Kapitel 57

Ich hab dich lieb, Anna

“Ich habe Marcel doch gesagt, dass ich mit Hjaldrist sprechen muss, bevor ihr ihn holt.”, beschwerte sich Svenja und verzog das Gesicht dabei missmutig. Die Frau verschränkte die Arme beleidigt vor der Brust und linste dann zu dem zurück, der da nahezu regungslos am schmalen Bett des Zimmers lag. Seine Beine hingen dabei von der Bettkante und aus matten Augen sah er lethargisch her. Anna ertappte sich erst spät dabei bei diesem Anblick die Luft angehalten zu haben. Und sie konnte den Blick hinter dem Helmvisier nur schwer wieder von ihrem besten Freund losreißen, um ihn zurück auf die Schlampe aus Undvik zu richten. Was hatte jene bloß mit dem stummen Skelliger angestellt?

“Aber schön, wenn es sein muss, dann fangen wir eben an.”, schnaufte Svenja und rollte leicht mit den grünen Augen “Ich komme mit.”

Anna schwieg nach wie vor, denn ihre Stimme hätte sie verraten. Sie wunderte sich ja darüber, dass sie hier so weit gekommen war. Niemand hatte sie auf ihrem planlosen Weg durch das Gebäude lange genug gemustert, um festzustellen, dass ihr die Rüstung der Ewigen Flamme etwas zu groß war. Dass ihr bestickter Wappenrock nicht so hing, wie er es sollte. So viele Soldaten und Wachen spazierten hier herum, dass sich kaum einer um den anderen scherte und sich jeder in vollkommener Sicherheit wog. Vermeintliche Kollegen misstrauisch zu beäugen kam keinem der Fanatiker so schnell in den Sinn. Sie sahen sich in ihrem Hauptquartier als übermächtig und das war ein Fehler. Sie waren gar so arrogant und selbstsicher, dass sie alleine durch die Straßen der Stadt patrouillieren oder sich zum Feierabend sorgenfrei mit Wildfremden besinnungslos tranken. Letzteres hatte dazu geführt, dass Anna an die Uniform gekommen war, die sie nun trug. Den ganzen, verbliebenen gestrigen Tag und den halben Abend hatte sie sich umhören müssen, um zu begreifen, wo ihr bester Kumpel abgeblieben sein könnte. Sie hatte zwei Bettler am ‘Platz des Hierarchen’ bestochen und später ein paar niederrangigen Soldaten der Ewigen Flamme nachgestellt. Die Alchemistin hatte diese Kerle bis zur Hafentaverne verfolgt und gewartet, bis sie sich angetrunken hatten. Dann hatte sie sich gespielt locker zu jenen gesellt. Es war eine relativ heitere Runde gewesen und keiner hatte der kurzhaarigen Novigraderin misstraut. Dabei war der Frau einer der Männer ins Auge gefallen: Carl. Er war ein schüchterner, nahezu stummer Typ gewesen, der den Helm gerade einmal zum Trinken etwas angehoben hatte; von den anderen gehänselt, still und vor allem: in etwa gleich groß, wie Anna. Die besagte, hinterhältige Kriegerin hatte Carl noch ein paar Runden Schnaps mehr ausgegeben und ihm dann zur Schau schöne Augen gemacht. Der spätestens an dem Punkt angekommen schwanzgesteuerte Idiot in Rot und Platte hatte nicht hinterfragt und war Anna dann, des nachts, hinter das Gasthaus gefolgt. Ein weit aufgeschnürter Ausschnitt hatte zu dem Zeitpunkt genügt. Und dann hatte die nüchterne Frau den stillen, aber betrunken-notgeilen Krieger niedergeschlagen. Nur in Bruche und Stiefel gekleidet hatte sie ihn ohne Mitleid in der dreckigen Gosse liegen lassen und war in dessen Uniform zu den anderen Leuten des Ordens zurückmarschiert. Sie hatte unter ihrem gestohlenen Helm kein Wort gesagt, war demnach nicht aufgeflogen und hatte die Soldaten der Ewigen Flamme bis in dessen Hauptquartier zurückbegleiten können. Jene hatten sogar über den ‘Jarlsjungen aus Skellige’ gelästert, weswegen die nervöse Anna schnell erfahren hatte, wo sich Hjaldrist befinden musste.

Die Novigraderin hätte jetzt trotzdem nicht ewig Zeit die Rolle des überfallenen Carl zu übernehmen. Sobald jener wieder zu sich kommen würde und seinen ordentlichen Suff überstanden hätte, würde er Alarm schlagen. Anna plante in jenem Moment die Stadt schon verlassen zu haben. Dies mit ihrem besten Freund im Gepäck. Oh, hoffentlich ginge alles gut…

“Also, was ist?”, murrte Svenja ungeduldig und sah den angeblichen Krieger der Ewigen Flamme vor sich missgestimmt an. Anna, aus ihren Gedanken gerissen, suchte Blickkontakt. Und in diesem Augenblick schien die Undvikerin zu verstehen, dass hier etwas faul war. Entweder kam es ihr eigenartig vor, dass ihr Gegenüber nicht sprach, oder sie hatte die Augen hinter dem dicken, redanischen Helmvisier erkannt. So oder so zuckte die Rothaarige jetzt zusammen und starrte verdattert. Dies nur für wenige Atemzüge, die Anna aber ausreichten, um zu handeln: Sie agierte abrupt und versetzte der Inselbewohnerin einen harten Kopfstoß. Der Stahl des Schallers, der auf den ungeschützten Scheitel Svenjas traf, donnerte nur so gegen die unschön aufplatzende Haut und sofort wankte die attackierte Frau zurück, hielt sich aufächzend den Schädel. Einen Herzschlag lang schien Svenja völlig verwirrt zu sein und nicht so recht zu wissen, wie ihr geschah. Sie öffnete den Mund, holte Luft und wollte schreien - vielleicht um Hilfe, womöglich aus Zorn - doch Anna kam ihr zuvor. Sie erwischte die ehemalige Skrugga barsch, zwängte sie zurück und bugsierte sie mit dem Kreuz voran an die kalte Steinwand. Mit der freien Hand hielt sie der Rothaarigen sofort den Mund zu. Der Fackelschein im Zimmer mit den abgeriegelten Fensterläden tauchte das gescheuchte Gesicht der Sommersprossigen in ein warmes Orange.

“Schreie und du wirst es bereuen, du Bestie.”, flüsterte die Giftmischerin ihrem Gegenüber bedrohlich zu, das sie aus geweiteten grünen Augen ansah. Blut von der Wunde an der Stirn lief Svenja über die Braue hinab, tropfte auf ihren dunklen Kragen, tränkte jenen. Anna verspürte kein Mitleid. Voller Hass im Blick bedachte sie die Ältere, als ihr ein kurzes und freudloses Lachen entkam.

