Kapitel 59

Der Unterschied zwischen Ghulen und Alghulen

Die anderen hatten Albion kurz vor dem Morgengrauen gefunden. In der Nähe des alten Lagerplatzes des Wanderzirkusses vor Novigrad hatten sie den Halbelfen angetroffen, der orientierungslos, verwirrt und verwundet umher getorkelt war. Hjaldrist war ein Stück mit Mia gegangen, um mit ihr zu reden, bevor sie beide zusammen mit dem Feuerspucker zurückgekehrt waren. Sofort hatten sich die fürsorgliche Linda und die sanftmütige Goldlocke um jenen gekümmert. Nun, da sich die Sonne langsam über den Horizont schob und der Morgennebel nachließ, lag der arme Kerl auf der unbenutzten Schlafstätte der Baran-Schwestern und war endlich vor Erschöpfung eingenickt. Die zornigen Hexenjäger hatten ihm im direkten Kampf zwei Finger der rechten Hand abgetrennt, ihm einen tiefen Schnitt an der Hüfte zugefügt und ihm beinah eines der spitz zulaufenden Ohren abgeschnitten. Es glich einem Wunder, dass er den Klauen des fanatischen Ordens entkommen war und obgleich man seiner Verletzungen wegen erschrocken gewesen war, war die Erleichterung unter den Künstlern groß. Denn Albion war zurück und bald würde es ihm sicherlich wieder besser gehen. Er schwebte nicht in Lebensgefahr und wenn man dabei an die barschen Typen des Ewigen Feuers dachte, war dies ein enormes Glück.

Anna warf einen kurzen Blick zu dem schlafenden Verwundeten, dem sie vorhin eine Phiole mit Schmerzmittel gereicht hatte. Sie hatte ihm ein paar aufmunternde Worte geschenkt, ihm die Schulter geklopft und war dafür dankend umarmt worden. Es hatte sich ungut angefühlt. Aber nun ja… der zutrauliche Feuerartist wusste ja nicht, dass es die Novigraderin nicht sonderlich mochte von Halbfremden gedrückt zu werden. Jetzt schlief er jedenfalls und im kleinen, provisorischen Lager war wieder eine kurze Ruhe entstanden. Die ungleiche Gruppe wollte noch etwas rasten und sich dann zum Aufbruch bereit machen. Nichts und niemand hielt sie mehr hier. Ja, die Hexerstochter würde sich jedenfalls nicht mehr in die Nähe der Stadt wagen, um sich bei ihrer Familie zu verabschieden. Sie hätte ihre Angehörigen damit bloß gefährdet, denn deren schiefe Hütte stand unweit eines der Stadttore, an dem immer jemand Wache hielt. Bestimmt hatte auch Niklas, ihr großer Bruder, mittlerweile davon gehört, dass man sie und ihre bunten Freunde suchte. Er würde verstehen, dass sie ohne noch ein Wort zu verlieren verschwand. Und er würde es auch den anderen Geschwistern erklären. So war es gut, auch, wenn es Anna nicht so recht gefallen mochte nicht wenigstens ‘Auf Wiedersehen’ sagen zu können. Seltsam, nicht wahr? Bis vor wenigen Tagen hatte sie so abfällig von ihrer Mutter gesprochen… und nun hatten sich ihre Annahmen weit gedreht. Sie liebte Malika vielleicht nicht und dennoch war da nun das Bewusstsein, dass es Verwandte gab, die man guter Dinge besuchen oder denen man einfach einmal schreiben konnte.

“Du willst dich nicht verabschieden?”, fragte Rist, der da neben Anna saß, ruhig und riss die Frau damit aus ihren Gedanken. Verwundert sah sie auf und zu ihm, gab dann einen zweiflerischen Ton von sich. Manchmal, da fühlte es sich an, als wüsste ihr bester Freund genau, woran sie dachte. Es war unheimlich.

“Nein.”, sagte die Alchemistin, die eine Schale mit gezuckertem Frühstücksbrei auf dem Schoß stehen hatte, langsam und taxierte den lockeren Skelliger eingehend. Sie fragte aber nicht weiter nach und nahm hin, dass er sie just auf die Menschen angesprochen hatte, an die sie dachte.

“Ist wohl besser so…”, bestätigte der Schönling seine Freundin gleich und schenkte ihr ein sehr schwaches Lächeln. Dann zog er die Kanne an sich heran, in der frischer Tee vor sich hin dampfte. Linda hatte jenen gekocht und es war genug für alle da. Denn auch die Halblinge und Mia saßen soeben mit am tanzenden Lagerfeuer und nutzten die kurze Zeit, in der sie sich noch ausruhen und aufwärmen konnten.

“Wohin ziehen wir überhaupt?”, wechselte Anna das Thema, weil sie nicht über ihre Familie sprechen wollte, und sah in die kleine Runde. Mia war die erste, die antwortete.

“Die meisten von uns waren sich einig, dass wir gen Süden ziehen sollten. Hier im Norden ist es im Moment zu unruhig. All die Hexenverbrennungen und dann noch die Reibereien mit Nilfgaard… dazwischen haben wir als Künstler nicht viel Platz.”, seufzte die vorsichtige Träumerin bedauernd “Toussaint wäre vielleicht ein gutes Ziel. Soweit ich weiß, ist es dort relativ ruhig und die Politik steigt einem nicht auf die Füße.”

“Außerdem haben die dort guten Wein.”, warf Igold ein und die anderen lachten.

Toussaint also. Anna fand keine Argumente, die dagegen sprachen. Zwar fand sie die schillernde Gegend um Beauclair eigenartig und überzogen schön, doch ganz ehrlich? Im Moment war sie lieber dort, als hier. Umso weiter sie von der Ewigen Flamme fort wäre, desto besser. Außerdem könnte Ravello dann einmal wieder seine Eltern besuchen. War doch auch nett.

“Wir könnten auch nur einen Umweg über Toussaint machen und nach Serrikanien gehen!”, schlug Frobert vorfreudig vor, nachdem er einen tiefen Schluck aus seinem hölzernen Becher genommen hatte. Seit heute Morgen trank er nun schon Starkbier, um all den momentanen Stress zu vergessen, und er nuschelte bereits merklich deswegen. Der Anblick des verwundeten Albion hatte ihm nach dem Aufwachen den Rest gegeben, denn er konnte kein Blut sehen.

“Serrikanien?”, staunte Anna gleich und hob die Brauen. Auch Rist hatte fragend von seinem Frühstück aufgesehen.

“Mein Undviker schmilzt dort doch. Hast du eine Ahnung, wie kalt es auf Skellige und wie heiß es angeblich in Serrikanien ist? Das ist ein riesengroßer Temperaturunterschied, Frobert.”, grinste die Schwertkämpferin weiter und bekam dafür einen äußerst irritierten Blick seitens des besagten Inselbewohners zugeschleudert. Sie bemühte sich nicht darum jenen entschuldigend zu erwidern.

“Hmm?”, machte Mia “Du bist betrunken, Frobert…”

“Na und? Ich würde Serrikanien echt gern mal sehen… die Steppen und Wüsten… die Leute, die sich verschleiern...”, beschwerte sich der Halbling grinsend und gestikulierte mit dem Becher, aus dem das dunkle Bier schwappte “Ich habe gehört, dort gibt es Wesen, die einem jeden Wunsch erfüllen können!”

Anna bemerkte, wie ihr bester Freund neben ihr damit anfing ziemlich interessiert dreinzusehen. Er setzte sich augenblicklich gerader hin, beugte sich etwas vor.

“Jeden Wunsch?”, fragte er dabei, als versuche er eine drängende Aufregung zu verbergen.

“Na, Dschinns.”, klärte die Hexerstochter gleich trocken auf “Du hattest mich schon einmal auf die angesprochen. Schon vergessen?”

