Kapitel 54

Zum Tode verurteilt

Der Boden unter Hjaldrist’s nackten Füßen war feucht, als er schwer atmend voranging und sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn wischte. Da war ein großer Spiegel auf dem Berg. Er wollte zu jenem, müsste in ihn hineinsehen, denn man hatte ihm für diesen Auftrag hundert Kronen versprochen. Der Aufstieg in der unheimlichen Stille war steil und holprig, dennoch trieb es den entschlossenen Skelliger voran. Mit zusammengebissenen Zähnen fasste er nach einer knorrigen Wurzel, die da aus den Felsen hervortrat, zog prüfend daran und kletterte dann mit ihrer Hilfe weiter, um den schmalen Rand eines höher gelegenen Vorsprungs zu erreichen. Abgekämpft zog er sich auf jenen und hob den Blick gen Gipfel. Es war nicht mehr weit. Der Spiegel stand dort, er konnte ihn schon sehen. Also hievte sich der Mann wieder auf die müden Beine und atmete einmal tief durch, riss sich am Riemen und wischte sich die Hände, die vom nassen Grund feucht waren, am Mantel ab. Er hatte nur jenen und eine schlichte Hose. Seine Stiefel hatte er längst verkauft, denn das Leben war teuer. Besonders, wenn man für fünf Personen sorgen musste. Anna, Linda, Mia und Albion verdienten zu wenig und Hjaldrist war zurzeit der einzige, der die ärmliche Gruppe aus unglücklichen Artisten über Wasser hielt. Es überforderte ihn, doch er hielt durch. Er war schon immer gut im Durchhalten gewesen.

Den Spiegel am Berg im Blick schritt der Mann mit den schmerzenden Füßen verbissen weiter. Bald hätte er es geschafft. Für einhundert Kronen könnten er und die anderen eine Zeit lang gut leben. Sie müssten nicht mehr so viele Zirkusvorstellungen geben, um Essen kaufen zu können und könnten sich auch einmal wieder ausruhen. Das hatten die fünf Feuerspucker von den Inseln dringend nötig.

Anna würde Hjaldrist’s großes Bemühen dahingehend aber nicht zu schätzen wissen, denn sie behandelte ihn stets nur wie den letzten Dreck. Zu oft hatte sie verächtlich vor ihm ausgespuckt und ihm abfällig lachend versichert, dass sie ihn absolut nicht leiden könne. Und trotzdem kämpfte der Undviker stur weiter. Irgendwann, da würde die Frau seine Liebe erwidern, ganz bestimmt. Sie würde Linda links liegen lassen und sich endlich ihm zuwenden. Denn was hatte Mia’s Schwester schon, das er nicht hatte? Er war doch viel mehr als diese Frau mit der vielen Schminke im Gesicht. Oder nicht? Er begann zu zweifeln. Mit jedem Schritt mehr, fühlte er sich unsicherer, festgefahrener. Und umso verwirrter er wurde, desto schaler war der Geschmack in seinem Mund. 

Blut. Er schmeckte Blut. Süßlich-metallen lag es ihm auf der trockenen Zunge und er verzog das Gesicht angeekelt. Dann trat er im Gehen plötzlich gegen etwas weiches und schmatzendes, stolperte deswegen fast.

Hjaldrist hielt inne und senkte den Blick fragend. Seine dunklen Augen weiteten sich im Grauen, als er sah, was da vor seinen nackten, rot besudelten Füßen lag: Ein eingefallener, stinkender Torso eines Menschen. Die fauligen Därme hingen dem fahlen Körperteil aus den gerissenen Wunden und der Undviker schnappte fassungslos nach Atem, musste trocken würgen. Sein gehetzter Blick wanderte hastig, als er ringsum noch mehr Leichen erkannte. Unzählige waren es, alter und junger Leute, und sie verströmten einen bestialischen, beißenden Geruch nach süßlicher Verwesung. Hjaldrist wurde es schwindelig und er taumelte überwältigt stöhnend zurück, fiel, landete auf seinem Hinterteil. Der Aufprall war nicht hart, sondern weich. Denn er saß auf einem kalten Haufen nackter Toter mit verdrehten Augen und verrenkten, gebrochenen oder zerfetzten Gliedern. Er schrie vor blankem Entsetzen auf, wollte hastig aufstehen, doch glitt am schleimigen Untergrund aus und fiel auf die aufgeblähten, blassen Körper zurück. Es stank so fürchterlich. Morsche Knochen knackten und zerbrachen unter dem Gewicht des Mannes. Hjaldrist wollte sich übergeben, doch konnte nicht. Panisch und blutig beschmiert kam er auf die Beine und lief los, als ginge es um sein Leben. Der Berg, den er erklimmen hatte wollen, bestand aus verwesendem Fleisch und dieser Anblick wollte ihm den Verstand rauben. Das laute Surren der dicken Fliegen erfüllte die lauwarme, dunstige Gegend. Der gehetzte Kerl fuhr herum, schrie unbeholfen, wusste nicht wohin.

Und dann war da der Spiegel. Auf dem Berg aus verfaulenden, feuchten Körpern prangte er und sah aus, als wolle er den kleinen Undviker auslachen. Dieses verdammte Ding! Nur wegen jenem war Hjaldrist hier! Nur wegen ihm!

“Ich hasse dich!”, spie der Dunkelhaarige aus und presste sich die verschmierten Hände an die Ohren. Scharf riechende Verwesungssäfte tropften von seinen stark zitternden Fingern und er kniff die Augen fest zu, schüttelte den Kopf. Er rang mit sich und seiner tosenden Angst, als sein Atem schnell und ungleichmäßig ging, und er wankte. Dann lief er auf einmal los. Hjaldrist stolperte über plumpe Leichenteile und aufgedunsene Körper, über matschige Eingeweide und madenübersäte Fleischbrocken. Er eilte nach oben, dem golden gerahmten Spiegel entgegen. 

Denn für ihn gab es kein Zurück. Hinter ihm lag nichts mehr und es gab nur das Vorwärts. 

