Kapitel 61

Ein Festmahl der anderen Art

“‘Das Monster befindet sich in einem Dorf im Norden Vizimas. Eine kleine Burg erhebt sich dort auf einem Hügel, man kann den Ort nicht verfehlen. Der Name der Person, die ihr-’…”, las Rist vor und stockte irritiert, als er bemerkte, dass es um einen Menschen als Zielperson ging “Moment mal.”

Anna runzelte die Stirn ebenso, ehe ein Schatten über ihr Gesicht huschte. Neben ihrem Kumpel auf einem Strohballen nahe dem Lagerfeuer sitzend, machte sie den Hals lang, um das Auftragsschreiben Flauts in den Händen des älteren Skelligers lesen zu können.

“Flaut will, dass wir einen Typen töten?”, fragte sie ungläubig nach und verschränkte die Arme unzufrieden vor der Brust “Wir sind doch keine Kopfgeldjäger!”

“‘Der Name der Person ist mir unbekannt, doch man nennt ihn den ‘Hungrigen Graf’.’”, setzte Hjaldrist fort, als seine Augen über das Pergament wanderten “‘Tötet ihn und euch sind einhundert Florens gewiss.’”

Die anwesende Hexerstochter schnaubte pikiert.

“Da werden wir den Kommandanten wohl enttäuschen müssen.”, sagte sie bestimmend und ohne zu zögern “Wir töten keine Menschen für Geld. Wir sind doch keine Katzen.”

“Hmm? Katzen?”, machte der dunkelhaarige Undviker irritiert und sah von dem Schreiben in seiner Hand auf, um Anna fragend anblicken zu können. Wahrscheinlich dachte er gerade an die Tiere, nicht an die Hexerszunft.

“Na, so wie Joris. Diese Idioten jagen auch Menschen.”

“Joris hat Aufträge für Leute angenommen?”, hakte Rist nach und hob eine Braue skeptisch. Dann sah er nachdenklich fort, als müsse er sich an den Katzenhexer aus Nilfgaard zurück erinnern; an die erste Begegnung mit jenem zum Beispiel. Leicht nickte er kaum einen Atemzug später, als stimme er seinen eigenen Gedanken zu. Dann musste der Axtkämpfer abfällig lachen.

“Ah, vergiss es. Diesem abgebrühten Arschloch traue ich so etwas zu...”, endete der Skelliger selbstsicher.

“Siehst du?”, meinte seine Freundin “Die Leute der Katzenschule haben nicht umsonst so einen schlechten Ruf. Die machen alles für Geld. Und naja, ich schätzte Joris schon irgendwie auf eine bestimmte Art und Weise, aber am Ende war er trotzdem einer von denen.”

“Man möchte meinen, deine Meinung über die Katzen sei schlechter, als die über die Greifen…”, schmunzelte Hjaldrist ehrlich und faltete den Brief von Flaut wieder zusammen, um ihn sich in die Manteltasche zu stecken.

“Pff.”, machte Anna und zuckte gleichgültig die Achseln. Grüblerisch zog sie die Brauen zusammen, um innerlich abzuwägen.

“Ich glaube, man kann meine Meinungen über die beiden Schulen nicht miteinander vergleichen.”, sagte sie dann langsam.

“Warum nicht?”, wollte Rist wissen, als er interessiert Blickkontakt suchte. Er hatte schließlich nicht viel Ahnung über die Unterschiede zwischen den vielen Schulen der Mutanten.

“Na, meine Meinung über die verschissenen Greifen fußt auf das, was sie Lin und uns angetan haben. Ich muss deine Erinnerung darüber wohl nicht auffrischen…”, fing die Kriegerin mit dunklem Unterton an “Sie sind unfähige und ignorante Deppen, die jeden Narren in ihre Reihen aufnehmen. In meinen Augen sind sie es nicht wert sich als Hexer zu betiteln. Verfluchtes Pack…”

Rist lauschte seiner grollenden Kollegin schweigend, taxierte sie mit harter Miene.

“Und die Katzen… die sind einfach nur hinterhältige Arschlöcher und absolut falsch. Jaromir hat mir früher einmal erzählt, dass sie dafür verantwortlich sind, dass unsere Schule beinah ausgelöscht wurde.”, erklärte Anna und verzog den Mundwinkel feindselig, als sie an die alten Geschichten rund um die Belagerung Kaer Morhens, ihres Zuhauses, dachte. Natürlich war das verdammt lange her, doch die Nachwirkungen waren verheerend: Es gab nicht mehr so viele Wölfe und das war jammerschade. Die Gebeine vieler früher getöteter Mitglieder lagen heutzutage noch im Burggraben in Kaedwen und fungierten wie ein dunkles Memento.

“Hmm? Was ist genau passiert?”, wollte Rist weiter wissen und erschien plötzlich sehr neugierig.

“Die Katzen haben die Wölfe in der Vergangenheit an Fanatiker verraten, die alle Mutanten auslöschen wollten. Und deswegen fand ein Angriff auf unsere Festung statt. Nur wenige Meister überlebten das und die Wölfe, die zu dieser Zeit auf Reisen waren, hatten ziemliches Glück. Angeblich war es ein Blutbad und meine Leute hatten absolut keine Chance.”, erinnerte sich Anna an Jaromir’s traurige Worte “Daher sind wir nicht gut auf die Katzen zu sprechen. Ich denke, das ist verständlich?”

Der Undviker neben der Kurzhaarigen nickte langsam.

“Trotzdem kamst du gut mit Joris aus. Ihr seid immerhin zusammen gereist und habt gemeinsam trainiert.”, erinnerte er sich “Wie lange? Neun Monate?”.

“Naja, ‘gut auskommen’ ist relativ. Ich mochte vor allem Violeta. Sie ist eine tolle, herzliche Frau. Mit dem Stinkstiefel Joris musste ich klarkommen, denn ich wollte schließlich von ihm lernen. Es war eine Art Hassfreundschaft.”

“Hm, klingt logisch.”, antwortete Rist verständnisvoll und kratzte sich am Kinn.

“Er war bis zum Ende ein ziemlicher Mistkerl, doch nach einer Weile kannte ich ihn schließlich und wusste, wie ich mit seinen Unfreundlichkeiten umgehen kann. Vieles an seiner Art habe ich einfach ignoriert. Und dennoch… zwischen ihm und jedem Wolf, den ich kenne, liegen Welten. Ich habe noch nie von einem Mann aus unserer Schule gehört, der dermaßen verschlagen, aggressiv und respektlos ist. Was das angeht, sind die Wölfe wohl sehr umgänglich. Das ist gut. Ich will nicht wissen, wie ich heute drauf wäre, hätte mich ein Kater großgezogen...”

Hjaldrist lachte leise.

“Bei den Göttern. DAS will ich auch nicht wissen.”, grinste er und Anna erwiderte diesen belustigten Ausdruck hintergründig.

“Aber, sag mal, was würdest du tun, wenn du wieder einmal einer Katze über den Weg läufst?”, hakte Rist nach.

“Dem Kerl aus dem Weg gehen.”, entgegnete die Schwertkämpferin sogleich mürrisch “Solange es nicht um Joris geht, würde ich einfach einen weiten Bogen um diese Leute machen. So, wie jeder normale Mensch eben nicht mit Kriminellen in Kontakt tritt. Ich sehe keinen Grund, weswegen ich direkt mit diesen Mördern zu tun haben sollte.”

“Und wenn du den Greifen wieder begegnest?”, fragte der gesprächige Skelliger weiter nach.

“Was? Uhm. Denen haue ich die Schädel natürlich ein.”, schnaufte Anna fest “Und ich hoffe, dass ich zu dem Zeitpunkt auch schon eine Hexerin bin. Denn dann habe ich wenigstens eine Chance gegen diese Scheißkerle.”

Man sah, wie sich der Undviker ein Lachen verkneifen musste.

“Na, immerhin bleibst du realistisch…”, kommentierte er und klang dabei überraschenderweise nicht sarkastisch. Denn er glaubte an seine jüngere Freundin, nicht wahr? Bestimmt wünschte er es der zielstrebigen Anna, dass sie es irgendwann schaffte ihren Traum zu verwirklichen und zu einer katzenäugigen Mutantin zu werden. Seine Meldung von gerade eben bezeichnete also nur die Tatsache, dass die Novigraderin zur Hexerin werden wollte, BEVOR sie es noch einmal versuchte es mit den Greifen aufnehmen zu wollen. Der letzte Kampf der beiden Anwesenden gegen echte Hexer war ja eher… vernichtend gewesen. Diese Leute hatten die beiden Jüngeren vor Monaten förmlich in den Boden gestampft und weder Anna noch Rist hatten etwas dagegen tun können. Besser, man kam ihnen nicht in den Weg, bevor man sich auf derselben Stufe befand, wie sie.

 

Es dauerte nicht sonderlich lange, bis die zwei Monsterjäger bei Kommandant Flaut und seiner Hakennase auftauchten. Und jener wirkte überrascht über deren schnelles Erscheinen, als sie von einem der nilfgaarder Soldaten in dessen Schreibstube geleitet wurden. Der hochgewachsene Wachmann, schwer gerüstet und mit Schild und Rabenschnabel bewaffnet, schloss die Tür hinter Anna und Rist und verweilte wie eine Statue neben eben dieser. Er würde die Abenteurer wohl wieder von hier fort bringen, sobald sie ihr Gespräch mit Flaut beendet hatten.

“Wir bringen den Grafen nicht um.”, sagte Anna sofort, nachdem sie dem strengen Kommandanten nur knapp zum Gruß zugenickt hatte. Rist warf dem Geier dessen Auftragsschreiben über den ‘Hungrigen Grafen’ auf den Tisch.

“Tut uns leid, aber wir sind keine Auftragsmörder.”, stellte der Skelliger ruhig klar, um den Ton seiner verstimmten Kumpanin etwas abzumildern “Wir töten Monster oder Ungeheuer, aber keine Menschen.”

“Der Graf ist aber ein Monstrum, soweit ich den Erzählungen glauben kann.”, versicherte Flaut gleich bestimmend und musterte die beiden Besucher kühl “Und ihr jagt Monster.”