Die Aufmerksamkeit des nervösen Skelligers fiel auf Anna und für einen Atemzug lange mutete er an wie ertappt. Sie runzelte die Stirn, musste dann aber leise lachen. Der Jarlssohn räusperte sich und gab etwas von sich, das sich wie ein 'Achso, die...' anhörte. Frobert's vom Trinken glasigen Augen leuchteten hingegen. Die Vorstellung eines Wesens, das einem JEDEN Wunsch erfüllte, war verlockend und überwältigend. Nur hatte all dies einen Haken. Das hatten magische Wunscherfüllungen und Pakte immer.

“Dschinns sind nichts weiter als Luftgenien.”, fing Anna an, um den Halbling aufzuklären und auch die anderen Anwesenden lauschten gespannt “Und damit sind sie verdammt gefährlich. Nachdem man sie zur Luft zählt, verhalten sie sich auch so, sind wechselhaft, aufbrausend, kühl und launisch. Besser, man geht ihnen aus dem Weg.”

“Was sind Genien?”, warf der unwissende Igold verwirrt fragend ein.

“Elementare.”, antwortete Rist für Anna, denn auf ihrer gemeinsamen Reise hatte er schon einiges aufgeschnappt und gelernt. Seine Freundin - die schon etwas stolz auf ihn war, das musste sie zugeben - nickte zustimmend.

“Es gab einmal einen mächtigen Magier. Geoffrey Monck. Er war eines der Gründungsmitglieder der Bruderschaft der Zauberer und Mitglied der Novigrader Union.”, setzte die burschikose Frau fort “Und man sagt, dass er es schaffte Luftgenien in Flaschen zu bannen. Diese Dschinns erfüllen all jenen, die sie befreien, drei Wünsche. Wobei man bei der Formulierung davon sehr vorsichtig sein sollte… denn Luftgenien sind hinterhältig und manchmal sind erfüllte Wünsche nichts weiter als Illusionen oder Perversionen ihrer selbst. Je nachdem.”

Hjaldrist zog die Brauen kritisch zusammen, doch da spiegelte sich ein gewisses Interesse in seinem Gesicht wider, eine heimliche Idee. Sie wich nicht aus seinem wachen Blick, als er Anna von der Seite aus betrachtete. Igold und Frobert gaben langgezogene, beeindruckte Laute von sich.

“Also… angenommen, ich wünsche mir zehn Fässer voller Zwergenschnaps. Bekomme ich die dann?”, wollte der betrunkene Halbling mit dem Becher voller schäumendem Bier wissen. Anna schnaufte erheitert und rollte mit den braunen Augen.

“Ja, aber vielleicht stellt der Dschinn dies auch so an, dass sie dich überrollen und dich dabei erschlagen.”, sagte die Trankmischerin halb im Ernst.

“Und wenn ich mir wünsche, dass ich ewig lebe?”, wollte Frobert wissen und Mia warf ihm einen abfälligen Blick zu. Sie schüttelte den Kopf leicht und musste grinsen.

“Dann lebst du womöglich für immer und musst dabei zusehen, wie alles vergeht, das du liebst. Was ganz sicher in einer ewigen Qual endet, der man nie mehr auskommt.”, schätzte die kluge Alchemistin und spürte den gebannten Blick ihres besten Freundes, der neben ihr herumlungerte, endlich. Sie linste zu ihm und witzelte weiter.

“Ha, Rist. Hast du etwa vor dir etwas von einem Dschinn zu wünschen?”, fragte sie und der so direkt Angesprochene zuckte leicht zusammen. Sehr schnell rang er sich nach einer kurzen Unsicherheit aber zu einem breiten Lächeln durch und stieg auf das Scherzen ein.

“Vielleicht.”, meinte er verschwörerisch “Ich bin sicher in der Lage meine Wünsche geschickter zu formulieren, als Igold und Frobert.”

Anna lachte auf und die zwei Halblinge brummten und schüttelten die Fäuste in leeren Drohungen.

“Da nehme ich dich beim Wort.”, gluckste die Kurzhaarige und jetzt wurden die Fäuste auch in ihre Richtung gestreckt. Schmunzelnd gab sie nicht nach.

“Was würdest du dir denn wünschen, hm?”, wollte sie von ihrem Kollegen wissen und jener hielt inne, wurde wieder einen merkbaren Deut ernster. Seine Augen wanderten etwas unstet, als suche er in der Miene Anna’s nach irgendetwas oder als fühle er sich auf einmal unwohl berührt. Jedoch nur für einen Herzschlag lang. Dann lachte er schon wieder hintergründig.

“Das sage ich nicht.”, entkam es ihm schlicht, doch bestimmend.

“Pff.”, schnaubte die Novigraderin gespielt abschätzig und bedachte den Jarlssohn mit schiefen Blicken. Schwer zu sagen, was jener sich von Herzen wünschte. Vermutlich, dass sein starker Draht zur Magie abriss. Dass er keine seltsamen Stimmen mehr hörte und nie mehr schlecht träumte. Ja, das musste es sein. Das geheimnisvolle Getue von gerade eben war doch nur ein billiger Vorwand, um die neugierige Anna zu necken und auch eine beachtlich einfache Ausrede, um nicht all den anderen Anwesenden erklären zu müssen, wie es in ihm drin aussah. Das war am Ende nachvollziehbar und in Ordnung. Die Giftmischerin vor dem Lagerfeuer hakte also nicht weiter nach.

“Wir gehen nach Toussaint. Keine zehn Pferde bringen mich nach Serrikanien.”, lenkte Mia das ganze Gespräch wieder in eine ernstere Richtung und enttäuschte den besoffenen Igold damit ziemlich. Er brummte traurig.

“Dieses Land im Osten ist sehr rau und die Kultur ist so viel anders als die unsere. Wir wollen doch irgendwohin, wo wir ohne Sorgen auftreten können und uns nicht noch mehr Probleme machen, hm?”, fragte die Träumerin weiter, teilte den Humor der anderen nicht, und Igold nickte beipflichtend. Frobert, Anna und Hjaldrist schwiegen dazu jedoch nur. Und als die Hexerstochter prüfend zu ihrem dunkelhaarigen Freund aus dem kalten Undvik hin spähte, glaubte sie in dessen Ausdruck noch immer eine neue, aufkeimende Idee zu erkennen. Sie musterte Rist, verengte die Augen forschend, zögerte.

Hmm. Serrikanien also? Na, von ihr aus. Sie hatte dieses Land und seine Städte so und so schon immer mal sehen wollen und hatte gehört, dass es dort riesige Sandbasilisken und Mantikore gab. Biester, die sie ebenso gerne einmal antreffen würde, obwohl jene als unglaublich gefährlich galten. Ja, die Idee in den heißen Osten zu ziehen fühlte sich nach und nach immer aufregender an. Und obwohl sie den zu hoffnungsvollen Hjaldrist davon abbringen würde an Gespräche mit wankelmütigen Dschinns zu denken, würde sie noch einmal mit ihm über die Reise nach Serrikanien sprechen. Dann, wenn er seine argen Probleme mit dem Träumen losgeworden war und genug von Mia gelernt hatte, um alleine zurechtzukommen. Wenn er nachts nicht mehr schreiend erwachte oder tagelang niedergeschlagen wirkte, weil ihn irgendwelche schrecklichen Traumbilder geplagt hatten. Dann würde sie ihn zur Seite nehmen, fort von dessen Träumerin und den anderen Zirkuskünstlern, und ihm vorschlagen in den sengend heißen Osten zu gehen. Sie beide waren schließlich schon immer motivierte Menschen gewesen, die das Abenteuer suchten, nicht wahr? Und vielleicht gäbe es in der Wüste auch für Anna ein Weiterkommen hinsichtlich ihrer eigenen Pläne, die sie ihres besten Freundes wegen und gerade etwas zurück steckte. Sie tat letzteres gern, weil sie wusste, dass es dem gequälten Hjaldrist bald besser gehen würde. Und trotzdem strebte sie nach wie vor danach eine Kräuterprobe zu entwickeln, die Frauenkörper nicht in allen Fällen umbrachte. Irgendwann, da würde sie solch eine wertvolle Formel finden, ganz bestimmt. Und vielleicht geschähe dies ja sogar in Serrikanien.

