Kapitel 56

Alte Hoffnungen und Irrsinn

Anna und Hjaldrist fanden sich am großen Marktplatz wieder. Ohne jegliche Rüstungsteile und nur in Hosen, Hemden und braune Mäntel gekleidet, schoben sie sich durch die vielen Menschen am ‘Platz des Hierarchen’. Sie beide trugen ihre Waffen unter ihren billigen Umhängen, die sie unlängst erstanden hatten, wobei sich die Hexerstochter der Länge ihres Schwertes wegen etwas schwer dabei tat. Sie trug jenes, in seiner Scheide steckend, in der einen Hand, während sie darauf achtete, dass der laue Wind ihr den dünnen Mantel nicht noch zur Seite wehte. Die kurzhaarige Frau hielt sich nah neben Hjaldrist, der ihr zunickte und nach vorn deutete, dem Scheiterhaufen entgegen, den man heute Morgen errichtet hatte. Herr Baran sollte in wenigen Momenten darauf brennen. Es war der Augenblick, auf den die Abenteurer nun tagelang gewartet hatten. Es roch markant nach den Unmengen an Lampenöl, die über das Holz gekippt worden waren, und die versammelten Menschen wirkten vorfreudig.

“Ich gehe nach links und kümmere mich um Mia’s Vater.”, murmelte Anna Rist zu “Lenke du die beiden Wachen und den Verkünder weiter vorn ab. So wie besprochen. Dann folgst du uns.”

Der Skelliger nickte und dies nicht so entschlossen, wie es sich die Giftmischerin eigentlich erhofft hatte.

“Wir treffen uns nachher bei Ravello am Tretogor-Tor.”, erinnerte der Schönling, als er seine Freundin eindringlich ansah und sie gab einen zustimmenden Laut von sich. Man sah es dem Mann an, dass er unruhig war, doch wer wäre das an seiner Stelle nicht gewesen? Auch Anna war sehr nervös. Schließlich wollten sie hier gleich einen Mann befreien, den der mächtige Orden der Ewigen Flamme richten wollte. Die strenge Organisation, die auch Rist und Anna suchte. Das ganze lebensmüde Unterfangen war heikel und demnach sah der Undviker im Bunde gerade so aus, als wolle er noch etwas sagen, als er die Augen nicht von seiner Kollegin nahm und trocken schluckte. Anna schnitt ihm das Wort ab. Sie wollte keine Ermahnungen oder Zweifel hören und obwohl sie selbst etwas mit sich hadern musste, besann sie sich darauf eisern zu bleiben. Dennoch konnte sie nichts gegen das schlechte Gefühl in ihrer Bauchgegend tun.

“Es wird schon gut gehen.”, lächelte sie leicht und wandte sich dann gleich ab, um in der grölenden Menschentraube zu verschwinden. Bestimmt sah ihr ihr Kumpel noch nach.

Rufe verschiedenster, schaulustiger Leute hallten über den weitläufigen Platz. Diese Menschen warfen mit faulem Obst und Dreck nach Herr Baran, der von den Anhängern der Ewigen Flamme vorgeführt und als Paktierer bloßgestellt wurde. Einmal, da flog sogar ein Stein. Der Gepeinigte trug dabei nicht mehr als eine fleckige Bruche und man hatte ihm die schmalen Handgelenke am Rücken zusammengebunden. Der Grauhaarige hielt das Haupt gesenkt, hatte einen dichten Vollbart und wirkte beachtlich schwach. Und obwohl er kurz davor stand zu sterben, blieb er unglaublich ruhig. Es war so, als habe er sein fürchterliches Schicksal, seinen bevorstehenden Tod durch das Feuer, längst akzeptiert und daher sah er nicht auf, als ihn ein Ei an der Schulter traf und zerplatzte. Er zuckte zusammen, als ihn ein alter Kohlkopf knapp verfehlte, doch gab keinen Ton von sich. Herr Baran hielt die Lider niedergeschlagen und fügte sich. Der arme alte Mann. Bei seinem jämmerlichen Anblick fragte sich Anna unweigerlich, ob es überhaupt irgendwelche Götter gab. Denn die Szene war so ungerecht. Ja, der gutherzige Baran, der früher ein dreckiges Elfenmädchen von der Straße geholt und es großgezogen hatte, als sei es seine leibliche Tochter, hatte Folter und Gefangenschaft über sich ergehen lassen müssen. Sein Körper war übersät von Blutergüssen, Schnitten und blauen Flecken; er war dreckig und mager. Hatte er das verdient? Nein, ganz sicher nicht.

Anna verengte die braunen Augen in einer bösen Miene und schob sich bis in die erste Reihe der Zuschauerschaft vor. Und dann wartete sie ab. Mit geballten Fäusten, rasender Wut im Bauch und kampfbereit.

Es dauerte daraufhin nicht lange, bis ein Tumult losbrach. Kurz bevor man Herr Baran an den massiven Pfahl des großen, ölübergossenen Scheiterhaufens binden wollte, griff Hjaldrist an und Anna folgte seinem halsbrecherischen Beispiel sofort. Die aufgeregte Menschentraube schrie auf, raunte und wich ab, während die beiden eiligen Abenteurer vorstürmten und die blitzenden Waffen zogen. Die Hexerstochter im Bunde behielt die lederne Schwertscheide dabei in der Linken, während sie das Schwert in der Rechten erhob. Sofort bedrohte sie den Kerl, der den alten Baran auf den großen Scheiterhaufen hatte führen wollen. Sie hob wuchtig nach ihm, sah, wie Mia’s Vater stürzte und musste einem Schlag des Hexenjägers ausweichen, erhob die harte Schwertscheide wie zum Schutz.

“Auf die Beine!”, rief die Alchemistin dem zu Tode Verurteilten barsch zu, der da am Boden saß, als sie mit dem Schwert nach ihrem Gegner stach “Na los!”

Herr Baran wurde hektischer und auf diese Aufforderung hin machte er Anstalten wieder aufstehen zu wollen. Ziemlich wirr und atemlos tat er das, doch fragte nicht nach. Er schien zu verstehen, dass man ihm helfen wollte und fasste bereitwillig nach diesem letzten, rettenden Tau. Für Rede und Antwort wäre später noch genug Zeit. Also insofern die Rebellen ihre Aktion hier am Platz überlebten...

Einer der gerüsteten Wachmänner kam von der Seite und wollte Baran am Arm packen, doch Anna war schnell zwischen ihnen und stieß den Soldaten im roten Gambeson fort. Im Augenwinkel erkannte sie, wie Hjaldrist soeben den Verkünder der Verbrennung niederschlug und dem Hieb einer Wache mit Streitkolben auswich. Die Frau trat einem ihrer Feinde gegen das Schienbein, dass jener aufschrie. Dann klemmte sie sich die Schwertscheide unter die Achsel, um eine Hand frei zu haben, packte harsch an den Unterarm von Herr Baran und zerrte jenen hinter sich her. Anna durfte nicht bleiben und kämpfen, musste fliehen. Rist käme schon zurecht.

