Kapitel 7

Gefährten teilen eben

Rist beugte sich weit über eine metallen eingefasste Truhe, die mit aufgeklapptem Deckel vor ihm stand. Schnee und kleine Trümmer lagen ringsum in der Nacht und er und Anna hatten die Lagerkiste mit den eisernen, rostigen Scharnieren gerade erst von Schutt und Dreck befreit. Nach dem Fingerzeig des sich in Luft auflösenden Bruder Lenas hatten sie sich bald vorsichtig in Bewegung gesetzt, um dem Hinweis des gönnerhaften Schemens zu folgen. Neugierig hatten sie sich dem eingestürzten Anbau des kaputten Bäckerhauses genähert. Wahrscheinlich war dieser kleine Raum, errichtet aus simplen Holzplanken und mit keinem geschliffenen Boden ausgelegt, einmal eine Art Vorrats- und Abstellkammer gewesen. Für Mehlsäcke oder Teigwannen vielleicht, für Brotgewürze und dergleichen. Und für die besagte Kiste, die die beiden abgekämpften Abenteurer nun gefunden hatten Dies irgendwo zwischen Überresten von stumpfen, grifflosen Werkzeugen, morschen Brettchen und umgekippten Regalen. Die Truhe war schwer zu öffnen gewesen, denn der starre Rost hatte es Hjaldrist nicht leicht gemacht den Verschluss des mittelgroßen Behältnisses zu öffnen. Er hatte wuchtig gegen das breite Scharnier an der Vorderseite treten müssen, damit jenes, zusammen mit dem unbeweglichen Schloss darin, abfiel. Und jetzt, vor wenigen Augenblicken erst, hatte der Skelliger die Kiste vorfreudig geöffnet. Er beugte sich vor, stützte sich mit der Linken am schmalen Truhenrand ab und fasste suchend in jene hinein, wühlte herum. Anna blickte ihm neugierig über die Schulter und weitete die Augen, in der Hoffnung so etwas besser sehen zu können. Denn es war noch immer recht finster und nur der weißliche Mondschein, der den Schnee vor dem kleinen Haus glitzern ließ, erhellte die Umgebung fahl.

“Und?”, wollte die Hexerstochter ungeduldig von einem Fuß auf den anderen tretend wissen, als ihr Freund schweren Stoff aus der Lagerkiste zog. Er warf ihn achtlos auf den Boden. Eine Dose folgte, ein paar Fläschchen, Riemen und irgendetwas, das in den Händen des aufgeregten Mannes schepperte, als er es hochhob.

“Ein modriger Mantel, Lederriemen... irgendwelches Klimperzeug…”, murmelte der Skelliger wenig beeindruckt und schüttelte, den letzten Punkt unterstreichend, die kleine tönerne Dose, in der sich vermutlich Schmuck befand. Die besagten Fläschchen - vier an der Zahl und gefüllt mit undefinierbaren Flüssigkeiten - steckte er Anna wissend zu. Er könnte damit wenig anfangen, denn er war kein Trankmischer.

“Da, irgendwelches Alchemiezeug, glaube ich…”, meinte er dabei. Dann hob er noch ein paar klappernde Stahlteile darbietend hoch. Fragend legte Anna den Kopf schief und fasste danach.

“Armschienen. Sind uralt und den dicken Flugrost daran sieht man sogar nachts…”, brummte der Krieger und wiegte das Haupt mit der weiten Kapuze abschätzend. Einer seiner Mundwinkel zuckte unschlüssig zur Seite, dann sah er etwas gleichmütig auf.

“Brauchst du die?”, wollte er wissen und sah seiner Kollegin dabei zu, wie sie mit einem Arm prüfend in eine der kettenbesetzten Metallschienen mit den Platten für Handrücken und Daumen schlüpfte. Jene passte ihr nicht recht, denn die burschikose Frau trug bereits dicke Armschienen aus Leder. Doch ohne jene würde sie die Metallrüstungsteile tragen können. Also… theoretisch. Und WENN man diese Dinger denn noch davor retten könnte auseinander zu fallen, verstand sich.

“Weiß nicht. Aber zum Wegwerfen sind sie sicher zu schade, hm? Nimm du sie doch.”, meinte Anna auffordernd und schenkte Rist einen auffordernden Blick. Der Kurzhaarige nickte zustimmend, dennoch wirkte er nicht unbedingt zufrieden. War ihm nicht zu verdenken. Schlussendlich rechnete man doch mit einem Schatz, wenn man schon von einem Geisterwesen auf eine Kiste aufmerksam gemacht wurde.

“Mehr ist nicht in der Truhe.”, sagte er “Ich hätte ja auf irgendetwas Wertvolleres gehofft. Für all die Mühen, die wir auf uns genommen haben, erscheinen rostige Armschienen und gammelige Tinkturen doch wie Hohn.”

Anna lachte leise.

“Ach komm. Das alte Zeug hier ist doch besser als nichts. Und vielleicht finden wir in den anderen Hütten ja noch etwas!”, gluckste sie optimistisch und klopfte ihrem enttäuschten Freund die Schulter.

