Kapitel 51

Beute für den Nachtgiger

Sie stromerten gleich nach dem späten Frühstück durch Novigrad und suchten alle Anschlagtafeln ab, die sie nur finden konnten. Und tatsächlich entdeckten sie auf einer davon einen großen Aushang mit dem Gesuch den ‘Dämon’, der nachts die Kinder stehle, zu exorzieren. Das Schreiben war von einem Priester des Ordens der Ewigen Flamme aufgehängt worden, trug ein rotes Wachssiegel der selbigen und die Unterschrift des besagten Mannes namens ‘Pater Hiermeyer’. Die Beschreibungen und Forderungen auf dem Aushang, die in fein leserlicher Schreibschrift geschrieben worden waren, lasen sich sehr kryptisch und man erkannte, dass ein streng religiöser Kerl sie verfasst hatte. Anna musste erheitert lachen.

“Der boshafte Teufel, der durch die dunklen Gassen schleichet…”, rezitierte sie vor sich hin, während ihre braunen Augen noch auf dem Pergament in ihrer Hand lagen. Hjaldrist spähte neugierig über ihre Schulter.

“Was für ein abergläubisches Geschreibe.”, kommentierte die ungläubige Frau weiter und blickte auf. Ihr Kumpan zuckte die Achseln. Abfällig lächelte er.

“Wir müssen diesen Priester nicht aufsuchen, um uns weitere Informationen zu holen, oder? Bestimmt bekämen wir nur die Ohren über ‘Dämonen’ und blasphemische Geschehnisse vollgejammert.”, meinte Rist und Anna nickte zustimmend. Sie faltete den Auftragszettel schlampig zusammen und steckte ihn sich in die Tasche.

“Ja, wir reden nicht mit ihm. Brächte ja nichts.”, bestätigte die Hexerstochter selbstsicher “Außerdem hat uns mein Bruder gestern schon genug verraten. Wir wissen, dass Kinder verschwinden, sobald sie nachts allein unterwegs sind. Das nur vor den Toren, solange die Stadt verriegelt ist. Daraus kann man einige Schlussfolgerungen ziehen.”

Hjaldrist sah Anna aufmerksam an und schloss gleich zu ihr auf, als sie sich in Bewegung setzte, um weiter zu gehen. Grüblerisch rieb sie sich dabei das Kinn.

“Unser Ziel ist nachtaktiv, kann weder fliegen, hoch springen, noch gut klettern. Und es ist stofflich, sonst könnte es sich durch die Stadtmauern bewegen.”, sinnierte die Frau vor sich hin. Der Frühlingstag war bewölkt und ein leichter Wind zog durch die Straßen der Großstadt. Er trug den muffig algigen Geruch des Hafens bis hierhin.

“Man kann also nach dem Ausschlussverfahren gehen und einschätzen, was es ist.”, ergänzte der Skelliger an der Seite der Novigraderin und sie nickte abermals. Es war schön, dass sie beide sich begegneten, wie sonst auch. Anna hatte sich nach dem Aufstehen vor einer unguten Atmosphäre und ungemütlichen Fragen oder Anschuldigungen gefürchtet. Rist verhielt sich jedoch wie gewöhnlich und das stimmte sie froh.

“Ja. Genau.”, sagte sie auf dessen letzte Worte hin “Also… was wissen wir noch?”

“Wir können annehmen, dass das Biest außerhalb der Stadt haust… und dass es einigermaßen intelligent ist. Irgendwelche Monster würden doch alles und jeden anfallen, oder? Unseres sucht sich aber nur kleine Kinder aus.”, erwähnte Hjaldrist und lag hinsichtlich der Intelligenz des Wesens nicht unbedingt richtig.

“Mh, ich bin mir da nicht so sicher. Es kann auch sein, dass es nach dem Geruch der Leute geht. Sobald jemand erwachsen wird, verändert sich nicht nur sein Körper, sondern auch sein Blut. Einige Tiere oder Unwesen nehmen Hormone wahr. Und unser Ziel könnte beispielsweise vor jenen zurückschrecken. Das würde erklären, warum es nicht unbedingt intelligent, aber instinktiv tötet.”, erklärte Anna weiter und ihr Freund runzelte die Stirn.

“Das macht wohl Sinn.”, sah Hjaldrist ein und gab einen gedankenverlorenen Ton von sich “Und sonst?”

“Die verschwundenen Kinder wurden nie gefunden. Weder lebend noch tot. Wenn die Stadtwache - oder wer auch immer sich bisher darum gekümmert hat - wirklich gründlich gesucht hat, könnte man annehmen, dass unser Monster oder Ungeheuer die Kleinen gefressen hat.”, mutmaßte die gelehrige Hexerstochter weiter.

“Willst du die Kinder suchen gehen?”, wollte der Undviker wissen und bog mit seiner Kollegin um eine Hausecke, um den Weg gen Barbier einzuschlagen. Anna wollte sich die Haare nachschneiden lassen, denn sie waren mittlerweile so lange, dass sie ihr locker bis zur Nasenspitze reichten. Hjaldrist hatte ihr früher noch versichert, dass dies auch gut aussah, aber sie hatte dies einfach seufzend abgetan und gesagt, dass sie ihre momentane Frisur viel zu unpraktisch fand. Jene störte schlussendlich beim Kämpfen und sie wollte es nicht riskieren ihrer Stirnfransen wegen auch nur eine Sekunde lang nichts zu sehen, sollte sie sich gegen irgendwen oder -etwas erwehren müssen.

“Die Kinder suchen?”, fragte Anna “Mh, nein. Ich würde das Biest ganz gerne anlocken. Das Problem ist nur, dass wir dafür ein Kind bräuchten. Und ich bezweifle, dass uns irgendeine fremde Familie ihren Nachwuchs stellt, damit wir ihn nachts, vor den Toren als Lebendköder ‘auslegen’.”

“Bei Hemdall…”, murmelte der Schönling im grünen Rock leise und etwas entrückt.

“Ja genau”, pflichtete Anna stöhnend bei “Das meine ich. Wir werden hier als ‘Anderlinge’ angesehen. Niemand vertraut solchen Leuten, ‘Hexern’, sein Kind an. Auch dann nicht, wenn sie sich als professionelle Monsterjäger und stark herausstellen.”

“Nachvollziehbar.”, kommentierte Rist und sah ernst zu der Alchemistin hin “Also, was tun wir?”

“Das ist die Frage.”, entgegnete Anna seufzend “Es gibt kein Mittel, mit dem man Hormone aus sich heraus waschen kann. Wäre auch viel zu gefährlich.”

“Ein Wunder, dass DU das so siehst…”, lächelte der anwesende Undviker schief und die Giftmischerin, die sich vor einer knappen Stunde eine halbe Phiole Arenaria-Essenz - eine Zutat, die auch im stets tödlichen Henkersgift vorkam - in den Rachen gekippt und sich deswegen fast übergeben hatte, schnaufte belustigt. Sie überging den neckisch stichelnden Einwurf ihres Freundes einfach.

“Außerdem besteht noch die Möglichkeit, dass unser Ziel doch intelligent ist. Ein Kind zu imitieren, wäre also vergebliche Mühe.”, setzte Anna fort “Wie man es dreht oder wendet, wäre es das Beste ein wahrhaftiges Kind dabei zu haben, um das vermeintliche Monster damit anlocken zu können.”

“Mhm…”, machte Hjaldrist nachdenklich und riss den Blick von seiner Kollegin fort. Merklich dachte er nach. Der Geruch nach verbranntem Fleisch und Haar stach einem währenddessen in die Nase und verriet, dass am Marktplatz wieder Menschen brannten. Die ganz still gewordene Hexerstochter versuchte die grausigen Bilder, die ihr dazu passend in den Geist wollten, zu verdrängen.

“...Sag mal.”, fing Anna nach einer längeren Pause langsam an “Was, wenn wir meine Schwester mitnehmen?”

Der angesprochene Skelliger horchte sogleich auf.

“Bei meinem kleinen Bruder bin ich mir hinsichtlich der Hormone ja nicht so sicher, nachdem ich ihn gestern erlebt habe…”, schmunzelte die abgebrühte Frau hintergründig “Aber Verena ist noch jung genug.”

“Du meinst, wir sollten sie uns ‘ausleihen’, um mit ihr den sogenannten ‘Nachtschreck’ zu ködern?”, wollte Rist vorwurfsvoll wissen “Weißt du, wie das klingt?”

“Ach, wir sind doch fähig. Ihr würde nichts geschehen.”, glaubte Anna selbstbewusst. Ja, es wäre doch kein Problem auf Verena aufzupassen, wenn man nur wachsam genug und gut auf den Kampf vorbereitet wäre.

“Du bist verrückt, Anna. Das kannst du nicht machen.”, meinte der Familienmensch aus Undvik und sprach seiner Freundin damit entscheiden dazwischen. Von der Seite aus sah er sie überaus skeptisch an.

“Sie ist deine Schwester.”, endete er bedeutsam.

“Und? Ich habe keine Bindung zu ihr. Ich habe sie erst gestern kennengelernt, Rist.”, gab die Kurzhaarige ehrlich zu “Und wie gesagt: Es wird ihr nichts passieren. Ich nehme sie doch nicht mit, in der Annahme, dass unser vermeintliches Monster sie auch noch frisst. Bei Melitele.”

