Kapitel 6

Wenn Geschwisterliebe zu weit geht

„Rist...“, wisperte Anna leise. Noch immer hatte sie die Arme des Besagten fest um dessen Schultern geschlungen und man hörte den schmalen Mann einmal tief und nahezu entnervt durchatmen. Er hatte die Arme zuvor nur vorsichtig angehoben und entschloss sich erst jetzt dazu die Umarmung seiner Freundin locker, wenngleich auch unschlüssig, zu erwidern.

„Wirst du gerade sentimental?“, wollte er direkt und mit gesenkter Stimme wissen, aber schien nicht daran zu denken die Hexerstochter, die über seine Schulter gen Redgill sah, von sich zu drängen. Er war kein harter, kalter Kerl und bestimmt hatte er ab und an nichts gegen Nähe. Außerdem waren sie beide gerade dem Tod entronnen. Eine zutiefst erleichterte Umarmung tat den meisten in solch einem Fall gut.

„Nein, ich-“, fing die Kräuterkundige zögerlich an, doch kam nicht weiter, denn der Skelliger lachte just leise in sich hinein und unterbrach sie damit in einem sanft amüsierten Ton.

„Hör zu...“, meinte er und holte schon tief Luft, um zu einer gut gemeinten Forderung anzusetzen. Zwar hatte er seiner Freundin gerade den Arsch gerettet, aber deswegen wollte er sicherlich nicht dastehen, wie ein glorreicher Ritter, der eine Prinzessin vor einem fauchenden Drachen bewahrt hatte. Der Inselbewohner war kein Typ für sowas. Und gleichzeitig lag er auch falsch, wenn er dachte, er hätte sich nun einen Kuss verdient. Anna seufzte genervt, als ihr dies in den Sinn kam, und riss Hjaldrist damit aus seinen vermeintlichen Gedanken rund um dankbare Edeldamen. Sie legte ihrem Gefährten eine Hand auffordernd an die Schulter und rüttelte sachte daran, während sie mit dem Kinn nervös gen Dorf deutete.

„Da.“, murmelte sie mit gemischten Gefühlen in der Magengrube „Sieh doch.“

Ihre braunen Augen hingen schon die ganze Zeit auf dem halb zerfallenen Dorftor, das da unweit und mit ächzenden Scharnieren im Nachtwind wippte. Hatte Rist, dieser Depp, etwa tatsächlich gedacht, sie seufze ihm nun betörend zu, wie gern sie ihn hätte oder flüstere, welch ein toller Held er doch sei? Er kannte Anna doch schon gut genug, um zu wissen, dass sie keine Frau von solch einer Art war. Die Trankmischerin war schlicht sprachlos über den obskur veränderten Anblick Redgills gewesen, der sich ihr geboten hatte. Und auf dies hatte sie ihren Kumpan dringend ansprechen wollen.

„Was denn...?“, Hjaldrist wirkte wahrhaftig ein wenig überrascht, lockerte den Griff um die Kurzhaarige und sah sich suchend um. Fragend folgte sein forschender Blick dem Fingerzeig seiner unruhigen Kollegin durch die junge Nacht und sofort verstummte er, als er erkannte, was Anna meinte. Er ließ sie langsam los und seine trockenen Lippen standen ihm einen überforderten Spalt weit offen, als er blinzelte und einen ratlosen Ton von sich gab. Er glaubte wohl genauso wenig, wie die Novigraderin vor ihm, was hier gerade passierte.

„Oh, nicht schon wieder...“, konnte man ihn einen heiseren Atemzug später schon pikiert brummen hören. Denn das lauschige Redgill, das man vom helllichten Tage her als Idylle kannte, war verschwunden und einer völlig veränderten, verkommenen und toten Ortschaft gewichen: Wo Stunden zuvor noch hölzerne Palisaden gestanden hatten, um hungrige Ertrunkene und wilde Tiere von den kleinen Hütten fern zu halten, standen nurmehr ein paar traurige, morsche Planken herum. Das kleine Tor zum Ort war eingerissen und seine kümmerlichen Überreste, die noch in den rostigen Angeln hingen, waren schief und brüchig. Man hatte freie Sicht auf viele zerstörte und verlassene Häuser, zerschlagene Mauerteile und Kisten, die herumlagen, als hätte sie jemand umgeworfen. Ein halb versunkenes Fischerboot schwappte neben einem maroden Verkaufsstand im kniehohen Wasser. Und dieser Marktstand... er war derjenige, der heute Mittag noch von einer beleibten Fischersfrau bedient worden war. Der, bei dem Anna und Rist reichlich belegte Makrelenbrötchen und fettigen Backfisch gekauft hatten. Wo tagsüber also die fröhliche, feiste Dame gestanden und ihre leckeren, traditionellen Waren laut schreiend angepriesen hatte, lehnte nun nur noch das verwitterte Gerüst eines hölzernen Standes. Das kleine, gestreifte Sonnensegel, das ihm als Dach gedient hatte, flatterte als zerschlissener Fetzen im Wind. Ein paar kleine Schneeflocken trieb letzterer umher und die nahen Tannenwipfel rauschten mit ihm, als wollten sie die Szenerie düster untermalen. Oh, wie gut dies just passte!

Anna's Augen blieben in morbider Faszination auf die Dorfruinen geheftet, die da still im Halbmondschein lagen. Es war so ruhig und hätte das nach Salz und Algen riechende Meer nicht vernehmlich mit den Tannenwäldern im Wind gebraust, hätte man bestimmt den Schnee fallen hören. Hier war keine Menschenseele mehr; Niemand außer der beiden Abenteurer.

„Ist das nun auch wieder Magie oder was?“, fragte Hjaldrist drängend nach. Er wollte wohl gefasst wirken, doch dass er verunsichert flüsterte, verriet, dass ihm die heikle Situation ganz und gar nicht geheuer war. Dies war ihm nicht zu verdenken. Wirklich nicht. Auch Anna war es ganz flau im Bauch.

„Nein... ich glaube nicht.“, antwortete die Novigraderin leise. Doch sie war sich absolut nicht sicher. Dabei wusste sie nach wie vor nicht, ob sie ihren staunenden Augen trauen sollte. Redgill war verwüstet worden, zerstört und verlassen. Und zwar nicht heute, oh nein. Der glitzernde Schnee bedeckte viele der Ruinen zentimeterdick und keinerlei Fußabdrücke führten in das einsame Dorf hinein. Da waren keine Leute, keine Tiere, keine Anzeichen für Leben jedwelcher Art. Auch frische Leichen gab es nicht, weswegen auch hungrige Monster wie Ghule oder andere Nekrophagen fehlten. Es war gespenstisch, außerordentlich trügerisch, doch das Wolfsmedaillon der entrückten Hexerstochter reagierte nicht. Kein Bisschen ruckelte es. Das war eigenartig, wenn man bedachte, wie die Ortschaft vor wenigen Stunden noch ausgesehen hatte.

„Ich verstehe das nicht.“, sprach Anna daher ehrlich aus und machte damit klar, wie wirr sie in diesem Moment war, wie ratlos. Sie spürte Rist's abschätzenden, zweiflerischen Blick auf sich liegen. Natürlich hatte auch er keine Ahnung von dem, was hier lief. Woher auch? Er war bloß ein einfacher Straßenkämpfer, den die gefährliche Abenteuerlust gepackt hatte und der einer verrückten Hexerstochter aus genau diesem Grund hinterherlief.

„Redgill war vorhin noch so belebt. Da sind so viele Menschen gewesen. Die Hütten waren heile, die Palisade intakt. Man hatte den Weg vom Schnee frei geschaufelt gehabt...“, murmelte die Kurzhaarige, als spräche sie mit sich selbst, und ihr Begleiter führte dies fort:

„Es war tagsüber das komplette Gegenteil von alldem hier.“, der Mann zeigte in die Richtung der Häuser mit den eingeschlagenen Wänden und so, wie seine sprachlose Freundin stand er einfach nur wie angewurzelt da. Sie beide rührten sich nicht, traten ihrer Unsicherheit wegen nicht näher. Denn war es etwa klug in ein vermeintliches Geisterdorf zu gehen? Oh, die Reisenden hatten heute doch schon einmal solch einen seltsamen Ort betreten und es hatte absolut nichts Gutes gebracht. Sie hätten beinahe ihre erbärmlichen Leben an einen wütenden Waldschrat verloren, weil sie so neugierig, naiv und nachsichtig gewesen waren. Und dennoch müssten sie wohl oder übel in das nächtliche Redgill zurück. Früher oder später. Rist sprach aus, weswegen:

„Unsere Sachen sind noch dort. Und die Pferde. Wir können sie nicht zurücklassen.“, merkte er an und schenkte Anna einen hintergründigen, auffordernden Blick. Ja, er hatte Recht. Sie hatten ihre Rucksäcke in der hiesigen Taverne gelassen, bevor sie aufgebrochen waren, um die vermisste Mimi zu suchen, und ihre Vierbeiner beim dazugehörigen Stall abgegeben. Dieser kleine Unterstand hatte sogar einen fröhlichen Stalljungen aufgewiesen, der ihnen freundlich entgegen gelacht und gemeint hatte, dass das Abstellen von Reittieren für die so herzlich willkommenen Gäste der Schenke umsonst sei. Welch eine riesengroße Scheiße! All die Leute hier hatten so gastfreundlich und nett gewirkt, wie der besagte Junge. Sie alle hatten lieb gelächelt, stets gegrüßt, sich auffallend froh verhalten. Und jetzt, wo Anna darüber nachdachte, wirkte es so eigenartig und verdächtig auf sie. Der kleine, winterliche Ort am Meer war so hübsch gewesen, idyllisch, viel zu gut. Nirgendwo war es so. In keiner Stadt und in keinem Dorf waren die Menschen so freundlich; erst recht nicht Leuten von außen gegenüber. Dies hätte ihr negativ auffallen und sie argwöhnisch stimmen sollen. Die geschulte Frau hätte hinterfragen müssen, denn nirgends wurde man in harten Zeiten, wie dieser ausschweifend lieb behandelt. Stattdessen hatte sich die Schwertkämpferin einfach hingegeben und den Tag in Redgill genossen. Dies mit schmackhaftem Fisch und gemütlichem Marktstandgebummel. Es war eine gelungene Abwechslung vom schweren Alltag gewesen; abseits von Kampf, magerem Essen, langen Reisen oder dem Nachjagen von Aufträgen, um ein wenig Geld zu verdienen. Das Dorf, das gerade nicht mehr viel mehr war, als ein Haufen marodes Holz und Stein, hatte im Sonnenschein einem kleinen Winterparadies geglichen. Doch es war in Wirklichkeit keines.

„Sehen wir nach unseren Sachen.“, murrte der anwesende Skelliger und haschte damit nach Anna’s Aufmerksamkeit “Hoffentlich sind sie überhaupt da...”

