Kapitel 58

Von nadeln und Mördern

‘Ich dich auch’, Anna hatte ‘Ich dich auch’ gesagt, verdammt! Klar, Hjaldrist hatte ihr vorhin, als sie noch in der Scheune gewesen waren, nicht so ganz direkt gesagt, wie er wirklich über sie dachte, aber dennoch. Alleine, dass seine gelassene Freundin ihn nicht von sich gedrückt oder ihn als Idiot bezeichnet hatte, machte dem verdatterten Skelliger das hüpfende Herz noch immer ganz leicht. Und das, obwohl er sich nach wie vor so fühlte, als sei eine Herde wilder Gäule über ihn hinweg getrampelt. Noch immer war sein Magen flau, seine zittrigen Hände feucht und eiskalt. Sein Blickfeld war nicht weit und er hatte Probleme damit seine Sicht auf eine einzelne Person oder ein bestimmtes Ding zu fokussieren. Anna hatte ihn auf dem ganzen Weg hierher, zu den Leuten des Wanderzirkusses, stützen müssen, damit er nicht noch über seine eigenen Füße stolperte. Zudem war da noch ein markanter, bitterer Beigeschmack wegen dem, das im Hauptquartier der Ewigen Flamme geschehen war. Wegen dem, was Svenja, dieses selbstgefällige Biest, vorgehabt hatte. Dass sie dabei eine Frau war, hatte keinen Unterschied gemacht. Missbrauch war Missbrauch und nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre Anna nicht noch rechtzeitig aufgetaucht, um die Rothaarige aus Undvik grollend durch die Gegend zu schubsen. Hjaldrist war seiner besten Freundin unendlich dankbar dafür. Denn allein der beißende Gedanke daran, wie er da so gleichgültig unter Svenja gelegen hatte, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Es widerte ihn an daran zu denken, wie ihm die ehemalige Skrugga schon an den Gürtel gehen hatte wollen. Die dunkle Erinnerung klatschte seiner, vom Gift verursachten, Übelkeit laut Beifall und spannte ihm die fahrigen Glieder an. Adrenalin paarte sich dabei mit einer alten Scham, die er eigentlich verdrängen wollte und klebte ihm die Zunge schal an den Gaumen. Ein dunkler Schatten wäre über das Gesicht des gerade sehr in sich gekehrten Mannes gehuscht, der da auf einem alten Strohballen am Feuer saß, doch der Anblick Annas, die gerade vor ihn trat, schob all die schlechten Grübeleien schnell beiseite. Und hätte Hjaldrist sich nicht so matt und abgekämpft gefühlt, so hin- und her gerissen und verwirrt, hätte er wohl gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd. Denn die Braunhaarige hatte früher ‘Ich dich auch’ gesagt. So aber, hob er den Kopf nur etwas träge und lächelte sanft, als die Jüngere ihn direkt ansprach.

“Hier.”, die besorgte Novigraderin hielt dem Krieger ein kleines Beutelchen aus Papier hin, das sie gerade aus ihrem Gepäck geholt hatte “Mach das Pulver in dein Wasser und trinke es. Dann wird es dir gleich besser gehen.”

Hjaldrist setzte sich etwas gerade hin, nickte und nahm Anna’s Gegenmittel an sich ohne weiter nachzuhaken oder Argwohn zu zeigen. Sie war zwar eine haltlose Verrückte, wenn es darum ging an sich selbst herumzuexperimentieren, doch abgesehen davon vertraute der Undviker der Alchemistin, wenn es um deren Handwerk ging, blind. Und wenn die geschulte Kurzhaarige sagte, dass ihr guter Kumpel irgendein braunes Pulver zu sich nehmen solle, weil es gegen seine Abgeschlagenheit und Übelkeit helfe, dann tat er das auch.

Brav klaubte Hjaldrist also nach seinem gebrannten Tonbecher, der halb mit Wasser gefüllt war und vor ihm am grasbewachsenen Boden herumstand. Anna ließ sich derweil neben ihm am zerpflückten Strohballen nieder und sah von der Seite aus zu ihm hin. Aufmerksam tat sie das und so, als müsse sie überprüfen, dass der wirre Jarlssohn sein Gegengift tatsächlich schluckte. Ab und an fielen ein paar kleine Regentropfen vom unbeständigen Himmel, doch das störte die Anwesenden kaum. Das Geniesel war nicht der Rede wert und sich einen Kapuzenmantel anzuziehen, wäre zu viel der Mühe gewesen.

“Wir hatten gestern Mittag eigentlich sofort aufbrechen wollen, doch der Herr Ritter bat uns inständig darum, dass wir noch etwas warten.”, Linda Baran saß mit am knackenden Feuer. Eine Schale mit etwas Obst ruhte auf ihrem Schoß, denn bis vor wenigen Atemzügen hatte sie sich noch gedankenverloren Weintrauben in den Mund gesteckt. Auch die beiden Halblinge Frobert und Igold waren da und betrachteten den blassen Hjaldrist kritisch. Ab und an tuschelten sie oder schüttelten die Köpfe. Ravello stand unweit mit verschränkten Armen und sah der Stadt misstrauisch entgegen, während sich Mia mit ihrem geschwächten Vater zurückgezogen hatte, um mit ihm allein zu sprechen. Aya Goldlocke ging schon seit einer geraumen Zeit nervös auf und ab, während sie sich eine ihrer blonden Haarsträhnen zwirbelte, und Albion… der war nicht hier. Die Stimmung, die über dem Lager hing, war denkbar schlecht und die halben Zelte der bunten Leute längst abgebrochen. Sie waren so gut wie abreisebereit und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Pferde vor die Karren spannen und gehen müssten. Herr Baran’s riskante Befreiung und das Obdachbieten für vier weitere flüchtige ‘Ketzer’ - Linda, Mia, Anna und Hjaldrist - war eine große Sache. Man könnte die ganze Zirkusbelegschaft dafür richten, weil sie gegen den Willen der Ewigen Flamme handelte. Die hier versammelten Personen schwebten demnach in höchster Gefahr.

“Er hat regelrecht darum gefleht. Also haben wir gewartet.”, setzte Linda gedankenvoll fort und musste seufzen “Ihr beide habt unseren Vater gerettet und dafür stehen wir in eurer Schuld. Nicht nur Mia, sondern auch ich. Herr Ritter war sich sicher, dass ihr und Albion noch auftauchen werdet, also vertrauten auch wir darauf.”

“Albion ist nicht da…”, bemerkte Anna sogleich und Hjaldrist verzog den Mund unzufrieden, trank einen Schluck seines bitteren Getränkes und betrachtete seine Knie. Er konnte den besagten Feuerspucker zwar nicht sonderlich leiden, weil er der Hexerstochter im Bunde schöne Augen gemacht hatte, doch der kecke Halbelf hatte ihnen viel geholfen. Es war keine Option ohne ihn zu gehen und ihn einfach im Stich zu lassen.

“Nein. Er verschwand gestern Morgen und kam nicht zurück. Herr Ritter erwähnte, dass er dabei geholfen hat meinen Vater zu befreien…”, antwortete Linda geknickt und fuhr sich über das spitze Kinn “Nur hat er nicht denselben Weg genommen wie ihr. Er hat die Stadtwache angeblich mit seinem Feuer abgelenkt. Das ist das letzte, was wir wissen. Ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist.”

“Er muss in eine ganz andere Richtung fortgelaufen sein, als Ravello und dein Vater.”, schätzte Anna weiter und streckte die Füße dem wärmenden Lagerfeuer entgegen “Albion wollte die Wache und die Hexenjäger sicher nicht hierherlocken und euch damit alle in Gefahr bringen.”

Man sah, wie Linda nickte, denn Anna’s Aussage klang logisch. Die Frau mit der bunten Gesichtsbemalung und der Obstschale am Schoß seufzte.

“Trotzdem… sollte er nicht schon längst zurück sein?”, fragte sie kleinmütig und Hjaldrist musterte sie mit großer Skepsis im Blick. Denn sie hatte Recht. Die tosende Befreiungsaktion Herr Barans war nun schon eineinhalb Tage her. Der spitzohrige Feuerkünstler des nomadischen Zirkusses sollte also längst wieder hier sein. Oder hatte man ihn etwa erwischt? In dem Fall war er nun entweder tot oder er saß im schimmeligen Kerker Novigrads, was früher oder später auf dasselbe hinauskäme. Der im Geiste schlussfolgernde Skelliger sprach diese schlimmen Gedanken aber nicht laut aus, sondern widmete sich wieder dem ekelhaften Gegengift in seinem bauchigen Tonbecher. Am Strohballen sitzend rutschte er ein Stücken näher zu Anna heran, die grüblerisch in die Leere sah. Sie bemerkte dies und wurde dadurch aus ihren Gedanken gerissen, blickte her. Nicht ohne einen Funken der Teilnahme in der Miene legte sie dann einen Arm brüderlich um Hjaldrist und rieb ihm die Schulter. Zugegeben, die nette, beistehende Geste fühlte sich viel zu kumpelhaft an. Und dennoch lächelte der Undviker selig in seinen Trinkbecher.

“Albion wird schon noch auftauchen. Wir warten einfach noch etwas.”, entgegnete die braunhaarige Alchemistin dann endlich auf Linda’s Bedenken “Er ist ein schlauer Kerl. Er kommt schon klar.”

“Ich hoffe es…”, nickte die Ältere, ehe sie fragend zu den beiden Abenteurern sah und das Thema mit Vorsicht wechselte “Und was habt ihr nun vor? Mia wird Hjaldrist helfen, nur wie wollt ihr das genau anstellen...?”

Der betroffene Inselbewohner sah auf und zu Linda hin. Er ertappte sich dabei partout keine genaue Antwort auf deren Nachfragen zu wissen. Denn ganz ehrlich? Er hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass sie es schafften Herrn Baran frei zu bekommen. Also klaubte der Jarlssohn jetzt nach Worten. Den Göttern sei Dank traf Anna Sekunden später einfach einen Entschluss und nahm ihm das Antworten somit ab:

“Wir kommen mit euch.”, sagte sie und ihr bester Freund hob die Brauen überrascht an “Wir können schließlich nicht erwarten, dass sich Mia von euch allen trennt und mit uns und Ravello zieht. Ihr seid ein Wanderzirkus. Wir reisen ebenso ohne Ziel. Also mehr oder weniger. Demnach wäre es die beste Lösung, wenn wir euch für einige Zeit begleiten. Oder nicht?”

Linda’s etwas verkrampfter Ausdruck lichtete sich und Hjaldrist taxierte sie unschlüssig. Hatte die Frau denn geglaubt, die Monsterjäger würden ihre jüngere Schwester einfach so mit sich nehmen? Ja, was hatte sie befürchtet? Die dunklen Augen des stillen Mannes wanderten weiter zu Anna, die den Arm noch immer wie eine symbolische, mentale Stütze um ihn gelegt ließ.

