Kapitel 66

Das größte Schwein von allen

Die ehrlichen Worte Albions hatten Anna zunächst getroffen wie ein harter Felsschlag. Und gleichzeitig hatte sie sich dabei ertappt am Anfang zwar irgendwo schockiert zu sein, die Äußerung des Halbelfen dann jedoch… zu verstehen. Wenn man gut darüber nachdachte, dann lag es doch nahe, dass sich Hjaldrist der jüngeren Alchemistin eng verbunden fühlte. Dass er womöglich gar eifersüchtig war, wenn ihr ein anderer Kerl zu nahe kam. So viele Dinge sprachen dafür und begonnen hatte es damals in Beauclair. Denn Rist war neidisch auf Louis, Ravello’s Bruder, gewesen, oder? Er hatte damals gemeint, er spiele nur das gute Gewissen und wolle seine Freundin davon abhalten noch irgendeinen Unsinn anzustellen, doch Anna hatte seinen verzwickten Blick und die zusammengepressten Lippen gesehen. Dieser Mann hatte sich unglaublich unwohl gefühlt, während er geschimpft hatte, und nicht nur den strengen Vaterersatz gespielt. Genauso, wie es Anna auch beleidigt hatte, als sie mitbekommen hatte, dass sich Mia sehr um Hjaldrist bemühte. Es hatte sie regelrecht krank gemacht daran zu denken, dass ihr bester Freund mit dem Wanderzirkus gehen würde und nicht mit ihr. All diese Gefühle beruhten also in gewisser Weise auf Gegenseitigkeit. Und trotzdem fühlte sich der Punkt mit der Heirat unsäglich befremdlich an; dass Albion meinte, der Schönling aus dem Wesen wäre geknickt, weil Tusnelda den Drachen heiraten wollte und nicht ihn. Denn… denn so etwas wie Hochzeit oder dergleichen ging zu weit. Viel zu weit. Es war doch schon schwer daran zu denken, dass Rist mehr für Anna empfand, als eine sehr tiefe Freundschaft. Es war eine Sache, die man wohl schnell bereden und aus der Welt schaffen sollte; etwas, das die Schwertkämpferin unglaublich beschäftigte. Und daher war sie nun, da fast alle anderen schon längst schliefen, noch immer wach und lief unweit des Lagerfeuers im Kreis. Oh, sie war so nervös. Sie war keine gute Rednerin und hatte keine Ahnung, wie, wo und wann sie mit Hjaldrist sprechen sollte. Anna hatte keinen Plan und glaubte, dies mache sie noch verrückt.

Auch Frobert war noch hier und hielt Nachtwache. Der Halbling briet sich soeben eine Wurst, die er auf ein Stöckchen gespießt hatte und über das Feuer hielt. Immer wieder sah er zu der zappeligen Alchemistin, doch sagte nichts. Auch blickte er ihr nur kritisch schweigend nach, als sie irgendwann schnellen Schrittes verschwand.

 

Tief durchatmend ging Anna auf das kleine Zelt zu, das sie sich seit jeher mit Hjaldrist teilte. Eine gewisse, eiserne Entschlossenheit lag da in ihrem Blick, als sie den geschnürten Eingang der Lagerstätte aufzog, um die Eingangsplane beiseite zu ziehen. Sie würde ihren Freund aufwecken. Jetzt. Und sie würde ihn fragen, ob es stimmte, was Albion behauptete. Sie wusste nicht, wie lange sie heute Nacht auf und ab gerannt war und über ihre wenigen Optionen nachgedacht hatte. Aber nun, da würde sie es einfach tun: Sie würde Rist wachrütteln und ihn konfrontieren. Und… und dann… könnte man ja weitersehen. Äh. Zugegeben, die aufgebrachte Anna hatte keine Ahnung, was sie tun würde, würde der Skelliger die prekären Worte des Feuerspuckers bestätigen. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, sollte ihr Kumpan ihr sagen, er sei in sie verliebt. Sie hatte eine dunkle Vorahnung. Und trotzdem wollte sie reden. Sie MÜSSTE, sonst drehte sie noch durch.

Als die Frau jedoch die Plane des Zeltes beiseite schlug, schlief ihr dunkelhaariger Kumpel nicht. Er saß auf den vielen warmen Fellen, hatte eine der Öllampen entzündet und las. Müde sah er auf, als Anna langsam eintrat und dies warf sie vollends aus dem Konzept. Hatte sie sich gerade noch so fest vorgenommen diesen Mann aufzuwecken, hielt sie jetzt inne, wie ein Einbrecher, den man auf frischer Tat erwischt hatte. Ihre trockenen Lippen standen ihr einen kleinen Spalt weit offen und sie wusste nicht, was tun.

“Hey.”, machte Rist schlicht und sah gleich wieder auf das Buch auf seinen Schoß hinab.

“Ähm.”, bekam er als wackelige Antwort “Hey…”

Anna’s braune Augen blieben an dem ruhigen Jarlssohn hängen und sie musterte ihn knapp. Nur langsam fasste sie sich wieder, straffte die Schultern und erinnerte sich daran, was sie eigentlich vorgehabt hatte. Und es mutete so schwierig an. Der Plan den über das Buch gebeugten Axtkämpfer auf seine Gefühle anzusprechen war auf einmal wieder ganz weit fortgerückt.

Nur schleppend wendete sich die burschikose Frau ab, um das Zelt hinter sich zu schließen. Und noch zögerlicher trat sie sich die Stiefel von den Füßen, um die bequeme Schlafstätte hier nicht mit Matsch zu besudeln. Kleinmütig linste sie dann wieder zu ihrem Freund, der sich ebenfalls die Schuhe ausgezogen hatte, sonst aber noch all seine Kleidung trug. Hatte er etwa bis jetzt nicht geschlafen? Es musste schon unglaublich spät sein. Und daher fragte Anna das Offensichtliche:

“Kannst du wieder nicht schlafen?”, wollte sie wissen, als sie nähertrat. Welch ein lächerlicher Versuch ein Gespräch zu beginnen...

“Nein…”, gab Rist von sich und sah nicht von seiner Lektüre auf. Es war ein Geschichtenbuch, das sie beide kürzlich auf einem Markt gefunden und gekauft hatten. Die Alchemistin kam zu ihrem Kumpel auf die Schaffelle und ließ sich darauf nieder, sah zuerst ihn an, dann auf das alte Schriftwerk in seinen Händen. Sie hatte jenes längst gelesen

“Wie weit bist du schon?”, fragte Anna.

“Beim Tod des Königs.”, entgegnete der Undviker knapp. Und dann schwiegen sie beide eine lange Weile, während Rist einfach weiterlas und seine Begleiterin ihm dabei zusah. Noch immer war sie unruhig und es beschäftigte sie ungemein, was Albion gesagt hatte. Wie sollte sie es bloß zustande bekommen den anwesenden Krieger über seine Emotionen auszufragen? Sie war so unglaublich schlecht in sowas. Und sie hatte auch eine ziemliche Angst vor seiner Antwort.

 

“... Rist?”, durchbrach Anna’s leise Stimme die Stille nach einiger Zeit und der angesprochene Mann blickte leicht von seinem Märchenbuch auf. Er sagte nichts, sah im tanzenden Schein der Lampe bloß abwartend her.

“Wie fandest du die Vorstellung heute eigentlich?”, fragte die Frau unsicher.

Er schwieg weiterhin, öffnete einmal den Mund, um etwas zu sagen, doch ließ es dann bleiben.

“Ich meine… naja, ich war betrunken, aber ich glaube, ich war ganz gut…?”, schätzte die Kurzhaarige gleich zweifelnd und spielte damit eigentlich auf etwas ganz anderes an. Wenn Hjaldrist dies vermutete, ließ er es sich nicht anmerken. Er legte die alte Skellige-Gwent-Karte, die er immer als Lesezeichen verwendete, in sein halb durchgelesenes Buch und klappte es zu. Dann wiegte er den Kopf abschätzend.

“Du warst gut.”, sagte er. Sein Ausdruck verriet dabei nichts über ihn. Er zeigte lediglich, dass sich der arme Kerl müde fühlte, weil er es nicht schaffte ein Auge zuzumachen.

“Findest du?”, fragte Anna lasch und hielt inne. Sie holte Luft und kaute auf den Worten herum, ehe sie sie endlich ausspuckte.

“Die anderen meinten, dass du nicht bis zum Ende da warst. Warum denn?”, entkam es ihr ungeschickt und sie spürte, wie ihr das Adrenalin in den angespannten Körper drang. Kontrolliert und so unauffällig als möglich atmete sie aus. Oh, ganz ruhig jetzt, Anna.

“Hm?”, machte der Undviker und nahm die dunklen Augen nicht von seiner Freundin “Ich musste mal wohin.”

“Oh.”, Anna wollte ein Stein vom Herzen fallen. Und augenblicklich fiel es ihr wieder etwas leichter ihren Kollegen aus dem Westen anzusehen und mit ihm zu sprechen. Es war doch lächerlich. Nur… warum kam ihr dessen Aussage dennoch vor, wie eine billige Ausrede? War der Undviker wirklich aufrichtig?

“Also… Albion, der Arsch, hat mich am Ende geküsst. Obwohl ich sagte, dass ich das nicht will.”, erzählte sie und ahnte nicht, dass Rist dies ganz genau wusste. Dass er noch da gewesen war und es sich mit angesehen hatte, war ihr nicht wirklich klar, obwohl sie die Ausflüchte des Mannes irgendwo in ihrem Hinterkopf anzweifelte.

“Ach so?”, murrte Hjaldrist bedächtig “Und?”

“Ich habe ihm hinter der Bühne Eine dafür verpasst.”, sagte die Schwertkämpferin ruppig und sah, wie die Brauen ihres Freundes überrascht in die Höhe wanderten “Am liebsten hätte ich ihm die Nase eingehauen, doch Linda und Mia haben mich davon abgehalten.”

Ein leichtes, zufriedenes Grinsen zog jetzt am Mundwinkel Hjaldrists. Er taxierte Anna und wirkte ein klein wenig wacher, als noch zuvor. Warum? Es amüsierte ihn wohl, dass der Feuerspucker des Wanderzirkusses Eine gescheuert bekommen hatte. Oder war das in seiner Visage Erleichterung?

“Aber immerhin hat er sich vorhin bei mir entschuldigt.”, meinte sie noch “Und stell dir vor… er hat gesagt, dass er auf Männer steht.”

