Kapitel 53

Versteckt unter bunten Farben

Die Zeit bis zum Abend verging relativ schnell. Während der wieder nüchterne Rist nach dem ausgiebigen Mittagessen mit dem abenteuerlustigen Ravello losgezogen war, war die kränkelnde Anna in der Taverne geblieben, um ein Nickerchen zu halten und sich dann die komplizierten Formeln der Flammenrose zu setzen. Den halben Nachmittag lange hatte sie also gegrübelt, geschrieben und versucht herauszufinden, welche grausige Behandlung die Leute des Raubritterordens ihren ‘Großen Brüdern’ hatten zukommen lassen und wie jene genau gewirkt haben musste. Sie war hinsichtlich ihrer Forschungen weitergekommen. Nicht sehr viel, doch immerhin.

Am frühen Abend fühlte sich die Frau mit dem ohnehin schon brummenden Schädel also ziemlich ausgelaugt und wartete im belebten Schankraum bei einer dampfenden Tasse Kräutertee auf ihre beiden Begleiter. Mit dem linken Ellbogen stützte sie sich auf der leicht schiefen Tischplatte ab, hatte das Kinn auf der Hand liegen und betrachtete währenddessen ihre Rechte. Etwas gedankenverloren tat sie das, zog die Brauen kritisch zusammen und ballte die Finger vorsichtig zur Faust. Anna trug die starre Schiene nicht mehr, die man ihr vor wenigen Wochen ihrer schweren Handverletzungen wegen angelegt hatte. Ihre Finger waren wieder heile und schmerzten nicht mehr bei jener kleinsten Bewegung oder Berührung. Es war dennoch eigenartig sie nach der langen Zeit wieder richtig zu bewegen. Ungewohnt fühlte es sich an und irgendwo war es tatsächlich auch etwas anstrengend. Ein unangenehmes Ziehen begleitete das Ballen der Faust und daher entspannte Anna ihre rechte Hand wieder, schüttelte sie mit unzufriedener Miene aus. Sie hatte sich noch nie zuvor etwas gebrochen gehabt. Ja, in der Tat, sie hatte ihr Leben mit dem Kämpfen verbracht, doch mehr als arge Prellungen, Verstauchungen, Platzwunden oder dergleichen hatte sie nie einstecken müssen. Dementsprechend hatte sie also geglaubt, sie könne ihre verheilten Finger gleich wieder so bewegen wie früher; ohne jegliche Probleme. Aber da hatte sie sich getäuscht und zwar gewaltig. Sie Fingerkuppe ihres Ringfingers war taub und sie hatte Schwierigkeiten damit ihn zu beugen. Mit dem zweiten Finger sah es zwar nicht ganz so schlimm aus, doch auch er wollte nicht so recht wie sie es gerne hätte.

Die enttäuschte Hexerstochter murmelte einen leisen Fluch und ließ die Rechte auf ihren Schoß sinken, während sie unablässig grüblerisch vor sich hinsah. Es war mies, dass es ausgerechnet ihre Schwerthand war, die nun sicherlich viel Zeit bräuchte, um wieder voll einsatzbereit zu sein. Dies betraf nämlich nicht nur den Klingenkampf, sondern auch das Wirken von Zeichen. Obwohl jene an und für sich zur niedersten Magie gehörten, erforderten sie neben starker Konzentration gewisse Handgesten, um richtig zu funktionieren und nicht nach hinten loszugehen. Ja, als Anna beim strengen, meckernden Joris gelernt hatte, hatte er sie wochenlang nur damit gequält die Geste für Quen einwandfrei und in jeder Lage hinzubekommen: Man winkelte den Daumen an, beugte den kleinen Finger. Die restlichen Finger blieben ausgestreckt, wobei der Zeigefinger einen gewissen Abstand zu Mittel- und Ringfinger brauchte. Es klang so einfach, doch das war es nicht. Führte man die Bewegung, im Begriff einen magischen Schild zu formen, nämlich stockend oder nur ein kleines bisschen verkehrt aus, konnte das Konsequenzen haben. Die Magie, die man zu kanalisieren und loszuwerden versuchte, konnte sich mit Pech in einen hineinfressen, anstatt den Körper zu verlassen. Man konnte sich selbst verletzen... und das erst recht als Frau. Denn, wie in so vielen Bereichen, war man, wenn man diesem Geschlecht angehörte, auch hinsichtlich der Hexerzeichen benachteiligt: Es tat weh sie zu wirken und umso schlampiger man dies tat, desto mehr verkrampfte es einem den Unterleib. Anna wusste nicht, warum dem so war. Joris selbst hatte damals nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, er habe ebenso keine Ahnung, da er in dem Bezug noch nie mit einem Weib zu tun gehabt hatte. Der schwarzhaarige Katzenäugige hatte schief gegrinst und leger gefordert, seine dumme Schülerin solle doch besser werden, denn dann würde die Magie nicht mehr wehtun. Die Novigraderin sei selber schuld daran, dass sie der Schmerzen wegen der Ohnmacht nah stand, wenn sie Quen verpatzte und sich aufführte, wie eine unfähige Novizin. Er hatte in gewissem Maße recht gehabt, denn später, da war die Pein in der Bauchgegend wahrhaftig erträglicher geworden. Oder vielleicht hatte sich Anna nur an sie gewöhnt? Aber wie auch immer...

Jetzt, da fürchtete die sorgenvolle Giftmischerin, dass sie wieder einen langen Anlauf bräuchte, um die komplizierte Handbewegung für das einzige Hexerzeichen, das sie beherrschte, wieder einwandfrei ausführen zu können. Eine Tatsache, die sie sehr frustrierte und wegen der sie die Bastarde der Flammenrose einmal mehr im Geiste verfluchte. Diese Arschlöcher hatten damals sicherlich genau gewusst, was sie taten. Sie mussten Anna’s Medaillon gesehen und angenommen haben, dass sie eine Hexerin sei, obwohl es keine weiblichen Mutanten geben sollte. Nur deswegen hatte man ihr gleich zweimal mit voller Wucht auf die Rechte getreten, ganz bestimmt. Dies, um sie daran zu hindern an magischen Fäden aus der Erde zu ziehen.

Tief atmete die Kurzhaarige aus und ihr Blick wich matt gen Bänkelsänger. Der relativ junge Kerl im grünen Wams spielte hier nun schon seit einer geraumen Zeit Drehleier und sang dazu. Es klang schön. Viele Leute schunkelten zu der Musik.

 

Es dauerte nicht lange, da kamen Ravello und Rist in das stickige Gasthaus zurück. Der Ritter zog dabei einmal wieder die ganze Aufmerksamkeit auf sich, denn er stolzierte wie gewöhnlich in seiner schillernden Rüstung aus Toussaint herum. Das tat er andauernd und seinen Worten zufolge gehörte sich das für einen Ehrenmann aus Beauclair so. Man zeigte damit seine Zugehörigkeit zum Fürstentum Anna-Henriettas und war in deren Namen präsent - oder so ähnlich. Anna verstand diese Formalität des Südens jedenfalls nicht so recht. Wenn man Aufträgen nachjagte oder auf Reisen war, war es sehr klug gerüstet zu sein. Nur innerhalb einer Stadt musste man doch nicht vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen Platte tragen! Vor allem dann nicht, wenn man sich nur einmal für ein, zwei Stunden auf dem Markt tummelte oder die kleinen Läden der Handwerker abklapperte.

Anna hatte aufgesehen und beobachtete, wie Ravello und Hjaldrist zu ihr kamen. Beide Männer schienen sehr guter Laune zu sein und das freute die Kriegerin. Besonders für den Skelliger, der heute Vormittag so bedrückt und nervös gewesen war, dass er sich betrunken hatte. Hatte er zum besagten Zeitpunkt noch ein langes Gesicht gezogen, so grinste er nun schief und haute dem Blonden bei sich gegen den Arm.

“Du bist ein Idiot.”, schnaufte Rist dabei und gluckste amüsiert. Ravello winkte ab und lachte leise, setzte sich daraufhin zu seiner jüngeren Begleiterin an den Tisch und stellte seinen verzierten Helm vor sich ab.

“Da seid ihr ja.”, begrüßte die Frau ihre beschwingten Kumpanen. Auch Rist ließ sich nieder und winkte gleich eine der Schankmägde herbei, die sich sichtlich darüber freute den charmanten Rittersmann und den Schönling aus Skellige bedienen zu dürfen. Erst jetzt fiel Anna auf, dass letzterer Blut am Kragen hatte und sie runzelte die Stirn skeptisch.

“Wo seid ihr gewesen?”, hakte Anna also gleich nach und ihre braunen Augen hingen an den roten Flecken auf Rist’s Kleidung.

“Wir haben uns etwas in der Gegend umgesehen.”, fing der anwesende Ritter schmunzelnd an “Und dann hat Rist einen riesengroßen Kerl am Hafen fertig gemacht. Der Typ war von oben bis unten tätowiert und so groß wie ein Bär.”

Der besagte Skelliger lächelte breit und seine Freundin, die sich noch dezent verwirrt fühlte, hob die Brauen. Sie roch Ärger, doch lag zum Glück falsch.

“Ich habe spontan an den Faustkampfwettbewerben teilgenommen und einen der drei Besten Novigrads umgeboxt.”, meinte Rist stolz und der Giftmischerin mit dem kratzenden Hals war nun klar woher das Blut an dessen breiten Kragen kam. Sie wirkte verblüfft, doch nicht auf eine negative Weise. Und auch nicht, weil sie sich darüber wunderte, dass ihr fähiger Kumpel gewonnen hatte. Sondern, weil er tatsächlich bei den Kämpfen mitgemacht hatte. Vormittags hatte er noch nicht so gewirkt, als habe er die Laune für so etwas.

“Waas?”, entkam es ihr protestierend und sie verschränkte die Arme “Das hätte ich total gerne gesehen!”

“Tja, du hingst ja lieber über denen Büchern.”, grinste Ravello “Selber schuld.”

“Außerdem bist du krank.”, fügte der glorreiche Faustkampfgewinner etwas ernster hinzu “Du kannst ja das nächste Mal mitkommen.”

“Das nächste Mal?”, fragte Anna misstrauisch nach.

“Es gibt in Novigrad drei Kämpfer, die man mit bloßen Fäusten besiegen muss. Dann ist man der Champion der Gegend.”, meinte Hjaldrist verschwörerisch und hätte sich wohl gerne vorfreudig die Hände mit den wunden Knöcheln gerieben. Stattdessen warf er seinen Geldbeutel auf den Tisch und deutete darauf.

“Das Preisgeld ist gut. Ich habe allein durch den heutigen Kampf schon zwanzig Kronen mehr in der Tasche.”, erklärte der Mann zufrieden “Da leiste ich mir demnächst ein neues Messer. Mein altes fällt schon auseinander.”

“Als ob DU das des Geldes wegen machen würdest…”, bekrittelte Anna im gespielt abfälligen Ton und sah ihren Kumpan herausfordernd an. Sie schnaubte erheitert und auch ihr bester Freund, den sie durchschaut hatte, setzte eine vielsagende Miene auf. Er schwieg.

“Du magst vielleicht nicht aussehen oder dich so verhalten wie ein geborener, ruppiger Kerl der Inseln, aber du kannst nicht leugnen, dass du das mit dem Prügeln doch irgendwo in dir drin hast, Käferschubser.”, grinste die Alchemistin schief und lehnte sich zurück “Dir macht das Spaß.” 

