ließ nicht locker.

“Ähm.”, machte Anna genauso irritiert, wie sich ihr älterer Kumpel fühlte “Also ich habe gehört, es sei ein Kabarett. Als wir gestern hier in der Stadt ankamen, habe ich sogar ein Plakat gesehen, auf dem es als solches beworben wird.”

Der kritische Undviker brummte nachdenklich. Denn Werbung unter der Bezeichnung ‘Kabarett’ hin oder her… die Bude da vorne glich eher einem kleinen Freudenhaus.

“Gehen wir doch einfach mal rein und machen uns ein Bild.”, schlug Anna wagemutig vor und zog dabei auffordernd am Unterarm ihres ratlosen Freundes. Verdattert sah er sie an, doch sagte nichts. Im völlig nüchternen Zustand hätte er nun sicherlich Einspruch erhoben, doch jetzt ertappte er sich dabei nur sehr, sehr kurz mit sich zu hadern. Denn so, wie seine heimliche Liebe ihn hier gerade ansah - voller freudiger Motivation und mit einem schiefen Lächeln im Gesicht mit den leicht geröteten Wangen - konnte der Mann einfach nicht anders. Und wer wusste schon? Vielleicht hätten sie ja trotz allem Spaß in dem Etablissement, das diesem einen bekannten Barden gehörte...

“Äh… na schön.”, sagte Hjaldrist also nachgiebig und ließ sich von Anna ohne jegliche Gegenwehr in die Richtung der leichten Damen ziehen. Jene beobachteten ihn noch immer ganz genau und mussten kichern, als sie erkannten, wie er wortwörtlich vor das Haus geschleppt wurde.

“Hallo!”, entkam es der angeheiterten Anna nett und die Frauen zwinkerten ihr zu.

“Ihr beide wirkt ja sehr zielstrebig.”, kommentierte eine von jenen. Sie hatte einen dick geschminkten, roten Mund und gepuderte Wangen. Ihre blonden Haare trug sie hochgesteckt, damit man ihren Nacken gut sehen konnte, um den sich eine goldene Kette wand.

“Kann man euch etwas Gutes tun?”, wollte die leicht bekleidete mit dem weiten Ausschnitt wissen. Es sah aus, als fielen ihr die großen Brüste gleich aus der weißen Bluse und Hjaldrist schaffte es einfach nicht fort zu sehen. Planlos wirkte er, starrte wirr und verließ sich einfach einmal auf die… naja, kontaktfreudigere Anna.

“Ist das der Laden von Rittersporn?”, fragte die anwesende Novigraderin gleich.

“Ja, Liebes.”, bestätigte die Blonde und lächelte verwegen “Er ist aber leider nicht da, falls ihr ihn sucht.”

“Ach, schade.”, machte die Hexerstochter enttäuscht “Naja. Wir kommen trotzdem rein.”

Die Hure mit dem mächtigen Vorbau musste angetan lachen, während ihre schwarzhaarige Kollegin noch immer dabei war Hjaldrist interessiert von oben bis unten zu mustern.

“Also… falls ihr Spaß zu dritt sucht, wäre ich eure Frau.”, kommentierte die Besagte mit den dunklen, langen Haaren und zwirbelte eine ihrer Locken zwischen den Fingern. Anzüglich lächelte sie und sah den Skelliger unter halb niedergeschlagenen, blau geschminkten Lidern an.

“Uhm…”, machte Anna und Hjaldrist bat im Stillen zu den Göttern, dass jene nun nicht auf dieses Angebot anspringen würde. Man wusste ja nie. Um es zu verhindern, mischte er sich gar ein:

“Nein danke.”, antwortete er also, bevor die Alchemistin sprechen konnte “Wir wollen nur etwas trinken.”

“Ach”, seufzte die Schwarzhaarige “Schade.”

“Ja, welch eine Verschwendung.”, warf die Blonde von der Seite aus ein und sah von Anna zu Hjaldrist hin “Aber gut, viel Spaß ihr Hübschen. Vielleicht ändert ihr eure Meinung ja noch. Sagt Bescheid, wenn. Wir machen euch einen guten Preis.”

Sich nett bedankend setzte sich Anna dann wieder in Bewegung, um das ‘Rosmarin und Thymian’ zu betreten. Sie öffnete die Tür, trat ein und ihr Freund folgte ihr dieses Mal ohne, dass sie ihn am Arm hinter sich her zerren musste. Sofort wanderte sein neugieriger Blick durch den großen Raum und ihm wurde spätestens jetzt unmissverständlich klar, dass es sich bei dem vermeintlichen Kabarett wahrhaftig  um ein Hurenhaus handeln musste. Vor ihm tat sich eine Art Schankraum auf. Nur behelfsmäßig war jener mit dicken, roten Samtvorhängen dekoriert worden und an einer hölzernen Säule, die das Gebälk des oberen Stockwerkes trug, stand ein Bierfass, an dem man sich augenscheinlich selbst bedienen konnte. Es gab nicht nur Stühle und Tische, sondern auch große Kissen, die in den Ecken und neben großen, gut gefüllten Obstschalen am Boden drapiert worden waren. Unweit tanzten zwei halbnackte Frauen zum Lautenspiel einer blonden Bardin mit auffallender Hutfeder. Ein Zwerg mit dichtem, dunklem Bart sah ihnen dabei zu und klatschte in die Hände, pfiff. Abgesehen von ihm waren mehrere männliche Besucher hier. Aber nicht nur sie. Auch Frauen, die nicht zur Belegschaft gehörten, waren hier. Und obwohl sich im Raum einige Freudenmädchen räkelten, machte das ‘Rosmarin und Thymian’ nicht unbedingt den Eindruck einer fragwürdigen Absteige. Es wirkte… irgendwo ein wenig edler. Nicht viel, doch es war zu bemerken, dass hier auch Leute herum saßen und zur Musik sangen, als befänden sie sich in einer normalen Taverne. Sie beachteten die leichten Mädchen kaum und schienen nur wegen der langhaarigen Bänkelsängerin da zu sein, die gerade ein Lied über einen Wassermann, der sich ein Bauernmädchen zur Frau holte, zum Besten gab. Es klang schön und sorgte für eine einladende Atmosphäre.

“Hmm.”, machte Anna und grinste dann in Hjaldrist’s Richtung “Ist doch ganz nett. Oder machen dich die Mädels nervös?”

Gleich drehte der Angesprochene seiner Freundin den Kopf zu und blinzelte etwas entrückt. Gerade noch so verkniff er sich eine schlagfertige Entgegnung, in der er anmerken wollte, dass ihn hier nur EINE unruhig machte. Nämlich sie selber. Der trocken schluckende Mann biss sich auf die Zunge und schaffte es wohl nur deswegen die vorschnelle Klappe zu halten.

“...Nein.”, entkam es ihm dann “Wir können uns setzen, wenn du magst.”

“Na dann.”, lächelte die zufriedene Novigraderin breit “Es ist ja nicht sooo viel anders als in anderen Schänken, was? Und hey, wir könnten einmal wieder Mädels bewerten. Das hat früher immer Spaß gemacht.”

Nun musste der Skelliger etwas verblüfft und leise lachen.

“Also gut.”, schnaufte er belustigt “Suchen wir uns einen Platz.”

 

Der Met war ganz schön teuer, dafür war die Unterhaltung im ‘Rosmarin und Thymian’ aber ziemlich gut. Und damit waren nicht die vielen, halbnackten Frauen gemeint, die auf ein lohnendes Sexgeschäft aus waren. Sondern die Bardin, die nun schon seit geraumer Zeit lustige Lieder und auch traurige Balladen sang. Die besagte Blonde ging voll in ihrem Element auf und stahl den leichten Mädchen des Hauses damit ein wenig die Schau. Zugegeben, Hjaldrist hatte nicht gedacht, dass er hier, in diesem Laden, der auf den ersten Blick so schmierig wirkte, Spaß haben würde. Aber das hatte er. Der teure Met, den es in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen gab, war gut und die allgemeine Laune großartig.

“Vier.”, sagte Anna bestimmend, als sie einer der kichernden Huren hinterher sah, die gerade mit einem dicklichen Kerl der Stadtwache nach oben verschwand, doch Hjaldrist runzelte skeptisch die Stirn.

“Uh, nein, Drei.”, korrigierte er die Bewertung der Fremden auf der Attraktivitäts-Skala, die von Null bis Zehn reichte. Null stand dabei für ‘Bergtroll’, während die Zehn einen Menschen beschrieb, der einen vor Schönheit nahezu blendete. Es war ein wenig ernstes, doch spaßiges Spielchen.

“Fünf.”, beschrieb der Skelliger die nächste, die mit schwingenden Hüften vorbei marschierte, um einer Dame, die unweit saß, eine Flasche Wein zu geben.