Hatte man Rist vorhin kaum eine zu auffallende Emotion angesehen, weil er einfach nur müde angemutet hatte, so stockte er nun merklich und verschluckte sich fast an der eigenen Spucke. Sein Gesicht entgleiste und Anna musste heiter lächeln.

“Er meinte, du wärst nicht sein Typ. Aber er würde es einmal bei Ravello versuchen.”, die Kriegerin lachte leise in sich hinein und biss sich verschlagen auf die Unterlippe “Glaubst du, der lässt ihn ran?”

“Bei Freya’s Titten…”, murmelte der Inselbewohner, als er kurz wegsah. Als wäre er erleichtert, fasste er sich mit der einen Hand ungläubig an das Gesicht und schüttelte den Kopf.

“Was denkst du, hm?”, wollte Anna geheimnistuerisch wissen, berührte Rist am Arm und haschte damit wieder nach der Aufmerksamkeit ihres fassungslosen Kumpanen. Aus den Augenwinkeln sah er zu ihr.

“Ob Albion bei Ravello landet?”, schnaubte er amüsiert “Also unser Ritter ist ja ein Lebemann, aber ich bezweifle es… der jagt doch nur Röcken nach. Selbst du bist ihm zu ‘männlich’.”

“Hä?”, entkam es Anna sofort, als sie aufhorchte “Hat er das gesagt?”

“Ja.”, schmunzelte Rist schelmisch “Hat er. Vor Kurzem erst.”

“Was für ein Arsch.”, empörte sich die Frau halbernst “Dabei hat mir dieses Aas Duftwasser geschenkt.”

Man sah, wie der Inselbewohner mit dem Buch am Schoß die Stirn in Falten legte und seiner besten Freundin den Kopf wieder ganz zudrehte.

“Hat er?”, fragte jener nun neckisch “Und ich dachte, ‘Mama Linda’ sorgte in den letzten Tagen dafür, dass du nach Rosen riechst.”

Anna verstummte und starrte den Skelliger einige Wimpernschläge lang nur stumm an. Dann räusperte sie sich jedoch verlegen.

“Nein…”, gab sie betreten zu und senkte den Blick fort, rieb sich den Nasenrücken “Ich mag’s. Irgendwie.”

“Na, dann hat Ravello bei dir ja ein Stein im Brett.”, schätzte der Jarlssohn offen und Anna sah kratzbürstig auf.

“Nein, der braucht sich bei mir gar nicht erst Hoffnungen machen. Außerdem hat er gesagt, dass es nur ein Geschenk unter Freunden und Geschäftspartnern ist.”, brummte die betroffene Novigraderin und Rist schenkte ihr einen interessierten Blick. Sie klärte ihn gleich auf.

“Er will Kosmetik verkaufen und ich mische sie ihm, solange er mich nicht in den Verkauf einspannt.”, erklärte sie “Er glaubt, dass er damit reich wird und alle Mädchen auf ihn fliegen. Ich bezweifle das ja.”

“Was…?”, fragte Hjaldrist, als veralbere man ihn gerade. Seine Augen hatten Anna längst wieder eingefangen und er verkniff sich ein Grinsen, das sah man.

“Das ist das Bescheuertste und gleichzeitig Genialste, das ich jemals gehört habe.”, gab er zu und entlockte seiner Freundin damit ein Lachen, das sich nicht so recht zwischen peinlich berührt und triumphierend entscheiden konnte. Sie zuckte die schmalen Schultern, dann schwieg sie wieder. Auch Rist sagte nichts, als er sie betrachtete und dabei irgendwie in Gedanken versank. Er hörte auf schief zu lächeln, wurde ernster, sah fort. Er zog die Brauen zusammen und holte Luft zum Reden. Was war plötzlich los?

“Ach ja, Anna.”, entkam es dem Skelliger dann, als die Frau aus dem Norden die Stirn runzelte “Macht es dir was aus, wenn… wir etwas mehr Platz zum Schlafen machen?”

“Hm? Was?”, sie blinzelte wirr, denn sie wusste nicht, was der seufzende Viertelelf meinte. Nur langsam sah er wieder zu ihr zurück, irgendwie betroffen. Dann nickte er in die Richtung der hellen Felle, auf denen sie beide saßen. In den letzten Monaten hatten sie zu zweit auf jenen geschlafen. Und das doch recht kompakt, zusammen unter all den Decken und auf so viel Platz, wie es nur eineinhalb Leute bräuchten. Es war zur Normalität geworden.

“Ich hätte gerne mehr Platz beim Schlafen.”, gab Rist zu “Der Winter ist auch vorbei. Wir könnten aus dem einen Schlafplatz zwei machen.”

“Oh. Achso.”, der forschende Blick der Frau wanderte berechnend durch das Zelt “Ja, können wir. Ich will aber nicht neben dem Eingang schlafen, denn da zieht es, wenn es draußen windig ist.”

Hjaldrist lächelte matt. Langsam nickte er.

“Gut. Dann nehme ich den Platz weiter vorn und du bleibst einfach hier.”, entschloss er “Räumen wir unsere Sachen gleich um? Ich kann gerade eh nicht schlafen...”

“Klar.”, Anna nickte wieder zustimmend. Und sie wusste nicht warum, doch sie tat dies mit gemischten Gefühlen in der Magengegend. Auf der einen Seite war sie ungemein erleichtert, dass sich ihr Begleiter so gleichgültig gezeigt hatte, wenn es um Albion’s Kuss ging; und dass er es sich wünschte allein zu schlafen. Denn beides sprach dafür, dass er nicht in die Giftmischerin verliebt sein konnte. Oder jedenfalls blieb es zu hoffen. Auf der anderen Seite fand jene es aber auch schade, dass sie ab heute wieder allein unter ihren Decken nächtigen müsste. Sie fror sehr schnell und so wenig sie es mochte, dass man ihr zu nah kam, so war es immer angenehm gewesen beim Schlafen jemanden direkt bei sich zu haben, der einen manchmal sogar festhielt. Rist durfte das schließlich. Aber… aber nun gut. Es war doch kein Drama. Und zudem war es unheimlich erleichternd, dass Hjaldrist hier gerade indirekt bestätigte doch nicht so viel für Anna zu fühlen, als gedacht. Vielleicht, ja, vielleicht sah er in ihr ja schon ein wenig mehr, als eine gewöhnliche Freundin. Doch bestimmt nicht so viel, dass er sie heiraten wollen würde, wie es Tusnelda und der Drache taten. Sie beide hatten eben eine enge Freundschaft mit Vorzügen. Eine, in der man auch mal eifersüchtig werden durfte. Und damit konnte die Alchemistin mehr als nur gut leben. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.

 

Am nächsten Tag geschah nicht viel. Abgesehen von Albion, der Igold bei einem Jonglierversuch mit brennenden Fackeln die Haare angesengt hatte, war nichts Aufregendes geschehen. Und vielleicht war das auch gut so. Denn so hatte Anna über den Plan den Hungrigen Grafen zu stürzen nachgrübeln können, bis ihr bester Freund schlussendlich das Ruder in die Hand genommen hatte, da er glaubte, seine Kollegin habe es nicht so mit ganz ausgefeilten Taktiken.

“Aber meine Idee die Spione vorzuschicken, war gut.”, murrte die stehende Alchemistin, als sie dem sitzenden Hjaldrist über die Schulter spähte. Jener hatte mit einem Stöckchen Kreise und Vierecke in die feuchte Erde zu seinen Füßen gezeichnet. Auch Ravello war hier, nahe dem Feuer der Artisten vor Vizima, sowie Alain und zwei von dessen Kollegen der Armee. Diese Nilfgaarder neben Goldocke’s Schwarm, der eine ein sehniger Armbrustschütze und der zweite ein einfacher Soldat, hatten die behandschuhten Hände in die Seiten gestemmt und kräuselten die Stirne. Sie sahen zu Anna, dann wieder zu dem grüblerischen Skelliger im Bunde. Bestimmt zweifelten sie an, dass die beiden Jüngeren irgendwelche Kompetenzen besaßen und waren nur hier, weil ihr strenger Kommandant ihnen sonst die Hölle heiß machen würde. Musste ja echt kacke sein als Soldat zu dienen. Anna konnte und wollte es sich auch gar nicht vorstellen so etwas zu tun.

“Ja, dass wir sie vorschicken war ein guter Einfall, Anna, denn im Gegensatz zu uns sind sie richtig verstohlen. Aber man muss mehr berücksichtigen, als ‘Die gehen da rein und holen den Grafen zu uns raus’.”, schmunzelte Rist geduldig und deutete auf die Zeichen, die er auf den Grund gemalt hatte. Er saß auf einer kleinen, umgedrehten Kiste, trug bis auf seine Rüstung schon seine volle Montur.

“Der Bastard hat schlussendlich viele Söldner um sich, Wachposten, Angestellte. Daneben muss man an die vielen Dorfbewohner denken, die sicherlich auch Alarm schlagen, wenn sie jemanden von uns sehen. Und an Hunde, die es eventuell geben könnte.”, meinte er “Siehst du, das große Viereck hier ist die Burgruine. Die drei kleinen sind die Häuser davor. Hinter dem einen sind wir damals durch den dicken, aber morschen Holzverschlag, der eine Dorfmauer sein soll…”

Anna hob die Brauen und folgte dem Fingerzeig ihres vier Jahre älteren Kollegen. Sie lachte leise in sich hinein, war offenbar nicht so ganz bei der Sache. Im Gegensatz zu ihrem Freund aus dem Westen, hatte sie sich noch nicht vollends angezogen und trug nur Hemd, Jacke, Hose und Stiefel.

“Hunde? Die sind für dich doch kein Problem, hm?”, meinte sie und spielte damit auf den Abend an, an dem ihr Kumpel mit dem Wachköter der Schweinefarm Stöckchen fangen gespielt hatte. Der hübsche Inselbewohner verstand, lächelte belustigt und auch irgendwo etwas melancholisch vor sich hin.

“Meine Familie hat zwei Hunde. Natürlich komm ich also mit solchen Vierbeinern gut aus.”, erzählte er und Anna, die etwas versetzt hinter ihm stand, taxierte ihn neugierig.

“Echt?”, machte sie “Das wusste ich nicht.”

“Hugin und Munin. Mein Vater hat sie nach Sagengestalten benannt und sie uns Kindern früher einmal geschenkt.”, sagte Hjaldrist und sah von seiner simplen und symbolhaften Zeichnung am Grund auf, um zu Anna zu schielen “Sie sind zwei ziemliche Bären von Hunden, aber sehr lieb. Ja, Scheiße, die Pfoten von Hugin sind genauso groß, wie meine Hände!”

