Kapitel 67

Sie roch nach Schminkfarben und Seife

Sie folgten den Söldnern in das unweite Dorf und Melitele sei Dank hörten die meisten Mietklingen dabei auf den erfahrenen Krieger aus Serrikanien. Der brummige Veteran, dessen Kettenhemd schepperte, hatte seine Leute dazu aufgefordert die Mäuler zu halten und damit aufzuhören sich zu verhalten, wie aufgescheuchte Hühner. Denn nach dem Tod des rasenden Werschweines vor dem unschönen Ort hingen viele, drängende Fragen in der dicken Luft und machten die Atmosphäre ungut. Die leichte Anspannung lag nach wie vor zäh über den vielen Köpfen der Leute - sie waren etwa ein Dutzend - und Anna sah sich argwöhnisch nach einem der Söldner um, der mutmaßte.

“Sie haben unseren Boss getötet.”, murmelte jener einem Freund zu, hatte ein bezauberndes Gebiss voller Lücken und schiefer Zähne.

“Er war ein Monster.”, stellte der nicht viel schönere Kumpel wiederum abwinkend klar.

“Wer bezahlt uns denn nun?”, wollte ein dritter Hüne mürrisch wissen. War das der, der Anna an den Arm gepisst hatte? Ja, sie erkannte ihn wieder.

“Halt die Klappe, Hans.”, murrte ein anderer mit einer unvorteilhaften Hasenscharte.

Die Hexerstochter schwieg weiterhin und richtete den Blick wieder nach vorn. Zusammen mit Hjaldrist stützte sie Alain, der schwer hinkte und immer wieder schmerzlich stöhnte. Sie hatte sich dafür eine seiner Hände über die Schultern geworfen und einen Arm um sie Mitte des Jammernden geschoben. Bestimmt war eines seiner Beine angebrochen und müsste geschient werden. Doch damit war er immerhin besser davongekommen, als der blasse Herald, der noch immer nicht bei Sinnen war. Der einzige Serrikanier der Meute half Aarun dabei den besagten Schwertkämpfer mit den zerschmetterten Rippen zu tragen. Die dunklen Wolken hatten sich mittlerweile dicht vor den halbvollen Mond geschoben und vereinzelte Regentropfen nieselten vom Himmel herab. Es passte zu der schlechten Stimmung weit vor Vizima. Entfernt blinzelten einzelne Lichter aus Hausfenstern oder von Fackeln der Wachen aus der Stadt herüber.

“Dass wir mal gemeinsame Sache mit den Schwarzen machen…”, seufzte der eine, der Hans zuvor dazu aufgefordert hatte ruhig zu sein “Unglaublich.”

“Hä? Seit wann stellst du dich denn auf eine Seite? Ich dachte, du hast mit Politik nichts am Hut, sondern nur mit Geld.”, grinste der Pisser wissend. Die Bande hier kannte sich gut, so schien es.

“Hab ich auch nicht.”, wehrte sich Hasenscharte sofort.

“Dann halt die Fresse und jammer nicht.”

Anna rollte mit den Augen und versuchte die kebbelnden Männer auszublenden, während Hjaldrist und sie Alain über die zersplitterten Reste des eingerissenen Verschlages des Dorfes halfen. Da war kein schmales Loch voller Holzwürmer mehr, durch das man sich zwängen musste. Die Mietklingen des nun toten Grafen hatten das morsche, dunkle Holz auf ein, zwei Meter komplett eingetreten. Man konnte also so gut wie ungehindert in die jetzt ungeschützte Ortschaft gelangen, in der sich längst einige plappernde Schaulustige versammelt hatten. Aufgeregt waren magere Leute aus den schiefen Häusern getreten, hatten sich zu einer Traube versammelt und gafften tuschelnd. Sie wichen vor den kräftigen, teils schrankbreiten Söldnern zurück, als seien jene hochgefährlich. Man trat dabei sogar in den stinkenden Unrat, den man von den Fenstern der Dorfhütten aus einfach so auf die offenen Wege geleert hatte. Kein Wunder, wenn man bedachte, was der Hungrige Graf mit den armen, kranken Bürgern gemacht hatte. Wer wusste zudem schon, zu was er seine finsteren Mietklingen in den letzten Wochen aufgefordert hatte? Gewalt gegen den schmutzigen Pöbel hier war sicher an der Tagesordnung gewesen und Anna wollte gar nicht wissen, ob es hier überhaupt noch eine Frau gab, die man nicht vergewaltigt hatte. Sie verengte die braunen Augen grimmig. Sie hasste Kerle. Also… nein, das war nicht richtig. Sie hasste nicht alle von ihnen, nicht mehr. Früher, da hatte sie die ganze Männerschaft verabscheut, weil man es ihr teils so beigebracht hatte und weil sie teils selbst gewisse Erfahrungen mit grapschenden Perversen gemacht hatte. Gar Hjaldrist hatte sie in der Vergangenheit oft angeschnauzt und beschuldigt, obwohl er ein zahmes Schäfchen war, wenn es um Frauen ging. Der gut erzogene Schönling war vorsichtig und im Grunde respektvoll, kein geiferndes Biest, das sich vergaß, wenn es Titten sah. Anna konnte sich nur zu gut daran erinnern, wie er sie aufgeweckt hatte, als sie auf Drakensund im großen Badezuber Adlets eingenickt war. Damals, nachdem man sie nach einer Ewigkeit aus ihrer ungewollten, flohverseuchten Fuchsform zurückgeholt hatte. Sie war unglaublich fertig gewesen, körperlich wie geistig, hatte sehr neben sich gestanden. Ein warmes Bad, vorbereitet von deinem kräuterraschelnden Druiden, hatte in dem Fall besonders beruhigend und einschläfernd gewirkt. Umso aufrüttelnder war es dann plötzlich gewesen den verunsichert grinsenden Jarlssohn zu sehen, der einen mit blöden Bemerkungen aus dem Schlummer holte und einen unverhohlen ansah, obwohl man nichts anhatte. Es hatte Anna zornig gemacht. Und obwohl er nichts getan und sogar beteuert hatte, die burschikose Novigraderin sei nicht sein Typ uns sähe aus wie ein Junge, hatte sie geschimpft. Einen dieser dämlichen Sätze hatte hervor gespien, die Balthar ihr früher immer vorgebetet hatte: ‘Ich kenne Kerle doch. Die wollen immer nur das Eine!’. Hektisch hatte sich die Frau bedeckt und ihren besten Kumpel mit giftigen Blicken töten wollen. Dass er sich als Antwort gleichmütig gegeben hatte, hatte ihren peinlich berührten Ärger dann angefacht wie ein Blasebalg ein Schmiedefeuer, denn sie war es nicht gewohnt gewesen, dass ein Mann sie einfach schulterzuckend in Ruhe ließ. Dass ein dreckiger Kerl nicht zu ihr kam, um sie genauer zu betrachten oder anzufassen. Es hatte Anna verunsichert. Und wenn man die Novigraderin verunsicherte, dann wurde sie wütend. Hjaldrist war auf der Dracheninsel zum ersten Mal Zeuge davon geworden, doch er hatte es der Burschikosen niemals übel genommen.

Anna musste den Kopf ungläubig schütteln, als sie daran dachte. Sie verkniff sich ein betretenes Schmunzeln und schämte sich irgendwo ein wenig für dieses damalige Ich, das sich mit Zähnen und Klauen gegen die Blicke ihres ‘nicht weiblichen und daher ganz bestimmt perversen’ Begleiters gewehrt hatte. Bullenscheiße. Die engstirnige Frau hatte reagiert, wie ein gefangenes Tier, das man in die Ecke trieb. Und das nur, weil ein harmloser Mann ihre nackte Haut gesehen hatte. Bei einem Mädchen hätte sie den Mund nicht aufgemacht; eine Frau, so lüstern sie auch gewesen wäre, hätte starren dürfen. Es wäre der Alchemistin aus dem Norden schlicht egal gewesen. Schlussendlich hatte Balthar doch immer mit erhobenem Zeigefinger gesagt, dass Weiber IMMER die angenehmste Gesellschaft seien. Erst recht, wenn sie gut gebaut waren und die Beine schnell breit machten. Und dass man Kerle meiden sollte. Vor allem die, die einem irgendwo nahe kommen wollten oder kokette Worte von sich gaben. Welch eine Ironie, dass Anna heute vor allem mit Männern reiste und ihr engster Freund, ihre Lieblingsperson, auch zu jenen zählte. Niemals hätte sie daran gedacht Rist heute noch einmal dumm anzumachen, nur, weil er ihr in den verrutschten Ausschnitt sah. Und das tat er oft. Gerade weil der Ausschnitt manchmal ganz bewusst ‘verrutscht wurde’, weil man sich im angeheiterten Zustand etwas ungezwungenen Spaß erhoffte.