“Mag sein. Leute sind manchmal sogar schlimmer als die, aber das macht uns nicht zu Kopfgeldjägern, die Personen erschlagen.”, meinte der Jarlssohn seufzend “Wenn Ihr also keine weiteren Aufgaben mehr für uns habt, in denen euch echte Bestien plagen, können wir leider nichts für Euch tun.”

Der Kommandant lächelte schmal und gezwungen, während seine eiskalten Augen seine wirkliche Einstellung verrieten. Die Situation hier passte ihm ganz und gar nicht.

“Nun, ich hatte gehofft, dass ihr beide den Grafen unschädlich machen könntet, da meine Männer hier, in Vizima, erst mal genug zu tun haben. Er ist mir ein großer Dorn im Auge und erschreckt die armen Bauern in der Umgebung.”, sprach der Geier bedacht “Nur... wenn ihr tatsächlich so wählerisch seid, wenn es um eure Arbeiten geht, dann kann ich wohl nichts tun.”

Anna schwieg einfach, während Hjaldrist leicht nickte.

“Schönen Tag.”, wünschte Flaut noch und es war eine unverkennbare Aufforderung an die beiden Reisenden sofort zu gehen. Der abwartende Soldat an der Türe öffnete die Pforte bereits und deutete hinaus.

“Auf Wiedersehen…”, antwortete Rist mit recht neutralem Ton und wie er wandte sich Anna ab, um zu gehen.

“Solltet ihr es euch doch anders überlegen, bleibt mein Angebot bestehen…”, setzte Flaut seiner Verabschiedung noch beiläufig nach. Er klang etwas beleidigt dabei. Konnte es sein, dass er es nicht vertrug, dass es Leute gab, die seinen Anweisungen nicht Folge leisteten? Er hatte hier eine Armee unter sich und dutzende Männer unterstanden seinem Befehl. Niemand sprach oder arbeitete gegen ihn. Womöglich war es ein herber Schlag gegen sein aufgeblasenes Ego, dass hier nun zwei vermeintliche ‘Kinder’ herumstolzierten und seinen großen Wünschen nicht entsprachen.

Anna sagte kein Wort, bevor sie den spartanischen Raum verließ und auch der etwas zögernde Rist entschloss sich dazu die Klappe zu halten. War wohl besser so. Flaut noch weiter zu reizen, wäre unklug gewesen.

 

II

 

Rist hatte oft Recht. Doch leider nicht immer, wie es sich drei Tage später herausstellte. Denn Flaut war in der Tat ein ziemliches Arschloch: Goldlocke war nach einem morgendlichen Besuch am Markt Vizimas nicht wieder aufgetaucht und der Wanderzirkus hatte sich enorme Sorgen gemacht. Albion, Anna, Ravello und Hjaldrist hatten die halbe Stadt nach der zierlichen Frau mit den langen, blonden Haaren abgesucht, sie jedoch nicht gefunden. Auch hatte ihnen niemand Auskunft über sie geben können. Es war, als habe der Boden sie verschluckt. 

Stunden später waren dann Soldaten der Schwarzen bei den paar Reisenden aufgetaucht, um ihnen ein neuerliches Schreiben Flauts zu überreichen und gleich wieder zu gehen: Einen Brief, in dem jener beschrieb, Goldlocke zu haben und sie auch festzuhalten, bis der ‘Hungrige Graf’ in dessen Burg nicht zu weit von der Stadt Geschichte sei. Es war eine harte Drohung, üble Erpressung. Und er brachte damit nicht nur Anna und Rist in die niedere Position anheuerbarer Mörder, sondern auch Albion, der als weiteres Mitglied des kleinen bunten Zirkusses kämpfen konnte und verdammt entschlossen erschien.

“Wenn wir irgendeinen Mann umbringen müssen, um Goldlocke zu retten, dann tue ich das!”, protestierte der besagte Halbelf und gestikulierte emotional. Er deutete anschuldigend auf die ebenso zornige Anna, die er jetzt schon seit geraumer Zeit anschrie. Rist, der stand irgendwo zwischen ihnen und versuchte zu schlichten. Dies funktionierte nur schlecht als recht.

“Du kannst nicht einfach jemanden töten, den du nicht kennst, und darauf hoffen, dass dir dieser verlogene Nilfgaarder Goldlocke aushändigt!”, maulte die argwöhnische Hexerstochter in der rot-schwarzen Jacke ungläubig “Flaut hat doch gezeigt, wie rücksichtslos und verschlagen er ist! Willst du zu seiner Marionette werden?”

“Sollen wir einfach hier herumsitzen und Goldlocke diesem Mann überlassen? Wer weiß denn, was der mit ihr anstellt?”, blaffte der besorgte Albion zurück und hielt dabei den zerknitterten Brief des Kommandanten in der Hand “Sie ist seit JAHREN bei uns und eine gute Freundin! Ich lasse sie nicht im Stich und eher sterbe ich beim Versuch sie zu retten, als sie in den Händen der fürchterlichen Schwarzen zu lassen!”

Der Artist spuckte angewidert aus, als er die Nilfgaarder bezeichnete. Unruhig ging er ein paar Schritte auf und ab und raufte sich die halblangen, hellbraunen Haare.

“Ich rede nicht davon sie im Stich zu lassen!”, wehrte sich Anna vehement “Ich will mich nur nicht von einem größenwahnsinnigen Kerl lenken lassen, der glaubt, dass man alles für ihn tut! Ich bin doch kein Sklave!”

“Ich würde ALLES für meine Freunde tun!”, schnappte der Halbelf und der ratlose Hjaldrist erhob die Hände abwehrend, als er zwischen den Streitenden hin und her sah.

“Leute…”, mischte sich der diplomatische Skelliger beschwichtigend ein, doch beide hitzige Parteien ignorierten ihn.

“Na schön, dann lauf doch zu diesem Baron oder Graf oder was weiß ich und töte ihn!”, blaffte Anna böse “Lecke die Zehen von Flaut, damit du die unsichere Chance darauf bekommst Goldlocke zu befreien, du Depp!”

“Pah! Was würdest du denn tun, hm?”

“Ich würde versuchen Goldlocke aus dem Quartier der Schwarzen zu befreien und dann von hier abhauen. So wie wir es mit Herr Baran gemacht haben!”

“Das… ging damals beinah in die Hose…”, kommentierte Rist hüstelnd dazwischen.

“Und?”, entkam es der Schwertkämpferin jetzt scharf, da ihre braunen Augen ihren besten Freund einfingen “Gerade DU wehrst dich doch immer dagegen zum blinden Mörder zu werden! Und nun schlägst du dich auf Albion’s Seite? Toll, Hjaldrist! Danke.”

“Das-.. was? Das habe ich nicht gesagt!”, beschwerte sich der konfrontierte Skelliger gleich und ballte die Hände unbewusst zu Fäusten.

“Was dann?”, wollte die beleidigt anmutende Anna schnippisch wissen.

“Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Wie… naja, ich weiß nicht…”

“Ah ja.”, schnaubte die Kurzhaarige zynisch und verschränkte die Arme ungeduldig vor der Brust, als sie ihren Kumpel anstarrte.

“Welche Möglichkeit sollte es schon noch geben? Ich will Goldlocke zurück holen und zwar schnell!”, warf auch Albion wieder ein, als er mit dem fleckigen Brief in seiner Hand auf die Monsterjäger deutete “Und wenn ihr nicht helfen wollt, dann kümmere ich mich alleine darum!”

“Albion! Denke doch mal nach, bevor du wütend und alleine losrennen willst.”, mahnte der pragmatische Jarlssohn entnervt stöhnend “Vielleicht… vielleicht können wir den Tod des Grafen ja irgendwie vortäuschen. Ja, genau...”

“Und wie?”, hakte Anna sofort nach, als erwarte sie sich einen ausgefeilten Plan.

“Wir gehen zu ihm, erzählen ihm vom Vorhaben Flauts und sehen dann, wie wir sein Ableben vorspielen könnten?”, schlug Rist ein wenig unsicher vor “So oder so sollten wir einfach mal sehen, weswegen die Nilfgaarder den Grafen tot sehen wollen. Und bestimmt kann man mit ihm reden.”

“Hm.”, brummte die Hexerstochter nurmehr und sah nachdenklich fort. 

Hjaldrist wollte den Tod des Hungrigen Grafen also vortäuschen, um Goldlocke zu befreien? Nur wie sollte man das anstellen? Sollte man den besagten Mann wirklich einfach einmal in seiner Burg besuchen und ihm die ganze, heikle Lage erklären? Würde er einem dann irgendeinen Beweis für sein Sterben mitgeben? Nur was? Oh, bei Melitele…

“Also gut. Ich bin bei Rist.”, entkam es Anna schleppend, während sie noch immer finster grübelnd in die Leere sah “Wir sehen uns mal vorsichtig an, was für ein Typ dieser Graf ist… und dann können wir ja entscheiden, was wir machen.”

Man hörte, wie Rist erleichtert durchatmete und er schenkte seiner ernsten Kumpanin einen dankenden Blick. Albion hingegen, wirkte nicht sehr überzeugt. Dennoch fügte er sich. Er musste.

“Ich komme mit euch.”, sagte er und dies war keine Frage.

“Von mir aus.”, die burschikose Novigraderin zuckte mit den schmalen Schultern, denn sie wusste, dass der Feuerspucker mit den spitzen Ohren kein schlechter Kämpfer war, und auch Rist hatte keine Einwände. Sie drei würden sich zeitnah auf die Suche nach der Burg des Hungrigen Grafen machen. Und dann würden sie ihren Plan Goldlocke aus den Fängen Flauts zu entreißen weiter schmieden können. Hoffentlich ginge alles gut.

 

*

 

Die kleine Burg des Grafen lag etwa drei Meilen von Vizima entfernt und erhob sich, gesäumt von einem lichten Tannenwäldchen, auf einem Hügel. Rings um das alte, efeubewachsene Bauwerk standen Hütten und schiefe Häuser mit eingesackten Strohdächern. Es gab sogar einen Holzverschlag, der dieses Dörfchen von der Außenwelt abschottete. Anna erkannte die beiden Wachmänner, die vor dem Tor des besagten Verschlages herumlungerten, sofort.

