Kapitel 50

Familie

Mit Widerwillen im Blick folgte Anna ihrer Mutter Marika und Rist in die strohbedeckte Hütte am Rande der Stadt. Die Arme nach wie vor eng und fröstelnd verschränkt, ließ die Frau die braunen Augen wandern, als sie daraufhin das Innere des relativ kleinen Hauses betrat und sich ihre Erzeugerin sofort daran machte zwei Becher aus einem Schrank zu holen. Sie befanden sich in einem Raum von zweien. Hier standen ein Esstisch, ein alter Ofen, der gleichzeitig eine Kochstelle war, der besagte Holzschrank mit dem Geschirr und eine schiefe Kommode. Mehr gab es nicht; keine Dekoration, keinen Krimskrams, nicht einmal einen Teppich. Doch die Hütte war sauber und aufgeräumt. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass die kleinlaute Marika vermutlich nichts anderes tat, als daheim zu sitzen und sich um Haus und Kinder zu kümmern. Und eines der besagten Kinder war auch anwesend: Ein Junge im Alter von etwa sechzehn Jahren, mit kurzen, braunschwarzen Haaren und misstrauischen, dunklen Augen. Er erhob sich gleich, als er sah, wie seine Mutter mit Besuch zurück kam und musterte Anna und Hjaldrist von oben bis unten. Er schien seine Schwester zu erkennen, doch sein zutiefst argwöhnischer Ausdruck veränderte sich deswegen nicht. Im Gegenteil.

“Was macht DIE hier?”, wollte er wissen und Anna bemerkte, wie Hjaldrist ob dem ungläubig stutzte. Sie verzog, im Gegensatz zu ihm, jedoch keine Miene. Denn sie hatte sich keine andere Begrüßung erwartet und wusste, warum ihr Bruder so unfreundlich reagierte. Oder eher: Sie ahnte es. Als sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte sie schwer bewaffnet in der Tür gestanden. Die ganze Familie hatte geglaubt, sie sei eine Banditin, die darauf aus war sie zu überfallen; eine Hexerin, die gekommen war, um sich zu rächen. Natürlich war sie daher nicht gut in Erinnerung geblieben und wer wusste schon, wie ihre Eltern später noch über sie gesprochen hatten? Anna verspürte den Drang wieder zu gehen.

“Hannes.”, mahnte Marika seufzend, doch alles andere als autoritär “Sei freundlich.”

“Warum?”, wollte der Dunkelhaarige wissen und taxierte seine größere Schwester eindringlich “Vater hat gesagt, sie raubt Kinder, um sie in Abscheulichkeiten zu verwandeln.”

Eine betretene Stille tat sich in der hölzernen Hütte am Rande des Wassers vor Novigrad auf, denn die Mutter des Aufmüpfigen sagte nichts mehr. War nicht verwunderlich. Sie stelle bloß schweigend die kleinen Becher für Anna und Hjaldrist auf den eckigen Esstisch und schenkte warmen Tee in jene ein.

“Wir haben keinen Zucker.”, bedauerte die Frau im braunen Kleid und ignorierte den zornig starrenden Hannes “Aber der Kräutertee unserer Nachbarin schmeckt auch ohne ganz gut.”

“Danke.”, sagte Rist schwach nickend und entschloss sich augenscheinlich ebenso dazu den komplizierten jungen Mann in der Hütte nicht mehr zu beachten. Der Jarlssohn kam an den abgegriffenen Tisch, den Anna noch von früher kannte, und fasste nach einem der Becher. Die anwesende Hexerstochter, die sich so fehlplatziert fühlte, schwieg nach wie vor und sah ihrem frustriert schnaufenden Bruder von der Seite aus dabei zu, wie er aus dem Haus stürmte und die Türe dabei geräuschvoll hinter sich zuschlug. Marika hob den Blick unglücklich. So sah eine Mutter aus, die sich nicht durchsetzen konnte.

“Er ist gerade in einem schwierigen Alter, verzeiht.”, entschuldigte sich die Langhaarige und setzte sich ebenfalls hin. Dann sah sie zu Anna auf, die nur zögerlich näher kam, um mit spitzen Fingern nach ihrem Teebecher zu fassen. Das Getränk roch nach Thymian und Fenchel. Wegen letzterem brauchte er auch keinen Zucker oder Honig. Fenchel war von Natur aus süß, das lernte man in der Trankmischerei sehr früh. Denn man fing mit einfachen Tees an, bevor es an die gefährlichen Kräuterabsude ging.

“Ich verwandle Kinder in Abscheulichkeiten, hm?”, murmelte die Anna abfällig, ohne ihre Mutter dabei anzusehen. Sie würde ihren Tee austrinken und dann gehen. Die Atmosphäre hier war bedrückend und machte sie wütend.

“Dein Vater ist sehr… engstirnig gewesen. Und jeder kennt doch die Geschichten über die Hexenmänner.”, rechtfertigte sich die ratlose Marika für ihren ruppigen Sohn und ihren Ehemann. Anna schnaufte grimmig-amüsiert.

“Ach ja, mein Erzeuger. Wo ist der denn überhaupt? Hat er den Weg nach Hause wieder nicht gefunden, weil er zu besoffen ist?”, fragte die 21-jährige Schwertkämpferin schmerzhaft direkt. Erst dann ließ sie die kühlen Augen abwartend auf ihre Mutter sinken. Sie hatte sich noch immer nicht hingesetzt und dachte auch nicht daran. Hjaldrist musste schlucken.

“Er ist tot.”, erklärte Marika gleich frei heraus. An Anna’s Miene änderte sich nach dieser Todesnachricht beachtlich wenig, doch ihr empathischer Kumpan aus Skellige wurde immer sprachloser.

“Als er vom Gasthaus kam, fiel er letztes Jahr in den Zufluss vor der Stadt und ist ertrunken.”, sagte Marika erstaunlich ruhig. Man konnte ahnen, dass sie nicht so sehr um ihren Mann trauerte, wie sie es eigentlich sollte. Er war ein schwerer Alkoholiker gewesen; einer, der beizeiten auch sehr laut geworden war. Anna konnte sich nicht daran erinnern, dass er sie jemals angefasst hätte, doch er hatte ihre schreiende Mutter ein, zwei Mal vor ihren Augen geschlagen. Sie hatte ihn dafür gehasst.

“Und seit er nicht mehr hier ist, fängt Hannes die Fische für uns.”, erzählte Marika weiter “Wir halten zusammen, um unser täglich Brot zu verdienen, doch es ist hart. Ich muss manchmal bei den Wäscherinnen nebenan aushelfen.”

“Das tut mir leid.”, entkam es Hjaldrist jetzt. Er schien die vorherrschenden, elenden Zustände nicht zu fassen und irgendwo schienen sie ihn zu treffen. Warum? Weil es um die Familie seiner besten Freundin ging?

“Es ist schon in Ordnung.”, versicherte die Langhaarige aufrichtig nickend, doch nicht besonders glücklich. Sie schlug die haselnussfarbenen Augen nieder. 

“Uns geht es heute besser, als früher, wo mein Mann noch gelebt hat.”, versicherte sie.

Rist sah Marika unablässig an und versuchte ganz offenbar seine Ungläubigkeit zu verbergen. Hier trafen Welten aufeinander: Ein Mann, der aus der Adelsschicht Skelliges stammte und Anna’s früheres Heim, das von Armut geprägt war. So sehr sich beide Abenteurer auch manchmal ähnelten, aus so unterschiedlichen Hintergründen kamen sie.

Die besagte Alchemistin sah von ihrem älteren Kumpel fort, hin zu ihrer Erzeugerin. Sie atmete tief aus und ehe sie noch etwas sagen konnte, öffnete sich die knarrende Tür zum Nebenzimmer; dem Schlafraum, in dem alle Familienmitglieder nächtigen mussten. Wie viele Betten heute wohl darin standen? Früher einmal, da waren es nur vier gewesen.

Ein kleines Mädchen im Nachthemd erschien im schmalen, etwas schiefen Türrahmen. Mit wirren, braunen Haaren und verschlafenem Gesicht. Hannes, der die Hüttentür vorhin so laut in ihre quietschenden Angeln geschlagen hatte, musste sie geweckt haben. Das Kind, das nicht älter als sechs oder sieben sein konnte, steuerte gleich auf seine Mutter zu, um jammernd auf deren Schoß zu kommen. Das Mädchen schniefte, drückte den Kopf an die Schulter Marikas. Jene seufzte nur und legte einen Arm um die Kleine. Anna sah dem stumm und ohne jegliche Gefühlsregung zu. Das hier war eine ihrer Schwestern. Es gab noch eine zweite. Sie waren Zwillinge, soweit sie sich richtig erinnerte. Damals, als die Giftmischerin vor Jahren hier gewesen war, waren die Mädchen noch ziemlich klein gewesen und hatten die halbe Hütte zusammengeschrien, dass es nur so in den Ohren geklingelt hatte. Ihre Mutter war haltlos überfordert gewesen und der zugedröhnte Vater hatte nur vor sich hin gestarrt und noch einen Schluck aus seiner Flasche genommen.

