Kapitel 65

Heulen bringt nichts

“Wieder schlecht geschlafen?”, wollte Anna wissen, als sie Hjaldrist einen dampfenden Becher Tee reichte. Sie setzte sich zu ihm und sah ihn von der Seite aus forschend an. Der Skelliger atmete tief aus, als er sein tönernes Trinkgefäß zwischen beide Hände nahm und nur zögerlich zu seiner Freundin hin sah. Er hatte eigentlich wenig Lust zu reden.

“Ja.”, antwortete er daher bloß knapp. Er sagte nicht, dass er heute Nacht nicht nur schlecht geschlafen, sondern ÜBERHAUPT keinen Schlaf gefunden hatte. Und dass dies auch nicht mit den Visionen oder Stimmen in seinem Kopf zusammen hing, sondern mit der Frau, die ihn da gerade mitleidig ansah und absolut keine Ahnung davon hatte, was in ihm vorging. Sie machte sich, wie immer, aufrichtige Sorgen. So, wie heute Morgen auch, als sie angehumpelt gekommen war, um Hjaldrist großzügig Schmerzmittel in die Hände zu drücken. Ein Heilmittel, das gegen sein ganz spezielles ‘Mir geht es nicht gut.’ nicht helfen konnte. Doch auch das hatte Anna nicht gewusst. In ihren Augen und weil ihr bester Freund auch nicht dagegen sprach, war er einfach jemand, der zu schlecht träumte und deswegen grüblerisch vor sich hin sah. Ein Kerl, der heute Früh einen Schwertschlag zu viel abbekommen und sich deswegen elend gefühlt hatte. Oh, wenn die Hexerstochter nur wüsste! Denn das, was Hjaldrist plagte, waren keine Traumbilder oder Schnittwunden. Sondern Anna’s Worte, die sie gestern im Suff von sich gegeben hatte. Seither dachte er verzweifelt nach und war sich unschlüssig, wie er mit seiner beschissenen Situation umgehen sollte; ob er es weiterhin versuchen sollte bei seinem Schwarm zu landen oder nicht. Oh, womöglich wäre es das Beste, er gäbe es auf. Denn ganz ehrlich? Wenn seine Gefährtin jetzt noch keinen Funken Liebe für ihn empfand, dann wurde daraus doch nichts mehr. Der Skelliger wusste jedenfalls nicht, was er in diese Richtung noch versuchen könnte. Also stand er am Rande der Resignation. Normalerweise, da gab er nicht so schnell auf. Aber jetzt… naja… jetzt blieb ihm doch nichts anderes mehr übrig, oder? Anna hatte gesagt, sie würde flüchten, würde man ihr in puncto Zuneigung zu nah kommen und das nahm Hjaldrist ernst. Er wollte nicht, dass sie ging.

“Hast du Mia denn schon einmal in deine Träume gelassen…?”, fragte die Giftmischerin weiter nach und ihre Absichten waren gut. Sie sorgte sich, das merkte man. Man musste ihre Gedanken gar nicht erst lesen, um zu verstehen, dass sie sich um ihren Freund bemühte und unbedingt helfen wollte. Es war lieb, doch es nervte im Moment auch.

“Nein.”, antwortete Hjaldrist seufzend.

“Aber du hast es doch vor?”, hakte die Schwertkämpferin weiter nach. Auch sie hatte einen Becher voll mit schwarzem Tee in der Hand. Er roch großartig und der Undviker wusste nicht so recht, woher dies rührte. Anna gab immer irgendein Kraut in das Getränk, das es im Vergleich zu den anderen bitteren Tees richtig lecker machte. Bevor er sie kennengelernt hatte, hatte er selten Tee getrunken, doch jetzt tat er es fast jeden Tag.

“Hm…”, machte der Axtkämpfer und drehte seinen Becher in der Hand “Vielleicht. Ich weiß noch nicht.”

Man hörte Anna leise und nachgiebig schnauben.

“Na, es ist deine Entscheidung. Es wäre jedenfalls schön, wenn es endlich bergauf gehen würde mit dir.”, sagte sie “Ich will nicht, dass es dir schlecht geht. Ich mache mir dann nämlich Sorgen. Gleichzeitig kann ich nichts machen und das regt mich auf.”

“Ich weiß.”, entgegnete der wortkarge Undviker und sah auf. Es war schwer Anna in die aufmerksamen, braunen Augen zu blicken. Und er musste wirklich gequält aussehen, so, wie sie ihn daraufhin beäugte. Die Trankmischerin schloss den Mund, verengte den Blick prüfend, atmete flach durch die Nase durch. Sie zögerte kurz. Dann holte sie abrupt aus und haute ihrem Freund feste gegen den Oberarm. Eine Aktion, die so unerwartet kam, dass sie ihn vollkommen aus seiner Lethargie riss.

“Hey!”, beschwerte sich Hjaldrist sofort, denn er hatte beinah seinen heißen Tee verschüttet. Anna schmunzelte zufrieden.

“Reiß dich zusammen.”, entkam es ihr “Du hast Leute hier, die dir beistehen, ja? Mich zum Beispiel. Und, ähm, Ravello und Mia. Also zieh kein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter. Das wird schon.”

Der starrende Skelliger hob die Brauen leicht an, hatte innegehalten. Es ging ihm unglaublich mies und ein paar Worte sollten das richten? Ein sehr optimistischer Gedanke. Na danke, Anna. Sein Ausdruck verrutschte in eine verzwickte Richtung.

“Onkel Jaromir hat immer gesagt, dass man den Kopf nicht hängen lassen sollte, wenn einem die Kacke bis zum Hals steht.”, erzählte Anna weiter und Hjaldrist taxierte sie skeptisch. Was käme nun? 

“Weißt du… ich hatte früher immer richtige Probleme damit mich im Kampf zu konzentrieren und Angriffe des Feindes abzuwarten, um richtig darauf zu reagieren. Ich hasste es schon immer zu warten. Also war ich im Training immer viel zu zappelig und vorschnell, nachsichtig. Balthar hat andauernd ziemlich geschimpft deswegen. Er war richtig gemein.”

“Inwiefern ‘gemein’…?”, wollte der anwesende Undviker nach einem kurzen Zögern wissen und es war aufrichtiges Interesse, das in seinem Ton mitschwang. Er fand es immer schön, wenn Anna von ihrem Leben erzählte und er mehr über sie herausfinden konnte. Außerdem war es gut, wenn sie sprach; in dem Fall müsste Hjaldrist dies nämlich nicht tun.

Die Frau gab einen leisen, abfälligen Laut von sich und sah auf den warmen Becher in ihrer Hand zurück. Sie wiegte den Kopf abschätzend und verzog einen Mundwinkel.

“Ich... glaube, ich war zehn oder elf Jahre alt. Keine Ahnung. Jedenfalls kämpfte ich damals einmal wieder gegen ihn. Wir wollten an meiner Fußarbeit arbeiten und ich lief wie immer zu viel herum, obwohl mich Balthar deswegen schon ein Dutzend Mal ermahnt hatte. Das nicht nur an dem besagten Tag, sondern seit MONATEN. Er wurde richtig zornig, erwischte mich mit der Breitseite seiner Waffe und warf mich in die Wiese. Ich wusste gar nicht so recht, was geschehen war. Bis dato hatte er mich nie so harsch angegriffen. Und es ging so schnell.”, erinnerte sich die Kurzhaarige, als sie gedankenvoll in Leere sah, und Hjaldrist’s dunkle Augen klebten abwartend auf ihr. Sein Gesichtsausdruck wurde ernst und Anna rieb sich den Nasenrücken, als sei sie irgendwo verlegen. 

“Ich blutete aus dem Mund, hatte mir beim Sturz ordentlich auf die Zunge gebissen und mir eine Hand verstaucht, weil ich mich damit ungeschickt abgefangen hatte. Der Schlag kam eben sehr unerwartet. Bei Melitele, ich war völlig konfus. Und dann trat er mir noch mein Holzschwert aus der, bis zu dem Punkt, noch heilen Hand.”

“Aber du warst ein Kind…”, wand der Skelliger dezent entrückt ein und fand es äußerst bedenklich, was seine beste Freundin da gerade von sich gab. Schlussendlich war er selbst wohlbehütet aufgewachsen; innerhalb einer herzlichen Familie mit tollen Eltern, Wachleuten und Hund. Seine Mutter hatte ihre vier Kinder stets verhätschelt und liebevoll umsorgt. Sie war ein großartiger Mensch mit einem sehr großen Herz, der mitfühlte und mit den Engsten weinte, wenn es jenen schlecht ging. Und Hjaldrist’s Vater war auch ein sehr warmherziger Typ. Er konnte sehr streng und hart sein, ja, doch vor allem war er ein großzügiger, geduldiger und lieber Mann. Ein einziges Mal war jenem die Hand ausgerutscht, nachdem Haldorn im Rabauken-Alter über die Stränge geschlagen hatte. Doch sonst hätte er seine Kinder oder seine Frau niemals geschlagen oder angeschrien. Man hätte sich keine bessere Familie wünschen können, trotz allem, was später passiert war. Für Hjaldrist war es also undenkbar, dass ein vermeintlicher Vater seine kleine Tochter mit einem Schwertschlag auf den Boden beförderte, ihr dann auch noch gegen die Hand trat und sie verletzte, obwohl sie so und so schon blutete. Ja, langsam aber sicher zweifelte er wirklich daran, ob man Balthar als solch ein großes Vorbild betrachten sollte, wie Anna ihn immer sah. Tse. Ob alle Hexer so waren, wie er? Wahrscheinlich besaß Balthar keine Emotionen. Die katzenäugigen Mutanten hatten diesen Ruf doch inne, nicht?

