Kapitel 55

Quen und Aard

Das Schwert des wütenden Hexenjägers kam so wuchtig auf Anna’s langer Klinge auf, dass es ihr bis in die Schulter hoch vibrierte und sie verbissen ächzen musste. Nichts desto trotz nahm sie Schwung und stieß die fremde Schneide fort, ehe sie zurückwich und einen festen Stand einnahm. Ihr Gesicht war hart und ihre Augen böse verengt, doch trotz ihres fest entschlossen, kampfbereiten Äußeren, war sie innerlich sehr aufgewühlt. Denn die fremden Männer der Kirche kannten ihren vollen Namen und wussten von den Dingen, die sie tat. Trankmischerei, ja gut, die konnte man einer Person schnell unterstellen. Den Besitz von sogenannten ‘verbotenen’ Büchern ebenso. Doch die Sache mit der Empfängnisverhütung, die der Ordensmann als ‘Abtreiberei’ betitelt hatte, war etwas, von dem niemand außerhalb Anna’s Begleiterkreis wusste. Ravello hatte Ahnung. Hjaldrist natürlich auch. Doch sonst…?

Die aufgerüttelte Frau wehrte einen erneuten, vertikalen Hieb ab, hebelte die Schwertklinge des Hünen vor sich mithilfe ihrer Parierstange fort und stach zu. Sie streifte den Oberarm des Mannes, verletzte ihn. Und als sie dies tat, kam ihr ein vager Gedanke, der sie augenblicklich stutzen ließ: Svenja. Nur SIE wusste neben Rist und dem Ritter aus Beauclair Bescheid. Oh nein.

Anna gab einen überforderten Laut von sich und war eine Sekunde lang zu unaufmerksam, als sie an das rothaarige Biest aus Undvik dachte. Der Hexenjäger im dunklen Mantel vor ihr rempelte sie zurück und sie stürzte beinah, stieß mit dem Kreuz voran an die vertäfelte Zimmerwand, schreckte auf und holte tief und zornig Luft.

“Anna, pass auf!”, konnte sie Rist mahnend rufen hören und der große Jäger vor der Frau schlug zu. Normalerweise war es kein Leichtes die bewanderte Kriegerin aus Kaer Morhen zu entwaffnen, doch der Fremde erwischte sie an der noch etwas angeschlagenen, rechten Waffenhand, deren Finger nach wie vor leicht steif und empfindlich waren. Man hörte die Frau aufschreien, als ihr der Schmerz durch die Hand zuckte; dann fiel ihr Bastardschwert klappernd zu Boden. Sie wich sogleich einem hastigen Schwertstreich ihres schnellen Gegners aus, duckte sich, wollte die eigene Waffe wieder aufheben. Ihre Fingerspitzen streiften deren lederumwickelten Griff gar, doch sie bekam jenen gerade so nicht zu fassen. Anna stieß einen überraschten Laut aus, als der raue Hexenjäger sie am breiten Kragen packte und zurück wuchtete. Ungläubig hafteten ihre braunen Augen dabei auf dem Schwert am Grund, das so nah und doch so weit entfernt erschien. Wieder bugsierte der Kerl sie an die kalte Wand und sie japste laut.

“Ergebt Euch, kommt mit zum Kommandanten oder sterbt hier und jetzt!”, schnarrte der ruppige Mann, während sein massiger Kollege im Hintergrund gerade vom viel schmaleren Hjaldrist niedergerungen wurde. Der Skelliger hatte eine stark blutende Wunde an der Stirn und wirkte etwas unkoordiniert, als er einen Tritt kassierte.

Anna spuckte ihrem Feind ins Gesicht.

“Fick dich!”, fügte sie giftig hinzu und wollte dem Mann gezielt zwischen die Beine treten. Doch er hatte dies schon geahnt und wich furios zurück.

“Du wagst es?”, blaffte er und einen Herzschlag später ging seine geschliffene Klinge erneut blitzend auf die Kurzhaarige hernieder.

Anna machte einen Fehler, als dies geschah. Wie aus einem Reflex heraus riss sie die Hand vor sich und vollführte dabei eine Geste, anstatt dem Kurzschwert auszuweichen. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich abrupt und angestrengt. Etwas, das normalerweise äußerst effektiv gewesen wäre, wäre da nicht die beklemmende Tatsache gewesen, dass ihre unlängst gebrochenen und erst frisch verheilten Finger noch nicht so wollten wie die Novigraderin. Die Geste für Quen war demnach zu stockend, die zittrige Hand in dezent falscher Haltung hochgehalten, die ganze Aktion zu impulsiv und schlampig. Joris hätte die Augen weit versteht, hätte er dies gesehen. Und während die Zeit anmutete, als vergehe sie so zäh, wie dickes Harz sich zog, antwortete die Magie aus dem Erdreich verstimmt und in chaotischer Weise. Sie kam wie immer von unten, packte Anna grob und fuhr ihr durch das protestierende Fleisch, strebte in ihrem Leib nach oben und wollte den Weg tosend aus ihr herausfinden. Die arkane Kraft war wie ein wildes Tier, das man zähmen musste und auch eines, das die Hexerstochter sonst mit Bravour im Zaum hielt. Nur heute, gerade eben, da hatte sie sich einen dämlichen Patzer geleistet. Und genau dies bekam sie zu spüren, als die Magie in ihr keinen Weg nach draußen fand, sondern wütend an ihrem Inneren zog und ihr den Unterleib verkrampfte. Der unsäglich stechende Schmerz kam so plötzlich und war so enorm, dass die Frau unkontrolliert aufstöhnen musste und einen Schritt zur Seite wankte. Eine Klinge sauste knapp an ihrem Ohr vorbei. Sie konnte nicht anders, als sich im Stehen zu krümmen und sich überwältigt an den Bauch zu fassen, nach Atem zu japsen. Die Pein machte ihr die Augen glasig, als sie zu einem tonlosen Fluch ansetzte. Bevor sie jedoch zum Sprechen kam, erwischte sie der zornige Hexenjäger am Hemdkragen und schleifte sie vor sich, hob sie hoch und starrte ihr streng in die Augen. Der Atem Anna’s ging schwer und sie strampelte, als sie spürte, wie sie der größere Mann sie so weit hochzerrte, dass ihre Füße den Halt am Grund verloren. Er versprach ihr sadistisch grinsend sie abzustechen wie ein Schwein.

Widerspenstig maulte die verzweifelte Kriegerin, hob zu, schlug nach dem Hexenjäger und zerkratzte ihm in einem Schwung das Gesicht, dass er verärgert schnarrte. Doch er ließ sie nicht los, im Gegenteil: Er packte noch fester zu und würgte die Jüngere damit schon fast, schüttelte sie. Mit Grauen im Blick spürte Anna den schmalen Sims währenddessen an ihrem Hinterteil. Vor einigen Minuten hatte sie noch hier, im zweiten Stockwerk des ‘Eisvogels’, gestanden und ruhig aus dem geöffneten Fenster auf den abendlichen Marktplatz hinuntergesehen. Nun aber, da erschien ihr jenes wie der sichere Tod. Wie eine bedrohliche, gähnende Schlucht. 

“Nichts Böses überlebt das Ewige Feuer! Das Ewige Feuer erleuchtet, verbrennt und reinigt die Seelen!”, bellte der Ordensbruder sein Gebet wütend.

Wieder schrie Anna derweil auf und wollte treten, wehrte sich mit aller Macht und ihre Angst verlieh ihr dabei Kraft. Doch nicht genug. Zudem fuhren ihr Unterleibsschmerzen noch immer bis in die Wirbelsäule und daran hoch; sie verwehrten der Hexerstochter fast das Denken.

“Möge die Ewige Flamme mir beistehen und mir den Weg weisen! Ich bin ihr Schwert, das den heiligen Weg von den Ketzern befreit!”, schnaubte der fanatische Hexenjäger weiter und drängte Anna aus dem Fenster. Sie hörte Rist laut nach ihr rufen und sah, wie er sich mühsam von dem losriss, der ihn bisher beschäftigt hatte. Panik lag ihretwegen in seinen aufgerissenen Augen. Dann gab der Jäger mit dem blutenden Gesicht der Giftmischerin einen barschen Schubs. Sie glaubte, ihr bliebe das Herz stehen. Ihr entsetzter Schrei blieb ihr in der Kehle stecken, als sie jeglichen Halt verlor und rücklings fiel.

Anna presste es einen schnellen Herzschlag später mit einem Mal die Luft aus den Lungen, als sie hart und mit dem Kreuz voran am schrägen Vordach des Gasthofes aufkam und weiter rollte. Orientierungslos versuchte sie an irgendetwas Halt zu finden, das sie nur in die fahrigen Finger bekommen könnte, und keuchte überfordert. Sie schlitterte über Dachziegel, die ihr die Hände wund gescheuert hätten, hätte sie keine Handschuhe getragen, und schaffte es tatsächlich ihren Fall etwas abzubremsen. Mit dem Gesicht schrammte sie über die rauen Ziegel und spürte ein Brennen an der Wange, fühlte, wie sie das Adrenalin nahezu taub machte. Die Trankmischerin kullerte über den Rand des Dächchens, erwischte jenen gerade noch so und hielt sich daran fest, als ihre Beine in der Luft hingen. Ein knappes Jammern entkam ihr, sie atmete schwer aus, dann verließen sie die Kräfte und die Dachkante entglitt ihr. Polternd landete sie daraufhin am dreckigen Boden vor der Taverne, wo Marktbesucher erschrocken aufschrien. Staub wirbelte zur Seite auf und Anna musste heiser husten. Blut klebte ihr dick am Mundwinkel, denn sie hatte sich beim Fall fest auf die Zunge gebissen. Frauen schlugen sich die Hände entsetzt vor die Münder und Männer erstarrten fassungslos. Einer von ihnen rief hysterisch nach der Stadtwache.

