Kapitel 5

Eine Katze namens Mimi

„Gedyhe? Du meinst wohl Gedyneith.“, grinste die Wache mit den langen, rotblonden Locken belustigt. Sie lächelte überheblich, sah aus den Augenwinkeln von Hjaldrist fort und hin zu Anna. Die Dame mit dem gut gefüllten Köcher am Rücken und der blau-grünen Schärpe, die sich um deren Mitte schmiegte, taxierte die Novigraderin abfällig und von oben bis unten. Dann wandte sie sich wieder dem Mann im Bunde zu. Sie lächelte schmal und berechnend. Anna mochte sie jetzt schon nicht.

„Gedyneith ist ein wichtiger Ort. Es wundert mich, dass du nichts darüber weißt, mein Lieber.“, merkte die Fremde mit den Sommersprossen an, die sich vorhin sehr knapp mit dem Namen Svenja vorgestellt hatte. Sie arbeitete wohl bei der Dorfwache von Redgill, so, wie sie aussah. Sie trug nämlich eine Lederrüstung und ein Dolch zierte ihren Waffengurt. Der Rotschopf war eher keine normale Bürgerin. Jedenfalls war sie angeblich diejenige, die sich im Umland gut auskannte, weil sie früher als Botin irgendeines Jarls gearbeitet hatte. Warum Hjaldrist sie kannte und woher, das wusste die Hexerstochter nicht. Sie wollte es auch gar nicht so genau wissen. Wahrscheinlich hatte er die Skelligerin einmal beim Spielen abgezockt oder sie flachgelegt. War ja auch egal.

„Generell wundert es mich, dass du dich hier herumtreibst, Hjaldrist.“, meinte die vermeintliche Wachfrau mit dem weißen Pelzbesatz am Kragen und strich sich eine verirrte Locke aus der Stirn. Sie verschränkte die Arme locker vor der Brust und wechselte lässig das Standbein. Ihre graugrünen Augen betrachteten Hjaldrist eindringlich. Ihm maß sie nicht den unmissverständlich abschätzigen Blick zu, den sie der armen Anna vorhin geschenkt hatte. Im Gegenteil. Dem Straßenkämpfer gegenüber mutete sie relativ ernst an, wenngleich ihr kokettes Lächeln nicht schwand. Machte sie Hjaldrist etwa schöne Augen? Oder war dieses Getue einfach nur ihre unausstehliche Art?

Anna zog die kalte Nase mit unzufriedenem Ausdruck hoch, wartete weiter ab und steckte sich die Hände tief in die Manteltaschen. Seit fünf Tagen war sie zusammen mit ihrem neuen Freund der Inseln unterwegs und ihr Weg hatte sie direkt hierhergeführt: In das eher lauschige und verschlafene Dorf Redgill. Es lag direkt am rauschenden Meer und einige alte Fischerhütten säumten die Wiese vor dem verschneiten Strand. All die Tage über hatte es einmal mehr, einmal weniger, geschneit und die schneidende Luft war eisig. Anna war die kalten Winter von Kaer Morhen ja gewöhnt, doch Skellige trieb sie dahingehend wahrlich an ganz neue Grenzen. Ihre Füße fühlten sich an, als seien sie eingefroren und die Kühle machte ihr die Nase und Wangen ganz rot. Gern wäre sie nun in einer Taverne, um sich die Glieder aufzuwärmen und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

„Solltest du nicht beim Eisfest in Undvik sein?“, wollte Svenja hintergründig wissen und ihr Schmunzeln wollte der anwesenden Alchemistin nicht gefallen. Hjaldrist wirkte auf diese Frage hin ein klein wenig sprachlos. Anna bemerkte, wie sich dessen Haltung versteifte und hörte, wie er sich räusperte, um die trockene Kehle frei zu bekommen. Aus dem Augenwinkel taxierte sie den dunkelhaarigen Schönling, der über dem Mantel einen zotteligen, kurzen Fellüberwurf trug, der typisch für die Gegend war. Warum war der Krieger ganz plötzlich so nervös? Wer war Svenja und wo war Undvik? Was hatte es mit dem Eisfest auf sich?

„Nein. Ich reise.“, entkam es dem Mann lau und in einem Ton, der verriet, dass er glaubte sich rechtfertigen zu müssen. Verwirrt blickte die Monsterjägerin aus dem Norden zwischen den beiden Landsleuten hin und her.

„Eisfest?“, fragte Anna gleich neugierig dazwischen, denn es interessierte sie wirklich. Sie mochte Feierlichkeiten, Musik und Heiterkeit und fragte sich, ob das besagte Fest etwas mit dem Winterbeginn zu tun hatte. Die Bogenschützin vor dem Dorftor ignorierte die Ausländerin einfach, diese blöde Schnepfe.

„Ah, wie auch immer.“, seufzte die rotblonde Soldatin gespielt wehleidig und in ihrem Unterton lag etwas Wissendes „Es geht mich ja nichts an, was du tust oder NICHT tust, Hjaldrist.“

„Mhm. Klar.“, brummte der Axtkämpfer, der neben der abwartenden Anna stand, wenig begeistert. Er wirkte nach wie vor nicht sonderlich erfreut, doch gefasst. Zudem schien er nicht mehr allzu viel Lust darauf zu haben sich mit seiner alten Bekannten zu unterhalten. Das, obwohl er sie eigentlich recht nett begrüßt hatte: Mit einem festen Händedruck und einer kurzen, doch herzlichen Umarmung. Die Menschen von Skellige begrüßten sich generell immer sehr freundschaftlich, hatte Anna erstaunt festgestellt. Sie hatte in den Tavernen beobachtet, wie sich Männer fest gedrückt und dabei donnernd gelacht hatten; wie kumpelhafte Schläge gegen Oberarme und Rücken verteilt worden waren. Auch Hjaldrist hatte ihr vor kurzem einmal auf die Schulter gehauen, dass sie geglaubt hatte, er ramme sie damit bis zum Anschlag in den Boden. So, wie ein massiver Schmiedehammer einen kleinen Nagel. Oh ja, Anna hatte ganz schön laut ächzen müssen. Dabei war sie doch schon die ruppigen Gebärden ihrer ‚Familie‘ in Kaer Morhen gewohnt. Aber selbst dort haute man sich nicht so beherzt aufs Kreuz, dass man danach nicht mehr gerade stehen konnte.

„Also... Gedyneith, hm?“, die vermeintliche Wachfrau vor Hjaldrist kam auf das eigentliche Thema zurück und fing schon wieder damit an anzüglich zu grinsen. Oh Mann. Anna freute sich schon darauf sich von der unsympathischen Rotblonden zu verabschieden. Und auf einen Becher warmen, duftenden Tees in der örtlichen Schenke. Es gab doch eine? Etwas unschlüssig ließ die Hexerstochter den suchenden Blick schweifen, während ihr Freund im grünen Rock dem Großkotz mit dem Bogen weiterhin starr entgegensah.

„Wenn ihr von Blandare kommt, habt ihr den Ort, den ihr sucht, verfehlt. Ihr hättet mehr gen Nordosten reiten sollen. Gedyneith liegt etwa zwei, drei Tage von hier. Im Nordwesten. Auf einer Anhöhe, umringt von dichten Wäldern.“, sagte der sommersprossige Lockenkopf. Anna sah auf diese Aussage hin sofort zu Svenja zurück, wirkte verdattert. Ihre braunen Augen wichen ratsuchend zu Hjaldrist hin. Wie? Sie hatte gedacht, ihr Kumpel sei ortskundig!

„Wir sind also quasi daran vorbeigelaufen?“, entkam es dem Kerl entrüstet und ein bedauernd-genervtes Stöhnen folgte. Er kratzte sich betreten am Hinterkopf und wagte es nicht einen Seitenblick gen Anna zu werfen.

