Kapitel 60

Spucke hand drauf

“Gehen wir?”, mit dieser Frage brach Anna die vorherrschende, ungläubige Stille am Schlachtfeld und Hjaldrist’s zuvor noch so prüfend musternder Blick veränderte sich. Er könnte sich später noch darüber wundern, dass seine jüngere Freundin es geschafft hatte ein Hexerzeichen zu erlernen. Jetzt, da wollte die blutbesudelte Frau nämlich erst einmal hier, von diesem grausigen Ort, weg. Nach ihrer Aufforderung sah sie Rist nicken, doch bemerkte jetzt auch, wie er sich den linken Unterarm verhalten stöhnend hielt. Da war Blut, der helle Hemdärmel war zerrissen und feucht getränkt.

“Das Mistvieh hat dich erwischt.”, stellte Anna sofort richtig und mit kritischem, ernstem Blick fest.

“Geht schon…”, seufzte Hjaldrist entnervt und sein Mundwinkel zuckte unzufrieden. Seine Freundin rieb ihm im Beistand die Schulter.

“Wir gehen zuerst zum Zirkus zurück und sehen uns deinen Arm sofort an…”, meinte sie und änderte den Plan völlig abgekämpft und dreckig beim nilfgaarder Kommandant auftauchen zu wollen. Wenn Rist verletzt war, hatte das ganz klar eine höhere Priorität, als alles andere. Dahingehend wollte die besorgte Alchemistin gar nicht erst diskutieren.

 

Anna zog die Luft scharf durch die Zähne ein, als hätte man ihr selbst den Arm bis zur Handfläche hinab aufgeschlitzt, als sie Hjaldrist’s versehrten Arm betrachtete. Seine Verletzung blutete, doch zum Glück hatten die langen, spitzen Krallen der rasenden Moderhaut seine Vene verfehlt. Zwei Schnitte zogen sich am Unterarm des armen Kerls entlang hinab, liefen dort aus, wo Lederriemen seine Armschiene an Ort und Stelle gehalten hatten, und klafften dann noch einmal vom Handgelenk bis über die leicht geschwollene Handfläche auf. Dass Hjaldrist Handschuhe getragen hatte, hatte nicht so viel gebracht. Die dunklen Klauen seines Gegners waren durch jene hindurch gegangen, wie durch zartes Papier. Und nun saß der Undviker auf einem braunen Schaffell vor dem Zelt, das er sich mit seiner besten Freundin teilte, und hielt ihr sein verletztes Gliedmaß abwartend entgegen. Er hatte sich aus seiner Lederrüstung und den Stahlschienen geschält, sich den schlimmsten Schmutz mit seinem zerrissenen Überwurf von der Kleidung gewischt. Und jetzt kniff er ein Auge schmerzerfüllt zusammen, als ihm Anna die Schnitte am linken Unterarm mit kühlem Wasser auswusch. Die Frau klaubte nach einem sauberen Tuch, das sie vorhin bereitgelegt hatte und wischte ihrem Kumpel damit die ganzen Blutreste vom Arm und der leicht zittrigen Hand. 

“Es ist normalerweise nicht schlimm, wenn sie einen mit den Krallen erwischen…”, sagte sie dabei beruhigend “Sie zerreißen ihr Futter, die Toten, mit den Zähnen. Es sollte also nichts weiter geschehen.”

Hjaldrist seufzte erleichtert und die Kurzhaarige lächelte ihm aufmunternd zu. Sie selbst verspürte noch einen leichten Schmerz in der Hüftgegend, doch das war nicht schlimm. Sie blutete nicht, war nur fort gerammt und nicht aufgeschlitzt worden. Vielleicht würde sie heute noch etwas hinken, doch das war es auch schon. Die Wunden des anwesenden Skelligers würde man jedoch trotz allem im Auge behalten müssen.

Anna bemerkte nicht, wie jener sie ansah, als sie seine Hand erfasste, um ihm noch etwas Wasser über die wunde Handfläche zu schütten und ihm den Dreck dort mit dem mittlerweile befleckten Tuch wegzutupfen.

“Man muss das nicht nähen, denke ich. Es hört schon auf zu bluten.”, kommentierte sie noch, als sie sich den Schnitt besah “Du hattest echt Glück.”

Rist schwieg und beobachtete die Frau vor sich nur weiterhin ruhig. Erst, als sie dann zu ihm aufsah, blinzelte er und mutete kurz an, wie ein Dieb, den man bei seinem verwerflichen Tagwerk erwischt hatte. Fragend hob die Alchemistin die Brauen, ging dann aber gleich zu ihrer Frage über:

“Hast du noch Verbandszeug?”, wollte sie wissen.

“Ähm. Ja.”, entkam es dem Undviker zögerlich “Ich glaube. Im kleinen Fach von meinem Rucksack.”

Anna nickte und schob sich an ihrem Kumpan vorbei, um nach den Bandagen zu suchen. Und sie würde auch eine Flasche Alkohest aus ihrem Kram holen, um die Wunden ihres armen Begleiters damit zu desinfizieren.

 

Eine halbe Phiole Schmerzmittel später begleitete Hjaldrist Anna zur behelfsmäßigen Garnison der Nilfgaarder, um nach Mickael Flaut zu suchen. Sie fanden diesen Mann in der Einrichtung am Rande Vizimas auch relativ schnell, denn seine Leute hatten sich unerwartet hilfsbereit gezeigt und einer der Soldaten hatte die zwei Monsterjäger zu dem Kommandanten geleitet. Er salutierte steif vor Flaut, ehe er kehrtmachte und rüstungsklappernd verschwand. Und der Kommandant, auf dessen Schreibtisch ein imposanter Flügelhelm stand, ließ den Blick abwartend auf die zwei Jüngeren sinken. Der Mann mit dem kurzen, schwarzen Haar hatte strenge Züge und eine markante Hakennase, die ihm das Aussehen eines Geiers verlieh. Seine dunklen Augen taxierten die Besucher eingehend, doch nicht argwöhnisch. Jemand wie er hatte hier, in der von ihm besetzten Garnison der Stadt, nichts zu befürchten und dass Anna und Hjaldrist bewaffnet waren, schien ihn keineswegs zu stören. Er war mit Sicherheit ganz schön selbstbewusst.

“Ja, bitte?”, wollte er wissen und sprach in einem harten nilfgaarder Akzent.

“Wir haben die Ghule erledigt.”, sagte die burschikose Alchemistin im zugigen Raum gleich offen heraus und ohne sich erst vorzustellen “Wenn man die Leichen fort schafft und verbrennt, werden auch keine neuen Biester nachkommen.”

Der Geier wirkte überrascht. Seine dichten Augenbrauen hoben sich abrupt.

“Ist dem so?”, wollte er wissen und sah von Anna fort, um deren Begleiter anzusehen, der vom vielen Schmerzmittel noch etwas benommen wirkte. Leicht rümpfte der Nilfgaarder dabei die Nase, da er das getrocknete Blut und den Dreck an der Kleidung der Abenteurer erkannte und sicherlich roch, woher beides kam. Doch er ließ davon ab abfällig zu werden. Der Kommandant wahrte einen recht respektvollen Umgang.

“Wir haben über ein Dutzend davon erledigt.”, berichtete Anna weiter und Rist nickte zustimmend. 

“Mhm.”, machte Flaut “Man sieht es euch an, dass ihr gekämpft habt.”

Der schwer gerüstete Krieger überlegte kurz, als er die Arme hinter dem Rücken verschränkte. So, wie er das Auftreten der Monsterjäger nicht kritisierte, sprach er seine Überraschung nicht aus. Doch sicherlich wunderte er sich über den Umstand, dass die beiden Personen vor ihm dafür gesorgt hatten, dass die gefährliche Ghulplage ein Ende nahm. In seinen strengen Augen musste besonders Anna, die seine Tochter hätte sein können, doch noch ein Kind sein. Und auch Hjaldrist sah seiner elfischen Herkunft wegen jünger aus, als er war. Er mochte zwar um ein paar Jahre älter sein als seine beste Freundin, doch das merkte man keineswegs.

“Ich werde ein paar Männer entsenden, die sich dessen überzeugen, was ihr sagt. Es gibt hier nämlich genug Schwindler.”, versicherte Flaut schließlich bestimmend “Und ist es wahr, dass ihr die Ghule erschlagen habt, werde ich euch eure Bezahlung so schnell als möglich zukommen lassen.”