 

*

 

Der Wanderzirkus legte auf seiner Reise nie zu lange Rast ein und sah zu, dass er hastig aus dem Umland Novigrads verschwand. Die Gruppe zog an Oxenfurt vorbei und nahm die Handelsroute gen Südosten. Ihr erster Halt war Vizima. Und obwohl die große Stadt von Nilfgaard besetzt war, fühlte es sich besser an hier zu sein, als inmitten der Leute unter König Radovid. Dieser Hurensohn hatte die Hexenverfolgungen zu verschulden, so viel wusste Anna mittlerweile. Mit seinen engstirnigen Ansichten regierte dieser Wahnsinnige und ließ Magier, Zauberinnen und Kräuterkundige ermorden, weil er Schuldige brauchte. Wofür genau, war der Hexerstochter schleierhaft. Sie gab sich damit zufrieden diesen Mann als verrückt anzusehen. Und gestörte Leute, die taten eben gestörte Dinge. Es war nur schlimm, wenn es Herrscher waren, die in ihrer eigenen, verschobenen Welt lebten…

Ja, im Vergleich zu Radovid, der die Redanier unter der Fuchtel hatte, erschien der Imperator Nilfgaards wie ein vernünftiger Mensch. Oder jedenfalls agierten seine Truppen so, dass man annehmen konnte, dass sein Hirn noch einigermaßen funktionierte. Sie waren überall in Vizima. Die Stadt war gesäumt von Bannern in Weiß und Schwarz, überall sah man die goldenen Sonnen der Nilfgaarder auf Standarten, Rüstungen oder Wappenschilden. Hier, in der überrannten Stadt, vernahm man überall einen für den Norden ungewohnten Akzent und die Soldaten dieses Emhyr var Emreis unterschieden sich von den weiß-roten Kriegern Novigrads. Nicht nur in ihren Uniformen, sondern auch in ihrem Gehabe. Sie wirkten nicht ganz so derb und außerdem respektvoller. Jedenfalls die, die Anna bisher angetroffen hatte. Und vor allem: Hier in Vizima scherte sich niemand um Magiebegabte oder Alchemisten. Vor der Stadt steckten Köpfe von Rebellen auf Pfählen und auch hier wurden eben jene hingerichtet. So war es im Krieg eben. Doch nirgendwo roch man nach Haar und Fleisch stinkenden Qualm; man erkannte keine Scheiterhäufen, die den Markt säumten, und anstatt der lauten Prediger der Ewigen Flamme standen hier Nachrichtenverkünder an allen möglichen Straßenecken. Sie posaunten Neuigkeiten, Propaganda und lobten ihren Imperator, manipulierten damit die Stadtbewohner und motivierten die vielen Soldaten in ihren dicken Rüstungen. Es war eine ganz eigene, dreckige Masche, doch ganz ehrlich? Sie war Anna weit lieber, als das fanatisch religiöse Geschrei in ihrem Geburtsort. Und zum ersten Mal seit langer Zeit konnte sie durch die Straßen gehen ohne, dass sie sich die Kapuze tief in das Gesicht ziehen oder ihre Tranktasche verstecken musste. Sie konnte wieder ganz sie sein. Als neutraler Part zwischen den Fronten hatte sie auch politisch nichts zu befürchten. Und noch besser: Der Zirkus, mit dem sie reiste, war hier gern gesehen. Krieg brachte nämlich nicht nur den Sieg einer Partei und den Lobgesang über den Anführer derselbigen mit sich. Krieg brachte Tod und Trauer, Lebensmittelknappheit, Ratlosigkeit und große Sorgen. Besonders die Stimmung der Bürger Vizimas war gedrückt und das spürte man immer wieder, wenn man durch die riesige Handelsstadt zog. Ein Wanderzirkus mit bunten Leuten, die lachten, Kunststücke vorführten oder Theater spielten, war da eine gelungene Abwechslung. Seit zwei Tagen schon hielten sich die Artisten nah am Rande der Stadt und ihre erste Vorstellung am Marktplatz, für die Goldlocke zuckersüß nach Erlaubnis gebeten hatte, war brechend voll gewesen. Blasse Mütter hatten ihre dreckigen Kinder vorgeschoben, damit jene besser sehen konnten, und hatten gelächelt. Manch ein weiß-schwarzer Soldat hatte innegehalten und argwöhnisch über das Feuer Albions gestaunt. Und die versammelte Menschentraube hatte applaudiert, gepfiffen und nach der abendlichen Schau nicht nach Hause gehen wollen. Igold und Frobert hatten ihre Jongleurskünste wiederholt vorzeigen müssen und die vom Krieg mitgenommene Zuschauerschaft hatte Linda viele Münzen in ihren flickigen Hut geworfen. Anna und Rist hatten sich derweil am Rande aufgehalten, ihren neuen Freunden bei der Arbeit zugesehen und die Augen nach möglichen Bedrohungen offengehalten. Doch nichts war geschehen. Die heitere Nacht war angenehm ausgeklungen und nun war der Wanderzirkus in Vizima in aller Munde. Es war schön. Und es gab einem wieder Luft zum Atmen. Alleine nun für ein paar Tage zu rasten, war großartig. Seit dem Aufbruch aus den Wäldern vor Novigrad waren mittlerweile fast zwei Wochen vergangen. Der fünfte Monat des Jahres neigte sich schon gen Ende und das wechselhafte Wetter wurde besser. Der Frühling klopfte endlich an die Tür und obgleich die Nächte noch kühl waren, wurden die Tage immer wärmer. Es passte zum Ergehen der Abenteuer. Denn auch Hjaldrist war in den letzten Tagen immer wieder sehr gut gelaunt. Oft hatte er nun schon mit Mia geredet, doch Anna hatte nie so recht verstanden, worüber genau. Wenn es um kryptische Träume ging, war sie nicht unbedingt erfahren und über diese Tatsache war sie auch froh. Sollten Mia und Rist doch walten, wie sie wollten. Solange der Jarlssohn daraus lernte und dadurch anfing seine grausigen Traumbilder besser kontrollieren zu können, war alles prima.

Der besagte Mann erfasste die behandschuhte Hand seiner besten Freundin soeben und deutete die breite Straße entlang.

“Dort hinten, am Ende der Straße, habe ich den Laden gesehen…”, berichtete er wissend und Anna’s Blick fiel nur beiläufig auf die Hand, die die ihre festhielt. Und sie wunderte sich einmal mehr. Hjaldrist war in letzter Zeit eigenartig zutraulich. Seit die Alchemistin ihn in einer lebensmüden Aktion aus den Händen der Ewigen Flamme gerissen hatte, kam er bemerkenswert oft und sehr offen auf sie zu. Wie selbstverständlich ergriff er ihre Finger, wenn er sie irgendwo hin mitschleppen wollte, legte einen Arm um sie, wenn sie fror, oder drückte sie im Vergleich zu den letzten Monaten oft lieb, wenn sie schlechte Laune hatte. Doch war dies selbstverständlich? Obwohl sich Anna manchmal etwas seltsam dabei fühlte, wenn der Undviker sanftmütig lächelte, mochte sie es. Ja, so sehr es sie auch hier und da einmal verwirrte, erleichterte es sie in unschönen Momenten, wenn jemand da war, der ihr so nah stand. Und was war denn schon dabei? Am Ende war Rist ihr bester Freund und ein Mensch, bei dem es sich so anfühlte, als kenne sie ihn schon ihr Leben lang. Sie beide hatten in dem letzten Monat zudem immer viel geteilt… das Essen, manchmal Kleidung, auf praktische Art und Weise das Bett. Umarmungen oder den jeweils anderen an den Händen zu nehmen, waren also tatsächlich eine selbstverständliche Sache, möchte man meinen. Manchmal etwas ungewohnt, doch gut. Hjaldrist musste nicht fragen, ob er durfte. Er tat einfach und Anna sträubte sich nicht dagegen. Warum hätte sie dies auch sollen? Es war gut so, wie es war und wenn ihr wer nah kommen durfte, dann ihr bester Freund.

