Kapitel 69

Tanzen, egal, wie lächerlich es vielleicht aussieht

Das kleine Dorf auf den Ebenen Angrens nannte man ‘Schattenwalde’ und es war klar, wieso: Noch vor dem Abend wurde es dort dunkel, denn die Sonne verschwand schon am Nachmittag hinter den hohen Blauen Bergen. Dementsprechend brannten bereits Kerzen auf den Tischen der Dorftaverne ‘Zum blauen Apfelbaum’, in der Anna und Hjaldrist nun saßen. Die beleibte Wirtin der kleinen, aber feinen, Schänke, brachte den ausgehungerten Abenteurern soeben pikanten Fleischeintopf mit Zwiebeln und einen bauchigen Krug mit Honigwein an den Tisch. Sie wünschte einen guten Appetit, wischte sich die Hände an der fleckigen Schürze ab und betrachtete die Reisenden dabei interessiert. Die pausbackige Frau sah aus, als wolle sie noch etwas sagen, wendete sich dann jedoch ab und verschwand wieder hinter ihrem schmierigen Tresen. Es roch nach dem deftig gewürzten Eintopf und Kerzenwachs, harzigen Pfeifenrauch und Honig. Abgesehen von Rist und Anna waren nur wenige Gäste hier. Sicherlich arbeiteten die meisten noch und außerdem war es noch zu früh für das Abendgeschäft. An einem Tisch in einer der Ecken lungerten ein paar jüngere Kerle herum, die sich leise unterhielten und ab und an zu den Fremden linsten, während sie Karten spielten. Direkt gegenüber aß ein älterer Kerl in brauner Robe ein belegtes Brot. Auch er sah immer wieder zu Hjaldrist und seiner Begleiterin her, versuchte dies aber unauffällig zu tun. Hach ja, Dörfler irgendwelcher Orte am Arsch der Welt. Die gafften doch immer. Anna hatte schon fast vergessen wie sehr jene das taten, da sie sich in letzter Zeit stets nur in größeren Städten aufgehalten hatte, in denen sich kaum wer um den anderen scherte. Sie musste schmunzeln und fasste nach ihrem hölzernen Suppenlöffel. Auch ihr Kumpel verdrehte die Augen etwas.

“Obwohl wir nicht mehr mit dem Zirkus reisen, komme ich mir wie eine Attraktion vor…”, murmelte der dunkeläugige Mann seiner Freundin zu, als er krümelige Brotstücke in seinen verlockend duftenden Eintopf brach.

“Mhm. Ist ein ziemliches Kaff hier…”, nickte Anna mit gesenkter Stimme und wandte sich ebenso ihrem Essen zu, rührte darin herum und pustete, damit der dicke Eintopf, auf dem Fettaugen glänzten, gleich nicht zu heiß wäre.

“Wenn du mal Hexerin bist, dann werden dich die Leute IMMER und ÜBERALL so anglotzen. Egal, ob du in einem Dorf oder einer Stadt bist. Weil du komische Augen und zwei Schwerter haben wirst.”, warf der Jarlssohn ein und die Braue seiner Kollegin zuckte hoch.

“Ich weiß.”, machte sie und ein Anflug eines schiefen Lächelns kitzelte ihre Mundwinkel “Na und?”

“Ich dachte, du magst es nicht angestarrt zu werden.”

“Wenn ich angegafft werde, weil ich mein großes Ziel erreicht habe, soll es mir egal sein. Die Blicke erinnern mich dann wenigstens daran, dass ich endlich die Frau geworden bin, die ich immer sein wollte.”

“Hört, hört…”, musste Hjaldrist leise lachen “Das klingt ja schon fast tiefgründig. Und sowas von dir, Anna.”

“Du bist ein Idiot, Elfenarsch.”, schnaufte die Kurzhaarige feixend “Tu nicht so, als hätte ich sonst kein Hirn.”

“Oh, das hast du schon. Nur manchmal setzt es gewaltig aus.”

Mit ihrem Löffel haute die Monsterjägerin ohne jegliche Vorwarnung nach ihrem Kumpan, der die Arme sofort schützend und lachend erhob. Es brachte ihm nichts, denn Anna erwischte ihn dennoch.

“Du solltest lernen besser auszuweichen!”, maulte sie witzelnd “Immer nur eisern stehen zu bleiben und den Felsen zu mimen, ist auch hirnlos!”

Zur Bestätigung traf der Holzlöffel erneut geräuschvoll auf die erhobenen Finger des Skelligers und das scherzhafte Gerangel zog die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. Leute schüttelten die Köpfe verständnislos oder sahen argwöhnisch drein. Schnell erkannten sie aber, dass sie keine laute Tavernenschlägerei zu befürchten hätten. Solch eine wäre ungut gewesen, denn nicht nur Schankmägde fehlten hier, sondern auch Rausschmeißer.

Dafür trafen zu etwas späterer Stunde Barden ein. Ja, eine ganze Gruppe aus vier fahrenden Musikern mietete sich im ‘Blauen Apfelbaum’ ein und die Kleidung, die sie trugen, erweckte Hjaldrist’s Interesse merklich. Mittlerweile, ein paar Stunden nach dem Eintreffen in Schattenwalde, war der hübsche Jarlssohn ein wenig angeheitert. Der Met war gut, süffig und billig, die Abenteurer hatten lange nicht mehr getrunken und gönnten sich heute einen schönen Abend mit Speis und Umtrunk. Es war ganz nach Anna’s Geschmack. Sie hatte zwar nicht vor sich haltlos zu betrinken, da sie keine Lust auf einen Kater am Morgen hatte, aber zwei, drei Becher Honigwein waren niemals etwas Verkehrtes.

“Schau, Anna!”, machte Rist aufgeregt, als er in die Richtung der fahrenden Musiker nickte, die bunte Kleidung, gestreifte Pluderhosen, Mützen und zottelige Felle trugen. Die Männer und die einzige Frau in deren Bunde unterhielten sich in einem sehr markanten skelliger Akzent miteinander. Manche der Worte klangen in den Ohren Annas richtig unverständlich.

“Die kommen von den Inseln!”, erkannte der Dunkelhaarige und starrte, blieb dadurch nicht lange unbemerkt. Dies resultierte bald darin, dass sich das vierköpfige Musikerpack einfach zu ihm und seiner Freundin setzte, um etwas zu essen und ungezwungen zu plaudern. Hjaldrist unterhielt sich gut mit ihnen und das, ohne zu offenbaren, wer er wirklich war. In den Augen der lustigen Unterhalter war er also nur ein einfacher Sohn eines Händlers aus Undvik, der sich nach der guten, alten Heimat erkundigte. Und obwohl die Musiker die Winterinsel zuletzt vor viel zu vielen Jahren besucht hatten, tauschten sie sich wohlwollend und herzlich mit dem begeisterten Viertelelf aus. Sie sprachen über Algenwein, Schneestürme, diesen An Craite, Boote und irgendeine obskure Speise, die es nur im Westen gab und aus Stockfisch und Rübenmus bestand. Anna hielt sich währenddessen eher im Hintergrund und trank ruhig zurückgelehnt ihren Met. Sie beobachtete lieber, als unbeholfen in ein Gespräch über Skellige einzusteigen, in dem sie so und so nicht viel hätte sagen können. Daher sah sie nur dabei zu, wie sich ihr bester Freund bestens mit seinen Landsleuten unterhielt. Seine Augen leuchteten dabei vor Freude und Begeisterung. Hjaldrist musste seine Heimat und insgeheim auch seine Familie schrecklich vermissen… trotz allem. Und dies ließ die Alchemistin am Tisch mit eher gemischten Gefühlen in der Magengegend zurück.