“Ihr wollt mit uns kommen…?”, fragte die Dame mit dem bemalten Gesicht und Erleichterung schwank unüberhörbar in ihrer Stimme mit “Das… ja, das wäre schön.”

“Da gebe ich Linda Recht!”, mischte sich Frobert mit dem schütteren Haar ein, der dem Gespräch schweigend gelauscht hatte und sein enger Jongleurs-Kumpan Igold nickte beipflichtend “Wir haben kaum gute Krieger unter uns. Nur Albion kann wirklich kämpfen. Ihr beiden könntet uns also helfen und uns zur Not verteidigen!”

“Na, dann ist es abgemacht.”, lächelte die Novigraderin in den Männerklamotten schief und sah erst jetzt einmal prüfend zu ihrem besten Freund hin “Oder, Rist?”

Hjaldrist nickte gleich.

“Ja… ja, das machen wir.”, bestätigte er dabei und seine Stimme war nach wie vor etwas heiser. Ein ehrliches Lächeln stahl sich zögerlich auf sein Gesicht. Denn allmählich realisierte er, was passierte. Dass er und Anna endlich weiterziehen könnten und dass er professionelle Hilfe mit seinen Träumen bekommen würde. Dass ihr Plan eine Träumerin zu finden funktioniert hatte - trotz der Schwierigkeiten und Stolpersteinen am Weg - und es jetzt nurmehr bergauf gehen konnte. Der entlastete Jarlssohn freute sich. Ja, er freute sich unglaublich und das immer mehr. Alles würde gut werden. Anna hatte Recht gehabt.

 

Im Laufe des verregneten Tages zog sich der Zirkus bis in die angrenzenden Wälder Novigrads zurück. Man hatte entschieden, dass es zu nah an der Stadt zu gefährlich sei und man lieber wilde Wölfe oder Wildschweine verscheuchte, als zu riskieren, dass die skrupellosen Hexenjäger mit Fackeln und lechzenden Schwertern am Stadtrand auftauchten. Während Anna den geschäftigen Artisten dabei geholfen hatte die Zelte abzubauen - ihrer verletzten Schulter wegen schwerfällig, aber doch - und all die bunten Girlanden und Laternen in einen Karren zu laden, hatte Hjaldrist geschlafen und versucht ein paar kleine Happen zu essen. Ravello hatte ebenso, wie die hilfsbereite Hexerstochter mit angepackt und später mit nach einer kleinen Lichtung im dichten Wald gesucht, an der man vor fremden Blicken geschützt lagern könnte. Frobert und Igold, die beiden Halblinge, waren solange durch das große Hafentor in die Stadt verschwunden und tatsächlich hatten sie es fertig gebracht Anna’s Ausrüstung hinter dem ‘Goldenen Stör’ zu bergen. Die beiden Männer hatten Anna nicht selbst zu den Docks gehen lassen, denn sie wäre dort aufgefallen. Zwei recht unbekannte Halblinge nicht.

Trotz allem hatte die besagte Alchemistin ihre gestreifte Jacke aber nicht angezogen. Stattdessen hatte sie sich bunte Farben der Zirkusleute in das Gesicht pinseln lassen und sich von Goldlocke eine grün-orange Weste ausgeliehen, um zwischen den ganzen Schauspielern und Künstlern unterzugehen. Hjaldrist hatte es ihr gleichgetan; er hatte seinen grünen Mantel abgelegt, sich bemalt und eine farbenfrohe Schärpe um seine Mitte gebunden. Zumindest bis sie die umliegende Gegend verlassen hätten, würden sie dies auch beibehalten und sich etwaig auftauchenden Fremden gegenüber so geben, als seien sie ein wirklicher Teil der lustigen Truppe des Wanderzirkusses. 

Und so hatten sich Anna und Hjaldrist in der späten Nacht schlussendlich völlig fertig schlafen gelegt. Goldlocke war mit dem Wachestehen an der Reihe und derweil hatte es sich der Rest der ungleichen Truppe im Wald so bequem als möglich gemacht. Zwischen Wurzeln und Büschen hatten sie Decken und Felle ausgebreitet, um nahe am kleinen Feuer schlummern zu können. Die kalte Luft war klamm, doch die Wärme der Flammen half dagegen. Es war ruhig. Nur selten konnte man im nächtlichen Forst das Knacken von Ästen oder das Rascheln von Sträuchern vernehmen. Es nieselte ein wenig, doch das Wasser kam durch die vollen Baumkronen kaum bis zur Erde durch.

Hjaldrist schlief tief und fest. Noch etwas benommen vom Gift Svenjas, doch dank Anna’s Pülverchen mit wieder ruhigem Magen und ohne Schmerzen, war er verhältnismäßig schnell und auch guter Dinge eingenickt. Vielleicht war dies auch der Anwesenheit der Hexerstochter aus Kaer Morhen zu verdanken gewesen, die sich zu ihm gelegt und sich ebenso um etwas Schlaf bemüht hatte. Mit Schwert und Dolch neben sich und der ernsten Aufforderung an Hjaldrist, dass er von beidem das Bastardschwert nehmen solle, sollte irgendetwas oder -jemand angreifen, hatte die erschöpfte Frau eine alte, kratzige Wolldecke über sie beide gezogen. Und dann hatte der wagemutige Skelliger nach einer kurzen Zeit des Zögerns den unglaublichen Mut gefasst nach den Händen seiner Freundin zu fischen, die in fingerlosen Handschuhen steckten. Einfach so und unter dem unglaublich billigen Vorwand, dass seine Finger ja noch immer so kalt wären und ihm übel sei. Es war eine lasche Ausrede gewesen und völlig dämlich, dennoch hatte sich die liegende Giftmischerin nicht dagegen ausgesprochen oder ihren nervösen Kumpel veralbert. Sie hatte seine Hände genommen, als sei dies selbstverständlich und sie in den ihren gehalten. Es hatte sich gut angefühlt, beflügelnd. Der verwunderte Jarlssohn hatte geglaubt, ihm springe das schnell pochende Herz noch aus der engen Brust hervor, denn er hatte sein Glück kaum fassen können. War er ein Narr? Vielleicht. Womöglich verhielt er sich wie ein kleiner, dummer Junge. Und dennoch… es konnte doch sein, dass Anna damit anfing mehr auf ihn zuzugehen, sich zu öffnen. Dass sie seine tiefen Gefühle ja doch insgeheim erwiderte und all das, was da zwischen ihnen geschah, dafür sprach, dass sich der verliebte Undviker große Hoffnungen machen könnte. Ja, genau. Er sollte einfach auf das beste bauen, sich zugänglicher geben und sich nicht mehr so viele böse Gedanken machen, nicht wahr? Hjaldrist sollte mehr wagen, weniger nachdenken. Denn langsam war er sich sicher, dass ihn seine enge Freundin niemals abweisen würde. Und wer wusste schon? Vielleicht wurde ja noch mehr aus ihnen beiden.

 

Hjaldrist zuckte zusammen und schreckte aus dem Schlaf hoch, als er die plötzliche Unruhe im feuererhellten Lager vernahm. Er blinzelte knapp, saß sofort kerzengerade auf seinen ausgeliehenen Schaffellen und bemerkte sofort, dass Anna fehlte. Beim Einnicken hatte sie ihm noch gegenüber gelegen. Nun war sie fort. Alarmiert durch diesen Umstand sah sich der 26-Jährige hastig um und verengte die Augen kritisch, als er Goldlocke und Linda erblickte, die sich die Hände ungläubig vor die Münder hielten. Auch Mia und Ravello waren da, Herr Baran und die beiden Halblinge. Sie alle waren wach oder dabei aus dem Schlummer hochzufahren, als Anna eine weitere, laute Gestalt auf den schmalen Platz zerrte. Nach dem teuren Stahlschwert seiner Freundin fassend, das, anders als der Silberdolch, noch neben seiner improvisierten Schlafstätte lag, erhob sich der aufgerüttelte Jarlssohn gleich. Und mit Zufriedenheit bemerkte er, dass er nicht mehr taumelig stand und sich seine Knie nicht mehr so anfühlten, als seien sie aus Butter gemacht. Es ging ihm verhältnismäßig gut. Noch. Denn er wusste nicht, was los war und würde erst in ein paar Momenten verstehen, was lief. Womöglich käme gleich eine schlechte Nachricht oder dergleichen.

“Nein, loslassen!”, zeterte die schlanke Frau gequält, der Anna einen Arm auf den Rücken gedreht hatte und die vor das Lagerfeuer der Zirkusleute bugsiert wurde. Goldlocke gab einen entsetzten Laut von sich.

“Halt die Fresse!”, maulte die ziemlich mies gelaunte Hexerstochter sofort und Hjaldrist erstarrte wie zur Eissäule, als der orange Schein der Flammen im Wald auf das Gesicht Svenjas fiel. Die aufgekratzte Skelligerin gab einen widerspenstigen Ton von sich, als Anna sie auf die Knie zwängte und Igold harscher als gewollt um ein Seil bat. Sofort eilte der besagte Kerl los, um eines zu holen.

“Anna?”, entkam es Hjaldrist irritiert nachstachelnd und seine dunklen Augen wanderten zwischen seiner Begleiterin und dem rothaarigen Biest vor dem Lagerfeuer hin und her “Was zum-”

“Ich hätte es ja ahnen können!”, sprach die Alchemistin, als Igold wieder kam, sie das Seil des Halblings dankend nickend entgegennahm und sich mit dessen Hilfe daran machte die schimpfende Svenja zu fesseln “Da will man nur einmal kurz pissen gehen und wer stellt einem dabei nach? Meine Lieblingsfreundin! Hey, hör auf zu zappeln!”

In ihrem Dialekt fluchte Svenja laut und wehrte sich vehement weiter. Anna überlegte nicht länger und verpasste ihr als Quittung solch eine gesalzene Rechte, dass die anderen, umherstehenden Frauen zusammenzuckten und heftig erschraken. Die Spionin schrie und die Giftmischerin über ihr hob eine Hand, als bitte sie darum, dass man ihr irgendetwas gab.

“Stück Stoff.”, forderte sie trocken.

“Meine Güte!”, atmete die geschockte Linda fassungslos und sah fort. Mia legte ihr eine Hand beruhigend auf die Schulter und beobachtete die prekäre Szene ernsten Blickes. Der unsichere Frobert nahm sich seinen roten Batistschal ab und gab ihn Anna verwirrt. Sie nutzte jenen, um die krähende Svenja damit zu knebeln, doch selbst dann gab die Skelligerin keine Ruhe. Ihre erstickten, wütenden Laute erfüllten die gesamte Lichtung und sie strampelte so sehr mit den Füßen, dass sie damit die feuchte Erde aufwühlte. Blut quoll ihr Blasen werfend aus der Nase und sie kniff schmerzlich ein Auge zu. Aus dem anderen sah sie feindselig zur kühlen Anna auf. Die, wiederum, erwischte die sich sträubende Undvikerin dafür im Nacken, wie man es mit ungezogenen Hauskötern tat, und zerrte sie weiter dem Feuer entgegen.