“Ein Kind? Ja, war ich.”, meinte Anna leichthin und als wüsste sie nicht, was ihr Kumpel meinte “Aber vor allem war ich Balthar’s Schülerin und er wollte, dass ich bestmöglich kämpfe. Was ich nicht… oder eher: nie tat. Vielleicht stimmte mit mir ja auch etwas nicht… womöglich gab es einen Grund dafür, dass ich nie stillhalten konnte. Keine Ahnung.”

“Du warst noch klein, also suche die Schuld nicht bei dir, Idiotin....”, murmelte der Inselbewohner und die kritisierte Anna kräuselte die Stirn. Leicht lächelte der Mann, als er die etwas dümmliche, ratlose Miene sah, dann hakte er nach.

“Was ist dann passiert?”, wollte er wissen. Dieses Gespräch hier lenkte ihn tatsächlich von seiner miesen Laune ab. Und obwohl es nicht um ein schönes Thema ging, musste er nicht herumsitzen und alleine vor sich hin grübeln. Ja, es war wider Erwarten doch ganz gut sich mit Anna zu unterhalten.

“Ähm. Naja, ich lag blutend in der Wiese und habe versucht nicht zu weinen. Denn-”

“Lass mich raten: ‘Heulen bringt nichts.’”, zitierte Hjaldrist Balthar brummend und seine viel zu lockere Kollegin musste lachen. Ob sie ihre Kinder auch auf den Boden werfen oder treten würde, hätte sie welche? Eine grausige Vorstellung. Und-… nein, Hjaldrist traute dies Anna nicht zu, denn sie war keine emotionslose Mutantin. Und sie besaß genug Mitgefühl, obwohl sie es nicht immer zeigte. Zwar kam sie mit Kindern nicht gut zurecht, doch sie war immerhin nett zu ihnen. Der Skelliger hatte einmal beobachtet, wie seine Freundin ein paar kleinen Straßenkindern Essen gekauft hatte. Mit ihrem letzten Geld. Und hoffentlich bliebe das immer so. Auch dann, wenn Anna ihr Ziel eine Hexerin zu werden irgendwann erreichte.

“Ja, so ungefähr. Balthar sah mich säuerlich an, richtete den Ort seines Schwertes auf mich und meinte, dass ich ‘nun tot’ sei. Dass ich Feinden durch mein Rumgehampel zu viel Fläche bieten würde und dass ich eine unglaubliche Enttäuschung sei. Er meinte, dass aus mir niemals eine Hexerin werden würde, hat sich abgewendet und ist einfach gegangen. Ich saß noch ewig im Gras und konnte mich nicht rühren. Es war irgendwie, wie… hm… ein Schock. Ja, das beschreibt es wohl gut. Ich war völlig perplex und auch traurig. Und komischerweise erinnere ich mich daran, als sei es erst gestern passiert.”

“Das ist schrecklich.”, fand Hjaldrist todernst und verspürte Ärger in seiner Magengegend aufkeimen. Penibles Schwertkampftraining hin oder her… dieser Balthar war ein Arschloch und er empfand richtiges Mitleid für die kleine Anna aus der Erzählung, die verletzt am Boden saß, sich die verstauchte Hand hielt und krampfhaft versuchte nicht zu weinen.

“Ja, in dem Moment war es das wohl.”, die Frau kratzte sich am Hinterkopf “Aber heute verstehe ich, was er damals gemeint hat. Ich bin noch immer viel zu unruhig im Kampf und habe deswegen schon genug Verletzungen davongetragen. Ich kämpfe nicht wie Balthar oder die anderen. Vielleicht ähnlich, weil ich von ihnen gelernt habe, aber lange nicht so gut. Wenn es ein richtig guter Schwertkämpfer darauf anlegt, dann bin ich sicherlich ein gefundenes Fresschen für ihn.”

“Du bist auch keine Mutantin, Anna. Diese Leute haben ganz andere Voraussetzungen, also werte dich selbst nicht so herunter.”, seufzte Hjaldrist und musterte seine Kollegin kritisch. Sie nickte daraufhin langsam, sah dabei aber nicht sonderlich glücklich aus.

“Wie kamen wir jetzt überhaupt auf dieses Thema…?”, fragte sie wirr.

“Wegen Jaromir’s Weisheiten.”

“Ach ja.”, schmunzelte Anna leicht “Er fand mich damals auf der Wiese und hat mir hochgeholfen. Dann hat er mir Süßigkeiten zugesteckt - die hat er mir immer mitgebracht, wenn er von seinen Reisen heimkam - und gemeint, dass ich den Kopf nicht hängen lassen sollte. Weil es nicht für immer bergab gehen kann. Denn stell dir mal vor, dem wäre so, Rist. Dann säßen wir beide wohl nicht hier.”

Ein aufmunterndes Lächeln seitens der Hexerstochter folgte. Es hatte die Tendenz ansteckend zu sein.

“Hm.”, machte Hjaldrist “Könnte stimmen…”

“Siehst du.”, Anna klopfte ihm die Schulter. Doch er hatte das vorige Thema noch nicht ganz abgehakt. Es betraf ihn nämlich irgendwo persönlich, dass Balthar seine kleine Ziehtochter damals so wüst behandelt hatte. Und es warf auch Fragen auf, die den familiären Jarlssohn irgendwo besorgten.

“Hat er sich dafür bei dir entschuldigt? Balthar, meine ich.”

“Hm? Für die Sache von damals? Nein. Warum?”, antwortete die Alchemistin offen “Er war nie ein Mensch, der sich rechtfertigte oder groß entschuldigte. Außerdem hatte ich ihn enttäuscht. Er wollte nur das Beste für mich und konnte es eben nicht anders ausdrücken.”

“Ich dachte, man hat dich immer nur mit Samthandschuhen angefasst...”

“Ja, das hat man in gewisser Weise auch. Man hat mich selten rausgelassen und wollte nicht, dass ich mich echten Monstern stelle. Ich hatte viele Regeln zu beachten. Zu viele. Und ich musste mir immer anhören, dass dem anders sei, wäre ich ein Junge. Aber das heißt nicht, dass man mir im Training mit Kissen anstatt Schwertern begegnet ist. Oder dass der Umgangston so war, als sei ich ein Prinzesschen.”

“Letzteres dachte ich mir schon…”, gab Hjaldrist zu und dies mit einem erheiterten Unterton, um das ungute Thema ein wenig aufzulockern. Denn es war doch so, dass man Anna anmerkte, wie man ihr leben Lang mit ihr gesprochen hatte. Sie war oft ruppig, drückte sich aus wie ein Kerl und Formalitäten lagen ihr genauso wenig, wie unangebrachte Höflichkeit. Andere Frauen würden an die Wörter, die sie oftmals in ihr Großmaul nahm, nicht einmal denken.

“Was? Wieso?”, wollte die Hexerstochter wissen und es klang ein wenig, wie eine Drohung. Ein falscher Blick und Hjaldrist würde gleich wieder einen Boxhieb gegen den Arm kassieren, ganz bestimmt.

“Ach, nur so.”, redete sich der Undviker heraus, lächelte schief. Da lag eine Herausforderung im Blick seiner Freundin, die er heute ausnahmsweise einmal nicht annehmen würde.

 

“Es ist seltsam…”, grübelte Anna vor sich hin, als sie gegen Abend über ihr angegriffenes, vollgekritzeltes Bestiarium gebeugt dasaß und immer wieder leise mit sich selbst sprach “Wovon ist der nur Graf besessen…?”

Hjaldrist ließ den Blick von seiner kurzhaarigen Freundin fort wandern und widmete sich wieder den paar Löchern in seinem Wollmantel. Jener lag auf seinem Schoß und mehr schlecht als recht flickte er ihn. Auch die anderen Zirkusleute waren anwesend und hatten sich nun, da es kühl wurde, um das tanzende Feuer geschart. Selbst Goldlocke’s Freund war noch hier, obwohl für heute definitiv kein überstürzter Angriff auf den Hungrigen Grafen stattfinden sollte. Die ganze Aktion musste schließlich gut überlegt sein und man konnte nicht spontan gegen eine Horde Mietklingen anstürmen. Doch, ach, Alain war sicher nicht wegen seines Auftrages hier. Sondern wegen der blonden Frau, die ihn dazu verdonnert hatte, beim Kleinschneiden des Gemüses für einen Eintopf zu helfen. Linda kochte und dies war immer eine richtige Gruppenaufgabe, weil sie jeden zum Helfen einteilte, der nichts zu tun hatte. Also schnitt der Nilfgaarder ganz brav Möhren klein, während seine große Liebe neben ihm saß und das gewürfelte Gemüse in eine bauchige Holzschüssel gab.

“Es ist so nett von dir, dass du hilfst.”, lächelte Goldlocke zuckersüß “Danke.”