 

“...Und wie geht es dir, Arianna?”, wollte Marika auf einmal wissen, nachdem sie erklärt hatte, dass sich die Lage ihrer Familie gebessert hatte, seit ihr Mann ertrunken war. Sie sah zu der stehenden Anna auf, die ihren warmen Teebecher zwischen den beiden, kalten Händen hielt. Die Kriegerin, die längst nicht mehr fror, holte Luft, um langsam zu sprechen.

“Gut...”, entkam es ihr. Und es überraschte sie ehrliches Interesse im Blick ihrer Mutter zu erkennen. Also redete sie weiter.

“Wir reisen viel.”, fiel ihr nur ein. Was sollte sie sonst auch sagen? Dass sie mit Giften experimentierte, Schwerter schwang, Monstern nachjagte und sich bereitwillig von ihrem besten Freund flachlegen ließ, wenn sie betrunken war?

“Das ist schön.”, sagte Marika “Bestimmt seht ihr beiden viel von der Welt.”

“Ja”, bestätigte Anna “Tun wir.”

Man hörte Hjaldrist leise und entnervt seufzen.

“Anna, du machst mich ganz nervös.”, meinte er “Setz dich doch hin.”

Die Angesprochene lenkte die Aufmerksamkeit auf ihren Freund zurück, der sie schief ansah. Dann, nach kurzem Zögern, ließ sie sich tatsächlich nieder. Marika musste schwach lächeln und das Mädchen auf ihrem Schoß sah scheu zu den beiden Besuchern hin.

“Wer sind die?”, fragte die Kleine flüsternd und lispelte dabei leicht.

“Das sind Arianna und Hjaldrist.”, erklärte die Mutter geduldig und dem Mädchen schien das zu genügen. Sie nickte nur schüchtern und drückte das Gesicht dann wieder an Marika.

“Sag doch Hallo, Verena.”, bat letztere das Kind, doch jenes schüttelte nur leise murrend den Kopf. Die Frau musste befangen lächeln.

“Es scheint, als hingen hier gerade alle in schwierigen Phasen fest…”, seufzte die im erdfarbenen Kleid nachgiebig.

“Das macht nichts.”, sagte Hjaldrist und Anna war dankbar für dessen Anwesenheit. Er lockerte die Situation hier allgemein auf - oder jedenfalls fühlte es sich so an.

Nach wenigen, weiteren Augenblicken klopfte es plötzlich an der Tür und ohne auf eine Antwort zu warten, trat ein Mann der Stadtwache in die Hütte ein. Die am Tisch Hexerstochter hob den Kopf alarmiert und zog die Brauen zusammen. Sie wollte sich schon erheben, als der dreiste Kerl mit den breiten Schultern in einer Manier herein kam, als wohne er hier. Tatsächlich betrachtete er Anna und Hjaldrist so, als frage er sich, was sie hier machten. Verena rutschte vom Schoß ihrer Mutter und eilte dem Krieger in der abgenutzten rot-weißen Rüstung entgegen, streckte die Arme nach ihm aus. Der Soldat kam in die Hocke, um das Mädchen kurz zu umarmen und ihr einen Kuss auf die Stirn zu drücken.

“Ah, Niklas! Guten Morgen. Du kommst früh.”, stellte Marika überrascht fest und lächelte lieb. Sie stand auf und strich sich die Schürze vorne glatt. 

“Willst du etwas Tee von Juliane?”

“Ja, bitte. Ich habe Frühstück mitgebracht.”

Anna beobachtete die Szenerie schweigend und mit großen Augen. Niklas? Sie erinnerte sich an diesen Namen. Es war der ihres um etwa zwei Jahre älteren Bruders. Sie hatten früher immer zusammen zwischen den Trögen der Waschweiber vor dem Haus gespielt. Die burschikose Alchemistin hatte ihn seit damals nicht mehr gesehen. 

Der besagte Mann, der über kurz geschorenen Haaren eine Bundhaube und einen Nasalhelm trug, erhob sich nun wieder, während er Verena, die sich an einem Zipfel seines roten Gambesons festhielt, über das lange, zerzauste Haar streichelte. Er roch markant nach Waffenöl, Rauch und Fackelwachs.

“Du hast Besuch, Mutter?”, bemerkte der mittelschwer Gerüstete irritiert und runzelte die Stirn tief. In seiner freien Hand trug er eine Hellebarde bei sich, die er soeben an die Zimmerwand lehnte. Er hatte sich eine Papiertüte unter den Arm geklemmt.

“Oh, ja. Besuch...”, sagte die Witwe kleinmütig und deutete auf die zwei Jüngeren am Tisch “Das hier ist Arianna. Und ihr Freund Hjaldrist.”

Der kritische Gesichtsausdruck des großen Wachmannes lichtete sich abrupt und seine grünbraunen Augen hefteten sich auf die Kurzhaarige in der purpurnen Tunika, die ihr viel zu groß war. Anna wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Daher entkam ihr nur ein überrumpeltes ‘Hallo’. Mehr nicht.

“Ari?”, machte Niklas ungläubig, sah auch einmal flüchtig zu Rist hin, der schweigend von seinem Tee trank. Der amüsierte Skelliger musste verhalten in seinen Becher grinsen, als er hörte, wie der Soldat seine Schwester gerade genannt hatte.

“Hast dein verfluchtes Schwert wohl endlich hingelegt und dir einen ordentlichen Mann und ein normales Leben in deiner Heimat gesucht, hm? Gut.”, stellte der Rot-Weiße hart fest und brachte Anna damit zum Stocken. Sie sah ihn skeptisch an und spürte, wie ihr der Mund trocken wurde. Gleichzeitig war es ernüchternd, dass ihr großer Bruder so sprach, wie es eigentlich zu ihrem engstirnigen Vater gepasst hätte. Sie hatte ihn früher einmal wirklich, wirklich gern gehabt und nahezu vergöttert. So, wie es eben zwischen großen, starken Brüdern und kleinen Schwestern eben war. Einer von Anna’s Mundwinkel zuckte. Ein Schatten huschte über das Gesicht der Frau und sie wusste nicht genau weswegen, doch Enttäuschung wühlte ihr die Eingeweide auf. Es war… ernüchternd, wie Niklas von ihr zu denken schien. Wieder wäre sie am liebsten einfach gegangen. Doch dann lachte der Soldat auf einmal und er sah Anna aus gespielt berechnenden Augen an.

“Lass dich doch nicht veralbern, du Gans.”, meinte er dann und winkte die Jüngere zu sich “Es ist schön dich zu sehen. Komm her!”

Irritiert hob die Braunhaarige den Kopf und spürte, wie Hjaldrist ihr aufmunternd in die Seite stieß. Da sie sich dennoch nicht erhob, um zu Niklas zu gehen, kam jener einfach zu ihr, reichte ihr die Hand erst, überlegte kurz und beugte sich dann einfach vor, um die Sitzende brüderlich zu umarmen. Völlig überfordert ließ die Trankmischerin dies zu und ächzte, als sie fest an die harte, kalte Brustplatte des Wachmanns gedrückt wurde und das Kreuz geklopft bekam.

 

Die bedrückende Atmosphäre in der kleinen Hütte hatte sich schlagartig gebessert, nachdem Niklas gekommen war. Er hatte sich nach seiner Ankunft gleich mit an den Tisch gesetzt und seine Papiertüte abgestellt, in der sich Brot, etwas Butter und Blaubeermarmelade befunden hatten. Der streng anmutende, doch sehr nette, Kerl mit dem kantigen Gesicht und dem Dreitagebart hatte sich den Helm abgenommen und sofort unverhohlen damit angefangen seine jüngere Schwester ausfragen zu wollen. Er war jemand, mit dem man sich gerne unterhielt, denn er sah einen dabei aufmerksam an und stellte immer wieder neugierige Fragen. Es überraschte Anna wirklich. Sie hatte Niklas in den Kinderjahren ja schon gemocht, sich aber nie gedacht, dass er sich bei einem kaltherzigen Alkoholiker als Vater und einer grauen Maus als Mutter zu solch einem herzlichen Mann entwickeln könnte.

“Ich habe im Frühjahr meine Korinna geheiratet.”, erzählte Niklas mit geschwellter Brust, als er das dunkle Brot klein schnitt, das er mitgebracht hatte. Marika hatte vorhin noch erklärt, dass ihr ältester Sohn oft nach der Nachtschicht vorbei kam, um mit ihr zu frühstücken und nach den vier jüngeren Geschwistern zu sehen. Er brachte sicherlich auch nur deswegen Essen vorbei, weil er wusste, dass sich seine arme Mutter nicht so viel davon leisten konnte.