 

Zu später Stunde war die Stimmung im kleinen Gasthaus ausgelassen. Viele Menschen füllten jenes mittlerweile aus und die Skalden aus Skellige spielten auf. Einer von ihnen sang, während die anderen trommelten und auf einer Sackpfeife spielten. Und die Frau der Gruppe - sie hatte sich als Hilda vorgestellt - fidelte auf einer alten Geige, wie es sonst sicher nur wenige vermochten. Die Gruppe, so hatten deren Mitglieder gesagt, reisten seit Jahren über das Festland, um sich als Lebenskünstler und Musiker zu verdingen. Sie hassten es immer nur an einem Ort zu sein, hatten schon viele Städte besucht und sich als ‘Die Wasserratten’ einen Namen gemacht. Zumindest in ihrem Dorf auf Skellige waren sie mittlerweile als die bekannt, die das Dudelsackspiel in fernere Länder trugen und immer wieder einmal zurück nach An Skellig kamen, um auf großen Festen für lustige Stimmung zu sorgen. Und: Hilda kannte Alfsigr, den Mann, der Anna und Hjaldrist damals in Novigrad tätowiert hatte. Die Haut der Violinenspielerin selbst war vom Hals abwärts bunt verziert und die schönsten der Kunstwerke darauf stammten von Alf. Die Welt war wahrhaftig klein.

Der heitere, laute Gesang der Truppe hallte also durch die ganze Taverne. Hilda’s Geigenbogen flog nur so über ihr abgegriffenes Instrument und Knud, der Sänger mit dem langen Bart und den noch längeren Haaren, sang aus vollster Kehle, während die Musik hüpfte. Die vielen Gäste der heute wirklich gut besuchten Schänke stampften unter den Tischen mit den Füßen und wenige hatten sich erhoben, um betrunken und johlend miteinander zu tanzen oder zu schunkeln. Auch die anwesenden Monsterjäger klatschten zu dem Rhythmus der Musik, als der Bardentrupp davon sang nicht mit dem Strom segeln zu wollen, sondern immer mitten in jenen hinein. Dass er niemals sang- und klanglos untergehen würde. Hjaldrist stieß Anna dabei begeistert in die Seite, um nach ihrer Aufmerksamkeit zu klauben, und warf ihr einen bedeutsamen Blick zu. Einen, der davon sprach, dass das Lied auch zu ihnen beiden passte, wie die Faust aufs Auge. Auch die Hexerstochter und der Jarlssohn waren Leute, die nie zu lange ankerten und immer ihrem Kurs folgten, nicht wahr? Und obwohl auch sie metaphorisch gesehen immer mitten in den reißenden Strom ritten, waren ihnen Mast und Schott noch nie gebrochen. Sie waren eben kein Treibgut. Und das machte sie aus.

“Komm.”, meinte Rist von der Seite und zog auffordernd an Anna’s Ärmel, war schon im Begriff aufzustehen. Die Frau mit der Fuchssträhne hielt mit dem rhythmischen Klatschen inne und sah verwirrt auf, um das breite Grinsen des leicht angeduselten Skelligers zu sehen. Oh, oh.

“W-was?”, fragte die Alchemistin überrumpelt, obwohl sie ahnte, was gleich käme. Bestimmt wollte sich der Inselbewohner unter die Leute mischen, die zu Liedern über das weite Meer tanzen und herumsprangen.

“Oh, nein!”, machte die Hexerstochter auf einmal ganz betreten, während ihr Kumpel ihren Ärmelzipfel nicht losließ “Ich kann das nicht.”

“Ach, komm schon.”, lachte der Ältere aufmunternd “Da muss man doch nichts können.”

Er hatte vermutlich Recht. Denn hier ging es um keine wirklichen Tänze, die man beherrschen musste, sondern um bloßes Herumgespringe zur skellischen Musik. Und dennoch wollte sich Anna nicht erheben. Sie öffnete den Mund abermals, um etwas zu sagen, als jemand von der Seite nahte und sie beide ansprach. Sie hatte den Mann, der zwei sorgenvolle Frauen mitgebracht hatte, gar nicht kommen sehen. Die Kräutersammlerin aus dem Norden zuckte zusammen und sah noch im Sitzen zu den Fremden auf. Auch Hjaldrist hielt inne und sein vorfreudiges Lächeln schwand langsam.

“Ja?”, entkam es ihm abwartend und die lockende Musik der ‘Wasserratten’ aus An Skellig rückte erst einmal wieder in den Hintergrund.

“Seid ihr Hexer?”, wollte der Dörfler mit dem roten Filzhut wissen und ließ die braunen Augen nervös von Rist zu Anna wandern. Die besagte Frau hatte ihr Amulett wie immer offen am Gürtel hängen.

“Die Leute haben geredet und glauben, dass ihr welche seid. Es war schon einmal jemand hier, der das selbe Medaillon hatte, wie Ihr.”, erklärte der Fremde und seine Motive waren schwer zu erkennen. Hatte er Angst und wollte er die Reisenden mithilfe seines jämmerlichen Anhangs verscheuchen? Oder wollte er etwas von ihnen?

“Was denkt Ihr denn, wer wir sind?”, antwortete Anna daher schlicht und nichtssagend. Sie erhob sich, damit sie nicht als einzige in der neuen Gesprächsrunde saß und den Fremden auf Augenhöhe begegnen konnte. Sie mochte es nicht, wenn andere Leute beim Sprechen auf sie hinab sahen.

“Äh…”, stammelte der Kerl mit der sonnengegerbten Haut “Ich denke… dass ihr stark seid. Ihr habt viele Waffen bei euch. Und wir benötigen eure Hilfe.”

“Hilfe wobei?”, fragte Rist dazwischen.

“Bei einem… nun ja… heiklen Problem.”

Die unschlüssige Hexerstochter taxierte Herr Filzhut prüfend und spürte die scheuen Blicke von dessen zwei Freundinnen auf sich ruhen.

“Falls das Problem menschlicher Natur ist, dann geht zur Dorfwache.”, forderte Anna auf und ihr bester Freund nickte, um ihre abwehrende Aussage zu unterstreichen “Bei allem anderen können wir vielleicht helfen, ja. Für Geld. Also… worum geht es?”

“Oh, den Göttern sei Dank!”, atmete der fremde Mann erleichtert, schlug die Handflächen aufeinander, und seine Begleiterinnen warfen sich ebenso frohe Blicke zu. Anna sah, wie Hjaldrist die Stirn tief runzelte.

“Sollen wir draußen sprechen?”, fragte der besagte Undviker und obwohl er sicherlich nicht glücklich darüber war, bei seinen Plänen tanzen zu wollen unterbrochen worden zu sein, wirkte er interessiert. Auch die Alchemistin aus Kaer Morhen war neugierig und anders als ihr Kumpel war sie froh darüber gleich nicht zur Musik hüpfen zu müssen. Sie atmete tief durch.

Zusammen mit den drei Dorfbewohnern verließen die Monsterjäger also das volle Gasthaus. Welches Anliegen die Leute wohl äußern würden? Der erste Abend in Schattenwalde fing ja schon einmal richtig geschäftig an. Vielleicht war das verschlafene Örtchen ja doch nicht so langweilig, wie es schien.

 

“Sie ist eine Hexe, die unsere Männer verführt!”, sagte die eine blonde Frau, die der Mann mit dem Filzhut mitgebracht hatte. Sie war so aufgebracht, dass sie nicht einmal daran dachte sich vorzustellen. Anna musterte sie abwartend und mit erhobenen Brauen, als sie mit den Dörflern und Hjaldrist vor der Taverne ‘Zum blauen Apfelbaum’ stand. Der Skelliger neben ihr verschränkte die Arme skeptisch vor der Brust und wippte ungeduldig mit einem Fuß auf und ab. Es war spät und kühl, die lustige Musik der skellischen Skalden und das schiefe Singen der Tavernengäste drangen bis auf den kleinen Vorplatz der Schänke. Bestimmt wäre der Schönling aus Undvik gerade viel lieber in das kleine Gasthaus zurück, um weiter zu trinken und zu tanzen. Er erschien ein wenig angeheiterter, als seine Freundin mit der Fuchssträhne, doch riss sich am Riemen. Schlussendlich ging es hier um ein Geschäft.