“Wenn du nicht SOFORT Ruhe gibst, Schlampe”, drohte die Novigraderin bitterböse und presste die Worte nur so zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor “Spielen wir ‘Orden der Ewigen Flamme’ mit dir und verarbeiten sich zu Asche.”

Svenja riss die grünen Augen weit auf und schüttelte den Kopf heftig. Ihr Gemüt kippte und sie gab auf einmal panische, verhaltene Töne von sich. Anna hielt inne, als sie dies bemerkte, schien nachzudenken. Und dann warf sie ihre Widersacherin wieder lieblos zurück in den Dreck, wo jene schwer durch die rot verschmierte Nase atmend und überfordert schniefend am Rücken liegen blieb. Ihre langen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und sie war ganz schön blass geworden.

“Anna.”, entkam es Hjaldrist erst jetzt gezwungen ruhig, obwohl er sich vor Aufregung kaum halten konnte. Er haschte damit nach der Aufmerksamkeit seiner hitzigen Freundin und vollbrachte dies auch. Endlich sah sich die furiose Kurzhaarige nach ihm um. Oh, er hatte Fragen. Viele Fragen.

“W-wer ist das?”, wollte Aya Goldlocke furchtsam wissen und deutete auf die am Boden liegende Svenja. Auch die anderen betrachteten Anna fragend.

“Eine von denen, die uns tot sehen wollen.”, brummte die Schwertkämpferin auf diese naive Frage hin, doch nahm den Blick nicht von ihrem besten Freund, denn sie sprach ihn sogleich an: “Sie wollte mich überwältigen, als ich mich kurz entfernt habe. Glücklicherweise wirkt ihr stümperhaftes Gift bei mir nicht richtig und ich konnte sie niederschlagen. Wegen meiner Schulter nicht so schnell, wie gewollt, aber dennoch...”

Hjaldrist durchfuhr ein eiskaltes Grauen, als das Wort ‘Gift’ fiel. Seine Rechte umfasste den rot gewickelten Schwertgriff unbewusst fester. Und als seine Augen nervös suchend wanderten, fiel ihm ein Schnitt am Oberarm seiner schlecht gelaunten Kollegin auf. Ihr Hemd war dort zerrissen und rot getränkt. Abseits davon klebte Anna etwas Dreck an der Wange und ihre Knie sahen aus, als sei sie unlängst auf jenen gelandet. Doch sonst ging es ihr wohl gut. Dies, obwohl der Giftdolch der ehemaligen Skrugga sie getroffen und tief geschnitten hatte. Hemdall sei Dank. Oh, so oft sich der pragmatische Inselbewohner seinen Teil dachte, weil seine verrückte Gefährtin tagtäglich Toxine zu sich nahm, so war er dieses Umstandes wegen froh. Zumindest gerade eben. Wäre Anna nicht gegen so viele Absude immun, läge sie just sicherlich irgendwo röchelnd oder tot im dunklen Wald.

Langsam näherte sich der durchatmende Mann Anna und er riss den Blick nur mühsam von ihr, um ihn auf die gefesselte Svenja sinken zu lassen. Als er das Elend mit der blutigen Nase sah, verspürte er nicht mehr als eine unglaubliche Abscheu für diese egozentrische Frau, die seiner großen Liebe den Tod wünschte und ihn selbst hatte vergewaltigen wollen. Am liebsten hätte er angewidert ausgespuckt, doch er ließ es.

“Was machen wir mit ihr…?”, fragte der Skelliger verstimmt und linste aus den Augenwinkeln zu Anna, die die Arme eng vor der Brust verschränkte und noch immer so aussah, als hätte sie Svenja am liebsten an Ort und Stelle totgetreten.

“Hmpf.”, machte die zornige Trankmischerin und wiegte den hübschen Kopf abschätzend. Man sah, dass sie gut nachdachte und wie sie die Augenbrauen dabei weit zusammenzog. Das tat sie immer. Und gleich würde sie sich grüblerisch den Hinterkopf kratzen, schätze Hjaldrist. Er kannte seine Kollegin mittlerweile gut genug, um auch all ihre kleinen Angewohnheiten zu kennen.

Die Gefesselte am kalten Grund riss sich wieder einigermaßen am Riemen und gab ein paar erstickte Laute von sich, schüttelte das zerwuschelte Haupt und mutete an, als wolle sie etwas sagen. Anna ignorierte das, denn vermutlich hatte Svenja ohnehin nur vor zu zetern und alle Anwesenden zu beschimpfen.

“Ihr… ihr tötet sie doch nicht?”, fragte die sensible Goldlocke vorsichtig dazwischen und die anwesende Hexerstochter schwieg. Hjaldrist reagierte für sie. Und obgleich er sich und Anna nicht als Mörder darstellen wollte, sprach er sich nicht sofort dagegen aus seine alte Bekannte auszuschalten, sondern zuckte nur die Achseln. Vielleicht tat er dies auch nur deswegen, weil die verschlagene Rothaarige mithören konnte. Wenn er nun nämlich sagte, dass man sie nicht abstechen würde, hätte sie sich in Sicherheit gewogen. Solange sie aber um ihr kümmerliches Leben fürchtete, konnte man sie eventuell noch gebrauchen, wer wusste das schon? Besser, man hielt sich noch alle möglichen Optionen offen.

Wieder warf Svenja den lockigen Kopf herum, in der verzweifelten Hoffnung ihren Knebel loszuwerden. 

“Das bringt nichts.”, kommentierte Anna das grimmig “Und solange du die Schnauze nicht hältst, wirst du das Ding auch nicht los. Ich habe keine Lust darauf, dass du irgendwen durch dein Gebrüll auf uns aufmerksam machst.”

Die ehemalige Spionin aus dem kalten Undvik verstummte auf diese Äußerung hin augenblicklich und sah aus bösen Augen zu ihrer ungeliebten Gegnerin auf. Sie stockte und betrachtete Anna, als hätte sie jener gerade sehr gerne ihren langen Dolch in den Körper gestoßen. Doch sie blieb ruhig. Sie musste. Die Aussicht darauf den trockenen Knebel loszuwerden war offensichtlich zu schön. Die Frau aus Kaer Morhen schnaubte amüsiert.

“Na, sieh mal einer an. Sie kann ja tatsächlich still sein.”, höhnte sie und Svenja nickte hastig. Drängend fingen ihre grünen Augen Hjaldrist ein und sahen ihn flehentlich an. Wollte die wankelmütige Frau etwa irgendetwas wichtiges sagen? Und wenn ja, was?

“Hm. Nimm ihr den Schal ab, Frobert.”, entkam es dem Skelliger nach einigen Momenten auf einmal und der aufgeforderte Halbling zuckte zusammen. Anna reagierte gar nicht. Entweder war es ihr einerlei, was ihr Freund gerade entschlossen hatte oder sie biss die Kiefer stur aufeinander und schwieg ihm zuliebe.

“I-in Ordnung…”, nickte Frobert zögernd und näherte sich der damaligen Skrugga mit der blutig gehauenen Nase allmählich. Unter den Augen aller löste er den Knoten des Schals, der es Svenja verbot zu reden, zog das Kleidungsstück Igolds hastig an sich und wich zurück. Sofort sprudelten die Worte aus der am Boden liegenden heraus, wie ein Wasserfall.

“Ich kann euch von Nutzen sein!”, ächzte sie und spuckte Fussel des alten Schals aus “Ihr werdet sehen.”

“Ah ja.”, machte Anna zynisch, fügte dem aber nichts weiter hinzu und hielt die Arme weiterhin abwartend verschränkt. Hjaldrist legte die Stirn in Falten.

“Ich habe Kontakte im Orden. Gute Kontakte!”, plapperte der Rotschopf heuchlerisch weiter.

“Kontakte, die dir seit heute Morgen an den Latz wollen.”, ergänzte Anna abfällig.

“N-nein!”, wehrte sich deren Feindin eilig “Nachdem ihr abgehauen seid, haben sie erkannt, dass ich unschuldig bin und sie haben mich wieder freigelassen! Sie haben sich sogar bei mir entschuldigt!”

Nun sagte die Alchemistin nichts mehr, sondern starrte die Langhaarige nur stechend an. Irgendein Einfall schien sie zu beschleichen, denn hintergründig warf sie einen Seitenblick zu ihrem besten Freund. Hjaldrist erwiderte jenen etwas irritiert. Was war los?

“Ist dem so...?”, hakte Anna düster nach und nickte in die ungefähre Richtung der Stadt “Du willst uns also erklären, dass die Spinner dort noch deine Freunde sind?”

“J-ja. Ja!”, entgegnete Svenja sofort “W-wenn ihr Informationen braucht-”

“Haben diese Leute einen Halbelfen verhaftet? Einen, der sein Gesicht bunt bemalt hat?”, fragte Linda aus dem Hintergrund dazwischen und trat aufgeregt vor. Voller Hoffnung sah sie die Gefangene an und klammerte sich dabei an ihre Schürze. Svenja sah sich nicht nach der Schwester der Träumerin Novigrads um.

“Was? Nein… nein, ich glaube nicht…”, entkam es ihr und die anwesenden Artisten atmeten erleichtert auf. Linda warf Goldlocke einen freudigen Blick zu und berührte sie sachte am Arm.

“Es geht ihm gut.”, flüsterte sie dabei lächelnd. Hjaldrist, der dies beobachtet hatte, lenkte seine Aufmerksamkeit auf die gefesselte Spionin zurück. Es war Anna, die als nächstes sprach.

“Ich habe da eine Idee…”, eröffnete die Kurzhaarige und an ihrer Stimmlage erkannte der kluge Jarlssohn im Bunde, dass sie irgendetwas plante “Ja, du könntest uns tatsächlich helfen, Schlampe...”

“Wobei?”, schoss es aus Svenja heraus und sie schien überhaupt nicht gehört zu haben, dass man sie beleidigt hatte. Sie fürchtete um ihr Leben und da klammerte sie sich an jeden Strohhalm, den sie nur packen konnte. Wen interessierte es in solch einer misslichen Lage schon als ‘Schlampe’ betitelt zu werden?

“Rist vermisst seine Ausrüstung. Man hat sie ihm im Hauptquartier der Ewigen Flamme abgenommen.”, erzählte die Giftmischerin langsam und ihre braunen Augen klebten berechnend an der Frau am moosbewachsenen Boden “Wenn dir die Ordensleute wirklich noch gut gesinnt sind, dann wird es für dich doch kein Problem sein, an die Sachen zu kommen.”