“Meine Frau und ich sind in ein kleines Haus gezogen, das uns ihre wohlhabenden Großeltern vermacht haben. Es ist nicht weit von hier, nahe dem Brunnen der Siedlung vor dem Ruhmestor.”, sagte der Wachmann, als er Anna und Hjaldrist wie selbstverständlich zwei selbst geschmierte Brotscheiben überreichte. Auch Verena war wieder an den Tisch gekommen und wirkte schon weniger schüchtern als noch zuvor. Neugierig schielte sie über die Tischplatte, beobachtete das Geschehen und ließ sich ein halbes Butterbrot geben.

“Wenn ihr wollt, könnt ihr uns einmal besuchen kommen, Korinna und mich. Dann zeige ich euch unseren Gemüsegarten.”, bot der redselige Niklas an, als sei heute nicht der Tag, an dem er seine Schwester nach FÜNFZEHN Jahren zum ersten Mal wieder sah. Tatsächlich fühlte es sich irgendwo so an, als sei sie nie weg gewesen. Der gastfreundliche Gerüstete, dessen Plattenhandschuhe mitten am Tisch lagen, machte es einem dahingehend wirklich nicht schwer.

“Wohnt ihr nun denn auch in Novigrad?”, wollte er weiter wissen.

“Äh.”, entkam es Anna “Nein. Wir sind nur auf der Durchreise.”

“Oh.”, machte Niklas stirnrunzelnd “Wohin?”

“Wir... sind uns noch nicht sicher.”, gab die Kurzhaarige zu und wurde deswegen unschlüssig beäugt.

“Hm.”, machte der Wachmann bloß “In deinem Alter solltest du aber schon einmal darüber nachdenken dich irgendwo niederzulassen, Ari. Wie alt bist du? 20, 21? Es ist doch schön ein Heim und nette Nachbarn zu haben. Oder nicht?”

Die Angesprochene schwieg und versuchte nicht zu Rist zu linsen. Es war nämlich klar, worauf ihr Bruder hier gerade anspielte. Höchstwahrscheinlich nahm jener auch an, dass der anwesende Skelliger der Geliebte von Anna sei. Und gleich, da würde er ihnen mit den Themen ‘Hochzeit’ und ‘Kinder’ kommen, ganz bestimmt. Erstaunlich, wie unterschiedlich die zwei Geschwister dahingehend waren. Man merkte genau, wer von ihnen aus einer lockeren, unsicheren Welt stammte, die vom Reisen und Jagen bestimmt war, und wer von klein auf in der ein und derselben Stadt hauste. Dies auch noch in einem recht konservativen Umfeld.

“Ich lasse mich nicht nieder.”, meinte die pikierte Hexerstochter nach einer kurzen Schweigepause bestimmend und Niklas lachte leise, als sei sie ein Kind, das etwas Dummes gesagt hatte.

“Das sagst du jetzt.”, feixte er und lächelte in diesem Zuge auch einmal in Richtung Rist “Reden wir in, hm, zwei, drei Jahren nochmal darüber. Dann, wenn du Mann, Kind und Hund hast, Schwesterchen.”

Entnervt atmete die Frau durch die Nase aus und sah fort. Ihr Bruder verstand und witzelte nicht weiter.

“Aber wie auch immer”, wechselte er sogleich das Thema “Erzähle doch einmal, wie es so bei diesen Hexenleuten war. Erst vor kurzem ist einer dieser Männer hier in der Stadt gewesen und hat im ‘Eisvogel’ für einen ganz schönen Trubel gesorgt.”

“Was ist passiert…?”, wollte Anna wissen, als sie dies hörte, und sie senkte ihr halb aufgegessenes Marmeladenbrot.

“Er war wohl betrunken und hat nach irgendjemandem gesucht. Hat angefangen Leute zu verprügeln…”, erzählte Niklas und verzog den Mund unzufrieden “Und wir haben sechs Mann gebraucht, um ihn aus der Taverne zu werfen. Den Vilhelm, den hat er ganz schön hart erwischt. Die Schneidezähne hat er ihm ausgehauen, dem armen Kerl.”

Man hörte Hjaldrist bei dieser Vorstellung leise und belustigt glucksen.

“Hast du gesehen, welches Medaillon er getragen hat?”, hakte die Alchemistin am Tisch interessiert nach.

“Hm? Was?”, ihr Bruder blinzelte irritiert.

“Hexer tragen silberne Kettenanhänger in Form gewisser Tiere um die Hälse. Daran kann man erkennen, aus welcher Schule sie sind.”

“Schule? Äh. Achso.”, machte Niklas, zuckte dann aber die Achseln “Keine Ahnung. So genau habe ich ihn mir auch nicht angesehen… aber eine Kraft hatte der, das sage ich euch!”

Besorgt sah die schweigsame Marika von Anna fort, hin zu ihrem ältesten Sohn. Jener winkte aber schnell beschwichtigend ab.

“Ist ja nichts passiert.”, versicherte er und grinste breit, blickte die beiden Besucher wieder an. Er musterte sie kurz, schenkte seine Aufmerksamkeit dann Hjaldrist.

“Bist du auch ein Hexer, so wie Ari?”, wollte Niklas wissen.

“Ich?”, entkam es dem Undviker perplex “Nicht direkt.”

“Ah? Na, wie auch immer.”, sagte der Soldat “Viele meiner Kollegen mögen Anderlinge nicht, weil die stets Ärger machen. Aber wenn IHR etwas braucht, dann kommt zu mir in die ‘Wachstube Süd’. Und dann regeln wir das. Ihr gehört schließlich zur Familie.”

Stolz zwinkernd stieß der großzügige Niklas den überforderten Jarlssohn an. Und obwohl Rist älter war als Anna’s Bruder, sah er um so viele Jahre jünger aus. Tatsächlich wirkte Niklas wie mindestens Mitte 30. Er musste bisher ein sehr hartes und anstrengendes Leben gehabt haben.

“Gut, dass du das ansprichst…”, warf die Hexerstochter nun ein “Wir wollten vorhin nämlich in die Stadt und wurden nicht eingelassen.”

“Ihr habt wohl keine schriftliche Erlaubnis, keinen Passierschein.”, stellte der wissende Wachmann fest “Die braucht man, um auch nachts reinzukommen. Ich kann euch eine ausstellen. Aber, sagt mal, was habt ihr denn überhaupt vor den Toren gesucht?”

“Was?”, fragte die ertappte Anna auffallend vorschnell.

“Wir waren kurz spazieren.”, schoss Rist dazwischen und wollte das Gespräch damit wohl ungeschickt davor bewahren in eine vieldeutige Richtung zu rutschen.

“Unbewaffnet und halbnackt?”, schmunzelte Niklas “Um diese Zeit und bei diesen Temperaturen?”

Die Hexerstochter räusperte sich leise.

“Ach, lass sie doch, Niklas…”, lächelte Marika kleinmütig “Seien wir froh, dass ihnen nichts passiert ist. Der Nachtschreck ist unberechenbar.”

Die beiden Monsterjäger horchten auf, als Anna’s Mutter das Wort ‘Nachtschreck’ in den Mund nahm. Sie hatte jenen früher schon einmal erwähnt. An dem Punkt, an dem sie erklärt hatte, warum die novigrader Tore nachtsüber immer geschlossen wurden.

“Was soll dieser ‘Nachtschreck’ denn sein…?”, wollte Rist hellhörig wissen, als er seinen leer getrunkenen Teebecher abstellte.

“Na… ein Nachtschreck.”, sagte Marika unbeholfen und Niklas ergänzte diese Worte gleich für sie:

“Seit einer geraumen Zeit verschwinden immer wieder Kinder. Dies immer nur nachts. Soweit sind der Stadtwache 24 Fälle gemeldet worden und wir glauben, dass die meisten mit dem Nachtschreck zu tun haben.”, meinte der kantige Mann und wurde ernster “Daher werden die Tore nachts geschlossen. Tatsächlich wurde es dadurch besser. Ab und an verschwindet ein Kind, das sich nachts außerhalb der Stadt aufhält, doch soweit blieben die, die sich innerhalb befanden, sicher.”

Anna runzelte die Stirn. Mit der abergläubischen Bezeichnung eines Nachtschrecks konnte sie nicht so viel anfangen, doch sie hatte da eine Idee.

“In manchen Gegenden erzählt man sich vom Nachtgiger.”, meinte sie “Ich habe die Geschichte schon als Kind gehört. Mein… Onkel hat sie mir erzählt.”

“Onkel…?”, murmelte Marika wirr, doch fragte nicht weiter nach. Ihre älteste Tochter überhörte das.

