Kapitel 63

Eine Prinzessin, die nach Wildrosen roch

Nach dem Besuch bei Flaut hieß es warten. Warten darauf, dass sich in der vermaledeiten Sache rund um den Hungrigen Grafen etwas tat. Es frustrierte Anna herumsitzen zu müssen und nichts tun zu können. Sie konnten hier ja nicht einmal fort, um weiter zu ziehen, weil die Nilfgaarder die naive Goldlocke hatten. Jene schien sich unter den Schwarzen zwar eine schöne Zeit zu machen und die Gruppenmoral der Soldaten damit zu drücken, aber dennoch. Es war zum Haareraufen und die unzufriedene Anna konnte Langeweile absolut nicht leiden. Etwas missmutig saß sie also im Lager des Zirkusses herum und gähnte, lungerte irgendwo zwischen den Pferdekarren auf einer Holzkiste und las ihr Handbuch über Giftpflanzen zum gefühlten zehnten Mal. Sie hatte nebenher keine Ahnung, wo Hjaldrist abgeblieben war. Wahrscheinlich unterhielt der sich irgendwo mit Mia, so wie immer. Meistens gingen die beiden zusammen spazieren und palaverten dabei lange über Träume und solch einen Kram. Es nervte ab und zu, wie sehr die zierliche Elfe des Zirkusses Rist einnahm und einfach ‘verschleppte’. Klar, er sollte von der begabten Oneiromantin lernen und es irgendwann schaffen seine schlimmen Albträume und Visionen in den Griff zu bekommen. Nur darum waren er und Anna doch hier, nicht? Trotzdem kam sich die Alchemistin ab und an etwas alleingelassen vor. Es war dämlich so zu denken, das wusste sie, und darum maulte sie auch nicht herum. Die Frau beschwerte sich nicht, zog sich stattdessen oft alleine irgendwohin zurück. Sie tat sich eben nicht leicht dabei mit anderen Leuten - in diesem Fall den Künstlern des Wanderzirkusses - in den engen Kontakt zu kommen und völlig frei und ausgelassen mit jenen umzugehen. So wie mit ihrem besten Freund oder Ravello zum Beispiel. Anna brauchte etwas Zeit, um völlig aufzutauen, war nie jemand gewesen, der sich in großen Runden schnell wohl fühlte. Und daher tat sie sich schwer dabei sich den Zirkusartisten zu weit zu nähern. Wenn sie Gwent spielte, dann am liebsten mit Rist. Wenn sie sich betrank, dann mit Freude mit ihm und ihrem Anhängsel aus Beauclair. Zu den anderen der Truppe hatte sie einfach keinen richtigen Draht und so würde das auch bleiben. Aber war ja auch einerlei. Früher oder später würde sie die bunte Truppe so und so verlassen, um nach Serrikanien zu gehen. Und Hjaldrist käme mit, oder? Er hatte es versprochen.

 

“Na?”, eine bekannte Stimme riss die lesende Hexerstochter aus ihren Gedanken und sie sah fragend auf. Ihr beauclairer Kollege in dem blau-weißen Wams stand vor ihr und stützte sich die behandschuhten Hände in die Hüfte. Er trug seinen Mantel nicht, denn es das Wetter war heute angenehm warm und trocken.

“Langeweile?”, wollte der Ritter wissen, der heute davon abgesehen hatte seine volle Montur anzulegen. Seit heute Morgen marschierte er nur leicht gerüstet umher und nun, nach dem späten Mittagessen wirkte er genauso träge, wie die meisten Leute im Lager. Hjaldrist hatte gut gekocht und das für eine halbe Armee.

“Mhm, ziemlich.”, machte Anna und lächelte leicht “Sollen wir würfeln?”

Die Frau in der gestreiften Jacke war froh darüber, dass sie und Rist vorhin nicht nur Eintopfzutaten besorgt, sondern auch beim örtlichen Alchemisten vorbeigesehen hatten, um Schmerzmittel zu besorgen. So bewandert Anna nämlich im Trankmischen war, so mangelte es ihr an den nötigen Kräutern, um Absude zu kochen, die gegen Bauchschmerzen und -krämpfe halfen. Auch fehlte ihr das Wissen, um davon welche zu kreieren, die so schnell und gut wirkten, wie die eines Meisteralchemisten im Gebiet der Heilung. Gifte und Gegengifte waren ihr Steckenpferd und dabei würde es auch bleiben. Glaubte sie jedenfalls, denn sie sah keinen Grund dafür einen anderen Kurs einzuschlagen.

“Also eigentlich wollte ich erst einmal mit dir sprechen, Anna.”, gab Ravello ganz offen zu und dies überraschte die Kriegerin damit nicht zu knapp. Eine ihrer Brauen wanderte abrupt in die Höhe und sie ließ ihr aufgeklapptes Buch auf den Schoß sinken.

“Worüber?”, wollte sie interessiert und auch etwas argwöhnisch wissen. Im Hintergrund warfen die beiden Halblinge, Igold und Frobert, einander kleine, bunte Lederbälle zu.

“Ich habe eine Idee und brauche deine Hilfe.”, verkündete der Weiße Hase aus Toussaint und lächelte bedeutsam. Anna schwieg und sah ihn abwartend an.

“Du kennst dich doch mit dem Mischen von Tinkturen und so aus.”, fing Ravello ein wenig kleinmütig an und die Miene seines Gegenübers kippte in eine skeptische Richtung. Anna klappte ihre Lektüre zu.

“Du kriegst kein Gift. Und ich mische dir auch keinen Liebestrank.”, wehrte sie sich sofort und konnte sich ein wissendes Grinsen nicht verkneifen. Sie setzte sich auf der Kiste, auf der sie lehnte, etwas gerader hin und taxierte ihren blonden Kumpan eindringlich.

“Liebes-... was? Du kannst das?”, schnappte der Charmeur, dem man sein Interesse sofort anmerkte.

“Vielleicht.”, schmunzelte Anna diese Halbwahrheit geheimnistuerisch, kam aber gleich auf das eigentliche Thema zurück “Wobei brauchst du denn meine Hilfe?”

Ravello räusperte sich leise und straffte die breiten Schultern. War es ihm etwa unangenehm ein Bittsteller zu sein?

“Also… Hjaldrist und du, ihr jagt immer Monster oder erledigt gewisse Aufträge, um an Geld zu kommen…”, sagte der Ritter in Weiß und Blau und wirkte nach wie vor ein wenig peinlich berührt. Warum? Manchmal war er wirklich ein Mysterium.

“Ja. Das ist auch unser Beruf.”, bestätigte Anna zögerlich, noch immer misstrauisch. Was hatte ihr Kollege hier nur vor?

“Genau. Und ich… naja, meistens braucht ihr mich dabei nicht.”

“Weil du dir in die Hosen scheißt und verschwindest, wenn du ein Monster nur von Weitem siehst.”, stellte Anna richtigerweise klar “Du bist vorletzte Woche auf nen Baum geklettert, um einem Nekker zu entkommen. In voller Rüstung.”.

“Was? Das stimmt gar nicht! Ich wollte uns nur einen besseren Überblick über die Lage verschaffen und von oben geht das eben besser.”, protestierte ihr Gesprächspartner und zog eine beleidigte Miene. Die konfrontierte Kurzhaarige schwieg dazu nurmehr, schnaufte belustigt.

“Aber wie auch immer…”, hüstelte Ravello schnell und kratzte sich am Hinterkopf “Ich will mich nützlich machen und auch etwas Geld verdienen. Und deswegen dachte ich mir, ich arbeite mit dir zusammen, um Kosmetika herzustellen.”

Anna stutzte heftig, fiel beinah von ihrer schiefen Holzkiste. Mit allem hatte sie gerechnet, doch nicht mit dem, was hier gerade geschah.

“Bitte was?”, entkam es ihr und sie blinzelte verblüfft “Kosmetik?”

“Ja. Du bist doch eine gute Alchemistin. Und solche Leute brauen auch Cremes und Salben…”, da war eine Hoffnung im Unterton des Ambitionierten, die der Giftmischerin nicht so recht gefallen mochte. Sie fühlte sich ein wenig bedrängt.

“Ja, schon…”, meinte die Novigraderin zögerlich und wollte belehrend weitersprechen, doch Ravello fiel ihr sogleich unheimlich erleichtert ins Wort. So freudig, als habe Anna gerade fest zugesagt und ihm versprochen ihn bedingungslos zu unterstützen.