“Ja, sie zieht sie in ihren Bann und zwingt sie dazu untreu zu werden. Sie ist voller Sünde und spricht mit dämonischer Zunge! Man sollte sie verbrennen!”, meinte die zweite, brünette Dame und der dickliche Mann mit dem roten Hut seufzte leise. Er war der einzige der drei Auftraggeber, der einigermaßen ruhig erschien.

“Es ist wahr. Viele unserer Leute gehen zu ihr in den Wald und kommen völlig desorientiert wieder. Mein jüngerer Bruder, Gavin, ist richtig besessen von ihr… es ist wie eine Krankheit. Er bringt ihr Geschenke und verehrt sie regelrecht. Dabei hätte er doch Matilda von nebenan heiraten sollen...”, ergänzte der Kerl noch und Anna ließ den taxierenden Blick zu ihm wandern. Sie hob eine Braue.

“Ist man schon einmal in den Wald gegangen, um nachzusehen, wer diese vermeintliche Hexe genau ist?”, hakte die Alchemistin nach “Also nicht, dass ich euch dazu raten würde. Aber manche Menschen sind bekanntlich äußerst dumm. Ihr wisst schon.”

Filzhut blinzelte pikiert, wusste kurz nicht, was er sagen sollte. Man konnte ihm ansehen, wie sein Kopf arbeitete und er langsam verstand, dass Anna Schattenwalde gerade vorgeworfen hatte, dass manche von dessen Bürger dämlich seien. Trotzdem nickte er zögerlich, überging die indirekte Beschuldigung einfach. Schlussendlich suchte er dringend Hilfe für seinen Bruder, der dem Wesen im Wald mit Haut und Haar verfallen war.

“Die, die bewaffnet hingingen, um die Hexe zu stellen, kamen immer eingeschüchtert zurück und meinten, sie würden sich nicht in ihre Nähe trauen, da sie zaubern kann. Und die Ehemänner meiner Cousinen hier sagten, sie sei gar keine Bedrohung und man solle sie in Ruhe lassen. Dann verliebten sie sich in sie, wie es Gavin tat.”, murmelte der Mann und seine Begleiterinnen in den simplen Kleidern und Mänteln aus Leinen oder Wolle schüttelten die Häupter böse. Sie knurrten, warfen Filzhut giftige Blicke zu, da er im Bezug auf die Todfeindin im Forst das Wort ‘Verlieben’ in den Mund genommen hatte.

“Angeblich hat sie riesige Hörner. Wie ein Teufel! Und sie spuckt Feuer! Man sollte sie töten, jawohl!”, zeterte die eine, um ihrem Ärger Luft zu machen, und ihre blonde Freundin nickte schnell und zustimmend. Sie ballte die Fäuste zornig und schüttelte sie in der Luft.

“Sie ist eine böse Hexe, die unseren Männern dreckige Sünden auferlegt. Sodass sie nach dem Tod dazu verdammt sind auf ewig zu leiden, hat der Pfarrer gesagt! Sie zerstörte mittlerweile drei Familien damit! Wie soll das nur weitergehen?”

Anna runzelte die Stirn, als sie zwischen den gackernden Hühnern hin und her sah. Dann lachte sie auf, konnte einfach nicht anders. Die kleingeistigen Annahmen dieser Bauern hier amüsierten sie ungemein, obwohl die eigentliche Angelegenheit nicht so unterhaltsam war und Schattenwalde vielleicht ein wirkliches, bedeutendes Problem hatte.

“Es ist ein Sukkubus.”, meinte sie dann frei heraus, als sei ihr die verzwickte Lage längst klar.

“Ein was?”, fragte Filzhut verwirrt und Hjaldrist horchte neugierig auf.

“Hat sie vielleicht auch Hufe, wie eine Ziege?”, wollte die Monsterjägerin wissen “Läuft sie freizügig herum?”

“Ich… ich weiß nicht. Ich war nie dort.”, gab der feige Dörfler zu und rückte sich nervös den alten Hut zurecht. Ob es stimmte, was er sagte? Oder log er? Er wich den Blicken der prüfend starrenden Abenteurer aus.

“Sie ist eine Hure! Welche Rolle spielt es schon, wie sie aussieht?”, mischte sich die Brünette wieder ein und ihr Gesicht war vor Wut puterrot angelaufen “Sie hat meinen Ferdinund verführt!”

“Und meinen Johann!”, quakte die zweite Frau. Anna betrachtete beide wenig beeindruckt.

“Tja… und meinen Bruder Gavin eben. Es ist schrecklich.”, fügte Filzhut noch kleinmütig hinzu und knibbelte an einem seiner Fingernägel herum “Bitte heilt die drei, damit wir wieder ohne Sorge leben können.”

“Pah. Wir können Dummheit nicht heilen.”, antwortete Anna sofort schmerzhaft direkt “Wenn eure Kumpane nur mit ihren Schwänzen denken können und ganz von sich aus in den Wald gehen, sind sie selber Schuld an allem. Wir sind zwar Ungeheuerjäger, doch wir werden nichts unternehmen, wenn der Sukkubus nicht aktiv hierher kommt, um Schaden anzurichten.”

Die drei simpel gestrickten Dörfler starrten Anna verdammt ungläubig an, tauschten verständnislose Blicke aus. Sie schienen nicht zu verstehen, warum jemand, der sich auf das Jagen von Monstern spezialisiert hatte, nicht einfach losging, um eben jene Ungetüme ohne jegliches Hinterfragen zu erschlagen.

“Oder hat eure ‘Hexe’ je jemanden getötet?”, fragte Anna nach.

Die drei Bürger schüttelten die Köpfe und sahen dabei nicht unbedingt froh aus.

“Was spielt das für eine Rolle?”, zeterte Tomatenkopf erneut und Hjaldrist maß die Frau mit einem strengen Blick. Sie verstummte augenblicklich.

“Die Kerle waren also immer nur auffallend entkräftet, wenn sie aus dem Wald zurückkamen, etwas orientierungslos, aber glücklich und gesund.”, fasste die burschikose Trankmischerin zusammen und stemmte sich eine Hand in die Hüfte. Nun nickten die Leute und der Novigraderin entkam ein entnervtes Seufzen, als sie sich die Schläfe rieb. Mit aufmerksamem Interesse sah Rist zwischen ihr und den aufgeregten Leuten Schattenwaldes hin und her.

“Habt ihr denn schon einmal daran gedacht, dass eure Freunde freiwillig zu der Frau im Wald gehen?”, wollte Anna vielsagend wissen “Dass sie sie vielleicht gar nicht ‘verhext’ hat?”

Schweigen. Es war Antwort genug.

“Tse…”, schmunzelte die Alchemistin und verdrehte die braunen Augen “Wir können gerne einmal nach dem Sukkubus sehen, aber das wird euch etwas kosten. Und wir versprechen nicht, dass wir ihn töten. Denn wenn er gutmütig ist, ist er keine wirkliche Gefahr.”

“Ja, bitte geht in den Wald und tut was gegen diese Hexe.”, bat Filzhut schnell und seine Worte überschlugen sich beinahe. Er hatte offenbar keines der Worte Annas verstanden, der Narr.

“W-wie viel wollt ihr dafür?”, stammelte er weiter.

“Hm. Zehn Kronen.”, sagte Anna gleich dreist und betrachtete die drei Personen vor sich abwartend. Sie wusste, dass der Preis, den sie soeben genannt hatte, sehr hoch war. Besonders für einfache Dörfler eines winzigen Ortes und den erwartet kleinen Aufwand seitens der Monsterjäger. Doch man konnte es ja versuchen.

“Zehn Kronen…?”, staunte eine der Frauen und ihre großen Augen wanderten unruhig. Sie fasste sich erschrocken an die schmalen Lippen.

“Wir… könnten Geld sammeln gehen.”, fiel es dem dicken Bürger gleich ein “Ich weiß nicht, ob wir ganze zehn Kronen zusammenbekommen, doch ihr sollt bekommen, was uns die Angehörigen der Verhexten geben!”