Krampfhaft versuchte der eingeschüchterte Mann dabei die grausigen Bilder ringsum auszublenden und konzentrierte sich nur auf den großen Spiegel an der Spitze des Leichenberges. Er atmete nurmehr durch den Mund, um nichts riechen zu müssen und dennoch standen ihm des stechenden Gestanks wegen die Tränen in den Augen. Er rief nach Anna, doch sie antwortete nicht. 

Sie war nicht da. Wo war sie? Sie war fort. Er war allein.

Wieder stürzte Hjaldrist, denn sein Fuß hatte sich in einer dunklen Darmschlinge verfangen. Platschend landete er mit dem Gesicht voran in der weichen Masse vor sich und würgte abermals vernehmlich. Als er dann aufsah, blickte er in das Gesicht seines Vaters. Er war tot und lag mit weit aufklaffender Brustwunde zwischen all den anderen Verwesenden. Eine dicke Made kroch ihm aus dem Ohr. Hjaldrist stockte, starrte. Seine wunden Lippen standen ihm offen, als er den Jarl ansah. Aus glotzenden, milchigen Augen auf denen die Fliegen saßen blickte Halbjorn zurück. Sein Mund war weit aufgerissen und sein fahlblaues Gesicht erzählte von großen Schmerzen vor seinem Tod. Die geschwollene Zunge quoll der Leiche aus der Kehle hervor und die geschmiedete Jarlskrone aus Eisen hing ihr schief am Haupt mit den blutig verklebten Haaren.

‘Sie gehört dir’, hörte Hjaldrist eine bekannte Stimme in seinem Kopf widerhallen ‘Nimm sie. Du hast sie dir verdient.’

Der abgehetzte Undviker mit den glasigen Augen fuhr mit Entsetzen im Blick herum. Ein ängstlicher Laut entfuhr ihm. Und als er zurück zu seinem reglosen Vater sah, lag da nurmehr eine Wasserleiche, die er nicht kannte. Er… er hatte bloß geglaubt, sie sei Halbjorn, nicht wahr? Er hatte es sich eingebildet. Sein Vater lebte und es ging ihm gut. Ja, heute Morgen hatte er jenen doch gerade noch gesehen. Sie hatten zusammen gefrühstückt und am Nachmittag wollten sie mit dem kleinen Boot hinausfahren, um zu angeln. 

Von diesem guten Gedanken bestärkt, erhob sich der gequälte Hjaldrist wieder. Und als er verloren aufsah, stand er auf einmal in einem dunklen Raum, der sehr spärlich vor einer kalten Lichtquelle erleuchtet wurde, die er nicht ausmachen konnte. Der verdatterte Skelliger stockte. Da waren keine Toten mehr. Plötzlich war da nurmehr der schwarze Raum und als er über die Schulter hinter sich sah, stand da der Spiegel. Direkt bei ihm erhob er sich und der Mann hielt verdutzt inne. Urplötzlich waren da nur noch die große, spiegelnde Fläche und er. Was davor geschehen war, war wie aus seinem Kopf hinfort geweht. Denn… er war schon immer hier gewesen, nicht wahr? Ja. In diesem dunklen Raum. Allein. Zusammen mit seinem Spiegel. Wer… wer war er überhaupt? Was war er? 

Ganz langsam wendete sich Hjaldrist zu seinem Spiegelbild um, das ihm apathisch entgegensah. Ein dicker Riss im Glas durchbrach es. Es lächelte traurig und der argwöhnische Skelliger zog die Augenbrauen weit zusammen, besah das Bild, das sich ihm zeigte, eingehend.

“Komm her.”, sagte er. Oder war es sein lockendes Spiegelbild gewesen, das gesprochen hatte? Es lachte leise und er folgte. Die kalte Hand nach dem angebrochenen Spiegel ausstreckend, näherte er sich jenem und als er ihm dann gegenüberstand, lachte das Spiegelbild lauter. Zuerst amüsiert, dann gehässig. Ja, schadenfroh und wahnsinnig kicherte Hjaldrist und sah sich an, abfällig, mitleidig. Dann, aberplötzlich riss das Bild im magischen Spiegel den Mund in einer verzogenen Fratze weit auf, fauchte laut und wie ein Monster. Der geschockte Jarlssohn erschrak ob dem so heftig, dass er einen Satz machte und zurückwich. Er starrte grotesk weit aufgerissenen, zahnlosen Kiefern entgegen, bevor der Spiegel klirrend in tausende Scherben zerbrach, und wieder fasste die schleichende Panik mit spitzen Klauen nach ihm. Der Mann senkte den Blick entgeistert, fasste sich an die spröden Lippen und spürte, wie ihm das Herz so schnell schlug, dass es ihm den Brustkorb noch zum Bersten brächte. Fahrig betastete er seine Wangen und fühlte mit den Fingerspitzen, dass dahinter etwas knackend nachgab. Irgendetwas war da in seinem trockenen Mund und wurde immer mehr. Es fühlte sich an, als seien es hunderte kleine Steinchen, die sich an seinen Gaumen und seine Zunge drängten und sich vermehrten. Schnell atmete der gebeugte Skelliger durch die Nase, musste schlussendlich husten. Und das, was ihm dabei von den Lippen rieselte, waren keine Steinchen. Es waren Zähne. Sie waren ihm ausgefallen und nurmehr wenige von ihnen hingen wackelig an seinem Zahnfleisch. Dennoch kamen da immer mehr von ihnen aus seinem Mund. Blut mischte sich in seinen zähflüssigen Speichel und hilflos hielt sich der Gepeinigte den Mund zu. Fest drückte er sich eine Hand davor und gab einen erstickten Laut von sich.

“Hör zu.”, hörte der verstörte Hjaldrist Anna sagen und zuckte zusammen, sah alarmiert auf. Seine dunklen Augen hefteten sich auf seine vier Jahre jüngere Freundin, die da vor einem Mann stand, der zwei Schwerter am breiten Rücken trug. Ein Hexer. Der aufgelöste Skelliger konnte dessen Gesicht nicht sehen. Angestrengt betrachtete er den fremden Mann daher, doch erkannte ihn auch mit viel Mühe nicht. Jener hatte kein Gesicht. Oh, warum hatte er kein Gesicht? Was war hier los?