“Wunderbar!”, lachte der Ritter und setzte sich aufgeregt zu seiner Gefährtin, wendete sich ihr voller Freude im Ausdruck zu und nahm ihre Hände strahlend in die seinen “Was hältst du von Balsam für die Lippen? Ich habe gesehen, wie Linda und Mia Farbe in Talg mischen, um sie sich vor Aufführungen aufzutragen und dabei kam mir vor ein paar Tagen die Idee. Ich hatte viel Zeit, um darüber nachzudenken. Man könnte das Zeug doch mit Kräutern kombinieren, die gut für wunde oder trockene Lippen sind! Oder man mischt etwas dazu, das vorzüglich schmeckt.”

“Ravello.”, murrte Anna, doch wurde überhört. Mit verzwicktem, unwohlen Gesichtsausdruck entzog sie dem Begeisterten ihre Finger.

“Dann füllen wir den Balsam in kleine Töpfchen und verkaufen ihn. Bei den Damen käme so etwas sicherlich gut an. Erst recht, wenn ich meine Überredungskünste einsetze, um ihn auf den Markt zu bringen. Ja, Anna, stell dir doch mal vor…”, schwärmte Ravello.

Eine ausschweifende Geste folgte, in der der von sich begeisterte Ritter die Arme ausbreitete, als flöge ihm gleich eine schmachtende Frauenwelt entgegen, die erwartete, von ihm aufgefangen zu werden. Die Nase trug der hoffnungsvolle Kerl dabei natürlich hoch und er lächelte schief. Anna zog die Brauen weit zusammen und sprach kein Wort, als theatralische Sprüche folgten:

“‘Wollt ihr besser küssen? Probiert Ravello’s Balsam für die Lippen!’ oder… ‘Wer schmeichelt euren Mündern? Ravello!’”, posaunte der Blondschopf mit einem Gemisch aus Erheiterung und grenzenloser Begeisterung “Man könnte beauclairer Balsam mit Est Est-Geschmack herstellen!”.

“Du bist ein Idiot.”, schnaubte Anna ungläubig, doch der zielstrebige Krieger ignorierte ihre Einwände nach wie vor. Für ihn, so schien es, war der Plan rund um irgendwelche Cremchen, die Frauen begeistern sollen, beschlossene Sache.

“Wir verkaufen all das unter meinem Namen, damit du deine Ruhe vor den ganzen Verehrerinnen hast. Also wenn du das so willst. Und ich gebe dir einen Teil der Einnahmen ab und beschaffe dir die Zutaten. Du müsstest die Sachen nur zusammenmischen. Du hast doch die nötige Ausrüstung und das Wissen, Anna. Wie wäre es so zusammen zu arbeiten?”

Die besagte Kurzhaarige rollte mit den braunen Augen, doch kam nach wie vor nicht umhin grinsen zu müssen. Ein Einfall, wie der gerade vorgetragene, konnte ja nur von jemandem wie Ravello kommen! Selbst Rist kam nicht auf solch einen Mist und das hieß schon was.

“Ach komm, Anna. Lass es uns versuchen! Es wäre doch ein toller Nebenverdienst neben dem Ungeheuer-Töten.”, bettelte der kurzhaarige Mann aus Beauclair “Und du müsstest ja nicht viel Anderes tun, als bisher. Nur ein paar Sachen mehr mischen und ich wette, du weißt, wie man Balsam herstellt.”

“Das tue ich, ja.”, seufzte die burschikose Novigraderin, die drohte nachzugeben. Denn tatsächlich war das Herstellen von Cremes und dergleichen verdammt einfach und nicht viel Arbeit. Man brauchte im Prinzip nur etwas Wachs und Fett. Man erhitzte beides, vermischte es, ließ die Mixtur erkalten und fertig war etwas, das man sich auf die Lippen schmieren konnte. Es war keine Kunst. Wenn man etwas gegen wunde Haut machen wollte, nahm man nur einen halben Teil des Fettes und dafür Kräuteröl aus Heilpflanzen her. Und wenn es um den Geschmack ging, dann griff man auf Auszüge gewisser Blüten, Gewürze oder Früchte zurück. Ja, im Hirn eines Trankmischers war das Kinderkram. Und es überraschte Anna ein wenig, wie schnell sie sich hier gerade mögliche Rezepturen für Ravello’s Lippenbalsam zurechtlegte. Die zweiflerische Frau runzelte die Stirn tief und gab einen skeptischen Laut von sich.

“Na siehst du!”, lachte Ravello und klopfte seiner armen Kumpanin freundschaftlich auf den schmalen Rücken “Lass uns das machen! Wir können es ja einfach einmal versuchen und mischen unseren Mädels hier die ersten Proben. Sie werden es bewerten und dann sehen wir weiter. Na? Linda wird es lieben!”

Anna lenkte den Blick auf den begeisterten Blonden zurück und man konnte ihr förmlich ansehen, wie ihr Kopf arbeitete. Grüblerisch musterte sie den breit lächelnden Mann vor sich und wägte ab.

Kosmetika. Also sie selbst war jetzt niemand, der mit so etwas übertrieb, weil es einfach nur unnötig war. Was brachte es ihr denn sich Duft aufzusprühen oder sich penibel zu schminken? Sie hatte eine schlichte Seife im Gepäck und einen alten Kohlestift. Das reichte völlig. Doch es stimmte schon, dass das Geschäft für Wässerchen, Puder oder Cremchen vielerorts florierte. Man musste doch nur einmal eine größere Stadt besuchen und die schnöseligen Frauen und Adeligen dort beobachten. Selbst so manch ein gesellschaftlich hochgestellter Mann griff auf vermeintliche Schönheitsmittel zurück und fasste dafür schon mal tief in die Tasche. Ganz zu schweigen von den Leuten im schillernden Beauclair. Sollte Ravello dort irgendwann einmal damit anfangen Kosmetik zu vertreiben, könnte er sich vor Verehrerinnen und Geld wohl kaum retten. Anna verengte die Augen prüfend. Dann holte sie Luft zum Sprechen.

“Also gut.”, willigte sie schlussendlich ein “Du besorgst die ganzen Zutaten und ich mische was. Wenn du den Kram dann nicht losbekommst, bleibe ich wenigstens nicht auf den Kosten sitzen.”

Ravello strahlte wie ein Honigkuchenpferd und schlug die Handflächen begeistert aufeinander.

“Abgemacht!”, atmete er überwältigt “Ich gehe nachher sofort los! Was brauchst du?”

“Bienenwachs, Pflanzenfett oder Talg… und je nachdem, was es für ein Gemisch werden soll, Heilkräuter, die man auch für Wundsalben verwendet, oder Duftöl.”, erklärte die Braunhaarige, die noch auf der Lagerkiste saß und die Beine baumeln ließ, locker. Ihr Kollege war längst aufgeregt aufgesprungen und sah aus, als habe er Hummeln im Allerwertesten. 

“Verstanden!”, machte jener “Wo gibt es Duftöle? In Toussaint hatten wir eigene Läden dafür, aber die gibt es hier im Norden nicht.”

“Beim Alchemisten.”, versicherte Anna “Erwarte aber nicht zu viel. Wir sind nicht in Beauclair.”

“In Ordnung.”, lächelte der Blonde erleichtert “Welchen Geruch soll ich nehmen?”

“Was weiß ich…”, die braunhaarige Frau zuckte die Achseln “Keine Ahnung, was es so gibt.”

“Ach, komm. Was würdest du auswählen, wäre jeder Duft verfügbar, hm? Sag!”, wollte Ravello dann wissen und die befragte Hexerstochter hob die Brauen leicht an. Sie schwieg, als sie den unruhigen Ritter nachdenklich betrachtete und verschränkte die Arme vor der Brust. Welchen Duft sie nehmen würde? Anna hatte keine Ahnung. Sie hatte noch nie Parfüm oder dergleichen verwendet, war dahingehend simpel und hatte daher keine spontane Antwort für ihren ehrgeizigen Gefährten aus dem Süden. Wirklich keine. Sie mochte den Geruch von Waldbeeren oder Ingwerwurzeln, aber danach riechen würde sie nicht wollen.

“Hm. Weißt du was? Ich nehme Rose. Du wirkt nämlich wie ein Rosen-Typ.”, entschloss Ravello selbst, da die jüngere Schwertkämpferin lange nicht antwortete.

“Was?”, schnappte Anna perplex und der Blondschopf bei ihr lachte verwegen.