“Mh. Auch gut.”, Anna zuckte mit den müden Schultern und warf ihrem besten Freund einen fragenden Seitenblick zu. Auch er nickte zufrieden.

 

“So ein Sukkubus ist also harmlos…?”, fragte Hjaldrist bald darauf kritisch, als er das Zelt nahe Schattenwalde aufstellte. Anna reichte ihm einen der Zeltheringe. Sie hatte sich zuvor noch darum gekümmert Apfelstrudel zu füttern und war nun hier, um dem Jarlssohn mit der halb aufgebauten Lagerstätte zu helfen.

“Nicht im geringsten.”, antwortete die Frau wissend “Aber sie sind auch keine Bestien. Sie entziehen Männern Energie, um zu leben, doch töten jene normalerweise nicht. Warum sollten sie auch? Daher kommen die Idioten des Dorfes auch immer ziemlich fertig, doch unversehrt, von ihren Schäferstündchen im Wald wieder. Sie schlafen mit ihr, kriegen den Fick ihres Lebens, und sie nimmt sich dafür Lebenskraft als Bezahlung. Ein Tausch, sozusagen. Ob er gerecht ist, lassen wir einmal dahingestellt.”

Rist runzelte die Stirn tief, als er den Zelthering in eine der Schlaufen der Lagerplane steckte und dann in den weichen Boden trat. Er gab einen nachdenklichen Ton von sich.

“Du willst mir also sagen, Sukkubi sind im Grunde friedlich?”, wollte er wissen und schien dies nicht so ganz zu glauben.

“Na ja… meistens? Ich bin noch keiner dieser ‘Damen’ begegnet, aber in den Büchern werden sie nicht unbedingt als feindselige Monstren beschrieben. Wenn man sie nicht bedroht, geben sie sich nicht anders, als Menschen es auch täten. Manche von ihnen leben sogar unbemerkt in Städten und sind hoch intelligent. Viele Sukkubi schlafen sogar nur mit älteren Herren, weil jene so und so nicht mehr lange zu leben haben und man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man ihnen die Kraft raubt.”, erklärte die Kurzhaarige “Greift man die besagten Ungeheuer aber an, sieht es nicht so gut aus. Sie sind unheimlich stark und beherrschen die Feuermagie. Ich habe gelesen, dass ein einziger Tritt ihrer Hufe gar massive Rüstungen verheerend eindellen und Schädel spalten kann.”

Mit einem kritischen Laut auf den Lippen nahm Rist einen weiteren geschmiedeten Hering entgegen, während sich Anna daran machte das Zelt auf der ihm gegenüberliegenden Seite am Grund zu fixieren. Es war dunkel und nur ihre grün flackernde  Lügenlampe Märthes und ein altes Öllicht dienten als spärliche Lichtquellen. Der fahle, wolkenverhangene Halbmond stand längst hoch am Himmel.

“Also was haben wir genau vor? Wollen wir einfach so zu dem Sukkubus gehen? Und dann?”, hörte man Hjaldrist fragen.

“Ja. Wir reden im Idealfall mit ihr. Ich will ihren Standpunkt hören.”, meinte Anna leichthin “Ganz einfach. Oder jedenfalls hoffe ich, dass es das wird.”

“Du hoffst?”

“Ja.”

“Na, großartig…”

Anna musste leise lachen und wäre Hjaldrist nicht hinter dem Zelt zugange gewesen, sondern hätte sie gesehen, hätte sie augenrollend abgewunken. Tatsächlich fürchtete sie sich nicht vor der angeblichen Gehörnten im Wald. Denn sie schenkte ihrem alten Bestiarium Glauben und in jenem stand schließlich, dass Sukkubi klug und vernünftig seien. Die vermeintliche ‘Hexe’, wie sie die Dörfler so unbeholfen nannten, würde die Monsterjäger also zumindest warnen, bevor sie daran dachte sie zu attackieren. Vielleicht würde sie Rist und Anna ja böse anstarren und sie verjagen. Aber die Hexerstochter bezweifelte, dass man grundlos einen Feuerball nach ihnen schleudern würde. Oder der Sukkubus würde versuchen den schüchternen Undviker im Bunde um die Finger zu wickeln. Aber ganz ehrlich? Dahingehend machte sich die Alchemistin die wenigsten Sorgen. Rist lief doch eher davon, als sich von einem lasziven Ungeheuer flachlegen zu lassen. Richtige, menschliche Frauen hatten mit ihm doch schon Probleme. Nichtsdestotrotz würden sie beide aufmerksam und kampfbereit sein müssen, all ihre Ausrüstung anlegen oder mitnehmen. Man wusste ja nie.

 

Am nächsten Morgen schlugen sich die zielstrebigen Abenteurer schon kurz nach dem schnellen Frühstück im ‘Blauen Apfelbaum’ durch die Wildnis hinter Schattenwalde. Der satte Wald, der sich dort bis zu den massiven Bergen erstreckte, war weitläufig, doch Hjaldrist und Anna hatten sich in der Taverne zumindest nach dem ungefähren Weg zu dem Heim der ‘Hexe’ des Dorfes erkundigt. Angeblich hauste sie in östlicher Richtung, nahe einer Felsformation, die sich ein kleines Stückchen weit über die Baumkronen erhob.

“Wir verlassen den Trampelpfad hier, gehen dort vorn runter…”, murmelte Anna, als sie einer überwucherten Böschung entgegen sah, die vor ihr lag “Und dann sollten wir bei dem Waldsee rauskommen.”

Rist schloss zu ihr auf und obwohl er beunruhigt wirkte, hatte er Erlklamm nicht in den Händen. Seine Freundin hatte ihn nämlich dazu aufgefordert so friedvoll, als möglich zu wirken, um unnötigen Ärger mit dem Ungeheuer im dichten Forst zu vermeiden. Dennoch galt es wachsam zu sein.

Die Monsterjäger bahnten sich ihren Weg also an der verwilderten Böschung hinab, bis hin zu dem kleinen Waldsee, der ruhig dalag und die noch niedrig stehende Sommersonne widerspiegelte. Es war nahezu idyllisch hier. Der Morgentau, der noch am knöchelhohen Gras hing, machte einem die Stiefel feucht. Die Vögel zwitscherten, man hörte irgendwo einen Bach plätschern, die Luft war frisch und kühl. Und zwischen all dies mischte sich ein unweites Flötenspiel.

Anna hielt inne und horchte auf.

“Hörst du das?”, konnte sie ihren Kumpel von der Seite verschwörerisch fragen hören.

“Mhm.”, antwortete sie “Das war ja einfach…”

“Meinst du, dass das SIE ist?”

“Wer sonst?”, schmunzelte die kurzhaarige Kriegerin und warf ihrem Freund in der grünen Tunika einen bedeutsamen Blick zu. Dann setzte sie sich auch schon in Bewegung, um der melancholischen Musik zu folgen, die durch die vielen Bäume und Büsche an sie heran drang. Ein Stück am See entlang gehend, schlugen die Abenteurer bald den Weg ins dunklere Unterholz ein. Sie brachen durch ein paar Haselsträucher und ließen eine sonnenerhellte Lichtung hinter sich. Und dann, als sie sich nahe einer Felsformation einem großen Hügel näherten, in dessen Bauch ein schmaler Höhleneingang führte, war das langsame Flötenspiel erstorben. Anna sah sich suchend um und blieb nicht stehen. Vorsichtigen Schrittes näherte sie sich der Höhle, ließ aber all das Drumherum nicht aus den aufmerksamen Augen. Und auch Hjaldrist blieb angespannt. Denn offenbar hatte der kluge Sukkubus sie bemerkt. Warum hätte er sonst so abrupt damit aufgehört zu musizieren?

“Hallo?”, fragte Anna mit erhobener Stimme und sah, wie Rist ihr einen zweiflerischen Blick zuwarf. Sie wagte sich weiter vor, bis sie vor dem Eingang stand, der tief in die Höhle im grasüberwucherten Hügel führte. Blumen wuchsen dort zu ihren Füßen, als habe sie jemand bewusst eingepflanzt: Weiße Margeriten und lila Glockenblumen säumten den Platz. Und es kam keine Antwort.

