Kapitel 64

Er war längst nicht tot

Anna und Hjaldrist schafften es im Nu Ravello mit Met und Gewürzwein abzufüllen. Das, obwohl der Ritter aus dem schillernden Beauclair kam, in dem nur die Fürstin Anna-Henrietta über dem Weingenuss stand. Ja, obgleich er aus einer Familie mit großem Weingut stammte, vertrug er nicht sonderlich viel und das war großartig. Denn der Kerl wurde richtig großzügig, wenn er angeduselt war und dies freute einen jeden Spielgegner.

“Da, ich gebe noch fünf Kupfer drauf!”, lachte Ravello, als er seinen Einsatz beim Würfeln erhöhte und Hjaldrist herausfordernd ansah. Der blonde Beauclairer schnappte sich den Würfelbecher, legte die Handfläche auf dessen Öffnung und schüttelte geräuschvoll. Dann würfelte er den miserabelsten Wurf des heutigen Abends. Die drei Abenteurer beugten sich schweigend vor, um die hellen Walknochenwürfelchen mit großen, forschenden Augen zu betrachten. Anna, die auch nicht mehr ganz nüchtern war und längst wieder Hose und Hemd, anstatt Kleid, trug, lachte als Erste schadenfroh und laut auf.

“Ha, verkackt!”, johlte sie und riss die Fäuste triumphierend in die Höhe “Rist hat schon wieder gewonnen!”

“Und du freust dich darüber?”, grinste der Undviker abfällig, als er aus dem Augenwinkel zur lachenden Anna linste.

“Klar.”, meinte die “Wenn ich pleite bin, dann zahlst du nämlich immer alles. Also ist es so, als hätte ich auch gewonnen.”

Hjaldrist schnaubte amüsiert und schüttelte den Kopf. Diese Frau war wirklich unglaublich! Aber, verflixt, sie hatte leider Recht.

“Lerne mal lieber mit deinem Geld umzugehen, Flohbeutel!”, beschwerte sich der Undviker unernst und auch Ravello lachte jetzt schallend, bevor er nach einer der Flaschen griff, die da zwischen ihnen standen. Der späte Abend war ausgelassen und die drei hatten ihren Spaß. Die Leute des Zirkusses schliefen teils schon. Nur Albion und Linda saßen unweit beisammen und unterhielten sich ruhig. Sie hatten kein Interesse daran gezeigt sich zu betrinken und simple Spiele zu spielen.

“Pff. Würfeln wir noch eine Runde? Dieses Mal gewinne ich. Also wirklich ich und nicht der Käferschubser!”, versprach Anna und grapschte bereits nach dem ledernen Würfelbecher. Sie nuschelte schon ein wenig, was ihren Alkoholpegel beschrieb, und sah ihren zwei Kumpanen freudig entgegen. Es brachte Hjaldrist unweigerlich zum Lächeln sie so begeistert zu sehen.

“Ach ja?”, wollte er wissen und witzelte weiter “Wenn du gewinnst, kriege ich das ganze Kupfer. Du hast ganz schön viele Schulden bei mir, weißt du. Geteilter Geldbeutel, am Arsch.”

“Waas?”, empörte sich die Kurzhaarige langgezogen und Ravello musste vor Lachen grunzen. Er warf drei Kupferstücke auf die Mitte des Spielbretts, das von einer alten Öllaterne erhellt wurde. Dann reichte er Hjaldrist die halbvolle Honigweinflasche.

“Ihr seid wirklich wie ein altes Ehepaar, ihr zwei.”, meinte der Ritter im blau-weißen Wams und warf seinem gleichaltrigen Freund von Skellige einen wissenden Blick zu. Hjaldrist stockte in seinem Tun, verschluckte sich fast an seinem guten Met. Doch Anna nutzte diese Äußerung bloß, um weiter zu scherzen.

“Ja? Hast du gehört, Rist?”, flötete sie “Wie’n Ehepaar! Dein Geld ist auch meins!”

Der anwesende Ritter, der Hjaldrist noch immer bedeutsam ansah, wackelte mit den Brauen und erntete dafür einen strafenden Blick.

“Dann…”, fing der leicht entrückte Undviker an und versuchte krampfhaft an Anna’s Witze anzuschließen, hüstelte leise “Wenn man alles teilt, gehört DEIN Geld aber auch MIR.”

“Hä?”, Anna verengte die braunen Augen, die von vorhin noch immer hübsch geschminkt waren, kurz nachdenklich. Dann lachte sie aber schon wieder und nahm ihrem besten Freund beschwingt die Metflasche weg, um selbst zu trinken.

“Nein, nein. Ich bin die Frau und du… du bringst das Geld nach Hause. Ich hab keins, das du nehmen könntest. Das hab ich nie. So läuft das eben.”, erklärte sie schulterzuckend und Hjaldrist fiel fast von dem kleinen Strohballen, auf dem er saß.

“Ha?”, machte er ungläubig, während sich Ravello prächtig über die ulkige Szene amüsierte.

“Seit wann siehst du dich denn als Klischee-Frau, hm?”, schmunzelte der Inselbewohner weiter “Ist dir Prinzessin Tusnelda etwa zu Kopf gestiegen?”

“Nein!”, winkte Anna ab “Aaber… trotzdem hast du meistens das Geld! Das ist ein Fakt.”

Welch eine dämliche Betrunkenen-Logik. Nicht mehr lange und die Hexerstochter gehörte wahrlich ins Bett.

“Ein Fakt? Na, wenn du das so sagst...”, lächelte der Undviker nurmehr schief, weil es gerade so und so kein Anreden gegen Anna gäbe. Er wechselte das Thema.

“Und jetzt her mit deinem Einsatz, sonst spielst du nicht mit.”, forderte er und seine Kollegin plusterte die Wangen pikiert auf. Ein paar Münzen wurden folglich auf die wackelige Kiste geschnippt, die man provisorisch als Tischchen benutzte. Und dann spielten die drei Freunde noch ein paar Runden.

 

“Das war echt… uhm… echt gut! Ich hab jetz’ zehn oder elf Kupfer mehr ind… ind der Tasche!”, lachte Anna freudig, als sie später lallend vor das Zelt stolzierte und dabei nicht mehr wirklich gerade gehen konnte. Sie verlor dabei einen ihrer Handschuhe, die ihr im Gürtel steckten, und bemerkte es nicht einmal. Hjaldrist, der sich mit dem Trinken eher zurückgehalten hatte, folgte ihr belustigt und bückte sich nach dem fallengelassenen Handschuh. Er hatte seiner betrunkenen Freundin vor wenigen Minuten Geld untergejubelt, weil sie nun eigentlich nichts mehr haben sollte. Die meiste Zeit hatte sie nämlich gegen den Skelliger verloren und er hatte es nicht über das Herz bringen wollen ihr alles wegzunehmen. In dem Sinne hatten sie also zusammen gegen Ravello gespielt und gewonnen. Hjaldrist hatte seinen Gewinn einfach mit seiner Freundin geteilt und sie war jetzt einfach zu beschwipst, um das überhaupt zu realisieren. War aber auch egal.

“Ey, zieh die Stiefel aus.”, bat der aufmerksame Undviker, als er sah, wie seine Kumpanin mit ihren dreckigen Tretern in das Zelt und auf die ganzen sauberen Felle taumeln wollte. Irritiert schaute sie sich zu ihm um, dachte nach, sah dabei ziemlich dümmlich aus und ließ sich dann an Ort und Stelle nieder.

“Hm? Was wird das denn?”, fragte der irritierte Inselbewohner nach, als er bei Anna ankam, die gerade tatsächlich Anstalten machte sich hinlegen zu wollen. Dies direkt im Zelteingang und somit halb unter der Plane und halb im Freien.

“Ich bin voll müde…”, nuschelte sie “Ich schlaf einfach da.”