“Wie viel?”, fragte die Trankmischerin kritisch und der Soldat verzog keine Miene, als er sofort Antwortete.

“Fünfzig Florens.”, sagte der große Mann in der schwarz-goldenen Rüstung “Und wenn ihr euch noch mehr verdienen wollt, hätte ich da noch ein paar weitere Arbeiten für euch.”

Fünfzig nilfgaarder Florens also. Gut. Anna sah dem ernsten Hünen aufmerksam entgegen.

“Welche Arbeiten?”, fragte Hjaldrist interessiert nach und kam seiner Kollegin damit zuvor.

“Die Armee hat zurzeit viel zu tun. In erster Linie waren wir damit beschäftigt die umliegende Gegend wieder instand zu setzen. Viele Häuser haben in den letzten Wochen gebrannt und wir haben der Bevölkerung geholfen ihre Heime wieder instand zu setzen.”, berichtete der Geier. Anna verkniff sich ein abschätziges Lachen. Oh, diese Leute hier überrannten Vizima, nahmen es gewaltsam ein und taten nun einen auf ‘ehrenvoller Helfer’? War das irgendwo tragikomisch oder bemerkenswert?

“Wir kamen mit dem Fortschaffen der Leichen nicht hinterher, doch ihr könntet das für uns erledigen, wenn ihr wollt.”, schlug der Nilfgaarder vor.

“Wir sind Monsterjäger, keine Leichensammler. Sucht Euch für den Kram wen anderes.”, warf Anna ein und sprach sich damit scharf gegen den Mann aus, der hier so stolz sprach. Er wirkte verblüfft deswegen, doch musste dann zum ersten Mal ein klein wenig schmunzeln. Das sture Starren der jüngeren Frau vor ihm schien ihm zu gefallen.

“So? In dem Fall…”, fing er ganz langsam an und klang nachdenklich, als er sich das stoppelige Kinn rieb “Hätte ich eventuell wohl einen passenderen Auftrag für euch. Ich sende euch die Einzelheiten mit dem Geld, solltet ihr tatsächlich mit den Ghulen fertig geworden sein. Wenn ihr keine Betrüger seid, werdet ihr uns gut helfen können.”

Anna bemühte sich darum nicht mit den Augen zu rollen. Es nervte sie, dass man sie hier behandelte wie jemanden, dem man das Töten von Bestien nicht zutraute, obwohl sie ein Hexermedaillon und teure Waffen bei sich trug. Am liebsten hätte sie unfreundlich gemault. Dennoch fügte sie sich der Situation. Was hätte sie auch anderes tun sollen? Sie hatte zwar Lust darauf Flaut zu erzählen, welch ein Idiot er war, weil er nicht dafür gesorgt hatte die Toten vor der Stadt wegzuräumen, doch sie wollte ihn auch nicht unbedingt zum Feind haben. Gerade aus dem Grund nicht, weil er angeblich noch Aufträge für sie und Rist hatte.

“Wir lagern außerhalb der Stadt. Nahe der Vorstadt und dem Wanderzirkus. Letzteren kann man nicht verfehlen.”, erläuterte die etwas feindselig wirkende Kriegerin nurmehr trocken und Flaut nickte.

“Meine Männer werden euch morgen Vormittag aufsuchen.”

“Wiedersehen.”, gab die Hexerstochter wenig begeistert von sich und wandte sich einfach ab, um zu gehen. Sie und Rist waren hier vorerst fertig.

 

Vizima lag an einem See. Unweit des Lagers des bunten Wanderzirkusses plätscherte jenem ein Bach entgegen, den Anna und Hjaldrist dazu nutzten ihre Kleidung zu waschen. Mit nassen Haaren, frischer Hose und locker sitzendem Hemd beugte sich Anna stirnrunzelnd über ihre Jacke und tauchte sie in das kühle Nass. Wenige Momente früher hatte sie ihren Kopf in das kalte Wasser gesteckt und sich mit viel Seife das ganze Ghulblut aus den Haaren gewaschen. Sie hatte sich die schmutzige Kleidung bis zu den Unterkleidern vom Körper gezerrt und sich heftig beschwert, weil ihr der Gestank nach Verwesung und Scheiße noch immer stechend in der Nase gehangen hatte. Zweimal hatte sie sich die Arme abgeschrubbt und sich schaudernd verkrustetes Monsterblut vom Hals und der Seite gewaschen, das ihr in den Kragen und durch den Hemdstoff gesickert war. Angewidert hatte sie geschnaubt und keine Ruhe gegeben, bis Rist ihr versichert hatte, dass sie nicht mehr nach Leichenfresser miefte. Auch der besagte Jarlssohn saß in frischen Beinkleidern am Rand des Baches und entschied sich soeben dazu seinen zerrissenen, dreckigen Überwurf wegzuwerfen. Jener war so kaputt, dass man ihn kaum noch retten konnte und das ärgerte den Skelliger. Er würde sich einen neuen leisten müssen.

Anna schrubbte mit dem hellen Seifenstück über einen hartnäckigen Fleck auf ihrer gestreiften Jacke und warf es dann ihrem Kumpel zu, der diesbezüglich auffordernd her gesehen hatte. Ihre nassen Haare tropften noch und nun, da sich der Abend über das Land neigte, wurde es kühl. Noch fror Anna aber nicht. Und später, am Lagerfeuer, würde sie so und so schnell trocknen.

“Dieser Flaut ist echt unsympathisch.”, brummelte die Trankmischerin genervt vor sich hin und ihr Freund, der gerade seine Tunika wusch, sah endlich wieder auf. Seit die meckernde Novigraderin halb im kalten Bach gebadet hatte, hatte er geschäftig weggesehen. Doch das war ihr natürlich nicht aufgefallen. Sie hatte es auch nicht registriert, wie der Mann aus den Augenwinkeln zu ihr gelinst hatte, als sie wenig elegant in ihre saubere Hose, dann in das naturfarbene Hemd geschlüpft war. Oder vielleicht war es ihr ja klar, dass Rist gegafft hatte, aber es war ihr egal.

“Der hat uns behandelt, wie kleine Kinder.”, murrte die Schwertkämpferin weiter.

“Aber er war höflich.”, wand Hjaldrist locker ein “Im Vergleich zu so manch anderen Leuten, war er doch recht nett.”

“Pff…”, schnaubte die Hexerstochter und rubbelte weiter das Blut aus ihrer Jacke, tauchte sie noch einmal in das plätschernde Nass und wrang sie dann aus “Ich finde ihn unsympathisch.”

“Du fühlst dich immer ziemlich schnell auf die Füße getreten. Vor allem von Männern.”, stellte Rist richtig fest und Anna sah betroffen auf “Du solltest damit aufhören. Du machst dir mit der Einstellung nur Ärger.”

Die Alchemistin aus dem Norden legte den Kopf leicht schräg und verengte die braunen Augen.

“Na und? Wenn ich Ärger kriege, dann haue ich dem aufs Maul, der mir blöd kommt. Es wäre nicht das erste Mal.”, wehrte sie sich und in ihrem Kopf machte das so am meisten Sinn. Schließlich war sie damit immer ganz gut durch das Leben gekommen.

Man hörte, wie Rist leise lachte und er schüttelte den Kopf, als spräche er mit einem Kind, das etwas Dummes gesagt hatte. Anna strafte ihn dafür mit einem giftigen Blick. Doch er blieb gelassen, kannte seine Freundin schließlich. Und auch, wenn sie ihn gerade böse ansah, wusste er, dass er nicht so bald einen Schlag auf die Nase bekäme, als andere Leute, die die Trankmischerin harsch kritisierten. Rist wusste, dass ER recht weit gehen könnte.

“Manchmal muss man es aber nicht so weit kommen lassen, Anna.”, sagte der Kerl “Wenn man nicht gleich in die Offensive geht - verbal oder körperlich - dann bleiben auch die Gegenüber ruhiger. Wie man in den Wald schreit, so kommt es zurück.”

Die Alchemistin gab einen zweifelnden Laut von sich.

“Oder glaubst du nicht?”, wollte Hjaldrist wissen, als er Anna geradeaus entgegen sah.