“Wir sind hier, um zu reden. Wir haben nicht vor dir etwas zu tun.”, sprach die Novigraderin gespielt geduldig weiter und linste der Höhle abwartend entgegen. Doch da war nichts und niemand, kein Ungeheuer trat ans Morgenlicht. Es war trügerisch friedlich.

“Wir kommen jetzt rein.”, warnte Anna und eine beiläufige Geste ihrer Rechten beschrieb Quen. Mit Rist, der ihr langsam folgte, betrat die Alchemistin das vermeintliche Heim des Sukkubus dann einfach. Und es war mehr als nur offensichtlich, dass es sich hier wirklich um solch eine Gehörnte handelte. Der Stein im Inneren des Hügels war kunstvoll mit bunten Farben bemalt worden und Blumen zierten einige Ecken. Farbenfrohe Bänder schmückten das kleine Gewölbe, wiegten sich leicht in der Zugluft, und es roch angenehm nach süßem Räucherwerk. Ja, man konnte tatsächlich sagen, dass die kühle Höhle hier, mitten im Forst, schön war und gemütlich anmutete. Da waren Tücher, Decken, Kissen, kleine Mobiles aus gefärbten Holzstückchen und Nussschalen, die melodisch klapperten. Das Ungeheuer, das man suchte, hatte wirklich einen Sinn für Ästhetik und das Schöne. Eine Eigenschaft, die die meisten Sukkubi besaßen. Daher fühlten sie sich angeblich auch in fein dekorierten Edelbordellen so wohl.

“Anna…”, warf Hjaldrist ein, als er neben seine Freundin kam und das Offensichtliche aussprach “Hier ist niemand.”

Trotzdem hielt er sich nahe bei ihr, da er wusste, dass die Frau gerade als magisches Schild agierte. Der sanfte, orange Schein, der sie umgab, war zwar kaum merkbar, doch versprach vorerst Sicherheit.

“Mh… ja, leider.”, nickte die Kriegerin und erwischte sich dabei ein wenig enttäuscht zu sein. Gerne hätte sie einmal einen echten Sukkubus getroffen. Interessiert wanderten ihre Augen währenddessen. Über weiche Felle, Schnittrosen, Fläschchen mit bunten Inhalten, einen Kamm, simple Schminkdöschen. Ein naher Vorsprung, den man als Ablage verwendete, erhaschte Anna’s Aufmerksamkeit. Sie näherte sich jenem und betrachtete den kleinen Weidenkorb, der dort auf einem gehäkelten Deckchen stand. Frisches Brot lag darin, Trockenobst, Gemüse und Nüsse. Das war ungewohnt für einen Sukkubus, der sich eigentlich von menschlicher Energie ernährte. Rist kam zu seiner Kumpanin und fasste nach einem kleinen, bunten Lederball, der da neben dem Brotkorb lag. Das Spielzeug war fleckig und alt, passte genau in die Handfläche des überraschten Skelligers.

“Ha…”, machte er erheitert “Was macht ein Ungeheuer mit einem Ball? Glaubst du, sie spielt damit? Eine eigenartige Vorstellung.”

Einmal warf der Undviker das Bällchen in die Luft, fing es mit einer Hand wieder auf und lugte einer verbeulten Dose entgegen, die mit Wasser gefüllt worden war. Etwas, das aussah, wie eine Trockenpflaume, schwamm darin herum. Anna hob die Brauen und musste leise lachen. Sie nahm die Dose an sich und lugte hinein.

“Was zum Geier? Hat sie einen Göttling zum Freund, der Ballspiele mag und Schabernack mit Trockenobst treibt? DAS wäre ungewöhnlich.”, machte die Frau in der gestreiften Jacke flüsternd und man hörte auch den Jarlssohn neben ihr amüsiert schnauben. Er legte das alte Lederbällchen wieder fort und wandte sich dann ab, um suchend um sich zu sehen. Man hörte den Mann nach einigen Atemzügen schon bedauernd seufzen.

“Sie versteckt sich bestimmt irgendwo im Wald.”, meinte er.

“Ja, offensichtlich.”, pflichtete Anna bei, ließ von der Dose mit der Pflaume darin ab “Und das ist gut. Wenn sie aggressiv oder bösartig wäre, hätte sie uns längst angegriffen. Aber das hat sie nicht. Wir stehen hier in ihrem Heim und dennoch unternimmt sie nichts gegen uns, sondern hält sich fern.”

Rist nickte, mutete jedoch auch etwas unschlüssig an.

“Willst du sie suchen?”, wollte er wissen.

“Nein. Wozu? Wenn sie nicht gefunden werden will, dann werden wir sie nicht entdecken. Hier zu warten wäre in dem Sinn auch vergebens.”, schätzte die Kriegerin mit der rotbraunen Haarsträhne “Und du hast doch gehört, was die Leute gesagt haben: Sie hat im Grunde niemandem etwas getan. Sukkubi sind keine Hexen, die Männer verzaubern. Mag sein, dass sie auf jene unheimlich anziehend wirken, aber das hat nichts mit irgendeiner böswilligen Magie zu tun. Die Leute von Schattenwalde kamen schon einmal her, um sie zur Rede zu stellen. Und was war? Sie hat sie nur verscheucht, anstatt sie zu töten. Und glaube mir, Rist, ein wütender Sukkubus, der es darauf anlegt, wird schneller mit einem wütenden Mob von dummen Dörflern fertig, als jener diese Höhle hier überhaupt erreichen könnte. Aber der hier hat niemandem was zuleide getan. Und deswegen habe ich nicht vor ihn zu bedrohen.”

“Das klingt logisch. Und vernünftig.”, meine Hjaldrist nach wenigen grüblerischen Sekunden. Er wirkte erleichtert, weniger nervös und zuckte die Achseln gleichgültig.

“Wir gehen also in das Dorf zurück und erklären den Leuten, was Sache ist.”, entschloss Anna “Dass die drei Narren, die hierhin kommen, selbst Schuld sind. Sie sind blind verliebte oder vollkommen notgeile Deppen, die sich nicht im Griff haben. Nur deswegen kommen sie regelmäßig desorientiert nach Hause und machen ihre Ehefrauen unglücklich. Ich wette, dass sie auch zu einer hübschen Hure gehen würden, würde es hier eine geben.”

“Das ist wohl ihr eigentliches Problem.”, lachte der Skelliger nun leise “Hier, in dem Kaff, gibt es keine und daher ist der Sukkubus hoch im Kurs. In den Augen der Bauern muss er ja unglaublich aufregend sein. Viel interessanter, als diese ‘Matilda von nebenan’.”

“Wahrscheinlich.”, grinste die Novigraderin glucksend “Also... lass uns gehen. Hier gibt es für uns nichts zu tun.”

Anna drehte sich um, um sich dem Höhlenausgang zuzuwenden, der nicht breiter war als eine Person, und ihr Kumpan schloss gemächlich zu ihr auf. Just in diesem Moment war da ein leises Klappern auf Stein, ein Rascheln von Stoff und ein leises Klingeln eines Windspiels aus alten Münzen. Die zwei Abenteurer zuckten zusammen, horchten alarmiert auf. Vorsichtig sahen sie sich über ihre Schultern um. Und Anna hielt sofort inne, als sie den mannshohen Schemen erkannte, der hinter ihnen in den Schatten des alten Höhlengewölbes stand. Im Halbdunkel, zwischen aufgehängten Blumengirlanden und lockeren, sich wiegenden Streifen aus Stoff, verweilte eine Gestalt mit einer Hand an der Steinwand und sah abwartend zu den Abenteurern herüber. Da waren zwei gebogene Hörner, Hufe, ein nervös zuckender Schweif, der dem Wesen bis unter die Knie reichte. Langes, dunkles Haar kaskadierte der Fremden über die Schultern und bedeckte ihren nackten Oberkörper nur teilweise. Viel mehr erkannte man nicht, denn der Sukkubus - ja, es war tatsächlich einer - hielt sich bewusst im Halbschatten und nur seine blauen Augen blitzten eindeutig aus dem Dunkel hervor, wie die eines Tieres. Er legte den gehörnten Kopf leicht schräg, doch sagte nichts, als er den Monsterjägern nachsah.