Hjaldrist ließ die Hand vor seinen blassen Lippen wieder sinken und verwundert musste er feststellen, dass all seine Zähne wieder fest in seinem Mund saßen. Vorsichtig befühlte er sie mit der Zunge.

“Ich weiß, dass du mir nicht so viel zutraust und meine Pläne dumm findest.”, setzte Anna bestimmend fort, als sie da vor dem Mutanten stand und jenen auffordernd ansah. Verwirrt sah Hjaldrist dabei zu, wie sich die Kurzhaarige ein kleines Fläschchen aus der ledernen Tranktasche zog. Es war mit einer schwarzen Flüssigkeit gefüllt und das ließ ihn skeptisch werden. 

Was war das? Das Gift, das seine Freundin sonst immer trank, war etwas heller und bräunlich.

“Aber ich werde dir beweisen, dass ich keine Idiotin bin.”, schnaufte die Frau noch, dann entkorkte sie das Glasbehältnis. Hjaldrist, der neben ihr stand und die Szene schweigend beobachtete, tat dies mit gemischten Gefühlen in der flauen Magengegend. Zwischen der verstimmten Novigraderin und dem unbekannten Hexer sah er hin und her, konfus und unschlüssig. Er hörte, dass die beiden noch ein paar Worte wechselten, doch verstand jene nicht. Sie klangen plötzlich so dumpf und weit entfernt, so fremd. Angestrengt verengte der Skelliger die Augen. Dann sah er dabei zu, wie Anna sich den gesamten Inhalt ihrer Trankphiole in den Rachen kippte. Mit sturem, ernsten Blick tat sie das und schenkte dem Mutanten mit den zwei Schwertern einen herausfordernden Blick. 

In diesem eigenartigen Augenblick erinnerte sich Hjaldrist daran, worum ihn seine beste Freundin früher noch gebeten hatte: Sie hatte ihn dazu aufgefordert nicht einzuschreiten. Egal was passierte, sie wollte Balthar zeigen, dass sie kein kleines, dummes Kind mehr sei und dass ihr Körper mittlerweile viele Gifte aushielt. Auch Auszüge eines Hexertrankes, den die Katzenäugigen tranken, damit ihr davon verpestetes Blut hungrige Vampire vergiftete. Wie nannte man diesen Absud noch gleich? Der Axtkämpfer hatte es vergessen. War aber auch einerlei. Das einzige, das ihm gerade durch den Kopf spukte, waren Anna’s Worte von vor wenigen Zeit: ‘Ich gehe zu Balthar. Ich muss ihm was zeigen.’ und ‘Rist, was auch immer geschieht… schreite bitte nicht ein. Ich komme schon zurecht.’

‘Schreite nicht ein.’

Hjaldrist gab einen erschrockenen Laut von sich und fuhr zusammen, als Anna von einem Moment auf den nächsten niederging wie ein nasser Sandsack. Sie fiel auf den harten Boden und fing an zu husten, als sich ihr Körper verkrampfte. Der Moment erschien, als habe man die Zeit angehalten. Aus geweiteten Augen sah der bange Undviker, wie die Frau schwarze Flüssigkeit vorm Mund stehen hatte und jene ungehalten speichelnd auf den Grund spuckte. Entrüstet schrie er ihren Namen, doch sie hörte ihn nicht. 

Sie würde sterben.

Hjaldrist kam sofort zur zuckenden Anna und kniete sich zu ihr hin, zog sie fest an sich, redete panisch auf sie ein. Die Frau röchelte und hustete schwarzen Schleim, während der Hexer einfach nur stehen blieb und dem still zusah. Sie übergab sich auf die Tunika ihres besten Freundes.

Sie würde sterben.

“Hilfe!!”, rief Hjaldrist außerstande etwas zu tun und drückte seine würgende Seelenverwandte an sich, die sich an ihn krallte und elendiglich zu ersticken schien. Mit dicken Tränen in den Augen sah er aufgescheucht um sich und flehte laut um Beistand, doch niemand half. 

Niemand half. 

Er spürte, wie Anna’s Griff lockerer wurde und hörte ihren immer flacher werdenden, nassen Atem. Und dann... dann wurde es still. Es war so schnell gegangen, dass der arme Mann kaum verstehen hatte können, was passierte.

Sie war tot. Einfach so.

Anna war tot.

Und Hjaldrist weinte jämmerlich, als er das Gesicht an der Schulter der Leiche vergrub, die er so eng an sich presste, als brächte das seine große Liebe zurück.

Er bekam eine Ohrfeige und gab ein entsetztes Stöhnen von sich. Dann riss er die Augen auf.

“Rist! Scheiße, Mann…”, hörte er jemanden keuchen “Bist du endlich wach?”

Der zerfahrene Skelliger blinzelte sich die Tränen aus dem blassen Gesicht und starrte seiner Freundin aus dem Norden entgegen, die da über ihn gebeugt am Bett saß und ihn ernst ansah.

“Hallo?”, murrte sie prüfend und dem Liegenden entkam bloß ein planloser Ton, als er die Frau absolut verwirrt ansah.

“...Was?”, wisperte er heiser und brachte Anna damit dazu ziemlich erleichtert aufzuatmen. Eine brennende Kerze, die am Nachttischchen neben dem Bett stand, warf ein oranges Licht auf die Miene der Novigraderin, die schon wieder weniger streng aussah. Ihr dunkelblau gefärbtes Hemd hing ihr etwas schief von der Schulter.

“Du hast mal wieder geträumt.”, erklärte die Kurzhaarige sogleich “Geht es wieder?”

“Ich… ich weiß nicht.”, sagte der Mann, der noch immer nicht ganz in der Gegenwart angekommen war, wehrlos. Noch immer ließ ihn seine klamme Angst nicht los. Und er atmete bestürzt ein, als er in Anna’s Augen sah und erkannte, dass deren Iriden durchgehend Schwarz waren. Da war nichts mehr von dem Braun, das er so mochte. Überfordert starrte er und schluckte schwer. Halluzinierte er?