Die burschikose Hexerstochter gluckste, ehe sie scherzte. Letzteres bot sich gerade so schön an.

“Du bist dir sicher, dass sie Hunde und keine wahren Bären sind? Auf Skellige weiß man das ja nie.”, grinste sie und ihrem Freund in der grünen Tunika entkam ein kurzes Lachen.

“Ja, ich bin mir sehr sicher. Bärenpranken sind um einiges größer, als meine Hände.”, bestätigte er “Aber wusstest du, dass es auf den Inseln Bärendompteure gibt? Clan Tuirseach auf An Skellig ist berühmt dafür.”

“Hmm?”, Anna’s reges Interesse war abermals geweckt.

“Das sind Kerle, die Bären abrichten und mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie retten auch Bärenjunge, falls deren Müttern etwas passiert ist, und ziehen sie groß.”, erklärte der gesprächige Undviker begeistert. Er hatte viel für Tiere übrig, war auch auf diesem Gebiet recht einfühlsam. Kein Wunder, dass er Geschichten über gerettete Bärenkinder schön fand. Die Novigraderin lächelte leicht. Sie wollte eine weitere Frage stellen, als sich Alain vernehmlich räusperte, um anzudeuten, dass er und die anderen auch noch da waren und eigentlich den Plan rund um den Hungrigen Grafen hören wollten. Keine Erzählungen über zwei skellische Wachhunde oder gezähmte Bären. Anna sah etwas genervt auf und auch Hjaldrist’s dunkle Augen fielen auf die abwartenden Schwarzen zurück. Ravello, der bisher geschwiegen hatte, hob die Brauen. Im Gegenzug zu den Nilfgaardern hätte er Rist’s Geschichten sicher noch gerne weiter gelauscht. Aber naja… das könnte man ja später nachholen. Anna war nämlich neugierig und wollte mehr über die Bärendressierer wissen.

“Ähm.”, machte der Jarlssohn, nachdem Alain auf sich aufmerksam gemacht hatte, und er war ein wenig aus dem Konzept geraten “Ach ja…”

Sein Blick fiel auf die feuchte Erde zurück und er musterte seine Zeichnungen dort knapp, überlegte kurz und holte Luft, um zu sprechen.

“Das hier ist die Burg des Kannibalen…”, meinte er wieder und zeigte mit seinem krummen Stöckchen auf das große Rechteck zu seinen dreckigen Stiefeln “Und das daneben sind die Häuser ringsum…”

“Das hast du schon mal erklärt. Da hinten sind wir damals durch den Verschlag gebrochen. Und weiter?”, mischte sich Anna gleich ein. Es war längst später Nachmittag und es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis die restlichen beiden Leute Flauts auftauchen würden. Und heute Nacht, da würden sie den kranken Menschenfresser vor Vizima stellen. Schnappen würden sie ihn und bestrafen, für alles, was er getan hatte. Flaut wäre zufrieden, das Land um Vizima etwas sicherer und die involvierten Monsterjäger um sehr viele Münzen reicher. Anna freute sich jetzt schon darauf sich das teuerste Essen in der hiesigen Stadttaverne zu leisten. Das tat sie immer, nachdem sie Aufträge erledigt hatten, die mehr als fünfzig Kronen eingebracht hatten. Schlussendlich sah ihr Speiseplan im geschäftigen Alltag doch eher fad und spartanisch aus. Leider.

“Die Kreise hier sind die beiden Wachen vor der Burg. Und hier…”, der gedankenvolle Undviker kritzelte eine weitere Linie in die Erde “Läuft die große Straße, die bis zum Dorftor führt. Von dort könnte Verstärkung für die Wachen kommen, sollten wir auffliegen. Daher sollten wir sie im Auge haben. Und hier geht ein kleiner Weg um die Ruine herum. Ich habe ihn das letzte Mal gesehen. Er ist etwas zugewuchert, doch das macht nichts. Ja, es ist sogar gut für unsere Leute, denn das Unkraut schützt sie vor fremden Blicken.”

“Wenn ein Weg um das Gebäude führt, müssen die Spione nicht durch den Haupteingang der Ruine rein.”, kommentierte die Hexerstochter und lehnte sich weiter vor, um die Zeichnung am Boden im Feuerschein besser sehen zu können. Dabei stützte sie sich mit einer Hand auf der Schulter ihres besten Freundes ab. Jener nickte gleich.

“Es wird für sie einfach sein durch die Fenster zu klettern. Die des Speisesaales sind genau hier, an der Rückseite der Burg, denke ich…”, Hjaldrist ritzte drei Markierungen in das Rechteck, die die angesprochenen Fenster darstellen sollten “Ich bin kein Zuträger, aber ich nehme an, dass es eine sehr gute Idee sein wird, wenn unsere Kollegen dort einsteigen.”

Alain fuhr sich mit der Hand über das glattrasierte Kinn und verengte die Augen nachdenklich.

“Und was machen wir solange? Also während Jan und Vincent in die Burg schleichen?”, wollte er in seinem nilfgaarder Akzent wissen. Von irgendwo weiter hinten hörte man Linda und Goldlocke kichern. Wahrscheinlich tratschten sie einmal wieder oder tuschelten aufgeregt über die ganzen ‘ach so ansehnlichen’ oder ‘wirklich kampfgestählten, ansehnlichen’ Soldaten im Lager. Oh Mann. Anna würde dieses gackernde Weiberklischee nie verstehen...

“Was wir machen? Wir könnten die Söldner des Grafen doch ablenken?”, fragte die Trankmischerin mit den kurzen Haaren vorschnell und der vernünftigere Rist schüttelte den Kopf.

“Nein. Es sind zu viele. Wir greifen nur ein, wenn sie die Spione bemerken und Tamtam machen. Also im Notfall.”, entschloss er “Außerdem werden Jan und Vincent den Grafen zu uns bringen. Vor das Dorf. Und ab dem Punkt werden wir sicherlich genug zu tun haben. Ich sage also: Wir lassen besser Vorsicht walten, anstatt zu selbstbewusst zu sein. Ich finde, der beste Kampf ist der, der sich vermeiden lässt.”

“Klingt ziemlich weise.”, warf der anwesende Armbrustschütze ein, der seine Waffe geschultert hatte, und auch Alain nickte zufrieden. Anna wiegte den Kopf unschlüssig, zuckte dann aber gleichgültig mit den schmalen Schultern.

“Ach ja. Ich habe ein Mittel, das Leute betäubt, wenn man es ihnen unter die Nase hält.”, merkte sie noch an und Hjaldrist horchte interessiert auf. Der Mann drehte sich ihr zu und sah erwartungsvoll zu der nach wie vor stehenden Anna auf.

“Inwiefern?”, wollte er wissen.

“Äther.”, sagte sie schlicht “Man gibt es auf ein Tuch und drückt es auf Mund und Nase von jemandem… und er wird bewusstlos. Heiler setzen das Zeug ein, bevor sie große Operationen durchführen.”

Ravello und die Nilfgaarder starrten die Frau verdutzt an, die hier so selbstverständlich von vermeintlichen Giften oder Drogen erzählte. Nur Rist wirkte nicht ganz so überrascht. Wäre ja auch eigenartig gewesen, wenn. Mittlerweile kannte er seine Kollegin aus Novigrad doch zu gut.

“Will ich wissen, wo du das Zeug herhast?”, schmunzelte er bloß verhalten.

“Keine Ahnung. Willst du?”, hakte die Kurzhaarige gleichgültig nach.

“...Später.”, entschloss der Undviker langsam, als er zurück in die starrende Runde sah und etwas betreten lächelte, während Alain ihn entgeistert betrachtete.

“Also…”, fing der leise hüstelnde Jarlssohn gleich wieder an, um das Thema umzulenken und auf die wichtigen Punkte zurückzukommen “Jan und Vincent steigen in die Burg ein und suchen den Grafen. Laut Alain sind sie gut in sowas. Wenn sie wollen, geben wir ihnen Anna’s Mittelchen mit, um das fette Schwein zu betäuben. Es würde die Sache jedenfalls enorm erleichtern. Ich gehe durch den Holzverschlag rein und halte die Augen bezüglich der Söldner im Ort offen. Ihr restlichen Leute Flauts wartet draußen und horcht. Denn wenn ich pfeife, dann müsst ihr schnell sein.”

“Ich bin Aarun…”, kommentierte der Armbrustschütze im schwarz-weißen Wams und deutete dann auf den noch namenlosen Gerüsteten, der mit ihm ins kleine Lager des bunten Zirkusses gekommen war “Und das ist Herald.”

Rist nickte leicht, als er die Augen zwischen den Schwarzen wandern ließ. Die Frau hinter ihm steckte sich die Hände abwartend in die Taschen, während sie die Krieger desinteressiert betrachtete.

“Also… Alain, Herald und Aarun bleiben vor dem Verschlag an der Nordseite des Dorfes. Ich gehe rein.”, wiederholte sich der entschlossene Undviker, damit sich jeder unmissverständlich im Klaren war, was später zu tun sei.

“Und du, Anna, machst deine Hexer-Dinge.”, fügte der Jarlssohn dann noch hinzu und sah abermals zu der besagten Frau auf, die aufhorchte. Die Schwarzen linsten natürlich skeptisch zu ihr hin und die Blicke kitzelten unangenehm. War klar, dass sie unschlüssig gafften. Dabei war die Alchemistin noch nicht einmal eine echte Hexerin, vor der sich Kleingeistige fürchteten.

“Mhm.”, nickte die Kriegerin zustimmend, ehe Alain sie schon kritisch ansprach.

“Hexer-Dinge? Welche Hexer-Dinge?”, wollte der Mann mit den vielen Sommersprossen wissen “Sollten wir von irgendetwas wissen?”

Auch seine beiden Freunde waren etwas argwöhnisch geworden und taxierten die Giftmischerin jetzt. Aarun warf Herald einen Seitenblick zu.

“Es könnte sein, dass der Graf besessen ist. Jedenfalls stimmt mit ihm irgendetwas nicht und ich werde mich darum kümmern.”, erklärte die Kurzhaarige sofort pflichtbewusst.

“Besessen?”, wollte der Schütze im Bunde wissen und zog die dichten, schwarzen Brauen weit zusammen “Wovon?”