Anna blinzelte irritiert, weitete den Blick dann aber überrascht. Einige Momente lange wagte sie es nicht sich zu rühren und Hjaldrist tat ihr dies gleich. Obwohl sie, aus bereits ausgesprochenen Gründen, stark annahm, dass das hübsche Ungeheuer des Waldes friedfertig war, ertappte die Frau sich dabei trocken schlucken zu müssen und froh darüber zu sein einen magischen Schild um sich gestrickt zu haben. Sie schwieg, wartete ab und war wie zur Eissäule erstarrt. Doch nichts geschah. Die Langhaarige im Schatten beobachtete bloß aufmerksam. Und dann sprach sie mit ruhiger, einnehmender Stimme, um das Schweigen zu brechen.

“Ihr habt gute Herzen.”, meinte sie bedacht und als überrasche sie das.

Die entrückte Hexerstochter wusste daraufhin nicht so recht was sagen, war ziemlich verblüfft. Sollte sie sich bedanken? Sie tauschte Blicke mit ihrem besten Freund aus und erkannte, dass er genauso perplex wirkte, wie sie.

“Ähm. Na ja.”, machte sie aus Ermangelung anderer Ideen. Sie haderte mit sich. Sollte Anna Hjaldrist nun hektisch wispernd dazu auffordern zu verschwinden? Oder könnte man mit dem Sukkubus sprechen? Das hier wäre schlussendlich eine einmalige Gelegenheit dafür.

“Die… Leute aus Schattenwalde meinten, du verzauberst ihre Männer.”, berichtete die Hexerstochter dann offen und dies nur, weil sie zum kläglichen Versuch ansetzte ein Gespräch anzufachen. Sie hörte das schlanke Waldwesen im Schatten leise lachen. Jedoch nicht böse, sondern auf eine angetane Weise. Man hörte heraus, dass die Fremde mit den nach hinten gebogenen Hörnern das Verhalten der Dörfler genauso lächerlich fand, wie es die schlauen Abenteurer taten. Doch sie äußerte sich nicht dazu. Daher holte die etwas unbeholfene Anna nach einer kurzen, unangenehmen Pause Luft, um weiter zu reden.

“Ihr Sukkubi verhext niemanden, nicht wahr? Und ihr seid Wesen, die-.”, enkam es ihr.

“Ich bin Maeva.”, unterbrach der Sukkubus die Hexerstochter sogleich und so, als ob er es nicht wollte als das bezeichnet zu werden, was er war. Als mochte er die Betitlung als ‘Sukkubus’ oder ‘Wesen’ ganz und gar nicht. Anna blinzelte etwas wirr, als das Ungeheuer auf einmal so energisch sprach.

“Äh, ja. Tut mir leid.”, machte sie zögerlich und um aufkommenden Unmut zu verhindern.

“Und ich verzaubere niemanden. Die Leute besuchen mich, weil sie es gerne tun.”, bestätigte die Langhaarige weiter und wechselte hufklappernd das Standbein. Ihr Ton klang dabei nach wie vor bestimmend und so, als wolle sie sich um jeden Preis als friedvoll beweisen. Die anwesende Alchemistin betrachtete das fremdartige Geschöpf ob dem positiv überrascht. Sie schenkte Hjaldrist einen flüchtigen Seitenblick und er zuckte die Achseln. Der Skelliger mutete nebenher nicht an, als wolle er unbedingt zu dem halbnackten Sukkubus mit den schönen, langen Haaren weiter vorn. Es gab keine anziehende Aura oder dergleichen, keine Magie. Das Ungeheuer streckte die Finger nicht gierig nach ihm aus und hätte genauso gut eine schlichte Bürgerin des nahen Dorfes sein können. Also… hätte sie wie ein Mensch ausgesehen und sich mehr angezogen eben.

“Wie heißt ihr?”, wollte Maeva neugierig wissen, war plötzlich wieder ganz gelassen, und rührte sich kein Stück aus den schützenden Schatten heraus. Ihr Schweif zuckte längst nicht mehr aufgebracht hin und her. Ja, sie wirkte tatsächlich entspannter und dies gab auch Anna ein wohligeres Gefühl. Schließlich war ein ruhiges Ungeheuer besser als ein nervöses oder wütendes.

“Ich bin Anna.”, sagte die Novigraderin so freundlich als möglich und deutete dann in die Richtung ihres Kameraden, der eine Hand in grüßender Geste erhob “Und das ist Rist.”

“Hast du hier noch einen Freund?”, wollte letzterer dann wissen und wieder legte das Waldwesen das Haupt fragend schräg.

“Einen Freund?”, fragte Maeva leise.

“Jemanden, der mit dir Ball spielt zum Beispiel.”, ergänzte der dunkelhaarige Inselbewohner seine Frage, um auf den ulkigen Umstand hinzudeuten, dass unweit ein fleckiges Lederbällchen auf einer Ablage lag. Und auch, um indirekt zu erfahren, wer denn die Trockenpflaume in Wasser eingelegt hatte, da er stark auf einen Göttling tippte.

Der Sukkubus Schattenwaldes sagte einige Atemzüge lange nichts. Und als er den Mund dann öffnete, um mit gesenkter Stimme zu sprechen, klang er so, als bedauere er irgendetwas zutiefst.

“Nein.”, sagte die Gehörnte langsam und aufrichtig “Ich habe keine Freunde.”

“Oh.”, machte Rist nurmehr und auch Anna wunderte sich ein wenig. Sie hatte sich Sukkubi wahrlich etwas übermenschlicher oder fremdartiger vorgestellt, als es Maeva war. Doch offensichtlich aß die Dame mit den Hufen Brot, besaß Spielzeug und mochte gewässerte Pflaumen gern. Es war so eigenartig, dass es irgendwo schon wieder sympathisch wirkte. Die Giftmischerin musste unweigerlich lächeln.

“Ihr seid nett. Bleibt so, wie ihr seid, Anna und Rist.”, schloss der Sukkubus, dessen blaue Augen den beiden Reisenden nach wie vor gespenstisch glimmend entgegen sahen. Er wich ein wenig ab, als wolle er sich nun auf einmal gänzlich zurückziehen. Und dies war Abschiedsbotschaft genug. Seltsam. Vor Hjaldrist’s Frage nach dem vermeintlichen Freund hatte Maeva noch so angemutet, als wolle sie ihre zwei Besucher dazu einladen zu bleiben. Nun wandte sie sich jedoch ab.

“Wir werden es versuchen.”, sagte Rist noch, dann nickte er Anna zu. Es war eine stumme Aufforderung zum Gehen. Die jüngere Alchemistin aus Novigrad hatte nämlich Recht gehabt: Hier gab es für Monsterjäger wahrhaftig nichts zu tun. Jedenfalls nicht für die, die nach dem Kodex der Wolfsschule arbeiteten.