“Keine Ursache. Unsere Garnison hat zwar einen Koch, aber früher habe ich oft selbst kochen müssen.”, meinte der Schwarze mit den Sommersprossen ein wenig verlegen und lächelte der Artistin in dem bunten Kleid sanft zu. Jene lachte erfreut und beugte sich vor, um dem Mann ganz unbeschwert einen Kuss auf die Lippen zu drücken. Dabei verschüttete sie ihre Gemüseschnetzel beinahe. 

Hjaldrist senkte den Blick augenblicklich fort und schluckte schwer. Aus dem Augenwinkel linste er einmal knapp zu Anna hin, die sich gerade irgendetwas in ihr Buch notierte und daher geistig völlig abwesend erschien. Er zog die Brauen zusammen, riss die Aufmerksamkeit von ihr und blickte auf das Nähzeug auf seinem Schoß. Ach, verdammt nochmal. Es plagte ihn nach wie vor extrem, dass ihn seine Begleiterin aus Novigrad abgewiesen hatte. Das würde es noch lange. So, wie eine frische und tiefe Wunde. Und es störte Hjaldrist, wenn Personen in seiner Gegenwart miteinander umgingen, wie er es sich eigentlich auch von sich und seinem Schwarm wünschte. Ja, er war eifersüchtig. Darauf, dass es andere so schön hatten und er nicht einmal die aufmunternde Aussicht mehr darauf besaß dieses Ziel jemals zu erreichen. Der Krieger wünschte es sich, dass Anna ihn ansah, wie Goldlocke es mit Alain tat. Er hätte alles dafür gegeben, hätte sie ihn aus aufrichtigen Ambitionen heraus geküsst und das nicht nur, wenn sie betrunken war. ALLES hätte er bezahlt. Vielleicht… ja, vielleicht hätte er dafür sogar Erlklamm, seinen größten und teuersten Schatz, aus den Händen gegeben. Und das hieß was. Doch es würde nicht passieren. Die Alchemistin mit der unsäglichen Bindungsangst hatte ihren Standpunkt unlängst sehr klar dargestellt und der zutiefst enttäuschte Hjaldrist hatte sich dazu entschlossen nicht mehr daran zu rütteln. Er würde sich etwas zurückziehen und versuchen seine Gefühle auszublenden. Das sowohl, um sich selbst nicht noch mehr zu schaden und auch, um Anna bei sich zu halten. Denn wie war das nochmal gewesen? ‘Würdest du mir deine Liebe gestehen, würde ich abhauen’? Das sollte niemals passieren. Also würde sich der arme Skelliger mit seiner Situation abfinden und zurückstecken, um seine geliebte Gefährtin nicht zu verlieren. Nur warum konnte Liebe, dieses dumme Gefühl, nicht schnell wieder vergehen? Warum konnte man sie nicht einfach von einem Mal aufs andere vergessen? Einfach so? Damals, bei Svenja, hatte es doch auch viel schneller funktioniert. Sie beide hatten sich gestritten und damit war die Sache gegessen gewesen. Man war einen Abend lang niedergeschlagen gewesen, doch dann hatte die Misere auch schon ein Ende gehabt. Bei Anna, da war das anders. So viel anders...

“Oder was denkst du?”, der mürrische Axtkämpfer sah aus seinen Gedanken auf, als seine besagte Begleiterin sprach.

“Hey, Rist.”, murrte sie auffordernd.

“Was?”, etwas zerstreut ließ der Mann die Aufmerksamkeit wieder in die Richtung der Kurzhaarigen wandern.

“Ich habe gefragt, ob wir morgen zum Grafen gehen sollen. Alain meinte vorhin, dass er zwei Kollegen hat, die gut darin sind sich wo einzuschleichen. So ganz nilfgaardisch halt.”, wiederholte sich die Frau und grinste dann schelmisch.

“‘So ganz nilfgaardisch’? Was meint Ihr?”, warf der gemüsehackende Kerl in der gold-schwarzen Rüstung ein.

“Na, ihr schleicht doch alle rum und spioniert und was weiß ich.”, maulte Anna halbernst und auch Hjaldrist drehte Alain den Kopf abwartend zu. Jener mutete etwas vor den Kopf gestoßen an.

“Hm? Ich bin kein Spion. Aber zwei Freunde arbeiten mehr in dieser Richtung. Jede Armee hat Zuträger. Oder nicht?”, meinte der Typ verwirrt und verstand offenbar nicht, dass die Hexerstochter ihn gerade mit bösen Vorurteilen hatte aufziehen wollen. Man hörte Anna verhalten seufzen und bestimmt verkniff sie sich einen weiteren Versuch, in dem sie die Schwarzen als Mörder oder ruchlose Giftmischer betitelte. 

“Ja, wie auch immer.”, stöhnte sie “Ich würde morgen gerne zum Dorf des Grafen. Ob das drin ist?”

“Ich kann meinen Kumpels Bescheid sagen. Wie viele von uns sollen mit Euch kommen?”, wollte Alain wissen.

“Fünf.”, erinnerte sich Anna an die Worte Flauts.

“Ja, schön.”, der kooperative Nilfgaarder nickte und hinterfragte nicht viel “Solange es einen Plan gibt… denn hat der Graf nicht viele Söldner?”

“Mhm. Und genau deswegen würde ich gerne deine beiden Freunde vorschicken, Alain. Wir sollten nicht direkt und mit einem großen Tamtam in das Dorf. Vielleicht schaffen wir es ja den Grafen hinterrücks zu erwischen und aus seiner Burg zu schleppen. Wenn wir ihn in unserer Gewalt haben, dann werden die Mietklingen sicherlich nicht auf uns losgehen. Schließlich ist er ihr Geldgeber.”

“Hmmm… macht Sinn.”, der Soldat zuckte die Achseln “Wir könnten ihnen vorschlagen, dass sie das Hab und Gut des Grafen haben können, wenn sie ihn uns überlassen. Diese Leute arbeiten schließlich nur für Geld. Treulose Krieger kann man schnell umdrehen, wenn man ihnen mehr bietet, als ihr ursprünglicher Anführer.”

Anna gluckste leise.

“Ich sag’s ja: Nilfgaarder.”, kommentierte sie verschwörerisch und linste währenddessen zu ihrem besten Freund.

“Wie?”, fragte Alain und verstand die Anspielung auf die ganzen Vorurteile wieder nicht.

“Ihr habt es damit Leute für euch zu gewinnen, koste es, was es wolle.”, meinte die Alchemistin, um sich zu erklären, und holte Luft, um weiter zu sprechen. Jedoch unterbrach Linda sie.

“Morgen haben wir die große Aufführung in der Stadt.”, sagte die Langhaarige zweiflerisch und rührte in dem Eintopfkessel herum, der über dem knisternden Feuer vor sich hin blubberte.

“Hmm? Richtig.”, brummte Anna “Wann?”

“Am frühen Abend. Du hast es doch nicht etwa völlig vergessen?”

“Ähm. Natürlich nicht.”, murmelte die Giftmischerin noch und log damit ganz augenscheinlich “Wir erledigen das mit dem Grafen einfach danach. Wenn man ihn überwältigen will, ist das nachts so und so besser, als tagsüber. Oder?”

Einige Leute in der Runde mussten grinsen und Anna schnaufte pikiert.

“Ich hab’s nicht so mit Strategien und dem Rumkommandieren, ja?”, stellte sie klar “Also schlagt halt auch einmal was vor.”

“Wir könnten uns morgen mit den Nilfgaardern besprechen und die Aktion übermorgen durchziehen.”, warf Hjaldrist dann ruhig ein, um seine planlose Freundin zu retten. Er war schon immer besser im Koordinieren gewesen, als sie. 

“Das morgen zu machen und auch noch nach der Aufführung, ist etwas gewagt. Und zu spontan, fürchte ich.”, schätzte er.

“Na, dann eben übermorgen.”, die Hexerstochter zuckte mit den schmalen Schultern “Dann habe ich wenigstens noch Zeit ein paar Kartätschen mehr zu bauen. Nur für alle Fälle. Denn wenn unser Plan nicht aufgeht, werfe ich ein paar Bomben in die Ruine des Grafen und räuchere ihn aus. So, wie Ratten.”

“Anna, wie sie leibt und lebt...”, konnte man Ravello mit Unterton vernehmen, der bisher geschwiegen hatte. Er lachte leise in sich hinein und fing dafür einen belustigten Blick seitens der Hexerstochter auf, die sich vorfreudig auf die Unterlippe biss. Unglaublich, wie sehr sie immer auf Krawall gebürstet war. Es war fast schon unterhaltsam.

 

*

 

Hjaldrist verkniff sich ein Schmunzeln, als er die Weinflasche hob, um damit auffordernd gegen Anna’s Arm zu stoßen. Die Frau, die neben dem Skelliger saß, sah auf und fasste sofort dankbar nach dem Behältnis aus Glas, nickte anerkennend. Sie war seit Stunden schon unsäglich nervös und hatte dies wenige Momente zuvor auch offen zugegeben. Nun verweilte sie hier, in ihrem geliehenen Zirkuskleid aus buntem Leinen und hübsch zurechtgemacht, und nahm gleich mehrere tiefe Schlucke aus der Est Est-Flasche, die Hjaldrist Ravello stibitzt hatte. Der besagte Undviker beobachtete seine Freundin währenddessen aufmerksam und verkniff sich immer wieder ein wissendes Grinsen. Stattdessen besann er sich darauf eine ernsthafte Stütze für Anna zu sein, die wegen dem großen, anstehenden Theaterauftritt in der Stadt zitterte.