“Was?”, Hjaldrist legte die Stirn in Falten und stemmte sich die Hände in die Taille “Nein. Erstens wird es so kalt und wenn es regnet, ist alles nass.”

“Kann die Stiefel nimmer… nimmer ausziehen.”, jammerte die Betrunkene weiter und offensichtlich fand sie es da am harten Boden ganz schön bequem. Ihrem besten Freund entkam ein entnervtes Stöhnen und er lachte leise.

“Beim Arsch meiner Großmutter, Anna!”, meinte er sanftmütig “Du schläft nicht im Freien…”

Und damit ging er vor der burschikosen Frau, die seitlich und wohlig mit angezogenen Beinen dalag, in die Hocke, um sich ihren wadenhohen Lederstiefeln zu widmen. Jene waren mittels Hornknöpfen und Lederbändern verschlossen und es war keine allzu große Aufgabe sie einfach zu öffnen. Anna murrte unzufrieden und hob den Kopf mit den verwuschelten Haaren schlaftrunken, um zu Hjaldrist zu schielen. Ihre Fuchssträhne blitzte allmählich wieder durch. In Novigrad hatte sie sie sich ja abgeschnitten.

“He!”, machte sie und wollte schon treten, hielt aber inne.

“Ich helfe dir nur.”, stellte der Mann glucksend klar und zog der Trunkenen schon den ersten, matschigen Stiefel von den Füßen. Geschickt fädelte er auch die Schließen des zweiten auf.

“Boah. Du bist voll nett!”, tönte es dann plötzlich von der Seite der dusseligen Alchemistin “Danke, Rist!”

Der Betroffene verkniff es sich grinsend mit den Augen zu rollen. Dann zog er seiner Kumpanin auch schon den zweiten Schuh aus. Er reichte ihr eine Hand hin, um ihr hochzuhelfen.

“Los, komm, steh auf. Ich trage dich sicherlich nicht ins Bett.”, meinte er und Anna ließ den gläsernen Blick träge auf die helfenden Finger sinken, die in fingerlosen Handschuhen steckten. Sie grübelte - weswegen auch immer - und erfasste Hjaldrist’s kalte Hand dann endlich. Schnell saß die Kurzhaarige mit dessen Hilfe und er wollte sich erheben, um sie auf die wackeligen Beine zu zerren. Doch dazu kam es gar nicht erst, denn ehe sich der hilfsbereite Skelliger versehen konnte, hatte seine besoffene Gefährtin schon die Arme um seinen Nacken geschlungen. Sie murmelte irgendetwas, das sich nach einer Beteuerung anhörte, in der sie ausdrückte, wie sehr sie sich darüber freute Hjaldrist zu haben. Dann erwähnte sie, dass ihr schlecht sei. Der arme Mann hatte innegehalten und ließ es geschehen, dass sich Anna wehleidig an ihn schmiegte.

“Musst du kotzen?”, fragte er räuspernd und versuchte nicht zu breit und selig zu lächeln, weil seine große Liebe gerade gemeint hatte, dass sie so froh sein, dass es ihn gab.

“Hm. Glaub nicht.”, nuschelte die Kurzhaarige irgendwo zwischen seinem Nacken und dem Fell, das er über den Schultern trug. Hjaldrist erschauderte ob des warmen Atems, der seine Haut streifte.

“Ähm… gut.”, meinte er leise “Komm, du solltest dich jetzt wirklich hinlegen und deinen Rausch ausschlafen.”

“Ich will nich.”, protestierte das Met-Opfer bei dem Jarlssohn widerspenstig und das Nächste, was folgte, waren zwei Hände, die sich unter seine bestickte Tunika schoben. Er erschrak beinahe, stutzte dann, schluckte trocken. Hjaldrist musste kurz durchatmen, um nachzudenken und es wäre ihm unglaublich leicht gefallen jetzt einfach nachzugeben. Es war unsäglich verlockend. Doch die anhängliche Frau vor ihm war sturzbetrunken. Also so richtig; man musste sie doch nur mal ansehen. Und er hatte nicht vor das auszunutzen. Klar, sie beide hatten schon miteinander geschlafen, als sie angeheitert gewesen waren. Manchmal, da war Anna währenddessen schon bedrohlich nah am Rande des Vollsuffs gewesen. Doch eben noch nicht völlig abgeschossen. Und für jemanden, wie den gutmütigen Kerl von Undvik war es ein Unding etwas mit einer mehr oder minder Willenlosen anzufangen, wenn sich diejenige am nächsten Tag vermutlich nicht einmal mehr daran erinnern könnte. Tja. Außerdem hatte die umnebelte Novigraderin gemeint, ihr sei vom Alkohol übel. Mit Pech müsste sie sich in nächster Zeit noch übergeben und Hjaldrist hatte keine große Lust darauf dabei unter oder auf ihr zu liegen.

“Anna…”, wand er daher unsicher ein und zwang sich dazu die Gänsehaut zu ignorieren, die sich wohlig über seinen Körper ausbreitete und ihn unter den Fingerspitzen seiner Freundin erschaudern ließ. Vorsichtig entzog er sich seinem Schwarm und schaffte es nur mit viel, viel Mühe sein Anhängsel anzusehen, das immer noch angenehm nach Rosen roch.

“Du brauchst wirklich dringend Schlaf.”, sagte er richtigerweise und sie sah aus benebelten Augen auf. Der viele Wein hatte ihr eine leichte Röte auf die Wangen getrieben und dieser Anblick brachte den anwesenden Skelliger dazu sich dazu zu entscheiden später noch einen Spaziergang zu brauchen. Einen langen. Vielleicht sollte er auch noch in den nahen, kalten See springen. Ertrunkene gab es dort zum Glück ja nicht mehr.

“Na los, komm.”, murmelte Hjaldrist wieder und half seiner wankenden Freundin dann hoch, um sie in das Zeltinnere zu bugsieren. Im Nullkommanichts saß Anna dann auch schon auf den dicken Fellen und ihr Begleiter aus dem Westen kam kurz zu ihr, um ihr all die wärmenden Decken über den Schoß zu ziehen.

“Hier.”, meinte er knapp und noch immer etwas verlegen “Ich hole dir noch Wasser...”

“Ich will nix mehr trinken.”, gähnte die zugedeckte Novigraderin beiläufig und Hjaldrist war froh, dass sie nicht beleidigt war, da er sie vor wenigen Momenten einfach abgewiesen hatte. Im Suff, da war sie wirklich unheimlich umgänglich. Fast schon ZU kuschelweich für ihre sonstigen Verhältnisse.

“Aber du solltest, sonst geht es dir morgen wirklich schlecht.”, seufzte der gutmütige Krieger und rieb der fertigen Anna die Schulter freundschaftlich.

“Warum bis… bist du immer so nett, Rist?”, wechselte die Betrunkene das Thema dann, als habe sie eine Aufmerksamkeitsspanne eines Eichhörnchens “Weil du bist schon… uh… echt lieb zu mir. Manchmal. Oft. Überhaupt in dem… der letzten Zeit.”

Der Betroffene erstarrte abrupt und sah die wirre, matte Frau stumm an. So fragend sie in ihrem Zustand nur konnte, blickte sie ihm entgegen. Hjaldrist schwieg einige schnelle Herzschläge lang und ermahnte sich im Geiste zur Fassung. Dann holte er Luft zum Sprechen. Dabei lachte er nachgiebig.

“Du bist auch immer nett zu mir, Anna. Wir sind Freunde.”, sagte der Dunkelhaarige harmlos.

“Aber… so nett bin… äh, bin ich aber nicht, glaube ich. Manchmal bin ich schon gemein.”, zweifelte die sitzende Giftmischerin und irgendwo war diese beduselte Unsicherheit ja wirklich niedlich. Hjaldrist lächelte leicht.