Die angetane Schankmaid von vorhin kam endlich an den Tisch und stellte den Reisenden frische Getränke hin. Und während alle noch Gemüse-Eintopf mit Brot orderten, lachte Rist auf den letzten Kommentar seiner niesenden Begleiterin hin beiläufig.

“‘In mir drin’? Bullenscheiße. Das kam erst, nachdem ich alleine reisen musste und die Kampfwettbewerbe für mich entdeckte. Irgendwie musste ich mir ja mein Geld verdienen.”, erzählte der Schönling “Außerdem ist es gut für das Ego Faustkampfchampion zu sein. Einen Titel, den du mir damals auf Skellige übrigens vermasselt hast, Flohbeutel.”

“Tse. Vielleicht sollte ich mich ja auch mal wieder an solchen Kämpfen versuchen?”, warf Anna ein.

“Hier, in Novigrad? Dann müsstest du unter anderem gegen Rist antreten.”, bemerkte der zweifelnde Ravello von der Seite aus und die Frau zuckte locker die Achseln, während der Beauclairer die Stirn kraus zog.

“Na und?”, schniefte sie und linste grinsend zu dem starrenden Undviker hin “Wäre ja nicht das erste Mal, was? Wie war das nochmal mit dem Titel auf Ard Skellig?”

Die Miene des konfrontierten Axtkämpfers nahm nach dieser Frage einen äußerst skeptischen Ton an und er wiegte den Kopf abschätzend. Sein heiterer Ausdruck machte gleich einem strengeren Platz, denn der Gedanke gegen Anna kämpfen zu müssen, behagte ihm wohl nicht.

“Mit deiner Erkältung solltest du lieber im Bett bleiben.”, kommentierte Hjaldrist ausweichend.

“Ach! Hast du etwa Angst davor gegen mich zu verlieren?”, schmunzelte Anna heiter und fischte nach ihrem Taschentuch, um sich die juckende Nase zu Putzen. Ravello hingegen, warf dem Inselbewohner einen seltsam wissenden Blick zu, dem die Frau nicht viel beimaß.

“Was? Nein.”, sagte der Viertelelf “Ich will dich nur nicht verprügeln müssen.”

Auf diese Worte hin lachte Anna belustigt auf und musste den Kopf schütteln. Da sie es nicht besser wusste, nahm sie Rist’s Worte als bloße Neckerei auf. Ja, vielleicht sah sie in ihnen gar eine Herausforderung ihm einmal in einem fairen Wettkampf die Fresse zu polieren?

“Du? Mich verprügeln?”, meinte sie und holte Luft, um zu einem blöden Witz anzusetzen, da betrat ein großer Hexenjäger das Haus. Er war ein schwer bewaffneter Kerl in einem braunen Ledermantel, mittelschwerer Rüstung aus Stahl und einer großen Armbrust auf dem breiten Rücken. Anna hielt sofort inne, als sie ihn sah und nickte auffordernd in dessen Richtung, um ihren beiden Freunden anzuzeigen, dass sie ‘Besuch’ hätten. Sofort sah auch Hjaldrist auf. Ravello wirkte wie immer irritiert, doch schwieg.

Der hünenhafte Hexenjäger hatte die drei Abenteurer gleich ausgemacht und kam ohne weitere Umschweife auf sie zu. Die Leute ringsum tuschelten, als der Fremde bei Anna, Rist und Ravello zum Stehen kam und den Kopf im Gruße etwas neigte.

“Die Ewige Flamme sei mit Euch.”, sagte der mit dem Hut “Der Kommandant schickt mich.”

“Wir haben schon gewartet. Setzt Euch.”, bat Anna gleich und beobachtete den rauen Armbrustschützen argwöhnisch. Jener bedankte sich und ließ sich ihr gegenüber nieder; direkt neben dem blonden Ritter aus Beauclair.  Aus den Augenwinkeln wurde der verunsicherte Ravello dann gleich taxiert.

“Mir wurde gesagt, ihr seid zu zweit.”, bemerkte der Hexenjäger richtig.

“Der Herr Ritter ist ein Freund von uns .”, klärte die Giftmischerin auf und dem Fremden schien dies zu genügen, denn er nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

“Mein Name ist Jankowska. Mir wurde aufgetragen euch Listen und Gesuche auszuhändigen, mit denen ihr fortan arbeiten könnt.”, meinte er und zog ein paar vergilbte Papiere aus seiner Tasche. Aufmerksam beobachteten die erwartungsvollen Monsterjäger dies und Rist nahm die zusammengefalteten Zettel hastig an sich. 

“Ihr werdet nicht im Voraus bezahlt. Und wenn ihr einen Auftrag erfolgreich ausgeführt habt, meldet ihr euch bei mir auf der Tempelinsel. Ich habe dort eine Schreibstube.”, setzte der bestimmende Hexenjäger die Regeln fest “Dasselbe gilt auch für neue Informationen über die gesuchten Personen. Und für Gerüchte, die ihr in der Stadt aufschnappt. Der Orden muss sie umgehend erfahren.”

“Gerüchte?”, fragte Anna nach und stellte sich damit dümmer, als sie war.

“Über potentielle Ziele.”, klärte der Schütze auf, während seine grauen Augen ruhig auf der schmaleren Kurzhaarigen lagen “Wir suchen dabei nicht nur nach Zauberinnen und Magiern, sondern auch nach Alchemisten und sogenannten ‘Wissenschaftlern’, die im Besitz verbotener Aufzeichnungen und Grimoires sind.”

“Bücher über Magie und Trankmischerei?”, hakte Hjaldrist gespielt verächtlich nach und Jankowska nickte mit finsterer Miene. Er sah aus, als hätte er bei dem Gedanken an das Ausgesprochene am liebsten angeekelt ausgespuckt.

“Deren Besitzer werden festgenommen und die besagten Werke sofort verbrannt.”, bestätigte der Mann. Anna hörte dem mit einem flauen Gefühl in der Magengegend zu. Sie schluckte trocken und trank von ihrem Kräutertee.

“Habt ihr noch weitere Fragen?”, wollte der strenge Hexenjäger wissen.

“Wie sieht es mit dem Sold aus?”, hakte Rist nach.

“Der ist vom jeweiligen Gesuch abhängig.”, erklärte Jankowska “Die Zahlen stehen auf den Papieren, die ich euch gegeben habe und sind auch abhängig davon, ob ihr uns die Zielpersonen lebend oder tot aushändigt.”

“Alles klar.”, brummte der dunkelhaarige Undviker nurmehr.

“Wo ist Eure Schreibstube?”, fragte Anna dann nach.

“Nicht weit von der Kirche, in einer Seitengasse linkerhand. Fragt die Wachen danach.”, lächelte Jankowska kühl.

“Alles klar.”

Der Hexenjäger blieb daraufhin nicht viel länger. Nachdem er den vermeintlichen Kopfgeldjägern alles erklärt hatte, erhob er sich und ging mit einem knappen Gruß auf den spröden Lippen. Erst, als der Schütze den Schankraum des ‘Goldenen Störs’ verlassen hatte, setzte Ravello wenig begeistert zum Reden an.

“Äh”, machte der empfindliche Ritter “Der war ziemlich unsympathisch.”

“Das sind die doch alle…”, murmelte Anna und ließ den Blick dann gleich aufgeregt gen Hjaldrist wandern. Sie schob ihre Meinung über die Idioten der Ewigen Flamme beiseite und kam zum wichtigen Teil.

“Sieh nach, ob diese Mia dabei ist.”, meinte die zielstrebige Hexerstochter mit gesenkter Stimme, damit die Leute am Nebentisch nicht alles mithören konnten, und gestikulierte in die Richtung der Listen. Zwar musste man sich als jemand, der mit den verrückten Hexenjägern zusammenarbeitete nicht verstecken, doch Anna fühlte sich dennoch etwas unbehaglich dabei zu laut über das Verfolgen von Magiern und dergleichen zu sprechen. Sie sah aufgeregt dabei zu, wie ihr Kumpel die Schreiben entfaltete, die er von Jankowska bekommen hatte und wie er jene dann auf den Tisch legte. Er strich die Zettel flüchtig glatt und beugte sich dann gleich interessiert über sie. Anna tat es ihm gleich und erwartungsvoll wanderten ihre prüfenden Augen über die Gesuche. Jene waren keine Steckbriefe, wie man sie kannte. Sondern Auflistungen mit insgesamt zwei Dutzend Namen darauf. Zu jedem davon waren mal mehr, mal weniger Notizen verfasst worden. Nur zu wenigen der Zeilen gab es überhaupt keine Kommentare, die man mit dunkler Tinte verfasst hatte.

“Oliver Blank, Giftmischer und Betrüger. Kevin Luran, Zauberlehrling, Meister wurde gefasst. Emanuel aep Faraan, plant vermutlich zwei Magier aus der Stadt zu schleusen. Triss Merrigold, Natascha M., Keano van Hull, Gabriela T., Philippa Eilhart…”, murmelte Anna leise vor sich hin, während ihr Zeigefinger unruhig über das Pergament wanderte. Hjaldrist las mit forschendem Blick mit. Und dann hielt die braunhaarige Frau plötzlich inne.

“Linda Baran.”, sagte sie und ihre triumphierende Miene lichtete sich “Sie hat den selben Nachnamen wie unsere gesuchte Professorin.”

Man hörte den Skelliger am Tisch erleichtert aufatmen.

“Sie wurde vorletzte Woche von ihren Nachbarn gemeldet. Laut den Aufzeichnungen wird ihr das ‘Paktieren mit Magiern’ vorgeworfen. Man wollte sie stellen, doch sie ist geflohen.”, las Anna aus den Papieren der Ewigen Flamme heraus.

“Also ist es unsicher, ob sie überhaupt noch in der Stadt ist…”, schlussfolgerte Rist richtig und verzog die Mundwinkel. Er wirkte enttäuscht.

“Mh…”, machte Anna nachdenklich.

“Steht da denn, wer die Nachbarn sind?”, fragte Ravello dazwischen und glänzte mit seinem ‘einzig guten Einfall am Tag’ “Die könnte man doch sicherlich befragen.”

“Stimmt.”, nickte der Undviker schnell.

“Paula und Andrej Konecki.”, las die Trankmischerin weiter vor “Sie leben vor der Stadt, gehören zu den Färbern. Mhm. Ich glaube, ich weiß, wo das ist.”

Rist horchte auf und erschien wieder ein wenig hoffnungsvoller als noch zuvor. Er lächelte sogar schon wieder.

“Gehen wir morgen Früh also dorthin und hören uns um.”, meinte die Schwertkämpferin optimistisch und rempelte ihren besten Freund bedeutungsvoll an “Ich bin mir sicher, dass wir unsere Träumerin bald haben.”

 

Am nächsten Morgen trieb es Anna und Rist früh vor die Stadt. Sie mussten ein wenig suchen, doch die burschikose Novigraderin hatte mit ihrer ungefähren Einschätzung hinsichtlich der Lage des Färberviertels richtig gelegen. Also standen sie kurz nach dem spärlichen Frühstück schon dort und betrachteten die großen Tröge, die dort vor den wenigen Häusern standen. Die hölzernen Wannen waren mit reichlich Wasser gefüllt worden, in das man Farbpigmente gemischt hatte. Dementsprechend sprangen einem viele Farben ins Auge: Blau, Grün, Rot, Schwarz. Die einfache Bevölkerung trug keine zu bunte Kleidung, daher schätzte Anna, dass hier Stoffe für die Mittelschicht oder gar die Adeligen Novigrads eingefärbt wurden. Kein einfacher Bauer konnte sich aufwändig gefärbte Tücher leisten.