Sehr viel mehr fanden Hjaldrist und Anna jedoch nicht. Leider. Sie suchten noch eine kleine Weile, doch entschlossen sich dann dazu das ausgestorbene Redgill zu verlassen und bis zur nächsten Ortschaft weiter zu ziehen. Gen Nordwesten, so wie es Svenja, die oberwichtige, unsympathische Stadtwache vorgestern noch geraten hatte. Svenja. Sie hatte Rist als alten Bekannten erkannt und vice versa, obgleich das Geisterdorf doch nur von Illusionen bevölkert gewesen war. Das war seltsam. Sehr, sehr seltsam. Sie konnte keine Erscheinung gewesen sein und hatte so ‘echt’ angemutet.

“Diese Svenja…”, fing die skeptische Anna also an, während sie Kurt, auf dem sie saß, neben dem schnaubenden Apfelstrudel her trieb. Sie sah von der Seite aus zu ihrem Kumpel hin, der etwas müde im ledernen Sattel saß. Klar, sie beide hatten ja auch zu wenig geschlafen und viel gekämpft. Die ebenso erschöpfte Novigraderin freute sich jetzt schon auf das Bett in der nächsten Schänke. Gedyneith, insofern sie es nicht wieder verfehlen würden, hatte doch ein Gasthaus? Oh, hoffentlich!

“Woher kennst du sie? Es ist schräg, dass sie in Redgill war, findest du nicht?”, wollte Anna wissen und Rist horchte auf, legte die Stirn in tiefe Falten und fuhr sich gedankenvoll über das unrasierte Kinn. Er brauchte eine Weile, bis er Luft zum Antworten holte.

“...Sie arbeitete in dem Ort, aus dem ich komme. Als Botin. Man lief ihr also des Öfteren über den Weg.”, erzählte der vor sich hin murmelnde Skelliger und sah nicht her. Eher konzentrierte er sich darauf vor sich hin, vielleicht auf den Weg, zu starren.

“Und wie landete sie in Redgill? Dein Zuhause ist doch weiter weg, oder?”, hakte Anna skeptisch nach und ihr Blick klebte neugierig an Hjaldrist.

“Ja. Und keine Ahnung. Vielleicht hatte sie ihren Beruf satt oder wurde rausgeworfen?”, meinte der Schönling lasch und zuckte mit den Schultern. Es sah dabei auffällig lethargisch aus. So, als wolle er gar nicht an Svenja oder seine Heimat denken. Warum nicht? Was verschwieg er?

“Machst du dir denn keine Gedanken darüber, warum sie im Geisterdorf war? Sie kann doch keine Illusion gewesen sein. Sie hat sich auf dich bezogen und so etwas ist für Trugbilder, die für jemanden anderes geschaffen wurden, nicht üblich.”, plapperte Anna weiter. Ihre braunen Augen ließen ihren Kollegen nicht los und man sah ihr an, dass das Thema ‘Svenja’ sie ordentlich beschäftigte. Irgendetwas war mit der besagten rothaarigen Schnepfe nicht in Ordnung gewesen und diese Tatsache stank noch immer bis zum Himmel. Ja, wenn die Frau eine Illusion gewesen sein sollte, warum hatte sie dann so persönlich mit Rist gesprochen? Und sollte sie KEIN Trugbild gewesen sein… was hatte sie dann in dem verfluchten Redgill verloren? Ob sich diese Fragen denn noch irgendwie beantworten lassen würden?

 

Völlig entkräftet kamen Rist und Anna am folgenden, späten Nachmittag zwischen ein paar verlassenen, mit Unkraut überwucherten und maroden Holzhütten im Wald an. Da waren drei kleine an der Zahl, daneben eine größere. Das weitläufigste Gebäude war ringsum offen und schon von einiger Entfernung konnte man dort die langen Werktische sehen, die unter dem eingesunkenen Strohdach standen. Sie hatten breite Ablagen, waren teils schon etwas verfallen, mit alten Werkzeugen darauf, großen Sägen und Kisten, aus denen Reste von Holzplanken ragten.

“Eine Sägemühle…”, stellte Anna richtig fest, als sie Kurt inmitten der besagten Häuser zügelte, sich flüchtig umsah und sich dann langsam vom Rücken ihres braunen Tieres gleiten ließ. Hjaldrist tat es ihr gleich und nahm Apfelstrudel an den langen Zügeln, um ihn ein paar Schritte weit hinter sich her zu führen. Der Mann ließ den Blick prüfend schweifen.