“Nein… nein, es ist kein Problem. Ich weiß sogar, wo man sie verstaut haben könnte.”, bestätigte Svenja, die wieder neue Hoffnung zu fassen schien und säuselte schon fast schleimerisch. Widerlich. Anna lächelte auf eine wölfische Art und Weise, die dem abwartenden Hjaldrist nicht gefallen mochte. Er taxierte die ungewohnt kalt anmutende Novigraderin eingehend, öffnete den Mund zum Sprechen, doch blieb dann doch still. Die Idee die Skrugga zurück in die Stadt zu schicken, um Erlklamm zu holen, war eigentlich echt gut. Doch die Erfüllung dieser Sache war auch ein bloßes Wunschdenken. Denn sobald man die flatterhafte Svenja freilassen würde, würde sie mit Sicherheit verschwinden und nie wieder auftauchen. Jedenfalls nicht erwartet und ohne jegliche Mordpläne. Sie würde wie von der Welt verschluckt sein und dann, wenn man am wenigsten damit rechnete, würde sie erneut hinter Anna auftauchen, um ihr ein Messer in den Rücken zu stoßen. So wie immer. Das Risiko war einfach zu groß.

“Gut.”, sagte Anna schlicht. Sie hatte damit angefangen sich in der ledernen Gürteltasche herumzuwühlen und ein kleines, zusammengefaltetes Stück Stoff hervorgezogen, in dem die Nadeln steckten, die sie stets dafür verwendete ihre Kleidung zu flicken. Bedacht zog sie eine dieser spitzen, feinen Nadeln aus dem groben, hellen Stoff, verstaute den Rest wieder in ihrer Tasche und hatte dann plötzlich eine kleine, unbeschriftete Glasphiole in den Händen. Während ihr die Umherstehenden neugierig und teils irritiert zusahen, bekam Svenja ganz große Augen. Die Zuträgerin ahnte, was käme und auch Hjaldrist tat das.

“Was… was machst du da?”, quakte die Liegende empört und zerrte mehr und mehr nervös an ihren rauen Fesseln, die nicht nachgaben und ihr nur in das Fleisch schnitten. Die Unterseite ihrer Kleidung musste längst durchweicht sein, so feucht, wie der Waldboden war, auf dem sie kauerte.

“Was ich tue? Ich sichere mich und Rist natürlich ab.”, erläuterte Anna gelassen, als sie ihre Nadel in die zähe, durchsichtige und leicht schaumige Flüssigkeit tunkte, die sie sich aus der Tranktasche gefischt hatte. Ihre Ruhe wirkte fast schon unheimlich.

“Was?”, keuchte Svenja und sah mit wachsender Panik in der verzerrten Miene dabei zu, wie sich ihre Widersacherin zu ihr hockte. Anna streckte die freie Hand nach dem Rotschopf aus und tat dies etwas ungeschickt, da ihr die geprellte Schulter schmerzen musste. Dennoch stieß sie die sitzende Svenja wieder um und ließ sich nichts anmerken. Hjaldrist stand solange schweigend daneben und beobachtete das unerwartete Geschehen perplex. Er wusste nicht, wie er das hier gerade einordnen sollte. Ob er gut fand, was seine Begleiterin tat, oder nicht. Überfordert blinzelte er und sah, wie Anna grob an einen Arm der ängstlichen, verdreckten Undvikerin packte, während sie auf jener saß, um sie zu fixieren. Svenja schrie entsetzt auf und wand sich wie ein Fisch im Netz, doch vergebens. Anna stach ihr die benetzte Nadel ohne viele Mühen tief in die Haut und lächelte grimmig-zufrieden. Es ging so schnell, dass man sich kaum versehen konnte und der keuchenden Zuträgerin musste dafür nicht einmal der Ärmel hochgezogen werden.

“Hör auf zu strampeln.”, sagte Anna streng “Es ist zu spät. Ich bin schon fertig.”

Svenja entkam ein gequälter Laut und irgendetwas, das sich nach einem verzweifelten ‘Oh nein, oh nein…’ anhörte. Dieses Stöhnen übergehend, holte die bemerkenswert ungnädige Hexerstochter gleich wieder Luft zum Sprechen und verstaute ihre Nadel derweil, indem sie sie sich einfach in den bestickten Stoff des eigenen Hemdsaumes steckte.

“Ich habe dich vergiftet.”, fing die Hexerstochter gespielt freundlich und mit gesenkter Stimme an. Sie flüsterte Svenja dabei schon fast zu, was dem Ganzen eine nicht zu ihr passende, verschlagene Note gab. Hjaldrist standen die Lippen einen kleinen, ungläubigen Spalt weit offen. 

“Und das Gift wird dich in etwa… hmm... drei, vier Stunden töten. Ich habe das Gegenmittel dafür bei mir und bringst du uns Rist’s Sachen, bekommst du es. Vielleicht.”

“Das… das ist nicht dein Ernst!”, krächzte Svenja und war den Tränen nahe. Ihr Gesicht war so rot wie ihre Haare geworden. Hjaldrist stellte es die Nackenhärchen auf und er betrachtete Anna eigenartig von oben bis unten. Deren Vorhaben war im Grunde genial… doch der weniger skrupellose Undviker hätte nie geglaubt, dass seine Gefährtin so… so grausam sein und dabei auch noch breit lächeln könnte. Diese finstere, grenz-psychotisch anmutende Seite kannte er nicht an ihr und sie ließ ihn wie vor den Kopf gestoßen zurück. Der Mann, der sich durch das Verhalten seines Schwarms persönlich getroffen fühlte und nicht so recht wusste, warum genau, sprach weiterhin kein Wort. Er… müsste erst einmal seine wilden Gedanken ordnen. Natürlich, er hasste Svenja und diese Furie hatte eine harte Strafe verdient. Vielleicht gar den Tod. Aber das hier? Was Anna tat, glich doch einer ekelhaften Folter mit grausamem Ausgang.

“Du wirst für dich entscheiden müssen, ob ich ernst bin, Mädel.”, meinte die besagte Kriegerin mit den kurzen Haaren nurmehr und hockte da noch immer über ihrem wimmernden Opfer “Und… nur als kleiner Ansporn dafür: In ein paar Augenblicken werden dein Hals und deine Armbeugen damit anfangen fürchterlich zu jucken. Und dann, etwas später, wirst du einen Ausschlag bekommen, der sich nach und nach über deinen ganzen Körper ausbreitet. Denke über all meine Worte nach, wenn das passiert.”

Damit zog sich die burschikose Alchemistin den blitzenden Silberdolch aus dem Gürtel und durchtrennte damit die Fesseln Svenjas mit einem Schnitt. Jene war wenige Herzschläge lange wie gelähmt und musste wohl erst einmal realisieren, wie es um sie stand. Dass sie nur noch vier Stunden zu leben hätte, würde sie nicht tun, was man von ihr verlangt hatte. Maximal. Dass sie elend verrecken würde, sollten ihre vorigen versprechungen Lügen gewesen sein.

Anna erhob sich lässig aus ihrer Hocke und trat zurück, als sich die Rothaarige wie in Trance aufsetzte. Und die hinterhältige Trankmischerin schmunzelte überlegen-belustigt, als sich die entsetzte Skelligern dann auf einmal im Nacken kratzen musste. Vollends gescheucht und aufgelöst sprang Svenja auf dies hin auf, wankte, sah aus geweiteten, angstvollen Augen in die starrende Runde und konnte nicht damit aufhören sich wie wild zu kratzen. Dicke Tränen der Verzweiflung liefen ihr über die sommersprossigen Wangen und sie schluchzte auf. Dann eilte sie auf solch schnellen Sohlen davon, als müsse sie um ihr Leben laufen. Nur lief das Leben doch vor ihr fort, nicht wahr? Ob sie es wieder einholen würde? Oder würde sie in drei, vier Stunden einem unwirklich schlimmen Gifttod erliegen? So, wie es ihr Anna, die hier gewaltet hatte, wie eine dreckige Meuchelmörderin und Erpresserin, angedroht hatte?

Ein äußerst ungemütliches Schweigen legte sich daraufhin über die kleine Lichtung im Wald nahe Novigrad. Man konnte nur die kalten Regentropfen vernehmen, die auf die grünen Baumkronen prasselten. Die Atmosphäre war unglaublich schlecht und viele der Anwesenden wirkten entrückt. Die Frauen starrten Anna an, als habe sie soeben einen bösen Mord begangen und als stelle sie eine unmittelbare Bedrohung auf zwei Beinen dar. Die zwei Halblinge tauschten skeptische Blicke aus, wichen zurück. Und der sprachlose Ravello hatte es noch immer nicht geschafft sich die hinuntergesackte Kinnlade wieder zu schließen. Auch Herr Baran schüttelte den Kopf zweifelnd und wendete sich ab, um sich wieder hinzulegen. Der einzige, der Anna relativ gefasst ansah, war Hjaldrist. Und obwohl er sehr, sehr gemischte Gefühle in der verdrehten Magengegend verspürte, wollte er die Frau, die er liebte, nicht als das Monster sehen, als das die ganzen Zirkusleute sie gerade betrachteten. Die jüngere Alchemistin sah ihrem sorgenvollen Kumpel mit solch einer unglaublichen Gelassenheit entgegen, dass er sich fragen musste, ob sie heute noch wahnsinniger geworden war, als sie es sonst schon war. Ob sie noch richtig tickte oder ob sich hinter ihrer netten Fassade schon immer eine mordende Irre mit vergifteten Nadeln versteckt hatte. Ja, eine Mörderin. Etwas, zu dem sie eigentlich nie hätte werden sollen. So oft hatte der bedachte Hjaldrist die manchmal zu impulsive Anna zurückgerissen und sie laut ermahnt. Immer wieder hatte er ihr ins Gewissen geredet und sie daran erinnert, dass sie nicht handeln dürfe, wie ein mordlüsterner Psychopath, der grundlos oder aus purer Rache tötete. Der Mann hatte ihr immer wieder gesagt, dass es keinen Spaß machen sollte Menschen umzubringen. Doch wozu? Waren seine Bemühungen umsonst gewesen? Ach, bei der Weltenschlange… wo stand der Skelliger gerade überhaupt? Sah er alles zu eng? War er zu emotional? Hatte er in Anna immer nur das Positive sehen wollen und die negativen Seiten so gut es ging ausgeblendet? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass ihm seine Freundin kalte Schauer über den Rücken jagte, wenn sie mit tödlichen Giften hantierte und dabei schief und breit grinste, lachte. Wenn sie wehrlose Menschen mit finsterer Miene bedrohte, erpresste und folterte. Er mochte das nicht. Und er würde mit der augenscheinlich etwas labilen Alchemistin sprechen müssen. Dringend. Es gab da Dinge zu klären, die sich gerade eng um sein armes Herz schlossen und fest zudrückten.