“Keine Ahnung.”, machte sie abwehrend, obwohl sie Hjaldrist’s Standpunkt schon nachvollziehen konnte, und der Mann schnaufte nachgiebig.

“Dein Ziehvater hat dir zwar eingebläut, dass alles und jeder um dich herum gefährlich ist, aber vielleicht stimmt das auch nicht. Denk mal drüber nach.”

“Das hat Balthar nicht getan.”

“Ach, nein? Er ließ dich selten alleine aus der Burg, pflanzte dir ein ziemlich schlechtes Bild von Männern ein und ermahnte dich früh dazu, dass du zornig sein sollst, anstatt zu weinen.”, erinnerte sich der Skelliger an all die Geschichten seiner Freundin und es war, als durchschaue er sie damit einmal wieder. Doch er tat das nicht vorwurfsvoll, was dazu beitrug, dass sich Anna nicht sofort wieder stur stellte, sondern ihn nur entrückt ansah. Rist war manchmal einfach viel zu schlau und bedrängte Anna immer wieder mit Tatsachen, von denen sie glaubte, dass sie sie nicht ändern konnte. Letzteres ärgerte sie.

“Es wundert mich also nicht, dass du anderen gegenüber manchmal so ungut bist, Arianna. Aber versuche es doch einfach einmal manche Situationen positiver zu sehen. Oder jedenfalls nicht gleich auf Konfrontationskurs zu gehen.”, riet Hjaldrist weiter.

“Ich habe heute, bei Flaut, nichts gemacht.”, beschwerte sich die Kurzhaarige.

“Ja, aber am liebsten hättest du es. Obwohl er eh relativ nett war. Wir hätten es weit schlimmer treffen können und ich kann sein Misstrauen schon irgendwie verstehen.”

Anna runzelte die Stirn.

“Du würdest dir das Leben jedenfalls leichter machen und dir Groll ersparen, wenn du nicht so oft in jedem einen Gegner siehst.”, schätzte der Skelliger am Bachufer noch recht gutmütig und lächelte schwach, als seine Gefährtin nachdenklich weg sah “Glaub mir das.”

 

Später saßen sie mit den anderen am Feuer. Herr Baran hatte sich bereits schlafen gelegt, doch all die anderen Mitglieder der ungleichen Reisegruppe waren anwesend und hielten Becher, gefüllt mit warmem Gewürzwein, in den Händen. Anna saß bei Igold und Frobert, die ihr von alten Abenteuern in Angren erzählten. Davon, wie sie dort die Wäsche von einer Wäscheleine eines Bäckers gestohlen hatten oder wie sie Goldlocke zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren. Es war unterhaltsam und die Hexerstochter lachte immer wieder leise in sich hinein.

Hjaldrist saß in der Nähe und unterhielt sich einmal wieder mit Mia. Er erklärte ihr irgendetwas, sprach von Träumen und wirkte ziemlich grüblerisch. Die Elfe betrachtete ihn daraufhin mitfühlend und gestikulierte dann, als sie ihm gewisse Gegebenheiten erklärte. Das Gespräch wirkte ernster als alle anderen am Lagerfeuer und recht lange schon steckten die beiden die Köpfe zusammen.

“Man kann es nie ganz abstellen…”, beteuerte die geduldige Träumerin und lächelte melancholisch “Doch wenn man es unter Kontrolle hat, ist es nicht mehr schlimm. Irgendwann, da lernt man es sogar seine Träume zu lenken.”

“Inwiefern?”, wollte Rist interessiert wissen.

“Man träumt bewusst und kann dabei machen, was man will. Das kann aber auch verhängnisvoll sein. Es gab schon Leute, wie uns, die nicht mehr aufwachen wollten, weil es ihnen in ihren Träumen besser erging, als in der Wirklichkeit.”, erzählte Mia wissend “So etwas sollte niemals passieren.”

Hjaldrist machte große Augen, doch besann sich schnell wieder.

“Aber Träume sind doch auch die Wirklichkeit. Oder nicht?”, kritisierte der Mann und die dunkelhaarige Elfe neben ihm nickte.

“Ja, schon. Nur können manche Träumer diese ‘Realität’ im Traum manipulieren. Davon sprach ich gerade eben. Wenn ihnen irgendetwas nicht passt, biegen sie es durch ihre Gedanken zurecht. Sie missbrauchen ihre Gabe so zum reinen Selbstvergnügen.”, erläuterte die Kurzhaarige mit den spitzen Ohren. Sie musterte ihren Gleichgesinnten eindringlich und berührte ihn dann sanft am Arm. Ihre Stimme klang bittend, als sie daraufhin weitersprach.

“Dem darfst du niemals verfallen, Hjaldrist.”, entkam es ihr “Versprich es mir.”

“Ich hab’s nicht vor…”, entgegnete der Jarlssohn gleich ehrlich und die novigrader Elfe bei ihm lächelte zufrieden.

Die beiden unterhielten sich noch lange und während sie anfangs noch über ihre Begabung gesprochen hatten, die für sie zu oft eine Last darstellte, gingen sie irgendwann zu Trivialem über. Anna, die saß mittlerweile bei Albion, Ravello und Linda, um mit ihnen ein simples Würfelspiel zu spielen. Sie lachten viel und wetteten um Kupferstücke oder Kleinod. Ab und an fielen Anekdoten oder blöde Sprüche und der Ärger des Tages war so gut wie vergessen. Einzig und allein Rist fehlte in der Runde irgendwann immer mehr, denn eigentlich spielte er ganz gern. Es kam selten vor, dass er nicht sofort breit lächelte, wenn man ihm Karten oder Würfel vor die Nase hielt. Also wollte sich Anna nach ihm umsehen und ihn fragen, ob er für heute denn nicht endlich mit den todernsten, trockenen Gesprächen aufhören und mit dem Würfeln anfangen wollte. Es war längst dunkel geworden und Zeit für lustige Kurzweil vor dem Schlafengehen. 

Als die Giftmischerin grinsend im Begriff war sich nach ihrem besten Freund umzusehen, schnappte sie das Gerede zwischen ihm und Mia wieder auf.

“Was hast du denn eigentlich vor, nachdem ich dir alles beigebracht habe, was ich weiß?”, wollte die neugierige Elfe erwartungsvoll wissen. Und die Hoffnung im Unterton von ihr wollte Anna nicht so ganz gefallen..

“Hm? Keine Ahnung…”, gab der Skelliger zu.

“Du könntest doch mit uns kommen. Wir sind so und so ein diverser Haufen und jeder hier mag dich echt gerne. Und zugegeben: Du bist auch mir echt ans Herz gewachsen.”, säuselte die Frau zuvorkommend und Anna hielt lauschend inne. Sie legte die Stirn in tiefe Falten und wollte schon die Augen verdrehen. Was ihr Kumpel vorhatte? Sie würde Hjaldrist noch fragen, ob sie beide nach Serrikanien gehen sollten. Der Undviker hatte die Wüste doch auch schon immer mal sehen wollen, oder? Hatte er seine blöde Lieblingsgeschichte über die Dschinns etwa vergessen?

“Mit euch gehen?”, wiederholte der Mann “Hm. Vielleicht. Warum auch nicht? Mal sehen...”

“Ja, eben, warum nicht? Es wäre sehr schön.”, gab Mia ungewohnt lieb zurück “Außerdem ist es großartig jemanden bei sich zu wissen, der auch ein Träumer ist. Man könnte in Zukunft mehr voneinander lernen. Ich habe bisher selten andere Oneiromanten getroffen und ich bin mir sicher, dass wir später auch mit den Stimmen arbeiten können, die du hörst. Ich kenne schließlich viel Theorie darüber.”

“Meinst du?”, wollte Rist wissen und man konnte Interesse in seinem Unterton mitschwingen hören. Und vielleicht war es lächerlich, aber Anna fühlte sich in diesem Augenblick so… klein. So unbedeutend. Das, was sie in Zukunft vorhatte, erschien auf einmal wie aus dem Licht heraus gerückt. Sie… wollte doch nach neuen Kräuterprobe-Rezepten forschen. Natürlich reiste sie dabei kreuz und quer durch die Welt, doch sollte sie wirklich auch in ein, zwei Jahren noch mit dem ebenso nomadischen Zirkus hier ziehen? Nein. Sie wollte sich dahingehend nicht binden, käme mit diesen Leuten auf Dauer viel zu langsam voran. Und sie wünschte es sich mit ihrem besten Freund zusammen umher zu reisen. So wie früher.