“Wir wissen es nicht. Aber wir werden schon sehen…”, seufzte Anna, musste dann aber schief lächeln, weil sie die Nilfgaarder nach wie vor so misstrauisch anstarrten. Sie verkniff es sich die Augen zu verdrehen.

“Lasst das mal meine Sorge sein.”, bat sie stattdessen und wechselte das Standbein “Ich werde auch in das Dorf gehen und habe dann Dinge dabei, die ganz gut gegen Bestien wirken.”

“Anna weiß schon, was sie tut.”, bekräftigte Hjaldrist dann noch und erst an dem Punkt wirkten Alain und die anderen wieder etwas beschwichtigt “Vertraut ihr einfach.”

“Also schön…”, sagte die große Liebe von Goldlocke langsam “Wir kämpfen gegen Söldner, aber sind nicht darin ausgebildet uns… Geistern oder dergleichen zu stellen. Wir sind keine Monsterjäger.”

“Ist uns klar.”, entgegnete die einzige Frau der Runde “Dafür bin ja auch ich da. Und Rist.”

“Rist?”, hakte der eine Soldatenfreund von Alain nach, dessen Name Anna schon wieder vergessen hatte, und ließ die Aufmerksamkeit fragend wandern. Sie blieb auf Ravello hängen, der den Kopf schüttelte.

“Hjaldrist.”, brummte Anna und deutete mit dem Kinn auf den Besagten “Der da.”

Man hörte den Skelliger mit dem Zeichenstock amüsiert schnauben.

 

“Wenn das mal gutgeht…”, flüsterte Anna mit gemischten Gefühlen, als sie sich neben Rist hinter die marode Hauswand duckte. Sie beide hielten sich dicht hinter einem Gebüsch neben jener, denn keine zwanzig Fuß entfernt nahte ein abgeranzter Söldner mit einer Fackel. Es war dunkel und das Mondlicht drang nur sehr spärlich durch die dicke Wolkendecke. Es roch nach Regen und es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Tropfen vom Himmel fallen würden.

“Mh.”, machte der anwesende Skelliger leise, als er nur kurz aus den Augenwinkeln zu seiner Freundin sah. In seinem Blick lag etwas Fragendes. Anna nickte und legte die Hand demonstrativ auf ihr silbernes Hexermedaillon. Sie würde sofort Bescheid geben, sollte jenes reagieren. Zwei Dimeritiumkartätschen, die sie sich aus den Resten ihrer wenigen Materialien gebaut hatte, hingen an ihrem ledernen Gürtel, sowie eine volle Tranktasche. Die Frau hatte Öl, Salz und Pfeffer darin gegen Silberspäne und Waffenöle ausgetauscht. Zweitere benetzten längst ihre beiden Waffen und Erlklamm. Selbst den irritierten Schwarzen hatte Anna etwas von den Klingenölen gegeben, die sich wie Säure in Monsterfleisch fraßen oder Spektren verwundbar machten. Sie hatte nicht mehr viel davon übrig, doch das würde sie ändern, nachdem sie bei Flaut abkassiert hätte. Die Kurzhaarige stützte die Hände auf den feuchten Boden, auf dem sie angespannt hockte und duckte sich noch etwas mehr, als die nach altem Schweiß stinkende Mietklinge mit der lodernden Fackel vorbeimarschierte. Wie der unruhige Rist hielt sie den Atem dabei an. Sie wurden nicht bemerkt und warteten, bis der Kerl mit dem Tellerhelm um die nächste Ecke verschwunden war.

“Sollen wir weiter vor?”, murmelte Anna leise und ihr Freund sah abermals skeptisch zu ihr. Dann nickte er jedoch.

“In Richtung Burg patrouilliert sonst niemand mehr. Dort stehen nur die beiden Wachen herum.”, wisperte der Dunkelhaarige, der die Lage längst im Blick hatte “Wir dürfen nicht zu nah ran, sonst bemerken sie uns.”

“Alles klar.”, die Frau lugte noch einmal hinter dem hohen Gestrüpp hervor, dann beeilte sie sich auch schon. Gefolgt von ihrem Kumpel, der die metallenen Rüstungsteile heute im Zelt gelassen hatte, um nicht zu klappern, hastete sie hinter das nächste Gebäude, schlich an dessen efeubewachsenen Mauern entlang und kam schließlich zwischen ein paar dichten Rosensträuchern an, die eine ungefähre Sicht auf die verkommene Burgruine des Grafen boten. Ein paar Dornen kratzten an der Haut Annas, als sie sich vorwagte, schnitten sie im Gesicht. Sie blieb kurz irgendwo mit dem Ärmel hängen, doch störte sich nicht sehr daran. Denn das wallende Adrenalin in ihrem Blut ermahnte sie dazu gerade andere Prioritäten zu haben, als einen zerrissenen Ärmel oder eine zerkratzte Wange.

“Schau…”, flüsterte die Vagabundin und deutete nach vorne. Man sah, wie sich zwei Schatten just an der alten Burg vorbei bewegten, um hinter eben jener zu verschwinden. Das waren Jan und Vincent gewesen, ganz bestimmt. Aufgeregt atmete Hexerstochter durch. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der große Plan der Monsterjäger aufflog oder man aber den verhassten Kannibalen des Umlands Vizimas schnappte. Oh, was würde geschehen? Hätten sie Glück? Hoffentlich.

Dicht kam Rist neben seine beste Freundin und spähte auch durch die dicken Rosenranken hindurch nach draußen. Bestimmt war er längst darauf vorbereitet laut zu pfeifen und damit die drei wartenden Schwarzen vor dem Verschlag des Dorfes zu alarmieren. Denn zugegeben? Die Aktion hier war halsbrecherisch.

Doch es brach kein Tumult aus. Die zwei Burgwachen blieben lange müde und still vor der Ruine stehen und unterhielten sich immer wieder kurz miteinander. Aus dem Heim des Hungrigen Grafen drang kein Geräusch. Es kam auch niemand aus eben jenem heraus und es war unglaublich ruhig. Anna wurde langsam ungeduldig. Und sie war so nervös, dass sie allmählich schlechte Laune bekam.

“Wo bleiben sie…”, fragte sie sich kaum hörbar selbst “Mein Amulett reagiert auch nicht. Ob der Graf vielleicht gar nicht da ist…?”

Hjaldrist gab als Entgegnung einen leisen, zweiflerischen Laut von sich.

“Wir warten einfach noch etwas…”, meinte er.

“Und dann?”, wollte die Hexerstochter in der gestreiften Jacke wissen und ertappte ihren sonst so schlauen Kumpel dabei keine Antwort auf diese Frage zu haben. Hintergründig sah er in der Dunkelheit zu ihr und atmete flach aus.

“Wir haben keinen Ausweichplan, Rist.”, erinnerte die aufgerüttelte Frau überflüssigerweise.

“Ich weiß.”, sagte der Kerl der Winterinsel flüsternd.

“Was tun wir also?”

“Hast du noch Äther übrig?”, fragte der Schönling auf dieses nervöse Nachfragen hin und Anna brauchte ein paar Herzschläge lang, um zu verstehen, was er meinte. Sie verzog den Mund. Oh, wie nett.

“...Ist gut, ich bin ja schon still.”, brummte die burschikose Giftmischerin dann und ihr Kumpane bedankte sich mit einer knappen Handgeste dafür. Auch er war nicht besonders ruhig und es schien ihn daher sehr zu stören, wenn Anna wispernd neben ihm herumhibbelte und keine Ruhe gab. Also ließ sie es bleiben und ermahnte sich im Geiste dazu einfach die Klappe zu halten. Dies gerade noch rechtzeitig, denn der Fackelträger von vorhin marschierte mit knarzender Lederrüstung daher und gähnte laut. Er hielt inne, sah sich auf einmal suchend um und die Abenteurer im brusthohen Rosenbusch hielten abrupt inne. Anna biss die Kiefer fest aufeinander und beobachtete, wie sich der Söldner plötzlich mit einem Mal zu ihr und Hjaldrist umdrehte. Die Augen unter dem verbeulten Topfhelm fixierten das Gestrüpp, in dem die beiden hockten, direkt.

“Scheiße…”, flüsterte Rist verhalten und rührte sich kein Stück. Denn noch gab es die lächerlich naive Hoffnung, dass die stinkende Mietklinge ihn und seine Begleiterin mit der zerkratzten Wange nicht entdeckt hatte. Anna schluckte trocken, als der Kerl im nietenbesetzten Lederharnisch und den abgetretenen Stiefeln näherkam. Sie war nicht religiös und benutzte Melitele’s Name sonst nur aus bloßer Gewohnheit. Doch gerade, da wollte sie stumme Stoßgebete gen Himmel schicken. Denn würde man sie und den entsetzten Rist gleich aus dem dornigen Gebüsch fischen, hätten die Monsterjäger gleich sehr viele fremde, aggressive und bewaffnete Krieger um sich. Zu pfeifen würde sie dann kaum retten.

Anna hielt die Luft an, als der Söldner vor dem Rosenbusch stehen blieb und einen nachdenklichen Ton von sich gab. Ihre braunen Augen weiteten sich und so wie sie, wagte es auch Hjaldrist nicht zu atmen oder sich auch nur einen Deut zu bewegen. Die Novigraderin glaubte, ihr bliebe das Herz stehen. Doch dann… dann fing der Fremde plötzlich damit an sich die Nesteln des Schamlatzes seiner Hose mit der freien, verdreckten Hand aufzuziehen. Die sprachlose Hexerstochter stockte, als sie realisierte, dass man sie nicht erspäht hatte. Als sie verstand, dass der schlecht gerüstete Kerl hier gleich in den Strauch pissen würde, in dem sie saß. Und, zugegeben, wenn es um den geschätzten Winkel ging, in dem dies geschehen sollte, saß die arme Frau aus dem Norden sehr, sehr ungünstig. Verdammte Kacke.

Anna verzog das Gesicht ob ihrer finsteren Erkenntnis und presste die trockenen Lippen aufeinander, als der Krieger mit der Fackel sein bestes Stück hervor friemelte und dies auch nicht sehr weit von ihrer Kopfhöhe entfernt. Oh nein. Gezwungen darauf bedacht kein Geräusch zu verursachen, lehnte sie sich fort und mit der Schulter ihrem überrumpelten Gefährten aus Skellige entgegen. Er musste sich neben sich im Dreck abstützen, um nicht noch von der zutiefst angewiderten Novigraderin fortgedrängt zu werden oder zur Seite umzukippen. Und vor allem: Um das Gestrüpp nicht rascheln zu lassen. 