“Schnell!”, keuchte sie und die unzähligen Schaulustigen stoben ängstlich und schockiert vor ihr auseinander. Niemand von ihnen besaß die Courage die vermeintlich Kriminellen aufzuhalten. Also zog die Alchemistin den älteren, halbnackten Mann hinter sich her, um von dem Platz zu fliehen. So hatte sie es schließlich mit Hjaldrist und Ravello abgesprochen. Also eilte sie mit Herr Baran durch die Straße, den Blick starr geradeaus gerichtet und das Bastardschwert nach wie vor in der Hand. 

Leider kamen die beiden jedoch nicht besonders weit, denn auf halber Strecke gaben die Beine des Gefolterten nach und er stürzte hart. Beinah riss er Anna, die herumfuhr, mit sich.

“Da sind sie!”, hörte die gescheuchte Alchemistin jemanden schreien und kam schnell zurück zu dem, den sie gerettet hatte, um ihm hoch zu helfen. Der Ältere hatte sich bei seinem Sturz beide Knie wund geschlagen und er keuchte überfordert. Sein Atem ging rasselnd und er musste husten.

“Ich kann nicht…”, atmete der gequälte Mann mit brüchiger Stimme.

“Scheiße…”, stöhnte die kurzhaarige Novigraderin und fand keine andere Option eilig zu verschwinden, als den schwachen Herr Baran Huckepack zu nehmen. Mühsam und schwerfällig tat sie das, lief dann aber hastig weiter. Und obwohl das Gewicht des Vaters Mias an ihr zerrte, biss die Frau die Zähne fest zusammen und lief, so schnell sie nur konnte.

“Fasst sie!”, hörte die burschikose Kriegerin einen redanischen Wachmann, der nahte, rufen. Sie wagte es nicht sich zu ihm umzusehen, sondern hetzte nur weiter. Immer weiter. Dies unter den geweiteten Augen ungläubiger, erstaunter oder ratloser Passanten. Oh, sie müsste schnell zum Tretogor-Tor! Man durfte sie nicht erwischen. Sie MUSSTE Ravello erreichen. Er könnte helfen. Ja, der Ritter war zwar ein Feigling, doch in Notsituationen, in denen es nicht anders ging, konnte auch er kämpfen. 

Und dann war da plötzlich Albion. Die grantige Wache, die der keuchenden Giftmischerin auf den Fersen war, hatte gerade ihr Schild nach Anna werfen wollen, wie einen Diskus, da kam der Zirkusartist alldem in die Quere. Feuer flammte auf, Anna erschrak heftig und wankte einen Schritt zur Seite. Beinah verlor sie den schockierten Baran dabei. Der Wachmann, der ihr zuvor so hartnäckig gefolgt war, schrie jaulend auf und fuchtelte, taumelte. Sein wattiertes Gambeson brannte binnen Sekunden lichterloh und als Albion ein zerbrechliches Glasfläschchen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit nach dem Gerüsteten warf, schoss eine explosionsartige Stichflamme in die Luft. Das Brüllen des Brennenden ging einem durch Mark und Bein.

“SO fühlt sich euer ach so heiliges Feuer an!”, rief der Halbelf mit dem bunt bemalten Gesicht dem Verbündeten der Ewigen Flamme feindselig zu “Stirb, du Bastard!”

Man sah, wie sich der Soldat rüstungsscheppernd auf den Boden warf und damit anfing sich schreiend im Dreck umher zu wälzen. Doch es brachte nichts. Albion’s ölige Feuerspuck-Flüssigkeit hatte dessen rot-weiße Montur längst getränkt und brannte hartnäckig. Stoff zerriss und flackerte, es roch nach verkohltem Fleisch und Haar, Haut schlug Blasen und Leder schmolz.

Anna machte große Augen, als sie dies mit morbider Faszination im Blick beobachtete, und zuckte heftig zusammen, als sich der Zirkuskünstler mit den spitzen Ohren zu ihr umwand.

“Los!”, blaffte jener und mutete sehr gestresst an “Lauf schon! Hau ab!”

Ein Ruck ging durch den Körper der sprachlos blinzelnden Frau. Sie nickte knapp. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Gefolgt von ihrem Bekannten aus dem Wanderzirkus.

 

Als Anna bei Ravello ankam, der tatsächlich aufgeregt beim Tretogor-Tor wartete, war Hjaldrist noch nicht da. Schwer atmend und abgekämpft blieb die Frau mit der Fuchssträhne bei dem Ritter stehen, der ihr sofort half. Der wirre Blonde fasste Herrn Baran unter den Arm und hievte jenen dann von der Hexerstochter herunter, stützte ihn und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Auch Albion kam zu den dreien gerannt und seine bepinselte Miene war ungewohnt ernst.

“Weg hier!”, japste der Halbelf und machte eine scheuchende Geste in Richtung Stadttor. Die beiden schwer gerüsteten Wachen, die dort Spalier standen, blickten schon argwöhnisch her.

“Nein, Rist ist noch nicht da.”, widersprach Anna sofort, nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte und sich auf die Knie stützte. Herr Baran hierher zu tragen und das mit der Ewigen Flamme auf den Fersen, war keine kleine Hürde gewesen. Die schwitzende Kriegerin verzog das Gesicht leicht, als sie spürte, wie ihr die Lungen brannten und sie spuckte aus.

“Wo ist er?”, fragte Ravello sofort und der kleinmütige Herr Baran blickte stumm zwischen den Anwesenden hin und her. Es mutete an, als habe er ein schlechtes Gewissen.

“Keine Ahnung wo er ist.”, erwiderte Anna gehetzt und richtete sich wieder auf, um sich umzusehen “Er kommt sicher gleich.”

Der Ritter aus Beauclair schluckte und richtete den Blick sorgenvoll in Richtung Stadt. Albion hingegen, konnte nur den Kopf schütteln.

“Wir müssen JETZT fort, sonst bekommen wir es gleich mit ziemlich vielen Kämpfern zu tun. Und wir sind in der Unterzahl.”, erinnerte er richtig, aber die anwesende Alchemistin blieb hart und warf ihm einen strengen Blick zu. Stur schnaubte sie aus und antwortete schnippischer, als gewollt.

“Ja, dann geh!”, forderte sie “Ich laufe ohne Rist nirgendwo hin.”

Der pikierte Feuerspucker seufzte schwer und starrte Anna einige Herzschläge lange unschlüssig an. Dann wandte er sich an den zappeligen Ravello, der ebenso kritisch und auch merklich ängstlich wirkte. Man konnte hören, wie Rüstungsgeklapper mehrerer Personen näher kam und jemand herrisch blaffte.

