Kapitel 68

Ein Schild, an dem erstmal alle Arschlöcher vorbei müssten

Ihre zwei Ersatzhemden zusammenrollend und jene in den vollbepackten Rucksack stopfend, trat Anna aus dem klammen Zelt. Kühle Luft schlug ihr entgegen, als sie die dicke Eingangsplane beiseite schlug und sie fröstelte leise. Noch war es dunkel und der Mond stand hoch am Himmel. Bestimmt war es noch nicht zu lange nach Mitternacht, zwei oder drei Stunden vielleicht. Die Frau ließ den Blick kurz schweifen, als sie ihr Gepäck vor dem Zelt in die Wiese warf und sich die frierenden Arme rieb. Ihre noch etwas müden Augen streiften dabei drei Gestalten, die am nahen Lagerfeuer standen. Zwei davon unterhielten sich leise und man konnte sie ob ihrer gesenkten Stimmen nicht verstehen: Ravello in seiner prunkvollen Rüstung und Hjaldrist, der beim Sprechen irgendwie freudlos gestikulierte. Er rieb sich den Nacken, zuckte lethargisch mit den Schultern. Anna runzelte die Stirn und hielt inne. Der größere Ritter aus Beauclair schüttelte den Kopf und klopfte seinem Kumpan aus Skellige die Schulter. Es sah aus, als habe er Rist gerade irgendetwas gesagt, das den Undviker traurig oder enttäuscht stimmte. Anna blinzelte irritiert und wirkte sogleich wacher. Was war los? 

Ihr Blick wanderte weiter, hin zu der dritten Person, die in sicherer Entfernung zu den beiden Männern stand und die Arme eng vor der Brust verschränkt hielt. Sie hielt sich so weit abseits, dass der orange Schein des Lagerfeuers sie kaum erreichte. Die unausgeschlafene Alchemistin in der gestreiften Jacke verengte die Augen, als sie die wartende Frau erkannte. Mia. Natürlich war jene auch noch wach. Rist hatte doch gesagt, dass er vorhin mit ihr gestritten hatte. Wegen der Scheiße, die die vermeintlich reumütige Elfe angestellt hatte. Wie hätte sich das Spitzohr nach alldem auch wieder beruhigt hinlegen können? Sicherlich war Mia bei Ravello am wärmenden Feuer geblieben und hatte sich von dem neugierigen Beauclairer ausfragen lassen. Denn dieser Kerl hatte den Streit zwischen der besagten Frau und Hjaldrist doch mit angehört, nicht? Jedenfalls hatte Hjaldrist dies erwähnt. 

Anna’s Miene war dunkler geworden, als sie den Blick nicht von der Elfe nahm, die den beiden Männern stumm zusah und ganz scheu so wirkte, als wolle sie etwas sagen. Als warte sie ab, um noch einmal mit dem Skelliger sprechen zu können. Unruhig fuhr Anna sich mit dem Daumen über eine alte Naht ihres Handschuhs und ihre Zähne mahlten. Hätte sie gerade jemand gesehen, hätte derjenige erkannt, dass ihr Kopf nur so arbeitete. Wie sie nachdachte und das mit einem verzwickten Ausdruck im Gesicht. Oh, sie hatte Mia ja noch nie sonderlich leiden können. Die ältere Elfe hatte sie immer so skeptisch angestarrt oder sie besserwisserisch belehrt, hatte stets um Rist’s Aufmerksamkeit gehascht, wenn er gerade dabei gewesen war sich mit Anna zu unterhalten. Dennoch hatte die Novigraderin die hinterrücks einnehmende Oneiromantin geduldet. Schlussendlich war Mia ihr nie offen dumm gekommen. Da war stets nur dieser passive Unmut gewesen, der zu oft für dicke Luft gesorgt hatte. Nun aber, da hatte die verschissene Träumerin den Bogen weit überspannt. Viel zu weit. Seit Hjaldrist Anna vor wenigen Minuten erzählt hatte, was diese verschlagene Mia im Schlaf mit ihm hatte anstellen wollen, brodelte da eine gewisse Verachtung in der Trankmischerin. Und war sie Mia sonst immer ganz gerne aus dem Weg gegangen, um keine Zeit an die eifersüchtige Frau zu verschwenden, so verspürte sie jetzt einen unheimlichen Drang dazu die Elfe zu konfrontieren. Sie als das zu beschimpfen, was sie in Anna’s Augen war, und ihr Eine dafür zu verpassen. Ja, ‘Frau Baran’ hätte sich gerade eben und nach dem Streit mit ihrem offensichtlichen Schwarm ja zurückziehen können, anstatt Rist jetzt schon wieder behelligen zu wollen. Sie hätte in ihr Zelt gehen können, um Auseinandersetzungen und weiteren Ärger zu vermeiden. Aber das war sie nicht. Sie stand nämlich herum, als warte sie darauf, dass Hjaldrist ihr wieder Gehör schenkte. Wie nervtötend. Die Magiebegabte war selbst schuld an dem, was gleich käme. Anna, die nicht dafür bekannt war besonders friedfertig zu sein, ballte die Hände zu Fäusten und ihr Mundwinkel zuckte genervt. Dann setzte sie sich in Bewegung und das unheimlich zielstrebig. Festen Schrittes hielt sie auf das knisternde und knackende Lagerfeuer zu und fühlte sich in diesem Augenblick unglaublich groß. Denn sie hatte eine ganz klare Meinung, die sie loswerden würde, und einen haltlosen Ärger in sich, der sie vorantrieb. Der Wollmantel der wütenden Alchemistin bauschte sich im Gehen, als sie auf die drei noch wachen Leute zumarschierte.

Hjaldrist bemerkte Anna als erster und sah fragend auf, während er sogleich mit dem Sprechen innehielt. Die beiden anderen folgten seinem Blick sofort und Anna hätte schadenfroh grinsen können, als sie den plötzlich unglaublich gehetzten Blick Mias erkannte. Doch sie schmunzelte nicht, sondern wahrte ein Gesicht aus steinerner Verachtung.

“Anna?”, fragte Ravello absolut verunsichert, doch wurde ignoriert. In seinem Unterton schwang eine gewisse, ungute Vorahnung mit.

“Hey.”, sprach die Kurzhaarige Mia direkt an und dies auf eine unheimlich energische Art. In ihrer Stimme lag eine unverkennbare Verachtung. Dann machte Mia’s überwältigtes Gesicht auch schon Bekanntschaft mit Anna’s Lieblingswaffe: Ihrer Rechten. Man sah, wie es der Elfe den Kopf durch den barschen Schlag herumriss und wie sie rücklings über einen der kleinen Strohballen am Lagerfeuer stolperte. Es ging sehr schnell: Sie verlor das Gleichgewicht, stürzte, landete rücklings am harten Boden. Die versehrte Träumerin stöhnte schmerzerfüllt auf und hielt sich das Gesicht, schien nicht zu verstehen, was gerade geschehen war. Sie würde wohl ein paar Atemzüge brauchen, bis sie wieder wusste, wo oben und unten war. Ob man sie schon einmal so geschlagen hatte, wie Anna es gerade getan hatte? Das Spitzohr war doch einmal ein Straßenkind gewesen, richtig? Bestimmt hatte man sie damals auch oft verprügelt. Und dies, anders als heute, unverdient.

Anna rümpfte die Nase, als rieche sie etwas Ekelhaftes, und rieb sich die schmerzenden Fingerknöchel. Sie schritt auf die liegende, gequält keuchende Elfe zu und hörte Ravello neben sich. Mia jammerte irgendetwas unverständliches.

“Du liebe Güte!”, japste der Ritter am Platz und erhob die Hände beschwichtigend “Anna! Was-”

“Halt’s Maul, Ravello.”, brummte die verstimmte Novigraderin bloß. Und obwohl Rist sonst ganz gerne vernünftige Dinge sagte oder Diplomatie walten ließ, blieb er jetzt still. Er warf keine Einwände ein, ging nicht dazwischen, hielt Anna nicht auf. Als sie ihm einen beiläufigen Seitenblick zuwarf, sah er sie nur abwartend an. Das war gut, denn so hätte sie ihm gegenüber und später kein schlechtes Gewissen.