Die Angesprochene nickte langsam, blickte auf und straffte die Schultern. Anna und Rist betraten die verschneiten Dorfruinen folgend auf leisen und vorsichtigen Sohlen. So, wie dreckige Diebe es täten. Und obwohl sie aufmerksam um sich sahen und die Hände kampfbereit an den Griffen ihrer Waffen liegen hatten, geschah nichts. Sie hatten eigentlich erwartet in das zweite Fettnäpfchen des heutigen Tages zu treten – wenngleich auch ein wenig besser vorbereitet, wenn man es so nennen konnte -, doch Redgill lag einfach nur totenstill da. So, als sei hier tatsächlich nichts und niemand.

Mit suchend wandernden Augen ging Anna durch den knirschenden, knöchelhohen Neuschnee und versuchte sich daran zu erinnern, wo tagsüber welches Gebäude gestanden hatte. Ihr taxierender Blick streifte das halb abgerissene Haus des Schmieds, wanderte über die wenigen Hütten anderer Bewohner und den heruntergekommenen Stand des koketten Händlers, bei dem sie viel Wolle zum Häkeln eingekauft hatte. Sie hielt wenige Atemzüge lange inne, schritt daraufhin langsam auf den besagten Marktstand zu und betrachtete die eisige Schneeschicht auf der schiefen Verkaufsfläche stumm. Langsam streckte sie ihre behandschuhte Hand danach aus, wischte etwas von dem kalten Weiß fort und legte damit die Sicht auf ein paar Münzen frei, die da halb festgefroren am schmalen Tresen lagen. Sie musste Rist nicht rufen, denn der war zu ihr gekommen und sah der wenig begeisterten Novigraderin verdutzt über die Schulter.

„Unser Geld.“, stellte er trocken fest und Anna nickte. Ein Moment, der sich äußerst befremdlich anfühlte. Denn, bei Melitele, was hatten sie hier und heute, vor wenigen Stunden, bloß getan? Mit der Luft gesprochen und Geld auf den hölzernen Marktstand gelegt, weil sie sich eingebildet hatten damit dicke Wolle und glänzende Fibeln zu kaufen? Und Handschuhe. In einer vagen Erkenntnis linste Anna aus den Augenwinkeln zu ihrem Kumpel zurück, an ihm hinab, zu seinen bloßen Händen.

„Deine neuen Handschuhe.“, murmelte die Hexerstochter vielsagend, sah auf und suchte verschwörerisch Blickkontakt. Hjaldrist wirkte daraufhin dezent irritiert und sah auf seine kalten Hände hinunter. Ein unwohler Laut verließ seine Lippen.

„Ich muss sie ausgezogen haben…“, entkam es dem Skelliger vorschnell gemurmelt und Anna riss die braunen Augen nicht von ihm, als er sich prüfend in die tiefen Manteltaschen fasste und fahrig an seinem breiten Gürtel entlang tastete, um zu sehen, ob er die Lederhandschuhe dort hinter den braunen Riemen gesteckt hatte. Sie waren nicht da.

„Nein.“, korrigierte Anna wispernd und sprach damit das Naheliegende aus „Du hattest sie nie. Wir haben uns all das, was hier geschehen ist, nur eingebildet.“

Worte, nach denen Rist’s Miene unsäglich weit verrutschte. Noch einmal fasste er sich verblüfft in die Taschen, kramte etwas herum und brachte nur ein altes Stofftaschentuch und einen kleinen Feuerstein zutage. Bestimmt hatte sich der hübsche Axtkämpfer noch nie in solch einer befremdlichen Lage befunden. Vor seiner Reise mit Anna war er doch nur ein ‘normaler’ Kerl gewesen, der mit Magie, Monstern und dergleichen nichts am Hut gehabt hatte. Und nun steckte er knietief in irgendeinem trügerischen, mysteriösen Mist.

„Die Fibel ist auch fort.“, atmete der Mann verdutzt und Anna seufzte wissend.

„Illusionen. Richtig gute sogar.“, schätzte sie knapp und erinnerte sich dabei an die Theorie, die sie über jene kannte.

„Warum?“, eine berechtigte Frage seitens Hjaldrist „Weswegen sollte eine Illusion über diesem Ort liegen? Und das auch nur tagsüber? Das macht keinen Sinn!“

“Vielleicht.”, entgegnete die nachdenkliche Giftmischerin leise. Auch Anna fasste den Zweck der hiesigen magischen Verschleierung nicht so richtig.

Illusionen wurden verwendet, um irgendwelche Dinge und Begebenheiten zu vertuschen oder gezielt zu verändern. Balthar hatte einmal erzählt, dass Zauberinnen und Magier gern darauf zurückgriffen, wenn sie sich in alten, abgelegenen Burgruinen oder vermoderten Villen für geheime Beratungen oder Sitzungen trafen. Sie legten in dem Fall einfach ein mächtiges Trugbild über das Gebäude und das öde Umland. Sie sponnen solch ein starkes Fantasiegebilde, dass man glaubte, der Ort sei einladend und wunderschön. Doch wirklich restauriert, das war er dadurch natürlich nicht. Nach der Zusammenkunft der Magier und Zauberinnen, so hatte Anna’s Ziehvater belehrend gesagt, verschwände die hübsche Illusion wieder und ließe nur zerstörtes Mauerwerk und eingestürzte Hallen zurück. Und nicht nur Gebäude und Orte konnten von solch einem Zauber betroffen sein. Sondern auch Essen, kleinere Gegenstände, einfach alles. Wenn man dem also glaubte, war es keine wirklich große oder einmalige Sache, dass ein ganzes Dorf einem die Optik verzerrenden Zauber unterlag. Und dennoch musste man sich fragen, warum es Redgill’s Täuschung überhaupt gab. Und weswegen existierte sie nur am Tag? Wäre sie morgen, bei Sonnenaufgang, wieder zurück und könnte man dann am Markt wieder duftende Backfische kaufen? Wo lag da der Sinn? Die Lage war unheimlich verzwickt.

Die skeptische Anna runzelte die Stirn tief und sah prüfend um sich, während Hjaldrist die wenigen Münzen vom morschen Marktstand klaubte, die sie beide heute Mittag dort abgelegt hatten. Und ihre Aufmerksamkeit blieb an dem großen Haus hängen, das unweit neben einem Haufen umgefallener und eingeschlagener Fässer im kalten Schnee ruhte. Die Taverne. Ihr Schild mit der Aufschrift ‚Meerblick‘ hing schief über dem Eingang und die Lettern darauf waren so verwaschen, dass man sie im fahlen, weißen Mondlicht kaum noch entziffern konnte. Die ehemals hübschen, blau gestrichenen Fensterläden des ‚Meerblicks‘ fehlten zum Großteil und in einer Seitenwand des Gebäudes prangte ein breites Loch, durch das es dick in den alten Schankraum geschneit hatte. Irgendwo dort mussten noch die Rucksäcke von Anna und Rist herumliegen. Und was war mit ihren Pferden? Der heruntergekommene, kleine Stall neben dem Gasthaus war leer. Vermutlich waren Kurt und Apfelstrudel längst geflohen. Oder aber die tagsüber getäuschten Abenteurer hatten die Tiere irgendwo anders festgebunden und dies vergessen. Bei all dem, das heute passiert war und gerade noch geschah, hätte es Anna nicht mehr sehr gewundert.

“Dort, Rist. Die Schänke.”, murmelte die burschikose Monsterjägerin unruhig und haschte damit nach der Aufmerksamkeit ihres Kumpans, der vom vereisten Marktstand-Überbleibsel aufsah “Sie sieht so verändert aus. Mir ist echt mulmig zumute...”

“Mir auch.”, gab der Dunkelhaarige zu, berührte seine Kollegin auffordernd am Arm und setzte sich dann in Bewegung. Sie müssten nach ihren Rucksäcken sehen. Die beiden könnten all ihre Habseligkeiten und ihr Geld nicht hier lassen, nur weil ihnen der Ort die Nackenhärchen aufstellte.

 

Das Gepäck der beiden Abenteurer lag tatsächlich in der maroden Tavernenruine, in der es zog, wie in einem Vogelhaus. Die beiden Rucksäcke lagen halb zugeschneit im muffigen Gästezimmer im oberen Stockwerk, das sie tagsüber bei der freundlichen Schänkenbelegschaft für eine Nacht angemietet hatten. Die Treppe nach oben war so vermorscht, dass sie unter den Füßen Rists und Annas beinah eingestürzt wäre. Und das Zimmer, in dem sie nun mit hängenden Schultern standen, sah nicht viel besser aus. Knarrend und quietschend wippte ein Fensterladen mit abblätternder Farbe im kalten Wind und es war eisig kalt. Anna fröstelte leicht und wisperte einen Fluch, als sie sich nach ihrem Rucksack bückte und jenen prüfend betrachtete. Sie ging davor in die Hocke, blies ein paar Schneeflocken von ihm fort und begann damit suchend in ihren wenigen Habseligkeiten zu kramen. Natürlich waren die Wollknäuel, die sie heute Nachmittag gekauft hatte, nicht da. Genauso wenig, wie es Hjaldrist’s neue Handschuhe und die schmucke Bronzefibel waren. Die Novigraderin konnte sich eines bedauernden Seufzens nicht erwehren.

„Was machen wir?“, konnte sie ihren Freund dann fragen hören. Jener ging gerade zum Fenster, in dem das Glas fehlte, und haschte nach dem quietschenden Fensterladen, um jenen gewaltsam zuzuziehen. Es rumste, dann war das lästige Knarren verstummt und der Skelliger klopfte sich den nicht vorhandenen Dreck von den Handflächen. Noch immer war es in der Hütte klirrend kalt, doch dafür zog es nicht länger so gewaltig. Rist hauchte sich warm in die frierenden Handflächen und rieb jene murrend aneinander.

„Es ist spät. Und wir haben abgesehen von dieser Ruine hier keinen Unterschlupf für die Nacht.“, erinnerte Anna wehleidig, als sie sich nach dem Krieger im grünen Rock umsah. Sie erhob sich wieder etwas schwerfällig und zog die Brauen unzufrieden zusammen.

“Der Schrat ist noch da draußen und… und zugegeben: Ich habe gerade echt etwas Schiss davor ihm noch einmal zu begegnen.”, murmelte die Kurzhaarige, die es hasste, Schwächen zuzugeben. Doch wenn sie es einmal offen aussprach sich zu fürchten, dann gegenüber dem Schönling der Inseln. Schlussendlich war er ihr einziger und auch noch recht guter Freund, oder? Sie wollte ihm vertrauen.

