Kapitel 52

Und es war, als vergäbe sie sich ein kleines Stück weit selbst

Hjaldrist war nicht weit. Er saß nahe des Weges, der von Arette gen Süden führte, am Rande des Wassers und schnippte kleine Steine in eben jenes hinein. Erlklamm hatte er wohl gewaschen, denn die Axt lag da neben ihm und wies keinen einzigen Blutfleck mehr auf.

“Hey, Miesepeter…”, sprach Anna ihn an, als sie sich näherte, doch bekam dafür keinerlei Reaktion als Antwort. Neben ihrem schlecht gelaunten Kumpel blieb sie stehen und sah auf ihn hinab.

“Also… wenn du behaarter wärst, hättest du vorhin echt als Vildkaarl durchgehen können, weißt du das?”, meinte sie und wollte die bedrückende Situation mit ihrem gewöhnlichen Witz auflockern. Normalerweise, da funktionierte dies gut, weil ihr bester Freund einen ihr sehr ähnlichen Humor hatte. Jetzt aber, da verzog sich die Miene des Sitzenden kein Stück weit. Und er schwieg, als er auf das Wasser sah. Anna musste leise seufzen und da nichts weiter passierte, setzte sie sich einfach neben Rist. Von der Seite aus sah sie ihn an und wusste nicht so recht was sagen. Sie war noch nie besonders gut mit Worten gewesen. Der Skelliger wusste das. Und daher atmete er nun tief aus, setzte zum Sprechen an.

“Er hat es verdient.”, kommentierte der Jarlssohn brummig und Anna hob die Brauen.

“Tut mir leid, dass du es hast mit ansehen müssen.”

Nun war es die Alchemistin, die nicht antwortete. Sie taxierte Rist bloß eingehend, runzelte die Stirn. Erst nach einer langen Schweigepause holte sie Luft zum Sprechen.

“Du bist sonst nicht so verdammt ungehalten…”, erkannte sie richtig “Was ist los gewesen?”

Der Undviker seufzte entkräftet.

“Lass es.”, bat er und wirkte, als würde ihn das Nachhaken seiner Begleiterin plagen.

“Ich mache mir nur Sorgen.”, rechtfertigte sich die Frau ehrlich.

“Danke.”, fiel es dem Dunkelhaarigen dazu nurmehr ein. Dann verfiel er wieder in ungemütliches Schweigen. Es war Botschaft genug. Mit einem Anflug von Frust im Bauch wechselte Anna das Thema.

“Kommst du mit zu dem Priester, der den Auftrag ausgehängt hat?”, fragte sie. Denn sie wollte gleich noch in das Tempelviertel gehen, um diesen Mann zu suchen.

“Hm.”, machte Hjaldrist, schien zu überlegen. Dann nickte er langsam. Anna lächelte schwach.

“Gehen wir jetzt?”, wollte die Giftmischerin wissen “Oder willst du noch hier sitzen bleiben und Steine ins Wasser werfen?”

Der melancholische Skelliger öffnete den Mund, um zu reden, doch hielt inne. So, als habe er gerade eine äußerst dumme Idee aussprechen wollen und noch rechtzeitig erkannt, dass sie nicht gut war.

“Nein. Lass uns gehen...”, entschloss der ältere Mann dann und erhob sich, ohne Anna dabei anzusehen. Zusammen würden sie sich auf den Weg in die große Stadt machen, um dort Pater Hiermeyer aufzusuchen. Dieses Mal würden sie es auch hinter die Tore schaffen, denn Niklas hatte Anna beim heutigen Wiedersehen einen Passierschein mit dem Siegel Novigrads zugesteckt. Eine schriftliche Erlaubnis, die man in Zukunft nicht mehr bräuchte, um in die Stadt hinein zu gelangen. Denn der Albtraum aller Eltern war heute Nacht von einer Axt Skelliges zerschlagen worden… buchstäblich.

 

Nach dem folgenden Besuch beim aufgeregten Priester des Ewigen Feuers, all den Erklärungen rund um den ‘Nachtschreck’ und einer genauen Beschreibung von dessen Haus für die Stadtwache, waren die Abenteurer erst spät ins Bett gekommen. Mit vielen Kronen mehr in den Taschen waren sie erst nach Mitternacht in ihr kleines Tavernenzimmer im ‘Goldenen Stör’ am Hafen geschlichen, denn Ravello hatte dort längst geschlafen. Und nun lag Anna wach und schaffte es nicht einzunicken. Dies jedoch nicht wegen der grausamen Bilder, die sich ihr heute geboten hatten. Sondern wegen Rist. Heute war er derjenige, der mit dem Gesicht zur kalten Wand und der Decke bis zum Kinn dalag. Und zunächst hatte die müde Novigraderin geglaubt, es sei alles in Ordnung. Doch dann, einige Minuten nach dem Wünschen einer Guten Nacht, hatte sie den Jarlssohn leise und verhalten schniefen gehört. Sie hatte bemerkt, wie er sich still über das Gesicht gewischt hatte und sie ahnte, dass er hier, in der Dunkelheit, noch immer stumm in sich rein weinte. Es war verdammt befremdlich, machte Anna sprachlos. Rist war sonst nämlich niemand, dem die Tränen allzu schnell kamen und schon gar nicht nach irgendwelchen schweren Aufträgen. Irgendetwas stimmte absolut nicht, doch die sorgenvolle Giftmischerin wusste nicht was. Weil Hjaldrist nicht mit ihr sprach. Und das allerschlimmste an der Sache war gerade, dass sie nicht wusste, was sie tun sollte. Die Kriegerin fühlte sich absolut unbeholfen, wie sie da mit auf der Matratze lag und in die klamme Finsternis starrte.

Ja, was sollte sie machen? Sollte die ihren Freund einfach ansprechen? Sicherlich wäre ihm das unangenehm. Oder nicht? Anna war es selbst immer unwohl, wenn sie vor anderen Leuten weinen musste. Sie hasste es, wenn man sie dabei ansah oder anredete. Weil sie es nicht mochte, dass irgendwer bemerkte, dass auch sie Tränen in sich hatte. Balthar hatte ihr schlussendlich früh beigebracht, dass jene meistens ‘Blödsinn’ waren und dass sie die Toten nicht wieder zurück brachten. Rist war zwar etwas offener und emotionaler als sie; Er redete normalerweise auch geradeaus über Themen, die gefühlsbehaftet waren. Aber… das hieß nicht, dass er wollte, dass Anna ihn nun fragte, warum er heulte. Jedenfalls vermutete die Frau das.

Also… was sollte sie machen? Nichts? Sollte sie sich weiter schlafend stellen, der schwarzen Zimmerdecke entgegen sehen und morgen so tun, als habe sie nichts bemerkt?  Sollte sie es einfach ignorieren, was hier los war?

Gute Freunde machten das nicht. Und das schlechte Gewissen hätte sie aufgefressen, hätte sie es getan.

Oh, bei Melitele…

Zögerlich drehte sich die grüblerische Kurzhaarige dem Skelliger zu, der da mit etwas Abstand und dem Kreuz voran zu ihr lag und sich just wieder über die Augen wischte. Man konnte es in der Düsternis nur vage erkennen. Und bis jetzt hatte die Novigraderin ja gehofft, dass sie sich einfach geirrt hatte. Dass sie es sich nur eingebildet hatte, dass ihr enger Freund weinen musste. Aber das hatte sie nicht. Und sie wusste nicht, was genau los war. Rist tat ihr leid. Sie wollte helfen, war augenscheinlich aber viel zu ungeschickt dafür und schalt sich dafür im Geiste eine Närrin. Sie ärgerte sich über sich selbst und brachte keinen Ton heraus, weil sie nicht wusste was sagen und weil sie auch den schlummernden Ravello nicht wecken wollte. Der neugierige Ritter, dieses Klatschmaul, sollte nicht auch noch auf das Häufchen Elend bei Anna aufmerksam werden. Und daher setzte die hin und her gerissene Trankmischerin nach vielen schnellen Herzschlägen einfach dazu an eine Hand leicht anzuheben. Ganz zögerlich tat sie das, streckte die Finger nach Hjaldrist aus. Denn was war schon dabei? Sie war zwar nicht gut mit Worten, doch sie könnte ihrem besten Freund auch einfach nur mit ihrer Anwesenheit beistehen, oder? Es wäre, wie zu sagen ‘Ich bin da und mir ist es nicht egal, dass es dir mies geht’. Ja, genau. Nur, ohne etwas zu sagen eben.