“Oh Mann…”, schnaufte Hjaldrist, verzog den Mundwinkel unzufrieden und gleichzeitig schien er zu erkennen, dass dies hier wieder eine der schwierigen Situationen war, in der man nicht gegen den Starrkopf aus Novigrad ankommen könnte. Die Alchemistin wirkte doch jetzt schon sehr überzeugt von sich. So oder so, sie würde versuchen Verena zu holen und ihr Ding durchzuziehen.

“Also gut…”, gab der Skelliger nach und sah Anna aufmerksam an “Wenn du das wirklich tun willst, komme ich mit. Irgendwer muss ja darauf achten, dass du deine kleine Schwester nicht ungehalten einer Bestie zum Abendbrot vorsetzt.”

Die Giftmischerin lächelte schief und rollte mit den Augen.

 

Zur Mitte des Nachmittages tauchten die beiden Abenteurer dann tatsächlich vor der Hütte von Anna’s Familie auf. Sie mussten nicht erst an dessen Tür klopfen, denn sie erblickten Marika vor dem Häuschen: Zusammen mit zwei anderen Frauen saß sie unweit vor einem der großen Waschtröge und schäumte darin Seife auf. Richtig. Sie hatte doch erwähnt bei den Wäscherinnen auszuhelfen, um sich ein paar Münzen zu verdienen. Und während sie dies tat, stand die Tür ihrer strohbedeckten Hütte weit offen. Verena stürmte gerade kichernd daraus hervor, gefolgt von ihrer Zwillingsschwester, die Knurrgeräusche und Hundegebell imitierte und versuchte sie zu fangen. Beinahe liefen die zwei Mädchen in den überrumpelten Hjaldrist, umgingen ihn ganz knapp und stürmten spielend auf den Platz. Irritiert sah Anna ihnen nach und fing den Blick ihres besten Freundes auf, der grinsen musste. Die Augen der Hexerstochter fielen dann auch bald auf ihre Mutter, die eine dreckige Hose über ein Waschbrett zog und die Abenteurer noch nicht bemerkt hatte. Sie trug ein naturfarbenes Kopftuch, um die langen Haare davon abzuhalten ihr in das Gesicht zu fallen.

“Ein Kopftuch, Anna.”, flüsterte Rist witzelnd “Damit würdest du dir die Baderbesuche sparen.”

“Du bist ein Depp.”, grinste die Frau und musste den Kopf schütteln. Dann wandte sie die Aufmerksamkeit wieder auf ihre Mutter zurück. Anstatt gleich zu den Waschweibern hin zu gehen, holte Anna Luft, um zu rufen. Dabei zögerte sie einmal kurz merkbar. Denn… das Wort ‘Mutter’ wollte ihr nicht von den trockenen Lippen gehen. Es fühlte sich in ihrem Mund so falsch an. Also rief die Kurzhaarige die ältere Frau bei ihrem Vornamen.

“Marika!”, entkam es der Schwertkämpferin und die angesprochene sah sogleich auf. Erst fragend, dann überrascht blickte die Langhaarige her und hielt mit dem Waschen inne. Auch ihre beiden Nachbarinnen stutzten und spähten misstrauisch.

“Was sind das für Leute?”, konnte man eine der hageren Frauen fragen hören und es war ihr wohl nicht zu verdenken. Marika winkte ab und zwang sich nervös zu einem Lächeln. Dann erhob sie sich schwerfällig, strich sich die Schürze vorne glatt und machte sich daran zu Hjaldrist und Anna zu kommen.

“Arianna.”, erkannte die Hausfrau ihre Tochter und kam nicht umhin sie einmal von oben bis unten zu mustern. Sie schwieg zu den Waffen, doch sprach die Kleidung an, die die Monsterjägerin gestern schließlich nicht getragen hatte.

“Das ist eine schöne Jacke.”, lächelte die Ältere und erntete dafür ein verblüfftes Starren. Anna konnte nicht so recht glauben, dass ihre Mutter gerade ein Kompliment an ihre Ausrüstung ausgesprochen hatte. Bei dem Besuch vor sechs Jahren hatte man die Frau aus Kaer Morhen noch ihrer Aufmachung wegen schief angesehen. Dabei hatte sie damals nur Hose, Hemd und ein Lederwams getragen. Heute, da sah das anders aus, ungewöhnlicher und in den Augen Außenstehender wohl eigenartiger. Schließlich trug Anna neben ihrer normalen Kleidung und der gestreiften Jacke, die nicht ein jeder hatte, ein paar Rüstungsteile und einen braunen Mantel, dem sie die Ärmel abgetrennt hatte und den sie unter all ihrem Zeug trug wie es die Ritter mit ihren Wappenröcken taten. Sie war eigen, obwohl sie darauf bedacht war, dass ihre Kleidung praktisch gehalten wurde. Denn nur, weil sie auf Einfachheit achtete, hieß das nicht, dass sie einfach aussehen wollte. Sie hatte selbst die braunen Lederbänder in ihren Stiefeln durch rote ausgetauscht, weil sie die Farbe gerne hatte. Wie ihr Kollege in der teuren skelliger Tunika, stach sie also schon etwas heraus. Und es schmeichelte ihr zuletzt irgendwo, dass ihre Mutter ihr Oberteil bewunderte.

“Ist von ner Schneiderin in Ban Glean.”, kommentierte die Frau “Hab sie mir damals vom Geld meiner ersten drei Aufträge gekauft.”

Marika lächelte und Anna war sich nicht sicher, ob die scheue Frau stolz auf sie war oder nicht. Allein und mit 18 Jahren ein Nekker-Nest auszurotten, zwei Endriagen schreiend aus einer Scheune zu verjagen und eine große Archespore in die Luft zu jagen, waren nämlich schon große Leistungen. Welche, die man der jungen Ungeheuerjägerin damals viel zu wenig entlohnt hatte, aber dennoch. Sie hatte am Anfang eben nicht so viel mit Geld anfangen können und ertappte sich auch heute noch sehr oft dabei schlecht mit Münzen umzugehen.

“Marika, wir hätten ein Anliegen.”, mischte sich Hjaldrist jetzt ein und haschte damit nach der Aufmerksamkeit der Frauen.

“Ja? Welches?”, wollte die ältere Novigraderin wissen und richtete den Blick auf den Jarlssohn.

“Wir wollen die Sache mit dem Nachtschrecken lösen.”, erklärte der Mann “Damit man die Stadt nachtsüber nicht mehr abriegeln muss.”

“Und damit keine Kinder mehr verschwinden.”, fügte Anna noch hinzu und betrachtete Marika etwas unruhig.

“Oh? Das ist sehr löblich.”, meinte die Langhaarige überrascht “Es wäre schön, wenn wieder Ruhe einkehrt und sich keiner mehr fürchten muss.”

“Ja, nicht?”, meinte die burschikose Hexerstochter und wollte sich räuspern.

“Aber warum kommt ihr damit zu mir?”, wollte Marika wissen und sah unschlüssig zwischen den Jüngeren hin und her “Ich kann wohl kaum helfen. Und obwohl ich nicht möchte, dass euch etwas zustößt, vertraue ich darauf, dass ihr Hexenleute wisst, was ihr tut.”

Eine der penibel lauschenden Waschweiber im Hintergrund schnappte das Wort ‘Hexenleute’ auf und atmete hörbar empört ein. Sie tauschte Blicke mit ihrer Kollegin aus, die große Augen machte und nahm die Bezeichnung ‘Aussetzige’ in den Mund.

“Das stimmt, wir wissen, was wir tun.”, nickte Anna “Aber wir brauchen trotzdem deine Hilfe. Oder eher… deine Erlaubnis.”

“Wofür?”, fragte Marika sehr verwirrt.

“Wir.. wollen den Nachtschreck anlocken. Und dafür brauchen wir ein Kind.”, eröffnete die Ungeheuerjägerin direkt. Dann sah sie ihre entsetzte Mutter abwartend an. Jene schien zuerst zu glauben sich verhört zu haben.

“Bitte… was?”, atmete Marika wie vor den Kopf gestoßen und blinzelte wirr, fasste sich an die Lippen “Ihr wollt den Nachtschreck mit einem Kind ködern?”

“Ähm… nicht mit irgendeinem…”, sagte Hjaldrist vorsichtig dazwischen “Wir hatten überlegt, ob wir nicht vielleicht Verena mitnehmen könnten. Wir brächten sie auch unbeschadet wieder.”

“Nein, das geht nicht.”, sagte Marika ungewohnt entschieden und voller Sorge im Blick “Ich kann sie euch nicht mitgeben, wenn ihr sie einem Dämon vorsetzen wollt.”

“Das… wollen wir doch nicht.”, versuchte Anna die Sache runter zu spielen “Wir wären doch bei ihr und ihr würde nichts geschehen. Es würde sehr dabei helfen den Nachtschrecken unschädlich zu machen.”

Marika betrachtete ihre älteste Tochter entgeistert, doch man sah ihr an, dass sie durchaus damit anfing über die Optionen nachzudenken.