 

Den Göttern sei Dank brach Anna die vorherrschende, ungläubige Stille bald. Sie musste dabei sogar leise lachen und seufzte entnervt aus.

“Ey, starrt nicht so.”, meinte sie abfällig-heiter “Ich habe sie nicht vergiftet.”

Hjaldrist hielt abrupt inne, als er dies hörte, und auch die anderen Leute gaben verwirrte Töne von sich, raunten oder runzelten die Stirne. Sie erwarteten sich eine Erklärung. Jene kam sofort:

“Endriagenspeichel. Ich hab das Zeug früher mal von Balthar bekommen und konnte nie was damit anfangen.”, fasste die Kurzhaarige dann zusammen und fuhr sich mit der Hand durch den Nacken “Er ist nicht sehr giftig, wenn man ganz kleine Mengen davon abbekommt, und dennoch juckt einem davon schon alles. Man kriegt nen argen Ausschlag und vielleicht tränende Augen, aber das ist nicht gefährlich. Mir ist das auch mal passiert, als ich klein war. Ich musste stundenlang in einer Wanne voller Kamillenbad sitzen, um mich nicht mehr wie blöd kratzen zu müssen.”

Die Miene des anwesenden Jarlssohns lichtete sich sehr. Auch ihm entkam ein kurzes, erfreutes Lachen, als ihm eine große Last von den Schultern fiel. Die Aufregung, die ihn gepackt gehalten hatte, ließ lockerer und er fühlte sich, als könne er wieder freier atmen.

“Du… hast sie nur reingelegt. Und ne Nadel benutzt, weil du nicht zu viel von dem Gift einsetzen wolltest.”, stellte Hjaldrist verblüfft fest und sofort fühlte sich der Anblick seiner Begleiterin wieder weniger… fremd an. Die, die da vor ihm stand war wieder die Anna, die er kannte und so sehr schätzte. Und er fühlte sich unsäglich schlecht dafür an ihr gezweifelt zu haben. Es tat ihm leid. Doch wie hätte er auch nicht auf ihre brillante Schau hereinfallen können?

“Ja.”, bestätigte jene und schnaufte erheitert, ehe sie triumphierend grinste “Aber das weiß die dumme Kuh ja nicht.”

“Das ist genial!”, platzte es aus dem befreiten Skelliger heraus und auch von allen anderen fiel die entsetzte Anspannung ab. Frobert lachte, als sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen und umarmte Igold dabei. Hjaldrist kam solange zu seiner Kumpanin, erfasste ihre Hände und sah sie vorfreudig an. Denn wenn es stimmte, was Svenja gesagt hatte… wenn man sie tatsächlich wieder beim Orden der Ewigen Flamme duldete… dann bekäme er Erlklamm wieder. Und dies sogar ohne jegliche Mühen seinerseits! Man würde ihm die Familienwaffe einfach bringen und es wäre gut.

“Mhm, für eine spontane Idee war das wohl nicht so übel...”, lachte Anna leise, als sie die Hände gedrückt bekam. Etwas betreten wirkte sie dabei, doch das störte den Mann von den Inseln nicht. Er war ihr gerade und einmal wieder einfach nur unglaublich dankbar und so froh über den Ausgang der ganzen, heiklen Misere. Am liebsten hätte er sein Gegenüber der Freude und Erleichterung wegen geküsst. Doch er beließ es vorerst lieber bei dem schönen Gedanken daran. Ein Gedanke, der nicht allzu lange hielt, denn dem aufmerksamen Skelliger fiel auf, wie die Augen seines Gegenübers mit dem Abflauen all der Aufregung am Platz glasig blinzelten. Als Anna die Lider angestrengt niederschlug und unwohl schaudernd ausatmete, nahmen seine Züge gleich wieder etwas ernsteres an.

“Alles in Ordnung?”, wollte er wissen und hielt die Hände der Alchemistin wieder etwas lockerer. Doch er ließ sie nicht los.

“Ach. Geht so.”, machte Anna knapp, öffnete die braunen Augen wieder ein Stückchen und verzog den Mundwinkel, als schmecke sie etwas Bitteres. Zunehmend alarmiert beobachtete Hjaldrist das und dann fiel ihm die Wunde am Oberarm seiner jüngeren Freundin wieder ein. Die, die mit einem vergifteten Dolch geschlagen worden war. Sofort fasste sich der dunkelhaarige Mann und schob Anna vor sich her, um sie dazu zu bringen, sich auf einen der wenigen Strohballen am wärmenden Lagerfeuer zu setzen. Die Flammen warfen unruhig tanzende Schatten auf den Hintergrund aus in Dunkel getauchten Bäumen und dichten Sträuchern.

“He… es geht schon…”, murmelte die Novigraderin, als man sie sanft zum Sitzen zwang, doch wie immer duldete der helfende Undviker keine Widerrede. Wenn es seine Kumpanin einmal wieder mit Toxinen übertrieben hatte oder verwundet war, dann kannte er kein Pardon. Jeden dieser Fälle nahm er todernst und war lieber vorsichtig, als später bereuen zu müssen, die Sache auf die leichte Schulter genommen zu haben. 

“Mir ist nur etwas schummrig. Und mein Mund ist trocken.”, meinte Anna fröstelnd und rieb sich ein Auge “Kann ich etwas Wasser haben?”

Der gut gefüllte Wasserbecher kam sogleich und während sich der anwesende Jarlssohn zu der gierig trinkenden Jüngeren setzte, ging Linda, die sie beide beobachtet hatte, los, um Verbandszeug zu suchen. Es dauerte nicht lange, da war die gutmütige Schwester der Träumerin zurück und reichte Hjaldrist einen zusammengerollten, weißen Verband und ein kleines Döschen, in dem sich Salbe befinden musste. Auch Ravello war skeptisch nähergetreten. All die anderen waren im Gegenzug schon wieder dabei sich zurückzuziehen und Hjaldrist war ihnen mehr als nur dankbar dafür. Das letzte, das er oder Anna nun bräuchten, waren gaffende Leute, die dumme Fragen stellten und zu viele Hände, die helfen wollten. So aber, kümmerte sich bloß der Axtkämpfer mit der bunten Schärpe um die schwindelige Alchemistin aus Kaer Morhen. Ravello und Linda standen stumm da, als warteten sie auf weitere Anweisungen. Und als Letztere verstand, dass sie nichts mehr tun konnte, zog auch sie sich zurück, um sich wieder auf ihrer spartanischen Schlafgelegenheit nieder zu lassen. Anna verschluckte sich an ihrem Wasser, von dem sie gerade nicht genug kriegen konnte, und hustete.

“Ich halte Wache.”, sagte Ravello nervös schnaufend, nachdem er Anna, die gegen ein Zähneklappern ankämpfte, seinen blau-weißen Mantel überlassen hatte, und dies war an alle Anwesenden ringsum gerichtet. Goldlocke müsste nun nicht mehr mit dem Schlaf ringen und könnte sich getrost hinlegen. Zwei Menschen, die wach am Feuer saßen, und ein Ritter, der unruhig umher spazierte, waren genug.

“Au…”, brummte Anna, als Hjaldrist nach ihrem Arm klaubte und jenen etwas drehte, um ihn sich genauer ansehen zu können.

“Muss das Gift raus?”, wollte er unschlüssig wissen. Die Verletzte verfügte zwar über eine gewisse Immunität und sicherlich hatte sich Svenja’s Öl schon in ihrer Blutbahn ausgebreitet, doch man wusste ja nie.

“Nein. Passt schon.”, antwortete Anna gleich ächzend und sah dabei zu, wie der hilfsbereite Undviker etwas Wasser aus einem Krug über die frische, unsaubere Verwundung schüttete. Rot gefärbt lief es kühl über die Finger der Hexerstochter gen Grund und sie biss die Zähne sichtlich zusammen. Der Schnitt war tief und die Reste des Waffenöls mussten darin brennen wie Feuer, doch immerhin würde das Ganze sicher nicht mehr zu lang bluten. Man müsste nur einen ordentlichen, festen Verband anlegen.

“Eigentlich sollte man die Wunde nähen, damit du nicht noch eine dicke Narbe kriegst… es wäre schade um deine Tätowierung.”, kommentierte der Mann von den Inseln mit gedämpfter Stimme und sah leicht auf. Dies nur, um in die gefrusteten, gläsernen Augen seiner so plötzlich frierenden Freundin zu blicken. Sie spielte die Harte, so wie immer. Hjaldrist ließ sie.

“Pff.”, machte die Kämpferin etwas atemlos “Verbinde die Scheiße und gut ist.”

“Mh.”, seufzte Hjaldrist noch unsicher, gab dann aber doch nach “Also schön.”

Er riss den unteren, zerfetzten Teil von Anna’s Ärmel einfach mit einem Ruck ab und benutzte ihn wie einen Lappen, um all das dunkle Blut wegzuwischen. Währenddessen fragte er sich am Rande, wie es generell um den Körper seiner guten Kumpanin stand. Sie nahm jeden Tag giftiges Zeug zu sich. Bedeutete dies eigentlich, dass auch ihr Blut toxisch war? Alkohol verblieb doch auch länger im Körper, wenn man ihn getrunken hatte. Wie war das also mit Anna und ihren ganzen Absuden, Tinkturen und Elixieren? Hm...

Der gedankenvolle Jarlssohn krempelte den verbliebenen Rest des Ärmels der Frau vor ihm mit spitzen Fingern hoch und bemühte sich darum der eigentlich recht abgehärteten Alchemistin nicht weh zu tun. Den langen Schnitt danach verbinden wollend, hob er den Arm der zähneknirschenden Frau erneut etwas an und dieses Mal jammerte sie gar auf und wollte Hjaldrist schon reflexartig von sich stoßen.

“Hey!”, beschwerte sich der betroffene Krieger, erkannte dann aber die schmerzlich zugekniffenen Augen der Jüngeren und betrachtete sie eingehend. Bei dem Anblick fiel es ihm wieder ein: Anna hatte heute Mittag einen massiven Bolzen abbekommen. Jener hatte ihre gestohlene Schulterplatte so hart getroffen, dass die Kurzhaarige ihren linken Arm heute den ganzen Tag über nur wenig bewegt und gar nicht belastet hatte. Niemand hatte sich die vermutliche Prellung der leise für sich leidenden Idiotin bisher angesehen, richtig? Und womöglich war sie ja doch schwerer verwundet, als gedacht.

“Kann ich mir deine Schulter ansehen?”, wollte Hjaldrist also gleich wissen und dies nicht ganz ohne respektvolle Vorsicht im Ton. Er wollte nicht so klingen, als wolle er Anna dazu bringen sich hier zu entblößen oder dergleichen. Und obwohl er sie schon ganz gerne... ansah, denn er war auch nur ein Kerl und Anna hatte in seinen Augen ihre Reize, machte er sich gerade einfach nur Sorgen.