Die verunsicherte Frau hielt in ihrem Tun inne, als sei es ihr verboten ihren Kumpel anzufassen, und sie wusste nicht so recht wieso sie es tat. Wenn es kalt war und sie beide im Zelt nächtigen mussten, kuschelte sie sich schließlich immer ziemlich eng an Rist’s Rücken, um sich keine Erkältung einzufangen. Und noch wichtiger: Sie hatte ihn nicht nur einmal FLACHGELEGT verdammt. Also warum tat sie sich gerade so schwer? Weil sie fürchtete zu nerven oder dem Mann vor den Kopf zu stoßen? 

Entnervt schlug die Kurzhaarige die braunen Augen nieder. Dann legte sie die Hand endlich auf Hjaldrist’s Schulter. Der ertappte Mann versteifte sich daraufhin sofort merklich und man hörte, dass ihm der Atem sogar für wenige Wimpernschläge lange stockte. Anna ignorierte das.

Und dann fasste Rist auf einmal nach den Fingern, die in stummer Aufmerksamkeit auf ihm lagen. Er ergriff sie sogleich und zog den Arm der überrumpelten Frau, die hinter ihm lag, bestimmend um sich. Die fahrige Hand Annas ließ er auch danach nicht los. Der Undviker blieb also einfach nur mit dem Kreuz zu seiner an sich gezerrten Freundin liegen und umklammerte deren kalte Finger mit den seinen. Verwundert wehrte sich Anna nicht dagegen, denn eigentlich-... warum hätte sie dies auch sollen? Und sie musste gar erleichtert lächeln. Es war also doch keine dumme Idee gewesen dem armen Kerl einfach etwas näher zu kommen, anstatt mit ihm zu reden. Es schien zu helfen, dass die Giftmischerin ihn jetzt - anfangs gezwungen, aber dennoch - von hinten umarmte. Und das war gut. Ja, die Novigraderin würde sich heute Nacht nicht mehr weg bewegen, wenn es half. Und zugegeben: Eigentlich kuschelte sie ja ganz gerne, obwohl es sich unter dem vorherrschenden Umständen und ohne vorher Alkohol getrunken zu haben ein wenig seltsam anfühlte.

 

Anna war am nächsten Morgen längst wach, als sich Ravello zum ersten Mal schlaftrunken ächzend umdrehte und sich auch Hjaldrist langsam rührte. Die Frau hatte sich aber nicht aus dem Bett bewegt, sondern lag noch mit unter der Decke und las mit erschöpftem Blick in einem ihrer Bücher. Sie fühlte sich kränklich, hatte Halskratzen und eine laufende Nase. Großartig. Das war sicherlich die Quittung für den Ausflug an den Strand vor zwei Tagen. Nass und eiskalt war es gewesen. Dass sich Anna erkälten würde, war also vorhersehbar gewesen. Sie war zwar nicht mehr so anfällig für allerlei Krankheiten wie früher, als Kind, doch ein Immunsystem aus Stahl besaß sie trotzdem nicht. Und daher lag sie da, mit der Baumwolldecke bis über den Schultern und den Füßen irgendwo bei Rist, der fungierte wie eine Wärmepfanne, die man sich vor dem Zubettgehen unter das Laken schob.

Leise schniefend blätterte die Kriegerin um und ihre müden Augen hingen auf den Zeilen vor ihr, die sie in der Vergangenheit schon gefühlte zehn Mal gelesen hatte. Dabei war das Buch noch nicht einmal sonderlich gut. Aber sei’s drum. Sie wollte noch nicht aufstehen, sich aber irgendwie beschäftigen. Hochgestochene Theoriebücher wären für ihren armen, brummenden Schädel zu viel, also las sie diesen Mist hier. Oh, es war an der Zeit, dass sie sich einmal neue Bettlektüre besorgte…

“Hmm…?”, machte Rist matt von der Seite aus und rieb sich ein Auge “Was liest du…?”

Anna sah auf und hob die Brauen leicht. Der erwachte Jarlssohn linste zu dem Buch, das Anna da hatte, und blinzelte sich den Schlaf aus den Augen.

“Eine Geschichte eines Kuriers, der in die unmöglichsten Gegenden kommt und dort allerlei Abenteuer erlebt.”, erklärte Anna den Inhalt ihres billigen Buches knapp.

“Bist du krank?”, wollte Hjaldrist daraufhin gleich wissen und die Frau zeigte sich skeptisch. Sah sie wirklich so scheiße aus, dass man ihr den Schnupfen ansah?

“Du liest Morgens nie im Bett.”, erkannte der Skelliger richtig und erklärte damit auch seine Frage von gerade eben. Anna zuckte nur die Achseln und sah wieder auf ihre Lektüre zurück.

“Trink Tee.”, forderte der Mann weiter.

“Später.”, versprach die Kurzhaarige und klappte ihr Buch zu.

“Guten Morgen.”, mischte sich jetzt auch Ravello vom zweiten Bett aus ein und richtete sich mit vom Schlafen wirren Haaren auf “Ihr wart gestern wieder lange weg.”

Anna horchte auf, verzog einen Mundwinkel leicht.

“Ja… wir hatten ewig viel zu tun.”, stimmte sie nickend zu, als sie an die Kinderleichen dachte, und bemerkte nicht, wie der Weiße Hase Anstalten machte anzüglich zu Hjaldrist hin linsen zu wollen. Der Undviker strafte Ravello drohenden Blickes.

“Verstehe.”, lächelte der Blonde schief und bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck, als die anwesende Frau zu ihm sah. Sie musste niesen.

“So oder so solltest du dich wärmer anziehen, wenn ihr spätnachts noch... ‘unterwegs’ seid, Anna.”, kommentierte der Beauclairer “Du siehst nicht so gut aus.”

Hjaldrist sah den Ritter äußerst schief an. Die nichtsahnende Novigraderin winkte ab.

“Ein Schnupfen haut mich doch nicht um.”, näselte die Frau und versuchte ein zweites Niesen zu unterdrücken “Ich bin schließlich kein Kerl.”

“Pff.”, machte Hjaldrist und Ravello gab einen empörten Laut von sich. Anna grinste schelmisch.

“Tja. Es gibt nur eins, das unterhaltsamer ist, als ein Mann, der vorgibt in die ewigen Jagdgründe einzugehen, weil ihm die Nase rinnt.”, sagte sie amüsiert “Und das ist ein Hexer, der deswegen glaubt zu sterben.”

Nun hielten die beiden anwesenden Krieger inne und sahen sie gespannt an. Ihre erwartungsvollen Blicke waren eine drängende Aufforderung dazu weiter zu erzählen. Schmunzelnd legte Anna ihr dünnes Buch also fort und holte Luft zum Sprechen.

“Hexer sind eigentlich unglaublich immun gegen alles Mögliche. Je nachdem, wie ihr Mutieren vonstatten lief, sind sie beinhart. Daher dachte ich immer, Balthar könne nie krank werden. Ich hatte mich aber geirrt…”, sagte Anna und sah, wie Rist jetzt schon grinsen musste “Irgendwann bekam er nämlich eine Erkältung und lag deswegen flach. Und damit meine ich nicht, dass er einfach nur im Bett lag und Ruhe gab. Nein, er jammerte den lieben langen Tag herum, schwächelte und schickte mich immer wieder los, um ihm Tee zu bringen oder Suppe zu kochen. Letztere war für ihn übrigens eine genauso große Lebensbedrohung wie sein Schnupfen. Denn ich kann nicht kochen.”

Ravello lachte belustigt und Rist schüttelte den Kopf ungläubig.

“Er heulte also zwei Tage lang rum, während ich das Zimmermädchen spielen musste. Am dritten Tag hatte ich dann die Schnauze voll.”, meinte die nostalgische Anna “Ich bin also zu Jaromir und zusammen haben wir beschlossen Balthar an die frische Luft zu bringen, weil wir meinten, dass sie ihm die sicher gut tun würde.”