“Waas?”, brach es ungläubig aus Anna hervor und sie lachte “Die ist doch ziemlich hübsch. Und mindestens eine Sieben. Hast du ihre Augen gesehen? Verdammt!”

“Pff.”, machte der Undviker grinsend und trank augenrollend von seinem Honigwein, der mit Kirschsaft gestreckt war. Seine Begleiterin und er hatten nicht mehr vor stärkeres Zeug zu trinken. Der wohlig angeheiterte Pegel, der momentan vorherrschte, genügte. Er machte einem den Kopf etwas leicht und die Zunge locker, aber nicht mehr. Es galt also ihn zu halten, um heute weder schnell müde zu werden, noch morgen verkatert zu sein.

“Geschmäcker sind eben verschieden.”, fügte der Jarlssohn seiner Bewertung noch besserwisserisch hinzu und Anna schnaufte erheitert.

“Glaubst du, wir entdecken heute noch eine Zehn? So wie damals in Blandare?”, fragte die Monsterjägerin mit dem duftenden Gewürz-Met amüsiert und brachte Hjaldrist damit kurz dazu innezuhalten. Er drehte Anna den Kopf zu, taxierte sie. Und da lag im etwas drängend auf der Zunge. Etwas, das zwischen all dem Kirschmet einfach raus musste. Der beduselte Mann dachte nicht weiter darüber nach und redete einfach.

“Ja, es ist eine anwesend.”, entkam es ihm vielsagend und seine unwissende Gefährtin wirkte erstaunt, richtete den Blick sofort wieder auf den weitläufigen Raum zurück. Hjaldrist’s dunkle Augen folgten dem nicht. Er sah seine Freundin weiter an, während seine Miene weicher wurde. Der Mann verkniff sich ein leichtes Seufzen.

“Wo?”, wollte Anna gleich interessiert wissen und nur zögerlich riss der Skelliger seine Aufmerksamkeit wieder von ihr. 

“Rate.”, sagte er schlicht und lächelte rätselhaft. Sein Ausdruck wollte in eine nachdenklich-melancholische Richtung rutschen, doch im letzten Moment ermahnte sich der Krieger selbst dazu jetzt nicht daran zu denken, wie Anna zu ihm stand. Dass es vergeblich wäre ihr Komplimente zu machen. Er befeuchtete sich die trocken gewordenen Lippen beiläufig und fasste wieder nach seinem Becher, um einen tiefen Schluck daraus zu trinken.

“Äh…”, machte die Hexerstochter und ihr Blick schweifte durch den Raum “Der Lockenkopf da hinten?”

“Nein.”, sagte Hjaldrist, ohne wirklich nach der Ausschau zu halten, die seine ratlose Kumpanin meinte. Sie würde nicht verstehen, wen der Inselbewohner meinte. Denn sie würde niemals darauf kommen auf sich selbst zu tippen.

“Die Blonde mit den großen Ohrringen?”

“Nein.”

“Die Bardin?”

“Wieder daneben.”

“Hmm… und was ist mit der Elfe da am Nebentisch?”

“Nein.”

Die besagte Frau, eine spitzohrige Dame im mittleren Alter, sah just in dem Moment her, als Anna sie prüfend beäugte. Die schmale Elfe hatte hellbraunes, kurzes Haar, trug ein weit ausgeschnittenes, simples, doch hübsches Kleid in Grün und Gelb. Sie sah nicht unbedingt so aus, als arbeite sie hier.

“Gibt es ein Problem?”, wollte die Fremde wissen und die beiden konfrontierten Abenteurer zuckten ertappt zusammen. Anna lächelte nervös, während Hjaldrist einfach weg sah.

“Ähh, nein.”, meinte die Kriegerin aus Kaer Morhen betreten, musste dann aber etwas lachen. Die verwirrte Elfe runzelte die Stirn und sah nicht weg.

“Bei Hemdall…”, murmelte Hjaldrist und verkniff sich ein Grinsen.

“Es gibt kein Problem!”, versicherte Anna noch einmal selbstsicher, doch konnte nicht damit aufhören zu schmunzeln. Und dies ließ sie wenig ernst wirken. Die Elfe am Nebentisch fühlte sich also nach wie vor betroffen und konnte sich wohl nicht entscheiden, ob sie deswegen ärgerlich werden sollte oder nicht. Sie hob eine ihrer schmalen Brauen an, sah dann abwertend zu Hjaldrist hin.

“Falls Eure Freundin über meine Ohren lacht, habt ihr da wirklich eine sehr flache Person bei Euch.”, kritisierte die fremde Elfe und hörte sich pikiert an. Der Mann aus dem Westen blinzelte überfordert.

“Was? Nein, nein…”, sagte er sofort und erhob die Hände abwehrend “Eure Ohren sind vollkommen in Ordnung.”

“He, ich bin nicht rassistisch!”, beschwerte sich Anna sofort und hörte endlich damit auf so unglaublich belustigt auszusehen. Und weil sie im angeheiterten Zustand schon immer jemand gewesen war, der leicht eskalieren konnte, räusperte sich Hjaldrist sofort, um die Aufmerksamkeit beider Frauen auf sich zurück zu lenken. Er sprach gleich dazwischen.

“Wir haben nur ein Spiel gespielt…”, erklärte er, denn er war heute nicht auf Streit aus “So etwas wie… ‘Ich seh etwas, was du nicht siehst’.”

“Ja und außerdem wäre es wirklich blöd, wenn ich über Elfen lachen würde. Seine Oma hat nämlich auch spitze Ohren.”, verriet die Novigraderin offen und deutete auf Hjaldrist. Er kräuselte die Brauen und das strenge Gesicht der Fremden lichtete sich etwas.

“Tatsächlich?”, wollte sie wissen und musterte den Skelliger eingehend.

“Und Unterhöschen aus Batist.”, warf Anna noch ein. Und an diesem Punkt musste die mit den hellbraunen Haaren schlussendlich lachen. Die Situation zwischen den kurzhaarigen Frauen war mit einem Mal entschärft worden, auch, wenn sich der geplagte Hjaldrist ein wenig fremdschämen musste. Er stöhnte entnervt.

“Batisthöschen. Die scheinen wohl generell etwas Elfisches zu sein, hm?”, fragte die Unbekannte nach und ihre stahlblauen Augen wichen von Anna fort, hin zu dem Axtkämpfer in der roten Tunika.

“Ich schätze, ja.”, hüstelte jener und fühlte sich gerade ziemlich blöde. Die neue Bekanntschaft fragte sich nun sicherlich, warum er und Anna wussten, dass seine Großmutter Unterwäsche aus Batiststoff besaß.

“Ihr habt also auch solche Höschen?”, wollte die Hexerstochter mit der losen Klappe wissen.

“Anna!”, mahnte Hjaldrist daher mit tiefem Unterton, doch erwischte sich selbst dabei nun auch mit dem Schmunzeln anfangen zu müssen. Die Elfe am Nebentisch lachte nämlich abermals laut und hinter vorgehaltener Hand.

“Ihr seid ja wirklich ulkig…”, kommentierte die Brünette aufrichtig belustigt “Aber passt auf bei wem Ihr solche Späße macht. Manche Leute, besonders die Elfen der Stadt, verstehen zurzeit überhaupt keinen Spaß.”

“Wenige verstehen hier gerade Spaß, fürchte ich.”, nickte Hjaldrist zustimmend und auch Anna verzog den Mundwinkel unzufrieden.

“Das letzte Mal, als ich hier war, waren die Straßen nicht voll mit diesen Spinnern des Ewigen Feuers.”, erzählte die Novigraderin frei heraus und gab einen genervten Laut von sich “Wir kamen erst vor kurzem an und das erste, das wir mit ansehen haben müssen, waren Hinrichtungen.”

“Das tut mir leid.”, seufzte die Elfe im grün-gelben Kleid sichtlich betroffen “Besser, man geht den Hexenjägern aus dem Weg. Man muss doch nur ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen und dabei negativ auffallen, da wird man als Magier betitelt und verbrannt. Es sind harte Zeiten, in denen wir leben.”

“Mhm.”, machte Anna beipflichtend und Hjaldrist, der kurz etwas unruhig geworden war, als seine Freundin die Anhänger der Ewigen Flamme als ‘Spinner’ tituliert hatte, entspannte sich auch wieder. Denn wie die Elfe schon gesagt hatte: Man musste zurzeit aufpassen, was man in der Öffentlichkeit von sich gab. Viel zu schnell brannte man dafür nämlich am Scheiterhaufen.