“Mach dir da mal keinen Kopf, Saufnase…”, versicherte der hockende Axtkämpfer “Du hältst mir zum Beispiel immer die Haare aus dem Gesicht, wenn ich kotzen muss. Nicht wahr? Und du fragst mich immer, ob ich auch eine Tasse Tee haben möchte, wenn es dir auffällt, das ich wieder zu wenig getrunken habe.”

Anna nickte.

“Joa…”, machte sie.

“Siehst du.”, meinte Hjaldrist lieb und glaubte das Thema damit abgeschlossen zu haben. Jedoch hatte er die Rechnung dahingehend ohne das sturzbesoffene Elend aus dem Norden gemacht.

“Alle anderen Kerle… die würd’n mich jetz’ flachlegen. Und denen wär’s auch voll… voll egal dass ich meine Tage und weh hab.”, sagte die Hexerstochter frei heraus und fachte das eigenartige Gespräch hier wieder an “Aber du machst solch… sowas nich.”

“N-natürlich nicht…”, stammelte Hjaldrist verblüfft und seine Miene war hier, im Halbdunkel, in eine genauso verdatterte Richtung verrutscht.

“Das is voll nett, weil ich will… bin voll besoffen.”, fand Anna. Oh Mann. Immerhin zeigte sie selbst in ihrem momentanen Zustand, der abseits von Gut und Böse war, Einsicht.

“Ähm… danke?”, mehr fiel dem Inselbewohner dazu nicht mehr ein. War seine Begleiterin nun fertig? Hoffentlich.

“Machst du das denn, weil du bei mir landen magst?”, nuschelte die Alchemistin weiter vor sich hin und musste sich offenkundig sehr konzentrieren, um einen geraden Satz herauszubekommen. Sie runzelte die Stirn kritisch und Hjaldrist glaubte, im bliebe das Herz stehen.

“Wie? Was?”, keuchte er viel zu schnell “Nein. Also… nein.”

“Hmmm?”, die Frau legte den hübschen Kopf schräg und sah ihn betrunken-dümmlich und musternd an “Echt nich…?”

“Nein, echt nicht.”, log der Skelliger und spürte, wie er unglaublich nervös wurde. Oh, Freya sei Dank war es hier relativ duster und Anna zu betrunken, um zu bemerken, wie betroffen und verlegen er gerade aussehen musste. Ihm wurde heiß und kalt zugleich und sehr gerne hätte er sich ein Loch geschaufelt, um darin zu verschwinden.

“Aha…”, machte Anna schlicht “Gut… weil… hm, weil wir sin Freunde. Und das soll sich nie…. niemals ändern. Hörst du?”

Hjaldrist biss die Zähne aufeinander und blieb still, als er die lallende Trankmischerin prüfend betrachtete. Sie zog sich die Decken unbehaglich etwas weiter über den Körper nach oben und sah verzwickt vor sich hin.

“Bez… Beziehungen sind voll scheiße und u… unnötig.”, sinnierte die Frau “Ich versteh’ nicht, warum Leute sowas mach’n.”

“Naja… wenn man sich liebt, ist so etwas schon etwas Schönes.”, sagte Hjaldrist leise und spürte, wie seine Laune langsam gen Untergrund sinken wollte “Man verspricht sich immer füreinander da zu sein und teilt alles miteinander. Und naja...”

Anna gab einen skeptischen Laut vor sich und der Undviker glaubte sie hier und jetzt sofort davon überzeugen zu müssen, dass sie mit ihrer Bindungsangst falsch lag. Oh, er war ein Narr.

“Sowas gehört zum Leben dazu, Anna. Irgendwann hat man jemanden, der die bessere Hälfte von einem ist und es fühlt sich gut an.”, glaubte er.

“Wir zwei sind auch da für’n andern. Und wir müss’n in keinen Beziehung… keiner Beziehung sein. Wir müssn und nich lieben und so.”, machte die Frau ihre Gedanken klar. Und gern hätte der betroffene Hjaldrist abgewinkt und gesagt, dass sie ja nur betrunken sei. Das Problem war bloß, dass Anna nie log, wenn sie besoffen war. Manchmal, da war sie schmerzlich direkt, so, wie gerade auch. Das, was sie hier gerade so ungeschickt ausdrückte, war also tatsächlich ihre Ansicht. Und jene traf den Undviker unglaublich hart.

“Man… man liebt seine Freunde doch, oder nicht?”, murmelte er, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte, und sein Blick war längst gesunken. Er konnte Anna nicht mehr in die Augen sehen, fühlte sich auf eine verquere Art und Weise schuldig.

“Jau… klar. Aber nich ‘so’.”, entkam es der Schnapsdrossel und ihr Freund wünschte es sich, sie würde einfach schweigen. Anna lachte leise und wusste gar nicht, wie sehr sie ihrem Kumpel hier gerade wehtat. Woher hätte sie es auch ahnen sollen?

“Ich würd mich glaub nie verlieben.”, schätzte Anna weiter “Und ich hoff… hoffe, dass du dich auch niemals verguckst. Also in mich. Weil das war… wär das Letzte, was ich woll’n würd.”

“Und was würdest du tun, wenn es trotzdem mal passieren würde?”, fragte der bedrückte Mann leise nach.

“Huh?”, lallte seine Kollegin weiter und musste lachen “Würd’ mich wohl aussm Staub mach’n. Du bist wie’n Bruder, nein, ein bissel besser, aber echt nich mehr… oh… stell dir ma vor. Wir beide und in ner Beziehung? Das geht… ginge ja mal garnich. Oder?”

Das hatte gesessen.

“Mhm.”, machte Hjaldrist nach dieser indirekten, eiskalten Abfuhr nurmehr, denn er hatte einen fürchterlichen Kloß im Hals. Er blinzelte etwas überfordert, versuchte kontrolliert durchzuatmen, wendete den Blick weit ab.

“Legst du dich hin?”, fragte er dann und seine Kehle brannte, war so eng “Ich komme gleich wieder.”

“Mh, ja.”, nickte Anna brav, zog sich ihren Deckenstapel zurecht. Und dann erhob sich der Jarlssohn, um das Zelt zu verlassen. Er schloss dessen Eingangsplane noch, damit seine Freundin, die sicherlich sofort einschlafen würde, nicht zu sehr fror. Dann ging er. Ohne jegliches Ziel verließ er das Lager, atmete dabei unregelmäßig, ballte die Fäuste und hob den Blick überfordert in die Leere. Es war wie eine kleine, vergebliche Flucht. Und Anna’s vorige, schneidende Worte steckten ihm wie ein eisiger Dolch in der schmerzenden Brust. Hjaldrist glaubte, es verschlage ihm den Atem noch vollkommen, als er auf der Wiese vor Vizima zum Stehen kam und beiläufig rieb er sich mit dem Ärmel über die Augen, die drohten feucht zu werden. Sein Kopf war so unangenehm leer geworden, sein Herz unsäglich schwer, alles, was er tat sinnlos. Die stichelnde Unruhe darüber ließ ihn kaum los und immer wieder hallten Anna’s Worte durch seinen Schädel: ‘Wir beide in einer Beziehung? Das ginge ja mal gar nicht.’