“Es sind bisher über zwanzig Kinder verschwunden und vielleicht werden noch mehr sterben.”, bemerkte Anna, um die Dramatik des Falles einzufassen. Dabei schaffte sie es tatsächlich sorgenvoll auszusehen, obwohl sie in erster Linie darauf aus war Geld zu verdienen. Ja, vielleicht war sie ein schlechter, kaltherziger Mensch, doch die bisherigen Opfer des Wesens, das in und um Novigrad mordete, lösten in ihr kaum eine Regung aus. Kein Mitleid, keine Trauer, keinen Schrecken. Das einzige, das sie verspürte, war Neugierde. Denn sie wollte nicht nur einige Kronen einheimsen, sondern auch das Rätsel um den sogenannten ‘Nachtschreck’ lüften. Es war eben ihre Natur. Man hatte sie nicht dazu erzogen irgendwelchen toten Kindern, die sie nie gekannt hatte, nachzutrauern. Was waren jene denn schon für sie? Nur Beweise für Angriffe eines Monsters, die man NOCH nicht wieder gefunden hatte. Es machte nicht einmal einen Unterschied, dass es um kleine Kinder ging. Mensch war Mensch, egal, wie alt er war. 

Tja. Es war nicht immer so gewesen. Früher, da hatte Anna manchmal um andere Leute, die sie nicht einmal gekannt hatte, geweint. Bei ihrer ersten gemeinsamen Reise mit Balthar etwa: Sie war frische dreizehn gewesen und hatte von der Ferne aus mit ansehen müssen, wie eine Gruppe geifernder Alghule eine Großfamilie zerrissen hatte. Manche von diesen armen Leuten waren nicht sofort gestorben, sondern hatten laut geklagt und gellend geschrien, sich im Dreck umher geworfen. Eine schwer verwundete Mutter hatte ihre kleine, längst tote Tochter in den Armen gehalten und gebrüllt. Balthar hatte sich dann um die besagten Alghule gekümmert und die starrende Anna hatte es nicht geschafft sich auch nur ein kleines Stück weit von der Stelle zu rühren. Und sie hatte fassungslos geweint. Um die armen Leute, das tote Kind in den Armen der verzweifelten, blutenden Mutter. Ihre dicken Tränen waren auch dann nicht versiegt gewesen, als ihr souveräner Ziehvater seine Arbeit erledigt hatte. Balthar hatte die blasse, verheulte Anna prüfend angesehen und sie getadelt.

“Hör auf zu weinen.”, hatte er grimmig gefordert “Das bringt die Toten auch nicht wieder zurück. Hör zu… wenn du deinen Kopf einmal wieder durchsetzen willst, dann schreie und heule von mir aus, aber nachts allein in das Kissen zu schluchzen, weil man den Anblick von Leichen nicht erträgt, ist vergebene Mühe schwacher Menschen. Und bist du schwach?”

Anna hatte den Kopf schnell geschüttelt und laut geschnieft, sich mit dem Handrücken über die laufende Nase gewischt. Ihr Mentor hatte ihr einen fleckigen Lumpen zugeworfen, damit sie sich das Gesicht trocknen könnte.

“Siehst du.”, hatte er gemeint “Also hör auf mit dem Blödsinn.”

Und dann hatte er seine Ziehtochter nach dem Unterschied zwischen Ghulen und Alghulen gefragt. Leise schluchzend hatte sie antworten müssen.

Nach diesem Vorfall hatte Anna nur noch ein, zwei Male stumm geheult, nachdem ihr unbekannte Menschen gestorben waren. Und dann… dann hatte es aufgehört. Heute zuckte sie nicht einmal mehr mit der Wimper, wenn sie sich ein schreckliches Monstrum vorstellte, das kleine, wehrlose Kinder panischer Mütter zerfetzte. So etwas von Zeit zu Zeit mitbekommen zu müssen, gehörte eben zum Geschäft eines Monsterjägers, nicht wahr? Es passierte eben. Die Welt war kein sonderlich schöner Ort und man konnte dies nur vergessen, wenn man fürchterliche Geschehnisse ab und an kühl oder mit schwarzem Humor sah.

“Das… ist schon wahr. Es könnte weitere Vorfälle geben.”, bestätigte Marika das zuvor Gesagte kleinmütig und riss Anna damit aus ihren Gedanken “Und ich finde die Vorstellung schrecklich. Der Kleine von einer Bekannten war erst fünf Jahre alt… er verließ das Haus bei Nacht, denn Kinder tun das eben, wenn man nicht absperrt. Und dann hat der Nachtschreck ihn geholt.”

“Siehst du…”, seufzte Anna “Und wir wollen dieses Biest erwischen. Wir können das aber nicht, wenn wir kein Kind haben, das uns hilft. Verstehst du das?”

Marika nickte ganz, ganz langsam. Nachdenklich sah sie fort und mutete nicht besonders glücklich an. Sie schlug die braunen Augen nieder und die anwesende Hexerstochter bemerkte, wie Hjaldrist erwartungsvoll zu ihr sah.

“Also gut.”, entkam es Marika schließlich nach einer Weile doch noch und dies so leise, dass sie fast schon flüsterte “Aber nehmt Karin mit. Sie ist aufgeweckter und tapferer als Verena. Aber… aber unter einer Bedingung.”

Anna fixierte ihre Mutter mit berechnendem Blick. Karin? Das musste Verena’s Zwilling sein.

“Welche Bedingung?”, wollte die Alchemistin wissen und Hjaldrist atmete erleichtert auf.

“Ich möchte, dass Niklas euch dabei begleitet. Er ist ein starker Mann und kann euch beschützen.”, forderte die eingeschüchterte Langhaarige und Anna versuchte das Gefühl zu ignorieren, das der letzte Satz ihrer unwissenden Mutter in ihr auslöste. Niklas sollte sie beschützen? Eher anders herum. Er war nur ein normaler Soldat. Marika hatte keine Ahnung, dass die stolze Anna jenem weit überlegen wäre, würden sie ihre Fähigkeiten messen müssen. Doch sie sprach dies nicht aus und schloss die Lippen pikiert.

“Das können wir machen.”, sagte Hjaldrist geistesgegenwärtig und rettete damit wohl die Situation “Er kann uns begleiten, wenn Karin mit uns kommt.”

 

“Wo gehen wir hin?”, wollte Karin aufgeweckt wissen. Anders als ihr schüchterner Zwilling wirkte sie offen und neugierig, war aufgeweckter und ging mit federndem Schritt neben ihrem großen Bruder Niklas her. Jener hielt sie an der Hand und wirkte nicht besonders glücklich. Das Mädchen mit den langen, braunen Haaren, die zu zwei Zöpfen gebunden waren, sah erwartungsvoll zu dem Wachmann auf. Jener hatte vorhin seine rot-weiße Rüstung anlegen wollen, doch Anna hatte ihm sofort geraten es nicht zu tun. Er wäre mit dem Rüstungsklappern bei jedem Schritt zu auffällig gewesen. Es hatte dem großen Mann nicht gefallen und obwohl er es ebenso nicht gut fand, dass man die kleine Karin wie einen Köder benutzen wollte, machte er mit. Denn am Ende ging es doch darum den verschrienen ‘Nachtschreck’ endlich unschädlich zu machen. Keine Kinder sollten mehr sterben und daher hatte man den Soldat nicht lange überreden müssen, bis er eingewilligt hatte mitzukommen. Um jeden Preis der Welt wollte er auch das kleine Mädchen, das da an seiner Hand ging, beschützen. Zuvor, da hatte er auch hoch heilig versprochen, dass er auf Anna achten würde, doch die besagte Frau hatte nur schnaubend abgewinkt und ihm gesagt, dass sie sich gut selbst erwehren könnte. Sie bräuchte keinen Leibwächter. Das hatte sie nie. Also, das Aard auf zwei Beinen ausgenommen, aber das war etwas völlig anderes.

“Wir… wollen verstecken spielen.”, erklärte Niklas der strahlenden Siebenjährigen etwas unbeholfen und räusperte sich. Eine Ausrede, die abgesprochen war. Sein Blick fiel von der Seite aus auf Anna, die da neben Hjaldrist her ging. Die Frau bemerkte das etwas hilfesuchende Starren und maß ihren Bruder ernsten Blickes. 

“Ohh!”, machte das junge Mädchen im Bunde “Wer darf als erstes suchen?”

“Hmm… deine Schwester meinte, dass du das machen sollst.”, bestimmte Niklas “Wie fändest du das?”

Schmal lächelte die gemeinte Alchemistin und sah wieder von ihrem älteren Bruder fort. Karin freute sich. Früher, als man der Kleinen die Ungeheuerjäger vorgestellt hatte, hatte man gleich erklärt, dass Anna die große Schwester der Nowaks sei. Die beiden Zwillinge hatten dies sehr positiv und locker aufgenommen, wenig nachgehakt und sich aufrichtig freudig gezeigt. Sie hatten die überforderte Kriegerin kichernd mit sich gezerrt, um ihr ihre, von Niklas geschnitzte, Holzfiguren-Sammlung und die schnatternden Enten hinter dem schiefen Haus zu zeigen. So waren Kinder eben: simpel. Sie hatten einfach hingenommen, dass die Große mit dem Schwert ein Geschwisterteil war, der vor langer Zeit ‘verloren gegangen’ und nun wieder aufgetaucht war. So, als ob so etwas jeden Tag passierte. Dass Anna dabei so anders anmutete, als der Rest der Familie, schien einerlei zu sein. Vorurteile kannten die naiven Kinder nicht. Noch nicht.

“Ari sucht?”, entkam es Karin, die wie ein wonniges Honigkuchenpferd drein sah “In Ordnung!”