Vor Anna’s Blickfeld hüpften helle Punkte auf und ab und erschwerten ihr das Sehen. Die verwirrte Alchemistin hörte schlecht, vernahm nurmehr das dumpfe Pochen ihres eigenen Pulsschlages in den Ohren. Wie in Trance rollte sie sich zur Seite, um sich aufrichten zu können. Ein kehliger Laut entkam ihr; sie bekam keine Luft. Dennoch schaffte sie es irgendwie auf die Knie, klappte noch einmal nieder und kam auf alle Viere. Die 21-Jährige spuckte rot aus und keuchte, versuchte sich am Riemen zu reißen.

Und dann war da schon jemand, der ihr bestimmend unter den Arm griff. Sie wehrte sich nicht und ließ sich auf die wackeligen Beine ziehen. Als sie angestrengt blinzelte, bemerkte sie eine entfernte Stimme, die nach Rist rief. Der Mann bei ihr horchte sofort auf und versuchte es gar nicht erst Anna zum Laufen zu animieren. Hjaldrist erwischte sie mit sicherem Griff und hob die Schwertkämpferin hoch. Unweit stoben drei Hexenjäger aus dem ‘Eisvogel’. Einer von ihnen wankte gefährlich und hielt sich den Kopf, taumelte und fiel jetzt um. Der zweite war der mit dem zerkratzten Gesicht, der die Giftmischerin vorhin hatte töten wollen. Und der dritte Mann war der, der im Schankraum gewartet hatte.

“Fasst sie!”, hörte Anna den letzteren brüllen und planlos klammerte sie sich an ihren besten Freund, der loslief, als ginge es um ihre Leben. Und so war dem auch, nicht wahr? Sie beide müssten hier weg und zwar schnell!

“Ich… ich kann gehen...”, protestierte Anna in ihrem Schock, doch Rist ignorierte das völlig. 

“Sei still.”, machte er, doch klang dabei nicht streng, sondern ratlos und aufgelöst. Er rannte über den gut besuchten Marktplatz, zwängte sich mit seiner Kollegin durch die versammelte, entsetzte Menschentraube und schien genau zu wissen, wohin er wollte. Benommen sah sich die 21-Jährige um und erkannte plötzlich Albion. Der Feuerspucker, der nicht weit entfernt am Platz wartete, winkte dem Skelliger nervös zu, forderte dazu auf sich zu beeilen und bog scharf um eine nahe Hausecke. Ohne zu zögern folgte Hjaldrist und sein Atem ging schwer. Blut lief ihm nach wie vor von der Wunde auf der Stirn und rann ihm dabei ins rechte Auge, das er schmerzverzerrt zukniff. Dennoch dachte er nicht daran inne zu halten. Eher legte er noch einen Zahn zu.

 

Albion hastete bis in das Stadtviertel ‘Spitzenhall’, wo er in einer dunklen Seitengasse verschwand. Man konnte die aggressiven Hexenjäger ein paar Straßen weiter noch immer wütend rufen hören. Ja, sie verfolgten ihre Opfer nach wie vor.

“Kommt schnell!”, keuchte der Halbelf aus dem Zirkus und gestikulierte, als er sich nach dem schnaufenden Rist und Anna umsah. Er führte sie direkt in eine Sackgasse, denn vor ihnen erhob sich ein Holzverschlag mit einer schmalen Tür, die nicht so aussah, als sei sie unverschlossen. In seiner Ratlosigkeit schloss der anwesende Undviker trotzdem zu dem Artisten auf und hoffte, dass Albion wusste, was er tat.

“Macht auf!”, rief der Feuerschlucker, als er sich an den massiven Holzverschlag warf.

“Passwort?”, konnte man jemanden dahinter trocken fragen hören.

“Alte Sau hat geferkelt!”, schoss der Zirkuskünstler zurück und tatsächlich konnte man daraufhin hören, wie hinter dem vernagelten Verschlag ein quietschender Stahlriegel zur Seite geschoben wurde. Die dicke Türe öffnete sich und Albion stürmte weiter, Hjaldrist auf den Fersen, der Anna trug. Erst jetzt, und nachdem der dickliche Torwächter des eigenartigen Viertels die Türe wieder verschlossen hatte, hielt der Halbelf inne, keuchte schwer und stützte die Hände geschafft auf die Knie.

“Beim fetten Arsch meiner Mutter!”, fluchte der Künstler “Das war knapp.”

Rist, der seine beste Freundin gerade wieder vorsichtig runter ließ, setzte zu einer aufgebrachten Frage an sie an, doch die Stimmen der Hexenjäger kamen ihm dazwischen.

“Wo sind die hin?”, blaffte draußen jemand ärgerlich und der zusammenzuckende Albion hielt sich sogleich einen Zeigefinger vor die schmalen Lippen, um seinen beiden Begleitern anzudeuten, dass sie bloß die Klappen halten sollten. Anna stützte sich an einer Schulter Rists ab und sah schwerfällig auf, horchte bang. Man konnte vernehmen, wie die Fremden draußen, auf der Straße, vorbei hetzten. Und dann, wenige Wimpernschläge darauf, waren sie fort. 

Eine seltsame Stille tat sich zwischen denen auf, die erfolgreich vor der Ewigen Flamme geflohen waren. Eine, die der blutende Hjaldrist schlussendlich brach, als er abgekämpft stöhnte und sich an Ort und Stelle auf den Boden setzte. Er hielt sich den Kopf und schüttelte jenen ungläubig. Er murmelte irgendwas Fassungsloses in seinem Dialekt, das man kaum verstand, während Anna etwas wackelig stehen blieb und sich die schmerzende Hüfte rieb. Es wurde mittlerweile dunkel und ringsum wurden alte Laternen angezündet, die an den Hausfassaden montiert waren.

“Au… Kacke…”, zwängte die Giftmischerin hervor, ehe sie den Blick auf ihren Freund sinken ließ. Noch immer hielt sie das Adrenalin in ihrem Blut aufrecht und bisher hatte die Kurzhaarige noch nicht so recht verstanden, was geschehen war. Sie war aus einem Fenster in etwa 25 Fuß Höhe geworfen worden und hatte sich dabei nicht das Genick gebrochen, verdammte Scheiße!

“Rist?”, fragte sie und noch immer war es ihr etwas schummrig vor Augen. Um sich selbst sorgte sie sich gerade nicht, denn sie war so durch den Wind, dass ihr dies überhaupt nicht in den Sinn kam. 

“Alles gut...?”, fragte sie.

“Mein Schädel…”, murrte der Undviker leise und wischte sich das Blut aus dem Auge, drückte sich eine Hand gegen die Platzwunde knapp vorm Scheitel. Er war ziemlich blass geworden, doch er schien sich gerade wieder etwas zusammenzureißen.

“Bei allen Schöpfern!”, kommentierte Albion dies “Was habt ihr denn bitte angestellt? Sind sie euch etwa auf die Schliche gekommen?”

Anna nickte besiegt und der Feuerspucker betrachtete sie mit ernster Miene. Er gab einen verärgerten Laut von sich.

“Na, gut, dass ich gerade am Markt war, um einzukaufen.”, sagte er und gestikulierte theatralisch “Ich habe geglaubt, mir bliebe das Herz stehen, als die Leute herum schrien und du da auf einmal am Boden lagst, Liebes. Du hast Blut gespuckt!”

Die angesprochene Frau, die etwas schief dastand, sagte nichts und bedachte Rist mit sorgenvoll-prüfenden Blicken, ehe sie ihm eine Hand hinhielt, um ihn dazu aufzufordern aufzustehen.

“Aber wie auch immer…”, seufzte Albion “Kommt mit. Ihr seid hier unter Freunden.”

“Was ist ‘Hier’?”, brummte der verwundete Skelliger argwöhnisch, als er wieder auf die Beine kam, und nuschelte dabei leicht. Anna war fast wieder mit ihm umgefallen, als sie versucht hatte ihm zu helfen. Doch sie beide hatten es aus unerfindlichen Gründen doch noch geschafft sich zusammen aufzuraffen.

“Das hier ist das Reich des Bettlerkönigs.”, erklärte der Artist des bunten Wanderzirkusses verschwörerisch “Keinem Anderling geschieht hier ein Leid.”

Hjaldrist verengte die dunklen Augen misstrauisch.

“...Ist der Schlag auf meinen Kopf zu fest gewesen, oder hast du das gerade wirklich gesagt, Elf? ‘Bettlerkönig’...?”, wollte der taumelige Axtkämpfer abschätzig stöhnend wissen und der Feuerschlucker lachte nur heiter.

“Rist, dein Kopf.”, bemerkte Anna besorgt, bevor sich der Blutende hier noch in eine gerade sehr ungünstige Diskussion verwickelte.

“Geht schon…”, murmelte der blasse Inselbewohner und seine Freundin schnaubte unzufrieden.

“Na kommt.”, forderte der einsichtige Albion dann nickend “Wir sehen erst einmal zu, dass sich wer um eure Wunden kümmert. Dann können wir über alles Weitere reden.”

“Was… was ist mit Ravello?”, fragte Anna etwas konfus, als sie sich auf gegenseitigen Halt hoffend bei Hjaldrist unterhakte. Jener sah sie auf die Frage nach dem feigen Blondschopf entnervt an.

“Dem geht es gut. Der saß noch in der Taverne, als ich nach unten bin, um zu dir zu rennen.”, erzählte der Dunkelhaarige “Und, bei Hemdall, dieses Mal bin ich wirklich froh darüber. Er wird unsere Sachen aus dem Zimmer holen und bei sich unterbringen können. Ich wette, dass die Ewige Flamme in den ‘Eisvogel’ zurückkommen wird, um unseren Kram zu suchen.”