“Wie ich dich kenne, erzählst du jetzt gleich, dass ihr ihn aus dem Fenster gehängt habt.”, warf Hjaldrist ein und musste erheitert schnaufen. Seine Kollegin lachte leise.

“Nein. Aber fast…”, setzte sie glucksend fort “Wir haben ihn mitsamt seinem Bett nach draußen getragen. Balthar hatte damals ein Zimmer im Erdgeschoss, deswegen taten wir uns nicht allzu schwer. Wir sind mit ihm einmal quer durch die große Halle und haben ihn dann vor der Tür abgestellt. Und da lag er dann im Nieselregen.”

Ravello prustete und auch Hjaldrist musste schadenfroh lachen. Anna lächelte bei dieser Erinnerung spitzbübisch und rieb sich die juckende Nase, schniefte.

“Ihr glaubt gar nicht, wie schnell er in die Burg zurück gelaufen kam, nachdem er aufgewacht ist. Dafür, dass er davor noch so sehr geschwächelt und gejammert hat, war er wirklich fix unterwegs.”, erinnerte sich Anna “Danach machte er sich seinen Tee selber.”

“Du bist also auch in einer Burg groß geworden? So wie Rist?”, hakte der neugierige Ravello bei dieser günstigen Gelegenheit nach. Schließlich wusste er kaum etwas von Anna’s Vergangenheit.

“Naja, mit Rist’s Zuhause kann man Kaer Morhen nicht wirklich vergleichen.”, meinte die Kurzhaarige und zog sich das Kissen zurecht, um sich damit gemütlich an das hölzerne Kopfende des Bettes lehnen zu können. Sie deckte sich ordentlicher zu, entzog ihrem besten Freund damit ein großes Stück der Decke und brachte ihn damit dazu zu murren.

“Unsere Festung ist recht alt und baufällig. Sie ist ziemlich groß, ja, aber überall stehen behelfsmäßige Holzgerüste herum und jedes Jahr muss man bröckelnde Mauerteile richten. Das ist irrsinnig viel Arbeit für die Hand voll Leute, die dort wohnen…”, erzählte die Kriegerin kritisch und bemerkte, wie nicht nur der interessierte Ravello, sondern auch Hjaldrist aufmerksam zuhörte “Abgesehen davon, zieht es in Kaer Morhen schrecklich. Dennoch fand ich unser Gebäude immer toll. Die Haupthalle ist riesig, mit schönen alten Malereien an manchen Wänden.”

“‘Caer’ kommt übrigens aus der Alten Sprache…”, bemerkte Rist, der jene seiner Abstammung wegen beherrschte, aufmerksam und Anna nickte.

“‘Kaer Morhen’ ist die Ableitung von… ähm, ‘Caer Muiren’ oder so ähnlich.”, sagte sie grüblerisch.

“‘Care a’Muirehen’?”, korrigierte der Viertelelf “Übersetzt heißt das so viel wie ‘Festung vom Alten Meer’.”

“Ja? Hm. Frag mich nur nicht wieso sie so heißt. Ich habe nämlich keine Ahnung.”, lachte Anna leise und kratzte sich am Hinterkopf “Vielleicht stand das Wasser in Kaer Morhen irgendwann mal höher und die Leute dachten sich: ‘Oh, ja, lass uns die Festung nach dem Meer benennen!’”

“Du bist blöd.”, grinste Rist amüsiert und bekam einen ebenso belustigten Blick als Antwort.

 

Später betraten die zwei Abenteurer das Tempelviertel, um den Kommandant der Ewigen Flamme nach dessen alltäglichen Morgengebet abzupassen. Zuerst hatte Hjaldrist allein hierher kommen wollen und darauf bestanden, dass sich die hustende Anna auskurierte. Doch die Frau hatte nicht entfernt daran gedacht in der Taverne zu bleiben. Also ging sie nun neben ihrem älteren Freund her, der schon seit geraumer Zeit gedankenverloren wirkte. Rist redete ungewohnt wenig und sah immer wieder etwas abwesend vor sich hin. Vorerst versuchte die Hexerstochter dies zu ignorieren. Denn sie müssten gleich mit Menge sprechen. Sie sah den miesen Kerl schon von weitem: Wie er die Kirche verließ und dort noch ein paar Worte mit den Wachen wechselte, ehe er den schmalen Weg zur Straße einschlug.

“Da, er kommt…”, meinte die schniefende Anna verschwörerisch und putzte sich die Nase flüchtig  “Lass uns hingehen.”

Als Hjaldrist nickend zustimmte, setzte sich die burschikose Hexerstochter schon in Bewegung und hielt auf Menge zu. Der ruppige Kerl war groß und sein Mantel bauschte sich hinter ihm leicht, als er ging. Streng und unfreundlich sah er aus und seine Gesichtsnarbe machte diese Ausstrahlung nicht besser. Der Mann sah auf, als er Anna und Rist erblickte, musterte sie knapp und wollte schon weitergehen.

“Verzeihung.”, sprach die Frau ihn jedoch an und Menge blieb stehen. Er betrachtete sie etwas abfällig, ehe er schmal und gespielt höflich lächelte.

“Ja, bitte?”, wollte er wissen und es war klar, dass er sich hierfür nicht viel Zeit nehmen würde.

“Wir wollen für Euch arbeiten.”, eröffnete Anna sofort und ohne jegliche Umschweife, denn sie hatte das Gefühl, dass der Anführer des Ordens der Ewigen Flamme die Situation schnell als Zeitverschwendung betrachten könnte. Menge taxierte Anna überrascht.

“Ach?”, machte er.

“Wir sind Kopfgeldjäger und sehr bewandert in dem, was wir tun.”, versicherte die Frau direkt “Wir haben in der Vergangenheit auch einige Monster erlegt. Und wir wollen ein paar Münzen als Hexenjäger verdienen.”

“Hättet ihr die Monster nun nicht erwähnt, wärt ihr überhaupt nicht interessant für mich gewesen.”, sagte Menge gleich rau “Nun habt ihr beide aber eine Gelegenheit mich zu beeindrucken. Dann überlege ich es mir, ob ich weiter mit euch verhandle…”

Anna wusste nicht, ob sie erleichtert durchatmen sollte oder nicht. Sie runzelte die Stirn tief.

“Wir haben gestern Nacht den Mann gefunden, der die 24 Kinder ermordet hat.”, entkam es Hjaldrist sofort geistesgegenwärtig und damit packte er die Aufmerksamkeit Menges sofort “Er hat monatelang getötet und niemand hat ihn ausfindig machen können. Man hat ihn als ‘Nachtschreck’ betitelt und als Gruselgestalt abgetan, weil sich keiner erklären konnte, warum die Kinder verschwinden.”

“Ja, genau.”, pflichtete Anna bei “Aber wir haben nachgeforscht und ihn erwischt, nachdem wir den Aushang von Pater Hiermeyer gesehen haben. Ich denke, das ist eine gute Leistung.”

Der große Krieger des Ewigen Feuers sah die Jüngeren nun überrascht an. Er musterte sie von oben bis unten und verschränkte die Arme vor der Brust. Wissend und etwas schief lächelte er. Er war ein ziemlich hässlicher Kerl, fand Anna.

“Ah, ihr wart das also?”, fragte Menge nach “Ich habe heute Morgen davon gehört. Man hat die Wache zu dem Haus geschickt, in dem der Kinderschänder lebte und dort ein Dutzend Fässer voller Leichenteile heraus getragen.”

Abwartend starrten die Abenteurer den hochrangigen Mann an.

“Es war eine Schande, dass er nicht mehr gelebt hat. Ich hätte diesen Dämon in Menschengestalt öffentlich verbrennen lassen.”, brummte der Glatzkopf grimmig, sah fort und fuhr sich nachdenklich über das Kinn. Eine kurze, etwas unangenehme Pause entstand, ehe er weiter redete.

“...Also schön.”, machte er daraufhin und fasste die zwei Jüngeren wieder ins Auge “Ich habe gerade sehr wichtiges zu tun, doch ich werde euch jemanden schicken, der alles weitere mit euch besprechen wird. Wo nächtigt ihr?”