„Du meinst also, wir sollten bleiben?“, fragte Rist und sah dabei nicht sonderlich glücklich aus. Klar. Die gesamte Situation war heikel und das verwunschene Redgill unsäglich unheimlich. Anna wiegte den Kopf abschätzend, klapperte die Optionen sorgfältig im Geiste ab und verschränkte die Arme derweil eng vor der Brust.

„Wir könnten auch nach draußen gehen und im Schnee nach einer anderen Bleibe für die Nacht suchen. Aber ich weiß nicht, ob es hier in der Nähe etwas gibt. Zudem sollten wir nicht wieder in den Wald gehen, wenn uns unsere Leben lieb sind.“, grübelte die Kurzhaarige vor sich hin und sah, wie Rist bald nachgiebig nickte.

„Es gefällt mir genauso wenig, wie dir, hier zu sein… doch es ist besser in einer gruseligen Ruine zu sitzen, als planlos im Schnee herum zu irren. Ich schlage also vor, wir bleiben hier und sehen zu, dass wir bei Tagesanbruch verschwinden.“, meinte Anna vorsichtig und äugte abwartend gen Landsmann. Man hätte gar meinen können, die Alchemistin wirke kleinmütig.

„Also gut. Ja, wir sollten wohl bleiben. Besser in einem Geisterdorf schlafen, als nachts in der Wildnis zu erfrieren. Und, bei Jörmungandr, das tut man hierzulande sehr schnell, wenn man nicht aufpasst.“, meinte der vernünftige Mann unbehaglich und dennoch mit einem Funken Entschlossenheit im Unterton. Das schätzte Anna so sehr an Hjaldrist: Auch in schweren Zeiten war da immer etwas Selbstsicherheit in seinem Tun. Es bestärkte einen, machte Mut. Die Frau lächelte, nickte langsam und beobachtete, wie der Skelliger im Bunde um sich sah. Er deutete auf eines der alten, schiefen Betten, die im spartanischen Raum standen.

“Ich halte erstmal Wache. Ruhe du dich aus, ja?”, schlug er vor “Ich kann gerade so und so noch nicht schlafen.”

 

Was folgte war eine lange Nacht und eine kalte, verschneite auch noch dazu. Und als Anna nach Hjaldrist’s getaner Wachschicht dasaß, eingewickelt in ihren erdfarbenen Umhang und mit einer kratzigen Wolldecke über den Schultern, pfiff der Wind vor dem Gebäude die Schneeflocken noch immer durch das ausgestorbene Dörfchen. Die Frau zog sich die weite Kapuze tief in das Gesicht und rieb die Finger aneinander. Sie war heilfroh darüber, dass sie im Moment hier drin war und nicht draußen in dem gähnenden Sauwetter. Dies, obwohl sie gerade auf einem sehr modrigen Bett saß, das sie sich der eisigen Temperaturen wegen mit ihrem treuen Begleiter teilen musste. Jener lag dicht neben ihr, eingerollt, in voller Montur und hatte sich ebenfalls den gefütterten Mantel und die Decke bis über das Gesicht gezogen. Von der Kälte waren ihm die Wangen und die Nase ganz rot geworden; so viel konnte man im orangen Schein einer rostigen Tranlampe sehen, die Anna mühsam entfacht hatte. Rist schlief oder vielleicht tat er auch nur so. Die letzten Stunden über hatte er aufgepasst und Anna an seiner statt geschlafen. Tief, das hatte sie dies aber nicht getan und daher fühlte sie sich gerade, als sei sie unlängst von einem Steingolem geboxt worden. Sie gähnte erschöpft in ihren hohen Kragen und zog die Knie dicht an ihren Körper, sah matt vor sich hin und hörte dem ungnädigen Wind beim Heulen zu. Es hörte sich fast so an, als verlache er die kleinen Monsterjäger, die heute hoffnungslos in Redgill festsaßen.

Eine halbe, nicht enden wollende, Ewigkeit verging so und Anna wäre einmal beinah eingenickt, da vernahm sie etwas anderes, als das Brausen des schäumenden Meeres und das Pfeifen des schneidenden Sturms. Da war eine leise Stimme. Draußen, vor dem halb zerfallenen Haus. Oder bildete sie sich dies ob ihrer Abgeschlagenheit bloß ein? Es hatte sich angehört, wie ein jämmerliches, verzweifeltes Weinen, doch Anna konnte sich auch irren. Fantasierte sie etwa? Ihr ‘Ziehonkel’ Vadim hatte ihr früher, in Kaer Morhen, einmal erzählt, dass man damit anfing zu halluzinieren, wenn man als Normalsterblicher zu wenig schlief. Geschah das gerade?

Die alarmierte Novigraderin hob den Kopf sofort an, als sich die fremde, hohe Stimme erneut mit dem Gähnen des Eiswindes vermischte. Sie regte sich kaum, horchte bloß angestrengt. Und da war es wieder: Ein leises Weinen, das Jammern eines verbitterten Kindes in der düsteren Nacht. Ein Geräusch, dem Anna noch einige Augenblicke lange unschlüssig lauschte, bevor sie zögerlich an die schmale Bettkante rutschte und die Füße auf den unebenen Boden stellte. Einmal atmete die Kurzhaarige tief durch. Sie erhob sich, wendete sich ratlos dem Fenster zu und näherte sich jenem. Ein Stück weit schob sie den geschlossenen, blauen Fensterladen auf, um verstohlen nach draußen zu lugen; in das Dorf, das einem wahrhaftigen Friedhof glich. Starr war ihr Blick auf die stille Dorfmitte gerichtet. Dort war jemand. Ein Kind. Weiß, wie der Schnee ging es durch eben jenen und schien die fassungslose Frau am Fenster überhaupt nicht zu bemerken. Oder aber es beachtete sie einfach nicht. Anna sah, wie das kleine Mädchen langsam durch den Ort wandelte, auf bloßen Füßen und so, als berühre es den eiskalten Boden nicht. Keine Fußspuren blieben zurück. Eine halb offene, helle Schleife hing der Kleinen unordentlich vom Kopf mit den langen, wirren Haaren, die hinter dem Mädchen her wehten, wie bei einem Unterwassertanz. Der blinzelnden Hexerstochter stand der Mund in ungläubiger Überwältigung ein Stückchen weit offen und sie rieb sich die Augen, als helfe dies gegen nächtliche Bilder von Kindergeistern. Doch es brachte natürlich nichts. Die Erscheinung im verwehten Schnee war noch immer da und schwebte langsam und orientierungslos über den kleinen Platz vor dem Gasthaus. Das Mädchen sah sich immer wieder um, als suche es etwas. Es fasste sich an das blasse Gesicht mit den leeren Augen, vergrub jenes an den Handflächen. Und es weinte. Anna schluckte trocken und sie beobachtete das unfassbare Geschehen vor dem kaputten Haus noch eine ganze Weile lang sprachlos. Was sollte sie tun? Warum tummelte sich hier eine Erscheinung? War Redgill verflucht? Der Blick der Frau begann zu wandern und sie zog die Brauen weit zusammen, fuhr sich mit einer Hand grüblerisch über das Kinn. Über die Schulter sah sie prüfend zu dem Mann zurück, der da völlig ruhig am schräg stehenden Bett im Gastraum lag und schlief. Anna müsste ihn aufwecken. Zusammen wüssten sie, was zu tun wäre. Also wandte sich die Giftmischerin von dem Fenster ab, vor dem sie stand, um so leise als möglich zum Bett zurück zu eilen und ihren Kumpel zu wecken. Ja, sie hätte die geisterhafte Erscheinung vor der Taverne auch ignorieren und sich wieder zu Hjaldrist auf die mottenzerfressene Matratze setzen können. Sie hätte sich ganz still verhalten können, in der Hoffnung, die Mitternachtserscheinung bemerke sie nicht. Jedoch war die Kriegerin aus dem Norden einfach niemand, der schaurige Begebenheiten überging. Sie war unter der Fuchtel von Hexern aufgewachsen und wer wäre sie denn, hätte sie nun nichts gegen das unternommen, das da so drohend über dem toten Fischerdorf hing? Außerdem war die Frau neugierig. So unheimlich das heulende Kind am Vorplatz der Taverne auch war, so wollte Anna erfahren, was es mit jenem auf sich hatte. Ob es ängstlich oder aggressiv war. Und sie wollte herausfinden, was die Kleine hier, in dieser Welt hielt. Anna hatte da schon eine vage Vermutung.

„Rist…“, flüsterte die Kurzhaarige, als sie den Besagten leicht rüttelte, nachdem sie sich zu ihm auf die harte, mottenzerfressene Matratze gesetzt hatte. Der Schlaf des dunkelhaarigen Skelligers war so seicht gewesen, dass er den Oberkörper sofort etwas verwirrt aufrichtete und schlaftrunken irgendetwas von ‚Was‘ und ‚Gefahr‘ brabbelte. Es wirkte dabei fast schon niedlich.

„Pscht.“, machte Anna bloß „Wir haben Gesellschaft.“.

Sofort war der Mann hellwach und bevor er eilig irgendetwas fragen konnte, deutete Anna mit ernster Miene gen Fenster. Nach wie vor war sie angespannt, doch besann sich darauf, dass gerade noch keinerlei Gefahr herrschte.

„Da ist eine Erscheinung. Unten am Platz.“, wisperte die Kriegerin leise. Rist starrte sie unschlüssig an und seine Haare standen ihm vom Herumliegen etwas wirr vom Kopf ab. Beiläufig strich er sie sich zurück, doch es half nicht viel.

„Eine… was?“, wollte er wissen und zwang sich merklich dazu mit gesenkter Stimme zu sprechen.

„So etwas wie ein Geist.“, erklärte die Novigraderin die ganze, unglückliche Sache etwas einfacher und spürte, wie der Blick ihres Kollegen ungläubig an ihr klebte. Rist sagte nichts. Er schwieg bloß und man bemerkte, wie sein Kopf auf Hochtouren arbeitete; wie er versuchte sich einen Reim auf seine Lage zu machen. Der Faustkämpfer war absolut ratlos und fühlte sich von den Einschätzungen seiner geschulten Kollegin abhängig, das sah man ihm an. Aus dem Augenwinkel linste er zögerlich gen Fenster und verengte den Blick prüfend.

„Sieh selbst. Aber pass auf, dass sie dich nicht bemerkt, hörst du?“, forderte Anna auf und sie konnte sich kaum verstehen, da stand ihr Kumpan schon. Auf leisen Sohlen bewegte er sich folgend auf das glaslose Fenster zu, dessen Laden eine Spalte weit offenstand. Der Mann hielt auf halbem Weg inne, schien zu überlegen. Rist sah sich nach Anna um und sie nickte ihm ermunternd zu. Erst dann schritt er weiter, lehnte sich dem Fenster entgegen und spähte hinaus. Eine angespannte Stille tat sich im Raum auf, während das Geistermädchen draußen tieftraurig weinte und dies lauter, als der heulende Eiswind.