Anna sog die Luft bei dem Gedanken empört ein. Ihre Ausrüstung war verdammt viel wert. Ihr Stahlschwert war eine Hexerwaffe aus Kaer Morhen, ihre Alchemiesachen könnte man um mehr als hundert Kronen verkaufen und manche ihrer Bücher waren antik. So pleite sie auch immer war, so war sie in dieser Hinsicht sehr vermögend. Manche Leute hätten horrende Summen für das gezahlt, was sie mit sich herumtrug. Sie hoffte also inständig, dass Ravello so geistesgegenwärtig wäre, dass er ihre Sachen barg. Dasselbe galt natürlich auch für Rist’s Kram. Jener hatte vielleicht nicht so viel Wert wie Anna’s kostbare Alchemieausrüstung, doch dafür war das meiste davon irrsinnig praktisch.

 

Die völlig fertigen Abenteurer fanden Platz in der kleinen Wohnung einer Freundin Albions, die im Viertel des sogenannten ‘Königs der Bettler’ hauste: Barbara. Sie war eine schlanke, blonde Frau von etwa dreißig Jahren, die die Neuankömmlinge kritisch gemustert hatte, nachdem der freundliche Feuerspucker mit ihnen vor der Tür gestanden hatte. Doch gleich hatte sie auch bemerkt, dass Anna und Hjaldrist verletzt waren und ohne Umschweife hatte sie sie sofort in ihr spartanisches Heim gelassen. Nun, da beugte sie sich gerade Hjaldrist’s Stirnverletzung entgegen und beäugte jene skeptisch.

“Das gibt sicher ne Narbe…”, murmelte der Skelliger unzufrieden seufzend. Nicht, dass er nicht schon welche davon hätte, doch im Gesicht waren dicke Narben dann auch wieder nicht so schön. Und er war ein eitler Kerl. Man konnte sagen, was man mochte, aber Rist scherte sich um sein Äußeres. Melitele sei Dank. Anna war heilfroh darüber, dass sich ihr Kumpan regelmäßig wusch und auch auf seine Kleidung achtete. Ja, der Viertelelf putzte sich gar zweimal am Tag die Zähne und das war selten. Jedenfalls unter dem Mannsvolk. Zu oft hatte Anna mit stinkenden, abgeranzten Typen zu tun gehabt. Sie fand solch ungepflegte Männer widerlich und wäre Hjaldrist so wie jene, könnte sie es sich nicht vorstellen ein Zelt oder sogar Bett mit ihm zu teilen. Wirklich nicht.

“Narbe? Mh. Nein. Nein, ich glaube nicht.”, meinte Barbara überlegen lächelnd und klang selbstsicher dabei “Wir heilen deine Wunde mit Magie.”

Hjaldrist verschluckte sich nach dieser Aussage fast an seiner eigenen Spucke und Anna, die unweit auf einem hölzernen Stuhl saß, sah interessiert auf. Barbara war eine Magierin?

“Was…?”, entkam es Rist ungläubig und man hörte Albion belustigt lachen. Der Halbelf kam gerade an den Tisch, wo Anna saß, und setzte sich ebenso. Er warf der Schwertkämpferin ein kokettes Lächeln zu, ehe er Rist seine Aufmerksamkeit schenkte.

“Babs macht das gut, vertraue ihr ruhig.”, grinste der Feuerspucker wohlwollend “Ich hab mir mal das halbe Gesicht verbrannt, weil mir bei einem Kunststück Brennflüssigkeit darüber gelaufen ist, und sie hat es im Handumdrehen gerichtet. Es hat keine fünf Momente gedauert, da hat meine blasenübersäte Haut wieder ausgesehen wie neu.”

Die anwesende Hexerstochter sah zwischen Albion und den anderen beiden hin und her und wirkte verblüfft. Noch nie hatte sie eine magische Heilerin getroffen.

“Naja, ich gebe mein bestes.”, lachte Barbara leise und wandte sich wieder Hjaldrist zu “Halte also still.”

Die Magie war daraufhin kaum zu bemerken. Das, was Albion’s Freundin tat, sah einfach nur aus wie simples Handauflegen: Sie flüsterte ein paar kaum hörbare, kryptische Worte, legte dem blutenden Skelliger eine Handfläche zart an die Stirn und schloss die blauen Augen. Da war kein Funkeln oder Glitzern, wie man es sich eigentlich erwartet hätte. Man sah keinen hellen Schein oder dergleichen, sondern nur, wie der sitzende Inselbewohner kurz zusammenzuckte und die Zähne fest aufeinanderbiss. Dann war es schon vorbei. Als Barbara, oder ‘Babs’, wie der Zirkusartist im Raum sie genannt hatte, die Finger wieder vom Kopf des verdatterten Undvikers nahm, war da nur noch Blut. Die Haut darunter war glatt und sah aus, als sei sie nie unschön aufgeplatzt gewesen. Anna machte große Augen und auch ihr bester Freund wunderte sich ganz offenkundig.

“Hm...?”, machte er “Das war es schon?”

Babs nickte und wischte sich die blutige Hand an der Schürze ab.

“Ich kann leider keine Kopfschmerzen oder Schwindel heilen, aber die sind gerade sicherlich dein kleinstes Problem.”, meinte die Blonde und strich sich eine ihrer Locken hinter das Ohr. Sie war eine hübsche Frau und ihre Augen schienen durch alles und in jeden hinein sehen zu können. Äußerlich wirkte sie jung, doch Anna fand, dass sie von ihren Gebärden und ihrem Gerede her anmutete, als sei sie viel älter. Ob sie diese Alraunen-Salbe verwendete, von der der Vampir damals, in der Ruine der Flammenrose gesprochen hatte, um hübsch zu bleiben?

“Bestimmt habt ihr beide gerade ziemliche Probleme mit der Kirche.”, setzte Babs fort und wandte sich vom wirren Rist ab, um zu Anna zu sehen. Der Skelliger befühlte seine verheilte Stirn verblüfft mit den Fingern.

“Mhm.”, machte die Hexerstochter “Sie haben herausgefunden, dass ich eine Alchemistin bin.”

“Interessant.”, die Blondine musterte die Jüngere neugierig und lächelte dann berechnend “Da ist aber noch mehr, nicht?”

“Äh?”, verwirrt blinzelte die konfrontierte Kriegerin.

“Ich spüre nicht nur, dass du Prellungen und Zerrungen an Knie, der Hüfte und der Schulter hast.”, offenbarte die wissende Frau und legte sich selbst die Hand auf den Unterbauch, als wolle sie damit etwas andeuten “Du hast Magie angewendet oder versucht es zu tun. Nicht nur einmal.”

Anna starrte Barbara entgeistert an.

“Was ist? Arkane Kraft verstümmelt uns Frauen nach und nach. Umso öfter wir auf sie zurückgreifen, desto mehr zerstören wir damit unsere Fortpflanzungsorgane. Dies gilt für niedere Magie genauso, wie für höhere. Es macht keinen Unterschied.”

“Was?”, entkam es Anna und Hjaldrist jetzt wie im Chor. Der einzige Unterschied dabei war, dass erstere sich über das von Babs Gesagte wunderte und dass sich der Skelliger im Bund entsetzt zeigte. Rist wusste schließlich noch nicht, dass seine Freundin es geschafft hatte ein Hexerzeichen zu erlernen. Bestimmt dachte er schon gar nicht mehr an diese Sache. Daher fragte er sich nun, was Anna schon wieder mit sich selbst angestellt hatte.

“Anna?”, fragte der Undviker mit dunkler Befürchtung im Ton, doch sie winkte ab.

“Es ist alles gut.”, versprach sie, doch ihr besorgter Kumpel betrachtete sie weiter eingehend von oben bis unten.

“Du bist auch eine Magierin?”, fragte Albion aufgeregt dazwischen, doch Anna schüttelte den Kopf schnell.

“Ich… weiß nur, wie man auf Magie zurückgreift. Also, ein ganz kleines bisschen. Ich bin keine Zauberin.”, erklärte die Kurzhaarige sofort, um irgendwelche Missverständnisse zu vermeiden. Sie beobachtete, wie sich die erschrockene Miene Hjaldrists nun langsam wieder lockerte, als er ahnte, was gleich käme.

“Ich kann ein Hexerzeichen. Quen. Aber das war es auch schon.”, gab die Kriegerin zu und Albion verstand kein Wort. Barbara nickte ruhig.

“Simple Magie. So einfach, dass man sich als Zauberin oder Magier kaum damit befasst.”, kommentierte die Heilerin etwas arrogant “Ich nehme an, dass du sie gegen die Ewige Flamme einsetzen wolltest.”

Anna, die sich nach dem ersten Satz von Babs ein wenig auf die Füße getreten fühlte, schluckte eine blöde Bemerkung hinunter. Sie verkniff es sich sich zu beschweren und zu grummeln, dass es für sie schwer genug gewesen war Quen zu erlernen. Stattdessen kam sie auf den Kampf gegen die fanatischen Kirchenleute zurück.

“Nein… ich wollte es nicht einsetzen. Meine Hand war nämlich gebrochen. Ich habe die Schiene erst gestern wieder abgelegt.”, seufzte die burschikose Frau “Aber im Affekt wollte ich Quen wirken und habe dabei einen Fehler gemacht. Es war dumm.”

“Mhm”, nickte Babs verständnisvoll “So etwas kann passieren, wenn man eine Laie ist.”

Die beiden Männer und die pikierte Hexerstochter schwiegen. Anna war keine Laie...

“Du hast keine blutenden Wunden. Und deine etwas aufgeschlagene Wange wird schnell von selbst heilen. Daran verschwendet man keine magische Energie.”, stellte Barbara weiter fest, ohne, dass sie ihre Besucherin untersuchen musste “Ich kann dir und deinem Freund noch einen Tee gegen Schmerzen anbieten.”