Mit einem Mal waren die Hoffnungen des gequälten Mannes zerschlagen worden. Jene waren doch so groß gewesen. Weil er Anna schon so nah gekommen war. Weil sie so viel zugelassen hatte. Sie waren gar Hand in Hand umher spaziert, hatten einander geküsst. Immer waren sie füreinander da, gingen eng und vertraut miteinander um. Es hatte sich bisher wahrhaftig so angefühlt, als bahne sich da etwas an. Und nun sagte die Hexerstochter, dass es sie davor sträubte Hjaldrist als einen möglichen Beziehungspartner zu sehen? Völlig abgewehrt hatte sie dieses ganze Thema selbst im Suff und damit an ihre alten Ansichten aus Kaer Morhen erinnert: Daran, dass sie sich niemals binden wollte, dass sie es nicht vorhatte jemals sesshaft zu werden, sondern früh zu sterben. Es waren Prinzipien, an die die sich all die Monate über immer noch stets gehalten hatte, so schien es. Und der erwartungsvolle Hjaldrist fühlte sich wie… wie Dreck. Wie ein Stück Scheiße. Ja, sie beide waren beste Freunde, daran würde sich nichts ändern, glaubte er. Doch alles, was in den letzten Wochen darüber hinaus gegangen war… was war es gewesen? Der Mann fühlte sich schmutzig und ausgenutzt. Und er bekam ein richtig schlechtes Gewissen, weil er so dachte. Denn Anna hatte es doch nie böse gemeint und ihn nie benutzen wollen. Sie hatte keine Ahnung von dem, was in ihm vorging und nahm sicher an, dass er ihre gelegentlichen Schäferstündchen ebenso nur als ‘Spaß’ ansah. Anna hatte keine Ahnung. Sie wusste es nicht besser. Und dieser Gedankenzug drängte den keuchenden Skelliger soeben an den Rand der Verzweiflung. Was sollte er bloß tun? Er wusste es nicht. Er wollte heute nicht bei seiner Gefährtin schlafen, konnte nicht. Er fühlte sich hin und her gerissen, hätte heulen können, wie ein Schlosshund, doch tat es nicht, konnte nicht. Sein Magen schmerzte ihm und er fühlte sich absolut entkräftet, ausgelaugt, alt, einsam. Hjaldrist zog die Nase hoch und starrte vergrämt vor sich hin. Seine Augen wanderten unstet, er war nervös. Orientierungslos fand er sich, traurig und zornig zugleich. Überreagierte er? Nein. Wie sollte er nun nur weitermachen? So, als sei nie was passiert? Das konnte er nicht tun. Er würde es nicht schaffen. Sollte er morgen mit Anna reden? Er wusste es nicht. Hjaldrist konnte gerade nicht vernünftig nachdenken, war wie im Schock. Und er würde in dieser Nacht auch keinen Schlaf mehr finden, so viel stand fest.

 

*

 

Anna schreckte aus dem Schlaf hoch, als jemand ihren Namen rief. Um sie herum schien auf einmal alles in Bewegung zu geraten und sofort fuhr sie hoch, sah sich orientierungslos um, erkannte, wie Rist in voller Montur halb ins Zelt stolperte und im dimmen Licht des verdammt frühen Morgens gehetzt drein sah. Verwirrt blinzelte sie, wusste noch gar nicht so recht, was passierte. Uh, war ihr übel.

“Komm, schnell.”, bat der Skelliger aufgebracht, näherte sich und entzog der sitzenden Frau die wärmenden Decken mit einem Ruck. Sofort schlug ihr die Kälte der ausklingenden Nacht entgegen und sie stöhnte überfordert. Doch ohne zu fragen oder zu murren kam sie auf die Beine, denn die Lage war offenkundig ernst. Und obwohl sie den Schlaf noch immer in den Augen hatte, fasste sie nach ihrem Schwert. Was zur Hölle war denn los? Hjaldrist wand sich sogleich wieder um und stob davon. Anna wankte einen Schritt weit und kniff ein Auge ihres brummenden Schädels wegen zusammen, schlüpfte in ihre Stiefel, doch machte keine Anstalten jene zu schließen. Dann verließ auch sie ihre Lagerstätte. Uh, ihr armer Kopf. Er war das einzige an ihrem Kater, das sie gerade nicht so recht ausblenden könnte; trotz des plötzlichen Adrenalins, das ihr durch das Blut wallte und sie anspornte.

“Rist!”, rief sie ihrem Kumpel wirr nach und hielt Ausschau nach ihm. Ehe sie ihm folgte, erkannte sie die bedrohlich große Gruppe Fremder schon, die sich dem Lager näherte. Auch Ravello fiel gerade aus seinem Zelt und Linda eilte aufgescheucht zu ihrer Schwester und Herr Baran, um sie fort zu bugsieren.

“Scheiße.”, wisperte die Hexerstochter und mit rebellierendem Kreislauf kam sie Hjaldrist nach, der seine Waffe längst kampfbereit in beiden Händen hielt.

“Weg hier!”, konnte man den besagten Mann im Befehlston hören, als er die Zirkushalblinge herumkommandierte. Es passierte selten, dass er so etwas tat, doch wenn er musste, beherrschte er den Befehlston beeindruckend gut. 

“Geht mit Linda!”, wollte Hjaldrist und nickte deutend in die Richtung der Besagten, die flohen. Frobert und Igold, die unglaublich schlaftrunken waren, liefen daraufhin über den Platz, um zu den Baran-Schwestern und deren Vater aufzuschließen. Die kleine Gruppe lief daraufhin davon, der rettenden Stadt Vizima entgegen, die nicht weit entfernt lag. Nur Albion blieb und hatte schon eine Flasche seiner klaren Feuerspuckflüssigkeit in der Hand. Seine geweiteten Augen fingen Anna ein.

“Das sind sicher die Söldner!”, meinte er mit dunkler Vorahnung im Ton “Bestimmt hat der Graf sie geschickt! Warum ist er nicht tot? Was wollen sie?”

Anna schluckte trocken und umfasste den gewickelten Schwertgriff fester. Ravello kam zu ihr und dem Halbelfen und es war beachtenswert, dass er beinah seine volle Rüstung trug: Schienen, Kacheln, Helm. Wenn dieser Ritter was konnte, dann seine kitschige Uniform hastig anzulegen, das musste man ihm lassen. Eine Fähigkeit, die man wohl brauchte, wenn man oft wegrannte oder aus dem Haus irgendwelcher bezirzter Ehefrauen fliehen musste.

Leise fluchend schloss Anna dann zu Rist auf, tauschte vielsagende Blicke mit ihm aus. Seine dunklen Augen waren grimmig, als er sie folglich auf die nahende Truppe richtete. 

“Das wird kein Spaß, glaube ich.”, murmelte er verhalten “Ich hoffe, man kann mit denen reden. Wir sind nur zu viert.” 

Anna wiegte den Kopf unschlüssig, denn sie zweifelte am Sinn für Diplomatie der sich nähernden Kerle. Doch als Antwort auf Rist’s Hoffen entkam ihr nur ein entnervtes Ächzen und sie beobachtete die Nahenden penibel aus ihren leicht geröteten Augen. Oh, sie hätte ein paar der Kartätschen aus ihrem Zelt mitnehmen sollen... 

Einer der Krieger des Grafen spaltete sich auf einmal seitlich von seinen Kollegen ab, begann zu laufen. Ein zweiter folgte ihm. Die anwesende Alchemistin sah in dunkler Erkenntnis auf. Die beiden Söldner liefen Linda und den anderen nämlich nach und es vergingen keine zwei Sekunden, da sich Anna und Hjaldrist dasselbe vornahmen: Ihren Zirkusbegleitern nachzusetzen und ihnen zu helfen. Augenblicklich rannten sie los und den Mietklingen nach, die die wehrlosen Artisten erreichen wollten.

“Ey!”, brüllte die Hexerstochter dabei “Ihr Arschlöcher!”

Ihr bester Freund überholte sie dabei und man sah, wie sich einer der Fremden suchend zu ihnen umsah. Mia und Frobert schrien entsetzt und rannten, so schnell sie nur konnten. Einer der beiden fremden Verfolger warf ein kleines Messer nach Herr Baran und verfehlte den armen Mann nur knapp.

“Lauft!”, bellte Hjaldrist aus voller Kehle “Holt Hilfe!”