“Sie können nicht weit sein!”, rief derjenige und Herr Baran zuckte zusammen.

“Scheiße…”, wisperte der Beauclairer neben jenem und sah hilfesuchend zu der Giftmischerin hin. Jener entkam ein entnervter, unbeholfener Laut. Sie gab sich unerschrocken, obwohl ihr der Arsch auf Grundeis gehen wollte. Das tat Anna oft. Ihre braunen Augen wanderten unstet, sie atmete flach aus, ballte die Finger.

“Na, lauft!”, entkam es ihr dann auf einmal impulsiv, als sie sich mit finsterem Blick zu Ravello, Albion und Mia’s Vater umblickte “Ich suche Rist.”

“Wa-was? Du bist wahnsinnig, Arianna!”, jammerte Ravello, doch schien einzusehen, dass man Herrn Baran dringend von hier fortschaffen müsste. Mittlerweile waren auch die beiden unweiten Torwachen äußerst misstrauisch geworden. Sie erhoben die Hellebarden und eilten den Reisenden entgegen. Als Albion dies sah, wich er zurück, nahm einen festen Stand ein und fasste kampfbereit in seine tiefe Manteltasche.

“Ich weiß.”, antwortete Anna ihrem Kumpan aus dem Süden auf dessen Anschuldigung hin und holte ein letztes Mal Luft, um jenen aufzufordern “Und jetzt bring Mia’s Vater weg von hier! Rist und ich kommen nach.”

Mit diesen Worten setzte sie sich dann hastig in Bewegung, um in die entgegengesetzte Richtug des Tretogor-Tores zu laufen. Ihren fassungslosen Freund aus Toussaint und die anderen ließ sie dabei einfach zurück und bemerkte noch, wie Albion währenddessen schon mit Öl und Feuer auf die alarmierten Torwachen losging. Egal. Der Künstler und der Ritter kämen zurecht. Sie selbst müsste so schnell es ging zum großen Marktplatz zurück und sehen, was dort vor sich ging. Der plagende Gedanke daran, dass ihr bester Kumpel den Leuten des Ewigen Feuers nicht ausgekommen war, machte ihr die Brust ganz eng und machte sie noch wahnsinnig. Er jagte ihr das Adrenalin durch den Körper und ließ sie unvorsichtig werden. Anstatt zu fliehen, lief sie ihren Verfolgern zuletzt mehr oder minder entgegen und dies ohne Rücksicht auf jedwelche Verluste. Oh, bevor jene sie sehen würden, würde sie versuchen zwischen den Seitengassen zu verschwinden, um zum ‘Platz des Hierarchen’ zu gelangen. Und sie hoffte, dass sie Hjaldrist dabei nicht noch verfehlen würde.

 

*

 

Hjaldrist stieß einen der beiden aufgescheuchten Wachmänner der Ewigen Flamme von sich, rammte jenem den Axtgriff dazu wuchtig entgegen und wandte sich um, um nach dem zweiten Kerl zu schlagen. Die vielen umherstehenden schrien und raunten empört, wichen zurück oder schlugen die Hände vor den Mündern zusammen. Manche Frauen oder Kinder, die zuvor noch gierig der Hinrichtung Barans zusehen hatten wollen, eilten davon oder versteckten sich hinter den ausladenden Marktständen am weitläufigen Platz. Der adrenalingeladene Skelliger wehrte einen Hieb eines massiven Streitkolbens ab, der so wuchtig auf seine zum Schutz erhobene Waffe niederging, dass er laut ächzen musste.

“Ketzer!”, hörte der Mann jemanden blaffen.

“Sie greifen den heiligen Orden an!”, rief jemand anderes “Zu Hilfe! Zu Hilfe!”

Hjaldrist sah sich flüchtig suchend um und erkannte dabei, wie Anna Herrn Baran durch die stupide starrende Menge zerrte, um zu verschwinden. Er atmete erleichtert aus, doch kam nicht dazu sich eine weitere Sekunde der Unachtsamkeit zu erlauben. Denn wieder ging der Streitkolben auf ihn hernieder und verfehlte ihn nur um eine Haaresbreite. Der abweichende Undviker wurde von hinten am Kragen erwischt, während der Wachmann vor ihm wütende Worte spuckte. Gewaltsam riss sich der Inselbewohner los und verletzte den, der ihn zuvor gepackt hatte mit dem geschliffenen Axtblatt Erlklamms. Blut spritzte. Der Dunkelhaarige keuchte, biss die Zähne fest zusammen und erkannte einen Fluchtweg inmitten der Schaulustigen. Er müsste nur nach links ausweichen und dann schnell loslaufen, um seiner besten Freundin und Herr Baran zu folgen. So wie abgemacht. Den Kampf am ‘Platz des Hierarchen’ zu einem Ende zu bringen, war schlussendlich nie der Plan gewesen. Entschlossen verengte Hjaldrist die dunklen Augen also und setzte dazu an der turbulenten Situation zu entkommen. Er müsste nur an der einen Wache mit dem großen Streitkolben vorbei. Es wäre einfach, denn die redanischen Gerüsteten waren schwerfälliger als er. Im Gegenzug zu dem Viertelelf trugen sie nämlich viel zu viel Stahl an sich, Helme und klobige Rüstungsteile. Hjaldrist selbst war wendiger und nutzte das aus. Seine teure Familienaxt fest in der Rechten lief er los und stieß dabei einen erschrockenen Passanten beiseite. Die Menschentraube lockerte sich, schrie panisch auf.

Und dann war da plötzlich eine drängende Stimme im labilen Kopf des Skelligers, ein Schreien, ein weiteres Wispern, Schmerz. Es kam so plötzlich, dass der überrumpelte Mann beinahe stolperte und sich mit der freien Hand an das Haupt fasste. Der Erblassende raufte sich die Haare mit den Fingern. Ein schmerzlicher Laut entkam ihm, als sich der pochende Kopfschmerz von seinem Scheitel bis zurück in den Nacken zog und die zwei Stimmen lauter schrien. Dazu kam noch eine dritte, eine vierte. Sie schimpften zornig. Hjaldrist taumelte zwei, drei Schritte weiter, schüttelte den Schädel und fluchte, doch es wurde nicht besser. Er murmelte etwas Unverständliches, war gänzlich überfordert und überwältigt, nicht mehr imstande irgendetwas zu tun. Oh, WARUM musste das gerade JETZT passieren?

Hände packten ihn und rissen ihn gewaltsam zurück. Der gepeinigte Krieger wollte aufsehen, doch konnte die schmerzlich zusammengekniffenen, lichtempfindlichen Augen kaum öffnen. Doch das, was er sah, erschien auf einmal so nebelhaft. Ein wütender Schrei entfuhr seiner rauen Kehle, als man ihm seine Waffe entwenden wollte. Irgendwer schlug ihn und er wollte zur Antwort treten. Aber dazu kam es nicht mehr, denn die Stimmen in seinem brummenden Schädel raubten Hjaldrist den Verstand. Sie waren so laut, viel zu laut. Es tat weh.