Anna nickte. Erst dann sah sie wieder zu Hjaldrist hin, der ihr am Bett der Magierin gegenübersaß und sie eigenartig ansah.

“Du kannst Quen?”, fragte der jetzt und die Kurzhaarige nickte abermals.

“Und du hast es nicht einsetzen können, weil deine Finger verletzt waren? Darum habe ich es die letzten Wochen über nie gesehen.”, hakte der am Rande begeisterte Mann weiter interessiert nach. Wieder nickte die Alchemistin und schlug die Augen nieder. Barbara machte sich solange daran Wasser für einen Kräutertee aufzusetzen. Die Abenteurer würden noch eine Weile in der Wohnung der Blonden herumsitzen, so viel stand fest. Zumindest Anna fühlte sich nämlich wie erschlagen und selbst das Sitzen tat weh. Oh, ihre armen Knochen...

 

Nachdem das Adrenalin in Anna’s Blut langsam wieder nachgelassen hatte und sie wieder in der Gegenwart angekommen war, hatte sie sich hinlegen müssen. Der Schock vom Sturz aus dem Fenster und all dem drum herum steckte ihr nicht mehr zu tief in den Knochen und aus diesem Grund war sie jetzt wieder wehleidiger, betroffener, ungläubiger. Hatte sie vorhin noch ratlos herumgestanden und dem blutenden Hjaldrist fahrig auf die Beine geholfen, glaubte sie jetzt kaum mehr, dass sie heute noch sonderlich weit gehen könnte. Sie hatte von ihrem harten Fall aus dem zweiten Stockwerk unzählige Prellungen davongetragen, sich aber zum Glück nichts gebrochen. Ihre eine Schulter fühlte sich gezerrt an und nur langsam ließen ihre Bauchschmerzen wieder nach. In dieser Sekunde lehnte sie am Bett von Barbara und schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. Ein überfordertes Stöhnen entkam ihr gleich.

“Was machen wir denn jetzt…”, wisperte sie und musste den Kopf leicht schütteln.

Hjaldrist saß bei ihr auf der Bettkante und trank schon an seiner zweiten Tasse Tee aus schmerzlindernden Kräutern. Seine Kopfschmerzen waren wohl nach wie vor präsent.

“Wir kommen erstmal runter…”, riet er relativ ruhig “Und dann sehen wir weiter.”

Barbara und Albion waren nicht mehr hier. Sie waren nach draußen gegangen. Vermutlich, weil sie die beiden Abenteurer gerade alleine lassen wollten. Und vielleicht hörte sich der besagte Halbelf ja nach einer temporären Bleibe für Hjaldrist und Anna um? Denn die blonde Magierin, die Rist’s Platzwunde geheilt hatte, hatte verlangt, dass man ihr Heim gegen Abend verließ, weil sie dann ihre Ruhe haben wolle. Sie sei zwar eine Heilerin, doch ihre Wohnung kein Lazarett. Was dies anging, war Babs egoistisch und sie entsprach tatsächlich dem Zauberinnen-Klischee, das besagte, dass diese Leute die Nasen gern höher trugen. Das hatte Anna schon bemerkt, als Barbara abwertend von Hexerzeichen gesprochen und die Novigraderin als ‘Laie’ betitelt hatte. Auch hatte die Blondine vorgegeben, dass sie nur offene Wunden behandeln könne, keine innerlichen Leiden. Dass sie Anna’s Abschürfung an der linken Wange nicht heilen würde, weil man an solch eine Kleinigkeit ‘keine Energie verschwenden sollte’. Die Hexerstochter glaubte daher, dass Babs sie nicht leiden konnte. Oder die Magierin sah sie, als sei Anna ein dummes, nervendes Kind. Kam in etwa auf das gleiche hinaus.

Die Schwertkämpferin, die da etwas schief und mit einem Kissen im schmerzenden Kreuz dasaß, sah verzwickt vor sich hin und sah erst auf, als sie ihren Kumpel seufzen hörte. Sie fing seinen Blick auf, als er sie forschend betrachtete und seine dunklen Augen auf die Wunde an Anna’s Wange fielen. Der Mann runzelte die Stirn. Und dann fischte er sich ein Taschentuch aus der Manteltasche, tunkte es beiläufig in seinen Tee und winkte Anna zu sich. Irritiert zog sie die Brauen zusammen, verstand dann aber gleich, worauf ihr einfühlsamer Kollege aus war und rückte näher zu ihm. Sie ächzte verstimmt dabei und sah stur vor sich hin, obwohl sie sich elend fühlte. Lieber biss sie die Kiefer fest aufeinander als zu jammern.

Zögerlich hob Hjaldrist nun seine Hand, um Anna ans Kinn zu fassen und ihren Kopf sachte so zu drehen, dass er ihre verletzte Wange ansehen konnte. Dann wischte er ihr das ganze krustige Blut ab. Die Frau schwieg, als er das tat und sah nicht auf.

“Du musst nicht immer die Starke spielen, Anna.”, sagte der Skelliger mit leicht gesenkter Stimme. Und es war unheimlich, wie sehr er gerade den Gemütszustand seiner getretenen Freundin traf.

“Jedenfalls nicht mir gegenüber. Ich kenne dich mittlerweile zu gut.”, setzte der Mann fort und die Kurzhaarige verengte die braunen Augen etwas. Sie zuckte zurück und biss die Zähne zusammen, als das feuchte Taschentuch die Schürfwunde in ihrem Gesicht berührte. Tonlos ließ sie das hier über sich ergehen.

“Also tu mir einen Gefallen und sehe in Zukunft nicht so starrköpfig und böse vor dich hin, wenn es dir eigentlich zum Heulen zumute ist.”, bat Rist weiter “Nicht, wenn wir allein sind. Ja? Es macht mich nämlich krank.”

Anna atmete tief aus und aus dem Augenwinkel sah sie irgendwo etwas überrascht zu ihrem Kumpel auf, vor dem sie saß. Obwohl er so vernünftig sprach, wirkte er etwas nervös. Warum?

“Hm.”, machte die Kurzhaarige mürrisch, sah wieder weg. Sie haderte mit sich und klaubte nach Worten. Sie fand aber keine. Also nickte sie nur schwach, obwohl sie sich nicht so sicher war, ob sie das stumme Versprechen einhalten könnte. Sie… könnte es höchstens versuchen, obwohl es sich eigenartig anfühlte daran zu denken sich immer offenkundig niedergeschlagen zu geben, wenn sie am Ende war. Sie war keine Memme.

Die 21-Jährige musste freudlos lächeln, als sie bemerkte, wie ihr bester Freund sie erleichtert ansah. Er ließ sein blutiges Taschentuch sinken und umarmte Anna dann einfach wie zum Trost. Der Kerl war jemand, der sich ziemlich leicht mit solchen Dingen tat und die Hexerstochter empfand das mittlerweile als recht angenehm. Hatte sie es am Anfang noch dezent überfordert, weil Rist so zugänglich war, begrüßte sie es heute. Die Schwertkämpferin hasste es, wenn ihr Fremde zu nah kamen, aber sie mochte es, wenn Rist sie drückte. Es machte die ganze, momentane Situation viel leichter. Und es war, als fiele eine Last von ihren Schultern ab, als sie die liebe Umarmung erwiderte. Ja, irgendwie würde es schon weitergehen. Es MUSSTE schließlich. Sie beide würden einen anderen Plan aushecken, um Mia’s Vater zu befreien und damit Hilfe für Hjaldrist zu bekommen. Schlussendlich waren sie schon immer den Weg des größten Widerstandes gegangen, anstatt feige davonzulaufen. Und vielleicht täuschte sich Anna ja… aber sie glaubte, dass man hier, im zwielichtigen Viertel des Bettlerkönigs tatsächlich helfende Hände finden könnte. Leute wie Albion zum Beispiel. Die, die ihre Leben aufs Spiel setzten, um der verhassten Ewigen Flamme, die diskriminierte und Unschuldige tötete, eins auszuwischen.

 

Noch in der folgenden Nacht kamen die planlosen Abenteurer in einer Einrichtung unter, die sich um Obdachlose kümmerte. Doch nicht nur um irgendwelche Unvermögenden, sondern um Schurken, die dem ‘König’ des Stadtviertels halfen. Für ihre Arbeiten bekamen sie etwas Geld und einen Platz zum Schlafen. Albion hatte Anna und Rist die Stätte gezeigt, nachdem die beiden die Idee abgelehnt hatten mit zum Wanderzirkus am Rande der Stadt zu gehen. Es wäre zu gefährlich gewesen, hätten sie sich nun unter die Zirkusartisten gemischt. Linda und Mia waren schließlich dort und versteckten sich vor dem religiösen Orden Novigrads. Hätten sich Hjaldrist und Anna jetzt auch zwischen den bunten Leuten im Außenviertel getummelt, wären sie Gefahr gelaufen die Ewige Flamme darauf aufmerksam zu machen. Also waren sie im Stadtteil geblieben, in den man nur mittels eines Passworts Zutritt bekam. Wo sich zwielichtige Lädchen und Häuser aneinanderreihten und beinahe nur vermummte Personen aller möglichen Rassen herumstolzierten. Dies zum Teil schwer bewaffnet.

Jetzt verweilten sie jedenfalls in dem Heim für die vielen Handlanger des Bettlerkönigs, hatten sich einfach so unter Spione, Schläger und Banditen gemischt. Dabei fielen sie kaum auf, denn so, wie die meisten Leute, die hier schliefen, sahen sie nicht zu gewöhnlich aus. Ihre Kleidung war vielleicht in einem besseren Zustand und ihre Erscheinung gepflegter, doch das war es auch schon. In den Augen aller mussten Anna und Rist einfach nur Söldner des Herrschers der Unterwelt der Großstadt sein. Niemand hinterfragte ihren Besuch und so, wie alle es mochten in Ruhe gelassen zu werden, belangte man auch die burschikose Hexerstochter und ihren Begleiter aus dem Westen nicht. Zum Glück.