“Das wird schon.”, versicherte der Mann nett “Du warst bei der Probe doch auch richtig gut.”

Die Angesprochene nahm die teure Weinflasche von ihren geschminkten Lippen und sah her. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie in das Zentrum von Vizima gehen müssten. Linda war schon richtig geschäftig und Ravello legte sich bereits seine verzierte Rüstung an, da er später die Rolle des Ritter Kunibert inne hätte.

“Da waren wir ja auch unter uns.”, sagte die Hexerstochter und gab einen tiefen, zweiflerischen Laut von sich “Und nicht auf einer Bühne vor… vor so vielen Leuten. Bei der letzten Aufführung von Frobert und Igold waren mindestens fünfzig Leute da. Bauern, Bürger, Soldaten. Ich mag es nicht, wenn mich so viele anstarren.”

Hjaldrist musste leise, doch nachgiebig, lachen, als seine Kumpanin da aufgebracht und wie ein Wasserfall sprach. Und er versuchte sie nicht anzustarren. So, wie Linda die Novigraderin zurechtgemacht hatte, sah sie verdammt hübsch aus. Jedenfalls in seinen Augen. Und, Schande über ihn, aber der Skelliger konnte nicht anders, als sich zu fragen, ob die Zirkuskünstlerin Anna wieder dazu gezwungen hatte sich schöne Unterwäsche anzuziehen. Wie er Linda kannte, ganz bestimmt. Hjaldrist räusperte sich leise. Ach, er gab sich ja Mühe sich dazu zu ermahnen nur ein guter Freund für Anna zu sein und in ihr nicht mehr sehen zu wollen, doch dieses Vorhaben war schwierig. Womöglich würde er es lange nicht schaffen die indirekte Abfuhr der Kurzhaarigen mit sich und seinen Gedanken zu vereinbaren. Doch er müsste und gab sich dahingehend Mühe. Kein schöner Kompromiss, doch immerhin konnte er so bei seiner Kumpanin sein und sie lief nicht vor ihm davon.

“Sie starren dich doch nicht an. Sie sehen dem Schauspiel zu.”, stellte der Jarlssohn richtig klar “Du bist darin eine Rolle, die Prinzessin, und niemand wird in dir die sehen, die du wirklich bist.”

“Ja… ja, ich weiß doch…”, jammerte Anna leise und nahm noch einen tiefen Schluck Est Est. Hatte sie etwa vor sich zu betrinken? Jetzt? Vor der Vorstellung?

“Aber?”, wollte Hjaldrist wissen.

“Ich bin trotzdem nervös.”, murmelte sie und kratzte sich am Hinterkopf.

“Das ist normal, denke ich.”, versicherte der Mann gleich und streckte die Hand aus, um der Geplagten den Rücken freundschaftlich zu reiben “Aber du wirst sehen: Sobald du auf der Bühne stehst, wird es gar nicht mehr so schlimm sein und du wirst die ganzen Menschen vor dir vergessen.”

“Woher willst du das denn wissen…?”, fragte die Frau murrend und sah auf, ließ die Flasche in ihrer Hand nicht zu weit sinken. Denn ja, augenscheinlich betrank sie sich gerade. Hjaldrist ließ sie.

“Woher ich das weiß? Ich habe schon vor vielen Leuten gesprochen und war davor mindestens genauso aufgeregt wie du in diesem Moment.”, erzählte der Jarlssohn und es war die Wahrheit. Er lächelte aufmunternd, hatte die Hand noch immer am Kreuz Annas liegen.

“Hmm? Wann?”, wollte sie wissen und ihre braunen Augen hefteten sich neugierig auf ihren Freund.

“Na, zuhause. Wenn mein Vater auf Reisen war und irgendwelche wichtigen Verkündungen meiner Familie anstanden, musste ich die erledigen. Als ich noch jünger war, hat meine Mutter das stets gemacht. Doch mit… hm, 16, 17 schob sie diese Aufgabe oft an mich weiter und das bewusst.”, erklärte der Undviker und wurde ein wenig nostalgisch dabei “Auch Haldorn musste manchmal ran. Aber seine Ansprachen waren meistens nie sehr-... naja, er ist halt etwas plump. Ich war immer der bessere Redner von uns beiden. Also musste ich des Öfteren vor Leuten sprechen.”

Anna musste lachen und es war erleichternd sie dabei etwas lockerer zu sehen. Für ein paar Sekunden schien sie ihre Angst vergessen zu haben, als sie dasaß und ihre Flasche in beiden Händen hielt.

“Wie viele Leute haben dabei immer zugehört?”, wollte sie neugierig wissen.

“Hmm… unterschiedlich. Manchmal nur zwanzig, manchmal an die sechzig. Es kam halt drauf an.”, erinnerte sich der Jarlssohn schulterzuckend “So oder so war die Nervosität immer weg, sobald ich vor ihnen stand. Ich habe mich beim Reden immer auf einen Punkt über den Köpfen der Menschen konzentriert, nie auf die Personen selbst. Und so habe ich die Blicke auch nie bemerkt.”

“Hm…”, machte Anna nurmehr, musterte Hjaldrist prüfend und wendete sich dann wieder ihrem Rebensaft zu, der eigentlich zu schade war, um ihn wie Wasser zu trinken. Nachdenklich sah sie darauf und schien über die Worte ihres Gefährten nachzudenken.

“Ich versuche die Leute zu ignorieren und bin dann nicht mehr nervös…”, wiederholte sie, als spräche sie zu sich selbst. Ihr Freund nickte und erst jetzt sank seine Hand an ihrem Rücken wieder. Die Ellbogen auf die Knie stützend beugte sich der Mann vor, um Anna anzusehen.

“Du kannst es aber auch so machen, wie Haldorn…”, meinte er verschwörerisch und versuchte eine ernste Miene zu wahren. Die Novigraderin sah auf und in ihrer Miene lag eine vage Vorahnung. Denn sie kannte die Geschichtchen rund um Hjaldrist’s jüngeren Bruder doch. Die mit der Truhe voller Scheiße zum Beispiel.

“Hmm…?”, machte sie dennoch fragend.

“Er war vor Ansprachen sogar immer nervöser, als ich. Obwohl er sonst eigentlich ein lauter und harscher Kerl ist. Vor großen Reden war er immer wie ein kleines Mädchen…”, erzählte der Skelliger und einer seiner Mundwinkel zuckte amüsiert. Anna sah ihn wie gebannt an.

“Und sein Trick war es sich die Zuschauerschaft nackt vorzustellen. Mit großen Tintenfischen als Hüte am Kopf.”, gab der Undviker preis und auf diese Worte hin starrte seine Freundin ihn einige Atemzüge lang einfach nur an. Und dann, ja, dann brach sie in lautes Gelächter aus, das so ansteckend war, dass auch Hjaldrist leise lachen musste.

“Nicht im Ernst!”, gluckste Anna, doch die Vorstellung irgendwelcher Nackter mit Tintenfischhüten schienen sie unglaublich zu erheitern “Diese Bilder werde ich nie wieder los!”

“Doch, doch, so hat Haldorn das immer gemacht.”, versicherte der Jarlssohn belustigt “Und du tust mir jetzt schon leid, wenn ich daran denke, dass im Publikum Alte und hässliche, fette Kerle stehen werden.”

Hjaldrist fing sich dafür einen laschen Schlag gegen den Oberarm ein und schmunzelte amüsiert, während Anna nicht wusste, ob sie lachen oder das Gesicht verziehen sollte. Sie wollte gerade einen Kommentar über stinkende Viecher mit Tentakeln loswerden, die auch in einigen Bestiarien vorkamen, da kam Linda ans wärmende Feuer, um ‘Prinzessin Tusnelda’ einen amüsiert-wissenden Blick zuzuwerfen. Sie setzte sich zu der kleinen Runde und der stolzierende Ravello nahte ebenso rüstungsklappernd. Er steckte sich sein Schwert in die hübsche Lederscheide und ließ den Blick abwartend über die Anwesenden schweifen.

“Na? Nervös?”, fragte die langhaarige Schwester Mias und ihre wachen Augen wanderten von Anna fort, hin zu der Weinflasche in deren fahrigen Händen. Die Monsterjägerin hielt inne und Verunsicherung zog an ihrer Miene.

“Naja…”, murmelte sie “Ja, schon.”

“Mach dir keine Sorgen. Das Schauspiel wird toll werden. Du siehst großartig aus.”, meinte die gutherzige Linda geduldig und war einmal wieder ganz die einfühlsame Mutterfigur. Man hörte, wie Ravello belustigt gluckste.

“Ja, es wird schön. Ich freue mich schon, obwohl Kunibert verlieren wird!”, meinte der strahlende Ritter, doch setzte sich nicht zu den anderen. Er hatte gerade wohl zu viele Hummeln im Hintern, um ruhig herumlungern zu können und sicherlich würde er bis zu seinem großen Auftritt aufgeregt auf und ab laufen.

“Rist meinte, ich solle mit die Zuseher nackt vorstellen.”, grinste Anna etwas schief, als sie von der Seite aus zu Linda hin sah “Vielleicht hilft mir das ja.”

Der besagte Mann neben der angeheiterten Novigraderin lachte leise.