Man hörte, wie Niklas schwer ausatmen musste. Anna sprach ihn gleich an.

“Wo sollen wir am besten spielen?”, fragte sie den größeren und breiteren Mann hintergründig und jeder anwesende Erwachsene wusste, was sie damit meinte: Sie wollte wissen, wo in der Vergangenheit die meisten Kinder verschwunden waren; aus welchem Viertel die meisten Meldungen über den sogenannten ‘Nachtschreck’ stammten. Niklas, als Soldat der Wache, wusste das schließlich am besten.

“Ich zeige euch den Ort…”, sagte der mit den kurz geschorenen Haaren und verengte die braunen Augen selbstsicher.

“Das wird lustig!”, lachte die hüpfende Karin und konnte es kaum erwarten ‘Verstecken zu spielen’. Man hatte sie dahingehend leider anlügen müssen. Hätte man dem jungen Mädchen nämlich erklärt, dass man mit ihm ein fürchterliches Monster anlocken wollte, wäre es sicherlich nicht mitgekommen. So aufgeweckt und abenteuerlustig die Siebenjährige auch erschien… vor dem ‘Nachtschreck’, von dem in letzter Zeit alle sprachen, hatte auch sie Angst.

 

Die drei Erwachsenen versteckten sich. Doch nicht, um gefunden zu werden. In gewisser Entfernung von Karin, die angestrengt suchte, verbargen sie sich zwischen Sträuchern und beobachteten das Kind. Und immer dann, wenn das ambitionierte Mädchen zu nah kam, zogen sie sich etwas zurück. Dies immer so weit, dass sie die Kleine noch aufmerksam im Auge haben konnten. Es war die einzige Möglichkeit, die sie hatten, um das Wesen anzulocken, das Kinder entführte oder tötete. Sie MUSSTEN Karin beobachten, um sicherstellen zu können, dass ihr nichts geschah. Und gleichzeitig fragte sich Anna, ob sie weit genug von ihrer Schwester entfernt im Gebüsch saßen, dass der ‘Nachtschreck’ überhaupt kam. Womöglich waren sie ja zu nah, als dass sich das Monster näherte. Vielleicht roch es die Erwachsenen, sah sie trotz der Düsternis oder hörte sie. Der ganze Plan hier war also wirklich wackelig. Und dennoch versuchten sie es. Was sollten sie sonst auch unternehmen?

Anna’s wachsame Augen folgten dem Kind, das über die Wiese zwischen Vorstadtsiedlung und Wäldchen ging und sich suchend umsah. Der Mond schien hell genug, um das Mädchen gut zu beleuchten.

“Das ist so eine dumme Idee…”, flüsterte Niklas, der sich neben seiner ältesten Schwester hielt und Karin nicht aus den Augen ließ, mit dunklem Unterton. Auch Hjaldrist wirkte etwas nervös und beobachtete das Kind genau.

“Es wird nichts passieren.”, wisperte Anna und fürchtete gar, dass noch weniger als ‘nichts’ geschehen könnte. Die Frau schlug die braunen Augen nieder und verkniff sich ein entnervtes Seufzen. Wenn sie eine Hexerin wäre, wäre all das hier viel, viel einfacher. Als Mutantin müsste sie nicht durch den Dreck kriechen und sich in der Nacht verbergen, damit sie weder von Kind noch Ungeheuer gesehen wurde. Sie müsste nicht darauf achten die hüpfende Karin stets im Auge zu haben, weil sie sie von weitem hören würde. So, wie sie auch das Biest auf unglaublich viele Fuß wahrnehmen könnte. Ja, als jemand, der war wie Balthar, könnte sich Anna einfach irgendwo in weiter Entfernung hinsetzen, sich konzentrieren, und den Ärger riechen, lang bevor er überhaupt hier ankäme. Es wäre so verdammt leicht. Und das ärgerte sie. Sehr. Einmal wieder wünschte sie es sich in diesem Zuge doch endlich eine Hexerin zu sein. Sie sehnte sich den Tag herbei, an dem sie es endlich schaffte die richtigen Kräuterproben-Absude für sich herzustellen… und an dem sie jene dann auch überlebte. Sie verzehrte sich nach dem Bild von sich selbst, das sie damals in Märthe’s Wunschspiegel gesehen hatte. Sie nähme, um diesen Zustand zu erreichen, jeden Schmerz in Kauf, jede Tortur, jede vorübergehende Krankheit. Nur, um am Ende die Frau zu sein, die sie seit Jahren werden wollte.

Damals, als Hjaldrist für tot gehalten worden war und Anna im modrigen Kerker der Flammenrose hatte ausharren müssen, hatte sie an ihrem großen Ziel eine Hexerin zu werden, gezweifelt. Sie war absolut am Ende gewesen, hatte keine Lust mehr auf gar nichts gehabt, keine Motivationen mehr besessen, keinen Lebenswillen. Die gequälte, fahrige Frau hatte sterben wollen. Eingesperrt in der klammen Dunkelheit, allein mit den stinkenden Ratten und aufgeblähten Leichen, hätte es keinen anderen Ausweg mehr gegeben, als sich selbst dazu zu bringen elend zu verrecken. Jedenfalls nicht in ihrem ermatteten Kopf. Anna hatte mit sich abgeschlossen gehabt, endgültig. Sie, das jämmerliche Häufchen Elend, das sich vor der Misere noch hatte durchvögeln lassen, gesoffen und gar ein paar Mal Fisstech geschnupft hatte. Was war sie schon noch gewesen? Eine verdreckte Gefangene völlig abgedrehter Raubritter, die vorhatten sie bloßzustellen, zu schänden und dann zu ermorden.

Oh Mann. Dies schien so lang her zu sein. Dabei war seither kein ganzer Monat vergangen. 

Ob Anna ab und an noch dunkle, quälende Gedanken hatte, so wie in der besagten harten Zeit? Ja. Sie sprach es nicht offen aus und gab sich auch nicht sonderlich emotional, doch das, was passiert war, während sie Rist für tot gehalten hatte, hing ihr schwer nach. Oft im Geiste, manchmal im Traum. Ab und an überkam es sie etwa plötzlich und sie ekelte sich wieder vor sich selbst, musste daran denken, wie sie mit besoffenen, stinkenden und hässlichen Typen geschlafen hatte. Wie sie sich mit ihnen betrunken und sich mit Drogen abgeschossen hatte. Ja, dann dachte sie daran, wie jene sie angesehen oder angefasst hatten und manchmal kam es ihr so vor, als spüre sie diese gierigen Berührungen heute noch. In solchen unwohlen Momenten fühlte sie sich so dreckig, schmutzig. Und obwohl sie es eigentlich nicht war, musste sie den Drang ignorieren sich waschen gehen zu wollen. Es war eigenartig und sie riss sich stets zusammen, versuchte die plagenden Erinnerungen aus ihrem Kopf zu verscheuchen, während sie sich für jene eine Närrin nannte. Warum sollte man sich auch die Hände waschen oder baden gehen, wenn man es erst kurz zuvor getan hatte? Nur einmal hatte sie dem seltsamen Zwang nachgegeben, vorgestern. Sie war einfach völlig steif aufgestanden, um sich die Hände und das Gesicht waschen zu gehen und hatte sich im Anschluss verdammt dämlich gefühlt. Sie wünschte sich, sie könne die stickigen Tavernen und die beklemmenden Gefühle der letzten Monate einfach vergessen. Und die Kerle. Ja, vor allem die.

Mit Rist, da war das etwas anderes. Er war ihr bester Freund, sie kannte ihn gut und vertraute ihm, mochte ihn. Dass sie beide neulich zusammen am Strand gelandet waren und sich dort ihren Trieben hingegeben hatten, hatte gar nichts mit den vergangenen ‘gewollten Ausrutschern’ der Hexerstochter zu tun. Es war aus anderen Motiven passiert, aus einer Gelegenheit und einer gewissen Hinzugezogenheit heraus, nicht aus Verzweiflung. Anna hatte nicht mit dem hübschen Skelliger geschlafen, weil sie sich hatte ablenken oder vergessen wollen. Sie waren zwar angeheitert gewesen, aber nicht sturzbesoffen und auch ohne Nasen voller Fisstech. Und Hjaldrist scherte sich nebenher auch um sie. Es war fast beängstigend gewesen, so hingebungsvoll und sanftmütig hatte er sie behandelt und angesehen. Er hatte genau gewusst, was er tat, was Anna gefiel, und hatte sie nach allem auch noch verunsichert gefragt, ob denn alles gut sei. Der Depp hatte sich bei ihr entschuldigt. Es war unglaublich liebenswürdig gewesen. Die anderen, die waren im Gegenzug über die trunken lachende Anna her gestiegen, wie die Tiere. In ihrem Delirium hatte sie es gut gefunden, doch im Nachhinein schockierte es sie, wie sie es bereitwillig zugelassen hatte, dass man sie mehr oder minder ausnutzt. Man hatte ihr zwar schöne Worte entgegen geflüstert, doch die waren nur Schau und Vorwand gewesen, um zum Eigentlichen zu kommen. Und dieses ‘Eigentliche’ war manchmal etwas grob vonstattengegangen und hatte zudem kaum mehrere Minuten gedauert. Als Frau hatte man davon wenig gehabt.