“‘Schau, dass’d nach Haus kommst, sonst holt dich der Nachtgiger’... in Kaedwen droht man Kindern damit. Man sagt, dass er kommt und sie frisst, wenn sie nicht vor der Abenddämmerung zuhause sind. Er holt sich dabei nur, was auf der Straße ist und kann nicht in Häuser eindringen. Er tut das auch nicht, wenn Türen und Fenster offen stehen.”, erzählte die wissende Kriegerin weiter “In den Märchenbüchern hat der schwarze Giger die Form eines Schattens mit dem Kopf eines Hahns. Und bevor er Kinder holt, hört man ihn krähen.”

“Hmm? Woher weißt du so viel darüber?”, wollte Niklas mit angehobenen Brauen wissen und Anna lächelte nur bedeutungsvoll. Ihr etwas stumpfer Bruder hatte von Hexern genauso viel Ahnung wie die meisten anderen Außenstehende auch. Nämlich keine. Sie nahm es ihm nicht übel.

“Hab davon gehört.”, sagte die Frau lasch, um sich nicht weiter erklären zu müssen.

“Ein Schatten mit einem Hahnenkopf?”, fragte Hjaldrist langsam und kratzte sich am Kinn “Gorgos haben solche Köpfe.”

“Mhm. Aber nein… Nachtgiger sind keine Gorgos. Sie gehen, den Zeichnungen zufolge, aufrecht und haben keine Flügel. Daher würde es Sinn machen, dass es hilft, wenn man die Stadttore versperrt.”, schlussfolgerte die Ungeheuerjägerin “Wobei die Giger aber auch nur Sagengestalten sind, die mal als Kinderschrecken einsetzt. Ich habe noch nie davon gehört, dass es sie wirklich gibt.”

 

An diesem Morgen kamen Anna und Hjaldrist erst relativ spät in den ‘Goldenen Stör’ zurück. Völlig übermüdet hatten sie ihr kleines Tavernenzimmer erst nach der Dämmerung betreten und bemerkt, das Ravello fehlte. Wahrscheinlich war auch er lange unterwegs oder hatte ein hübsches Mädchen gefunden, bei dem er übernachtete.

Den ganzen Weg bis zum Gasthaus hatten die beiden Abenteurer kaum miteinander geredet. Denn nachdem die Wirkung des Alkohols nachgelassen hatte und sie wieder viel nüchterner geworden waren, hatte sich die Stimmung zwischen ihnen ein wenig eigenartig angefühlt. Nicht unbedingt schlecht, aber verquer. Anna hatte nicht so recht gewusst, was sagen, und Rist hatte nur nachdenklich vor sich hin gesehen. Also hatte sie ihn in Ruhe gelassen. Und jetzt, da waren sie einfach nurmehr zu müde und zu fertig, als dass sie auf Gespräche irgendeiner Art aus waren. Also schlüpfte Anna aus der roten Tunika ihres Freundes, zog sich beiläufig ein weites Hemd über und verkroch sich dann in das Bett, das sie sich mit ihrem Kumpel teilte. Hjaldrist war ähnlich schnell, wenn es darum ging sich hinzulegen: Seine feuchte Hose warf er lieblos in eine Ecke und zog sich eine neue an. Dann kam er zu Anna, die ihm auf der gemeinsam genutzten Matratze Platz gemacht hatte. Mit dem Rücken zu ihm lag sie da, hatte die weiße Wand vor sich und die matten Augen endlich geschlossen. Sie spürte noch, wie ihr Freund die wärmende Bettdecke aus Wolle über sie beide zog und wie er dann eine Hand zögerlich auf ihren Arm legte. Nur, um jene dort einfach so ruhen zu lassen, als bräuchte er einen kleinen Körperkontakt. Anna ließ ihn. Sie hätte es auch zugelassen, wäre er viel näher gerückt und hätte er Anstalten gemacht den Arm um sie legen zu wollen. So, wie nach ihrem Wiedersehen in der Ruine der Flammenrose. Denn zugegeben… nach allem, was in den vergangenen Stunden geschehen war, wäre es der Trankmischerin irgendwie danach gewesen. Sie fühlte sich nach dem, was sie am Ufer vor Novigrad getan hatten, nur zu befremdlich, um es von sich aus zu fordern. Warum? Sie wusste es nicht so genau. Womöglich wollte sie sich nur nicht aufdringlich fühlen oder ihrem besten Freund das Gefühl geben, dass sie noch mehr von ihm wollte. Ihm gerade den Rücken zuzudrehen, war dahingehend eine aufschlussreiche Botschaft. Die einzige, zu der sie heute noch imstande war, bevor sie einnickte.

 

*

 

Hjaldrist schreckte aus dem Halbschlaf hoch, als ihm jemand leise ins Ohr flüsterte. Sofort hob er den Kopf an, und blinzelte angestrengt. Doch da war niemand. Also keiner außer Anna, die mit der Wand, an der das Bett stand, kuschelte und tief und fest zu schlafen schien. Wirr sah der Mann also über die Schulter hinter sich, in den stillen Raum. Und eine vage Ahnung schlich sich in seinen Kopf, als er bemerkte, dass auch Ravello nicht anwesend war: Er hörte schon wieder Dinge, die nicht da waren. Ein leises, entkräftetes Stöhnen entkam ihm auf diese Realisation hin, bevor er sich zurück auf die Matratze sinken ließ und sich die Hände an das schlaftrunkene Gesicht drückte. Verdammt. Es wurde nicht besser, würde nie aufhören. Die Stimmen in seinem schwirrenden Kopf waren, seit er Drakensund verlassen hatte, wieder so präsent wie eh und jäh. Es machte ihn noch krank. Oh, hoffentlich fänden sie diese Professorin Oxenfurts hier in Novigrad, diese Mia Baran. Und hoffentlich könnte sie helfen. Der 25-Jährige wusste nämlich nicht, was er noch tun sollte und hätte er die wahnwitzige Anna nicht, die ihn so oft ablenkte, wäre er sicherlich schon der Verzweiflung nahe.

Hjaldrist ließ die kalten Finger wieder von seinen Augen sinken und sah der hellen Zimmerdecke entgegen, über die sich eine Spinnwebe spannte, atmete einmal tief aus. Dann fasste er mit fahriger Hand nach dem halbvollen Wasserkrug aus gebranntem Ton, der da am alten Beistelltischchen stand. Der Krieger richtete den Oberkörper auf und verzog die Lippen leicht angewidert, trank einen großen Schluck. Obwohl er sich nicht verkatert fühlte, war sein Mund staubtrocken und ein schaler Geschmack hatte sich darin breit gemacht. Er hätte den Portwein gestern definitiv weglassen sollen. Urgh. Er würde sich gleich die Zähne putzen und das lange.

Den bauchigen Krug wieder fort stellend, setzte sich der Skelliger schlussendlich hin, rieb sich die dunklen Augen und fasste sich an den schmerzenden Nacken. Uh, bei Hemdall, wie hatte er heute Nacht - oder eher: Vormittag - bloß gelegen?

“Kartoffeln oder Blumenkohl? Ach, ich weiß nicht…”, flüsterte eine fremde Frauenstimme grübelnd und Hjaldrist wollte schon erschrocken zusammenzucken. 

“Was?”, wisperte er. In der letzten Sekunde ermahnte er sich dann aber zur Fassung und versuchte das gespenstische Gemurmel zu ignorieren. Seine Miene wurde matter.

“Er ist noch immer nicht hier. Dieser Narr kann sich später etwas anhören!”

Der verschlafene Undviker knackte mit dem verspannten Nacken, gähnte und streckte sich.

“Die neuen Stiefel rauben mir noch den letzten Nerv. Aua, meine Zehen…”

Hjaldrist verengte die Augen verstimmt, biss die Zähne aufeinander und sah vor sich auf die erdfarbene Bettdecke. 

Manchmal… da kam es in Schüben. Es war so eigenartig. Ja, ab und an hörte er die Stimmen überhaupt nicht und dann, wiederum, kamen sie alle auf einmal. Warum? Er verstand es nicht, WOLLTE es nicht so haben, sehnte sich nach einem Ende dieser fürchterlichen Scheiße. Und er hätte viel dafür gegeben es abstellen zu können. Oh, hätte ihm irgendein klugscheißerischer Magier gerade gesagt, er müsse sich einen Finger abhacken, damit das Geflüster aufhörte, dann hätte er es ohne zu zögern getan. Aber so einfach war es leider nicht. Nichts war je leicht.

Gestern, da hatte Hjaldrist den ganzen Abend lange nichts gehört. Kein Brüllen, kein Murmeln, kein Flehen. Einfach nichts. Die ganze Nacht über hatte er selige Ruhe gehabt. Ob dies am Alkohol gelegen hatte? Vielleicht sollte er einfach öfter etwas trinken. Grüblerisch fuhr sich der Mann über das Kinn, senkte die Augen zur Seite und versuchte nachzudenken. Ein leises Ächzen in einer ihm fremden Sprache verhinderte dies jedoch und er gab einen äußerst frustrierten Laut von sich. Erst als sich Anna neben ihm regte, sah er wieder auf und zu ihr hin. Wurde sie wach? Nein, sie hatte sich bloß umgedreht.