Oh, Melitele. Ah, nein, das hier war so ekelhaft. Anna kniff die Augen ungläubig zusammen, sah fort. Und dann hörte sie es auch schon plätschern. Einen Augenblick später spürte sie, wie ihr einer Arm warm und feucht wurde. Gottverdammte Scheiße! Sie unterdrückte ein Würgen, als sie die Zähne fest zusammenbiss und am liebsten laut losgezetert hätte. Doch herumschreien, das tat sie vernünftiger Weise nicht. Sie blieb nur wie erstarrt an Hjaldrist gedrängt sitzen und hielt den Kopf weit abgewandt, bis es vorbei war. Bis der ekelhafte Kerl des Grafen sein Ding wieder fortgepackt und sich abgewendet hatte. Noch einmal laut gähnend, sich am Arsch kratzend und zufrieden machte der sich dann gemächlich auf den Weg, um seiner nächtlichen Arbeit nachzugehen und seine nächsten Runden durch das kleine Dorf zu machen.

Anna war noch immer ganz starr und bewegungsunfähig. Es stank erbärmlichst nach Pisse und nass tropfte es ihr von den Fingern. Doch immerhin war alles andere, neben ihrem rechten Arm, verschont geblieben. Sie stöhnte leise und überfordert. Und die Angepinkelte hörte, wie Rist sich ein Lachen verkneifen wollte, es aber nicht so ganz schaffte und daher ein leises Grunzen von sich gab.

“Du Arsch...”, wisperte die geplagte Hexerstochter, die die Augen nur langsam wieder öffnete, zurecht. Absolut angewidert sah sie auf und verzog die Mundwinkel unglücklich. Das durfte doch alles nicht wahr sein…

Hjaldrist drückte sich eine Hand vor den Mund, schnaufte erheitert und konnte kaum hersehen.

“Du Arschloch.”, flüsterte die verhöhnte Kurzhaarige mit etwas mehr Nachdruck, doch das änderte nichts daran, dass der elende Elfenarsch neben ihr gerade am liebsten vor Lachen gebrüllt hätte. Gut für ihn, dass sie beide in einem Strauch auf feindlichem Gebiet kauerten und nicht entdeckt werden durften. Wäre dem nämlich nicht so, hätte Anna ihrem schadenfrohen, unglaublich amüsierten Kollegen Eine verpasst.

“Scheiße, ist das ekelhaft…”, keuchte Anna vor sich hin “Oh, war das widerlich… ich glaube, der hatte irgendeine Krankheit. hast du das Ding von dem-”

Hjaldrist entkam etwas, das sich wie ein ersticktes Jauchzen anhörte. Anna verengte die Augen böse, doch ihr fiel gleich etwas ein, das sie dazu brachte verschlagen zu Grinsen: Sie hob die nasse, triefende Hand, um sie in die Richtung ihres Kumpans zu schütteln, dass es nur so spritze. Beinah fiel der hockende Kerl ob dem um. Rist bekam eine kurze, von Ekel gespickte Schnappatmung und wollte sich beschweren, da fuhr Anna zusammen. Denn ihr Medaillon vibrierte aberplötzlich heftig und surrte nur so, als es dabei gegen das stählerne Schwertheft an ihrem Gürtel schlug. Noch nie im Leben war die Frau so schnell so todernst gewesen. Sie horchte, ihr Blick wanderte hastig.

“Schht.”, machte sie und zum Glück kapierte Rist dies auch sofort, sah alarmiert auf. Ihre großen Augen hefteten sich auf die Burg, doch jene lag noch immer totenstill da. Auch die beiden Wachen davor lehnten noch locker an der steinernen Wand. Hektisch ließ die Alchemistin den Blick wandern und dann kam ihr eine üble Vorahnung. Jene schlug über ihr ein, bevor man den lauten Schrei von außerhalb hörte,

“Scheiße…”, keuchte sie leise und wollte sich umwenden “Alain.”

Auch Hjaldrist wollte sicherlich in plötzliche Hektik verfallen, doch es wäre unsäglich dumm gewesen jetzt aufzuspringen, sich aus den dornigen Rosenbüschen zu befreien und schnell zu dem Loch in der hölzernen, schiefen Dorfwand zu rennen. Man hätte die Abenteurer bemerkt, wären sie nun überstürzt losgestoben.

“Komm…”, Rist berührte seine aufgebrachte Gefährtin auffordernd am Arm, hielt sie daran fest und zog sie bestimmend mit sich. Dies geduckt und auf so leisen Sohlen, als möglich. Sie beide mussten Alain und den anderen helfen und zwar schnell!

 

*

 

Anna, gepackt am Unterarm, hinter sich her ziehend, stürzte Hjaldrist aus dem dornigen, brusthohen Rosenbusch. Er hörte Stoff reißen und seine Begleiterin hinter sich flüsternd fluchen. Rote Blüten fielen zu Boden, Blätter raschelten, sie traten in Matsch. Und der Mann hielt nicht inne, denn gerade, da gab es Wichtigeres zu tun, als sich über zerrissene Hemdsäume zu ärgern oder der zischenden Gefährtin einen prüfenden Blick zuzuwerfen. Die Aufmerksamkeit noch einmal hektisch zurück, zur breiten Dorfstraße, lenkend, hastete der dunkelhaarige Skelliger dann hinter ein nahes Haus. Hinter eines von jenen, hinter denen sie sich kurz zuvor auch still versteckt hatten. Die Hexerstochter mit dem zerrissenen Mantel folgte ihm, entzog ihm dabei ihren Ärmel und rückte sich im Laufen den Waffengurt zurecht, der verrutscht war. Während dieser plötzlichen Flucht in die schützenden Schatten der schiefen Hauswände blieben die aufgebrachten Abenteurer leider nicht unbemerkt. Die beiden Burgwachen, die unweit gelehnt hatten, hatten sie gehört, schrien herum, wiesen in die Richtung der Rosensträucher. Jemand brüllte Befehle oder Aufforderungen und rüstungsscheppernde Menschen gerieten ringsum in Bewegung. Eine Frau, vermutlich eine Bürgerin, schrie entsetzt und ein Kind weinte auf.

“Scheiße!”, keuchte der Undviker, dachte nicht daran stehenzubleiben. Seine Freundin holte zu ihm auf und hetzte dem nahen Loch im Holzverschlag der Dorfmauer entgegen. Diesmal ohne darauf zu achten keine Geräusche zu verursachen, denn das wäre jetzt zu viel der unnötigen Mühe gewesen. Noch bevor die Freunde den Fluchtweg nach draußen überhaupt erreicht hatten, kam ein dreckiger Söldner von links und erhob seinen mächtigen Säbel. Das war der serrkanische Kerl, mit dem der Hungrige Graf vor seinem Festmahl so geprahlt hatte. Der Kriegsveteran. Hjaldrist entkam ein überwältigter Laut, als die fremde Klinge vor ihm aufblitzte und er taumelte unsicher zurück, entkam damit gerade noch so einem scharfen, halbkreisförmigen Klingenschlag des Ausländers mit dem Nasalhelm. Jener lachte nur amüsiert und bekam Gesellschaft von einem weiteren Bastard des Grafen.

“Anna!”, entkam es dem bedrängten Undviker sofort, wie eine Bitte um Beistand, und im Augenwinkel sah er, wie sich seine Kollegin längst mit bösem Blick im Gesicht zu ihm umgewendet hatte. Sie hatte das lange Schwert gezogen, brüllte eine an die Söldner gerichtete Beleidigung, die die Profession derer Mütter beschrieb. Keine gute Idee. Herumzuschreien machte nämlich noch mehr Leute auf die heikle Misere hier aufmerksam, die aus bloßer, dummer Nachsicht geboren worden war. Wobei… ach, es war doch schon einerlei. Die Krieger des verrückten Dorfherren waren alarmiert worden und ob Anna nun herumschrie oder nicht, war demnach auch schon egal. Man wusste nun doch, wo sie waren.

Der krumme Säbel des Serrikaniers in der alten Lamellenrüstung kam von rechts und Hjaldrist duckte sich nur knapp unter dem schwungvollen Hieb fort, stolperte in die Richtung seiner aufbrausenden Gefährtin, die gerade den zweiten Söldner von sich stieß. Aufgescheucht und ratlos sah sie auf.

“Raus!”, keuchte der kluge Skelliger, der nicht vorhatte hier und jetzt zu kämpfen, herrisch “Weg hier!”

Denn man hätte sie hier, in den schmalen Gässchen hinter den heruntergekommenen Häusern, eingekesselt, ganz sicher. 

Hjaldrist und Anna waren schmäler, als ihre Verfolger, und ungerüstet. Sie kämen also ohne Probleme durch das marode Loch im Holzverschlag, ihre einzige Fluchtoption, hinaus. Der große Typ aus dem Osten und dessen Freunde blieben bestimmt erst einmal darin stecken. Die Ungeheuerjäger könnten damit Zeit gewinnen. Sie müssten es versuchen.

“Raus, raus!”, herrschte der Jarlssohn, da Anna erneut grantig nach dem schlagen wollte, der sie bedrängte und sie eine ‘kleine Fotze’ schimpfte. Hjaldrist rempelte sie fort, dem holzwurmzerfressenen Ausweg aus dem Dorf entgegen. Mit einem lauten Poltern landete die ächzende Frau mit der Schulter voran an dem Verschlag, riss den splitternden Rand des schmalen Loches darin weiter ein. Doch sie fing sich schnell, verstand die Lage, zog den Kopf ein und zwängte sich durch die Kluft hindurch nach draußen. Eine dritte Mietklinge nahte, während der Undviker nervös von einem Bein auf das andere trat und darauf wartete, dass Anna vorerst in Sicherheit war. Dann fasste auch er an das morsche Holz vor sich, wollte sich ducken und raus. Dabei trat jemand nach ihm, direkt in seine Kniekehlen, und zwang ihn damit fast nieder. Hjaldrist stöhnte schmerzlich, biss die Zähne zusammen, riss sich am Riemen. Und dann, als der serrikanische Säbel auf ihn hernieder gehen wollte, fiel er gerade noch rechtzeitig durch das schmale Loch im Verschlag des Ortes nach draußen. Hart landete der Krieger im Dreck, rollte durch den Schwung noch ein kleines Stück die Senke hinab weiter, wurde dann aber sofort harsch am Oberarm erwischt und mit einem Ruck auf die Beine gezogen. Er ächzte laut.