Es war ruhig. Auf dem Platz lag Schnee, doch die hiesigen Häuser waren halbwegs intakt. Die Werktische der unweiten, großen Überdachung sahen trocken aus und wäre die Sägemühle nicht vollkommen verlassen gewesen, hätte es hier verhältnismäßig gemütlich angemutet. Dass der Ort aber brach lag und es so aussah, als seien seine Arbeiter schon vor Wochen gegangen, gab der Atmosphäre des Platzes im Wald einen bitteren, trügerischen Beigeschmack. Dennoch würden die beiden Vagabunden heute hierbleiben müssen, nicht? Seit Redgill hatten sie kaum gerastet und nicht geschlafen. Sie waren matt, ihre Pferde müde. Und sie waren hungrig. Anna’s armer Magen knurrte schon seit einiger Zeit fürchterlich, hing ihr quälend in den Kniekehlen, und sie fühlte sich ziemlich ausgelaugt. Sie wollte endlich ruhen und das im Trockenen. An einem Ort, an dem der Wind nicht so stark blies und an dem man vor unangenehm kalten Schneeflocken, die einem in den Kragen wollten, sicher war. Das verlassene Sägewerk war also ideal, um eine Pause einzulegen, und bestimmt sah Rist das auch so. Er sah schließlich noch abgekämpfter drein, als seine Gefährtin aus den Nördlichen Königreichen.

“Ist ja ziemlich ruhig hier…”, merkte der Inselbewohner an. Er wirkte nicht sehr besorgt und man sah dem Skelliger an, dass auch er sich immens darüber freute endlich einmal eine längere Zwischenrast einlegen zu können. Sicherlich tat ihm der Hintern vom vielen Sitzen auf dem harten Sattel auch weh. Oh ja, bei Melitele, Anna konnte ihren Steiß gerade kaum noch spüren, verdammte Kacke.

“Was hier wohl passiert ist?”, fragte sich die Kurzhaarige, die neben ihren Freund trat. Sie zog Kurt am ledernen Zaumzeug mit sich und der Wallach folgte auch brav, hinterließ Hufspuren im tauenden Schnee und haschte mit den Zähnen nach der wollenen Kapuze seiner Herrin.

“Was denkst du, Rist?”, die Frau sah zu ihrem etwa gleich großen Kollegen hin “Wir sind meilenweit um das Revier des Waldschrats Redgills herumgeritten. Ich glaube also nicht, dass er es zu verantworten hat, dass hier niemand mehr arbeitet...”.

Der anwesende Skelliger gab daraufhin nur einen zustimmenden Laut von sich. Er kannte sich zwar nicht so gut aus, wenn es um rasende, gefährliche Waldwesen ging, doch es war einleuchtend, dass ein gehörnter Schrat nicht ein ganzes, riesengroßes Waldgebiet von hunderten Meilen beherrschen konnte. Um dies noch weiter zu untermauern, fasste Anna nach ihrem Wolfsamulett, machte es sich vom beschlagenen Gürtel los und sah es eindringlich an. Es reagierte nicht, kein Bisschen. Und dieses Mal war sich die Novigraderin mehr als nur sicher, dass keine Gefahr drohte. Das kleine Sägewerk hier, im winterlichen Wald, war ein unbedenklicher Ort, solange man nicht Randale machte und die Aufmerksamkeit von nahe hausenden Ungeheuern auf sich zog. Große Insekten, Nekker oder Neblinge konnten schon mal wo vorkommen; Genauso wie gierige Banditen oder die hinterhältigen Scoia'tael. Doch solange man sich von ihnen fernhielt und sie nicht auf sich aufmerksam machte, war alles gut. Anna und ihr dunkelhaariger Gefährte würden heute keinen Ärger oder Lärm mehr machen, ganz sicher nicht. Das Einzige, das sie fabrizieren sollten, war etwas zu essen.

“...Das ist doch eines dieser Hexermedaillons, oder?”, Rist’s fragende, von der irrsinnigen Kälte etwas heisere Stimme riss Anna aus den seichten Gedanken und ihren Blick von dem ruhigen Anhänger in ihrer Hand fort. Sie sah sich nach dem Skelliger um, wirkte erst irritiert, doch dann nickte sie langsam.

“Woher hast du es, hm? Du hast gesagt, dass du keine Hexerin bist. Hast du es geklaut oder so?”, wollte der direkte Axtkämpfer drängend wissen und brachte seine konfrontierte Freundin damit zum Lachen. Sie musterte ihn belustigt.

“Nein, habe ich nicht.”, meinte sie aufrichtig und Hjaldrist sah sie abwartend und erwartungsvoll an. Seine braunen Augen wichen von ihr fort, hin zu dem Medaillon, das wie ein Wolfskopf geformt war. Da lag Interesse im Ausdruck des Skelligers und man sah ihm an, dass er mit sich haderte. Wahrscheinlich hätte er nun am liebsten impulsiv nach der wertvollen Kette gefasst, um sie an sich zu nehmen und genauer beäugen zu können. Doch er wusste nicht, ob er dürfte. Anna nahm ihm diese schwere Entscheidung also ab: Völlig locker und wie selbstverständlich gab sie ihrem Kumpel das Wolfsamulett, drückte es ihm einfach in die behandschuhte Hand und erntete dafür einen verblüfften Blick. Ja, die Kette war von großem, emotionalem Wert für sie. Doch Rist war ein Freund. Ein guter. Das hatte er schon längst bewiesen. Sie vertraute ihm und wusste, dass er sich nicht mit ihrem seltenen Medaillon aus dem Staub machen würde. Er hatte keinerlei Grund dazu.