“Was hast du dir dabei gedacht, hm?”, tönte die Alchemistin mit dem Lagerfeuer im Rücken, als sie sich vor Mia aufbaute. Sie hätte nicht zynischer klingen können. Die konfuse Elfe, der Blut am Mundwinkel klebte, versuchte gerade sich wieder aufzurappeln. Doch weiter, als in eine schief sitzende Position schaffte sie es vorerst nicht. Bestimmt sah sie Sternchen.

“Was…”, atmete die Elfe und nuschelte dabei etwas, befühlte ihre Zähne vorsichtig “Was… was meinst du…?”

“Stell dich nicht dumm, Schlampe.”, brummte die Monsterjägerin böse “Rist hat mir alles erzählt.”

Mia zuckte heftig zusammen, als sie dies hörte und man sah sie trocken schlucken. Aus geweiteten Augen sah sie zögerlich zu der auf, die anmutete, als hätte sie die am Grund sitzende Frau gerne noch ein, zwei Mal getreten. Mh, vielleicht würde sie das ja noch tun.

“Was?”, keuchte die blutende Zirkusartistin kleinmütiger, als noch zuvor. Ihre mandelförmigen, vom Schmerz feuchten Augen wichen kurz hilfesuchend zu den beiden Männern hin, die unweit standen. Rist verzog keine Miene, doch Ravello eilte natürlich sofort herbei, um Mia zu helfen. Ganz der Kavalier, der er war, streckte er der Elfe eine Hand hin, um sie auf die Beine zu hieven. Doch sie erfasste die Finger vorerst nicht, denn noch immer stand Anna da und starrte sie grimmig an. Offenbar wagte die Oneiromantin es nicht sie zu rühren, weil sie Angst hatte. Zurecht.

“Was ‘was’? Du dachtest wohl, er behält es für sich?”, schnaufte die Alchemistin, lachte kurz und abschätzig “Oder hast du geglaubt, ich sei nach der Scheiße nett zu dir? So, wie dieser Narr da?”

Anna nickte gen Ravello. Der irritiert blinzelnde Ritter war klug genug keine Widerworte zu geben und die ruppige Meldung seiner Gefährtin einfach zu überhören. Er schenkte ihr schlicht einen entnervten Blick. Doch der Mann aus Toussaint wirkte nicht beleidigt oder aufgebracht; dazu kannte er Anna schon zu gut. Und er wusste, wie sie war, wenn man sie reizte: Ein Wirbelsturm, der allen Gegnern auf dem Weg Bäume entgegen schleuderte, um sie zu erschlagen, doch Freunden bis auf ein lautes Brausen nichts zuwarf. Ravello wusste, dass die flatterhafte Novigraderin ihn trotz ihrer Wut nicht harsch attackiert hätte. Dazu war sie nämlich - man mochte es kaum glauben - zu nett.

“Ich… ich habe mich doch entschuldigt…”, rechtfertigte sich Mia und sah drein, wie ein getretener Köter “Es war ein M-Missverständnis.”

Anna zog die Brauen weit zusammen. Nach wie vor war ihr Gesicht das einer aufgebrachten Frau, die einem nur das Schlechteste wünschte.

“Ach ja?”, machte sie bloß unbeeindruckt.

“Anna…”, sprach Ravello noch einmal dazwischen und in seinem Ton lag eine geduldige Bitte. Er wurde auf ein Neues ignoriert, denn seine aufbrausende Kollegin war hier noch lange nicht fertig.

“Ich halte nicht viel von dummen Ausreden, Klingenohr.”, spuckte Anna Mia abwertend entgegen “Du bist eine abgedrehte Fotze. Ich habe dich nie ausstehen können, aber die Scheiße, die du heute abgezogen hast-”

“Es... tut mir leid.”, stammelte die Frau am Boden mit gesenkter Stimme, hielt sich dabei schmerzlich das Kiefer, das langsam anschwoll “Das habe ich auch... H-Hjaldrist schon gesagt.”

Anna schnaubte pikiert und schüttelte den Kopf. Sie warf die Arme in einer ungläubig aufgerüttelten Geste in die Luft.

“Worte und Taten.”, sagte sie feindselig “Das sind zwei Paar Schuhe. Und erstere nehme ich dir nicht ab.”

Mia wollte schnell noch etwas sagen, doch die raue Giftmischerin ließ sie nicht.

“Lass Rist in Ruhe.”, maulte die Kriegerin zum Abschluss ihrer Tirade “Und laufe uns noch EINMAL über den Weg und ich ramme dir meinen Stiefel so weit in den Arsch, dass er dir oben wieder rauskommt.”

Ravello gab einen empörten Laut von sich und Anna machte Andeutungen zutreten zu wollen. Erschrocken rutschte die Träumerin aus dem Norden auf ihrem Allerwertesten sitzend zurück und kam dabei unbewusst näher an den Ritter aus Beauclair heran. Er half ihr sofort hoch und sie hielt sich an seiner Seite, als sei er ein großer Beschützer. Finster lächelte Anna. Da lag eine grimmige Zufriedenheit in ihrem Blick.

“Anna…”, beruhigte der anwesende Ritter abermals “Lass sie doch mal erklären…”

Die grantige Schwertkämpferin lenkte den Blick wenig begeistert auf den sanftmütigen Mann aus Toussaint. Sie hatte keine Lust darauf irgendwelche Beschreibungen der Traum-Misere aus Mia’s Mund zu hören. Es interessierte sie nicht, was diese dämliche Frau von ihrem kläglichen Versuch hielt Rist flachzulegen.

“Ich… ich habe nicht nachgedacht.”, plapperte Mia dann auch schon drauflos und ihre Stimme wollte brechen “Und ich war so… so dumm, dass ich dachte, ich käme ihm wenigstens im Traum etwas näher. Außerhalb… außerhalb der Träume hätte ich es mich nicht getraut. Ich weiß doch, dass ihr zwei-… ich meine…”

Anna’s Miene blieb starr und dunkel, als sie die Spitzohrige ansah, die jämmerlich nach Worten klaubte und sich an Ravello’s Arm festhielt, wie an einem rettenden Tau. Und obwohl diese Frau hier gerade fälschlicherweise annahm, dass die wütende Alchemistin etwas mit Rist hätte und ihren ‘Partner’ hier gerade ‘verteidigte’, entkamen Anna keine Widerworte. Sollte Mia doch denken, was sie wollte.

“Ich… ich hatte dein Aussehen angenommen, weil ich dachte, dass es sich für ihn nicht falsch anfühlt, wenn-... ach… es tut mir leid… es war dämlich...”

Die dick angezogene Kriegerin aus Kaer Morhen stutzte heftig und schaffte es jetzt nicht mehr einen Ausdruck aus Eis zu wahren. Also erfuhr sie eine heftige Gesichtsentgleisung.

“Sie… die hat WAS?”, mit dieser unsäglich scharfen Frage auf der Zunge sah Anna abrupt zu Rist und deutete wiederum mit einem anschuldigenden Finger auf die geständige Mia, die den Blick gesenkt hielt und die Hände hob, um sie sich vor das blutige Gesicht zu halten. Was geschehen war, tat der Frau augenscheinlich wirklich leid. Sie heulte fast. Jeder hätte ihre kleinlaute Entschuldigung spätestens jetzt angenommen, nur die nachtragende Anna nicht. Erst recht nicht jetzt, wo sie wusste, dass diese elende Oneiromantin ihren Körper kackendreist kopiert hatte, um den nichtsahnenden Hjaldrist im Traum dazu zu bringen mit ihr zu schlafen. Es wurde immer grotesker und verwerflicher, wirklich.