“Nein!”, keuchte der widerspenstige Axtkämpfer trotz allem und wand sich, bevor ihm jemand in die Kniekehlen trat und ihn damit dazu zwang zu Boden zu gehen. Schmerzhaft fiel er auf die Knie. Eine der Wachen hob ihm in den Nacken. Und dann übermannte eine klamme Schwärze den abgekämpften Jarlssohn aus Undvik. Er spürte es nicht einmal mehr, wie er in den Dreck kippte wie ein nasser Sandsack und dort, im Staub, liegen blieb.

 

Als Hjaldrist wieder zu sich kam, wusste er im ersten Augenblick nicht, wo er war. Er spürte nur einen brennenden Schmerz an seinem rechten Arm, ein unangenehmes Pochen in den Schläfen und musste unweigerlich husten, weil ihm der arme Hals staubtrocken war. Als der Mann den schwirrenden Kopf anhob, um sich umzusehen, schmeckte er Blut und spuckte das Gesicht verziehend aus.

Es war relativ düster im Raum, kalt und ungemütlich. Unweigerlich drängte sich demnach eine finstere Erkenntnis in den Kopf des benommenen Skelligers: Er war im Kerker. Oder? Irgendwo unter Novigrad saß er nun sicherlich in einer Zelle, gefangen von den fanatischen Anhängern des Ordens der Ewigen Flamme. Dies allein und weil er, ein sogenannter Ketzer und Paktierer, dabei geholfen hatte einen zum Tode Verurteilten zu befreien.

“Scheiße…”, wisperte Hjaldrist, als er bemerkte, dass ihm die Handgelenke am Rücken zusammengebunden worden waren. Jene schmerzten leicht, denn die groben Fesseln hatten ihm die helle Haut wund gescheuert. Er drehte den Kopf ein wenig, wollte aufstehen und schnaufte unzufrieden. Er lag auf einem Bett.

Da waren keine Zellengitterstäbe und der unerwartet große Raum verfügte sogar über Fenster, deren Fensterläden geschlossen waren. Nur darum war es so dunkel hier. Der stumme Jarlssohn blinzelte wirr, als er dies bemerkte und fragte sich, wie spät es wohl sein mochte. War es Nacht? Kein noch so kleiner Lichtschein drang durch die schmalen Ritzen der Fensterläden herein und er hatte absolut kein Zeitgefühl. Wie lange war es her, dass man ihn am ‘Platz des Hierarchen’ niedergeschlagen hatte? 

Hjaldrist zerrte mürrisch an seinen Fesseln und richtete sich auf, erhob sich von der Schlafgelegenheit und wankte ein wenig. Oh, verdammt… wo genau war er überhaupt? Das hier war kein Kerker, wie er es zunächst angenommen hatte, so viel stand fest. Er befand sich in einem spartanischen Zimmer mit steinernen Wänden und einem Teppich auf dem gefliesten Boden. Da waren Wandhalterungen für Fackeln und zwei davon brannten flackernd, malten einen orangen Schein auf das Gesicht des Eingefangenen.

“Gut, du bist endlich wach.”, drang eine allzu bekannte Stimme an den Mann heran und sofort fuhr er alarmiert herum. Der dicke Strick, der sich um seine Handgelenke wand, grub sich schmerzhaft in sein Fleisch, als sein Blick auf die fiel, die ihn just angesprochen hatte.

“Svenja.”, entkam es dem Gefangenen mit der starren Miene und sein Ton konnte sich nicht zwischen ‘pikiert’ und ‘ungläubig’ entscheiden. Die besagte Rotblonde mit den vielen Sommersprossen lehnte mit verschränkten Armen an der Zimmerwand, halb im Schatten. Ein Kerl in der gold bestickten Uniform des Ordens verweilte neben ihr auf einem Stuhl, der an einem Tisch stand. Er war nicht gerüstet und musste demnach irgendein Geistlicher oder Berater sein. Der sitzende Mann war etwas größer als die Undvikerin mit den langen Haaren, doch schlaksig und hager. Er musste Mitte vierzig sein und sein helles Haar war schütter. Argwöhnisch beäugte er den Festgenommenen von oben bis unten.

“Wir hätten ihn in eine Zelle sperren sollen.”, murmelte der Gläubige zweiflerisch und Svenja schnaubte abfällig. Sie maß den Kerl mit strafenden Blicken.

“Nein. Das wäre keine gute Idee gewesen. Ihr wisst doch, wie wir Skelliger sind, Marcel, und bestimmt wollt Ihr nicht erfahren, wie es ist an einen zornigen Jarl zu geraten. Wir wollen Hjaldrist doch so gut behandeln, als möglich.”, lächelte die Rothaarige schmal und der genannte Axtkämpfer zuckte zusammen. Er musste schlucken.

“Was geht hier vor?”, wollte er mit viel Nachdruck in der Stimme wissen “Was soll die Scheiße?”

“Sein Vater wäre unzufrieden, wenn er erfährt, wie die Kirche mit ihm umgesprungen ist.”, setzte Svenja ihre verschlagene Rede fort und beschwichtigte ihren skeptischen Begleiter damit etwas. Diesem Marcel entkam ein unschlüssiger Laut. Dann nickte er jedoch langsam.

“Der Orden kann jegliche Hilfe gut gebrauchen.”, meinte der Dürre und Hjaldrist rümpfte die Nase. Zwischen den beiden Anwesenden sah er hin und her und fand sich noch verwirrter als nach seinem Erwachen in dem abgeriegelten Zimmer.

“Svenja?”, entkam es dem Inselbewohner abermals böse “Was geht hier vor?”

Die kleinere Frau lachte nachgiebig. Diese Gebärde war durch und durch falsch, passte zu ihr.

“Wir werden dich von dem Fluch befreien, den die Kräutersammlerin über dich gebracht hat.”, antwortete die Zuträgerin mit den Locken “Damit du mit mir zurück nach Hause gehen kannst. Der Orden versicherte mir dabei seine Hilfe im Austausch für die Unterstützung deiner Familie.”

“Was zum-”, presste Hjaldrist hervor, der unbewusst einen Schritt weit zurückgewichen war. Doch er kam nicht dazu weiter zu sprechen, denn sein Gegenüber fiel ihm ins Wort.

“Denn natürlich wird sich dein Vater darüber freuen dich endlich wieder zurück zu haben.”, lächelte Svenja und ihre berechnenden, wölfischen Augen klebten nahezu an Hjaldrist “Und er ist ein Jarl. Er wird der Ewigen Flamme unglaublich dankbar sein. Denkst du nicht auch?”

Der perplexe Undviker glaubte, ihm müsse die Kinnlade gen Boden klappen. Doch er riss sich am Riemen und starrte Svenja weiterhin nur zornig an. Hätten Blicke töten können, wäre die ehemalige Spionin just mausetot umgefallen.