Noch immer saß Anna wie erstarrt da und ihre gute Laune war mittlerweile ziemlich gedämpft. Ihr Magen war flau geworden und das Aroma des fruchtigen Gewürzweines, der vor Minuten noch vorzüglich geschmeckt hatte, lag ihr nun schal und bitter auf der Zunge. Die Alchemistin wusste, woher dies rührte, denn sie hatte sich schon einmal so gefühlt: Sie hatte Angst davor allein weiterziehen zu müssen. Dies, weil sie vor keinem Jahr erst erlebt hatte, wie dies war. Wie es sich anfühlte, wenn Hjaldrist plötzlich fort war und sie wieder einsam dastand. Es war grauenvoll und sie wollte das nicht. Sie hatte aber auch kein Verlangen dem Wanderzirkus auf Ewig hinterher zu laufen. Und daher widerstrebte es ihr so sehr, was Hjaldrist Mia gerade sagte. Es war, als denke er gerade gar nicht an Anna.

“Ja, vielleicht ist das eine gute Idee.”, meinte er unbefangen “Wohin wollt ihr denn, nachdem wir in Beauclair gelagert haben?”

“Das wissen wir noch nicht. Aber in den Norden sicherlich nicht, solange Radovid an der Macht ist.”, entkam es der Träumerin hintergründig. Und alleine, dass Rist in Betracht zog, wieder mit der Elfe zu gehen, anstatt nach dem Besuch in Toussaint in den Osten zu reisen, versetzte Anna einen Stich in die Brust. Sie erhob sich langsam und etwas mechanisch.

“Anna?”, fragte Ravello gleich unschlüssig “Spielst du nicht mehr mit?”

Auch Albion und Linda sahen fragend auf, hielten mit dem Würfeln inne.

“Bin müde…”, redete sich die mürrische Giftmischerin heraus und wandte sich ab “Gute Nacht.”

“Hmm… gute Nacht.”, wünschte auch der angeheiterte Ritter und während sich er und der stockbesoffene Albion gleich wieder ihrem Spiel um Geld widmeten, sah die gutmütige und immer sehr mütterliche Linda der vermeintlich erschöpften Monsterjägerin besorgt nach.

 

Tatsächlich ging Anna schlafen. Oder sie versuchte es zumindest, nachdem sie vom geselligen Platz des Lagerfeuers geflohen war. Sie ärgerte sich. Über Mia, über Rist und vor allem über sich selber. Sie trat sich mit finsterer Miene die Lederstiefel von den Füßen und legte sich dann in voller Montur auf die Felle im Zelt, das sie sich seit jeher mit ihrem Kumpel aus Undvik teilte. Mit dem Rücken zum halb offen stehenden Zelteingang tat sie das, wickelte sich in ihren wärmenden Lodenumhang und zog die dicke, breite Baumwolldecke über sich. Das so weit, dass jene ihr bis zur Nase reichte. Und wo sie vorhin einfach nur auf eine erschlagende Art enttäuscht gewesen war, fing sie jetzt damit an Zorn zu verspüren, der ihr den Magen umdrehte. Es war kindisch, zickig, bescheuert. Doch sie konnte einfach nicht anders, kam aus ihrer Haut nicht heraus. Und eher grummelte sie hier stur und einsam vor sich hin, als vernünftig über ihr Anliegen nachzudenken oder gar zurück zu den anderen zu gehen und Hjaldrist um ein Gespräch zu bitten. Oh, sie hatte sich geschworen nicht mehr so starrköpfig und verbohrt zu sein, ja, doch gerade, da konnte sie dieses Versprechen an sich selbst nicht einhalten. Ihr war übel, wenn sie daran dachte, dass Hjaldrist mit Mia und den anderen ging und nicht mit ihr. Nach dem, was geschehen war, nachdem sie einander für tot gehalten hatten, hatte die Novigraderin gedacht, dass sie nie wieder in die beklemmende Situation kommen würde, in der ihr bester Freund einen anderen Weg ginge, als sie. Erst recht nicht mehr, nachdem dessen verfluchter Vater ihn hatte entführen wollen. Hatte sie zum Anfang ihrer gemeinsamen Reise noch gedacht, dass Hjaldrist irgendwann als Jarl zurück auf seine winterliche Insel gehen würde und sie spätestens dann eine Hexerin sei, die allein umher zog, sah sie diese Lage heute anders. Oder eher: Sie ersehnte sich die Zukunft in veränderter Weise. In einer, in der sie eine Mutantin war, die mit Hjaldrist zusammen auf Monsterjagd ging. Es wäre ungewöhnlich, aber na und? Nur, weil die meisten Hexer Einzelgänger waren, hieß das nicht, dass sie so werden wollte. Ja, sie wollte, dass Rist mit ihr käme. Wohin sollte er denn sonst auch zurück? Nach Drakensund? Lächerlich.

Anna zog die Decke höher und blinzelte sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel, zog die Nase leise hoch und räusperte sich leise, um die kratzige Kehle frei zu bekommen. Sie fühlte sich wie besiegt. Und sie lag noch lange in Gedanken versunken wach, ohne sich groß zu rühren. Sie war auch dann noch nicht eingenickt, als Hjaldrist spät in das Zelt geschlichen kam und sich die Stiefel so leise als möglich auszog. Er glaubte sicherlich, dass Anna schliefe. Sie überzeugte ihn jedoch nicht vom Gegenteil, hatte keine Lust mehr darauf heute auch noch ein einziges Wort mit ihm zu wechseln. Also blieb sie still liegen. 

Es war schon etwas ulkig, nicht? Die kurzhaarige Alchemistin wollte für immer mit ihrem besten Freund zusammen reisen und hätte wirklich viel dafür gegeben, doch sträubte sich im selben Zug davor ihn gerade anzusehen oder ihm einfach nur eine gute Nacht zu wünschen. Verstehe sie mal jemand. Manchmal tat sie dies selbst nicht einmal.

Der Jarlssohn kam auf leisen Füßen näher, ließ irgendeinen Stoff raschelnd zu Boden fallen. Dann setzte er sich neben der abgewandten Anna hin, kramte kurz herum, zögerte eine Weile und legte sich daraufhin nieder. Es dauerte keine zwei Atemzüge, da spürte die verblüffte Hexerstochter, wie sich ein Arm von hinten um sie legte. Da war Rist’s Körper, sein ruhiger Atem in ihrem Nacken. Die Schwertkämpferin musste sich darum bemühen ob letzterem nicht noch zu erschaudern. Es war ungewohnt, dass der Skelliger sie beim Schlafen von hinten festhielt. War er etwa betrunken? Normalerweise mimte SIE doch immer diejenige, die sich an seinen Rücken kuscheln musste, wenn es nachts zu kalt wurde. Heute, da war es draußen zwar kühl, doch definitiv nicht eisig. Es war schon lau genug, dass man nicht, so, wie im Winter, zusammen unter einer Decke schlafen musste. Oder fror Rist etwa? Anna atmete einmal tief aus und schlug die Augen nieder.

“Gute Nacht, Anna.”, kam es dann plötzlich von hinten und sie verspannte sich leicht, fühlte sich ertappt und hatte das Gefühl noch ein schlechtes Gewissen bekommen zu müssen. Doch es folgte seitens Rist nichts weiter. Und so lockerten sich Anna’s steife Glieder bald wieder und sie holte Luft für eine knappe, zögerliche Antwort. Jene fiel aber nicht als ‘Gute Nacht’ aus, denn es glich einem Wunder, doch die Hexerstochter sprang nach viel zu langer, nächtlicher Grübelei über ihren Schatten. Sie holte tief Luft, um zu sprechen und in ihrem Frust fiel es ihr mittlerweile sogar leicht den Mund aufzubekommen. Ja, Augen zu und durch...

“Ich würde gerne nach Serrikanien gehen.”, entkam es ihr und sie spürte, wie sich ihr Freund leicht rührte. Er war zusammengezuckt, als wäre er gerade schon dabei gewesen einzuschlafen und als hätte Anna ihn mit ihrer Aussage davon abgehalten.

“Hmm…?”, hörte sie und sah über den Deckenrand in die Düsternis vor sich.