 

Erst weit nach Mitternacht verließen die zwei Abenteurer das ‘Rosmarin und Thymian’. Dies kurz vor Ladenschluss und als sie einstimmig entschlossen hatten nicht noch mehr Geld für die kostspieligen Getränke ausgeben zu wollen. Auch die blonde Bardin hatte ihre Laute eingepackt und war gegangen. Es hatte Anna und Hjaldrist zuletzt nichts mehr im Möchtegern-Kabarett gehalten, also begaben sie sich jetzt wieder auf die Straße. Anna war noch immer recht beschwingt, hakte sich eng bei ihrem Freund unter und schwärmte von der Bardin, deren letzte Ballade von der Liebe zwischen einem Hexer und einer Zauberin gehandelt hatte.

“Oh Mann”, seufzte die Novigraderin rührselig, als sie neben Hjaldrist her ging “Ich würde ja auch gerne Laute spielen können, aber ich fürchte, ich bin einfach viel zu unmusikalisch.”

Der Skelliger, der in seiner freien Hand eine halb leere Weinflasche bei sich trug, gab einen leisen, belustigten Laut von sich und sah aus dem Augenwinkel zu der sinnierenden Frau hin. Er mochte es, wie sie sich an ihm festhielt. Wie sie untergehakt neben ihm her spazierte, als bräuchte sie beim Gehen Nähe. Es war eigentlich so ein simpler Moment und dennoch genoss der Viertelelf ihn sehr. Zumal er wusste, dass die heutige Nacht schneller enden würde, als gewünscht. Es dürfte nicht mehr so lange dauern, bis es dämmerte. Vielleicht zwei, drei Stunden. Der große Halbmond hing schon recht tief über der Stadt.

“Glaubst du, es ist schwer Lautespielen zu lernen, Rist?”, wollte Anna wissen, denn das Musik-Thema ließ sie wohl nicht los, und der Angesprochene hob die Brauen leicht an. Er lachte mit einem schiefen Grinsen im Gesicht.

“Lern erstmal Schwimmen.”, riet er und erwartete einen blöden, schnippischen Kommentar als Antwort. Doch er täuschte sich. Statt eines blöden Witzes, kam nun nämlich ein ernstes Starren als Entgegnung. Anna’s Miene war in eine bemerkenswert entschlossene Richtung verrutscht und obwohl sie eine gute Mischung aus Bier, Wein und Met intus hatte, schaffte sie es, dass ihr bester Freund sie für voll nahm. Vielleicht, weil er selbst ebenso genug gesoffen hatte.

“Ja, das mach ich!”, kündigte die Frau im roten Kleid aus dem Caed Myrkvid an und brachte Hjaldrist damit dazu irritiert drein zu sehen. Zuerst verstand er nicht so recht, was Anna wollte. Doch dann kam es ihm: So, wie sie ihn gerade ansah, war es doch klar, dass sie vorhatte JETZT schwimmen zu gehen. Der Jarlssohn gluckste erheitert, als er dies realisierte. Er hob die Flasche an und nahm einen Schluck des kostspieligen Starkweins aus dem ‘Rosmarin und Thymian’.

“Du willst jetzt in das Meer springen?”, hakte er feixend nach “Bist du dir sicher?”

“Ja, voll.”, nickte die Angeheiterte entschlossen “Lass uns einen Platz dafür suchen. Das wird sicher lustig.”

“Na, wenn du meinst.”, lachte Hjaldrist und dachte sich in diesem Augenblick nicht so viel dabei. Der Wein machte ihm nämlich nicht nur die Zunge locker, sondern auch das Grübeln schwer.

 

Die beiden Halbtrunkenen hatten sich, nachdem sie beschlossen hatten, schwimmen zu gehen, vor die großen Tore Novigrads begeben. Denn so gelassen und motiviert sie beide auch waren, so hatten sie sich angewidert davor gesträubt in das stinkende Wasser im Hafen zu springen. Draußen, außerhalb der Stadt, hatten sie dann nicht sehr weit gehen müssen, um abseits der wenigen Häuser einen Platz zu finden, in dem relativ sauberes Wasser stand. Es war eine Kehre des Zulaufs des Meeres vor der Großstadt, frei von Betrunkenen, Fisstech-Abhängigen oder schnarrenden Monstren, die in der Gegend herum taumelten. Ja, es war einfach nur friedlich und der tiefstehende Mond spiegelte sich malerisch auf der ruhigen Wasseroberfläche wider.

“Na dann wollen wir mal!”, entkam es Anna unglaublich heiter, als sie auf das Wasserufer zu stakste. Sie trat sich dabei etwas ungeschickt die ledernen Stiefel von den Füßen, stoplerte fast, raffte den Kleidsaum bis zu den Knien hoch und Hjaldrist hatte Mühe damit ihr nach zu kommen. Hätte ihn nicht irgendetwas in seinem Inneren davon abgehalten, hätte er seine Freundin spätestens jetzt gefragt, ob sie wirklich in ihrer vollen Kleidung schwimmen gehen wollte. Und hätte er noch mehr vom Wein getrunken, hätte er sie lachend dazu aufgefordert sich besser auszuziehen. Aber gerade, da tat er das nicht. Denn obwohl ihm der Alkohol zu Kopf gestiegen war, war er nicht besoffen genug, dass ihm alles einerlei erschien. Er wollte es auch nicht sein und stellte seine Flasche demnach auf den Boden.

“Gehe bloß nicht unter, bevor ich bei dir bin!”, tönte der Mann, als er sich einen seiner Stiefel auszog. Seine Begleiterin stand schon bis zu den Waden im dunklen Wasser.

“Brr, ist das kalt!”, beschwerte sich die Frau, die sich fröstelnd an ihrem Kleidsaum festkrallte. Es war für eine Nichtschwimmerin eine äußerst dumme Idee beschwipst und des Nachts hier baden zu gehen. Doch weder ihr noch Hjaldrist wollte das in den Sinn. Anna dachte sicherlich nicht daran, weil sie zu viel getrunken hatte. Und für den legeren Undviker war es schlicht normal auch mal im Dunkeln in das Meer zu springen. Was sollte schon geschehen? Er war ein beachtlich guter Schwimmer und wenn seine jüngere Freundin in Not kommen sollte, könnte er ihr helfen. Jeder Skelliger hatte Meerwasser im Blut, daher machte er sich keinerlei Sorgen.

Also kam der Besagte Anna nach, nachdem er sein Schuhwerk in den feinen Sand am Ufer gestellt hatte. Anders als seine Kollegin streifte er sich noch das purpurne Oberteil ab, um nur mit seiner Hose bekleidet in das kühle Nass zu gehen. Er wusste schließlich, wie es sich anfühlte in voller Montur schwimmen zu müssen. Und das war nicht spaßig. 

Was den 25-jährigen Undviker ebenso von der bibbernden Novigraderin unterschied war, dass er keine Probleme mit dem kalten Wasser vor der Stadt hatte. Er kam von einer Insel, auf der der eisigste Winter Ard Skelligs herrschen konnte. Seine Landsleute übten sich gar im Eistauchen. Also lachte er Anna etwas später nur aus, als sie schrie, während er ihr eine gewaltige Ladung Wasser entgegen spritzte und selbst schon bis zur Brust im Meer stand.

“Komm schon, so schlimm ist es auch wieder nicht!”, forderte der Mann schadenfroh und seine Kollegin mit den seitlich gestutzten Haaren stöhnte überfordert. Schlussendlich ließ sie ihren Kleidsaum aber endlich los und holte einmal tief Luft, nahm merklich all ihren Mut zusammen. Dann setzte sie sich im kniehohen Nass hin. Was folgte war ein wüstes Fluchen ihrerseits und ein lautes Lachen aus Hjaldrist’s Kehle.

“Man gewöhnt sich dran.”, meinte der Skelliger, als er sich wieder fasste und winkte Anna zu sich “Komm her. Im seichten Wasser lernt man das Schwimmen nicht.”

“Jajaja.”, keuchte die Kurzhaarige, erhob sich schwerfällig und watete taumelig in die Richtung ihres Kumpels. Dies mit einem zunehmend entnervten Gesicht, denn ihr Kleid zog nun nass an ihr und klebte sich unangenehm an ihre Beine; das sah man selbst im spärlichen Mondschein vor Novigrad. Aber… nun… Hjaldrist beschwerte sich nicht über das jetzt recht eng anliegende Kleidungsstück. Sein forschender Blick wanderte an Anna hinab und er holte Luft zum Sprechen. Er wollte gerade zu letzterem ansetzen, als die Frau selbst hinter das kam, was sich ihr gaffender Kumpan dachte:

“Wie mies.”, maulte sie “Warum habe ich das blöde Kleid nicht ausgezogen?”

Der Undviker sah wieder auf. Schwieg. Und dann durfte er tatsächlich wie gebannt beobachten, wie seine Kumpanin ein paar Schritte weit zurück, gen Ufer, stelzte und sich dabei die Schnürung am Rücken fahrig öffnete. Der Mann schluckte.