„Ich dachte, du kennst dich hier aus, Rist.“, beschwerte sich die Trankmischerin halblaut und sah unter ihrer weiten Kapuze aus dicker Wolle zu dem Straßenkämpfer hin. Jener zuckte nur ratlos mit den Schultern und seufzte genervt. Es roch nach Meerwasser und Schnee.

„Tu ich auch. Aber ich kenne nicht JEDEN Ort auf der Landkarte in- und auswendig.“, schoss der Skelliger sogleich zurück, der sich daran gewöhnen müsste von Anna mit seinem neuen Rufnamen angesprochen zu werden: Rist. Die Alchemistin fand nämlich, dass es zu steif und ernst klang Hjaldrist immer mit seinem ganzen, zungenbrechenden Namen anzusprechen. Genauso, wie sie ihren eigenen Namen, Arianna, zu hübsch fand und sich daher stets nur als Anna vorstellte. Sie war eine angehende Hexerin mit Dreck hinter den Fingernägeln. Eine einfache Frau, keine noble Adelsdame. Nach- oder Beinamen verwendete sie ebenso nicht, denn Ersterer war ihr ob ihrer verdammten Erzeuger zuwider und für den Zweiteren war sie nicht wichtig genug. ‘Arianna Nowak von Novigrad’? Nein danke, eher nicht. ‘Anna’ reichte.

Die Aufmerksamkeit der besagten Frau hing nach wie vor an dem Käferschubser, der im knöchelhohen Schnee stand. Ihre Mimik veränderte sich, wurde nachdenklicher, und erzählte davon, dass sie gedanklich abschweifte. Wie Rist wohl mit Nachnamen hieß? Skelliger Familien benannten sich oft nach einem Clan, dem sie angehörten, richtig? Ja, irgendwie so ähnlich. Sie würde ihren Freund später danach fragen.

 

Anders, als die werte Stadtwache Svenja, waren die Einwohner Redgills unsagbar freundlich und aufgeschlossen. Als Anna Hjaldrist durch den besagten Ort folgte, um zur nahen Taverne zu gelangen, nickten ihnen viele Menschen grüßend zu oder lächelten einfach nur nett. Die Hexerstochter war dieses besucherfreundliche Gehabe nicht unbedingt gewohnt. Als sie damals ein paar wenige Male mit Balthar umhergezogen war, hatten die meisten Leute nur abfällig geglotzt, angewidert auf den Boden gespuckt oder hinter vorgehaltenen Händen getuschelt. Hexer waren alles andere als beliebt, obwohl sie für viele Menschen Drecksarbeit erledigten. Sie waren gar verschrien und gerade konservative Idioten fürchteten sich sehr vor ihnen und den Krankheiten, die sie angeblich verbreiteten. Es war also kein Wunder, dass man verächtlich über die Katzenäugigen sprach. Und in größeren Städten, wie Oxenfurt oder Novigrad, da achtete man kaum aufeinander. Während Anna nach ihrem Verschwinden aus ihrem Zuhause allein unterwegs gewesen war, war sie in den großen Orten kaum aufgefallen. Sie trug nämlich keine zwei Schwerter bei sich, hatte keine schlangenhaften Augen, zu blasse Haut oder dergleichen. Sie war leider gewöhnlich. Und als normale Kriegerin stach man heutzutage nicht sonderlich heraus. Man galt als dreckige Söldnerin oder Hure. Oder, in Anna's Fall, wurde man der kurzen Haare wegen auch ab und an für einen jungen Burschen gehalten und ob seiner feminineren Gebärden belächelt oder als ‘Arschficker’ verspottet. Im Großen und Ganzen hatte man die Alchemistin also sehr, sehr selten, begrüßt oder auf offener Straße angelächelt. Dass die Bewohner Redgills so irrsinnig lieb und zuvorkommend anmuteten, irritierte sie anfangs also nicht zu knapp. Hjaldrist schien sich daran aber kaum zu stören. Er bummelte soeben zwischen ein paar spartanischen Marktständen umher. Das Dorf war nicht allzu groß, daher gab es nicht sehr viele Verkäufer. Doch der ein oder andere bot Tücher, Hosen, Gewürze, fellbesetzte Schuhe, Trockenobst oder Selbstgebranntes an. Dies trotz der Kälte. So waren die wetterfesten Skelliger eben. Es roch hier überall nach süßlichem Räucherwerk, das Lachen von Kindern erfüllte die Gassen und irgendwo stand ein Bänkelsänger und tönte Lieder über Helden und deren große Taten, über Grymmdjarr Eisenklaue, den großen Tyr, Modolf und über Geralt von Riva. Es war nahezu idyllisch hier, schön, friedlich. Wie in einem Bilderbuch. Es war gut, dass sich die Abenteurer hierher verirrt hatten. Oder war es hier, in diesem kleinen Ort, womöglich ZU ruhig und trügerisch schön?

Anna zog sich den braunen Mantel vorn enger zusammen und gesellte sich zu ihrem Freund, der sich gerade ein neues Paar Lederhandschuhe gönnte. Die Nähte an seinen alten waren nämlich teils aufgerissen. Nachdenklich klaubte er daraufhin in einem kleinen Weidenkorb voller klimpernder, bronzener Fibeln herum und die Hexerstochter widmete sich selbst ebenso dem Angebot diverser Waren. Schnell fing eine Holzkiste ihre Aufmerksamkeit. Darin waren, säuberlich geordnet, Wollknäuel einsortiert. Braune und weiße, dazwischen auch ein paar grüne, rote und blau gefärbte. Grüblerisch kratzte sich Anna am Kinn, fasste nach einem weichen Knäuel und betrachtete es eingehend. Sollte sie-

„Sag mir jetzt nicht, dass du stricken kannst.“, kam es belustigt von der Seite und als die fragenden Augen der Monsterjägerin der Stimme folgten, trafen sie auf den grinsenden Rist, der sich gerade seine neuen Handschuhe anzog. Mit hellem Ausdruck im Gesicht verkniff sich die dick gekleidete Frau, der der alte Schal beinah bis zur Nase hoch reichte, ein Lachen.

„Doch. Und häkeln kann ich auch.“, meinte sie locker heraus und so, als sei dies nichts.

„DAS will ich sehen!“, gluckste der Skelliger und offenbar schien ihn die Vorstellung einer strickenden Anna ziemlich zu amüsieren. Wieso? War es denn wirklich so erheiternd, dass sie auch ein wenig handwerkeln konnte?

„Naja, ich habe zuhause nicht immer nur trainiert oder gelesen. Und unterwegs hatte ich gerade abends auch oft nicht viel zu tun. Man kann schlussendlich nicht jede Nacht saufen und spielen.“, schmunzelte die Kriegerin schief und klärte damit auf, warum sie mit Wolle und Häkelnadeln umgehen konnte. Im Augenwinkel bemerkte sie, wie der bärtige Verkäufer des Marktstandes mit dem Kleinkram breit lächelte und zwischen seinen beiden willkommenen Kunden hin und her sah.

„Die Wolle ist im Angebot.“, warf der viel zu nette Dorfbewohner ein und ließ Anna und Rist damit aufsehen. Die angesprochene Kurzhaarige fing damit an erfreut zu lächeln.

„Und für Euch gibt es sogar ein Knäuel umsonst dazu. Na?“, meinte der schlaksige Kerl in dem Pelzmantel zuvorkommend. Sein Lächeln schwand erst, als die zwei Besucher seines Marktstandes den Blickkontakt brachen, um sich wieder der bunten Wolle zu widmen. Sein Ausdruck wurde gespenstisch leer und dies hätte die Monsterjäger sicherlich stutzig gemacht, hätten sie es gesehen.