“Nach Toussaint. Und wenn es dir mit deinen Träumen besser geht.”, erklärte sich die Frau mit gesenkter Stimme “Kommst du mit?”

Die kurzhaarige Alchemistin wurde am Rande etwas nervös, denn in der Tat fürchtete sie sich vor dem, was ihr Kollege entgegnen würde. Sie hatte sich den Kopf zuvor so sehr zermartert, dass es unter Umständen passieren könnte, dass Hjaldrist jetzt sagte, dass er bei Mia und den anderen bleiben wollte.

“Nach Serrikanien?”, fragte der Skelliger hinter Anna nach und klang dabei ein klein wenig schlaftrunken. Noch immer lag er ruhig da und hatte den Arm um sie gelegt, als sei dies völlig gewöhnlich.

“Mh, ja, das können wir machen…”, sprach Rist weiter und hätte er seiner jüngeren Kumpanin gerade gegenüber gestanden, hätte er vermutlich nachgiebig gelächelt und mit den Schultern gezuckt.

Anna fiel ein Stein vom Herzen. Nein, ein zentnerschwerer Felsbrocken. Sie atmete erleichtert durch und obwohl sie nicht gläubig war, dankte sie den Schöpfern just im Geiste.

“Ich wollte mir diese Flaschengeister ja so und so mal in echt ansehen…”, gähnte der Undviker und für ihn war der Reiseplan für die Zukunft damit besprochene Sache. Es war so einfach gewesen und die Giftmischerin, die vor dem müden Axtkämpfer lag, kam sich ziemlich bescheuert vor. Ja, sie war doch töricht gewesen ihren Freund nicht gleich auf Serrikanien anzusprechen, sondern sich völlig fertig zurückzuziehen und sich selbst Kopfschmerzen zu bescheren, indem sie zu viel überdachte. Und jetzt, da die Angst wieder allein umherziehen zu müssen, besänftigt war, bemerkte Anna erst, wie die Müdigkeit auch nach ihr fasste. Ewig hatte sie davor wach gelegen und hatte in ihrem Gram kaum bemerkt, wie abgekämpft und erschöpft sie eigentlich war.

 

Es war noch düster im Zelt, als Anna erwachte, weil Hjaldrist mit einem erschrockenen Laut aus der rauen Kehle aus dem Schlaf hochschreckte. Die Frau lag irgendwo eingemummelt zwischen rotem Lodenmantel, dicker Baumwolldecke und Fellen und blinzelte verwirrt. Hatte sie beim Einschlafen noch mit dem Rücken zu ihrem Kumpan gelegen, der gerade überfordert stöhnte, hatte sie die letzten Minuten über auf dem Rücken geruht. Also musste sie nur den Kopf drehen, um schläfrig in die Richtung blicken zu können, in der sich ihr leidender Freund befand. Jener zog gerade die Hand von Anna zurück, mit der er sich eben noch krampfhaft festgeklammert hatte, und presste sie sich im Dunkel ans Gesicht. 

Schemenhaft erkannte die anwesende Alchemistin das, als sie verstand, dass ihr Gefährte einmal wieder schlecht geträumt haben musste. Oder vielleicht war er sogar noch halb dabei. War schon ein paar Mal passiert. Auch schlafwandelte er selten. Also sprach Anna Hjaldrist gleich prüfend an und ihre Stimme klang müde dabei.

“Hey…”, machte sie auffordernd “Bist du wach, Rist?”

Die kritische Kurzhaarige bekam keine Antwort. Stattdessen jammerte der ihr zugewandte, arme Kerl irgendetwas leises, unverständliches. Sie seufzte verhalten und drehte sich dem Skelliger zu, richtete den Oberkörper schwerfällig ein Stück weit auf. Sich mit dem einen Unterarm auf der Schlafgelegenheit abstützend und die freie Hand dahin legend, wo sie Rist’s Oberarm oder Schulter vermutete, holte Anna erneut Luft zum Sprechen.

“Du hast mal wieder geträumt.”, beschwichtigte sie matt, tätschelte den Älteren. 

Oh, Melitele, sie war noch so müde. Wie lange hatte sie schlafen können? Zwei, drei Stunden? Weniger? Mehr? 

“Es ist alles gut.”, endete die ruhige Novigraderin ihre Ansprache noch und hielt die Augen auf dem zittrigen Krieger vor sich. 

“Scheiße…”, wisperte der ungewohnt wehleidig.

Es war fürchterlich, nicht? Hjaldrist war einer der stärksten Menschen, die Anna kannte. Er war unglaublich standhaft und absolut nicht zimperlich, wenn er kämpfen oder über Felder voller stinkender, fauliger Leichen marschieren musste. Von Anfang an hatte er niemals Furcht gezeigt und den Kopf immer erhoben gehalten, wenn er Monstern hatte gegenüberstehen müssen. Kein Muh und kein Mäh käme von seiner Seite, hätte die Trankmischerin plötzlich gesagt, sie wolle in den Hort eines riesigen Koschtscheis laufen, um jenen dort zu bekämpfen. Der allzeit bereite Undviker wäre zielstrebig mitgekommen, obwohl er noch nie im Leben eines dieser großen, insektenähnlichen Wesen gesehen hatte. 

Doch dann waren da die Träume. Und jene besiegten den sonst so harten Skelliger immer wieder. Träume, von denen man glauben mochte, dass sie eh nur unbedeutende Bilder waren, die einen im Schlaf heimsuchten und die man nach dem Aufwachen schnell wieder vergaß. Auch für Anna waren Träume nicht mehr. Aber für Hjaldrist galt das nicht. Die burschikose Hexerstochter wusste nicht im geringsten, wie er sich gerade eben fühlen musste, doch sie ahnte, dass er wieder außer sich oder am Boden zerstört war, zutiefst entsetzt oder traurig, vernichtet. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie es war, wenn man im Schlaf irgendwelche realen Visionen hatte, die einen vollkommen ohnmächtig zurückließen, und dennoch sah sie nun mitleidig auf ihren seufzenden Freund hinab. Der Mann sprach irgendwo zwischen seinen Fingern der Hand, die auf seinem Gesicht lag, und seine Stimme brach dabei beinahe.

“Du… du darfst das nicht tun…”, entkam es ihm beschlagen und es war nicht schwer herauszuhören, dass er im Schlaf, gerade eben, geheult haben musste. Warum war Anna nicht viel früher wach geworden, um ihn aufzuwecken, verdammt? Sie hatte geschlummert wie ein Stein.

“Sonst stirbst du...”, presste der Dunkelhaarige hervor, um seine vorige Aussage zu schließen.

Anna lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als sie dies vernahm. Es stellte ihr die Nackenhaare auf.

“Rist...?”, fragte sie sehr verunsichert und es gefiel ihr ganz und gar nicht, was der Träumer da gerade gesagt hatte. Früher, da hätte sie einen dummen Spruch entgegnet, doch heute wusste sie, dass ihr guter Kumpan oftmals wirklich Dinge sah, die in der Zukunft lagen. Nicht immer, aber dennoch. Und er hatte gerade völlig aufgelöst gesagt, dass Anna sterben würde. Nur wobei? Weshalb? Die betroffene Frau schluckte trocken und rüttelte den Liegenden zögerlich, um nach seiner Aufmerksamkeit zu haschen. Er zuckte zusammen und nahm die Hand wieder vor dem sicherlich sehr blassen Gesicht fort. Man konnte das im Dunkeln schlecht sehen.

“Hör auf solche kryptischen Sachen zu sagen.”, drängte die Alchemistin mit dem flauen Magen flüsternd und kam nicht umhin sich ziemlich befremdlich zu fühlen. Eigenartig, wo sie doch damit rechnete relativ früh zu sterben. Eigentlich, da konnte es ihr ja egal sein, weswegen sie die Hufe hochriss, oder? Ach, sie wollte es ja nicht einmal wissen und würde dahingehend auch nicht nachstochern.