Nur langsam riss der überraschte Mann seinen Blick von der Kriegerin fort und senkte jenen auf die silberne Kette in seiner Hand.

“Ich habe es von meinem Mentor bekommen. Balthar. Er ist sowas wie… mein Vater.”, erklärte Anna, stemmte sich die Hände in die Hüfte und sah, wie Hjaldrist das metallene Medaillon zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und es sich im Licht der späten, tief stehenden Nachmittagssonne vor die Nase hielt. Eine kalte Brise wehte ihnen um die Nase und bauschte ihre dicken Mäntel auf.

“Er ist ein Hexer der Wolfsschule. Die Kette ist ein wichtiges Andenken und ein Symbol der Zugehörigkeit zu… naja, meiner Familie im Geiste.”, meinte die Kurzhaarige und war erstaunt darüber wie zäh ihr all dies über die trockenen Lippen kam. Sie tat sich schwer damit ihrem Gegenüber zu erklären, dass sie an ihrem kleinen Wolfskopf hing. Denn diese Empfindung bedeutete weit mehr, als nur das Schätzen eines wertvollen Schmuckstücks. Dahinter verbarg sich das Gefühl, das Anna empfand, wenn sie an Zuhause und ihre Familie dachte; Das Lächeln der guten alten Zeiten und lustiger Erlebnisse wegen und auch das stechende Heimweh, das sie ab und an überkam. Jemandem anderes solche Dinge über sich zu offenbaren, wenngleich auch indirekt, war nicht so leicht. Jedenfalls nicht für die etwas verbohrte Novigraderin, die nicht so gut mit Gefühlen umzugehen wusste.

“Moment mal.”, redete Rist nun schnell dazwischen und suchte wieder skeptisch Blickkontakt. Sein Gesichtsausdruck war forschend geworden und seine dunklen Augen etwas schmal, prüfend.

“Dein Vater ist ein Hexer?”, fragte er, als glaube er, er habe sich verhört. Anna nickte und kam nicht umhin etwas betreten lächeln zu müssen. Wie immer in solchen Momenten, in denen sie einen Funken Scham empfand oder sich emotional entblößt fühlte, rieb sie sich den Nasenrücken und fing damit an sich schwer zu tun ihrem gespannten Gesprächspartner weiterhin geradeaus entgegen zu sehen. Sie mochte es nicht, wenn man sie anstarrte.

“Du hast gesagt, dass du keine Hexerin bist!”, entkam es dem verdutzten Skelliger gleich und er entlockte seiner Freundin damit ein amüsiertes Schnauben.

“Bin ich auch nicht. Man wird nicht als Mutant geboren. Außerdem ist Balthar nicht mein leiblicher Vater.”, stellte sie sogleich richtig.

“Er hat dich also adoptiert?”, fragte der kluge Hjaldrist weiter.

“Ja. Ich wuchs in Kaer Morhen auf, aber ich war immer ein gewöhnlicher Mensch. Nicht so, wie die Anderen.”

Auf diese Aussage hin runzelte der aufmerksame Krieger die Stirn. Doch dann schien er allmählich zu verstehen. Er gab Anna das gegossene Medaillon gedankenvoll zurück und sah so aus, als lägen ihm weitere Fragen auf der Zunge.

“Also kennst du diesen Geralt? In Undvik hat man sich ab und an Geschichten von ihm erzählt. Davon, dass er die Freundschaft von Dryaden erlangt und die Begegnung mit einem goldenen Drachen überlebt hat.”, Hjaldrist blinzelte erwartungsvoll, als ihm dies entkam, doch Anna musste ihn enttäuschen. Na, immerhin verstand sie jetzt woher er wusste, dass manche Hexer Anhänger trugen, die wie Wolfsköpfe aussahen. Rist hatte Geschichten über die Vatt’ghern gehört.

“Also direkt kenne ich ihn nicht, nein…”, gab die Frau zu “Ich habe ihn einmal gesehen, aber das war’s auch schon.”

“Aha.”, machte der Axtkämpfer begeistert und taxierte Anna. Sie winkte indes ab.

“Suchen wir uns eine Hütte aus und machen uns etwas zu essen?”, lenkte sie das Thema um “Wir können uns später ja weiter unterhalten, wenn du willst.”

Hjaldrist nickte auf diesen Vorschlag hin nachgiebig, denn bestimmt wurde es auch ihm allmählich kalt. Zwar kam er von den Inseln, doch das hieß nicht, dass er es aushielt permanent in der Eiseskälte zu stehen.

Also machten es sich die Reisenden bald in einem der kleinen, leerstehenden Häuser des Sägewerkgeländes gemütlich. Nun ja, so gemütlich, wie es eben ging. Sie hatten ihre Decken und wenigen Felle am dreckigen Boden des Hauses ausgelegt, im alten Kamin und mit der Hilfe von etwas Reisig und Feuerstein aus Hjaldrist’s Rucksack ein tanzendes Feuer entzündet. Ihre beiden Pferde hatten sie nebenan, im großen Werkbereich mit den Arbeitstischen abgestellt und gefüttert. Dort wären die Tiere vor der Witterung und Nässe sicher.