Aber wie auch immer… es waren ungute Zeiten gewesen und Anna, die wieder einigermaßen zu sich selbst zurückgefunden hatte, hatte auch ihr altes Ziel eine Kräuterprobe für sich zu finden, zurück ins Auge gefasst. Sie war also beinahe wieder die Alte, nicht wahr? Jedenfalls, wenn man davon absah, dass sie von engen Kerkern, Ratten, Stricken und dem schief grinsenden Narbengesicht der Flammenrose träumte. Und wenn man ignorierte, dass sie sich gelegentlich krampfhaft die Hände waschen wollte, deswegen nervös wurde und es dann doch nicht tat, um nicht dazustehen wie eine labile Idiotin. Denn die war sie nicht. Sie war stark.

Anna sah aus ihren Gedanken auf, als Hjaldrist ihr auffordernd in die Seite stieß.

“Sie kommt näher. Ziehen wir uns etwas zurück...”, sprach der vorsichtige Skelliger seine beiden Begleiter leise an und nickte in Richtung Karin, ehe er Anna zur Seite schob, damit sie sich in Bewegung setzen könnten. Die Alchemistin folgte dem gleich und auch Niklas schloss sich an.

Karin hatte nun schon eine ganze Weile gesucht und es war bewundernswert, dass sie nicht längst weinend verzweifelte, weil sie niemanden fand. Die Nacht schien ihr keine Angst einzujagen und anders als ihr Zwilling Verena, schien sie keine Furcht zu kennen. Offenbar war ihr noch nie etwas Schlimmes passiert. Diese Naivität war beneidenswert. Wenn die anwesende Hexerstochter bedachte, welch eine Person sie im Alter ihrer Schwestern gewesen war, dann musste sie sich sehr über die Unterschiede wundern. Mit Sieben hatte man ihr schon lange Theorien über harmlosere Monster und einfache Kräutertees beigebracht. Und wenn sie sich erkältet hatte - was oft geschehen war, denn sie war allgemein ein eher kränkliches Kind und Kaer Morhen zugig wie ein Vogelhaus gewesen -, dann hatte sie sich selbst Hustensirup aus Spitzwegerich, schwarzen Rüben und braunem Zucker machen müssen. Nur, um zeigen zu können, dass sie verstanden hatte, was Balthar und Jaromir ihr beigebracht hatten. Man hatte die kleine Anna damals noch nicht hart trainieren und kämpfen lassen. Nur Schwerthuten, Schritte und dergleichen hatte man ihr beigebracht. Und erst mit zehn Jahren hatte man sie dann vor die strohgefüllten Trainingspuppen im Burghof gestellt, damit sie Nachmittage lange darauf einschlagen könnte.

Wenn ein Junge eine Ausbildung zum Hexer durchlief, dann fing er oft früher mit dem Training an. Er musste schon vor dem zehnten Lebensjahr gegen andere Leute, anstatt gegen Puppen, kämpfen und kannte in der Theorie und neben den vielen Monstern auch schon alle Ungeheuer. Wo man der schniefenden Anna heiße Milch mit Honig vorgesetzt hatte, weil sie einmal wieder eine üble Grippe gehabt hatte, hätte man einem Burschen in ihrem Alter einen bitteren Absud aus Moosen und Pilzen vorgesetzt, um seinen Körper auf die Kräuterprobe vorzubereiten. Wo man sie getätschelt und ins Bett geschickt hatte, hätte man einem Jungen gesagt, dass er noch einmal um die Festung laufen solle, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Noch lange vor dem Erwachsenwerden, hätte man dem besagten Jungen dann die Mixturen der Kräuterprobe verabreicht. Drei an der Zahl und intravenös, so viel wusste Anna mittlerweile aus den gesammelten Aufzeichnungen. Und wenn er es überlebt hätte, hätte man zunächst seine Erinnerung überprüft und ihm dann Mutagene gegeben, um seinen weichgeklopften Körper anzupassen. Der Junge wäre mit 18 ein vollwertiger Hexer gewesen, mit verschärften Sinnen, unfruchtbar, eventuell emotionskalt, doch stark. Ein Aussätziger der Gesellschaft und Retter vieler Menschenleben.

...Mit 18 war Anna gar nichts gewesen. Oder jedenfalls hatte es sich zwischen all den viel älteren Mutanten so angefühlt. Sie hatte ihre Zeit mit dem Kämpfen und Lesen totgeschlagen, hatte sogar damit angefangen zu häkeln, um irgendeine andersartige Abwechslung in ihren Alltag hinein zu bringen. Denn in ihren Augen hatte man sie zu selten mit raus genommen und noch seltener hatte sie alleine irgendwelche leichten Aufträge annehmen dürfen. Wie ein Vogel im Käfig hatte sie dabei zugesehen, wie ihre Kollegen Kaer Morhen verließen und wieder kamen. Manchmal war sie in der Burg mutterseelenallein gewesen und das wochenlang. Nur Rufus, ihr dicker, getigerter Kater war da gewesen und am Ende war auch diese treue Seele verschwunden. Und dann… dann war SIE abgehauen. Und so sehr Anna damals, bei ihrer einsamen Ankunft in Kaer Trolde auch gezweifelt hatte, so hätte sie ihr jetziges Leben nicht mehr gegen ihr altes eingetauscht. Niemals wäre sie je wieder nach Kaedwen zurück. Später, wenn sie ihr Lebensziel erreicht hätte, dann würde sie vielleicht einmal wieder dorthin reisen, um Balthar und die anderen zu besuchen. Sie würde Rist mitnehmen, ihm die alte Festung und den Platz zeigen, an dem sie als Kind immer Schlitten gefahren war. Vielleicht gäbe es dann ja sogar Schnee und sie könnten eben dies tun. Und womöglich würden sie beide ja zum alten Wachturm hoch marschieren, um dort ein paar fauchende Harpyien aus der Luft zu fischen. Es war eine lustige Vorstellung, die einen dazu zwingen wollte zu lächeln. Aber sie war womöglich auch eine Utopie. Denn man wusste ja nie, was die Zukunft brachte. Vielleicht würde Anna ja nie eine Kräuterprobe für sich finden oder an eben jener sterben. Oder Hjaldrist würde irgendwann und wider Erwarten nach Skellige zurück wollen. Es konnte auch sehr gut sein, dass er irgendwann ein Mädchen fand, mit dem er sich niederlassen wollte, und dies nicht unbedingt auf den Inseln. Und dann würde die wieder allein reisende Anna ihn nurmehr ab und an besuchen, anstatt ihn mit nach Kaer Morhen zu schleifen und ihm die dortige Gegend zu zeigen. 

So oder so konnte man sehr schwer einschätzen, was noch geschehen würde. Was dachte die Giftmischerin überhaupt so viel darüber nach?

 

Es dauerte noch eine Weile und die Erwachsenen wechselten ihr Versteck noch einmal, bis sich schließlich etwas tat. Anna beugte sich gerade vor, um hinter einer alten, verfallenen Steinwand vor zu linsen, da erkannte sie, wie sich etwas näherte. Oder eher: jemand. Alle anderen hatten den Mann auch schon erkannt, Karin mit eingeschlossen. Man sah also, wie sich das Kind umwand und man hörte, wie es den Fremden ansprach. Sie rief ihm zu, weswegen man sie gut verstehen konnte:

“Hallo!”, meinte sie “Hast du meinen Bruder gesehen?”

Anna verengte die Augen prüfend und hob die flache Hand ein Stück, um den beiden Männern bei sich anzudeuten still zu halten. Denn Niklas und Rist wurden unruhig.

Der Mann weiter vorne sagte irgendetwas zu Karin. Sie nickte. Der Fremde deutete gen Weg, den er gerade gekommen war und man konnte in der zähen Dunkelheit nicht gut erkennen, wie er die Siebenjährige vor sich ansah. Dennoch wollte Anna warten. Ihr Medaillon reagierte nicht, darum musste der dort vorne doch ein gewöhnlicher Mensch sein. Er war nicht der ‘Nachtschreck’ und vermutlich nur jemand, der noch spät unterwegs war und das einsame Kind gesehen hatte. Was hatte er vor? Wollte er helfen? Hoffentlich.

Die Frau beobachtete, wie der Fremde Karin eine Hand hin reichte und wie das Mädchen jene nickend ergriff. Und dann ging sie mit ihm. Jedoch nicht der Stadt oder den südlichen Siedlungen entgegen, sondern weiter gen Norden.

Die Abenteurer und Niklas folgten dem mysteriösen Fremden, der das Mädchen hier so selbstverständlich mit sich nahm, als sei sie seine Tochter, sofort. Anna stimmte dies mittlerweile unschlüssig. Denn eine dunkle Ahnung schlich sich in ihren Kopf. Eine, in der der berühmt-berüchtigte ‘Nachtschreck’ Novigrads womöglich gar kein Nichtmensch war. Doch das blieb noch zu sehen…

Sie hielten sich weit entfernt von Mann und Kind, obwohl Niklas jenen am liebsten sofort hinterher gerannt wäre. Und auch der besorgte Hjaldrist sah aus, als wäre er dem fremden Kerl gerne nach, um ihn böse zur Rede zu stellen. Noch gab es ihn betreffend aber keine wirkliche Sicherheit. NOCH wollten die, die nach dem Schrecken der Nacht suchten, abwarten und sehen, ob sich ihre Befürchtung bestätigen würde. Diese leise Ahnung, die keiner von ihnen dreien ausgesprochen hatte, doch die jedem bewusst zu sein schien.