“Äh.”, machte er, als wolle er irgendeinen Einwand oder eine dringende Frage aussprechen. Doch dann entschied er sich dazu es nicht zu tun und einfach nur interessiert zu starren.

Anna zog sich aus, warf das klitschnasse Kleid an den Rand des Meerzulaufes. Im fahlblauen Mondschein erkannte der dezent planlos abwartende Undviker, dass sie nichts unter dem Kleidungsstück von Ehillea getragen hatte. Kurzum stand sie jetzt also nackt da und scherte sich augenscheinlich einen Dreck darum. Wohl verständlich, wenn man bedachte, wie oft sie sich in Hjaldrist’s unmittelbarer Nähe schon umgezogen hatte. Dass man sie unbekleidet durch die Ruine der Flammenrose gejagt hatte und dass selbst Ravello sie deswegen schon so betrachten hatte dürfen, wie die Götter sie gemacht hatten. Und wenn man bedachte… dass der anwesende Jarlssohn ihren nackten Körper schon von allen möglichen Blickwinkeln gesehen hatte. Damals, nachdem die Verrückte diesen lilafarbenen Trank getrunken hatte und sie beide folglich eine ganze Nacht damit verbracht hatten sich… äh… ‘näher kennen zu lernen’. Letzteres war es auch, das Hjaldrist in Verbindung mit dem momentanen Anblick den Mund leicht offen stehen ließ. Etwas, das die angeduselte Anna natürlich kommentierte, als sie wieder durch das schwappende Meerwasser auf ihn zukam.

“Was denn?”, schnaufte sie erheitert “Starr nicht so. Du hast doch selbst gesagt, dass es bei mir nicht so viel zum Wegschauen gibt, huh?”

Der eiskalt erwischte Skelliger blinzelte nervös und versuchte seiner Freundin in die Augen zu sehen. Es fiel ihm nicht leicht.

“Ähm…”, fing er an, versuchte sich irgendwie aus der Misere heraus zu reden und sich am Riemen zu reißen, räusperte sich leise. Der Mann klaubte plump nach Worten, zwang sich gewaltsam zu einem neckischen Schmunzeln.

“Tja. Stimmt.”, pflichtete er den vorigen Worten seiner Kumpanin dann bei, weil er nicht wusste, was er sonst von sich geben sollte. Anna lachte knapp und abfällig. 

Oh Scheiße, er war so ein Idiot! 

Und als die schlanke Frau dann langsam bei ihm im brusthohen Wasser ankam, war Hjaldrist so ärgerlich über sich selbst, dass er es für eine Weile mühelos ausblenden konnte, dass sein Schwarm hier gerade splitterfasernackt vor ihm stand. Im Wasser, aber dennoch. 

Die Alchemistin wiederum, hatte die vorigen Phrasen längst vergessen, so schien es, als sie eine Hand unsicher nach der Schulter des Undvikers ausstreckte, um sich daran festzuhalten.

“Urgh…”, machte sie, als sie nach unten, dem kalten Wasser entgegen, sah “Ich muss nicht tiefer rein, oder?”

Hjaldrist lenkte die Aufmerksamkeit auf Anna zurück, als sie ihn so ansprach und aussah, als wolle sie argwöhnisch versuchen auf den steinigen Grund des Zulaufs hinab zu blicken. Gerade, da wäre dies aber kaum möglich, denn in der Nacht waren alle Wasser finster.

“Nein, du musst nicht tiefer rein.”, bestätigte der Mann nett “Du musst mich aber loslassen, wenn du schwimmen willst.”

“Mmmh…”, machte die verunsicherte Hexerstochter unzufrieden, zog die zittrigen Finger dennoch langsam von der Schulter ihres Freundes, stand etwas unsicher.

“Ja genau… und jetzt versuche einfach einmal zu schwimmen.”

“Wie?”

“Du hast doch sicherlich schon einmal gesehen, wie jemand schwimmt?”, wollte Hjaldrist mit gerunzelter Stirn wissen und Anna nickte schnell. Der viele Alkohol musste ihr Antrieb geben, denn anders konnte es sich der Skelliger einfach nicht erklären, dass sie das hier tatsächlich durchzog.

“Versuche das, was du gesehen hast, einfach nachzumachen.”, riet der Undviker schlicht und zuckte die Achseln “Und wenn du glaubst, dass du gleich untergehst, stellst du dich einfach wieder hin. Das Wasser ist hier ja nicht so tief.”

“Also gut.”, meinte die Kurzhaarige entschlossen und verengte zielstrebig die Augen. Hjaldrist musste über diesen Anblick grinsen. Es war schräg, dass das einfache Schwimmen für jemanden solch eine große Sache sein konnte.

“Na, dann los.”, entkam es dem Mann auffordernd und er deutete mit dem Kinn gen rechts “Wenn du es zwanzig Fuß weit dorthin und wieder zu mir zurück schaffst, zahle ich morgen dein Mittagessen.”

Der Blick der verfressenen Novigraderin wurde noch entschlossener. Sehr gut. Und dann machte sie sich auch schon daran das zu tun, wozu ihr guter Freund sie aufgefordert hatte. Oder es zumindest zu versuchen. Denn das, was folgte, war ein ungeschicktes Gepaddel mit gelegentlichen Pausen, leisen Flüchen, Geschnaufe und Gehuste.

“Nicht wie ein Hund!”, besserte Hjaldrist aus, als er Anna zusah “Du musst die Hände zusammen nehmen, vor dich schieben und das Wasser dann damit beiseite drängen.”

“Jaja, ich weiß! Es… es sagt sich nur so leicht...”, ächzte die burschikose Frau, die es noch keine fünf Meter weit geschafft hatte. Und es dauerte noch fünf mehr, bis sie herausgefunden hatte, wie sie ihre Arme koordiniert bewegte, um sich behelfsmäßig über der Wasseroberfläche zu halten. Na, immerhin etwas.

“Ja genauso!”, rief Hjaldrist lachend “Und jetzt komm wieder her!”

Genauso holprig, wie sie sich entfernt hatte, tat Anna dies dann auch; Unglaublich unbeholfen, aber doch. Irgendwie hatte sie es geschafft etwas zu vollbringen, das an das Schwimmen erinnerte und hatte dabei nur zweimal Wasser geschluckt. Dementsprechend kam sie mit nassem Haar und abgekämpfter Miene zu dem wartenden Axtkämpfer zurück.

“Bah…”, gurgelte sie “Scheiße.”

“Ach, das war doch schon mal nicht ganz so schlecht.”, kommentierte der Jarlssohn ermutigend, um seiner tropfenden Kollegin die Laune nicht zu vermiesen “Noch ein paar Mal und du hast den Dreh raus, glaub mir.”

Und obwohl der Blick der Giftmischerin auf diese Worte hin ein lautes ‘Das glaube ich nicht’ schrie, widersprach sie nicht und wandte sich erneut ab, um ihr Glück noch einmal zu versuchen. Was dies anging, war ihre irrsinnige Starrköpfigkeit wirklich ein enormer Vorteil. Denn wenn Anna sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, zog sie es auch eisern durch. Schwimmenlernen, das hätte ohne die vielen alkoholischen Getränke der heutigen Nacht vielleicht nicht zu diesen Plänen gezählt, aber nun gut. Die Hexerstochter war gerade sehr, sehr angeheitert UND stur. Das war prima.

 

Anna war nach einer weiteren, kurzen Weile weit davon entfernt eine gute Schwimmerin zu sein, doch sie hatte sich angestrengt sich einige Meter weit gekonnt über Wasser zu halten und das war wunderbar. Es freute den engagierten Hjaldrist, der ihr die meiste Zeit über nur zugesehen und ihr Ratschläge gegeben hatte, aufrichtig. Wirklich eingreifen hatte er nicht müssen. Warum auch? Und so lächelte er nun breit, als sich seine fertige Kollegin an eine letzte Runde des Herumpaddelns wagte. Die positiven Kommentare, die seither seitens ihres vertrauten Kumpels gefallen waren, schienen sie wirklich darin zu bestärken und aufmerksam wartete der geduldige Skelliger ab. Gleich, da würden sie beide rausgehen und noch etwas vom Starkwein trinken, um sich aufzuwärmen. Langsam aber sicher wurde es nämlich auch dem Inselbewohner kalt.