“Alles in Ordnung?”, konnte Hjaldrist Anna schwer atmend fragen hören, ehe er überhaupt verstanden hatte, dass sie ihm hoch geholfen hatte. Der Kämpfer nickte, hustete, wischte sich etwas Erde von der Wange. Und dann sahen sich die beiden nach der beschädigten ‘Dorfmauer’ um. Jemand hackte gerade von innen dagegen, ein Anderer trat heftig zu und altes Holz zerbarst. Es würde keine zwei Augenblicke mehr dauern, bis die Handlanger des Hungrigen Grafen hier draußen wären. Verdammt.

Ein lautes, grollendes Quieken ließ die gehetzten Monsterjäger herumfahren. Es riss ihre Aufmerksamkeit auf das zurück, was sie eigentlich aus dem traurigen Dorf gelockt hatte: Auf den schreienden Nilfgaarder mit dem Flügelhelm, den Armbrustschützen Aarun und dessen Kumpel mit dem Zweihandschwert. Und auf…

“Was zum-”, keuchte die atemlose Anna, der Blut an der, von den Rosen aufgekratzten, Wange klebte, und auch ihr bester Freund weitete die ungläubigen Augen entrückt.

“WAS ist DAS?”, schnappte der innehaltende Axtkämpfer völlig verplant, als er sah, was oder… wer gerade über Alain herfiel. Im fahlen, blau-weißen Mondlicht über der Ebene zwischen dem kleinen Dorf und dem großen Vizima bäumte sich eine dunkle Gestalt mit breiten Schultern und großer Schnauze auf, bleckte die Zähne und warf den Liebhaber Goldlockes in die Wiese. Ein Armbrustbolzen sirrte durch die Luft, traf die Bestie frontal und drängte sie einen Schritt weit wuchtig zurück. Doch das Ungetüm, das mehr als zwei Meter maß, ließ sich davon kaum stören, grölte erneut mit scharfer Stimmlage und zog sich den Bolzen mit einem Mal aus der verwundeten Schulter. Auf geteilten Hufen schritt das seltsame Ungeheuer auf den nervösen Aarun zu, der überfordert schrie, doch Herald ging dazwischen und erhob seinen Zweihänder drohend, um seinem Freund zu helfen. Hjaldrist schaffte es derweil kaum sich zu rühren, denn das groteske Bild bannte ihn nahezu. Und während Anna schon eine Phiole aus ihrer ledernen Tranktasche zog, starrte er bloß und versuchte die Situation zu fassen.

Das da vorne war ein Schwein. Also… kein wahres Schwein, sondern ein sehr muskulöses Monster, das einem dieser Tiere ähnlich sah. Wie ein Lykanthrop ging es aufrecht, auf zwei Beinen, hatte monströse Hände, Krallen und trug zerrissene Lupen von purpurner Samtkleidung über der ledrigen Haut. Die goldene Prunkkette, die lieblos um dem Hals des Biestes hing, schepperte, als es den Kopf herumwarf.

“Nimm das...”, Anna drückte ihrem guten Kumpel eine Kartätsche in die Hand und lief ohne weitere Anweisungen los. Der Undviker blinzelte verdattert, als er ihr nicht nachsah, sondern die dunklen Augen nicht von dem blassen Ungetüm vor sich nehmen konnte.

Ein Wehrschwein? Ja, so konnte man es doch nennen, nicht wahr? Das da, kaum zwanzig Fuß entfernt, war ein Ungeheuer mit einem breiten Schweineschädel und unglaublich großen Hauern, die ihm aus dem Unterkiefer ragten. Eine Missgeburt der Sphärenkonjunktion mit dicken Borsten, einem gekringelten, langen Schweif und… mit der Prunkkette des Hungrigen Grafen. Das geschmiedete Schmuckstück aus teuren Platten, das einem Menschen locker über die Schultern fallen sollte, war dem großen, massiven Vieh so eng, dass es aussah, wie eine einfache, beinah schon anliegende Kette. Es fiel dem Inselbewohner wie Schuppen von den Augen. Bei Hemdall! Er hatte ja schon vieles gesehen, seit er mit der wahnsinnigen Anna reiste, sehr, sehr viel, aber SOWAS? Nein. Das hier war neu.

Die besagte Frau warf dem Schwein gerade irgendetwas Körniges entgegen, das das Monstrum dazu brachte laut zu quieken und zu fuchteln. So, als habe man beißende Glut nach ihm geschleudert. Es wand sich, schlug den unvorsichtigen Herald dabei ganz beiläufig fort und bugsierte ihn quer über die dürre Wiese. Benommen blieb der getroffene Schwarze mit der eingedellten Rüstung liegen und sein Kumpan Aarun spannte seine große Armbrust erneut mit panischem Blick. Alain, der wieder stand, doch das recht schief und angeschlagen, sah sich hoffnungsvoll nach Anna um, die den Silberdolch gezogen hatte. 

“Bei den Göttern! Helft uns!”, bat der Nilfgaarder überflüssigerweise, klang verzweifelt.

Und dann setzte sich auch der zuvor noch so starre Hjaldrist endlich in Bewegung. Hinter ihm brachen derweil die drei Söldner des Grafen, der sich gerade tatsächlich als unmenschlich herausgestellt hatte, aus dem morschen Dorfverschlag. Der breite Serrikanier kam zuerst und seine exotische Rüstung schepperte laut, als er dem Geschehen entgegen hastete. Seine beiden unvorbereiteten  Kollegen traten ebenso auf den Plan, doch hielten sofort inne, als sie sahen, was geschah. Als sie das grunzende, sabbernde Monstrum erkannten, das gerade einen schwer gerüsteten nilfgaarder Soldaten von sich schleuderte, als sei jener nicht mehr als eine federleichte Puppe.

“Anna, pass auf!”, rief Hjaldrist, als er den Kopf einzog und Alain über ihn hinweg geworden wurde. Nur um eine Haaresbreite verfehlte man ihn. Und dieses Mal, da blieb der Mann mit dem Flügelhelm auch regungslos im Gras liegen. Von den Schwarzen stand nurmehr Aarun, der Schütze. Doch dessen geknickte Moral richtete sich nach seinen Kollegen, die ihm gerade nicht mehr beistehen könnten. Vermutlich waren sie ja auch tot, wer wusste das schon? In diesem heiklen Moment gab es für ihn keine Zeit, um dies zu überprüfen. Und so lud der sehnige Mann bloß seine Armbrust auf ein neues, trat in deren Spannbügel und zog die Waffe auf. Er, der ehrenvolle Soldat, müsste funktionieren und dürfte nicht innehalten, um zu klagen. So war es doch auch in der Armee, nicht wahr? Man musste zähneknirschend durchhalten, wenn man kein Feigling oder Deserteur sein wollte. Eher starb man, als zu rennen.

Das nach schalem Schweiß und Tod stinkende Werschwein fuhr herum und schlug nun nach Anna, die sich hartnäckig auf dessen Fersen heftete. Ihr Silberdolch mit dem Wolfsknauf glänzte im Mondlicht vor einem schlierigen, dunklen Öl und Hjaldrist hatte keine Ahnung, welches es war. War es das, das man gegen Geister einsetzte? In dem Fall war es verschwendet. Oder war es die Substanz, die die Novigraderin verschlagen grinsend mit fein gemahlenem Silberpulver angemischt hatte? Jenes tötete einige Monster relativ schnell. Selbst der Silberdolch der jüngeren Monsterjägerin, wenn er nicht vor Öl triefte, wirkte Wunder gegen Scheusale. Am Anfang ihrer gemeinsamen Reise hatte der unwissende Jarlssohn dies ja kaum glauben wollen. Er hatte nicht viel Ahnung von Hexerdingen, Arkanem, okkulten Dingen oder Monsterkunde gehabt. Doch heute, da dachte er anders, wusste mehr. Heute, da war auch er ein Monsterjäger, der bereits oft im vollgekritzelten Bestiarium seiner Freundin geblättert hatte. Oder er hatte sie ausgefragt, denn wenn es um ihre Spezialisation ging, war der Kopf der Alchemistin wie ein Archiv. Und Hjaldrist wusste, dass die Kartätsche, die Anna ihm vorhin hastig in die Hand gedrückt hatte, das Potential dazu besaß den Hungrigen Grafen in einem Menschen zurückzuverwandeln, sollte ein Zauber auf ihm liegen und er geschwächt genug sein. Dimeritium, das teure Metall, mit dem die Bombe gespickt worden war, ließ nämlich jegliche Magie verstummen. Doch war der Graf überhaupt verzaubert worden? Lag ein Fluch auf ihm? Oder war er in Wirklichkeit ein morbider Hybrid? Man würde sehen.

 

Hjaldrist hatte es geschafft in die offene Flanke des Schweines zu eilen, denn das Biest mit den starren, kleinen Augen und dem peitschenden Schwanz war nur auf Anna konzentriert. Die attackierte Frau hatte große Mühe damit den großen, krallenbewehrten Pranken des Ungetüms auszuweichen und schaffte es kaum an dessen borstigen Körper heran, von dem rote Samtfetzen hingen. Mit dem Dolch hob sie zu, doch streifte nur ein paar Finger. Das riesige Schwein quiekte markerschütternd und wurde nur noch wütender. Währenddessen hackte Hjaldrist zu, verengte die Augen und hustete ob des pikanten, beißenden Gestanks des Untiers. Erlklamm fraß sich in dicke Haut, blieb tief in Knochen stecken und der Graf mit der Tierschnauze warf den Kopf herum, um verärgert schnarrend nach dem Viertelelfen zu hauen. Er brüllte, geiferte und stampfte wüst auf, dass man glaubte, die Erde erbebe für einen Moment. Den Stiel seiner Waffe fest umklammernd zog der Skelliger jene wieder aus dem wunden Fleisch und dunkles Blut spritzte. Anna gab einen Kampfschrei von sich, kam dem schwitzenden Werschwein sehr nah, sprang los und stieß die hungrige Dolchklinge bis zum Anschlag in dessen Torso, knapp unter dem Punkt, an dem man das Schlüsselbein vermuten konnte. Hjaldrist dadurch schon wieder vergessend, ließ der kreischende Graf beide riesigen Hände auf die schreiende Frau niedergehen. Dabei war die übermütige Anna nicht schnell genug, wurde von einer der Pranken erfasst und von den monströsen Fingern umschlossen, in die Luft gerissen. Laut schimpfte sie, strampelte mit den frei hängenden Beinen. Hjaldrist weitete die Augen, wich mit offenstehendem Mund zurück, starrte. Das gefährliche Bild, das sich ihm bot, brachte sein armes Herz dazu ihm in die Hose zu rutschen und drängten seine Vorahnungen in einen dunklen Abgrund. Für wenige, bebende Atemzüge schien die Zeit nahezu still zu stehen. Zäh wie Harz verlief sie und der Jarlssohn wusste erst gar nicht, was er tun sollte, als er den Namen seiner Freundin rief. Gerade, da gab es nur ihn, sie und die wild schnaubende Bestie. 