Der wieder geistig anwesende Skelliger musterte die ruhig Schlafende stumm. Und er kam nicht umhin sich davon abgelenkt zu fühlen und lächeln zu müssen. Oh Mann. Mit Anna war es, wie mit den Stimmen. Es wurde nicht weniger. Und umso mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto mehr glaubte er sich zu ihr hingezogen zu fühlen. Anders als die Stimmen, war die Frau aus Kaer Morhen aber ein unglaublich positiver Part von Hjaldrist’s Leben; so kompliziert sie manchmal auch sein konnte. Sie… sie erwiderte seine tiefen Gefühle zwar nicht, doch gerade, da machte das nichts. Besonders nach der letzten Nacht war der Axtkämpfer blind für die Tatsache, dass Anna ihm so oft unmissverständlich gezeigt hatte, dass sie innige Beziehungen mied wie fauchende Monster das Silber; dass sie erst vor kurzem gemeint hatte, dass sie absolut nichts von Liebeleien oder dergleichen hielt. Es war einerlei, vollkommen, und tat dem eingenommenen Lächeln des Jarlssohns just nichts ab. Er liebte sie. In der vergangenen Nacht hatte es ihn fast überfordert wie sehr. Und er wollte einfach nur in ihrer Nähe sein. Das war alles.

 

Hjaldrist sah Anna noch eine Weile gebannt beim Schlafen zu, ehe er sich dazu entschloss endlich aufstehen zu wollen. Er hatte einen fürchterlichen Hunger und wollte etwas anderes trinken als Wasser. Er bräuchte Zucker und zwar viel davon. Ihm wurde es noch schummrig oder schlecht. Also sollte er endlich aus den wohligen Federn kriechen, was? Zähneputzen und etwas essen, das war der Plan.

Der Undviker, der nicht mehr trug als eine seiner Hosen, warf noch einen Blick zu seiner schlafenden Freundin hin. Er überließ ihr die weiche Bettdecke, zog ihr jene fürsorglich bis über die Schultern hoch, damit sie nicht noch fror. Besonders warm war es heute nämlich nicht. Dann wandte sich der dunkelhaarige Mann ab, um die Beine vor das schmale Bett zu stellen. Er wollte sich schon erheben, als er noch einmal inne hielt, als sei ihm etwas eingefallen, und mit sich selbst hadernd in die Leere sah. Ein zaudernder, forschender Schulterblick gen Anna folgte; dann ein tiefes Durchatmen. Ein letztes Mal drehte sich der Krieger ihr ein Stück weit zu, betrachtete die friedlich schlummernde Frau.

“Anna?”, flüsterte er langsam. Sie reagierte nicht. Das war… gut. Denn das hieß, dass sie fest schlief. Dass sie nichts von dem mitbekommen würde, was ihr Kumpan jetzt vorhatte.

Oh, Freya steh ihm bei, er war ein über beide Ohren verknallter Idiot. Und was für einer. Aber was sollte man schon machen? Gar nichts. Und eher hätte sich der hungrige und durstige Hjaldrist wieder hingelegt, als zu gehen, ohne der Trankmischerin hier noch einen Kuss zu geben. Es überkam ihn eben. Und daher beugte er sich zu der Kurzhaarigen hinab, stützte sich neben ihr auf der harten Matratze ab und schloss die Augen kurz, als er ihr einen sanften Kuss auf die Wange gab. Damit wendete er sich schließlich, um aufzustehen und sich anzuziehen. Dies nicht, ohne noch immer wie ein Volldepp in sich rein zu lächeln, weil er sich unglaublich leicht und beschwingt fühlte.

 

Ravello war im spärlich besuchten Schankraum des ‘Goldenen Störs’ und unterhielt sich dort gerade prächtig mit einer der Bediensteten. Der schnulzige Ritter hatte die kichernde, blonde Dame neben sich sitzen, einen Arm um sie gelegt und zeigte ihr irgendetwas in ihrer offenen Handfläche. Hjaldrist hielt inne, als er das sah und fragte sich für nur einen Moment, ob er stören sollte. Dann fiel ihm jedoch ein, dass es sehr gewöhnlich war den schleimigen Mann aus Toussaint in weiblicher, schwärmerisch lachender Begleitung zu sehen und er entschloss sich dazu einfach auf seinen Kumpan zuzugehen. Ravello, der dies bemerkte, flüsterte der geröteten Schankmagd noch etwas ins Ohr. Sie kicherte verlegen, erhob sich dann aber und machte einen Knicks, als sei sie eine Prinzessin aus Toussaint. Dann huschte sie davon. Hjaldrist sah ihr überaus skeptisch nach, als sie ging und schnaufte abfällig-amüsiert, als er die Augen wenige Herzschläge später auf den charismatischen Ritter heftete.

“Guten Morgen.”, meinte der Skelliger, der seinen ungleichen Gefährten wohl nie verstehen würde “War klar, dass du die weiblichen Angestellten wieder bei der Arbeit störst. Machst du auch mal Pause?”

Ravello lachte selbstbewusst und lehnte sich zurück, deutete mit dem Kinn auf den Platz ihm gegenüber. Hjaldrist folgte dieser freundlichen Aufforderung und setzte sich hin.

“‘Stören’, sagst du.”, grinste Ravello dünkelhaft “Ich habe sie sehr gut unterhalten und ihr erklärt, dass serrikanische Zigeuner aus Händen lesen können.”

“So?”, schmunzelte der Jarlssohn und nahm den anderen sichtlich nicht ernst.

“Ja, können sie.”, antwortete der, winkte dann aber schnell ab “Aber egal. Erzähl mir doch von gestern Abend!”

Der konfrontierte Hjaldrist hielt sogleich inne und taxierte Ravello unsicher. Das, weil er nicht genau wusste, was Ravello meinte. Doch er ahnte es, weil der sensationslüsterne Ritter ihn ziemlich eindeutig mehrdeutig ansah. Wölfisch grinste der Blondschopf.

“Hast du sie geküsst? Mit oder ohne Zunge?”, wollte der Mann stichelnd wissen.

“Was?”, schnappte der Skelliger scharf und wurde nervös, schluckte trocken.

“Oder sie sogar flachgelegt? Erzähl! Ich will alles wissen.”, gluckste der Langhaarige und der arme Hjaldrist spürte, wie es ihm ganz anders wurde. Heiß und kalt zugleich lief es ihm den Rücken runter und die Hitze stieg ihm in die Wangen. Hoffentlich wurde er nicht noch rot…

Er holte Luft, um etwas Schlagfertiges zu sagen, doch es fiel ihm partout nichts ein. Daher saß er einfach nur etwas sprachlos da und sah seinen vorwitzigen Begleiter zerfahren an. 

Ravello hob eine Braue weit an und seine Miene lichtete sich. Er sah damit aus, als wisse er nun schon alles, obwohl der verschlossenere Undviker noch kein einziges Wort gesprochen hatte. Man hörte den kessen Ritter leise lachen. Er lehnte sich vor, stützte einen Ellbogen auf den Tisch und das unrasierte Kinn auf die Hand. Sein Schmunzeln wurde immer dreckiger. Er sagte nichts, als er Hjaldrist so anstarrte.

“Ravello.”, entkam es letzterem unwohl “Halt einfach die Klappe.”

“Ach komm, du bist doch sonst nicht so schüchtern, mein Lieber.”, lächelte der Beauclairer schief und stieß den Stiefel seines Kollegen unter dem Tisch auffordernd an “Und wir sind doch Freunde, oder nicht? Wir sind nun schon ewig zusammen unterwegs. Also, wenn man die neun Monate, in denen du verschwunden warst, weg rechnet.”

Völlig vor den Kopf gestoßen betrachtete der Inselbewohner den etwa gleichaltrigen. Und Hjaldrist wusste nicht, wieso er sich auf einmal so verdammt bedrängt und in die Ecke getrieben fühlte. Es war spätestens jetzt klar, dass Ravello ahnte, was los war. Also warum fühlte sich der Jarlssohn so befremdlich? Warum war er so scheu? Normalerweise, da war er ja auch nicht auf den Mund gefallen, machte dumme Scherze und ging mit allen Situationen recht souverän um. Außerdem war er doch keine alte Jungfrau. Kam seine Hemmung etwa daher, weil er es Anna gegenüber penibel verheimlichte, wie er für sie fühlte? Wollte er nicht reden, weil er eine riesen Angst davor hatte, dass es sein blondes Gegenüber alles ausplaudern könnte? Ja, das musste es sein.