“Vertrau mir einfach, Anna. Ich habe Erfahrung. Meine Verflossenen haben mich immer zum Einkaufen mitgenommen. Äh... vermutlich, weil ich bezahlt habe… aber wie auch immer. Ich kenne mich mit Düften und Frauen aus!”, sagte der stolze Ritter mit geschwellter Brust und seine jüngere Freundin sah ihn an, als sei er gerade die lächerlichste Behauptung auf Erden losgeworden. Ein verhalten amüsierter Ton entkam ihr, ehe sie nicht mehr anders konnte, als den Kopf zu schütteln.

“Oh Mann.”, stöhnte sie, doch wurde geflissentlich überhört.

“Und wie gesagt, Rosen passen eben zu dir, weißt du.”, schleimte der dumme Kerl weiter, während Anna ihn nur noch starr und mit gemischten Gefühlen in der Magengegend ansah. Was sollte das hier bitteschön werden? Wollte er ihr schmeicheln, oder wie? Das könnte er vergessen. Sie legte den Kopf abwartend schräg.

“Ja, und damit meine ich nicht die künstlichen, gezüchteten Blumen aus Beauclair, sondern die wilden Rosen der Wälder vor Toussaint. Sie haben viele, spitze Dornen und können einem damit einen ganz schönen Schaden zufügen, dennoch sind sie sehr, sehr hübsch und wunderbar! Und rot! Du magst Rot doch?”, plapperte der charmante Blondschopf weiter und lächelte dabei beachtlich schief. Seine Anekdote traf die anwesende Trankmischerin unerwartet und sie schalt sich selbst eine Närrin dafür nun grenzverlegen stocken zu müssen. Hoffentlich wurde sie nicht auch noch rot! Ein wenig zerfahren sah sie ihren selbstsicheren Begleiter an, denn tatsächlich war das, was er da gerade von sich gegeben hatte, ein ziemliches Kompliment gewesen. Ein richtig nettes auch noch dazu. Etwas, womit Anna nicht wirklich zurechtkam. Sie wusste nie, wie sie reagieren sollte, wenn man ihr Komplimente machte, die sie berührten, und so antwortete sie auf die einzige Art, die ihr gerade einfiel, um die Situation für sie zu lockern. Um eine kleine Wand vor sich aufzubauen, durch die kein Geschleime mehr zu ihr durch käme, denn jenes machte sie nur nervös und unbeholfen.

“Aha.”, machte Anna also zynisch-amüsiert “Weißt du was? Wenn du nicht damit aufhörst herumzusäuseln, dann zeige ich dir, dass du mit deiner Dornen-Anspielung Recht hast, du Idiot. Und außerdem: Ich mische das Cremezeug für andere Leute, nicht für mich selbst, Ravello.”, erinnerte die Alchemistin pikiert und ihr Gesprächspartner lachte leise, denn natürlich war der Braunhaarigen etwas Röte in die Wangen gestiegen. Zudem kannte Ravello sie mittlerweile gut genug, um ihr ihre humorvoll-abwehrende Reaktion keineswegs übel zu nehmen. In seinen Augen musste die patzige Hexerstochter doch bloß eine harte Nuss sein. Jemand mit einer rauen Schale und einem weichen Kern. Er hatte Recht, doch Anna hätte ihm dies nie eingestanden. Es reichte doch schon, dass Hjaldrist sie schon weinen gesehen hatte und manchmal das Mädchen in ihr hervorkitzelte.

“Pah! Der Balsam wird so gut werden, dass auch du ihn verwenden wirst. Glaub mir! Und dann duftest du nach Wildrosen!”, versprach der Mann sofort. Dann hob er auch schon die Hand zum Gruß, konnte einfach nicht mehr stillstehen.

“Ja ja, klar. Verzieh dich, Puderquaste.”, lächelte die Kriegerin schief.

“Wird gemacht. Bis später! Das wird echt gut!”, und mit diesen Worten stob der Blonde auch schon von Dannen, um den ersten Schritt in Richtung ‘eigenes Kosmetikgeschäft’ zu tun. Bei Melitele. Was für ein Plan… doch warum sollte man es auch nicht versuchen?

 

Hjaldrist und Mia tauchten erst einige Zeit später auf, nachdem Ravello freudig in die Stadt verschwunden war, um die Ingredienzen für seine Körperpflege zu kaufen. Anna trat gerade die wenigen lockeren Heringe des Zeltes, das sie sich mit ihrem besten Kumpel teilte, zurecht, als jener bei ihr erschien und sie freundlich begrüßte. Während die Frau aufsah, verschwand er schon in das Zeltinnere, um sich seinen wärmenden Mantel zu holen. Der Abend nahte und sobald die Sonne unterging, wurde es schnell kalt. Die Hexerstochter lächelte zufrieden, als ihr Kollege wieder vor der Lagerstätte erschien. Er war vorhin lange weg gewesen und Anna freute sich darüber, dass er endlich wieder hier war.

“Und?”, machte sie “Wieder was gelernt?”

“Hmmm…”, entgegnete der Jarlssohn unschlüssig und sah sich nach der neugierigen Novigraderin um, die sich die Hände in die tiefen Taschen steckte “Naja, mal sehen. Mia meinte, dass man Visionen rein theoretisch von normalen Träumen unterscheiden können sollte. Weil der Körper auf sie anders reagiert... heftiger. Und irgendwann entwickelt man ein Feingespür dafür, wenn man nur weiß worauf man achten muss.”

Die Schwertkämpferin, die mit theoretischen, komplexen Ansätzen nichts anfangen wollte, hob eine Braue. Vielleicht war sie aber auch nur kritisch, weil jene Ansätze von Mia stammten. Nein, nicht nur ‘vielleicht’. Es war eine Tatsache.

“Unterschiede? Inwiefern?”, wollte sie also wissen “Immer, wenn du schlecht träumst oder im Schlaf irgendwelche… ähm, Visionen hast, dann schreist du herum, erschlägst mich fast oder dergleichen. Ich habe bisher keinen Unterschied bemerkt und jetzt erzähle mir nicht, dass all deine schlimmen Träume bisher irgendwelche wahren Bilder gewesen sind.”

Die Frau sah, wie ihr Freund stutzte und musste lachen.

“Was? Ich muss dich dann jedes Mal aufwecken. Und wenn Mia meint, dass das ein Anzeichen dafür ist, dass du irgendwelche Visionen hattest, dann wird es nicht schwer sein die auch in Zukunft zu bemerken.”, fügte Anna noch hinzu. Es war doch simpel. Die Zirkuselfe müsste Rist nicht stundenlang belehren, wenn es doch so offensichtlich war.

“Manchmal vergesse ich sehr schnell, was ich geträumt habe… auch, wenn es mich ziemlich aufgebracht hat, was für eine Vision spricht.”, gab Hjaldrist mit gesenkter Stimme zu und wirkte dabei ein wenig verloren.

“Na, dann frage ich dich ab heute einfach jedes Mal nach dem Wachrütteln, was du geträumt hast. Es müsste an dem Punkt doch so frisch sein, dass du es noch weißt. Und ich vergesse deine Erzählung dann sicher nicht.”, schlug die Kurzhaarige vor und war etwas überrascht darüber, wie leicht sie mittlerweile mit der besprochenen Thematik zurechtkam. Vor einiger Zeit hatte es sie noch erschrocken, als es geheißen hatte, ihr Freund aus Skellige sehe im Schlaf wahre Begebenheiten. Es hatte sie sprachlos gemacht, dass Rist offensichtlich unterschwellig magisch begabt war und die Zukunft voraussagen konnte. Doch nun, da gehörte all das zum Alltag. Es war, als sei es nie anders gewesen. Nicht jeder hätte das so gehandhabt, aber Anna mochte es eben einfach.

“Was? Aber...”, entkam es dem besagten Mann, nachdem seine beste Freundin ihm vorgeschlagen hatte ihn nach dem Aufwachen zu seinen Träumen zu befragen “Was, wenn ich nicht drüber reden will?”

Die Hexerstochter, die diese Frage überraschte, musste belustigt schnauben und schenkte ihrem Freund einen hintergründigen Blick.

“Dann beschwere dich nicht darüber, dass du dich kurze Zeit nach dem Aufwachen nicht mehr an deine Träume erinnern kannst.”, sagte sie locker und zuckte witzelnd die Achseln “Wenn sie dir zu dreckig sind, um sie mir zu erzählen, kann ich nichts machen, Mimose.”

“W-wie?”, stammelte Hjaldrist überfordert “Sie sind nicht ‘dreckig’. Und du bist blöd, Anna.”