Und dann ging alles richtig schnell: Der angestachelte Mann hastete vor, um keine Zeit mehr zu verlieren, schlug wie von Sinnen mit der Axt zu und traf dem Arm des Werschweines, das ihn um Köpfe überragte. Jenes grunzte zornig, wirbelte Anna herum, anstatt sie einfach fallen zu lassen, und schleuderte sie mit voller Kraft fort. Orangefarbene Lichtsplitter stoben zur Seite davon, als habe man einen Glaskrug mit voller Wucht auf den harten Grund geschmettert. Es klirrte, die Kurzhaarige rutschte ein paar Meter weiter und blieb im Dreck liegen. Hjaldrist hielt den Atem an und wich augenblicklich viele Schritte weit zurück, um aus dem Radius des Hungrigen Grafen zu kommen, der sich jetzt wieder auf ihn konzentrierte. Anna, die da in der feuchten Wiese lag, schien für das blutende Schwein ganz plötzlich keine Bedrohung mehr darzustellen. Und rasend durch den Schmerz, den all die Wunden und das giftige Silber in seinem Blut verursachten, ging das Biest auf den entsetzten Skelliger los, der noch stand. Offenbar konnte es sich nur auf einen Widersacher auf einmal konzentrieren. Laut brüllte es den Dunkelhaarigen an, dass klebriger Speichel nur so spritzte. Aber Hjaldrist hatte gerade nur Augen für die, die da unweit im Gras lag und fuhr herum. Ja, mochte sein, dass er ein Narr war, aber er wollte sofort nach Anna sehen. Oh, hoffentlich war sie noch bei Sinnen und nicht tot! Ja, nach dem, was der gewalttätige Graf gerade mit ihr gemacht hatte, stand es sicher nicht gut um sie.

“Na los!”, grollte eine unweite, raue Männerstimme, doch auf seinem turbulenten Weg zu seiner besten Freundin sah sich der beinahe stolpernde Hjaldrist nicht um. Sogleich kam er zu Anna, wollte sie ansprechen und sich nach ihr bücken, um sie zu rütteln oder hochzuheben, um sie von hier weg zu schaffen. Um irgendetwas zu tun, einfach irgendwas. Entgegen aller schlimmen Erwartungen waren die Gliedmaßen der Jüngeren, die seitlich dalag, aber nicht zerschmettert. Ihr Kopf war noch ganz, ihre Beine und Arme nicht verdreht. Man sah keine gesplitterten Knochen, nichts. Alles war wie immer. Die Trankmischerin in Männerkleidung blutete nur aus der kleinen Wunde an der rechten Wange, die ihr die Rosen im Dorf des Grafen gerissen hatten. Abgesehen davon schien es ihr gut zu gehen. Sie wirkte lediglich etwas desorientiert, als sie den Oberkörper aufrichtete und Gras ausspuckte.

“Uh…”, stöhnte sie und blinzelte überfordert, als sie sich an den Kopf mit den verstrubbelten Haaren fasste “Aua.”

Hjaldrist stutzte irritiert und seine Brauen schnellten in die Höhe. Doch dann erinnerte er sich sofort an den Moment von vor wenigen Augenblicken, in dem ihn helle, davonstiebende Lichtscherben für einen Atemzug lange geblendet hatten. Quen. Ja, natürlich! Warum vergaß er bloß immer, dass Anna dieses schützende Hexerzeichen, dieses magische Schild, beherrschte und daher längst nicht mehr so angreifbar war, wie früher? Dass ein riesiges Monstrum sie kraftvoll, ja gewaltsam, auf den Boden schleudern konnte und das ohne, dass sie zu schwer verletzt wurde oder gar starb? Laut und erleichtert atmete Hjaldrist durch, musste froh lächeln und half der wackeligen Novigraderin auf die Beine. In ihrer Rechten hielt sie noch immer ihren Silberdolch, der in dunkles Rot getaucht war. Selbst Anna’s Finger waren voll mit der schmierigen Flüssigkeit und sie lächelte auf eine dümmliche Weise schief.

“Hab ihn erwischt!”, entkam es der triumphierenden Kurzhaarigen, die gerade noch etwas wirr anmutete, doch lachte. Sie spuckte rot aus, hatte sich wohl beim Sturz auf die Zunge gebissen.

“Ist alles gut?”, wollte der viel ernstere, besorgte Jarlssohn wissen, als er sein Gegenüber an den schmalen Schultern erwischte und daran festhielt. Anna nickte, sah ihm geradeaus und selbstsicher entgegen. 

“Ja. Und wir sind wohl quitt.”, meinte sie. Der Mann aus dem Westen zog die Brauen fragend zusammen und wurde schnell erleuchtet.

“Ich helfe dir auf, du hilfst mir auf.”, schmunzelte die Kurzhaarige mit dem Blut am Mundwinkel. Ach, diese Idiotin. 

Noch einmal atmete Hjaldrist beruhigt aus. Dann wanderte Anna’s aufmerksamer Blick aber schon über die Schulter des Undvikers hinweg. Sie stutzte merklich.

“Sieh mal!”, forderte sie auf und nickte in die Richtung des donnernd quiekenden Werschweines, das stapfte und um sich schlug. Hjaldrist ließ die Frau bei sich abrupt los, als er das Ungetüm mit den Hauern und Klauen hörte. In der finsteren Erwartung angegriffen zu werden, hob er kampfbereit die Axt. Doch der rasende Graf hatte nicht ihn im Blick. Sondern die drei Krieger aus dem Dorf, die Anna und ihrem fliehenden Kumpel gefolgt waren. Zwei weitere Männer in alten Lederrüstungen und mit schartigen Schwertern nahten durch den niedergerissenen Holzverschlag. Und der serrikanische Veteran, der erhob soeben den Säbel gegen seinen eigenen Boss in Schweinegestalt. Er brüllte zornig etwas in seiner kehligen Landessprache und hatte keine Angst. Hjaldrist glaubte, er sähe schlecht.

“Sie haben es nicht gewusst.”, erkannte Anna irgendwo hinter ihrem Freund von den Inseln “Ob sie wissen, wer er ist?”

“Er trägt seine Kette und die zerrissene, teure Kleidung.”, merkte Hjaldrist kritisch an “Bestimmt sind sie nicht allzu blind.”

“Und trotzdem kämpfen sie gegen ihn.”, staunte die Kurzhaarige und schnaubte kurz überrascht.

“Mhm. Wir sollten ihnen helfen.”, entschloss der ältere Axtkämpfer umgehend und als seine Kumpanin neben ihn trat, gab sie einen zustimmenden Laut von sich.

“Hauen wir dem widerlichen Schwein den Schädel ein. Für alles, das es den armen Leuten je angetan hat.”

 

Zusammen stürzten die beiden Abenteurer nach einem kurzen Durchatmen auf das große Werschwein los, das sich gerade noch auf den säbelschwingenden Serrikanier fixierte. Mit einem lauten ‘Aard!’ auf den Lippen hetzte Anna voran und Hjaldrist folgte ihrer Aufforderung wie immer direkt, indem er sich gegen das Monstrum warf. Jenes hatte gerade nach dem Söldner mit der großen Klinge treten wollen und stand dafür kurzzeitig auf nur einem der Hufe. Das Eingreifen der Monsterjäger war zeitlich also perfekt und Hjaldrist schaffte es tatsächlich das Schwein aus dem Gleichgewicht zu bringen, während Anna bereits nahte und mit dem blitzenden Dolch zustach. Die silberne Klinge bohrte sich tief in das Kreuz des Grafen, der ihr den Rücken zugewandt gehabt hatte. Der angestachelte Freund der Novigraderin fand auch wieder einen sicheren Stand und umfasste seine Axt mit dem gewickelten Griff zielstrebig. Der Nilfgaarder Aarun verschoss seinen letzten Bolzen und die drei Söldner brüllten im Mondschein angriffsbereit. Ihnen voran stand nach wie vor der Kerl mit dem alten Langsäbel. Und als er sah, dass die Abenteurer halfen, entschloss er sich plötzlich dazu sich mit ihnen zu verbünden. Jedenfalls für diesen Kampf.

Anna wurde fort gestoßen, doch blieb nach einem kurzen Taumeln stehen. Hjaldrist schlug eine der Pranken des borstigen Werschweines fort und antwortete mit Erlklamm. Blut spritzte. Der Serrikanier stichelte seine beiden Kollegen an und brüllte auch denen, die aus dem Dorf nachkamen, etwas zu. Die Hexerstochter im Bunde gab einen verärgerten Laut von sich, denn die Bestie am Feld hatte sich vorhin so ruckartig von ihr fort gedreht, dass ihr der Dolch aus den blutverschmierten Fingern geglitten war und jetzt noch im Rücken des Hungrigen Grafen steckte. Die Frau zog ihr Stahlschwert aus Kaer Morhen, denn es blieb ihr nichts anderes übrig. Sie atmete schwer und ihre braunen Haare hingen ihr wirr in die Stirn.

“Warum ist dieser Bastard so zäh?”, maulte sie unzufrieden und schnalzte grimmig mit der Zunge. Hjaldrist zog sich die Dimeritiumbombe aus der tiefen Tasche. Momente später schon flog das zischende Ding durch die Luft und schlug direkt gegen den dicken Schweineschädel des Ungeheuers vor den vielen Kriegern. Es quiekte grantig, die Kartätsche explodierte, rauchte und feine Metallspäne stoben zu allen Seiten davon. Der zähe Nebel waberte silbern in der Luft. Der Serrikanier, der sich dem Schwein gerade genähert hatte, erschrak und stockte ob dem. Kurz wirkte er wie gebannt, doch es geschah ihm nichts. Dimeritiumbomben waren schlussendlich nicht darauf ausgelegt Wunden zu reißen. 

So, wie Anna und der Söldner aus dem Osten, hatte auch Hjaldrist innegehalten und starrte abwartend. Jedoch verwandelte sich der Graf nicht wie erhofft zurück. Er blieb ein Monstrum mit riesigen Hauern und war jetzt noch zorniger, als zuvor.