“Mein jüngerer Bruder machte das immer so.”, erläuterte er beiläufig und grapschte nach der Flasche in der Hand seiner besten Freundin. Sie überließ ihm jene, während Linda heiter auflachen musste und sich die Hand dabei locker vor die Lippen hielt.

“Ach, du meine Güte!”, meinte sie “Eine sehr eigenartige Methode, aber bestimmt hilfreich!”

Auf dies hin schwiegen die vier Gefährten am knisternden Lagerfeuer eine Weile und es fühlte sich nicht unangenehm an. Jeder für sich versank in seine ganz eigenen Gedanken. Jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem Anna die Stille wieder brach. Der Alkohol machte sie redseliger als sonst und sie wand sich abermals an die herzensgute Linda. Noch immer sah sie etwas verunsichert aus und wollte um Rat bitten.

“Ihr macht das doch auch noch nicht lange…”, erinnerte sich die braunhaarige Alchemistin und musterte die Schwester der Träumerin forschend “Wart ihr nie nervös?”

“Hm? Was meinst du?”, Linda blinzelte irritiert.

“Das mit den Auftritten. Ihr habt vorher in Novigrad gelebt… im Färber-Viertel vor der Stadt, richtig?”, fragte Anna langsam und auch alle anderen lauschten jetzt gespannt.

“Oh. Ja. Ja, so ist das gewesen.”, lächelte die ältere Frau und wirkte dabei gar ein wenig überrascht. Schlussendlich kam die etwas eigene Monsterjägerin nicht so oft aus sich heraus, wenn es darum ging sich mit den Zirkusleuten zu unterhalten. Sie konnte eben nicht so gut mit anderen, war relativ einsam großgezogen worden und hatte ihren ersten Kontakt mit Menschen außerhalb Kaer Morhens erst mit etwa fünfzehn Jahren gehabt. Mit anderen Personen, als ihren Mentoren, hatte sie nie viel gesprochen. Das hatte sie dann erst müssen, nachdem sie mit achtzehn verschwunden und auf sich allein gestellt gewesen war. Und, bei Melitele, war sie damals ein sozialer, weltfremder Krüppel gewesen! Auch heute tat sich Anna manchmal noch schwer damit auf Leute zuzugehen. Daher überließ sie das Reden meistens Hjaldrist.

“Mia und ich wuchsen in relativ ruhigen Umständen auf. Unser Vater war schon immer ein Färber und verdiente sich damit sein Geld. Mutter starb früh an einem Fieber und als wir Mädchen alt genug waren, halfen wir ihm bei seiner Arbeit. Wir färbten Stoffe und verkauften sie am Markt in Novigrad.”, erzählte Linda und klang dabei richtig nostalgisch “Wir hatten, im Gegenzug zu dir, wohl ein sehr langweiliges Leben, Arianna.”

“Hmm. Meinst du?”, machte die zweiflerische Alchemistin im bunten Prinzessinenkleid. Ihre Weinflasche hatte sie noch nicht zurückbekommen. Rist schien Est Est ja wirklich gut zu schmecken.

“Ja. Oder nicht?”, lächelte die ältere Frau “Du bist nicht sehr gewöhnlich, wenn ich das so sagen darf. Bestimmt bist du auch unter vollends anderen Umständen groß geworden, als wir.”

“Naja… mir war früher auch oft langweilig...”, gab die Kurzhaarige bescheiden zu, doch äußerte sich nicht weiter über ihre einsame Kindheit oder das Jugendalter, das geprägt gewesen war von ständigem Training und dem Auswendiglernen von unglaublich trockener Theorie über Pflanzen oder Monster. Wahrscheinlich hätte ihr ein Dasein als Färberin damals sogar mehr Spaß gemacht, als tagein tagaus den Pfad Kaer Morhens zu laufen oder sich von Balthar mit Übungsschwertern verprügeln zu lassen. Ach, irgendwo hatte sie das Leben unter den Wölfen ja schon geliebt. Hätte sie nur dieselben Möglichkeiten besessen, wie Vadim, Jaromir und Balthar… und hätte man sie nicht ‘fortgesperrt’...

Linda lachte abermals und betrachtete Anna sanftmütig.

“Und was war mit Mia’s Fähigkeiten…?”, hakte der neugierige Hjaldrist nun aus dem Hintergrund nach “Sie hat mir erzählt, dass sie sich deswegen verstecken musste. Dass sie wegen eurer Nachbarn nicht darüber sprechen durfte. Doch habt ihr, als Familie, je Ärger deswegen bekommen?”

“Naja, bis die Hexenjäger kamen, lief alles relativ gut. Unsere größte Sorge war der fette Steuereintreiber der Stadt. Außerdem… nun ja, Mia’s Träume kamen spät und erst im jungen Erwachsenenalter. Sie suchte Hilfe in Oxenfurt und bekam jene dort auch sofort. Man nahm sie auch gerne als Lektorin in der Akademie auf.”, meinte Linda “Vater war wirklich stolz auf sie, doch wir beide haben sie auch sehr vermisst. Das, obwohl sie nie unsere leibliche Verwandte war. Es machte in unseren Augen keinen Unterschied.”

“Sie meinte, sie brauchte fünf Jahre, um die Träume zu verstehen…”, murmelte Rist und Anna sah erstaunt auf. Fünf Jahre? Das war eine lange Zeit, um eine zumeist unangenehme, verwirrende Sache einfach nur zu ‘verstehen’.

“Ja, sie war etwa genauso lange fort. Und dann kam sie uns ab und an besuchen.”, antwortete Linda nett “Wäre all das mit der Ewigen Flamme nicht passiert, wäre sie vielleicht wieder zurück nach Oxenfurt gegangen, um dort zu unterrichten, als mit dem Zirkus zu ziehen. Doch… ach, ich wisst eh Bescheid.”

“Die Spinner haben euren Vater entführt, weil Mia plötzlich auf deren Liste stand. Man wollte sie anlocken und verbrennen.”, erinnerte sich Anna mit finsterer Miene “So, wie viele andere Zauberinnen, Magier, Alchemisten oder Kräuterhändler.”

Oh, wie sie religiöse Fanatiker hasste! Zwar hatte sie nicht viel mit Herrn Baran zu tun und der Mann war, ähnlich wie sie selbst, ein Kerl, der sich lieber vor anderen zurückzog. Aber er war sehr nett und nebenher... auch eigenbrötlerisch. Eher war er also für sich oder mit seinen Mädchen, anstatt sich zu einer Runde zu gesellen und zu viel mit Außenstehenden zu tun zu haben. Das einzige Gespräch, das Anna je mit Peter Baran geführt hatte, war eines gewesen, in dem er sich aufrichtig bei ihr bedankt hatte. Für seine Rettung. Er hatte der Kräutersammlerin und ihrem Kumpel aus dem kalten Skellige die Hände fest gedrückt und von tiefstem Herzen ‘Danke’ gesagt. Danach hatte man immer nur sehr knapp miteinander gesprochen. Über das Wetter vielleicht oder andere Belanglosigkeiten während dem Essen. Auch jetzt saß Herr Baran weit abseits, vor dem Zelt seiner kleinen Familie, und schnitzte einsam. Dabei kaute er auf seiner Pfeife herum und schien ganz in Gedanken vertieft zu sein. Mia schälte sich soeben neben ihm aus der Lagerstätte und strich sich das Kleid ihrer Theaterrolle vorne penibel glatt. Auch sie war ganz offenkundig fertig, um zur groß angekündigten Aufführung in die Stadt zu gehen.

“Aber um auf deine Frage zurückzukommen, Arianna...”, zog Linda die Aufmerksamkeit aller auf sich zurück “Ja, wir waren am Anfang auch immer sehr, sehr aufgeregt. Aber mit der Zeit legt sich das ganz von selbst, glaube mir. Man gewöhnt sich daran auf der Bühne zu stehen.”

 

*

 

“Haa! Du böser Drache, ich werde dir hier und jetzt dein abscheuliches Leben nehmen! Bei meiner Ehre! Nie wieder wirst du eine arme Prinzessin entführen!”, rief Ravello hinter seinem Helmvisier laut über die Bühne und erhob sein frisch geöltes Schwert theatralisch, als sich Albion in seinem grünen, billigen Drachenkostüm vor ihm aufbaute.

“Pah!”, machte der Halbelf, der noch immer die Fackel festhielt, die er vor Sekunden für das Feuerspucken verwendet hatte. Und dann ging der große Drache der Blauen Berge auch schon auf armen Ritter Kunibert los. Letzterer hatte natürlich keine Chance zu gewinnen und landete nach einem kurzen Gerangel auf seinem Allerwertesten, dass es nur so schepperte. Ein langgezogenes Raunen ging durch die Zuschauerschaft am weitläufigen Marktplatz Vizimas, auf dem eine kleine Bühne stand, die man behelfsmäßig dekoriert hatte. Und während sich der hungrige Drache grollend über Kunibert beugte, um jenen zu töten, taumelte die Prinzessin Tusnelda überfordert zurück und presste sich die Hände vor die roten Lippen. Hjaldrist, der seine Rolle als stille Königswache längst gespielt hatte, hielt sich am Rande der Bühne, zwischen allen anderen, und beobachtete das turbulente Geschehen. Unweigerlich musste er schmunzeln und fragte sich, ob Anna gerade gewankt war, weil die Rolle der sensiblen Prinzessin kurz vor dem Kollaps stand, oder weil deren Schauspielerin betrunken war. Vielleicht auch beides. So oder so war die hübsche Novigraderin in dem bunten Kleid des Wanderzirkusses großartig. Sie nuschelte manchmal zwar etwas, doch ging in ihrem Schauspiel auf und gab sich große Mühe. Zudem wirkte sie keinen Deut mehr nervös und das war schön. Ihr bester Freund beobachtete sie mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

“Ach, wie schrecklich!”, stöhnte Anna wehleidig und hielt sich den Handrücken zitternd vor die Stirn, als sie so tat, als ginge sie gleich in die weichen Knie. Albion war sofort zur Stelle, um sie mit starken Armen aufzufangen und das in heldenhafter Pose, die eher zu einem Rittersmann als einem Drachen gepasst hätte. Trotzdem staunte das Publikum begeistert und die Kinder in der ersten Reihe jauchzten.