„Das ist... das ist Lena.“, entkam es Rist dann auf einmal völlig perplex und er schaffte es nicht sich wieder von dem Geschehen im Schnee abzuwenden, wo das besagte Mädchen mittlerweile mit angezogenen Beinen zwischen ein paar zerschmetterten Kisten saß und das nasse Gesicht an den Knien vergrub. Die Schultern der Kleinen bebten.

„Nein, es sieht nur aus wie sie.“, korrigierte Anna und fing einen vielsagenden Blick von ihrem aufgeregten Gefährten auf. Auch sie erhob sich erneut, um zu Hjaldrist aufzuschließen und neben ihm nach draußen zu äugen.

Wieder Schweigen. Anna brach jenes erst viele Momente später:

„Was sollen wir tun?“, von der Seite aus blickte sie zu ihrem Freund hin, der unschlüssig an einem braunen Lederband herum zupfte, das ihm aus dem Kragen hing und vermutlich zu dem Hemd gehörte, das er unter all seinen Kleidungsschichten trug.

„Ich weiß nicht.“, brummte der Mann langsam „Was tut man denn gegen Geister? DU bist doch diejenige, die mit einem Hexermedaillon am Gürtel herumläuft“.

Unschlüssig schnaufte die Novigraderin auf diese richtige Aussage hin und hatte die skeptischen Augen schon wieder auf das schemenhafte kleine Mädchen gerichtet, das da inmitten der Dorfruinen Redgills kauerte. Ja, was sollten sie nur unternehmen? Vielleicht sollten sie sich doch einfach nur weiterhin hier verstecken und darauf hoffen, dass die nächtliche Erscheinung bald wieder verschwand? Nur, um heute nicht in noch eine dumme Misere verwickelt zu werden? Dies stünde zwar gegen die Neugierde der Alchemistin, doch war sicherer, als alles andere. Und sie wollte ihren Begleiter gerade nicht in eine weitere Situation bringen, in der ihm etwas zustoßen könnte. Schlussendlich hatte er noch nie mit Erscheinungen zu tun gehabt. Sie beide waren nicht ausgeruht und sie hatten keinen Plan. Kein Hexer hätte unter solchen Umständen gehandelt.

„Wir...“, sagte Rist nach einigem Zögern und durchbrach das angespannte Schweigen damit flüsternd „Wir werfen eine Münze.“.

„Hmm?“, Anna blinzelte irritiert und wendete dem Schönling den Kopf zu. Jener hielt ihr bereits einen Silber entgegen.

„Bei Kopf sehen wir, dass wir von hier wegkommen. Bei Zahl sagen wir diesem Gespenst dort unten Hallo.“, schlug der Dunkelhaarige vor und auffordernd starrte er seine Freundin an. Jene zögerte und betrachtete den Mann, als glaube sie nicht, was jener gerade vorgeschlagen hatte. Weglaufen oder dem Geistermädchen Hallo sagen?

„Wir können nicht einfach auf eine Erscheinung, wie die dort, zugehen“, fing Anna leise und verunsichert lachend an „und 'Hallo sagen'.“.

„Es ist ein Kind.“, gab Rist ganz pragmatisch zurück und tuschelte nach wie vor so leise, als hätte er Angst, dass Lena ihn zwischen dem Brausen des Meeres und dem Stöhnen des Sturms hören könnte.

„Nein, es ist eine Erscheinung. Ein 'Gespenst', wie du es genannt hast.“, wehrte Anna ab.

„Macht das denn solch einen großen Unterschied?“, wollte der Skelliger wissen, der sein Leben bisher sicherlich nicht damit verbracht hatte Bestiarien zu studieren. Also nahm seine Kollegin ihm seine Leichtfertigkeit nicht übel.

„Ja, macht es.“, antwortete die Kurzhaarige und sah noch einmal forschend gen Tavernenvorplatz zurück. Das weiße, jammernde Mädchen im glitzernden Schnee hatte sich nicht wieder gerührt. Noch immer saß es gebrochen zwischen all den Ruinen.

„Erscheinungen sind Seelen, die an diese Welt gebunden sind, Rist. Sie sind launisch und gefährlich. Sie greifen auch an, wenn man ihnen zu nahe kommt oder sie auf Rache aus sind.“, erklärte die braunhaarige Kriegerin und war froh darüber gerade weit genug von Lena entfernt zu sein. Denn nächtliche Erscheinungen, wie sie hatten es nicht nur an sich Eindringlinge wütend anzufahren, sondern sie besaßen auch eine ganz besondere Aura: Eine üble Ausstrahlung, die auf alle Lebenden übergriff und jene genau dasselbe Leid fühlen ließ, das auch die betroffene Erscheinung auf dieser Welt hielt. Manche Geister strahlten Hass und Gram aus, andere Angst, Trauer oder Verwirrung. Es kam immer darauf an, wie und warum sie verstorben waren, an ihre letzten Gedanken vor dem letzten Atemzug und so weiter.

„Hm.“, machte Rist nachdenklich. Seine Hand mit der Münze darin war ein kleines Stück weit gesunken und er schien sich dessen nicht mehr ganz so sicher zu sein, ob er sie werfen wollte oder nicht. Er sah von Anna fort, aus dem Fenster und hin zu dem weinenden Kind.

„Gut, ich habe verstanden. Lass uns auf den Tagesanbruch warten. Ich habe nämlich das dumpfe Gefühl, dass es hier dann wieder Backfisch geben wird.”, murmelte der Axtkämpfer “Wenn du verstehst, was ich meine.“

 

Stimmen brachten Anna dazu aus dem tiefen Schlaf hochzuschrecken. Sofort saß sie im Bett wie eine Eins, blinzelte benommen und sah um sich. Kühle Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf den teppichgesäumten Boden herein. Man hörte unten, in der Taverne, Menschen lachen und der Geruch nach frischem Fenchel-Brot stieg der hungrigen Frau in die Nase. Irritiert wandte sie den Blick von dem Fenster mit den hübschen Vorhängen fort, hin zu dem zweiten, schön gezimmerten Bett, das da im Raum stand. Rist war nicht da. Nur sein gut gefüllter Rucksack lag am Boden nahe seiner Schlafgelegenheit herum. Auf dem Gepäckstück lag ein neues Paar lederner Handschuhe. Es waren jene, die der Skelliger gestern hier, in Redgill, gekauft hatte.

„Oh, was zur Hölle…“, atmete Anna entgeistert und schälte sich einen Herzschlag später hastig aus ihrer dicken Bettdecke, die sich zu weich anfühlte, um wahr zu sein. Denn die Monsterjägerin wusste es besser. Seit gestern Nacht hatte sie eine ungefähre Ahnung davon, was hier vor sich ging und dass sie einmal mehr das Opfer einer mächtigen Illusion war. Sie strich sich den Mantel vorne glatt, hatte schließlich in voller Montur geschlafen, und setzte sich in Bewegung. Begleitet von dem fröhlichen Vogelgezwitscher, das von draußen herein drang, und dem leisen Singen, das man von unten vernehmen konnte, ging Anna zur Zimmertür und machte sich hektisch auf den Weg in den großen Schankraum. Dabei hoffte sie inständig, dass ihr Begleiter dort sei, denn es fühlte sich nicht besonders gut an HIER allein zu sein. Warum hatte der Krieger das Gästezimmer überhaupt verlassen? Hatte er Anna denn nicht aufwecken können? Dieser Idiot. Mit klopfendem Herzen und einer ungnädigen Nervosität, die sie gepackt hielt, kam Anna im unteren Stockwerk an und sah sich sofort nach ihrem Freund um. Und Rist war tatsächlich in der Taverne. Oh, zum Glück! Mit sehr, sehr kritischer, beobachtender Miene saß er in einer der Ecken und sah dem geschäftigen, fröhlichen Treiben in der Schenke zu. Er hatte weder Essen, noch ein Getränk vor sich stehen, die Finger auf der Tischfläche vor sich verschränkt und Anna hatte ihn wohl selten so finster starren sehen. Der muntere Gesang des anwesenden Skalden mit der kleinen Trommel mochte einfach nicht dazu passen.

„Ich bin eingenickt und als ich wach geworden bin, war alles wieder… so.“, murmelte der Skelliger in der grünen Tunika, als sich seine Freundin zu ihm setzte. Unzufrieden deutete er mit dem unrasierten Kinn gen Schankraum. Eine gutgelaunte Magd kam Sekunden später schon an den Tisch getänzelt und lächelte den Reisenden freundlich entgegen, wollte Bestellungen aufnehmen und pries das Frühstück des Tages – Rührei mit Speck und frischem Fenchel-Brot – an. Anna und Rist winkten mit harten Mienen ab und gaben ganz entschlossen vor erst später essen zu wollen.

„So etwas habe ich noch nie erlebt. Wo bin ich da nur reingeraten...?“, sprach der skellische Krieger weiter und Anna rang sich zu einem abfälligen Lachen durch. Ja genau, wo waren sie hier bloß hineingeraten? Klar, sie könnten ja auch einfach gehen, aber nach dem, was sie gestern gesehen hatten, war es schwer sich einfach so abzuwenden und quasi zu flüchten. Irgendetwas war hier faul. Es stank so sehr zum Himmel, dass man kaum drumherum kam das Geheimnis Redgills lüften zu wollen. Oder ging es nur Anna so? Von der Seite aus blickte sie zu ihrem Kollegen hin und wollte etwas sagen. So weit kam sie jedoch nicht, denn wieder kam jemand an den Tisch. Dieses Mal war es nicht die Schankmagd mit den schwarzen Locken, sondern… sondern Lena’s Bruder. Der junge Mann von gestern, der mit solch extrem apathischer Miene erklärt hatte, wie die entlaufene Katze Mimi aussah. Sofort versteiften sich die Glieder Annas etwas und sie bemerkte auch, wie sich Rist gerader hinsetzte, als er den eigenartigen Bäckerssohn erkannte. Der ausgelassene Gesang der gut gelaunten Gäste am Nebentisch begleitete den Moment mehr als nur unpassend.

„Ihr habt es gesehen.“, Lena’s Bruder mit dem lethargischen Gesichtsausdruck setzte sich Anna und Rist gegenüber hin. Ohne zuvor zu fragen, ob er dürfte oder die beiden Dorfbesucher zu grüßen, tat er dies. Es mutete so an, als starre der seltsame Kerl durch sie beide hindurch, als er sprach.

„Ich will nur, dass sie glücklich ist.“, sagte der dünne Mann. Hjaldrist und seine Freundin schwiegen und taxierten den Sohn des hiesigen Bäckers äußerst misstrauisch.