“Im ‘Goldenen Stör’.”, sagte Anna sofort und sah Menge nicken.

“Am Hafen? Gut, gut.”, schmunzelte der fanatische Hexenjäger “Seht zu, dass ihr gegen Abend dort seid. Alles Weitere wird dann mit euch besprochen werden.”

Mit einem kurzen Gruß auf den spröden Lippen ging Menge dann und ließ die beiden Reisenden einfach so stehen. Die Novigraderin sah ihm pikiert nach.

“Er schickt uns jemanden? Er hätte uns genauso gut zu sich einladen können, damit wir später mit ihm persönlich reden können.”, kritisierte sie.

“Der Kerl ist wohl paranoid.”, kommentierte Hjaldrist schulterzuckend “Oder arrogant. Oder beides.”

“Wohl wahr…”, murrte Anna abschätzend “Aber nun gut… immerhin sind wir nun schon mit einem Fuß in der Tür, was? War ja eigentlich ganz einfach.”

Rist musste schmal lächeln und auch das Gesicht seiner Freundin nahm etwas Wölfisches an. Beiläufig gaben sie sich die Siegerfaust.

 

Hjaldrist wirkte auch am Rückweg vom weitläufigen Tempelviertel wieder schweigsam. Vielleicht wegen gestern. Nein, ganz bestimmt sogar. Die ganze, schreckliche Sache rund um den ‘Nachtschreck’ hatte ihn unerwartet hart getroffen, so schien es. Oder aber er hörte wieder irgendwelche gruseligen Dinge.

“Geh schon mal vor.”, sagte Anna kurz vor der Straße die gen Hafentaverne führte und hielt dafür inne “Ich muss noch etwas erledigen.”

Rist blieb stehen und sah sich fragend nach ihr um.

“Hm?”, machte er “Ganz allein? Soll ich mitkommen?”

“Nein, nein. Ich komme schon klar.”

“Wo willst du hin?”, hakte der kritische Jarlssohn dennoch nach und sah aus, als wüsste er nicht, ob er sich noch Sorgen machen sollte oder nicht. Die Hexerstochter lächelte aber nur nervös und steckte sich die Hände in die Taschen.

“Ich wollte mich bei Marika bedanken gehen.”, sagte sie “Und kurz nach Karin sehen.”

Die Miene des Mannes lockerte sich auf diese Äußerung hin und er mutete dabei fast schon zufrieden an. Warum? Weil er es gut fand, dass Anna doch noch ein Band zu ihrer leiblichen Familie knüpfen konnte? Wahrscheinlich.

“Ah. Richte ihnen Grüße aus.”, bat der Skelliger nurmehr nett und Anna nickte.

“Wird gemacht.”, versprach sie, erhob die Hand nochmal leicht zum Abschied und wandte sich dann ab, um loszueilen.

 

Als Marika ihrer Tochter die knarrende Tür öffnete, saß die Familie gerade beim Frühstück. Die beiden kleinen Mädchen, Karin und Verena, rührten in ihren Schüsseln voller Haferbrei herum, während der 16-jährige Hannes unzufrieden von seiner Portion aufsah, als er die ungeliebte Anna bemerkte.

“Arianna!”, erkannte Marika äußerst überrascht und sie musste erleichtert lächeln “Ist alles in Ordnung? Niklas hat mir erzählt, was passiert ist.”

Die Alchemistin nickte und riss den Blick wieder von ihren drei Geschwistern fort, um ihn auf ihre Mutter zu richten, die wieder ihre alte Schürze trug. Jene streckte gerade die Hand nach der Schwertkämpferin aus und berührte sie sanft am Arm.

“Komm herein.”, bat die Langhaarige und trat etwas beiseite, um Platz zu machen. Es war so ungewohnt. Generell war es ein sehr eigenartiges Gefühl in das Haus seiner leiblichen Familie zu treten. Anna hatte nie Kontakt zu jener gehabt und wusste daher auch nicht so recht, wie sie sich just geben sollte. Ja, die drei Kinder dort am Tisch waren ihre Geschwister. Die Frau da vor ihr ihre Mutter. Sie sollte sich also entfernt zuhause fühlen, richtig?

“Es ist alles gut.”, beantwortete Anna die sorgenvolle Frage der älteren Frau, als sie in die schiefe Hütte kam und Marika die Tür hinter ihr schloss. Ein wenig unbeholfen blieb sie dann einfach stehen und sah sich nach ihrer Mutter um. Karin war aufgesprungen, um zu der Giftmischerin zu kommen.

“Ari!”, machte sie erfreut “Spielst du gleich mit uns?”

Überrumpelt linste die Kurzhaarige auf die Kleine hinab und gab einen unschlüssigen Ton von sich.

“Iss dein Frühstück auf, Karin…”, bat Marika derweil und musste den Kopf etwas über das Verhalten der Kleinen schütteln. Dann wandte sie sich wieder an ihre Älteste. 

“Willst du auch etwas, Arianna?”, fragte die arme, doch großzügige Mutter lieb “Wir haben nicht mehr so viel, aber dafür schmeckt es gut.”

“Ähm”, entkam es der Kämpferin, die ihre jüngere Schwester am Mantelzipfel hängen hatte, planlos. Dann fasste sie sich aber schnell.

“Nein, danke. Ich wollte mich nur erkundigen, wie es Karin geht. Scheinbar blendend, hm?”, aus dem Augenwinkel sah die Hexerstochter auf das breit lächelnde Mädchen hinab. Jenes trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

“Ja… ja, es geht ihr gut.”, bestätigte Marika beschwichtigend “Ich hatte Sorgen, aber sie erzählte mir heute gleich nach dem Aufwachen davon, wieviel Spaß es gemacht hätte ‘Verstecken zu spielen’.”

Anna räusperte sich leise und merkte, wie ihr der böse Blick ihres jüngeren Bruders in die Seite stach. Kurz sah sie zu ihm, doch Hannes wich ihren prüfenden Augen sofort feige aus.

“Setz dich doch.”, bat Marika jetzt und gestikulierte in die Richtung des abgegriffenen Tisches “Wenn du schon nichts essen willst, dann trinke doch eine Tasse Tee mit uns.”

“Wo ist Jalris?”, wollte Karin, die einfach dazwischen quatschte, wissen. Anna musste kurz überlegen, wen sie damit meinte.

“Rist? Der ist im Gasthaus.”, antwortete sie daraufhin aber gleich und ließ sich von dem hibbeligen Mädchen gen Esstisch ziehen.

“Niklas hat gesagt, dass du ihn heiratest.”, strahlte die Kleine aufgeregt und die Alchemistin fiel dieser Worte wegen fast über ihre eigenen Füße.

“Karin!”, mahnte Marika und versuchte streng auszusehen. Leider schaffte sie dies aber nicht. Hannes’ Miene verdunkelte sich weiter und stur löffelte er seinen Frühstücksbrei in sich hinein. Die ganze Situation passte ihm ganz und gar nicht.

“Habt ihr auch schon das Bussi-Bussi-Spiel gespielt?”, wollte die aufgeweckte Karin wissen, als sich die etwas unwohle Anna an den Tisch setzte und auch Verena sah nun interessiert auf. Das schüchterne Mädchen betrachtete seine große Schwester erwartungsvoll. Und der konfrontierten Kriegerin wollte alles aus dem Gesicht fallen.

“Der Steffen von nebenan hat mit Susi das Bussi-Bussi-Spiel gespielt, weil ihre Eltern gesagt haben, dass sie einmal miteinander heiraten müssen, wenn sie groß sind. Ich hab’s gesehen!”, erzählte Karin geschäftig weiter und Marika warf ihr einen tadelnden Blick zu.

“Schatz, lass deine Schwester doch damit in Ruhe und esse auf, ja? Der Brei wird kalt und dann schmeckt er nicht mehr.”, bat sie und lächelte entschuldigend in Anna’s Richtung. Jene hüstelte nur leise und musste ihre Kehle damit nicht nur frei bekommen, weil sie erkältet war.

“Ich werde Rist nicht heiraten, Karin.”, entgegnete sie dem Mädchen, das nicht von ihr ablassen wollte, endlich “Wir sind nur ganz normale Freunde.”