“Was? Es kam schon mal vor, dass du wach wurdest und wir dann-”

“Halt die Klappe.”

Die Kriegerin bedachte ihr Gegenüber nurmehr mit einem scherzhaften Lächeln und schwieg. Ja, es war im Endeffekt Rist’s Sache, ob er auf ihren Vorschlag einging oder nicht. Sie meinte es nur gut mit ihm und wollte helfen. So, wie immer eben. Leider hatte sie keine klugen Ratschläge hinsichtlich des ‘Sehens’ auf Lager, also blieben nur konventionelle Methoden: Das Wachrütteln, Ohrfeigen und Nachhaken bezüglich schrecklicher Visionen. Mehr konnte Anna einfach nicht tun. Und irgendwo ärgerte dies sie auch, denn sie wäre gerne nützlicher gewesen. Ein kurzes Schweigen tat sich zwischen den Abenteurern auf.

“Was denkst du?”, fing die Alchemistin an, nachdem Rist sie eine Weile lang nur eigenartig angestarrt hatte “Bekommst du die Träume irgendwann in den Griff...?”

“Mh.”, machte der Angesprochene “Ich hoffe. Und ich hoffe auch, dass ich es bald schaffe.”

Anna nickte, als sie den letzten Zelthering tiefer in die weiche Erde trat und dann zu ihrem Freund kam.

“Das hoffe ich auch.”, gab sie zu “Gibt es denn konkrete Pläne oder willst du einfach nur weiter mit Mia reden und dir Erklärungen über deinen Zustand holen? Ich weiß nämlich nicht, ob dir das so viel bringt.”

“Also…”, sagte der Jarlssohn nach einem Zögern und wirkte merklich unwohl dabei “Sie hat mir heute angeboten, dass sie in meine Träume kommen könnte, um sich die Lage dort einfach einmal selbst anzusehen. Aber ich finde diese Vorstellung seltsam… ich will das nicht.”

“Also abgesehen davon, dass ich keinen blassen Schimmer davon habe, wie sie so etwas anstellen will…”, antwortete Anna und musterte den gedankenvollen Rist mindestens genauso nachdenklich “Finde ich die Idee nicht ganz so schlecht. Sie ist doch eine Professorin auf dem Gebiet. Vielleicht kommst du weiter, wenn du sie einfach machen lässt.”

“Ich weiß nicht… es ist eigenartig. Ich möchte nicht, dass sie die Dinge in meinem Kopf sieht.”, gestand der Dunkelhaarige offen “Außerdem würde es sich anfühlen, als sei ich besessen. Ich mag es nicht, wenn andere die Kontrolle über mich haben.”

“Ich mag sowas auch nicht. Und Mia ist mir nicht sehr sympathisch. Aber ich denke auch, dass du übertreibst, Rist.”, sprach Anna gegen ihren Kollegen “Mir würde es genauso wenig gefallen eine Träumerin in meinen Schädel zu lassen, wie dir. Doch wenn es mir danach viel besser ginge und ich immer oder besser durchschlafen könnte, wäre es das doch wert.”

Zweiflerisch seufzte der Undviker, zuckte mit den Schultern. Dann wechselte er auch schon das Thema.

“Was machen wir heute noch?”, fragte er und sah seine burschikose Freundin abwartend an “Sollen wir zum See? Ein paar Ertrunkene beseitigen? Ich würde den Kopf gern etwas frei bekommen.”

“Ja? Klar. Machen wir. Ich meine heute Mittag einen Aushang bezüglich der Biester in der Stadt gesehen zu haben.”, nickte Anna schlicht und sah Rist schwach lächeln. Etwas Geld für ein paar erschlagene Monster mehr klang doch gut. Außerdem wäre es schön sich etwas die Beine zu vertreten.

 

“Ich habe übrigens mit Linda und Albion gesprochen.”, fing Hjaldrist verschwörerisch an, als er viel später und nach getaner Arbeit neben Anna her ging. Er hatte einen kleinen Kratzer an der Wange und die Hexerstochter eine verstauchte Hand, doch das machte nichts. Ihre Kleider wiesen einige Flecken und Sprenkel von dunklem Ertrunkenen-Blut auf, doch das war eine Kleinigkeit. Sie hatten einige Kupfer mehr in den Taschen, waren zufrieden und auf eine gute Art und Weise entkräftet. Es tat gut zu kämpfen, wenn man den lieben langen Tag nur herumgelungerte oder gemächlich spazieren gegangen war, fand Anna. Es belebte zum einen die Geister und zum anderen sorgte es für einen tiefen Schlaf.

”Worüber habt ihr geredet?”, wollte die Frau gleich interessiert wissen, als sie ihrem Kumpan einen Seitenblick zuwarf. War da etwa ein Funke Argwohn, den sie verspürte?

“Na, über die Theaterstücke. Du wolltest doch in einem mitspielen und DAS lasse ich mir doch nicht entgegen.”, grinste der Undviker mit einem Deut Schadenfreude im Gesicht. Anna verengte die Augen zu prüfenden Schlitzen, doch er hörte nicht damit auf breit zu lächeln. Er erlebte soeben einen kleinen Triumph, das war augenscheinlich.

“Ernsthaft?”, fragte sie und schnaufte “Dann musst du aber auch.”

“Klar. Kein Problem.”, versicherte der begeisterte Skelliger und seine Freundin blinzelte ungläubig. Der Kerl war ja wirklich erpicht darauf sie einmal auf einer Bühne zu sehen. Dieser Arsch. Anna entkam ein trockenes, leises Lachen.

“Und?”, wollte sie wissen. In ihrem Rücken war die Sonne längst untergegangen und der Vollmond schob sich über den Horizont.

“Sie fanden den Einfall klasse und wollen dich beim nächsten Stück dabei haben.”, erzählte Hjaldrist beschwingt weiter “Sogar in einer der Hauptrollen!”

Die arme Alchemistin verschluckte sich fast an der eigenen Spucke und fühlte, wie ihr die Nervosität in die Adern kroch. Entsetzt starrte sie Rist an und wusste nicht, was sagen. SIE in einer HAUPTROLLE eines Schauspiels? Oh nein. Sollte sie kneifen? Anna wollte nicht wie ein dummer Feigling dastehen.

“Was denn? Keine Sorge, das wird super!”, lachte der Inselbewohner mit der Axt “Und ich bin ja auch auf der Bühne. So, wie abgemacht.”

“Als was?”, murrte die unverhoffte Schauspielerin in spe, die es an und für sich ganz und gar nicht leiden konnte, wie sie zu viele Leute auf einmal zu lange ansahen.

“Als ein Wachmann.”, bekam sie als Antwort.

“Was?”, empörte sich die Kurzhaarige sofort. Als Wachmann? Hjaldrist würde also nur herumstehen müssen? Anna haute dem viel zu schlauen Jarlssohn sofort so fest gegen den Arm, dass er lachte und jammerte zugleich.

“Hey!”, beschwerte er sich, konnte sein dummes Gegrinse aber nicht zurückhalten und bekam dafür noch einen Schubs.

“Du hast mich reingelegt!”, maulte die Novigraderin zurecht.

“Ey, ich hatte versprochen auch mitzuspielen. Und das tue ich. Wir hatten nicht festgelegt als was.”, erinnerte der Schönling glucksend und hatte damit Recht. Na toll. Mehr fiel Anna dazu auch nicht mehr ein. Oh, das könnte ja noch was werden…

 

“Das Stück heißt ‘Der Drache der Blauen Berge’ und es geht um eine Prinzessin, die von einem Drachen entführt wird und sich unsterblich in ihn verliebt! Wir dachten uns, dass das ja ganz gut passt. Du hast ja sogar abseits der Bühne mit Drachen zu tun.”, erzählte Linda voller Begeisterung und Anna hob die Brauen an. Mit einem Becher dampfenden Tees in den Händen und in einen dicken Mantel gehüllt, saß sie am Feuer und hörte sich an, was die Zirkusleute demnächst mit ihr vorhatten. Zu verdanken hatte sie den Schauspielplan Rist, der neben ihr saß und sich immer wieder ein breites Schmunzeln verkneifen musste. Auch Igold und Frobert waren hier und lauschten dem abendlichen Gespräch bei einem Becher Honigwein.

“Und du wirst die Prinzessin spielen. Normalerweise ist das meine Aufgabe, aber du machst dich in der Rolle bestimmt auch richtig gut!”, lächelte die Langhaarige und streckte die Hand aus, um den Arm Annas sanft zu berühren “Du wirst die Zuschauer begeistern, ganz bestimmt.”