„Nachdem sich der Waldgeist unsere Mutter geholt hat, hat sie so viel geweint. Ich habe ihr die Katze geschenkt und mir geschworen alles zu tun, um sie wieder zum Lachen zu bringen.“, erzählte der junge Dörfler vor sich hin und sah dabei aus, als sei er eine Puppe. Er war blass, emotionslos, der Blick leer. Man hätte genauso gut einen Toten hierhin setzen können. Einen Toten. Anna fiel es wie Schuppen von den Augen, als sie das realisierte und es verschlug ihr für einen Moment den Atem. Dennoch schwieg sie.

„Es gibt hier stets ihr Lieblingsessen, ihre liebsten Lieder. Jeder ist froh und diese Laune sollte ansteckend sein. Doch das ist sie nicht. Lena ist unglücklich. So unglücklich. Und nachts träumt sie davon als Geist durch den Schnee zu wandeln...“, sprach der fahle Mann kryptisch weiter und tat dies, als denke er nur laut. Anna bemerkte, wie Rist neben ihr unruhiger wurde. Sie spürte unter dem Tisch, wie der argwöhnische Skelliger damit anfing nervös mit einem Bein auf und ab zu wippen. Sein Knie streifte das ihre.

„Ich habe es für sie so schön gemacht und trotzdem weint sie. Ihr habt es gesehen. ICH habe EUCH gesehen.“, murmelte der Bäckerssohn, der sicherlich mehr war als ein bloßer Mensch. Ja, er war kein normaler Dorfbewohner. Er war irgendetwas anderes. Eine alte Hoffnung oder ein Überbleibsel vergangener Bemühungen um ein unbeschwertes Leben vielleicht. War er ein Magier? Nein. Doch er war der Ursprung der Illusion, die Redgill umgab, richtig? Das war er doch?

„Ihr habt Lena träumen sehen.“, verließ es die schmalen Lippen des Kerles lau. Und in diesem Moment meldete sich Rist auf einmal ungläubig und mit Ärger im Ton zu Wort:

„Oh, Moment mal!“, entkam es dem Schönling fast schon anschuldigend und am liebsten hätte er wohl mit der flachen Hand auf den Tisch gehauen.

„Mit Träumen hatte DAS ja wohl wenig zu tun.“, erkannte der kritische Krieger richtig, doch Lena’s Bruder schien ihm gar nicht zuzuhören.

„Ihr solltet gehen.“, sagte der Bäckerssohn gleichgültig „Lena tötet Besucher im Schlaf.“.

Anna sah zwischen dem Dorfbewohner und ihrem Kumpel hin und her, wusste nicht so recht was sagen.

„Was?“, brummte Rist pikiert, doch die Novigraderin berührte ihn in einer stummen Aufforderung am Unterarm und warf ihm einen drängenden Blick zu. Denn das seltsame Gespräch hier würde nichts bringen. Und sie glaubte mittlerweile GUT über das Bescheid zu wissen, was hier geschah und welcher böse Wunsch über dem so traumhaft wirkenden Dorf lag. Sie und ihr Kollege sollten sich vorerst zurückziehen und unter vier Augen miteinander sprechen. Und das taten sie dann auch umgehend. Die Abenteurer erhoben sich und ließen Lena’s Bruder einfach so und ohne Rücksicht im Schankraum sitzen. Denn Höflichkeiten hatten hier keinen Platz und den toten Bäckerssohn scherte es sicherlich nicht, wenn man ihn abrupt verließ.

„Ich glaube, ich weiß, was hier los ist…“, fing Anna an, nachdem sie mit dem brummigen Rist zurück auf ihr kleines Zimmer gegangen war. Sofort begann sie damit auf und ab zu gehen, wie ein eingesperrtes Tier.

„Und was ist hier los?“, fragte der Skelliger, der die Tür des geräumigen Raumes gerade schloss und zu seiner Kumpanin kam.

„Der Bruder des Mädchens ist Schuld an dem Trugbild, das tagsüber über dem Dorf liegt. Es scheint, als sei es zu Lebzeiten sein großer Wunsch gewesen seine kleine Schwester glücklich zu sehen. Ich bin mir nicht sicher, was er heute ist, aber sicherlich kein normaler Mensch. Aber ich weiß, dass er dem Ziel Lena Freude zu bereiten nach wie vor so nachhängt, als sei hier niemals etwas geschehen...“, schlussfolgerte Anna und ihre Worte überschlugen sich beinah. Sie gestikulierte beim Sprechen ein wenig, sah nachdenklich vor sich hin und man konnte ihr ansehen, wie es in ihrem Kopf nur so arbeitete. Ein grüblerischer Ton verließ ihre Lippen, ehe sie ihre Ansprache fortsetzte.

„Der Bruder wollte seine kleine Schwester nach dem Tod der Mutter wieder aufmuntern. Er wünschte ihr eine heile Welt, doch hat es nicht geschafft ihr dieses wunderschöne Leben zu geben. Irgendwann wurde das Dorf angegriffen und alle starben. Glaube ich. Vielleicht kam der Waldschrat. Doch Lena’s Bruder war so wahnsinnig versessen darauf sich für seine Schwester aufzuopfern, dass dieser starke Wunsch noch immer da ist. Und zwar als Illusion.“, sinnierte die schlussfolgernde Hexerstochter vor sich hin. Sie hatte schon vielerlei Dinge in den dicken Büchern der Wolfsschule gelesen. Auch solche, wie die, von der sie hier gerade sprach. Zwar gab es keine Geschichte, die Eins zu Eins so passiert war, wie die Misere Redgills, aber über Begebenheiten, die ähnlich waren, hatte Anna genug gelesen.

„Du meinst also, dass der Wunsch von diesem Kerl so verzweifelt war, dass er nun, nach dessen Tod weiterbesteht? Dass sich dieses Verlangen nach einer heilen Welt in dieser Scheinwelt hier widerspiegelt?“, fragte Rist ungläubig und deutete mit einer weiten Handbewegung in das ruhige, hübsch eingerichtete Zimmer. Anna nickte und der fassungslose Mann sah sie an, als hätte er zu gerne geglaubt, sie erzähle einen an den Haaren herangezogenen Mist. Problem war nur, dass das lauschige Redgill, das tagsüber solch ein schönes Dorf und nachts friedhofsgleich war, Beweis genug war. Der Skelliger konnte nun also nicht einfach die Arme in die Luft werfen, dabei lachen und seine Freundin eine haltlose Spinnerin schimpfen.

„Mhm, genau so ist es wohl.“, bestätigte Anna „Und weißt du, warum der Fluch überhaupt noch besteht?“

Auf diese Frage hin weitete Rist seine braunen Augen und eine plötzliche Erkenntnis traf ihn wie eine dicke Holzplanke gegen den Schädel. Man konnte es förmlich sehen.

„Das Dorf ist nur deswegen so hübsch und die Leute so überfreundlich, weil es der Bruder der jüngeren Schwester noch immer recht machen will. Nur, weil sie nachts noch zwischen den Ruinen umherirrt und weint, ist er da und bemüht sich um Seelenfrieden.“, brach es aus dem dunkelhaarigen Krieger heraus und dieser richtigen Feststellung wegen konnte er stolz auf sich sein.

„Genau. Lena’s Geist fühlt sich an diese Welt gekettet und so, als habe er noch etwas zu erledigen. Dabei ist er alles andere als froh. Erinnerst du dich daran, wie sie gestern um ihre Katze geweint hat?“, lächelte Anna wissend. Rist stockte. Einen Moment später zeigte der Mann in seiner nächsten Erleuchtung triumphierend auf die Novigraderin. Als wolle er damit andeuten WER seine Gedanken gerade zum Rollen gebracht hatte.

„Die Katze!“, entkam es ihm „Lena trauerte vor ihrem Tod um Mimi, nach der sie sogar hat suchen lassen. Doch sie ist gestorben, bevor sie das Tier wiedergefunden hat! Wir bringen ihr also ihr Haustier zurück und sie findet endlich Ruhe.“

„Ja… besser hätte ich es nicht ausdrücken können.“, nickte Anna und wirkte selbstsicher „Und wenn Lena ihren Frieden findet, dann wird sich auch die Illusion Redgills auflösen. Denn ihr Bruder - wer oder was er auch immer ist - wird nicht mehr versuchen müssen dem rastlosen Mädchen eine heile Welt zu bereiten. Weil ihre Seele frei sein wird, um zu gehen. Einzig und allein die Katze bindet sie noch.“.

Gedankenverlorenes Schweigen breitete sich auf diese augenöffnende Unterhaltung hin zwischen den beiden Anwesenden aus. Anna hatte damit aufgehört im Zimmer auf und ab zu gehen, war vor dem Fenster zum Stehen gekommen und verschränkte die Arme locker vor der Brust. Rist hatte sich auf der Bettkante einer der Schlafmöglichkeiten niedergelassen.

Erst nach vielen angespannten Momenten rieb sich der Skelliger den Nacken und lenkte die Aufmerksamkeit auf seine Begleiterin zurück, die da noch immer stand und aus dem Fenster sah. Draußen spielte sich nach wie vor eine friedliche Idylle ab: Die Sonne schien und ließ den Schnee schmelzen, ein paar Kinder spielten mit einem fröhlich kläffenden Hund, die Backfisch-Verkäuferin verschenkte belegte Brötchen und eine Gruppe bunt gekleideter Waschweiber ging laut kichernd über den Platz.

„Wie sollen wir Lena ihre Katze zurückbringen, wenn das Tier schon längst tot ist, Anna?“, wollte Rist ruhig wissen. Er schien schon eine ungefähre Idee zu haben, doch sprach sie nicht aus, weil er sich nicht lächerlich machen wollte. Oder wirkte es nur so?

„Theoretisch sollte es klappen, wenn wir ihr die Knochen von Mimi bringen. Wir müssen die Überbleibsel von Lena finden und die ihres Haustiers zu ihr legen. Es gibt dabei nur ein Problem: Das Katzenskelett liegt im Wald, im Revier des Waldschrats.“, seufzte Anna geschlagen aus, kam zu ihrem Freund und ließ sich neben ihm auf das weiche Bett nieder. Sie stützte die Ellbogen auf die Knie, legte das Kinn auf ihre Hände. Und sie zog die Brauen weit zusammen.

„Ich will ungern dorthin zurück.“, murmelte Anna dann. Denn die Erinnerungen an den gestrigen Abend waren schrecklich. Wäre Hjaldrist nicht wieder schreiend aufgetaucht, um sie zu retten, wäre es um sie geschehen gewesen. Diese lebensgefährlichen Momente wollte die Hexerstochter nicht noch einmal durchleben müssen.

„Wir müssen nicht in den Wald zurück, Anna.“, warf Rist nun plötzlich ein und seine Freundin sah fragend zu ihm auf.