“Ich WUSSTE, dass du hinter allem steckst.”, sagte die Kurzhaarige und der schwere Helm, den sie trug, verschluckte ihre leisen Worte beinahe. Der Geruch nach Schweiß bescherte der verkleideten Alchemistin dabei fast schon einen leichten Schwindel. Die naturfarbene, wattierte Haube, die der Soldat der Ewigen Flamme unter seinem Schaller getragen hatte und den Anna ebenso aufsetzen hatte müssen, damit ihr der Stahl nicht vom Kopf fiel, war klamm und sicherlich seit einer Ewigkeit nicht gewaschen worden. Um das rote Gambeson, in dem sie steckte, stand es nicht besser. Es war unglaublich widerlich und abstoßend. Noch ekelhafter aber, war Svenja. Diese Furie zog die gesamte, grantige Aufmerksamkeit Annas auf sich. Stechender Schweißgeruch war also deren kleinste Sorge.

“Ich hätte dich damals töten sollen, Svenja.”, entkam es Anna impulsiv, während sie nicht daran dachte die Hand von den Lippen der Konfrontierten zu nehmen. Jene wurde unruhig und wollte sich gegen die Giftmischerin stemmen, doch die Novigraderin gab nicht nach und presste die Langhaarige nur noch grober an die kühle Steinwand. Svenja mochte zwar wendiger, graziler und schneller sein, doch Anna war stärker als der Lockenkopf.

“Was soll ich jetzt nur mit dir machen?”, wollte die Hexerstochter weiter wissen und diese langsam ausgesprochene Frage war nicht nur rhetorischer Natur. Ja, tatsächlich arbeitete ihr Kopf nun auf Hochtouren. Sie wusste nicht, was mit dem apathischen Hjaldrist los war, doch es war ihr mit Grauen im Hinterkopf klar, dass die dumme Undvikerin hier irgendetwas mit ihm angestellt haben musste. Was genau, war in dieser Sekunde noch einerlei. Fakt war, DASS Svenja etwas Verwerfliches getan hatte oder im Begriff gewesen war es zu tun. Für deren hinterhältigen Verrat und all die anderen Missetaten hatte die grimmige Anna die Zuträgerin eigentlich nur bewusstlos schlagen und mit ihrem besten Freund verschwinden wollen. Sie hatten nämlich kaum Zeit und im Hauptsitz des fanatischen Ordens war es gefährlich genug. Wie könnte die Hexerstochter also einen Tumult anzetteln, lange bleiben und hoffen, dass sie niemand bemerken würde? Sie hatte also schnell abhauen wollen. Nun aber, als sie ihren besten Freund im Augenwinkel sah, der völlig gleichmütig herumlag und beachtlich blass war, kroch eine unglaubliche Wut in ihr hoch. Diese und vielleicht sogar eine Art Beschützerinstinkt einem Freund gegenüber, der sich gerade nicht selber helfen konnte. Der Zorn auf Svenja wuchs und wuchs und daher wollte Anna es nicht dabei belassen ihre verschlagene Widersacherin einfach nur besinnungslos zu schlagen und zu eilig gehen. Nein. Sie wollte sich rächen, der ehemaligen Spionin wehtun. Vielleicht war es ja dumm und kopflos so zu denken und Rist hätte seine aufbrausende Kumpanin dafür eine Närrin gescholten… aber es war eben so. Die nachsichtige Alchemistin kam ihren Gefühlen nicht aus und aus diesem Grund ließ sie Svenja jetzt ruckartig los und verpasste ihr eine gesalzene Rechte mit dem geschmiedeten Plattenhandschuh. Die Geschlagene stöhnte schmerzerfüllt auf, als es ihr den Kopf nur so herumwarf, sie taumelte und sich an das aufgerissene Gesicht fasste. Doch bemerkenswert hastig stand sie wieder aufrecht und zog ihren langen Dolch, starrte finster. Anna zögerte nicht, obwohl sie einen dunklen, öligen Film erkannte, der die scharfe Waffenschneide überzog und gefährlich schimmerte. Sie riss sich den Helm vom Kopf, um gleich besser zu sehen, und schlug damit nach Svenja, ehe sie das Langschwert des Wachmanns des Ewigen Feuers zog. Die gestohlene Rüstung schepperte und die attackierte Skelligerin schrie verärgert auf. Noch immer rann ihr das Blut in einem breiten Rinnsal vom Kopf. Es lief ihr in das rechte, zusammengekniffene Auge und machte sie darauf blind. Geistesgegenwärtig kam Anna also auf genau jene Seite und hob mit dem viel zu schweren, vermutlich eher billigen Langschwert zu. Svenja wich ab, machte einen Ausfallschritt und entging der fremden Klinge damit nur knapp. Überfordert rieb sie sich das Auge und hielt den Dolch hoch, als solle er zum Schutze dienen. Anna kam näher, stieß die Undvikerin zurück, trat ihr schwungvoll gegen das Knie. Die aufjammernde Langhaarige verlor daraufhin das Gleichgewicht und stürzte rücklings. Sie kam so hart und mit dem Kreuz voran am Boden auf, dass sie benommen stöhnen musste und zwei, drei Mal wirr in die Leere blinzelte. Da war ihre jüngere Gegnerin schon über ihr. Svenja strampelte, doch die Novigraderin setzte sich auf sie und das mit dem gesamten Gewicht der Rüstung, die sie dem Kerl des Ordens entwendet hatte. Die Rotblonde wollte sich mit allen Vieren wehren und stach mit dem Dolch nach Anna, doch erfolglos. Das dunkle Öl an dessen Klinge roch markant nach Berberrohr, einer Pflanze, die man oft auch zur Herstellung für Drogen, wie Fisstech verwendete. Und als die geschulte Giftmischerin dies bemerkte, wusste sie, was mit Rist nicht stimmte. Ihr Blick verdunkelte sich und sie packte an Svenja’s schmales Handgelenk. Sie verdrehte jenes so gewaltsam, dass die Liegende erneut schrie, fluchte und ihren vergifteten Dolch nicht mehr halten konnte. Anna, die das knackende Handgelenk dabei nicht losließ, fasste nach der geschliffenen Waffe und als Svenja befürchtete, was gleichkäme, grollte sie überfordert und bäumte sich auf. Die Frau auf ihr war aber zu schwer. Und Anna lächelte überlegen.

“Pscht.”, machte sie auffordernd und Svenja starrte sie entsetzt an “Du glaubst doch nicht etwa, dass ich dir die Gnade erweise dich in ein angenehmes Delirium zu schicken? So, wie du es mit Rist gemacht hast.”

Die Rotblonde schwieg.

“Ja, warum hast du das getan, hm?”, fragte die Kriegerin, obwohl sie es sich denken konnte. Zutiefst angewidert rümpfte sie die Nase. Der mahnende Gedanke Rist zu erwischen und so schnell von hier zu verschwinden, als möglich, wurde begraben unter ungläubiger Abscheu und Missgunst.

“Du bist ein Miststück. Und weißt du was? Leider bin ich keine Mörderin.”, sagte Anna abfällig “Sonst würdest du jetzt schon nicht mehr hier liegen und zappeln.”