Die arme Hexerstochter starrte Mia’s ältere Stiefschwester an und glaubte ja noch immer nicht, dass das hier gerade passierte. Sie sollte also eine Prinzessin spielen? Eine PRINZESSIN? Ach du Scheiße.

“Ich sehe nicht aus wie eine Prinzessin.”, brummte die Alchemistin und ihre momentan eher wackelige Laune trug nicht dazu bei, dass sie sich sehr freute. Doch immerhin tat ihr gerade nichts weh.

“Ach was! Wir machen dich zurecht und du wirst bezaubernd aussehen! So, wie eine richtige Adelsdame!”, lachte Linda sanftmütig und Anna wusste nicht, ob sie dieses Versprechen als Drohung auffassen sollte oder nicht. Sie sträubte sich jedoch auch bewusst nicht zu sehr. Schlussendlich wollte sie ja nicht wie ein dummer Feigling dastehen. Sie würde bei dem Theaterstück mitmachen und sollte sie sich blamieren... na und? Ihr Stolz verbot es ihr sich meckernd zurückzuziehen und ihrem besten Freund damit Fläche für dumme Neckereien zu geben. 

“Mh.”, machte die burschikose Frau deswegen “Also schön… und wie wird das Stück sonst so ablaufen? Ich sollte darüber Bescheid wissen, wenn ich mitspielen soll, oder nicht?”

“Keine Sorge, Anna. Wir werden es proben, bevor wir es in der Stadt zeigen. Außerdem haben wir es schriftlich.”, versicherte Linda und man sah die beiden Halblinge nebenher nicken. Igold holte Luft zum Sprechen.

“Wir haben das Stück bisher nur einmal aufgeführt. Linda spielt sonst die Prinzessin und Albion den Drachen. Denn der kann ja Feuer spucken. Mia hat die Rolle der Königin Genovefa inne und Frobert ist der König Ferdinand. Nachdem deren Tochter Tusnelda entführt wurde, entsenden sie ihren besten Recken - also den Herrn Ravello in der Rolle des Ritter Kunibert -, um den Drachen zu töten und versprechen jenem, dass er die schöne Prinzessin zur Frau bekommt, wenn er sie wohlbehalten wieder nach Hause bringt. Als Kunibert aber beim Drachenhort ankommt, will Tusnelda nicht mit ihm gehen, da sie sich in den Drachen verliebt hat. Es kommt zu einem Kampf, der Ritter stirbt und Tusnelda und der Drache leben bis an ihr Ende glücklich zusammen.”, erklärte der Jongleur schwärmerisch und Anna beäugte ihn kritisch.

“Tusnelda…?”, fragte sie langsam und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Vielleicht beides?

“Klingt richtig bescheuert, der Name.”, fügte Hjaldrist überflüssigerweise hinzu. Womit die Alchemistin auch schon zu einem weiteren, wichtigen Punkt kam:

“Und Ravello macht auch mit? Warum spielt Rist denn nicht den Ritter? Der ist gut in solchen Rollen.”, spielte die Kurzhaarige auf ihre damalige Teilnahme an der Turney in Beauclair an. Ein bedeutsamer Seitenblick gen Hjaldrist folgte, ein leichtes, wissendes Grinsen. Der Skelliger zog die Stirn kraus und verschränkte die Arme eng vor der Brust. Igold zuckte knapp mit den Schultern.

“Hjaldrist spielt, zusammen mit einem zufälligen Teilnehmer aus dem Publikum, die Königswachen.”, meinte der Halbling “Wir hatten ihm ja angeboten, dass er den Ritter spielt, aber er wollte nicht. Außerdem hat Herr Ritter, äh, also Ravello, eine passende Rüstung.”

Anna entkam ein abschätziger Laut und dieser elendige, hinterhältige Undviker, um den es ging, lachte ertappt.

“Du würdest mich also nicht aus den Klauen eines Drachen retten, Hjaldrist?”, wollte sie wissen und ihr gespielt vorwurfsvoller Ton klang ernster, als er es eigentlich sollte. Ihre stechenden Augen hefteten sich eine Entgegnung erwartend an den feixenden Inselbewohner, der die Hände sofort abwehrend erhob.

“Was? Nein. Würde ich nicht. Wo denkst du hin?”, räusperte sich der Schönling sofort und schenkte Anna einen hintergründigen Blick “Von Drachen halte ich mich fern, solange es nicht um Märthe geht.”

“Mhm… richtige Antwort.”, griente die Novigraderin, nachdem ihr Freund seine Worte ausgesprochen hatte, als habe er sie auswendig gelernt. Er lächelte zufrieden. Tatsächlich hatten sie untereinander ausgemacht niemals gegen einen wahrhaftigen Drachen zu kämpfen, weil dies viel zu gefährlich war. Auch nicht, um einander zu retten, und sie hatten dies mit einem feuchten Handschlag besiegelt. Nun, naja… also in dem Punkt hatte Anna damals gelogen, weil sie sich ganz klar ohne nachzudenken in den Kampf gegen solch eine Echse werfen würde, ginge es um das Überleben ihres Seelenverwandten… aber egal. Drachen waren jedenfalls mächtige, intelligente Wesen und nicht einmal die besten Hexer wagten sich daran die Aufträge für die Geschuppten anzunehmen.

“Wer ist Märthe?”, wollte Linda nebenher wissen, nachdem sie von ihrem Met getrunken hatte, und die zwei Abenteurer der bunten Runde blickten auf.

“Äh.”, machte Anna stumpf.

“Eine gute Freundin.”, ergänzte Rist sofort “Oder meine Tante. Ich bin mir nicht sicher.”

Die anwesenden Artisten wirkten verwirrt, während Anna laut auflachen musste.

“Mein Onkel steht ihr recht nahe und ich bin mir echt nicht sicher, ob da was läuft oder nicht.”, erzählte der Undviker hüstelnd weiter “Aber… uh. Eigentlich will ich es auch gar nicht so genau wissen.”

“Und du magst sie nicht sonderlich, hm?”, hakte Linda schmunzelnd nach “Wenn man jemanden als Drachen bezeichnet, dann heißt das schon was…”

“Was? Oh.”, entkam es dem Undviker, doch dann nickte er einfach nur unbeholfen “Ja… ja, sie ist wirklich ein Drache...”

“Dein armer Onkel.”, lachte Frobert glucksend und auch die Schwester Mias kicherte hinter vorgehaltener Hand, als Anna und Rist erneut Blicke austauschten.

 

*

 

Es folgten drei Tage, an denen nicht viel passierte. Hjaldrist und Anna hatten noch einmal an den Rand des dreckigen Dorfes des Hungrigen Grafen gehen müssen, um dessen Schweine auf ein Neues zu vergiften. Nun hofften sie, dass der Kannibale dieses Mal bald Lust auf Schweinefleisch bekäme. Wahrscheinlich hatte er bisher keine Tiere schlachten lassen, weil er noch die drei erschossenen Opfer seines Festmahls in seiner Speisekammer hängen hatte. Eine schreckliche Vorstellung. Wie lange er wohl brauchte, um drei Menschen zu verspeisen? Hjaldrist wollte gar nicht erst daran denken, bekam die grausigen Bilder der Toten aber auch nicht aus seinem Kopf. Ein leises Seufzen entkam ihm, als er etwas gedankenverloren dabei zusah, wie Linda nahe dem Feuer vor Anna saß und die Novigraderin im Licht der schon tief stehenden Sonne schminkte. Die Hexerstochter hatte die letzten Tage damit verbracht irgendwelche Salben und Cremes zu mischen, die Köpfe mit Ravello zusammenzustecken und das Skript für das Theaterstück der kleinen Gruppe zu studieren. Nun stand die Probe der eigentlichen Aufführung an. Es gäbe zwar noch keine Zuschauer und keine Bühne, dennoch hatte Mia’s Schwester große Freude daran die Alchemistin im Bunde als lebendiges Anziehpüppchen zu verwenden. Anna’s Gesicht hatte Bände gesprochen, als Linda vor den gespannten Anderen groß angekündigt hatte die ruppige Schwertkämpferin hübsch machen zu wollen. Und nun saß die Kriegerin schon in einem der Kleider des Zirkusses herum und versuchte nicht zu blinzeln, weil die Langhaarige vor ihr gerade dabei war ihr die Augen zu schminken. Hjaldrist, der nur langsam aus seinen Grübeleien zurück in das Jetzt schweifte, musterte die beiden Frauen neugierig. Linda war völlig in ihrem Element, als sie lächelnd nach einer Bürste griff, um Anna’s kurze, wilde Haare zu bändigen.