“Du stehst voll auf sie. Tu nicht so, als sei dem nicht so.”, sagte Ravello selbstsicher, da sein unruhiger Gefährte nicht sprach. Wissend lächelte er und drängte den Skelliger damit zuletzt dazu ganz, ganz schwach zu nicken. Hjaldrist entkam ein Seufzen und er sah getroffen fort. Die Schankmagd von vorhin kam derweil wieder und tischte Malzbier und Wildbraten auf. Dabei liebäugelte sie beiläufig mit Ravello.

“Mir ist gestern aufgefallen, wie du sie angesehen hast.”, erklärte sich der Ritter offen, nachdem die Magd in der roten Schürze wieder verschwunden war “Es war wirklich kaum zu übersehen. Ich dachte, du frisst sie gleich.”

Hjaldrist sah aus dem Augenwinkel zu dem Blondschopf hin, der ihnen beiden gerade etwas zu trinken einschenkte. Und gleichzeitig musste er sich wundern. Verhielt er sich tatsächlich so auffallend? Nein. Jedenfalls nicht, wenn Anna hinsah.

“Weiß sie das?”, wollte Ravello weiter wissen.

“Nein.”, gab Hjaldrist zu.

“Warum nicht?”

“So halt. Weil sie kein Interesse hat.”

“Hmm? Woher willst du das wissen, wenn du es ihr noch nie gesagt hast?”, fragte der direkte Ritter jetzt erstaunt nach und beugte sich neugierig vor. Er war schlimmer als jedes schnatternde Waschweib.

“Weil sie es… naja, bezogen auf die Allgemeinheit so gesagt hat. Sie meinte, sie hätte keine Zeit für jemanden, der ihr ‘verliebt am Arsch klebt’. Sie sträubt sich richtig davor.”

“Hm.”, machte Ravello jetzt äußerst skeptisch und fing damit an sein Fleisch klein zu schneiden “Du bist aber nicht die Allgemeinheit.”

“Ich weiß…”, brummte Hjaldrist und fand es unglaublich schwer Blickkontakt zu halten. Er fühlte sich just wie der dämlichste Mensch auf Erden und ruckelte ein wenig auf seinem Platz herum. Der Hunger war dabei ihm zu vergehen.

“Aaaber?”, hakte Ravello weiter nach.

“Du kennst Anna nicht gut genug.”, meinte der betroffene Undviker weiter, um sich zu rechtfertigen “Sag ihr, dass du mehr von ihr willst, als Sex und du siehst sie nie wieder.”

“Also hast du Angst, dass sie dir wegläuft?”, schlussfolgerte der Mann aus Toussaint und schaffte es die ganze Situation, um die es gerade ging, recht simpel zusammenzufassen. Er wirkte dabei mehr amüsiert als mitfühlend und dies stimmte Hjaldrist nicht gerade glücklich.

“Ach, komm. Glaubst du das denn wirklich? Du hättest sie die letzten Monate über erleben sollen, als du weg warst. Dann würdest du dir diese Sorgen gar nicht machen.”, meinte der Ritter im blau-weißen Wappenrock “Glaub mir das.”

“Anna ist loyal und wenn man einmal mit ihr befreundet ist, geht sie halt weit für einen.”, sinnierte der Undviker am Tisch befangen “Ach… ich weiß, dass ihr mich gesucht habt, Hase. Und ich weiß auch, dass sie Blödsinn angestellt hat, um in den Kerker in Caer Gvalc’chas geworfen zu werden, weil sie mich dort vermutete. Das halte ich auch in Ehren. Sehr. Ich kann mir vorstellen, dass es eine schwere Zeit war. Aber-”

“Was, aber? Anna hat sich die erste Zeit über Nacht für Nacht in den Schlaf geheult, nachdem dein Bruder ihr sagte, dass du tot seist. Sie wollte es heimlich tun, hat es aber nicht geschafft.”, verriet Ravello aufrichtig und wurde langsam aber sicher etwas ernster “Und du weißt, wie selten sie weint. Du bedeutest ihr viel.”

Hjaldrist verstummte augenblicklich und verengte den Blick etwas. Er sah auf und seinem größeren Kumpanen skeptisch entgegen. Was jener sagte - also, dass man die harte Anna im nüchternen Zustand kaum zum Heulen brachte - stimmte. Es verblüffte den Skelliger also irgendwo, dass seine Freundin angeblich so viel geweint hatte. Es tat ihm leid. Und gleichzeitig spürte er, wie es ihm wieder wärmer ums Herz wurde. Denn Anna… Anna hatte um ihn geweint. Mitleidig lächelte er, seufzte. Und dennoch gab es dem pragmatischen Mann keine Sicherheit, dass seine beste Freundin sehr um ihn getrauert hatte. Nur, weil es ihr sehr schlecht ergangen war, bedeutete das nicht, dass er liebestechnisch Chancen bei ihr hatte. Sie hatte dahingehend nämlich nie irgendetwas anklingen lassen. Nicht einmal nach ihrem emotionalen Wiedersehen hatte sie den Anschein gemacht mehr von Hjaldrist zu wollen, als die altgewohnte, enge Freundschaft. In ihren Augen war heute alles so, wie es früher immer gewesen war. Sie machte sich keinen Kopf.

“Hörst du? Du bist ihr wichtig, Rist. Und ich glaube kaum, dass sie die Beine in die Hände nimmt und rennt, wenn du ihr sagst, dass du sie liebst.”, schätzte Ravello aufmunternd und brachte seinen Gesprächspartner damit einmal mehr zum Seufzen “Also sag es ihr doch.”

“Das… ist nicht so einfach.”, verteidigte sich der vorsichtige Hjaldrist.

“Warum nicht? Ich hatte nie Probleme mit sowas.”

“Weil du auch noch nie richtig verliebt warst, du Weiberheld. Du hast dir nie ausgemalt, was sein könnte, wenn dich eine Frau abweist. Weil du dann einfach zur nächsten bist. Ich bin aber nicht so und Anna… ist anders, als diese Weiber. Sie ist ein besonderer Mensch.”

Nun lachte der Blondschopf heiter auf. Er schüttelte den Kopf, doch entschied sich dann dagegen irgendwelche Widerworte zu geben.

“Also gut… ich verstehe schon.”, grinste der Ritter keck und gab damit etwas nach “Du willst es also vorsichtig angehen.”

“Ähm...”, machte der Inselbewohner unschlüssig, zuckte mit den schweren Schultern. Denn er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er tun sollte. Noch nicht. Es war viel zu früh für irgendwelche feste Entscheidungen.

“Tja, Junge, es mag ja sein, dass ich noch nie so richtig verknallt war, aber ich kann dir trotzdem gute Ratschläge geben, wie du mit einer Frau umzugehen hast.”, der Beauclairer erhob den Zeigefinger belehrend “Und wenn du es langsam angehen wi-”

“Ravello.”, schnitt Hjaldrist seinem gesprächigen Begleiter aus dem Süden entnervt das Wort ab “Erstens: Nenn mich nicht ‘Junge’. Und zweitens: Ich bin kein Volltrottel, wenn es um Frauen geht. Ich hatte mein Techtelmechtel und daneben zwei Schwestern. Daher weiß ich ZU gut wie sie ticken.”

“Jaja, keine Ahnung, mag sein.”, lächelte der Weiße Hase verwegen “Aber dennoch. Jemand in deiner Lage kann doch sicher etwas mentale Unterstützung von einem Gleichgesinnten gebrauchen, oder?”

“Pfff. Von einem ‘Gleichgesinnten’...?”, lachte der Angesprochene trocken.

“Ach. Einem anderen Kerl eben! Anna ist zwar irgendwie wie einer, aber nachdem sie diejenige ist, auf die du stehst, scheidet sie aus.”

“Wenn du damit meinst, dass du den Kuppler spielen sollst, Ravello… dann nein. Danke.”, entgegnete Hjaldrist sogleich abwehrend “Ich muss erst mal nachdenken. Dann komme ich schon gut allein zurecht. Wie gesagt bin ich doch kein sozialer Krüppel. Ich weiß, was ich tue, sobald ich einen Plan habe.”

“Ach, Rist, ich will doch nicht den Kuppler spielen.”, lachte Ravello nun und winkte ab “Ich will einfach nur ein guter Kumpel sein.”

Der konfrontierte Skelliger legte den Kopf zweifelnd schief und verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich zurück und sah dem Blondschopf abwartend entgegen. Also erklärte sich jener gleich:

“Du könntest zum Beispiel zu mir kommen und herum jammern, wenn du willst.”, bot sich der Gleichaltrige an “Und wenn du doch einmal Ratschläge brauchst, dann frag mich einfach. Ich habe genug Tricks im Ärmel, wenn es um hübsche Mädels geht.”

“...Wehe, du sagst Anna etwas davon.”, sagte Hjaldrist todernst und seine Miene passte nur allzu gut zu seinem Ton. Es war wie eine üble Drohung.