“Hmm…”, die schniefende Frau runzelte die Stirn “Setz dich mal hin und trink was.”

“N-nein…”, stammelte Hjaldrist, als ihm das Herz bis zum Hals schlug und ihm übel wurde.

“Rist.”, mahnte Anna im Guten und der Angesprochene sah nurmehr diese unmenschlich tiefschwarzen Augen “Es ist alles gut.”

Schwarzes Blut.

Der Trank hatte ‘Schwarzes Blut’ geheißen.

Dem fahrigen Inselbewohner entkam ein unartikulierter Laut und die Schwertkämpferin bei ihm seufzte ratlos.

“...Ich wollte kurz runter gehen und mir Tee kochen.”, sagte die erkältete Frau nach einem knappen Schweigen  “Willst du mitkommen?”

“Tee?”, fragte Hjaldrist zerstreut “Ja…”

Ja… Tee war gut.

Anna lächelte zufrieden.

“Na, dann los.”, meinte sie mit vorgespielter Motivation und räusperte sich ihres trockenen Halses wegen “Ich krepiere noch, wenn ich gleich nichts warmes zu trinken habe. Ich hasse Erkältungen...”

Hjaldrist zuckte bei dem Wort ‘Krepieren’ zusammen, doch versuchte sich zu fassen. Zögerlich setzte er sich hin und wischte sich über das Gesicht. Sein Blick fiel dabei einmal beiläufig in den kleinen Raum. Richtig. Sie beide teilten sich nun ein Zimmer im ‘Eisvogel’. Ravello schlief in einem Räumchen nebenan, weil er nicht wollte, dass Hjaldrist die Miete für ihn bezahlte. Außerdem hatte er am Abend noch zweideutig grinsend gemeint, dass er ‘ja nicht stören’ wolle. Das, obwohl Anna und Hjaldrist wieder in getrennten Betten schliefen.

 

Es dauerte nicht lange, bis die zwei Abenteurer in der gut ausgestatteten Küche des ‘Eisvogels’ standen. Es war verdammt spät - oder eher: früh - und kein Gast war mehr im dunklen Schankraum gewesen. Dementsprechend war auch die Küche leer. Die Köchin schloss jene aber nie ab, weil man in ihr den einzigen wirklich guten Ofen finden konnte, um sich Wasser oder übriges Essen warm zu machen. Außerdem hatten die Gäste der teuren Taverne das Privileg sich auch nachts an einem kleinen Buffet bedienen zu dürfen, das man immer in einer großen Nische der Küche vorbereitete. Es bestand aus einfachen Dingen wie Brot, Schinken oder Käse. Doch es war sicherlich ein Lebensretter für verkaterte, gefräßige oder schwangere Leute, die hier übernachteten. Anna zählte sich zu den zweiteren. Sie klaubte also nach einem Stück Käse, während sie darauf wartete, dass das Wasser, das sie in einem kleinen Topf aufgesetzt hatte, kochte. Daneben stand eine Teekanne, in die sie großzügig Kräuter gegen Schmerzen und triefende Nasen gestopft hatte.

“Sollen wir uns etwas zu essen mit aufs Zimmer nehmen?”, fragte sie, als sie vom Käse abbiss und zu Hjaldrist zurücksah. Der ältere Jarlssohn, der etwas verloren und mit vom Schlafen wirren Haaren dastand, sah fragend auf. Noch immer fühlte er sich völlig fertig und zerschlagen. Nervlich wie körperlich. Seine geröteten Augen brannten und sein brummender Kopf schmerzte. Er musste elend aussehen, als er zur Antwort nur lethargisch mit den Schultern zuckte. Fetzen seines Traumes verfolgten ihn noch immer und die schrecklichen Bilder, die er im Schlaf gesehen hatte, wollten ihn nicht loslassen. Seine Kehle brannte und war eng. Noch immer war es ihm zum Heulen zumute und er wusste nicht wieso genau. Denn nun, da war er doch wach. Alles war gut. Anna stand leicht bekleidet vor ihm und aß Käse, musterte ihn aufmerksam und lächelte betreten.

“Wir könnten dann ja gleich frühstücken. Ich nehme nämlich nicht an, dass du gleich noch schlafen kannst, hm?”, machte sie leger “Ich kann es jedenfalls nicht. Meine Nase und mein Schädel bringen mich um. Immer, wenn ich mich hinlege, kriege ich keine Luft und im Sitzen kann ich nicht pennen.”

Sie war nicht tot.

Hjaldrist hatte in dieser Sekunde trotzdem eine irrationale Angst. Solch eine Angst. Er wollte nicht, dass Anna starb und im Moment beutelte ihn dieser stechende Gedanke barsch durch. Sein Bauch fühlte sich an, als habe er das Eiswasser vor Undvik verschluckt. Es war kalt. Und ihm war schlecht. Nervosität machte ihn fahrig und Ohnmacht legte sich wie ein Schatten über ihn. Er konnte nicht klar denken.

Er wollte Anna nicht verlieren. Niemals. Was sollte er denn ohne sie machen? 

Er liebte sie.

“Rist?”, hörte der Krieger “Bei Melitele! Bist du noch immer nicht ganz da? Du schlafwandelst doch nicht, oder? Ich ohrfeige dich gleich nochmal.”

Die Hexerstochter war auf den Labilen zugekommen, hatte ihren Käse fortgelegt und schluckte gerade ihren letzten Bissen runter. Langsam aber sicher schien sie sich ernsthaft um ihren bleichen Kumpel zu sorgen.

“Nein…”, sagte Hjaldrist leise “Ich bin wach.”

Er hörte die Frau froh durchatmen und sah, wie sie schief lächelte. Dieser Ausdruck reichte aber nicht bis zu ihren wieder normalen, braunen Augen. Ja, da waren keine pechschwarzen Iriden mehr.

“Oh Mann.”, seufzte Anna nachgiebig “Komm mal her, Käferschubser...”