“Ah...”, machte der besagte Skelliger jetzt völlig überfordert, als Anna ihn konfrontierte, und seine dunklen Augen wanderten unstet. Hatte er zuvor noch so abwartend und verstimmt dreingesehen, so wurde er jetzt unglaublich nervös und wich gar einen Schritt weit zurück. So, als entkäme er damit den abwartend starrenden Augen seiner Kumpanin. Auch Ravello trat betreten von einem Bein aufs andere, sah Hjaldrist forschend an.

“Sie hat ausgesehen, wie ich? Warum hast du das nicht gesagt?”, fragte die fassungslose Anna mit großem Nachdruck und ihre heisere Stimme duldete keinerlei Ausflüchte, als sie ihren besten, sehr unruhigen Freund mit den verengten Augen fixiert hielt “Deswegen meintest du, du hättest sie zuerst nicht erkannt und erst dann weggeschubst, als du realisiert hast, wer sie wirklich ist!”

Oh, was für eine wirre, morbide Kacke. Jetzt machte es auch Sinn, dass Rist früher im Zelt gemeint hätte, er habe erst bewusst gegen Mia gehandelt, nachdem ihm aufgefallen war, wer sie war. Und damit ging auch eine ganz andere Frage einher: Hätte er die Träumerin walten lassen, hätte er sie bis zum Ende für Anna gehalten? Hätte er sich in dem Fall einfach gehen lassen? Wahrscheinlich. Wäre nämlich nicht abwegig, wenn man daran dachte, dass die burschikose Kräuterkundige vermutlich die einzige war, die er in den letzten Jahren an sich herangelassen hatte. Zwar distanzierte er sich momentan wieder sehr, doch das änderte nichts daran, dass er Interesse an ihr gezeigt hatte und eine Zeit lang recht unbeschwert mit ihr umgesprungen war. Dass er sich oft verhalten hatte, als sei er viel mehr als nur ein guter Kumpel. Andere Frauen, die hatte der Jarlssohn stets völlig ausgeblendet; er war ihnen ausgewichen, hatte alle Bordelle gemieden und stets mürrisch gebrummt, wenn der kokette Ravello ihn dazu aufgefordert hatte mal ein hübsches Mädel aufzureißen. Also war es doch nicht verwunderlich, dass er mit jemandem, von dem er glaubte, es sei Anna, in die Kiste stieg. Schlussendlich war das ja nichts Neues für ihn. Bei Melitele! Und Mia war auch noch schlau genug gewesen, dass sie genau dies ausgenutzt hatte. Nur wie war sie überhaupt auf diese hirnrissige Idee gekommen? Es war für Außenstehende doch nicht offensichtlich, dass der Undviker im Bunde und seine Kollegin aus Novigrad schon mehr miteinander geteilt hatten, als nur die Socken und das Zelt? Muteten sie wirklich an, als seien sie ein Paar? Oder hatte ihr älterer Kumpan seiner redseligen Traum-Mentorin in einem ihrer langen Gespräche unter vier Augen zu viel erzählt? Und wenn ja, was?

Anna fuhr sich mit einer Hand tief seufzend über das Gesicht, nachdem Rist ihr nicht antwortete und ihre Gedanken in ihrem brummenden Schädel nur so im Kreis rasten. Der Schönling hatte auf ihre Frage hin nur zögerlich genickt und stand nun ratlos herum, sah fort und war offenkundig peinlich berührt. Er würde nichts sagen. Nicht jetzt.

“Äh…”, machte Ravello in einem weiteren Versuch die Situation zu schlichten oder aufzulockern “Mia… hat es sicher nicht böse gemeint.”

Der Blick der Alchemistin am Platz fiel zurück auf die kleinere Elfe bei dem Beauclairer. Und hätte man Leute totstarren können, hätte Anna dies just getan. Sie verzog das Gesicht angewidert.

“Mach, dass du hier wegkommst, oder ich garantiere für nichts, du Närrin.”, knurrte die Kriegerin und Mia erstarrte für einen Augenblick. Wenn dieses Miststück nicht gleich fort wäre, würde Anna es windelweich prügeln. 

“Na los!”, blaffte die Bewaffnete.

Die Elfe zuckte auf dies hin zusammen, krallte sich schniefend an ihren Rock. Ihre Augen waren mittlerweile sehr glasig und sie wirkte zutiefst gekränkt. Schön. Hoffentlich hätte sie noch sehr lange ein stechend übles Gewissen. Anna spuckte aus.

“Ich… ich weiß wirklich nicht, was er an dir findet.”, atmete die verletzte Artistin kleinlaut und hatte dafür sicherlich ihren ganzen Mut aufbringen müssen. Dann wendete sie sich schnell ab, um fluchtartig zu gehen. Hektisch verließ sie das Lagerfeuer und eilte in der Dunkelheit dem Zelt entgegen, das sie sich mit Vater und Schwester teilte. Darin wurde gerade ein Licht entzündet, denn man hatte das Geschrei und den Tumult am Platz gehört.

Anna sah der entrückten Träumerin in der kalten Nachtluft zornig nach, reckte das Kinn grantig. Und nur ganz allmählich drangen ihr die letzten Worte der Frau tiefer in den Sinn. Anna ließ den Blick langsam sinken und ihre geballten, behandschuhten Hände entspannten sich wieder ein wenig. Mit der Zunge fuhr sie sich hinter ihren geschlossenen Lippen über die Zähne, schlug die Lider nieder und atmete hörbar tief aus.

Mia wisse also nicht, was Rist an Anna fände? Tja. Das wusste sie selbst auch nicht. Verstehe einmal jemand diesen Narren, der vorgegeben hatte Pissen gegangen zu sein, als sich der Drache und Tusnelda geküsst hatten.

Ein leises Räuspern seitens Ravello riss die Kurzhaarige zurück in die Realität.

“Oh Mann.”, machte der und lachte betreten, hüstelte erneut. Anna sah sich nach ihm um und ihr Blick streifte Hjaldrist dabei. Der stand mittlerweile völlig abgewandt da und sah dem nächtlichen, dunklen Alt-Vizima stumm und mit verschränkten Armen entgegen.

“Alles gut…?”, wollte der Ritter im warmen Schein des flackernden Feuers wissen, haschte damit nach der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner Freundin. Sie nickte schwach.

“Ja.”, meinte sie trocken und noch immer war sie aufgewühlt.

“Ich habe mitbekommen, was passiert ist. Die Traumsache, meine ich.”, gab der Blondschopf aus dem Süden zu “Unschöne Sache. Aber naja… solche Ausrutscher passieren eben. Und außerdem ging ja alles gut aus. Mach dir keinen Kopf mehr darüber.”

Anna schnaufte unzufrieden und der Drang Mia schlagen zu wollen, steckte ihr nach wie vor in den Knochen.

“Und… naja… ihr geht doch sowieso. Du wirst Mia also hoffentlich nicht wiedersehen.”, setzte Ravello fort und brachte Anna’s Ausdruck damit dazu in eine skeptische Richtung zu verrutschen. Hatte der Mann gerade gesagt ‘ihr geht’?

“Was?”, fragte sie daher “Du kommst nicht mit?”

“Nein…”, sagte der prunkvoll Gerüstete seufzend und lächelte ein wenig traurig dabei “Ich werde mit dem Zirkus mit nach Beauclair ziehen. So, wie geplant. Ich… habe meine Eltern so lange nicht mehr gesehen und würde sie gerne wieder einmal besuchen. Und Philippe und Sebastian auch. Meine Freunde. Erinnerst du dich an sie?”

Die Novigraderin schwieg mit gemischten Gefühlen in der Magengegend. Noch einmal sah sie Rist’s Rücken unschlüssig entgegen und als ihr Blick Ravello erneut suchte, war der Ärger über Mia vollends aus ihrer Miene verschwunden. Ihre Schultern sanken, als sie den Ritter musterte und verstand, dass sie sich heute, gleich, von jenem verabschieden müsste. Das, nachdem sie so viel zusammen erlebt hatten. Ravello war zwar ein elender Feigling, doch er war am Ende immer da gewesen, um moralisch zu unterstützen. Ach, wie lange waren sie zusammen umhergezogen? Es erschien wie eine halbe Ewigkeit.