“Niemals!”, versprach der Ritter hochheilig “Bei meiner Ehre, ich schweige wie ein Grab! Äh. Wer bist du überhaupt? Und wer ist diese Anna?”

Nun musste auch der Undviker schwach schmunzeln. Also schön… Hasi war manchmal schon drollig.

“Du willst doch nur aus erster Hand mitbekommen, was läuft.”, erkannte der kluge Dunkelhaarige teils richtig “Weil du eine Tratschtante und vollkommen sensationsgeil bist.”

“Na, aber wenn ich dabei nicht tratsche, kann dir das doch egal sein.”, gluckste der Blonde belustigt und Hjaldrist musste den Kopf ungläubig schütteln “Ich habe dir bei meiner EHRE geschworen zu schweigen. Das bedeutet verdammt viel! Aber das kannst du ja nicht wissen, denn du kommst aus dem unzivilisierten Westen, wo man salzigen Algenfusel säuft und sich in Hafentavernen prügelt, anstatt bei der Turney zu tjosten.”.

“Ah, du bist wirklich unglaublich…”, stöhnte der Skelliger auf das Palaver hin, doch musste gleichzeitig auch schief lächeln. Denn irgendwo fand er das Angebot von seinem Kollegen ja echt nett. Und vielleicht hatte Ravello sogar Recht. Ja, womöglich täte es Hjaldrist ganz gut einen Mann zum Reden zu haben. Auch, wenn jener auf zwischenmenschlicher Ebene ein wankelmütiger Schürzenjäger und schleimiger Draufgänger war. 

Oder vielleicht bräuchte er ihn gerade deswegen? Der vorlaute Beauclairer hatte in seinem Leben doch sicherlich schon viele Mädchen gehabt und es könnte sein, dass er, wider Erwarten, doch gute Ratschläge parat hatte. Vielleicht könnte er Hjaldrist einmal auf irgendetwas aufmerksam machen, das er selbst übersah? Und… oh…! Man könnte den Hasen auch dazu benutzen Anna etwas auszufragen. Nicht? Der Blonde könnte sich dumm stellen und mit der hübschen Alchemistin sprechen. Also nicht, dass er sie manipulieren sollte, bei Freya! Aber er könnte sie zumindest einmal anquatschen, wenn es darum ging in Erfahrung zu bringen, was sie genau von Hjaldrist hielt. Simple Dinge eben, die zu auffällig oder eigenartig gewesen wären, hätte sie der eigentlich sehr direkte Undviker selbst ausgesprochen.

“Also.”, setzte Ravello hüstelnd fort und riss die ungeteilte Aufmerksamkeit damit wieder an sich “Du hast sie gestern flachgelegt?”

Hjaldrist sah verdattert auf.

“Haha, ja, schau nicht so. Ich merke das doch.”, grinste der Blonde breit. Bluffte er oder ahnte er tatsächlich etwas? Der Inselbewohner zweifelte.

“Gut, dass ich die Nacht weggeblieben bin, was? Ich dachte mir schon, dass ihr das Zimmer für euch gebrauchen könntet.”, gab der Mann im hellen Gambeson dann noch zu und fing sich dafür einen irritierten Blick ein.

“Du bist… bewusst nicht zurückgekommen?”, wollte Hjaldrist argwöhnisch wissen.

“Tja. Ich sagte doch, dass ich ein guter Kumpel bin! Schreie und ich mache euch das Zimmer frei.”, lachte der Ritter unbeschwert “Also: Wie wars?”

“...Wir sind nicht hier gewesen.”

“Hä? Wo dann?”

“Am Strand.”

Nun machte Ravello ziemlich große Augen. Man sah, wie sein bescheuerter Kopf arbeitete und wie er ganz, ganz langsam damit anfing so beachtlich wissend zu grinsen, dass es beinahe wehtat. Dann haute er die Handflächen scheppernd auf die Tischplatte.

“Ha! Nicht wahr! Du bist mir ja einer!”, donnerte er begeistert und sein Gegenüber erschrak seines Organs wegen fast. Oh, Hjaldrist’s armes Herz, verdammte Kacke!

“Schrei nicht so…”, brummte der pikierte Skelliger und sah sich aus den Augenwinkeln verstohlen um “Es war… nicht geplant. Und es ist eben passiert.”

Ravello lachte schelmisch.

“Und?”, wollte er weiter wissen und der zerstreute Undviker blinzelte fragend.

“Was und...?”, entgegnete er und stammelte fast “Ich werde dir jetzt sicherlich nicht jedes Detail erklären. Es geht dich nämlich nichts an.”

“Hey, ich dachte, wir sind Kumpels.”, beschwerte sich der Blonde unernst “Och, komm schon. Da redet man doch über sowas.”

Stille.

“Wir… waren schwimmen. Anna hat sich ausgezogen und als ich sie später davor bewahrt habe unterzugehen, kamen wir uns näher.”, erzählte der Mann in der grünen Tunika, der etwas aufzutauen schien “Es ging recht schnell. Und dann lagen wir am Ufer.”

“Und wie war sie so?”

“Was?”

“Na, wie sie dabei so drauf ist.”

“Tse. Was denkst du denn?”

“So, wie ich diesen Haudrauf kenne… ziemlich bestimmend.”, schätzte Ravello ins Blaue hinein und traf den Nagel damit auf den Kopf “Oder aber… sie will ihre sonst so ruppige Art beim Sex ausgleichen und ist völlig devot. So, dass sie gern Rollenspielchen spielt, in denen sie die arme Sklavin ist, die herum jammert: ‘Oh, Rist, fester. Lege mich in Ketten, na los, knebel mich…’”

Hjaldrist’s Mundwinkel zuckte, als er Ravello beklommen anstarrte.

“...Das macht dir echt Spaß, was?”, kommentierte der Dunkelhaarige trocken.

“Natürlich macht es mir ungeheuren Spaß die sexuellen Vorlieben von hübschen Frauen einzuschätzen. Sowas regt doch die Fantasie an.”, meinte der Blonde ganz unverhohlen “Sag mir nicht, dass du dir solche Dinge nicht auch ganz gern vorstellst.”

Der Skelliger schwieg nervös, räusperte sich leise. 

Wieder schwiegen die Männer und dann kam der Beauclairer im Bunde beachtlich ernst auf Anna und die letzte Nacht zurück. Mit erwartungsvoller Strenge im Gesicht fixierten seine graublauen Augen den Axtkämpfer. Dann holte er Luft, um eine wichtige Frage zu stellen.

“Ist sie gekommen?”, fragte er.

Hjaldrist verschluckte sich fast an der eigenen Spucke, als er dies gefragt wurde. Und er versuchte in diesem Zuge die… äh… reizvollen Bilder in seinem Kopf zu verdrängen, in denen das Gesagte gestern nicht nur einmal, sondern zweimal passiert war. Trotz des Alkohols und des ganzen kratzigen Sandes. Anna… hatte sichtlich Spaß gehabt, keine Frage.

“Weißt du, Rist, bei vielen Frauen reicht es eben nicht aus sie einfach zu bumsen. Man muss da etwas fingerfertiger sein. Buchstäblich.”, belehrte der Ritter im Wappenrock klugscheißerisch weiter, lachte versaut und der entrüstete Hjaldrist sah ihn an, als glaube er nicht so recht, dass der Blonde dieses Thema gerade vorkaute. Für ihn war es nämlich selbstverständlich, dass man beim Sex dafür sorgte, dass jeder was davon hatte. Klassische Rollenverteilungen, in denen Frauen behandelt wurden wie etwas, an dem man Druck ablassen konnte, hatten ihm schon immer widerstrebt. Er war kein Klotz und war froh darüber. Umso mehr irritierten ihn die Worte seines gleichaltrigen Kollegen gerade, der ihm erklärte, dass es etwas gab, das man als Vorspiel betitelte und dass man die Frauenschaft auf vielerlei Arten befriedigen konnte.

Taxierend betrachtete Hjaldrist den sprechenden Aufreißer zuletzt und irgendwo fühlte sich die Situation etwas surreal an, komisch. Oh ja. Was passierte hier gerade? Saß er hier im Aufklärungsunterricht für moderne Männer oder wie?

“...und deswegen ist es am besten, wenn man eine Frau vorher fragt, auf was sie so steht. Jedenfalls mache ich das IMMER. Durch die Blume.”, schloss der Blonde besserwisserisch. Der Skelliger am Tisch legte die Stirn in tiefe Falten und bezweifelte, dass es eine gute Idee war potentielle Partnerinnen für ein Schäferstündchen vor dem selbigen zu verhören. Man konnte auch währenddessen herausfinden, was sie mochten. Was Ravello hier plapperte, hörte sich also teils an wie auswendig gelernt. Ja, wo hatte er diesen Kram einmal gelesen? In einem Schundheft?