Anna… hatte sich verändert. Zumindest, wenn es um gewisse, verbohrte Ansichten ging, die man ihr schon im Kindesalter antrainiert hatte, um sie zu schützen. Denn heute, da unterschied sie nicht mehr zwischen ‘Mann, der stets nur alles bumsen wollte’, und ‘Frau, die einen bedingungslos respektierte’. Heute unterteilte die Kämpferin in ‘Arschlöcher, die andere Menschen wie Fleisch behandelten’, und ‘angenehmen Zeitgenossen, die in einem den Menschen sahen’. Schade nur, dass sich die meisten Kerle dennoch zu ersteren zählten… man musste sich ja nur einmal den ekelhaften Haufen ansehen, den der Hungrige Graf um sich geschart hatte. Einer dieser miefenden Idioten gaffte Anna schon die ganze Zeit über von der Seite aus an und glaubte, sie bemerke es nicht. Und dabei hielt er nicht ihr Gesicht fixiert, sondern bestimmte Körpergegenden, die sich unterhalb des Kragens befanden. Lustig, nicht? Dabei trug sie Männerkleidung und ihre spärlichen Kurven konnte man aus dem Grund nur vage erahnen. Der Mundwinkel der unwohlen Giftmischerin zuckte verstimmt und sie verengte die braunen Augen zu Schlitzen.

 

Die Abenteurer, ihre nilfgaardischen Kumpane und der große Serrikanier fanden sich Augenblicke später im Haus der kleinen Dorfheilerin ein. Die blonde Frau mit dem Dutt, die den geschäftigen Tumult auf der Straße natürlich nicht überhört hatte, hatte ihnen die Türe geöffnet, ehe man überhaupt angeklopft hatte. Sie wirkte etwas überfordert, doch auch unsäglich hilfsbereit, und gestikulierte, während sie versuchte zu koordinieren, wo man die Verwundeten hinlegen oder -setzen sollte. Schlussendlich war ihr Heim, in dem es nach Kräutertee und Schimmel roch, eine kleine Hütte und kein weitläufiges Lazarett. Sie war nicht auf das, was hier geschah, vorbereitet, doch wollte augenscheinlich das Beste daraus machen. Denn vielleicht hatte sie einmal einen Eid geleistet. Viele pflichtbewusste und gutmütige Heiler taten das, wusste Anna.

“Er… er kann sich hier hin setzen…”, stammelte die aufgewühlte Dorfbewohnerin und es war schwer einzuschätzen, wie alt sie war. In ihrem Stand sahen selbst 20-Jährige wie 40 aus; geprägt von schwerer Arbeit, kargem Essen und einem rauen Alltag. Hektisch zog sie einen lieblos gezimmerten Hocker unter einem alten Tisch hervor, warf dabei beinah eine Tranlampe um, und wies auf ihn, damit Anna und Hjaldrist den keuchenden Alain schwerfällig darauf nieder ließen. Die Hexerstochter wich daraufhin sofort ab und sah sich prüfend um. Der Serrikanier und Aarun, die in das spartanische Haus folgten, legten Herald auf das einzige Bett im Raum. Drei weitere Mietklingen brachten zwei ihrer Genossen und verfrachteten sie einfach auf den abgetretenen, staubigen Grund. Einer von jenen schrie und hielt sich den blutenden Kopf, saute damit den fransigen Teppich ein, auf dem er lag. Es war kühl. Und unter den Geruch nach Heilkräutern und Kerzenwachs mischte sich das metallen-süßliche Aroma von Blut, der markante Gestank nach Schweiß. Es besaß das Potential einem den Magen zu verdrehen.

“Danke.”, konnte man Hjaldrist hören, als er der blonden Heilerin anerkennend zunickte, doch jene bemerkte dies nicht. Sie reagierte nicht auf den ehrlichen Dank, eilte bereits zwischen den Verwundeten hin und her und suchte hastig nach Verbänden. Die noch aufrecht stehenden Söldner wollten helfen, da es um ihre schlimm versehrten Freunde ging.

“Wir stehen nur im Weg.”, merkte Anna an, als sie sich ihrem Kumpel mit leicht verschränkten Armen entgegen lehnte “Gehen wir raus.”

Der Skelliger sah auf und lenkte die Aufmerksamkeit auf seine kurzhaarige Freundin, die ihn abwartend ansah. Dann gab er einen zustimmenden Laut von sich.

“Gute Idee…”, pflichtete er bei. Dann folgte er der Jüngeren vor die Hütte.

Anna entfleuchte ein tiefes Ausatmen, als sie sich vor dem Haus der Heilerin an die hölzerne, feuchte Hüttenwand lehnte. Mit dem Kreuz voran tat sie dies und ihre braunen Augen folgten Rist, der wie sie in den Nieselregen getreten war. Irgendwo, entfernt, sah man es blitzen. Doch es war noch so weit fort, dass man das folgende Donnergrollen kaum vernahm. Und die Luft hier draußen war angenehm. Oder jedenfalls besser, als die in der Heilerhütte. Lieber roch Anna zwischen dem frischen Regen und dem späten Frühling alte Scheiße, die am Wegesrand lag, als ein Gemisch aus Tod, billigen Kräutern und pikanten Körperausdünstungen. Es schüttelte sie bei diesem Gedankenzug. Ekelhaft.

“Wir sollten ihr später etwas Geld geben.”, entschloss Rist, der die dreckigen Hände einige Herzschläge lange in den schwachen Regen hielt und sich die Finger dann an der dreckigen Hose abwischte “Für ihre Mühen.”

“Mhm.”, machte Anna, denn auch in ihren Augen zeugte es von einem gewissen Anstand helfenden Händen ein paar Münzen zu geben. Es gehörte sich eben so. Erst recht, wenn sie sie dringend nötig hatten, denn das Dorf hier war heruntergekommen und die hektische Heilerin, wie alle anderen Bürger, dünn. Die gute Frau verdiente Geld, fand Anna, und davon nicht zu wenig. 

So war dem schon immer gewesen: Die Hexerstochter dachte nicht lange nach, ehe sie ärmeren Leuten Geld gab. Sie schimpfte zwar über Blagen, doch kaufte Straßenkindern aus Mitleid Essen. Wenn sie einen Bettler sah, blieb sie manchmal betroffen stehen, um ihm einen Kupfer zuzuschnippen, obwohl sie doch wusste, wie es in Großstädten mit viel Armut zuging. Und Straßenkünstler, die ihre Kunststücke in den Städten vorführten, waren der spendablen Kriegerin, die das Theater liebte, am liebsten. Einmal, da hatte sie einem Mann, der Akkordeon gespielt und dabei lustig getanzt hatte, einen Silber in den mottenzerfressenen Hut geworfen. Hjaldrist hatte ihr daraufhin einen ziemlich tadelnden Blick zugeworfen. Und dann, hinter der nächsten Hausecke, hatte er Anna eine lange, entnervende Predigt darüber gehalten, dass man einem Straßenmusiker doch nicht so viel Geld geben sollte und dass sie endlich damit anfangen müsse ihre Geldkatze unter Kontrolle zu bringen. Denn entweder hatte die burschikose Novigraderin viel Geld… oder gar keines. Dazwischen gab es so gut wie nichts und das wusste sie auch selbst. Es war anders, als bei Rist, der sich immer eisern einen kleinen, klimpernden Vorrat im wadenhohen Stiefel aufbewahrte, und den man nur umdrehen und schütteln musste, damit es Geld regnete. Sparen war halt nicht so Anna’s Ding und ein gutes Gefühl für Gold-, Silber- oder Kupfermünzen hatte sie kaum. Vor ihrem achtzehnten Lebensjahr, als sie stolpernd vor ihrem einschränkenden Leben in Kaer Morhen geflohen war, hatte sie nie mit Geld umgehen müssen. Sie hatte nämlich keines besessen und auch keine einzige Münze verdient. Wenn sie mit Balthar losgezogen war, um Ertrunkene oder Ghule zu töten, dann hatte immer nur er kassiert und gemeint, er bewahre das Geld für seine Ziehtochter auf, um es ihr später einmal zu geben, wenn sie alt genug wäre. Er habe da eine Dose, in der er es aufbewahrte. Es war eine Lüge gewesen, denn der Kerl hatte alles versoffen, verhurt oder in fragwürdige Angelegenheiten investiert. Die Dose hatte also nie existiert.

“Warten wir solange? Oder gehen wir zu Flaut?”, wollte Anna wissen, als sie bald wieder Blickkontakt zu Rist suchte “Alain und die anderen kommen hier nicht so schnell weg und vielleicht sollten wir dem Kommandant Bescheid sagen; ihm erzählen, was passiert ist, bevor er ins Bett geht. Und wenn wir dabei seine zwei Zuträger treffen, die wohl feige abgehauen sind, anstatt und zu helfen, hau ich ihnen aufs Maul. Allen beiden.”

“Klingt gut.”, nickte der hübsche Skelliger und als er Luft zum Weitersprechen holte, öffnete sich die knarrende Tür der kleinen Heilerhütte, aus der noch immer markerschütternde Schreie des verletzten Söldners von vorhin drangen. Der serrikanische Krieger mit dem Säbel trat an die kalte Luft und atmete einmal flach durch, ehe er den Kopf den Jüngeren zudrehte. Anna stieß sich von der Wand in ihrem Rücken ab und sah abwartend zu dem ehemaligen Soldaten auf, war sofort hellwach. Rist hielt mit dem Sprechen inne, als erwarte er mit irgendwelchen Worten bedacht zu werden. Doch der Veteran, dem die größer werdenden Regentropfen auf den Helm trommelten, sagte nichts. Er ging bloß gemächlich an den stummen Abenteurern vorbei, um in die Richtung der efeuüberwucherten Burgruine zu gehen, die sich am niedrigen, schlammigen Hügel über dem Dorf erhob. Seine Kameraden warteten dort und bestimmt wollte er sich nun mit ihnen beraten. Ihr Arbeitgeber war schlussendlich tot und sie müssten neue Pläne schmieden.