“Oh...”, machte das Kind traurig und auch die hoffnungsvolle Verena sah ziemlich enttäuscht aus. Die beiden kleinen Mädchen schwärmten wohl für romantische Geschichten und derlei Kram.

Anna musste bedröppelt lächeln und fuhr sich mit der Hand durch den Nacken. Und sie wusste selbst nicht so recht, warum sie sich gerade so… befremdlich fühlte. Vielleicht, weil der Punkt mit dem ‘Bussi-Bussi’ wahrer war, als alle hier annahmen. Ja, die Hexerstochter hatte den hübschen Skelliger nun schon oft genug geküsst - und mehr als das sogar. Aber das bedeutete zwischen guten Freunden nichts. Es war stets nur Spaß und Kurzweil gewesen. Und daran würde sich auch nie etwas ändern. Es war eine kompliziertere Angelegenheit, die man Kindern so nicht sagen konnte, denn sie hätten sie nicht verstanden. Selbst konservative Erwachsene hätten das nicht so recht. Unter ihnen war Sex vor der Ehe verschrien und Frauen verloren ihre Würde, schliefen sie mit einem Mann, dem sie nicht versprochen waren. Sie wurden, anders als die betroffenen Kerle, vom ganzen Dorf als Huren abgestempelt. Fürchterlich. Aber wie auch immer… man konnte es ja nicht ändern und die 21-jährige Novigraderin war froh frei und in Begleitung ihrer weltoffenen Freunde reisen zu können. Nie im Leben hätte sie sich ein Dasein in einem kleingeistigen Dorf gewünscht. Selbst zu Balthar wollte sie nicht mehr zurück, denn der hätte sicherlich auch ganz schön geschimpft, hätte er erfahren, was da zwischen seiner flatterhaften Ziehtochter und deren Undviker gelaufen war. Der wütende Hexer hätte den Zeigefinger erhoben und gezetert, dass sie gerne ‘Spaß’ haben könne… aber dies ausschließlich mit Frauen. Dass sie unglaublich dämlich sei zu riskieren ein Balg zu kriegen und damit monatelang arbeitsunfähig zu sein. Und dass er nicht daran glaubte, dass die unerfahrene Jüngere es tatsächlich schaffte genau dies zu unterdrücken. Ja, weil er dahingehend nie so recht an sie geglaubt hatte. Sie sei ja zu jung, um eine gute Alchemistin zu sein. Und sie solle lieber noch ein paar Stunden im Hof trainieren, weil sie kämpferisch bewanderter war, als mit den ganzen Absuden, die sie eh ‘nicht nehmen solle’, weil sie, ‘verdammt nochmal, KEINE Hexerin war und damit aufhören sollte so zu tun als ob’. Tse. Es mochte ja sein, dass die gelangweilte Anna früher nie aufgepasst hatte, wenn man ihr etwas von Kräutern erzählen hatte wollen. Doch heute, ja, da würde Balthar Augen machen!

Noch immer musterte Hannes Anna derweil finster und glaubte sicherlich, die Ältere bemerke es nicht, wie er ihr langes Schwert und den Silberdolch anstarrte; Wie er sie beäugte, als sei sie ein wahrhaftiges Monster. Da war derselbe engstirnige Hass in seinen Augen, wie auch in denen seines verstorbenen Vaters. 

“Arianna und ihr Freund haben den Nachtschreck gestern vertrieben.”, erzählte Marika stolz, als sie sich zu der Runde setzte und der Besagten einen Becher Kräutertee hin stellte. Und ganz offenbar tat sie dies bewusst, um die Spannungen zwischen ihrem anwesenden Sohn und Anna zu aufzulockern. Hannes hatte doch behauptet, seine älteste Schwester stehle Kinder, weil sein Vater ihm das früh so beigebracht hatte.

Anna sah von ihrem Bruder fort, befeuchtete sich die trockenen Lippen mit der Zunge und griff dann nach ihrem Tee, um zu trinken. Das warme Getränk tat ihrem schmerzenden Hals wirklich gut.

“Wir können nun alle wieder in Frieden leben und kein Kind wird mehr verschwinden.”, lächelte die Hausfrau mit der Schürze geduldig. Karin nickte heftig und anerkennend, während Verena große Augen machte und staunte. Und Hannes… der wirkte tatsächlich ebenso verblüfft. Ein Wunder war geschehen.

“Mhm.”, stimmte Anna zu und nickte knapp. Dann fasste sie sich in die Tasche und zog daraus einen ledernen Beutel hervor. Sie legte ihn vor sich auf den Tisch, schob ihn dann ihrer Mutter zu.

“Hier.”, meinte sie und Marika mutete wirr an.

“Was ist das? Ein Geschenk?”, wollte die braunhaarige Frau ungläubig wissen. Schließlich hatte sie sich von dem Kind, das sie vor vielen Jahren einfach so weggegeben hatte, nichts erwartet. Sie war bestimmt schon froh darüber, dass Anna sie überhaupt besuchte und ihr nicht länger böse war.

“Ja, kann man wohl so nennen.”, bestätigte die Kurzhaarige und erklärte sich gleich, als sie mit dem Kinn in Richtung Lederbeutel deutete “Es gab eine Art Kopfgeld für den ‘Nachtschreck’. Zweihundert Kronen. Das hier ist die Hälfte davon.”

Marika verschluckte sich fast an ihrem Tee und Hannes sah aus, als glaube er plötzlich absolut nicht mehr, was hier geschah.

“Wa-was?”, machte Anna’s Mutter und sah verdattert aus. Wahrscheinlich hatte sie noch nie im Leben so viel Geld auf einmal besessen.

“Ihr könnt es gut gebrauchen.”, kommentierte die Alchemistin ehrlich und erwähnte dabei nicht, dass Marika ihr Karin gestern einfach so mitgegeben hatte. Ohne die Kleine und das Vertrauen der Mutter, hätte man den Kinderschänder Novigrads wohl nie gefunden.

“I-ich kann das nicht annehmen, Arianna.”, atmete die Hausfrau jetzt aufgebracht “Es ist DEIN hart verdientes Geld.”

“Ich komme schon klar. Nimm es also an. Ich lasse dir so und so keine andere Wahl.”, lächelte Anna schmal. Marika blickte auf den gut gefüllten Geldbeutel hinab, als könne sie es nicht fassen, dass jener hier, vor ihrer Nase lag. Und dann, kaum zwei Atemzüge später, fing die gerührte Frau leise zu weinen an. Die anwesende Trankmischerin musste schwer schlucken, als sie dies sah. Sie hatte hier das richtige getan, keine Frage.

“Mama, warum weinst du denn?”, fragte Karin naiv, während Hannes Anna nicht mehr feindselig, sondern ratlos ansah. Vielleicht hasste er sie nun ja etwas weniger.

“Weil ich sehr froh bin.”, wisperte Marika und wischte sich eine Träne von der Wange fort. Kurzum erhob sie sich und kam zu ihrer ältesten Tochter hin, um die Sitzende eng zu umarmen und an sich zu drücken. Diese Geste war aufrichtig und ließ Anna zunächst etwas planlos zurück. Nur zögerlich erwiderte sie sie, denn sie war schließlich nie jemand gewesen, der andere Menschen schnell umarmte.

“Danke…”, sagte Marika leise und war völlig hin und weg “Danke, dass du das für uns tust, Arianna. Und das nach dem, was damals passiert ist. Ich wünschte, ich hätte dich nie abgeben müssen.”

Über die Schulter ihrer Mutter sah Anna vor sich hin. Tief atmete sie aus und klaubte nach Worten.

“Schon gut.”, meinte sie dann auf einmal schlicht und spürte, wie ihr damit eine große Last von den Schultern zu fallen schien. Denn auch sie war ehrlich. Ja, sie hatte der Älteren gerade vergeben. Und es war, als vergäbe sie sich damit auch ein kleines Stück weit selbst.