Trotz allem konnte Anna nicht schlafen und dies lag nicht nur daran, dass sie und Rist sich in einem großen Raum, zusammengepfercht mit zwei Dutzend anderen Leuten, aufhalten mussten. Die Schmerzen in Hüfte und Schulter brächten die arme Frau noch um und sie hatte keine Liegeposition gefunden, die sie hätte auf ihrer dünnen Strohmatte schlafen lassen. Also saß sie nun herum und starrte in die Leere. Es war düster und zwei Männer schnarchten schon seit einer geraumen Zeit laut. Von draußen konnte man immer wieder Stimmen hören und irgendwo lachte eine Gruppe immer wieder auf. Unweit gab es eine alte Kaschemme von Taverne und bestimmt feierten dort welche. Anna ließ den Blick zur Seite fallen. Hjaldrist, der bisher eher unruhig geschlafen hatte, rührte sich erneut. Sie beide hatten ihre durchgelegenen, harten Schlafgelegenheiten zusammen und an die Wand geschoben, um nicht zu nah neben den fremden Menschen ruhen zu müssen. Rist war dann, im Schlaf, immer weiter zu Anna gerückt, weil er vermutlich wieder einmal schlecht träumte. Er hatte ihr ihren halben Platz damit streitig gemacht, doch sei’s drum. Die matte Novigraderin bekam die Augen so oder so nicht zu, also konnte ihr anhänglicher Freund auch ihre Matte haben.

Man hörte, wie der besagte Skelliger etwas murmelte. Dann zuckte er plötzlich heftig zusammen und hob den Kopf augenblicklich an.

“Hey, alles gut.”, flüsterte die Kurzhaarige, die ebenso noch ihre volle Montur trug, wie ihr argwöhnischer, vorsichtiger Kumpel “Du hast geträumt.”

Hjaldrist ließ das Haupt wieder leise stöhnend sinken. Dann blieb er einfach nur eine Zeit lang schweigend liegen. Anna glaubte schon, er sei wieder eingenickt, da sprach er sie an.

“Anna…?”, machte der Schlaflose und achtete dabei darauf nicht zu laut zu reden, um niemanden ringsum zu wecken.

“Mhm?”, wieder hefteten sich die braunen Augen der Frau in der Dunkelheit auf ihren Gefährten.

“Weißt du, wie man ‘Schwarzes Blut’ mischt?”, fragte er nach und die Frau hob eine Braue irritiert an.

“Was…?”, machte sie und kratzte sich dann nachdenklich am Kinn, als sie anfing über das Nachhaken Hjaldrists nachzudenken.

“Nein.”, sagte sie dann “Aber vielleicht steht es irgendwo in meinen Büchern, die mit Balthar gegeben hat.”

Der Undviker blieb still.

“Wieso fragst du?”, schmunzelte die Frau bald “Willst du etwa auf Vampirjagd gehen? Schwarzes Blut ist ein Hexertrank und hochgiftig. Normale Leute sterben, wenn sie ihn zu sich nehmen...”

Nun hörte man Hjaldrist leise und etwas erheitert schnauben.

“Nein…”, seufzte er “Will ich nicht. Es hat mich nur interessiert.”

Anna musterte den Mann skeptisch, dachte sich im Endeffekt aber nicht mehr viel dabei. Womöglich hatte er ja von Vampiren oder Alchemieformeln geträumt. Wäre ihm bei seiner Begleiterin und den Abenteuern, die er bisher erlebt hatte ja nicht zu verdenken.

Wieder tat sich ein Stillschweigen zwischen den Reisenden auf. Eines, das Anna schlussendlich brach, als sie bemerkte, dass auch ihr Kumpel keinen Schlaf mehr finden konnte. Er hatte Momente lange nur rumgelegen und versucht eine passende Position dafür zu finden. Dabei war er ähnlich erfolgreich gewesen wie seine Kollegin vorhin; nämlich gar nicht.

“Rist…?”, fragte Anna leise und mit einer Bitte im Unterton “Gehen wir etwas raus?”

Der Undviker hob nach dieser Ansprache wieder den Kopf. Er überlegte kurz. Dann sah man ihn nicken.

 

Nachdem die Abenteurer vorsichtig schleichend über all die Schlafenden im Obdachlosenheim gestiegen waren, um an die frische Luft zu gelangen, wandelten sie im seltsamen Viertel des Bettlerkönigs umher. Es war kühl und roch nach Regen. Hier und da lehnten zwielichtige Leute an Hauswänden, starrten oder unterhielten sich mit Kollegen. Keiner von ihnen sprach die hinkende Anna und Rist an. Niemand rief ihnen Drohungen zu oder versuchte ihnen anderweitig dumm zu kommen, als sie an einem eigenartigen Krämerladen, einem Geschäft einer Kräutersammlerin und einem Etablissement vorbeikamen, von dem sie nicht so recht wussten, was es genau war. Am Ende stießen sie an die Taverne des Viertels und entschlossen sich nachsehen zu gehen, ob es dort noch etwas zu essen gäbe. Zumindest Anna hatte nämlich einen tierischen Hunger, denn wegen der Ewigen Flamme hatte sie das Abendessen vor vielen Stunden verpasst.

“Ich frage mal nach Essen und bestelle was zu trinken. Ich glaube, das können wir beide gerade gut gebrauchen.”, sagte Rist, als er mit Anna in die recht gut besuchte Schenke kam und dann in die Richtung der vielen Tavernentische nickte “Suche du uns schon mal einen Platz.”

Die angeschlagene Frau nickte und tat wie geheißen. Sie humpelte an einigen Menschen und Elfen vorbei, an Zwergen und Halblingen. Doch wieder maulte niemand oder rief ihr anstößige Worte zu. Im Königreich des Anführers der Bettler schien es tatsächlich das ungeschriebene Gesetz zu geben, dass man alle hier mit einem gewissen Respekt behandelt. Wie hatte Albion dies noch genannt? ‘Ihr seid hier unter Freunden’, hatte er gesagt. Es fühlte sich wider Erwarten immer mehr danach an. Und obwohl sich hier nur zweifelhafte Leute tummelten, fühlte sich Anna allmählich wohl. Ohne Sorgen ließ sie sich zuletzt an einem noch freien Tisch nieder und wartete auf Rist.

Jener kam später auch gleich mit zwei schäumenden Bierhumpen an und stellte sie auf den Tisch, kam zu der aufblickenden Hexerstochter und setzte sich.

“Wir bekommen gleich noch Brote. Warm gekocht wird um diese Uhrzeit leider nicht mehr.”, sagte er, als er Anna bedauernd ansah und sein Trinkgefäß hob, um damit gegen das der Frau zu prosten. Er atmete tief durch, dann nahm er einen großen Schluck seines kühlen Getränkes. Und es würde nicht das einzige in dieser Nacht bleiben. Denn wie er noch flüsternd offenbaren würde, hing ihm sein Albtraum sehr nach. Und Anna, die würde mit Hjaldrist mitziehen, um sich die Schmerzen weg zu saufen. Es war nicht ideal und vielleicht auch verwerflich, doch nach allem, was am vergangenen Tag geschehen war, war es schon einmal in Ordnung Sorgen und Pein und Alkohol zu ertränken.

 

“Ha!”, machte Anna, als sie sich später vorbeugte, die Hände über all die Münzen am Spielbrett legte und jene an sich heranzog “Gewonnen!”

Die Männer, die mit am Tisch saßen, murrten unzufrieden: Rist, Biff und Gregoir. Biff war ein über und über tätowierter Spieler, der sich durch alle Tavernen der Gegend schummelte, jedoch ehrlich spielte, wenn er betrunken war. Gregoir war ein ehemaliger Ritter aus Toussaint mit einem ekelhaften Akzent. Seinen Worten zufolge hatte er das Fürstentum vor Jahren verlassen, um sein Glück als Söldner zu versuchen. Jetzt waren die beiden Kerle die Spielpartner von Anna und Hjaldrist. Seit einer guten Stunde schon spielten sie Glückshaus und Karten, zockten dabei um Geld und kippten sich süßen Met in die Rachen.

“So, wie ich dich kenn, verprasst du die Kohle eh gleich inner nächsten Runde, Anna!”, lachte der nicht mehr sehr nüchterne Rist und haute noch einmal zehn Kupfer auf den Tisch. Seine Mitspieler taten es ihm gleich und lachten oder sahen den Skelliger herausfordernd an. Von hinten kam noch einer, ein angeblicher Taugenichts aus An Skellig und Freund von Biff. Er gesellte sich zu der lustigen Runde und erkundigte sich nach den Spielregeln, gab einen Becher Gewürzwein für alle aus.

Anna ging es gut. Sie spürte ihre Schmerzen kaum mehr und ihr Kopf war ihr so leicht. Sie amüsierte sich prächtig über ihre neuen Bekannten und legte ihren Einsatz beschwingt auf die Tischplatte. Schnell war auch der Kumpel Biffs, der einen unaussprechbaren skelliger Namen trug, in die Regeln von Glückshaus eingeweiht und machte ebenso mit. Anna nannte den Typen ‘Alf’. Sein richtiger Name war aber ‘Alfsigr Horundriffarssir’ oder so ähnlich… aber wie auch immer. Die Nacht war jung oder fühlte sich so an und das war schön. Man musste gerade eben nicht an morgen denken.