Und dann holte er auch schon nach vorne setzend aus, um gegen einen der Söldner zu schlagen. Alles ging irrsinnig schnell. Auf einmal waren da drei Männer, die auf die beiden Abenteurer losgingen. Zwei weitere folgten, um sie zu umkreisen, wie es Tiere mit ihrer Beute taten. Und Anna wollte das Herz in die Hose rutschen, denn ihr war durchaus bewusst, wie ungeschützt sie hier stand: Nur in locker sitzendes Hemd, Jacke, Hose und offene Stiefel gekleidet. Das einzige, womit sie die Waffen ihrer Feinde von sich fort halten könnte, war ihr Schwert, denn all ihr Rüstkram war noch im Lager. Schwer atmete sie durch, versuchte einen ungefähren Überblick zu bekommen. Einer der fremden Männer, die Linda und die anderen zuvor verfolgt hatten, stürzte auf sie ein und grinste dabei dreckig.

“Komm her, kleine Schlampe!”, grollte er lachend und hob mit dem rostigen Rabenschnabel zu. Er verfehlte die Frau, die zurückwich, schlug mit dem schartigen Buckler nach ihr und traf sie damit auch frontal. Ächzend taumelte Anna zurück, als sie Sternchen sah, und mit dem Kreuz voran an Rist, der mit Erlklamm nach einem der miefenden Bastarde schlug. Scheppernd traf die Axt auf Stahl. Anna, die gleich wieder einen sicheren Stand fand, stach mit der langen Klinge zu und verfehlte ihren Gegner um nur eine Haaresbreite. Ihr Schädel pochte fürchterlich, doch sie versuchte es zu ignorieren. Hjaldrist wehrte einen Schwerthieb ab, der seine Kumpanin von der Seite hätte treffen sollen und kassierte dafür einen bösen Schnitt knapp über seinem linken Ellbogen. Anstatt sich den Schmerz aber ansehen zu lassen, biss er die Kiefer fest aufeinander und wurde nur noch kampfeslustiger. Etwas, das er in der Schlacht oft an sich hatte. So ruhig er sonst war, so konnte er auch ordentlich aufdrehen, wenn er seine Waffe in den Händen hielt. Das war zumeist genauso gut, wie schlecht. Selbstüberschätzung war ein Fehler.

Anna hatte kaum Zeit, sich hektisch nach ihrem Kumpel umzusehen, denn der ekelhafte Idiot vor ihr schlug wieder mit dem stählernen Rabenschnabel nach ihr. Sie wehrte diesen schwungvoll ab, duckte sich und warf sich ihrem Feind mit der Schulter voran entgegen. Ein Fehler, den sie zu oft machte und für den Balthar sie immer streng gescholten hatte: Auch, wenn sie es nicht müsste, ging Anna viel zu oft in den Nahkampf über.

Der verdreckte Mann war viel größer und schwerer als sie, doch in diesem Moment machte das nichts. Denn sie schmiss sich wütend schreiend gegen die Hüfte des Typen und nahm ihm so jegliches Gleichgewicht, hebelte ihn aus. Zusammen mit ihm landete sie im vom Morgentau feuchten Gras und der Söldner wusste zuerst gar nicht so recht, was geschehen war. Denn wer rechnete bei einer Schwertkämpferin schon damit, dass sie ein auf einmal ansprang? Wie ein Käfer, den man auf den Rücken gedreht hatte, zappelte er also kurz, dann brüllte auch er zornig. Da war Blut, viel davon. Es sprudelte nur so von seinem Hinterkopf, was dafür sprach, dass er sich jenen beim Sturz aufgeschlagen haben musste. Platzwunden bluteten bekanntlich immer stark, auch, wenn sie nicht sehr groß waren.

Mit der freien Linken holte Anna aus, als sie auf ihrem Widersacher saß und schlug zu. Zwar wäre ihr rechter Haken sehr viel stärker gewesen, doch das hier reichte, um der Mietklinge die Nase zu brechen und ihr nun auch schöne Blutschlieren im Gesicht zu beschweren.

“Du Hure!”, keifte der Mann und warf die leichtere, doch aggressivere Anna von sich. Sie verlor ihr Schwert dabei, das metallen klirrend am Boden aufkam. Ächzend landete sie am nassen Grund und drehte sich herum, fasste schnell nach ihrer Waffe. Sie wollte hastig aufstehen, als einer der anderen Feinde, der von der Seite kam, nach ihr trat und sie damit zurück in die Wiese beförderte. Ein unglaublicher Schmerz zuckte durch die getroffene Schulter Annas und sie verkniff sich einen gequälten Laut. Kacke, Mann. Und SOWAS nach einem viel zu flüssigen Abend…

Da war eine Hand. Ohne zu zögern fasste die Frau danach und wurde von Rist schwungvoll auf die Beine gezogen. Es war keine Zeit für ein 'Danke' und Anna fuhr herum, um ihr Bastardschwert hochzureißen. Wie an einem Schild prallte eine fremde Klinge daran ab und der heftige Schlag vibrierte Anna bis in den protestierenden Oberarm. Als sie es schaffte sich kurz umzusehen, waren da viel mehr Männer, als noch zuvor. Es musste ein Dutzend sein, das sich hier um die bedrängten Abenteurer scharte.

Eine Feuerfontäne kam von links und drängte einige der irritierten Söldner zurück, steckte das dunkle Gambeson von einem gar an. Er schrie und fuchtelte herum, rannte los und riss dabei die Arme hoch.

“Haut ab!”, hörte man Albion heiser schreien.

“Ja, genau!”, pflichtete eine zweite, bekannte Stimme bei. Das war Ravello.

“Lasst unsere Freunde in Frieden, ihr Schurken!”, und tatsächlich kam der Beauclairer mit erhobenem Schwert und Schild zu Hilfe, als der Zirkushalbelf im Bunde schon mit Brennflüssigkeit nach den ungeliebten Eindringlingen spritzte. Manche von ihnen wichen überrascht zurück, doch leider erkannte der Großteil, dass sie Mietklingen des Hungrigen Grafen in der Überzahl waren. Hier standen jetzt Elf gegen Vier. Feuerangriffe und dicke Ritterrüstungen hin oder her. Wenn davon nicht mehr auf den Plan treten würden, hätten die ruppigen Kerle des Kannibalen vor Vizima nichts zu befürchten. Und genau jene gingen nun auch auf Ravello und Albion los. Eine Hiebwaffe donnerte gegen einen Schild, eine Feuerfontäne verströmte explosionsartig eine enorme Hitze und es stank nach verbranntem Haar. Man hörte den Mann aus Toussaint irgendetwas schreien, das mit Ehre zu tun hatte, und Rist eilte los, um einen der Fremden zu entwaffnen und niederzuschlagen, der gerade mit dem Rücken zu ihm stand.

Anna wusste nicht, wie lange der Kampf dann noch dauerte, doch er fühlte sich ewig an. Sie blutete nach dieser Zeit von einem oberflächlichen Schnitt am Oberarm und einem tieferen an der linken Hand. Ihr Knöchel schmerzte, denn sie hatte sich ihrer offenstehenden Stiefel wegen vertreten und der harte Tritt in den Magen, den sie sich wenige Momente zuvor eingefangen hatte, raubte ihr noch immer den Atem. Albion lag mittlerweile regungslos am Boden und Ravello versuchte die blutdürstigen Fremden davon abzuhalten dem Halbelfen noch mehr anzutun. Sechs von jenen standen noch und grinsten, dass ihre ekelhaft ungepflegten Gebisse hinter spröden Lippen hervorblitzten.

“Na los, Kieran! Hol dir das Mädel!”, blaffte einer rau “Die bringt ein schönes Kopfgeld! Aber vorher ficken wir sie noch ordentlich durch!”