“Ich habe einmal gehört, dass die hiesigen Färber das Salzwasser aus dem Meer vor der Stadt zum Färben benutzen.”, bemerkte die gelehrige Hexerstochter, der es heute schon etwas besser ging. Zwar lief ihr die Nase nach wie vor und sie fühlte sich etwas benommen, doch immerhin schmerzte ihr Hals nicht mehr so fürchterlich, wie er es heute Nacht noch getan hatte. Es hatte sich ausgezahlt Salbeitee mit Honig zu trinken.

“Auf Skellige macht man das auch so.”, erwiderte Hjaldrist, der mit den Händen in den Hosentaschen neben seiner Freundin stand “Aber keine Ahnung wieso.”

“Angeblich halten die Farben damit besser.”, kommentierte die Schwertkämpferin und zuckte mit den Schultern. Dann setzte sie sich in Bewegung, um über den weitläufigen Platz zu gehen. Der Boden war an vielen Stellen bunt und erzählte davon, dass manche Färber nicht zu penibel arbeiteten und oftmals Farbe verschütteten oder kleckerten. Anna musste bei dem Gedanken grinsen.

“Guten Morgen.”, sprach die kurzhaarige Hexerstochter Momente später schon eine Frau an, die einen Eimer Wasser über den Vorplatz der Häuser trug, um ihn daraufhin in einen der großen Farbtröge zu leeren. Die dürre Dame mit dem schlichten Kopftuch und der Schürze mit den bunten Flecken darauf sah fragend auf. Sie erstarrte merklich, als sie die zwei Bewaffneten sah und bekam Argusaugen. Sie nickte ganz langsam zum Gruß.

“Wir suchen jemanden.”, eröffnete Anna “Paula und Andrej Konecki. Könnt Ihr uns sagen, wo sie wohnen?”

Die scheue Färberin hob die Brauen überrascht, deutete dann aber gleich auf eine kleine Hütte in ihrem Rücken. Man merkte ihr an, dass sie reges Interesse an der Angelegenheit hatte, sich aber nicht nachzufragen traute. Die Trankmischerin erleuchtete sie auch nicht weiter, sondern nickte nur dankend. Dann wandte sie sich ab, um auf das besagte Haus zuzugehen. Hjaldrist folgte seiner Gefährtin auf dem Fuße und wirkte ein wenig nervös dabei. Vielleicht, weil es ihm erst jetzt bewusst wurde, dass Mia Baran, die vermeintliche Träumerin aus Oxenfurt, zum Greifen nah erschien. Ja, wie war diese Frau wohl? War sie wie er? Und könnte sie ihm helfen?

 

Bei der alten Hütte der Koneckis angekommen, zögerte Anna nicht, bevor sie anklopfte. Selbstsicher wartete sie ab und wirkte erfreut, als man die Türe des kleinen Hauses tatsächlich bald öffnete. Eine ältere Frau stand in der schiefen Tür und musterte die beiden Abenteurer skeptisch.

“Ja?”, machte sie, während ein Mann im Hintergrund gleich fragte, wer denn da sei. Sekunden später trat auch er in Anna’s Blickfeld. Er war, wie seine Frau, betagt und die Hexerstochter konnte es sich nur zu gut vorstellen, wie diese beiden Alten zu den Hexenjägern gegangen waren, um die arme Linda Baran als ‘Paktiererin’ zu melden. Bestimmt waren die Koneckis religiös und engstirnig. Es hätte jedenfalls gepasst.

“Guten Tag.”, machte Anna und bemühte sich darum recht neutral zu wirken. Tatsächlich hätte sie das verdammte Ehepaar vor sich aber gerne böse angestarrt. Denn diese Leute hatten jemanden, den sie als ‘Freundin der Magier’ betrachtet hatten, verpetzt. Und damit hatten sie bereitwillig riskiert, dass man denjenigen - in diesem Fall Linda Baran - öffentlich demütigte und hinrichtete. Die Kriegerin aus Kaer Morhen fragte sich ja, wie man als solch ein Mensch, der die Welt in ‘Weiß’ und ‘Schwarz’ unterteilte und alles ‘Schwarze’ tot sehen wollte, ein gutes Gewissen haben konnte. Es war widerlich. Und hätten die Koneckis gewusst wen oder was ihr Besuch darstellte, hätten sie erneut laut herumgeschrien: Eine Alchemistin und Wirkerin von niederer Magie und ein Mann, der Stimmen hörte und wahre Begebenheiten träumte. Doch genau diese Gedanken schob Anna jetzt beiseite und räusperte sich, um sich dem misstrauischen Ehepaar gegenüber zu erklären.

“Ihr habt eure Nachbarin, Linda Baran, dem Orden gemeldet.”, erinnerte sie kühl “Daher hätten wir ein paar Fragen.”

“Hm? Fragen?”, wollte die alte Frau wissen und der Zweifel in ihrem Blick wich nicht.

“Wir reden nicht mit Fremden!”, brummte Herr Konecki sofort und winkte genervt ab.

“Wir arbeiten für den Orden.”, sagte die Giftmischerin hastig “Wie ihr vermutlich wisst, ist die Paktiererin geflohen und wir haben den Auftrag sie zu finden und zu fangen.”

Nun horchten die Alten auf. Rist’s Miene war ziemlich finster geworden. Auch er hätte diesen Narren wohl am liebsten etwas erzählt, doch riss sich zusammen.

“Das stimmt. Sie haben den Vater erwischt, doch die Töchter sind fort.”, erklärte Frau Konecki nun und Anna zog die Brauen prüfend zusammen. Sie verschränkte die Arme abwartend vor der Brust.

“Ich habe gesehen, wie sie den alten Phil festgenommen haben. Es war vor drei Tagen und mitten in der Nacht.”, berichtete die Alte, die scheinbar nichts Besseres zu tun hatte, als ihre Nachbarn zu beobachten, geschäftig “Ich habe geglaubt, dass sie die Mädchen auch mitnehmen, doch man hat sie nicht gefunden. Eine Schande.”

“Ihr meint Linda und…?”, fragte Anna nach und betrachtete die Schrulle vor sich. Sie hatte Mühe damit jene nicht absolut abschätzend anzusehen, denn sie verabscheute Menschen wie sie.

“Na, Linda und Mia.”, klärte die alte Frau auf und die jüngere Trankmischerin bemerkte, wie Rist, der neben ihr verweilte, unruhiger wurde.

“Wie kam es dazu, dass Ihr sie überhaupt gemeldet habt?”, wollte der Skelliger jetzt wissen und übernahm damit die Befragung der Alten. Ganz bewusst baten weder er noch Anna darum ins Haus kommen dürften. Sie beide hatten nämlich wenig Lust darauf als Gäste der verhassten Korneckis zu gelten. Und auch jene wollten die Fremden nicht einlassen, so schien es. Als verfolgten sie das Klischee der verbohrten, kleingeistigen Dörfler, die Angst vor allem Neuem haben, blieben sie nur zwischen Tür und Angel stehen und sahen zwischen den vermeintlichen Handlangern Menges hin und her.

“Na, Mia galt als Lehrerin dunkler Künste. Als sie vor Kurzem kam, um ihre Familie zu besuchen, musste die Ewige Flamme davon wissen. In Novigrad werden keine Magier mehr geduldet, denn sie sind schuld an dem Fluch, der auf dieser Welt liegt.”, schnarrte die Alte und Anna nahm einfach an, dass jene mit dem ‘Fluch’ das meinte, das die Sphärenkonjunktion ausgelöst hatte; Diese magische Katastrophe hatte dafür gesorgt, dass Monster zum ersten Mal in diese Welt treten konnten. Die Hexerstochter verkniff sich einen blöden Kommentar und ließ Hjaldrist reden.

“Hatten die Frauen Freunde?”, hakte der Schönling nach und überging damit jegliche Gerüchte um Mia Baran.

“Freunde?”, wollte Frau Konecki wissen “Hm… ja, jetzt, wo ihr nachfragt…”

Rist sah die Alte erwartungsvoll an. Anna taxierte ihn wartend von der Seite aus.

“Linda hatte einen Geliebten. Er gehörte zum Wanderzirkus, der oft vor der Stadt Halt macht. Das ist nun aber schon ein Jahr her.”, erzählte die Frau weiter “Nachdem der Zirkus weiterzog, habe ich nie wieder gesehen, wie dieser Kerl hierher kommt, um sie zu besuchen. Dabei habe ich gehört, dass diese bunten Anderlinge gerade wieder vor Ort sind.”

Hjaldrist’s Miene lichtete sich ein Stück und auch seine beste Freundin horchte sogleich auf.

“Was ist mit dem Vater der Frauen passiert?”, fragte Anna bei der Gelegenheit noch dazwischen.

“Man hat ihn festgenommen.”, wiederholte sich die Alte “Aber gebrannt hat er noch nicht. Müsstet ihr das denn nicht wissen?”

“Es werden jeden Tag Leute in den Kerker geworfen. Den Überblick darüber zu behalten, ist nicht einfach.”, redete sich die Kurzhaarige schlagfertig heraus. Die Misstrauische vor ihr musterte sie daraufhin forschend, nickte dann aber.

“Hm. Novigrad ist groß.”, bestätigte die alte Frau und der Mann in ihrem Rücken wandte sich endlich kopfschüttelnd ab, um weiter seinem alltäglichen Tun nachzugehen und die unerwünschten Besucher vor der Tür zu ignorieren.

“Das ist wahr.”, meinte Anna trocken “Naja… jedenfalls vielen Dank für die Hilfe.”

“Auf Wiedersehen.”, stimmte auch Rist ein und wandte sich zum Gehen.

“Ich hoffe, ihr schnappt die Hexe.”, rief die Betagte den Jüngeren Augenblicke später noch nach “Möge die Ewige Flamme euch leiten!”

“Fick dich…”, murmelte die verstimmte Anna als leise Antwort vor sich hin, als sie den Platz der Färber verließ und auch Rist entkam ein entnervter Laut.

“Diese Leute sind wirklich unglaublich…”, brummte der Mann und sein Ausdruck passte zu seinen Worten. Seine Freundin stimmte ihm zu, zuckte dann aber die Achseln.

“Immerhin haben wir nun einen Anhaltspunkt.”, erwähnte die Kriegerin und lächelte schmal “Nämlich den Zirkus. Die dumme Schrulle meinte, er sei just wieder in der Gegend. Bestimmt ist auch Linda’s ehemaliger Geliebter dabei. Wir befragen ihn einfach und wer weiß? Vielleicht hat sich Linda mit etwas Glück ja auch unter den Artisten versteckt.”

“Mh, ja, das kann sein.”, nickte Hjaldrist und fing den Blick seiner Kollegin mit einem Funken Erleichterung im Gesicht auf “Gehen wir nachsehen!”