 

“Daheim, da war ich Tätowierer!”, verkündete Alf dann irgendwann, als er noch der einzige war, der halbwegs nüchtern erschien. Der Typ vertrug offensichtlich verdammt viel und war ein Skelliger, wie er im Buche stand.

“Waaas?”, machte Anna erstaunt.

“Ja, der hat mich tädo-... däddo… tätowiert…”, nickte Biff und deutete auf seine vielfältigen Hautverzierungen, die sich bis auf sein kahl rasiertes Haupt hinauf zogen “Hat alles der Alfsigr gemacht, ne. Guter Kerl.”

“Anna hat… Anna hat aus sowas.”, quatschte Hjaldrist dazwischen, nachdem er einen weiteren Schluck Met genommen hatte und gestikulierte gen Hexerstochter “Tätowierdingens mein ich.”

Die ertappte Frau nickte zustimmend und krempelte sich sogleich die Ärmel hoch, um die bunte Tinte unter ihrer Haut herzuzeigen. Die drei Männer vor ihr staunten.

“Ich hab da auch no was am Rücken… aber da muss ich-... da muss ich mein Hemd für ausziehn.”, erzählte sie und setzte dazu an sich die rot-schwarze Jacke von den Schultern streifen zu wollen. Natürlich war sie betrunken genug, um sich hier vor allen entblößen zu wollen, um ihre tätowierten Flügel am Kreuz herzeigen zu können. Biff, Alf und Gregoir machten große Augen und warteten erwartungsvoll ab, doch Hjaldrist schritt Melitele sei Dank ein. Er zog Anna die gestreifte Jacke schnell wieder an, als die Frau nach ihrem Hemdsaum fassen wollte.

“Nenene…”, machte der pikierte Jarlssohn lallend tadelnd “Lass das ma.”

“Hä? Wieso?”, maulte die beduselte Novigraderin und erntete dafür einen bösen Blick, der auch nur in den Augen einer Besoffenen finster aussah. Für alle außenstehenden, nüchternen Leute musste Rist eher dümmlich aussehen.

“Spielverderber.”, nuschelte Anna, lachte dann aber schon wieder.

“Du, da auf deinen Armen… da is aber noch Platz!”, sprach der amüsierte Alf die Alchemistin wieder an und Anna’s Miene lichtete sich in einer plötzlichen Erkenntnis.

“Ohh. Machst du mir was?”, wollte sie mit halb benommener Miene wissen “Umsonst?”

“Pfff…”, schnaufte Alf “Umsonst? Niemals!”

Die abgewiesene Frau schnaufte unzufrieden.

“Und was, wenn sie beim-... beim Spieln gewinnt? Als Preis?”, grinste Hjaldrist, der glorreiche Retter der Nacht, gleich und seine beste Freundin horchte auf, rieb sich vorfreudig die Hände.

“Ha!”, lachte der bärtige Mann aus An Skellig “Das is schon was Anderes. Und wenn ich gewinne, dann krieg ich das ganze Geld. Abgemacht?”

“Jau.”, nickte der betrunkene Rist viel zu selbstsicher und Anna schlug ein.

 

Als Anna am kommenden Morgen erwachte, entkam ihr ein leises, schmerzliches Ächzen. Oh, ihr armer Schädel…

Sie blinzelte schlaftrunken und bemerkte erst jetzt, wie sie eng angekuschelt an Rist dalag, der die Arme im Schlaf um sie geschlungen hatte. Der Untergrund, auf dem sie lagen, war hart und die Frau wusste zunächst nicht, wo sie waren. Sich kaum über ihren besten Freund wundernd, der sie festhielt, hob die orientierungslose Kriegerin ihren brummenden Kopf, um um sich zu blicken. Sie und Hjaldrist lagen am Boden. Irgendwo unter einem Tavernentisch. In voller Montur taten sie das und waren damit nicht allein. Denn in einer nahen Ecke der schmuddeligen Taverne lag noch jemand auf einer der Gasthausbänke und schnarchte so laut, dass man glaubte, jemand säge einen Baumstamm entzwei. Das war Biff, der lustige Spieler und Betrüger von letzter Nacht.

“Uh… Scheiße…”, stöhnte Anna leise und ließ sich wieder müde niedersinken, nachdem sie verstanden hatte, wo sie war. Ein schaler Geschmack lag ihr im Mund, der staubtrocken war. Sie fror ein wenig und war froh über den dicken Fellbesatz von Rist’s Schulterüberwurf. Murrend rückte sie näher an ihre Wärmequelle aus dem sonst so kalten Skellige heran. Und so blieb sie dann einfach liegen. Sie hatte keine Lust sich hochzurappeln und etwas Wasser zu besorgen, denn gerade, da tat ihr alles weh. Die Schmerzen in Schulter und Hüfte waren zurück und ihre verheilende Wange juckte ein wenig. Außerdem spürte sie da ein leichtes Brennen am Handgelenk und stutzte sofort. Denn sie erinnerte sich vage an das, was vor wenigen Stunden und in feuchtfröhlicher Runde geschehen war…

Anna hatte gegen den Tätowierer aus An Skellig, diesen bärtigen Alf, gewürfelt. Ihr Preis hätte irgendein Bild sein sollen, dass jener ihr vor Ort noch unter die Haut stach. Die Idee war auf Hjaldrist’s Mist gewachsen. Doch die burschikose Frau hatte verloren und sich ziemlich enttäuscht gezeigt, dann hatten sie wohl weiter getrunken. Was hatten sie währenddessen noch so getrieben? Die wirre Alchemistin hatte keine Ahnung. Da war nämlich eine kleine Gedächtnislücke. Hmm… Gregoir hatte im Laufe des Abends mehr warmen, gewürzten Wein bestellt. Und dann… und dann kam der grüblerischen Novigraderin der stockbesoffene Rist zurück in den Sinn: Er hatte den Arm um Anna gelegt und sie irgendwann einfach geküsst. Die gut gelaunte Jüngere hatte dies erwidert, denn warum auch nicht? Die beiden hatten sich prächtig amüsiert, mit den anderen drei Kerlen Karten gespielt und einander irgendwelche dummen Geschichten von früher erzählt. Später hatte die betrunkene Hexerstochter dann ohne ein schlechtes Gewissen zu haben mit ihrem besten Freund rumgemacht. Zu weit waren sie dabei nicht gegangen, dennoch erinnerte sie sich daran. Und danach…?

Alf hatte sie beide tätowiert. Anna wusste nicht mehr warum, denn sie hatte das Kartenspiel gegen ihn doch verloren. Doch irgendwann hatte der lallende Hjaldrist dann den glorreichen Einfall gehabt, dass sie beide sich zueinander passende Bildchen unter die Haut stechen lassen sollten. Er hatte dabei und in seinem haltlosen Suff geklungen wie ein verliebter Trottel. Es war unglaublich erheiternd gewesen und als man ihn witzelnd darauf angesprochen hatte, hatte er augenrollend abgewinkt. Trotzdem hatte Anna seine Idee als gut empfunden. Und wer wusste schon weswegen genau, aber Alfsigr hatte genickt, gelacht und zur Nadel gegriffen. Vielleicht hatten die Abenteurer ihm ja Geld dafür gegeben und sie konnte sich nicht mehr daran erinnern? Jedenfalls hatte der Mann die Nadel, die er sich aus dem alten Mantelinnenfutter gezogen hatte, mit einem Faden umwickelt, um nicht zu tief in die Haut zu stechen. Er hatte das Werkzeug ins Feuer gehalten, es in dunkle Tinte getunkt, die er von Gregoir bekommen hatte, und dann hatte er einfach losgelegt.

Auweia…

Anna öffnete die braunen Augen wieder und eine dunkle Vorahnung schlich sich auf ihre blasse Miene. Sie drückte sich ein Stückchen weit vom murrenden Rist fort, um den linken Arm anheben zu können. Die Kurzhaarige drehte sich ihren Unterarm zögerlich zu und ihre Augen fielen auf ihr wund gestochenes Handgelenk. Nach einem kurzen Starren fiel ihr alles aus dem Gesicht. Denn… denn das, was sie da so frisch verzierte, war kein Blödsinn und sogar gerade und sauber gearbeitet. Oh, es glich einem Wunder. Und vermutlich war dem nur so, weil der beduselte, doch nach wie vor kluge Hjaldrist über die Motivwahl entschieden hatte und Alf mit seinem unverwüstlichen Skelliger-Magen relativ nüchtern gewesen war.

Da prangte das Symbol für ‘Quen’ an Anna’s Handgelenk: Ein Dreieck, das auf dem Kopf stand und von einer horizontalen Linie halb durchteilt wurde. An der rechten Seite, knapp unter dem Mittelstrich, war das Symbol offen. In schwarzer Farbe erinnerte es an das Hexerzeichen, für das die Frau so hart gearbeitet und das sie allen anderen Handgesten vorgezogen hatte, weil sie sich Hjaldrist zuliebe versprochen hatte weniger starrköpfig zu sein. Damals, vor Monaten, hatte sie eingesehen, dass sie manchmal einen schützenden Schild nötig hatte und vernünftiger werden sollte, anstatt stur und mit dem Kopf voran Wände einrennen zu wollen und nur Angriffszauber zu erlernen. Anna hatte zu dem Zeitpunkt zum ersten Mal beschlossen den Ratschlägen ihres besten Freundes viel mehr Gewicht zu geben. Und jetzt war es zuletzt erleichternd das in den Unterarm gestochene Quen zu sehen, anstatt einen dämlichen Spruch oder ein obszönes Bild auf der hellen Haut zu haben. Bestimmt hätte sich die stockbetrunkene Novigraderin nämlich für eines der beiden entscheiden, hätte man ihr die anfängliche Wahl überlassen. Ja, sicherlich hätte sie sich ein ‘Fick dich’ oder ein ‘AGSB’ - für: ‘Alle Greifen sind Bastarde’ - auf den noch freien Unterarm malen lassen. Bei Melitele, DAS wäre ihr im Nachhinein peinlich gewesen! Richtig, richtig peinlich.