„Da kann ich ja gar nicht Nein sagen!“, erwiderte Anna und grapschte sich gleich ein paar Wollknäuel mehr. Vor allem braune, blaue und rote. Sie überlegte ein paar Momente lang, klaubte dann auch nach ein paar grünen. Hjaldrist mochte die Farbe Grün, nicht wahr? Er würde ganz schön dumm aus der Wäsche glotzen, wenn Anna ihm einen Schal oder neue Socken häkeln würde! Sie freute sich schon auf sein dämliches Gesicht.

 

„Es wird schon dunkel. Wir sollten bleiben und morgen bei Tagesanbruch abreisen.“, meinte Rist, der später hinter Anna herumstand und an einem großen Backfisch herumknabberte, der auf einem Holzspieß steckte. Er hatte sich diese Zwischenmahlzeit bei einem der Fischer des Dorfes gekauft. Dessen freundliche Frau bediente einen kleinen Marktstand nahe dem schäumenden Meeresufer, verscherbelte eingelegte Heringe, Frischfisch oder richtig große, geräucherte Aale für wenig Geld. Anna steckte sich den letzten Happen ihres Fischbrotes in den Mund und riss die suchenden Augen nicht von dem Schwarzen Brett vor sich fort. Nahezu jeder Ort besaß eine dieser Anschlagtafeln. Darauf fand man Verkündungen, Angebote, Gesuche und manchmal auch Steckbriefe irgendwelcher Krimineller, auf die hohe Kopfgelder ausgesetzt waren. Das Schwarze Brett Redgills war aber eher spärlich beschlagen und das einzige Gesuch darauf war das nach einer entlaufenen Katze. Da war kein Monster-Auftrag oder dergleichen, auch keine Zeichnung eines Vogelfreien. Leider. Anna überlegte kurz, seufzte, doch dann nahm sie das Schreiben über den gesuchten Vierbeiner an sich. Rist linste ihr solange über die Schulter und hob eine Augenbraue kritisch an. Ihm entkam ein grüblerischer Laut.

„Du willst eine Katze suchen gehen?“, wollte der essende Skelliger brummig wissen und wirkte darüber nicht ganz so erfreut.

„Man nimmt was man kriegt. ZEHN Silber sind für ein Haustier, das sich vermutlich bloß irgendwo in der Nähe verkrochen hat, richtig viel Geld. Wenn du mir hilfst, kriegst du fünf. Na?“, aus dem Augenwinkel sah die Kurzhaarige herausfordernd zu dem Mann mit dem halb aufgegessenen Backfisch am Spieß hin. Jener murrte unschlüssig und sein Blick wanderte nachdenklich. So, als beeindruckten ihn zehn Silberstücke recht wenig. Dann aber nickte er dennoch.

„Also schön. Ist wohl besser, als den restlichen Tag in der Taverne herum zu sitzen.“, erkannte er richtig. Es würde ob der Jahreszeit zwar bald dunkel werden, doch noch war es nicht sehr spät. Und Anna wusste ja nicht, wie es ihrem Begleiter ging, aber sie selbst war keineswegs müde. Nach den letzten Tagen, in denen sie nur herumgelungert war, um sich zu erholen, oder am Pferd gesessen hatte, um Hjaldrist mit platt gesessenem Arsch nach Redgill zu folgen, wollte sie wieder irgendetwas tun. Es kribbelte sie nur so in den Fingerspitzen und sie hatte Hummeln im Hintern. Das, obwohl es nur um eine vermisste Katze ging. Es tat gut abseits des Pferderückens herumzuwandern und Aufgaben zu erledigen. Nichts war schlimmer als tatenlos zu vergammeln und zum Glück sah der anwesende Faustkämpfer dies offenkundig auch so.

„Wir suchen also eine Katze. Steht auf dem Zettel, wie sie aussieht?“, Rist’s Blick sank auf das Gesuch in Anna’s Händen und er haschte danach “Zeig mal her.”

„Nein. Aber: Es ist eine weibliche Katze. Mimi, der Name.“, grinste die Novigraderin und reichte ihrem Freund das Stück Papier. Nicht, dass diese beiden Details einen ausschlaggebenden Unterschied machten.

„Ah.“, machte Hjaldrist trotzdem und betrachtete den Auftragszettel „Sie gehört der Tochter des Bäckers des Dorfes, steht da. ‚Meldet Euch bei Lena, Tochter des Bäckers Nils Skarrigen‘. Statten wir ihr also einen Besuch ab?“.

“Ja, lass uns gehen.”, meinte die Alchemistin, als sie sich den gefütterten Mantel an der Vorderseite enger zuzog und fröstelte. Sie wendete sich zusammen mit ihrem Freund ab, um zu gehen.

Lena weinte bitterlich, als die Monster- oder eher: Katzenjäger bald darauf bei ihr standen. Das schluchzende Mädchen mit der weißen Schleife in den aschblonden Haaren und dem schlichten, dunkelgrünen Kleid aus Baumwolle vergoss dicke Tränen um ihre geliebte Katze und schaffte es kaum zu sprechen. Machte nichts, denn das erledigte ihr großer Bruder für sie. Offenbar arbeitete der Vater der kleinen Familie noch und Anna wollte nicht darüber nachdenken, wo die Mutter abgeblieben war. Es ging sie ja auch nichts an.

„Und wie sieht Mimi aus?“, wollte die Novigraderin wissen, die dem jungen Mann, an dessen Tunika sich Lena heulend klammerte, gegenüberstand. Hjaldrist wartete in Türnähe, hatte sich dort abwartend an die Wand gelehnt und beobachtete das Geschehen. Wenn er bisher über Geld verhandelt hatte, hatte es sich dabei zumeist um Wettbeiträge oder Straßenkampfpreise gehandelt, nicht um Belohnungen für Aufträge. Daher überließ er seiner Kumpanin aus dem Norden das Reden.

„Sie ist rot getigert. Mit drei weißen Pfoten und langen, ganz wuscheligen Haaren.“, sagte der Bäckersohn und strich mit einer Hand beschwichtigend über den Kopf seiner kleineren Schwester. Deren Wangen waren vom Weinen leicht gerötet und tieftraurig sah sie her, zog die Nase vernehmlich hoch.

„Seit gestern Morgen ist sie fort. Wir machen uns sehr große Sorgen.“, kommentierte der Bruder bedrückt. Er hatte eine seltsame Ausstrahlung: Gleichgültig, matt, wie geistig abwesend. Das war eigenartig, denn seine bedauernde Stimme wollte nicht zu dieser Lethargie passen. Was war mit ihm los?

„Sie hat also drei Beine? Gut zu wissen. Vielen Dank.“, die Schwertkämpferin nickte dem jungen Mann zu und sah dann auf das blonde Mädchen hinab, das sich mit unglücklicher Miene über die großen, blauen Augen wischte. Sie war vielleicht sieben oder acht Jahre alt.

„Bitte bring mir meine Mimi wieder...“, flüsterte die Kleine mit hoher, brüchiger Stimme und Anna rang sich zu einem aufmunternden Lächeln durch. Sie kam mit Kindern selten gut zurecht, denn oft überforderte sie deren unberechenbares Verhalten. Die burschikose Vagabundin war noch nicht allzu lange von ihrem goldenen Käfig in Kaedwen fort und sie war froh mittlerweile wenigstens relativ gut mit Erwachsenen zurecht zu kommen. Dennoch mochte sie Kinder, wenn jene halbwegs gut erzogen waren, und Lena so verzweifelt weinen zu sehen war unschön.

„Aber sicher. Mimi wird sehr bald wieder da sein, versprochen.“, versicherte die Frau mit dem Wolfsmedaillon und war sich dessen sogar sehr sicher. Sich die Tränen auf diese Antwort hin verzweifelt zurückhalten wollend, nickte Lena eifrig und schniefte heftig. Von draußen drang der lustige Gesang des Skalden am Vorplatz herein. Er hatte ein richtig lautes Organ und es wunderte einen, dass er nicht in der Taverne saß.