 

Es dauerte keine Stunde, da hatten die Abenteurer den lustigen Wanderzirkus ausfindig gemacht. Er lagerte nicht weit von den Südlichen Toren auf einer Wiese der Außenbezirke. Bunte Girlanden mit daran befestigten Laternen waren hier von Zelt zu Zelt gespannt worden und manche der Artisten tummelten sich gar inmitten der ärmeren Bevölkerung vor Novigrad. Nicht nur Menschen in farbenfroher Kleidung, mit Masken und viel Schminke waren zu sehen, sondern auch einige Elfen. Zwei Halblinge übten gerade das Jonglieren, als Anna und Hjaldrist auf den kleinen Platz kamen und sich neugierig umsahen. Besonders die Frau im Bunde wirkte begeistert, denn schließlich liebte sie das Theater und alle möglichen Unterhaltungen, die im Entfernten damit zu tun hatten. Ein Feuerspucker blies unweit Flammen in die Luft und deren Hitze war mehrere Fuß weit zu spüren. Die Hexerstochter sah sich mit großen Augen nach dem Künstler um, der ihr schief zulächelte und seine Fackel sinken ließ. Rist stieß ihr leicht in die Seite, um sie zu ermahnen.

“Stolper nicht so rum wie ein staunendes Kind.”, schmunzelte der Axtkämpfer leise “Wir sollten ein wenig professionell rüberkommen, findest du nicht?”

“Hä?”, machte Anna und rümpfte pikiert die Nase “Ich mach doch gar nichts.”

Rist schenkte ihr einen hintergründigen, gespielt abfälligen Blick, doch sagte nichts weiter. Es schien ihn ja doch mehr zu amüsieren, dass sich Anna über den Zirkus freute, als dass er ihr deswegen böse sein konnte. Und nun ja… schlussendlich wären die Gaukler am Platz doch sicherlich auch sehr locker und offenherzig. Es wäre schon kein Problem, wenn die Alchemistin, die sich gerade noch begeistert umsah, gleich neben ihrem Begleiter stehen würde, der eine ernste Miene aufsetzte und nach Linda Baran fragte.

“Wen sollen wir ansprechen?”, seufzte Hjaldrist unschlüssig.

“Irgendwen.”, meinte die Novigraderin leichthin “Also irgendwen, der so aussieht, als gehöre er zum-”

Weiter kam die kurzhaarige Frau mit der Fuchssträhne nicht, denn der Feuerspucker von gerade eben hatte sich genähert und sprach die Abenteurer direkt an.

“Kann man euch helfen?”, fragte der Mann mit den halblangen, braunen Haaren. Für einen Menschen war er relativ zierlich und wenn man genauer hinsah, liefen seine Ohren einen kleinen Deut weit spitz zu. War er ein Mischling? So wie Hjaldrist?

“Ihr wandert hier so orientierungslos herum.”, bemerkte der Artist in der rot-gelb gestreiften Pluderhose und trat näher. Dabei fiel es auf, dass er die teuren Waffen der Besucher äußerst skeptisch beäugte.

“Wir suchen jemanden.”, gab Rist zu und der ansehnliche Halbelf vor ihm sah überrascht auf. Er kräuselte die schmalen Brauen und gab einen kritischen Ton von sich.

“Wen?”, wollte der leicht bekleidete Feuerspucker wissen. Er ließ seine Fackel nun ganz sinken, steckte sie in die feuchte Erde und stocherte etwas im Gras herum, ehe die Flammen erloschen. Es roch nach Wachs und Rauch.

“Eine Frau aus dem Färberviertel…”, eröffnete der anwesende Skelliger und zögerte dabei, als wüsste er nicht so recht, was er von seinem großen Plan preisgeben könnte. Er besah den Künstler bei sich abwägend.

“Hm?”, machte jener gleich und wischte sich etwas Ruß von der Wange “Und warum?”

“Naja…”, antwortete Rist und warf einen kurzen, fragenden Blick gen Anna. Die Frau nickte schwach, dann richtete der dunkelhaarige Undviker die Aufmerksamkeit auf den Halbelf zurück.

“Die Angelegenheit ist kompliziert, hat aber nichts mit den Leuten zu tun, die sie verfolgen. Wir wollen nur mit ihr sprechen.”, klärte Hjaldrist jetzt und der Braunhaarige vor ihm stemmte sich die Hand in die Seite. Er musterte zuerst den Skelliger, dann dessen Begleiterin eingehend.

Sie schwiegen eine kurze Zeit lange.

“Ich habe solch ein Medaillon schon einmal gesehen.”, sagte der Halbelf dann auf einmal, als er von Anna aufsah “Der, der es trug, half uns. Und trotzdem kann ich euch nicht gleich trauen. Die Zeiten sind gefährlich.”

“Also ist Linda hier.”, stellte der kluge Rist fest. Er hatte sich noch nie schwer dabei getan Andere zu durchschauen.

“Vielleicht.”, lächelte der Feuerschlucker falsch “Vielleicht auch nicht.”

“Albion!”, rief nun eine Frau, die nicht weit entfernt vor einer Feuerstelle saß und in einem großen, dampfenden Kessel herum rührte “Was wollen die?”

Der Halbelf blickte auf und zu der Dame mit der bunten Gesichtsbemalung hin. Sie trug eine Tunika, die aus farbenfrohen Flicken bestand, eine enge Hose und ulkige Schnabelstiefel. Ihre langen, kastanienbraunen Haare hatte sie zu einem Dutt gebunden und sie wirkte nicht viel älter als dreißig. Dies konnte aber auch trügen, denn ihr Gesicht blieb unter einer dicken Farbschicht verborgen. Die Frau wirkte besorgt, als sie sich mit ihrer Schöpfkelle in der Hand erhob.

“Vielleicht suchen sie Ärger.”, entgegnete Albion “Vielleicht auch nicht.”

Anna runzelte die Stirn und schwieg weiterhin. Rist verschränkte die Arme vor der Brust und verzog die Lippen unzufrieden.

“VIELLEICHT brauchen wir auch einfach nur Hilfe.”, setzte der brummige Skelliger die Ansprache des Feuerspuckers etwas patzig fort. Er hatte keine Lust auf blöde Spielchen und sah nicht zu der Frau mit dem Dutt hin, als auch jene näherkam, um die Fremden zu taxieren. Sie nahm ihre Kelle dabei mit, als fungierte jene wie eine Waffe. Oh, bei Melitele. Was wollte das Farbengesicht denn tun? Anna und Rist mit dem Kochwerkzeug verhauen, sollten jene zu feindselig erscheinen?

“Hilfe?”, mischte sich die besagte Dame ein und Suppenreste tropften von ihrer geschmiedeten Schöpfkelle “Wobei?”

“Sie suchen Linda.”, erleuchtete Albion die Frau, die sofort etwas wacher aussah. Verblüfft sah sie zwischen den Anwesenden hin und her.

“Warum?”, fragte nun auch sie schnell.

“Weil wir dringend mit ihr reden müssen.”, sagte Anna etwas entnervt “Wir suchen ihre Schwester. Die Professorin aus Oxenfurt.”

Farbengesicht betrachtete die Kurzhaarige auf diese Worte hin nachdenklich.

“Worüber wollt ihr denn mit der reden?”, kam es erneut und Hjaldrist atmete tief aus. Es schien ihm nicht zu behagen die starrenden Zirkuskünstler über seinen Zustand aufzuklären. Der Mann wollte Kontakt zur Träumerin Mia haben und nicht alle Umherstehenden in die Tatsache einweihen, dass er aus gutem Grund glaubte Telepath zu sein.

“Es geht um Mia’s Studien über Träume und dergleichen.”, meinte Anna und das war nicht einmal gelogen “Wir haben dahingehend ein gewaltiges Problem und suchen Rat. Wir waren schon in Oxenfurt, haben sie dort jedoch nicht angetroffen. Also hat man uns hierher geschickt, weil es hieß, sie besuche ihre Familie.”

“Blöderweise hat die Ewige Flamme die besagte Familie aber ziemlich… zerrüttet.”, ergänzte Rist noch wenig begeistert. Seine Miene war hart.

“Der Orden zerstört momentan nicht nur Familien.”, sagte Albion missmutig und dessen schlanke Kollegin nickte zustimmend “Auch wir hatten schon Probleme mit diesen Leuten.”

Anna und Hjaldrist sagten daraufhin nichts, sondern starrten die Artisten nur weiter voller Erwartung an. Dies führte dazu, dass alle vier nurmehr schwiegen und sich zwischen ihnen eine äußerst unangenehme Stille auftat. So kämen sie jedenfalls nicht weiter. Ein klein wenig hilfesuchend linste Anna zu ihrem besten Freund hin.

Die Hilfe kam am Ende aber nicht von ihm, sondern von einer weiteren Frau, die an die kleine Gruppe herantrat. Sie war soeben aus einem der vielen Zelte gekommen und hielt einen angebissenen Apfel in ihrer Rechten. Die Elfe mit den kurzen, brünetten Haaren wirkte erstaunt, als sie die Abenteurer erblickte. Denn es war nicht das erste Mal, dass sie sie sah.

“Oh.”, konnte man sie sagen hören und alle sahen sich zu ihr um. Anna stutzte, als sie die Dame als die Elfenfrau erkannte, die sie vor wenigen Tagen im ‘Rosmarin und Thymian’ angetroffen hatten. Es war die, die sie halbtrunken auf Batist-Unterhöschen angesprochen hatte. Oh, wie peinlich…

Die Elfe lächelte freundlich und auch Hjaldrist hielt wirr inne.

“Anna und ihr Freund aus Skellige, dessen Namen man sich schwer merken kann.”, erkannte die Elfe mit dem Apfel. Auch Albion und Farbengesicht muteten perplex an.

“Du kennst sie?”, wollte letzteres wissen und die Angesprochene nickte.

“Ich habe sie vor Kurzem in Rittersporn’s Etablissement getroffen.”, erzählte sie und musste bei der Erinnerung leise lachen “Wobei ich sie gerade fast nicht erkannt hätte. Ja, meine Güte, im ‘Rosmarin und Thymian’ sahen sie noch so gewöhnlich aus.”

Anna lächelte etwas unwohl, während Hjaldrist wieder neuen Mut zu schöpfen schien.

“Sie suchen Linda.”, eröffnete Albion gleich und die Elfe hob die Brauen, als sie noch einmal von ihrem Obststück abbiss.

“Na, dann holt sie doch.”, meinte sie leger und schien keinerlei Bedenken zu haben. War dem so, weil Anna letztens, im Gasthaus von Rittersporn, auf den religiösen Orden geschimpft hatte, der die große Stadt momentan auf den Kopf stellte? Ja, das musste es sein.

Der Feuerschlucker tauschte Blicke mit der Elfe und Farbengesicht aus, dann nickte er zögerlich. Er fasste die Besucher wieder ins Auge, holte Luft und deutete ihnen an, dass sie doch bitte mit ihm kommen sollten.

“Kommt.”, machte er dabei und Anna musste froh lächeln. Auch Hjaldrist zeigte sich beachtlich erleichtert und setzte sich sofort eilig in Bewegung, als Albion voranschritt.

Momente später hielten sie dann schon vor einem grün-weißen Zelt aus schwerem Segeltuch. Der Halbelf bei Rist und Anna schob dessen Eingangsplane zur Seite, um vorsichtig in die ‘Behausung’ hinein lugen zu können.

“Ah. Linda. Du hast Besuch.”, meinte er verschwörerisch.