“Es ist wirklich angenehm zu wissen, dass Kräutersammler ihre Läden und Stände hier noch betreiben dürfen.”, kommentierte Anna, als sie ihrem Kumpan durch die belebte Straße folgte. Rist hatte hier heute Morgen angeblich ein Geschäft gesehen, in dem Alchemiezutaten verkauft wurden. Natürlich hatte er dies sofort seiner interessierten Begleiterin erzählt. Und nun führte er sie dorthin, denn in der Tat wollte sie ihren Vorrat an Kräutern wieder aufstocken. Jene zu kaufen war einfacher, als sie in der Wildnis zu suchen und zu trocknen. Besonders, wenn man viel reisen musste und einfach keine Lust darauf hatte stundenlang durch Wälder zu stromern und die Augen dabei nach bestimmten Pflanzen offen zu halten.

“Ja, nicht?”, meinte der Axtkämpfer “Novigrad war schrecklich… ich bin froh, dass wir nun hier sind. Trotz der ganzen Schwarzen.”

“Naja, immerhin scheinen DIE die Auftritte unserer Zirkusleute zu mögen…”, schnaubte Anna und musste grinsen, als auch ihr Begleiter in der grünen Tunika leise und kurz lachte.

“Du magst es mit Linda und den anderen zu reisen, hm?”, bemerkte Rist in diesem Zuge und hatte damit nicht so ganz unrecht. Obwohl man in einer großen Gruppe länger brauchte, um von A nach B zu gelangen, war es angenehm. Die kurzhaarige Giftmischerin mochte Linda, Herr Baran, Frobert und Igold. Goldlocke war ebenso einfach nur liebenswert und obwohl Albion manchmal etwas zu kokett auf sie wirkte, war er ein toller, aufrichtiger Kerl, der seine Freunde niemals im Stich lassen würde. Bei Mia war sich Anna noch nicht ganz so sicher, denn in ihren Augen könnte diese Träumerin einen Patzen Humor vertragen. Im Gegenzug zu den anderen Leuten der Gruppe wirkte sie manchmal etwas eigenartig und abwesend. Es war bisher auch zweimal vorgekommen, dass sie Anna harsch kritisiert hatte. Einmal, weil jene nicht stocksteif und todernst geblieben war, als Rist einmal wieder über Alpträume geklagt hatte, sondern ihn einfach mit blöden Scherzen hatte aufmuntern wollen… und ein andermal, weil sie einen sehr harmlosen Witz über Elfen gemacht hatte. Mia hatte beides nicht besonders amüsant gefunden und das Verhältnis zwischen Anna und ihr war eher… nun ja, distanziert. Außerdem glaubte die jüngere Trankmischerin, dass die grüblerische Oneiromantin ein Auge auf Rist geworfen hatte. Natürlich konnte sich Anna auch irren, doch es hätte sie bei dem Kerl, dem man sein Elfenblut ansah, nicht gewundert. Nicht alle Frauen standen auf grobschlächtige, hünenhafte Typen. Und gerade Mia war doch eine Elfe und dazu auch noch eine Träumerin. So wie Hjaldrist einer war. Es lag also nahe, dass sie den Skelliger zuletzt als jemanden sah, dem sie gern nah stehen würde, oder? Und da Anna dessen engste Freundin war, musste sie in den Köpfen mancher Verehrerinnen doch eine Art Bedrohung darstellen. Tse. Sie war ja gespannt, wie das noch weitergehen sollte. Rist selbst schien die forschenden Blicke Mias noch nicht bemerkt zu haben. Oder er ignorierte sie einfach. So, wie er immer alle Frauen ausblendete, die ihm interessiert hinterher starrten. Dahingehend war er wahrhaftig ein Phänomen der sonst so notgeilen Männerwelt.

“Ja, die bunte Gruppe ist ganz unterhaltsam.”, bestätigte die Alchemistin das Mutmaßen ihres Freundes direkt “Außerdem mag ich ihre Vorführungen.”

“Du mochtest das Theater schon immer…”, fügte Rist wissend hinzu und Anna lächelte bedeutsam. Dieser Ausdruck schwand jedoch einer eher überforderten Miene, als der einfallsreiche Undviker weiterredete.

“Willst du denn nicht mal in einem mitspielen? Jetzt hättest du die Gelegenheit dazu.”, schlug der Mann nett vor und verlangsamte seinen zielstrebigen Schritt allmählich.

“Was?”, entkam es der Schwertkämpferin in der gestreiften Jacke, als sie beinah in ihren Gefährten lief “Ich bin keine Schauspielerin.”

“Hm? Nach dem, was du da mit Svenja abgezogen hast, glaub ich dir das aber nicht.”, meinte Rist hintergründig schmunzelnd und Anna blinzelte irritiert “Ernsthaft. Du wärst großartig in einer Rolle als Bösewicht.”

“Ähm...”, fiel der konfrontierten Alchemistin dazu nurmehr ein und sie gab darauf folgend einen zweifelnden Laut von sich. Dass Hjaldrist ihre kalten Finger noch immer festhielt, obwohl er Anna gerade nicht mehr hinter sich her schleifen musste, schien jene in diesem Moment schon gar nicht mehr zu bemerken. SIE als Schauspielerin? Wohl eher nicht. Sie hatte kein Talent für solche Sachen, war eine Monsterjägerin und keine Künstlerin. Ihr fehlte das Feingefühl für letzteres, fand sie.

“Versuch’s doch einfach mal.”, der Schönling zuckte die Achseln “Wenn du das Theater magst, macht es dir doch sicherlich auch Spaß bei einem mitzuwirken. Und zugegeben? Ich würde das echt gern mal sehen.”

“War klar.”, schoss Anna gleich zurück und strafte Rist mit einem gespielt abfälligen Blick “Du würdest dann im Publikum stehen und mich auslachen, was?”

Der Krieger hielt auf diesen halbernsten Vorwurf hin inne und sein Ausdruck wirkte etwas dümmlich dabei. In der ersten Sekunde mutete er gar etwas vor den Kopf gestoßen an. Doch dann zog schon wieder ein neckisches Lächeln an seinen Lippen.

“Vielleicht.”, gab Hjaldrist zu, ehe Anna ihm ihre Hand endlich entzog, damit gegen seinen Oberarm haute und er sich lachend beschwerte.

 

Nach dem unerwartet lohnenden Besuch des Geschäftes des Kräutersammlers der Stadt, hielten die beiden Abenteurer, wie immer, die Augen nach Arbeit offen. Sie reisten momentan zwar mit einem Zirkus, doch das bedeutete nicht, dass sie auf dessen Einnahmen zurückgriffen. Es reichte schon, dass man sie mit verköstigte. Anna wollte nicht auch noch anderweitig in der Schuld dieser Leute stehen. Also studierte sie nun eines der Schwarzen Bretter Vizimas. Es befand sich direkt am Rande des großen Marktes und war nur spärlich mit Aufträgen gespickt. Verständlich, wenn man das Umfeld und die Situation des belagerten Ortes bedachte. Man fand hier mehr Propaganda-Flugblätter der nilfgaardischen Armee, als Schreiben, in denen um irgendwelche Gefallen gebeten wurde. Und diese Aufträge waren auch sehr erwartet: Es ging um das Beseitigen von Ghulen nahe der Schlachtfelder und das Mit-Anpacken beim Wegräumen von Schutt oder dergleichen. Beides stellte für Anna dennoch gute Gelegenheiten dar, um etwas Geld zu verdienen und irgendetwas zu tun. Sie konnte nicht einfach so die ganze Zeit über im Lager herumlungern. Die Frau langweilte sich noch zu Tode. Sie wollte arbeiten und nicht faulenzen. Melitele sei Dank sah Hjaldrist das ähnlich. Er hatte Hummeln im Arsch, seit es mit seiner Laune bergauf ging.