Hjaldrist saß im Schneidersitz auf seiner kratzigen Wolldecke, unter der ein zotteliges Schafsfell lag, und polierte mit einem fleckigen Tuch und körniger Paste den Rost von den alten Unterarmschienen, die er in Redgill gefunden hatte. Anna saß ebenso am harten Grund, vor dem Kamin, und wärmte sich die kalten Hände, streckte die Beine entspannt und wohlig seufzend aus. Das Feuer warf einen orangen Schein auf Gesichter und Umgebung und zeichnete hüpfende Schatten an die Wände der alten, spartanisch eingerichteten Hütte. Es war schön an einem wärmenden, knisternden Feuerchen zu rasten, dabei etwas zu essen und angenehme Gesellschaft zu haben. Aus dem Augenwinkel linste die kurzhaarige Frau aus dem Norden zu ihrem Begleiter hin, der konzentriert an den Stahlarmschienen herum schrubbte. Er hatte eine Dose voll mit einer weißlichen Polierpaste, die markant nach Fett und Kalk roch, ein kleines Fläschchen Waffenöl von Anna und ein schlecht geschliffenes Messer vor sich stehen. Anders als Poliertuch, Öl und Paste hatte Rist dieses abgegriffene Brotmesserchen dazu benutzt in der Bratpfanne herum zu rühren, die da zwischen ihnen beiden am Boden stand. Sie hatten all ihre wenigen Reste an Proviant darin zusammen gematscht und über dem Kaminfeuer gebraten. Das, was dabei herausgekommen war, erinnerte stark an verunglücktes Bauernomelette aus Redanien oder ekligen Scheiterhaufenauflauf aus derselben Region. Es war ein Mischmasch aus Brot, Trockenfleisch, Hartwurst, Gemüse und alter Butter. Ohne Eier, die man auf langen Reisen sehr schlecht transportieren konnte, war das Ganze zwar nicht sonderlich schmackhaft, doch gut genug, um sich die ausgehungerten, grollenden Bäuche zu füllen.

“Wie sind deine Eltern eigentlich so?”, Anna brach mit dieser persönlichen Frage die gemütliche, faule Stille in der Hütte, die sich dank des rußigen Kamins langsam aber sicher aufheizte. Hier und da pfiff zwar der kalte Wind durch Lücken und Spalten in der genagelten Wand, doch das war hier wahrhaftig kein Problem. Nicht nach den vergangenen, eisigen Nächten im verschneiten Redgill. Man konnte meinen, der Aufenthalt im hiesigen Haus sei im Vergleich der größte Luxus.

Hjaldrist hielt mit dem Polieren seiner unlängst erlangten Rüstungsteile inne und hob den Kopf. Fragend sah er zu seiner neugierigen Freundin hin, die das frühere Thema bezüglich ihrer Herkunft wieder aufgegriffen hatte.

“Ich habe dir von Balthar erzählt. Du könntest ja auch mal etwas aus dem Nähkästchen plaudern.”, forderte die Novigraderin und lächelte verschmitzt. Tatsächlich war sie sehr interessiert, wollte endlich mehr über ihren zähen Begleiter wissen. Denn er hatte bisher noch nicht viel von sich erzählt. Anna wusste so gut wie gar nichts von ihm und das war bedenklich.

“Hm.”, machte der Mann bloß, schien angestrengt nachzudenken und zog die Augenbrauen dabei etwas zusammen.

“Sie sind ziemlich gewöhnlich, würde ich sagen.”, meinte Hjaldrist jetzt schlicht und Anna gaffte weiterhin abwartend. ‘Gewöhnlich’ reichte ihr nicht, sie wollte mehr erfahren.

“Ja, normale Bürger Undviks. Nicht reich, nicht arm. Mein Vater… hat da ein kleines Geschäft und Mutter hilft ihm dabei. Mein Bruder will es einmal übernehmen.”, erzählte der Skelliger und wich Anna’s Blick aus. Er machte sich wieder ganz leger daran an einer der stählernen Armschienen herum zu putzen. Bald wäre sie blitzblank und würde aussehen, wie neu.

“Welches Geschäft denn?”, hakte die anwesende Kriegerin nach. Ihre Miene hatte sich erhellt und sie freute sich darüber, dass Hjaldrist einmal ein klein wenig über sich offenbarte. Sonst war er dahingehend ja immer etwas wortkarg und abweisend gewesen.

“Mh...”, brummte der geschäftige Rüstungspolierer und zögerte. Erschien es Anna nur so oder wusste Hjaldrist gerade nicht, was er sagen sollte? Wieso? Er hatte doch wohl nicht vergessen welchen Laden sein eigener Vater leitete? Sie beugte sich leicht vor, um den Mann eindringlich anzustarren.