Und dann umarmte sie ihr geknicktes Gegenüber, rieb ihm tröstend den Rücken. Der Skelliger schlug die Lider nieder und atmete tief durch die Nase aus. Er erwiderte die beschwichtigende Umarmung seiner Begleiterin gleich und spürte, wie es ihm wieder etwas wärmer ums Herz wurde. 

Es kam nicht so oft vor, dass Anna ihn einfach so umarmte. Für sie schien diese Geste nämlich einen enorm hohen Wert zu haben und daher drückte sie Rist immer nur dann, wenn sie sich extrem freute, er getröstet werden musste, es tatsächlich einmal vorkam, dass sie selbst weinte, oder dergleichen. Es war sehr schade und der zugängliche Undviker wünschte es sich, dass sie es öfter täte. Es wäre schön, käme Anna ab und an einfach grundlos zu ihm, um ihn zu umarmen. Was wäre denn schon dabei? Er wollte, dass sie ihm zeigte, dass sie ihn gern hatte und dies nicht nur in Worte oder Gefälligkeiten verpackt. Denn er liebte sie abgöttisch. Er wollte ihr nah sein und in Momenten wie diesem hier wurde es ihm einmal wieder schmerzlich bewusst wie sehr. Hjaldrist sehnte sich mittlerweile nahezu danach, lechzte nach Berührungen seiner Freundin und verzweifelte noch daran, dass seine Gefühle nicht erwidert wurden. Er wollte… er wollte, dass Anna ihm auch nah kommen wollte. Der Ratlose wünschte es sich, dass sie ihn verliebt ansah. Sie sollte sein Gesicht in ihre Hände nehmen, seine Wange streicheln und ihn so küssen, wie er sie am liebsten jeden Tag küssen würde. Ja, genau das ersehnte er sich gerade wie nichts Anderes auf der Welt.

Hjaldrist ertappte sich dabei sich fest und nach Halt suchend an seine Kollegin zu klammern, als er an all dies dachte. Und gleichzeitig bemerkte er erst spät, dass Anna ihn im Gegenzug schon wieder losgelassen hatte. Sie drückte ihn jetzt sanft, doch fordernd von sich und als sie ihn folglich ansah, blieb ihm das arme Herz beinah stehen. Denn sie tat es voller Liebe im Blick. Der damit konfrontierte hielt die Luft an, als er die Jüngere überrascht anstarrte und sein klares Denken setzte vollkommen aus. Diesen Ausdruck, den Anna da im Gesicht hatte, hatte er zuvor noch nie bei ihr gesehen. Er war so emotional, so betörend. Es machte ihm die Knie butterweich. Und Hjaldrist glaubte, all das hier sei nicht real, als Anna sein Gesicht plötzlich in ihre Hände nahm. Ihre Finger schmiegten sich dabei liebevoll an ihn und mit dem Daumen streichelte sie sanft über seine Wange. Der überwältigte Skelliger wollte etwas Verdattertes sagen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Anna schloss die Augen und legte den Kopf einen Deut weit schräg. Dann küsste sie ihn zärtlich und voller Hingabe. Es machte den verliebten Undviker beinah besinnungslos. Doch vor allem, und als sein Kopf Anstalten machte wieder arbeiten zu wollen, erstarrte er vollkommen. Aus geweiteten Augen sah er die angetane Frau an, die da vor ihm stand und mit ihren weichen Lippen die seinen liebkoste. Sein Herz, das zuvor noch so unglaublich schnell geklopft hatte, war ihm bis in die Knie gesackt und sein Hirn war wie leergefegt. Ein abrupt schlechtes Gewissen überkam ihn und verbot es ihm auf den gefühlsgeladenen, doch falschen Kuss einzugehen. Es riet ihm entschieden davon ab die Arme um die bereitwillige Hexerstochter zu schlingen und sich ihr einfach hinzugeben. Denn-

Oh...

Was… was hatte er getan…? 

Er hatte nicht gewusst-

Hjaldrist rührte sich nicht, als sich Anna wenige Atemzüge später wieder von ihm löste. Und als sie dann aufsah, veränderte sich ihr so fremder Blick wieder in eine sehr, sehr gewohnte Richtung. Vollkommen verplant stand sie da, blinzelte perplex und gab ein kleinlautes ‘Äh’ von sich. Die burschikose Kriegerin schien gerade überhaupt nicht zu wissen, warum sie getan hatte, was sie eben getan hatte. Und gleichzeitig musste es ihr unglaublich peinlich sein. Ihr Mund stand ihr einen sprachlosen Spalt weit offen und ihre Augen wanderten unstet, als sie eisern versuchte Blickkontakt zu halten. Anders als Hjaldrist, dem die Farbe schon wieder aus dem Gesicht gewichen war, wurde sie ziemlich rot. Das konnte man selbst im spärlichen Lampenschein erkennen.

“Ich…”, fing die Kurzhaarige an und versuchte sich an einer planlosen, lauen Rechtfertigung “Scheiße. Ich, ähm... das war keine Absicht?”

Dann sah sie weg und fasste sich gedankenverloren an die Lippen. Hjaldrist war es so, als spüre er jene noch immer an sich.

“Keine Ahnung, was das gerade war… ich… ich bin doch nicht betrunken.”, sagte Anna schnell und hüstelte “Äh... Tut mir jedenfalls leid.”

“Schon… schon gut.”, entkam es dem befangenen Skelliger lau “Es... ist spät und wir sind müde.”

Die betroffene Novigraderin runzelte die Stirn und ihre zuvor noch so betretene Miene nahm etwas Skeptisches an. Wirr sah sie vor sich hin und sie war offenbar so bestürzt, dass sie nicht einmal Atem für einen dummen Spruch oder Scherz fand, der von der befremdlichen Situation ablenkte. Man sah ihr an, dass sie sich aufrichtig fragte, welch einen haltlosen Aussetzer sie gerade nur gehabt hätte. Das eben war nämlich nicht sie gewesen. Ganz und gar nicht. Und auch Hjaldrist war dies durchaus bewusst. Genau aus diesem Grund hatte er gerade nur gestarrt, anstatt den liebevollen Kuss der beeinflussten Kriegerin glücklich zu erwidern.