Hjaldrist hatte sich währenddessen noch immer nicht beruhigt. Er sah groß zu Anna auf und eher schlecht als recht erkannte sie seine Züge in dem spärlichen, kalten Licht. Es ging ihm überhaupt nicht gut, er atmete noch immer unruhig und setzte sich nun ebenso hin. Der entrückte Undviker mutete an, als hätte man ihn übel verprügelt und als sei er hin und her gerissen, hilflos. Als wolle er seiner Kumpanin etwas Dringendes erzählen - von seinem Albtraum vielleicht -, doch er biss sich auf die Zunge und ließ es bleiben. Stattdessen fasste er ohne Umschweife nach dem Gesicht der Giftmischerin und war dabei schlussendlich so nah, dass sie vage erkennen konnte, mit welch dunkler Vorahnung er sie betrachtete. Wie erschüttert er ihr in die geweiteten Augen starrte. Die Zeit wollte währenddessen einfach nicht verstreichen. Der unerwartete Kuss, der dann folgte, fühlte sich im ersten Moment an, als sei er von einer tiefen Angst und Hast gesteuert. Anna erstarrte verdattert und hob die Hände reflexartig, hielt jedoch in der halben Bewegung inne und ließ einfach zu, was passierte.

WAS, zum Geier, machte Rist da? Ja, er küsste sie, klar. Aber warum? Weshalb tat er das so, als habe er es damit eilig, weil ihm die ratlose Novigraderin in wenigen Augenblicken schon wegsterben könnte? Als könnte sie gleich zu Asche zerfallen? Warum tat er es, obwohl er nicht betrunken war oder es durch eine dumme, spontane Aktion dazu kam? Der emotional gebeutelte Undviker drückte seine Lippen völlig bewusst und fest an die seines Gegenübers. So, als sei ihm alles andere vollkommen egal und als müsse er es just, in diesem Moment, unbedingt tun.

Und er tat es gut. Ja, Asche auf Anna’s Haupt, aber als ihr Hjaldrist so nah kam und ihr auffiel, wie liebevoll er trotz seines gescheuchten, aufdringlichen Verhaltens war, blendete sie allmählich aus, wie verzweifelt sich der gequälte Mann vor wenigen Atemzügen noch gegeben hatte. Dass man ihm als gute Freundin gerade eine scheuern sollte, um ihn zurück in die Realität zu holen und ihn zu trösten. Doch anstatt dies so vernünftig anzugehen, ließ sich Anna jetzt einfach küssen, als sich ihr erstarrter Körper langsam wieder entspannte. Sie ließ ihre halb erhobenen Hände sinken, schloss die braunen Augen. Noch immer war sie sich dabei nicht ganz sicher, ob Rist überhaupt wirklich wach war, dennoch spielte sie mit. Oh, Schande über sie, aber ihr Hirn wurde zu Matsch, als über die Lippen ihres besten Freundes ein aufgeregtes Keuchen kam und sie ihre Zunge kaum wenige Herzschläge später schon zwischen jenen hindurch schob. Als sein Griff dabei fester wurde und er sich so eng an sie drängte, dass sie bei jedem aufgeregten Atemzug spürte, wie sich seine Brust hob und senkte. 

Gab es da nicht dieses alte Klischee, das besagte, dass Männer nurmehr mit ihren Schwänzen dachten, wenn man mit eindeutigen Gesten zuließ, dass sie einen anfassten? Eine dämliche Behauptung, denn sie traf nicht nur auf das vermeintlich starke Geschlecht zu. Anna würde also weit gehen, würde Rist sich nicht querstellen, sondern weiterhin auf das verquere Spielchen, das er hier begonnen hatte, eingehen. Und das würde er doch auch mit Sicherheit. Denn es gab da noch etwas neben seinen schlimmen Träumen, dem er sich stets auslieferte: Intimitäten mit seiner besten Freundin. Wo er sonst keinerlei erkennbares Interesse an Frauen oder Sex zeigte, wurde er in Momenten, in der er der Novigraderin nah kam, immer ganz eingenommen. Wo er sonst immer zornig oder patzig wurde, wenn ihm Leute wie Svenja zu nah kamen, hatte Anna seit jeher völlige Narrenfreiheit. So wie er sie im Gegenzug umarmen oder an der Hand nehmen durfte; genauso, wie sich die sonst so aufmüpfige Alchemistin, die so einige Argumente gegen zudringliche Kerle hatte, einfach so von Rist küssen ließ. 

Warum sie das tat? Weil Hjaldrist ihr nah stand und sie nicht nur schon des Öfteren mit ihm geschlafen hatte, sondern er auch noch mehr als annehmlich aussah. Weil er keiner der ekelhaften Typen war, die einem obszöne Dinge hinterher brüllten, da sie glaubten, dies sei ihr Privileg. Weil es Spaß machte. Ganz einfach.

Und aus welchen Gründen Rist das hier machte? Hm. Vermutlich aus welchen, die Anna’s Ansichten in gewisser Weise ähnelten. Sie dachte nicht weiter darüber nach und... wollte es ehrlich gesagt auch nicht.

 

*

 

Es war eigenartig, wie gelassen Anna später in Hjaldrist’s Nähe herumsitzen und frühstücken konnte. Damals, nachdem sie ihn zum ersten Mal verlangend zu sich ins Bett gezerrt hatte, weil sie von einem ihrer Tränke völlig losgelöst gewesen war, hatte sie ihn am kommenden Morgen kaum ansehen können. Unbehaglich und nahezu scheu hatte sie ihm damals gegenüber gesessen und sichtlich mit der unglaublichen Scham gekämpft, die die Folge ihrer Aktion gewesen war. Ja, vor zwei Jahren hatte Hjaldrist sie deswegen noch keck veralbert und leichthin dämliche Scherze gemacht. Denn er hatte sie nicht geliebt, sich nicht so sehr um sie geschert. Und heute saß er da und sah immer wieder flüchtig zu seiner Freundin hin, die gerade unsägliche Mengen an Honig in ihrem Haferbrei versenkte. Ihre braunen Haare waren vom Schlafen noch wirr, ihr zu großes Hemd hing ihr etwas schief vom Körper und sie sah aus, als hätte sie sich gern wieder hingelegt. Dennoch fand Hjaldrist, dass sie unglaublich hübsch war, als er sie so ansah. Gleichauf hatte er klare Bilder im Kopf, die er sehr lange nicht mehr loswerden würde. Bilder vom heutigen, sehr frühen Morgen, an dem er der Schwertkämpferin den Mund hatte zuhalten müssen, damit sie nicht noch laut wurde, während er-

Bei den Göttern… Hjaldrist fühlte sich, als sei er nicht schon Mitte zwanzig, sondern zehn Jahre jünger und zum ersten Mal verliebt. Es war bescheuert. ER war blöd und es wurde nicht besser. Doch er konnte eben nicht anders, als seiner Kopfbilder wegen verschlagen in seinen Teebecher hinein zu schmunzeln. Und er würde auch noch in kommender Zeit ganz gern daran zurückdenken, wie sich Anna ihm heute einfach hingegeben hatte. Wie sie ihn geküsst und später ungeduldig an seiner Hose gezerrt hatte. Dies, ohne betrunken zu sein, wohlgemerkt. Das war noch nie passiert. Es glich doch einem kleinen Wunder!

“Na?”, Ravello setzte sich schwungvoll neben den seligen Undviker. Jener, wiederum, bemerkte erst jetzt, dass sich der schillernde Ritter genähert hatte, und blickte fragend auf. Der Blonde stieß ihm grinsend gegen die Schulter, wissend, wölfisch. Oh nein.

“Na…?”, machte jetzt auch der misstrauische Hjaldrist und wollte sich einfach wieder seinem gezuckerten Tee widmen. Der durchdringende Seitenblick des Beauclairers neben ihm machte ihn ein wenig nervös, zugegeben.

“Ausgeschlafen?”, wollte Ravello wissen und sein Unterton war unverkennbar vieldeutig. Der Skelliger stieg nicht darauf ein. Wäre er Anna gewesen, hätte er dem Charmeur gesagt, dass er sich ficken solle. Er war aber Hjaldrist und der hatte schon wieder Bilder vor seinem geistigen Auge, als er in einem Zug an erstere Person und letztere Aktivität dachte.

“Ja. Schon.”, entgegnete er lasch und bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Der arme Axtkämpfer nahm einen Schluck von seinem warmen Getränk und sah fort.

“Echt? Wundert mich.”, flötete der Ritter und als der ertappte Hjaldrist zu ihm linste, erkannte er den Anflug eines schiefen Lächelns in dessen Visage. Ehe der vor den Kopf gestoßene Mann von den Inseln irgendetwas sagen konnte, redete Ravello schon weiter.