Leise ächzend schwamm die Frau zwei, drei Züge, holte tief Luft, hielt jene an und schwamm mühsam weiter. Dann bekam sie auf einmal Probleme, wollte aufhören und sich kurz auf den steinigen Wassergrund stellen. Dabei blieb es jedoch beim Wollen. Denn anstatt Halt zu finden, ging die unvorbereitete Kurzhaarige plötzlich unter. Offenbar war sie in den Bereich geraden, an dem der Grund absank und das Meer tiefer wurde. Hjaldrist zuckte zusammen und sah sofort wach auf, als er bemerkte, wie Anna wenige Fuß von ihm entfernt verschwand. Seine Augen weiteten sich alarmiert. Ohne weiter nachzudenken setzte er sich in Bewegung, um der Braunhaarigen zur Hilfe zu eilen, und obwohl er wusste, dass doch nicht so viel passieren könnte, wallte das Adrenalin heftig in seinen Venen auf. Der aufgebrachte Mann kam verdammt eilig an die Stelle, an der er den Halt unter den Füßen verlor und er schwamm los. Völlig gescheucht und mit einer klammen Angst, die ihm die Brust eng machte, kam er so bei der Frau an, die durch ihre abrupte Angst hilflos mit den Armen ruderte. Hjaldrist erwischte die hustende Anna sofort fest an einem Oberarm, um sie an sich zu ziehen. Sie hatte sich verschluckt, spuckte aus und krallte sich reflexartig an ihrem Retter fest. Jener glaubte im ersten Moment auch untergehen zu müssen, doch biss die Zähne zusammen und schwamm gekonnt die wenigen Meter in das seichtere Wasser zurück, während die prustende Hexerstochter an ihm hing. Prüfend versuchte er sich, im flacheren Nass, hinzustellen und schaffte es auch. Erleichtert atmete Hjaldrist aus und schob Anna vor sich, ehe er sie losließ. Sie jedoch dachte in diesem Augenblick nicht daran locker zu lassen und klammerte sich weiter an ihm fest, als ginge es um ihr Leben. Überfordert stöhnend und noch etwas Wasser ausspuckend tat sie das, hatte die Arme eng um seinen Nacken geschlungen.

“Alles… alles gut.”, versicherte der bedrängte Skelliger und stammelte dabei etwas “Du kannst hier wieder stehen.”

Gedanklich schweifte er jedoch bereits in eine ganz andere Richtung ab. Oh ja, Schande über ihn, aber er konnte gerade nicht anders, als mit schnell pochendem Herzen zu bemerken, wie sich Anna da an ihn drängte. Er spürte ihren nackten Leib im kühlen Wasser betörend warm an seinem freien Oberkörper, fühlte, wie sich ihr Brustkorb unter unregelmäßig gehenden Atemzügen hob und senkte. Sie war… weich. Es fühlte sich gut an, wie sich ihre Rundungen da an Hjaldrist’s Haut drückten. Und es brachte ihn dazu wie zur Eissäule erstarrt dazustehen, während er spürte, wie der schwere Atem seiner Freundin lau über seinen Nacken strich. Es stellte ihm dort die Härchen auf. Der Mann erschauderte und der Alkohol in seinem Körper flüsterte ihm zu, dass es gut so war. Und dass er doch nicht so tun sollte, als wolle er Anna nicht berühren. Ja, er sollte sich entspannen und damit aufhören die Hände wie zur Defensive angehoben zu halten. Das hier war schlussendlich kein verheerender Überfall, der für ihn tödlich enden könnte. Das hier… war das Mädchen, das er liebte, und das sich entkräftet an ihm festhielt, als sei er ein rettendes Tau. Sie war nackt. Alles an der Situation regte doch die Fantasie an. Und vielleicht sollte Hjaldrist einfach einmal auf den lieben Alkohol hören. Denn der meinte es nur gut mit ihm.

Nach wenigen Atemzügen ließ der Jarlssohn seine Hände tatsächlich sinken, nur, um damit vorsichtig nach vorn zu fassen und sie auf Anna’s schmalen Rücken zu legen. Er spürte die Gänsehaut unter seinen Fingerspitzen und wie die frierende Kriegerin ganz schwach zitterte. Sie wiederum, hob den Kopf schweigend an, als sie die fremden Finger an sich spürte und ihr Griff wurde merklich lockerer. Sie beschwerte sich nicht, drängte ihren Freund nicht abweisend von sich. Also fasste er mehr Mut, hielt die Novigraderin selbstsicherer und ließ die forschenden Finger ein Stückchen weiter an ihrer Wirbelsäule hinab wandern; bis hin zum Steißbein. Ach, was sollte schon passieren? 

So benebelt die Sinne des Skelligers durch die wilde Mischung der abendlichen Getränke zu sein schienen, so spürte er jetzt eindeutig, wie die überraschte Kriegerin vor ihm unter seiner Berührung erschauderte. Noch lockerer ließ sie, bis ihre Arme nurmehr auf seinen Schultern lagen, anstatt ihn wie ein Schraubstock festzuhalten. Und dann kam plötzlich die Reaktion der Frau: Sie hauchte Hjaldrist einen Kuss auf den Nacken, knapp unter dem linken Ohr. Es war wie ein stummes, doch bedeutsames Angebot. Und der Dunkelhaarige glaubte, ihm wurde noch schwindelig, als er dann auf einmal die warme Zunge Annas an seiner kühlen Haut spürte.

Der heikle Moment, in dem der wachsame Hjaldrist die schlechte Schwimmerin aus dem tiefen Wasser gefischt hatte, kippte folglich schnell in eine seltene, ungewohnte und doch aufregende Richtung, in der alle Beteiligten ihre Köpfe ausschalteten und den Trieben die Zügel überließen. Einfach so. Die Hände des Jarlssohns bahnten sich ihren Weg weiter und blieben auf Anna’s Hinterteil liegen, fassten bestimmend zu und brachten die Frau damit dazu leise gegen das Ohr ihres fordernden Kumpanen zu keuchen. Sie drängte sich etwas von ihm, nur, um ihn flüchtig anzusehen und ihn dann einfach zu küssen. So, als sei dies selbstverständlich. Völlig ausgehungert tat sie das, schloss dabei die braunen Augen und öffnete zu bald die weichen Lippen, um der Zunge ihres Freundes Einlass zu gewähren. Es war eine Situation, in der Hjaldrist nicht nachdachte, sondern einfach handelte und geschehen ließ, was passieren sollte. Er gab sich dem guten Gefühl seinem geliebten Gegenüber verdammt nah zu kommen, einfach und mit schnell klopfendem Herzen hin. Es war wie ein Rausch. Da gab es keine stichelnden Fragen in seinem Kopf, als er Anna sanft vor sich her schob, um ins seichtere, knöcheltiefe Wasser zu gelangen; als er die Finger zwischen ihre Beine gleiten ließ und die Trankmischerin ob deren Kälte kurz erschrak; als sie beide deswegen lachen mussten. Da waren keine bösen Zweifel mehr, als die Alchemistin dann, am Ufer, plötzlich übernahm und den überrumpelten Skelliger stürmisch in den Sand schubste, um über ihn zu kommen. Da waren nur er und sie. Und es war unbegreiflich gut so.

 

*

 

Es war das eine sich des Öfteren zu denken, dass der beste Freund ziemlich attraktiv war und ihm deswegen scherzhaft kokette Kommentare nach zu flöten, um ihn zu ärgern. Ihm auf den Hintern zu hauen und ihn dabei als ‘Sidh arse’, Elfenarsch, zu bezeichnen. Das andere war es sich dies in Verbindung mit recht verwegenen Einfällen zu denken, nachdem man ihn mitten in der Nacht und am Meeresufer vor Novigrad flachgelegt hatte. Und schuld daran war nur der Alkohol - so wie immer. Es war fast schon tragikomisch.

Ein beiläufiges, schiefes Lächeln zog sich über das müde Gesicht Annas, als sie durchatmete, um wieder zu Luft zu kommen. Ihr Blick fiel auf den, der da unter ihr im Sand lag und sie dabei noch immer recht eingenommen ansah. Schwer zu sagen, woher dieser gebannte Augenausdruck unter den halb niedergeschlagenen Lidern Hjaldrists kam. Vermutlich von dem starken Wein, den er noch im ‘Rosmarin und Thymian’ gekauft hatte, bevor sie das vermeintliche Kabarett verlassen hatten. 