“Nehmen wir uns die Ghule vor?”, fragte der ältere Jarlssohn von der Seite aus und klaubte nach dem Anschlag, der das Siegel der Schwarzen trug. Er riss den Zettel von der breiten Tafel und nahm ihn an sich, beäugte ihn aufmerksam. Seine beste Freundin nickte langsam und zuckte die Achseln.

“Schlachtfelder aufzuräumen ist nie schön, aber besser als nichts.”, kommentierte sie “Wer ist also unsere Kontaktperson?”

“Mickael Flaut.”, las Rist vor “Er scheint irgendein hohes Tier bei der Armee zu sein.”

“Na dann.”, machte Anna “Erledigen wir die Ghule und gehen dann zu ihm. Nachdem der Auftrag recht offiziell ist, wird er auch gut bezahlt sein. Hoffe ich. Ich würde gerne mal wieder in eine Taverne gehen und dort das beste Essen bestellen, das es gibt.”

 

Ein unsäglich bestialischer Gestank lag über dem Feld, auf dem der harte Kampf getobt hatte. Dem Zustand der vielen Leichen nach zu urteilen musste jener vor einer knappen Woche stattgefunden haben und bisher hatte niemand die dutzenden toten Körper weggeräumt, die einen stechend süßlichen Geruch verströmten. Anna hatte sich ihr Halstuch schützend vor Mund und Nase gezogen, als sie über einen der verdrehten Leichname stieg, dem die bläulich verfärbte Zunge und die milchigen Augen fahl aus dem Schädel hervorquollen. Fette Fliegen summten und sirrten laut und stoben auseinander, als die Frau aus Kaer Morhen platschend in eine kleine Pfütze aus Regenwasser und Körperflüssigkeiten trat. Die Novigraderin verzog das Gesicht angewidert und hielt den Atem an, denn ihr grünes Halstuch half nicht viel gegen den dicken Gestank über dem wüsten Schlachtfeld. Nicht einmal die geringste Brise wehte, was die Lage nicht besserte, und so hing der laue Geruch nach altem Tod und Fäkalien zäh über der matschigen Wiese. Hier und da lagen blasse Teile menschlicher Körper herum und die Leiber, die noch so gut wie ganz waren, wiesen schreckliche Verwundungen auf, in denen sich mittlerweile dicke, weiße Maden tummelten: Schnitte, Platzwunden, zerschmetterte Gliedmaßen oder Knochen, die zwischen Fleisch und verbeulter Rüstung hervor lugten. Es war schrecklich und widerlich, doch für die abgebrühte Anna kein ungewohnter Anblick. Ghule von Orten, wie diesem hier, zu tilgen, gehörte zu den niederen Aufgaben, denen viele Hexer nachgingen. Kämpfe gegen diese geifernden Monstren waren also welche der ersten, die ein angehender Mutant zu schlagen hatte. Tote gab es immer. Und wo Tote waren, da waren auch Leichenfresser. Es war simpel. Man musste die immer hungrigen Biester nicht anlocken, sie nicht extra suchen oder in deren Nestern herumstochern. Man lief einfach dorthin, wo es am ärgsten nach Verwesung stank, und fand die noch viel schlimmer miefenden Wesen mit den glatten, grausig verzerrten Körpern; wie sie auf allen Vieren und mit spitzen Klauen über die Erde scharrten und die Reißzähne in zerfallende Leichen gruben. Ja, es klang vielleicht morbid oder grausam: Doch es war ein gewohnter Anblick. Anna’s allererste Konfrontation mit echten Monstern außerhalb ihrer trockenen Lehrbücher war eine gewesen, in denen sie einem Dutzend Ghulen und einem Alghul gegenübergestanden hatte. Sie hatte sich nicht rühren können, als sie aus großen Augen mit angesehen hatte, wie diese grollenden Bestien eine Großfamilie zerfetzt hatten. Das damals so schockierte Mädchen, das seinen rauen Ziehvater aus Kaer Morhen zum ersten Mal ‘nach draußen’ begleitet hatte, hatte wie Espenlaub gezittert und geheult. Und dennoch. Ghule waren die ersten Scheißviecher gewesen, denen sie je begegnet war. Seither war das immer wieder passiert, denn das Leben war hart und schenkte keinem was. Viele Leute starben tagtäglich, wurden daraufhin liegen gelassen oder nicht tief genug begraben. Und dann… dann kamen die Nekrophagen. So wie auch hier: Das Schlachtfeld war weitläufig und zwischen den toten Soldaten in Rot und Weiß, sah man auch immer welche der Schwarzen liegen. Hier, vor Vizima, mussten Truppen von an die hundert Mann aufeinandergeprallt sein. Es war schwer zu sagen und Anna konnte nur schätzen. Die vielen Menschen unter ihnen, die gefallen waren, hatten am Ende zu viele Ghule angezogen. Keine zwanzig Meter weit entfernt erblickte die wachsame Hexerstochter schon eines dieser Biester, die gebückt so groß waren wie ein sehr großer Köter, doch viel massiger und muskulöser. Der Ghul war so mit dem Fressen beschäftigt und seiner Gier verfallen, dass er die beiden Abenteurer, die sich näherten, nicht bemerkte.

Anna linste aus dem Augenwinkel verstohlen prüfend zu Hjaldrist hin, der ihr folgte. Auch er hatte sich seinen Schal eng um Mund und Nase gelegt, doch war im Gegenzug zu seiner Freundin ein klein wenig bleich. Vielleicht war es noch nie vorgekommen, dass er über ein Kampffeld voller alter Leichen hatte gehen müssen. Womöglich war er den Anblick von aufgeblähten, zerdrückten oder zerteilten Toten noch nicht gewohnt; den überwältigenden Gestank, der einem davon erzählte, wie sich viele bei ihrem letzten Atemzug in die Hosen schissen und das buchstäblich. Daher war es mehr als nur verständlich, dass er ein wenig ohnmächtig wirkte. Doch immerhin musste er sich nicht übergeben. Der Gute würgte nicht einmal und Anna hielt ihm das zugute. Rist war hart im Nehmen. War er immer schon gewesen. Die Frau lächelte hinter ihrem Batist-Halstuch schmal, streckte die Hand nach ihrem Kumpel aus, der neben ihr her ging, und klopfte ihm brüderlich-aufmunternd die Schulter.

“Alles klar?”, fragte sie leise und nickte daraufhin in die Richtung des schmatzenden, schnarrenden Ghuls, der der Leiche vor sich gerade die Luftröhre aus der Kehle riss “Wir nehmen uns erst den da vorne vor. Er wird vielleicht kreischen, Gefahr signalisieren und damit seine Gleichgesinnten rufen. Danach werden wir viel zu tun haben...”

“Alles klar.”, bestätigte der Jarlssohn tief durchatmend, umfasste den Griff seiner Axt fest mit beiden Händen und lenkte den bösen Blick auf den einen Nekrophagen, der ihnen den Rücken zugedreht hatte. Neben diesem Vieh hatte die Schwertkämpferin im Bunde schon drei weitere ausgemacht: Weiter vorne, links.