“Hmm?”, machte eine Frauenstimme “Dann lass ihn doch herein.”

Als die unruhigen Abenteurer folglich in das Zelt traten, das recht spartanisch und dennoch hübsch eingerichtet war, erblickten sie eine Frau mittleren Alters. Sie trug ein schlichtes Kleid und Blumen im geflochtenen, blonden Haar. Sie war so auffallend geschminkt, dass man erkannte, dass sie sich als Zirkuskünstlerin ausgeben musste, um sich erfolgreich vor der Ewigen Flamme zu verstecken. Auf dem Beistelltischchen vor ihr lag eine bunte Maske, die sie vermutlich außerhalb ihres Zeltes trug. Abwartend sah die auf ihrer Schlafstätte Sitzende auf. Es roch angenehm nach Lavendel und Orange. Positiv überrascht blinzelte Anna und wunderte sich darüber, wie gemütlich man ein Dreimann-Zelt gestalten konnte. Sie würde dahingehend mal mit Rist reden müssen. Denn wenn sie beide ihr Zelt behelfsmäßig aufschlagen mussten, sah es darin einfach immer nur sehr chaotisch aus. Alles Mögliche lag dabei durcheinander: Waffen neben Fellen, auf denen man schlief; Proviant neben Rucksäcken, an denen oft blutige Trophäen hingen; Kleidung kreuz und quer. Es war alles andere als einladend. Das Zelt der Zirkuskünstler hier war aber wunderschön.

“Hallo.”, machte Linda “Ihr könnt euch setzen, wenn ihr wollt.”

“Äh, danke.”, entkam es der überrumpelten Hexerstochter “Und hallo.”

Auch Hjaldrist nickte zum Gruß und übernahm wieder das Reden, als er sich mit Anna auf eine der bezogenen Strohmatten setzte, die man hier zum Schlafen ausgelegt hatte. Farbenfrohe Kissen zierten das Bild.

“Wir waren in Oxenfurt und haben nach deiner Schwester gesucht.”, erwähnte Rist sogleich, denn er war niemand, der viel um den heißen Brei herum redete “Man hat uns gesagt, sie sei in Novigrad… und wir hatten gehofft, dass du uns helfen kannst.”

“Hmm.”, machte die Blondine, die da ruhig saß “Ihr kommt also nicht vom Orden? Oder muss ich mich darauf vorbereiten, dass gleich fünf gerüstete Männer mein Zelt stürmen, um mich festzunehmen?”

Rist schnaubte erheitert und schüttelte den Kopf.

“Ich gebe zu: Wir haben vorgegeben für die Ewige Flamme arbeiten zu wollen, um an Informationen des Verbleibs Mias zu kommen. Sie schien in den Gesuchen aber nicht auf, sondern du.”, erklärte der Skelliger offen, während seine Freundin schwieg und nickte “Nur deswegen sind wir nun hier. Andernfalls hätten wir dich wohl nie ausfindig gemacht.”

“Verstehe…”, machte Linda grüblerisch und musste wehleidig seufzen “Und nun wollt ihr mich fragen, wo meine Schwester ist.”

“Richtig.”, bestätigte der Inselbewohner und sah die Blonde hoffnungsvoll an “Wir müssen dringend mit ihr sprechen. Wegen ihren Forschungen in der Akademie und ihrer Gabe.”

“Welche Gabe meint ihr?”, fragte die mit den Blumen im Haar dünn, als wolle sie die Besucher prüfen.

“Ein Bekannter von uns, Professor Hans Lund, erzählte, sie habe auf der Uni Vorträge über Träumer und Telepathie gehalten.”, warf Anna, die bisher geschwiegen hatte, wissend ein “Und wir brauchen dringend Hilfe auf dem Gebiet.”

“Mhm, dann macht es Sinn, dass ihr sie sucht.”, sinnierte die Menschenfrau und legte die Stirn gedankenverloren in Falten.

“Also… weißt du, wo sie ist?”, hakte Hjaldrist etwas ungeduldig nach und brachte Linda damit dazu leise zu lachen.

“Ja.”, bestätigte die Langhaarige und lächelte sanftmütig “Sie ist hier bei uns. Sie kommt aber erst in ein paar Stunden wieder.”

Rist schien sein Glück gerade nicht fassen zu können, denn zum ersten Mal seit einer sehr langen Zeit strahlte er wahrhaftig. Auch Anna machte große Augen und freute sich, rempelte ihren Freund leicht von der Seite aus an und warf ihm einen triumphierenden Blick zu.

“Wir warten einfach auf sie.”, beschloss die Alchemistin bestimmend und ihr Kumpel pflichtete ihr glücklich bei. Dann schielte Anna zu Linda zurück.

“Also, wenn wir dürfen.”, beendete sie ihren vorigen Satz.

“Natürlich.”, meinte die hübsche Blondine nett “Setzt euch solange doch mit ans Feuer und probiert von unserer Hühnersuppe. Albion trainiert seine Künste heute. Die Unterhaltung wird euch während des Wartens also nicht ausgehen.”

Mit Schüsseln voller Suppe mit deftiger Fleischeinlage und einer kostenlosen Feuerschau vor den Nasen saßen die Abenteurer dann also mit Linda, Farbengesicht und der Elfe aus dem ‘Rosmarin und Thymian’ am Lagerfeuer. Letztere hatte sich als ‘Honigstimme’ vorgestellt, was ihre Aufgabe innerhalb des Wanderzirkusses beschrieb: Sie sang. Zu den beiden Reisenden, Honigstimme und Farbengesicht hatten sich noch die beiden Halblinge, die vorhin das Jonglieren geübt hatten, gesellt. Sie hießen Frobert und Igold und waren zwei recht ulkige Gesellen, die alle Nase lang mit schmerzhaft flachen Witzen brillierten. Anna mochte sie. Und sie staune, als Albion wieder dazu ansetzte eine klare, entflammbare Flüssigkeit gegen seine erhobene Fackel zu spucken und damit für eine Feuerfontäne zu sorgen, die den halben Platz in Wärme tauchte. Verdutzt sah sie dann dabei zu, wie sich der Mann die besagte Fackel in den Mund steckte und seine orangen Flammen damit erlöschen ließ. Der Halbelf grinste breit, als er sich daraufhin tief und theatralisch verbeugte und seine Freunde für ihn applaudierten und jubelten. Als sein Testlauf für die neue Brennflüssigkeit, die er sich gestern geleistet hatte, vorüber war, kam er ebenso mit ans Lagerfeuer und ließ sich eine große Portion Suppe in eine hölzerne Schale schöpfen.

“Du hast wirklich Talent!”, lobte Anna den Braunhaarigen “Und ich hätte da eine Idee für dich.”

“Danke, Liebes.”, zwinkerte der ansehnliche Artist und betrachtete die Giftmischerin dann fragend “Welche Idee?”

“Ich habe Pulver, das Flammen bunt einfärbt.”, erzählte sie “Ladet uns doch zu einer eurer Zirkusvorstellungen ein und ich gebe dir etwas davon.”

Nun wurde der Kerl in der Streifenhose hellhörig und Neugierde schlich sich auf sein weibisches Gesicht.

“Pulver, das Feuer färbt?”, wollte er wissen “Bist du eine Alchemistin?”

Die Hexerstochter nickte und bemerkte nicht, wie Honigstimme und Farbengesicht eigenartige Blicke austauschten.

“Hm. Das klingt großartig!”, lächelte Albion dann sofort begeistert und schlug die Handflächen aufeinander “Das Angebot nehme ich gerne an.”

Auch die Schwertkämpferin schmunzelte froh, als sie den letzten Rest ihrer Suppe auslöffelte und die geliehene Schüssel an Farbengesicht zurückgab.

“Farbiges Feuer, das will ich sehen!”, meinte Frobert und Igold nickte heftig “Hole das Pulver doch. Bis du wieder hier bist, ist auch Mia zurück.”

Anna setzte eine grüblerische Miene auf.

“Das könnte ich tatsächlich tun. Bis zur Taverne ist es nicht allzu weit.”, meinte sie.

“Na dann, chop chop.”, lachte der Feuerspucker der Bande und klatschte in die Hände. Die Giftmischerin musste schief grinsen. Dann ging sie aber tatsächlich los, anstatt weiter untätig auf Mia zu warten. Hjaldrist begleitete sie natürlich.

 

Kurz nach Mittag kamen die beiden Abenteurer wieder zum Wanderzirkus zurück und fanden Albion, Honigstimme und Farbengesicht dort nahe dem gemeinsamen Lagerfeuer vor. Sie sahen sofort auf, als Rist und Anna auf sie zu kamen. Und auf eine erleichterte Art und Weise betrachteten sie die beiden.

“Hier.”, machte die Hexerstochter in der gestreiften Jacke, als sie dem Zirkushalbelfen ein kleines Säckchen zuwarf und er jenes daraufhin sofort interessiert öffnete “Geh sparsam damit um. Es reicht nur ein kleines Bisschen, um Feuer damit einzufärben.”

“Danke!”, staunte der begeisterte Künstler und erhob sich gleich, um probehalber ein paar Prisen des chemischen Pulvers in das Lagerfeuer zu werfen, über dem noch der Suppenkessel blubberte. Mittlerweile war der fast leer gegessen. Lila und grünliche Flammen umzüngelten das Kochgefäß sogleich und alle Anwesenden beobachteten dies fasziniert.

“Ha”, machte Farbengesicht und sah zu Honigstimme hin “Siehst du? Ich wusste es doch.”

Letztere nickte und ihre Miene nahm etwas Weiches an, entspannte sich sehr. Anna verwirrte dies dezent. Hatten die beiden Frauen etwa geglaubt, sie lüge, als sie vorgab Trankmischerin zu sein?

Und während die Damen die farbig tanzenden Flammen beobachteten, setzte sich Rist wieder zu der kleinen Runde.

“Ist Mia mittlerweile hier…?”, fragte er nach.

“Ja.”, sagte Honigstimme und der Skelliger blinzelte nervös. Er hob den Kopf, um sich suchend umzusehen.

“Sie sitzt vor dir.”, meinte die Elfe und riss die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich zurück. Er stutzte heftig und wusste nicht, was sagen. Auch Anna fiel alles aus dem ungläubigen Gesicht.

“Was?”, atmete die Monsterjägerin “Wie jetzt?”

“Ich bin Mia.”, erklärte die, die sie vor nicht allzu langer Zeit in Rittersporn’s Kneipe angetroffen hatten und lächelte leicht. Hjaldrist sah sie völlig zerfahren an und klaubte nach Worten.

“Tut mir leid, dass wir euch beide etwas in die Irre geführt haben… aber wir müssen vorsichtig sein.”, erklärte die spitzohrige Frau “Ich habe euer Gespräch mit unserer falschen Linda mit angehört. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich euch trauen kann. Als ihr dann losgezogen seid, um alchemistisches Pulver für Albion zu holen, und NICHT mit Leuten des Ordens zurückgekommen seid, wusste ich, dass ihr nicht lügt.”

Anna standen die trockenen Lippen einen überwältigten Spalt weit offen.

“‘Falsche Linda’?”, wiederholte sie verdutzt und Mia lachte betreten.