“Wir geben euch zehn Silberstücke, wenn ihr Mimi finden solltet.”, erwähnte Lena’s Bruder noch wohlwollend “Mein Vater ist gerade nicht da, doch wenn ihr zurückkehrt, dann wird er das Geld für euch bereithalten.”

“Mhm, gut.”, nickte Anna, die aufsah “Wir nehmen unsere Bezahlung so und so immer erst nach erfolgreicher Arbeit.”

Ja, so war es bei den Hexern eben. Und obwohl sich weder die Novigraderin noch ihr Gefährte zu diesen Vipernäugigen zählten, richteten sie sich nach deren Kodex. Anna, die hatte es nicht anders gelernt und Hjaldrist tat es ihr als neuer Verbündeter einfach gleich. Er wollte sich als treue Verstärkung, als Aard auf zwei Beinen, einbringen und das Leben eines Ungeheuerjägers kennenlernen, ohne große Forderungen zu stellen, so schien es.

“Danke, dass ihr helfen wollt.”, schloss der blonde, gleichmütig aussehende Sohn des Bäckers noch, ehe er die zwei Abenteurer verabschiedete “Viel Erfolg und kommt wohlbehalten wieder.”

Dann wendete sich die Hexerstochter ab und nickte ihrem Gefährten zu, der schweigend auf sie gewartet hatte. Sie würden bestimmt nicht lange brauchen, um die rot getigerte Katze Lenas zu finden.

„Mh. Wird wohl nicht so schwer sein das Tier aufzuspüren.“, schätzte Anna, als sie mit Rist gleich aus dem kleinen, schiefen Haus des Bäckers trat „Es ist rot und somit inmitten von Schnee und Gebüschen besser zu sehen, als eine schwarze oder braune Katze.“

„Es wird bald ziemlich dunkel sein. Und wie war das nochmal? Nachts sind alle Katzen grau.“, korrigierte der kluge Skelliger mahnend. Er hob die Hand in einem beiläufigen Gruß, als ihnen ein freundlich nickendes, dickliches Waschweib mit einem kleinen Zuber in den Händen über den Weg lief.

„Dann müssen wir uns eben beeilen. Wahrscheinlich sitzt Mimi einfach nur auf einem Baum und kommt nicht mehr herunter. Na komm, machen wir heute noch ein kleines Mädchen froh!“, grinste die zuversichtliche Hexerstochter abenteuerlustig und Rist lachte leise. Eine kleine Katze wäre für sie beide kein Problem.

 

Mimi saß leider auf keinem der vielen Bäume im Dorf oder der unweiten Gegend. Anna und Rist waren lange suchend durch die winterliche Ortschaft marschiert, mit etwas stinkendem Fisch als Lockmittel und dem Namen der Katze laut auf den Lippen. Das Tier sei zugetan, nicht scheu, und daher hatten die beiden Abenteurer naiv darauf gehofft, dass die rot getigerte Katze auf Rufen und Wedeln mit Futter hin auftauchen würde. Doch man hörte den Vierbeiner nicht einmal von weitem miauen. Die Suche nach Mimi würde sich also doch als schwieriger herausstellen, als zuvor gedacht. Mittlerweile hatten sich Anna und ihr Begleiter ein Stück weit vom lauschigen Dorf am Meer entfernt. Die aufmerksame Svenja hatte ihnen beiden skeptisch hinterher gesehen und Rist beiläufig darauf hingewiesen, dass es nachts gefährlich sei ‚da draußen‘. Eine überflüssige Meldung, denn nahezu überall war es bei Dunkelheit nicht unbedingt sicher.

Der Neuschnee knirschte unter den wadenhohen Stiefeln der Suchenden, drängte einem die beißende Kälte ungnädig durch das Schuhleder hindurch. Auch dicke Socken brachten auf die Dauer nicht viel und sehr schnell bekam man kalte Zehen.

„Na, wer sagt’s denn.“, Anna brach das Schweigen, das sich über sie und Rist gelegt hatte nach einem Fußmarsch von einigen Minuten schon. Sehr beschäftigt waren sie damit gewesen die verengten Augen forschend wandern zu lassen und sich ab und an nach irgendwelchen Dingen und Hinweisen zu bücken. Anna blieb stehen und ihr wachsamer Freund hielt ebenso inne; sie befanden sich am Waldrand nahe Redgill. Die Baumkronen hier waren dürr und kahl und der Boden von dem flockigen Weiß bedeckt, das heute ganz frisch gefallen war. Der Schnee glitzerte sacht in den Strahlen der untergehenden Sonne.

„Katzenspuren.“, erkannte die Hexerstochter richtig und deutete auf die besagte Spur von kleinen Pfoten, die ihren Weg kreuzte. Jene mussten sehr frisch sein, denn bis vor wenigen Stunden hatte es noch geschneit. Sehr gut!

„Es scheint so, als sei eine Katze hier lang. Und es sieht auch so aus, als habe sie nur drei Beine.“, lächelte Anna schmal und suchte hintergründig Blickkontakt zu Hjaldrist, der den wolkenverhangenen Sonnenuntergang im Rücken hatte. Die Augen des Mannes folgten dem Fingerzeig der grinsenden Novigraderin verblüfft.

„Was für ein Zufall.“, befand der Skelliger “Ich hätte mir ja nicht gedacht, dass wir noch ein Lebenszeichen von Mimi entdecken, ganz ehrlich...”

Die kleine Katzenspur führte tiefer und zielstrebig in den Wald hinein und obwohl die Blätter der Laubbäume schon längst nicht mehr an ihren Ästen hingen, so wurde die Vegetation hier doch sehr dicht. Überall waren dürre Büsche und karge Sträucher, ein halb gefrorener Bach schlängelte sich zwischen ein paar Felsen hindurch und ein dicker, umgefallener Baum ragte traurig in das Sichtfeld der Hexerstochter. Sie stieg über den schmalen Bach hinweg, der kaum breiter war als ein Arm lang, wendete sich um und sah Rist, der ihr über das Eis folgte. Hier und da war der Boden richtig glatt, gerade hier, nahe dem schmalen Gewässer.

„Pass auf wo du hintrittst.“, warnte die Kurzhaarige beiläufig und rieb sich die kalten Hände, hielt sie sich vor die spröden Lippen und pustete sich warmen Atem gegen die kühlen Handflächen. Hjaldrist kam sicher bei ihr an und sie beide machten sich daran sich unter dem umgefallenen, knorrigen Baum hindurch zu ducken.

„Was ich dich fragen wollte…“, fing Anna an und sah kein Problem darin sich gerade zu unterhalten. Es herrschte keine Gefahr, denn sie waren schließlich nur einer zutraulichen Katze auf den Fersen und keinem serrikanischem Tiger. Es war also völlig in Ordnung gemächlich zu spazieren und dabei zu plaudern, anstatt zu schleichen und aufgeregt zu lauschen.

„Woher kommst du genau, Rist? Wie alt bist du eigentlich? Erzähl doch mal was über dich.“, forderte die Braunhaarige auf und hörte, wie ihr Kollege einen skeptischen Laut von sich gab. Warum? Es ging doch nur um gewöhnliche Plaudereien um vermeintliche Belanglosigkeiten. Anna musste leise lachen.

„Wir sind schon lange zusammen unterwegs und dennoch wissen wir kaum was voneinander. Also… du weißt schon.“, die neugierige Schwertkämpferin drängte sich zwischen zwei dornigen Büschen hindurch und behielt die dreibeinige Katzenspur im Blick. Dies war schwer, denn die fahlen Strahlen der untergehenden Sonne wichen abendlicher Düsternis. Rist folgte seiner Kollegin und ein paar kleine Äste schabten ihm über die blanken Armschienen.

„Stimmt.“, gab der Skelliger zurück, trat zwischen den Sträuchern hervor und klopfte sich etwas Schnee vom Ärmel, klaubte sich ein abgebrochenes Ästchen vom Gewand.