“Du solltest dich öfter so zurechtmachen.”, kommentierte die geduldige Dame “Es steht dir wirklich gut. Und ich finde es auch klasse, dass dir meine Kleider passen. Du kannst dir welche davon ausleihen, wenn du magst.”

Die Monsterjägerin murmelte irgendetwas und senkte den Blick leicht.

“Weißt du, so etwas ist gut für das Selbstbewusstsein. Mia sagt immer, dass das schon bei schöner Unterwäsche anfängt. Auch, wenn sie niemand sieht, fühlt man sich gut, wenn man sie trägt.”, lächelte die liebe Frau und Hjaldrist blinzelte, wurde hellhörig. 

Moment mal. Linda hatte es doch nicht etwa geschafft ANNA in Batisthöschen zu stecken?

“Oder findest du nicht?”, wollte die Stiefschwester Mias wissen, als sie der jüngeren Alchemistin die braunen Haare aus der Stirn bürstete, wie es eine Mutter bei ihrem Kind getan hätte. Anna bemerkte im selben Zuge das interessierte Starren ihres besten Freundes, linste zu ihm hin und schnell wieder fort. Dann schlug sie die Lider verlegen nieder. Hjaldrist’s Brauen schossen abrupt in die Höhe, denn die Gestik seiner Kollegin war ihm Botschaft genug. 

Oh! Nicht im Ernst! 

Unweigerlich wanderten die dunklen Augen des aufmerksamen Mannes forschend an der schlanken Novigraderin hinab und im Hintergrund konnte man Albion verwegen lachen hören. Der saß unweit und löffelte die Reste eines wässrigen Gulaschs aus dem Gemeinschaftskessel der Truppe. Natürlich hatte er zugehört. Und wenn es um Frauenhöschen ging, dann wurde er hellhörig, hm? Ein Anflug eines dunklen Schattens wollte über die Miene des Skelligers huschen und er warf dem Halbelfen mit dem hölzernen Gulaschlöffel einen sehr, sehr skeptischen Blick zu. 

Hjaldrist hatte sich das Skript für die Theaterschau ja heute Nachmittag einmal flüchtig durchgelesen. Er musste die Geschichte nicht so gut kennen, wie andere, da er nur eine Wache spielte, die herumstand. Daher hatte er nicht so viel Zeit daran verschwendet. Aber das Ende des von Goldlocke verfassten Schauspiels hatte seine Aufmerksamkeit eingefangen: Jenes, in dem der Drache - also Albion - Prinzessin Tusnelda - Anna - zur Frau nahm und sie einander küssten. Die kitschigen Zeilen darüber zu lesen und das immer wieder hatte sich angefühlt, wie ein harscher Hieb in den Magen, doch der verdatterte Undviker hatte sich relativ schnell wieder gefasst. Denn er kannte Anna doch. Nie im Leben würde sie Albion küssen. Oder? Oh, Hjaldrist machte sich schon die ganze Zeit Sorgen. Und ja, er war ganz schön eifersüchtig. Er wollte nicht, dass sein Schwarm einem anderen Kerl zu nah kam und gleichzeitig fühlte er sich schlecht, weil er so dachte. Denn wer war er denn eine Art Besitzanspruch zu stellen? Anna war ihre eigene Herrin und im Prinzip konnte sie machen, was sie wollte. Sie und Hjaldrist waren in keiner Beziehung, obwohl er es sich wirklich wünschte, dass dem anders wäre. Ach, es war so müßig...

“Unsere Mädels lieben Gespräche über Unterwäsche.”, lachte Albion, während Anna noch etwas beschämt herumsaß und Linda ihr ein silbernes Kettchen um das Handgelenk band. Der charismatische Feuerspucker legte seinen Löffel fort, kam in die Runde und gesellte sich leger dazu, setzte sich zwischen Hjaldrist und die beiden Frauen. Er strich sich eine seiner glatten, hellbraunen Strähnen hinter das spitz zulaufende Ohr.

“Besonders Goldlocke.”, setzte der Halbelf fort “Manchmal gehen sie zusammen ewig einkaufen und decken sich mit mehr Unterkleidern ein, als sie brauchen. Sie feiern es richtig. Ich finde das immer ziemlich amüsant.”

Man sah, wie Anna aus dem Augenwinkel zu dem langhaarigen Kerl lugte. Ihr Blick streifte Hjaldrist dabei ebenso kurz und er versuchte aufmunternd zu lächeln, obwohl es ihm gerade ganz und gar nicht danach war. 

Frauen, die zusammen einkaufen gingen und begeistert über Unterwäsche sprachen? Das war tatsächlich eine unterhaltsame Vorstellung. Und dass Anna gerade wohl einen Hauch von aufregendem Nichts unter ihrem geliehenen Kleid trug, drängte den Skelliger dazu sich das… nun… genauer ansehen zu wollen. Linda war zudem einfach nur unglaublich nett. Doch Albion störte. Und dessen Palaver von gerade eben lag dem anwesenden Axtkämpfer schwer im Magen, schob all das Positive von diesem Fleck fort. Er riss den Blick von seiner besten Freundin los und sah dem knisternden Lagerfeuer stumm entgegen. Einer seiner Mundwinkel zuckte abfällig.

“Du solltest Linda, Mia und Goldlocke einmal begleiten, Liebes. Bestimmt würde es dir gefallen und du würdest mit Tüten voller Unterwäsche zurückkehren.”, grinste Albion keck, zwinkerte Anna zu “Es wäre doch eine Verschwendung, wenn jemand, wie du keinen zarten Batist unter der Rüstung trägt.”

Die konfrontierte Giftmischerin schwieg nach wie vor, hustete bloß leise und fasste nach ihrem Becher, der leider nur mit Kirschsaft gefüllt war. Wahrscheinlich wusste sie nicht, was sagen, war in solchen Momenten nicht schlagfertig genug. Schnell trank sie ihr Trinkgefäß leer und es war klar, dass sie vor Verlegenheit kaum sprechen könnte. Sie fühlte sich unwohl und bedrängt, das merkte man. Doch noch nicht unwohl genug, um Albion Eine in die dumme Fresse zu hauen. Hjaldrist hoffte, dass sich dies noch ändern würde. Bei Freya’s Titten, dieser Schleimer hatte ‘Liebes’ zu Anna gesagt!

“Finde ich auch.”, lachte Linda “Begleite uns doch einmal, Arianna. Wir gehen ja nicht nur einkaufen, sondern suchen uns meistens auch eine nette Taverne, um nach unserem Ausflug zusammen zu essen. Und dann lästern wir ein bisschen und erzählen uns Geschichten.”

“Weiß nicht.”, entkam es der Novigraderin nur, als sie auf ihre Knie sah und sich in der klischeehaften Frauenwelt sicherlich nicht allzu heimisch fühlte “Ich glaube, ich passe.”

“Ach, wieso denn?”, machte Albion drängend “Du bist wunderhübsch. Und nehme es mir nicht übel, aber mit deinem Körper könntest du dir wirklich schöne Unterkleider leisten. Andere Männer werden später einmal echt neidisch auf deinen Zukünftigen sein. Oder auf die Zukünftige. Weiß man ja nicht.”

“Albion!”, lachte Mia’s Schwester auf diese Meldung hin erheitert-vorwurfsvoll und der Feuerspucker lächelte selbstzufrieden.

“Was denn? Ich bin nur ehrlich.”, wehrte er sich und zuckte die Achseln. Hjaldrist’s Ausdruck war indes dabei in eine unglaublich mürrische Richtung zu rutschen. Er holte Luft, um etwas zu sagen, zögerte, schob die Worte in seinem Mund hin und her. Doch dann rang er sich tatsächlich durch und redete.

“Ich glaube, es ist Anna’s Sache, was sie anzieht und was nicht.”, sagte er streng und es fiel ihm schwer halbwegs neutral zu wirken “Also lasst sie doch...”

Die Besagte sah auch gleich zu ihrem Kumpel herüber, der sie hier verteidigte, und bedachte ihn mit einem dankbaren Blick. Albion, der dies natürlich nicht bemerkte oder bewusst übersah, rollte nur mit den hellen Augen und grinste leicht. Linda lachte nachgiebig.