“Du bist wahnsinnig.”, zwang Hjaldrist hervor, doch Svenja lachte nur, während Marcel ihn mitleidig betrachtete und sich irgendetwas auf seinem Klemmbrett notierte, das vor ihm am Tisch lag.

“Nein. Nein, Hjaldrist. Du bist verwirrt. Ja, du bist vollkommen besessen und davon wollen wir dich heilen.”, versicherte die Langhaarige vielsagend und ihr Gefährte des Ordens nickte zustimmend.

“Ihr müsst Euch nicht fürchten, Junge. Ich werde mich persönlich um Euch kümmern und versichere Euch, dass Euch nichts zustoßen wird. Die Exorzierung von Teufeln und Dämonen aus schwachen Geistern ist mein Fachgebiet. Und das, was Eure Freundin gesagt hat, ist wahr: Eine fremde Macht lenkt Euch. Eine, die von einer böswilligen Person über Euch gebracht wurde.”, sinnierte der sitzende Ordensmann im roten Gewand geduldig “Im Normalfall riskieren wir keine Austreibungen, doch in diesem Fall… können wir ein Auge zudrücken. Wie Frau Svenja schon erwähnte: Euer Vater sucht Euch sehnsüchtigst und wir erhoffen unseren Glauben auch in Euren Landen verbreiten zu können.”

Mit halb offenstehenden Lippen stirrte Hjaldrist Marcel entgegen und schaffte es lange nicht die fassungslosen Augen von jenem zu reißen. Als er es tat, richtete er die Aufmerksamkeit auf Svenja zurück. Das hier fühlte sich an wie ein übler Traum.

“Das ist nicht dein Ernst.”, atmete der ratlose Undviker und zog einmal wieder erfolglos an den Fesseln, seiner rebellierenden Handgelenke.

“Ich meinte es noch nie ernster…”, widersprach Svenja überlegen und mit einem düsteren Unterton in der Stimme. Ihr Schmunzeln wurde fast schon melancholisch.

“Du manipulativer Trampel!”, brachte der Gefangene zwischen zusammengebissenen Kiefern hervor und wurde unruhiger. Er sah sich aus den Augenwinkeln um und versuchte irgendwelche Fluchtmöglichkeiten auszumachen. Da waren drei Fenster mit geschlossenen Läden und eine Tür, die womöglich auch gut verriegelt war. Dennoch wollte er es versuchen durch letztere abzuhauen. Es blieb ihm doch keine andere Wahl, nicht wahr?

Hjaldrist atmete tief durch die Nase durch, dann eilte er auch schon in Richtung Ausgang. Er wollte Anlauf nehmen, um sich mit der Schulter gegen die lockende Türe zu werfen, doch auf halbem Weg hielten ihn die Worte Svenjas auf.

“Draußen sind unzählige Krieger, die nicht damit zögern werden dich anzugreifen!”, sagte sie mit erhobenem Ton und Marcel schüttelte den Kopf ungläubig, sprach ein leises Gebet vor sich hin. Der anwesende Jarlssohn hatte innegehalten und ballte die Hände zu Fäusten.

“Wir befinden uns hier im Hauptquartier der Ewigen Flamme. Du tätest also gut daran brav zu bleiben, Hjaldrist.”, flötete die skrupellose Undvikerin, die nach wie vor leger an ihrer kalten Wand lehnte und ihren Gefangenen beobachtete. Sie kicherte leise.

“Du lügst.”, schnaufte der gescheuchte Hjaldrist und als er Svenja den Kopf zuwendete, zuckte sie mit den schmalen Schultern und lächelte schief.

“Nein, tue ich nicht.”, sagte sie locker, gestikulierte in die Richtung eines der Fenster “Aber finde es doch selbst heraus. Von hier aus kannst du direkt in den Hof sehen. Marcel öffnet die Fensterläden sicherlich einen Moment für dich, wenn du möchtest.”

Erstarrt verharrte der Jarlssohn an Ort und Stelle und nichts an seiner sprachlosen Miene veränderte sich. Seine Handgelenke schmerzen mittlerweile sehr und er wusste daneben auch, woher das unangenehme Ziehen in seinem rechten Arm kam: Da prangte ein tiefer Schnitt vom Kampf am Marktplatz und hatte ihm das weiße Hemd rot gefärbt. Planlos stand er also da, war wie ein Tier im Käfig und wusste nicht, was er tun sollte. Alles hier sprach dafür, dass er sich tatsächlich im Hauptsitz der Ewigen Flamme befand. Das Zimmer mit den roten Vorhängen, der Priester bei Svenja, das soldatische Gebrüll vorn draußen, das Rüstungsgeschepper einer Person, die just vor dem Raum vorbeimarschierte. 

Verdammter Mist. Hjaldrist saß hier ziemlich in der Klemme und dass Svenja nun völlig durchgeknallt zu sein schien, machte die prekäre Lage nicht besser. Ob sie tatsächlich glaubte, ihr Schwarm sei besessen? Nein, sicherlich nicht. Die dämliche Geschichte rund um den hartnäckigen Fluch, der den Undviker befallen hatte, stand nur im Raum, um den hiesigen Orden zu beeinflussen. Geschickt hatte Svenja all das hier eingefädelt, das musste man ihr lassen. Oh ja, erst verriet sie Anna, dann sahen die Kirchenleute, dass die Zuträgerin Recht hatte. Mit der Befreiungsaktion Herr Barans hatten die Abenteurer die Annahmen der Kirche nur noch bestätigt. Bestimmt hatte die verstohlene Svenja ihre Silberzunge nicht so lange einsetzen müssen, bis man ihr ihre Geschichte abgenommen hatte. Und schlussendlich war es doch auch wahr, dass der Jarl Undviks nach seinem Sohn suchte. Dass die ehemalige Skrugga hier war, um Hjaldrist zurück in seine verschneite Heimat zu schleifen. Sie legte all das nur etwas anders aus und spannte ein paar kleine Lügen und Versprechungen darum. Es reichte, um damit Leute wie diesen idiotischen Marcel zu ködern. Die Ewige Flamme wollte ihren Einfluss letztlich ausweiten und wie brachte man das unter anderem zustande? Indem man Leute an die Spitze stellte, die gut reden konnten und indem man reiche oder einflussreiche Personen für sich gewann. Ein Jarl Skelliges, der einem gut gesinnt war, war also eine gute Aussicht und Grund genug dessen Sohn nicht auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen, sondern ihn stattdessen einer Exorzierung unterziehen zu wollen. Urgh. Hjaldrist wurde es ganz schlecht, wenn er daran dachte und sich vor Augen führte, was hier ablief. Er presste die Lippen aufeinander und sah seine Gegenüber unverändert verstimmt an. Mit dem Rücken voran war er längst an die Zimmerwand gestoßen. Er war nicht so wie Anna, die in diesem Moment laut geschrien, gezetert und sich mit allen Mitteln erwehren hätte wollen. Anders als sie lief er nicht grollend im Kreis und versuchte seine Feinde auch nicht anzugreifen, wenn er unbewaffnet und gefesselt war. Es wäre töricht und impulsiv gewesen. Und das war er nicht. 