„Ich bin 24 und komme von Undvik.“, meinte der Mann, dessen Ausrüstung bei jedem Schritt leise klapperte.

„Das ist der Ort mit dem Eisfest, den Svenja erwähnt hat.“, stellte Anna begeistert fest und wartete darauf, dass ihr Freund zu ihr aufschloss.

„Ja. Es ist eine Art Feiertag. Man trinkt, tanzt, musiziert und heißt damit den Winter willkommen…“, erklärte Rist ganz offen. Seine jüngere Begleiterin hörte aufmerksam zu.

„Anders, als viele andere Völker sind Skelliger harte Wintertage gewöhnt. Wir machen uns nichts aus meterhohem Schnee oder Kälte. Diese Jahreszeit ist genauso nützlich wie alle anderen auch… und so, wie es das Frühlingseinläuten, Sommerfeste oder den Erntedank im Herbst gibt, so feiert man hierzulande auch ein Eisfest.“, sinnierte der wissende Krieger vor sich hin und wartete, bis Anna vor ihm über ein paar Steine geklettert war. Dann folgte er ihr leise ächzend auf den Vorsprung.

„Im Zentrum von Undvik wird ein großes Feuer entfacht. Die Jarlsfamilie ist auch da, hält ein paar Reden. Und es gibt warmen Gewürzwein, Gebäckstangen mit Zimt und Wettkämpfe. Skelliger lieben Wettkämpfe, musst du wissen.“, sagte der Straßenkämpfer, der abermals zu Anna aufschloss. Er lächelte dabei leicht und so, als habe er nur gute Erinnerungen an das undviker Eisfest.

„Welche Wettkämpfe denn?“, fragte die Hexerstochter begeistert in den kühlen Abend hinein und ihre Augen klebten in freudiger Erwartung auf Hjaldrist.

„Hm. Man rollt Schneekugeln den Berg runter und der, der am Ende die größte hat, gewinnt eine Flasche Glühschnaps. Oder man muss einen eisigen Hügel erklimmen und derjenige, der die rutschige Piste als erster hinter sich lässt, bekommt ein Fass Bier oder Mjodr. Das ist eine Art Algenwein.“, erzählte der nostalgische Skelliger weiter und Anna musste amüsiert schmunzeln. Das Eisfest klang ja wirklich unterhaltsam, obwohl sie eigenartigen Algenwein als Preis dankend abgelehnt hätte. Gerne wäre sie nun auf Undvik. Bestimmt wäre sie bei den Wettkämpfen des Festes der Stadt ganz vorne mit dabei! Und als sie so an dieses Bild dachte und heiter in sich hinein schmunzelte, kamen ihr immer mehr Fragen, die sie ihrem Kumpan gerne gestellt hätte. Anna wollte wissen, wie es in dessen Heimatort so war, ob die Leute dort auch so viel soffen, welche Lieder man zum Eisfest sang und ob man sich in den Tavernen auf Undvik prügeln durfte. Doch sie kam nicht mehr dazu weiter nachzuhaken, denn vor den Abenteurern tat sich eine Lichtung auf, die dicht von kahlen Baumkronen überwuchert war. Und auf diesem Platz im Forst fehlte der knöchelhohe Schnee komplett. Ja, sogar saftiges Gras ragte hier aus dem gefrorenen Boden und zahlreiche Margeriten wiegten sich gespenstisch in der eisigen Brise. Sofort hielt Anna inne, streckte den Arm zur Seite aus und hinderte Rist somit stumm daran neben ihr vorbei, auf die so unwirklich anmutende Lichtung zu treten. Unzählige kleine, warme Lichtlein schwirrten über dem Platz. Glühwürmchen.

„Was zum-“, fing der stockende Skelliger neben der verdatterten Novigraderin an und weitete die Augen überrascht, ungläubig. Er sah damit nicht minder perplex aus, als seine Gefährtin, die dem Szenario vor sich entgegen starrte. Anna's trockene Lippen standen einen kleinen Spalt weit offen, als ihr Blick damit anfing unruhig umher zu wandern. Sie sah kleine, weiße und gelbliche Pilze. Diese Gewächse zogen inmitten der so verdammt unwirklich anmutenden Lichtung einen perfekten Kreis. In diesem Kreis, viele Fuß entfernt, lag etwas. Es war zu düster, um ausmachen zu können was es war. Und dann... dann war da dieses leise, metallische Sirren. Ein Vibrieren nahe der spärlich befüllten Gürteltasche der Frau aus Kaer Morhen. Langsam senkten sich ihre dunklen Augen auf das wertvolle Wolfsamulett, das dort an einem schwarzen Lederband baumelte. Es reagierte und ihr jagte ein eiskalter Schauer über den Rücken. Nicht gut. Gar nicht gut.

„Anna?“, hörte man den nichtsahnenden Rist verunsichert fragen.

„Magie...?“, wisperte die Kurzhaarige und richtete die Aufmerksamkeit auf die surreale Szenerie zurück, die sich da vor ihr erstreckte. Sie schluckte trocken.

„Dieser Ort ist voll davon.“, wisperte die Giftmischerin, als spräche sie zu sich selbst oder als denke sie laut.

„Was?“, entkam es dem Inselbewohner und er fasste an Anna's Arm, um jenen von sich fort zu drängen. Er schob sich an der verunsicherten Frau vorbei und trat in das sattgrüne Gras. Die alarmierte Novigraderin wollte in diesem prekären Augenblick irgendeine laute Mahnung aussprechen, doch im Endeffekt schloss sie nur den Mund und ihr Gesicht wurde ernster. Zögerlich langsam folgte sie ihrem Freund auf die zauberhafte Wiese. Glühwürmchen stoben schnell auseinander, wurden ganz plötzlich zu wahrhaftigen Glutfunken. Ein seltsam schwirrendes Geräusch bohrte sich in den Kopf der Monsterjägerin, wie ein sanftes Ohrensausen. Die Luft roch nach Frühling; nach blühenden Apfelbäumen und Blumen, um die brummende Bienen ihre Kreise zogen. Noch nie hatte Anna so etwas erlebt. Nicht einmal gelesen hatte sie je von einem Ort, wie diesem hier.

„Was geht hier vor?“, fragte Rist perplex, als er in der satten Wiese stand, die für den Winter unnatürlich grün gedieh. Umgeben von weißen Blumen und kleinen Lichtern. Er wendete den Kopf, sah sich verwundert um, fasste nach einem der schwirrenden Glühwürmchen, die wirkten, als seien sie einem Traum entsprungen. Anna folgte ihrem Freund mit sehr zögerlichen, vorsichtigen Schritten. Noch zaghafter und sie wäre geschlichen, wie ein verunsichertes Tier. Paranoia haschte mit spitzen Fingern nach ihr und stellte ihr die Nackenhärchen auf.

„Magie, sagtest du?“, drängte der Skelliger und sah über seine Schulter zu der Novigraderin zurück, die argwöhnischer nicht sein könnte.

„Ja...“, meinte Anna knapp. Ein warmer, sanfter Hauch strich ihr über die von der Kälte gerötete Wange. Es schien, als hing über der Lichtung ein völlig anderes Wetter. Als schiene die Sonne, obwohl es doch längst dunkel war. Und ihr Medaillon, das schlug noch immer aus, als wolle es sie warnen. Die Nachsichtige legte die kalte Hand darauf, als helfe dies dabei das Vibrieren abzuschwächen. Tat es aber nicht. Hjaldrist verengte die braunen Augen fragend, als er dies sah. Schlussendlich wusste er noch nicht, was es mit Hexeramuletten auf sich hatte.