Hjaldrist war schuld an allem, nicht wahr? Denn das, was gerade passiert war, hatte sich wenige Wimpernschläge zuvor noch in seinem Kopf abgespielt. Es war… es war beängstigend.

 

*

 

Anna stand da wie ein begossener Köter und hatte große Probleme damit Hjaldrist in die Augen zu sehen. Dabei kreisten ihre Gedanken nicht in erster Linie darum, dass sie ihn gerade geküsst hatte, sondern um die Tatsache WARUM es passiert war. Sie hätte sich doch nicht angestellt wie ein überrumpeltes, beschämtes Mädchen, wäre es aus einer passenden Gelegenheit heraus passiert und weniger… nun ja, hingebungsvoll gewesen. Schließlich waren sie sich mittlerweile doch öfter nähergekommen. Dies eines Trankes, der rattig machte, und des lieben Alkohols wegen, aber dennoch. Als sie letztens, am Strand, übereinander hergefallen waren, waren sie auch nicht sturzbetrunken, sondern nur angeheitert gewesen. Es hatte kein Problem dargestellt und auch danach hatte sich Anna nicht so eigenartig gefühlt wie jetzt, nach einem vermeintlich simplen Kuss. Rist war ihr bester Freund, sie standen sich nah und reisten nun schon so lange zusammen. Die Hemmschwelle, die die Frau ihm gegenüber hatte, war nach all den Monaten relativ niedrig. Sie zog sich vor ihm um, betrank sich sorgenlos mit ihm, benutzte zur Not sein benutztes Besteck mit und wenn es einmal wieder dazu kam, aus welchen Gründen auch immer, dann schlief sie mit ihm. Passierte eben. Und es war alles in Ordnung so. Doch das von gerade eben war ganz anders gewesen und die damit zusammenhängenden Bilder liefen in ihrem Kopf im Kreis: Ohne jegliche Vorwarnung war sie eng an Rist herangetreten, hatte sein Gesicht in die Hände genommen und ihm tief in die Augen gesehen, als sie ihm mit dem Daumen über die Wange gestreichelt hatte. Dann hatte sie ihn so geküsst, als habe sie ihr Leben lang darauf gewartet es zu dürfen. Es war wie aus einem kitschigen Roman gewesen, in dem sich zwei innig verliebte nach langer Zeit wiedersahen. 

Nur… was hatte Anna gefühlt? Was hatte sie sich dabei gedacht? Nichts. Absolut gar nichts. Ihr Kopf war plötzlich so leer gewesen und das einzige, das ihr wichtig gewesen war, war es den Mann vor sich genau so zu küssen, wie sie es am Ende getan hatte. Es war wie ein Drang gewesen, dem sie absolut nicht widerstehen konnte und dies verwirrte sie. Sie hatte die Hände an sein Gesicht schmiegen MÜSSEN. Es war NÖTIG gewesen ihm die Wange zu streicheln. Für einige Sekunden lange hatte es für sie nichts Wichtigeres gegeben, als ihrem Kumpel ganz nah zu kommen und dessen Lippen zu spüren. Es war so unheimlich. Anna konnte sich die Situation nicht erklären, in der sie agiert hatte wie… wie ferngesteuert und sie sah angestrengt nachdenklich vor sich hin. Wurde sie etwa noch verrückt?

 

 

Die nächsten drei Tage über passierte nicht viel. Die Abenteurer verbrachten viel Zeit im ‘Eisvogel’, wobei zu den Zeiten, in denen die Hinrichtungen stattfanden, immer einer von ihnen in seinem Zimmer verblieb, um den Platz des Hierarchen vom Fenster aus zu beobachten. Sie wechselten sich dahingehend ab. Doch bisher war Mia’s Vater nie unter den vorgeführten Opfern der Ewigen Flamme gewesen. Offenbar saßen so viele Leute im modrigen Keller des Ordens, dass es TAGE dauerte, bis man an die Reihe kam, um zu sterben. Ein grauenvoller Gedanke.

 

Ravello und Hjaldrist saßen gerade beim Abendessen im großen Schankraum der teuren Taverne, an dessen Ende eine schön geschmückte Bühne prangte. Bald würden hier wieder Musiker auftreten, denn es wurde Abend. Und die beiden Männer würden auf ihren Plätzen verweilen, um den bunten Barden zuzuhören, Karten zu spielen oder zu würfeln. Viel Anderes hatten sie die letzte Zeit über nie getan, denn sie mussten stets dazu bereit sein den Vater von Mia und Linda zu retten. Und während Anna gerade in ihrem Zimmer war, um den weitläufigen Marktplatz von dort aus zu beobachten, blieben ihre beiden Freunde in der Schänke in Bereitschaft. Nur aus diesem Grund hatten sie ihre Waffen bei sich und trugen ihre vollen Monturen. Sobald die Hexerstochter von oben gelaufen käme und ihnen sagte, dass es so weit sei, würden sie nach draußen hasten. Anna und Rist würden auf den Hinrichtungsplatz eilen, um die passende Sekunde für Herr Baran’s Befreiung abzuwarten. Und während sie beide dies tun würden, würde der blonde Mann aus Beauclair losstürmen, um die Pferde unweit fertig zu machen und ihnen die Habe ihrer Besitzer in die Satteltaschen zu stopfen.

 

Statt Anna erschienen später aber fünf Männer der Ewigen Flamme in der schönen Taverne. Kurz nach dem Abendbrot hoben Hjaldrist und Ravello die Köpfe, um zu beobachten, wie einer der Fremden zum geschäftigen Schankwirt ging und jenen etwas fragte. Der ‘Eisvogel’ war wie immer gut besucht und man konnte nichts von dem verhaltenen Gespräch mithören. Doch es war klar, dass diese wachsam umherblickenden Leute nicht hier waren, um ihren Feierabend zu betrinken. Denn sie waren schwer bewaffnet und vier von ihnen machten sich nach dem kurzen Wortwechsel mit dem Wirt auf den Weg nach oben. Zu den Zimmern.