Also… er musste nachdenken, gut nachdenken. Irgendwie käme er hier schon raus, nicht wahr? Hjaldrist wollte nicht nach Skellige zurück. Er hatte keine Lust darauf sich von irgendwelchen, religiösen Fanatikern behandeln zu lassen, als sei er von Sinnen. Der Krieger bräuchte eine gute Lösung für sein Problem und zwar bald. Ein Anfang wäre es die Fesseln loszuwerden. Dann könnte er weitersehen. Vielleicht entkäme er seinem Gefängnis dann irgendwie. Und wenn er dafür aus dem Fenster klettern müsste, würde er das tun. Tse. Der Jarlssohn war schon von einem Schiff der Skrugga entkommen, da war die Hochburg der Ewigen Flamme doch ein Kinderspiel.

“Mach meine Fesseln los.”, forderte der Mann mit dem blutigen Arm und brach damit das unangenehme Schweigen.

“Ach?”, machte Svenja betroffen “Und dann?”

“Ich verspreche nicht anzugreifen. Ich will nur dieses enge Seil loswerden.”, entkam dem Mann diese Halblüge, als meine er sie tatsächlich ernst. Als plane er es wirklich sich zu fügen.

“Hm, nein. Vorerst wirst du die Fesseln tragen. Es tut mir leid.”, konterte die ehemalige Spionin gleich.

“Ja, so ist es recht. Ihr seid besessen und damit auch eine Gefahr für Euch selbst.”, bestätigte Marcel kühl “Es kommt vor, dass Verfluchte sich selbst die Augen auskratzen. Ich habe dahingehend schon viel erlebt...”

Svenja lächelte selbstgefällig. Fraglich, ob sie wirklich noch so viel von Hjaldrist hielt, wie früher. Vermutlich ging es der dummen Furie nurmehr um bloße Rache. Das hier war doch wie ein Spielchen, in dem es darum ging Dominanz zu beweisen. Dies vermutlich, weil man die ehemalige Skrugga gekränkt hatte: Hjaldrist hatte ihr in seiner Rage gesagt, was er für Anna fühlte. Damit hatte er die krankhaft anhängängliche, verliebte Rotblonde gekränkt. Dies so sehr, dass sie jetzt nur noch Wut fühlen musste. So war es doch? Sie war ein Monster.

Hjaldrist schnaubte verächtlich.

“Könnt ihr beide euch mal entscheiden, ob ich besessen oder verflucht bin?”, brummte er und sein Mundwinkel zuckte grimmig.

“Das ist im Grunde dasselbe.”, klugscheißerte der Ordensmann in der roten Robe und der Jarlssohn lachte kurz und trocken.

“Nein, ist es nicht.”, sagte er und dies hätte genauso gut aus Anna’s Mund kommen können. Sie hätte den kleingeistigen Marcel nun belehrt und ihn wüst beschimpft, ganz sicher.

“Wie auch immer.”, schlug Svenja dazwischen und sprach in einem wissenden, hintergründigen Ton, der das Potential dazu besaß einen nervös zu machen “Ruh dich noch etwas aus, Hjaldrist. Man wird dich morgen holen, um dir deine ‘Besessenheit’ auszutreiben.”

 

Man hatte den Gefangenen alleine gelassen. Vor einer gefühlten Stunde waren Svenja und ihr Anhängsel der Kirche verschwunden und sobald sie aus dem Raum getreten waren, hatte Hjaldrist gewaltsam versucht seine Fesseln loszuwerden. Frustriert hatte er es versucht sie sich irgendwie abzustreifen, sie an Kanten aufzureiben oder den komplizierten Knoten daran zu lösen. Doch vergeblich. Seine Aktionen hatten nur dazu geführt, dass ihm die Handgelenke nun bluteten, wo er auf dem harten Bett im Zimmer saß und finster vor sich hinsah. Und er traf einen Entschluss: Sobald man ihn abholen würde, würde er versuchen abzuhauen. Bestimmt ergäbe sich doch ein günstiger Moment dafür. Er müsste nur wachsam sein und sich die hiesige Gegend für den Fall der Fälle gut einprägen. Denn niemand fing ihn einfach so ein, um mit ihm zu verfahren wie mit einem Geisteskranken. Hjaldrist käme hier raus. Und dann würde er seine Freunde suchen. Oh, er würde mit ihnen verschwinden, so schnell es ging. Irgendwohin. Es wäre egal. Hauptsache, er wäre wieder frei und weg von all den Verrückten, die ihn festhielten. Oh, hatte er die letzten Monate über geglaubt, er und Anna seien völlig abgedreht? Vor allem seine beste Freundin? Der Skelliger hatte sich geirrt. Es gab Menschen, die waren so viel durchgeknallter, als sie beide zusammen…

 

Ewig kam niemand. Dies so lange, dass Hjaldrist nach elend langer Warterei beinah eingenickt wäre, hätte er nicht das Quietschen des alten Schlosses und das Knarren der Tür vernommen. Sofort horchte er auf und setzte sich auf seinem Bett gerader hin, drehte den Kopf und erblickte Svenja. Die schlanke Frau war soeben eingetreten und mit Zufriedenheit im Innern bemerkte der wachsame Jarlssohn, dass sie nicht hinter sich abschloss. Dennoch versuchte er eine böse Miene zu wahren und die Rotblonde mit den Augen zu fixieren. Er durfte nicht zu auffällig in Richtung Türe starren. 

Svenja hatte eine Schale dabei, in der ein schmiedeeiserner Löffel steckte, doch Hjaldrist dachte nicht daran irgendetwas zu essen, das von ihr oder dem Orden der Ewigen Flamme kam. Schweigend beobachtete er, wie sich die ehemalige Skrugga näherte. Er erhob sich nicht. Noch nicht.

“Frühstück. Du solltest etwas essen.”, bemerkte Svenja knapp, als sie bei dem Mann ankam und die Holzschüssel, deren Inhalt aussah und roch, wie Haferbrei mit Zucker, auf der Matratze abstellte. Dann stemmte sie sich eine Hand in die Hüfte und lächelte schmal.

Frühstück? Hatte der entkräftete Jarlssohn die ganze Nacht über gewartet? Er fragte nicht nach.

“Bist du hier, um mich abzuholen?”, wollte der Skelliger feindselig wissen und erhob sich schließlich. Seine Miene war wie aus Stein gemeißelt.