“Kleidung und so.”, sagte Rist dann doch noch ganz frei heraus. Das leise Klappern der Armschiene in seinen Händen, die voll waren mit krümeliger Poliercreme, begleitete seine Stimme. Leicht hob er das Rüstungsteil vor sich, betrachtete es prüfend und legte es dann fort, um nach dem zweiten zu klauben.

Klamotten also? Anna betrachtete den ruhigen Mann neben sich und nickte dabei kaum merkbar in ihrem stummen Verständnis. Dass die Familie ihres Freundes mit Kleidung handelte, erklärte jetzt auch, weswegen Hjaldrist solch eine gute Ausrüstung besaß, wenn es um seine grüne, bestickte Tunika und seinen gefütterten Mantel ging. Er hatte das Zeug also nicht gewonnen, gestohlen oder dergleichen, sondern es einfach von zuhause mitgenommen. Wahrscheinlich nähte seine Mutter aus all den teuren Stoffen, die der Vater anbot, hübsche Sachen für die ganze Familie. Eine nette Vorstellung!

 

Die beiden Abenteurer saßen noch eine lange Weile da ohne viel mehr Worte zu wechseln. Hjaldrist putzte weiter an seiner neuen Errungenschaft aus Redgill herum und Anna hatte damit angefangen ein Loch in ihrer gestreiften Jacke zu stopfen. Etwas gebeugt saß sie da und stach Nadel und Faden durch den groben Stoff, der von den Dornenbüschen nahe des Waldschratreviers etwas mitgenommen worden war. Dies eher schlecht als recht, denn so wirklich gut nähen konnte Anna nicht. Sie schaffte es zwar kleinere Löcher zu reparieren oder Flicken aufzunähen, aber dabei beließ sie es dann auch schon. Ihr einziger Versuch ein Kissen zu nähen war nun schon Jahre her und war gewaltig in die Hose gegangen. Seither kaufte sie sich ihre Dinge lieber als sie selbst zu schneidern.

“Hier.”, der Skelliger im kleinen Raum haschte mit dieser knappen Aussage und einer ganz deutlichen Aufforderung im Ton nach der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner stillen Kollegin. Anna blickte auf, stach sich dabei fast in den Finger. Fragend sah sie zu Rist hin, ehe sie bemerkte, dass er ihr etwas hinhielt. Ihre braunen Augen fielen auf eine der Armschienen, an denen der Krieger die letzte Zeit über so akribisch und penibel herumgeschruppt hatte. Seine Finger waren dabei etwas dreckig geworden, die genieteten Metallteile dafür sauber. Und nun bot der Käferschubser seiner Begleiterin aus dem Ausland eine der Schienen an. Es war die linke und sie sah aus, als habe man sie erst kürzlich beim Schmied abgeholt.

“Hmm?”, machte die konfrontierte Novigraderin ein wenig verwirrt und sah unsicher auf. Sie sah, wie Hjaldrist sie vielsagend anlächelte.

“Wir teilen uns die Beute. Du kriegst eine Armschiene, ich nehme die andere.”, erklärte sich der einfallsreiche Mann und Anna verstand endlich: Der Skelliger gab ihr hier gerade eines der Rüstungsteile. Es sollte ein Geschenk sein, nicht wahr? Jedenfalls fühlte es sich so an. Hatte er das von vornherein geplant gehabt? Ein wenig verdutzt nahm Anna das frisch polierte Teil aus Metall entgegen, hielt es in beiden Händen und sah es sprachlos an. Ihr Gefährte lachte über diese unbeholfene Reaktion leise in sich hinein.

“Das… ist jetzt fast ein bisschen, äh, kitschig...”, stellte die überforderte Frau räuspernd fest, doch konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren.

“Kitschig? Andere Leute haben olle Freundschaftsbändchen! Armschienen sind dagegen doch verdammt männlich.”, witzelte Rist und nun lachte auch die Trankmischerin erheitert auf. Sie nickte entschlossen, den blank gescheuerten und geölten Stahl noch immer in den Händen.

“Da hast du wohl recht.”, pflichtete sie bei bevor sie innehielt, einen Herzschlag lange überlegte und sich dann ehrlich und froh bei ihrem Gefährten bedankte. Bisher hatte ihr, abgesehen von Balthar, noch nie jemand irgendetwas geschenkt. Hjaldrist nickte lächelnd und wendete sich wieder seinem Kram zu. Seine Freundin schwieg und betrachtete ihre neue Armpanzerung froh.

“Rist? Meinst du, den Arbeitern hier war das Sägewerk einfach zu abgelegen? Ich meine… mehr als Pampa geht ja wohl nicht.”, meinte Anna, nach einiger Weile. Ihr Geschenk von Hjaldrist lag neben ihr, während sie das unappetitliche Abendessen in der alten Bratpfanne am Grund vor sich umrührte. Sie stocherte etwas mit dem Messer darin herum, pickte sich ein Stück Wurst auf das stumpfe Werkzeug und steckte sich den Happen in den Mund. Sie und Hjaldrist saßen noch immer vor dem prasselnden Kamin und recht bald würde sich einer von ihnen für ein paar lang ersehnte Stunden schlafen legen. Wer, das würden sie noch mit einer Runde Schere-Stein-Papier entscheiden. Und der Andere, der würde solange Wache halten müssen. Denn leider war der verlassene Ort im Wald nicht so sicher, dass man sich getrost hinlegen und dabei erwarten könnte, dass nichts geschah. Die Gefahr konnte überall lauern; gerade heutzutage und an Plätzen, wo keine Stadtwache herum marschierte und dabei schiefe Lieder summte.