Anna’s Ausdruck lockerte sich, dann linste sie in die Richtung von Hjaldrist’s Arm, an dem der weiße Ärmel hochgekrempelt war. Als sie jenen von sich zerrte, erwachte der seufzende Undviker, doch sie ignorierte dies zunächst. Anstatt ihm einen Guten Morgen zu wünschen, klaubte sie nach seiner Hand und drehte sich den Unterarm des Mannes prüfend zu. Ihre Brauen schnellte in die Höhe. Tatsächlich hatte der Jarlssohn dieselbe Tätowierung wie sie. Also nun ja, beinahe. Denn anstatt Quen, war in sein Handgelenk das Zeichen für ‘Aard’ eingestochen worden. Anna musste leise auflachen.

“Oh Mann.”, atmete sie und ihr Kollege sah verwirrt und mit zerzausten Haaren auf.

“Was… was? Ich bin wach.”, nuschelte er hastig und wollte sich herumdrehen, um nach seiner Axt zu fischen. Er kam aber schnell im Hier und Jetzt an und hielt inne, als er bemerkte, dass Anna seinen linken Arm festhielt, um jenen zu betrachten.

“Was?”, entfuhr es ihm jetzt wacher und umgehend schien er zu wissen, worum es ging “Oh. Au. Ach, du Schande!”

“Oh ja...”, pflichtete die Novigraderin verschwörerisch und mit finsterer Miene bei, um den Dunkelhaarigen neben sich etwas zu veralbern. Sie hoffte dabei darauf, dass Hjaldrist keinen Schimmer mehr davon hatte, was Alf auf ihn gezeichnet hatte. Sie ließ den Arm ihres Freundes sinken, doch hielt ihn weiter fest, damit der nervöse Rist ihn nicht betrachten könnte. Ihre eigene linke Hand drehte sie so, dass es ebenso unmöglich war einen Blick auf ihr Quen-Bildchen zu erhaschen.

“Es ist schlimm, oder?”, stöhnte der Viertelelf besiegt “Will ich es sehen...?”

“Ja, es ist ZIEMLICH schlimm.”, meinte die am dreckigen Tavernenboden liegende. Ihr Kumpan schien sich in diesem prekären Moment nicht darüber zu wundern, wo er war. Denn gerade, da sorgte er sich zu sehr um das, was nun unumkehrbar in seine Haut angebracht worden war.

“Alf hat uns riesengroße Schwänze tätowiert.”, erklärte Anna und spielte dabei die Empörte. Hjaldrist entkam ein wüster Fluch in seinem Dialekt, als er seiner Kollegin den Arm folglich entzog, um sich das Handgelenk mit sorgenvoller Miene betrachten zu können. Er setzte sich dafür sogar hin. Anna lachte bei dem Anblick laut, sodass Biff, der unweit schlief, hochschreckte und sich schlürfend den Speichel aus dem Mundwinkel wischte.

Der anwesende Jarlssohn starrte auf sein Aard-Zeichen am Arm und nur allmählich dämmerte es ihm, dass seine Freundin ihn eiskalt zum Narren gehalten hatte. Wie Schuppen fiel es ihm von den dunklen Augen. Die Anspannung in seinem Körper ließ merklich nach und dann beschwerte er sich auch schon.

“Du Aas!”, maulte er schmunzelnd, als er der noch liegenden Anna einen Schubs gab und sie abermals heiter glucksen musste. Sie erhob die Hände abwehrend, als sie gehauen wurde.

“Ich dachte, ich krieg nen Herzinfarkt.”, kommentierte der fertige Skelliger weiter “Und DAS am Morgen!”

Nun richtete sich auch die belustigte Hexerstochter auf und rieb sich grinsend die Nase. Sie beobachtete, wie ihr Kumpel auf seine frische Tätowierung zurücksah.

“Aber… was soll das sein?”, wollte er kritisch wissen und seine Augen fielen auf Anna, wanderten suchend zu ihrem Arm hinab. Er wollte sehen, was sie da hatte.

“Das Zeichen für Aard.”, erklärte sie und erinnerte sich nebelhaft daran, wie sie gestern ein Messer genommen hatte, um das besagte Symbol in den schmierigen Esstisch zu ritzen, damit Alf wusste, wie es aussah. Dasselbe hatte sie nicht für ‘Quen’ machen müssen, denn im Grunde war es das gleiche Zeichen. Es war ein Aard, das kopfstand. Gut, dass der glatzköpfige Wirt das Herumgeschnitze an seinem Tisch nicht bemerkt hatte, denn andernfalls hätte die Trankmischerin wohl Ärger gekriegt und den Schaden bezahlen müssen.

Anna hielt Rist nun ihr Handgelenk hin, um es ihm zu zeigen.

“Und das ist Quen.”, erklärte sie “Das war übrigens deine Idee. Mir fallen solche kitschigen Dinge ja selten ein.”

Ziemlich perplex gaffte der Schönling nun. Er blinzelte verblüfft und suchte verunsichert Blickkontakt. Dass man seinen Einfall sich zueinander passende Bilder unter die Haut stechen zu lassen als ‘kitschig’ betitelt hatte, überhörte er offenbar geflissentlich. Denn er sprach es nicht an. Er atmete nur einmal sehr erleichtert durch und es mutete an, als gefiele ihm das, was er da nun am Handgelenk trug. Auch im nüchternen Zustand mochte er die Idee so etwas wie… nun, wie nannte man es? ‘Freundschafts-Tätowierungen’ zu haben. Und Anna ertappte sich ebenfalls dabei so zu denken. Kitsch hin oder her, sie fand das Aard und das Quen an den Unterarmen von sich und ihrem besten Freund toll und musste froh lächeln.

“Es ist echt gut. Da kamen wir nochmal glimpflich davon.”, sagte Anna grinsend, als Hjaldrist nichts sagte, sondern sie nur eigenartig ansah “Wir sollten uns in Zukunft wohl nicht mehr so sehr betrinken, dass wir auf die Idee kommen und im Suff Tinte unter die Haut stechen zu lassen. Denn die kriegt man nicht mehr weg.”

Rist schnaufte abfällig-amüsiert.

“Das stimmt.”, nickte er zustimmend und fuhr sich schmunzelnd mit einer Hand durch den Nacken “Ich habe nämlich keine Lust darauf irgendwann doch noch einen Pimmel tätowiert zu kriegen.”

 

Sie verließen das Viertel des Bettlerkönigs nicht. Schon am ersten Tag nach ihrem Verschwinden tauchte Ravello dann bei den Abenteurern auf, denn Albion hatte den irritierten Ritter zu ihnen geführt. Ein wenig außer sich hatte der Beauclairer die beiden schweren Rucksäcke von Anna und Rist mitgebracht und gestikulierend erzählt, dass die Ordensleute der Ewigen Flamme den ‘Eisvogel’ auf den Kopf gestellt hätten. Dabei hatten sie den Blondschopf aus Toussaint befragt, denn man hatte gesehen, wie er am Abend, an dem Anna aus dem Fenster der Taverne gestoßen worden war, mit Hjaldrist an einem Tisch gesessen hatte. Nur mit Mühe und Not, so hatte Ravello theatralisch beschrieben, hatte er sich aus der Misere herausreden können. Und nun stand er hier, in der Gosse und vor seinen beiden Gefährten, um die er in den letzten Stunden sehr gebangt hatte. Der Mann trug seine schillernde Rüstung nicht und anstatt seinen polierten Helm am Kopf zu haben, hatte er sich die Kapuze seiner blau-weißen Gugel ins Gesicht gezogen. Zwar war er nach wie vor ein bunter Hund, so wie all seine Landsleute, dennoch fiel er weniger auf, als in seiner vollen, strahlenden Montur. Der Kerl hatte unbeobachtet hierher kommen wollen und offenbar war ihm das auch gelungen. Ein Wunder.

“Was wollt ihr nun tun?”, fragte der Ritter nach, als er bei Anna und Rist Platz nahm, die da am Straßenrand auf einer Holzbank herumlungerten und Trockenfrüchte aus einer kleinen Papiertüte aßen.

“Wir befreien Herr Baran.”, sagte die Hexerstochter fest entschlossen und ihr skelliger Kollege nickte zustimmend, als er sich eine Dörrpflaume in den Mund steckte.

“Was?”, entkam es Ravello ungläubig und er wirkte recht zerfahren dabei. Der Mann deutete in die Richtung der Stadt, als wolle er darauf hinweisen, dass dort etwas Gefährliches lauerte.

“Diese Spinner da draußen suchen bestimmt noch immer nach euch und ihr wollt euren Plan weiter durchziehen?”, wollte der Blondschopf wissen “Seid ihr verrückt? Wir sollten von hier verschwinden.”

Anna zuckte mit den Schultern und klaubte sich beiläufig etwas Trockenobst aus Hjaldrist’s braunem Papiertütchen. Er hatte das Zeug erst vorhin, in der hiesigen Taverne, gekauft.

“Ach, wir ziehen uns etwas anders an und tragen Kapuzen, dann fallen wir zwischen all den anderen Leuten der Stadt schon nicht auf.”, meinte sie und Rist wiegte den Kopf abschätzend.

“Unser Plan bleibt dabei derselbe. Wir warten auf die Hinrichtung von Mia’s Vater und dann schlagen wir zu.”, meinte die Frau leichthin. Von ihrem Schwermut von gestern war nichts mehr zu erkennen und ihr Hass auf die Ewige Flamme machte sie nur noch starrköpfiger und zielstrebiger, als sie es sonst schon war. Sie hatte keine Angst.