Sofort entgleiste Hjaldrist’s Ausdruck in eine alarmierte Richtung und er wollte schon aufstehen, doch Ravello erwischte ihn fest am Arm und hielt ihn zurück. Der Blonde warf dem Skelliger einen zweifelnden Blick zu, doch der hektische Hjaldrist riss sich gleich los und dies mit einer äußerst üblen Vorahnung in der Miene.

“Die wollen zu Anna.”, schätzte der Axtkämpfer mit finsterer Miene und gesenkter Stimme, dann wandte er sich schon zum Gehen. Er zwang sich dabei nicht zu rennen, um nicht zu sehr aufzufallen, doch es fiel ihm beachtlich schwer. Denn die ungute Befürchtung, dass man seine beste Freundin aus unergründlichen Motiven heraus enttarnt hatte, trieb ihn voran und verdrehte ihm die Eingeweide. Schnell nahm er die hölzernen Stufen, die in das erste Stockwerk hinaufführten und dort angekommen sah er, wie einer der ruppigen Hexenjäger tatsächlich in dem Zimmer verschwand, das er sich mit der jüngeren Alchemistin teilte. Die Augen des Undvikers weiteten sich, als die restlichen Spinner in den Raum folgten, und hastig setzte er sich in Bewegung. Ja, jetzt lief er und es war ihm egal, was andere davon halten mochten.

Momente später gab es dann schon einen Tumult. Hjaldrist rannte in seinen Gastraum, wo Anna gerade mit böser Miene vor dem ersten Hexenjäger zurückwich, wie ein in die Ecke gedrängtes Tier. Jener hatte sein Schwert demonstrativ gezogen und die Kurzhaarige feindselig mit den kalten Augen fixiert.

“Ihr kommt mit uns.”, befahl er grob und die pikierte Frau schnaubte abfällig. Als sie ihren Freund von den Inseln erkannte, sah sie nur einmal kurz zu jenem hin, ehe sie den Hünen der Ewigen Flamme wieder ins Auge nahm. Sie taxierte jenen böse.

“Ihr werdet des Besitzes illegaler Bücher, des Konsums von Zaubertränken, der Abtreiberei und der Trankmischerei angeklagt.”, verkündete der kantige Hexenjäger mit dem langen, braunen Ledermantel und trat näher an Anna heran. Stur sah sie zu dem größeren Fremden auf.

“Was geht hier vor?”, maulte Hjaldrist fordernd, als er zwischen die ganzen Leute trat. Einen der Ordensleute schob er dabei forsch beiseite.

“Was sucht ihr in unserem Zimmer?”, wollte er unzufrieden wissen und fühlte sich völlig aufgekratzt. Der Anführer der Bande aus Fanatikern sah sich zu ihm um.

“Seid Ihr ein Freund dieser Frau?”, kam es als forsche Gegenfrage zurück.

“Sieht so aus.”, sagte Hjaldrist trocken “Was ist das Problem?”

“Diese Kräutersammlerin, namentlich ‘Arianna Nowak’, soll die Todesstrafe erhalten.”, erklärte der Hüne erneut und Hjaldrist musste sich bemühen, damit ihm nicht alles aus dem Gesicht fiel. Anna’s voller Name und Anschuldigungen wegen ‘des Besitzes illegaler Bücher, des Konsums von Tränken, vermeintlicher Abtreiberei und Trankmischerei’... WOHER wusste der Kantige davon? Ja, warum wusste er überhaupt so immens viel? Wer, zu Mörhogg, war er und welche verschissene Person hatte die Hexerstochter verraten, verdammt? Wer wusste neben ihren beiden Kumpanen aus dem Ausland denn schon so viel über sie?

“Und Ihr kommt ebenso mit uns. Wir haben da ein paar Fragen.”, endete der Hüne herrisch und würde keine Widerrede dulden.

“Ich glaube, da gibt es ein Missverständnis.”, räusperte sich der Undviker und versuchte so ruhig zu wirken, wie nur möglich. Tatsächlich fühlte er sich aber völlig aufgewühlt. Sein Herz raste und seine Kehle war staubtrocken geworden. Dennoch wahrte er eine harte Miene. Er ballte die Hände zu Fäusten.

“Nein, das bezweifle ich.”, lächelte der wissende Hexenjäger kühl, während seine Kollegen nahe dem Zimmerausgang Stellung bezogen. Anna und Hjaldrist kämen hier nicht mehr ohne Gewalt heraus, so viel stand fest.

“Wir arbeiten auch für die Ewige Flamme.”, erinnerte der lügende Inselbewohner schnell, doch der Anführer der Bande lachte bloß verächtlich.

“Ihr seid Betrüger.”, widersprach er und Hjaldrist holte sogleich Luft, um gegen diese richtige Behauptung zu reden. Es war verzweifelt, das wusste er.

“Na, dann beweise doch einmal, dass sie tatsächlich eine sogenannte ‘Trankmischerin’ ist.”, der Dunkelhaarige nickte gen Anna und die schlechte Atmosphäre im Zimmer konnte geladener nicht sein. Sie drückte einen nieder, stichelte, mahnte.

Scheiße.

“Wenn du behauptest, dass sie eine Magierin oder was auch immer ist, dann belege diese Behauptung! Man kann niemanden einfach so abführen!”, entkam es dem aufgebrachten Undviker lauter als gewollt und obwohl er wusste, dass die Ewige Flamme genug arme Unschuldige unter der Vorgabe falscher Tatsachen tötete. Flüchtig sah er noch einmal zu seiner nervösen Freundin hin und flehte im Geiste darum, dass sie ihren ganzen Alchemiekram gut versteckt hätte. Er schickte stumme Stoßgebete an die Götter, dass hier nirgendwo eines der Bücher der Novigraderin herumlag und sie ihre leere Giftphiole von heute Morgen wieder gut verborgen hätte. Denn die anwesenden Hexenjäger waren in der Überzahl. Manche von ihnen erschienen größer und viel stärker als die bedrängten Abenteurer. Wenn es zu einem Kampf käme, könnte es heikel werden. Und dies nicht nur deswegen, weil die Fremden in den dunklen Mänteln die Waffen schwingen würden, sondern bezüglich des ganzen restlichen Ordens. Ja, auch, wenn Anna und Hjaldrist es schafften die vier Männer hier drin auszuschalten, war noch immer ein fünfter im Schankraum. Er würde loslaufen und seinen Leuten Bescheid geben, sollten zwei Gesuchte oder ‘Ketzer’, wie man sie nannte, Tamtam machen. Die Lage war also denkbar gefährlich und genau aus diesem Grund versuchte der 25-jährige Skelliger es nun sich und seine stille Freundin aus dem Schlamassel herauszureden.