“Nein, bin ich nicht.”, erklärte die Frau und musterte ihr Gegenüber mit den dunklen Augenringen “Ich bin hier, um mit dir zu sprechen.”

“Aha.”, machte der Dunkelhaarige “Worüber? Darüber, dass du mich an eine Sekte verraten und entführt hast?”

Svenja lachte leise auf und schüttelte das Haupt.

“Ich habe Arianna verraten, nicht dich.”, stellte sie richtig und schien diese Worte selbst zu glauben “Denn wie gesagt will ich nur das Beste für dich.”

“Was du ihr angetan hast, hast du auch mir angetan, du Miststück.”, knurrte der schlecht gelaunte Undviker und sah, wie die Anwesende mit den grünen Augen rollte. Ihre zuvor so gespielt amüsierte Stimmung schien zu kippen. Wurde sie etwa grantig? Das Thema ‘Anna’ schien ihr ja saurer aufzustoßen, als erhofft.

“Ach, so weit seid ihr zwei also schon?”, spuckte die Frau die Worte aus, die übel auf ihren Lippen schmecken mussten “Du bist tatsächlich besessen, Hjaldrist.”

Der Angesprochene schwieg auf diese Äußerung hin, denn es brächte nichts gegen sein Gegenüber anzureden. Seine Augen wichen wenige Atemzüge lang von Svenja ab, um wieder die unverschlossene Tür hinter eben jener zu suchen. Er müsste irgendwie dorthin.

“Ja, du bist von ihr besessen, doch Marcel und seine Leute werden dir das schon austreiben. Sie haben ihre Methoden, weißt du.”, versicherte die Rothaarige überheblich und haschte damit wieder nach Hjaldrist’s ungeteilter Aufmerksamkeit. Der Krieger runzelte die Stirn.

“Ah, du drohst mir mit Folter?”, wollte er wissen und lächelte dann kalt.

“Nein. Nicht direkt.”, entgegnete Svenja und befeuchtete sich die Lippen, ehe sie weitersprach “Es gibt Wege, um Menschen vergessen zu lassen. Und ich überlege mir wirklich, ob es nicht sinnvoll wäre, sie einmal bei dir auszuprobieren. Es wäre doch so schön: Du vergisst ein paar Jährchen, wir gehen zusammen nach Skellige zurück und sind dort wieder so glücklich wie damals.”

Hjaldrist verzog den Mund, als schmecke er etwas Widerliches. Ein paar verirrte Haarsträhnen hingen ihm wirr ins etwas fahle Gesicht.

“Das wagst du nicht.”, schnarrte er. Er hatte zwar keine Ahnung, von welchen ‘Methoden’ die damalige Spionin sprach, doch er zweifelte die Ernsthaftigkeit hinter ihren drohenden Worten nicht an. Die ganze Lage wurde gefährlich für ihn. Ziemlich gefährlich. Der konfrontierte Axtkämpfer wollte nicht vergessen und nurmehr weg von hier. Krampfhaft versuchte er seine Nervosität hinunter zu schlucken und einen kühlen Kopf zu bewahren. Durchzudrehen brächte ihn nicht weiter.

“Doch, ich würde nur zu gerne dabei zusehen, wie Marcel dir eine Behandlung verpasst. Aber ich will dir eine Wahl lassen. Was für eine Freundin wäre ich denn, würde ich das nicht?”, meinte die langhaarige Frau boshaft und gestikulierte fast schon theatralisch dabei. Hjaldrist zog die Brauen weit zusammen und bedachte Svenja abschätzigen Blickes. Sie ignorierte das und trat näher, streckte eine Hand nach seinem Gesicht aus, doch der Viertelelf wich ab. Eine abweisende Reaktion, die der ehemaligen Skrugga nicht gefiel, und so packte sie sofort harsch nach vorn, um Hjaldrist grob am Kinn zu erwischen. Sie drehte sich sein Gesicht so zu und blickte ihn eindringlich an.

“Komm freiwillig mit mir und ich sage Marcel, dass ich mich geirrt habe. Dass du nur verwirrt bist. Ja, komm mit nach Undvik und bleibe auch dort und dir wird nichts weiter geschehen…”, flüsterte die Langhaarige ihrem Gegenüber zu und kam ihm dabei viel zu nah. Es war sehr, sehr unangenehm. Hjaldrist wollte zurückweichen, doch hatte das Bett hinter sich stehen und kam somit nicht weit.

“Lass mich los.”, warnte er mit dunklem Unterton und gefährlich leise. Svenja lachte nur gespielt sanft.

“Wir könnten wieder ein Paar sein.”, setzte sie ihre schleimige Ansprache fort und sah den gepackten Mann unter halb niedergeschlagenen Lidern an. Die wankelmütige Rothaarige mutete an, als wolle sie Hjaldrist mit ihren Blicken ausziehen. Fraglich, ob diese Masche nun gespielt war, oder nicht.

“Denke doch mal daran, mein Hübscher… es war so schön damals.”, säuselte die Frau und es war nahezu unheimlich wie lasziv sie sich so plötzlich gab. Hjaldrist schluckte trocken und drehte den Kopf fort, entzog sich damit dem Griff von Svenja’s herrischen Fingern. Doch sie gab nicht nach, im Gegenteil. Ihre gierige Hand wanderte an die Brust des Gefesselten und sie beugte sich vor, als wolle sie nach einem Kuss haschen. Diese Bedrängnis ließ den Jarlssohn für eine kurze Zeit lang wie zur Eisstaue erstarren. Unweigerlich holten ihn alte Bilder ein. Grausige Bilder, in denen Alrik ihn am Kragen erwischte und vor sich her bugsierte, um den sich beschwerenden Hjaldrist gegen die nächste Hauswand zu drücken. Letzterer konnte sich noch immer mit großem Ekel daran erinnern, wie der Atem seines Widersachers gestunken hatte. Säuerlich. Nach Knoblauch. Und der viel größere und ältere Hurensohn hatte gespuckt, als er gesprochen hatte.

Dem Skelliger, der glaubte den Halt zu verlieren, entkam ein überfordertes Stöhnen und drängende Übelkeit wollte ihn übermannen. Er spürte, wie Svenja’s geschickte Finger an seinem Oberkörper nach unten wanderten. Sie stießen an seinen Gürtel und in diesem Moment zuckte er heftig zusammen. Ein Ruck ging durch seinen Leib und er trat der Verrückten so schwungvoll auf den Fuß, dass sie wütend aufschrie und zurückwich. Der Jarlssohn schritt vor, drehte sich leicht und rammte der ehemaligen Spionin seines Vaters die Schulter abrupt entgegen, stieß sie damit barsch. Fast stürzte die getroffene Frau rücklings, doch fing sich gerade noch so. Und leider war sie flink; schneller, als es der übermüdete Hjaldrist mit den gefesselten, wunden Handgelenken war. Ein Dolch blitzte auf und kaum einen Herzschlag später fand sich dessen Schneide schon an der Kehle des Gefangenen wieder. Der Dunkelhaarige stockte und hielt augenblicklich mit geweiteten Augen inne. Sein Atem ging unregelmäßig, als er Svenja ungläubig anstarrte. Es roch eigenartig und erinnerte entfernt an bitteren Kräutertee.