„Es könnte eine Intersektion sein...“, murmelte die ernsthafte Kurzhaarige, doch war sich nicht ihrer Annahme nicht absolut sicher. Sie war keine Spezialistin, wenn es um magische Orte oder dergleichen ging. Zwar besaß sie ein gewisses Grundwissen und erinnerte sich an Erfahrungen von denen Balthar damals erzählt hatte, doch mehr nicht. Das Einzige, das sie mit Bestimmtheit wusste war, dass ihr dieser Ort unheimlich und gefahrvoll vorkam. Trotz der wunderschönen, schimmernden Lichter, der Blumen und des ruhig wiegenden Grases. Es behagte ihr absolut nicht hier zu sein und dieses Gefühl mutete an wie ein riesiger, glatter Blutegel, der einem am Kreuz entlang nach unten kroch und jederzeit zubeißen könnte. Eingehend betrachtete sie den moosbewachsenen Boden und musterte die unterschiedlich großen Pilze, die sich hier nacheinander anordneten, als hätte sie jemand bewusst kreisrund platziert. Es war so unnatürlich.

„Sei aufmerksam...“, wies Anna Rist leise an und wie er war sie trotz allem zu neugierig als dass sie sogleich zurückweichen oder verschwinden wollte. Sie folgte ihrem Kollegen auf dem Fuß und sah, wie sich kleine Feuerfunken an dessen bestickten Mantelsaum hefteten, doch nicht daran bissen. Wirr blinzelte die stutzende Frau. Kalte Glut?

Intersektionen, so hatte Anna einmal gehört, waren magisch aufgeladene Orte, von denen Zauberinnen und Magier zehren konnten. Diese Leute suchten die arkanen Knotenpunkte bewusst auf, um Energie für ihre Zauber zu gewinnen, richtig? Auch Drachen und Katzen taten das, nur bis heute wusste niemand wieso. Dabei unterschied man zwischen den magischen Orten des Wassers, des Feuers, der Erde und der Luft. Den seltsamen rötlichen Glühwürmchen hier nach zu urteilen, die sich auf der Kleidung der Anwesenden niederließen, war die hiesige Lichtung vermutlich ein Knoten des Feuers. Anna könnte sich aber natürlich auch irren. Und so befremdlich und lauernd der frühlingshafte Ort wirkte, so interessierte er die Hexerstochter auch.

„Anna, schau.“, Hjaldrist bat mit diesen auffordernden Worten nach der ungeteilten Aufmerksamkeit der Frau. Er stand bereits inmitten des Pilzkreises und bückte sich dort nach etwas. Anna schloss schnell zu ihm auf, darauf bedacht die hellen, kleinen Pilze am Grund nicht zu zertreten. Sie senkte den prüfenden Blick gen Boden und hielt verwundert inne, als sie sah, was dort lag: Die modrigen Gebeine eines kleinen Tieres. Der Schädel wies unverwechselbar darauf hin, dass es sich um eine kleine Katze handeln musste. Als hätte sich das Tier hier ruhig zum Sterben zusammengerollt, lagen die Knochen im Gras, teils gespickt mit Moos und Dreck. Das Skelett hatte nur drei Beine.

Mimi? Nein, Mimi sollte doch noch leben und nicht längst verendet sein. Die Katzenspuren im Schnee waren frisch gewesen. Doch das Tier vor den Stiefelspitzen der Reisenden war schon seit Jahren tot! Was, bei der Unterbuchse der Melitele, passierte hier nur?

Wie vor den Kopf gestoßen verengte die Novigraderin die Augen, verstand die Welt nicht mehr. Als sie hektisch zu Hjaldrist hinsah, erwiderte der ihren Blick genauso verwirrt.

„Wir sollten gehen.“, flüsterte die Schwertkämpferin plötzlich drängend, sah wie ihr Freund zustimmend nickte und damit anfing auffallend bedrückt zu wirken. Hjaldrist wirkte, als beschwere irgendetwas Zentnerschweres seine Schultern. Das Vibrieren des metallenen Wolfsamuletts Annas wurde stärker und schien der Forderung zu fliehen Beifall zu klatschen. Und dann legte sich unerklärliche Bekümmertheit und Unruhe auch über die Frau aus Kaer Morhen. Sie wusste nicht wieso dem so war aber sie sollten weg von hier und zwar schnell!

Doch noch bevor Anna und Hjaldrist es überhaupt schafften zurück in den weißen Schnee vor der seltsamen Lichtung zu treten und dabei das magisch wuchernde Gras hinter sich zu lassen, ertönte ein lautes Knarren, das von allen Seiten des Waldes auf einmal zu hallen schien. Ein schrilles Röhren folgte, Geflatter, wie von hunderten, gefiederten Flügelpaaren. Es raschelte in den Baumkronen, obwohl jene doch frei von Laub waren, und ein dumpfes Knacken und Knirschen erschütterte den Forstgrund drohend. Anna erschrak dadurch so sehr, dass ihr ein überraschter Laut entkam und sie wie gebannt stehen blieb. Rist bemerkte dies kaum, eilte an ihr vorbei.

„Na komm, los!“, maulte er dabei in seinem Akzent. Der nervöse Skelliger hatte sicherlich nicht mehr Ahnung über die wunderliche Situation, als seine Gefährtin, doch er handelte instinktiv und ohne nachzudenken: Er wollte den Wald so schnell wie möglich verlassen, mit eiligem Schritt und zusammengebissenen Kiefern. Das Adrenalin im Blut machte es einem dabei schwer richtige Furcht zu empfinden. Man funktionierte einfach nur noch.

„Anna, komm!“, blaffte der Krieger erneut mit rauer Stimme und sah sich im Dunkel nach der Frau um. Jene wollte sich schon hastig in Bewegung setzen, als sie eine monströse Präsenz neben sich spürte. Raben krähten, Bäume knarrten dumpf und Äste scharrten. Anna fuhr zusammen, wendete den Blick nach rechts. Und da sah sie es stehen: Ein riesiges, dürres Ding, das bestimmt zwei, drei Mal so groß war, wie sie selbst. In der Nacht konnte man nicht so viel erkennen und das magische Glühwürmchenlicht erleuchtete die Lichtung auch nur spärlich. Doch was die Kurzhaarige da erkannte waren glimmend fahlblaue Augen und ein Geweih. Ein riesiges Hirschgeweih auf einer hohen Gestalt, die leicht und geisterhaft wankte, wie ein Grashalm im Sommerwind. Abgesehen davon stand das Wesen komplett still, starrte die Abenteurer aus seinen leuchtenden Augenhöhlen an. Es atmete aus und dies klang wie das Schnauben aus Pferdenüstern. Die kleinen, kalten Lichter wirbelten hoch, flackerten, krallten sich an Geweih und Lederfetzen, an Stoff und Gräser. Ein weißer Schädel. Ja, die besagten Hörner ragten aus einem knochigen, großen Schädel eines Hirsches oder Pferdes, der auf einem verdrehten Körper steckte. Zweige und schwammige Baumpilze wuchsen aus dem Leib des Wesens, wie makabre Tumore und die Gliedmaßen des Gehörnten sahen im fahlen Licht aus, als seien sie aus Holz.

Anna war wie zur Eissäule erstarrt, konnte die geweiteten Augen nicht von dem Monstrum reißen. Ungläubig sanken ihre Hände und auf einmal fühlte sie sich so, so wehrlos. So klein. Eine magere Krähe landete am breiten Geweih des Waldschrats. So etwas hatte die Trankmischerin bisher nur in ihren Büchern gesehen.