Die ungeteilte Aufmerksamkeit der Frau wanderte über das Gesicht des Dunkelhaarigen, riss sich von dessen Blick los und blieb dann an seinen Lippen hängen, die einen kleinen Spalt weit offen standen. Sie küsste jene noch ein letztes Mal; so, wie sie es davor schon getan hatte: Mit geschlossenen Augen und hingebungsvoll. Denn warum auch nicht? Nicht nur Rist war betrunken und außerdem hatte ER doch damit angefangen seine jüngere Freundin zu betatschen. Es war für sie wie eine Aufforderung und eindeutige Erlaubnis dafür gewesen weiter zu gehen. Denn Anna war jemand, der so etwas leider tat, wenn er angeheitert war. Sie musste nicht einmal volltrunken sein, um schnell auf fragwürdige Gedanken zu kommen und ihr rattiger Kollege hier hatte ihr dies heute nicht einmal schwer gemacht. Zugegeben, das Ganze war überraschend gekommen, denn normalerweise hielt sich der redliche Skelliger immer sehr zurück und die Finger bei sich. Für gewöhnlich passte er doch darauf auf, dass seine Lieblingswahnsinnige nicht eskalierte. Dass er dieses Verhalten heute völlig über Bord geworfen hatte, um Anna die Hände auf den Po und die Zunge in den Mund zu schieben, musste nicht nur am Alkohol gelegen haben. Sondern auch daran, dass sie nackt vor ihm gestanden hatte, nicht? Männer waren doch so. Manchmal schalteten sich ihre Köpfe aus, wenn sie Brüste oder einen Frauenarsch sahen. Hjaldrist war auch nur ein Kerl, daher nahm sie ihn davon nicht aus.

Die Hexerstochter musste leise lachen, als sie daran dachte und wendete den Blick ab, als sie darauf folgend von dem Mann am Boden abließ. Sie ging von ihm runter und spürte gleich, wie ihr ein schwaches Rinnsal warm an den Innenseiten der Schenkeln hinab lief. Es machte ihr keine Angst. Denn sie hatte vorgesorgt. Oh, Asche auf ihr bescheuertes Haupt, doch sie hatte am vergangenen Abend eine Phiole von dem Absud getrunken, der Schwangerschaften tagelang verhinderte, einem den Zyklus völlig durcheinander brachte und den sie auf den Namen seiner Erfinderin getauft hatte: Valerie. Denn sie kannte sich ja nur zu gut. Und sie hatte es tatsächlich in Betracht gezogen, dass das Risiko bestehen KÖNNTE, dass sie während des Abends mit Hjaldrist über eben jenen herfiel. Nicht, dass sie es tatsächlich vorgehabt oder erwartet hatte, dass der brave Rist zudringlich werden würde... Aber naja, sie ging dahingehend immer lieber auf Nummer sicher, als später tiefe Reue zu empfinden und sich eine haltlose Panik zu machen. Es hatte sich ausgezahlt.

Anna, die sich neben ihren Kumpel gesetzt hatte, hörte jenen leise ächzen, als er den Oberkörper aufrichtete. Aus dem Augenwinkel sah sie zu ihm, musste erneut grinsen, weil ihm die Hose irgendwo völlig schief an den Knien hing. Sie selbst hatte unlängst dafür gesorgt.

“Ich hab überall Sand…”, beschwerte sich der beduselte Skelliger stöhnend und nun musste die Novigraderin heiter auflachen.

“Frag mich mal.”, entgegnete sie und hörte Rist belustigt schnauben, als er sich auch hinsetzte. Von der Seite aus sah er zu Anna und musterte sie auffällig lange. Sie erwiderte den Blick bald und bemerkte, dass Hjaldrist im Vergleich zu gerade eben etwas ernster geworden war.

“Tut mir leid.”, entkam es ihm und die Kurzhaarige hob eine Braue “Ist… alles gut?”

Anna’s Miene wurde um einen Deut weicher und ungläubig schüttelte sie den Kopf. Ach, dieser liebe Trottel.

“Tu doch nicht so, als hättest du mich dazu gezwungen, Rist.”, meinte sie mit vielsagendem Unterton “Und gib den Wein her.”

Der vor den Kopf gestoßene Inselbewohner sah seiner angeheiterten Freundin auf diese Äußerung hin ein wenig wirr entgegen und mutete an, als wisse er nicht so recht, wie er reagieren sollte. Er wollte etwas sagen, das sah man. Doch stattdessen wandte er sich kurz ab, um die Hand nach der halbvollen Weinflasche auszustrecken, die unweit am Ufer stand. Schweigend reichte er sie Anna und sie setzte sich jene gleich an die Lippen, um einen großen Schluck daraus zu trinken. Der Starkwein war schweineteuer gewesen, doch schmeckte auch verdammt gut. Und er war es wohl auch, der am Ende dazu geführt hatte, dass das passiert war, was eben geschehen war: Hjaldrist hatte Anna mehr als nur interessiert angefasst, sie hatte dementsprechend reagiert. Nicht viel später hatte sie dann schon seine Finger in sich gespürt und dann... noch viel mehr. Es war gut gewesen, ziemlich. Viel besser, als mit allen anderen Kerlen. Und gerade, da bereute Anna es auch noch gar nicht. Vielleicht würde sie das morgen tun, aber daran wollte sie gerade gar nicht denken.

“Hier.”, lächelte sie, als sie die Weinflasche an Hjaldrist zurück gab und auch er trank. Der Mann hatte sich die nasse Hose mittlerweile wieder angezogen und Sand klebte ihm am Rücken, an den Armen und an einer Wange. Anna streckte eine Hand aus, um ihrem Freund den Dreck aus dem Gesicht zu wischen. Eine Geste, die ihn dazu brachte etwas überfordert her zu sehen. Rist’s dunkle Augen betrachteten Anna kurz, wichen an ihr hinab. So, als realisiere er erst jetzt, dass sie noch immer nichts anhatte; und sie würde den Teufel tun ihr klitschnasses, kaltes Kleid jetzt wieder anzuziehen. Der anwesende Mann schien das zu erraten und fischte nach seiner roten Tunika, um sie der Alchemistin zu reichen. Positiv überrascht bemerkte sie das, fasste dankend nach dem zu großen Kleidungsstück und legte es sich über die bloßen Schultern, zog es vorne eng zusammen. Sie seufzte wohlig, als sie die Augen schloss und kaum zwei Atemzüge später spürte sie, wie ihr Kumpan, der neben ihr verweilte, einen Arm locker um sie legte.

“Wir sind wirklich nicht schlecht darin ‘so zu tun, als hätten wir eine Verabredung’.”, kommentierte der Jarlssohn irgendwann seufzend in die Stille hinein und brachte Anna damit dazu amüsiert zu glucksen.

“Ist wohl wahr…”, meinte sie leiser und fasste nach der Weinflasche. Sie war froh darüber, dass Hjaldrist nicht länger betroffen schwieg, sondern seinen Mund aufbekam. So hatte Anna das Gefühl, dass ihr älterer Freund das, was passiert war, auch nicht so eng sah. Es war doch nur Sex gewesen, murmelte der Wein der Kurzhaarigen zu. Mehr nicht. Guter Sex. Es schien Vorteile zu haben mit einem gefühlvollen Mann zu schlafen, der nicht nur auf sich selbst achtete und wusste, wo und wie man Frauen anfassen musste. Das war, so viel wusste Anna mittlerweile, selten. Ehrlich gesagt hatte sie in den letzten Monaten niemanden getroffen, der dahingehend so gewesen war wie ihr bester Freund. Und wenn, konnte sie sich nicht mehr daran erinnern.

“Vielleicht sollten wir das öfters machen.”, entkam es der burschikosen Frau, der der Wein neuen Aufschwung gab, halb ernst und sie sah dabei der ruhigen Wasseroberfläche vor sich entgegen. Ein paar Enten schliefen dort im Schilf.

“Was...?”, fragte Rist langsam.

“Na, so tun, als hätten wir eine Verabredung.”, erklärte Anna sich und lachte abermals leise in sich hinein. In diesem Moment erschien ihr diese Idee als wirklich gut. Es wäre doch angenehm ab und an einfach zusammen auszugehen. So wie heute. Man musste dabei ja nicht schwimmen gehen und sich danach die Hirne aus den Schädeln vögeln. Aber… naja. Es wäre jedenfalls unterhaltsam.

“Nur so, zum Spaß?”, fragte Rist mit leicht gesenkter Stimme und sah ebenso nur vor sich hin.

“Nur so, zum Spaß.”, bestätigte die Giftmischerin aufrichtig und ohne jeglichen Hintergedanken. Denn sie war schließlich nicht darauf aus mehr von Hjaldrist zu wollen. Sie waren beste Freunde und sollten es auch bleiben. Nie im Leben hätte Anna daran gedacht etwas an diesem schönen Umstand zu ändern. Denn… hätte sich da mehr entwickelt, hätte das geheißen, sie rutschten in eine Beziehung. Womöglich sogar in eine feste. Und das wollte die Frau nicht. So und so nicht ewig haltende Beziehungen und Gefühle, die damit verbunden waren, zerstörten mit etwas Pech die besten Freundschaften und sie hatte keinerlei Verlangen danach, dass es zwischen ihr und dem Skelliger so käme. Nichts sollte sich je ändern zwischen ihnen. Davon abgesehen, dass sie doch keine Beziehung bräuchten. Erstens hingen sie doch sowieso schon immer aufeinander, weil sie sich als Kumpels nah standen, und zweitens liebten sie sich doch nicht. Was machte sich die Kriegerin also überhaupt für komische Gedanken? Sie sollte sich nicht sorgen.