“Scheint ja ein recht reicher Kerl zu sein, wenn er sich solch ein Domizil leisten kann…”, bemerkte sie, als sie den Hals reckte, um über Rist’s Schulter spähen zu können. Sobald der Jarlssohn sein braunes Pferd zügelte, ließ sie seinen Mantel los, rutschte hinter ihm von Apfelstrudel’s Rücken und richtete den Blick abermals auf den Ort weiter vorne. Es nieselte ein wenig und die Frau schürzte sich die zusammengekniffenen Augen mit einer Hand. Auch ihr Kumpan aus Skellige stieg nun von seinem Wallach, erwischte das braune Tier am ledernen Halfter und runzelte die Stirn.

“Mhm. Der Graf scheint in gewisser Weise Macht zu besitzen.”, schätzte Rist “Vielleicht geht das den Nilfgaardern gegen den Strich. Wobei ich mich frage, warum sie sich nicht selbst um dieses Problem kümmern, sondern zwei Monsterjäger beauftragen wollen, die den Grafen für sie ermorden…”

“Ja, seltsam.”, warf jetzt auch Albion ein, der sein geflecktes, schnaubendes Pferd neben seinen beiden Begleitern zügelte. Seine hellen Augen ließen das heutige Reiseziel nicht los.

“Nun, Flaut meinte, seine Leute hätten bisher ‘keine Zeit’ dafür gehabt.”, Anna zuckte die Achseln locker “Wobei das irgendwo wie eine blöde Ausrede klingt, findet ihr nicht?”

Rist wiegte den Kopf abschätzend und schien sich unsicher zu sein.

“Keine Ahnung. Oder der Graf steht in der Liste der Prioritäten einfach nicht ganz so weit oben und deswegen will Flaut, dass sich Mietklingen um ihn kümmern. Lass uns die Wachen da vorne einfach einmal ansprechen. Sie haben uns schon bemerkt…”, riet der dunkelhaarige Mann schlicht und ging weiter. Seine beste Freundin folgte ihm durch die regenfeuchte Wiese und trat dabei einmal fluchend in eine knöcheltiefe Pfütze. Albion verkniff sich ein schadenfrohes Lachen.

 

“Heda.”, machte einer der Wachmänner und der Hexerstochter fiel es sofort auf, dass der Mann eher wie ein dreckiger Söldner wirkte, als ein Angestellter eines reichen Adeligen. Sein Gambeson war alt und wirkte speckig. Er stank, als habe er sich wochenlang nicht gewaschen und dafür sprachen auch seine kinnlangen Haare, die ihm in fettigen Strähnen unter dem Tellerhelm hervor lugten. Anna rümpfte die Nase leicht, als Hjaldrist bereits zum Sprechen ansetzte. Wenn sich der Inselbewohner vor dem Wachmann ekelte, dann merkte man ihm das nicht an. Albion hielt sich solange vehement im Hintergrund und strich sich die schulterlangen Haare über die Ohren. Viele Menschen gaben sich offensichtlichen Elfen gegenüber sehr respektlos und indem der Kerl seine Spitzohren verdeckte, vermied er zu großen Ärger. Natürlich hätten ihn auch seine zierlichere Figur und die weichen Gesichtszüge als Halbelf verraten können, doch wenn er schon ein wenig kaschieren konnte, tat der kluge Artist das auch. Schon komisch, wie weibisch er neben dem gleich großen Rist wirkte. Normalerweise war es doch immer der Undviker, der zwischen anderen Männern als… naja, Anna bezeichnete es ganz plump, doch ehrlich als, äh, ‘schon ziemlich hübsch’ herausstach.

“Hallo.”, begrüßte der besagte Axtkämpfer die Fremden vor dem geschlossenen Tor und nickte einmal knapp dabei. Jene beäugten die sichtlich jüngeren Abenteurer und Albion argwöhnisch. Die zweite Wache, eine stämmige Frau mit schütteren Haaren, hatte die Schwerthand auf ihrem gewickelten Waffengriff liegen. So, als befürchte sie, dass sie sich wehren müsste. Doch da dachte sie falsch. Die Besucher des Wanderzirkusses waren im Grunde nicht auf Stunk aus.

“Wir würden gerne mit dem Grafen sprechen.”, setzte Rist gespielt freundlich fort “Ist das möglich?”

“Warum?”, brummte der Wachmann mit dem Tellerhelm, während die massige Frau neben ihm abfällig schnaubte und grinsen musste. Sie puhlte sich mit dem schmutzigen Finger irgendetwas zwischen den Zähnen hervor, wischte sich Regenwasser von der Stirn und holte dann Luft, um überzogen bedeutend zu reden.

“Da hält sich wer für wichtig.”, bemerkte sie und Anna schenkte ihr einen scharfen Blick.

“Jemand will ihn töten lassen. Genügt das als Grund?”, entkam es Hjaldrist schlagfertig und entschlossen. Der Stinker im abgewetzten Gambeson hob die buschigen Augenbrauen überrascht an. Doch seine großmäulige Kollegin zeigte sich weniger beeindruckt.

“Das kann jeder behaupten.”, warf die Dicke ein und die anwesende Hexerstochter rollte stöhnend mit den Augen.

“Warum bewacht ihr diesen Ort denn überhaupt so hartnäckig?”, fragte die genervte Alchemistin patzig und verschränkte die Arme vor der Brust “Habt ihr etwa was zu verbergen? Wir können den Nilfgaardern dort drüben gern davon erzählen, wisst ihr?”

Anna deutete beiläufig in die Richtung Vizimas und als sie die Schwarzen ansprach, kippte die Situation schnell in eine sehr ernste Richtung.

“Wir haben gar nichts zu verbergen!”, wehrte sich der Wachmann mit den fettigen Haaren “Aber wir wurden dazu beauftragt niemanden herein zu lassen. Der Graf möchte an seinem Geburtstag seine Ruhe haben.”

Man hörte Hjaldrist tief seufzen.

“Es könnte sein letzter Geburtstag sein, wenn wir ihm unsere Informationen nicht überbringen.”, kommentierte er gleich und Albion nickte zustimmend.

“Befehle sind Befehle.”, meinte der stupide Kerl mit dem Tellerhelm.

“Wir können ihm eure Botschaft auch ausrichten.”, schnaufte die unansehnliche Frau neben jenem. Noch immer hatte sie ihre Finger kampfbereit auf ihrem Schwertheft liegen.

“Das geht nicht. Wir wollen sichergehen, dass der Graf die wichtige Information erhält und daher werden wir sie keinem Dritten sagen. Wir machen unsere Arbeit gründlich.”, sagte Hjaldrist bestimmend. Und der versteckte Sinn dahinter war klar: Würde er den beiden ekelhaften Söldnern nun verraten, was er mit dem Hungrigen Grafen besprechen wollte, so kämen er, Albion und Anna nie an eben jenen heran. Sie könnten sich so kein eigenes Bild von diesem Mann machen, den Flaut tot sehen wollte, und das wäre schlecht.

“Na, dann können wir nichts für euch tun.”, blökte die weibliche Wache “Verschwindet, ehe wir Alarm schlagen.”

Hjaldrist hielt empört inne und seine Freundin, wiederum, wollte sich schon kampfbereit und angestachelt an den breiten Waffengurt fassen. Doch der vernünftige Jarlssohn streckte die freie Hand in einer stummen Bitte nach ihr aus, um die behandschuhten Finger auf ihren Handrücken zu legen. Es war ein stilles ‘Lass das’. Und Anna hielt tatsächlich inne, um aus dem Augenwinkel fragend zu ihrem vorsichtigen Gefährten hin zu linsen. Albion, weiter hinten, war wie zur Eissäule erstarrt.

“Also schön.”, machte Rist, ohne Anna’s unschlüssigen Blick dabei zu erwidern. Er sah den heruntergekommenen Wachen des Grafen bloß weiterhin und mit harter Miene entgegen.

“Wir gehen.”, beschloss er und wandte sich schon mit seinem Pferd ab, das mit den Zähnen nach seinem Kragen haschte, ging. Der anwesende Feuerartist tat es ihm gleich und auch die Novigraderin folgte ihnen nach einem verstimmten Zögern.

“Was soll das denn?”, fragte Anna Rist leise und drängend, sobald sie zu ihm aufgeholt hatte “Was hast du vor?”.

“Hast du den Holzverschlag des Dorfes gesehen? Diesen ollen Zaun?”, wollte Hjaldrist wissen und suchte hintergründig Blickkontakt. Er holte Luft zum Sprechen, als er ihr in die Augen sah, aber hielt inne, als seine Miene ein Stück weit verrutschte.

“Ja, was ist damit?, hakte Anna nach und ignorierte das plötzliche, eigenartige Geschaue. Albion mischte sich ein:

“Der Zaun ist völlig abgeranzt und morsch. Bestimmt gibt es darin irgendwo ein Loch oder dergleichen, durch das man in das Dörfchen kommt.”, schätzte der Feuerkünstler von der Seite, redete damit für Hjaldrist und musste wölfisch lächeln. Die erleuchtete Alchemistin hob verblüfft die Brauen und ihr Ärger von gerade eben war längst wieder vergessen. Denn vielleicht stimmte es, was der Halbelf sagte. Womöglich gäbe es durch die alten Holzbarrikaden hindurch ja wirklich einen Weg zum Grafen.

“Lasst uns einmal um das Dorf herum gehen, sobald wir außer Sichtweite sind.”, meinte Hjaldrist räuspernd und zog Apfelstrudel hinter sich her.

“Mh. Ja… ja, das klingt doch ganz gut. Es gibt keine Wachtürme, also wird man uns wohl schwer bemerken. Und wenn doch, dann kämpfen wir eben. Wir sind schon aus schlimmeren Miseren heraus gestolpert...”, stellte Anna fest und ihr angespannter Ausdruck hatte sich längst gelichtet. Auch sie musste schief grinsen und rieb sich die Hände.

“Richtig.”, entkam es dem Undviker zufrieden lächelnd. Sie würden sich nun also aus dem Blickbereich der dummen Torwachen begeben, hinten rum zurück zum Dorf gehen und sich dort an den Holzverschlägen entlang stehlen, um Schäden in eben jenen zu suchen. Klang doch ganz einfach. Und es blieb zu hoffen, dass es dies auch wirklich wäre.