“Kacke.”, machte der Jarlssohn.

“Deswegen hat das Gift nicht gewirkt.”, keuchte seine Kumpanin leise, konnte sich endlich sicher sein “Er ist kein Mensch.”

Und dann ging der Serrikanier weiter vorn auch schon wieder auf seinen eigentlichen Boss los. Er brüllte, ließ den Säbel durch die Luft sausen und dies unglaublich gekonnt. Hjaldrist maß den gerüsteten Mann mit dem dunklen Bart kurz mit erstaunten Blicken, dann setzte er wieder dazu an zu helfen.

Es dauerte nicht mehr lange, da wankte das Wehrschwein. Blut floss ihm, vermischt mit Geifer, aus der Schnauze, tropfte in dickflüssigen Rinnsalen zu Boden, und eine der Pranken fehlten ihm, da der Kriegsveteran aus der Wüste jene abgetrennt hatte. Das Biest hinkte, grunzte, wendete sich ab, wollte fliehen. Doch es hatte keine Chance. Hjaldrist versetzte ihm einen letzten, heftigen Schlag mit der Axt, Anna stieß noch einmal kraftvoll mit dem Schwert zu. Dann fiel das Wesen massig nach vorne um und blieb mit der hässlichen Fratze voran am feuchten Boden liegen. Ein, zwei Mal schnaubte es noch nass, dann war es vorbei. Doch nicht für die Abenteurer. Ein paar der kampfbereiten Mietklingen des kleinen Dorfes standen nämlich noch und waren vor dem großen Kampf noch die Feinde der Jüngeren gewesen. Sie hatten Anna und Hjaldrist gejagt. Demnach sahen sich die Hexerstochter und ihr Kumpel sofort nach den dreckigen Kerlen um, die Waffen noch fest in den Händen und dazu bereit sich zu wehren. Schwer atmete der Jarlssohn durch, verengte die dunklen Augen in einer unschlüssigen Feindseligkeit und trat an die Seite seiner Freundin. Sein eigener Puls brauste in seinen Ohren und er hielt Erlklamm so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Würden die Söldner ihn und Anna gleich angreifen? So zuwider es ihm auch war es sich einzugestehen: Er war völlig am Ende, könnte gegen all diese Kerle nicht mehr bestehen. Diese Leute waren in der Überzahl.

“Lasst uns in Ruhe!”, forderte die einzige Frau hier dann sofort und sie musste sich dabei dasselbe denken, wie Hjaldrist. Sie war verletzt, könnte nicht mehr lange durchhalten, und daher wehrte sie sich mit ihrer scharfen Zunge. So, wie sie es eben so oft tat. Dieses raue Verhalten schien einigen der fremden Krieger zu gefallen, denn sie grinsten dreckig. Ein Schatten huschte über die Miene des Undvikers.

“Wir haben nichts mit euch zu schaffen und wollten nur ihn!”, entkam es der ruppigen Anna, als sie auf den leblosen, fahlen Wehrscheinkörper deutete, aus dessen Kreuz noch der lange Silberdolch ragte. Die Adern rings um die tiefe Einstichstelle schienen tiefschwarz durch die blasse Haut des Monsterkadavers hindurch. Es stank bestialisch.

Auch die vielen Mietklingen waren skeptisch und schienen nicht so recht zu wissen, was tun.

“Das war der Graf!”, meinte einer entrückt “Er war ein Monster!”

Der serrikanische Veteran schnaufte abfällig hinter seinem Helm, an dem Flugrost klebte. Er war stehen geblieben und senkte just den langen, abgenutzten Säbel. Sein Blick wanderte forschend.

“Das war er wohl…”, meinte der besagte, bärtige Mann unzufrieden “Eine Schande, dass selbst ich es nie bemerkt habe.”

“Tse.”, presste Anna hervor, sprach einmal wieder schneller, als sie nachdachte und Hjaldrist hätte ihr dafür gerne Eine gehauen “Da wart Ihr wohl blind! Er war auch in Menschengestalt ein Schwein! Und ihr habt ihm geholfen!”

Der Krieger in der Lamellenrüstung ließ die Aufmerksamkeit nun auf die laute Kurzhaarige mit der Fuchssträhne fallen. Er musste ob ihres Vergleichs leise und verächtlich lachen.

“Ja, manche Menschen sind sogar schlimmer, als Monster, Mädchen.”, brummte der Kerl in seinem östlichen Akzent und in seinem Unterton schwang ein indirekter Angriff, eine Drohung, mit. Hjaldrist trat einen Schritt weit vor, die bluttriefende Axt noch immer fest in beiden Händen. Es war eine Botschaft. Ein ‘Komm ihr blöd und du hast nicht nur sie zum Feind’. Ein notgedrungenes, lächerlich heldenhaftes Verhalten, das dem Serrikanier nur wieder ein abschätziges Schmatzen entlockte. Bestimmt nahm er die zwei Jüngeren gar nicht ernst. Und wieder betrachtete er Anna, als hege er ein gewisses Interesse an ihr. Hjaldrist umklammerte Erlklamm fester und verschmälerte den Blick kritisch..

“Lass uns gehen…”, murmelte er seiner Freundin daher sofort zu.

“Woher hast du die Waffen, Kleine?”, wollte der kehlig sprechende Ostländer dann wissen, richtete sich damit direkt an die Frau auf der Wiese. Blut klebte ihr im Gesicht und sie hatte sich den Arm vorhin schmerzlich gerieben. Sie war verwundet, das war klar. Doch sie zeigte es nicht.

“Das geht Euch nichts an. Und ich bin keine ‘Kleine’.”, antwortete Anna schlicht und der Undviker warf ihr einen mahnenden Seitenblick zu. Sie beide sollten sich eine Trophäe des unnatürlichen Schweines für Flaut holen und von hier verschwinden und zwar schnell. Der Axtkämpfer wollte keinen Ärger mehr. Nicht heute. Irgendwann war es genug.

“Habt ihr beide einen Hexer überfallen?”, hakte der zu neugierige Veteran nach und kam näher “Wollt ihr ihn nun nachmachen, mit seinen Waffen, der Kette und der schrecklichen Parodie des Hexerzeichens, hm?”

Hjaldrist stellte sich nun schützend vor seine beste Freundin, obwohl er wusste, dass sie sich selbst auch gut zu erwehren wüsste. Trotz ihres schmerzenden Armes.

“Nein. Wir haben keinen überfallen.”, antwortete der Inselbewohner schnell “Aber was sollte dich das interessieren? Du bist ein Söldner und tötest für Geld.”

“Es interessiert mich, weil ich noch nie gesehen habe, dass naive Kinder mit Silberwaffen oder Hexermedaillons herumlaufen.”, stellte der Krieger aus Serrikanien klar. Er ließ seinen Säbel gesenkt und machte vorerst keinerlei Andeutungen angreifen zu wollen. Freya sei Dank.

“Man kann Fälschungen der Ketten kaufen, aber das hier…”, der Mann nickte in Anna’s Richtung “Ist keine.”

“Vielleicht gehört sie ihr ja auch.”, meinte Hjaldrist und er konnte förmlich spüren, wie seine kratzbürstige Kollegin den Veteran über seine Schulter aus grantig anstarrte “Womöglich ist das Amulett nicht gestohlen.” 

Der Jarlssohn hatte eigentlich nicht viel Lust zu diskutieren. Er wollte zurück ins Lager, etwas trinken und sich das viele Monsterblut abwaschen.

Der Serrikanier antwortete nun nicht mehr und was immer er sich auch gerade dachte, man wusste es nicht. Und während der Skelliger den Größeren noch streng ansah, wandte sich Anna gezwungen ab, um mit dem überforderten Aarun zu sprechen. Denn jener erstickt hatte nach Hilfe gerufen.

“Ist alles in Ordnung?”, fragte sie mit erhobener Stimme, als sie zu dem Schützen sah, der vor seinem Kumpel Herald kniete. Alain saß mittlerweile schon wieder und nahm sich den Flügelhelm ächzend vom Kopf.

“Er lebt!”, konnte man Aarun mit heiserer Stimme sagen hören “Aber er ist verletzt! Er blutet!”

Auch Hjaldrist sah sich jetzt zu den Schwarzen um, der seinen reglosen Freund ratlos rüttelte. Wo waren eigentlich die beiden Spione Flauts abgeblieben…?

“Bring ihn schnell in die Stadt.”, konnte man Anna hektisch fordern hören, als sie bei den Soldaten angekommen war und Herald skeptisch betrachtete. Dessen Rüstung war beachtlich eingedellt, das sah man selbst aus etwas Entfernung, und der Metalltorso der Ausrüstung drängte sich der Brust des Soldaten gefährlich weit entgegen. Bestimmt waren ihm einige Rippen gebrochen. Ein Grund, weswegen sich der nervöse Schütze der Runde daran machte die Rüstriemen seines ohnmächtigen Kollegen zu lösen und jenen vorsichtig aus dem verbogenen Stahl zu schälen. Alain erhob sich wackelig, hatte eine blutige Nase, ein blaues Auge und einen schlaffen Arm.

“Ich komme mit…”, stöhnte der Schwarm Goldlockes kraftlos, der kaum mehr gerade stehen konnte. Und wegen letzterem meldete sich der Serrikanier wieder zu Wort.

“Wir haben einen guten Heiler im Dorf.”, sagte er mit noch einem kleinen Funken Ärger im Ton “Verwundet, wie ihr seid, braucht ihr viel zu lange nach Vizima. Euer Freund wird sterben.”

Hjaldrist runzelte die Stirn tief, als er aus dem Augenwinkel zu dem Gerüsteten mit dem exotischen Säbel zurück sah. Hatte jener ihnen gerade Hilfe angeboten? Warum?

“Sehe mich nicht so an, Junge.”, stellte der überraschend hilfsbereite Mann mit dem schäbigen Nasalhelm abfällig klar “Wir haben zusammen gegen ein Monster gekämpft. Wir helfen auch mit den Wunden, die jenes gerissen hat. Alles andere ist solange Nebensache.”

“Macht man das so, dort, wo du herkommst?”, wollte der Skelliger positiv überrascht schnaufend wissen und er sah, wie der Veteran im fahlen Mondlicht schmunzelte. Es war wie ein stilles, vorübergehendes Friedensangebot.

“Ja. Ja, das tut man.”, nickte der Hüne.

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