 

Anna kam mit einem richtig guten Gefühl in der Magengegend zum ‘Goldenen Stör’ zurück. Ja, trotz ihres brummenden Kopfes und des kratzenden Halses hatte sie gute Laune und bereute es nicht ihre Familie besucht zu haben. Es fühlte sich toll an mit der selbigen im Reinen zu sein und sich nicht mehr so fühlen zu müssen, als sollte man seiner Mutter böse sein. Und daher kam die Alchemistin auch recht beschwingt in die kleine Taverne am Hafen zurück. Im Schankraum erkannte sie auch gleich Ravello und Rist. Zweiterer erhob sich sofort, als er Anna erspähte und dies machte die Frau in der gestreiften Jacke ein klein wenig skeptisch. Denn als sie auf ihre beiden Kollegen zukam, sah der Skelliger so aus, als habe er nervös auf sie gewartet. Als läge ihm etwas dringendes auf der Zunge, das er ihr sofort entgegen spucken wollte.

“Anna!”, entkam es dem Mann im grünen Rock, ehe die Besagte ihn überhaupt begrüßen konnte. Fragend und aus dem Augenwinkel linste sie einmal knapp gen Ravello. Der blonde Ritter lächelte planlos und zuckte die Schultern. Anna richtete die Aufmerksamkeit auf ihren besten Freund zurück. Was war los?

“Ich muss mit dir reden.”, verkündete der Undviker sogleich bedeutsam und sah die Kriegerin erwartungsvoll an. Überrumpelt erwiderte die Frau den Blick und blinzelte verwirrt.

Wie? Was konnte denn gerade und urplötzlich so wichtig sein, dass Rist wie von der Hornisse gestochen aufsprang und zu ihr kam, anstatt auf sie zu warten und einfach nachher mit ihr zu sprechen? Es machte die Kurzhaarige unruhig und sie ertappte sich dabei ein klein wenig Angst zu verspüren, die ihr den Magen flau machte. Sie trat von einem Bein aufs andere und musterte den Mann vor sich forschend.

“Ja…?”, machte sie kritisch, als der Inselbewohner sie ernst ansehen wollte, dies aber nicht so recht schaffte, weil da ein ganz eigenartiger Glanz in seinen Augen lag.

“Bist du betrunken?”, traf die Novigraderin den Nagel brummend auf den Kopf “Meine Fresse, es ist noch nicht einmal Mittag...”

Man hörte Ravello im Hintergrund laut auflachen.

“Was?”, schnappte Hjaldrist “Ja, bin ich. Vielleicht. Nur ein bisschen.”

“Warum?”, stöhnte Anna, obwohl sie die Antwort darauf kannte: Rist hatte schließlich etwas mit ihr zu besprechen. Und die Thematik, die er dabei bereden wollte, schien so schwer zu wiegen, dass er es nüchtern nicht schaffte. War das richtig? Auweia.

“Hm? Nur so.”, redete sich der Jarlssohn heraus “Tu nicht so, als sei ich voll besoffen. Ich hatte nur ein kleines Bier zu viel.”

Die Giftmischerin schluckte trocken und fühlte sich augenblicklich sehr… befremdlich. Argwohn schlich sich in ihren Blick und eine ganz leise Befürchtung kam mit ihr: Die Sache von vor zwei Tagen. Der Abend, an dem sie mit ihrem guten Kumpel ausgegangen war und der des Portweines wegen unplanmäßig in ausgiebigem Sex am Strand geendet hatte. Etwas anderes fiel der armen Frau partout nicht ein, doch sie wünschte sich gerade, dass dem anders wäre. Sie… wollte nicht darüber reden, dass sie Rist womöglich zu nah gekommen war. Sie hatte geglaubt, dass er das Ganze auch so locker sah, wie sie und dass es kein Thema wäre. Das war es bisher doch auch nie gewesen. Was also, wenn der Skelliger ihr gleich sagen würde, dass er mehr für sie empfand? Dass er, nach vorgestern, realisiert hatte, dass er sich verliebt hätte oder irgend so einen Schwachsinn? 

Anna wurde nervös. Ziemlich. Und sie wollte immer weniger mit dem angeheiterten Hjaldrist mit, um zu reden. Denn was sollte sie ihm sagen, wenn er, der alte Romantiker, mit irgendeiner ausschweifenden Gefühlsmasche käme? Er war ihr bester Freund. Sie… sie wollte ihn nicht beleidigen oder ihm wehtun, indem sie ihm ehrlich sagte nichts von ihm zu wollen und ihn darum zu beten, dass sie beide doch bitte auch weiterhin nur befreundet bleiben sollten. Und aus diesem Grund fühlte sich die Kurzhaarige unglaublich unbeholfen. Die Hände waren ihr ganz kalt und feucht geworden.

“Also gut…”, meinte Anna zögerlich, denn sie kam ihrer momentanen Lage erst mal nicht aus “Sollen wir hoch gehen?”

Rist nickte langsam, dann wandte er sich schon zum Gehen. Anna folgte ihm wie ein getretener Köter und konnte sich nicht dagegen erwehren nicht nur unruhig zu sein, sondern auch ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Und als sie nach dem Skelliger vor ihrer hölzernen Gästezimmertür ankam, verspürte sie einen unglaublichen Drang danach einfach umzudrehen und ganz hastig wegzurennen. So, wie sie es in der Vergangenheit stets getan hatte, als sie sich in beklemmenden Situationen wie dieser befunden hatte. Denn jene passte ihr nicht, verdrehte ihr das Innere, brachte sie auf, engte sie ein. Bestimmt war sie schon ganz blass geworden.

Doch all das beiseite war es HJALDRIST, der mit ihr sprechen wollte. Nicht nur irgendjemand; keine Tavernenmagd, keine Bauerstochter, keine Frida. Also zwang sie sich eisern dazu zu bleiben, atmete einmal tief durch und folgte ihm in das simpel eingerichtete Zimmer. Die knarrende Türe hinter sich schließend, sah sie dann fragend zu dem Mann, der sich trotz seines leichten Schwipses ruhelos mit der Hand durch den Nacken fuhr und mittlerweile unsicher zu ihr herüber sah. Anna schaffte es nicht Blickkontakt zu halten und fühlte sich deswegen wie ein dummes, kleines Mädchen. Sie verkniff sich ein entnervtes Seufzen und um sich irgendwie zu beschäftigen, nahm sie sich den Waffengurt ab, um Schwert und Dolch fort zu legen. Jene wären gerade eh nur ihm weg.

Als Anna dann dabei war ihre Waffen auf die kleine Kommode neben der Tür zu legen und nach ihrem Taschentuch zu kramen, um sich die laufende Nase zu putzen, holte Hjaldrist Luft, um zu reden. Er hatte sich mit dem Hintern voran an das Fenstersims gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Die Situation schien ihm auch sehr unangenehm zu sein und der Kerl wirkte alles andere als ruhig. Die wirre Hexerstochter wusste nicht, ob es sie beschwichtigen sollte, dass sie offensichtlich nicht die einzige war, der es gerade nicht prima ging.

“Ich wollte dir etwas erklären.”, fing Hjaldrist umgehend an “Wegen gestern.”

Anna zog die Brauen leicht zusammen und die Erwähnung von ‘Gestern’ und nicht ‘Vorgestern’ irritierte sie. Gleichzeitig spürte sie, wie Erleichterung nach ihr fasste. Denn ‘Gestern’ war viel, viel besser, als der Tag davor. Also hinsichtlich des ‘Wir-müssen-miteinander-Redens’, sonst nicht.

“Es tut mir sehr leid, dass ich so durchgedreht bin, Anna...”, meinte der Mann aus dem Westen ernst und musste dabei nicht lange nach Worten klauben. Der Alkohol lockerte ihm die Zunge und gleichauf hatte der Undviker nicht so viel getrunken, dass er Probleme mit dem Reden hatte. Dieser Idiot hatte sich wirklich nur etwas Mut angesoffen. Nur warum? Er war doch kein schwacher oder feiger Mensch, der Probleme mit Aussprachen hatte. Gerade ER war sonst doch direkt und selbstverständlich ehrlich. Was war also los?

“Hm. Es war schon fast etwas beängstigend”, kommentierte die Novigraderin die Bilder, die ihr von gestern durch den Kopf spukten “Aber auch verständlich. Der Mörder wäre so und so gestorben, also werde ich jetzt nicht schimpfen und sagen, dass deine Aktion dumm gewesen ist. Vielleicht sollte ich mich nur ärgern, weil du kurzen Prozess mit ihm gemacht hast und die Leute der Ewigen Flamme dadurch nicht dazu kamen ihn öffentlich bloßzustellen und zu verbrennen. Er hätte den Horror verdient gehabt.”