“Und kümmert euch um die kleine Schwuchtel! Der Rest ist egal!”, kommandierte ein zweiter und neben Anna geriet auch Hjaldrist wieder in den Fokus der Söldnergruppe.

“Hurensöhne!”, wehrte sich die Hexerstochter ruppig, fand dafür aber nur wenig Atem und hielt sich den getretenen Magen nach wie vor. Leicht gekrümmt stand sie da, doch ihr Schwert, das ließ sie nicht los. Die verdreckten, nach Schweiß stinkenden Kerle lachten nur. Einer von ihnen warf Ravello ruckartig um, sodass der scheppernde Blondschopf mit dem Helm am Kopf beinah auf den bewusstlosen Albion stürzte.

“Wir holen uns die Ohren von diesem Elfen als Trophäen und hängen sie uns um die Hälse!”, kommentierte einer der Männer des Grafen grimmig-amüsiert und zog ein Jagdmesser aus seinem Gürtel “Dafür, dass man unseren Boss hinters Licht führen wollte!” 

Und in diesem Augenblick sirrte ein Armbrustbolzen durch die Luft und traf den mit dem langen Messer in der Schulter. Die Wucht dahinter war so heftig, dass es ihm den Boden beinah unter den abgenutzten Stiefeln fort riss. Noch ein Bolzen folgte und fällte einen weiteren der Söldner. Ein erneuter Tumult brach los und es dauerte keine Minute mehr, da erschienen zwei eilende Männer in Schwarz und Gold. Ihr Atem ging schwer, denn vermutlich waren sie hierher gerannt, so schnell sie nur konnten.

“Was ist hier los?”, tönte einer von den mittelschwer gerüsteten, hatte das Schwert längst in der Hand. Anna weitete die Augen ungläubig, als sie dies sah. Rist kam von hinten, erwischte sie am Gürtel und zog sie mit sich, fort vom Mittelpunkt des Geschehens. Auch er hinkte leicht und viel Blut klebte ihm am Mundwinkel.

Die Nilfgaarder, die unerwarteterweise zur Rettung erschienen waren, bekamen keine Antwort. Stattdessen wurden sie zum neuen Ziel der verbliebenen Söldner des Hungrigen Grafen. Als Antwort des Imperiums sauste ein weiterer, zischender Bolzen durch die morgendliche, klamme Luft und traf einen der Typen direkt im Kopf. Augenblicklich fiel er um, wie ein Brett. Die letzten zwei seiner Kollegen erschraken fürchterlich und hielten inne, entschieden sich nach einem kurzen Überlegen doch dazu die Flucht zu ergreifen. Doch zu laufen brachte ihnen nun kaum noch was. Sie waren keine allzu große Herausforderung für die drei Soldaten der Schwarzen, von denen sich einer im Fernkampf befand und seine knarrende Armbrust auf ein Neues spannte. Wie eine vernichtende Welle schlugen die gut ausgerüsteten Kerle gegen ihre Widersacher und schafften es gar einen der besagten beiden festzunehmen. Sein Kollege starb. Die angeschlagene Anna beobachtete dies mit großen Augen, sah jetzt immer wieder zwischen den Nilfgaardern und dem sich laut beschwerenden Mann des Grafen hin und her. Hjaldrist war neben sie getreten und tat es ihr gleich.

“Alles in Ordnung?”, wollte jener leise wissen und haschte damit kurz nach der Aufmerksamkeit seiner verdatterten Freundin mit dem schmerzenden Magen. Sie wiegte den Kopf abschätzend, zuckte die Achseln.

“Geht schon.”, meinte sie “Bei dir?”

“Mh.”, machte Rist, der genauso blutete, wie sie. Und obwohl er nicht schwer verletzt war, sah er elend und ziemlich ermüdet aus.

“Nein.”, gab er dann zu und die Alchemistin vergaß die drei Nilfgaarder und den, dem sie gerade die großen Hände hinter dem Rücken fesselten. Sie ignorierte es, dass Frobert und Igold wieder auftauchten und völlig außer Atem waren.

Anna’s Augen wanderten an Rist runter und wieder hoch, taxierten ihn besorgt. Da waren nur Schnitte, Kratzer und sicherlich auch einige blaue Flecke. Aber sonst? Dennoch fragte sie nicht zweifelnd nach, sondern nahm es ernst, dass ihr bester Freund meinte, es ginge ihm nicht gut. Das kam nicht sonderlich oft vor, denn eigentlich hielt er enorm viel aus. Nicht umsonst war sein Straßenkampf-Rufname auf Skellige ‘Felsen’ gewesen.

“Ich habe noch ein, zwei Tränke gegen Schmerzen übrig. Im Zelt.”, versicherte Anna mit ernster, gesenkter Stimme “Ich hole sie.”

“Mhm.”, machte der Skelliger lethargisch und atmete tief aus. Seine Augen schweiften von der Kurzhaarigen ab und wieder zu den anderen Anwesenden hin. Er holsterte seine Axt und fasste sich etwas gedankenverloren an den verwundeten Ellbogen.

“Danke!”, keuchte Igold soeben, als er bei dem der drei Schwarzen ankam, der sich gerade nicht mit dem gefangenen, fluchenden Söldner herumschlagen musste “Wir dachten schon, sie bringen uns alle um! Dabei sind wir keine Kämpfer!”

Der Kerl in Schwarz und Gold senkte den Blick auf den Halbling.

“Ich weiß. Und es ist unsere Pflicht in und so kurz vor der Stadt für Ruhe zu sorgen.”, sagte der Nilfgaarder streng und in einem harten Akzent “Wehrlose Gruppen zu überfallen ist nicht rechtens.”

Igold lachte etwas zerstreut.

“Ja… danke jedenfalls.”, machte er und kratzte sich am Hinterkopf, während sein Jongleurskollege Frobert zu Ravello und Albion eilte. Ersterer stand schon wieder etwas wackelig, doch der Halbelf war noch immer nicht bei sich. Anna gab Hjaldrist derweil ihr langes Schwert, um daraufhin gleich humpelnd zu ihrem offenstehenden Zelt zu eilen und darin zu verschwinden. Sie ignorierte die Nilfgaarder vor dem Lager dabei völlig, doch bemerkte die interessierten Blicke eben jener auf sich hängen. Bestimmt wussten die Männer, wer sie und Rist waren. Sie mussten ahnen, dass sie beide die Monsterjäger waren, die mit Flaut zu tun hatten, oder nicht? Ach, war doch egal.

In ihrem Zelt durchwühlte Anna kniend ihre Sieben Sachen und achtete dabei nicht sonderlich darauf nichts vollzubluten. Sie fand die gesuchten Mixturen schnell. Grünlich und undurchsichtig schwappten sie in kleinen Phiolen und eine davon wäre gleich Geschichte. Die Alchemistin betrachtete das Gebräu in ihrer Hand erleichtert durchatmend, dann machte sie sich schnell auf den Weg zurück zu ihrem verletzten Kumpel.

 

Noch am kommenden, späten Nachmittag mussten Anna und Hjaldrist bei Flaut erscheinen. Dessen drei Wachmänner, die am frühen Morgen von Linda und den anderen alarmiert worden waren, hatten ihm sofort Bericht erstattet und den eingefangenen Söldner des Hungrigen Grafen eingesperrt. Offenbar hatten die Nilfgaarder auch sehr, sehr effektive Methoden, um Gefangene weich zu klopfen und zu verhören. Denn der dreckige Kerl in der abgetragenen Lederrüstung hatte jetzt, nach wenigen Stunden, schon viel erzählt. Anna wollte ja gar nicht wissen, was man mit ihm angestellt hatte, um seinen Mund aufzubekommen.