 

Kaum eine Stunde später hatten die Monsterjäger und der Artist aus dem Zirkus tatsächlich einen Schwachpunkt in den Barrikaden gefunden, die man rund um das kleine Dorf des Grafen errichtet hatte. Ein paar schiefe, dunkle Bretter, die man hier an drei senkrechte Pfosten genagelt hatte, waren von Holzwürmern zerfressen gewesen und Anna hatte sich nur einmal kurz dagegenstemmen müssen, damit sie brachen. Mit einem dumpfen Knacken hatten die Planken, die vermutlich von einem abgerissenen Haus stammten, einfach nachgegeben und der zerstörte Teil war in das Dorf hineingefallen. Anna, Albion und Hjaldrist waren dabei zusammengezuckt und hatten aufgehorcht, wie Diebe, die glaubten, auf frischer Tat ertappt zu sein. Doch es war nichts weiter geschehen. Man hatte sie nicht bemerkt. Also hatte Rist sein Pferd zurückgelassen, um seiner besten Freundin durch die schmale Kluft in dem Verschlag in das Dörfchen des Hungrigen Grafen zu folgen. Und auch der langhaarige Halbelf im Bunde hatte dies getan. Ein wenig verunsichert duckten sich die Drei nun hinter einer der uralten Hütten und spähten hinter jener vor, dem Hauptweg der Ortschaft entgegen. Jener war uneben und bahnte sich von Schlaglöchern gespickt durch das Dörfchen, das nicht aus mehr als 20, 25 Häusern bestand. Und inmitten dieser Heime erhob sich eine kleine Anhöhe mit der zerfallenen Burg des vermeintlichen Adeligen. Anna runzelte die Stirn kritisch. Der Ort hier wirkte ziemlich heruntergekommen, die Leute ungepflegt. Armut schien die Bewohner des Dorfes zu plagen und vermutlich auch Krankheit. Warum blieb man bloß an solch einem Fleck? Die Hexerstochter, die über Albion’s Schulter lugte und spürte, wie sich auch Rist neugierig vorlehnte, rümpfte die Nase und hustete. Wäre sie in dieses Loch hier geboren worden, wäre sie schon längst abgehauen. Das Dorf des Grafen wirkte nämlich alles andere als schön oder einladend. Doch immerhin passte es damit zu den stinkenden Söldnern, die der Herr des Landstückes angeheuert hatte…

“Ich sage, wir marschieren da raus und tun so, als sei es völlig normal, dass wir hier sind.”, schlug Anna flüsternd vor und Albion sah sich skeptisch nach ihr um.

“Was? Wir sollten versuchen ungesehen bis zur Burg zu kommen...”, wand er ein.

“Hmpf.”, machte Rist leise “Wenn jemand sieht, wie wir herumschleichen, fallen wir erst recht auf und die Leute werden misstrauisch. Ich bin also für Anna’s Vorschlag. Menschen fragen nicht nach, wenn man sich auf selbstverständliche Art verhält.”

Der bunt gekleidete Halbelf vor der Alchemistin verzog den Mund unzufrieden.

“Sprecht ihr beide aus Erfahrung?”, wollte er kritisch wissen und auf diese Frage hin warfen die Monsterjäger einander hintergründige Blicke zu. Dann zuckten sie nahezu synchron mit den Schultern.

“Kann sein.”, antwortete Anna dem Künstler und ihre braunen Augen suchten jenen wieder.

“Kann sein?”, wollte Albion schnaufend wissen.

“Wir haben schon viel erlebt. Bestimmt haben wir uns dabei sogar einmal so verhalten, dass andere Leute uns als NICHT eigenartig oder deplatziert wahrgenommen haben.”, setzte Rist die Entgegnung seiner besten Freundin fort und einmal wieder war es, als teilten sich die beiden ein Hirn. Die Frau in der rot-schwarz gestreiften Jacke schmunzelte leicht. Albion wirkte ungläubig-amüsiert.

“Also schön.”, machte er offenbar überzeugt “Dann geht vor.”

Tatsächlich kamen die drei Eindringlinge mit ihrer Masche davon. Sie spazierten durch das kleine Dorf, als wohnten sie hier und unterhielten sich zur Schau recht locker miteinander. Über Tavernen und Kartenspiele quatschten sie, als sie jammernden Bettlern auswichen und im Augenwinkel beobachteten, wie Eimer voller Unrat hier einfach so aus den Fenstern gekippt wurden. Manche vorbeigehenden Bauern beachteten die Abenteurer kaum und andere, wiederum, wichen ihnen auffallend scheu aus. Das verwunderte nicht, wenn man die ganzen harten Kämpfer bedachte, die hier überall herumlungerten. Wahrscheinlich dachten die Zivilisten und Bettler hier, dass Anna und ihre Kumpane zu eben jenen gehörten. Zu diesem wild zusammengewürfelten Haufen aus Schurken und Kriegern. Der hiesige Graf hatte viele schwer bewaffnete Söldner angeheuert und sich damit eine kleine Privatarmee auf die Beine gestellt. Die meisten von ihnen muteten an, wie die beiden unappetitlichen Wachen am Dorftor. Manche dieser schlampig gekleideten, doch gut bewaffneten, Leute hatten zudem ein recht zwielichtiges Auftreten und man konnte ahnen, dass sie zu denen gehörten, die für Geld ALLES taten. Ganz ungefährlich und rechtschaffen schien der Hungrige Graf also nicht zu sein. Oder er war einfach nur sehr, sehr verzweifelt. Man würde sehen.

 

“Wer seid ihr?”, brummte die sehnige Wache vor der halb zerfallenen Festung im Zentrum des Dorfes, die von Efeuranken überwuchert war. Der fremde Mann hatte nach seinem Speer gegriffen und sich gerader hingestellt, als er Albion, Rist und Anna kommen sehen hatte. Nun baute er sich regelrecht vor ihnen auf.

“Ich habe euch hier noch nie gesehen.”, stellte der hochgewachsene Kerl mit den Sommersprossen fest und winkte sofort einen Kollegen heran, der eine alte, rostige Rüstung aus Toussaint trug. Bestimmt hatte er sie einst geklaut.

“Wir müssen zum Grafen.”, plapperte die lügende Hexerstochter schnell “Er hat Arbeit für uns.”

Der Wachmann zog eine Augenbraue hoch und sein Kumpel in der abgetragenen Rüstung, die früher sicherlich einmal bunter gewesen war, kam bei dem Grüppchen an. Er hatte sein schartiges Breitschwert gezogen und taxierte die drei Neuankömmlinge feindselig.

“Tse. Die da sagen, der Boss hätte sie eingestellt.”, meinte der Sommersprossige und sein Unterton klang dabei besorgniserregend abfällig. Es war klar, dass er Anna’s Worten keinen Glauben schenkte.

“Hm?”, murrte der rostige Ritter mit einem schrecklichen Akzent, den man nicht wirklich zuordnen konnte “Des glaub i kaum.”

“Was?”, wehrte sich die schnippische Anna, ohne vorher nachzudenken, und Rist warf ihr ob dem einen warnenden Blick zu “Wir sehen ja wohl fähiger aus, als ihr.”

“Was soll das heißen?”, der Wachmann verengte die dunklen Augen zu bösen Schlitzen und der in der Rüstung umfasste seinen Schwertgriff fester. Er zog die Nase zornig hoch.

“Unsere Ausrüstung rostet wenigstens nicht und außerdem waschen wir-”

“Ja, wie auch immer.”, schnitt Hjaldrist Anna klugerweise das Wort ab und lächelte nervös. Albion sah soeben aus, als wäre er am liebsten im Erdboden versunken. Bestimmt bereute er es längst seine wagemutigen Kollegen begleitet zu haben.

“Der Graf hat tatsächlich einen Auftrag für uns und-”, wollte der schlaue Jarlssohn einwenden, doch das interessierte Sommersprosse und Blechdose kaum mehr. Beide Männer hielten die anwesende Giftmischerin, die viel kleiner war, als sie, streng und zähneknirschend mit den Augen fixiert.

“Da kommt ein Mädel daher, das sein Schwert vermutlich irgendwo gestohlen hat und Männerkleidung trägt und macht einen auf dicke Eier…”, knurrte der Wachmann mit dem Speer pikiert und trat impulsiv näher. Er spuckte beim Reden. 

“Ich zeige dir gleich, wo dein Platz ist, kleine Schlampe!”, verkündete er.

Mit diesen Worten wollte der Kerl schon nach dem Kragen Annas fassen, doch gewandt wich sie vor ihm zurück. Sofort stellte sich Rist schützend vor sie und hob die Hände beschwichtigend an.

“Wir wollen nicht streiten!”, sagte der Skelliger, doch sein Ton klang nicht mehr gespielt freundlich. In seiner Stimme lag eine ganz leise, doch deutliche Drohung. Ein ‘Ihr wollt euch nicht mit uns anlegen.’

Der rostige Ritter lachte verachtend auf.

“Schau dir des an.”, kommentierte der Söldner und schnaubte amüsiert “Die scheiß’n sich in de Hos’n.”

Auch sein Kollege lachte jetzt grimmig und zögerte nicht damit Rist solch einen heftigen Stoß zu verpassen, dass er rücklings gegen die zusammenzuckende Anna stolperte. Die Kurzhaarige bewahrte ihn davor auf den allerwertesten Elfenarsch zu fallen.