„Anna!“, das aufgekratzte Rufen Hjaldrists riss die atemlose Frau endlich aus ihrer verkrampften Starre. Und als sie zusammenfuhr und ein erschrockenes Keuchen ausstieß, regte sich auch der Schrat. Abrupt reckte er den gehörnten Schädel und hob die hölzernen Pranken an. Sein zorniges Grölen donnerte nur so in den Ohren und Anna's Magen fühlte sich in diesem heiklen Moment an, als verdrehe er sich augenblicklich zu einem dicken Knoten. Ihr Herz sackte ihr bis zu den wackeligen Knien. Und dann fuhr sie herum, lief einfach nur gehetzt los. Zu kämpfen wäre töricht gewesen, ja, niemand kämpfte nachts, in einem finsteren Forst, gegen einen Waldschrat! Nicht einmal ein RICHTIGER Hexer! Also rannte Anna. Dem metallenen Klappern von Rist's Ausrüstung blind folgend, lief die Kurzhaarige durch die Dunkelheit, die nurmehr vom schwachen Mondlicht erhellt wurde. Sie konnte von Bäumen, Sträuchern und dergleichen nur noch unheimliche Schemen ausmachen. Die Kriegerin sprang über eine dicke Wurzel hinweg, rutschte beinah auf einer Eisfläche aus und stolperte schreiend nach vorn, schlug sich das Knie auf und erkannte nicht einmal woran. Egal. Sie rappelte sich schnell wieder auf die wackeligen Beine, rannte weiter und ihr Atem, der in der Eiseskälte als weißer Dunst aufstieg, ging schwer und unregelmäßig.

„Warte!“, rief sie flehend in den Wald hinein, verlor die Orientierung, konnte den gehetzten Hjaldrist nicht mehr hören “Rist!”

Irgendetwas erwischte sie wuchtig von hinten. Flattern, Krächzen, schwarze Federn. Ein Schwarm keifender Krähen warf sie nach vorn in den kalten Schnee. Nur mit Mühe und Not schaffte es die stöhnende Hexerstochter sich mit den behandschuhten Händen abzufangen und sich nicht die Nase am gefrorenen Boden zu brechen. Absolut aufgescheucht und mit aufwallender Panik im Blick kam sie auf alle Viere, dann auf die frierenden Füße. Ein Vogel hackte ihr mit spitzem Schnabel gegen die kurze Weste aus Kettengeflecht und Leder.

„Nein!“, keuchte Anna und schlug nach dem wütenden, schwarzen Vogel auf sich. Verärgert krähend flog er fort und seine Artgenossen schrien aggressiv. Wieder eilte die Novigraderin los. Einfach nur geradeaus, nurmehr weg von hier. Doch der Wald, der war das Revier des alten, gehörnten Schrats. Und der folgte der Frau hungrig, blutdurstig, und schickte seine schwarzen Vögel voran wie eine tosende Todesdrohung. Und nicht nur jene. Denn kaum einen Herzschlag später schossen schmale Wurzeln wie gierige Krallen aus dem gefrorenen Waldboden. Direkt vor Anna stoben sie knarzend empor und verfehlten sie nur knapp, schnitten ihr den Weg ab. Die bedrohte Schwertkämpferin johlte entsetzt auf, wendete sich aufgebracht um und sah, wie das schlaksige Biest entschlossen auf sie zu schritt. Das Herz schlug der Dunkelhaarigen so heftig, dass sie glaubte, es spränge ihr noch aus der engen Brust hervor. Kalter Schweiß brach ihr aus, sie konnte sich nicht rühren und vergaß einige Wimpernschläge lange gar darauf zu atmen.

Die Beine des Schrates waren lang, seine Schritte weit. Er war dadurch schnell und seine Gestalt sah im Halbdunkel bizarr aus, fürchterlich und angsteinflößend. Wie die eines Monsters, von denen in Gruselgeschichten für Kinder die Rede war. Das hier war aber keine Geschichte, sondern purer Ernst, eine verhängnisvolle Lage, aus der Anna wohl nicht mehr lebend herauskommen würde. Denn Waldschrate waren nur für eines da: Töten. Und wenn sie dies taten, dann brutal. Als Jugendliche hatte Anna einst ein Lied von Balthar, der ihr gerne vorgesungen hatte, gelernt. Ein sich reimendes Stück über die wilden Biester des Waldes. Und eben jenes drang nun in den erschreckend leeren Kopf der aufgebrachten Hexerstochter zurück, wie eine morbide Untermalung der gefährlichen Szenerie:

 

'Sämtlich verdorrt, zerknickt, verkrumpelt. So bin ich schreiend fort gehumpelt. Denn mit dem Laufen, leicht und frei, war es nun schon längst vorbei.'

 

Eine dürre Ranke schlug wie eine dicke, hölzerne Peitsche neben der japsenden Anna nieder und zerfetzte dabei Gebüsch. Nur mit Glück schaffte sie es gerade noch so auszuweichen. Sie fasste reflexartig nach dem Griff ihres langen Silberdolches an ihrem Gürtel, zog ihn schnell und stieß damit planlos ins Leere.

 

'Urplötzlich springt aus einem Graben, begleitet von dem Schrei der Raben, mir ein Waldschrat in den Nacken. Und spornt mich an mit seinen Hacken. Und macht mich schwer wie Bleigewichte. Und drückt und zwickt mich fast zunichte.'

 

Mit dem Rücken voran stieß die zurückweichende Anna an eine dicke Wand aus Ästen und Wurzelwerk. Vor wenigen Sekunden noch war jene nicht da gewesen. Die Trankmischerin rang nach Atem, die Augen angstvoll in die eisig kalte Winternacht gerichtet und die Klinge abwehrend erhoben. Ringsum waren Bäume, die sie zerdrücken wollten, nichts als Bäume. Anna war gefangen und Hjaldrist war fort. Er hatte sie im Stich gelassen!

 

'Blutend, matt und lendenlahm, ich nicht mehr aus dem Walde kam. Der Schrat, groß und finster von Gestalt, grollt und macht lachend Halt. Schon liege ich am Boden. Schon ist die Ranke straffgezogen. Jetzt erdrückt er dich, so dacht ich, und mein Hals war steif und krumm. Nur mühsam drehte ich ihn herum. Und ach, wie war es ringsumher auf einmal traurig, öd und leer.'

 

Ein lautes Brüllen erfüllte die ungnädige, eisige Gegend erneut. Doch dieses Mal war es nicht das tönende Geschrei des gehörnten Waldwesens, sondern die vertraute Stimme Rists, der sich mit einer Lampe in der linken Hand und seiner Axt in der rechten, aus der Dunkelheit schälte. Die Öllampe warf einen orangen Schein auf die Seite des fürchterlichen, steinalten Waldschrats, malte unruhig tanzende Schatten auf verschneiten Boden und Baumrinden. Der Docht darin war so weit hochgedreht worden, dass das Feuer an seinem Gefängnis aus Metall und Glas leckte.

„Weg!“, keifte der Skelliger und erhob die scharf geschliffene Axt drohend. Eine wenig effektive Taktik gegen einen Schrat, doch immerhin verwirrte dies das hohe Wesen so sehr, dass es die Aufmerksamkeit von der bibbernden Anna fortriss. Die atemlose Novigraderin warf den Blick zu ihrem Freund herum, der ihr hier gerade das jämmerliche Leben rettete und damit sein eigenes aufs Spiel setzte. Denn sogleich brach eine dicke, knorrige Wurzel aus dem erzitternden Boden und brachte den tapferen Krieger damit aus dem Gleichgewicht. Doch er schaffte es mit Mühe stehen zu bleiben, taumelte nur stark und kniff die Augen böse zusammen. Im unruhigen Lampenschein sah Anna, wie Hjaldrist die Zähne kampflustig zusammenpresste und nach vorne hetzte; dem fauchenden Schrat mit dem Hirschschädel entgegen. Die Frau aus Kaer Morhen schrie den Namen ihres lebenslustigen Gefährten dabei warnend und streckte die freie Hand nach ihm aus, so, als könne sie ihn damit am breiten Kragen packen und von dem übermächtigen Biest fort bugsieren. Sie fasste aber natürlich nur in die klamme Luft, erstarrte in ihrem Tun und sah, wie Rist seine Lampe an einem dicken Unterarm des Waldschrats zerschlug. Glas zerschellte klirrend, Öl spritzte, Holz fing Feuer, das Monstrum fauchte und kreischte auf, fuchtelte, die Krähen stoben wild schnatternd auseinander. Es qualmte, stank nach brennendem Eichenholz, zäher Lampenflüssigkeit und süßlicher Verwesung.