Hin und her gerissen von ihrem Gram über alles, was Svenja ihr und Rist jemals angetan hatte, fiel es der Alchemistin schwer sich so gefasst zu halten. Sie biss die Kiefer fest aufeinander, dass Zähne knirschten und ihr Kopf arbeitete auf Hochtouren. So gerne hätte sie die Schlampe aus Undvik einfach totgeschüttelt, für das, was sie getan und heute noch vorgehabt hatte. Die Rothaarige hatte den Tod Anna’s gewollt - mehrmals - und Hjaldrist benommen gemacht, um ihn aus reinem Selbstgefallen zu Dingen zu zwingen, die er nicht wollte. Noch schlimmer war, dass diese widerliche Frau hier genau wusste, was dem Jarlssohn früher einmal geschehen war. Wie konnte sie also nur? Ja, WIE konnte sie? 

Anna schnaubte zornig und wollte zuschlagen, da wand sich Svenja unter ihr abermals. Sie hob die Hüfte ruckartig an und schaffte es damit die Alchemistin in der Uniform der Wache aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diese Sekunde ausnutzend schubste Svenja die Kurzhaarige zu Boden, schlug ihr den Gift-Dolch aus der Rechten und beugte sich furios vor, um der, durch ihre Rüstung schwerfälligeren Anna mit beiden Händen an die Kehle zu packen und zuzudrücken.

“Stirb!”, atmete die keuchende Rotblonde dabei “Ja, stirb endlich!”

Die Novigraderin würgte und riss die Augen auf, trat nach der ehemaligen Skrugga. Doch jene war so aufgebracht und gelenkt von Adrenalin, dass sie dies kaum aus dem Konzept brachte. Sie drückte nurmehr fester zu und die japsende Hexerstochter vermochte es nicht mehr einzuatmen. In diesem Augenblick und bevor noch mehr geschehen konnte, wurde die Zimmertüre knallend aufgeschlagen und zwei hochgewachsene Hexenjäger traten mit alarmierten Mienen ein. Sie mussten Svenja’s Schreie vorhin gehört haben und hatten kampfbereit die Schwerter gezogen.

“Was geht hier vor?”, schnauzte einer der Männer und sein Ton duldete keinerlei Ausreden oder Schweigen. Anna spürte, wie der Griff um ihre Kehle sofort lockerer wurde und handelte augenblicklich. Sie bugsierte die überraschte Svenja von sich und richtete sich auf. Schwer atmend fasste sie nach dem Dolch, den die Schurkin ihr aus der Hand geschlagen hatte und stach damit zu. Sie hätte der verblüfften Skelligerin die Klinge direkt durch die Schläfe getrieben, hätte man sie nicht mitten im Tun aufgehalten. Denn einer der breiten Hexenjäger war zwischen die zwei Frauen gekommen und trat Anna den bluthungrigen Dolch mit dem Giftfilm daran aus der Hand. Die Alchemistin am Boden, die erst dadurch wieder einigermaßen zur Besinnung zu kommen schien, schreckte auf und sah dem älteren Kerl aus großen Augen entgegen. Dessen Blick verlangte nach wie vor eine Antwort und obwohl sie vermeintlich ertappt worden war, war die Hexerstochter geistesgegenwärtig genug ihre Rolle als Wache weiter zu mimen und schlagfertig zu sein. Zum Glück gab es nämlich weibliche Kriegerinnen unter den Soldaten Novigrads.

“Diese Frau wollte den Sohn des Jarls entführen! Ihre Vorwände waren Lügen!”, schuldigte die Kurzhaarige heiser an und nickte etwas atemlos in Richtung Hjaldrist. Der leise stöhnende Mann wirkte absolut wirr und presste sich gerade die fahrigen Hände an das Gesicht, als er da verloren am Bett lag und sich von vorne bis hinten nicht mehr auskannte.

“Sie hat ihn vergiftet, damit er gefügig ist!”, maulte Anna barsch weiter und ihr Herz schlug ihr dabei bis zum Hals. Die Frau schluckte trocken und hoffte ich ständig, dass keiner der Jäger wusste, wie sie aussah. Sie war nicht gläubig, ja, doch in diesem heiklen Moment wollte sie stumme Stoßgebete gen Himmel schicken. Ihr Magen verdrehte sich.

“Wie bitte?”, brummte der Ordensbruder mit dem Krempenhut aus Leder. Und tatsächlich fiel sein Blick nun argwöhnisch auf Svenja, die empört nach Luft schnappte.

“Das ist nicht wahr!”, zeterte sie sogleich.

“Warum habt Ihr ihn dann vergiftet?”, wollte Anna laut wissen, als der zweite Hexenjäger skeptisch prüfend in Hjaldrist’s Richtung lugte “Und wo habt Ihr das Gift überhaupt her? Seid Ihr etwa eine Kräutersammlerin? Das ist Ketzerei!”

Svenja starrte Anna entrückt an und wusste im ersten Moment ganz offensichtlich nicht, was sagen. Derweil bissen die beiden Hexenjäger an. Während der eine zu Rist ging, um jenen probehalber anzusprechen, klaubte der zweite nach dem öligen Dolch der Zuträgerin. Die anwesende Alchemistin aus Novigrad, die sich jetzt langsam erhob, hätte am liebsten zufrieden gegrinst, doch noch konnte sie sich leider nicht in Sicherheit wiegen. Noch immer befand sie sich in Gefahr. Und anstatt unbeholfen abwartend herum zu stehen, ging Anna zu dem Helm, den sie ihrer Gegnerin vorhin entgegen geschleudert hatte, und fischte stumm danach. Verstohlen sah sie zu dem narbenübersäten Hexenjäger, der den kauernden Hjaldrist rüttelte. Sobald er den Jarlssohn aber berührte, zuckte jener heftig zusammen und schlug orientierungslos nach dem Fremden, als sei jener eine unmittelbare Bedrohung für ihn. Als wolle der Ordensmann ihm irgendetwas antun. Anna hielt inne. Ihr bester Freund wollte sich aufrichten und mutete an, als sei er noch nicht so ganz anwesend.

“Nein!”, keuchte er wirr, wollte aufstehen und fiel beinah. Der Mann der Ewigen Flamme ergriff ihn an den Schultern, um ihn im Schach zu halten und zurück auf das Bett zu zwängen. Der Skelliger wehrte sich vehement dagegen, schrie und ein Funke der Angst war in seiner Miene zu erkennen. Man hörte den Hexenjäger fluchen, dann verpasste der Choleriker Rist einen harten Schlag auf die Nase. Anna ballte die Hände zu Fäusten und wäre dem religiösen Spinner für dessen Aktion am liebsten an die Kehle gesprungen. Eine Reaktion, die sie sicherlich verraten hätte, also fasste sie sich gewaltsam und presste die Lippen schmal aufeinander.

“Der Kerl ist völlig verwirrt.”, stellte der genervte Jäger bei Hjaldrist fest, entspannte seine Faust wieder und schnaubte, als er Anna direkt ansprach “Ich habe keinen Nerv für sowas. Fixiert ihn und passt auf. Wir holen umgehend den Priester, der sich unter Menge um ihn kümmern wollte.”

Der zweite Ordensmann nickte zustimmend und gestikulierte mit Svenja's Dolch.