“Hey!”, machte Anna, durchbrach die Stille, und hielt den Größeren damit auf. Er sah über die Schulter zu ihr zurück. Dies zögerlich und so, als nerve ihn die Anwesenheit der beiden Monsterjäger. Seine gesamte Haltung war auf eine herablassende Art abweisend.

“Warum weißt du über die Hexer Bescheid?”, es war der Frau schlussendlich nicht entgangen, dass der mysteriöse Serrikanier ihr Medaillon sofort als echt identifiziert hatte. Dass er einen Blick dafür gehabt hatte, dass ihr wertvoller Dolch aus einer Silberlegierung bestand. Es kam ihr eigenartig vor und sie wollte mehr über den schweigsamen Ostländer wissen, der seinen Säbel schwang, als sei er damit auf die Welt gekommen. Man hätte meinen können, er sei selbst ein Katzenäugiger, doch er trug weder Amulett noch Tränke oder Silber bei sich. Wer oder was war er also? Einfach nur jemand, der einmal studiert hatte? Oder kannte er einen Mutanten näher und wusste daher viel über diese Leute und ihre Ausrüstung? Gab es im Osten überhaupt große, noch intakte Hexerschulen? Anna hatte keine Ahnung.

Der Serrikanier maß die wartende Frau in der gestreiften Jacke mit Blicken, als er da wenige Fuß entfernt dastand. Dann lachte er leise und freudlos. Der schwarze Bart, der unter seiner schützenden Kopfbedeckung hervorlugte, war ekelhaft ungepflegt.

“Weil ich sie kenne. Und daher überrascht es mich auch, dass jemand wie Ihr es geschafft habt einen von ihnen zu überwältigen, um sein Hab und Gut zu stehlen.”, gab der Mann schlicht zu “Doch es soll nicht meine Angelegenheit sein. Jeder kämpft um sein Überleben, so gut er nur kann. Wer stirbt, war schwach, und hat den Tod verdient.”

Anna runzelte die Stirn. Und sie wusste nicht so recht, ob sie dem Älteren beipflichten sollte oder nicht. Das mit dem Überleben stimmte schon. Nur… sollte man sich wahrhaftig so gleichgültig geben, wenn es um Tode ging? Die Kurzhaarige mit den geballten Fäusten bezweifelte das. Sie hasste Mörder und Leute, die leichtfertig mit Leben umgingen. Die Katzenschule tat das und daher sah man deren Mitglieder zurecht als Abschaum an, nicht? Auf manche von ihnen stand gar ein Kopfgeld. 

Auch Anna und Hjaldrist kämpften sich durch ihre Leben und mussten nehmen, was sie kriegen konnten. Nur waren sie dadurch nicht so abgestumpft, wie der dunkelhäutige Kerl aus Serrikanien.

“Blödsinn.”, widersprach sie daher laut durch den Regen und ihr Kumpel aus dem Westen berührte sie mahnend am Unterarm “Und das Amulett ist nicht gestohlen. Es gehört mir!”

“Lass gut sein.”, murmelte Hjaldrist.

“Nein, Rist. Ich habe keine Lust darauf so dumm als Banditin dargestellt zu werden!”, beschwerte sich die beleidigte Giftmischerin sofort, als sie ihrem besten Freund einen genervten Blick schenkte “Schon gar nicht erst von jemandem, wie dem da!”

Gereizt deutete die vorlaute Schwertkämpferin auf den Serrikanier in der alten, ungepflegten Rüstung. Jener taxierte sie und ihren Begleiter eingehend, lange und ohne jegliche Regung. Und während Anna Rist ihren Arm endlich entzog, an den jener zuvor auffordernd gefasst hatte, nahm der Veteran seinen Nasalhelm ab. Dies sprach mehr als tausende erklärende Worte: Eine Glatze kam zum Vorschein und in einem gegerbten, bärtigen Gesicht mit dicker Quernarbe sanken zwei goldene, stechende Vipernaugen auf die Reisenden. Im spärlichen Licht funkelten sie unverkennbar und gespenstisch, wie die einer Katze. Die anwesende Hexerstochter hielt sofort inne, als sie dies sah und auch Hjaldrist stockte abrupt in seinem Tun. Sich den Helm unter einen Arm klemmend wendete sich der Ostländer dann gleichgültig ab, als sei er hier fertig und als schere er sich nicht viel um die, in denen er haltlose Betrüger sah. Es war mit ihnen, wie mit der ganzen Welt und der Menschheit: Sie waren dem alten Hexer schlicht einerlei, solange sie ihn nur mit Phrasen attackierten. Dennoch lag seine Rechte demonstrativ an dem antiken Säbelknauf, als er ging. Die Abenteurer hatten diesen Mann nicht zum letzten Mal gesehen...

Anna stand der Mund erstaunt offen, als sie dem Serrikanier nachsah. Und wie sie sprach auch Rist einige Atemzüge lange kein einziges Wort. Den Regen, der nun schwer hernieder prasselte, bemerkten sie nicht.

“Hast du das gesehen?”, entkam es der Frau dann, als sie dem Mutanten nachsah, der sich auf den Weg zur heruntergekommenen Burg machte. Ihre Brauen waren hoch gewandert und in der Tat war sie ganz schön verdattert. Kaltes Wasser tropfte ihr von Haaren, Nase und Kinn.

“Es ist zwar dunkel, aber ich habe es genau gesehen: Das waren Katzenaugen!”, schnappte sie.

“Ja. Und es ist vor allem noch ein Grund, um zu gehen, finde ich.”, brummte Rist wenig begeistert “Ich habe bisher selten liebsame Bekanntschaften mit Vatt’ghern gemacht und dieses Exemplar hier erscheint mir genauso gefährlich und reizbar, wie die Greifenschweine oder dieser Joris.”

“Er hat kein Amulett.”, überging die aufgeregte Alchemistin die Worte ihres schlauen Freundes einfach und fing sich dafür ein verständnisloses Starren ein “Und kein Silberschwert, keine alchemistischen Tränke.” 

Hjaldrist schwieg und steckte sich mit unzufriedenem Gesicht die Hände in die Taschen.

“Na, vielleicht ist er ein Aussteiger.”, schätzte der Skelliger und als Anna’s fragende Augen ihn suchten, zuckte er bloß unschlüssig die Achseln “Oder er musste eine andere Identität annehmen.”

“Was? Weswegen sollte er das tun?”, wollte die Jüngere wissen und spürte, wie ihr der Regen unangenehm in den Kragen kroch. Sie schauderte. Die sensationsgierigen Leute ringsum, die früher aus den Häusern gekommen waren, um zu gaffen, waren längst wieder in ihre schützenden vier Wände oder unter löchrige Vordächer verschwunden. Manche von ihnen sahen groß aus ihren Fenstern, beobachteten und dachten, dies fiele nicht auf, obwohl Öllampen oder Kaminfeuer hinter ihnen brannten und ihre Silhouetten dunkel hervorhoben. Anna ignorierte die Narren.

“Vielleicht hatte er genug von seinen Leuten. Oder er hat was angestellt, weswegen er gehen musste.”, schätzte der Undviker weiter und sah gedankenvoll vor sich hin “Auf Skellige werden ab und an Leute verbannt, weißt du. Niemand darf mehr mit ihnen sprechen und wenn man dabei gesehen wird, dass man den Verstoßenen Essen gibt, wird man auch bestraft: Man wird an einen dicken Holzpfahl gebunden und muss dort drei Tage lang ausharren.”

Die überraschte Alchemistin, die zum ersten Mal von diesen Praktiken hörte, kräuselte die Brauen kritisch. Auf Skellige stieß man Leute von der Gesellschaft aus? Wann? Warum? War das nicht etwas… altmodisch? Hm. Aber besser und gnädiger, als öffentliche Verbrennungen auf Scheiterhäufen.

“Vielleicht ist es in Serrikanien ähnlich.”, schloss der Mann der Winterinsel seine Ansprache dann.

“Solche gesellschaftlichen Regeln oder eher… ‘Bräuche’ gelten für Hexer selten, Rist. Wir… ich meine… die haben einen eigenen Kodex.”, stellte Anna klar “Und ich habe noch nie davon gehört, dass man jemanden aus einer Zunft verbannt.”

“Vielleicht hat er ja etwas besonders Böses angestellt, wer weiß?”, lächelte der Inselbewohner schief “Aber, ganz ehrlich, Anna, was geht es uns an?”

Er hatte Recht. Was interessierte es die Jüngere denn überhaupt, warum der serrikanische Mutant hier war und weswegen er seine Hexerausrüstung gegen billigen Kram voller Flugrost eingetauscht hatte? Nur, weil er ein Hexer war, sollte die Alchemistin ihre neugierige Nase nicht in seine Angelegenheiten stecken. Brächte nur Ärger.

“Hmmm…”, machte die Kurzhaarige und wollte sich das Kinn reiben. Doch gerade noch in letzter Sekunde fiel ihr wieder ein, warum ihr rechter Ärmel trotz des Regens scharf nach Pisse stank und sie ließ davon ab sich in das von den Rosen zerkratzte Gesicht zu fassen. Angewidert rümpfte sie die Nase, stöhnte verhalten.

“Ich will mich waschen.”, beschloss sie und klang dabei fast schon wehleidig “Und mich umziehen. Dringend.”

“Das wollte ich auch gerade vorschlagen, Stinkmorchel.”, grinste Rist und klopfte seiner Kumpanin brüderlich den Rücken “Wir gehen ins Lager zurück, dann zu Flaut. Die Angelegenheit hier läuft uns ja nicht mehr davon, der Graf ist tot.”