“Oh…”, entkam es Anna nach einer etwas unangenehmen Schweigepause dünn.

“Ach, schau doch nicht so.”, bat Ravello nach einem kurzen Hadern, als er sich am Hinterkopf kratzte. Das hier fiel ihm sehr schwer, doch so, wie seine Kollegin mochte er es solch unangenehme Situationen mit vorgespielter Leichtigkeit zu verschleiern. Deswegen lachte er leise, obgleich es ihm bestimmt nicht danach war.

“Kommt in Beauclair vorbei, wenn ihr von Serrikanien zurück seid.”, schlug der Blonde gutmütig vor “Und erzählt mir dann von euren Abenteuern, ja?”

“Äh. Ja…”, nickte Anna zögerlich.

“Dann sprechen wir auch noch einmal bezüglich unseres Kosmetikgeschäftes. Bis dahin habe ich nämlich bestimmt all meine Vorräte an hübsche Mädchen der Stadt verkauft.”

“In Ordnung.”

“Versprochen?”

“Versprochen.”

 

Kaum zwei Stunden später, nach einem kargen Frühstück und der täglichen Giftration für die verrückte Trankmischerin, waren Hjaldrist und Anna schon auf der Straße. Nach dem schweren Abschied von Ravello schwiegen sie und waren, jeder für sich, in tiefe Gedanken versunken. Der Undviker mit der schönen Familienaxt der Winterinsel, der sein braunes, vollbepacktes Pferd am Zügel hinter sich her zog, sah stumm und abwesend vor sich hin. Anna hielt sich etwas versetzt neben ihm und sah geistig nicht viel anwesender aus, als er selbst. Der verdünnte Wolfsbann-Auszug, den sie sich heute nach dem Essen in den Rachen gekippt hatte, machte ihr den tief hängenden Magen noch immer so flau, dass sie am liebsten gekotzt hätte. Doch vor allem war es außerordentlich hart gewesen dem charismatischen Ritter aus Toussaint Lebewohl zu sagen. Denn wer wusste schon, ob man ihn je wiedersah? Die blasse Anna hatte sich gar eine kleine Träne aus dem Augenwinkel blinzeln müssen, doch daraufhin gleich leise gelacht und den Blondschopf veralbert, ihn im Scherz gehauen. Die vorangegangene Auseinandersetzung mit Mia und all das drum herum lagen ihr auch noch schwer in der momentan empfindlichen Magengrube. Dementsprechend fiel die Stimmung jetzt aus. Die matte Novigraderin mit der weiten Kapuze am Kopf fühlte sich, als sei sie der Grund für die momentane, drückende Stille und als schulde sie ihrem besten Freund irgendwelche Worte. Also holte sie Luft, um zu reden. Irgendetwas zu sagen - so dumm oder leer es auch wäre - wäre schlussendlich besser, als weiterhin zu schweigen und sich dabei von der vermeintlich dicken Luft erdrücken zu lassen.

“Hör mal-”, fing die Monsterjägerin leise an, aber kam nicht weiter, denn Rist hatte dieselbe Idee gehabt, wie sie. Er sprach zur selben Zeit, wie Anna und ebenso auf eine Art, als verspüre er ein schlechtes Gewissen.

“Danke.”, meinte er auf einmal und die Alchemistin hielt überrascht inne. Von der Seite aus lugte sie unschlüssig zu dem Axtkämpfer mit dem Fellbesatz am braunen Überwurf hin. Es dämmerte mittlerweile schon. Erster, schwacher Sonnenschein kletterte mühsam über den Horizont und legte sich rötlich über den Morgentau auf der Wiese. Die ersten Vögel begannen ihre Lieder zu zwitschern und irgendwo, ganz weit weg in der Ferne konnte man einen Greif kreischen hören. Nach wie vor war es kühl und Anna zog sich den gefütterten Mantel vorn weiter zu. Sie kam zwar aus Kaer Morhen, wo die Winter hart sein konnten, doch an die Kälte hatte sie sich nie gewöhnt.

“Hm?”, fragte die Frau ihren Kumpel irritiert “Wofür?”

“Für die Aktion mit Mia.”, erklärte Hjaldrist nun und suchte Blickkontakt. Die Hufe Apfelstrudels klapperten hinter ihm auf der unebenen Straße, die mit von Regenwasser gefüllten Schlaglöchern gespickt war. Es war der Weg, der von Vizima aus gen Südosten führte. Durch die mahakamer Berge und Angren, zum Pass, der durch das Blaue Gebirge und Tir Tochair, bis zu den Steppen vor Serrikanien verlief. Ein sehr, sehr langer Weg.

“Was?”, Anna hob die schmalen Brauen ungläubig an “Du bedankst dich dafür, dass ich ihr meine Meinung gegeigt habe? Das war doch mehr, als nur nötig. Außerdem war ich wütend.”

Man sah Rist schwach schmunzeln und er sah aus, als suche er in der Miene Annas ganz beiläufig nach irgendetwas. Nur was?

“Du hast das trotzdem wegen mir getan.”, erinnerte der kluge Jarlssohn und sein schmales Grinsen wich einem viel sanfteren Ausdruck. Er atmete einmal locker durch.

“Also danke.”, schloss er aufrichtig und ohne wegzusehen.

“Ähm.”, entkam es der verblüfften Novigraderin dazu nurmehr “Ich… dachte, du seist mir böse.”

“Hm? Wieso?”, wollte der ehrliche Skelliger verwundert wissen.

“Du sagst immer, dass ich keine Schlägereien anzetteln und mich am Riemen reißen soll. Weil ich uns immer Ärger einhandle. Es hat mich daher auch verwundert, dass du nicht zwischen Mia und mich gegangen bist, um sie vor mir zu beschützen. Du hast ja noch nicht einmal was gesagt.”

Der Ältere lachte leise in sich hinein.

“Von mir aus hättest du ihr gerne noch eine verpassen können.”

Anna’s Gesicht erhellte sich sofort. War das Erleichterung, die ihr das Herz gerade höher schlagen ließ? Sie freute sich, dass ihr guter Kollege befürwortete, was sie getan hatte.

“So, so. Das merke ich mir für’s nächste Mal.”, lächelte die Frau breit und erhob die Fäuste demonstrativ. Beinah trat sie dabei in eines der tiefen Schlaglöcher, schritt aber gerade noch so darüber hinweg und stolperte nicht. Ein erheiternder Anblick, denn Hjaldrist musste schon wieder lachen.

“Naja, ich hoffe, wir treffen sie nie wieder.”, gab er zu “Aber wenn, dann schlag ordentlich zu. Ich verhaue wehrlose Frauen nämlich nur ungern.”

Die Giftmischerin grinste verschmitzt, taxierte ihren Kollegen heiter. Sehr schnell fand sie aber wieder eine gewisse Ernsthaftigkeit, die sich in ihrem noch etwas bleichen Gesicht widerspiegelte. Sie hätte nicht so viel Wolfsbann schlucken sollen.

“Wie geht es dir überhaupt?”, hakte die Kurzhaarige nach, als sie ihren Freund betrachtete.

“Hm?”

“Du hast vorhin ziemlich fertig ausgesehen. Außerdem… naja, die Scheiße, die Mia abgezogen hat, war sicherlich eine ziemlich miese Erfahrung. Erst recht, weil sie, ähm, ausgesehen hat, wie ich.”

“...Mhm.”, stimmte der ganz plötzlich eher wortkarge Inselbewohner langsam zu und sah wieder nach vorn, dem Weg entgegen. Das ganze Thema knickte ihn und das war verständlich. Noch besser fühlte sich Anna daher, weil sie der ruchlosen Träumerin, die den armen Rist zu sehr bedrängt hatte, eine Lektion erteilt hatte. Hjaldrist war zwar ein ziemlich starker Kerl und das in vielerlei Hinsicht. Nur manchmal, wenn es um gewisse Themen ging, da konnte auch er ziemlich verletzlich wirken. Und in solchen Momenten lag es an der großmäuligen Novigraderin für ihn aufzustehen. Oder jedenfalls fühlte sie sich dann immer so, als sei dies ihre freundschaftliche Pflicht. Schließlich war ja auch er immer ein Aard für sie. Da konnte sie doch auch sein Quen mimen, oder nicht? Ein Schild, an dem erstmal alle Arschlöcher vorbei müssten. Ja, das war gut!