“Mh.”, machte Rist und senkte den Blick etwas. Er fuhr sich nachdenklich über die Nase und schwieg wieder eine Weile lange. Anna beobachtete ihn skeptisch und steckte sich die Hände in die Taschen. Ein wenig verloren stand sie da und wartete ab. 

War es das gewesen? Hatte sich ihr Kumpel nur für seinen Ausraster entschuldigen wollen? Nein.

“Ich will, dass du verstehst, warum ich das gemacht habe.”, fing der Undviker an und riss die Aufmerksamkeit seiner Freundin damit auf sich zurück. Also hatte er ja doch noch was zu sagen. Was käme jetzt wohl?

“Mir… ist einmal dasselbe passiert wie den Kindern.”, sprach Hjaldrist und es fiel ihm alles andere als leicht, das hörte und sah man. Er blickte nicht auf und fummelte stattdessen an einem losen Faden seines Ärmelsaumes herum, knüllte jenen abwesend. Man hörte ihn seufzen und er schlug die Augen nieder. Es war so ein ungewohnt besiegtes Verhalten und Anna verstand in der ersten Sekunde nicht, was ihr Kumpan meinte.

“Was…?”, fragte sie daher mit gesenkter Stimme, doch während sie das tat, dämmerte ihr schon, was Sache war. Die Kurzhaarige war klug genug, um allmählich zu verstehen, was ihr bester Freund meinte und obwohl er es augenscheinlich vermied es direkt auszusprechen, wurde der Novigraderin einiges klar.

“Ich war damals nur kein Kind mehr. Und das Arschloch kein Mörder.”, gab der Mann zu und zuckte die Schultern auffallend lethargisch “Aber sonst…”

Anna spürte, wie die plagende, nagende Nervosität von vorhin sofort von ihr abließ und einer leisen Empörung Platz machte. Schweigend sah sie ihren Gefährten an, der da plötzlich absolut kleinmütig am Fenstersims lehnte und die Arme eng vor der Brust verschränkte. Ihr war bei diesem Anblick klar, dass er im völlig nüchternen Zustand niemals über das geredet hätte, das ihm da gerade so verdammt zäh von den Lippen kam.

“Aber wie auch immer.”, wollte der unwohle Jarlssohn auf einmal lasch umlenken “Ich wollte nur, dass du es endlich weißt. Fühlt sich einfach besser an so.”

Die anwesende Giftmischerin war kein Redetalent, wenn es um emotionales ging. Sie war jemand, der viel verdrängte und auch anderen Leuten daher nicht so viele gute Ratschläge geben konnte, wenn es um deren Psyche oder dergleichen ging. Sie trank lieber oder prügelte sich, um sich zu befreien, anstatt zu Sprechen. Und trotzdem glaubte sie gerade, dass es nicht sonderlich gut wäre, würde sie auf Rist’s abrupten Gesprächsabbruch eingehen. Er war gestern völlig neben sich gewesen, hatte sogar geweint. Es wäre also unglaublich ignorant von ihr gewesen jetzt einfach nur zu nicken und vorzuschlagen zu Mittag essen zu gehen. Sie wollte nicht so anmuten, als sei Rist ihr egal. Denn das war er nicht. Es gab keinen Menschen, um den sich die Giftmischerin zurzeit mehr scherte, als um ihn.

“...Es tut mir leid.”, entkam es Anna etwas ungeschickt, weil sie erst einmal nicht wusste, was sagen. Doch es war immerhin aufrichtig. Schließlich wusste sie als Frau gut genug, wie es sich anfühlte wie ein Stück Fleisch behandelt zu werden. Sie dankte den Göttern dafür nie in die Situation gekommen zu sein, in der sie jemand tatsächlich vergewaltigte; Sie wollte auch gar nicht wissen, wie dies war. Sie konnte sich nur daran erinnern, wie ihr ein ekelhafter Typ viel früher einmal auf den Arsch gehauen hatte. Es war das erste Mal gewesen, dass ihr so etwas passiert war und im ersten Moment hatte sie nicht gewusst, wie sie reagieren sollte. Sie hatte sich benutzt gefühlt, widerlich, wie ein Stück Dreck. Obwohl es nur so eine kleine Berührung gewesen war. Und dies hatte sie nach einer Schockstarre vieler, langer Atemzüge furios gemacht. Die ganze Angelegenheit war in einer ordentlichen Tavernenschlägerei mit Hausverbot ausgeartet und Anna hatte sich auch danach noch mies gefühlt. Sie beneidete die Schankmägde in den Gasthäusern also nicht und hatte eine ordentliche Abneigung gegen perverse Kerle, die glaubten, dass sie mit der Frauenschaft anstellen könnten, was sie wollten. Vergewaltigungen gehörten für diese Schweine ganz klar dazu. Um genau zu sein, waren jene sogar eine alltägliche Sache, nicht wahr? Es sprachen nur nicht viele Leute darüber. Doch wenn man dahingehend etwas mitbekam, waren für gewöhnlich nur Frauen betroffen. Noch nie hatte Anna von einem Mann gehört, dem es passiert war und es machte sie irgendwo sprachlos, dass es genau ihren besten Freund betraf. Sie wünschte sich, dem wäre nicht so.

“Dir muss nichts leidtun.”, antwortete der Besagte jetzt und sah alles andere als glücklich aus “Sag es nur nicht Ravello, ja…?”

“Das tu ich nicht.”, versprach die Novigraderin, der es schon klar war, dass das Gesprächsthema sehr prekär war. Natürlich wollte Rist nicht, dass sie plapperte. Wer hätte das schon? Sie würde die Klappe halten. Darin war sie so und so sehr gut.

Nach einem kurzen, unangenehmen Schweigen war es dann Anna, die die Stille brach. Sie hatte sich mittlerweile aus ihrer ungläubigen, hilflosen Starre gelöst und war zu einem der Betten gegangen, um sich dort auf der harten Kante niederzulassen. Betroffen sah sie Hjaldrist an, der den Kopf mittlerweile schon nicht mehr so tief hängen ließ. So schwer und unangenehm die Angelegenheit für ihn auch war, so schien es ihn zu erleichtern sich seiner Kollegin gegenüber geöffnet zu haben.

“Svenja hat damals einmal etwas in die Richtung angeschnitten.”, erzählte die Alchemistin ruhig “Sie meinte zu mir, dass du sie nur deswegen von dir gestoßen hättest, weil ‘irgendetwas Schlimmes mit Alrik’ passiert sei. Und dass du sie wieder zurück nehmen würdest, wenn du darüber hinweg wärst. Jetzt ist mir auch klar, was sie meinte.”

Rist schnaufte leise und nahezu verächtlich.

“Mag sein. Ich wollte niemanden mehr in meiner Nähe haben oder angefasst werden.”, meinte er “Ich war aber auch später froh darüber sie los zu sein, ganz ehrlich.”

Anna musste leise lachen.

“Nachvollziehbar.”, entgegnete sie, doch wollte das eigentliche Thema noch nicht fallen lassen. Denn so schrecklich es auch war, so interessierte es sie natürlich auch. Nun, wo Hjaldrist es angeschnitten hatte, dürfte sie ja auch nachfragen?

“...Wie alt bist du gewesen?”, wollte Anna wissen und ihr melancholischer Kumpan sah schwach auf. Sie nickte zu dem Platz neben sich, denn es machte sie noch verrückt, wie der Schönling da am Fenster stand und versuchte sich körperhaltungstechnisch einzuigeln. Es wäre für sie beide doch ein viel besseres, leichteres Gefühl, wenn sie nebeneinander säßen. Tatsächlich stieß sich der Mann auch von dem Fenstersims in seinem Rücken ab, um sich zu nähern. Still ließ er sich neben der jüngeren Kriegerin nieder.

“Achtzehn… oder neunzehn.”, sagte er dabei, als wisse er nicht mehr so genau, wie alt er gewesen war. Doch sicherlich tat er das nur, um nicht noch so zu wirken, als säße das Erfahrene zu plagend in seinem Kopf fest. Denn das taten traumatische Begebenheiten doch.