“Ey!”, schimpfte sie rau. Und dann brach auch schon ein lautes Handgemenge aus. Während Albion verwirrt einige Schritte weit zurückwich und nicht wusste, ob er mitmachen sollte oder nicht, war Hjaldrist drauf und dran den einen Wachmann zu entwaffnen. Und Anna, die trat der Blechdose mit dem Dialekt so schwungvoll auf den Fuß, dass der Fremde laut fluchte und kurz taumelte. Die burschikose Frau wich folglich einem schlampigen Schwerthieb aus und die plötzliche Auseinandersetzung zog die Aufmerksamkeit aller umherstehenden Mietklingen auf die Gruppe. Man konnte sich kaum versehen, da standen Anna und Hjaldrist gegen sieben Söldner da und wussten kaum, gegen wen davon sie zuerst schlagen sollten. Der kampfschreiende Undviker schaffte es zwei der Kerle umzustoßen und seine beste Freundin haute einem Typen mit einer dicken Warze auf dem Kinn die Nase blutig. Sie fuhr herum und wurde aberplötzlich von hinten gepackt und an jemanden gezerrt. Einer der stinkenden Fremden nahm sie in den Schwitzkasten und zwängte sie so nieder. Es stank erbärmlich nach Schweiß und ranzigem Waffenöl. Anna verzog das Gesicht angewidert, als der hinter ihr den günstigen Moment nutzte, um die Frau eng an sich zu pressen und dreckig zu lachen. Anna spürte dessen Schritt an der Hüfte und gab einen überwältigt-zornigen Laut von sich, als sie mit dem Schwertknauf schlagen wollte. Eindeutige Bewegungen seiner Lenden folgten, im erbärmlichen, primitiven Versuch die Kriegerin zu entwürdigen und zu verhöhnen.

“Aber, aber!”, tönte eine nasale Stimme dann auf einmal relativ gelassen und hochgestochen “Was soll das denn? Auseinander, aber sofort!”

Die keuchende Trankmischerin spürte, wie der hünenhafte Kerl, der sie gepackt hatte, etwas lockerer ließ. Er hörte auf sie an seine Lenden zu drücken und das ganze Szenario vor der Festung geriet mit einem Mal ins Stocken.

“Was soll der Lärm? Ich sagte doch, dass ich zu meinem Geburtstag meine Ruhe haben möchte.”, beschwerte sich jemand säuerlich und die aufgebrachte Anna versuchte den Kopf zu heben, um zu demjenigen aufzusehen “Ja, ich möchte meine Ruhe haben und was tut ihr? Ihr prügelt euch direkt vor meiner Haustür! Ihr Barbaren! Wofür entlohne ich euch denn, hm?”

Der miefende Söldner ließ die wutschäumende Hexerstochter endlich los und tat es damit seinen sechs Kollegen gleich, die zurückwichen und davon abließen den Eindringlingen die Augen blau schlagen zu wollen. Ja, der breite Hüne leistete den Worten des Grafen wahrhaftig Folge, was eindeutig dafür sprach, dass er dafür reichlich entlohnt wurde. Anders konnte man sich dieses nachgiebige Verhalten ja nicht erklären. Anders als er wendete sich Anna nun aber um und trat diesem Arschloch beherzt zwischen die Beine. In der plötzlich aufgekommenen Stille ging er laut ächzend in die Knie und Anna spuckte angeekelt aus, trat ihn um und ließ ihn liegen, als er sich zusammenkrümmte. Sie bemerkte nicht, wie der Hungrige Graf sie mit verblüffter Miene musterte. Sie horchte erst auf, als Rist an ihrer Seite war und sie besorgt fragend am Arm berührte. Sein Gesicht war todernst.

“Passt schon...”, brummte die Alchemistin unzufrieden, als sie nicht einmal zu ihrem Kumpel aufblickte. Dann räusperte sich der Herr dieses Dorfes, um erneut auf sich aufmerksam zu machen. Die Augen aller fielen auf ihn. Er war ein untersetzter Mann mit einer Halbglatze und einem glattrasierten Gesicht, das hier und da Pockennarben aufwies. Der Geruch nach billigen Duftwässerchen stieg Anna in die Nase und sie betrachtete den Älteren eindringlich.

Das hier sollte also der Mann sein, den die Nilfgaarder tot wissen wollten? Er sah nicht unbedingt angsteinflößend oder gefährlich aus… eher wie ein schmieriger Zuhälter.

“Wer seid ihr?”, wollte der Graf gleich fordernd wissen und besah erst Anna, dann Rist und Albion bedacht von oben bis unten “Und was macht ihr an MEINEM Feiertag in meinem Dorf? Erklärt euch oder ich sage meinen Wachen, dass sie euch in den Kerker werfen sollen!”

Anna runzelte die Stirn, als ihr bester Freund schon dazu ansetzte zu sprechen.

“Wir wollten zu Euch.”, erklärte er schnell, um sich und seinen Gefährten weiteren Ärger zu ersparen “Um mit Euch zu sprechen.”

“Ihr habt euch noch immer nicht vorgestellt.”, überging der Graf das Gesagte geflissentlich, streichelte den Fuchspelz, den er um die Schultern trug, und strafte den Jarlssohn abwertenden Blickes. Lustig, wenn man bedachte, dass Hjaldrist in der gesellschaftlichen Hierarchie weit über diesem speckigen Kerl stand. Aber das wusste ja niemand. Keiner, außer er selbst und Anna jedenfalls. Die Kurzhaarige hätte sich ein Lachen verkniffen, wäre ihr gerade danach zumute gewesen über die blaublütige Herkunft ihres Freundes zu grinsen.

“Ich bin Hjaldrist.”, hüstelte der Skelliger und deutete dann auf seine Begleiter “Und das sind Arianna und Albion.”

“Soso.”, machte der Graf im dunkelroten Samtmantel und mit der dicken, teuren Kette, die sein Wappen trug, unbeeindruckt “Und weswegen wollt ihr mit mir reden?”

“Ähm.”, setzte der hübsche Undviker im Bunde fort und wusste genau, was er tat, obwohl er so zerstreut wirkte “Könnten wir das vielleicht unter… angenehmeren Umständen erklären? Es ist jedenfalls dringend, denn es geht um die Nilfgaarder.”

Nun wurde der untersetzte Anführer mit den Pockennarben hellhörig. Seine Miene lichtete sich und man bemerkte, wie er erst jetzt wahres Interesse an seinem unerwünschten Besuch bekam. Er gab einen argwöhnisch-wissenden Laut von sich und zog die Brauen zusammen.

“Oh…”, machte er langsam und man musste blind sein, um nicht zu erkennen, dass Nilfgaard einer der Punkte war, der seine Neugier weckte “Aber natürlich. Wo bleiben meine Manieren denn? Kommt bitte herein und gesellt euch zu mir...”

Überrascht sah Anna zwischen Graf und Rist hin und her. Hatte ersterer sie etwa gerade und einfach so zu sich in die alte Burg eingeladen? Das hatte sie nicht erwartet. Die erfahrene Frau hatte eigentlich mit weiteren Angriffen oder einem Rauswurf gerechnet. Aber schön, dass sich ihre finsteren Befürchtungen doch nicht bewahrheiteten. Wie sie, zögerten auch ihre beiden Gefährten und die widerlichen Söldner ringsum starrten genauso ungläubig. Der eine lag noch immer schmerzerfüllt stöhnend am Boden und hielt sich den Schritt. Anna’s Tritt hatte gesessen.

“Na los…”, befahl der Hungrige Graf ungeachtet dessen ungeduldig näselnd und winkte die drei Abenteurer zu sich “Kommt herein und esst mit mir. Wir wollen bei einem Glas Wein über die Schwarzen sprechen…”

Anna warf Hjaldrist einen skeptisch mahnenden Blick zu, denn sie traute dem dicken Mann mit der goldenen Prunkkette nicht. Dann setzten sie sich in Bewegung, um dem Hungrigen Grafen in das Innere von dessen eingefallener Festung zu folgen.

 

*

 

Hjaldrist ließ den Blick schweifen, als er nach dem unerwartet gastfreundlichen Grafen in dessen großes Esszimmer trat. Und er runzelte sofort skeptisch die Stirn, als er die lange Tafel in dem Raum erblickte, die auf einem dicken, roten Teppich stand. Sie war reichlich gedeckt mit allerhand Speisen, die genug für zehn Leute gewesen wären. Doch niemand saß an dem massiven Tisch. Und nur ein einziger, bereits benutzter Teller stand dort, an dessen Ende, neben einem halb gefüllten Weinglas. Der stille Jarlssohn fing den kritischen Blick Annas ein, als jene neben ihn kam und auch Albion wirkte nicht besonders selbstsicher. Entweder war der Hungrige Graf tatsächlich jemand der besonders hungrigen Sorte oder absolut größenwahnsinnig. Wer deckte denn sonst einen riesigen Tisch für sich allein und ließ ihn mit Speisen befüllen, von denen eine mehrköpfige Großfamilie satt geworden wäre?

Ein knackendes Kaminfeuer brannte unweit und ein kleines Banner mit dem Wappen des Grafen hing an der alten Wand gegenüber. Zwei unspektakuläre Schwerter zierten den kahlen Stein über dem rußigen Kamin und hinter dem Tafelende, an dem das benutzte Essgeschirr stand, zierte eine gewöhnliche Armbrust die Wand. Es sah hier aus, wie in jedem anderem Burgraum einer Festung am Festland. Und obwohl diese efeubewachsene Ruine hier schon etwas heruntergekommen war, protzte der dicke Gastgeber in seinem teuren Mantel trotzdem mit dem, was er besaß. In Skellige war es ähnlich, zugegeben. Nur hing man dort nur wirklich bedeutsame Waffen auf, die auch Namen trugen oder in Heldengeschichten vorkamen. So wie Erlklamm zum Beispiel. Denn mit Schwertern und Äxten war es auf den Inseln so, wie mit deren Menschen: Man musste sich seinen Ruhm erst verdienen und große Taten vollbringen, um hochgelobt und hergezeigt werden zu können. Falsches Lob oder Lügen über jemanden oder etwas waren nicht angebracht. Auch in der Falkenburg auf Undvik, dem Zuhause des anwesenden Jarlssohns, hingen Wappen oder Banner herum, ja. Nur würde man dortzulande niemals auf die Idee kommen irgendwelche Waffen nur zur Zierde aufzuhängen. Alte, rostige Zahnstocher oder abgegriffene Armbrüste auszustellen war doch lächerlich. Hjaldrist verkniff sich ein abfällig-belustigtes Schnauben.

“Ihr kommt gerade noch recht.”, kommentierte der untersetzte Graf, der einen teuer bestickten Samtmantel trug, gleich “Ich war gerade am Essen und auf meinen Geburtstag zu trinken. Hier, setzt euch.”