“Du ziehst aber auch immer komische Weiber an, weißt du das?”, fiel es Anna während ihres Gedankenganges ein und sie gluckste leise, lockerte die eigenartige Atmosphäre damit ungemein und bewusst auf. 

“Ja, allerdings.”, pflichtete der Undviker neben ihr auffallend schnell bei und schenkte der Kurzhaarigen einen bedeutsamen Blick. Bestimmt verkniff er sich ein sehr breites Grinsen und diese Annahme brachte die Trankmischerin dazu abfällig zu schnauben und die Augen schief lächelnd zu verdrehen.

“Arsch.”, meinte sie trocken und Hjaldrist lachte “Immerhin verschleppe ICH dich nicht in obskure Gegenden oder verkleide mich, um dir meine Zunge in den Hals stecken zu dürfen. Oder jedenfalls war ich nie betrunken genug, um auf solch eine Idee zu kommen.”

Der Mann stutzte merklich und sah kurz so aus, als fühle er sich vor den Kopf gestoßen. War klar gewesen, dass er so reagierte. Sein Lachen verstummte augenblicklich.

“Wobei ich dich dafür ja nicht einmal entführen oder ein anderes Aussehen annehmen müsste, hm? Scheint so, als habe ich da eine ganz gewisse Erlaubnis.”, witzelte die Alchemistin belustigt weiter und wusste allerspätestens seit heute Nacht, dass sie Recht hatte. Nur deswegen sprach sie diese Tatsache überhaupt aus. Und weil Rist nicht effektiv kontern, sondern nur wieder verlegen werden würde. Mit wachem, nervösem Blick schwieg der Krieger Anna an. Es war eine stumme Zustimmung, was sonst? Die Frau musste den Kopf einmal mehr feixend schütteln. Sie atmete durch, dachte kurz nach. Dann lehnte sie sich der Seite ihres Kumpels entgegen, um im Gehen brüderlich einen Arm um seine Schultern zu legen.

“Ach, mach dich mal locker…”, sagte sie dabei “Ich glaube, wir sind schon etwas über den Zeitpunkt hinweg, dass wir uns wegen solch einem Thema verlegen ansehen müssen, oder...? Mia hat getan, als sei sie ich und du hast dich nur deswegen beinahe reinlegen lassen. Vielleicht sollte ich mich deswegen geschmeichelt fühlen.”

Rist wich den aufmerksamen Augen seiner Freundin sofort aus, doch man erkannte, wie ein scheues Lächeln an seinen Lippen zog, als er vor sich hin sah.

“Ja, gerade, weil du damals doch behauptet hast, ich sei nicht dein Typ und sähe aus, wie ein Junge. Weißt du noch? Vielleicht hast du ja geflunkert...”, schnaubte die Braunhaarige, doch klang nicht böse dabei. Im Gegenteil.

“Hm.”, machte Hjaldrist daraufhin nur noch und sein Lächeln schwand nicht wieder. Wer wusste schon, was in seinem Kopf vorging, denn er mutete gedankenvoll an, bevor er sich tatsächlich wieder allmählich entspannte. Anna spürte seine Hand auf ihrem Rücken, als er ihre freundschaftliche Geste erwiderte. Die zögerlichen Finger rutschten weiter hoch, legten sich auf ihre Schulter und die Frau musste zufrieden lächeln.

“Weißt du was, Käferschubser? Ich habe gehört, dass es in Serrikanien große Tabakpfeifen gibt, in die man Wasser füllt und deren Rauch nicht ekelhaft stinkt, sondern nach Früchten schmeckt.”, sagte sie dann verstohlen “Die müssen wir unbedingt ausprobieren.”

Hjaldrist gab einen nachgiebig amüsierten Laut von sich und war bestimmt heilfroh darüber, dass Anna das Thema endlich gewechselt hatte.

“Klar, Flohbeutel.”, machte er, während er seine beste Freundin von der Seite mit Blicken maß. Und wie seine Kumpanin fand auch der Jarlssohn endlich wieder einen unübersehbar zuversichtlichen, nahezu erfreuten, Ausdruck.

 

“Hast du in der Zeit seit Novigrad überhaupt viel lernen können…?”, fragte Anna in die Stille hinein, als sie in der kommenden Nacht irgendwo in der Wildnis zwischen Vizima und den mahakamer Bergen lagerten. Den ganzen Tag waren Hjaldrist und sie auf den Beinen gewesen und nun schon seit viel zu vielen Stunden wach. Schließlich waren sie schon vor der frühen Morgendämmerung aufgebrochen. Die Monsterjägerin, die vor dem kleinen Lagerfeuer saß, das sie zwischen einer kleinen Baumgruppe und ein paar niedrigen, schützenden Felsen entzündet hatten, fühlte sich, als habe man sie durch eine Mangel gedreht. Lange war sie nicht mehr so viel an einem Stück gewandert. Die Lider der Frau waren demnach schwer und ihre Füße schmerzten. Sie war froh, dass sie nun endlich rasteten und das mit dem verlockenden Zelt voller Felle und Decken, das unweit auf sie wartete. Nicht mehr lange und sie würde sich zum Schlafen hinlegen. Rist hatte gemeint, er übernehme gerne die erste Nachtwache, da er so und so schlecht schliefe. Armer Kerl.

“Lernen?”, fragte der abgekämpfte Besagte nach und wusste erst gar nicht, was seine nun nurmehr einzige Begleiterin meinte. Er sah etwas irritiert auf und ließ die Schüssel sinken, in der eine dünne Suppe vor sich hin dampfte. Sie beide hatten vorhin ein paar Kartoffeln verkocht und Kräuter Annas in den Möchtegern-Eintopf gehackt, damit er überhaupt nach irgendetwas schmeckte. Oh, zum Glück hatte sie nämlich auch alten Rosmarin und getrocknete Petersilie in der Tasche, nicht nur bitteres Schöllkraut oder teuren Wolfsbann. Ihr kochlöffelschwingender Kumpan war zuerst wirklich skeptisch gewesen und hatte zweimal nachgefragt, ob Anna ihm zum Kochen wirklich keine giftigen Pflanzen gegeben hätte, sondern Gewürzkräuter. Denn Wolfsbann hätte zumindest dem Undviker im Bunde die Hufe schneller hochgerissen, als man ‘Kartoffelsuppe’ hätte sagen können.

“Na, von Mia.”, erklärte sich Anna knapp, verzog bei der Erwähnung dieses Namens das Gesicht ein wenig. Und ihr Freund, der neben ihr vor den angenehm wärmenden Flammen saß, verstand. Er senkte den müden Blick nachdenklich.

“Hmm… ich habe schon etwas gelernt…”, meinte er “Aber ich bin weit davon entfernt die Kontrolle über das zu haben, was ich kann. Mia brauchte damals fünf Jahre und so viel Zeit hatte ich nicht.”

“Ha.”, lachte die Hexerstochter leise und drängte ihrem Kumpan den Ellbogen dabei locker in die Seite “Du bezeichnest es ja als etwas, das du ‘kannst’. Nicht mehr als Fluch oder Krankheit. Das ist gut.”

Man sah, wie der Schönling lächeln musste, als Anna dies sagte. Er sah wieder zu ihr und stellte seine halbvolle Holzschüssel vor sich, zwischen seine Füße.

“Ja… ich habe eingesehen, dass es eine Art Gabe sein kann. Und vielleicht ist sie auch nützlich, wenn ich sie irgendwann richtig beherrsche.”, gab er zu und klang aufrichtig froh darüber “Am Anfang kam ich ganz und gar nicht damit zurecht und wollte nur, dass die Träume aufhören und die Stimmen schweigen. Aber mittlerweile kann ich beides akzeptieren, weil ich weiß, was es ist. Es ist eine schwere Bürde, aber immerhin verstehe ich es nun am Rande. Und ich weiß, in welche Richtung ich arbeiten muss, um die Sache irgendwann zu meistern.”