“Ha. Bringen wir Flaut den Schweinekopf als Trophäe?”, fragte Anna schelmisch und biss sich auf die Unterlippe “Ich wette, seine Leute drehen durch, wenn wir damit in der Garnison ankommen und alles mit dem Blut vollsauen. Was meinst du?”

Hjaldrist lachte bei der Vorstellung leise und verschlagen. So vernünftig er auch oft war, so liebte auch er es ab und an etwas Schabernack zu treiben.

“Machen wir.”, versprach er also belustigt und deutete dann mit dem Kinn in die Richtung des neu geschlagenen ‘Dorfeinganges’ in der hohen Holzwand des Ortes “Komm.”

 

Der große Schweineschädel landete nicht viel später mit einem lauten Poltern von den Füßen des Kommandanten der Nilfgaarder. Flaut erschrak kurz, fasste sich dann aber schnell und wich mit angewidertem Gesichtsausdruck von dem Monsterkopf ab, dem die Zunge blau aus dem aufgerissenen Maul hervorquoll. Seine Augen suchten die beiden Abenteurer, die man soeben in die Garnison vorgelassen hatte. Zugegeben, sie beide hatten mit der Trophäe, die sie mitgebracht hatten, Schwierigkeiten gehabt eingelassen zu werden. Die aufmerksamen Wachen der Quartiere der Soldaten hatten Anna und Hjaldrist betrachtet, als seien sie verrückt, und hatten sie fortschicken wollen. Doch es hatte nicht vieler Worte gebraucht, bis man die Abenteurer dann doch passieren ließ. Eines davon war ‘Flaut’ gewesen und dieser Name hatte hier sehr viel Gewicht.

“Was ist das?”, fragte der Besagte entrüstet und ohne auf den abgetrennten Schädel des Werschweines zu deuten. Seine Besucher wussten ohne Zweifel, was er meinte.

“Der Kopf des Grafen.”, erklärte Anna leichthin und verkniff sich ein breites Grinsen. Mit der massigen, faulig stinkenden Trophäe, die sie hierher geschleppt hatten, hatten sie die halbe Gegend blutig eingesaut. Ein Soldat der Schwarzen hatte sich im Vorbeigehen sogar übergeben müssen. Weichei.

“Der Kopf des Grafen?”, empörte sich der Armeeanführer mit der Hakennase und den kalten Augen. Anna schmunzelte nur und auch Rist verkniff sich ein breites Grinsen, das sah man von der Seite aus. Der Inselbewohner senkte den Blick und presste die Lippen erheitert zusammen, als er sich die Nase rieb.

“Wie kann das sein?”, wollte Flaut streng wissen.

“Er war ein Monster.”, erklärte die Frau in der gestreiften Jacke weiter “Nicht in dem Sinn, wie wir es vermuteten, sondern wirklich...”

Flaut ließ diese Erläuterung sprachlos zurück. Der Kerl, der hier gerüstet im Hof der Garnison stand, ließ den Blick zurück auf das blutverschmierte Haupt zu seinen Füßen fallen, aus dem ihm zwei milchige, leblose Augen entgegen glotzten. Der Boden war nass, doch der Regen hatte nachgelassen. Es nieselte nurmehr sehr schwach und während Flaut ganz offenbar nachdachte, wechselte die anwesende Hexerstochter ganz lässig das Standbein.

“Unsere Bezahlung.”, erinnerte sie in einer beiläufigen Aufforderung “Ich denke, wir haben uns einen Zuschuss verdient, denn das riesenhafte Werschwein war nicht leicht zu besiegen und viel mehr Arbeit, als einen normalen Menschen auszuschalten.”

Flaut schwieg und sein Mund war schmal, als er die Aufmerksamkeit zu der dreisten Frau zurück wandern ließ. Er mochte es wohl nicht, wenn jemand anderes Forderungen an ihn stellte, dieser aufgeblasene Narr.

“Wo sind meine Männer?”, wollte er wissen und umging das ungute Thema der Entlohnung der beiden Monsterjäger vorerst.

“Im Dorf des toten Grafen.”, antwortete Rist sogleich “Eine Heilerin kümmert sich dort um sie.”

“Wie bitte?”, fragte der stolze Kommandant, dessen Garnison über ein eigenes Lazarett verfügte “Was soll ich davon halten?”

“Aarun und Alain sind verwundet. Ersterer sehr schwer. Der Weg hierher wäre für ihn eine Zumutung gewesen und er hätte wohl nicht überlebt.”, sprach der Undviker weiter und Anna’s Augen suchten ihn abwartend. Rist wirkte nicht nervös, sondern relativ gelassen. Er hatte keine Angst vor Flaut und ging mit jenem um, wie mit einem Mann, auf dessen selber Stufe er stand. Musste daran liegen, dass er sich seines adeligen Blutes wegen gesellschaftlich eigentlich ÜBER Hakennase befand. Aber das wusste Flaut ja nicht. Gut, dass Hjaldrist diese Selbstsicherheit besaß.

“Ich verstehe.”, sagte der Schwarze jetzt knapp und ehe er sich weiter erkundigen konnte, mischte sich die Alchemistin mit den kurzen Haaren ein.

“Eure Zuträger sind nicht zufällig hier aufgetaucht?”, hakte sie nach “Diese… wie hießen sie noch gleich…”

“Nein.”, sagte der Soldat etwas verwundert und die Frau vor ihm tauschte einen hintergründigen Blick mit ihrem besten Freund aus.

“Ha.”, machte sie leise und wiegte den Kopf abschätzend. Es war ein unsicheres Gebären, denn sie wusste nicht, ob die Spione noch im Dorf waren oder nicht. Ob sie noch lebten oder der rasende Schweinegraf sie erwischt hatte. Ihr Verbleiben blieb also vorerst eine große Frage.

“Sie sind nicht bei den Verletzten?”, fragte Flaut wiederum skeptisch weiter und bedachte Anna und Rist mit großem Argwohn. War er misstrauisch?

“Nein. Sie sind vor dem Angriff des Grafen in das Dorf gegangen und nicht wieder daraus zurückgekehrt. Wir haben sie zuletzt gesehen, wie sie sich der Burgruine näherten.”, erinnerte sich die Schwertkämpferin richtig und kratzte sich grüblerisch am Kinn. Der nilfgaardische Kommandant sah sie daraufhin nurmehr gedankenvoll an, ehe er einen langgezogen entnervten Laut von sich gab und sich die behandschuhten Hände in die Seiten stemmte. Sein brüniertes Kettenhemd klingelte dabei leise.

“Findet sie.”, befahl er dann mit wieder sehr harter Stimme “Ihr sollt mehr Florens für euren Auftrag erhalten, wenn ihr dies tut. Ansonsten bleiben wir bei dem abgemachten Grundpreis.”

Anna’s eine Augenbraue schoss in die Höhe.

“Was?”, schnappte sie patzig, doch ihr bester Freund fiel ihr ins Wort, ehe sie damit anfangen konnte zu zetern oder zu beleidigen. Sie fühlte sich auf ein Neues erpresst. War ihr doch nicht zu verdenken, denn Flaut kam ihr nicht zum ersten Mal mit seiner nervtötend arroganten Art.

“Gut.”, sagte der Undviker knapp und nickte “Wir wollten später ohnehin ins Dorf zurück.”

“Hä?”, die anwesende Hexerstochter sah von Hakennase fort und hin zu Rist. Zu Recht beäugte sie den Schönling fragend. Er erklärte seine Motivation sogleich:

“Goldlocke wird sicherlich nach Alain sehen wollen, sobald sie erfährt, dass er verletzt ist.”, meinte der Skelliger “Und wenn wir sie in das Dorf begleiten - denn ich werde das Mädchen ganz sicher nicht alleine zu diesen Söldnern gehen lassen -, können wir uns dort genauso gut nach den Spionen umsehen. Albion und Ravello kommen sicherlich auch mit, um zu helfen, wenn wir ihnen erklären, dass uns die Mietklingen erstmal nichts tun werden.”

“Das klingt ja optimistisch. Du glaubst also sie ganz leicht zu finden?”, murrte Anna.

“Wenn sie nicht wieder hierher gekommen sind, sind sie noch da draußen. Und wenn sie nicht die dämliche Idee hatten zu desertieren, liegen sie sicherlich tot in der nahen Umgebung der Burg des Grafen.”, schätzte Rist und es klang logisch “Vielleicht hat das Werschein sie ja erwischt, bevor es Alain und die anderen attackiert hat. Oder… ähm… sie waren so dumm sich mit deinem Äther selbst auszuschalten.”

Seine Freundin gab ein nachdenkliches Brummen von sich, während der Kommandant der Schwarzen verärgert mit der Zunge schnalzte. Der Gedanke daran seine beiden Männer verloren zu haben, behagte ihm wohl nicht. Klar. Wer mochte den Gedanken schon seine Leute in den Tod geschickt zu haben?

“Schön.”, willigte Anna endlich seufzend ein “Das leuchtet ein. Gehen wir also in unser Lager zurück und dann ins Dorf.”

Die Frau äugte noch einmal gen Flaut.

“Dreißig Florens mehr.”, verlangte sie mit fester Stimme und traf dabei auf keine Gegenrede. Der Nilfgaarder am zugigen Hof nickte mit kühlem Blick im Gesicht.

“In Ordnung.”, willigte er ein “Viel Erfolg.”