“Da klebt tatsächlich Gift dran. Wir konfiszieren die Waffe und nehmen die Inselfrau vorerst fest.”, schlug er vor. Svenja entkamen darauf ein paar unverständliche Worte in ihrem Dialekt und sie wollte sich aufrappeln, um zu verschwinden. Doch der eine Fremde stand ihr im Weg wie eine massive Mauer aus Fleisch und Blut.

“Ihr geht nirgendwo hin.”, brummte er sie böse an.

“Ich gehöre zu euch!”, verteidigte sich die Zuträgerin und zeigte anschuldigend auf Anna “Sie hat die Rüstung gestohlen und verarscht euch, die durchtriebene Schlange!”

Das Unterkiefer der Rothaarigen zitterte leicht, als sie sich pikierte und sie spuckte beim Sprechen. Ihr flacher Atem ging unruhig, während sich Anna hingegen dazu ermahnte so gelassen, wie möglich zu bleiben. Sie wollte sich nicht verraten, indem sie nervös von einem Bein aufs andere trat. Leicht den Kopf schüttelnd sah die Novigraderin die Langhaarige ungläubig an. Dann wandte sich Anna auch schon Rist zu, um dem Befehl nachzukommen ihn zu bewachen, bis dieser Marcel käme. Gespielt soldatisch marschierte sie zum Bett und nickte dem ersten Jäger zu. Der andere Religiöse lachte solang trocken und verhöhnte Svenja ihrer vorigen Meldung wegen.

“Eine einzige Frau soll es geschafft haben eine Rüstung der Wache zu stehlen? Wie? Wollt ihr mir erzählen, dass sie einen der Soldaten niedergeschlagen hat oder in die Garnison eingebrochen ist?”, schmunzelte der narbige Kerl hämisch “SO ETWAS will ich sehen! Normale Weiber sind dazu nicht in der Lage.”

Svenja entkam ein zorniger Laut. Dann wurde sie am Oberarm erwischt und gen Türe gezerrt. Sie zeterte, schlug und wollte sich wehren. Tatsächlich schaffte sie es auch sich loszureißen und in einer letzten Hoffnung nach draußen zu stürmen. Es dauerte keine drei Atemzüge, da waren ihr die beiden rauen Hexenjäger schon auf den Fersen. Anna sah jenen stumm nach. Und erst, als die drei Leute außer Sicht waren, ließ sie die Schultern sinken und jegliche Anspannung wich aus ihrem Körper. Tief atmete sie aus und ließ sich sprachlos starrend auf die Bettkante sinken. Leise fluchen fasste sie sich an das Haupt, das sich anfühlte, wie leergefegt.

“Scheiße.”, wisperte die Frau, die nicht glauben konnte, dass ihre halsbrecherische Masche funktioniert hatte “Verdammte Scheiße…” 

Erst dann sah sie sich nach Rist um, der mit etwas Blut am Hals völlig durch den Wind auf der Matratze saß und aussah, als wäre er am liebsten um sein Leben gerannt. Seine dunklen Augen trafen auf Anna und sein Anblick fühlte sich an, wie ein Speer, der sich einem in die Brust bohrte.

“Tut mir leid.”, war das einzige, das der betroffenen Alchemistin dazu einfiel und sie wollte sich auf der Unterlippe herumkauen “Dass ich so spät bin.”

Worte, die der Undviker, der noch immer seicht unter Drogen stand, nicht zu hören schien. Oder vielleicht ignorierte er sie auch nur. Anstatt zu antworten, kam er nämlich gleich näher und umarmte seine Freundin, als müsse er sich an irgendetwas festhalten. Er drückte sie mit gehetztem Ausdruck an sich und Anna bezweifelte, dass es Rist gerade leicht fiel überhaupt aufrecht zu sitzen. Doch immerhin war er nicht mehr so lethargisch, wie vorhin. Das war gut. So müsste sie ihn nicht tragen.

“Wir müssen weg.”, murmelte die Hexerstochter in der stählernen Rüstung drängend “Und zwar schnell.”

Hjaldrist ließ aber nicht locker. Und vielleicht war es dumm ein wenig Zeit daran zu verschwenden, aber Anna hob die gepanzerte Hände und rieb ihm beruhigend den Rücken. Es war befremdlich erkennen zu müssen, dass der, der sich sonst immer zwischen sie und alle möglichen Gefahren warf, derjenige war, den man beschützen musste. Die Trankmischerin war es mittlerweile gewohnt, dass es da den Hjaldrist gab, der sich motiviert und brüllend in jeden Kampf warf, wenn es um Leben oder Tod ging. Der den Kopf schüttelte und Anna mit erhobenem Zeigefinger ermahnte, wenn sie einmal wieder irgendwelche lebensmüden Dinge anstellte. Dieses Aard auf zwei Beinen eben, das seinem damaligen Schläger-Titel aus Skellige nur allzu gerecht wurde. Dabei hatte die Frau aber zu oft vergessen, dass ihr älterer Begleiter mehr war als das und auch eine andere Seite an sich hatte. Ja, vor allem die, obwohl man sie ihm nicht immer anmerkte. Rist konnte nicht immer ein Felsen sein und man sollte sich nicht immer dreist auf ihn verlassen. Denn manchmal musste man auch ihn stützen und heute würde Anna genau dies tun. Leicht verengte sie die braunen Augen, als sie daran dachte. Und sie wusste nicht warum, doch sie fasste just in diesem Moment einen ungeheuren Mut. Ja, sie würde sich und ihren besten Freund von hier fortschaffen, koste es, was es wolle. Und dann würden sie aus dieser verfluchten Stadt verschwinden.

“Kannst du aufstehen?”, Anna bekam auf diese verunsicherte Frage nur ein zweiflerisches Stöhnen als Antwort.

“Ich versuch’s…”, murmelte der zerknautschte Rist vor sich hin und seine Freundin nickte erleichtert.

“Wir werden so tun müssen, als ob ich dich irgendwohin abführe. In Ordnung? Die halten mich hier noch immer für eine der Wachen…”, erklärte Anna verhalten weiter und erhob sich langsam von der Bettkante “Ich kenne den Weg raus. Bald sind wir vor den Stadtmauern und dann hauen wir ab aus Novigrad.”

“In Ordnung...”, meinte der sitzende Skelliger bloß dünn. Noch immer sah er aus, als sei er geistig noch nicht ganz anwesend. Und der vorige Schock steckte ihn sicherlich noch in den Knochen. Vor wenigen Minuten noch hatte er die anwesende Hexerstochter nicht loslassen wollen und hilfesuchend geklammert wie ein kleines Kind. Es musste ihn nun Unmengen an Kraft kosten sich am Riemen zu reißen. Anna atmete noch einmal durch und reichte ihrem älteren Freund die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Rist ergriff die behandschuhten Finger auch gleich fahrig und kam merkbar taumelig auf die Beine mit den weichen Knien.

“Es wird nicht mehr lange dauern…”, kommentierte die erfahrene Giftmischerin dies beschwichtigend. Sie hatte schon einmal mit Berberrohr-Tinkturen, wie sie Svenja auf ihren spitzen Dolch gestrichen hatte, zu tun gehabt. Das Gift war nicht gefährlich. Jedenfalls nicht per se. Verheerender war zumeist, was böswillige Menschen mit den apathischen und willenlosen Vergifteten anstellten.