 

Schattenwalde hatte sich also als eher unspektakulär herausgestellt. Ein Sukkubus der in der Nähe von Menschen lebte, war nun keine zu turbulente oder außergewöhnliche Sache und wenn es um den ging, der drei Männer des Dorfes für sich gewonnen hatte, konnte man guten Gewissens Entwarnung geben. Rist und Anna hatten sich persönlich davon überzeugt, dass nahe des Ortes kein bösartiges Monster lebte, kein feindseliges Ungeheuer. Sondern nur Maeva, die Ball spielte, Obst mochte und freiwillig besucht wurde. Mit dem Wissen darüber hatten sie Filzhut und seinen beiden Cousinen gleich nach ihrer Rückkehr nach Schattenwalde Bericht erstattet. Wie erwartet hatten sie dafür keine zehn Kronen bekommen, sondern nur einen Beutel Mehl und einen halben Schinken. Der fette Dörfler und seine Anhängsel mit den untreuen Ehemännern, hatten sehr unzufrieden ausgesehen, als Anna ihnen erklärt hatte, dass man die ‘Hexe’ des Waldes nicht fürchten müsste. Dass sie friedlich war und sich die drei Schwanzgesteuerten Schattenwaldes nur von sich aus dazu entscheiden müssten nicht mehr zu dem Sukkubus zu gehen. Eine der Cousinen von Filzhut hatte Anna und Hjaldrist daraufhin grantig als Stümper und Betrüger beschimpft, die Arme dabei zornig in die Luft geworfen. Die schweigenden Abenteurer hatten das fauchende Weib schlicht ignoriert, als es zeternd von Dannen gestapft war. Und anders, als die dummen Bauern, hatten sie sich nicht völlig überzogen aufgeregt, als man ihnen bloß Lebensmittel statt Münzen in die Hände gedrückt hatte. So war es manchmal eben. Als Monsterjäger durfte man es nicht erwarten immer die ausgemachte Belohnung zu erhalten oder dass Dörfler kuschten, wenn man sie aus diesem Grund böse ansprach.

“Ihr habt die Hexe nicht getötet, daher habt ihr euch kein Geld verdient!”, hatte die Blonde Filzhut-Cousine geschnarrt. Sie war jedoch sichtlich nervös gewesen und man hatte ihr angesehen, dass sie auch dann nichts hätte bezahlen können, hätten die Reisenden ihr den Kopf der Gehörnten aus dem dichten Forst gebracht. Ein Risiko, das man im Metier der ungeheuerjagenden Abenteurer stets einging. Denn ein Hexer ließ sich nicht im Vorhinein bezahlen. Warum war klar: Wenn er während der Erledigung seines Auftrages starb - was schon einmal passieren konnte -, wäre das Geld umsonst aus den Händen gegeben worden. Und daher forderten auch Anna und Hjaldrist ihren Lohn immer erst im Nachhinein ein. Dies, obwohl sie an und für sich keine wahren Hexer waren. Doch, na ja, zumindest eine von ihnen arbeitete doch hart darauf hin.

 

“Pff… ein Sack Mehl.”, die Hexerstochter, die sich ein paar Krümel aus dem Mundwinkel wischte, rollte mit den braunen Augen und lehnte sich genervt zurück, als sie abends wieder in der Taverne saßen. Rist lungerte ihr gegenüber herum und schenkte ihnen beiden mehr Gewürzwein ein. Zwischen den Zweien, auf der fleckigen Tischplatte, standen Teller mit halb aufgegessenen, gepfefferten Käsebroten.

“Na ja…”, machte der Mann dabei gleichgültig und war bedacht darauf nichts von dem guten Rebensaft zu verschütten “Ist besser als nichts. Und wir hatten ja wirklich keine Mühe mit dem Sukkubus… im Gegenteil. Ich fand das Ganze wirklich interessant.”

“Ja, schon.”, seufzte Anna und im Hintergrund fidelte Hilda, die skelliger Skaldin, auf ihrer alten, abgegriffenen Geige. Die Wasserratten sorgten auch heute wieder für Unterhaltung und walteten als unsäglich erfolgreicher Gästemagnet. Das taten sie als Bezahlung für ihre Zimmer im ‘Blauen Apfelbaum’ und die herzliche, rundliche Gasthauswirtin freute sich über den regen Besuch des letzten Tages. Sie kam mit dem Servieren und Ausschenken kaum hinterher und lief geschäftig umher, lachte oder schlug mit dem Geschirrtuch nach frechen Kerlen.

“Man kann mit Mehl viele Dinge machen, Anna.”, lächelte Hjaldrist wissend, denn er war schlussendlich derjenige von ihnen beiden, der regelmäßig simple, doch gute Gerichte zubereitete. Im Gegensatz zu seiner wenig kochfreudigen Kollegin aus Novigrad brannte ihm nicht alles an, was er in die Pfanne haute oder in den Kessel schnitt.

“Man dickt damit Suppen ein. Oder man macht diese platten Pfannenkuchen. Die haben wir schon lange nicht mehr gegessen.”, sinnierte der Jarlssohn weiter und kratzte sich am Kinn. Die kurzhaarige Alchemistin horchte auf und wiegte den Kopf abschätzend. Ihr Kumpan im grünen Rock lachte leise. Warum konnte er eigentlich kochen? Hatte er auf Skellige denn nicht Bedienstete gehabt, die das für ihn erledigt hatten?

“Mit dem Mehl, das wir bekommen haben, werden wir auf unseren Reisen zudem auch noch sehr lange auskommen, denke ich.”, schätzte er zufrieden “Also bin ich nicht beleidigt. Und über den Schinken auch nicht. Ich habe ihn vorhin probiert und er schmeckt echt gut”

“Hm.”, machte Anna zögerlich zustimmend, lächelte dann aber schon wieder leicht. Hjaldrist hatte ja Recht. Sie sollte sich nicht ärgern. Also fasste sie nach ihrem großzügig gefüllten Becher, um zu trinken. Heute, da würde sie sich sicherlich nicht von irgendwelchen gackernden Dorfleuten davon abhalten lassen einen feuchtfröhlichen Abend zu verbringen. Ja, heute, da war ihre freie Nacht, ehe sie und Rist spätestens übermorgen weiterziehen würden, um nach Serrikanien zu gehen. Und sollte noch EINMAL jemand zu ihr kommen und von bösen Sünden, Hexen in Wäldern oder verzauberten Eheleuten reden, würde sie demjenigen etwas über die verdammte Scheinheiligkeit der vermeintlich frommen schattenwalder Bürger erzählen. Ja, bestimmt ging doch auch der beschissene Pfarrer, von dem die zornesrote Cousine Filzhuts gesprochen hatte, zu Maeva in den Wald.

 

Der lockere Abend nahm seinen Lauf. Gewürzwein und Met flossen in Mengen, und das Essen war außerordentlich gut. Anna und Hjaldrist vertrieben sich die Zeit mit Gwent und Würfelspielen, hatten bei letzteren offenkundig so viel Spaß, dass sich zu späterer Stunde sogar ein paar der Bauern der Gegend interessiert zu ihnen gesellten, um sich abzocken zu lassen. Die gut gelaunten Musiker aus Skellige, indes, befeuchteten sich die Kehlen während ihrer Schau regelmäßig mit Bier und Schnaps, was darin resultierte, dass sie kurz vor Mitternacht recht angeheitert erschienen. Dennoch fidelten und sangen sie unermüdlich und zeigten allen Zuhörern, dass sie die Musik lebten und liebten. Jene steckte ihnen so sehr in Fleisch und Blut, dass sie auch im trunkenen Zustand noch hervorragende Stücke darboten. Oder vielleicht hörten sich die Lieder in Anna’s Ohren nur deshalb noch so gut an, weil sie selbst jenseits davon war nüchtern zu sein.

“Ha! Diese Runde geht an mich!”, grinste die besagte Novigraderin und fischte nach den sechs Kupferstücken auf dem Tisch vor sich. Rist und die vier Dorfbewohner murrten langgezogen, doch schnippten schon die nächsten Einsätze auf das bemalte Spielbrett aus Leder. Sie würden damit bestimmt erst dann aufhören, wenn ihre Taschen leer waren. Und das war gut, denn die beiden Abenteurer im Bunde benutzten gezinkte Würfel. Ab und an, da schüttelten sie gewöhnliche Knochenwürfelchen im punzierten Würfelbecher, um den Ortsansässigen das Gefühl zu geben, dass es mit rechten Dingen zuging. Doch das tat es natürlich nicht. Anna warf ihrem besten Freund einen amüsierten Blick zu und er verkniff sich ein wölfisches Schmunzeln. Er hatte gerade eben Wein für alle am Tisch bestellt, damit kein Unmut über die Pechsträhne der dummen Bauern aufkam, und die beleibte Schankwirtin brachte ihnen lächelnd sechs gut gefüllte Tonbecher an den schiefen Tisch. Was dies anging, waren die Monsterjäger ab und an wahre Schurken. Besonders Hjaldrist verstand sich gut darauf anderen Menschen ein gutes Gefühl zu geben, obwohl er ihnen nicht das Allerbeste wünschte. Es war unglaublich erheiternd dabei zuzusehen, wie er die Dörfler ihres Geldes erleichterte und dabei den Großzügigen mimte, um sie als Freunde zu haben und in keinen Streit zu geraten. Es war eben seine ganz eigene Art von… nun ja… ‘Diplomatie’. Anna entkam ein leises Lachen und sie lehnte sich zurück, fasste nach ihrem Becher.