 

*

 

“Wir sollten uns einmal eine Auszeit nehmen.”, meinte Anna, als sie nachdenklich in das Lagerfeuer vor sich sah. Sie saß da am Boden, einen der Strohballen im Rücken, den man sonst als Sitzgelegenheit nutzte. Und die Frau hatte die Beine angezogen, die Arme locker auf die Knie gelegt. 

“Von den Monsterjagdgeschichten, meine ich.”, schloss sie.

Hjaldrist, der neben Anna im Gras herumlungerte, legte die Stirn sofort skeptisch in Falten, als er seine beste Freundin eingehend taxierte. Was hatte jene da gerade gesagt?

“Ähm.”, machte er irritiert “Bist du krank?”

Die Frau, die bisher nur in das tanzende Feuer gesehen hatte, suchte nun Blickkontakt. Sie lächelte leicht und unbeschwert. Außer ihnen beiden war gerade niemand hier.

“Nein. Wieso?”, wollte sie wissen “Ist es denn so abwegig, was ich vorgeschlagen habe?”

Der Skelliger verzog die Mundwinkel kritisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Auch er lehnte sich mit dem Kreuz voran an den Strohballen hinter sich.

“Wir verdienen uns unser Essen mit dieser Arbeit, Anna.”, bekrittelte er zurecht und mit gemischten Gefühlen in der Magengegend “Wenn wir nicht jeden Auftrag mitnehmen, den wir kriegen können, dann stehen wir beide bald sehr… na ja… pleite da. Und du weißt, wie wenig wir so schon verdienen? Ravello’s Kosmetikgeschäft wird uns da auch nicht über Wasser halten können.”

Anna lächelte noch immer und ihr Plan einfach einmal zu pausieren schien unverrückbar. Was war nur in sie gefahren? Hjaldrist, der die Füße den angenehm wärmenden Flammen entgegen streckte, entkam ein unentschlossenes Seufzen.

“Von was für einer Auszeit sprichst du überhaupt?”, hakte er dann nach, denn er wollte den eigenartigen Standpunkt seiner Kumpanin mit der Fuchssträhne verstehen. Das war schon immer so gewesen. Der pragmatische Undviker war jemand, der gerne analysierte oder verschiedenen Dingen auf den Grund ging. Er wollte immer alles nachvollziehen können und hasste es im Dunkeln zu tappen. Erst recht, wenn es um Leute ging, die ihm nahe standen. Und Anna bedeutete ihm unglaublich viel.

“Mal wegzugehen, wie damals in Novigrad, oder ein, zwei Tage zu verschnaufen, ist ja völlig in Ordnung.”, fügte Hjaldrist seiner Ansprache noch grüblerisch hinzu und versuchte bei den Gedanken an den flüssigen Abend in Novigrad nicht zu betreten zu klingen “Aber… wenn wir uns länger gehen lassen, ist das sicher keine gute Idee. So gern ich es manchmal auch täte… es geht halt nicht. Ich dachte, gerade DU siehst das auch so.”

“Hm.”, machte die entspannte Alchemistin und an ihrer hellen Miene, auf die das Feuer einen warmen, orangen Schein warf, hatte sich bis dato nichts verändert “Na, dann eben nur für eine kleine Weile… hm?”

Ihr Gesichtsausdruck wurde eigenartig, als sie dies sagte, und verlieh den vorhergegangenen Worten eine gewisse Zweideutigkeit: Schief schmunzelte sie und berechnend klebten sich ihre braunen Augen auf den Krieger bei sich. Sie musterte ihn eingehend, wand sich Hjaldrist im Sitzen zu und holte erneut Luft zum Sprechen. Der Mann hielt inne und wünschte es sich in diesem Moment in den verwirrten Kopf seiner Gefährtin blicken zu können.

“Für… für eine Weile? Was meinst du…?”, fragte er, zeigte sich ehrlich verunsichert von dem Gebärden der Jüngeren. Sie streckte eine Hand nach seinem Gesicht aus, zögerte dabei etwas, strich mit den Fingern über seine Wange. Der Westländer erstarrte.

“Was für ne blöde Frage. Du bist wirklich naiv..”, kommentierte Anna auf ihre direkte, fast schon ruppige Art. Eine, die gerade nicht so recht zu ihren sanften, einnehmenden Fingerspitzen passen wollte. Hjaldrist verschluckte sich fast an der eigenen Spucke.

“Wir arbeiten ständig und haben so viel zu tun…”, stöhnte die Novigraderin jetzt etwas wehleidig und wich dem Blick ihres Freundes aus. Es hatte fast schon etwas Theatralisches.

“Ich will auch manchmal Spaß haben, Rist. Und zwar mit dir.”, gestand die Frau noch, ehe sie sich wieder darum bemühte Augenkontakt aufzubauen. Und dieses Mal war ihre Äußerung kaum noch mehrdeutig. Jeder noch so große Idiot hätte spätestens jetzt bemerkt, was sie wollte. Und diese Erkenntnis im unverschleierten Ausdruck des überrumpelten Skelligers schien der Kurzhaarigen zu gefallen. Nahezu erleichtert amüsiert lächelte sie, während sie ihre Hand wieder sinken ließ. Doch sie blieb angetan und ihm zugewendet vor dem Axtkämpfer sitzen, den die Situation überforderte und das nicht zu knapp. Er wollte etwas sagen, bekam aber nur ein perplexes ‘Äh’ heraus. Was passierte hier gerade?

“Was denn?”, wollte Anna glucksend wissen, lächelte lasziv und strich sich ein paar Strähnen, die ihr in die Augen fielen aus der Stirn. Hätte sie langes Haar gehabt, hätte sie stattdessen sicherlich eine Locke davon zwischen ihren Fingern gezwirbelt. So, als sei sie ganz plötzlich eine leidenschaftliche Verführerin.

“Tu doch nicht so schüchtern.”, lachte Anna leise, als sie sich mit dem Finger in den Kragen fuhr, um sich die lockere Schnürung an der Front ihres Hemdes aufzuziehen. Es genügte, um eine gute Sicht auf ihr Dekolletee erhaschen zu können, und dies war offenkundig auch ihr Ziel gewesen. Zufrieden wirkte sie, als die dunklen Augen ihres Freundes einfach nicht anders konnten, als ein Stück weit an Anna hinunter zu wandern und ihr Gesicht für ein paar Sekunden lange zu vergessen. Bei Hemdall, warum waren Brüste eigentlich so verdammt faszinierend?

Hjaldrist schluckte trocken und hätte sich wohl ziemlich dumm gefühlt, hätte die Novigraderin nicht so eng vor ihm gesessen. Nach ihrer auffordernden Meldung, dieser kleinen Anschuldigung zu scheu zu sein, hätte er den Kopf gesenkt und verbissen fort gesehen, um sich ein Loch zu denken, das er sich schaufelte und aus dem er niemals wieder herauskletterte. Trotz eines weiten Ausschnitts seitens Novigraderin, denn sie verarschte ihn doch ständig wegen seiner Art. Unschlüssig blickte der zerstreute Hjaldrist wieder auf und wusste nicht so recht was sagen. Normalerweise, da wäre er den dummen Worten seines Gegenübers ausgewichen oder hätte pikiert geschnaubt. Vielleicht hätte er irgendwelche Argumente gebracht, die gegen die Aussagen Annas gestanden wären. Doch nun, wo sie so nah vor ihm saß, war er wie gebannt. Von den Augen, dessen sanftes Braun er so liebte und diesem verschmitzten Grinsen seiner unsäglich direkten, offenen Freundin. Oh, hatte sie etwa getrunken? Sie lallte nicht und hatte auch keine Alkoholfahne. Aber die bekam man von gewissen mahakamer Schnäpsen ja auch nicht. Bei den Göttern!

Nach wie vor unfähig etwas zu sagen, starrte Hjaldrist also nur. Und Anna, die handelte. Sie kam noch näher, lehnte sich ihm bereitwillig entgegen, küsste ihn. Einfach so. Die Arme schlang sie um seinen Nacken und obwohl diese Aktion den armen Westländer so sehr aufrüttelte, dass es ihm schwindelig wurde, war sie auch gewohnt. Ja, er kannte das Gefühl von Anna geküsst zu werden. Wie sie sich an ihn drückte und wie berauscht mehr von ihm wollte. Es war nicht das erste Mal. Dennoch beraubte es ihn des klaren Denkens. Hjaldrist schloss die Augen, ließ das hier gerne geschehen. Und er erwiderte den Kuss seiner Freundin, als er die Hände an deren Taille schob, um sie festzuhalten. Es war betörend: Der aufgeregte, warme Atem Anna’s in der abendlich kühlen Luft, der seine feuchten Lippen streifte, ihre geschickte Zunge, ihr Körper, den er durch ihre Kleidung hindurch eng an sich spürte. Die Frau war fordernd; so richtig ungewohnt drängend, denn zu oft war es doch so, dass sie ganz streichelzahm wurde, wenn man sie küsste. Die burschikose Alchemistin hatte im Alltag zwar eine sehr große Klappe, ein lautes Organ und war unglaublich gewaltbereit, doch im Bett, da kam das empfindliche, manchmal sogar beschämte Mädchen in ihr raus. Nicht immer, aber immer öfter. Es war manchmal richtig niedlich gewesen, doch Hjaldrist hatte ihr das niemals gesagt, weil er sich keine harte Rechte hatte einfangen wollen. Jetzt aber, da erschien es fast so, als wolle die bestimmende Schwertkämpferin Hjaldrist völlig einnehmen. Als kämpfe sie um jeden Zentimeter seines Körpers, als wolle sie das Ruder ganz allein an sich reißen und diejenige sein, die ‘gewann’. Das war neu. Und es ließ den Viertelelf völlig atemlos zurück. Hjaldrist schlug die Augen erst zögerlich auf, als Anna ihn losließ und eine Hand an seine Brust legte, um ihn daran zurück zu zwängen. Bestimmend drückte die Frau den überwältigten Krieger dem Grund vor dem knisternden Lagerfeuer entgegen, ins weiche Gras. Sofort verstand er, was sie hier und jetzt vorhatte. Oh, was zum Geier?