“In wenigen Stunden bist du wieder völlig bei dir. Ich habe in meinem Koffer gute Gegenmittelchen, die du nachher nehmen kannst.”, versicherte Anna noch selbstsicher und setzte sich den gestohlenen Helm auf. Dann erwischte sie Hjaldrist am Oberarm. Sie hätte ihm ja zur Schau die Hände hinter dem Rücken festgehalten, während sie ihn vor sich her schob, doch nachdem der Mann noch Schwierigkeiten mit dem Stehen hatte, ging es nicht anders, als ihn neben sich mit zu ziehen.

“Na dann los…”, flüsterte die Schwertkämpferin noch und klang dabei mehr, als spräche sie zu sich selbst, als zu ihrem Begleiter. Als müsse sie sich selbst anspornen. Sie straffte die gerüsteten Schultern und sprach sich im Geiste mehr Mut zu. Dann setzten sich die zwei Abenteurer auch schon in Bewegung.

Nachdem Anna und Rist das kleine, spartanische Zimmer Sekunden später verlassen hatten, schlug die Erstere gleich den Weg durch den langen Korridor links ein. Der Boden war hier gesäumt von abgetretenen, roten Teppichen und vom Hof konnte man das Gebrüll eines Ausbilders hören, der gerade nachlässige Rekruten zusammen stauchte. Ein Hexenjäger mit ledernem Hut und dicker Gesichtsnarbe passierte Anna und Rist, doch maß sie kaum eines Blickes. Es war schlussendlich kein besonderer Anblick einen Soldaten zu sehen, der einen Gefangenen mit gesenktem Kopf neben sich her zog.

Anna’s wachsame Augen wanderten suchend hinter ihrem Helmvisier. Der Weg war frei und gleich müssten sie vorne, rechts, die Steintreppen nach unten nehmen. Dort hieß es den weitläufigen Hof des Gebäudekomplexes zu durchqueren und dann zwischen Lagerschuppen und Haupthaus zu verschwinden. Dahinter standen ein paar Kisten, über die man mit etwas Mühe nach draußen klettern könnte. Durch das Tor, den Haupteingang zum Quartier, könnten Rist und Anna jedenfalls nicht raus. Es war sehr verdächtig, wenn eine einzelne Wache einen nicht gefesselten Gefangenen nach draußen führte. Erst recht dann, wenn keine Hinrichtungen ausgerufen worden waren. Also müssten sie beide wohl oder übel die Notlösung über den Hinterhof wählen. Irgendwie würde Anna ihren beduselten Freund dort schon über die Mauer gehievt bekommen, ganz bestimmt. Es war der einzige Ausweg.

 

Die beiden Monsterjäger hatten den Hof des Hauptquartieres der Ewigen Flamme gerade betreten, da brach schon ein Tumult aus. Anna zuckte heftig zusammen, als sie hinter sich Schreie vernahm und auch Rist hob den Kopf und schluckte trocken.

“Haltet sie auf!”, brüllte ein Kerl in der dunklen Montur eines Hexenjägers und zeigte anschuldigend auf die Flüchtigen.

“Dort sind sie!”, krähte eine Wache, die Svenja’s Priesterfreund im Gepäck hatte und der leise Stoßgebete an sein verschissenes Feuer sprach.

“Scheiße.”, wisperte die Hexerstochter, die wie zur Eissäule erstarrt war. Rist gab keinen Mucks von sich und rührte sich kaum. Was hätte er in seiner momentanen, schlechten Verfassung und unbewaffnet auch schon unternehmen können? Gar nichts. Doch Anna, die handelte und dies abrupt. Sie wartete keine weiteren, geblafften Befehle oder Reaktionen auf die Anordnungen ab, sondern lief hastig los. Fest hakte sie sich dabei bei ihrem besten Freund unter und zerrte ihn so mit sich. Überfordert blinzelnd stolperte der arme Skelliger neben der gehetzten Alchemistin her und sah aufgerüttelt vor sich hin. Nur schleppend schien er zu verstehen, dass man sie beide tatsächlich ertappt hatte. Sein Atem ging unregelmäßig und schwer, mit einer Hand hielt er sich krampfhaft an Anna’s Ärmel aus rauem Leinen fest. Und dann flog schon der erste Bolzen.

“Na los!”, gellte die Stimme des riesigen Ausbilders, der seine Rekruten vor wenigen Augenblicken noch streng belehrt hatte. Jetzt, da schickte er jene Anna und Hjaldrist hinterher. Die relativ jungen Burschen zogen Schwerter und Streitkolben, während drei entferntere Hexenjäger die Armbrüste spannten. Noch eines deren spitzer Geschosse zischte am Kopf der eilenden, rüstungsscheppernden Giftmischerin vorbei und mit einem erschrockenen Laut auf den trockenen Lippen duckte sie sich. Rist stürzte beinah, fing sich aber gleich und ließ sich gewaltsam über den viel zu offenen Hof bugsieren.

“Scheiße, Scheiße!”, keuchte Anna immer wieder und beeinträchtigt von all dem Stahl, den sie trug, fühlte sie sich, als hinge ihr eine dicke Eisenkugel am Knöchel. Durch den Helm war ihr Sichtradius unglaublich eng, doch sie hatte keine Zeit, um sich die verfluchte Dose vom Kopf zu nehmen. Die Kanten ihrer zu großen Beinschienen zwängten sich an ihre Knie und schmerzten bei jedem Schritt. Es fühlte sich an, als wollten sie sich noch unter ihre Haut graben, um ihr die Kniescheiben von den Beinen zu stemmen. Und es war unsäglich anstrengend so rennen zu müssen; anstrengend und schweißtreibend.

“Lauf!”, entkam es Anna überwältigt und an Rist gerichtet, der völlig orientierungslos zu sein schien. Es war mehr rhetorischer Natur, als eine sinnige Aufforderung. Ein Bolzen kam von rechts. Gescheucht sah die Alchemistin auf, riss Rist ein Stück weit zurück und bewahrte ihn damit davor das Geschoss direkt in die Seite zu kriegen.

“Bringt ihn nicht um! Wir brauchen ihn!”, kreischte jemand irgendwo in dem Aufruhr, doch Anna war sich sicher, dass kaum einer hier viel auf diese Worte gab.

Die burschikose Frau, das Haupttor des Quartiers im geweiteten Blick, verfluchte die Tatsache, dass sie einen viel zu großen Respekt davor hatte Quen zu wirken. Die Finger ihrer Rechten waren ihrer Meinung nach noch viel zu steif und sie wollte es nicht noch einmal riskieren sich böser Unterleibskrämpfe wegen sekundenlang aus dem Kampf zu nehmen. Das letzte Mal hatte dies nämlich dazu geführt, dass man sie aus einem Fenster stoßen konnte. Nicht auszudenken, würde sie sich auch jetzt wieder von Schmerz betäubt krümmen müssen. Also baute sie heute auf den dicken Stahl, den sie trug. Auf Plattenteile, Kettenhemd und Helm. Sie alle wären mit einem schimmernden Schild aus Magie wohl kaum zu vergleichen, doch auch besser als nichts.