“Du träumst also nicht mehr so schlecht?”, hakte er nach und der Jarlssohn verschluckte sich fast an seinem Tee. Was? Was hatte das Gespräch hier mit dem Träumen zu tun?

“Nein.”, sagte Hjaldrist viel zu schnell und log damit, denn erst heute Nacht hatte er Anna wieder elend röchelnd sterben sehen; vergiftet von einem schwarzen Elixier, das sie selbst zusammengemischt hatte. Doch darum ging es nicht. Es ging darum, dass er eilig irgendetwas sagte, um dem betretenen Gefühl, das sich seiner bemächtigte, Einhalt zu gebieten. Oder… naja… um einfach nur irgendetwas zu sagen, auf das keine weiteren Nachfragen kommen könnten. Er wollte mit Ravello weder über das reden, was er im Schlaf gesehen hatte, noch darüber, wie es sich später angefühlt hatte, wie ausgehungert über seine bereitwillige Zeltnachbarin herzufallen. Also war ein schlichtes, abwehrendes ‘Nein’ als Antwort die beste Option.

Der Ritter im weiß-blauen Wams gab einen nachdenklichen Laut von sich und runzelte die Stirn tief. Hatte er vorhin auch schon so ernst ausgesehen? Hatte der Kerl früher, so wie jetzt auch, ohne jegliche Hintergedanken gesprochen und Hjaldrist hatte alles falsch aufgeschnappt, weil er über beide Ohren verknallt war und ihn Anna’s Anwesenheit nach der vergangenen Nacht verwirrte? Wahrscheinlich. Oh Mann. Es tat ihm ja fast schon leid.

“Das ist doch gut.”, machte der ehrliche Ravello zufrieden “Bestimmt hast du die Träumerei spätestens dann im Griff, wenn wir in Toussaint sind. Und dann trinken wir eine Flasche Est Est darauf! Oder zwei! Hach, Toussaint...”

Schwärmerisch sah der selbstverliebte Ritter in die weite Ferne. Hatte er etwa Heimweh? Hjaldrist musterte ihn interessiert und beugte sich ein kleines Stück weit neugierig vor.

“Du freust dich ja richtig darauf, wieder einmal nach Beauclair zu kommen.”, erkannte er.

“Ja, natürlich.”, lächelte der Blondschopf nickend “Wer freut sich denn schon nicht darauf seine Heimat zu besuchen?”

“Äh.”, entkam es dem Skelliger abfällig “Ich. Die Barans. Oder Anna.”

“Oh.”, räusperte sich Ravello leise und hörte damit auf wie ein Honigkuchenpferd strahlend in die Leere zu starren. Stattdessen fingen seine blauen Augen den neben ihm sitzenden Krieger ein.

“Tut mir leid.”, beteuerte er.

“Hm? Ach was.”, der dunkelhaarige Jarlssohn zuckte die Schultern “Ich finde, man ist da zuhause, wo die Freunde sind. Ich würde meine Heimat zwar gerne einmal wieder besuchen, aber es muss auch nicht sein. Es zieht mich nicht dorthin. Und im Moment wäre es sowieso nicht besonders klug gen Skellige zu segeln. Wir werden dort gesucht, nehme ich an.”

“Ach, du alter Romantiker.”, lachte der Beauclairer nun ungeachtet der letzten Sätze seines Freundes und pikste jenem mit dem Finger in die Seite.

“Hä?”, entkam es dem Inselbewohner und Ravello senkte die Stimme verstohlen, um zu antworten. 

“Du bist wohl eher da zuhause, wo Anna ist…”, mutmaßte er grinsend, wissend.

Hjaldrist stutzte heftig.

“Apropos…”, setzte Ravello drängend fort “Wie läuft’s denn zwischen euch? Ich bekam bisher noch keine Neuigkeiten zu hören. Es ist lange her, dass wir zuletzt gesprochen haben.”

Wie erwischt sah der etwa gleichaltrige Skelliger auf diese Worte hin auf und zu seiner Freundin aus Novigrad hin. Jene unterhielt sich gerade mit Linda und hörte nicht mit. Lachend gestikulierte sie mit ihrem Löffel, erklärte der Schwester Mias irgendetwas über serrikanischen Fusel und rührte dann wieder in ihrer Schüssel mit der hellen Pampe herum. Hemdall sei Dank.

“Du bist bescheuert, Ravello…”, brummte Hjaldrist leise, musste im selben Zug aber auch schon etwas verträumt lächeln. Er kam sich lächerlich vor.

“Bei meiner Ehre…”, gluckste der begeisterte Ritter amüsiert vor sich hin “Es geht also wirklich voran bei euch.”

Hjaldrist zuckte die Achseln und schmunzelte befangen.

“Ich… naja, ich glaube schon.”, schätzte er, war sich gleichzeitig aber auch etwas unsicher. Ravello hatte schon Recht: Der Jarlssohn glaubte, dass er bei Anna langsam auf etwas stieß, das einem Hoffnung machen konnte. Er glaubte mittlerweile fest, dass er sie für sich gewinnen könnte, wenn er einfach nur mutiger agierte und sich mehr bemühte. Wenn er offensichtlicher vorging. So wie in den letzten Tagen. So wie heute Nacht. Sein Schwarm aus Kaer Morhen hatte ihn nie abgewiesen. Weder, wenn der unruhige Hjaldrist tief durchgeatmet und Anna’s Hand genommen hatte; noch, wenn er sich im Geiste ungeheuren Mut zugesprochen hatte, um sie beim Schlafen von hinten in den Arm zu nehmen. Und, oh ja, dies waren enorme Hürden gewesen! Es verwirrte ihn immer noch etwas, wenn er nur daran dachte Anna an der Hand zu erwischen, wenn er neben ihr her ging. Der Gedanke machte ihm die Knie ganz weich und er hasste sich ein klein wenig dafür. Seine Freundin hatte seine früheren Annahmen und seinen ganzen Mut in den Wind geworfen und nun fiel es ihm unglaublich schwer letzteren wieder einzufangen.

Aber ja. Anna hatte ihn bis heute niemals von sich gestoßen. Und obwohl sie selbst und von sich aus nicht oft auf ihn zuging, konnte er allen Anscheins tun und lassen, was er wollte. Er umarmte sie und sie lächelte leicht. Hjaldrist nahm sie an der Hand, um sie irgendwohin zu führen, und sie kam gerne mit. Er küsste Anna, besann sich dabei auf seine Gefühle für diese Frau, und sie fühlte sich dadurch ganz offensichtlich so sehr angestachelt, dass sie ihn kurz darauf an Ort und Stelle flachlegen musste. Und vor allem: Sie saß danach sehr gelassen mit am Feuer und behandelte den Undviker, als sei da nichts Verwerfliches oder Seltsames zwischen ihnen. Als sei alles, was passiert war, gewöhnlich und gut. Letzteres hatte sie heute Morgen sogar ausgesprochen. Ja, Scheiß die Wand an, Anna hatte halbnackt auf den Fellen im Zelt gelegen, müde gegrinst und ihrem Kumpan einfach verwundert gesagt, dass er im Bett besser sei als Frauen. Und er hatte das einfach als Kompliment aufgefasst. Er hatte erst ziemlich perplex gestarrt, vollkommen überrumpelt von der Offenheit seiner Kollegin, und war höchstwahrscheinlich puterrot geworden. Kambi sei Dank war es recht düster gewesen. Und dann, als bei ihm angekommen war, was Anna da so offen gesagt hatte, hatte ihn ein Glücksgefühl übermannt, das ihm das arme Herz erwärmt hatte.

“Ja… es läuft wohl ganz gut…”, berichtete Hjaldrist hüstelnd und Ravello haute ihm daraufhin gleich anerkennend auf die Schulter, als sei der eigentlich eher schüchterne Undviker plötzlich zum glorreichen Aufreißer geworden. Der zufriedene Ritter lachte dabei laut auf, was auch die Anderen am Feuer dazu brachte aufzusehen. Als Anna die Aufmerksamkeit daher auf die beiden Männer fallen ließ, hob sie fragend die Brauen und hielt mit dem Essen inne. Hjaldrist lächelte ihr dümmlich-entschuldigend zu und biss sich auf die Innenseite der Wangen.