„Ich habe den Schädel gestern mitgehen lassen.“, erklärte sich der Mann sofort und fing damit an schief zu grinsen. Anna weitete die Augen irritiert, doch dann erinnerte sie sich daran, wie sich Hjaldrist inmitten des Pilzkreises der magischen Lichtung nach den Überresten der dreibeinigen Katze gebückt hatte. Das laute Chaos war kurz daraufhin ausgebrochen und die Frau hatte nicht mehr darauf geachtet, was der schlaue Skelliger tat. Er musste nach dem knochigen Schädel gefasst haben, bevor er losgerannt war. Vielleicht hatte ihnen der Waldschrat nur deswegen nachgesetzt. Der Ausdruck der Novigraderin erhellte sich unsäglich.

„Du hast WAS?“, lachte die Kurzhaarige hervor und Rist’s breites, zufriedenes Lächeln schwand nicht.

„Wir müssen nun also nur zusehen, wie wir das Ding an Lena übergeben.“, schloss der Kerl.

 

Rist und Anna verbrachten den restlichen Tag damit abseits von Redgill durch die karge Gegend zu streifen, nach anderen Reisenden Ausschau zu halten oder nach ihren Pferden zu suchen. Letztes verlief dabei gut, denn weit waren Kurt und Apfelstrudel nicht gewesen. Sie hatten sich unweit des verwunschenen Dorfes aufgehalten und waren herbeigeeilt, als sie ihre Besitzer außerhalb der Scheinwelt Redgills gewittert hatten. Es schien, als seien diese Tiere klüger, als manch ein Mensch. Sie hielten sich penibel von dem vermeintlichen Geisterdorf fern, obwohl es nun, tagsüber, ruhiger und schöner nicht anmuten hätte können. Die klugen Pferde spürten, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht hatten Sie Lena gestern schon als die Erscheinung erkannt, die sie war, und waren deswegen panisch geflohen. Aber wie auch immer. Nun waren sie wieder da und standen nicht weit von Rist und Anna entfernt in der Wiese nahe dem Strand außerhalb der Ortschaft. Sie hatten die Köpfe gen Boden gesenkt und suchten zwischen dem knöchelhohen Schnee nach Grasbüscheln, die noch nicht völlig verdorrt und verwelkt waren. Ihre beiden Besitzer hielten sich vor dem rauschenden Meer auf, saßen dort auf einem alten Kahn, der umgedreht am Ufer lag.

"Glaubst du, Lena's Überreste liegen in dem Haus, in dem sie einst mit ihrer Familie wohnte?", der anwesende Skelliger sah von der Seite aus zu der Frau hin, die bei ihm saß. Etwas gedankenverloren hatte Anna den schäumenden Wellen zugesehen, doch nun richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihren Freund in der grünen Tunika zurück.

"Vielleicht. Wir werden nachsehen müssen.", die Novigraderin im dicken Wollmantel verzog die Mundwinkel in einer grüblerisch-ernsten Miene. Sie beide planten die Sache mit der Katze und der nächtlichen Erscheinung heute anzugehen. Dabei hatten sie sich darauf einigen müssen dies nachts durchzuführen, denn tagsüber lag ein zähes Trugbild über Redgill. Auch, wenn dort irgendwelche Leichen lagen, hätten sie sie jetzt nicht entdecken können. Sie mussten also abwarten und konnten erst dann walten, wenn die Illusion verblasst war: Nach der Abenddämmerung.

"Hm.", machte Rist und fasste in seine tiefe Manteltasche. Er zog einen kleinen Schädel daraus hervor, den Mimis. Der Mann betrachtete den skelettierten Katzenkopf eingehend und drehte ihn zwischen den Fingern. Ein klein wenig Dreck und Moos hing noch daran.

"Was wird passieren, wenn die Illusion erstmal zerstört ist?", fragte der Krieger weiter und sein Unterton klang verunsichert.

"Ich nehme an, dass das Dorf dann auch am Tag zerstört am Meer liegen wird. Ohne Illusion. Mehr nicht. Wir werden es dann durchsuchen können. Vielleicht finden wir ja etwas Brauchbares.", lächelte Anna leicht. Hjaldrist schmunzelte etwas, wirkte gleich befreiter und sah von seinem Katzenschädel auf.

"Etwas Brauchbares? In den vermoderten Ruinen?", lachte er leise und leicht abfällig.

"Hey, bedenke, dass das Dorf seit seiner Zerstörung dem Traumbild von Lena's Bruder unterliegt. Bisher hat sich dort noch niemand richtig umsehen können. Und ich bezweifle es stark, dass man sich nachts nach Redgill getraut hat, wo dort doch ein Geist herumspaziert.", sagte die Hexerstochter.

"Erinnere dich an die Worte des seltsamen Bruders der Kleinen: Lena tötet Im Schlaf. Und soweit ich diese seltsame Ausführung gedeutet habe, meinte der Mann damit einfach nur die Nacht. Bestimmt hat die Erscheinung des Mädchens schon den ein oder anderen Banditen oder ahnungslosen Reisenden umgelegt.", setzte Anna fort.

"Schwer vorstellbar, dass so ein kleines Gespenst irgendwem etwas zuleide tun kann...", murrte Rist. Seine Kollegin musste schmal lächeln und schüttelte den Kopf leicht.

"Hast du eine Ahnung... solche Erscheinungen sind ganz schön gefährlich. Egal, wie groß oder klein sie sind.", versicherte die Novigraderin, die schon einmal gesehen hatte, wie ihr Ziehvater gegen eine Mittagserscheinung gekämpft hatte. Ungute Monster waren das; Geister, die ihre Opfer dazu zwangen mit ihnen in den Feldern zu tanzen, bis die armen Leute vor Erschöpfung starben. Schrecklich.

"Ich nehme dich einfach mal beim Wort.", gab Hjaldrist zurück und steckte sich den Schädel Mimis wieder in die tiefe Tasche. Er würde ihn aufbewahren, bis es an der Zeit wäre ihn bei Lena’s Gebeinen zu platzieren.

"Hm. Ich hoffe einfach mal, wir bekommen es nicht mit Lena zu tun, bevor wir ihrem Leichnam Mimi gebracht haben. Ich habe kein Geisteröl und keine passenden Bomben bei mir und wir haben keine Zeit, um irgendetwas davon herzustellen. Ich würde gerne bald von hier verschwinden.”, seufzte die kurzhaarige Frau, die dick in ihren Mantel gehüllt auf dem umgedrehten Kahn saß. Sie fröstelte leicht.

“Wir umgehen sie einfach. Wird schon klappen.”, antwortete Hjaldrist zuversichtlich seufzend. Ob er das gespielt tat oder aufrichtig, blieb dahingestellt. Anna nickte knapp.

 

Es vergingen einige Stunden, bis der Horizont die Sonne endlich verschluckte. Und dies war auch der Augenblick, in dem sich Anna und Rist darauf vorbereiteten dem seltsamen Spuk Redgills ein Ende zu setzen.

“Wir versuchen hintenrum bis zum Haus des Bäckers zu kommen. Dann sehen wir nach, ob die Überreste von Lena dort sind. Wenn nicht, ziehen wir uns sofort zurück und überlegen uns einen anderen Plan.”, schlug die geschäftige Novigraderin vor. Ihr Kumpel stapfte neben ihr durch den knöchelhohen Schnee, gen Dorf. Die letzten, rötlichen Sonnenstrahlen streiften sie dabei von der Seite und waren so kühl, wie die eisige Luft selbst. Die beiden Abenteurer hatten sich ihre Kleidung wieder dicht um die Körper gezogen, denn obgleich es heute etwas getaut hatte, war es noch immer arschkalt.

“Verstanden…”, murmelte Rist in seinen dick gestrickten Schal hinein. Dann betraten sie das Dorf, das im Zwielicht lag. Langsam ließen die Trugbilder nach, flimmerten unstet, verschwammen vor den Augen der Sterblichen und lösten sich auf, als seien sie nie da gewesen. Die Abenteurer versuchten sich abseits zu halten, wie besprochen. Und im Ort, in dem immer mehr Gebäude in sich zusammenfielen, die Lichter erloschen und die Leute verschwanden, als lösten sie sich einfach so in Luft auf, blies der pfeifende Wind. Er war unangenehm und biss an den Wangen. Und dies passte zu dem Bild, das sich Hjaldrist und Anna bald bot: Als sie so weit durch die Seitengässchen geschlichen waren, dass sie die Taverne schon hinter sich gelassen hatten, waren von Redgill nur noch traurige Ruinen übrig. Die Hexerstochter stieg über eine zerschlagene Lagerkiste im Schnee hinweg, deutete ihrem Begleiter schweigend an darauf aufzupassen nicht zu stolpern. Sie hielten sich dabei nah an der Rückwand eines Hauses, das zur Nachbarschaft der Bäckershütte gehörte und als sie über weiteres Geröll stiegen, mischte sich in das Gähnen des Winterwindes wieder ein leises, bekanntes Weinen. Es klang so entfernt, konnte dennoch nah sein. Man durfte sich nicht täuschen lassen. Lena.

Die Erscheinung, die sich nun irgendwo im toten Dorf befinden musste, jammerte mit hoher Kinderstimme auf und Anna hielt trocken schluckend inne. Die Frau spitzte die Ohren, lauschte. Rist hatte knapp hinter ihr angehalten. Dies bewusst so nah, dass er beinah in seine Freundin gelaufen wäre. Ihm war die ganze Situation nicht wirklich geheuer, das merkte man. Erstaunlich, dass er der burschikosen Novigraderin dennoch so sehr vertraute ihr in eine verfluchte Ortschaft nach zu stolpern und alles zu tun, was sie riet. Ja, Anna hatte Rist zwar erklärt, dass sie keine Hexerin sei und trotzdem baute der Mann auf ihr Wissen bezüglich Monstern und auf ihre langjährige Erfahrung im Kampf. Das, obwohl er nicht einmal wusste, woher Anna genau kam. Jeder andere hätte geglaubt, sie sei einfach nur eine normale, reisende Schwertkämpferin, die gerne Ungeheuer tötete. Eine Laie mit einem großen Maul. Nur Hjaldrist, der war vertrauensvoll und stellte keine argwöhnischen Fragen. Die Kurzhaarige wusste ja nicht, ob sie sich vertraut hätte, hätte sie in Rist’s Haut gesteckt. Sie hatte keine Ahnung, ob sie jemandem wie sich ÜBERHAUPT gefolgt wäre. Ernsthaft. Wer stürzte sich denn schon mit einem, von dem er nicht einmal den tatsächlichen Hintergrund kannte, in gefährliche Abenteuer und Kämpfe? Was erhoffte sich der Schönling davon?

Aus dem Augenwinkel linste die Frau zu dem Skelliger zurück, der sie abwartend ansah. Noch immer standen sie im Schnee hinter dem schiefen Haus, dessen Dachstuhl beinahe zur Gänze fehlte.