Irgendetwas traf Anna plötzlich kraftvoll von hinten. Dies so wuchtig, dass sie schmale Frau zwei, drei Schritte weit nach vorne stolperte und fast auf die Knie stürzte. Es schepperte und ein dumpfer Schmerz lähmte die Kurzhaarige für wenige, tiefe Atemzüge lange. Leicht gekrümmt stand sie da und die Pein machte ihr den linken Arm ganz taub. Ihre Schulter fühlte sich an, als habe sie ein wütender Shaelmaar zermalmt und in dem Augenblick realisierte die Frau, dass einer der Bolzen sie getroffen haben musste. Doch da war kein Brennen, kein Stechen, kein Blut. Die Schulterplatten und das Kettenhemd Carls mussten das Geschoss daran gehindert haben bis zur Haut der Frau durchzudringen. Und dem Kopf Annas wurde klar: Prellung. Ja, mehr konnte es nicht sein, das ihr ein unangenehmes Kribbeln bis in die Fingerspitzen schickte. Oh, Melitele sei Dank! Sie atmete auf und biss die Zähne so fest zusammen, dass es weh tat.

“Anna.”, konnte die kurzweilig wie paralysierte Kriegerin Rist mahnend sagen hören, als er schon wieder bei ihr war. Und leider war er nicht der einzige. Die fünf motivierten Rekruten der Ewigen Flamme hatten sie beide erreicht und einer von ihnen ging bereits auf die Abenteurer los. Die Novigraderin fuhr, den Schmerz in ihrer Schulter mehr schlecht als recht ignorierend, herum. Hastig zog sie das gestohlene Stahlschwert und wich ab, schob ihren besten Freund neben sich her und hob einen Schlag eines Rekruten mit der ächzenden Klinge fort. Diese dummen Jungen hier wären keine besondere Herausforderung für sie. Anders stand es jedoch um die Armbrustschützen ringsum; um die Wache, die angelaufen kam und den Ausbilder mit dem Zweihänder, der jene begleitete. Hjaldrist und Anna müssten von hier fort und zwar schnell! 

Erneut pfiff ein spitzer Bolzen durch die Luft, die Giftmischerin aus dem Norden verletzte zwei der Rekruten schwer und stieß einen weiteren von ihnen ruckartig von sich. Sie ging auf einen der Jüngeren los, der im Begriff gewesen war, den blassen, wankenden Rist attackieren zu wollen. Und dann war der mit dem Zweihandschwert plötzlich da. Er war ein Hüne von einem Kerl und betrachtete seine überrumpelte Gegnerin kühl. So, als sei sie nicht mehr als eine lästige Fliege in seiner Suppe.

“Tötet den Jarlsjungen nicht, verdammt!”, maulte ein Mann von weiter hinten und Marcel ermahnte jenen dazu sich zu fassen. Der Ausbilder mit dem Zweihänder schnalzte gereizt mit der Zunge.

“Ergebt Euch, gebt die Geisel heraus und Euer Tod wird gnädig sein, Mädchen.”, brummte er. Anna verengte die braunen Augen zu aggressiven Schlitzen, während die drei noch kampffähigen Rekruten abwichen und auch die Armbrustschützen innehielten, um auf weitere Befehle zu warten. Der raue Ausbilder schien hier der ranghöchste zu sein.

“Geisel?”, schnappte die konfrontierte Hexerstochter patzig und demonstrativ kam sie vor ihren besten Freund, der anmutete, als überkäme ihn des Giftes wegen langsam die Übelkeit. Kacke. Sein Kreislauf wollte schlapp machen, denn in seiner Verfassung über einen riesigen Hof zu hetzen, war eine Zumutung gewesen.

“Pah!”, fiel es Anna nurmehr ein und kaum einen Herzschlag später schon traf Stahl singend auf Stahl. Der Hieb des Zweihänders des hochgewachsenen Ordensbruders war hart gewesen und nur mit Mühe und Not hatte die Frau aus Kaer Morhen ihn parieren können. Sie stemmte sich gegen ihren Widersacher, schrie zornig und schlug ihm die Schneide des billigen Langschwertes Carls entgegen. Oh, normalerweise hätte sie in solch einem Kampf nicht viele Bedenken gehabt. Größere Kerle mit schweren Waffen jagten der Hexerstochter keinen Respekt ein, denn meistens konnte man sie schnell mittels schneller Schläge und Ausweichmanöver ausschalten. Oder man hebelte sie einfach aus, beraubte ihnen ihres Gleichgewichtes und warf sie nieder. Ungerüstet war man wendiger als sie und mit nur einem langen Schwert bewaffnet auch etwas schneller. Eine gute Hexerausbildung im Umgang mit Klingen tat den Rest. Doch... Anna steckte in einer ihr unvertrauten Rüstung. Hinter ihr stand ihr Gefährte aus Skellige, der sich den Handrücken vor die blassen Lippen hielt und zitterte; der, den sie unbedingt beschützen müsste. Und das schartige Schwert in ihrer Hand war keine Krone wert. Eine prekäre Situation... und dabei waren die vielen Schützen am Platz noch nicht einmal mit eingerechnet. Anna biss sich auf die Unterlippe, um dieses Umstandes wegen nicht wieder laut zu fluchen und ihr Kopf arbeitete auf Hochtouren, als sie vor dem arroganten Hünen zurückwich und dabei mit dem Kreuz voran an Hjaldrist stieß, der sie gerade gar nicht zu bemerken schien. Ein weiterer Schwerthieb folgte, eine Wucht, die auf Anna niederging. Ein Stich. Noch ein Schlag. Es klirrte metallen und die verblüffte Trankmischerin verstand nur schleppend, was geschehen war: Die Klinge der Waffe in ihrer Hand war einfach zerbrochen. Der obere Teil der Schneide flog durch die Luft und landete meterweit entfernt im Dreck, als der barsche Ausbilder vor der Jüngeren überlegen grinste. Die braunen Augen Annas weiteten sich, als sie zwischen eben jenem und dem Rest des Langschwertes hin und her sah, dessen Griff sie noch krampfhaft festhielt. Ein ungläubiger Ton entkam ihr und Rist würgte hinter ihr, spuckte jedoch nur Galle aus.

“Ich sage es nicht noch einmal: Ergebt Euch.”, schmunzelte der große Mann der Ewigen Flamme und er erhob seine freie Linke mit der flachen Handfläche. Es war ein stummes Zeichen an die aufmerksamen Armbrustschützen, die ihre Fernkampfwaffen aus massivem Holz wieder anlegten und zielten. Das hier war vergebens. Doch die starrköpfige Anna würde den Teufel tun klein beizugeben, sich freiwillig auf den Scheiterhaufen zu stellen und ihren besten Freund wieder diesen abgebrühten Arschlöchern hier zu überlassen. Ja, eher starb sie stehend und beim Versuch zu verschwinden, als sich zu ergeben und ein grausiges Schicksal anzunehmen. Lieber wehrte sie sich mit allen Vieren, als keinmütig zu werden. 