“Die, mit der ihr gesprochen habt, ist Aya Goldlocke und nicht mit mir verwandt. Die wahre Linda ist hier…”, klärte die Träumerin auf und deutete auf Farbengesicht. Auch die besagte Frau mit dem Dutt, die heute für alle gekocht hatte, musste unwohl lächeln und knetete sich die fahrigen Hände. Sie war also Linda? Oh Mann! Man hatte die Abenteurer ja ganz schön reingelegt. Doch die Hexerstochter musste zugeben, dass sie den hier versammelten gar nicht böse sein konnte oder wollte… denn die Kriegerin hätte vermutlich genauso gehandelt wie sie.

 

*

 

Hjaldrist war selten sprachlos, doch gerade, da hatte man es geschafft, dass er verblüfft dastand und nicht wusste, was er sagen sollte. Seine dunklen Augen hingen auf der lächelnden Honigstimme, die sich gerade als Mia Baran vorgestellt hatte. Planlos hatten Anna und er nach dieser Dame gesucht und dabei hatten sie sie doch schon vor Tagen im ‘Rosmarin und Thymian’ getroffen. Sie war quasi die ganze Zeit hier gewesen und sie hatten es nicht bemerkt. Der Mann in der grünen Tunika blinzelte wirr und sah auch noch einmal zu Linda hin, die ihr Gesicht bunt bemalt hatte, damit man sie nicht erkannte. Nach wie vor etwas betreten erwiderte sie seinen Blick, dann musste sie leise lachen.

“Ihr wisst es wirklich euch zu verstecken, das muss man euch lassen…”, kommentierte Anna die Lage perplex und brach damit das eigenartige Schweigen.

“Wie gesagt… die Zeiten sind gefährlich.”, nickte Mia. Dann deutete sie auf den Platz neben sich, denn die Schwertkämpferin in der rot-schwarzen Jacke stand noch immer, während ihr älterer Kumpan längst saß. Zögerlich kam die Novigraderin heran und gesellte sich zu der Runde.

“Also. Was wollt ihr genau mit mir besprechen?”, fragte die Elfe aus Oxenfurt nun und sah erwartungsvoll zwischen Anna und Hjaldrist hin und her. Skeptisch linste der Mann daraufhin zu Farbengesicht und Albion, die mit am Feuer saßen und neugierig wirkten. Er kannte sie kaum. Und er wollte vor ihnen nicht über das sprechen, das ihn seit einer Ewigkeit so sehr plagte. Gut, dass der anwesenden Hexerstochter eine Frage in den Sinn kam, die sie stellte, anstatt ihrem Freund die Worte aus dem Mund zu nehmen und über das Träumen zu sprechen.

“Farbengesicht-... ich meine… Linda ist keine Elfe.”, erkannte Anna richtig und die Besagte horchte auf. Die Frau mit dem Dutt schmunzelte und Mia lächelte bedeutsam.

“Das ist richtig.”, stimmte die Träumerin zu “Das ist sie nicht.”

“Ich dachte, ihr seid Schwestern…”, bemerkte die Monsterjägerin.

“Das sind wir auch, wenngleich wir nicht blutsverwandt sind.”, klärte Mia auf “Unser Vater holte mich von der Straße, als ich noch klein war. Er adoptierte mich, denn meine leiblichen Eltern starben in der Gosse. Linda war für mich also immer wie eine große Schwester.”

“Oh…”, machte Anna nun etwas gedämpft und betrachtete die beiden ungleichen Frauen verlegen. Hjaldrist hob verwundert die Brauen. Elfen hatten hier, wie in so vielen anderen Gegenden auch und im Gegensatz zu Menschen, kaum Wert. Mia’s Ziehvater musste ein beachtlich liebenswerter Mann sein, wenn er ein kleines Mädchen mit spitzen Ohren von der Straße gerettet hatte.

“Schon gut.”, machte die Träumerin, die die Hände dem Feuer entgegenstreckte, um jene zu wärmen “Ich kann mich kaum an meine wahren Eltern erinnern.”

Und dennoch blieb einem dahingehend ein flaues Magengefühl zurück. Denn die zwei Abenteurer wussten, dass die Ewige Flamme den Vater von Linda und Mia festgenommen hatte. Und sie wussten auch, was die religiösen Spinner noch mit jenem anstellen würden. Man würde ihn auf den großen Marktplatz Novigrads treten, ihm die Kleider vom Leib reißen und es zulassen, dass man ihn mit faulem Obst bewarf. Anprangern und beschuldigen würde man ihn. Und dann würde er brennen und seine Todesschreie würden durch die Straßen der Stadt gellen.

“Aber wie auch immer… wobei kann ich euch nun helfen?”, wollte die kurzhaarige Elfe wissen und beäugte Anna abwartend. Jene nickte in Hjaldrist’s Richtung.

“Ich denke, das solltest du mit ihm besprechen.”, sagte die wissende Kriegerin und warf ihrem besten Freund einen vielsagenden Blick zu. Augenblicklich spürte der konfrontierte Skelliger, wie er etwas nervös wurde. Seine Hände waren kalt und feucht und ihm wurde am Rande etwas übel. Dennoch lächelte er gezwungen.

“Mhm.”, machte Mia, die verstand, dass der Jüngere nicht erpicht darauf war hier, vor allen anderen, zu reden “Sollen wir ein Stück gehen?”

Hjaldrist erleichterte dieser nette Vorschlag und er nickte gleich, erhob sich zögerlich. Dabei linste er auch einmal gen Anna, doch die hübsche Frau blieb sitzen und lächelte ihm nur aufmunternd zu. Die knappe Geste war wie ein stummes ‘Redet nur unter vier Augen miteinander’ und es war gut so.

 

Erst, als sich der fahrige Hjaldrist und die interessierte Mia ein Stück weit von den bunten Zelten entfernt hatten und am ruhigen Wasser vor Novigrad entlang spazierten, sprach die Elfe ihren Begleiter abermals auf dessen ‘Problem’ an. Von der Seite aus sah sie zu ihm, wirkte ruhig. Irgendwo in der Ferne warf ein Fischer seine Angel schnalzend aus und es roch nach Salzwasser und Tang.

“Also, wobei kann ich helfen?”, wollte die schmale Frau endlich wissen. Der Undviker neben ihr atmete tief durch. Dann setzte er zum Reden an.

“Ich träume… Dinge. Und höre leise Stimmen.”, gab er mit gesenkter Stimme zu und sah dem schmalen Weg vor sich entgegen. Seine Worte verließen seine Lippen nur zögerlich und schmeckten schal in seinem Mund. Verwunderlich, wie schwer es ihm fiel über sein Problem zu sprechen, wenn er nicht Anna, sondern eine andere Person vor sich hatte. 

Mia zeigte sich ehrlich überrascht.

“Tatsächlich?”, fragte sie sofort “Was träumst du genau?”

“Naja…”, Hjaldrist zog die Brauen zusammen und sah angestrengt nachdenklich vor sich hin “Bisher waren es nur Träume, die mir ganz verschwommen und abstrakt die Zukunft gezeigt haben. Zweimal haben sie sich schon bewahrheitet.”

Die kurzhaarige Elfe, die neben dem Mann her ging, beäugte jenen skeptisch.

“In welchem Zusammenhang passiert das denn?”, hakte sie nach und der Skelliger mit dem fellbesetzten Schulterüberwurf verstand nicht so recht. Dementsprechend suchte er verwirrt Blickkontakt.

“Wie?”, wollte er lasch wissen.

“Kannst du die Träume von dir aus herbeiführen?”, fragte Mia “Was muss passieren, damit du sie hast?”

“Äh…”, entkam es Hjaldrist ratlos “Nichts. Also… ich gehe einfach schlafen und dann kommen sie.”

Die schlanke Spitzohrige staunte auf diese aufrichtigen Worte hin und der Mann bei ihr wusste nicht, wie er diese unerwartete Reaktion deuten sollte. Verunsicherung beutelte ihn und er wusste nicht, ob es nun gut war, dass Mia ihn so eindringlich forschend anstarrte, oder nicht. Unschlüssig wartete er ab und rieb sich den Nacken, sah fort.

“Sie kommen wie gewöhnliche Träume? Ohne, dass du dich dafür anstrengen musst?”, fragte die erfahrene Frau und der Inselbewohner nickte langsam.

“Das ist eine große Gabe, Rist.”, sagte sie dann ohne weitere Umschweife und mit Bewunderung im Ton, doch entlockte dem Angesprochenen damit nur ein entnervtes Brummen.

“Ich sehe es eher als Fluch.”, murrte er und Mia’s Gesicht nahm einen betreten-heiteren Ausdruck an.

“Das tust du nur, weil du es nicht kontrollieren kannst.”, berichtigte sie “Jeder Träumer, in welche Richtung er auch immer wirkt, ist überfordert, wenn er zum ersten Mal erfahren muss, dass er Zugang zur Magie hat.”

Hjaldrist runzelte die Stirn tief.

“Was meinst du?”, fragte er zweiflerisch und meinte damit nicht nur den Umstand, dass Mia ‘Richtungen des Träumens’ erwähnt hatte, sondern auch die Tatsache, dass sie ‘Gabe und Fluch’ direkt mit Magie in Verbindung brachte. Offenbar war die Thematik komplexer als erhofft. Kacke.

Die Professorin aus Oxenfurt lachte leise.

“Es ist nicht so, dass sich jeder Träumer einfach schlafen legt und dann die Zukunft sieht.”, erklärte sie “Es gibt verschiedene Arten des Träumens… mal sind sie schwächer, mal extremer. Einmal kann man sie lenken, ein anderes Mal nicht. Ich pflege immer zu sagen, dass es keinen Träumer gibt, der einem anderen ähnelt. Die Angelegenheit ist so vielfältig, dass ich die bloße Theorie darüber über mehrere Semester der Akademie lehren muss. Und auch dann geht es noch schlicht um ein etwas erweitertes Grundwissen.”

Hjaldrist entkam ein besiegter Laut und er fühlte, wie Enttäuschung gierig nach ihm fasste.

“Was heißt das nun für mich?”, fragte er mit einer dunklen Vorahnung in der Stimme.

“Nichts. Nur, dass man deine Gabe deuten muss und dann damit anfangen sollte zu lernen mit ihr umzugehen.”, sagte Mia ruhig “Es ist ein komplizierter Prozess, der sich über viele Jahre ziehen kann… je nachdem. Aber am Ende lohnt es sich wirklich. Es ist nämlich immer besser die Magie zu beherrschen, anstatt sich von ihr beherrschen zu lassen.”

“Ich bin kein Magier.”, warf der Undviker kritisch ein. Es gefiel ihm nicht recht, was Mia sagte. Er wollte nicht Jahre brauchen, um das Träumen zu meistern. Hjaldrist… wollte einfach nur, dass die Visionen aufhörten. Sie und diese beschissenen Stimmen in seinem Kopf.

“Das nicht. Aber du hättest Potenzial dazu einer zu werden, nehme ich an.”, lächelte die Elfe mit den hellbraunen Haaren “Jedenfalls ist jeder Träumer magiepotent. Seine Kräfte rühren daher.”

Auf diese Aussage hin schwieg der Krieger aus dem Westen eine kleine Weile lange und versuchte krampfhaft seine neuen, erschreckenden Erkenntnisse zu verdauen. Er brach das Schweigen erst, als ihm einfiel, wie verblüfft Mia ihn zuvor angesehen hatte, als er erklärt hatte, dass er seine unkontrollierten Zukunftsvisionen so erfuhr, wie man es mit gewöhnlichen Träumen tat. Jetzt, wo er sich an das überwältigte Starren der älteren Frau zurückerinnerte, beschlich ihn die Vermutung, dass er selbst in ihren Augen nicht ganz so gewöhnlich war. Und dies bereitete ihm Sorgen. Große Sorgen.