“Der Ritter ist endlich besiegt, meine Liebste! Verzage nicht, wir sind nun sicher!”, versprach der Halbelf mit dem schiefen, grünen Drachenhelm und den Flügeln aus altem Stoff “Sei gewiss, niemand wird uns je wieder stören!”

“Oh, lieber Drache, ich bin so froh!”, meinte Anna schwärmerisch seufzend und schaffte es dabei sogar nicht zu lallen “Lass uns heiraten und für immer zusammen sein!”

Die kurzhaarige Frau hob den Blick dem Spitzohrigen entgegen, der sie festhielt und lächelte etwas beduselt. Abwartend verschränkte Hjaldrist die Arme und war stolz darauf, dass seine zunächst so unruhige Kumpanin es tatsächlich geschafft hatte ihre Rolle bis zu Ende zu spielen. Und das auch noch so gut, obwohl sie eine ganze Flasche Est Est intus hatte. Träumerisch beäugte jene den glorreichen Albion, der arrogant lächelte. Und gleich, da käme die abschließende Umarmung vor den großen Augen der gebannten Zuschauer.

“Nichts lieber, als das!”, versprach der grüne Drache, als er die verliebte Tusnelda vorsichtig losließ und stattdessen nach ihren Händen fasste, die drei schöne Ringe von Linda schmückten. Sie beide lächelten sich glücklich an. Und dann… dann beugte sich Albion plötzlich vor. Hjaldrist stockte und erstarrte augenblicklich. Bevor er überhaupt begriff, dass sich die beiden Schauspieler nicht umarmen und drücken würden, sah er, wie der Halbelf des Zirkusses Anna küsste. Vor allen Leuten. Einfach so. Es kam so unerwartet, dass sich der Jarlssohn am Rande der Bühne kaum rühren konnte und verdattert starrte. Sein Kiefer wollte ihm nach unten klappen und er vergaß das laute Ringsum vollkommen, sah nurmehr Albion und Anna. Wie sich die beiden dort oben gegenüberstanden, sich die Hände hielten und einander küssten. Die sonst so ruppige Hexerstochter wehrte sich nicht einmal. Zwar mutete auch sie irgendwo überrascht an, doch der Alkohol in ihrem Blut verwehrte es ihr sich zu sträuben und zu zetern, wie sie es bei der großen Theaterprobe getan hatte. So war es immer gewesen. Wenn Anna genug getrunken hatte, war sie zu anhänglich, aufdringlich oder verdammt leicht herumzubekommen. Warum wunderte es den schwer getroffenen Hjaldrist gerade also überhaupt, was er sah? Es war wie bei einem schlimmen Unfall. Er konnte einfach nicht wegsehen, war wie zur Eisstatue erstarrt und glaubte, der schmerzvolle Moment würde niemals mehr enden. Albion hatte die Augen geschlossen, als er die Lippen auf die Anna’s drückte. Und die überrumpelte Frau… die sah den Halbelf benebelt an, ließ ihn einfach machen. Hjaldrist ertappte sich erst spät dabei den Atem angehalten zu haben. Und das, was auf der kleinen Bühne passierte, schnürte ihm die kratzende Kehle zu. Ringsum applaudierten die frohen Leute, jubelten und freuten sich. Es… es passte nicht zur Situation und der rapide fallenden Stimmung des Jarlssohns, der absolut nichts unternehmen konnte und dastand, wie bestellt und nicht abgeholt. Er fühlte sich so, so ohnmächtig, als er Anna groß anstarrte und nur noch sie im Blick hatte. Überfordert blinzelte er und seine negativen Gefühle überschwemmten ihn mit einem Mal wie eine massive, reißende Welle, der man nicht mehr entkommen konnte. Schwer atmete er aus, als seine Augen damit begannen unstet zu wandern. Die vielen Leute um ihn sprangen und klatschten, pfiffen, wollten eine Zugabe sehen. Nur er stand still da und so, als könne er sich nicht mehr rühren. Er sah, wie Anna die Lider niederschlug, als gefalle ihr, was passierte. Oh nein. Und das Bild vor den geweiteten Augen Hjaldrists verschwamm. Er konnte einfach nichts dagegen machen, Tränen waren ihm in die Augen getreten, denn das, was auf der Bühne vonstattenging, verhöhnte ihn auf’s Übelste und traf ihn wie ein harter Faustschlag in den empfindlichen Magen. Es machte ihn eifersüchtig und tieftraurig, enttäuscht und verbittert. So unglaublich verbittert. Hjaldrist fasste sich an die schmerzende Brust, die sich anfühlte, als hätte sie einen Speer abgefangen, krallte sich dort in seine Tunika. Was… was hatte er eigentlich getan, um all das hier zu verdienen? Er war doch immer ein guter Mensch gewesen, oder nicht? Was hatten die Götter nur gegen ihn?

Ehe ihm die erste dicke Träne über die Wange rollte, wendete sich der verletzte Skelliger ab und wischte sich mit dem Ärmel über das blass gewordene Gesicht. Noch während die Zuschauer am Platz glücklich lachten und jubelten, lief er los und floh. Fort von dem Marktplatz der Stadt und weg von Anna und Albion. Wohin, das war vorerst egal. Hjaldrist wollte nur weg, ganz weit weg. Und er konnte auf seinem Weg kaum etwas sehen, da ihm das Wasser in die Augen schoss. Er konnte es nichtmehr zurückhalten, schniefte, schluchzte verhalten in seinen Schal, zog sich die Kapuze und Gesicht. Was gerade passiert war, war zu viel. Viel zu viel. Und er wusste nicht, wie er damit zurechtkommen sollte.

 

Die Atmosphäre am kleinen Lagerfeuer war in der kommenden Nacht erdrückend. Oder vielleicht kam es dem wortkargen Hjaldrist nur so vor, weil er sich fühlte, wie ein getretener Köter. Stumm saß er da, mit einem Becher längst kaltem Gewürzwein in den Händen, und starrte den flackernden Flammen entgegen, die ein warmes Licht verströmten. Es ging ihm noch nicht viel besser und nach wie vor hatte er das Bild von Albion im Kopf, wie er Anna festhielt und küsste. Aus den Augenwinkeln linste der Undviker in die Runde, doch der Halbelf war gerade nicht da. Und seine Gram wühlte in seinem Inneren herum, schnürte dicke Knoten in seinen Magen. Denn, oh, am liebsten hätte er dem besagten Artisten auf’s dumme Maul gehauen. So gerne hätte der zutiefst enttäuschte Jarlssohn Albion am schmalen Kragen erwischt und den Bastard für das verprügelt, was er heute getan hatte. Doch dann fiel es Hjaldrist leider wieder ein, dass er dazu keinerlei Recht hatte. Anna… Anna war schließlich nicht sein Besitz. Und außerdem hatte er es sich doch vorgenommen sich etwas zu distanzieren und sie nurmehr zu behandeln, wie eine normale Freundin. So, wie früher, zu Beginn ihrer Reise und den plagenden, augenöffnenden neun Monaten, die sie nach dem Skrugga-Angriff durchleben hatten müssen. Wie hätte er dem älteren Feuerspucker also böse entgegentreten und jenem die Fresse polieren können? Albion hatte doch keine Ahnung; genauso wenig, wie die flatterhafte Novigraderin im Bunde. Und Hjaldrist fühlte sich wie der allergrößte Volltrottel auf dieser ungnädigen Welt, in der er gerade viel zu unbedeutend zu sein schien. Es war, als habe man ihn bloßgestellt.

“Eines muss man Est Est lassen…”, meinte Anna, die unweit saß und sich amüsiert nach Ravello umsah “Man kriegt keine Kopfschmerzen davon.”

Die Frau, die sich umgezogen hatte und wieder Hemd und Hose trug, war langsam wieder nüchtern und guter Dinge, so schien es. Die heikle Sache von vorhin, auf der Bühne in der Stadt, schien sie keineswegs zu jucken. Dies ärgerte ihren besten Freund.

“Natürlich nicht!”, tönte der Ritter aus Beauclair “Nur von gepanschtem, schlechtem Wein bekommt man einen Schädel!”