“Lass dich nicht beißen. Die haben an Leichen rumgefressen…”, fügte Anna noch mahnend hinzu und musste ihrem schlauen Kumpan nicht erklären, was sie damit meinte: Leichengift. Bekam man dieses verkommene Zeug in den eigenen Blutkreislauf, dann konnte das schwerwiegende Folgen haben. Folgen, gegen die nicht einmal die anwesende Alchemistin wirklich gute Mittelchen im Petto hatte. Natürlich schaffte sie es jemanden, der von einem Leichenfresser gebissen worden war, vor dem Tod zu bewahren, doch das hieß nicht, dass sie gegen alle Symptome solch einer Vergiftung etwas parat hatte. Sie konnte nicht stets dutzende Gegengifte mit sich herumtragen und obwohl sie sich sehr gut mit allen möglichen dieser Elixiere auskannte, war sie keine Heilerin. Vielleicht wäre sie eine gute, hätte sie diesen Weg eingeschlagen, aber das wollte sie nicht. Anna hatte zum einen kein Interesse daran sich dahingehend fortzubilden und zum anderen einfach keine Zeit dafür. Sie war eine dreckige Giftmischerin und wenn sie oder Nahestehende irgendwelche Leiden hatten, dann kochte sie simplen Tee oder setzte sehr universelle Gegengifte ein. Nur für sich selbst und die Experimente, die die wagemutige Frau an sich durchführte, hatte sie bestimmte, gerichtete Gegentoxine bei sich. Doch die würde sie niemals irgendjemandem anderes geben. Dies hätte keinen Sinn gemacht und wäre zu gefährlich gewesen. Würde Hjaldrist heute also von einem zornigen Ghul gebissen werden, würde seine Wunde schlecht verheilen und er würde fiebern. Tee aus Salbei und Schöllkraut würden ein wenig helfen; Anna würde darin etwas von dem Gegengift auflösen, das sie nahm, wenn es ihr ihrer alltäglich eingenommenen Toxine wegen einmal wieder den flauen Magen umdrehte. Doch mehr würde sie nicht machen können. Ihr Freund würde ein, zwei harte Tage erleben, doch mit Sicherheit nicht sterben.

 

Der Ghul hatte Anna und Rist bemerkt, bevor die beiden bei dem fressenden Biest angekommen waren. Kurz bevor der Skelliger seine Axt auf es niedergehen ließ, bäumte es sich fauchend auf und kreischte markerschütternd. Der überrumpelte Ghul wollte zuschlagen, doch zu spät. Erlklamm steckte bereits tief in seinem ekelerregend glänzenden Körper und als Hjaldrist seine Waffe wieder mit einem Ruck aus dem Leichenfresser herauszog, sackte das Monstrum blutüberströmt in sich zusammen. Es blieb jedoch keine Zeit, um kurz durchzuatmen, denn die anderen, alarmierten Ghule waren binnen Sekunden da, um sich auf die beiden Eindringlinge zu stürzen. Wutschäumend und aggressiv gingen sie ohne zu zögern auf Rist und Anna los und ersterer schaffte es gerade noch so eines der Monster mit einem wuchtigen Tritt von sich fort zu befördern. Schnarrend landete es im Dreck, schüttelte den unförmigen Schädel und kam wieder auf alle Viere. Anna fuhr solange herum, damit sie ihren besten Freund im Rücken hatte und erhob das Schwert, um es sofort auf einen der Nekrophagen nieder zu schlagen, der vor ihren Stiefeln röchelnd und gurgelnd niederging. Einmal hackte Anna nach, zweimal, denn ihr Stahlschwert bot ihr zwar eine gute Reichweite, doch war für Monster nicht so tödlich wie ihr silberner Dolch. Und, bei Melitele, auf diese kürzere Waffe würde sie JETZT sicherlich nicht zurückgreifen. Dafür drängten zu viele Gegner auf sie und Hjaldrist ein, die sie gerne auf Abstand halten wollte. Die Zähne zusammenbeißend verfluchte sie also die Tatsache kein Silberschwert zu besitzen und sich wohl auch niemals eines dieser sündhaft teuren Teile leisten zu können. So vieles wäre nämlich leichter gewesen, hätte sie, statt ihres Dolches mit dem Wolfsknauf, eine lange Schneide aus einer wertvollen Silberlegierung gehabt. Grantig schnalzte sie mit der Zunge.

Ein weiterer Ghul folgte dem ersten, setzte der burschikosen Frau frontal entgegen. Anna wankte ein, zwei Schritte weit zurück, als das Biest sie wuchtig ansprang. Beinah verlor sie ihr Gleichgewicht, als sich der widerwärtige Ghul an ihre Schultern klammerte und das Maul weit aufriss. Doch sie handelte sofort und rammte dem Nekrophagen die lange Klinge in den Magen. Instinktiv beugte sich die Kurzhaarige vor den spitzen, schiefen Zähnen fort und trieb ihr Schwert tiefer in den Körper des Wesens, spießte es regelrecht auf. Mit einem Ruck hebelte sie die Schneide dann abwärts und schnitt ihren laut grölenden Gegner nach unten hin auf. Dunkles Ghulblut spritzte und sprudelte, sie presste die Lippen aufeinander und kniff die braunen Augen zusammen, um nichts davon in den Mund oder in die Sicht zu bekommen. Dann wuchtete sie den erschlaffenden Kadaver angewidert stöhnend von sich und atmete einmal tief durch. Ein Kampfschrei entkam der blutbefleckten Alchemistin wenige Wimpernschläge darauf, als sie sich sofort auf den nächsten, buckligen Ghul stürzte und von der Seite aus bemerkte sie, wie Rist ihr dabei zwei weitere der unansehnlichen Ungetüme vom Hals hielt. Er drängte die beiden Ghule fort, hob weit mit Erlklamm zu, schrie zornig und schickte die beiden Monstren wenige Herzschläge später schon in die ewigen Jagdgründe. Die übrigen fauchenden Geschöpfe, die noch lebten, ließen aber nicht von den beiden Menschen ab. Vier weitere Ghule sprangen auf Anna und Hjaldrist zu und einer davon schaffte es die Frau im Bunde von rechts zu erwischen. Er stürzte ihr entgegen, während ein zweiter Leichenfresser sie noch beschäftigte, und fiel zusammen mit ihr in den Dreck. Die Frau bemerkte erst, was geschehen war, als sie im Matsch lag und in diesem Augenblick war sie heilfroh darüber, dass die Wiese vom Regen der letzten Tage durchweicht war. So war sie wenigstens nicht hart gelandet, sondern nur dreckig geworden.

Anna trat fest und hob mit dem Schwert zu, das sie bei ihrem Fall nicht losgelassen hatte. Sie gab einen verärgerten Laut von sich und rangelte nahezu mit dem Ghul auf ihr. Das Biest schnappte mit den langen, gelblichen Zähnen zu, doch jene klappten nur in die Luft, denn die Alchemistin hatte ihren Kopf schnell zur Seite fort gedreht. Mit der blitzenden Klinge trennte sie einen der Arme des Ghules ab und stieß ihn mit aller Kraft von sich. Das rasende Scheusal landete neben ihr am Grund und kreischte schmerzerfüllt, als es zappelte. Dann war da auf einmal Rist, der diesem blutigen Gestrampel mit einem Mal ein Ende bereitete, indem er dem einarmigen Ghul den Kopf spaltete. Sofort war er bei Anna und streckte ihr eine Hand hin, um ihr hochzuhelfen. Die Kurzhaarige zögerte nicht damit danach zu fassen und hatte keine Zeit sich zu bedanken. Denn kaum, da sie stand, musste sie sich gegen den nächsten Leichenfresser erwehren. Und als sie den Blick einmal knapp über jenen hinweg hob, erkannte sie, wie sich zwei weitere Wesen näherten, die sich in der Größe von den restlichen Ghulen abhoben. Sie waren höher gewachsen und sträubten lange, knochige Stacheln, die ihnen aus den Rücken wuchsen, in angriffslustiger Manier. Ihre Färbung war dunkler, als die der anderen Nekrophagen und ihre gellenden Schreie hallten wie eine Todesdrohung über das morbide Schlachtfeld. Dies brachte Rist mitten im Kampf dazu erschrocken herumzufahren.

“Alghule!”, entkam es Anna atemlos, als sie einen der kleineren Ghule erstach. Die Hexerstochter kam nicht dazu ihren unvorbereiteten Kumpel auf deren Intelligenz aufmerksam zu machen. Der angriffsbereite Jarlssohn wurde nämlich gleich Zeuge davon: Einer der Alghule fauchte laut und augenblicklich zogen sich die gewöhnlichen Ghule zurück. Doch sie verschwanden nicht, sondern begannen zu lauern wie Raubtiere es taten. In der Nähe ihrer vermeintlichen Anführer umkreisten sie ihre schwer bewaffnete Beute und gurgelten und geiferten. Anna schnaubte abfällig und sah sich kampfbereit um. Sie bemerkte, wie Rist ihr einen knappen, irritierten Blick zuwarf, doch sie winkte ab.