“Mh. Ja, von mir aus…”, nickte die sitzende Novigraderin mit der Gänsehaut ohne lange zu zögern. Dann hob sie die Hand des heilen, rechten Arms und zog sich die lockere Schnürung des Hemdausschnittes fahrig auf. So weit, dass man ihr das Oberteil locker über die eine Schulter nach unten ziehen konnte. Etwas unwohl hielt die Frau das helle Hemd auf Brusthöhe fest, damit es nicht zu weit nach unten glitt. Hjaldrist war dabei sicher ihr kleinstes Problem, denn seit Monaten hatte sie kaum mehr Skrupel sich vor ihm umzuziehen oder gar splitterfasernackt zu ihm ins Wasser zu springen. Ihre Hemmschwelle war dahingehend weit gesunken und die Kriegerin körperlich weit offener als ihr schüchterner Begleiter. Doch sie zwei waren hier auf der Lichtung nicht allein. Und Ravello oder vermeintlich Fremden gegenüber gab sich die flach atmende Alchemistin keineswegs freizügig. Nicht einmal, wenn sie betrunken war, zog sie sich in der Öffentlichkeit allzu schnell aus. Sie wurde kokett, wenn sie angeduselt war, und knutschte bald herum, ja. Aber noch nie hatte ihr bester Freund bemerkt, dass sie sich hastig aus ihrer Kleidung schälte. Irgendwie, so fand er, war das schon etwas paradox. Oder?

Hjaldrist’s Aufmerksamkeit sank auf Anna’s kaputte Schulter, nachdem er sich dazu gezwungen hatte die dunklen Augen von deren faszinierend weit gewordenen Ausschnitt loszureißen. Und er atmete mitleidig durch, als er blau und grün geschlagene Haut sah. Nahe des linken Schulterplattes war das Fleisch leicht geschwollen, doch nirgendwo war Blut zu erkennen. Der wuchtige Aufprall des Armbrustbolzens der Ewigen Flamme hatte der Schwertkämpferin also wirklich nur beleidigte Muskeln und tiefe, weitläufige Blutergüsse beschert, blaue Flecken und Pein. Und so übel sich dies sicherlich anfühlte, so gut war es auch. Ein Knochenbruch oder ein Durchschlag des Fernkampfgeschosses wären weit verheerender gewesen, als das hier.

Stumm benetzte der Jarlssohn vor Anna den zuvor abgerissenen Ärmelteil der Frau mit dem wenigen Wasser, das er hatte. Jenes war nicht eiskalt, aber durch die klamme Umgebungsluft etwas kühl. Sollte vorerst reichen. Er wrang den naturfarbenen Stoff aus und legte ihn seiner armen Freundin auf die nackte Schulter.

“Hier, halt fest…”, meinte er “Hast du irgendetwas gegen Prellungen in deinem Rucksack? Salbe vielleicht?”

Die entnervte Trankmischerin schüttelte das Haupt.

“Nur Schmerzmittel.”, sagte sie “Ich nehme sie nachher wieder. Danke.”

“Ich kann sie dir auch bringen.”, bot Hjaldrist gutmütig an, denn er sah doch, dass Anna vom Gift Svenjas noch etwas taumelig wirkte und bestimmt nicht so schnell wieder aufstehen würde.

“Verbinde mir den Arm und hör auf mich zu betüddeln…”, murrte die gebeutelte Kurzhaarige weiter, doch konnte sich ein wissendes Schmunzeln nicht verkneifen. Sie warf ihrem Kumpel einen bedeutsamen Blick zu.

“Ich liege nicht im Sterben, Rist.”

Hjaldrist entkam auf diese Beschwerde hin nur ein unglückliches Stöhnen, doch er fügte sich. Zwar kam er seiner Art sich oftmals zu sehr zu kümmern nicht aus, aber er wusste auch gut, wie starrköpfig und stolz die Kriegerin aus Kaer Morhen sein konnte. Wenn man sie zu sehr verhätschelte, fing sie an sich ungut berührt zu fühlen und wurde grantig. Ohne noch etwas über Schmerzmittel zu sagen machte sich der Inselbewohner demnach daran den zerschnittenen Arm Anna’s zu verbinden. Er zog die dicke Bandage straff um die wunde Haut und band sie am Ende sorgfältig zu. Am Ende ließ er es sich trotz allem nicht nehmen dem Häufchen Elend am Strohballen Ravello’s gefütterten Lodenmantel mütterlich um die schmalen Schultern zu legen. Die dumme, sture Anna würde sich folgend schon zu Wort melden, bräuchte sie noch etwas. Und solange würde er einfach etwas Tee aufkochen, ein paar Reste des Abendessens kalt verspeisen und ihr Gesellschaft leisten. Hoffentlich verlief die weitere Nacht ruhig… und hoffentlich käme Svenja wieder, um ihm Erlklamm zurück zu bringen.

 

*

 

Im Laufe der Nacht war Anna von dem alten Strohballen vor dem Feuer gerutscht, um davor am Boden zu sitzen und den besagten Ballen wie eine Stütze im Rücken zu haben. Sie hatte sich den blau-weißen Mantel Ravellos eng um die Schultern gezogen und döste die meiste Zeit lang vor sich hin, während sie die Stiefel dem kleinen Lagerfeuer entgegen streckte. Ihr war ein wenig übel, doch das war nicht schlimm. Bis vor wenigen Momenten hatte sie noch gezittert wie Espenlaub, doch auch dies hatte nun nachgelassen. Von Svenja’s Gift war bloß ein bitterer Geschmack auf der Zunge und glasige Augen geblieben. Womöglich war die Hexerstochter auch noch etwas blass um die Nase, aber was machte das schon? Sie hatte doch schon viel schlimmere Erfahrungen mit ihren eigenen, tagtäglichen Gifteinnahmen gemacht, als das, was vor knapp eineinhalb Stunden passiert war. Svenja, so hochgelobt sie in Skellige vielleicht auch einmal gewesen war, war eine Stümperin, wenn es um Gifte ging. Jedenfalls in den Augen Annas. Schon damals, als sie noch zusammen gereist waren, war es der Novigraderin aufgefallen, dass die Undvikerin nicht so viel Ahnung von Toxinen gehabt hatte, wie man es eigentlich sollte, wenn man mit dem Zeug hantierte. Nie hatte Svenja all die Öle und Tinkturen selbst hergestellt. Weil sie nicht gewusst hatte wie. Zwar hatte sie Ahnung darüber besessen, wie man welches Gift in etwa einsetzen konnte, um zu töten, aber das war es auch schon wieder gewesen. Die Rothaarige hatte keinen Schimmer von Herstellungen oder Formeln gehabt und noch weniger von Gegengiften oder dem Einsetzen von toxischen Flüssigkeiten als Medizin. Die Frau hatte sich ihren gepanschten Giftkram immer irgendwo bei Kontakten oder im Untergrund besorgt und nicht weiter nachgedacht. Sie hatte ihre Dolche mit beißenden Ölen benetzt und die Annahme, dass ihre Opfer dadurch schnell starben, hatte ihr gereicht. Es war in Anna’s Augen grenzdämlich. Denn wenn man als richtiger Trankmischer eines lernte und das gleich zum Anfang der Ausbildung, dann war das das Beleuchten aller möglichen Substanzen aus verschiedenen Blickwinkeln. Man bekam vermittelt, dass Gift nicht gleich Gift war und natürlich gewöhnte man sich den richtigen Umgang damit an: Die Flüssigkeiten eines Alchemisten, der sich auf Toxine spezialisierte, stellten per se den Tod dar. Und für jenen galten IMMER vier Regeln: Fasse dir während der Arbeit nicht in die Augen. Verwende immer dieselben Werkzeuge und Hilfsmittel, wenn du den Tod zusammen mischt und lasse sie nie unbeaufsichtigt herumstehen. Vernichte Reste gewissenhaft und wasche deine Werkzeuge niemals nahe Trinkwasserquellen aus. Und... koste nicht vom Tod.

Der letzte Vorsatz galt sogar für Anna und sie beachtete ihn penibel, trotz allem. Obwohl sie jeden Tag verschiedenste, stark verdünnte Absude zu sich nahm, hätte sie nie im Leben daran gedacht sich die Finger abzulecken, wenn sie dabei war pures Henkersgift, Braunöl oder ähnliche Tinkturen herzustellen. Allein manche Ingredienzen vieler Mischungen waren hochgiftig und auch für die Frau aus Novigrad hochgefährlich. Aber wie auch immer… Svenja war im Umgang mit ihren Giften stets so schlampig und unachtsam gewesen, dass es der Hexerstochter manchmal einen kalten Schauer über den Rücken gejagt hatte. Sie hatte das Zeug manchmal einfach so offen herumstehen lassen, die damit beschmierten Waffen nahe der Kochstelle abgelegt, das Gift ohne eine gezielte Dosierung auf ihre Klingen angewendet und einmal war ihr eine Phiole davon in der Tasche ausgelaufen. Und so nachsichtig der dämliche Rotschopf gewesen war, so wenig hatte er nachgedacht oder -gehakt. Nur deswegen saß Anna nun noch hier und war nicht längst mausetot, so, wie es Svenja eigentlich beabsichtigt gehabt hatte. Hätte die Schlampe kein minderwertiges Toxin gekauft und eines benutzt, das auf alle Organismen mit Sicherheit tödlich wirkte, hätte sie eine gute Chance gehabt ihre Gegenspielerin für immer auszuschalten. Ja, hätte sie keine Substanz verwendet, die billigem Rattengift am nächsten kam, hätte Anna gerade eben nicht mehr dabei zusehen können, wie sich Rist die Reste des Abendessens über dem Feuer erwärmte und sich dabei einmal fluchend die Finger verbrannte. Tse. Dumm gelaufen. Also für die Furie aus Undvik, verstand sich. Anna schmunzelte ob dieses Gedankenzugs in ihren dampfenden Teebecher, den sie in beiden Händen hielt. Ihr bester Freund kam derweil zu ihr und setzte sich neben sie, stellte seine Bratpfanne zwischen sie beide und stocherte mit einer Gabel in den Resten von Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln herum. Anna linste einmal kurz interessiert in die Richtung der aufgewärmten Speise, doch ihr flauer Magen erinnerte sie schnell daran, dass sie mit dem Essen besser noch etwas warten sollte. Fast musste sie würgen. Also beließ sie es dabei den Kräuterteebecher zwischen ihren Fingern zu drehen und bis zum Morgengrauen auf fettige Mahlzeitenreste zu verzichten. Ihre braunen Augen suchten das stark gezuckerte Getränk wieder, in das sie folglich ruhig sah, als befände sich am Grund des Trinkgefäßes irgendetwas interessantes. Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen und nur ab und an prasselte etwas Wasser gen Grund; etwa dann, wenn irgendein Vogel aufgescheucht piepend zwischen den Baumkronen umherflatterte. Es war kalt und feucht, doch vor dem Lagerfeuer auf der Lichtung bemerkte man diese ungemütliche Witterung kaum. Nach wie vor war es dunkel und bestimmt war es nicht weit nach Mitternacht. Und es herrschte Stille. Durchbrochen von dem gelegentlichen Knistern des Feuerchens, Rist’s Gabelgekratze in der Pfanne und einem seltenen, leisen Geklapper von Ravello’s Rüstung, war es angenehm ruhig. Anna gefiel das. Sie hatte sich noch nie in dunklen Wäldern gefürchtet, denn sie war inmitten von ihnen aufgewachsen, und es war ihr nur recht, dass die Zirkusbande hier lagerte, anstatt direkt vor der gefährlichen Stadt. Etwas gedankenverloren sah die Braunhaarige von der Seite aus zu ihrem Kumpel aus Skellige hin, der in seinem Wollmantel steckte und sich die wärmende, fellbesetzte Kapuze über den Kopf gezogen hatte. Bestimmt fror er mit den seitlich kürzer geschorenen Haaren schnell, obwohl er winterliche Temperaturen durchaus gewohnt war. Die Frau beobachtete den Essenden kurz, ehe sie Luft zum Sprechen holte.