“A-Anna…”, stammelte der mitgerissene Kerl verdattert, denn schlussendlich kletterte die Besagte hier gerade sehr zielstrebig auf ihn. Breitbeinig setzte sie sich auf den Schoß des überrumpelten Skelligers und hielt seinen Oberkörper auch weiterhin mit einer Hand unten. Es war eine stumme, doch unmissverständliche Aufforderung an ihn mitzumachen.

“Was, wenn-”, weiter kam Hjaldrist nicht, denn Anna fiel ihm augenrollend ins Wort.

“Die anderen sind nicht da.”, meinte sie selbstsicher und biss sich schelmisch auf die Unterlippe “Uns sieht schon keiner. Komm, wir machen es ganz schnell.”

Es war eine Leichtigkeit, von der Hjaldrist nicht wusste, ob er sie absolut idiotisch oder bewundernswert finden sollte. Auf eine besorgte Weise nervös und erregt zugleich sah der Mann am harten Boden zu der ausgelassenen Monsterjägerin auf sich hoch. Es hatte ihm die Sprache schlussendlich vollends verschlagen und er spürte, wie Finger an seiner Brust nach oben wanderten. Über Schlüsselbein und Kehle. Dann erfasste Anna sein Kinn, um seinen Kopf herrisch zurückzuzwängen. Natürlich durfte sie. ANNA dürfte alles mit ihm machen. Hjaldrist erschauderte hörbar, als er Sekunden später schon warme Lippen und sanfte Zähne an seinem Hals spürte.

“Ah”, lachte die Frau, die am Schoß ihres Kumpanen saß und damit natürlich alles spürte, was sich dort unten so abspielte “Da freut sich aber jemand.”

Unheimlich unverblümte Worte, die sich so anfühlten, als sei der bedrängte Jarlssohn gerade mit vollem Anlauf und dem Gesicht voran in eine dicke Holzplanke gerannt. Und er fühlte, wie ihm die Hitze nicht nur mehr in die Lenden, sondern auch in die Wangen schoss. Am liebsten hätte er sein Gesicht unter seinen Händen versteckt, riss sich aber gerade noch so am Riemen und reagierte nicht, wie ein kleiner, beschämter Junge. Er war schließlich ein erwachsener Mann, verdammt. Er war gar älter als seine aufdringliche Kumpanin und außerdem gefiel es ihm doch, was sie tat. Und dennoch musste er sich fragen, was bloß in Anna gefahren war. Hatte sie wieder etwas von diesem lila Gift geschluckt, dass sie absolut rattig machte? So, wie damals in Belhaven? Es hätte einiges an ihrem soeben so veränderten Wesen erklärt. Ein zweiflerischer Gedanke, der schnell wieder beiseite geweht wurde, als die Frau auf Hjaldrist das Becken in eindeutigen Bewegungen auf seinem Schritt wiegte. Ein Keuchen entkam dem Belagerten und er streckte die Hände nach Anna’s leicht gerötetem Gesicht aus, um es an sich heran zu ziehen und sie voller Hingabe zu küssen. Er liebte sie. Ja, er wollte es eigentlich verdrängen, die ganzen schönen Ideen drumherum einfach vergessen und ein bester Freund sein. Aber gerade, da ging das nicht. Und dies spiegelte sich in all seinem Tun wider: Der Dunkelhaarige hielt seine Freundin fest, ließ das hier einfach geschehen und steckte all sein Gefühl in den Kuss zwischen ihm und seinem heimlichen Schwarm, den er nun schon so lange verehrte. An diesem Punkt angekommen war es ihm egal, dass entgegen Anna’s Worten die Gefahr bestand, dass die Zirkusleute oder Ravello kämen und sie sahen. Es war Hjaldrist einerlei, dass er Boden, auf dem er lag, noch etwas feucht war. Und er übersah törichter Weise, wie sehr all das hier zum Himmel stank. Dass seine hübsche Gefährtin niemals so handeln würde, wie sie es seit den letzten Minuten tat. Nie im Leben hätte Anna so entschlossen vorgeschlagen mit dem Monsterjagen aufzuhören und eine Auszeit einzulegen. Sie wäre nicht nüchtern an ihn herangetreten, um ihm vollkommen offen und verwegen zu sagen, dass sie Lust auf ein Schäferstündchen hatte. Und vor allem hätte sie ihn dabei nicht so angesehen, als sei er ein Stück Fleisch, dem man schon lange nachgierte. Denn das hatte sie doch. Nicht wahr? 

Entrückt von diesen beißenden Gedanken öffnete Hjaldrist die Augen, in denen eine finstere Erkenntnis lag. Anna ließ gerade wieder von seinen Lippen ab, grinste etwas betört und mit leicht geöffnetem Mund. Die unregelmäßig atmende Frau beugte sich vor, haschte mit den Zähnen nach dem Ohr des Kriegers. Und als ihre Wange dabei die seine streifte, sah Hjaldrist an dem kurzen, braunen Haar vorbei in die Leere. Er zog die Brauen plötzlich ganz in Gedanken zusammen. Seine Finger, die sich an das grobe Leinenhemd seiner gierenden Kumpanin gekrallt hatten, ließen wieder lockerer. Unschlüssig blinzelte er, erschauderte leicht, als er eine weiche Zunge an seiner Ohrmuschel spürte. Gänsehaut bahnte sich den Weg über seinen Körper. Und dann… dann flüsterte Anna etwas, das den Skelliger endlich dazu brachte, heftig zu stutzen.

“Ich liebe dich…”, schnurrte sie in sein Ohr und für einen tiefen Atemzug lange erstarrte der rücklings Liegende wie zu Eis. Sein Blick weitete sich nicht in großem Erstaunen oder Glück, sondern verengte sich in haltlosem Argwohn. Er schloss die Lippen, starrte verstimmt.

“Ich will für immer bei dir sein.”, raunte die Braunhaarige kokett weiter, als sei ihr Wunsch selbstverständlich. Sie… roch entfernt nach den bunten Hautfarben, die Linda stets aus Pigmenten und Fett anmischte und nach Herr Baran’s Kernseife. Nicht nach Wildrosen oder Kräutern.

Das hier ‘stimmte’ nicht. Dies hier war nicht real. Die da auf ihm war nicht Anna.

Mit einem Ruck stieß Hjaldrist die Frau, die mit gespreizten Knien auf ihm saß, von sich fort. Erschrocken und erstickt schrie sie ob dem auf, verlor das Gleichgewicht, ruderte kurz mit den Armen und landete hart auf ihrem Hinterteil. Der aufgerüttelte Hjaldrist saß sofort kerzengerade da, rutschte ein Stück weit zurück und fixierte die Unbekannte vor sich fest mit den Augen. Schwer atmete er durch, hatte die zittrige, kalte Hand bereits am Messer an seinem Gürtel liegen. Er war außer sich.

“Was soll das hier?”, entkam es ihm heiser, vorwurfsvoll, und Anna betrachtete ihn verständnislos.

“Was? Was meinst du?”, wollte sie scheinheilig und etwas gehetzt wissen. Sie legte die Stirn in skeptische Falten, doch nicht so, wie sie es sonst tat. Anstatt einen dummen Spruch loszuwerden oder Hjaldrist halbernst zu beleidigen, lachte sie nur ungewohnt überheblich und nervös. Dabei hob sie sich eine Hand vor den Mund. Anna schürzte die Lippen beim Lachen nie. Selbst dann nicht, wenn sie dabei aß und ihr das Essen aus dem Mund zu fallen drohte, weil sie sich einfach nicht einbekam.

“Wer bist du?”, knurrte der Undviker, der seinen Verstand endlich wieder gefunden hatte, böse. Er stützte sich mit einer Hand am dreckigen Grund ab, um sich zu erheben. Auf einmal war er nicht mehr im Lager vor Alt-Vizima. Ganz plötzlich stand er am verschneiten, kargen Strand seiner Heimat und hörte den Eiswind heulen. Der Dunkelhaarige zuckte zusammen, sah sich aufgebracht um. Es roch nach Winter und Salzwasser, nach Tannenwäldern und Algen. Gerade eben war da noch das Lagerfeuer des Wanderzirkusses gewesen. Die unruhigen Flammen, die paar Strohballen als Sitzgelegenheiten, die sommerliche Wiese, die farbenfrohen Eselskarren. Und jetzt war da nurmehr frischer Schnee, das rauschende Meer, eine alte, verlassene Hütte, ein völlig menschenleerer Landstrich. Die ertappte Frau vor Hjaldrist floh. Und als er zu spät herumfuhr, erkannte er spitze Ohren, kurze, dunkle Haare, ein buntes Zirkuskleid, das sich im aufkommenden Sturm raschelnd bauschte, farbenfroh bemalte Haut. Mia.