“Und?”, machte Anna “Wir haben uns in letzter Zeit selten darüber unterhalten. Erzähl doch mal.”

“Naja, die ganzen Gespräche und Übungen mit Mia hatten mir immer ziemlich gereicht. Ich wollte mich nicht tagelang nur mit Visionen oder Geflüster in meinem Kopf auseinandersetzen.”, gab der Jarlssohn zu “Die ganzen theoretischen Lektionen und dieses unglaublich lange Meditieren, das mir helfen sollte, haben mir regelmäßig Kopfschmerzen beschert, wirklich. Da habe ich in meiner freien Zeit lieber Gwent gespielt oder sonst was mit dir gemacht.”

“Kopfweh? Und deswegen erzähltest du mir nie was von deinen neuen Erkenntnissen?”, wollte die Kriegerin gespielt vorwurfsvoll wissen. Sie nahm es ihrem Kumpel aber nicht übel, denn sie wusste ja, dass Rist es nie böse gemeint hatte. Nach den ganzen Stunden mit seiner spitzohrigen, peniblen Mentorin hatte er tatsächlich immer recht überfordert und ermüdet ausgesehen, ab und an sogar richtig frustriert. War klar, dass er daneben gerne seine Ruhe vor Traumthemen und Stimmen in Köpfen gehabt hatte. Doch nun war er wieder allein mit Anna und würde sicherlich wieder mehr mit ihr sprechen, wenn es um diese eigenartige Magie in seinem Körper ging. Oder? Sie hoffte es. Und gleichzeitig wurde ihr gerade stark bewusst, wie lange es her war, dass sie beide nur zu zweit umhergezogen waren. Seit Beauclair waren sie nicht mehr wirklich allein gewesen. Denn mindestens Ravello hatte sie immer begleitet. Und später, da hatten sie noch mehr Mitreisende angezogen: Joris, Violeta, Schlampen-Svenja, die Zirkusleute. Es war also ein eigenartiges Gefühl wieder unter vier Augen zu sein. So, wie damals auf Skellige und während der holprigen Reise nach Toussaint.

“Mh. Ich finde es auch komisch.”, warf der Mann neben Anna jetzt bedächtig ein, als er sich mit der Hand durch den Nacken fuhr “Aber nicht schlecht.”

Die Frau hob eine Braue und taxierte den Undviker, ehe sie verstand, was das eben gewesen war: Mehr als nur eine Antwort auf ihre Fragen nach Hjaldrist’s Fortschritten hinsichtlich seines Könnens. Prüfend verengte sie die Augen.

“Wa-warte mal! Hör auf damit.”, brummte sie und er grinste nur etwas verwegen in sich hinein, kratzte sich am Kinn.

“Hast du das bewusst gemacht?”, wollte sie dann sofort kritisch wissen. Sie mochte es nicht, wenn man ihr in den Kopf sah, denn manche ihrer Gedanken waren wirklich nur für sie selbst bestimmt. Und so nah Rist ihr auch stand, er sollte es bloß nicht wagen ihren Schädel durchwühlen zu wollen. Belustigt besah der Mann die verdammt skeptische Trankmischerin bei sich, die jegliche Magie - außer ihrer eigenen - ungern an sich kleben hatte. Dann schwand das schiefe Lächeln aber schnell und wich einem eher betretenen Ausdruck.

“Nein. Es war keine Absicht.”, gab er zu “Aber zeitlich wirklich passend. Tut mir leid.”

Anna schnaubte laut und abfällig. Sie schmunzelte dabei jedoch wieder. Schon lustig, wie sie es einfach so hinnehmen konnte, dass ihr bester Freund Gedanken las, was? Sie fand ihn ja nicht einmal ein klein wenig gruselig.

“Die Stimmen sind also wirklich die nicht ausgesprochenen Annahmen von Leuten in deiner Nähe…”, stellte sie fest. Man hatte dies ja lange vermutet, doch Hjaldrist sah aus, als habe er heute große Gewissheit darüber. Und er nickte.

“In meiner unmittelbaren Nähe, ja. Mit den Gedanken von denen, die weiter weg sind, funktioniert es nicht. Denke ich jedenfalls… denn… naja, es kommt eben einfach so und ich kann es nicht lenken.”, erklärte der Skelliger gedankenvoll seufzend. Dabei sah er ein wenig abwesend aus. So, als erinnere er sich an etwas oder überlege, was er noch erwähnen könnte. Nun hatte er ja alle Zeit dafür. Die Nachtluft war klamm und die wartende Anna zog sich den Schal enger um den Kragen.

“Mia meinte, all das hängt mit meinen Vorfahren zusammen. Sie hat mir oft und lange erklärt, dass die alten Elfen sehr magiepotent waren oder sind… und dass diese Kräfte auch teilweise in denen schlummern, die deren Nachkommen sind. Dass ich kein reinblütiger Elf bin, spielt dabei keine zu große Rolle.”, sinnierte Rist vor sich hin.

“Aber wenn du einer wärst, dann wären deine Fähigkeiten vielleicht stärker? Oder du könntest sie gut kontrollieren?”, schätzte Anna weiter. Sie war vielleicht keine Gelehrte, aber mit arkanem Kram kannte sie sich aufgrund ihrer Profession etwas aus. Sie selbst hatte ewig gebraucht, um auf magische Fäden der Erde zurückgreifen zu können und hatte in Joris’ Aufzeichnungen sehr viel darüber gelesen.

“Bestimmt.”, nickte Rist “Aber nachdem ich nur zu einem Viertel ein Elf bin, ist das nicht so einfach.”

“Klar.”, machte Anna locker. Sie musterte ihren Kollegen eindringlich, grübelte und musste unweigerlich leise lachen, als ihr Ausdruck heiter wurde. Er, wiederum, runzelte ob dem die Stirn.

“Was ist?”, murrte er unschlüssig.

“Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie du als vollblütiger Elf aussehen würdest.”, erklärte sie belustigt “Bisher hast du ja nur die wenigen hellen Haare, die noch nicht einmal richtig auffallen.”

Die offene Kriegerin nickte gen Scheitel des Älteren, in dessen dunkles Haar sich ganz wenige, weißblonde Strähnchen mischten. Seit das mit der Träumerei ausgebrochen war, waren sie mehr geworden. Der Mann stutzte leicht und fasste sich nervös an den Kopf. Er zog die Brauen zusammen und die Schultern hoch.

“Hm? Als Elf?”, machte er brummig “Ich… würde wohl nicht so viel anders aussehen, als ich es jetzt tue...”

“Was?”, lachte Anna witzelnd “Ich denke, du würdest aussehen, wie ein Mädchen mit spitzen Ohren.”

Rist blinzelte misstrauisch, doch ließ die Finger wieder von seinem Haar sinken, das mittlerweile lang genug war, dass er es am Hinterkopf zusammenbinden konnte. Nach wie vor war er verspannt.

“Diese Elfen sehen doch ALLE wie Mädels aus.”, scherzte die Novigraderin halbernst weiter und ihr war es durchaus bewusst, dass man ihren besten Freund früher immer genau aus diesem Grund aufgezogen hatte. Dass man übel auf ihm herumgehackt hatte, weil er ein Spätzünder gewesen war und kleiner oder schmaler als die anderen Jungen auf seiner kalten Insel. Zuletzt hatte er deswegen eine unglaublich schlimme Erfahrung gemacht. Und womöglich war es nicht wirklich der Grund dafür gewesen, doch als dieser verdammte Alrik, der Bastard, ihn wie eine billige Hure benutzt hatte, hatte er Hjaldrist ‘Mädchen’ genannt. Das hatte er stets. Es musste sich schwerwiegend in den geplagten Geist des Skelligers eingebrannt haben…

“Hm? Schau nicht so. Du bist sehr weit davon entfernt, wie ne Frau auszusehen, Rist. Glaub mir das mal.”, sprach die Giftmischerin gutmütig aus und das nicht ohne Hintergedanken. Sie mochte vielleicht grobschlächtig wirken, aber sie war nicht dumm. Und ihre eigentlich so simple Aussage wirkte auch genau so, wie sie es erhofft hatte: Die Miene ihres Gefährten lockerte sich, wurde heller, und seine angespannten Schultern sanken endlich wieder. Hjaldrist musste lächeln und es war ansteckend.