“Du hast ziemlich finster dreingesehen, nachdem ich Svenja verarscht habe…”, merkte sie an. Und sie wusste nicht so recht wieso. Vielleicht, weil sie es generell nicht mochte, wenn gerade Hjaldrist sie ansah, als sei sie eine Fremde. Ja, dies war ihr aufgefallen und sie konnte sich nur am Rande zusammenreimen, weswegen er sie so schief beäugt hatte.

“Hm?”, der Undviker sah unter seiner weiten Kapuze von seinem Rührei auf. Jene warf im Lagerfeuerschein einen leichten Schatten auf seine Augen. Fragend sah der konfrontierte Rist her, doch sein Ausdruck wurde schnell etwas ernster.

“Ich habe kurz gedacht, dass du sie wirklich todbringend vergiftet hättest.”, gab der Mann dann gleich offen zu “Zusammen mit der irren Art, wie du dich gegeben hast, hat das nicht zu dir gepasst.”

Anna musste leise auflachen.

“Wieso?”, wollte sie wissen “Du traust es mir nicht zu, dass ich Gift einsetze, um zu töten?”

Rist räusperte sich und verzog den Mundwinkel kritisch. War er etwa ein wenig nervös?

“Doch… doch, ich traue es dir schon zu, dass du das in Notsituationen tun würdest… oder jedenfalls könntest.”, sagte der Schönling dann nach einer kurzen, bedachten Denkpause langsam “Man müsste jemandem doch nur einmal deine Ausrüstung um die Ohren donnern und er würde schäumen und mausetot umfallen. Bei dem, was du da mit dir herum schleppst...”

Wieder lachte Anna über diese halbernste Meldung und versuchte dabei möglichst leise zu sein, um keinen der umherliegenden zu wecken. Ravello, der unweit stand und in die klamme Dunkelheit starrte, horchte auf und sah her. Doch der Mann in der sauteuren Rüstung aus Toussaint bewegte sich nicht vom Fleck. Er nahm das mit dem Wacheschieben verdammt ernst, so schien es. Das war gut.

“Aber?”, fragte die Alchemistin nach Rist’s Kommentar über geworfene Giftmischer-Werkzeuge weiter und dies mit einer drängenden Erwartung im Unterton.

“Ich glaube nicht, dass du jemanden einfach so kaltblütig ermorden würdest, wie es die Skrugga oder sonstige Meuchler es tun. Du bist ein guter Mensch und kein verschlagenes Biest. Oder jedenfalls…”, fing der Jarlssohn wieder an und schob die nächsten Worte in seinem Mund hin und her, ehe er sie loswurde und dem Blick seiner Kumpanin auswich “Oder jedenfalls will ich gerade DICH nicht als solch einen Jemand sehen. Du bist besser als das.”

“Tha. Da werde ich ja fast rot.”, witzelte Anna und warf ihrem Gegenüber einen bedeutsam-erheiterten Blick zu, ehe sie sich besann und einen zweifelnden Laut von sich gab “Aber… wir haben schon Menschen umgebracht, Rist.”

“Ja, schon. Doch es gibt da einen Unterschied.”, konterte der Skelliger gleich und breitete seine Ansichten vor Anna aus “Zwischen bloßen Mördern, die Vergnügen am Töten haben, und Leuten, die sich oder andere verteidigen müssen. Das Ganze ist eine Frage von Moral und Selbstachtung, finde ich.”

Die lauschende Hexerstochter im blau-weißen Überwurf hob die Brauen einen Deut weit verwundert an. Es überraschte sie, wie vernünftig und auch logisch Rist soeben sprach. Es war wieder einmal einer der Momente, an dem hervorblitzte, dass er eine ziemlich gute Erziehung genossen haben musste. Nicht jeder machte sich penibel Gedanken über Ethik oder Gesinnungen von Menschen, die mordeten oder töten mussten. Und selten hatte Anna mit jemandem gesprochen, der die Feinfühligkeit besaß gewisse Grenzen zwischen prekären Themen zu ziehen und jene dann auch noch für sich zu analysieren. Nicht einmal Balthar hatte das gemacht, obwohl er ihr Mentor gewesen war. Vadim, ja, der hatte manchmal so geredet, wie Hjaldrist es hier gerade tat. Wobei man bedenken musste, dass der besagte Hexer weit über 80 Jahre alt war. Das war mehr als dreimal so alt wie der Jarlssohn hier.

“Erinner dich doch mal zurück…”, setzte Hjaldrist fort “Haben wir jemals jemanden getötet oder verletzt, der uns oder Wehrlose nicht zuvor angegriffen hat?”

“...Nein.”, antwortete die Kurzhaarige zögerlich und musste dabei leicht lächeln “Haben wir nicht.”

“Weil so etwas auch nicht nötig ist.”, fügte der Dunkelhaarige nickend hinzu, doch so gut es sich anfühlte keine Mörderin zu sein, traf er bei Anna dennoch auf eine vage Skepsis. jedenfalls dann, wenn es um die unglaublich egozentrische Frau aus Undvik ging, die sie beide lange malträtiert hatte.

“Du meinst also, Svenja hätte es nicht verdient zu sterben?”, wollte die Trankmischerin demnach wissen und wartete gespannt auf eine Antwort. Denn ganz ehrlich? Den Vorsatz nicht zum psychotischen Mörder zu werden in allen Ehren… aber wenn es da jemanden gab, der es mehrfach versucht hatte einen umzubringen und dem besten Freund auf ekelhafteste Art nachstieg, dann dachte man schnell darüber nach diesem Jemand den Hals umzudrehen. Oh, zu gern wäre sich Anna dessen bewusst gewesen, dass Svenja hinüber wäre. Doch sie war gleichzeitig zweigespalten und das aus dem Grund, den ihr Gefährte jetzt ansprach:

“Ich finde, sie hätte es verdient, ja. Besonders seit dem, was in Novigrad geschehen ist.”, gab er von sich “Aber sollte man seine Vorsätze wegen einer Person wie ihr in den Wind werfen? Ich glaube nicht. Und ganz sicher bekommt die Schnepfe noch, was sie verdient.”

“Hmm…”, seufzte Anna leise und rieb sich den Nacken “Zugegeben… ich würde meine teuren Gifte auch eher ungern an sie verschwenden. Endriagenspeichel ist nicht viel wert, aber das Zeug, mit dem ich sonst hantiere, kostet ein halbes Vermögen.”

“Will ich wissen, was du mit ‘ein halbes Vermögen’ meinst?”, grinste Rist, der seine Gabel noch immer in der einen Hand hielt, beiläufig und seine Freundin zuckte die Achseln.

“Manche Leute würden für ein kleines Fläschchen von dem, was ich da jeden Tag trinke, für zwei, drei Silber kaufen. Und dieses Gift ist im Verhältnis von 1:10 mit Alkohest verdünnt… also mit einem etwas besseren Alkohol.”, klärte Anna auf und machte damit klar, dass sie sich mit ihrem Handwerk und im Untergrund wohl eine goldene Nase verdienen könnte. Aber wie Hjaldrist es vorhin schon gut erkannt hatte: Sie war keine verschlagene Mörderin. Und Gift einfach so an rachsüchtige, irre oder planlose Fremde zu verscherbeln kam dem doch so gut wie gleich. Nur unter sehr besonderen Umständen würde die kurzhaarige Frau ihre Mischungen an andere Leute weitergeben und das bedeutete, dass sie sich in Zukunft auch weiterhin immer wieder Geld von Rist ausborgen müsste, weil sie selbst einfach keinen Kupfer mehr übrig hätte.

Der besagte Inselbewohner sah die Frau neben sich noch immer etwas entgeistert an. Vermutlich rechnete er sich gerade im Geiste aus, wie viele Silberstücke sie sich da tagtäglich in Form von Absuden in den Rachen kippte. Mindestens 60 bis 90 im Monat. Das war eine horrende Summe für jemanden, der sich mit dem krampfhaften Suchen nach Monsteraufträgen über Wasser halten musste. Doch der Krieger kommentierte dies nicht weiter und nahm es so hin, wie es war. War besser so. Jegliche Diskussion mit Anna über ihr Handwerk und harte Kritik daran waren müßig, denn die starrköpfige Frau wich dahingehend kein Stück von ihren Annahmen ab und wurde patzig, wenn man sie hinsichtlich der Alchemie in Frage stellte. Mittlerweile schien das auch der Jarlssohn aus Undvik erkannt zu haben.

“Also…”, brach Anna das kurze Schweigen dann “Was machen wir mit Svenja, sollte sie heute wieder hier auftauchen? Sollen wir sie wirklich einfach so laufen lassen?”

Hjaldrist runzelte die Stirn tief, doch sagte nichts. Er sah fort, in die Leere und mutete grüblerisch an. Seine beste Freundin beobachtete das mit recht ernstem Blick.

“Ich habe ihr früher schon mächtig Angst eingejagt… aber zu wenig, finde ich.”, sagte sie eindringlich “Sie wollte mich zwei Mal töten und hätte es einmal fast geschafft. Sie hat uns hinter das Licht geführt, uns an die Ewige Flamme verraten und dann hat sie dich ver-”

Hjaldrist verengte die Augen und ein Schatten huschte über sein Gesicht.

“Sie WOLLTE aber HAT nicht.”, fiel er der unbedachten Kurzhaarigen ins Wort und das ungewohnt grimmig. So, als habe man ihn gerade zutiefst beleidigt.