“Wir töten die großen zuerst.”, presste sie hervor. Und dann waren jene auch schon da. Während sich die kleineren Ghule im Hintergrund hielten, gingen die zwei Alghule auf die Monsterjäger los und jene hatten größte Not sich den Klauen und Kiefern der massigen Leichenfresser zu entziehen. Vor allem mussten sie darauf achten sich nicht zu Boden reißen zu lassen, denn die lauernden, hungrigen Ghule am Rande warteten nur darauf, dass die Alghule dies für sie erledigten, um dann auf ihre Opfer zuzuhasten und sie zu töten. Um sie mit Haut und Haar zu verspeisen. 

Neben ihrem Bastardschwert hatte Anna nun auch ihren viel kürzeren Silberdolch gezogen. Ersteres verwendete sie nurmehr, um die, auf sie einprasselnden Angriffe zu parieren. Mit dem Dolch stieß sie nach dem Alghul, der ihr immer wieder viel zu nah kam und fürchterlich nach Zersetzung stank. Eine Wunde fügte sie ihm dabei zu, zwei. Das stachelbewehrte Monstrum jaulte und spuckte klebrigen Speichel, doch es ließ nicht von der Frau ab und verfiel in eine regelrechte Raserei. Mit den knochigen Stacheln schlug es nach Anna, schnappte zu, wollte kratzen, warf den Kopf herum. Die Alchemistin wurde weit zurückgedrängt und versuchte Rist dabei im Auge zu behalten. Sobald der Alghul, der dem Inselbewohner an die Kehle wollte, es schaffte, den Krieger umzuwerfen, wäre die Novigraderin gleich da, um zu helfen. Und sicherlich wäre dem anders herum genauso. Hjaldrist hatte schon immer einen sehr großen Beschützerinstinkt besessen und Anna WUSSTE, dass er augenblicklich zur Stelle wäre, wenn sie einen Fehler machte. Dies vermutlich sogar schneller, als sie sich in ihrer Misere versehen könnte.

 

Anna schaffte es den Alghul vor sich zu erledigen. Nach einem schmerzhaften Hieb gegen ihre Hüfte und ein arges Straucheln, hatte sie alle Kraft zusammengenommen, um erst ihr Schwert in das meuternde Monster zu treiben, dann den Dolch. Das Herz des Ungetüms hatte sie dabei mit dem Silber durchstoßen und der Alghul war bald leblos in sich zusammengefallen. Dies hatte einen Großteil der kleinen Ghule ringsum sichtlich verunsichert und orientierungslos zurückgelassen. Hjaldrist schaffte es währenddessen ebenso den einen Alghul, der ihn bedrängt hatte, schwer zu verwunden und nieder zu stoßen. Er trat danach, als Anna ihren Dolch an der Schneide erfasste und ihn dem Wesen am Boden entgegen schleuderte. Das Silber bohrte sich einen Atemzug später schon in den Hals des Alghuls und ließ ihn schwarzes Blut röcheln. Der schwer atmende Rist sah gescheucht auf, nickte seiner Kumpanin anerkennend zu. Er bückte sich gleich, um dem sterbenden Monster die Silberklinge aus der sehnigen Kehle zu ziehen. Der Mann wischte jene an seinem Mantel ab und warf sie Anna wieder zu.

Die normalen Ghule, die nun noch übrig waren, wären keine zu große Gefahr mehr. Sie alle würden sterben. Es gab im Kopf der Giftmischerin am Platz keine andere Option. Ihr Kumpel und sie würden die Leichenfresser nicht entkommen lassen.

 

Anna konnte ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen hören, als sie das dunkel beschmierte Schwert schließlich sinken lassen konnte. Unregelmäßig atmete sie und kam kaum zu Luft, ließ sich inmitten der alten, fliegenbesetzten Menschenleichen und der frischen Monsterkadaver nieder. Mit dem einen Arm wischte sie sich Ghulblut von der Wange und wäre der Boden nicht so abartig verschmiert gewesen, hätte sie sich zurück, auf den Rücken fallen lassen, um zu rasten. Doch die fauligen Leichen am Platz, die Verwesungsflüssigkeiten und all das Blut hielten sie davon ab. Stattdessen saß sie jetzt auf einem kleinen Fleck Gras, der noch nicht allzu besudelt war und legte ihre Waffen abgekämpft neben sich.

“Scheiß die Wand an…”, atmete sie und seufzte entnervt. Das Adrenalin wich ihr nur langsam wieder aus dem angespannten Körper und noch immer fühlte sie sich völlig aufgekratzt.

“Das kannst du laut sagen…”, stimmte Hjaldrist zu, der davon abließ sich hinzusetzen. Der Undviker stellte seine Axt neben sich ab und stützte sich schwerfällig darauf.

“Alles gut?”, wollte er wissen und betrachtete seine Kollegin von oben bis unten.

“Mh.”, machte Anna “Hab nur Kratzer. Du?”

“Geht mir auch so. Ich hab mich nicht beißen lassen.”, entgegnete er beschwichtigend und nicht ohne ein schiefes Grinsen im Gesicht. Die Hexerstochter lächelte leicht. Sie wischte sich ein paar feuchte Haarsträhnen aus der Stirn und rieb sich dann den rechten Unterarm, zog sich die blutverschmierten Lederhandschuhe aus und warf sie vor sich auf den Boden.

“Das waren ganz schön viele…”, kommentierte Rist und sprach damit das Offensichtliche aus.

“Japp.”, machte die Frau am feuchten Grund “Ghule treten oft in solchen Horden auf. Erst recht, wenn das Militär zu blöd ist seine Leichen wegzuräumen. Wir werden das diesem-... wie hieß er noch?”

“Flaut.”

“Ja, dem reiben wir das unter die Nase. Die Toten liegen zu lassen bedeutet nämlich die Bürger zu gefährden. Es ist, als würde man Köder für Monster auslegen. Völlig dämlich.”

“Mhm.”, brummte Hjaldrist und zog die Brauen kritisch zusammen, als er nachdenklich vor sich hin sah. Anna riss ihn gleich wieder aus seinen Gedanken.

“Du hast dich echt gut geschlagen.”, lobte sie ehrlich. Immer wieder verblüffte es sie, wie ihr sonst so diplomatischer und bedachter Freund im Kampf loslegen konnte. Manchmal, da mutete er an, als sei da irgendetwas in ihm, das ihn eisern vorantrieb und ihn bis zum Äußersten anstachelte, wenn er in eine blutige Auseinandersetzung geriet. Es war bemerkenswert. Wenn man den Kerl so ansah, konnte man nicht vermuten, dass er in der Schlacht aufdrehen konnte, wie ein wahrhaftiger Berserker.

Rist sah nach Anna’s Kompliment auf, hob die Brauen wieder etwas und seine Miene lichtete sich. Er wirkte angetan.

“Wir hatten noch nie mit Alghulen zu tun. Aber du hast das Mistvieh fast genauso schnell erledigt, wie ich meines.”, lachte die beeindruckte Hexerstochter und mit jedem Wort mehr klang ihr Unterton dabei neckischer “Und ich hatte eine Silberwaffe. Du nicht. Bist du dir sicher, dass du kein Vildkaarl bist?“

“Pff…”, gluckste Hjaldrist belustigt und rollte mit den dunklen Augen, doch man sah auch, dass ihm die Brust vor Stolz schwoll “Sehe ich so aus?”

“Nein.”, machte die aufrichtige Trankmischerin gleich “Aber vielleicht ist das bei dir ja so wie bei Violeta. Eigentlich ist sie voll hübsch, aber bei Vollmond wird sie zum haarigen, fauchenden Biest.”