Der fremde Typ und Karin gingen bis nach Arette und ersterer hatte bisher keinen Anflug von Eile gezeigt. Arette war eine kleine Siedlung im Westen des Novigrader Stadtrandes, eine Ansammlung weniger Häuser, die vor allem von Elfen, Halblingen und Zwergen bewohnt wurde. Nur sehr wenige Menschen hausten hier… und auch der Kerl, der Anna’s Schwester mitgenommen hatte, tat dies, wie es schien. Denn er führte die naive Kleine tatsächlich in eine der alten Hütten. Seine Verfolger, die das von der Weite sahen, setzten sich an diesem Punkt angekommen endlich in Bewegung und zwar hastig. Denn spätestens jetzt war ihnen klar, dass der Fremde nicht in Ordnung sein konnte, dass er fragwürdiges vorhatte. 

“Ich trete die Tür ein, sollte sie verschlossen sein!”, kündigte Niklas gehetzt an, als er loslief.

“Und ich knöpfe mir den Typen vor!”, brummte Hjaldrist grimmig. Anna blieb damit die Aufgabe sich um Karin zu kümmern. Sie nickte entschlossen, ehe sie, wie ihre Gefährten, loseilte.

Kaum drei Minuten später krachte die Tür des fremden Mannes ins Innere von dessen Hütte und Rist stürmte in das Holzhaus. Anna folgte ihm auf dem Fuße und sah sich sofort alarmiert suchend um. Melitele sei Dank erkannte sie ihre kleine Schwester gleich. Sie saß da auf dem Esstisch, trug nurmehr ihr Unterhöschen. Der Mann, der sie aufgegabelt hatte, war ebenso anwesend und wandte sich empört zu den unerwünschten Besuchern um. Er riss die Augen auf und ehe er noch irgendetwas sagen oder tun konnte, wurde er von Hjaldrist einmal quer durch den Raum geworfen. Es polterte, krachte. Ein Regal fiel beinah um, eine Tonvase zerbrach laut klirrend am Grund.

Anna war daneben gleich bei Karin, die etwas verwirrt erschien. Vor allem sah sie jedoch auffallend müde aus. Sie saß da, beinahe völlig nackt und ließ die Beine von der Tischplatte baumeln.

“Hallo.”, meinte Karin “Ihr habt euch echt gut versteckt...”

“Was hat der Mann gemacht?”, entkam es der Alchemistin sofort streng und sie erwischte das Mädchen an den schmalen Schultern, um es ernst anzusehen. Sofort bemerkte sie die markant geweiteten Pupillen der Kleinen.

“Hat er dir was zu essen oder zu trinken gegeben?”

Karin nickte.

“Er hat gesagt, dass ihr hier seid. Und dass ich mich ausziehen muss, weil das zum Spiel gehört.”, lächelte das Mädchen schlaftrunken und musste gähnen. Es schien überhaupt nicht zu realisieren, dass Rist den wehrhaften, wüst zeternden Verbrecher im Hintergrund gerade wieder nieder zwang.

“Und dann habe ich Süßigkeiten bekommen.”, erzählte Karin so heiter es in ihrer Lethargie nur ging. Schlafmittel. Der hinterhältige Fremde hatte sie also ruhig stellen wollen.

“Bei Melitele…”, murmelte Anna und sah sich erst einmal nach dem simplen Kleid ihrer Schwester um. Sie fand jenes auch gleich, zog es der Kleinen wieder über den Kopf und half ihr dabei vom schmierigen Tisch herunter zu rutschen. Niklas war gleich bei ihnen und nahm sich des matten Mädchens vollkommen besorgt an.

“Dieses Schwein…”, entkam es dem Wachmann ungläubig, als er Karin auf den Arm nahm.

“Gehst du mit ihr raus?”, fragte die Monsterjägerin und es war mehr eine Aufforderung als eine Bitte. Ihr Bruder nickte. Ohne nachzufragen ging Niklas mit dem Mädchen, das kurz davor war einzunicken, an die frische Luft. Dann sah sich die Trankmischerin nach Hjaldrist um, der dem Verbrecher Arettes einen Arm auf den Rücken gedreht hatte. Ächzend beugte sich der Kurzhaarige unter dem schmerzhaften Griff. Blut lief ihm aus Nase und Mund und sein rechtes Auge war geschwollen.

“Was hattest du vor, hm?”, fragte Rist ungewohnt furios und versetzte dem am Boden knienden Mann einen abrupten Tritt in die Leiste.

“Du verfickter Scheißkerl!”, herrschte der Skelliger und spuckte angewidert aus.

“Rist!”, mischte sich Anna, die sich genähert hatte, beschwichtigend ein. Der grantige Undviker hörte aber nicht zu, sondern stieß den Fremden auf den Boden ruckartig von sich. Der blasse Mann mit den rotbraunen Haaren schlug hart auf den Holzdielen auf und jammerte laut, hielt sich das wunde Gesicht. Hjaldrist war gleich wieder bei ihm, trat noch einmal zu und traf die Magengrube des Vergewaltigers hart. Jener krümmte sich, spuckte, hustete, würgte.

“Hjaldrist, verdammt!”, blaffte die anwesende Novigraderin jetzt und kam an ihren Freund heran, um ihn barsch am Oberarm erwischen. Sie riss ihn daran zu sich herum und erst jetzt hielt der zornige Krieger inne. Ja, er schreckte beinah auf, sah entgeistert zu Anna hin.

“Was war DAS denn?”, wollte die Hexerstochter wissen und taxierte den Skelliger knapp “Wir brauchen den doch noch.”

Rist schwieg. Anna zog die Brauen forschend zusammen, betrachtete den schwer atmenden Schönling eingehend und ratlos. Normalerweise, da war ER doch derjenige, der vernünftig sprach und weniger leicht aus der Ruhe zu bringen war. Er war der, der die aufbrausende Alchemistin bisher oft am Kragen erwischt und im Schach gehalten hatte, wenn sie einmal wieder hatte pöbeln wollen.

“Er ist ein Arschloch, ja.”, murrte die Kurzhaarige verstimmt “Aber ich würde ihn gerne noch befragen.”

Hjaldrist sah seiner besten Freundin mit erschreckend kaltem Blick entgegen. So, als sähe er in seiner Begleiterin für wenige Herzschläge lang eine völlig Fremde, einen Feind. Nur langsam wurde sein Ausdruck dann wieder lockerer, nachdenklicher. Dann wandte sich der Mann einfach ab. Anna beobachtete dies durchdringend und atmete durch, fühlte sich befremdlich wirr. Doch schnell schob sie das unpassende Verhalten ihres zerfahrenen Kumpels beiseite und drehte den Kopf wieder dem blutenden Mistkerl am Boden zu. Schließlich ging es hier um jenen.

“Dann wollen wir mal sehen, ob du kooperativ bist, Hurensohn…”, lächelte die Schwertkämpferin schwach “Ich will es für dich hoffen.”

Anna kam zu dem aufgebrachten Mann, der da am Boden lag und Anstalten machte sich schwerfällig aufrichten zu wollen. Sie erwischte ihn grob an einem Arm, zerrte ihn hoch und hinter sich her. Der mit den rotbraunen Haaren und dem blassen Gesicht, von dem das Blut tropfte, stöhnte überfordert und ließ es zu, dass die Hexerstochter ihn auf einen Stuhl bugsierte, der da stand. Sich die geschwollene Nase haltend, keuchte der Verwundete und wagte es kaum aufzusehen.

Anna verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete den Fremden abschätzig von oben bis unten. Der Typ war etwa mittleren Alters und schlampig gekleidet. Unscheinbar sah er aus, doch dies war trügerisch. 

“Du wirst mir nun ein paar Fragen beantworten.”, beschloss Anna hart und ihre Miene war feindselig. Hjaldrist stand tatenlos im Hintergrund und sah nur aus dem Augenwinkel herüber. Sein Ausdruck wirkte nach wie vor grimmig, betroffen.

“Und wenn du das nicht tust…”, setzte die sture Kriegerin fort “Naja. Du kennst meinen Freund dort hinten ja schon. Ich glaube, er würde dich sehr gern in der Luft zerreißen.”

Die Kurzhaarige nickte gen Rist und ihr Gesicht war wie aus Stein. Der Bedrängte, der vor ihr saß, stöhnte überwältigt und vorsichtig blickte er auf. Seine glasigen Augen blieben erst am Schwert Annas hängen, dann an ihrem Medaillon.

“Ihr Hexer dürft keine Menschen töten!”, schnappte der Verbrecher klugscheißerisch und spuckte rot aus. Etwas fiel dabei leise klackernd zu Boden, was davon erzählte, dass der Versehrte nicht nur Blut und Speichel ausgespien hatte, sondern auch einen Zahn.

“Ihr jagt Monster!”, keuchte der Ältere, als wisse er es besser. Dann sah er auf und fixierte Anna aus zusammengekniffenen Augen.

“Mhm. Das ist richtig.”, nickte die Frau zustimmend “Ich glaube hier, vor mir, ja auch gerade ein Monster zu sehen. Oder ist dem nicht so?”

“Nein!”, protestierte der dünne Mann heiser und wollte aufstehen. Die Novigraderin packte ihm sofort an eine Schulter und stieß ihn zurück auf den hölzernen Stuhl. Fast kippte das schimpfende Arschloch mit dem selbigen um.