Auf Hjaldrist’s scharfe Forderung nach Beweisen für die Behauptung, dass Anna verbrannt gehörte, hielt der Angesprochene der Jäger-Gruppe inne. Er schien zu überlegen, verengte die grauen Augen leicht und taxierte erst den Mann im grünen Rock, dann die abwartende Kriegerin, deren Waffen auf einer Kommode am anderen Ende des Zimmers lagen. Immer wieder lugte die Frau nervös zu jenen hin, doch könnte sie nicht erreichen, weil ihr der kantige Anführer der Bande im Weg stand.

“Durchsucht das Zimmer.”, orderte der dann auf einmal trocken an und sofort begannen zwei seiner Begleiter damit sich forschend umzusehen. Der dritte blieb in der Tür stehen, um die direkte Fluchtmöglichkeit nach draußen abzuschneiden. Selbstgefällig lächelte der Hüne und Hjaldrist spürte, wie ihm die Hände kalt und feucht waren. Eine leise Angst beschlich ihn.

Wenn die zwei penibel suchenden Hexenjäger gleich auch nur einen kleinen Teil von Anna’s Ausrüstung finden würden, wäre das das Ende des großen Plans Herr Baran zu befreien. Egal, was dann noch geschah… man könnte es vergessen den verhafteten Vater Mias gefinkelt den gierigen Klauen der Ewigen Flamme zu entreißen, weil man selbst auf deren Abschussliste stand. Und dies bedeutete wiederum, dass sich Hjaldrist keinerlei Unterstützung seitens der Träumerin im Wanderzirkus mehr erhoffen könnte. Würden die anwesenden Fremden auf Anna’s Grimoire, ihre Kräuter, Tinkturen oder Werkzeuge stoßen, dann… dann wäre es vorbei.

Wieder musste der aufgerüttelte Undviker mit dem schnell pochenden Herzen trocken schlucken und sah tatenlos dabei zu, wie die beiden Handlanger des großen, breiten Jägers das Zimmer umkrempelten. Sie rückten ein Kästchen beiseite, sahen unter allen Klamotten, die herumlagen, nach. Die gründlichen Männer öffneten den knarrenden Schrank und sahen hinein, rollten den rot gemusterten Teppich beiseite und überprüften die hölzernen Dielen. Immer wieder tauschten die abwartende Hexerstochter und ihr Kumpel dabei gehetzte Blicke aus. 

Momente später trat einer der dunkel gekleideten Hexenjäger plötzlich vor Anna’s Bett und Hjaldrist erkannte an der Miene der aufgebrachten Frau, dass sie dort irgendwo irgendetwas versteckt hatte. Denn sie versteifte sich abrupt und fixierte den Fremden so vor den Kopf gestoßen, als wolle der ihr etwas verdammt Wertvolles stehlen. Und dann tat sie etwas, das die ohnehin schon miese Stimmung abrupt kippen ließ: Als der Kerl Anna’s Matratze hochheben wollte, fasste jene schnell in ihre Tasche. Einen Atemzug später schon schnappte sie ein aufforderndes ‘Hey!’. Der, der die dünne Matratze hatte inspizieren wollen, sah sich fragend nach ihr um und bekam einen Herzschlag später schon ein gräuliches Pulver in das Gesicht geschleudert. Er taumelte zurück, fasste sich an die Augen und schrie auf, hustete röchelnd. Mit dem Rücken voran taumelte er gegen den Schreibtisch und fiel beinahe, verlor dabei seinen Krempenhut. Hjaldrist’s Kehle verließ ein lauter, impulsiver Fluch. Verdammte Kacke! WAS tat Anna da?

Die besagte Wahnsinnige sah sich nach dem großen Bandenanführer um und warf ihm die Reste ihres Pulvers, das sie noch in der behandschuhten Hand hatte, ohne jegliches Vorzeichen entgegen. Es bestand aus einer Art Pfeffer und irgendeiner ätzenden alchemistischen Substanz, wusste Hjaldrist. Daher stöhnte auch der nächste damit angegriffene sofort schmerzvoll auf und fasste sich an das Gesicht, als habe man ihm flüssiges Metall darüber geleert. Der Hüne wand sich, taumelte, schrie. Die übrigen beiden Hexenjäger griffen bei dem Anblick aggressiv murrend zu den Waffen und ohne zu zögern stürzten sie auf die Giftmischerin los. Ein Kurzschwert verfiel sie nur knapp, denn sie wich geschickt aus, und bevor der stachelbewehrte Streitkolben des zweiten Angreifers wuchtig auf sie niedergehen konnte, erwischte Hjaldrist dessen Besitzer schon von hinten am breiten Kragen und riss ihn daran zurück. Der überrumpelte Spinner der Ewigen Flamme gab dabei ein Würgegeräusch von sich. 

Indes eilte Anna zu ihren Waffen, die da auf der alten Kommode im Raum lagen und fasste nach ihnen. Ehe man sich versehen konnte, hob sie schon mit dem langen Schwert zu. Metallen singend schlug dessen Klinge gegen das Kurzschwert des einen Hexenjägers und der Frau entkam ein wütender Kampfschrei. Hjaldrist blieb nun nichts Anderes mehr übrig, als ebenso zu kämpfen. Man konnte nicht mehr verhandeln. Es war zu spät, um noch vorzugeben kein Gegner der Ewigen Flamme zu sein. Viel zu spät.

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