Linda, Mia und Frobert lachten, als Ravello dies so selbstsicher sagte. Und auch die viel zu lockere Alchemistin, die auf einem der Strohballen saß und nur noch Wasser trank, grinste leicht. Igold und Herr Baran waren, so wie Albion, nicht da. Entweder schliefen sie schon oder wollten einfach ihre Ruhe. Eigentlich eine gute Idee…

Hjaldrist trank den letzten Schluck seines erkalteten Gewürzweines, stellte den hölzernen Becher fort und erhob sich. Er würde in sein Zelt gehen, sich unter die vielen Decken verziehen und versuchen zu schlafen. Heute wäre er sowieso für nichts mehr zu gebrauchen, wollte allein sein, und er hoffte, dass es morgen wieder mit seiner Laune bergauf gehen würde. Der dunkelhaarige Mann würde sich einreden, dass das zwischen Anna und Albion nur ein Kuss gewesen war. Ja, ein ganz simpler, harmloser Kuss. Er hatte nichts bedeutet. Und… und der missmutige Undviker sollte damit aufhören die kalten Hände wütend ballen zu wollen, wenn er nur daran dachte. Ja, genau. Er sollte sich entspannen, nicht wahr? Was sollte er auch sonst tun? Er hatte kaum eine Wahl.

“Huh? Schon müde?”, wollte Mia wissen, als sie bemerkte, wie sich der Inselbewohner im grünen Rock abwendete. Wie immer hatte sie ihn natürlich im Auge gehabt. Er nickte.

“Gute Nacht, Rist! Bis später!”, wünschte Anna noch und bemerkte den bissigen Blick nicht, den Mia ihr daraufhin zuwarf.

“Ja… ja ich leg mich hin. Bis später.”, sagte der Viertelelf lasch, griff nach Erlklamm und setzte sich ohne ein ‘Gute Nacht’ in Bewegung. Er kam aber kaum zehn Schritte weit, da hörte er Albion’s Stimme hinter sich. Dort, beim Feuer.

“Anna?”, konnte man den Künstler im bunten Gewand fragen hören und der geknickte Skelliger sah über seine Schulter zum Lagerfeuer zurück, an dem der Braunhaarige mit den spitzen Ohren aufgetaucht war. Die angesprochene Frau erhob sich gleich und leider konnte man ihren Ausdruck nicht erkennen, da sie mit dem Rücken zum angespannten Hjaldrist stand.

“Kommst du mal?”, entkam es dem Halbelf, der vom Auftritt noch etwas grüne Farbe im Gesicht hatte, nett und er lächelte. Anna zögerte. Doch dann willigte sie ein. Ihr bester Freund von den Inseln atmete tief durch, als er dies bemerkte und sah, wie die jüngere Kriegerin mit Albion ging. Was… was wollte jener jetzt von ihr? Warum ging er mit ihr wohin, wo sie alleine wären? Das tat er doch? Es gefiel dem innehaltenden Jarlssohn ganz und gar nicht und er erwischte sich tatsächlich dabei sich kurz zu überlegen den beiden anderen folgen zu wollen. Denn in seinem wirren Kopf, da nahm der Halbelf mit dem charismatischen Lächeln die Alchemistin mit in sein Zelt oder an einen blickgeschützten Ort, um sie wieder an sich zu ziehen und zu küssen. Um mit ihr sonst was zu tun. So eifersüchtig war der Skelliger mit dem Fellbesatz an der Kapuze, dass ihm kaum etwas Anderes in den Sinn wollte. Und es machte ihm das stechende Herz, das ihm gen Grund rutschen wollte, unsäglich schwer. Er schluckte, blinzelte angestrengt und riss den Blick wieder von dem wärmenden Feuer fort, an dem Anna nun fehlte. Und trotz allem rief er es sich wieder in Erinnerung, dass er keinen Anspruch auf sie stellen dürfte. Dass er nur ein normaler Freund sein wollte… oder sollte. Kein Liebhaber oder gar mehr. Er war nur Hjaldrist, der idiotische, viel zu gutmütige und schüchterne Kumpeltyp, der es nicht erwarten durfte von seinem großen Schwarm geliebt zu werden. Es war ungerecht. Doch das war das Leben immer. Er sollte sich endlich damit abfinden.

 

*

 

Anna’s braune Augen hingen abwartend auf Albion, als dieser nach kurzer Zeit und am Rand des Lagers anhielt. Hinter einem der Zirkuskarren, die mit wenigen Kisten beladen waren, standen sie und es war klar, was der Halbelf wollte. Nur das Mondlicht tauchte die Umgebung in ein fahles Licht, dennoch konnte man genug sehen, um zu erkennen, dass den Mann etwas beschäftigte. Sehr. Die anwesende Novigraderin verschränkte die Arme daher skeptisch vor der Brust und bedachte ihr Gegenüber mit kritischen Blicken.

“Was?”, wollte sie kühl wissen “Kommt jetzt eine laue Entschuldigung oder hast du vor mich nochmal zu küssen?”

“Äh...”, machte Albion wie ertappt und von seiner sonst so koketten, verspielten Art war nicht mehr so viel übrig. Er hatte doch nicht etwa ein schlechtes Gewissen? Anna’s Miene war nach wie vor finster. Und sie besann sich auf das beruhigende Gefühl ihres Dolches, der ihr hinten im ledernen Gürtel steckte und dort leicht gegen ihren unteren Rücken drückte.

“Im Fall von letzterem muss ich dich leider enttäuschen, Klingenohr, denn ich bin nicht mehr betrunken genug.”, schnaubte die Kämpferin beleidigt. Das, was am Abend auf der Bühne in Vizima passiert war, war nicht geplant gewesen. Schon bei der Hauptprobe des Schauspiels hatte sie sich vehement dagegen ausgesprochen sich vor allen Leuten von dem gierigen Feuerkünstler küssen zu lassen. Und dennoch hatte er es heute getan, dieser übermütige Narr. Er hatte sich damit am Ende ganz schön blamiert. Zumindest vor seinen eigenen Leuten, denn die erschrockene Anna hatte ihn noch auf der Bühne von sich gedrückt und irritiert angestarrt. Die vielen Zuschauer Vizimas hatten dies lustig gefunden, gelacht und gegrölt. Doch die Hexerstochter im farbenfrohen Kleid, so angeheitert sie auch gewesen war, hatte die Sache nicht so amüsant gefunden. Sie war richtig stinkig geworden, denn anders als andere Techtelmechtel, die sie sonst immer im Suff gehabt hatte, hatte Albion durchaus gewusst, dass sie nicht wollte, dass er ihr zu nah kam. Hinter der niedrigen Bühne hatte sie ihm dann Eine gescheuert, dass es ihm den Kopf nur so herumgerissen hatte. Mia und Linda waren sofort zur Stelle gewesen, um dazwischen zu gehen und den perplexen Halbelf mit der roten Wange vor Schlimmerem zu bewahren. Es war ihnen auch gelungen, denn noch immer war Anna etwas taumelig vom Wein gewesen. Nun aber, da war sie relativ gut ausgenüchtert. Und würde das dumme Spitzohr hier es noch einmal wagen sie auch nur anzufassen, könnte es sein blaues Wunder erleben! Pah, am liebsten wäre die verstimmte Trankmischerin gerade ganz weit fort gewesen. In Serrikanien zum Beispiel.

“Es tut mir leid.”, entkam es Albion schließlich kleinmütig und Anna verzog keine Miene, als er sich mit der Hand durch den Nacken fuhr. Starr sah sie ihn an und so, als erwarte sie eine Erklärung. Die bekam jene auch:

“Ich war wohl ein wenig zu sehr in Rolle… und naja. Es war jedenfalls keine Absicht.”, rechtfertigte sich der langhaarige Zirkuskünstler. Er räusperte sich vernehmlich, lächelte etwas betreten. Die Stimmung war eigenartig und ungut.

“Aha. Du willst mir also sagen, dass du es nicht einfach guten Gewissens ausgenutzt hast, dass ich etwas betrunken war?”, wollte sie wissen und ihr Ton war hart “Verarsch mich nicht, Albion. Ich weiß, wie Kerle ticken.”

“Was? Ich veralbere dich nicht.”, beteuerte der beschuldigte Mann sofort und kräuselte die schmalen Brauen “Warum sollte ich?”

“Weil du schon herumschleimst, seit wir zusammen reisen. Denkst du denn, ich sei blöd?”, murrte die Kurzhaarige unzufrieden. Ihre Augen verengten sich leicht und wollten ihr stammelndes Gegenüber durchbohren, wie kleine Dolche.

“Ich schleime nicht.”, wehrte sich Albion seinerseits “Ich finde dich nur nett, das ist alles.”

“Das heißt?”, hakte die grantige Frau nach.

“Na, ich finde, dass du, Hjaldrist und Anton gut zu uns passt. Und ich sehe euch wie Freunde. Als Teil der Gruppe. Und da darf ich doch freundlich sein?”, fragte der dünne Feuerspucker und verzog den Mund unglücklich “Ich wollte nicht… aufdringlich wirken.”

“Du zwinkerst mir bei jeder Gelegenheit zu.”, erinnerte Anna “Und du machst mir ständig Komplimente. Hör auf mit der Scheiße. Ich mag das nicht.”

Sie verschränkte die Arme noch enger und man sah ihr an, wie unglaublich unwohl sie sich gerade fühlte. Dennoch sah sie nicht fort, den wegzusehen wäre ein Zeichen für Schwäche oder Unsicherheit gewesen. Eine Blöße, die sie sich gerade nicht geben wollte. Oh, wie sie es hasste über Themen wie dieses hier zu streiten! Sie wollte davon doch eigentlich gar nichts wissen. Es gab guten Grund, warum sie immer schnell Reißaus nahm, wenn sie den Eindruck hatte, dass sich jemand in sie verliebte, klammerte oder dergleichen. Sie wollte mit solchen Bindungsdingen nichts zu tun haben.