“Hm. Willst du wissen, warum wir überhaupt Elfen im Stammbaum haben? Es gibt eine Geschichte dazu.”, sagte der Mann nachdem er kurz gezögert hatte und Anna schenkte ihm auf diese Worte hin einen überraschten Blick. Sie nickte sogleich. Und es freute sie, dass ihr Freund dazu bereit war von sich und seiner Familie zu erzählen. Wenn man bedachte, dass er zum Anfang ihrer gemeinsamen Reise gar seine komplette Identität verschleiert hatte und vorgegeben hatte, sein Vater sei ein Händler, dann war das ein extremer Unterschied. Wochenlang hatte Anna geglaubt, sie reise mit einem ganz einfachen, gewöhnlichen Typen. Nicht mit einem Thronfolger der Winterinsel, der nebenher elfische Wurzeln hatte und ein gestohlenes Erbstück mit sich herumtrug. Bei Melitele!

“Früher lebten die Aen Seidhe auf Undvik, also die alten Elfen. Wir haben heute noch einige Ruinen von ihnen auf der Insel stehen. Überhaupt im nördlichen Teil. Die Burg meiner Familie gehört auch dazu und ist das einzige Bauwerk der Elfen von früher, das wieder richtig instandgesetzt wurde.”, erzählte Hjaldrist stolz und sah dabei dem knisternden Lagerfeuer entgegen, das einen warmen Schein auf sein Gesicht warf. Anna zog die Knie an und legte die Arme um jene, betrachtete ihren Freund gespannt.

“Was ist mit dem Turm in der Nähe der Festung?”, hakte die aufmerksame Frau nach. Schlussendlich war sie selbst auf Undvik gewesen und hatte sich ein Bild von dem verschneiten Ort gemacht. Unweit von dem großen Dorf hatte sich ein halb zerfallener, dennoch eindrucksvoller Turm in den wolkenverhangenen Himmel gereckt.

“Das ist der Falkenturm oder ‘Tor Gvalch’ca’. Man sagt, dass sich darin viel früher einmal ein mächtiges Portal befunden hat, das in andere Welten führte. Die Elfen haben es regelmäßig benutzt aber heute ist der Turm nurmehr eine Ruine.”

Anna machte große Augen. In dem Turm im Norden Undviks hatte sich ein Portal in andere Welten befunden? Waren die Aen Seidhe irgendwann durch jenes hindurch verschwunden und nie wieder aufgetaucht? Bestimmt.

“Meine Familie lebt nun schon seit unglaublich vielen Generationen auf Undvik. Ich bin mir nicht einmal sicher, wie lange genau. Meine Verwandten bekämpften die Eisriesen damals schon und galten als heldenhafte Krieger, wenn es darum ging, sich diesen Monstren zu stellen. Sie lebten abseits von den Elfen, hatten kaum Kontakt zu jenen. Schließlich hielten die Aen Seidhe uns Menschen stets für dumme, unzivilisierte, stinkende Affen. Man kann also sagen, man koexistierte irgendwo. Die Spitzohren akzeptierten die Menschen Undviks, solange jene ihr Gebiet nicht betraten.”, erzählte Rist weiter “Es gab ganz klare Grenzen, bis zu denen die Clankrieger gehen durften. Unter ihnen gab es verschiedene Kämpfer: Die, die eine Art Vorhut bildeten und als Späher oder Wächter agierten. Und die, die direkt und gerüstet in den Kampf gegen die Riesen Jotunns zogen und mächtige Waffen gegen sie schwangen. Man erzählt sich sogar, Anna, dass es früher schon Hexer gab, die den Leuten auf Undvik halfen. Die der Bärenschule. Angeblich waren sie riesengroße Hünen, die es mit mehreren Berserkern gleichzeitig aufnehmen konnten. Und natürlich auch mit den Riesen.”

Die anwesende Frau hob die Brauen verblüfft an und lächelte. Sie sprach nicht dazwischen und hörte weiterhin nur zu. Der orangene Schein des Lagerfeuers warf tanzende Schatten hinter sie.

“Aber wie auch immer. Einer von den Grenzgängern und Wächtern damals war Sandulf, der Sohn von Tyr, dem Gründer des Clan Tuirseach. Man sagt, er sei der Enkel von Hemdall selbst und mein… äh… Ururur… ur-... ja, und so weiter. Ein Opa halt.”, hüstelte der redselige Undviker und Anna musste glucksend lachen “Er wanderte an der nördlichen Grenze entlang und hielt Ausschau nach den Riesen, die dort gesichtet worden waren. Früher, da gab es von ihnen sehr viele mehr, als heute, musst du wissen. Und Sandluf war einer der besten Wächter, die sein Clan aufzubieten hatte, ein Held. Alles war ruhig, als plötzlich eine wunderhübsche Elfe aus dem Unterholz brach. Sie war verletzt, hinkte und blutete, hatte einen Bogen in der Hand und schien um ihr Leben zu laufen. Dabei übertrat sie die Grenze zwischen ihrem Gebiet und dem unseres Clans. Sandulf wusste zunächst nicht, was tun. Sollte er gegen die gehetzte Frau kämpfen? Nein. Er sah den Feind nur in den Eisriesen, nicht in den Aen Seidhe. Also rief er der blonden Frau zu und griff in dunkler Vorahnung nach seinem Speer. Momente später schon stob ein unglaublich großer Riese aus dem Wald hervor. Er brüllte, riss ganze Bäume nieder und schleuderte einen davon nach der Elfe, die floh und hoffte, dass Sandulf helfen würde. Und sie hatte Glück, denn er war nicht nur ein sehr tapferer Mann, sondern auch klug. Er war vielleicht nicht der Größte und trug auch keine Rüstung, aber hatte unsäglichen Mut in sich, der ihn antrieb. Eher wäre er gestorben, als feige wegzurennen.”

“So, wie wir, hm?”, grinste Anna leicht und Hjaldrist hielt stutzig inne. Er blinzelte etwas wirr, überlegte, musste dann aber der Erkenntnis wegen ziemlich breit lächeln. Daraufhin nickte er langsam und beipflichtend.

“‘Ayd f'haeil moen Hirjeth taenverde.’”, sagte der Mann und übersetzte die Alte Sprache sogleich, damit auch seine Begleiterin sie verstand “‘Die größten Gewinner sind die, die mit Courage vorangehen, anstatt mit bloßer Stärke.’. Die Elfen haben Sandulf später mit diesen Worten ausgezeichnet, als sei er einer von ihnen. Und durch ihn verbündeten sie sich mit Clan Tuirseach, um gemeinsam gegen die Riesen Undviks zu kämpfen.”

Anna staunte nicht schlecht.

“Warum? Hat Sandulf die Elfe, die vor dem einen Ogroiden geflohen ist, gerettet?”, wollte sie neugierig wissen. Sie fühlte sich wie ein Kind, das aufgeregt einem Geschichtenerzähler lauschte.