“Sie kann es sich ja überlegen.”, meinte die Frau aus der Vorstadt Novigrads dann. Und damit war das dumme Thema zum Glück abgehakt. Gut, dass der Halbelf des Wanderzirkusses nichts mehr sagte. Denn der verstimmte Hjaldrist war sich sicher, dass er noch richtig zornig geworden wäre, hätte Albion nicht davon abgelassen Anna weiter zu umschmeicheln, als sei sie ein Ding, das man ansabbern durfte. Das war sie nämlich nicht. Keine Frau und kein Mann war das.

 

“Oh, Drache, wo bist du, wahrhaftig gefährliches Biest? Zeige dich mir!”, tönte Ravello in seiner Rolle als Ritter Kunibert laut und reckte das Kinn hinter seinem Helm. Das frisch polierte Schwert im Schein der vielen Laternen erhebend, sah er suchend in die weite Ferne, während er vor den anderen Leuten des Zirkusses stand. Nur er, Anna und Albion wurden gerade gebraucht, und so sah der Rest der Schauspielprobe einfach zu, lachte oder gab ab und an gut gemeinte Kritik. Hjaldrist stand mit verschränkten Armen neben Mia, die ein buntes Kleid und eine improvisierte Blechkrone auf dem Kopf trug, denn schließlich hatte sie bis vor wenigen Momenten noch die Königin gespielt. Linda lachte und klatschte aufgeregt in die Hände, als Ravello dramatisch posierte und Igold den verschwörerisch sprechenden Erzähler mimte.

“Und so schritt der tapfere Ritter Kunibert durch den dunklen Wald.”, entkam es dem Halbling und er versuchte dabei nicht zu amüsiert zu klingen, denn Ravello gab ein richtig ulkiges Bild ab “Würde er die schöne Prinzessin Tusnelda finden? Oder war sie längst verloren?”

“Ach, Tusnelda, meine Liebe, wo bist du nur?”, seufzte Ravello emotional aus und schritt weiter. Dann kam der Part, dem Hjaldrist schon die ganze Zeit gespannt entgegensah: Anna’s Auftritt als Prinzessin, die in ihrem wallenden Kleid auf einer Kiste saß, die einen alten Baumstumpf darstellen sollte. Mit dem Rücken zu dem wackeren Ritter saß sie da, horchte auf und sah sich zu ihm um. Was folgte, brachte den zusehenden Skelliger zum Staunen. Eigentlich hatte er ja damit gerechnet, dass Anna plump spielen würde und dass man es ihr anmerkte, wie wenig ihr es gefiel, dass sie eine arme, schwache Prinzessin spielen musste. Dass sie irgendwo wirken würde, wie ein Kerl, den man in ein Kleidchen gesteckt hatte. Aber dem war nicht so:

Anna erhob sich erschrocken, wand sich dem nahenden Ravello zu und ihr Ausdruck war einer, der wahrhaftig entsetzt anmutete. Sie legte sich die Hände verdattert an die Brust und gab einen überraschten Laut von sich. Linda hatte ihr die Lippen rot geschminkt. Es passte ihr so gut.

“Ritter Kunibert!”, machte sie überwältigt “Was tut Ihr hier? Geht nach Haus’, es ist gefährlich im Drachenhort!”

“Nicht ohne Euch, oh, holde Prinzessin!”, posaunte Ravello in seiner nervtötenden, doch gerade durchaus passenden, Berufssprache weiter und kam langsam auf Anna zu. Doch sie wich zurück und man nahm ihr die Rolle des bedrohten, angstvollen Mädchens ab. Ihre Gebärden waren so anders, als sonst. Überspitzt weiblich und daher irgendwie befremdlich und nicht zu ihr passend, wenn man sie besser kannte.

“Ich kann nicht mit Euch gehen. Es tut mir leid!”, wehrte sich die Frau mit dem Diadem, das man aus kupfernem Draht gebogen hatte, rührselig “Ich bleibe hier!”

“Was? Die liebe Prinzessin wollte im dunklen Wald bleiben?”, sprach der Erzähler Igold mit gespielt tiefer Stimme weiter “Doch wieso? Was hielt sie nur dort?”

“Was geht hier vor?”, mit diesen Worten trat Albion vor die wenigen Leute. Er trug einen grün bemalten Drachenkopf aus Stoff, Schnüren und kleinen Ästen auf dem Kopf, den er und Frobert gebastelt hatten. Seine ebenso grünliche Tunika wies bunte Stoffbahnen zwischen Rückenteil und den Ärmel auf, die an Flügel erinnerten und auf sein Gesicht und die Hände waren Schuppen aufgemalt worden.

“Ho, wer stört die Ruhe in meinem Hort?”, der Halbelf kam offensiv geduckt zwischen Ravello und Anna, gab ein wenig bedrohliches Knurren von sich.

“Oh nein, der Drache!”, keuchte Igold, die Erzählstimme, empört “Was wird nun bloß geschehen?”

“Ich bin es, der große Ritter und Drachentöter Kunibert! Und nun wirst du sterben, du schreckliches Biest!”, sagte der Kerl aus Beauclair laut und erhob seine blitzende Waffe. Ein überzogener Kampfschrei folgte, als Ravello mit dem Schwert bewusst in die Leere hob und Albion so tat, als halte er eine Fackel hoch.

“Und hier spucke ich das Feuer dann schräg nach oben.”, erklärte er hastig, als er kurz aus der Rolle fiel und abwartend zu den Zusehern spähte. Linda nickte lächelnd und auch die Halblinge stimmten mit erhobenen Daumen zu.

“Und ich falle dann auf den Hintern?”, wollte Ravello bei dieser Gelegenheit beiläufig wissen.

“Ja, Albion besiegt dich und du stellst dich daraufhin tot. Du bleibst liegen, bis die Szene beendet ist.”, erklärte Igold “Es wäre komisch, wenn du aufstehst und weggehst.”.

“Gut.”, nickte der Mann aus Toussaint gelehrig. Dann nahm er das Schauspiel wieder auf.

“Haa! Du böser Drache, ich werde dir hier und jetzt dein abscheuliches Leben nehmen! Bei meiner Ehre! Nie wieder wirst du eine arme Prinzessin entführen!”, verkündete der Blondschopf und Hjaldrist lachte leise in sich hinein. Das hier war zu gut und zu wissen, dass Ravello hier gerade mehr sich selbst spielte, als die Rolle des Kunibert, machte das Ganze noch lustiger. 

Es folgte ein kurzes Hin und Her zwischen den Schauspielern, der Ritter Kunibert landete scheppernd am Boden, Tusnelda presste sich die Hände entsetzt vor die Lippen und der Drache tötete den umgeworfenen Krieger in der prunkvollen Rüstung mit seinen imaginären, fürchterlichen Pranken. Anna mimte danach die sensible Dame, die kurz davor stand in Ohnmacht zu fallen.

“Ach, wie schrecklich!”, stöhnte sie theatralisch und hielt sich den Handrücken zitternd vor die Stirn, als sie einen Schritt weit zurücktaumelte. Albion war sofort zur Stelle, um sie heldenhaft festzuhalten.

“Der Ritter ist endlich besiegt, meine Liebste! Verzage nicht, wir sind nun sicher!”, versicherte der Halbelf mit dem schiefen, grünen Drachenhelm “Sei gewiss, niemand wird uns je wieder stören!”

“Oh, lieber Drache, ich bin so froh!”, säuselte die Kurzhaarige, als sie sich an ihrem Retter festhielt und ihn mit einem erleichtert-schmachtenden Blick beäugte “Lass uns heiraten und für immer zusammen sein!”

Hjaldrist stutzte, als er dieses unglaubliche Szenario sah. Als er beobachtete, wie gut Anna ihre Rolle verkörperte und die grenzenlos Verliebte spielte. Nie im Leben hätte er jemandem wie ihr so etwas zugetraut. Es war anfänglich nur ein Scherz gewesen, dass sie auf die große Bühne sollte. Der Skelliger hatte sie damit auch etwas aufziehen wollen, doch nun schauspielerte sie richtig gut und zog ihn damit völlig in ihren Bann. Seine Lippen standen ihm einen kleinen Spalt weit offen, als er ratlos dabei zusah, wie Albion Anna’s Hände nahm. Und gleichzeitig wollte ihm das Herz gen Grund sacken, denn er wusste, was laut dem Theaterskript als nächstes käme. Es verdrehte ihm die Eingeweide schmerzlich, tat weh.