“...wie träumst du denn?”, fragte er also, um sich ein Bild seiner Lage machen zu können “Ich dachte, du tust es wie ich, aber nachdem du mich vorhin so komisch angesehen hast, bezweifle ich das.”

Mia lachte ertappt.

“Ich tue es tatsächlich nicht so wie du, das ist richtig.”, gab sie zu “Aber ähnlich.”

“Wie ähnlich?”

“Ich kann Geschichten von Gegenständen und Menschen träumen. Das tue ich aber nicht im normalen Schlaf, sondern in einer bewusst hervorgerufenen, gezwungenen Trance.”, sagte die Frau “Ich sehe dabei immer nur die Vergangenheit. Nie die Zukunft. Und das unterscheidet mich wohl von dir, Hjaldrist. Bei dir scheint dies alles wie von selbst zu funktionieren und das auch noch richtig und klar. Das ist bewundernswert.”

Unsicher darüber, was er davon halten sollte, betrachtete der Skelliger die kleinere Elfe.

“Und ich höre auch keine Stimmen. Über dieses Gebiet habe ich nur geforscht und Vorlesungen gehalten. Ich bin keine Telepathin, sondern nur eine einfache Oneiromantin mit einem Hang zu Vergangenem.”

“Eine was?”, schnaufte der arme Inselbewohner, der sich immer weniger auskannte. Die ganze Angelegenheit wollte ihn jetzt schon überfordern. Er war zutiefst verwirrt und vor den Kopf gestoßen.

“Das ist der wissenschaftliche Begriff für Leute, die Weissagungen über Träume tätigen können. Eine Sparte, der du wohl genauso unfreiwillig angehörst.”, meinte Mia geduldig “Es ist ein Überbegriff für magisch Talentierte, die man in der Gemeinsprache als ‘Träumer’ bezeichnet. Der Begriff spaltet sich wiederum in Unterkategorien der Oneiroskopie auf, denn meistens beherrscht man nur eine Art des Träumens gut. Nur sehr, sehr selten gibt es Oneiromanten, die in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gleichzeitig blicken können. Und das auch noch bewusst.”

Der planlose Skelliger, der der Elfe stumm zuhörte, sah wieder streng vor sich hin. Er verkniff sich ein tiefes Seufzen.

“...Kann man es irgendwie abstellen?”, fragte er dann auf einmal frustriert.

“Was?”, machte Mia überrascht.

“Ich will es nicht können. Ich will einfach nur normal sein.”, sprach Hjaldrist seine plagenden Gedanken laut aus “Ja, ich habe nicht einmal eine Ahnung, warum ich es kann und wo es herkommt. Ich hasse es.”

Die Begleiterin des Kriegers gab einen verständnisvoll-mitleidigen Laut von sich und dann sagte sie etwas, das den Tag - nein, vermutlich das Leben - des gequälten Mannes ruinierte:

“Nein. Man kann es nicht verlernen oder ignorieren.”, beteuerte die Braunhaarige bestimmend “Und vermutlich kannst du es, weil du Elfenblut in dir hast.”

Hjaldrist sah auf.

“Anna erzählte mir doch, dass deine Großmutter eine Elfe sei. Das heißt, dass in deinem Stammbaum Leute vorkommen, die ganz klar mit der alten Magie verbunden sein müssen. Äußerst wenige Menschen kommen mit Gaben auf die Welt. Doch bei Elfen kommt dies häufiger vor, wenngleich auch manchmal nur latent.”, sprach Mia und gestikulierte dabei etwas. Hjaldrist fiel es wie Schuppen von den Augen. Elfenblut? Natürlich.

“Aber… meine Geschwister sind normal.”, sagte er trotz allem leise vor sich hin, als hinge irgendeine vergebliche Hoffnung daran.

“Ja. Entweder dies oder das, was in ihnen schlummert, bricht später noch aus.”, stellte die gelehrte Professorin klar “Wie alt warst du, als es bei dir losging?”

“Das… ist vielleicht ein Jahr her.”, erinnerte sich der verstimmte Mann und sprach sehr trocken dabei. Er schluckte schwer.

“Siehst du.”, machte Mia und ihr Gesprächspartner verstummte abermals. Sein Magen fühlte sich verdreht an und nun, wo die stichelnde Nervosität nachgelassen hatte, fühlte er sich absolut ausgelaugt. So, wie nach einer durchgemachten Nacht. Seine Schultern waren auf einmal so schwer und hatte er sich zu Anfang noch auf eine Lösung seiner ‘Krankheit’ gefreut, glaubte er gerade vor einem riesigen, schwarzen Loch zu stehen. Hjaldrist hatte keine Ahnung was sagen oder was tun. Er kam sich unfassbar unbeholfen vor und dass Mia gesagt hatte, sie selbst höre keine Stimmen, machte dies nicht besser.

“Ich dachte… man könnte mir helfen.”, sagte der Dunkelhaarige und wirkte wie ein getretener Hund “Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Aber wenn es so weitergeht, wie bisher, weiß ich nicht, was ich anstelle. Manchmal halte ich es kaum noch aus.”

“Ach… Kopf hoch.”, ermunterte Mia gleich “Aller Anfang ist schwer… mir ging es auch einmal so. Und ich bin mir sehr sicher, dass du die Träume irgendwann kontrollieren kannst.”

“Und wie?”, fragte der Skelliger aufgelöst, als er nervlich fertig zu der zusammenzuckenden Elfe hin sah “Hilfst du mir?”

Es fühlte sich unglaublich schlecht an dies zu fragen und hier vor der Oxenfurter Lehrerin zu stehen, wie ein kleines Elend. Hjaldrist war sonst nicht so. Und abgesehen von seiner Schwachstelle namens Anna, die ihn in letzter Zeit regelmäßig durcheinanderbrachte, war er eigentlich ein gefasster, bewanderter Kerl mit einem starken Charakter. Nichts und niemand brachte ihn sonst aus dem Konzept. Jetzt aber, da kam er sich vor wie ein plärrendes, hilfesuchendes Kind. Und das behagte ihm ganz und gar nicht. Am liebsten hätte er sich gerade ein tiefes Loch gegraben und sich in jenes hineingesetzt.

“Ich? Dir helfen?”, wollte Mia unschlüssig wissen und wiegte den Kopf gründlich im Geiste abschätzend “Hm.”

Dann sagte sie einige grüblerische Momente lange gar nichts. Aus dem Augenwinkel sah der gespannt abwartende Hjaldrist zu ihr und beobachtete, wie sie sich gedankenverloren über das Kinn fuhr. Sie atmete einmal tief durch die Nase aus. Dann nickte sie jedoch. Ja, tatsächlich. Sie nickte! Die überschattete Miene des Undvikers rutschte in eine verwunderte Richtung, denn er hatte nicht mit solch einer kooperativen Reaktion gerechnet.

“Ich helfe.”, nickte die Kurzhaarige jetzt “Aber unter einer Bedingung.”

“Welche Bedingung?”, hakte der Axtkämpfer eilig nach und irgendwo in seinem Inneren fasste er wieder etwas mehr Mut. Dies, obwohl Mia ihn bloß in Sachen ‘Träumen’ unterrichten könnte und nur trockene Theorie über Telepathen kannte. Es war letztlich besser als nichts.

“Befreie meinen Vater.”, bat sie “Entreiße ihn der Ewigen Flamme und ich werde im Gegenzug für dich tun, was ich nur kann.”

Hjaldrist weitete die dunklen Augen, denn dieser Wunsch erschien ihm in der ersten Sekunde so unerfüllbar. Es war eine enorme Sache einen Gefangenen des verrückten Ordens Menges zu befreien und dabei dafür zu sorgen, dass alle beteiligten dieser Aktion lebend davonkämen. Die Vorstellung erschlug einen nahezu. Trotzdem entkam dem Skelliger ein übereiltes ‘Ja. Ja, in Ordnung’.

“Ich muss mit Anna darüber reden, denn ich kann so etwas nicht alleine bewerkstelligen.”, kommentierte der unruhige Undviker noch “Aber… sie wird mir helfen, ganz bestimmt.”

Da glaubte er ganz fest daran.

 

Als Mia und Hjaldrist etwas später zur Gruppe am Lagerfeuer zwischen den Zelten zurückkamen, sahen Albion, Linda und Anna forschend auf. Sie hatten sie anscheinend ganz gut unterhalten, denn jeder von ihnen trug noch ein leichtes Lächeln im Gesicht.

“Ah, da seid ihr ja wieder!”, machte der Feuerspucker und deutete auf einen kleinen Kessel, der da über dem Feuer hing. Den großen mit der Suppe hatte man fortgestellt, damit die Essensreste darin nicht anbrannten.

“Wir haben warmen Gewürzwein gemacht. Wollt ihr auch etwas davon?”, fragte Albion nett und schwang die Kelle. Mia nickte und kam zu dem Elfen hin, ließ sich einen Becher Wein einfüllen. Das süße Getränk roch markant nach Zimt und Nelken. Auch der Skelliger im Bunde nahm einen kleinen Tonbecher, der mit dem Getränk gefüllt war, an und ließ sich neben Anna nieder, die ihr Trinkgefäß schon halb leer getrunken hatte. Sie sah wieder etwas matter aus als früher, wirkte müde und schniefte leise. Dennoch sah sie ihn so aufmerksam an, wie es ihr möglich war.

“Und?”, wollte die Kränkelnde wissen “Alles gut?”

Hjaldrist zuckte die Schultern lethargisch und wiegte den Kopf. Er winkte ab, als Linda interessiert herüber linste.

“Wir reden später.”, wich der Undviker aus, als er einen Schluck von Albion’s Wein probierte. Jener war gut und wärmte einem den Magen. Bestimmt hatte der Zirkuself ihn nur aufgesetzt, weil Anna hustete und murrte. Ja, der Artist hatte sie vorhin mehrmals recht aufmerksam bedacht und Hjaldrist wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Es hatte ihm nicht gefallen, wie Albion der Frau zugelächelt hatte, doch er versuchte das vermeintlich nette Verhalten des Feuerschluckers zu ignorieren.

“Na gut.”, machte die Hexerstochter schlicht und nahm ihren Becher in beide Hände, um sich die Finger daran zu wärmen. Sie sah aus, als würde sie gern bald gehen, um sich etwas hinzulegen. Und auch Hjaldrist wollte zeitnah in den ‘Goldenen Stör’ zurück, um in aller Ruhe über die kommenden Pläne nachzudenken. Darüber, wie man Mia’s Vater am besten befreien könnte. Denn dass der Axtkämpfer dies durchziehen wollte, war nun klar. Für ihn gab es keine andere Option, wenn er Hilfe mit seiner Träumerei haben wollte. Es gab für ihn doch längst kein Zurück mehr, oder? Hinter ihm lag nichts. Also gab es nur ein Vorwärts.

 

“Mia kann mir helfen.”, erklärte Hjaldrist, als er und Anna am Rückweg zu ihrem Gasthaus waren “Das aber nur hinsichtlich der Träume.”