Ein Ruck ging durch den Leib der angestichelten Frau, als sie plötzlich nach vorn setzte und mit dem kleinen, verbliebenen Stück ihres gestohlenes Schwertes ausholte. Ihr Gegenüber mit den breiten Schultern hatte mit solch einem halsbrecherischen Wahnsinn nicht gerechnet, reagierte zu langsam. Und der zerbrochene Stahl bohrte sich zwischen Schulterplatte und Lederkürass des Hexenjägers mit dem Zweihänder. Ein Kampfschrei entkam Anna, als sie noch nachbohrte und sich mit dem ganzen Körpergewicht gegen den Hünen stemmte, der schmerzerfüllt brüllte, doch nicht zurückwich. Die Kurzhaarige sah auf und ganz kurz trafen sich die Blicke von ihr und ihrem harten Widersacher. Dann wandte sie sich hastig ab, um den Überraschungsmoment weiter auszunutzen und Hjaldrist bestimmend an der Hand zu erwischen.

“Weg!”, rief Anna noch atemlos, als sie loslief und die freie Schwerthand in einer hoffnungsvoll-verzweifelten Geste zur Seite riss; die drei mittleren Finger gestreckt, Daumen und kleinen Finger gebeugt. Sie kniff, fürchterliche Schmerzen erwartend, ein Auge zu, als sie Hjaldrist dicht an sich und hinter sich her zerrte. Einen Wimpernschlag später kamen die Armbrustbolzen aus der Luft geschossen, wie gierige Greifvögel, die nach einer armen, kleinen Maus haschen wollten. Doch sie trafen ihr Ziel nicht. Aus einer durchscheinenden Wand aus warmem Licht prallten sie ab, zersplitterten und stoben in unzähligen kleinen Stückchen auseinander. Ein Aufschrei und Raunen ging durch die gläubigen Menschen hinter den Abenteurern.

“Magie!”, brüllte der verwundete Hüne grantig und die Rekruten rissen die Augen auf. Marcel bat laut betend um den Beistand des Heiligen Feuers. Die lange Lanze einer der Torwachen kam von der Seite und glitt an Quen ab, als habe man sie an die Seite eines Steins gestoßen. Anna ließ Rist’s eiskalte Hand nicht los. Sekunden später warf sie sich in ihrer schweren Montur gegen die Tür zum Ausgang, kam frei, sah Quen zersplittern wie einen Spiegel, den man gewaltsam gegen die Erde geschmettert hatte. Funken, Schreie, Ächzen. Und dann waren sie frei. Ohne nachzudenken oder wirklich zu wissen, wie sie es tatsächlich geschafft hatten, dem großen Quartier der Ewigen Flamme zu entkommen, hetzte die Hexerstochter mit Hjaldrist die verdreckte Straße entlang. Ein letzter Bolzen schlug neben den beiden in einen Karren ein, erschrak dabei eine Hure und ihren Kunden, und dann verschwanden Anna und Hjaldrist auch schon hinter der nächsten Hauswand. Rist wäre am liebsten auf die Knie gefallen, um irgendwie zu Atem zu kommen und sich zu orientieren, sich zu übergeben, doch Anna ließ ihn nicht. Herrisch fordernd zerrte sie ihn weiter und würde später noch bewundern, wie standhaft er dabei trotz seiner Vergiftung geblieben war. Denn sie schafften es tatsächlich bis vor die Stadt, über der die wolkenverhangene Sonne noch nicht einmal im Zenit stand. Es würde später noch regnen, ganz sicher. Es roch bereits danach.

 

“Dort rein…”, entkam es Anna unter schwerem Atem eilig, als sie Hjaldrist zwischen den heruntergekommenen Häusern der Vorstadt vor sich her schob und auf eine alte Scheune zusteuerte, die bereits halb eingefallen war. Der besagte Mann wankte voran in das Gebäude und seine schwitzende Freundin folgte ihm, zog sich den Helm vom Haupt und atmete tief durch. Lieblos warf sie die Kopfbedeckung aus Stahl fort, die klappernd am Grund auftraf, und kam dann schon zu ihrem Kumpel, der sich erst einmal setzen musste. Völlig abgekämpft und wirr ließ er sich an die Scheunenwand gelehnt zu Boden sinken.

“Rist.”, sprach die Giftmischerin den Undviker gleich an und kam vor ihm in die Hocke, beäugte ihn skeptisch.

“Geht schon...”, ächzte der bleiche Kerl bloß und grub das Gesicht stöhnend an seine fahrigen Handflächen. Anna klopfte ihm nicht unbedingt erleichtert die Schulter.

“Wir können nicht lange hierbleiben. Wir ruhen uns kurz aus und müssen dann sofort weiter. Sonst finden die uns noch.”, meinte sie.

“Wohin…?”, murmelte der benommene Skelliger hinter seinen kalten Händen und Anna musste unschlüssig seufzen.

“Ich weiß nicht. Weg.”, sagte sie lasch und zuckte die Achseln.

“Wo ist Ravello…?”, wollte Rist weiter wissen und nahm die Finger langsam wieder vom Gesicht, sah auf. Er musterte seine Kollegin und sah dabei beachtlich verloren aus.

“Ich weiß nicht… er hat Mia’s Vater fort geschafft.”

“Ihr… habt das hingekriegt…?”

“Ja. Ja, ich hoffe.”, nickte die Kurzhaarige und rang sich zu einem kleinen Lächeln durch. Dann tätschelte sie in leicht neckender Weise die Wange ihres Freundes “Du kriegst also Hilfe von deiner Träumerin, Drachenreiter. Ähm. Hoffe ich jedenfalls...”

Der mitgenommene Krieger sagte auf diese vielversprechenden Worte hin nichts, sondern blickte Anna nur so an, als erwarte er sich irgendeinen Haken oder eine zusätzliche schlechte Nachricht. So, als suche er im Ausdruck seiner Begleiterin nach irgendetwas. Was auch immer dies war, er fand es nicht. Es gab keinen Haken mehr. Jedenfalls dann nicht, wenn die Ewige Flamme sie nicht noch aufspürte.

Die angespannte Miene Hjaldrists lichtete sich, als er dies verstand, und als Anna die tätschelte Hand wieder von dessen fahler Wange nehmen wollte, fasste er danach. Dankbar drückte er die behandschuhten Finger seiner Kumpanin.

“Danke...”, machte er und die angesprochene Alchemistin fragte sich, ob es tatsächlich Rührung war, die sie da in seinem Ausdruck erkannte. Oder war es erleichterter Unglauben darüber, dass sie es geschafft hatten Herr Baran zu retten? Beides? Etwas ganz Anderes?

“Danke, Anna.”, wiederholte sich der sitzende Undviker erneut und ließ die Hand seiner Freundin nicht los. An diesem Punkt angekommen, konnte jene nur etwas unruhig lächeln, weil sie nicht so recht wusste, was sagen. Sie kam schlecht mit Situationen zurecht, in denen man sich bei ihr bedankte. Dies war in der Vergangenheit stets viel zu selten passiert.