“Nein, ich bin ein Mensch, ihr Narren!”, krakelte der Kerl und hatte entweder nicht verstanden, was Anna gemeint hatte, als sie ihn als Monster betitelt hatte, oder er versuchte sich aus seiner Misere heraus zu manövrieren, indem er sich dumm stellte. Dieser Tor. Die Hexerstochter lächelte schmal.

“Wo sind die Kinder?”, fragte sie.

“Was?”, keuchte der vermeintliche Vergewaltiger.

“Wo die Kinder sind will ich wissen.”, wiederholte sich die Frau mit viel Nachdruck im Unterton und ihr Blick spießte den Sitzenden fast auf. Jener schwitzte aus allen Poren und sah nervös um sich. So, wie eine kleine Maus, die auf der Flucht vor einer hungrigen Katze panisch ein Schlupfloch in der Wand suchte, um zu entkommen.

“Welche Kinder?”, jammerte der in die Ecke getriebene Mann “Ich weiß nichts von Kindern!”

Anna streckte die Finger der Linken, ballte sie dann zur Faust, denn die ihrer Rechten waren noch immer nicht ganz heile. Mit einem ruhigen Blick besah sie ihre geballte Hand und die stählerne Platte ihres Handschuhs, den sie daran trug. Dann hob sie ohne jegliche Vorwarnung zu, verpasste dem Verbrecher einen Schlag ins blasse Gesicht, der saß. Bis in den Ellbogen vibrierte es der Frau hoch, obwohl sie Rüstung trug. Der schreiende Kerl vor ihr kippte mitsamt seinem Stuhl nach hinten um. Es rumpelte und polterte nur so und zappelnd rollte er sich zur Seite, um auf alle Viere zu kommen. Die Alchemistin sah dem nur zu.

“Wo sind die Kinder?”, fragte sie abermals und ihr Ton duldete keine Ausreden.

“Verdammte Anderlinge!”, grunzte der Mann mit der gebrochenen Nase und stieß Luft schmerzlich zwischen den zusammengebissenen Zähnen aus “Scher dich weg, wahnsinniges Weibsbild!”

Anna’s Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Sie blieb einfach nur stehen und sah dabei zu, wie es der Vergewaltiger wieder auf die wackeligen Beine schaffte. Strafend sah er auf, hielt sich das Gesicht noch immer und der Schmerz trieb ihm die Tränen in die dunklen Augen. Wieder spuckte er aus, doch dieses Mal nicht, um einen Zahn loszuwerden. Nun tat er es, um Anna verächtlich vor die Stiefel zu speien. Das reichte.

“Also gut.”, entkam es der Jüngeren knapp “Rist?”

Der Angesprochene, der die Szene bisher lediglich stumm beobachtet hatte, horchte auf und sein abwesender Blick veränderte sich, wurde beachtlich finster. Er kam näher, haute sich die Faust in die offene Handfläche und meinte es sichtlich ernst. Der mit den rotbraunen Haaren erhob seine freie Hand abwehrend, duckte sich kleinmütig und gab einen empörten Laut von sich. Er hatte vor dem grantigen Skelliger mehr Respekt, als vor dessen Begleiterin, wie es schien..

“Nein! Nein, wartet!”, entkam es dem böse Bedrängten wehleidig, als Rist vor ihm zum Stehen kam und ihn grimmig anstarrte “Ich rede!”

“Ach?”, machte Anna “Da bin ich jetzt aber gespannt.”

Hjaldrist sah über die Schulter fragend zu ihr zurück und sie nickte schwach. Also hielt der Undviker solange inne und ließ den Fremden sprechen.

“Im Keller!”, keuchte der hagere Verletzte “Sie sind im Keller.”

Die Giftmischerin runzelte die Stirn und sah sich abrupt um. Ihre braunen Augen wanderten umher, doch sie sah keine Treppe, die in ein unterirdisches Stockwerk führte. Also musste es eine Falltür geben. Nur wo? Dort hinten, unter dem Teppich? Wahrscheinlich.

Man hörte, wie Rist verächtlich schnaufte, sah, wie er den umgekippten Stuhl an sich zog, um ihn wieder hinzustellen. Der Schönling erwischte den Kinderschänder harsch und zwängte jenen auf die Sitzgelegenheit zurück. Dabei packte er den Hurensohn so fest am Kragen, dass jenem ein Würgegeräusch entkam.

“Anna, gib mir das Seil da hinten.”, brummte der Undviker, der zum Glück wieder zur Besinnung gekommen war. Zufrieden war er mit seiner Situation aber nicht, das hätte ein Blinder bemerkt.

“Was? Seil?”, entkam es dem Blutenden “Nein! Lasst mich laufen!”

Die angesprochene Alchemistin sah sich nach dem Tau um, das ihr Kumpel gemeint hatte. Es hing unweit an einem Kleiderhaken, irgendwo zwischen einem fleckigen Mantel und einer alten Decke. Sie holte es, warf es Hjaldrist zu. Der Fremde, dem die Hütte gehörte, wollte sich folglich dagegen wehren gefesselt zu werden und bekam dafür einen harten Nackenschlag versetzt, der ihn mit einem Mal der Bewusstlosigkeit entgegen schickte. Schlaff hing er dann an dem Stuhl, an den Hjaldrist ihn grob gebunden hatte.

“Der rennt nicht mehr weg…”, meinte der Skelliger und Anna nickte anerkennend. Dann deutete sie gen Teppich, der da in einer der Raumecken lag. Er war rot gemustert und beachtlich dreckig. So wie er aussah, hatte man ihn sicherlich noch nie gereinigt oder ausgeklopft. Er wirkte damit genauso schmierig und abgeranzt wie der Rest des Heimes des Verbrechers. Und erst jetzt, wo das stichelnde Adrenalin in den Adern Annas wieder etwas nachließ, bemerkte sie, wie sehr es hier nach Abfall stank. Nach alten, durchgeschwitzter Kleidung und muffigen Schuhen. Es war absolut widerlich.

“Unter dem Teppich muss eine Falltür sein…”, schätzte die Alchemistin “Hilfst du mir bitte?”

Rist nickte und schloss zu der jüngeren Schwertkämpferin auf, die sich daran machte einen Eimer und ein paar Lumpen von dem großen Bodenbelag zu klauben, um jenen aufrollen zu können. Zusammen erledigten die Abenteurer dies und Anna’s Miene lockerte sich in positiver Überraschung, als sich unter dem Teppich tatsächlich eine Falltür fand. Sie trat zurück, damit der hilfsbereite Hjaldrist jene öffnen konnte. Er zog an dem massiven, eisernen Ring, der am einen Ende der Holztür befestigt war und hievte das schwere Ding auf, ließ es geräuschvoll zurück fallen. Ein dunkles Loch, in das eine alte Leiter hinab führte, tat sich auf.

“Er hat also nicht gelogen.”, wunderte sich die Trankmischerin und sah noch einmal kurz auf, um sich nach einer Lichtquelle umzusehen, die sie mit nach unten nehmen könnte. Schnell war eine alte, rostige Öllampe gefunden, die sie entzündete. Und dann machte sie sich, gefolgt von Hjaldrist, an den Abstieg in den feuchten Keller. Dies nicht ohne ein flaues Gefühl in der Magengegend zu verspüren.

 

Der ‘Keller’ war kein Keller im klassischen Sinn, sondern ein leicht abfallender Gang, der tief in den Grund hinein führte. Es war, als betraten Anna und Rist gerade den Bau irgendeiner Kreatur, die sich in einer Höhle in den Bergen eingenistet hatte; und nicht den Vorratskeller eines dürren Mannes, der knapp vor Novigrad hauste.

“Bei den Schöpfern…”, kommentierte der fassungslose Jarlssohn dies, als er den Blick schweifen ließ. Anna hob die Öllampe an, um den unheimlichen Gang besser auszuleuchten. Hier und da kroch der Schimmel über die Wände und zu ihren Füßen sprossen viele Sewantenpilze. Es stank modrig und entfernt süßlich. Das war kein gutes Zeichen.

“Lass uns weiter gehen… komm…”, murmelte Anna leise, als sie zielstrebig voran marschierte. Sie stieg über eine dunkle Pfütze hinweg, trat beinahe auf eine Maus und erschrak deswegen.

Es dauerte eine kleine Weile, bis der Gang endete. Kurz bevor er dies tat, lief er sehr eng zu und die neugierige Hexerstochter kam nur weiter voran, indem sie sich bückte und sich ächzend durch den Ausgang des unterirdischen Korridors zwängte. Feuchte Erde rieselte ihr dabei in den Kragen und ließ sie unwohl erschaudern. Dreck hing in ihren braunen Haaren und an ihrer Jacke, als sie dann in einen größeren Raum trat, der sich vor ihr und Hjaldrist auftat. Jener war stockduster und es stank mittlerweile penetrant nach Verwesung. Anna musste leise und angewidert stöhnen. Und als sie die flackernde Lampe anhob, während sie auf die Mitte des Gewölbes zu ging, fiel das orange Licht auf einige Fässer. Auf eine blutverschmierte Säge, einen großen, besudelten Tisch. Auf Leichenteile, die auf jenem lagen. Der schockierten Frau blieb ein Fluchen im Halse stecken, als sie einen kleinen Arm und einen bläulich verfärbten Kinderkopf erkannte, aus dem die Zunge geschwollen hervor quoll. Sie wollte ihre Laterne senken, um nichts mehr sehen zu müssen, als sie eine Wanne erkannte, in der weitere faulige, menschliche Teile lagen: Beine, Oberkörper, Schädel, Gedärm. Es war wie in einem makabren Schlachthaus. Der süßlich-stechende Geruch drängte sich ihr entgegen wie eine Wand, die sie packen und umstoßen wollte. Die Frau hörte Hjaldrist würgen und als sie sich nach ihm umsah, hielt er sich einen Handrücken in entsetzter Überwältigung vor den Mund und wendete sich ab. Keine Sekunde später übergab sich der Mann und auch Anna hatte Mühe damit sich nicht so weit dem Ekel hingeben zu müssen, dass ihr das Mittagessen wieder hoch kam.