Hjaldrist schüttelte den Kopf leicht und wollte sich endlich seinem Wildbraten widmen. Er hatte nämlich keine Ahnung mehr, was sagen.

“Hmm. Sag mal... soll ich Anna einfach mal fragen, was sie mag? Dann kannst du in Zukunft darauf eingehen, Rist.”, bot der viel zu ‘zuvorkommende’ Ravello plötzlich auch noch an “Ja, stell dir doch mal vor, sie hat ganz eigenartige Vorlieben, die man niemals erraten könnte. Welche, auf die du dann unerwarteter Weise eingehst. Damit wickelst du sie doch völlig um den Finger. Denn ich sage: Manchmal sind Frauen wie Fliesen. Einmal ordentlich flachgelegt und man hat sie sein Leben lang.”

“Whoa… Ravello!”, bremste der kritische Skelliger den ambitionierten Ritter aus “Lass gut sein, Mann. Ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt noch einmal dazu kommen wird, dass wir miteinander schlafen. Hör auf zu fantasieren.”

“Was? Glaubst du? Warum nicht?”, hakte der hartnäckige Krieger aus Toussaint kämpferisch nach “Hat es ihr gestern nicht gefallen?”

“Doch… doch, ich glaube schon.”, sagte Hjaldrist und musste abermals seufzen. Dabei sprach er nicht aus, dass seine angeheiterte Freundin ihm angeboten hatte, öfters auszugehen. Und jeder, der sie kannte, wusste doch, dass das zugleich ein indirektes Angebot für Sex gewesen war. Jedenfalls dann, wenn man sie etwas abfüllte. ‘Lass uns das öfter machen’, hatte die flatterhafte Frau locker gegrinst und von dem Portwein getrunken. Sie wäre eigentlich ein gefundenes Fressen für jeden, der eine Freundschaft suchte, in der man sich gelegentlich und ganz unverbindlich auch einmal zusammen zwischen den Laken wälzen konnte. Etwas, das Hjaldrist eng sah. Denn… denn ginge er darauf ein, hätte er Anna doch ausgenutzt. Er hätte sie ausgeführt, um sie gezielt flachzulegen. Oder um sich flachlegen lassen, sobald der Alkohol geflossen war. Je nachdem. Man hätte damit EINANDER ausgenutzt und sich schlicht dafür missbraucht keinen sexuellen Frust aufzustauen. Oder sah Hjaldrist das Ganze ZU penibel? Er wusste es nicht. Er wusste gerade gar nichts. Und umso mehr er darüber nachdachte, desto unschlüssiger wurde er. Es machte ihn ganz wirr. Er wollte das Thema endlich wechseln.

“Wenn es ihr gefallen hat, dann wird sie auch wieder darauf eingehen, wenn du es ihr anbietest.”, schätzte Ravello und holte seinen armen Kumpan damit einmal mehr aus seinen schwierigen Gedanken zurück.

“Ich weiß aber nicht, ob ich es will, Ravello.”, stöhnte der gepeinigte Hjaldrist leise.

“Du bist ein Kerl. Natürlich willst du. Gerade, da bist du nicht untervögelt, aber warte mal ein, zwei Wochen. Dann frage dich nochmal, ob du sie willst.”, feixte der Blondschopf und der, der ihm gegenüber saß, zog die Brauen weit zusammen. Oh, er bekam hiervon noch Kopfschmerzen.

Hjaldrist sah nur wenige Atemzüge später auf, als jemand zu ihm und dem langhaarigen Ritter aus Beauclair an den Tisch kam. Und seine dunklen Augen mussten nicht einmal bis zum Kopf der Besagten hoch wandern, denn als er die rot-schwarze Jacke erkannte, zuckte er bereits heftig zusammen. So, wie ein böser Einbrecher, den man auf frischer Tat erwischt hatte. Augenblicklich saß Hjaldrist also gerader da, räusperte sich, fasste nach seinem Malzbier und trank einen tiefen Schluck.

“Hab ich nen Hunger…”, ächzte Anna zur Begrüßung und ließ sich sofort neben dem Axtkämpfer auf der hölzernen Bank nieder “Wie spät haben wir?”

Ravello warf dem zweiten Mann einen sehr, sehr hintergründigen Blick zu und verkniff sich ein anstößiges Grinsen, indem er sich auf die Unterlippe biss. Die aufmerksame Hexerstochter bemerkte das natürlich, denn es war nicht zu übersehen.

“Was ist…?”, wollte sie daher wissen, während sie sich mit spitzen Fingern ein Stück Braten von Hjaldrist und einen Happen Brot von Ravello stahl. Letzteres steckte sie sich zuerst in den Mund.

“Du hast ganz schön lange geschlafen.”, bemerkte der Ritter der Runde.

“Ja… ja, genau.”, stimmte Hjaldrist zu und ließ sich auf die Situation ein, in der der Weiße Hase geschickt davon ablenken würde, dass er den verliebten Skelliger gerade vielsagend angeschmunzelt hatte. 

“Hm?”, machte Anna.

“Einen ganzen Tag. Wir dachten schon, du seist im Schlaf gestorben.”, log Ravello theatralisch “Wir haben uns also gerade ausknobeln wollen, wer zu dir geht und dich aus dem Bett wirft.”

“Also ICH hätte das nicht gemacht. Zu gefährlich...”, spielte der Undviker das Spielchen mit und grinste endlich, als er von der Seite aus zu der etwas perplexen Novigraderin linste. Sie steckte sich gerade den geklauten Bissen Fleisch in den Mund und brummte genervt.

“Ihr veralbert mich.”, erkannte die kauende Frau leicht nuschelnd, doch kapierte zum Glück nicht, was eigentlich dahinter stand “Du hast Rist vorhin so dämlich angegrinst, Hase. Gebt euch das nächste Mal mehr Mühe.”

Ravello lachte verhalten, zuckte leger mit den breiten Schultern. Und der gerettete Hjaldrist, atmete erleichtert aus. Anna würde nicht weiter nachhaken, wenn es darum ging, dass die Männer nach ihrem Auftauchen sehr seltsame Blicke ausgetauscht hatten. Sie würde nicht ahnen, worüber jene früher geredet hatten und glauben, dass ihre gemeinen Kollegen einfach nur einen blöden Plan geschmiedet hätten, um sie zu verarschen. Das war gut.

“Aber… mal im Ernst.”, setzte die burschikose Frau fort “Ist es spät?”

“Mh, nein. Kurz nach Mittag.”, meinte der Blonde am kleinen Tisch “Euch beiden bleibt also noch genug Zeit, um zu erledigen, was ihr erledigen wolltet.”

“Hmm… wir wollten eigentlich den hiesigen Kommandanten dieser Ewigen Flamme vor der Kirche abfangen. Er geht angeblich immer zum Morgengebet.”, erklärte die Kurzhaarige “Aber naja… das werden wir wohl auf morgen Früh verschieben müssen.”

“Ihr wart gestern wohl lange unterwegs?”, stellte sich Ravello gekonnt dumm. Vorsichtig sah Hjaldrist zu seiner angesprochenen Freundin hin. Jene nickte nur zur Bestätigung und trübte kein Wässerchen.

“Ja. Aber es war sehr lustig. Menge kann warten.”, lächelte die Kriegerin froh und ein Anflug eines Lächelns zog an Hjaldrist’s Mundwinkeln. Jenes schwand nicht, als Anna darauffolgend auch einmal zu ihm sah. Auch sie wirkte zufrieden, doch da war noch irgendetwas anderes in ihrem Blick. War sie verunsichert?

“Was werdet ihr also tun?”, fragte Ravello neugierig nach und brachte die Novigraderin damit dazu wieder von ihrem besten Freund weg zu sehen.

“Wir haben gestern von seltsamen Vorfällen gehört, in denen Kinder verschwanden.”, erzählte sie gleich “Wir könnten uns dahingehend schlau machen. Vielleicht gibt es Geld zu verdienen.”

“Stimmt. Wir grasen die Anschlagtafeln der Stadt ab und sehen nach.”, nickte Hjaldrist, der sich die Geschichte des Nachtgigers zurück in Erinnerung rief “Und morgen lauern wir diesem Menge auf und überzeugen ihn davon, dass wir für ihn arbeiten wollen. Wir haben also viel zu tun, was?”

“Genau.”, meinte Anna nickend, lachte leise und winkte die blonde Schankmagd herbei, um sich eine eigene Mahlzeit zu ordern. Abgesehen von ihrem leicht zweifelnden Blick von vorhin, wirkte sie gelassen und nicht anders als sonst auch. Hjaldrist hatte ja schon völlig nervös befürchtet, dass die Atmosphäre zwischen ihnen befremdlich sein würde. Aber das war sie nicht. Und es entlastete das Gemüt des sorgenvollen Undvikers ungemein.

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