“Nichts lieber, als das!”, lächelte der Feuerartist und legte eine seiner mit Schuppen bemalten Hände auf die Wange der Frau vor sich. Hjaldrist stockte der Atem und seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er den Feuerspucker fest mit den starren Augen fixierte. Doch sein Blick begann viel zu schnell schon unstet zu wandern. Albion beugte sich Anna nämlich breit lächelnd entgegen und es erschien, als wolle die Zeit gar nicht vergehen. Am liebsten wäre der aufgebrachte Undviker im Publikum vor gestoben, um die beiden Schauspieler auseinander zu zerren. Doch er konnte sich einfach nicht rühren. Und so sah er am Ende fort, zwang sich regelrecht dazu. Mia, der dies auffiel, blickte von der Seite aus fragend zu ihm, taxierte ihn.

“Ähm. Nein.”, konnte man kaum eine Sekunde später schon herrisch von Anna’s Seite vernehmen. Vorsichtig hob Hjaldrist den schwer gewordenen Kopf wieder und spürte, wie die prüfenden Augen der Elfe neben ihm noch immer an ihm klebten. Als seine ungeteilte Aufmerksamkeit zurück auf seine beste Freundin fiel, erkannte er, wie sich jene widerspenstig gegen Albion stemmte und ihren altgewohnten, missmutigen Blick im Gesicht hatte. Die wehleidige, verliebte Prinzessin Tusnelda war mit einem Mal verschwunden, als die raue Monsterjägerin aus Novigrad der Zuschauerschaft unzufrieden entgegen sah.

“Ich knutsche nicht mit ihm.”, stellte sie ernst klar “Von mir aus umarmen wir uns, aber ich küsse niemanden. Schon gar nicht auf ner Bühne.”

Hjaldrist fühlte, wie das Leben mit einem Mal wieder in ihn zurückkehrte, als er diese patzigen Worte vernahm; wie es ihm augenblicklich wieder warm ums Herz wurde. Er atmete tief aus und Erleichterung legte sich über sein zuvor noch so vereistes Gemüt. Oh, Hemdall sei Dank! Ein Lächeln zerrte an seinen trockenen Lippen und seine Miene erhellte sich. Gerne hätte er erleichtert aufgelacht, doch er verkniff es sich.

“Was?”, warf Mia auffallend schnell ein “Aber zu jedem märchenhaften Ende gehört doch auch ein Kuss!”

“Tse. In einem Märchen stirbt auch der Drache und der Ritter lebt.”, hörte man Anna sagen. Albion ließ die Frau mit dem billigen Diadem auf diese trockene Aussage hin los und zuckte ratlos mit den Schultern. 

“Na, wenn sich Arianna nicht wohl damit fühlt, lassen wir es eben weg.”, meinte Linda gutmütig und war so diplomatisch wie eh und je “Sie hat so gut gespielt, da werden die Zuseher auch dann hellauf begeistert sein, wenn sie keinen finalen Kuss sehen.”

Langsam aber sicher wich die Anspannung wieder völlig aus den Gliedern Hjaldrists und er konnte unbeschwert lächeln. Oh, er hatte sich einen richtigen Kopf gemacht. Er wusste nicht, was er später zu Anna gesagt hätte, hätte sie sich wirklich vom gierigen Albion küssen lassen. Vermutlich hätte er sie deswegen ganz schön veralbert. Dies aber auch nur als Deckmantel für den klammernden Frust und die Gram, die er verspürt hätte. Aber nun gut. Die Sache war ja gerade noch einmal glimpflich ausgegangen, nicht wahr? Alles war gut.

Anna strich sich das Kleid vorne glatt und entfernte sich dann von Albion, um Ravello wieder auf die Beine zu helfen, der sich bis zum Ende der Vorführung vorbildlich totgestellt hatte. Mit einem Ruck zog sie ihn in seiner gold-silbernen, klappernden Vollrüstung hoch und bekam von ihm gleich die Schultern geklopft.

“Du warst echt gut!”, lobte der Mann hinter seinem verzierten Helm und steckte seine Waffe fort “Ich wusste nicht, dass du schauspielern kannst!”

“Mh.”, entkam es der Novigraderin nur und sie rieb sich den Nacken “Ich habe schon viele Theaterstücke gesehen. Und… Bücher gelesen.”

“Ach, da hast du deine Schauspiel-Begabung also her.”, lachte der größere Ritter aus Toussaint und machte sich daran sich ächzend seine Kopfbedeckung abzunehmen.

“Naja, ‘Begabung’ ist wohl übertrieben…”, lachte die Alchemistin verhalten, als auch Hjaldrist zu ihr kam.

“Nein, du warst echt gut!”, sagte auch er ehrlich und fing sogleich einen perplexen Blick seiner Freundin auf, die solch eine Meldung wohl nicht erwartet hatte “Ich bin froh, dass du dich darauf eingelassen hast.”

War der Mann etwa ein wenig stolz? Ja, vielleicht. Auch darauf, dass sich die Jüngere gegen einen abschließenden Kuss des Drachen gewehrt hatte. Dazu gehörte schließlich ein gewisser Mut, ein Ego.

“Wirklich?”, Anna runzelte die Stirn zweifelnd. Roch sie nach Rosen? Linda musste ihr Duft aufgetragen haben.

“Ja, wirklich.”, nickte der Undviker nett und betrachtete sie wohlwollend. Die Frau in dem bunten Kleid lächelte scheu und man sah ihr an, dass sie sich aufrichtig über das Lob ihres Kumpels freute. Zu gern hätte er ihr noch gesagt, dass ihr Linda’s Kleid wirklich gut stand; dass sie hübsch war und das aber auch sonst, ohne all die Schminke und in ihren Männerklamotten. Bei den Göttern, am liebsten hätte er sie grinsend gefragt, ob sie nicht ihn anstatt des Drachen heiraten wolle. So völlig nebenher. Er hätte es sehr scherzhaft ausgedrückt, um den tatsächlichen Wunsch danach zu überspielen. Doch er tat es nicht. Weder gab Hjaldrist etwas von sich, dass sich nach Schleimerei anhören könnte, noch sprach er das Hochzeitsthema an, das ihm irgendwo im Hinterkopf feststeckte. Denn er wusste so gut, wie niemand anders, dass er Anna damit nur wieder aufgerüttelt und verärgert hätte. Dass Albion ihr heute schon so ekelhaft schmeichlerisch gekommen war, hatte vollends ausgereicht. Und das gut erzogene Jarlskind aus Skellige würde sich hüten Anna ähnliche Dinge zu sagen. Er dachte sie sich lieber und hatte dafür eine gelassene, frohe Freundin vor sich stehen, als sie bewusst verlegen zu machen und damit dazu beizutragen, dass sie sich peinlich berührt fühlte. Sie steckte doch schon in einem ungeliebten Kleid, viel ungewohnter Kosmetik und… äh… interessanter, jedoch unbequemer Unterwäsche. Das zu einer Zeit, in der man als Frau vermutlich am liebsten nur jammernd herumlag. Es war ein Wunder, dass Anna hier gerade überhaupt schmunzelte.

“Ziehst du dich um und dann trinken wir was?”, fragte der Undviker, obwohl er seiner Gefährtin gerade gerne gesagt hätte, dass es in seinen Augen keine Frau gab, die er schöner fand, als sie. Und dass ihr auch Linda’s Parfüm absolut stand. Er boxte ihr freundschaftlich locker gegen den Oberarm, anstatt dem Drang zu folgen sie einfach zu umarmen, zu drücken. Und sie lachte heiter.

“Klar.”, versicherte sie nickend.

“Bestimmt würfelt Ravello eine Runde mit uns. Komm, wir machen ihn betrunken und zocken ihn dann ab.”, schlug der Jarlssohn noch schief lächelnd mit gesenkter Stimme vor. Und zugegeben… eigentlich wäre er gerade am liebsten allein mit seinem Gegenüber gewesen. Doch er steckte seine romantische Ader zurück und mimte den besten, legeren Kumpel. So, wie immer. Dies vielleicht nicht nur aus einer verqueren Rücksicht heraus, weil er wusste, dass seine Kumpanin mit Komplimenten nicht zurechtkam, sondern auch wegen einer stichelnden Angst davor abgewiesen zu werden. Ja, er war ein übler Angsthase, wenn es um Anna und seine tiefen Gefühle zu ihr ging. Aber so war es eben. Lieber hatte er sie zur engsten Freundin, die ab und sogar mit ihm schlief, als sie noch zu verscheuchen, indem er ihr seine Liebe gestand. Vielleicht… vielleicht würde er dies ja irgendwann tun. Aber nicht heute.

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