“Was ist?”, flüsterte der Mann, dem das angespannte Gewarte offenbar zu lange dauerte. Und Anna würde sich noch eine Weile fragen, was jenen dazu bewegte ohne nachzuhaken in alle möglichen unmöglichen Situationen zu geraten, weil seine Kollegin voran lief, um kopfüber und als Erste in eben jene zu stürzen.

“Nichts. Gehen wir weiter.”, wisperte die Novigraderin lau und riss den Blick wieder von ihrem Freund los.

Es war dabei eigentlich richtig ironisch, dass die beiden Reisenden flüsterten. Denn inmitten der Stille der Ruinen Redgills, die lediglich von dem Jammern des armen Geistermädchens durchbrochen wurde, bewegten sie sich wie die Elefanten im Porzellanladen. Etwas, das sie zuvor nicht bedacht hatten. Der halb angetaute Schnee, der in der Kühle der Nacht fror, knirschte unter ihren Stiefelsohlen und Metall klapperte bei jedem Schritt leise gegen Metall. Das simple Schwertheft Anna’s schabte an ihren messingfarbenen Gürtelnieten und Rist hatte sich den runden Schild schon längst vom Rücken geschnallt, um ihn zu halten. Dort hinten, neben Rucksack und Bratpfanne, hatte das Ding nämlich gegen den stählernen Bogen seiner Armbrust gescheppert. Oh, wenn Balthar das gesehen - oder eher: gehört - hätte… er hätte sich die schwieligen Hände ungläubig vor das Gesicht geschlagen. Alle beide. Doch um umzukehren war es nun längst zu spät und die beiden dummen Abenteurer waren schon zu weit in das zerstörte Dorf vorgedrungen. Außerdem hatte Lena sie bis jetzt noch nicht bemerkt, was? Bis zum Haus des Bäckers war es nicht mehr allzu weit und die nächtliche Erscheinung würde JETZT wohl auch nicht mehr auf Anna und Rist aufmerksam werden. Sie war zu beschäftigt damit ihre vermisste Katze zu beweinen. Jedenfalls hofften der Käferschubser und die Ausländerin darauf, gingen weiter.

Anna horchte keine Sekunde später sofort auf, als es hinter ihr laut knackte und sie sah sich hektisch nach Hjaldrist um, der gerade auf irgendetwas Zerbrechliches, unter dem Schnee Verborgenes getreten war. Sie runzelte die Stirn kritisch, der Mann zuckte ohnmächtig die Schultern. Dann setzten sie sich wieder in Bewegung. Es war nicht mehr weit. Nur noch fünf, sechs Meter und sie hätten die Rückseite des schiefen, kleinen Bäckerhauses erreicht. Sie wären gleich da und dann könnten sie die Gebeine Lenas suchen.

Ein leises Klappern. Ein weiterer Schritt und Anna’s Schwertgriff schlug in der Stille gegen ihren beschlagenen Gürtel. In diesem Augenblick verstummte das leise, langgezogene Weinen der traurigen Kindererscheinung aberplötzlich. Dies genauso, wie der schleichende Rist und die Hexerstochter innehielten, um die Ohren auf ein Neues verunsichert zu spitzen. Gleichzeitig schalt sich Anna im Geiste eine hoffnungslose Närrin. Oh ja, WARUM hatten sie diese Aktion hier nicht besser geplant? Wieso hatten sie denn nicht beachtet, dass Ausrüstung beim Gehen Geräusche machte und Schritte im frierenden Schnee knirschten? Gerade die Frau aus Kaer Morhen war doch eigentlich keine Anfängerin, nicht wahr? Warum war sie also so dämlich vorgegangen und hatte dabei auch noch ihren Freund aus Skellige mit reingezogen? Oh Mann. Scheiße, verdammte!

Anna sah vorsichtig um sich, atmete kontrolliert flach aus und lauschte angestrengt. Kaum einen Herzschlag später hörte man Rist abrupt überfordert Keuchen. Er berührte Anna warnend und mit fahrigen Fingern am Arm. Gleichzeitig blickte jene schon auf, schnell, Lena entgegen. Wie aus dem Nichts war die Erscheinung auf einmal vor ihnen beiden aufgetaucht. Das Mädchen stand da im glitzernden Schnee, regungslos und mit großen, leeren Augen. Tränen benetzten die weißen Wangen, der breite Mund der Kleinen stand leicht offen. Ihr Atem war in der kalten Luft nicht als heller Dunst erkennbar, denn er war ebenso eisig, wie die Nacht. Auch raschelte das Kleidchen Lenas nicht im schneidenden Wind, denn es war nicht aus Stoff gemacht. Anna’s braune Augen weiteten sich ein Stück und auf den Schrecken hin wich sie unbedacht ab, stieß mit dem Rücken voran an ihren Begleiter, der noch planloser in der Kälte stand, als sie. Lena rührte sich indes nicht und starrte aus geweiteten, apathischen Augen. Nur langsam verzerrte sich ihr Gesicht zu einer gequälten Grimasse, zu einer grässlichen Maske aus Pein und Zorn. Anna hörte, wie Rist ihr eine nervöse Frage zuflüsterte. Doch er kam nicht dazu jene zu beenden, denn auf einmal schrie das weiße Mädchen im Schnee auf; verzweifelt, schrill, wütend und so laut, dass es in den Ohren klingelte. Im selben Augenblick setzte sich auch die Novigraderin instinktiv in Bewegung, zog ihren Silberdolch und stieß ihren Begleiter auffordernd fort. Das nicht harsch, doch bestimmend.

“Die Hütte!”, rief die Kurzhaarige Rist dabei zu und jener verstand sofort. Er wandte sich um und lief gescheucht los, wollte wahrscheinlich um das Haus herum eilen, um durch die Tür in das ehemalige Heim des Bäckers Redgills zu gelangen. Jeglicher Plan, wie ein Diebespack herumzuschleichen, war an diesem Punkt über Bord geworfen. Niemand dachte mehr daran auf leisen Sohlen durch den angetauten Schnee zu waten. Hjaldrist hetzte durch die Dunkelheit der Nacht, um die Überreste Lena’s zu finden und Anna blieb stehen, um sich der verirrten Seele eben jener zu stellen. Oh, hoffentlich ginge das gut aus!

 

Anna hatte die nächtliche Erscheinung, das gellend heulende Mädchen, bald auf den großen Platz des ehemaligen Dorfes gelockt. Dies eher behelfsmäßig als souverän, aber dennoch. Immerhin hatte die Frau es geschafft Lena von dem kleinen, schiefen Bäckerhaus fort zu bringen, in das Rist vor weniger Zeit gestürmt war. Und während die burschikose Kriegerin inständig darauf hoffte, dass der Mann die bleichen Knochen Lenas dort finden würde, um den Schädel der Katze darauf zu platzieren, musste sie sich gegen das fauchende, tobende Gespenst des Mädchens schlagen. Mit gezogenem Dolch tat sie das und ehrlich gesagt glich die ganze Sache eher einem Wegrennen, als einem wirklichen Kampf. Denn die überforderte Anna hatte gegen eine Erscheinung, wie Lena kaum eine Chance. Ihre silberne Klinge war zwar scharf aber nicht in Geisteröl getaucht worden; sie besaß keine Bomben oder Tinkturen, die Magie durchschlugen und eine verirrte Seele verletzen könnten. Und Lena war körperlos. Man konnte sie nicht auf normalem Wege verwunden und ihre hell flammenden Attacken daher bloß aushalten, ihren Angriffen ausweichen und die heikle Situation hinauszögern. All dies im inständigen Hoffen, dass das bösartige Geistermädchen bald verschwinden würde.

Angestrengt keuchend duckte sich Anna zur Seite fort, bevor ein scharfer, funkelnder Nebel über sie hinweg sauste. Er stoppte knapp hinter ihr und formte sofort wieder den Körper eines kleinen, zornigen Mädchens, das in der Luft schwebte. Lena raufte sich die Haare, heulte laut auf und stob erneut auf die aufgescheuchte Novigraderin zu. Dieses Mal war die Hexerstochter jedoch nicht schnell genug und die Erscheinung des zeternden Kindes fuhr buchstäblich durch sie hindurch. Die getroffene Kriegerin erstarrte, rang überwältigt nach Atem und beinah fiel ihr ihr Langdolch aus der Hand. Mit der freien Linken fasste sie sich an den stechenden Brustkorb und versuchte die kalte Luft schmerzlich durch die zusammengebissenen Zähne einzuziehen; doch es wollte nicht so recht klappen. Nichts desto trotz wankte die Kurzhaarige zur Seite, versuchte sich zu fassen und sah sich etwas orientierungslos nach Lena um. Noch immer fühlte sich ihre Brust dabei wie zugeschnürt an, schmerzte und drohte ihre Lungen zu erdrücken. Anna wurde es kalt, so kalt, und die Emotion, die Lena ausstrahlte, schien sie urplötzlich übermannen zu wollen. Verzweiflung und Trennungsschmerz brachen über die Frau aus dem Norden herein, wie eine brausende Welle. Eine Emotion des Verlusts packte sie, rüttelte sie durch und zerrte ihr die Schultern gen Boden. Trennung. Abschied. Vermissen. Es tat weh, so weh. Anna musste an Balthar denken. An den Abend, an dem sie aus dem kleinen Tavernenfenster in Goldenau geklettert war, um fort zu laufen. Diese Nacht war nun schon zwei Jahre her. Zwei Jahre. Zu lange. Oh, sie vermisste ihren Ziehvater. Sie vermisste Vadim und Jaromir. Sie vermisste Kaer Morhen. Und dies… machte sie traurig, so tieftraurig. Sie-

Anna, deren Augen glasig geworden waren, schüttelte den Kopf, als wolle sie ihre Gedanken loswerden, wie lästige Fliegen. Die Novigraderin blinzelte benommen, hielt ihren Dolch abwehrend vor sich und ganz plötzlich schrie sie missgestimmt. Das tat die Frau einerseits, um Lena’s Aufmerksamkeit weiterhin und ausschließlich auf sich zu ziehen und andererseits, um sich selbst davon abzulenken an diesem deprimierenden, klammen Gefühl festzuhalten, das sie überkam. Denn jenes war nicht real und nur Projektion der Todesgedanken Lenas. Ja. Und sie müsste Rist den Rücken freihalten. Unbedingt. Oh, warum brauchte der Typ bloß so lange?

“Anna!”, die Stimme des Begleiters der besagten Frau hallte einen tiefen Atemzug später schon über den verschneiten Platz. Eine unwohle Tatsache, denn noch immer war Lena hier und sie war rasend. Anstatt zu verschwinden, schlug das ungeheure Geisterkind zu. Anna schaffte es kaum noch den blitzschnellen Angriffen des weißen, wabernden Schemens auszuweichen, atmete unregelmäßig und wendete den Kopf flüchtig zur Seite, um zu dem aufgebracht rufenden Skelliger zu linsen. Sie tat das mit großer Aufregung im Blick, abgekämpft und ratlos. Und sie sah, wie der Krieger in Grün aus dem Bäckerhaus hetzte, den Katzenschädel von Mimi unschlüssig in der Hand.