“Du warst-... bist der Sohn von einem Jarl.”, wunderte sich die Trankmischerin offen und sah ihren Kumpel von der Seite aus zweifelnd an “War das dem Bastard egal?”

“Ja. Spielte keine Rolle.”, antwortete der Skelliger knapp und Anna musste tief ausatmen. Sie riss den Blick von ihm und sah auf den Teppich zu ihren Füßen, schüttelte den Kopf und murmelte einen unverständlichen Fluch.

“Ich hoffe, er hat dafür ne ordentliche Strafe gekriegt.”, meinte sie dann.

“Nein…”, entkam es Hjaldrist relativ gleichgültig “Ich habe es keinem gesagt.”

“Was?”, überrascht hob Anna den schmerzenden Kopf wieder an und beäugte ihren Freund, der da neben ihr saß und den geknüllten Faden an seinem Ärmel endlich abriss “Aber Svenja hat es gewusst.”

“Ja, weil sie und Alrik mehr oder weniger miteinander befreundet waren. Sie fingen zusammen bei den Spionen an. Und irgendwann gab es zwischen ihnen einen Streit, in dem es ihm raus rutschte.”

Anna runzelte die Stirn. Dann sah sie wieder fort. Und irgendetwas musste sie richtig getan oder, naja, an sich haben… denn auf einmal fing Rist von sich aus zu sprechen an. Sein Redebedarf war jetzt, fünf, sechs Jahre nach seiner schlechten Erfahrung, sicherlich groß genug.

“Ich sah damals, als ich nach Hause kam, aus, wie das letzte Elend. Denn ich hatte mich gegen Alrik und seine Leute wehren wollen. Leider erfolglos.”, erinnerte er sich “Natürlich warfen das Blut im Gesicht und die demolierte Kleidung also Fragen auf. Ich habe meinen Eltern erklärt, dass ich in eine Prügelei geraten sei - was in Skellige ja nicht selten vorkommt - und dann war es gut. Niemand fragte mehr nach. Ich war ja nicht unbedingt dafür bekannt zu schlägern. Und für viele Leute war es also klar, dass ich, wenn ich einmal auf die Fresse kriege, unterliege. Haldorn hat mich an dem Abend damals noch verarscht und gemeint, dass ich mal lieber weniger lesen und mehr kämpfen sollte. Er hatte ja keine Ahnung. Und ich habe einfach die Zähne zusammengebissen und versucht es zu ignorieren. Ich dachte mir: ‘Ach, es wird schon wieder. Augen zu und durch. Du vergisst die Sache!’, aber das war nicht so einfach. Ist es manchmal noch immer nicht.”

Die Miene der Novigraderin nahm einen mitleidigen Ton an. Sie seufzte leise und hob eine Hand an, um ihrem Kollegen den Rücken im Beistand zu tätscheln. Dann legte sie den Arm locker um ihn, ehe sie antwortete.

“Weißt du… wäre ich jetzt du, würde ich sagen: Vielleicht wäre es besser gewesen, du hättest damals geredet. Dann hätte dich dein Bruder nicht veralbert und die Sache damit nicht unbewusst noch schlimmer gemacht.”, sagte Anna “Aber ich bin ich. Und ich glaube, dass ich wohl genauso gehandelt hätte wie du.”

Hjaldrist lächelte traurig.

“Das glaube ich auch.”, meinte er, denn er kannte seine starrköpfige Freundin schließlich gut genug, um zu wissen, wie sehr sie schlimme Dinge in sich hinein fressen konnte “Es wäre dir wohl noch peinlicher gewesen als mir.”

“Tse… das klingt irgendwie so falsch.”, kommentierte die Braunhaarige mürrisch “Also das mit dem ‘peinlich’.”

“Was meinst du?”, wollte Rist wissen.

“Peinlich kann einem doch eigentlich nur etwas sein, das man selbst angestellt hat oder das irgendwo lustig, aber trotzdem ungut ist.”, sprach sie ihre Gedanken laut aus “Und eine Vergewaltigung ist nichts davon.”

Der Skelliger sah bei dem, was beschrieb, was ihm zugestoßen war, wieder fort. So, als tat ihm das Wort allein schon irgendwo weh. Er senkte den Blick zur Seite und gab einen gedankenverlorenen Laut von sich.

“Tja. Man will anderen Leuten - und besonders seiner Familie - eben nicht erklären, dass man sich in einer Lage befunden hatte, in der-…”, meinte der Dunkelhaarige und fing damit an mit sich zu hadern. Er schien keine richtigen Phrasen mehr für das zu finden, das beschrieb, wie er sich damals gefühlt hatte. Seine Augen wanderten leicht und er kaute sich auf der Unterlippe herum. Deswegen lenkte Anna ein. Sie konnte sich nämlich entfernt vorstellen, was er meinte.

“Stimmt wohl.”, sagte sie “Ich habe schon von Frauen gehört, die ihr Leben lang nicht darüber redeten, weil sie sich schämten. Und sie sind Frauen, wenn du verstehst, was ich meine. Als Mann ist es sicherlich nochmal schlimmer das Opfer zu sein.”

Hjaldrist sagte auf diese Worte hin nichts mehr und Anna wertete dies einfach als stille Zustimmung. Denn noch immer sah er betroffen und mit unwohler Miene auf den staubigen Teppich hinab. Seine Augen waren seiner schlimmen Erinnerungen wegen finster.

Eine Weile lange schwiegen die beiden Abenteurer nur, ehe die Hexerstochter ein letztes Mal Luft holte, um ihren Kumpan anzusprechen.

“Es muss dir nicht peinlich sein.”, sagte sie schlicht “Und falls du… naja… irgendwann mal wieder darüber reden magst, kannst du das mit mir machen. Ich bin vielleicht nicht so gut darin Gefühle zu zerlegen, aber dafür kann ich sehr gut zuhören.”

Von der Seite aus sah Hjaldrist zu Anna hin. Er musterte sie unschlüssig, musste dann aber leicht lächeln. Gespielt abfällig schnaubte er ihres letzten Satzes wegen, kommentierte ihn aber nicht weiter.

“Danke… das bedeutet viel.”, sagte er stattdessen. Und die beruhigte Schwertkämpferin glaubte, dass er es wirklich ehrlich meinte. Ein zufriedener Ausdruck schlich sich auf ihr Gesicht und obwohl sie vermutete, dass sie beide in Zukunft noch ein paar Mal über das ungemütliche Thema von gerade eben sprechen würden - oder es müssten -, war sie heilfroh. Es war vielleicht eigenartig, doch sie fühlte sich ihrem besten Freund gerade wieder ein Stückchen näher. Sie könnte ihn ab heute wieder etwas besser einschätzen und sich auch darum bemühen Situationen zu vermeiden, die Rist dazu drängten sich absolut mies zu fühlen. Das war gut. Sie müsste sich nicht wieder so sehr wundern wie gestern und wusste jetzt auch, warum Hjaldrist wegen Violeta’s Geschichte damals so grantig geworden war. Alles machte nun so viel Sinn.

“Anna?”, fing der ebenso erleichterte Skelliger dann noch etwas leiser an und die Frau horchte auf, betrachtete ihn fragend. Er befeuchtete sich die trockenen Lippen mit der Zunge und sah aus, als wolle er noch etwas Wichtiges hinzufügen. Doch er hielt inne und nach zwei, drei Herzschlägen mehr, lächelte er nur noch zerfahren.

“Äh... schon gut.”, entkam es ihm nahezu verlegen und er winkte ab. Anna hob eine Braue, musste schmunzeln.

“Gehen wir… was essen?”, fragte der Undviker dann schnell nach und die Frau nickte. Sie hatte schon einen ziemlichen Hunger und jetzt, im Gegensatz zu vorhin, auch wieder etwas Appetit. Rist’s Geschichte war nicht schön, aber man konnte auch nichts an ihr ändern. Man konnte nur zusehen, dass es ihm in Zukunft langsam besser ging damit. Es MUSSTE ja, nicht wahr? Und Anna würde helfen, sobald ihr bester Freund sie bräuchte. Es war selbstverständlich.

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