“Angeblich gab es einen kleinen Zwischenfall bei dem Grafen. Man verdächtigte sofort euch, denn jemand hat euch vor kurzer Zeit in der Nähe von dessen Dorfes gesichtet. Ihr seid offenbar nicht sehr gut darin nachts unbemerkt zu walten.”, erzählte Flaut in seinem markanten Akzent, als er da hinter seinem massiven Schreibtisch stand und aus dem schmalen Fenster sah, das von zwei großen Sonnen-Wappenschilden gesäumt wurde. Er hatte die behandschuhten Hände hinter dem Rücken verschränkt und sprach bedacht.

“Aber wie auch immer. Kurz nach dem Essen fiel der Mann jedenfalls um und man glaubte, er sei tot. Doch dann erhob er sich plötzlich wieder, als sei nichts geschehen.”, erzählte Hakennase weiter. Und erst jetzt wandte er sich den beiden wartenden Jüngeren zu. Seine dunklen Augen musterten sie kühl.

“Wie kann das sein?”, fragte er und seine Aufmerksamkeit heftete sich explizit auf Anna. Schlussendlich war sie die Giftmischerin im Bunde und Flaut war nicht dumm. Ein Blick auf ihre Ausrüstung, Hexeramulett und Tranktäschchen, hatte ihm genügt, um zu erraten, dass sie in erster Linie für das Toxin verantwortlich war, das man den Schweinen des Hungrigen Grafen gegeben hatte. Er war also ein sehr aufmerksamer Mann, das musste man ihm lassen. Vermutlich war er unter anderem aus diesem Grund ein hochrangiger Soldat der Armee geworden.

“Ja, wie kann es sein, dass er lebt und nicht einmal krank ist?”, wollte der Schwarze etwas säuerlich wissen und sein Ton duldete keine Ausflüchte oder Entschuldigungen. Anna zog die Brauen zusammen. Sie konnte diesen arroganten Kerl noch immer nicht leiden.

“Keine Ahnung.”, meinte sie schlicht “Selbst ein einziger Bissen hätte ihn umbringen sollen. Das Gift war hoch konzentriert und nur ein Hexer hätte es überlebt.”

“Könnte der Graf ein Gegengift besessen haben?”, wollte Flaut gleich wissen.

“Nein. Niemand hat einfach so Gegentoxine gegen Wolfsbann zuhause.”, meinte die wissende Hexerstochter selbstsicher “Wolfsbanntinktur ist kompliziert herzustellen, teuer und daher auch selten. Man kommt nicht einfach so auf die Idee, dass man Opfer eines Anschlags damit wird.”

“Der Kerl leidet unter Verfolgungswahn. Daher hat er auch so viele Söldner unter sich.”, wendete der Nilfgaarder ein und Anna schnaubte pikiert.

“Wenn man das Gegengift nicht VOR dem eigentlichen Toxin schluckt, dann bringt es einem nichts. Wolfsbann wirkt umgehend oder spätestens nach wenigen Sekunden.”, stellte die braunhaarige Alchemistin in der gestreiften Jacke klar. Sie mochte es nicht, dass Flaut sie hier infrage stellte. Ja, sie war manchmal etwas verplant oder vorschnell, doch wenn es um das Trankmischen und vor allem Gifte ging, war sie ein Profi. Die Hakennase in der gold-schwarzen Rüstung nicht.

“Irgendetwas stimmt mit dem Grafen nicht.”, sprach Anna weiter, bevor der besserwisserische Flaut sie noch kritisieren konnte “Ich glaube, dass unser Problem größer ist, als zunächst angenommen. Ich schätze, dass wir es hier nicht nur mit einem einfachen Kannibalen zu tun haben.”

“Sondern?”, wollte Flaut trocken wissen.

“Ist er etwa ein wirkliches Monster?”, murmelte Rist, der die ganze Zeit über nur nachdenklich vor sich hin gesehen hatte. Seit heute Morgen wirkte er schon so grüblerisch und es war schwer zu glauben, dass ihn nur die Sache um den Hungrigen Grafen so sehr beschäftigte. Was war mit ihm los? Anna würde ihn später noch darauf ansprechen, denn es nervte sie, wenn sich ihr bester Freund einigelte und sie mürrisch ansah, wenn er dachte, sie sähe es nicht. Dies auch noch ohne, dass sie irgendetwas angestellt hatte.

“Ein Monster...?”, wiederholte die Frau langsam und fuhr sich mit der Hand über das Kinn “Ich weiß nicht. Kann sein. Jedenfalls ist er kein Mensch, wenn er Wolfsbann überlebt.”

“Du bist auch ein Mensch.”, warf Rist hintergründig ein, da Anna erst vor kurzem Wolfsbann geschluckt hatte und gerade so nicht daran krepiert war, und Flaut runzelte die Stirn.

“Was meint er damit?”, wollte der Nilfgaarder wissen und Anna stöhnte entnervt.

“Das ist etwas anderes.”, brummte sie und kam auf das eigentliche Thema zurück. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ihre Augen wanderten gedankenverloren, als sie vor sich hin sinnierte.

“Vielleicht ist er besessen. In dem Fall lenkt die Entität jetzt seinen toten Körper und spricht durch ihn.”, sagte Anna, als rede sie mit sich selbst “Oder aber sie hatte eine Methode, um ihn trotz des Giftes am Leben zu halten. Wenn ja, ist sie womöglich sehr intelligent.”

Der Kommandant der Schwarzen betrachtete die viel jüngere Kriegerin eigenartig. Dann schien er für sich selbst zu einem Schluss zu kommen und seine Miene wurde wieder steinern.

“Die Möglichkeiten sind vielfältig, aber sie sind nicht magisch. Sonst hätte mein Amulett reagiert.”, glaubte die Kurzhaarige “Wobei ich mich in dem Fall fragen muss, um welche Entität es hier geht… es ist seltsam. Es ist keine einfache Erscheinung. Vielleicht ist es ein Him?”

Hjaldrist musterte seine Freundin abwartend, wechselte das Standbein und Flaut sah zwischen den beiden hin und her. Er war es, der die gedankenvolle Stille bald brach.

“Seht euch das Ganze an.”, forderte er.

“Tse.”, machte Anna abschätzig, als ihre bösen Augen den größeren Soldaten suchten “Wir haben ja wohl keine andere Wahl.”

Flaut schien sich ein schmales Lächeln zu verkneifen, denn sein Mundwinkel zuckte schwach. Es regte die Schwertkämpferin auf, dass dieses Arschloch es offenbar amüsant fand, wenn sie unfreundlich wurde. Vielleicht sollte sie ihm ja stattdessen Honig ums Maul schmieren. Womöglich ärgerte er sich dann endlich. Bastard.

“Keine andere Wahl? Mag sein.”, sagte Hakennase leichthin und fing auch den unzufriedenen Blick Rists auf “Ihr beide seid Hexer. Es ist euer Beruf solchen gefährlichen Plagen, wie dem Grafen, nachzugehen und sie zu beseitigen.”

“Ja, aber wir tun das normalerweise für Geld. Keine Münzen, kein totes Biest.”, kritisierte Anna sofort “Wir halten unsere Köpfe nicht umsonst hin.”

“Anna, er hat Goldlocke.”, räusperte sich der Skelliger im Raum und die zurecht schnippische Alchemistin schenkte ihm einen stechenden Blick. Glaubte er etwas, sie habe das vergessen?

“Das ist der nächste Punkt. Wir bekommen kein Geld, aber werden damit erpresst, dass man eine Bekannte als Geisel hält.”, meinte die Frau ganz offen. Es war ihr an dem Punkt egal, dass sie in der Schreibstube Flauts stand und eben jener mithörte.

“Wie soll ich mich dabei so fühlen, als täte ich meine Arbeit, hm?”, wollte die Burschikose wissen “Ich mag solche hinterhältigen Methoden nicht. Ich hasse sie. Und sie spornen mich nicht unbedingt zu Höchstleistungen an.”