Hjaldrist’s Miene verrutschte vollkommen. Er wollte etwas rufen, hörte ein lautes Knarren. Direkt neben ihm fiel das morsche Gerippe eines alten Drachenbootes um und zerschellte in tausende Splitter. Erschrocken aufkeuchend erhob der Mann die Arme zum Schutz und stolperte zur Seite, stürzte beinahe. Als er wieder einen sicheren Stand fand und den Kopf vorsichtig hob, war er plötzlich auf einem weitläufigen, friedlichen Burghof. Es war dunkel. Da waren viele Menschen, die ruhig beisammen standen. Manche von ihnen umarmten sich. Er kannte sie nicht. Vollkommen aufgelöst wusste der aufgeregt atmende Hjaldrist nicht, was er tun sollte, verstand noch nicht, was hier passierte, schwitzte aus allen Poren. Anna stand neben ihm, doch sah ihn nicht an. Ihm war kalt, eiskalt. Es regnete ein wenig und seine Haare waren feucht. Anna sah einem knisternden Feuer entgegen und hatte die Arme eng um sich geschlungen, so, als fühle sie sich verdammt unwohl. Die Alchemistin trug ihr Kleid, das die einst von den Druiden des Caed Myrkvid bekommen hatte. Sie war hübsch, doch wirkte unheimlich besorgt. Was war mit ihr?

“Ich weiß.”, sagte die Trankmischerin mit der Kapuze am Kopf leise und freudlos “Ich bin doch nicht dumm...”

“Was?”, flüsterte der ratlose Skelliger verwirrt, doch sie ignorierte ihn. Es war so kalt, er hatte keinen Mantel, fror. Und irgendetwas - Hjaldrist hatte keine Ahnung was - stach ihm auf einmal ins Herz, wie eine lange Lanze aus Eis. Benommen blinzelte er, als plötzliche, verschlingende Trauer über ihn kam. Sie packte ihn gierig, riss ihn mit sich. Doch warum? Warum fühlte er sich gerade so leer und verlassen? Er wollte aus unerklärlichen Gründen jämmerlich heulen und ganz laut schreien, biss die Zähne so fest zusammen, dass sie knirschten, und taumelte hin und her gerissen zurück. Es kam einfach so über ihn. Dann fühlte es sich an, als stolpere er auf einmal rücklings. Als fiele er in einen reißenden, schwarzen Abgrund.

Mit einem verhaltenen, entsetzten Schrei auf den trockenen Lippen schreckte der zusammenfahrende Hjaldrist hoch. Abrupt richtete er sich auf seiner Schlafstätte auf, sah mit schweißnasser Stirn eilig und entgeistert um sich und tastete beiläufig nach seiner Axt. Es war finster. Dunkel und völlig ruhig. Und nur allmählich realisierte der Skelliger, dessen feuchte Finger Erlklamm streiften, dass er einmal wieder nur geträumt hatte. Aber… Moment. ‘Nur’? Oh, wie tragikomisch. Nein, er hatte nicht ‘nur’ geträumt. Das von gerade eben war irgendwo real gewesen. Wahr und vor allem-

Urgh. Auf das blasse Gesicht des Mannes mit den vom Schlafen wirren Haaren stahl sich ein angeekelter Ausdruck. Er senkte den Blick auf seine zittrigen Hände. Auf die, mit denen er die Frau festgehalten hatte, von der er zunächst gedacht hatte, sie sei Anna. Aber sie war es nicht gewesen. Verdammte Scheiße. Wie dumm war er eigentlich gewesen? Man hatte ihn hereinlegen wollen und hatte das auf eine widerliche Weise fast geschafft. Ein Schatten huschte über das Gesicht des Jarlssohns.

 

Anna blinzelte schlaftrunken, als man sie harsch rüttelte. 

“Ha...? Nur… nur noch ein bisschen...”, nuschelte sie geistig noch sehr abwesend “Dann-… äh, was?”

Als sie zerfahren aufsah, erkannte sie Hjaldrist. Wie er sich halb über sie beugte und sie im Schein seiner Öllampe schüttelte. Er sah aus, als habe er einen Werwolf gesichtet, den er unbedingt erschlagen gehen wollte.

“Anna!”, maulte der Undviker fordernd, drängend, und wollte ganz augenscheinlich, dass seine verschlafene Freundin sofort erwachte, um ihm zu helfen. Als müsse er etwas ganz, ganz wichtiges besprechen. Komisch. Er trug noch nicht einmal seine volle Montur und sah selbst so aus, als sei er gerade erst aufgestanden. Wie spät war es überhaupt? Es war noch dunkel vor dem Zelt. Anna verzog das Gesicht und schnaufte mit verzwickter Miene. Uh, sie fühlte sich wie ein Schluck Wasser in der Kurve.

“Ja… ja ja…”, machte sie und haute wenig energisch nach einer der Hände, die sie rüttelten “Scheiße, ich bin ja schon wach.”

“Lass uns gehen.”, verlangte Rist sogleich eisern und seine müde Kumpanin hielt inne. Noch immer halb in ihre Decken eingewickelt, starrte sie ihn an, als sei er völlig durchgeknallt. Anna zog die Brauen zusammen, als man sie endlich wieder losließ.

“Was? Gehen?”, machte sie trocken “Wohin?”

“Nach… nach Serrikanien.”, sprach der Schönling auf einmal ganz holprig weiter. Er war neben dem Schlafplatz seiner Kollegin auf den Fellen sitzen geblieben und erst jetzt bemerkte sie, dass er ein wenig verloren aussah. Ja, er wirkte vor allem zornig und aufgewühlt, doch irgendwo auch ratlos.

“Nach Serrikanien?”, die Alchemistin setzte sich schwerfällig hin, ächzte leise und rieb sich den Schlaf aus den Augen “Jetzt? Muss das sein? Ich bin noch völlig fertig...”

“Ja, jetzt.”, murrte der Inselbewohner, seufzte ungeduldig “Wir wollten doch so und so dort hin.”

“Ähm… ja, schon…”, Anna kratzte sich wirr am Hinterkopf. Sie konnte sich bei Melitele keinen Reim auf das machen, was ihren besten Kumpel gerade ritt. Er wollte also gen Osten? Jetzt? Bei Nacht und Nebel, völlig überstürzt? Die Frau zog eine ernste Miene, als sie eine leise Vorahnung beschlich.

“Was ist passiert?”, wollte sie wissen. Denn es war doch offensichtlich, dass irgendetwas geschehen sein musste, das Hjaldrist durcheinander brachte. Es war so, als wolle er fliehen. Normalerweise war er nicht so. Jemand wie er haute doch nicht einfach so aus Angst ab, vor nichts und niemandem.

“Passiert? Was?”, machte er viel zu schnell und verriet sich damit selbst “Nichts.”

“Hmmm…”, die Giftmischerin im locker sitzenden Hemd musterte den Mann, der da vor seiner flackernden Lampe saß und zunehmend grimmiger vor sich hin sah “Bist du dir sicher?”

Der Undviker schwieg. Und seine Kollegin war zu seinem Glück jemand, der nicht zu viel und hartnäckig nachbohrte.

“Also schön.”, sie zuckte die Achseln und zog die Nase leicht hoch. Das dumme Ding lief ihr immer, wenn es zu kalt war. Und das war es heute Nacht definitiv. Sie rieb die frierenden Hände aneinander und verfluchte den Umstand, dass sie alleine hatte schlafen müssen. Rist bestand momentan schlussendlich darauf am anderen Ende des Zeltes und nicht neben Anna schlummern zu wollen.

“Keine Ahnung, was dich gerade antreibt, Elfchen, aber wenn du es deiner BESTEN FREUNDIN nicht sagen willst…”, räusperte sich die Kurzhaarige und obwohl sie es ernst meinte, sprach sie diese Anschuldigung so aus, als scherze sie. Das machte sie oft, um unangenehme Gespräche über Empfindungen zu vermeiden. Es waren Momente, in denen sie ihrem besten Kumpel auch immer irgendwelche lächerlichen Spitznamen gab, um ihre Unsicherheit zu verbergen.

“...dann gehen wir eben. Jetzt und mitten in der Nacht.”, willigte sie ein “Wäre ja nicht das Verrückteste, das wir jemals getan haben, hm?”

Rist sah Anna mittlerweile wieder an. Und anstatt erleichtert zu wirken, schien er gut zu überlegen. Einmal öffnete er den Mund, als wolle er etwas sagen, zweimal. Seine Augen wanderten ein wenig. Erst beim dritten Mal redete er dann tatsächlich.

“Mia kam in meinen Traum.”, gab er nachgiebig und im Vertrauen zu. Anna hob die Brauen überrascht an. Interessiert lehnte sie sich etwas vor.

“Ah, du hast sie also gelassen.”, meinte sie locker “Wurde ja Zeit. Und? Was gelernt?”

“Ja… nachdem du damals meintest, ich solle lockerer sein, habe ich all dem zugestimmt. Daher kam Mia wohl. Ich dachte zuerst, ich bilde es mir ein. Als hätte ich nur Blödsinn geträumt. Nachdem ich aufgewacht bin, bin ich raus an die frische Luft. Sie war auch wach. Also Mia. Und sie wollte sich sofort bei mir entschuldigen. Das war eine Bestätigung. Wir haben gestritten und Ravello, der Nachtwache gehalten hat, hat alles mitgehört.”, plapperte der Jarlssohn wie ein Wasserfall vor sich hin und seine Gefährtin wusste nicht, worauf er genau hinaus wollte. Er hatte also von der Elfe aus Novigrad geträumt, gedacht, es sei zufällig passiert, war nach dem Aufwachen zu Mia und die hatte sich dann reumütig gezeigt? Weswegen? Wo war der Sinn?