“Nein! Wie ulkig, DAVON habe ich noch nie gehört!”, lachte Ravello weiter und rettete seinen Kollegen damit “Prinzen, die sich in Frösche verwandeln, wenn man sie küsst! In den Märchen geschieht das immer anders herum...”

Anna taxierte den amüsierten Beauclairer skeptisch, dann hörte man sie belustigt schnauben und sah, wie sie den Kopf leicht schüttelte. Zum Glück fragte sie nicht weiter nach, sondern widmete sich einfach wieder ihrem Frühstücksbrei und Linda. Hjaldrist atmete einmal tief und erleichtert aus, ehe er seinem Begleiter aus Toussaint einen Blick zuwarf, der sich nicht zwischen dankbar und vorwurfsvoll entscheiden konnte.

 

*

 

Die Nilfgaarder kamen, bevor die Zirkusleute zu Ende gefrühstückt hatten. Anna stellte ihren tönernen Becher beiseite und erhob sich sofort, als sie sah, wie sich zwei der Soldaten in Schwarz und Weiß näherten. Sie kamen gemächlich den Weg von Alt Vizima entlang und schienen den Wanderzirkus längst erblickt zu haben, denn sie spazierten schnurstracks auf das Lager zwischen den bunten Karren zu. Sie trugen ihre Helme auf den Köpfen und hatten Schilde und Schwerter bei sich. Dennoch glaubte die aufmerksame Alchemistin, die Rist gerade einen vielsagenden Blick zuwarf, nicht, dass die Lage gefährlich werden könnte. Sie nickte auffordernd in die Richtung der beiden Kerle der Armee und der anwesende Skelliger verstand sofort. Er griff pro forma nach seiner Axt und folgte Anna daraufhin gleich, um den Nilfgaardern entgegenzugehen. Sie mussten schließlich nicht inmitten all der Anderen mit den zwei Soldaten sprechen. Die Artisten gingen die Geschäfte zwischen den Monsterjägern und der Armee nicht viel an.

“Guten Morgen.”, begrüßte einer der schwer gerüsteten Soldaten Anna und Rist, als er bei jenen anhielt. Auch sein Kollege, der etwas kleiner war, als er, blieb stehen und taxierte die beiden Abenteurer von oben bis unten. Er nickte zum Gruß.

“Hallo.”, entkam es nun auch Rist und Anna verschränkte die Arme abwartend vor der Brust.

“Wir sollen euch den Dank unseres Kommandanten ausrichten.”, setzte der größere Soldat fort. Er klang streng und hart, doch nicht abfällig. Tatsächlich hatte er einen recht höflichen Umgangston.

“Und wir überbringen die Bezahlung für den erledigten Auftrag.”, mit diesen Worten reichte der Nilfgaarder Hjaldrist einen gut gefüllten Lederbeutel, in dem Münzen klingelten. Der Undviker wog jenen einmal prüfend in der Hand, lugte forschend hinein und nickte dann zufrieden, ehe er das Geld in seiner Tasche verschwinden ließ. Anna beobachtete dies schweigend.

“Kommandant Flaut meinte, er hätte noch weitere Arbeiten für uns.”, erwähnte der Jarlssohn dann ruhig und der große Soldat mit der goldenen Sonne am Brustpanzer gab einen zustimmenden Laut von sich, ehe er Rist ein zusammengerolltes Schreiben mit einem roten Wachssiegel darauf überreichte.

“Bitte sehr.”, meinte er dabei mit seinem starken südlichen Akzent. Dann deutete er rüstungsklappernd etwas an, das an eine kleine, steife Verbeugung erinnerte.

“Gutes Gelingen.”, wünschte der höfliche Nilfgaarder noch und Hjaldrist bedankte sich dafür beinah schon nett. Unglaublich, wie reibungslos das hier gerade funktioniert hatte. Anna zog die Brauen skeptisch zusammen und verabschiedete sich beiläufig bei den Soldaten. Jene gingen gleich wieder ihrer Wege und ließen die Monsterjäger auf der, vom Morgentau feuchten, Wiese zwischen Zirkuslager und Alt Vizima zurück.

“Ha.”, machte Anna verblüfft “Das war ja einfach.”

“Was meinst du?”, hakte Rist irritiert nach und sah von der Seite aus zu ihr hin.

“Es scheint, dass die Schwarzen wirklich umgänglicher sind, als die Leute im Norden.”, kommentierte sie und hörte, wie der ältere Skelliger neben ihr leise lachen musste.

“Ich sagte doch, dass du umsonst wegen diesem Flaut herumschimpfst.”, schnaufte Anna’s Kollege belustigt “Er ist relativ nett. Und daher sind auch seine Leute so. Wahrscheinlich ist auch dieser Var Emreis kein Arschloch, sonst würden sich seine Truppen ganz anders verhalten...”

“Radovid ist hingegen ein militanter Mistkerl und deswegen sind auch viele seiner Leute scheiße und fanatisch.”, ergänzte Anna noch und sie sah Rist leicht lächeln. Er schien froh zu sein.

“Ja… so könnte man das ausdrücken.”, pflichtete der Inselbewohner mit den dunklen Haaren bei “Mein Vater sagte immer, dass ein Gefolge nur so rechtschaffen ist, wie sein Anführer. Und ich glaube, er hatte damit schon Recht.”

“Dein Vater ist also genau so ein Grübler, wie du.”, grinste die Kurzhaarige und ihr bester Freund runzelte die Stirn. Er schien nicht so ganz zu verstehen, was sie meinte.

“Jemand, der einem immer mit hintergründigen Lebensweisheiten kommt, die oftmals sogar stimmen.”, erklärte sie und auf diese Worte hin verkniff sich der anwesende Undviker ganz augenscheinlich ein Auflachen.

“Nicht wirklich. Wenn es um irgendwelche Weisheiten geht, bin ich noch der redseligste meiner Familie.”, schmunzelte der Mann “Das kommt wohl vom vielen Lesen. Bücher geben viel her, weißt du.”

“Das musst du mir nicht erzählen.”, entgegnete Anna “Ich lese nur andere Sachen, als du. Und in meinen Büchern steht selten irgendwelche Poesie.”

“Mh. Vielleicht solltest du dir mal überlegen, ob du nicht einmal solch eine ‘Poesie’ lesen willst.”, lächelte Rist schief und betonte das Wort ‘Poesie’ etwas abfällig “Würde sicherlich nicht schaden.”

“Was soll das heißen?”, beschwerte sich die Novigraderin halbernst.

“Ach, nichts.”, antwortete der Kerl aus Skellige gleich “Ich glaube nur, dass du Lyrik mögen könntest, wo du doch auch auf Theaterstücke stehst.”

Anna blinzelte und hob die Brauen. Die Frau in der gestreiften Jacke kam nicht zum Sprechen, weil ihr Kumpel gleich fortsetzte:

“Wann trittst du nun eigentlich mit den anderen zusammen auf, hm?”, fragte er schelmisch und mit hintergründigem Unterton.

“Hä?”, entkam es Anna, als sie schon wieder mit dieser Thematik konfrontiert wurde. Sie holte Luft, um einmal wieder zu beteuern, dass sie keine Schauspielerin sei. Doch dann veränderte sich ihre wirre Miene und wurde ebenso neckisch, wie die ihres Gegenübers.

“Mh. Ich spiele nur mit, wenn du das auch machst!”

Nun war es Hjaldrist, der dumm aus der Wäsche sah. Im Blick der Alchemistin lag eine stumme Herausforderung. Und wer wäre ihr Lieblingsskelliger denn gewesen, wäre er nicht darauf angesprungen? Eine Tatsache, die die vorschnelle Anna nicht unbedingt bedacht hatte. Doch nun war es zu spät, um einen feigen Rückzieher zu machen.

“Tse.”, grinste Rist nachgiebig und es war schwer zu sagen, ob ihm der Gedanke Theater zu spielen gefiel oder nicht “Na schön. Ich lasse mir eine Rolle aufbrummen und du gehst dafür auch auf die Bühne. DAS wird lustig.”

“Abgemacht.”, machte Anna und spuckte sich in die Handfläche. 

“Abgemacht.”, Hjaldrist tat dasselbe und streckte der Kriegerin die Finger hin, um ihre Hand zu schütteln. Und sie beide wussten, dass ihr Versprechen jetzt galt. Ein feuchter Handschlag unter ihnen beiden war eine ernste Sache.

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