Die braunen Augen der Kämpferin wichen wieder von Rist fort und hin zu dem Kommandanten.

“Aber was habe ich mir auch erwartet? Ihr werdet dem Ruf der Schwarzen gerecht. Mit diesem listigen Getue und den dreckigen Tricks.”, entkam es Anna freischnauze. Flaut würde ihre harsche Kritik schon aushalten.

“Dem ‘Ruf der Schwarzen’, mh?”, machte die Hakennase gelassen und als habe er es nicht mit mehr, als einem wütenden Kind zu tun “Und der wäre?”

“Dass ihr aus rückgratlosen Spionen, Sklaventreibern, Erpressern, Betrügern und Mördern besteht.”, erklärte die Giftmischerin “Bei uns Hexern gibt es auch eine Fraktion, die so ist. Und sie ist scheiße.”

“Arianna…”, mahnte Hjaldrist sie und musste langgezogen seufzen. Der Kommandant der Nilfgaarder lachte leise in sich hinein.

“So so.”, machte er unterschwellig belustigt “Nun, dann werde ich euch beweisen müssen, dass all das nur Vorurteile und falsche Auslegungen sind. Zumindest meistens.”

Anna hielt inne und sah Flaut äußerst argwöhnisch an.

“Ich bot euch bei unserem ersten Gespräch Geld an. Ihr sollt es bekommen, wenn ihr euren Auftrag erfüllt. Gute Arbeit sollte schließlich vergolten werden, das sehe ich ein.”, versprach der steife Soldat, als sei er rechtschaffen.

“Zu gütig.”, schnaufte die Novigraderin zynisch.

“Und ihr könnt eure Freundin gerne mitnehmen. Heute. Ich denke, ihr habt euch davon überzeugen können, dass der Graf doch ein Monster ist, das man beseitigen muss. Ich brauche Frau Aya nicht mehr, um euch wachzurütteln, denn wach, das seid ihr nun.”, sagte Flaut und die unschlüssigen Abenteurer taxierten ihn skeptisch.

“Die Mietklingen des Grafen haben heute Morgen meine Leute angegriffen. Und das zwingt mich dazu zu handeln. Es soll nicht die Meinung entstehen, dass man sich ungestraft gegen uns auflehnen kann. Der Mann des Grafen, der sich just noch in unserem Kerker befindet, wird öffentlich hingerichtet werden. Es wird ein Exempel von vielen sein.”, entschloss Hakennase herrisch “Zudem werden wir dem Grafen und seinen Leuten eine Botschaft aus Stahl schicken müssen. Zum einen werdet das ihr sein. Zum anderen welche meiner Krieger. Ich werde euch zeitnah vier meiner Leute schicken, die euch unterstützen sollen, und ich will, dass ihr unser Problem ein für alle Mal beseitigt.”

“Das… ist großzügig.”, entkam es Rist und es war schwer zu sagen, ob diese Worte eine Art Lob oder aber Sarkasmus sein sollten. Vielleicht etwas von beidem. Anna zog die Stirn kraus.

“Das Imperium IST großzügig, Junge.”, machte Flaut “Zumindest zu den Leuten, die sich mit ihm verbünden.”

“‘Verbünden’. Na, wenn Ihr das so nennt…”, schnaubte die Novigraderin mit den verschränkten Armen  noch und spürte einen unangenehmen Seitenblick ihres besten Freundes. Sie verstand die stumme Warnung und ließ davon ab noch mehr herumzumaulen. Es brächte ohnehin nichts.

“Also.”, sagte sie daher “Was, wenn uns vier Soldaten nicht reichen?”

“Ich kann noch einen fünften entbehren, aber mehr nicht. Es tut mir leid.”, beteuerte der Kommandant kühl “Findet einen Weg damit zu arbeiten. Ihr seid Monsterjäger. Bestimmt habt ihr auf euren Reisen schon heiklere Aufgaben erledigt.”

Ja, das hatten sie. Doch weder Hjaldrist noch Anna sprachen diesen Gedanken laut aus.

 

Der fünfte Soldat war der, mit dem Goldlocke unlängst angebandelt hatte. Tatsächlich hatte Flaut sie nach dem Gespräch mit Anna und Rist umgehend freigelassen und nun spazierte sie frohen Mutes neben den beiden her, um wieder ‘nach Hause’ zu kommen. Das zusammen mit ihrem Schwarm Alain, der die gold-schwarze Rüstung der Nilfgaarder trug. Er war ein recht hübscher Kerl, zugegeben. Und wahrscheinlich war dies der Grund dafür, warum sich die eher oberflächliche Goldlocke in ihn verliebt hatte. Wenn man in dem Fall denn überhaupt von Liebe sprechen konnte. Bei Melitele, Anna war darin wirklich keine Expertin, doch selbst auf sie wirkte es völlig überzogen jemanden als seinen Seelenpartner zu bezeichnen, wenn man ihn nur seit wenigen Tagen kannte; und wenn derjenige auch noch darauf geachtet hatte, dass mein sein Gefängnis nicht verließ. Aber nun gut… sollten die Blondine und der Schwarze mit den kurzen, braunen Haaren und den vielen Sommersprossen halt turteln. War ihr egal. Solange sie nicht damit anfingen vor der Trankmischerin herumzubumsen, sollte es ihr einerlei sein.

“Das ist so aufregend!”, freute sich Goldlocke aufrichtig, als sie Anna mit gerafftem Kleid über den steinigen Feldweg folgte, der von Alt-Vizima zum bunten Zirkuslager führte “Ihr werdet zusammen die Bösewichte erschlagen und große Helden sein!”

Alain lachte verlegen, als sich die Artistin mit dem langen Haar bei ihm unterhakte. Unter seinem anderen Arm klemmte sein Flügelhelm und das Heft seines Langschwertes klapperte bei jedem Schritt leise gegen seinen dunklen Rüstgurt. Alain hatte einen Schild mit Sonnensymbol darauf geschultert und soweit Anna verstanden hatte, gehörte er eigentlich zu den Wachposten der Garnison. Nicht zu den Soldaten im Außendienst.

“Helden, huh? Wir werden sehen…”, kommentierte die anwesende Alchemistin leicht grinsend und rollte mit den Augen, als Goldlocke ihrem Soldaten einen schmachtenden Blick zuwarf. Die Hexerstochter war noch etwas blass um die Nase, da sie gestern bekanntlich zu viel getrunken hatte. Ihr Magen war flau, doch immerhin waren ihre argen Kopfschmerzen dank ihres selbstgebrauten Schmerzmittelchens verschwunden. Rist ging schweigend neben der kleinen Gruppe her und im Gegensatz zu seiner besten Freundin schien es ihn immens zu stören, wie die frohe Goldlocke und ihr ansehnlicher Nilfgaarder aneinanderklebten. Vorhin, da hatte Erstere ihrem neuen Freund einen dicken Kuss auf die Wange gedrückt und der Skelliger im Bunde hatte dabei vehement weggesehen, als beleidige es ihn hart. So gut sie sich auch verstanden und manchmal dasselbe dachten… so wenig verstand Anna ihren Kumpan von Undvik manchmal. Vielleicht hatte er heute ja nur einen miesen Tag, weil er in der vergangenen Nacht einmal wieder kaum geschlafen hatte? Wie immer hatte er mit Sicherheit schlecht geträumt, der Arme. Anna würde gleich etwas schwarzen Tee mit unsäglich viel Zucker aufsetzen. Vielleicht brächte der ihren grimmigen Gefährten ja wieder auf die Höhe. Normalerweise, da tat er dies immer.

Oder stand Hjaldrist etwa insgeheim auf Goldlocke und reagierte deswegen so sensibel auf das, was zwischen jener und Alain passierte? War er eifersüchtig? Nein, das konnte nicht sein. Es hätte Anna jedenfalls ziemlich verwundert.

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