Hjaldrist antwortete derweil nicht mehr. Er sah nur weiter auf das stille Meer und trank noch etwas. Es war ein Verhalten, das Anna just nicht so recht zu deuten wusste und deswegen lenkte sie die braunen Augen auf den Mann in der nassen Hose zurück. Er sah ein wenig nachdenklich aus, hielt die unweit schlafenden Enten fixiert. Konnte es etwa sein, dass ihm nicht gefiel, was heute zwischen ihnen gelaufen war? Er war doch romantischer veranlagt als seine Begleiterin. Womöglich verspürte er Reue, hatte sich nur deswegen entschuldigt. Hatte er etwa ein schlechtes Gewissen? Aber… aber sie hatten doch schon einmal miteinander geschlafen. Es hatte damals absolut nichts zwischen ihnen geändert und der kecke Undviker hatte danach sogar blöde Witze über den vermeintlichen Ausrutscher gemacht. Anna hatte ihn dann, später, auch einmal ziemlich fordernd geküsst und es war genauso einerlei gewesen. Was sollte heute also anders sein? Es war doch alles nur Kurzweil.

“Wir sind noch Freunde, oder?”, fragte Anna ungeschickt in die Stille hinein und sah zu dem hin, der da nach wie vor einen Arm um sie gelegt hatte. Hjaldrist blickte her, betrachtete sie kurz stumm. Sein Gesichtsausdruck war dabei unglaublich schwer deutbar. Es wäre der Novigraderin lieber gewesen er hätte sie wegen ihrer blöden Frage ausgelacht.

“Ja…”, sagte er dann ruhig “Sind wir.”

Der Frau, der ein kleiner Stein vom Herzen fiel, lächelte und sie nahm die Flasche entgegen, die man ihr schon wieder reichte. Erleichtert ausatmend lehnte sie sich an ihren Kumpanen.

“Sollen wir zurück gehen?”, fragte Hjaldrist irgendwann und brach damit das angenehme Schweigen. Der Starkwein war längst leer und die Temperaturen kletterten auch nicht höher, also nickte Anna. Sie sah auf, als sich ihr Gefährte erhob und ihr helfend die Hand hin streckte. Sie fasste dankend nach jener und kam ebenso auf die Beine. Noch immer waren ihr die Knie etwas weich und der Kopf ganz leicht. Sie schmunzelte über sich selbst, als sie sich nach ihrem blaugrünen, tropfenden Kleid umsah, um es aufzuheben. Momente später tat sie es Rist gleich, der seine ledernen Stiefel angezogen hatte und auf sie wartete. Fröstelnd schloss Anna zu dem Undviker auf, taumelte dabei einmal ein Stück weit, doch fing sich. Und sie sah perplex auf, als Hjaldrist dann, als sie bei ihm ankam, eine ihrer Hände nahm, um sich zusammen mit ihr auf den Weg gen Stadttor zu machen. Sie sagte oder tat nichts dagegen, linste nur einmal prüfend auf die Hand, die die ihre festhielt. Dann lächelte sie breit. Denn… richtig. Ihre Schein-Verabredung war schließlich noch nicht vorbei, was?

Der Weg führte die beiden Abenteurer also fort von der dunklen Kehre des Meerzulaufes, hin zu einer der kleinen Siedlungen vor der Stadt und zwischen den alten und teils verkommenen Häusern hindurch. Wenige Menschen waren hier vor ihren Heimen zu sehen und manche von ihnen waren dies wohl nur, weil sie heute trotz des Feiertages wichtige Dinge zu erledigen hatten. Bald würde der Morgen dämmern und hier und da konnte man in den Häusern schon tanzende Lichter brennen sehen. 

Die Ungeheuerjäger gingen vorbei an einem kleinen Brunnen aus hellem Stein, an dem ein Mann lehnte, der augenscheinlich auf jemanden wartete. Anna beäugte eine alte, bunte Hausverzierung, die eine nahe Holzwand schmückte und hübsche, symbolhafte Blumen darstellte. Sie kannte diese Malerei. Es hatte sie schon vor fünfzehn Jahren gegeben, nur war sie damals noch nicht so verwittert gewesen wie heute. Die gedankenverlorene Hexerstochter riss den Blick wieder von den Blüten fort, ging an Rist’s Hand neben demselben her. Bald hätten sie eines der südlichen Stadttore Novigrads, das sogenannte ‘Tor des Hierarchen’ erreicht. Und als sie auf diesem Weg zwischen den Häusern der Waschweiber durch spazierten, vor denen viele volle Tröge standen, wurde Anna’s Blick starrer. Sie bemühte sich nicht nach links oder rechts zu sehen, senkte die braunen Augen einmal gar gen Rist und ließ jene dort unruhig hängen. Denn sie passierten die Hütte ihrer Eltern; dieses kleine Ding aus Holz, mit dem Strohdach und den schmalen Holzbalken zur Seite, an denen gesalzene Fische zum Trocknen hingen. Dass Anna angeheitert war hin oder her… sie wollte das Haus, in dem sie sechs Jahre ihres Lebens verbracht hatte, nicht sehen. Sie wollte nicht in die Augen der Frau blicken, die auf der kleinen, schiefen Bank davor saß und noch in aller Ruhe einen frühmorgendlichen Becher Tee trank. Die Kriegerin aus Kaer Morhen hatte schon vor sechs Jahren damit abgeschlossen. Damals, als sie ihre leiblichen Eltern frohen Mutes aufgesucht und nur bedrückende Enttäuschung gefunden hatte.

Zum Glück waren Anna und Rist bald an der kleinen Fischerhütte vorbei, um an das Stadttor zu gelangen. Jenes war jedoch geschlossen.

“Wirklich?”, entkam es dem negativ überraschten Skelliger, der die Hand seiner Gefährtin noch immer festhielt, entnervt “Sie haben dicht gemacht?”

“Klopfen wir einfach an. Drinnen stehen doch immer Wachen herum.”, schlug die Kurzhaarige vor und zuckte mit den Schultern. 

Gesagt getan. Doch anstatt den beiden halb Erfrorenen das große Tor des Hierarchen zu öffnen, brummte der rot-weiß uniformierte Wachmann hinter dessen Sichtfensterchen bloß unfreundlich.

“Wir haben unsere Befehle. Niemand kommt rein.”, meinte der und wollte die Sichtluke schon wieder schwungvoll zuschlagen.

“Moment! Warum?”, schnappte Anna gleich “Wir kamen vorhin doch auch raus!”

“Raus ist kein Problem.”, murrte der Soldat mit dem Topfhelm “Aber rein. Und deswegen zieht Leine und kommt eine Stunde nach Sonnenaufgang wieder.”

Hjaldrist stöhne genervt und musste mit den dunklen Augen rollen.

“Ernsthaft? Es dämmert doch eh bald.”, wollte er wissen und es war mehr eine Floskel, als eine wirkliche Frage. Die Torwache meinte es ernst, das sah und hörte man doch.

“Wir frieren uns hier die Ärsche ab.”, beschwerte sich die Kurzhaarige ächzend, trat von einem Bein auf das andere und die Wache lachte nur trocken.

“Da hättet Ihr einen Mantel mit raus nehmen sollen, solltet ihr wirklich aus der Stadt gekommen sein. Was ich nicht glaube, so, wie Ihr ausseht.”, kommentierte der Unfreundliche voreingenommen “Schöne Nacht noch.”

Und mit diesen Worten schlug er sein quietschendes Sichtfenster zu. Anna beobachtete dies mit wenig Begeisterung und entzog ihrem besten Freund schlussendlich die Finger, um die Arme beleidigt fröstelnd vor der Brust verschränken zu können. Sie zog die Schultern an.

“Na super...”, murmelte sie und auch Rist wirkte nicht besonders erfreut.

“Hm.”, machte er “Entweder wir warten oder wir versuchen es bei einem der anderen Tore. HIER kommen wir jedenfalls nicht rein.”

“Ich bin für zweiteres.”, sagte die Frau “Es ist wirklich arschkalt. Ich will nicht im Freien warten.”

Der hübsche Skelliger nickte zustimmend. Ein Wunder, dass er mit seiner nassen Hose und dem nackten Oberkörper nicht schon längst mit den Zähnen klapperte.

“Mhm, dann lass uns gehen…”, der Axtkämpfer wendete sich von dem massiven Tor der Stadt ab, um sich wieder in Bewegung zu setzen. Mit nach wie vor frierenden, verschränkten Armen stakste Anna hinter ihm her und verfluchte den unsympathischen Kerl der Wache im Geiste. Frustriert trat sie einen kleinen Stein fort.