“Was? Das mache ich nicht nur bei dir, Anna.”, stellte der Braunhaarige mit der bunten Pluderhose schnell klar und erhob die Hände abwehrend “Ist dir das noch nie aufgefallen?”

“Du willst mir sagen, dass das einfach deine Art ist?”, wollte die Frau wissen und der Artist nickte heftig. Es mutete an, als verstünde er tatsächlich gerade erst, dass die Novigraderin es nicht mochte, wenn man ihr schöne Augen machte oder sie glaubte, dass man es tat.

“Ich wollte dich nicht beleidigen oder belästigen.”, versicherte der Kerl nachgiebig “Warum hast du denn nichts gesagt?”

Eine knappe Stille tat sich auf diese berechtigte Frage hin auf. Denn Anna wusste nicht so wirklich, was sie nun antworten sollte. Ja, was sollte sie schon sagen? ‘Ich hasse es, wenn mir Leute so indirekt anzüglich kommen’? Oder ‘Ich habe kein Interesse an Schäferstündchen, mit Leuten, mit denen ich länger reise, weil es sich eigenartig anfühlen würde ihnen jeden Tag in die Augen zu sehen’? Oder vielleicht ‘Wenn ich mit jemandem rummachen will, dann gehe ich zu Rist’?

Bei Melitele…

Man hörte Albion langgezogen seufzen.

“Ich will wirklich nichts von dir und das von heute tut mir auch leid, Anna. Viel mehr kann ich dazu leider nicht sagen.”, erklärte er dann noch einmal ernst.

“Mhm.”, machte die Frau nurmehr und wiegte den Kopf abschätzend.

“Hör zu… ich stehe nicht auf dich, ja? Generell… hab ichs nicht so mit Frauen. Der Kuss war also nichts und gehörte zum Theaterstück. Jedenfalls in meinen Augen. Und deswegen wollte ich mich entschuldigen, weil ich dich damit verärgert habe.”, sagte der Spitzohrige erstaunlich offen und aufrichtig. Seine Worte ließen die anwesende Kriegerin innehalten. Irritiert sah sie auf, ehe sie eine Erkenntnis beschlich, die sie dazu brachte die verschränkten Arme langsam wieder sinken zu lassen. Mit einem Mal lockerten sich die angespannten Glieder Annas wieder und ihre Miene verrutschte in eine verblüffte Richtung.

“Hast du das verstanden?”, wollte Albion wissen und seufzte wehleidig “Oder muss ich es dir erklären?”

“Äh…”, machte die burschikose Frau, die sich plötzlich wieder viel freier und weniger bedrängt fühlte “Nein. Ich habe es kapiert.”

“Gut.”, lächelte der ältere Halbelf erleichtert “Lass uns nicht mehr streiten, in Ordnung?”

“Ich wusste nicht, dass du auf Kerle stehst.”, war das einzige, das Anna jetzt vorlaut einfiel und sie brachte Albion damit dazu vor den Kopf gestoßen zu stutzen “Du hast dich nie so verhalten.”

“Was? Was meinst du damit?”, hakte der Künstler brummend nach “Nur, weil ich von der Norm abweiche, trage ich um den Hals kein Schild, auf dem steht: Ich mag Männer.”

“Ach, das meinte ich nicht.”, entgegnete die Alchemistin sofort “Du hast Ravello oder Rist immer in Ruhe gelassen.”

“Weil es für sie vermutlich befremdlich gewesen wäre, wenn ich es nicht getan hätte.”

“Aber du findest es nicht komisch Frauen zuzuzwinkern?”

“Nein. Weil es für mich etwas ist, das nichts mit diesem gewissen Interesse zu tun hat.”

Anna seufzte und rieb sich die Schläfe. Oh, sie glaubte, sie bekäme heute doch noch Kopfschmerzen und das nicht vom Est Est.

“Ah. Ist ja auch egal…”, murmelte sie stöhnend.

“Wobei Hjaldrist schon ziemlich gut aussieht.”, kommentierte Albion weiter und lächelte verschmitzt. Anna’s Braue zuckte in die Höhe und sogleich erhob ihr Gegenüber wieder eine abwehrende Hand. Weswegen? Hatte Albion etwa Angst, dass die Hexerstochter ihm wegen Rist wieder Eine reinhaute? Das würde sie nicht tun. Sie war doch nicht der Leibwächter ihres besten Freundes.

“Nur ein Scherz!”, verteidigte sich der langhaarige Mann mit Worten, doch die Novigraderin schmunzelte bloß, als sie ihn forschend betrachtete “Oder eher: Er ist nicht so mein Typ.”

“Oha. Damit wärst du der Erste, das das sagt.”, schnaufte die erstaunte Kriegerin belustigt “Warum?”

“Ich finde blonde Kerle ziemlich anziehend. Welche, die auch etwas größer und… äh, naja, rauer sind.”, gab Albion zu und entlockte Anna damit ein knappes Lachen. Sie kam nicht umhin den Kopf ungläubig schütteln zu müssen.

“So, so. Blond, hm? Dann geh doch zu Ravello.”, forderte sie witzelnd und Albion fiel in ihr Gelächter ein.

“Ich überleg’s mir.”, scherzte der erleichterte Halbelf zur Antwort, hielt seiner Kumpanin dann aber auch schon seine Hand hin und wurde wieder einen kleinen Deut ernster. Doch nicht zu sehr, denn noch immer lächelte er breit.

“Vertragen wir uns?”, fragte er. Anna ließ den Blick auf die ausgestreckten Finger ihres Gesprächspartners sinken. Dann, nach einem kurzen Zögern, fasste sie bereitwillig danach, um die Hand Albions zu drücken.

“Wir vertragen uns.”, versprach sie nickend und sah wieder auf “Solange du mich nicht wieder küsst. Denn dann breche ich dir was.”

“Alles klar.”, gluckste der schmale Feuerartist “Und ich lasse auch die Finger von deinem Hjaldrist.”

Anna, die die Hand des Mannes just wieder losließ, runzelte die Stirn und legte das Haupt schief. Dies, obwohl sie ahnte, was gleich käme.

“Was soll das denn heißen?”, fragte sie scheinheilig.

“Ach. Ihr habt nichts am Laufen?”, wollte der Mann in der bunten Klamotte wissen.

“Nicht wirklich, nein.”, log die Frau mit der Fuchssträhne. Denn es war doch so, dass sie beizeiten mit ihrem guten Kumpel aus dem Westen schlief. Oder… naja, dass es passierte, dass sie betrunken miteinander rummachten. Recht heftig. Und es gefiel ihr.

“Hm.”, lächelte der Braunhaarige verhalten und in seinem Blick lag irgendetwas Wölfisches, das davon erzählte, dass er Anna nicht glauben mochte. Er war ein ziemlich gewitzter, aufmerksamer Zeitgenosse. Es lag vielleicht an seinen elfischen Wurzeln, dass er manchmal besser hörte oder sah, als andere.

“Was?”, entkam es Anna knapp und trocken, während sie keine Miene verzog. Und es klang wie eine kleine, versteckte Drohung.

“Nichts.”, wand sich der Halbelf schnell aus allem heraus und wich dem prüfenden Blick der Anderen gedankenvoll aus. Er atmete durch, dachte ganz offensichtlich nach, wirkte auf einmal ein wenig mitleidig und suchte gleich wieder Augenkontakt. Nun, da war er wieder völlig ernst, lächelte nicht einmal mehr.

“Du solltest mit ihm sprechen.”, sagte Albion dann und meinte es gut.

“Hm? Mit Rist?”, Anna steckte sich die Hände in die Taschen.

“Ja.”

“Wieso?”

“Er ist gegangen, als ich dich auf der Bühne geküsst habe. Davor war er noch ganz vorn, unter den Zusehern. Doch dann war er auf einmal fort.”

Anna zog die Brauen weit zusammen, als sie Albion unschlüssig taxierte. Sie selbst hatte nach dem Kuss nicht mehr in das große Publikum gelinst, da sie genug damit zu tun gehabt hatte verärgert von der Bühne zu stapfen, um ihren Drachenkollegen dann anzuschnauzen und zu schlagen. Wie hätte sie sich da auf das konzentrieren können, was vor der kleinen Bühne geschah?

“Vielleicht musste er mal wohin.”, schätzte sie naiv.

“Das glaube ich nicht.”, bezweifelte der vernünftige Halbelf “Also spreche ihn mal darauf an. Er war heute den ganzen Abend lang richtig, richtig schlecht gelaunt. Mia machte sich in der Zwischenzeit echte Sorgen.”

“Er ist oft schlecht drauf.”, meinte Anna unglücklich und dachte dabei an die schlaflosen Nächte des geplagten Träumers, der ihr ganz klar sehr leid tat “Aber… naja… ich frage ihn einfach einmal.”

“Ja, tu das.”, sagte Albion und überlegte erneut kurz, bevor er seine Gedanken einfach aussprach. Und als er dies tat, klang er ungewohnt sanftmütig.

“Ich glaube, er mag dich sehr, Anna.”, entkam es dem älteren Braunhaarigen direkt “Und ich denke, es hat ihn verletzt, dass du die Prinzessin gespielt hast, die den Drachen heiraten wollte... und nicht ihn.”

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