Der Mann wies lächelnd auf die geschnitzten Stühle, die vor seinem Esstisch standen.

“Ich lasse sofort Essbesteck für euch bringen.”, versprach der vermeintliche Adelige großzügig “Und dann reden wir. Über Nilfgaard und über euch.”

Der dicke Kerl rief fordernd nach einer ‘Margarete’, die sofort eilig in der Tür erschien. Sie war eine Frau mittleren Alters, mit Schürze, die sie sich glattstrich, und weißem Kopftuch. Die arme Dame wirkte gehetzt.

“Ja, Herr Graf?”, fragte die Magd kleinmütig und wagte es kaum aufzusehen. So, als habe sie eine unglaubliche Angst davor ihren Herrn auch nur anzublicken. Und wieder tauschten die anwesenden Abenteurer, die sich auf all dies keinen Reim machen konnten, bedeutsame Blicke aus.

“Bringe Geschirr für meine Gäste, aber flott!”, machte der Hungrige Graf und klatschte auffordernd in die schwieligen Hände “Und mehr Wein!”

“Ja, ja natürlich…”, entkam es der nickenden Margarete und sie verbeugte sich schnell, ehe sie am Absatz kehrtmachte, um davon zu laufen. Hjaldrist sah ihr stumm nach. Und obwohl es für ihn nichts Neues war, dass eine Bedienstete sich darum kümmerte, für alle zu sorgen, hatte die Magd mit dem Kopftuch ein ungutes Gefühl in ihm erweckt. Ja, er war früher, auf Undvik, natürlich auch immer bedient worden, doch die Angestellten seiner Familie hatten ihre Arbeit gern und ohne Furcht in den Augen verrichtet. Irgendetwas war hier doch faul und wenn es nur die Attitüde des herrischen Grafen war.

“Setzt euch, setzt euch.”, bat derselbige seine drei Besucher und sie gingen dieser Aufforderung nach. Hjaldrist ließ sich zwischen Anna und Albion an der langen Tafel nieder und ließ die dunklen Augen einmal flüchtig über all das fein drapierte Essen wandern. Es sah großartig aus und roch auch vorzüglich. Da waren Pasteten, Braten, fein geschnittene Wurst, Käse, ein Spanferkel, Obst, Gemüse und und und. Von der Seite aus linste der zögerliche Undviker zu seiner besten Freundin hin und erwartete, dass sie ganz große Augen machte, weil sie es kaum erwarten konnte, von all dem Essen hier zu probieren. Schlussendlich kannte er niemanden, der so viel aß, wie sie. Doch er hatte sich getäuscht. Anna’s Miene war hart und sie musste ihm folglich keine Andeutungen machen, damit er verstand, woher dieser Ausdruck kam: Die burschikose Frau würde keine der Speisen hier anrühren. Vermutlich würde sie auch nichts von dem dunklen Rotwein des ungewöhnlich netten Grafen annehmen. Sie misstraute ihm, so viel erkannte der empathische Inselbewohner. Und er würde es der Kurzhaarigen gleichtun. Hoffentlich war auch Albion schlau genug Vorsicht walten zu lassen.

 

“Also… was ist nun mit den Nilfgaardern?”, wollte der Gastgeber mit der goldenen Prunkkette wissen, als Geschirr und silbernes Besteck für seine Besucher gebracht worden war. Margarete hatte jedem von ihnen großzügig von dem Wein eingeschenkt und jetzt stand sie, zusammen mit einer weiteren, jüngeren Frau in Schürze, am Rande. Immer wieder sahen die beiden Damen scheu hier, auf Abruf und bereit, um zu dienen. Es störte Hjaldrist ungemein, wie die beiden da mit gesenkten Häuptern standen, als seien sie unterwürfige Sklavinnen. Verständnislos taxierte er sie, während Anna die Aufgabe übernahm mit dem überheblichen Grafen zu sprechen.

“Es… gibt unter den Nilfgaardern jemanden, der euch tot sehen will und wir wurden dazu beauftragt uns darum zu kümmern.”, sprach die Hexerstochter offen aus. Ihr Teller war leer, doch anders als sie, klaubte Albion nachsichtig nach einer der duftenden, glasierten Pasteten, die unweit am Tisch standen. Hjaldrist spähte unauffällig mahnend zu dem Halbelfen hin, doch jener sah nicht her. Narr. Beherzt biss der Braunhaarige in das kleine Küchlein, das vor Fett nur so glänzte. Na großartig.

“Ach?”, meinte der Graf auf Anna’s ehrliche Worte hin und sein Blick wurde sogleich kälter “Jemand schickt euch, um mich zu töten? Und das sagt Ihr mir nun einfach so?”

“Ja.”, meinte die Alchemistin leichthin “Weil wir den Auftrag nicht erledigen werden. Wir sind keine Mörder.”

Der Adelige musterte die jüngere Frau eingehend, runzelte die Stirn sehr tief. Doch dann wurde seine Miene schleppend wieder lockerer, heller.

“Ah, ich verstehe. Stattdessen kommt ihr drei zu mir, um mir vom Plan des Nilfgaarders zu erzählen…”, stellte der dicke Mann fest und lehnte sich zufrieden in seinem kunstvoll gefertigten Stuhl zurück “Nur fragte ich mich, warum ihr das tun solltet. Wollt ihr die Helden spielen? Verlangt ihr Geld? Denn da muss ich euch leider enttäuschen.”

“Nein, wir wollen weder das eine noch das andere.”, sagte Anna schnell und Hjaldrist nickte zustimmend, während Albion nach einer weiteren Fleischpastete fasste “Wir wollen lediglich Euren Tod vortäuschen und Eure Meinung dazu hören.”

Fragend starrte der Graf die kurzhaarige Kriegerin daraufhin an. Er schien nicht zu wissen, ob er grantig werden oder den obskuren Plan unterhaltsam finden sollte. Womöglich nur gespielt gelassen strich er mit den speckigen Fingern über seinen rotbraunen Fellkragen, an dem noch die Pfoten des Tieres hingen, dem der Pelz einmal gehört hatte. Unweigerlich musste Hjaldrist Anna’s Haar entgegen linsen.

“Meinen Tod vortäuschen…?”, schnaufte der Beleibte “Ihr wollt den Nilfgaarder hereinlegen? Schön, schön. Nur warum sollte ich dabei mitwirken? Ich habe nichts davon und ehrlich gesagt schauspielere ich ungerne das Opfer dreier Kinder. Nichts für ungut...”

Anna’s Gesicht wurde wieder strenger, doch sie riss sich am Riemen. Zum Glück. Hjaldrist räusperte sich leise, um nach der ungeteilten Aufmerksamkeit zu haschen und die Situation weiter zu lenken.

“Der Nilfgaarder hat eine Freundin entführt. Und er gibt sie erst frei, wenn Ihr tot seid.”, eröffnete der Skelliger und seufzte “Darum weihen wir Euch ein. In der Hoffnung, dass Ihr ein guter Mensch seid und uns helft.”

Der Graf hob die buschigen Brauen, gab einen zweiflerischen Laut von sich. Und der schlaue Hjaldrist wäre nicht er selbst gewesen, hätte er nicht gewusst, wie er den aufgeblasenen Möchtegern-Adeligen ganz einfach herumgekriegt hätte.

“Die Nilfgaarder sind doch ein gemeinsamer Feind, oder nicht?”, wollte der Undviker wissen und lächelte schmal “Wir haben gesehen, was sie in Vizima angestellt haben. Es ist grauenvoll… genauso wie die Entführung unserer Freundin. Und bestimmt bedrohen sie auch bald Euer Dorf hier.”

Der Hungrige Graf ließ die Gabel sinken, mit der er sich gerade ein Stück triefenden Braten auf den Teller gefischt hatte. Und sein Blick wurde unglaublich ernst. Man sah ihm an, dass er gerade angestrengt nachdachte und seine stechenden Augen ließen den Jarlssohn nicht los. Jener bemühte sich weiterhin um ein schelmisches, doch gespieltes Grinsen. Es war wie ein stummes ‘Kommt schon, wir wischen den Nilfgaardern eines aus’. Und der Graf stieg nach einer langen Gedankenpause tatsächlich darauf ein.

“Tse.”, machte der Untersetzte mit den Pockennarben, schüttelte den Kopf ungläubig und schnaubte erheitert “Also gut. Was braucht ihr wohl als Beweis für mein Ableben?”

“Hmm…”, Hjaldrist kratzte sich grüblerisch am Kinn, doch fand seine Antwort schnell “Euren Siegelring. Wenn wir ihn dem Nilfgaarder zeigen, dann wird er uns glauben, dass Ihr tot seid. Kein Adeliger von Eurem Stand gibt seinen Wappenring so einfach fort.”

Der Graf blinzelte überrascht, doch nickte bald ganz langsam.

“Na schön.”, sagte er “Ihr könnt ihn haben, solange ich ihn wieder bekomme. Wie ihr ihn wiedererlangt, ist eure Sache. Seht diese Anstrengung als den Preis an, den ihr zu zahlen habt. Verliert oder missbraucht ihr ihn, sterbt ihr.”

“In Ordnung.”, nickte der erleichterte Jarlssohn im grünen Rock zufrieden. Und obwohl er noch keine Ahnung hatte, wie man den Siegelring des Grafen dem hakennasigen Flaut wieder abluchsen sollte, war er doch relativ glücklich mit dem Ausgang des Gespräches. Ja, er hatte sich nicht erwartet, dass jenes so locker vonstattengehen würde. Dass die hoffnungsvollen Abenteurer und der fette Adelige übereingekommen waren und das auch noch so schnell glich doch einem kleinen Wunder. Oder vielleicht war der Hungrige Graf gar umgänglicher als angenommen. Womöglich war das große Misstrauen ihm gegenüber unangebracht gewesen. Sein Dorf war zwar alles andere als schön, die Söldner vorn draußen zwielichtig und die Hausangestellten eingeschüchtert… aber dennoch. Der ältere Mann hier wollte Anna und Hjaldrist einfach so dabei helfen die Schwarzen hereinzulegen und sprach recht offen mit ihnen. Eine positive Überraschung. Oder gab es einen Haken?