“Sie sind nicht da!”, bellte der Mann über den Vorplatz des Hauses und Anna fluchte leise “Da ist kein Skelett!”

Die Überreste des kleinen Mädchens, dessen Seele hier so ärgerlich rasend wütete, waren also nicht im Haus? Kacke. Wo waren sie dann?

“Verdammt!”, keuchte die Hexerstochter abgekämpft. Lena kreischte ohrenbetäubend auf und jagte der Frau in der gestreiften Jacke einen Schwall beißenden Nebels entgegen. Anna wich zurück, planlos. Rist schloss zu ihr auf und wirkte nicht viel klüger. Doch entgegen der Kampfhaltung seiner novigrader Kollegin ging er in die totale Defensive, baute sich schützend vor Anna auf und streckte die Arme abwehrend aus. Entweder im Anflug einer glorreichen Idee oder aber voller Idiotie, tat er das.

“Halt!”, brüllte er der krähenden Lena daraufhin entgegen, doch die nächtliche Erscheinung beachtete dies kaum. Sie heulte weiterhin gequält, unter Tränen und mit verzogenem Gesicht, aus dem milchige Augen hervortraten. Die langen Haare und das Kleid des Geistermädchens bauschten sich auf, schwebten gespenstisch in der Luft und umgaben das fahle Kind wie eine Drohgebärde eines wilden Tieres. Ein helles, an der Haut scharrendes Funkeln schlug über den zwei Abenteurern ein und drohte sie in die Knie zu zwingen. Anna’s teurer Dolch fiel in den Schnee und gleichzeitig schaffte es die Frau gerade noch so Rist davon abzuhalten rücklings gegen sie zu stolpern. Mit dem Kreuz voran stieß er an sie, doch sie erwischte ihn sogleich an den Oberarmen und drängte ihn wieder vor, auf die Beine.

“Wir können nichts tun!”, rief die Novigraderin entkräftet und hätte sie gewusst, dass es leicht wäre dem anwesenden, zornigen Geist zu entkommen, hätte sie den schnellen Rückzug vorgeschlagen. Doch Lena war unnatürlich flink. Sie hätte Hjaldrist und Anna in Nullkommanichts eingeholt und ihnen grausam zaubernd den Garaus gemacht. Ja, sie war aus dunkler Magie, einem Fluch, geschaffen, nicht aus Fleisch und Blut. Keine Waffe, die Rist und seine Kumpanin dabeihatten, könnte sie verwunden. Nicht einmal ein Bisschen. Sie war zwar klein, doch ganz klar haushoch überlegen.

“Stopp!”, hörte Anna Rist erneut heiser rufen. Sie sah, wie er gestikulierte und auf einmal den Katzenschädel in die Höhe riss. Er streckte das teils moosbewachsene Gebein in die Höhe, Lena entgegen. Von hinten konnte die Frau aus Kaer Morhen nicht erkennen, wie ihr Freund dreinsah. Doch so, wie sie ihn kannte, hatte er schon wieder seine harte, bestimmende Miene aufgesetzt. Den selben zielstrebigen Blick, mit dem er Anna damals auch am Faustkampfplatz nahe Blandare angestarrt hatte.

“Wir haben Mimi mitgebracht!”, entkam es dem Skelliger aus Ermangelung einer intelligenteren Idee und seine Stimme schien das verzweifelte Kreischen des Geistes des Dorfs zu durchbrechen, wie ein Schlag mit einem Streithammer.

“Da!”, blaffte der Kerl weiter und sah aus, als biete er der nicht materiellen Gestalt am Platz den Katzenschädel an; als wolle er Lena das verdreckte Ding am liebsten in die gespensterhaften Hände drücken. Und tatsächlich hielt das tränenüberströmte Mädchen mit dem eingefallenen, fahlen Gesicht inne. Ihre verzogene Fratze entspannte sich allmählich und ihre leeren, weißen Augen sanken auf den Schädel in Rist’s Händen. Unangenehme Stille breitete sich über dem weitläufigen Platz aus. Sie wurde nur von dem leise klappernden Geräusch unterbrochen, das Anna’s Ausrüstung verursachte, als jene sich aus ihrer gebückten, angriffsbereiten Haltung löste. Verwundert blickte die Frau auf, fixierte die nächtliche Erscheinung ungläubig. Ja, sie fasste nicht, was hier gerade passierte. In den Büchern stand doch, dass man die Gebeine von solchen Wesen ordnen musste, um sie zu besänftigen. Man musste doch auch den Überbleibseln von Mittagserscheinungen den Kopf abtrennen und jenen zwischen die Knie der Toten legen, um die unheimlichen Erscheinungen verschwinden zu lassen. Man brachte die Knochen von verlorenen Seelen zurück an ihre richtigen Plätze, um die Geisterwesen zu bekehren. Man… man zeigte den Schemen nichts Angreifbares, um sie davon abzuhalten zu töten und zu verwüsten, denn es half normalerweise nicht. Rist zerschlug mit dem, was er hier gerade tat, also eine kleine Weltanschauung Annas; Annahmen über gewisse Gegebenheiten und Tatsachen aus dicken, staubigen Wälzern der Hexerbibliotheken. Schon wieder rettete er die Situation mit seinem völlig instinktiven, kopflosen und lebenslustigen Handeln. Er tat einfach sein Ding und hoffte darauf, dass es half. Denn abgesehen davon hatte er schließlich keine Ahnung. Und, bei Melitele’s Unterbuchse, es half tatsächlich: Lena schwebte völlig ruhig in der kalten Nachtluft und es schien, als sei der Katzenschädel in Hjaldrist’s Händen das Einzige, das sie noch sah. Als sei er der allergrößte Schatz des Mädchens, das wertvollste Schmuckstück auf Erden und hypnotisierend. Die dicken Tränen des Schemens vor Rist versiegten, Lena kam langsam, vorsichtig, näher und tat dies ohne den starren Blick von dem Tierknochen zu nehmen. Irgendwann war sie so nah, dass Anna direkt spüren konnte, wie die mitreißende, grausige Aura des Geistes schwand. Wie Verlust und Trennungsschmerz nachließen und einem wohligen Nichts Platz machten. Man fing an sich wieder… leichter zu fühlen, freier. Das Einzige, das blieb, war die beißende Kälte der Winternacht. Und als Lena den Namen ihrer Katze verhalten wisperte, war es schwer das bizarre Flüstern vom Gähnen des Windes zu unterscheiden. Des kalten Windes, der die Haarsträhnen und Kleidung des Geistermädchens nicht zu beeinflussen schien. Sie stand nur da, vor dem nervösen Rist und mit den nackten Füßen im Schnee, als sei sie wahrhaftig darin eingesunken, wie ein echter Mensch mit Körpergewicht. Und sie streckte die halb durchsichtigen, blassen Kinderhände langsam und bedacht nach dem Katzenschädel ihres verendeten Tieres aus. Die dürren Finger berührten jenen und auf einmal, ganz plötzlich, schien der toten Katze wieder so etwas wie Leben eingehaucht zu werden. Rist zuckte zusammen und gab einen überwältigten Laut von sich, als sich der Schädel ein kleines Stück weit von seiner Handfläche hob. Ein schemenhafter Kopf formte sich um ihn, nahezu transparent. Dann folgte ein Nacken, Beine, ein buschiger Schweif aus fahlem, weißlichem Licht. Und er schwebte immer höher. Hjaldrist zog seine Hände irritiert zurück, als die gespensterhafte Katze mit dem Knochenschädel von seinen Handflächen sprang, um nur wenige Zentimeter über dem harten Boden in der Luft zu landen. Sie erhob den Schwanz, machte einen leichten Buckel und strich Lena um die dünnen Beine. Einmal um das Mädchen herum ging die groteske Katze, rieb den knochigen Kopf an der schmalen Erscheinung und blieb am Ende, die leeren Augenhöhlen auf die Fremden gerichtet, stehen. Jene rührten sich in diesem grotesken Augenblick kein Stück. Anna starrte, mit morbider Faszination im Blick und halb offen stehenden Lippen. Rist’s Miene war vollends entgleist und würde sich so schnell nicht mehr einrenken. Als kaum einen Wimpernschlag später der Wind über den trostlosen Platz fegte und den beiden Abenteurern frische, leichte Schneeflocken entgegen blies, nahm er die flammenden Erscheinungen mit sich; Katze wie auch Mädchen. Als Anna blinzelte, waren Mimi und Lena fort. Und sie hatten bloß eine klamme Stille zurückgelassen.

“Wenn ich deine waghalsigen, spontanen Aktionen nicht langsam so richtig gut finden würde…”, fing Anna irgendwann an Hjaldrist gerichtet an und durchbrach damit das ungläubige Schweigen im Schnee “dann würde ich dir jetzt wieder Eine verpassen, Rist.”

Die kurzhaarige Frau sah von der Seite aus zu ihrem Kumpel hin und jener suchte ebenso Blickkontakt. Nur langsam machte der zerfahrene Ausdruck des Skelligers einer zufriedenen, stolzen Miene Platz. Der dunkelhaarige Krieger mit dem pelzbesetzten Kragen fing damit an schief zu grinsen. Noch breiter schmunzelte er dann, als ihm Anna plötzlich eine Faust abwartend entgegenhielt. Dieses Mal war er derjenige, der auf diese freundschaftliche Geste einging und gegen die geballten Finger der Novigraderin schlug. Er wollte Luft holen, um einen Kommentar loszuwerden - vermutlich einen blöden über Siegesfäuste -, doch so weit kam Hjaldrist gar nicht. Denn eine bekannte, unheimliche Gestalt trat in seine Sicht: Der Bruder Lenas. Oder jedenfalls der schleierhafte, kaum mehr sichtbare Schemen davon. Der sonst so pathetische, leer vor sich hin starrende junge Mann lächelte schwach. Ja, wirklich. Es war ein Ausdruck, der seine stierenden Augen nicht erreichte, und dennoch wirkte er so verändert und wohlwollend. Anna erstarrte wie zur Eissäule, als sie die fahlen Umrisse des Bäckersohnes erkannte und sie bemerkte auch, wie sich Rist neben ihr versteifte. Doch es sollte nichts Schlimmes mehr geschehen. Stumm deutete der Bruder des toten Mädchens in die Richtung des kleinen, zerstörten Anbaus seines ehemaligen Zuhauses. Ein Hinweis. Dann verschwand auch er und würde bestimmt nie mehr wiederkehren, denn seine Aufgabe hier war getan worden. Von zwei völlig Fremden.

 

 

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