Hjaldrist stutzte leicht, doch merkbar. Weswegen genau, konnte die ruhende Anna nicht sagen. Vielleicht, weil sie ihn einmal wieder als hübsch betitelt hatte. Er wurde immer ganz verlegen, wenn man das tat, hüstelte oder sah fort. Dann aber, schnaufte er nur belustigt und gab keine Antwort mehr. So wie immer. Die sitzende Alchemistin wollte gerade zu einer weiteren, scherzhaften Meldung ansetzen, als sie platschende Schritte vernahm und irritiert aufhorchte. Rist taxierte sie fragend, hatte scheinbar nichts gehört. Hinter ihm wankte eine Gestalt daher, die Anna sofort einen kalten Schauer über den Rücken jagte: Ein humanoid wirkendes Wesen mit aufgeplatzter, fauliger, glatter Haut und einem entstellten Schädel aus dem, zwischen dicken Hautlappen und knotigen Gewächsen, ein Gebiss und ein Auge zu erkennen waren. Rasselnd atmete es durch das widerliche Maul ein und dann setzte es sich abrupt in Bewegung. Hatte es zuvor noch so taumelig gewirkt, rannte es nun drauflos und dies so schnell, dass sich Hjaldrist kaum nach dem aufrecht gehenden Monstrum umsehen konnte, das ihn um einen halben Kopf überragte.

“Pass auf!”, konnte man Anna aufgerüttelt schreien hören, doch die Moderhaut schlug bereits zu. Ihre Krallen packten an die instinktiv zum Schutz angehobene Armschiene des Undvikers, der einen erschrockenen Laut von sich gab, als die zweite Pranke nach dem Mann hob. Sie zerriss den erdfarbenen Überwurf Hjaldrists mit einem lauten ‘Ratsch!’, ehe sich der Überwältigte losreißen konnte. Rücklings wich er ab und stolperte dabei fast über Anna, die im Begriff war aufzustehen. Sie erfasste ihr Schwert fest, kam auf die Beine und musste dem zornig fuchtelnden Leichenfresser sofort ausweichen. Unter einem seiner Hiebe duckte sie sich fort und sah im Augenwinkel, wie ihr bester Freund mit Erlklamm sogleich nach dem gurgeldnen Monstrum schlug. Wieder ging es aus diesem Grund auf ihn los und man hörte spitze Krallen an Metall abprallen. Noch einmal hob die Moderhaut vor sich. Anna wusste nicht, was geschah, denn sie kam soeben hinter das Biest, doch sie hörte, wie ihr Kumpan aus Skellige schmerzerfüllt aufkeuchen musste. Ungeachtet dessen stach sie zu und musste dabei Vorsicht walten lassen, um nicht auch noch Hjaldrist mit ihrer spitzen Klinge zu erwischen, der vor dem finsteren Wesen stand. Einmal drehte sie die Schneide im Oberkörper des nach Verwesung stinkenden Scheusals, dann zog sie das Bastardschwert wieder ruckartig aus jenem hervor. Wutentbrannt fuhr es jetzt zu ihr herum, als ihm das dunkle Monsterblut über den Bauch nach unten lief und in dicken Rinnsalen zu Boden tropfte. Dies war der Moment, in dem dem stupiden Wesen eine Familienaxt aus Undvik in den Hinterkopf gehauen wurde, dass es nur so knackte. Rist fluchte dabei in seinem Dialekt, trieb das Axtblatt viel tiefer. Die Moderhaut zuckte, hielt inne. Und obwohl sie augenscheinlich keine Schmerzen verspürte, wirkte sie auf einmal wie entrückt. Anna wusste auch wieso.

“Weg!”, brüllte sie, doch Rist starrte den Leichenfresser bloß unglaublich zornig an, als er mit seiner Axt im verzerrten, krachenden Schädel des Biestes ruckelte, um jene noch tiefer zu treiben. Also hastete Anna an seine Seite, erwischte den Mann barsch am Unterarm und wollte ihn mit sich zerren. Die große Moderhaut röchelte laut und verströmte einen noch beißenderen Gestank als vorhin. Ihr fahler, fauliger Körper blähte sich, wie ein Leichnam, den man zu lange in der Sonne hatte liegen lassen und unkoordiniert zuckte das Ding. Schwarzer Speichel floss ihr aus dem unwirklich anmutenden Maul.

“Rist!”, blaffte die Hexerstochter fordernd und erst an diesem Punkt schien ihr kampfeswütiger Kumpel wieder zu sich zu kommen. Kurz trafen sich ihre Blicke. Dann riss die Frau den fragenden Skelliger von dessen Waffe los, die tief im Kopf der Moderhaut feststeckte. Sie bugsierte ihn hastig fort, doch nicht schnell genug. Denn der Nekrophage blähte sich weiter auf, gab widerliche, feuchte Geräusche von sich. Und dann platzte er, dass Hautteile, Fleisch und Blut nur so zur Seite fort spritzten. Ein dunkles Gas stob auseinander, wie eine Welle, die dem Ufer entgegenschlug und tötete die hier überall sirrenden Fliegen sofort. Gewaltsam prallte es, kurz bevor es Anna erreichen konnte, wie an einer unsichtbaren Wand ab. Ein leichter, oranger Schimmer flackerte auf, zuckte. Das dicke, hochgiftige Gas sackte vor der Frau gen Grund und kroch dort weiter. Doch sie selbst blieb unversehrt. Und da sie zwischen Rist und dem verheerenden Toxin stand, das Lungenblutungen auslöste, stieß auch dem Axtkämpfer nichts zu.

Leicht geduckt und die Augen verengt, als erwarte sie einen heftigen, unausweichlichen Schlag gegen den Rücken, verharrte Anna dicht vor ihrem Kollegen. Doch es geschah nichts. Hjaldrist, wiederum, stand einfach nur perplex da und sah zu Erlklamm, die da unweit in einem dunklen Fleischbrocken steckte, der zwischen Moderhaut-Blut und -Gedärm am Boden lag. Es war auf einmal so still geworden. Und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Mann den Blick zurück auf seine keuchende Freundin lenkte, die sich nur allmählich wieder aus ihrer gehetzten Schutzhaltung löste und sich in die Richtung umsah, aus der vor wenigen Augenblicken noch explosionsartig verheerendes Gift geschossen war. Die trockenen Lippen standen ihr einen kleinen Spalt weit offen, ihre Hände zitterten leicht und verblüfft blinzelte sie. Und dann… dann kam der Schmerz. Er war nicht schlimm, doch Anna fluchte dennoch leise. Wer wäre sie denn gewesen, wenn nicht?

Entnervt stöhnte sie und fasste sich an den Unterbauch.

“Scheiße, Mann…”, entkam es ihr leise. 

“Was… war DAS?”, wollte Rist wissen, als er sie an den Oberarmen erwischte und leicht schüttelte, um sofort ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu erlangen. Mürrisch hob die Frau den Kopf.

“Die Moderhaut ist explodiert.”, erklärte sie, während ihr magisches Schild verblasste “Das tun die immer. Und wenn man das Gas abbekommt-”

“Das habe ich bemerkt, Dummkopf.”, schlug Hjaldrist gleich dazwischen “WAS hast du da gemacht?”

Auf eine leicht genervte Weise, denn noch immer verspürte Anna ein unangenehmes Ziehen in der Bauchgegend, starrte die Alchemistin den Undviker an. Rist sah aus, als könne er sich nicht entscheiden, ob er vollkommen begeistert oder verwirrt sein sollte.

“Quen?”, entkam es ihr irritiert und vielleicht sogar patziger, als gewollt “Was sonst...?”

Offenbar hatte der Krieger es vor zwei Wochen nicht bemerkt, dass seine Freundin dieses Hexerzeichen schon einmal gewirkt hatte. Damals, als sie ihn aus dem gut bewachten Hauptquartier der Ewigen Flamme gerettet hatte. Rist war zu dem Zeitpunkt wohl zu fertig gewesen, als noch irgendetwas zu realisieren, das um ihn herum geschah. Anna musterte ihn erst grüblerisch, dann musste sie etwas grinsen. Mutete der Kerl gerade tatsächlich beeindruckt an? Dann waren sie für heute ja quitt.

Kommentare zu Kapitel 59

Kommentare: 0