“Wie heißt der Nilfgaarder, der euch euren Auftrag gegeben hat?”, hakte der Gastgeber nun nach und schnitt das Bratenstück auf seinem silbernen Teller klein, schaufelte unsäglich viel braune Soße darüber und blickte fragend her.

“Brien.”, schoss es auf einmal aus Anna heraus und diese Lüge ließ Hjaldrist innehalten “Emanuel Brien.”

Der Graf riss den abwartenden Blick vom Skelliger und ließ ihn zurück auf die Giftmischerin in der gestreiften Jacke fallen. Er zog die Brauen nachdenklich zusammen.

“Hm. Noch nie gehört.”, gab er dann zu und die Schwertkämpferin zuckte schlicht die Achseln. Albion ließ die angebissene Pastete in seiner Hand sinken. Und mittlerweile war es recht offensichtlich, dass jene nicht vergiftet sein konnte. Der Halbelf aus dem Zirkus wirkte wohlauf und das Essen schmeckte ihm zusehends. Er hatte auch schon längst von dem roten Wein getrunken und saß noch munter da.

Hjaldrist betrachtete seine Freundin aus dem Norden von der Seite und versuchte dabei nicht skeptisch auszusehen. Dann spielte er mit, obwohl er den Sinn hinter deren Lügengeschichte noch nicht so ganz verstand.

“Ja… Emanuel Brien heißt der.”, sagte der Mann “Ist ein großer Kerl mit Glatze und einer der höhergestellten Soldaten der Armee.”

Der aufmerksame Graf wiegte den Kopf abschätzend und verzog den soßenbeschmierten Mundwinkel dann unzufrieden.

“Pff… er ist ein Narr ein Kopfgeld auf mich auszusetzen. Ja, man unterschätzt mich!”, stöhnte der Pockennarbige entnervt “Ich habe viele gute Kämpfer, die mich beschützen. Unter ihnen ist gar ein Kriegsmeister aus Serrikanien. Dieser Brien oder seine Leute sollen sich nur einmal hierher trauen. Sie werden ihr blaues Wunder erleben!”

“Aber bitte erst, nachdem wir unsere entführte Freundin wiederhaben, ja?”, bat Hjaldrist und zwang sich zu einem knappen Lachen. Auch der vermeintliche Adelige lachte nun und schenkte dem Jüngeren einen erheiterten Blick. Anna sah zwischen beiden Männern hin und her und Albion, der widmete sich schon wieder den bunten Speisen auf dem Esstisch. Dieses Mal packte er sich ein paar Fleischklöße mit Kartoffelbrei auf den Teller. Bestimmt hatte er noch nie so gut gegessen. Und obwohl Hjaldrist auch etwas Hunger hatte, zugegeben, gefiel ihm der Gedanke etwas vom Grafen anzunehmen noch nicht so recht. Denn auch Anna hatte bisher weder Braten, Obst, noch Alkohol angerührt. Etwas, das sich gleich ändern sollte.

“Auf meinen Geburtstag und den baldigen Sieg über Nilfgaard!”, der Herr des Hauses hob seinen Weingral, der mit bunt glitzernden Steinen besetzt war in die Höhe und betrachtete seine Gäste fordernd abwartend. Die Drei griffen ebenso nach ihren Weinbechern und hoben sie zum Toast. Dann tat Hjaldrist so, als trinke er. Und er wusste, dass auch Anna nur so tat, als nippe sie an dem süßen Rebensaft. Albion, der trank selbstverständlich wirklich.

Seinen Becher wieder abstellend, sah der anwesende Jarlssohn gleich wieder zu dem Hungrigen Grafen hin. Die schüchternen Blicke der beiden Hausmägde störten ihn nach wie vor unsäglich, doch er ließ sich dies nicht anmerken.

“Also… bekommen wir dann den Ring? Umso schneller wir die Sache erledigt haben, desto besser.”, meinte Hjaldrist vorsichtig. Wieder lachte der untersetzte Landsherr am großen Tisch locker und schüttelte den Kopf.

“Bleibt noch eine Weile. Ich mag Gesellschaft und es ist besser zusammen zu essen, als allein.”, entkam es ihm und es war mehr Aufforderung als Frage. Im Augenwinkel erkannte Hjaldrist, wie sich die patzige Anna eine unglückliche Gebärde verkniff und sich stattdessen falsch lächelnd zurücklehnte. Er tat es ihr gleich und hoffte darauf, dass sich die Hexerstochter auch weiterhin benehmen würde. Sie war schließlich nicht… nun ja, ‘einfach’. Und soweit er ihre heutige Laune richtig deutete, litt sie einmal wieder unter ihren monatlichen Frauenproblemchen. Hm. Er sollte ihr später noch Süßigkeiten kaufen, um nicht noch ein Opfer ihrer Gemütsschwankungen zu werden, denn das konnte bei der ruppigen Anna echt übel ausgehen. Außerdem mochte er es ihr kleine Freuden zu bereiten. Hjaldrist fand es unglaublich hübsch, wenn sie lächelte.

“Na schön, wir bleiben noch etwas...”, bestätigte der Skelliger, der sich krampfhaft zurück in die Realität drängte, und machte nun Anstalten nach einem Apfel zu fassen, der da unweit am Tisch lag. Damit könnte man sicherlich nichts falsch machen. Anna befeuchtete sich derweil die Lippen beiläufig mit der Zunge, fasste nach ihrem Trinkgefäß und roch unauffällig an dem fruchtigen Wein darin. So, als wolle sie anhand dessen Aromas herausfinden, ob dich darin nicht doch tödliches Gift befand. Ob sie das wirklich konnte?

 

Es verging eine knappe Stunde, in der sich der Graf mit den drei Abenteurern unterhielt. Meist tat er dies über Belanglosigkeiten und Triviales, über die Heimaten seiner Gäste oder seine kleine Privatarmee, auf die er sehr stolz war. Wäre Hjaldrist nicht weiterhin etwas misstrauisch gewesen, hätte sich der Besuch hier tatsächlich nicht schlecht angefühlt. Doch irgendetwas passte ihm nach wie vor nicht und er freute sich schon darauf diesen Ort bald in aller Ruhe und mit dem Siegelring des Hungrigen Grafen zu verlassen. Gemütlich würde er mit seinen Begleitern nach Vizima zurückgehen, Goldlocke holen und sich später einen schönen Abend machen. Igold und Frobert wollten in der Stadt eine späte Jonglier-Aufführung mit Feuerkunststücken Albions geben und vielleicht hatte Anna ja Lust darauf sich das Spektakel anzusehen. Sie beide könnten einmal wieder etwas trinken gehen, denn das hatten sie lange nicht mehr getan. Ja, klang gut.

Die Hoffnung darauf gelassen zurück zum Wanderzirkus gehen zu können schwand leider, als der Graf im Samtmantel dann, irgendwann nach dem Nachfragen des Halbelfen am Tisch, erklärte, weswegen er solch einen großen Tisch besaß, der über und über mit Essen bestückt war.

“Eine alte Tradition meinerseits.”, meinte der Befragte offen und schmunzelte. Leger lehnte er da in seinem teuren Sessel und schwenkte seinen kitschigen Weingral locker in der einen Hand.

“Ich veranstalte einmal im Jahr, zu meinem Geburtstag, ein richtig großes Festessen.”, lächelte der Mann breit “Ach, natürlich gebe ich meine Speisen öfter her, doch an meinem Jahrestag, da bin ich besonders großzügig!”

Hjaldrist hob die Brauen irritiert an. ‘Großes Festessen’? Außer dem Grafen und den Abenteurern saß doch niemand an der Tafel. Was redete der Pockennarbige da?

Letzterer, der das wirre Starren des ratlosen Jarlssohns, der bis auf einen Apfel nichts angerührt hatte, bemerkte, erleuchtete jenen sofort:

“Erst esse ich, dann lade ich all die Armen meines Dorfes ein.”, sagte der Dicke und lachte gespielt bescheiden, als er sich die dünnen Haare zurückstrich “Ich gelte daher als besonders großzügig, wisst ihr? Deswegen schätzen mich die Leute.”

“Oh…”, konnte man Anna murmeln hören, als verstünde sie allmählich, warum sie hier vor Unmengen an unverspeisten gebratenen, gekochten und gebackenen Lebensmitteln saß, die mittlerweile kaum mehr lauwarm waren. Zwar wirkte die braunhaarige Frau nicht sonderlich beeindruckt, weil sie bekanntlich nichts von Leuten hielt, die sich selbst hochpriesen, doch ihr war jetzt vieles klarer. So wie Hjaldrist auch.

“Hm. Ich lasse euch einfach am Festmahl der Bürger teilhaben.”, beschloss der Hungrige Graf “Außer, ihr selbst wollt noch etwas essen?”

Der Jarlssohn und seine beste Freundin schüttelten die Köpfe und auch der gesättigte Albion winkte dankend ab. Daher gestikulierte der vermeintlich wohlwollende Gastgeber einmal knapp in die Richtung der beiden Mägde, die noch immer starr und scheu am Rand des Raumes verharrten.

“Margarete. Ninia. Läutet die Glocke. Es ist Zeit.”, meinte er mit einem arroganten Lächeln im Gesicht und trank noch einen Schluck seines dunklen Weines “Ich und meine Gäste sind fertig.”

“J-ja, Herr Graf…”, stammelte Margarete, sah einmal kurz zu ihrer Kollegin hin und verschwand dann eiligst mit jener. Hjaldrist erhob sich solange. Schlussendlich hatte es doch geheißen, dass nun die Leute des Dorfes das ganze Essen hier bekämen, richtig? Er wollte jenen nicht im Weg sein und auch Anna und Albion folgten seinem Beispiel sofort. Beide standen auf und sahen sich fragend um. Momente später konnte man dann schon die Glocke des kleinen Ortes hören. Zuerst passierte nichts. Doch schon bald geriet alles in Bewegung, Söldner öffneten die Türen. Und dann stürzten hektische Menschen des Dorfes in den Speisesaal. Frauen, Männer und gar Kinder hasteten gierig herbei und dies mit der Angst in den Augen kein Stück Fleisch oder Obst mehr abzubekommen. Drei Arme in Lumpen auf einmal zwängten sich durch die Tür, die in den weitläufigen Raum führte, schlugen einander dabei und eines der folgenden Kinder stürzte. Ein Mann, der diesem nachkam, trampelte es beinah nieder und Hjaldrist wich mit verständnislos entsetztem Blick zurück. Seine Lippen formten ein leises ‘Was zum Geier?’ und Anna kam dicht neben ihn, doch riss die Aufmerksamkeit nicht von der Szenerie im Saal fort. Albion war ebenfalls weit abgewichen und hielt sich im Schatten einer Säule, die die erste Etage der zugigen Burg stützte. Aufgebracht sah der Halbelf zwischen seinen Freunden und dem eiligen, stinkenden Mob hin und her.