“Hm. Vielleicht gehörte das Werk ja zu Redgill. Die Bewohner des Dorfes starben allesamt… da würde es mich nicht wundern, dass der Platz hier nun so einsam im Wald liegt.”, antwortete Hjaldrist schulterzuckend. Er lungerte auf seinem Platz herum und hatte sich die schmutzigen Hände, die er sich beim Polieren der Armschienen eingesaut hatte, längst wieder sauber gewischt. Nun lag er bloß noch da und sah dem Feuer im maroden Kamin dabei zu, wie es an knackendem Holz und aufgeheizten Steinen leckte. Die müden Abenteurer hatten hier nicht mehr viel Brennbares gefunden, nur ein paar trockene Scheite und dürre Äste. Aber das machte nichts. Sie beide würden morgen so und so früh aufbrechen und die eine Nacht in der Sägewerkshütte sollten sie auch noch gut überstehen.

“Also ich finde, dass die Häuser in Redgill viel älter und kaputter aussahen, als die hier.”, warf die Novigraderin kritisch ein und streifte sich die braune Decke, die sie sich um die Schultern gewickelt hatte, vom Körper. Mittlerweile war es halbwegs warm im Zimmer. Sie brauchte keine extra Stofflagen aus Schurwolle mehr, um sich warm zu halten.

“Meinst du? Hm.”, machte Rist lau. Er war offensichtlich nicht erpicht darauf zu viel zu sinnieren oder über irgendwelche Verschwörungen oder vergangene Angriffe nachzudenken. Klar. Er war erschöpft und sah ganz schön zerstört drein. Vielleicht sollte er als erstes schlafen. Anna sah flüchtig zu dem Mann hin, der es sich auf seinem Fleck aus alten Decken und einem zotteligen Fell bequem gemacht hatte. Seine Rüstungsteile, die beim Liegen nur unangenehm gegen den Körper gedrückt hätten, hatte er abgelegt. Sie ruhten gut sortiert neben seinem gefüllten Rucksack und den Waffen herum. Die geschwungene Klinge der skellischen Axt spiegelte das Kaminfeuer ganz vage wider.

Anna wollte gerade weitersprechen, als sie am kleinen Fenster der Hütte eine Bewegung wahrnahm. Nur aus dem Augenwinkel sah sie es, aber nachdem auch Hjaldrist zusammenzuckte und sich sofort angespannt hinsetzte, wusste sie, dass es keine Einbildung gewesen sein konnte. Irgendetwas war dort draußen. Es war vor dem Fenster vorbei gehuscht. Da waren zwei Augen gewesen, die den Feuerschein in der Hütte reflektiert hatten. Augen, die größer gewesen waren, als die eines kleinen Tieres, wie einer Wildkatze, einem Wolf oder dergleichen.

“Hast du das gesehen?”, fragte der anwesende Skelliger sofort und seine Worte überschlugen sich dabei. Er war sofort wieder hellwach und an Schlaf war nicht mehr zu denken.

“Ja.”, atmete Anna gleich und zögerte nicht damit sich zu erheben. Den Blick auf das Fenster gerichtet, das die Sicht auf die schwarze Nacht freigab, stand die Frau auf und fasste an den Griff des teuren Silberdolches an ihrem breiten Gürtel.

“Anna?”, fragte Rist skeptisch und alarmiert “Was hast du vor?”.

“Nachsehen.”, sagte die Kurzhaarige mit gesenkter Stimme. Sie flüsterte nicht, doch wirkte äußerst vorsichtig.

“Was?”, nun machte sich auch der skellische Krieger daran sich auf die Beine zu hieven. Er klopfte sich den Dreck vom Rock und kam umgehend zu seiner Freundin.

“Du willst da raus? Jetzt?”, wollte er kritisch wissen.