Die zwei Vagabunden kamen daraufhin nicht weit. Denn als sie den breiten Weg nahmen, der vom Tor des Hierarchen fort führte, wartete eine Frau am Rand der Straße auf sie. Und nicht nur irgendeine...

“Arianna...?”, fragte jene ungläubig und brachte die Angesprochene damit dazu ertappt zusammen zu zucken. Anna musste nicht aufblicken, um zu wissen, wer da zu ihrer Rechten stand. Ihre Mutter musste Hjaldrist und ihr gefolgt sein, nachdem sie die beiden vorhin gesehen hatte. Und jetzt stand sie kleinmütig da und sah die 21-Jährige von der Seite aus an, als sei sie sich nicht sicher, ob es tatsächlich ihr Kind war, das sie da anstarrte.

Die Schwertkämpferin zwang sich dazu starrköpfig nach vorn zu sehen und ging einfach weiter, als habe sie die Ältere nicht gehört. Doch Rist, der hielt natürlich aufmerksam inne, verdammt. Als Anna sich finster nach ihm umsah, betrachtete er die ihm Fremde schon irritiert. Jene sagte nichts, sondern spähte bloß ihrer unterkühlten Tochter nach.

“Rist.”, bat Anna knapp “Lass uns gehen.”

“Diese Frau hat dich gerade angesprochen und kennt deinen Namen.”, merkte der nichtsahnende Jarlssohn an, doch im selben Atemzug schien ihm zu dämmern, was hier gerade passierte. Denn er war ja nicht blöd. Es musste am Starkwein liegen, dass er es nicht gleich verstanden hatte, denn Anna kam absolut nach ihrer Mutter, sah ihr recht ähnlich. Sie hatten dieselben braunen Augen, die gleiche Nase, eine ähnliche Statur.

“...Oh.”, machte Rist und sah sofort wieder zur älteren Frau hin. Jene trug die langen, braunen Haare zu einem simplen Zopf geflochten und ein ebenso schlichtes, erdfarbenes Kleid aus Leinen. Sie hatte sich eine Schürze umgebunden und trug keinerlei Schmuck an sich. Nicht einmal den einfachsten aus billigen Holzperlen. Dies zeugte davon, wie wenig Geld sie haben musste.

“Die Stadtwache schließt die Tore nachts immer.”, meinte die Langhaarige, die etwa an die vierzig Jahre alt sein musste, nahezu schüchtern “Die Bürger haben Angst, dass der Nachtschreck ihre Kinder holt.”

Anna schwieg, als ihre Augen gefühlskalt auf ihre Erzeugerin fielen. Jene geriet nun in betretene Sprachnot, da sie nicht wusste, was sie sonst noch sagen sollte. Es war offensichtlich, dass sie sich enorm fehl am Platz fühlte und dennoch mit der viel jüngeren Alchemistin reden wollte. Warum? Konnte sie nicht einfach wieder gehen?

“...Ihr könnt zu uns kommen und euch aufwärmen, wenn ihr mögt.”, bot die Langhaarige dann auf einmal an und Anna glaubte, sie höre schlecht. Auf einmal fühlte sie sich wieder so nüchtern und extrem unwohl. Ihr Magen wurde ganz flau und wusste nicht, ob er sich mit Wut füllen sollte oder nicht. Die 21-Jährige verengte den Blick, atmete flach durch. Irgendwo… war sie ja schon neugierig und wollte ihren damaligen, schrecklichen Besuch bei ihren Eltern vergessen können. Es interessierte sie nämlich unpassender Weise, wie es letzteren ging. Sie fragte sich, wie viele Geschwister sie nun hätte, wie jene hießen, wie alt sie waren. Schließlich war es ja doch ihre Familie. Aber… nein. Ihr enormer Stolz erinnerte sie daran, dass sie diese Leute verabscheuen sollte. Dass sie sehr böse auf sie war und nicht wieder mit ihnen sprechen wollte.

“Nein danke.”, sagte sie daher, das Angebot der Älteren unfreundlich ablehnend “Rist… komm bitte.”

Doch Hjaldrist folgte nicht. Er hatte den verdattert musternden Blick erst von der Mutter seiner Freundin losgerissen und sah jetzt zögernd zu Anna hin. Er taxierte sie eingehend und sah schon wieder so aus, als könne er direkt in die Jüngere hinein sehen. Der Mann wirkte damit, als wisse er ganz genau über die Zweifel Bescheid, die da gerade in der Kriegerin tobten. Sein Ausdruck wurde ernster. Natürlich wurde er das, denn er war im Grunde ein netter Mensch, der sicherlich wollte, dass sich Anna gut mit ihrer Familie verstand und der keine trotzigen Sturheiten duldete. Er hatte schon immer so schief drein gesehen, wenn die Monsterjägerin abfällig von Mutter und Vater gesprochen hatte.

“Ich finde, wir sollten bleiben.”, sagte Hjaldrist daher und seine beste Freundin hätte ihn dafür am liebsten feste getreten.

“Nein, ich habe keine Lust.”, stellte sich Anna quer.

“Warum nicht? Du hast erzählt, wie sehr es dich früher getroffen hat, dass sie dich weg gegeben haben und dir dann nicht mehr in die Augen sehen konnten. Nun bekommst du eine erneute Gelegenheit und willst sie einfach so wegwerfen?”

“Ja.”, entkam es der am Rande Gekränkten bissig.

“Hast du denn einmal darüber nachgedacht, warum sie dich nicht guten Gewissens anschauen konnten?”, fragte der kluge Skelliger nach. Die Hexerstochter hasste es, wenn er das tat.

“Hjaldrist.”, schnaubte Anna nurmehr “Ich will jetzt einfach nicht.”

“Wann denn dann? Ich weiß, dass deine Vergangenheit nicht berauschend ist, aber DEINE Eltern haben dir wenigstens keine Skrugga nachgeschickt. Sie haben einfach nur Fehler gemacht. So wie jeder Mensch.”

Die konfrontierte Frau verstummte, fühlte sich zunehmend ungut. Sie schluckte trocken und kaute sich auf der Unterlippe herum.

“Also komm schon.”, endete der Mann und nickte aufmunternd lächelnd in die Richtung der kleinlaut abwartenden Fischersfrau, die sich die Hände nervös knetete.

“Es tut mir wirklich sehr, sehr leid, was passiert ist, Arianna.”, sagte jene befangen und wirkte aufrichtig traurig. Dieses Mal sah sie nicht einfach weg, so, wie sie es vor sechs Jahren getan hatte. Es brachte Anna dazu den Kopf zu senken. Und sie ärgerte sich unglaublich darüber, dass sie die Situation gerade so hart traf. Eigentlich sollten ihr ihre leiblichen Eltern doch einerlei sein. Tief atmete sie aus und verschränkte die Arme enger vor der Brust. Mit ihr war gerade nicht zu reden, soviel war klar. Daher sprach der vernünftigere Rist einfach an ihrer statt.

“Mein Name ist Hjaldrist.”, stellte er sich der verunsichert wartenden Mutter seiner schweigenden Kumpanin vor “Ich bin… ein guter Freund Eurer Tochter.”

Die Angesprochene wirkte sofort überwältigt und auch erleichtert, als sie den Jarlssohn vorsichtig ansah. Alles an ihr erzählte, wie beachtlich schwach ihr Charakter war und wie enorm viel Kraft es sie gekostet hatte die beiden Jüngeren anzusprechen. Sie war ganz anders als ihre laute, manchmal so ruppige und eiserne Tochter, die die Gabe besaß sich ab und an einfach um gar nichts zu scheren und ihr Ding zielstrebig durchzuziehen.

“Marika Nowak.”, stellte jene sich vor, nickte schwach lächelnd und faltete die Hände unsicher im Schoß zusammen “Es freut mich sehr.”

Rist sah auf diese Begrüßung hin wieder zu seiner kurzhaarigen Begleiterin hin.

“Anna, kommst du?”

Die Angesprochene stöhnte leise und auf eine nachgiebige Art genervt. Langsam hob sie den unglücklichen Blick wieder an, sah zwischen ihrer Mutter und dem abwartenden Skelliger hin und her. Und dann ergab sie sich dem Moment schließlich, nickte unmotiviert. Die gesamte Nacht war so eigenartig verlaufen, dass es das Kraut nun auch nicht mehr fett machte, wenn sie ihre Erzeuger noch einmal besuchte, oder? Es würde schon gut gehen. Irgendwie. Und wenn nicht, würde sie dem drängenden Hjaldrist die Schuld dafür geben. Besser also, er bereitete sich schon einmal mental auf eine grantig maulende, zornig schnaubende Giftmischerin vor.

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