“Danke, übrigens, dass ihr die Frau im Wald in Ruh’ gelassen habt.”, meinte einer der vier Männer, die bei den gut gelaunten Abenteurern mit am Tisch saßen, irgendwann. Mittlerweile hatten die vier besoffenen Dörfler so viel Geld verspielt, dass man dazu übergegangen war nurmehr zu trinken und sich zu unterhalten, anstatt zu würfeln. Auch Anna war mit der Zeit lockerer geworden und gab sich den Bauern gegenüber relativ offen. Alkohol löste bekanntlich die Zunge und dies traf auch stets auf die Hexerstochter zu. War sie sonst etwas verbohrt und zurückgezogen, so plapperte sie im beduselten Zustand auch gern einmal mit Fremden über Belangloses.

“Hmm?”, machte Rist und lugte über seinen Becherrand zu dem Sprechenden. Im Hintergrund geigte Hilda gerade zu dem Gesang von Knud, der ein Lied über das Segeln und Saufen johlte, über Sirenen und Drachenboote mit roten Segeln.

“Hab mir ja gedacht, dass sich irgendwer drüber freut. Also n’ Mann halt. Die Weiber tun das wohl eher weniger.”, grinste die wissende Alchemistin am Tisch, die sich ziemlich konzentrieren musste, um halbwegs gerade Worte heraus zu bekommen. Sie gluckste belustigt.

“Rist hier”, sie gestikulierte mit ihrem überschwappenden Trinkgefäß in die Richtung ihres Kumpels aus Skellige, der dem spontanen Weinregen gerade noch so ausweichen konnte “und ich, wir haben gesagt, dass ihr sicher zu ner Hure geh’n würdet, wenn’s eine gäbe. Aber naja, gibt halt keine und deswegen geht ihr zu dem Sukkubus.”

“Zum was?”, warf einer der vier Dörfler verwirrt ein und nuschelte beachtlich.

“Na, zu der Dings da.”, die Giftmischerin nickte in die Richtung, in der sie den Wald vermutete “Mit den Hörnern.”

“Ahhh…”, machte der Nuschler und auch seine Kumpane nickten langsam, da sie verstanden.

“Ja, sie is nich böse. Ich war auch schon mal da, ne? Aber nur einmal und ich bin dadurch nich verhext worden.”, bestätigte einer der Männer selbstsicher “Ich versteh nicht, warum alle so durchdreh’n wegen der. Der Pfarrer sagt immer, wir müss’n sie verbrennen. Auf nem Haufen. So wie in Nuvi… Novigrad.”

Anna verdrehte die Augen beim Gedanke an die Ewige Flamme weit und wollte einen Schluck ihres Gewürzweines nehmen. Als ihr dabei aber auffiel, dass ihr Becher plötzlich leer war, runzelte sie die Stirn kritisch. Rist räusperte sich und deutete auf die dunkelrote Weinlache, die vom Tisch auf die hölzerne Sitzbank neben ihm tropfte und seinen Mantel um ein Haar verfehlte. Die skeptische Miene der jüngeren Novigraderin lichtete sich auf die stumme Erklärung ihres besten Freundes hin sofort und sie ließ sich den noch vollen Tonbecher Rists reichen.

“Wo wollt’n ihr überhaupt hin? Ich seid doch Wanderer?”, fragte der Nuschler, als er zwischen den Monsterjägern hin und her sah.

“Nach Serrikanien.”, erzählte Hjaldrist, der auch schon ein paar Schlucke Wein zu viel intus hatte, sofort und lächelte breit “Das wird voll gut.”

“Glaub ich auch!”, pflichtete seine Kollegin vorfreudig bei und all der Wein hatte ihr eine sanfte Röte auf die Wangen gemalt “Wir woll’n die Wüste und die Pfeifen, die man mit Wasser befüllt, sehen.”

“Und Dschinns.”, fügte Rist freudig hinzu. Anna stöhnte entnervt und schnaubte abfällig-belustigt.

“He, die sind voll gefährlich, Mann.”, machte sie und der Skelliger lachte nur unbeschwert schulterzuckend.

“Wer?”, fragte einer der ollen Dörfler.

“Ey, ich hab mal von nem Mann gehört, der so heißt.”, mischte sich ein zweiter ein und streute damit generelle Verwirrung. Seine Kameraden beäugten ihn irritiert.

“Ja, also, wie auch immer-”, setzte Anna fort und wollte die vier Unwissenden neunmalklug und mit belehrend erhobenem Zeigefinger über Luftgenien aufklären, da horchte Rist auf einmal auf. Er gab einen Laut von sich, als habe er eine große Erleuchtung erfahren. Als sei ihm ganz plötzlich etwas unglaublich Gutes eingefallen. Die Aufmerksamkeit seiner Freundin hing dadurch sofort auf ihm und auch die Bauern am Tisch hielten inne.

“Wassn?”, machte die anwesende Frau in der gestreiften Jacke und sah so alarmiert auf, wie man es betrunken nur tun konnte. Doch sie erkannte keinerlei Auslöser für die plötzlich so wache Miene Rists. Schief grinste er sie an, während sie es noch nicht kapierte.

“Das is unser Lied!”, atmete er und sein Lächeln kam dem eines besoffenen Honigkuchenpferds beachtlich nah. Anna blinzelte perplex, horchte ebenfalls. Die Wasserratten summten, sangen, flöteten und geigten darüber, dass sie immer mitten in den Strom segeln würden. Es war das Lied von gestern Abend und scheinbar auch jenes, das es Rist besonders angetan hatte. Ehe sich die arme Alchemistin aus dem Norden also versah, erwischte er sie energisch an der einen Hand und erhob sich, zog sie ungnädig mit sich und direkt zwischen all die feiernden Leute Schattenwaldes. Es ging so schnell und Anna war zu betrunken, als dass sie hastig widerstreben hätte können, um sich zu retten. Das einzige, das ihr blieb, war es das hier einfach geschehen zu lassen. Und sie tat es mit einem verdatterten, nahezu dümmlich wirkenden, Ausdruck auf dem Gesicht; einem Ausdruck, der langsam einer heiteren Miene Platz machte, als sich Hjaldrist einfach bei ihr unterhakte, um mit ihr im Kreis zu tanzen. Denn dies war einfach. Ja, es war kinderleicht und es machte tatsächlich Spaß zur lustigen, lauten Musik aus Skellige herumzuspringen. Rist entzog seiner Freundin den Arm nach kurzer Weile schon, hakte sich beim anderen unter und wechselte die Richtung, in der er zum Takt des Liedes der Skalden hüpfte. Anna konnte nicht anders, als mitzumachen und zu lachen. Die bunte Welt um sie herum drehte sich und hätte sie einen wirklich klaren Verstand fassen können, hätte sie sich eine Idiotin gescholten, weil sie sich gestern so sehr gegen die Idee gesperrt hatte, das hier zu tun: Zu tanzen, egal, wie lächerlich es vielleicht aussah, und alles drumherum einfach zu vergessen, während die Barden aus dem weiten Westen besangen, was auch sie so gut beschrieb: Wenn sie jemals untergehen würde, dann sicherlich nicht sang- und klanglos. Und sie war sich sicher, dass sie dabei auch nicht alleine wäre. Denn Hjaldrist würde dabei bei ihr sein, nicht wahr? So, wie er es immer war. Und er würde lachen und singen, so, wie er es auch in diesem Moment tat.

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