“Mhh…”, machte Ravello zweifelnd und verschränkte die Arme eng vor der Brust.

“Scheiß dich nicht ein, Hase.”, kommentierte Hjaldrist dies schief grinsend “Wir kriegen das hin. Wie Anna schon sagte: Am ursprünglichen Plan ändert sich nichts. Wir müssen nun nur aufpassen nicht erkannt zu werden.”

“Die Wachen und Hexenjäger sind überall…”, warf Ravello gewohnt kritisch ein.

“Ja. Und darum werden wir uns auch viel Mühe dabei geben unauffällig zu sein.”, versprach der anwesende Jarlssohn. Er schien sich kaum Sorgen zu machen, doch das konnte trügen. Anna linste aus den Augenwinkeln zu ihm hin.

“Auweia…”, stöhnte der anwesende Ritter nurmehr leise und musste den Kopf schütteln, an den er sich sogleich fasste. Doch er redete nicht mehr gegen seine viel nachsichtigeren Kumpane. Er wusste schließlich, weswegen jene den Herrn Baran befreien wollten. Und offenbar war er auch klug genug, um zu verstehen, dass Rist so sehr unter seinen Albträumen und den Stimmen in seinem Kopf litt, dass er dringend Hilfe brauchte. 

Die drei Abenteurer schwiegen eine Weile. Dann brach Ravello, der neben Anna und Hjaldrist auf der schmalen Bank im dunklen Viertel saß, das Schweigen.

“Ich bin wirklich froh, dass dir nichts passiert ist, Anna.”, meinte er “Dieser seltsame Mann aus dem Zirkus, der mich aufgesucht hat, meinte, dass du aus dem Zimmerfenster gefallen seist. Das ist ganz schön hoch.”

Die angesprochene Frau blickte auf. Sie seufzte.

“‘Gefallen’ ist gut.”, kommentierte sie zynisch “Ich bin eher ‘gefallen worden’. Dieser Bastard der Kirche hat mich einfach raus geschubst.”

Ravello gab einen unbehaglichen Laut von sich und sah jetzt auch einmal zu dem dunkelhaarigen Jarlssohn hinüber, der stumm seine Trockenfrüchte aß. Rist sah verzwickt vor sich hin und die Erinnerung daran, wie er seine beste Freundin vor dem Gasthaus liegend und blutend aufgefunden hatte, schien ihn ganz durcheinander zu bringen. Er schluckte schwer, doch sagte nichts. Daher redete Anna weiter.

“Aber ja, zum Glück habe ich mir nicht das Genick gebrochen.”, sagte sie und rang sich zu einem schmalen Lächeln durch. Dabei spürte sie den stechenden Blick Hjaldrists, der von der Seite aus zu ihr sah. Er musterte sie, doch sie ignorierte das. Generell wollte sie dem Thema ‘Fenstersturz’ gleich aus dem Weg gehen. Es behagte ihr ganz und gar nicht darüber zu reden, denn noch immer steckte ihr die traumatische Begebenheit unangenehm in den Knochen. Es verdrehte ihr den Magen, wenn sie daran dachte, wie es sich angefühlt hatte jeglichen Halt unter sich zu verlieren; wie hilflos sie gewesen war und dass sie nur deswegen hier saß, weil ihr bester Kumpel sie aufgelesen und mit ihr am Arm fortgerannt war. Ja, sie wollte nicht darüber reden. Die verbohrte Giftmischerin sprach generell selten über Dinge, die sie insgeheim plagten. Nie hatte sie offen zugegeben, dass sie sich wegen ihrer ganzen Techtelmechtel des letzten Jahres ekelte und zu oft den Drang verspürte sich die Hände waschen zu müssen. Sie redete nicht darüber, dass sie noch oft schmerzlich an die Gefangenschaft unter der Flammenrose dachte; daran, wie man sie behandelt hatte, wie Dreck und wie Narbengesicht sie nackt durch das schimmelige Kellergewölbe der Ruine gescheucht hatte. All diese Dinge hatte sie ganz weit in ihren Hinterkopf geschoben. Starke Menschen taten das eben so und wie hatte Balthar immer so schön gesagt? ‘Rumzuheulen ändert nichts an der Vergangenheit’. Das stimmte.

“Also… wie auch immer.”, wechselte die nervöse Kurzhaarige das Thema “Herr Baran ist noch nicht hingerichtet worden, richtig?”

Ravello nickte zustimmend.

“Ich habe die Lage im Auge gehabt und nichts dahingehend mitbekommen.”, bestätigte der Blondschopf, als Hjaldrist ihm das Säckchen mit dem süßen Trockenobst reichte.

“Gut…”, lächelte Anna erleichtert “Also mischen wir uns wieder unter die Leute und beobachten den Markt weiterhin. In das Gefängnis einzubrechen ist nämlich nach wie vor kein sehr kluger Plan…”

“Das stimmt.”, nickte der vorsichtige Rittersmann.

“Es gäbe noch die Option sich festnehmen zu lassen.”, warf der anwesende Skelliger ein und kratzte sich am unrasierten Kinn “Wirklich abmühen müssten wir uns dafür ja nicht mehr.”

Anna hob die Brauen und drehte ihrem Freund den Kopf zu. In ihrer Miene spiegelte sich eine schwache Erkenntnis wider. Gleichauf merkte man es Rist jedoch an, dass er bereute, was er soeben gerade gesagt hatte. Ravello sah die Idee sich verhaften zu lassen ähnlich kritisch wie er:

“Was?”, atmete der Blonde empört “Nein. Anna, das hast du auf Undvik schon mal gemacht und ich muss dich sicher nicht daran erinnern, dass du dem Galgen nur knapp und durch die Unterstützung einer ehemals hochrangigen Spionin entkamst.”

Wieder kräuselte Hjaldrist die Stirn und sah seine konfrontierte Kollegin durchdringend an. Sein Blick wurde prüfend.

“‘Nur knapp’?”, wiederholte der Jarlssohn und schien sich plötzlich sehr interessiert an dem zu zeigen, das damals genau in Undvik geschehen war.

“Aber ich bin entkommen.”, brummte die Hexerstochter und verschränkte die Arme eng vor der Brust.

“Ja, wegen Svenja und dieser einen Freundin von ihr. Wie hieß sie noch gleich…?”

“Svenja kann mich mal kreuzweise.”, entkam es der knurrenden Kurzhaarigen patzig “Wegen dieser Schlampe ist uns nun die Ewige Flamme auf den Fersen.”

Ravello stutzte auf diese Worte hin und sah Anna verblüfft an. Auch Rist horchte abrupt auf und es schien ihm wie Schuppen von den Augen zu fallen. Der verärgerten Novigraderin fiel das natürlich auf und sie erklärte sich.

“Du hast gehört, wessen man mich beschuldigt hat, Rist.”, erinnerte die Frau “Trankmischerei, Besitz von irgendwelchen Büchern und… wie hat der Heini der Kirche es noch genannt? ‘Abtreiberei’?”

Die beiden sprachlosen Männer auf der Holzbank starrten Anna groß an.

“Niemand hat einen Schimmer davon, dass ich weiß, wie man Schwangerschaften verhindern kann.”, setzte die kluge Kriegerin fort “Außer ihr beiden… und Svenja. Sie muss also in der Stadt sein und hat es einmal wieder auf mich abgesehen.”

Ravello zog die Brauen weit zusammen und sah nachdenklich fort.

“Verdammt…”, murmelte er dabei “Das macht Sinn…”

Hjaldrist hingegen, sagte gar nichts. Er betrachtete Anna nur weiterhin und sein Ausdruck wurde finsterer.

“Ich hätte mir nie gedacht, dass diese Frau dermaßen hartnäckig und wahnsinnig sein kann.”, meuterte die Alchemistin “Doch offenbar wird sie keine Ruhe geben, ehe ich hinter Gittern stecke oder tot bin… oder bis du, Rist, wieder mit ihr gehst, sie heiratest und ihr ein paar Kinder machst.”

Der Jarlssohn verzog auf diese Äußerung hin angewidert das Gesicht und sah seine Kollegin an, als habe sie ihn soeben beleidigt.

“Tse”, kommentierte er und musste den Kopf schütteln “Nein danke. Eher lasse ich mich von der Ewigen Flamme zu Asche verarbeiten.”

Anna schnaubte grimmig-amüsiert.

“Das... ist ein Problem.”, mischte sich Ravello wieder ein “Also, dass Svenja hier ist.”

Natürlich sah der übervorsichtige Blondschopf dies so. Und es war ein guter Einwurf. Seine beiden Begleiter nickten langsam.

“Wenn sie in Novigrad ist, müssen wir doppelt wachsam sein. Die Leute der Kirche dürfen uns nicht bemerken und gleichzeitig müssen wir Svenja irgendwie entgehen.”, erkannte Anna richtig.

“Das wird schwer. Sie kennt uns gut und war eine wichtige Skrugga. Auf ganz Skellige findet man keine besseren Zuträger, wie diese Leute.”, seufzte Hjaldrist tief aus “Wir sollten uns also andere Kleidung besorgen und auch unsere Waffen versteckt tragen, damit sie uns nicht erkennt.”

“Was für ein Spaß…”, fasste die murrende Hexerstochter all dies noch treffend zusammen. Und gleichauf fragte sie sich irgendwo, ob es tatsächlich realistisch sei Mia’s Vater noch zu retten. Womöglich nicht so sehr. Dennoch wollte sie es wagen, denn sie wollte Hjaldrist unbedingt helfen. Einen Rückzieher zu machen und den Kerl seinen quälenden Visionen zu überlassen, war keine Option für Anna. Eher würde sie an seiner Seite auf den Scheiterhäufen des ‘Platzes des Hierarchen’ brennen.

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