“Oh, Scheiße…”, wisperte sie und beschrieb die Situation damit knapp, doch sehr gut. Und anders als ihr Kollege, der sich an der Wand abstützen musste und nach Atem rang, wagte sie sich weiter vor.

Tote. Sie hatte jene schon früh in ihrem Leben gesehen und das nicht nur in den Theoriebüchern Kaer Morhens. Leichenteile. Anna hatte mit jungen dreizehn Jahren beobachtet, wie Alghule eine Großfamilie zerrissen. Der Gestank nach Tod und Verwesung. Er war doch eigentlich zu oft ihr Begleiter. Und so sehr er auch in Nase und Augen stach, so beugte er die abgebrühte Kriegerin kaum. Denn sie hatte leider Erfahrung mit solchen Dingen und tötete seit einer halben Ewigkeit für Geld. Etwas, das auf den armen Hjaldrist nicht zutraf. Und genau aus diesem Grund schaffte er es nicht näher zu kommen. Der Skelliger war ein guter Krieger, stark und mittlerweile auch in der Monsterjagd beachtlich bewandert. Er mähte sich verheerend durch eine Horde stinkender Ertrunkener, wenn es sein musste, oder köpfte widerwärtige Biester, um blutige, schleimige Trophäen zu Auftraggebern zu schleifen. Menschenkörper waren aber etwas anderes. Bilder zerstückelter Kinder waren mehr, als der Undviker just ertragen konnte und Anna verstand ihn vollends. Damals, als sie so etwas zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie tagelang nicht schlafen können und sich ein halbes Dutzend Mal übergeben müssen. 

“Er hat sie zerteilt…”, murmelte Anna fassungslos vor sich hin, als sie vor den Fässern im düsteren Raum stand. Angeekelt verzog sie das Gesicht, als sie jene besser ausleuchtete.

“Dann hat er sie in die Fässer und Wannen gelegt und Kalk darüber geschüttet… in der Hoffnung, dass sie so nicht so sehr zu stinken anfangen. Es war seine Art sie zu verstecken.”, setzte die Frau ungläubig fort und musste den Kopf schütteln. Der Anblick trieb ihr die Galle sauer in den Mund und sie keuchte leise, schluckte.

“24 Opfer. Das ist vollkommen abgedreht…”, sinnierte Anna weiter “Er hat sie mitgenommen, sie betäubt und sie sicherlich auch vergewaltigt. Ja. Er hatte Karin doch auch schon halbnackt am Esstisch sitzen. Und als er dann fertig war, hat er sie getötet und hier runter gebracht, um sie wie Schweine kleinzuschneiden und zu ‘verbergen’. Wahrscheinlich dachte er, dass ihm niemals jemand auf die Schliche kommen würde. Dieser… Psychopath.”

Stille. Anna kam nicht umhin den Kopf noch einmal entrückt schütteln zu müssen. Hjaldrist, der noch nahe dem Ausgang stand, hatte sich mittlerweile wieder einigermaßen eingekriegt. Oder naja... jedenfalls kotzte er nicht mehr.

“Wie durchgeknallt kann jemand sein?”, flüsterte die Frau wie zu sich selbst und wandte den Blick entgeistert ab. Dann hörte sie schon, wie sich ihr Begleiter in Bewegung setzte, um zu gehen.

“Rist?”, rief sie ihm nach, doch er antwortete nicht. Schwer atmete sie aus und sah nicht noch einmal auf die Leichenteile, die Fässer, die Wannen und all das Blut zurück. Auch sie wandte sich, um zu gehen. Und als sie anhand des Klapperns von Hjaldrist’s Rüstungsteilen vernahm, dass der Mann nicht ging, sondern rannte, beeilte sie sich ebenso. Dies zurecht. Doch sie war nicht schnell genug. Denn als sie Momente später aus der breiten Luke im Boden des Hauses des Vergewaltigers kam, ließ Rist gerade seine Axt auf den Bewusstlosen niedergehen. Es knackte, krachte, Erlklamm fraß sich durch Schulter, Schlüsselbein und Rippen, wie durch Butter. Das Blut sprudelte nur so aus dem Torso des Fremden hervor, lief ihm über Bauch, Schoß, die Beine und tropfte platschend gen Grund.

Mit einem erstickten, zornigen Laut riss Rist die teure Waffe wieder aus dem Körper, der schlapp da hing. Anna weitete die Augen und erstarrte wie zur Eissäule, als sie dies mit ansah. Ein Funke morbider Faszination schlich sich in ihren Blick, ehe sie überhaupt verstand, was hier passierte. Dann hackte der Mann von den Inseln noch einmal furios zu.

“Bastard.”, keuchte er völlig außer sich.

“Hjaldrist!”, entkam es der verdatterten Giftmischerin viel zu spät. Sie war nach der Falltür wieder auf die Füße gekommen und stand jetzt atemlos da. Ihr Freund ruckte an Erlkamm, um sie wieder an sich zu nehmen. Das scharfe Axtblatt hatte den Vergewaltiger regelrecht in zwei Teile gespalten und es war ein grausiger Anblick.

“Was-”, stöhnte Anna mahnend, doch als Rist sie über seine Schulter ansah, sah sie eines seiner Augen wütend zucken. Das passierte selten. Verdammt selten. Und es bedeutete, dass es gerade selbst für SIE unklug wäre ihm dumm zu kommen. Sofort verstummt die burschikose Frau also und blieb einfach nur stehen wie ein begossener Köter. Ihre Schultern sanken, als ihr die Lippen einen kleinen Spalt weit offen standen. Und sie schwieg. Es war besser so. Als Hjaldrist die Hütte dann eilig verließ, verharrte sie einfach nur an Ort und Stelle und sah ihm nach.

 

Erst nach vielen, sehr tiefen Atemzügen verließ auch Anna die hölzerne Hütte in Arette. Ihr Bruder saß unweit auf einer Bank, hatte die schlafende Karin im Arm und erhob sich nervös, als er die kleinere Alchemistin sah.

“Ari?”, fragte er skeptisch langsam “Was ist passiert? Hjaldrist wollte nicht mit mir sprechen und ist einfach gegangen. Da war Blut an seiner Waffe.”

“Das Monster ist tot.”, meinte die Schwertkämpferin nur trocken, als sie bei Niklas zum Stehen kam “Und wir haben die Kinder gefunden.”

“Was?”, entkam es dem kantigen Soldat verblüfft “Was ist mit ihnen...?”

Anna warf einen kurzen, prüfenden Blick gen Karin. Die Kleine schlief so fest, dass sie leise schnarchte. Sie bekam von alldem hier nichts mit.

“Sie sind tot.”, meinte die Frau und schlug die Augen seufzend nieder “Im Keller. Ich rate dir aber dazu nicht dort runter zu gehen, wenn du einen schwachen Magen hast.”

“W-wie?”, stammelte Niklas ungläubig.

“Er hat sie dort zersägt und in Fässern versteckt, das perverse Schwein…”, erklärte Anna und sah zu ihrem älteren Bruder zurück.

“Ich werde Bericht erstatten und mit einem Priester sprechen, der wollte, dass jemand der Sache mit dem ‘Nachtschreck’ nachgeht. Ich nehme an, dass die Leute heute noch Soldaten hierher schicken.”, entschloss die Kurzhaarige fest “Geh du mit Karin nach Hause.”

Niklas zögerte, wechselte unruhig das Standbein.

“Es ist in Ordnung. Du bist nicht im Dienst, Niklas. Also hau ab.”, lächelte Anna schwach.

“Ich kann dich jetzt doch nicht allein lassen…”, kritisierte der größere Mann und die betroffene Hexerstochter schnaubte amüsiert.

“Doch, kannst du. Ich komme gut allein zurecht. Oder denkst du, ich trage mein Schwert nur zur Schau?”, fragte sie und das sogar ohne dabei pikiert zu klingen. Ihr Idiot von Bruder machte sich ja nur Sorgen. Sie sollte es ihm nicht übel nehmen.

“Zur Schau? Uhm. Nein. Ich denke nicht?”, schätzte der Mann räuspernd.

“Na also. Gehe jetzt. Ich komme die Tage mal wieder vorbei.”, entgegnete Anna noch und wendete den Blick ab, um ihn kurz suchend schweifen zu lassen. Wo war Rist bloß hin?

“Gut. Aber pass auf dich auf, ja?”, nickte der gutmütige Niklas nicht besonders glücklich.

“Klar.”

“Bis dann…”, und mit diesen Worten ließ der Novigrader seine Schwester allein.

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