“Schon gut.”, wich sie daher aus und war dabei auch noch aufrichtig “Ich habe doch gesagt, dass ich dir immer helfen werde. Schon vergessen? Du musst dich also nicht bedanken oder so.”

Wieder sagte Rist ein paar Atemzüge lange nichts, sondern taxierte seine Kollegin bloß. Dann aber, setzte er zum Sprechen an und tat sich sichtlich schwer damit. Anna, die sich nicht viel dabei dachte, unterbrach ihn. Denn Reden, das könnten und würden sie später noch. Hier, in der alten Scheune nahe dem Stadtrand Novigrads, war es schlussendlich nicht sicher.

“Wir sollten bald von hier verschwinden.”, sagte Anna mit gesenkter, doch drängender Stimme “Ich schäle mich aus der dummen Rüstung heraus und dann hauen wir ab.”

Hjaldrist hatte innegehalten und ließ die Hand seiner Begleiterin nun sofort los. Ohne weitere Umschweife erhob sich jene auch gleich und öffnete die groben, ledernen Schnallen an Arm- und Beinschienen, warf all die Platten mit bissigem Gesichtsausdruck fort, zog sich den roten Wappenrock vom Körper. Dies so weit, bis sie nurmehr in lockerem Hemd, brauner Hose und in ihren Stiefeln dastand. Die sich so befreit fühlende Frau gab einen zufriedenen Ton von sich.

“Endlich.”, seufzte sie und streckte sich kurz, knackte mit dem Nacken.

“Wo sind deine anderen Sachen…?”, wollte Rist leicht lallend wissen, der noch immer am Boden herum saß, doch schon wieder ein wenig mehr Farbe im Gesicht hatte. Er hatte Anna stillschweigend beobachtet.

“Hinter der Hafentaverne… dem ‘Goldenen Stör’.”, erzählte die Novigraderin, die sich die Haare aus der Stirn strich “In einem alten Fass. Ich muss später noch irgendwie an den Kram kommen und-”

Anna stockte in ihrer Ansprache, als ihr musternder Blick kritisch auf ihren Lieblingsskelliger fiel. Und ihr kam eine dunkle Erkenntnis. Wie Schuppen fiel ihr jene von den Augen.

“Deine Ausrüstung ist noch bei den Spinnern.”, entkam es ihr düster und man hörte den armen Hjaldrist bedauernd durchatmen. Er nickte schwach und wich den stechenden Augen seines Gegenübers aus, als er damit begann sich die Hände zu kneten.

“Ich… hätte Erlklamm gerne wieder...”, nuschelte er hervor und schlug die Augen nieder. Es war, als hätte man ihn besiegt und als sei sein eben ausgesprochener, großer Wunsch eine reine Utopie. Anna’s Miene nahm einen mitleidigen Ton an und sie kaute sich auf der Innenseite der Wangen herum, dachte nach.

“Wir…”, fing sie an, als klaube sie nach einer lauen Ausflucht aus dieser beklemmenden Situation, ohne selbst daran zu glauben “kommen da schon wieder irgendwie dran.”

Hjaldrist schnaufte frustriert. Natürlich glaubte er seiner Freundin nicht. Sie beide sagten also ein paar bedrückende Momente lange gar nichts und die Stille legte sich zum Schneiden dick über sie.

“Die Axt war seit Ewigkeiten im Besitz meiner Familie. Seit es meine Verwandten gibt, war es so… sie ging immer von Jarl zu Jarl weiter…”, sprach der 26-jährige Mann im grünen Rock vor sich hin “Und dann? Dann komme ich, klaue sie einfach aus der Halle der Ahnen und verliere sie an einen Haufen religiöser Spinner...”

Anna runzelte die Stirn tief. Es gefiel ihr nicht, wie ihr bedrückter Kollege sprach. Klar, er stand unter Drogen… und dennoch.

“Du hast sie nicht gestohlen, Rist.”, wiederholte die Novigraderin die Worte, die ihr ihr bester Freund vor einer ganzen Weile grinsend entgegen geworfen hatte, fest “Sie gehört deiner Familie und damit auch dir.”

Der dunkelhaarige Jarlssohn atmete tief und entnervt aus. Anna kam zu ihm, um ihm die Hand helfend und mit entschlossenem Blick hin zu reichen.

“Und jetzt komm… wir überlegen uns etwas, ja?”, schlug die wagemutige Frau vor “Wir kriegen Erlklamm schon wieder zwischen die Finger.”

Der Mann am Boden sah wenig motiviert auf, doch fasste nach der Hand, die man ihm entgegenstreckte, um sich auf die Füße ziehen zu lassen. Die kaum kleinere Alchemistin vor ihm schenkte ihm ein gezwungen aufmunterndes Lächeln. Dann fasste sie sich ein Herz und umarmte den entrückten Hjaldrist, um ihn zu drücken. Er war der einzige, bei dem sie dies jemals tun würde.

“Alles wird gut. Das wird es doch immer.”, murmelte die Kurzhaarige dem Undviker zu. Jener hatte ihre freundschaftliche Umarmung längst erwidert, wie jemand, der solche Gesten gerade mehr als nur dringend nötig hatte. Als giere er nahezu danach. Und Anna ließ ihn. Das war das mindeste, das sie in diesem Moment tun konnte... und zugegeben? Es beruhigte auch sie selbst ein wenig. Sie beide sollten das hier öfters tun, was? Sich einfach einmal umarmen und sich dabei viel zu optimistische Dinge sagen. Es gab einem den Auftrieb, den man ab und an wirklich dringend brauchte.

“Danke…”, entkam es dem geretteten Inselbewohner schon wieder leise und nach wie vor lallte er kaum merklich dabei. Wirklich stabil stand er ebenso nicht, doch jetzt war das ja auch einerlei. Sie beide waren nicht mehr der unmittelbaren Gefahr ausgesetzt und mussten auch nicht mehr durch die Stadt hetzen, um sirrenden Armbrustbolzen oder blutdürstigen Zweihändern zu entkommen. Anna sah ein wenig irritiert auf, als sie bemerkte, wie ihr Begleiter, den sie noch immer festhielt, ihr einen Kuss auf die Schulter drückte.

“Ich hab dich lieb, Anna.”, murmelte er dann vor sich hin und die Augenbrauen der Frau hoben sich auf diese Äußerung augenblicklich an. Beinah musste sie lachen, verkniff es sich gerade noch so. Oh, bei den Schöpfern… was Berberrohr nicht aus einem machen konnte, hm? Hjaldrist war ja völlig durch den Wind und gerade unglaublich rührselig. Es war fast schon niedlich.

“Ich dich auch, Käferschubser, ich dich auch.”, entgegnete die Schwertkämpferin nurmehr, verbarg ihr Amüsement dabei gekonnt und klopfte ihrem mitgenommenen Kumpan aus Undvik das Kreuz brüderlich.

“Und jetzt lass uns gehen, ja? Bestimmt ist Ravello mit Herrn Baran zum Wanderzirkus gegangen. Wir sollten dort nach ihnen sehen…”

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