“Entschuldigen?”, wiederholte Anna also “Wofür? Was hat sie denn angestellt?”

“Sie wollte mir nicht helfen, sondern mich flachlegen. Weil… sie glaubte, sie dürfe. Ich hatte ihr vor Tagen gesagt, dass sie in meinen Träumen freie Bahn hätte. Und… s-sie hat es missverstanden. Jedenfalls hat sie das gesagt.”, gab der hüstelnde Undviker mit einem Mal stammelnd zu, nachdem er tief Luft geholt hatte, und Anna erkannte, wie er im Lampenschein nicht so aussehen wollte, als werde er verlegen. Er schaffte dies nicht. Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn. Das Gesicht der Alchemistin entgleiste währenddessen und sie wusste nicht, ob sie laut lachen sollte. So böse, wie ihr Kumpan gerade dreinsah, aber wohl besser nicht. Also biss sich die Frau fest auf die Innenseiten der Wangen und versuchte relativ unberührt auszusehen. Ja, unberührt. Denn der groteske Gedanke, dass ein Träumer in den Traum eines anderen Oneiromanten kam, um jenen dort zu bumsen, war so schräg, dass es schon wieder lustig war. Oder? Anna schlug die Lider halb nieder, fuhr sich mit der Hand gedankenvoll über das Kinn. Und während ihr schwer schluckendes Gegenüber sie starr und abwartend ansah, fragte sie sich, ob die verzwickte Situation wirklich so amüsant war. Vielleicht-... nein… eigentlich fand sie es überhaupt nicht lustig. Obwohl sie im ersten Moment gerne aufgelacht hätte, verstand sie nun ganz langsam, worum es sich hier handelte und wie sie selbst darüber dachte: Für normale Leute wäre das, was Rist gesehen hatte, nur ein einfacher Traum gewesen, den man nach dem Hochschrecken vielleicht wieder vergessen hätte. Doch für einen Träumer war dem nicht so. Für jemanden wie das Elend der Winterinsel waren auch Träume real oder jedenfalls ‘echter’, als für manch einen anderen. Erst recht, wenn ein zweiter Magiebegabter in jene involviert war.

“Sie… wollte, aber hat nicht?”, fragte Anna langsam und noch immer halb in Gedanken versunken. Hjaldrist gab einen zustimmenden Laut von sich, atmete entnervt aus und rieb sich die Schläfe. Die kritische Kriegerin beobachtete ihn still und bekam gewisse Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Bilder, in denen sich diese Mia dem Jarlssohn ungeniert anbiederte. Ekelhaft.

“Ich habe noch rechtzeitig erkannt, dass sie es ist und habe sie noch im Traum konfrontiert. Es war eigenartig. Ich… hatte im Schlaf noch nie bewusst die Kontrolle über mein Tun. Heute aber schon, wenngleich nur kurz.”, murmelte der geknickte Mann weiter. Er knetete sich etwas nervös die Hände; die Situation war ihm sichtlich unangenehm. Das, obwohl er trotz allem einen kleinen Fortschritt erfahren hatte, oder? Er hatte eben doch gemeint, dass es zum ersten Mal in seinem Leben so gewesen war, dass er im Traum bewusst handeln hatte können. Immerhin das war gut.

“Hmm? Was meinst du damit?”, hakte die Kurzhaarige nach, denn sie verstand nicht so recht, was das ‘Ich habe erkannt, dass sie es ist’ bedeutete. Hatte er Mia zunächst nicht erkannt oder wie? Und hätte er mit jeder anderen geschlafen? Wo lag dahingehend der Unterschied zwischen der Zirkuselfe und einer anderen Frau?

“Egal…”, Rist’s Mundwinkel zuckte pikiert “Es war jedenfalls völlig daneben. Ich habe sie nicht ran gelassen und sie weg geschubst. Das hat sie richtig erschrocken. Offenbar glaubte sie wirklich, ich wolle was von ihr. Ich war zwar immer nett zu ihr, aber habe sie doch nicht angemacht...”

“Das… ähm… ist gut? Also dass nichts passiert ist.”, meinte Anna aus Ermangelung anderer Ideen und es klang wie eine lasche Frage. Dies, obwohl sie sich sehr sicher war, dass sie es tatsächlich befürwortete, dass nichts zwischen Mia und ihrem Kumpel im grünen Rock gelaufen war. Denn obwohl sie immer viel witzelte und meinte, Hjaldrist solle sich mal ein schönes Mädchen oder einen netten Kerl suchen, legerer werden, ertappte sie sich immer wieder dabei Eifersucht zu verspüren, wenn jemand ihrem Freund tatsächlich viel zu nahe trat. Es war eben… na ja, kompliziert.

“Ja, es ist gut.”, hörte man den Viertelelfen noch zur Bestätigung sagen. Dann schenkte er seiner dezent unbeholfenen Begleiterin einen auffordernden Blick.

“Packen wir unsere Sachen?”, fragte er bittend und augenscheinlich meinte er das mit der Reise nach Serrikanien wirklich ernst. Also nickte Anna langsam. Sie war eben jemand, der jeden Scheiß mitmachte und vielleicht war es ja sogar gut zu gehen. Zwar hatte sich Mia angeblich bei Rist entschuldigt, weil es ein Missverständnis gegeben hatte, aber dennoch war es nun sicherlich unangenehm sie in der Nähe zu wissen. So, wie die Alchemistin ihren besten Freund kannte, konnte der der peinlich berührten Zirkuselfe ja nicht einmal mehr geradeaus in die Augen sehen. Dieser scheue Idiot. Es war irgendwie süß. Und na ja, zugegeben? Die Trankmischerin hätte der Schwester Lindas gerade gerne auf’s Maul gehauen. Denn deren Vorhaben war nicht besser gewesen als das, was Svenja mit Rist angestellt hatte. Missverständnisse hin oder her. Ja, beim Arsch der Melitele, WARUM zog dieser Skelliger nur immer solch abgedrehte Weiber an, die ihm nachsabberten und ihn nicht in Ruhe ließen? Die ihm auf die Pelle rückten und das mit frivolen Mitteln? Ja, er sah gut aus und war anders, als so viele ungepflegte, versaute und ruppige Kerle. Rist war eine prima Gesellschaft, aufrichtig, zuvorkommend, unterhaltsam. Und wenn Anna ehrlich war, ganz, ganz ehrlich, konnte sie sich keinen Typen vorstellen, der für ein Mädel einen besseren Mann abgegeben hätte. Dies nicht nur Rist’s Art wegen, sondern auch aufgrund seines Erbes. Er wäre in jeglicher Hinsicht ein extrem guter Fang. Nur MUSSTE man ihn deswegen unter Drogen setzen, erpressen, bedrohen, zwingen, verletzen, entführen, im Traum überwältigen und so weiter? Nein. Es war widerlich und die Novigraderin mit der zunehmend schlechten Laune wünschte es sich von ganzem Herzen, dass ihr schüchterner Freund, dieser Mistmagnet, in Zukunft endlich seine Ruhe hätte. Sollte sie vielleicht doch seine Leibwächterin mimen und einfach jeder Frau, die sie trafen, pro forma eine reinhauen? Hm.

“Also…”, atmete Anna nachgiebig, während sie sich ungeschickt aus ihren vielen Deckenschichten schälte. Darunter trug sie Hose, Hemd und zwei Paar dicke Socken. Sie würde gleich ihr volles Reisegewand anlegen; mit Stiefeln, Jacke, Rüstung, Waffen und Mantel. Sie bräuchte nicht lange, wäre in wenigen Minuten abreisebereit.

“Wir packen unseren Kleinkram zusammen und dann bauen wir das Zelt ab?”, fragte sie und ließ den Blick über das kleine Chaos schweifen, das zu ihren Füßen herrschte. Anna rückte sich den Kragen zurecht und gähnte. Als ihre forschenden Augen wieder bei Rist ankamen, fiel ihr noch etwas ein. Oder eher: Jemand.

“Ähm. Was ist mit Ravello?”, fragte die Kämpferin.

“Er ist noch immer draußen und hält Wache. Denke ich.”

“Gehst du zu ihm und sagst ihm Bescheid? Er will sicher mitkommen.”

“Mhm. Mache ich.”

Und damit war es beschlossene Sache: Die Abenteurer würden in der nächsten Stunde abreisen, gen Osten ziehen und dabei ihre Bekannten aus dem Wanderzirkus hinter sich lassen. Auch Vizima würden sie damit den Rücken kehren, doch dafür war es ohnehin schon höchste Zeit. Der Tod des Hungrigen Grafen war nun schon drei Tage her und Flaut hatte Anna und Hjaldrist längst für ihre ganzen Mühen bezahlt. Dreißig Florens mehr hatten sie sogar bekommen, weil sie die zerfetzten Leichen der beiden nilfgaardischen Spione tatsächlich nahe der heruntergekommenen Burgruine des Dorfes des Werschweines gefunden hatten. Damit hatten sie also genug Geld in der Tasche, um erst einmal gut über die Runden zu kommen. Alles war doch prima und ganz ehrlich? Anna freute sich schon sehr darauf ein ihr noch komplett fremdes Land zu erkunden.

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