Sekunden später war Hjaldrist dann schon bei seiner überwältigten Freundin und erwischte sie barsch am Handgelenk, zerrte sie mit sich. Anna verlor dabei beinah ihren teuren Dolch und trat dem Skelliger einmal aus Versehen so fest auf die Fersen, dass jener einen schmerzlichen Laut von sich gab und fast einknickte. Doch sie liefen weiter, rannten um ihre Leben.

Und sie schafften es. Ja, tatsächlich und wie durch ein Wunder schafften sie beide es aus dem verschneiten Wald heraus, in dem dessen gehörnter Herr laut und verärgert röhrte.

„Weiter, weiter!“, keuchte Anna, die noch immer knapp hinter Hjaldrist war. Nach wie vor hatte der loyale Mann nicht daran gedacht ihr Handgelenk loszulassen. Sein eiserner Griff darum war so fest, dass es wehtat. Und er ließ sich nicht zweimal dazu auffordern weiter zu laufen. Durch den knöchelhohen Schnee hetzten die beiden, hatten kleine Zweige und verdorrte Blätter in den Haaren, Schneeflocken an den Mänteln und kleine Kratzer an der Haut. Sie blieben erst stehen, als sie das ruhige Meeresufer erreicht und den todbringenden Wald schon längst hinter sich gelassen hatten. Vor dem Tor Redgills, das schief in seinen rostigen, quietschenden Angeln hing, stoppten sie. Hjaldrist ließ Anna schließlich los, stemmte die feuchten Handflächen auf die Oberschenkel und rang abgekämpft nach Atem. Die Novigraderin ließ sich auf die Knie fallen und stützte die Hände auf den kalten Boden, keuchte schwer.

„Scheiße!“, brachte der Skelliger bloß unter schwerem Schnauben und Prusten hervor. Seine Gefährtin bekam hingegen überhaupt kein sinnvolles Wort zustande, musste husten und ausspucken, denn ihre Lunge brannte. Unglaublich tief steckte ihr die Angst noch in den Knochen. Die Panik und der Unglauben darüber, dass sie die vorige Begegnung mit dem gefährlichen Waldschrat tatsächlich überlebt hatte, beutelte sie. Oh ja. Sie war hier. Sie atmete noch, wenngleich auch etwas mühsam. Bis auf ein aufgeschlagenes Knie, ein paar Kratzer und eine schmerzende Hand war sie unversehrt. Sie lebte. Sie lebte!

 

Erst nach einer halben Ewigkeit und nachdem sie es wieder schaffte halbwegs vernünftig zu denken, kam Anna auf die Beine. Nach wie vor waren ihre Knie butterweich und ihre Kehle so rau, dass es weh tat. Zitterte sie noch? Sie wischte sich mit dem Ärmel über die nasse Stirn, fasste sich völlig fertig an den stechenden Brustkorb. Sie hörte, wie Rist neben ihr leise Flüche aussprach und entnervt schnaufte. Die Frau mit den kurzen, verwuschelten Haaren richtete den Blick auf ihn und ihre aufgelöste Mimik wurde aberplötzlich härter. Anna machte die Lippen schmal, die Augen eng. Sie hob eine Hand leicht an, zögerte nur ganz kurz. Und was folgte, war eine gesalzene Backpfeife, die Rist den Kopf unter einem lauten Klatschen nur so herumriss. Der gestandene Krieger wankte hart getroffen einen halben Schritt weit zurück und wirkte für wenige Atemzüge lang absolut orientierungslos. Überwältigt sah man ihn blinzeln und er fasste sich schmerzlich stöhnend an die Wange. Hätte es hier bessere Lichtverhältnisse gegeben, hätte man nun bestimmt erkannt, wie sich auf seiner blassen Haut ein schöner, roter Abdruck bildete. Verdattert und absolut entrückt lenkte der arme Kerl die Augen nun auf die, die ihn hier gerade geschlagen hatte, wie wohl noch keine andere Frau vor ihr.

„Was hast du dir nur dabei gedacht, Hjaldrist?“, Anna's heisere Stimme war erhoben und klang genauso zerstreut, wie die Miene des Käferschubsers soeben aussah. Jener verzog den Mundwinkel so, als schmecke er etwas Widerliches. War es Blut? Wahrscheinlich.

„Was?“, keuchte der Mann vollends zerfahren hervor „Ich habe-“

„Ich WEIß was du getan hast!“, schnitt ihm Anna ins holprige Wort und warf die Arme aufgebracht in die Luft.

„Du kannst dich doch keinem uralten Schrat nähern und ihm Drohgebärden entgegen schreien! Warst du denn ganz bei Sinnen? Weißt du überhaupt, WAS ein Waldschrat ist?“, keuchte die Kurzhaarige fassungslos. Ihre Augen waren etwas glasig und am liebsten hätte sie geheult. Gerade, da war sie auf eine Art emotional, die sie sich selbst nicht ganz zu erklären vermochte.

„Hast du denn EINE AHNUNG wie gefährlich diese Dinger sind?“, schrie sie den armen Hjaldrist an. Jener hielt sich die pochende Wange noch immer und schnappte pikiert nach Luft zum Sprechen, doch Anna ließ ihn nicht antworten.

„Du hättest draufgehen können!“, blaffte die Novigraderin weiter. Doch so herrisch und tönend ihre Stimme gerade noch geklungen hatte, so brüchig wurde sie nun. Ja, der Schrat hätte Rist, ihren ersten und einzigen Freund, mit Leichtigkeit erschlagen können und die dumme Alchemistin wäre schuld daran gewesen. Sie war es schließlich, die den unwissenden Undviker mit auf Reisen genommen hatte und sie hatte ihn auch nicht ausreichend vorgewarnt. Anna, die es eigentlich hätte besser wissen sollen, hatte es zugelassen, dass der unbedarfte Axtkämpfer den Pilzkreis auf der magischen Lichtung im Forst betrat und war ihm dann auch noch töricht gefolgt. Oh, sie war so, so dämlich und ihr Ziehvater hätte ihr dafür Eine verpasst, ganz sicher.

„Sterben hättest du können! Sehr schnell sogar!“, aufgeregt atmete Anna, schüttelte den Kopf in ihrem haltlosen Unglauben. Sie verhielt sich, als sähe sie einem kleinen, dummen Kind entgegen, doch eigentlich war es sie selbst, auf die sich ihre Aggression gerade richtete. Der beißende Gedanke ihr Leben oder ihren Gefährten von Undvik heute beinah verloren zu haben schockierte sie noch immer.

Rist starrte fassungslos und mit halb offen stehenden Lippen und eine bedrückende Stille legte sich über sie beide. Zwei, drei Wimpernschläge lang sagte keiner ein Wort. Doch dann verrutschte der strenge Ausdruck der fassungslosen Schwertkämpferin allmählich, wurde wieder weicher, nachgiebig. Sie atmete einmal tief durch, als beschwichtige sie dies. Und dann warf sie sich um den Hals ihres Kumpels, der ihr heute ohne Hirn, doch mit unsagbar viel Herz, das Leben gerettet hatte. Er hätte bei dem überstürzten Versuch dies zu tun sterben können und dennoch hatte er Anna wacker beigestanden. Der Mann, ihr bester Freund, war zu ihr in den furchteinflößenden Wald zurückgekommen, um ihr bedingungslos und mutig zu helfen. Ein Einsatz, der Anna nicht nur erschreckte, sondern nun vor allem vollends rührte.

„...Danke.“, flüsterte sie leise, als sie den sprachlosen Hjaldrist drückte.

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