Die burschikose Schwertkämpferin sah von der Seite aus wach zu ihrem Freund hin.

“Was ist mit den Stimmen?”, fragte sie.

“Darüber kennt sie nur viel Theorie…”, seufzte der Dunkelhaarige und verzog einen Mundwinkel unzufrieden “Aber das ist wohl besser als nichts.”

Anna entkam ein verhaltener, nachdenklicher Laut. Dann nickte sie aber langsam.

“Das ist wahr.”, pflichtete die Kurzhaarige bei und senkte die Stimme, als sie die grimmig starrenden Wachen des Stadttors passieren “Bestimmt hilft es dir auch, wenn sie dich einfach über die Sache mit den Stimmen aufklärt. Vielleicht kannst du etwas aus der Theorie lernen.”

“Mhm.”, machte Hjaldrist, fühlte sich dabei aber nicht sonderlich selbstsicher “Kann sein. Wir werden sehen...”

Er sah, wie seine Begleiterin zu einem Versuch ansetzte aufmunternd zu lächeln.

“Es wird alles besser werden.”, versicherte die Frau lieb und ehe sie weiter sprechen konnte, fiel ihr der kritische Inselbewohner ins Wort.

“Es gibt da ein Problem.”, offenbarte er und Anna hielt irritierten Blickes inne.

“Welches?”, fragte sie gleich und rieb sich die von der Erkältung etwas gerötete Nase. Sie tat ihrem Kumpan ein wenig Leid und gleichzeitig fand er, dass sie damit irgendwo niedlich aussah. Gut, dass sie nicht wusste, dass er so dachte.

“Mia will, dass wir ihrem Vater helfen. Vorher unterstützt sie mich nicht.”, meinte Hjaldrist direkt und war nicht sonderlich glücklich damit. Er wusste zudem nicht, wo es herkam, doch er fühlte sich gerade wie ein nervender Bittsteller. Er half seiner Freundin aus Novigrad zwar immer bedingungslos, kam sich selbst aber etwas dumm dabei vor sie um etwas großes, gefährliches zu bitten. Es war töricht so zu denken, das wusste er. Und dennoch…

“Hmmm?”, entkam es Anna überrascht und sie sah wieder her “Sie will, dass wir ihn-”

“Ja, genau.”, nickte der Skelliger und suchte ernst Blickkontakt “Es ist ein ziemlich heikles Unterfangen… aber ich will es versuchen. Eher riskiere ich dabei selbst festgenommen zu werden und zu brennen, als dass ich so weiter lebe, wie bisher, und die immer schlimmer werdenden Träume aushalte. Ich habe keine Lust darauf klein beizugeben und einfach mit der ganzen Scheiße zu leben. Eher kämpfe ich um die Chance, dass es mir wieder besser geht.”

Wider Erwarten und zur Verblüffung des Mannes lachte seine braunhaarige Begleiterin jetzt. Sie wirkte unpassend erheitert, denn eigentlich hatte Hjaldrist damit gerechnet, dass sie nun skeptisch brummte oder damit anfing ihm etwaige Risiken aufzuzeigen. Der pragmatische Krieger hatte geglaubt, er müsse Anna erst überzeugen und seinen heiklen Plan mit viel Pech noch alleine durchziehen. Aber so kam es nicht.

“Das passt zu dir.”, kommentierte die Hexerstochter glucksend “Mit dem Orden kann man nicht reden. Also willst du dessen Leuten zur Not die Schädel einhauen und bedauerst, dass du mit Worten nicht weit gekommen bist. Stimmt’s?”

Anna traf den Nagel damit auf den Kopf. Und es fiel einmal mehr auf, wie gut sie ihren Gefährten mittlerweile kannte. Sie hatte nämlich absolut Recht: Hätte Hjaldrist die Gelegenheit dazu bekommen, hätte er Mia’s Vater aus seiner miesen Misere herausgeredet. Der Jarlssohn war alles andere als dumm und wusste, wie man vernünftig diskutierte. Anders als seine beste Freundin war er wortgewandt und konnte gut argumentieren, wenn er musste. Aber die Ewige Flamme war eben, was sie war: Ein Haufen religiöser, fanatischer Spinner, die sich als die Norm ansahen. Mit solchen Menschen konnte man nicht reden, wie mit vernünftigen Erwachsenen. Wäre Hjaldrist bei Menge oder Jankowska aufmarschiert, um ihnen logische Worte zu unterbreiten, die FÜR das Leben von Mia’s Vater sprachen, hätten sie ihn ebenso als Paktierer abgestempelt, wie Linda. Man hätte den Skelliger in denselben Topf geworfen und ihn behandelt wie einen bösen Feind der Kirche. Es war undenkbar mit diesen Narren zu sprechen. Also blieb es nur zu handeln. Im Notfall auch kämpferisch. Anna hatte dies gut erkannt. Sie knackte mit den Fingerknöcheln ihrer linken Hand, die nicht unlängst gebrochen gewesen war. Zwar war ihre Rechte wieder heile, doch es war dem empathischen Mann aufgefallen, wie vorsichtig seine Freundin noch damit umging.

“Was ist also unser Plan?”, fragte letztere und sah Hjaldrist aus ihren, vom Schnupfen gläsernen Augen wölfisch an “Ich muss Kartätschen bauen.”

Die lockere, freudige Reaktion der Frau brachte auch den sorgenvollen Hjaldrist endlich dazu schmunzeln zu müssen. Ihm war, als sei ihm just eine enorme Last von den Schultern gefallen. Oder eher: Das Gewicht war noch da, doch wie so oft trug Anna es bereitwillig mit und lockerte die ungute Situation damit ungemein. Ob ihr dies bewusst war? Schwer zu sagen. So oder so war der Undviker ihr aber zutiefst dankbar und kam nicht umhin erleichtert lächeln zu müssen.

“Wir müssen uns etwas Gutes ausdenken…”, sagte der Mann und achtete darauf nicht zu laut zu sprechen. Er wollte nicht, dass am Ende noch jemand mithörte und sie beide a den Orden verriet. Die Ewige Flamme hatte ihre Ohren zuletzt überall. Man musste gut aufpassen.

“Wir könnten auf den Tag warten, an dem Herr Baran auf den Markt geführt wird, damit man ihn richten kann.”, schlug Anna verschwörerisch leise vor, als sie mit Hjaldrist um eine Straßenecke gen Hafen bog “Ich glaube, so erwischen wir ihn am ehesten.”

“Gute Idee…”, meinte der Krieger und sah nachdenklich vor sich hin “Wir müssen die Flucht gut vorbereiten. Ich sage: Ravello kümmert sich um die Pferde und wartet mit ihnen. Wir entreißen den Spinnern Mia’s Vater, hauen ab und reiten davon. Es ist riskant aber nicht so gefährlich wie das Einbrechen in den Kerker des Ordens.”

“Ja, genau deshalb finde ich, dass wir den Tag der Hinrichtung abwarten sollten.”, bestätigte die Jüngere “Was aber auch heißt, dass wir ab nun jeden Tag am Platz des Hierarchen sein müssen, um die Lage dort im Auge zu behalten. Wir dürfen keine der Hinrichtungen mehr verpassen und müssen zusehen, dass wir zu dem Zeitpunkt, an dem Herr Baran’s Name und dessen Verbrechen verkündet wird, vor Ort sind. Dabei dürfen wir auch nicht auffallen, denn sicherlich werden die Leute misstrauisch, wenn wir jeden Tag stundenlang am Platz herumlungern, als würden wir Wache stehen.”

Hjaldrist zog die Stirn kraus und fuhr sich mit der Hand über das unrasierte Kinn. Das, was Anna sagte, stimmte. Sie müssten sich schnell gut vorbereiten. Gleichzeitig durften sie den großen Platz mit den Scheiterhaufen nicht mehr aus den Augen lassen und müssten dabei unscheinbar vorgehen. Nur wie stellte man das am besten an? Sie waren zur zu zweit.

“Wir müssen Mia Bescheid sagen.”, sagte die Frau aus Kaer Morhen drängend “Und wir können Ravello darum bitten den Markt im Auge zu behalten. Sicherlich wird er nicht kämpfen wollen oder dergleichen… aber wenn es um das Rumstehen und Beobachten geht, ist selbst ein Angsthase wie er mit dabei. Außerdem reist er mit uns. Wenn wir fliehen, bleibt ihm nichts Anderes übrig, als mitzuziehen.”

“Hmm…”, fing Hjaldrist an und seine dunklen, nachdenklichen Augen suchten seine kränkelnde Freundin abermals. Er hatte da eine Idee.

“Wir könnten uns doch im ‘Eisvogel’ einmieten.”, entkam es dem Mann “Die Taverne ist am Platz des Hierarchen und wenn wir ein Zimmer bekommen, das zum Markt hinaus zeigt, können wir das Geschehen vom Fenster aus im Auge behalten. So fallen wir nicht auf.”

Anna sah groß auf.

“Das ist genial.”, schnappte sie begeistert “Das Gasthaus ist zwar teuer, aber allzu lange werden wir so oder so nicht mehr bleiben.”

“Stimmt. Außerdem haben wir noch zusätzliches Geld übrig, das ich beim Faustkampf am Hafen gewonnen habe. Wenn ich die anderen beiden Wettbewerbe noch schaffe, haben wir genug, um uns ein Zimmer für acht, neun Tage zu leisen.”, erwähnte der Dunkelhaarige zielstrebig und eine unerklärliche Vorfreude mischte sich mit in seinen Ton. Langsam aber sicher wog der Plan Mia’s Vater zu befreien nicht mehr allzu schwer. Ja, allmählich erschien er dem Mann so klar; prekär, aber machbar.

“Wolltest du dir von dem Geld nicht ein neues Messer kaufen?”, fragte Anna skeptisch nach “Du musst es nicht für Zimmer ausgeben. Ich habe auch noch ein paar Kronen übrig und gebe was dazu.”

“Nein, lass bloß stecken.”, erwiderte Hjaldrist gleich ablehnend “Wir machen all das, damit ICH Hilfe von Mia bekomme. Also bezahle ich auch den ‘Eisvogel’. Das Messer kann warten.”

Der Skelliger sah, wie die Hexerstochter in der gestreiften Jacke perplex blinzelte. Sie gab keine Widerworte mehr.

“Also schön.”, schloss sie das Gespräch, als sie vorm ‘Goldenen Stör’ ankamen “Wir sagen Ravello gleich Bescheid und ziehen heute noch um.”

“Ja, packt unsere Sachen.”, nickte Hjaldrist noch “Und geht vor zum ‘Eisvogel’. Sucht ein Zimmer aus. Ich laufe solange zu Mia und Linda zurück und kläre sie über unser Vorhaben auf.”

Nach diesen Worten trennten sich die beiden Abenteurer. Anna verschwand in der kleinen Taverne, um Ravello einzuweihen und das wenige Hab und Gut einzupacken, das sie besaßen. Hjaldrist machte sich derweil auf, um zum bunten Wanderzirkus vor der Stadt zurück zu eilen. Später, da würden sich die drei Reisenden in einem neuen Gastraum in der teuersten Taverne der Großstadt wieder treffen, alles Weitere bereden und vermutlich früh ins Bett gehen. Anna war schlussendlich noch krank und in den kommenden Tagen hätten sie verdammt viel zu tun. Besser also, sie ruhten sich aus, wann es nur ging.

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