“Was sollte das?”, entkam es der Sommersprossigen schnippisch und sie drückte ihrem Gegenüber die Klinge noch ein Stück weit enger entgegen. Hjaldrist spürte ein leichtes Brennen und Ziehen am Hals und obwohl er sich gerade mit aller Kraft wehren wollte, vermochte er es kaum zu atmen. Svenja hatte die Oberhand zurück. Und sie lächelte breit, als sie dies selbstzufrieden bemerkte.

“Hör auf dich zu wehren, es bringt dir nichts.”, setzte die Langhaarige fort “Und sieh ein, dass ich recht habe.”

‘Hör auf dich zu wehren’, das hatte Alrik damals auch grinsend gesagt. Dem Undviker stand der Mund einen kleinen Spalt weit offen, als er nicht wusste was tun, und ein Schauer lief ihm über den Rücken, wie ein kalter, glitschiger Aal. Die momentane Situation überforderte ihn vollends und die Worte seines aufdringlichen Gegenübers verwirrten ihn. Die Bilder in seinem Kopf, das Gelächter der Kumpels von Alrik, trieben ihm den bitteren Geschmack nach Galle in den Mund und am liebsten hätte er ausgespuckt, als sich Svenja wieder anbiederte. Sie senkte den Dolch dabei nicht und wisperte kokette Worte, denen ihr Opfer kaum Beachtung schenkte. Hjaldrist wirkte, als sei er mit dem Kopf voran gegen eine dicke Holzplanke gerannt. Starr war er, stumm und atemlos, unbeholfen, wie ein Kleinkind. Ein kleiner Schubs und er saß am schmalen Bett. Die Matratze gab etwas nach, als Svenja mit ihrer bitter riechenden Waffe im Anschlag über ihn kam. Breitbeinig setzte sie sich ihm zugewandt auf Hjaldrist’s Schoß.

“Der Dolch ist vergiftet.”, merkte sie dabei leichthin an und musste etwas verlegen lachen “Aber keine Sorge, es ist nicht tödlich. Es… ist nur eine Sicherheitsvorkehrung, verstehst du? Du wirst bald merken, was ich meine. Dir wird gleich alles einerlei sein und ich werde dir dann sogar die Fesseln abnehmen. Freust du dich?”

Hjaldrist weitete die Augen und schien erst jetzt zu verstehen, was in den letzten paar Momenten geschehen war. Er hatte realisiert, was die krankhaft handelnde Svenja vorhatte und dass ihn fürchterliche Erinnerungen, die er damit verband, in eine Angststarre fallen ließen. Angst. Ja, er hatte eine schreckliche Angst. Nicht wegen der Ewigen Flamme oder deren Fesseln, die ihm die Haut aufkratzten; nicht wegen dem scharfen Dolch, der angeblich vergiftet war; nicht, weil er nicht wusste, wie es um seine Freunde draußen bestellt war. Er hatte Angst wegen dem, was Svenja hier mit ihm anstellen wollte. Und er wusste genau, was käme, denn die Skrugga war nicht besser als Alrik. Jetzt, da der entrückte Skelliger zu der lüsternen Frau aufsah, die es sich auf seinem Schoß bequem gemacht hatte und sich zu ihm herabbeugte, wurden seine Augen glasig. Ein überwältigter Laut entkam seiner heiseren Kehle und der Mann fühlte sich, als sei er wieder dieser junge, naive Kerl von damals. Der, der wimmernd und blutend in der schneeverwehten Seitengasse lag und es nicht mehr schaffte sich die zerrissene Hose anzuziehen, weil er so sehr zitterte und weinte. Ja, er sah gerade nicht, dass dem nicht mehr so war. Dass er doch eigentlich über alles, was früher geschehen war, hinweg sein sollte. Es war schließlich sechs Jahre her. Sechs Jahre! Hjaldrist war heute so viel besser als damals. Mutiger. Er hatte seither zwei Mal mit einer für ihn besonderen Person geschlafen und es hatte ihm gefallen. Es hatte ihm keine Angst eingejagt und er wünschte es sich gar wieder, also warum war es ihm gerade so sehr zum Heulen zumute? Warum fühlte er sich überwältigend ohnmächtig und deswegen war ihm die Kehle so verdammt eng? Er hatte Angst.

Svenja fuhr zusammen, als sich die Tür in ihrem Rücken öffnete und jemand eintrat. Sogleich sah sie sich um und wirkte wie ein böser Einbrecher, den man auf frischer Tat ertappt hatte. Der gerüstete Krieger, der in der Tür stand, gab sich äußerst unbeeindruckt.

“Wa-was?”, entkam es Svenja verblüfft und sie schien für wenige Sekunden völlig außer sich zu sein. Dann aber, schien ihr eine klare Erkenntnis zu kommen und ihr Ausdruck verfinsterte sich, als sie sich aufrichtete.

“Ihr kommt ihn schon holen?”, erkannte die Rothaarige richtig und zog sich hastig von ihrem Opfer am Bett zurück. Räuspernd stieg sie von ihm und wischte sich schnell eine Haarsträhne hinter das Ohr. Hjaldrist rührte sich derweil kein Stück. Alles vor seinen Augen verschwamm ganz leicht. So, als sei er aberplötzlich von gutem Alkohol angeheitert. Er fühlte sich so… so leer und auch etwas kraftlos, träge und schwer, absolut gleichgültig. Seine klammernde Angst, die ihn mit spitzen Krallen durchbohrt hatte, war auf einmal wie weggeblasen und er wollte nicht mehr weinen. Es war unglaublich erleichternd und angenehm. Er wollte, dass dieser Zustand niemals aufhörte und es gefiel ihm gerade unglaublich gut einfach nur da zu liegen und das Geschehen im Raum zu beobachten: Da war… einer der Krieger der Ewigen Flamme in dicker Rüstung, rotem Gambeson, mit Helm und Schwert. Svenja beschwerte sich bei jenem. Sie hätte ja ‘noch mit Hjaldrist reden wollen’, ehe man den Skelliger holte, um ihm ‘die Dämonen auszutreiben’. Der metallen klappernde Soldat, der jetzt eintrat und einmal prüfend in die Richtung des regungslosen Liegenden sah, zuckte gleichgültig die Achseln und schloss die Tür hinter sich. Svenja fügte sich und sah über die Schulter beleidigt zu ihrer vermeintlichen Beute zurück, der man sie hier gleich berauben würde. Hjaldrist musste benommen schmunzeln und wusste nicht einmal genau weswegen. Er fühlte sich einfach nur unsäglich wohl.

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