“J-ja… das meinte ich…”, meinte die vor den Kopf gestoßene Alchemistin kleinlaut, als sie ihren ungeschickten, verbalen Ausrutscher bemerkte. Sie würde sich noch daran gewöhnen müssen in der Anwesenheit ihres Kumpels vorsichtiger zu sprechen, wenn es um gewisse Themen ging. So, wie sie nicht mehr mitlachen würde, wenn irgendwo irgendjemand Witze oder dumme Wortspiele von sich gab, in denen es um sexuellen Missbrauch ging. Früher, da hätte sie über so etwas niemals nachgedacht. Es war gewöhnlich, dass Kerle vermeintlich harmlos über das Vergewaltigen scherzen, wenn sie oder ihre Nahestehenden nicht davon betroffen waren. Wenn man dies aber war und vielleicht nur indirekt, dann weckten auch kleine Scherze böse Erinnerungen. Das verstand Anna mittlerweile und daher fühlte sie sich gerade ziemlich bescheuert.

“Entschuldige.”, sagte sie zuletzt noch aufrichtig und rieb sich betreten den Nasenrücken.

“Alles gut...”, kam es zur Antwort und die Novigraderin lächelte knapp, als Rist seufzend abwinkte. Dieser Mann war niemand, der einem etwas schnell oder lange übel nahm. Und diese skelliger Mentalität schätzte sie sehr an ihm. Es machte vieles leichter.

“Ich bin deiner Meinung, Anna.”, redete der Axtkämpfer gleich weiter und suchte Blickkontakt “Svenja hat viel zu viel Dreck am Stecken. Mit ihrer Aktion in Novigrad hat sie nicht nur unsere, sondern auch die Leben von Ravello und deiner Familie gefährdet. Und sie hat auch indirekt die ganzen Leute des Wanderzirkusses in Gefahr gebracht.”

Damit hatte der Inselbewohner recht. Anna konnte nicht anders, als tief und entnervt auszuatmen.

“Was tun wir also? Wir müssen ihr einen Denkzettel verpassen.”, entkam es ihr.

“Ich weiß nicht…”, gab Rist zu “Wir könnten uns ja einfach bei der angeblichen Vergiftung einhaken, die du ihr gegenüber angedroht hast. Drehe ihr ein vermeintliches Gegengift an, das irgendetwas mit ihr anstellt, aber sie nicht umbringt?”

Anna gab nach diesem Vorschlag einen nachdenklichen Laut von sich. Sie sollte die Schau rund um das vermeintliche Attentat auf Svenja weiterspielen, um dem Rotschopf noch ordentlich Eins auszuwischen? Nur wie? Sie hatte doch fast nur Gifte in ihrem Gepäck und so gut wie alle davon brachten einen grausamen Tod...

 

Es musste nur wenig Zeit vergangen sein, seit Anna an Rist’s Seite am Lagerfeuer eingenickt war. Denn als sie hochschreckte, war es noch immer dunkel und auch der wachsame Ravello war noch auf den Beinen. Die wirre Frau sah sich um, erkannte ihren besten Kumpel. Jener hatte sich gerade erhoben und das aus gutem Grund: Eine Gestalt schälte sich aus der Dunkelheit des dichten, feuchten Forsts: Svenja. Die rothaarige Furie aus dem verschneiten Skellige war tatsächlich wieder aufgetaucht und was noch besser war: Sie hatte eine Tasche und ein langes Bündel bei sich, in das sie der Größe nach eine Axt gewickelt haben musste. Sie hatte ihr Wort also wirklich gehalten. 

Schwerfällig erhob sich die anwesende Alchemistin und blinzelte sich schnell den Schlaf aus den braunen Augen. Die Kurzhaarige versuchte nicht zu müde oder matt zu wirken und verengte den Blick feindselig. Wie sie, stand auch der aufgekratzte Hjaldrist schweigend und abwartend da. Der Ritter aus Toussaint, der nähergetreten war, hatte seine Waffe demonstrativ gezogen. Das war schön zu sehen, denn schlussendlich hatte er früher einmal mit der Silberzunge Svenja angebandelt. Die beiden hatten eine kurze Zeit lang gar gewirkt, als würde noch mehr aus ihnen werden. Eine vergebliche Hoffnung, doch wäre dem so gewesen, hätte sich die ehemalige Skrugga sicherlich eingekriegt. Sie wäre von ihrem Vorhaben Rist zurück zu den Inseln schleppen zu wollen abgewichen, hätte ihn nicht weiter angehimmelt und sich stattdessen an den Beauclairer im Bunde gehalten. Aber nein. Sie hatte ja darauf bestehen müssen, dass der arme Hjaldrist so etwas war, wie ihr Eigentum, das man ihr gestohlen hatte. Und nur deshalb stand sie nun hier, schwer bepackt und mit einem unschönen Ausschlag, der sich über ihren Hals bis zu ihren Wangen nach oben zog und auch ihre Hände bedeckte. Anna taxierte sie ohne Mitleid zu verspüren.

“Ich habe die Sachen.”, verkündete die abgekämpfte Svenja atemlos. Offenbar war sie bis hierher gerannt. Ihre langen Haare waren wirr und Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Die Augen der Trankmischerin auf der Lichtung suchten das Leinenbündel, das die andere Frau mitgebracht hatte. Jene warf dieses gerade darbietend vor Rist’s Füße und ließ auch ihre schwere Tasche, in der sich vermutlich das scheppernde Rüstzeug des Schönlings befand, zu Boden fallen. Dann kratzte sie sich auch schon wieder am Arm, dann am Hals. Nervös heftete sie ihre Aufmerksamkeit dabei auf Anna und trat von einem Bein auf das andere.

“Das Gegengift.”, keuchte die Zuträgerin leise “Du hast gesagt, dass ich es bekomme.”

Hjaldrist warf seiner besten Freundin sofort einen stummen Seitenblick zu. Ein gespieltes Lächeln zog an den trockenen Lippen der Hexerstochter.

“Ich habe gesagt, dass du es VIELLEICHT bekommst.”, meinte sie gelassen und setzte ihr Schauspiel von vor drei Stunden fort. Man sah Svenja schwer schlucken. Hin und her gerissen wanderten ihre grünen Augen unstet und sie stammelte herum. Dann, im Angesicht des vermeintlichen Todes, gab sie sich die Blöße und fiel auf die Knie. Anna beobachtete dies mit einer Verblüffung, die sie sich jedoch nicht anmerken ließ.

“Bitte!”, presste die ehemalige Spionin hervor und sah elend zu der jüngeren Trankmischerin auf. Ihr Atem ging unregelmäßig und wäre sie jemand anderes gewesen, hätte sich dieser Anblick angefühlt wie ein Schlag in den Magen. Doch Anna fühlte… nichts. Gar nichts. Und daher fiel es ihr nicht schwer eine unberührt-genervte Miene aufzusetzen. Es war, als habe sie diese Rolle einstudiert.

“Hmmm…”, machte sie und im Augenwinkel sah sie, wie Rist nach dem Bündel aus weißem Leinen klaubte, das am nassen Boden lag. Eilig wickelte er aus, was sich darin befand und erkannte mit großer Erleichterung, dass es sich tatsächlich um seine geschwungene Axt mit dem grün gewickelten Griff handelte. Anna lächelte zufrieden, ehe sie sich wieder an die jammernde Svenja wandte. Und das, was sie dann tat, hatte sie mit ihrem Kumpel aus Undvik abgesprochen. Sie hatten deswegen ein wenig diskutiert, doch waren sich am Ende einig gewesen.

“Hier.”, sagte die Frau aus Kaer Morhen, nachdem sie sich ein kleines Fläschchen aus der ledernen Gürteltasche gezogen hatte und dieses ihrer knienden Widersacherin zuwarf. Aufgeregt fing Svenja die dicke, grünliche Flüssigkeit auf. Sie war so fahrig, dass ihr das Ding fast wieder aus den zitternden Händen fiel.

“Das hier ist das Gegengift.”, erklärte Anna und sah da schon haltlose Freude im Gesicht der Rothaarigen. Es war eine Erleichterung, die gleich wieder mit einem Mal verfliegen sollte.

“Aber es macht unfruchtbar. Für Monate, vielleicht Jahre, mit etwas Pech permanent.”, sagte die wissende Schwertkämpferin weiter “Ich habe gehört, dass du gerne viele Kinder hättest. Am liebsten von Rist, hm? Tja.”

Die ehemalige Skrugga stockte und blinzelte, als sei ihr nach den bösen Worten der gespielt ruhigen Anna schwindelig geworden. Als bekäme sie keine Luft oder als wisse sie kurz nicht, wo sie war.

“Was…”, keuchte Svenja ungläubig und starrte auf das Fläschchen in ihrer Hand, als wüsste sie nicht, ob jenes Feind oder Freund sei. In ihrem miserablen Zustand hatte sie wohl ganz vergessen, dass die anwesende Hexerstochter über einen Trank verfügte, der Schwangerschaften verhinderte. Dass jene diesen selten selbst genommen hatte und dass das grünliche Zeug demnach gar kein Gegengift sein konnte. Die Rotblonde war gerade so verblendet von reißender Furcht und Unglauben, dass sie es nicht schaffte Offensichtlichkeiten zu kombinieren. Hätte sie das nämlich, hätte sie Anna’s Absud nicht zu sich genommen und verstanden, dass sie vor drei Stunden gar nicht wirklich vergiftet worden war. Wäre die bibbernde Svenja im Moment schlauer gewesen, hätte sie nicht im Geringsten daran gedacht das zu trinken, das man ihr zugeworfen hatte.

“Und jetzt verzieh dich.”, waren die letzten Worte, die Anna an ihre Hassbild loswurde und das, was sie jenem davor gesagt hatte, waren keine Lügen gewesen. Ja, dieses Mal stimmte das, was sie über das Mittelchen gesagt hatte, das sie Svenja zugeworfen hatte. Es war der Absud von Valerie. Man sollte nur wenig davon nehmen, um sich nicht zu schaden und selbst das nicht regelmäßig. Es war zu gefährlich. Nahm man ein ganzes Fläschchen davon zu sich, riskierte man mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass man seine weiblichen Organe auf ewig schädigte. Anna’s Schätzungen zufolge verkrüppelte man sich jene ordentlich, wenn man zu viel von der grünen Flüssigkeit trank, denn die Chemikalien darin wirkten aggressiv. Dies ging also vermutlich mit langen Schmerzen, Krämpfen und heftigen Blutungen einher. Eine Pein, die die Frau am Boden verdient hatte. Und Unfruchtbarkeit war in diesem Fall eine gerechte Quittung für mehrfach versuchten Mord an Anna und eine widerliche Entführung Rists mithilfe skrupelloser, religiöser Spinner. Für die Gefährdung mehrerer Leben und das Zusammenarbeiten mit dem Feind. Svenja würde leiden. Sie hatte es verdient. Und hoffentlich lernte sie daraus.

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