“Ja. Sie beide kämpften zusammen gegen den Eisriesen. Issaya, die Frau, hatte das Monster schon sehr geschwächt, denn sie war eine hervorragende Schützin und wusste genau, wohin sie schießen musste, um einem Riesen zu schaden. Durch Sandulf, der jenen für sie ablenkte, konnte sie ihre letzten Pfeile auf das Ungetüm verschießen und traf es schwer. Und dann, am Ende, warf Sandulf seinen Speer. Er traf den Eisriesen direkt in das rechte Auge und streckte ihn damit nieder. Unsere Leute nennen ihn aus diesem Grund und bis heute ‘Sandulf Falkenauge’. Und die Elfen schenkten ihm aus Anerkennung einen neuen Elfenspeer, den er benutzte, um viele weitere Monstren zu töten. Diese Waffe der Aen Seidhe hing lange an der Wand unserer Burg. Sie war wirklich schön. Mit einer Griffwicklung in der Farbe meines Clans und goldfarbenen Beschlägen.”, erklärte Hjaldrist weiter “Man erzählt sich, dass der Speer die Form annimmt, die am ehesten ihrem Träger entspricht. Aber das ist wohl nur eine Legende. Keine Ahnung, was damit passiert ist… irgendwann war er einfach verschwunden. Ich war damals noch ein Kind, als er von einem Tag auf den nächsten nicht mehr in den Gemächern von Vater hing.”

“Eine ziemlich aufregende Geschichte!”, kommentierte die anwesende Hexerstochter ehrlich begeistert “Und lass mich raten. Die Elfe von damals ist deine Ururur-und so weiter-Oma.”

Hjaldrist lachte ertappt.

“Ja. Sandulf und Issaya verliebten sich ineinander und die Elfen traten in den engeren Kontakt zu den Menschen auf Undvik. Issaya war die Tochter eines großen Kriegsmeisters der Aen Seidhe und daher hatte es auch so viel Gewicht, dass Sandulf sie rettete. Sie wurde aus eigenen Ambitionen heraus zur angesehenen Botschafterin und Diplomatin zwischen den Völkern und heiratete Sandulf auf skelliger Art. Sie beide gründeten auf Tyr’s Erlaubnis hin einen neuen Clan. Meinen. Das war sehr symbolträchtig. Issaya blieb mit Sandulf zusammen, bis er starb. Die Frau selbst verschwand daraufhin. Keine Ahnung, ob es sie noch gibt, schließlich werden Aen Seidhe verdammt alt.”, setzte Rist fort und zuckte die Achseln “Aber naja. Seither haben wir ein Abkommen mit den alten Elfen. Alle drei Generationen schicken wir ihnen einen Falchraite, während sie jemanden aus ihren Reihen entsenden, um bei uns zu leben. Wegen den Traditionen und dem Andenken an die Taten von Falkenauge und der ersten Elfe mit einem skelliger Nachnamen eben. Die letzte Frau, die von den Elfen kam, um eine Falchraite zu werden, ist übrigens meine Großmutter.”

“Oh!”, Erkenntnis legte sich auf das Gesicht Annas “Die mit den Batist-Unterhosen.”

Wieder lachte der Skelliger auf.

“Ja, genau die.”

“Und was ist mit deiner Großtante? Die, die wir im Caed Myrkvid getroffen haben?”

“Die kam einfach so und aus eigenen Motiven nach. Ich glaube, sie vermisste ihre Schwester - also meine Oma - zu sehr und folgte ihr deswegen. Außerdem faszinieren sie die Menschen.”, schätzte der Axtkämpfer und wiegte den Kopf. Anna betrachtete ihn eine Weile lang begeistert, ließ den Blick dann aber bald wieder gen Feuer wandern. 

Die Geschichte der Familie ihres Kumpels war großartig und wie aus einem Märchenbuch. Sie bewunderte das. Im Vergleich dazu hatte Anna selbst nichts zu erzählen. Sie entstammte bloß einer langweiligen und unbedeutenden Linie von irgendwelchen heruntergekommenen Fischern Novigrads und kam sich daher nicht vor, wie ein besonderer Mensch. Hätte Balthar sie damals nicht geholt, wäre sie noch weniger, als jetzt: Irgendeine Frau, die tagein tagaus Aale trocknete oder sich um viele schreiende Kinder kümmern müsste, während der Ehemann versuchte alle hungrigen Mäuler zu stopfen. Anna, wäre sie heute nicht die, zu der man sie gemacht hatte; sie wäre eine engstirnige und kleine Frau irgendwo vor der Handelsstadt im Norden, die buckelte und um jeden Kupfer kämpfen müsste. Eine schreckliche Vorstellung. Gut, dass sie es immerhin aus diesem Loch herausgeschafft hatte. Eine dreckige Vagabundin zu sein, die nicht wusste, ob sie ihre Ziele jemals erreichen würde, war schon etwas mehr wert. Ja, immerhin war Anna frei und konnte gehen, wohin auch immer sie wollte, nicht? Es gab nichts, das sie fesselte; keine Kinder, keinen konservativen Mann, keine nagende Armut, kein starrer Glaube an irgendwelche imaginären, menschgemachten Wesen. Sie selbst arbeitete und beherrschte ihr Handwerk, anstatt ein Sklave irgendeines Kerls zu sein, der unbedingt für sie sorgen musste. Das war gut. Sie war zwar nur eine simple Monsterjägerin, die es irgendwie und manchmal aus unerfindlichen Gründen schaffte zu überleben, aber dafür hatte sie ihre große Freiheit gefunden. Es gab nichts, das ihr mehr bedeutete, als die.

 

Die Nacht verlief ruhig und genauso unspektakulär, wie die vielen, folgenden Tage. Anna und Hjaldrist folgten dem steinigen Weg gen Südosten immer weiter, durch Rivien und Scala, bis hin zu den frühen Ausläufen der Jaruga. Auf ihrer Reise nahmen sie nur wenige Aufträge an, da sie noch genug Geld von der guten Bezahlung Flauts in den tiefen Taschen hatten. Manchmal leisteten sie sich kleine, stickige Tavernenzimmer, übernachteten aber meistens in ihrem Zelt im Freien. Schlussendlich war der Sommer längst angekommen und die Nächte äußerst lau. Eine große Strecke legten die Abenteurer am Rücken Apfelstrudels zurück, während sie einige Teile der Reise zu Fuß gehen mussten. Es dauerte einen knappen Monat, bis sie die Ebenen von Angren erreichten. Und an diesem Punkt angekommen hatten sie all den Ärger rund um Mia und die Miseren davor vergessen, so schien es. Hjaldrist schlief zwar nach wie vor nicht sonderlich gut, doch er war bester Laune, als er das winzige Dorf erblickte, das sich auf den Feldern vor den Blauen Bergen auftat.

“Sieh mal da!”, machte er, als er gen Ortschaft deutete. Ziemlich verschlafen lag sie in einer kleinen Senke, umrahmt von viel Grün und einem satten Wald im Rücken. Die massiven Berge dahinter muteten an, wie riesengroße Wächter mit von Schnee bedeckten Häuptern.

“Endlich.”, keuchte Anna, die das braune Pferd hinter sich her zog und stützte sich mit der freien Hand am Knie ab, als sie eine kurze Pause einlegte. Sie liefen nun schon seit Stunden durch die Wildnis, es war stechend heiß, sie hatte Hunger und von ihren neuen Stiefeln Blasen an den Füßen.

“Ist zwar nur ein Kaff, das nicht mal auf der Karte steht, aber was soll‘s.”, kommentierte Rist, als er sich nach seiner Freundin umsah. Er kam zu ihr, nahm ihr Apfelstrudel’s Lederzügel ab. Das Pferd schnaubte geduldig.

“Hauptsache, wir bekommen dort etwas zu essen und finden einen ruhigen Ort, um zu lagern.”, grinste die Kurzhaarige leicht “Ich habe keine Lust darauf danach weiter zu gehen. Meine Beine bringen mich noch um.”

“Ja, ich würde auch gerne etwas länger rasten.”, stimmte Hjaldrist zu und schüttelte einen seiner Füße ächzend aus “Wir bleiben ein, zwei Tage und reisen dann weiter.”

Die Hexerstochter nickte erleichtert. 

Serrikanien wirkte nun endlich zum Greifen nah. Nicht mehr allzu lange und sie würden die Wüste erreichen. Jedenfalls, wenn man nach der Landkarte ging, die ihnen die versoffenen Druiden Skelliges damals geschenkt hatten. Anna freute sich.

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