Mehr als ein Dutzend Menschen fielen über die reichlich gedeckte Tafel des Hungrigen Grafen her, wie die Tiere. Mit den bloßen Händen aßen sie, stopften sich die Münder schnell voll, schmatzten laut, schlürften und ihr Herr blieb solange einfach still sitzen. Er beobachtete das Geschehen selbstgefällig, gestikulierte wieder und die hilfsbereite Margarete erschien absolut kleinlaut an seiner Seite. Er sagte der schwer schluckenden Bediensteten irgendetwas und sie sah auf, nickte. Mit einer unglaublichen Angst im Blick wandte sie sich um. Doch dies nur, um die abgenutzte Armbrust von der Wand zu nehmen, die hinter dem Grafen an der Wand gehangen hatte. Hjaldrist verstand nur zu schleppend, was folgen sollte. Er zuckte heftig zusammen, als der erste Armbrustbolzen sirrte und spürte, wie Anna an seinen Arm packte. Der Bolzen traf einen Mann, der fraß, wie Vieh, in die Schulter und die enorme Wucht warf ihn zurück, einem anderen Armen entgegen, der die Arme voller Braten hatte. Leute schrien panisch, manche von ihnen stopften sich noch dreist weiteres Essen in Münder und Taschen. Die Kinder stoben als erste davon, denn sie waren nicht mutig oder verzweifelt genug. Der Hungrige Graf lachte laut. Die Kurbel seiner Armbrust knarzte.

“Ja, lauft, ihr widerlichen Schweine!”, lachte er, ehe ein weiterer Armbrustbolzen blitzschnell durch die Luft flog und eine fliehende Frau direkt im Hinterkopf traf. Jemand stolperte. Nurmehr ein einziger Mann, gezeichnet von Wahnsinn, krallte sich an das gefüllte Spanferkel am Esstisch. Er starb ebenso. Und die fassungslosen Abenteurer am Rande des morbiden Geschehens konnten nicht anders, als mit offenen Mündern zu starren. Anders, als die Mietklingen, die die Türen vorhin geöffnet hatten und noch geduldig im Raum verweilten, waren sie völlig entrückt. Anna entkam ein überforderter Laut.

“Was soll das?”, schnappte sie, doch alles passierte viel zu schnell. Ehe sich die Reisenden versehen konnten, war es wieder still im großen Raum. Das ganze Fressen und Morden hatte keine fünf Augenblicke gedauert, da war es schon wieder vorbei. Das Resultat war ein halb leer geräumter, chaotischer Esstisch, wo auf einem durchgebratenen Spanferkel ein Leichnam hing, und zwei weitere Tote, die verdreht und in ihrem eigenen Blut am Boden lagen. Margarete stand aufgebracht an ihrem Platz und kniff die Augen zu, um nichts sehen zu müssen. Man konnte selbst von einer gewissen Entfernung erkennen, wie ihre knochigen Hände zitterten. Und es war totenstill. Jedenfalls, bis die Hexerstochter neben Hjaldrist wieder Luft zum Reden holte.

“Du Monster!”, blaffte sie wutentbrannt und fasste schon nach ihrem rot gewickelten Schwertgriff. Die dreckigen, teils schwer gerüsteten Söldner an der Tür setzten sich alarmiert in Bewegung, eilten herbei. Einer von ihnen pfiff laut und rief damit zwei weitere Krieger herein. Einer von ihnen musste seiner Ausrüstung nach der serrikanische Veteran sein, von dem der Hungrige Graf vorhin gesprochen hatte. Und er hielt bereits seinen wuchtigen Säbel in der Rechten, bereit, um zu kämpfen.

“Anna!”, warnte der weniger impulsive Hjaldrist laut und obwohl er selbst den Drang verspürte den Hungrigen Grafen und dessen Krieger sofort unschädlich machen zu wollen. Jene waren jedoch in der Überzahl und hier und jetzt einen Kampf anzuzetteln äußerst unklug, lebensgefährlich. Mit Erleichterung im Blick erkannte der Undviker also, wie seine beste Freundin in ihrem Tun stockte und tatsächlich auf sein gut gemeintes Wort hörte. Oh, Hemdall sei Dank!

Auch der Hungrige Graf stand nun von seinem bequemen Platz auf, nachdem er seinen rauen Kriegern angedeutet hatte innezuhalten. Seine starren Augen fingen die Abenteurer wölfisch ein.

“Ich hoffe, es hat euch gefallen.”, meinte er lächelnd und erst jetzt, viel zu spät, erkannte man den Wahnsinn, der in seinem Stimme mitschwang. Dieser Mann war gefährlich.

“Nicht viele Leute haben die Gelegenheit meine Festessen mitzuerleben. Ihr solltet euch geehrt fühlen.”, erklärte der Dicke und wiegte den Kopf leicht, strich sich über das unrasierte Kinn.

“Ah, Margarete. Ninia. Bringt das Fleisch bitte in die Kammer und zerlegt es, ja?”, bat der Kerl beiläufig seufzend und wandte sich dann wieder an Anna, Hjaldrist und Albion. Letzterer war kreidebleich geworden, während der Skelliger seinen aufgebrachten Schwarm zurückhielt und damit verhinderte, dass sie in einen heiklen Kampf gegen all die Mietklingen des Dorfes verwickelt wurden. Der Dunkelhaarige trat neben die zornige Schwertkämpferin, fasste bestimmend an ihre Rechte und brachte sie damit sanft dazu das blutdurstige Bastardschwert sinken zu lassen. Nichts desto trotz betrachtete er den Hungrigen Grafen abfällig und voller Abscheu im kalten Blick. Hätten seine Augen töten können, wäre jener schreiend umgekippt.

“Mörder…”, entkam es dem ungläubigen Hjaldrist, für den sich die momentane Situation wie einer seiner klammen, entgeisternden Albträume anfühlte. Er schluckte trocken und ermahnte sich im Geiste zur unbedingten Ruhe. Der selbstgefällige Graf überhörte ihn geflissentlich und mit Schrecken bemerkte der Undviker, wie die beiden scheuen Mägde des Hausherrn mühsam damit anfingen die drei frischen Leichen hinaus zu tragen. Der Hungrige Graf hatte sie doch angewiesen ‘das Fleisch’ wegzuschaffen und es in der Kammer zu zerlegen. Er… er hatte damit doch nicht etwa die Toten gemeint? Hjaldrist fiel es wie Schuppen von den Augen. Und auch Anna war über diese plötzliche Erkenntnis so entsetzt, dass sie ihre rasende Wut für einige Atemzüge lang zu vergessen schien.

“Was…”, keuchte sie leise und mutete an, wie eine Statue. Albion hingegen würgte. Und wieder lachte der anwesende Graf verhalten. Noch immer hielt er seine gespannte Armbrust in den Händen, wie eine stumme Drohung.

“Hat es geschmeckt?”, fragte er den Halbelfen einen Herzschlag später, dem auch noch der letzte, kümmerliche Rest an Farbe aus der Visage wich.

“Wisst Ihr… ich bevorzuge Mensch. Es ist so zart, so weich und schmeckt hervorragend. Das einzige Fleisch, das dem entfernt nahe kommt ist Schwein. Ja… oh, Menschen sind wie Schweine. Nur nicht so leicht zu bekommen. Daher muss ich oftmals leider auf die Vierbeiner zurückgreifen. Doch zu meinem Geburtstag, da scheue ich natürlich keine Mühen und kein Geld-”, weiter kam der irre Burgherr nicht, ehe Albion realisierte, was jener hier genau meinte; ehe er verstand, dass er heute nicht nur gefülltes Spanferkel gegessen hatte, sondern vermutlich auch Pasteten und Klöße aus Zweibeinern. Der arme Spitzohrige wankte leicht, keuchte, würgte erneut und dieses Mal viel lauter. Krampfhaft versuchte er sich nicht hier und jetzt zu übergeben und hielt sich den Bauch.

Hjaldrist wusste indes nicht, was er sagen sollte. Er fand keine Worte, denn was sollte einem auch hierzu einfallen? Und daher blieb er stumm und biss die Kiefer fest aufeinander. Genauso wie Anna, die neben ihm stand und nurmehr mit leicht offenstehenden Lippen starrte. Sie fasste ihre Lage wohl genauso wenig, wie es ihre Gefährten taten.

Der Hungrige Graf legte eine Kunstpause ein und holte Luft, um daraufhin weiter zu reden. Sein so gelassener und zuvorkommender Ausdruck war abrupt verändert. Sein Ton war nicht länger locker und seine Augen nicht belustigt, sondern eiskalt.

“Verschwindet.”, entkam es ihm beachtlich feindselig “Lauft zu den Nilfgaardern und bestellt ihnen Grüße, ehe ich euch auch erschieße und an meine Bürger, diese Schweine, verfüttere!”

Die sprachlosen Abenteurer zuckten zusammen und die metallen klappernden Söldner im Raum umfassten die blanken Waffen erneut fest, als der Hungrige Graf eine scheuchende Handgeste in die Richtung seiner ungebetenen Gäste machte.

“Na, wird’s bald!”, blaffte der Dicke laut und in diesem Moment lief der bleiche Albion bereits los, als renne er um sein Leben. Hjaldrist sah ihm aufgerüttelt nach.

“Anna.”, flüsterte er und es war eine Aufforderung, die die Kurzhaarige auch verstand. Auch sie beide würden dem Grafen und dessen abscheulichen Ort die Rücken kehren, wenngleich auch sehr widerwillig. Sie hatten keine andere Wahl.

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