“Wenn irgendetwas um das Haus schleicht und weiß, dass wir da sind, dann sollten wir nachsehen was oder wer es ist, solange wir alle beide noch wach sind, oder nicht?”, Anna warf ihrem planlosen Kumpel einen erwartungsvollen Blick zu. Eine stumme Herausforderung lag in ihrem Ausdruck. Rist verzog den Mundwinkel unzufrieden, doch nickte dann. Er würde Anna folgen, denn sonderlich ermattet sah er NUN nicht mehr aus. Also machte er sich kaum eine Sekunde später daran seine Waffe vom Holzboden aufzuheben. Die Hexerstochter wartete auf ihn, dann traten sie zusammen nach draußen. Und hier, vor dem Haus, war es dunkel verdammt. Hätte Rist seine kleine Öllampe kürzlich nicht an dem rasenden Waldschrat zerschlagen, um jenen in Flammen zu stecken, hätten sie die Umgebung etwas ausleuchten können. So gingen die zwei Abenteurer aber ohne Laterne oder jegliches tragbare Licht um die Sägewerkshütte herum. Sie taten dies vorsichtig und lauschend, suchend und auf leisen Sohlen. Anna hielt sich nah an dem nervösen Rist, der mit gezogener Axt voran ging, ließ den Blick schweifen und hielt die Ohren aufgeregt gespitzt. Und tatsächlich: Da waren ganz offensichtliche Spuren im Schnee. Sie sahen aus, wie die von Kinderschuhen. Wie Stiefelabdrücke eines vielleicht Zehnjährigen. Die glimmenden Augen, die die Frau vorhin aber vor dem Hüttenfenster gesehen hatte, waren nicht menschlich gewesen. Ja, die Pupillen von Menschen leuchteten im Feuerschein nicht so wie die, von Katzen, Elfen oder anderen Wesen mit Nachtsicht. Womit hatten sie es hier also zu tun? Mit einem Nekker, der Schuhe trug? Anna hatte schon von solch kleinen Monstern gehört, die so etwas taten. Es wäre nichts Neues.

“Keine Angst!”, eine Stimme, die definitiv nicht Hjaldrist gehörte, drang an Anna’s Ohren. Sie klang viel heller und kam von hinten, was die aufgerüttelte Frau dazu brachte zusammen zu zucken und sofort kampfbereit herumzufahren. Ihre Augen richteten sich sogleich auf eine kleine, dunkle Gestalt, die da an der Hausecke stand, die die Reisenden soeben erst passiert hatten. War ihnen dieses sprechende Ding etwa gefolgt?

Auch der Skelliger hatte sich längst umgedreht und die Axt kampfbereit erhoben. Vorsichtshalber. Nicht jedes Wesen, das man traf, war feindselig, doch man wusste ja nie.

“Ich wollte euch keine Angst machen! Ich habe gedacht, Gunnar ist zurück.”, sprach die fremde Kinderstimme, doch irgendetwas sagte der Hexerstochter, dass sie es hier NICHT mit einem kleinen Menschen zu tun hatten. Der nächtliche Schatten war nicht hoch und reichte der Frau allerhöchstens bis zum Bauchnabel. Abwartend stand sie da, voller Argwohn und dazu bereit anzugreifen, wenn sie denn müsste. Rist trat zögerlich neben sie.

“Wer bist du?”, fragte der dunkelhaarige Mann verstimmt “Warum schleichst du um die Hütte herum?”

Auf diese drängenden Fragen hin kam der fremde Gestiefelte etwas näher. Der teils angefrorene Schnee knirschte unter seinen flachen Sohlen. Nur langsam kam er her, erhob die bloßen Hände abwehrend, und als er kaum mehr zwei, drei Meter von Anna entfernt in der Neumondnacht stand, stutzte die Kriegerin heftig.

“Ich bin Lin.”, entkam es der Gestalt mit den halblangen Haaren und den großen Augen. Es war zwar finster, doch man konnte erkennen, dass deren Haut ein paar Nuancen dunkler war, als die eines Menschen und ihre lumpige Kleidung sah eigenartig aus. Das Wesen erinnerte von der schmalen, zierlichen Statur her sehr stark an einen kleinen Jungen.

“Wie, ‘Lin’?”, wollte Hjaldrist misstrauisch wissen und senkte die Axt kein Stück weit. Anna aber, die dachte bereits daran den langen Silberdolch wieder fort zu stecken. Denn eine vage Ahnung ereilte sie, die ihr verriet, dass sie ihre scharfe Klinge nicht bräuchte.

“Mein Name ist Lin.”, meinte das Wesen in der zu großen Weste und den fellgefütterten Kinderschuhen überraschend gesittet. Es mochte zwar klein sein, doch vom Reden her wirkte es verdammt reif und alt. Wahrscheinlich war es das auch. Oh, bei Melitele...

“Ich habe hier gewohnt, aber als die Leute gingen, bin ich in den Wald zurück. Es hat hier keinen Spaß mehr gemacht ohne sie.”, erläuterte Lin und der irritierte Hjaldrist brummte irgendetwas in seinem harten Akzent, der der Alten Sprache ähnlich war.

“Ein Göttling.”, meinte Anna nun auf einmal, als wolle sie damit die prekäre Situation entschärfen. Ihr Ton war genauso überrascht, wie überwältigt und passte zu ihrem verrutschten Gesichtsausdruck. Dabei war ihre Feststellung auch teils eine Frage. Denn so sicher war sie sich noch nicht. Göttlinge waren alte Wesen und Waldgeistern gleich. Sie lebten in modrigen Sümpfen oder in Forsten, zwischen tiefen Steinhöhlen und bemoosten Baumstümpfen, oft nahe der Zivilisation. Diese kleinen Leute mochten lockere Gesellschaft, seichten Humor und zeigten sich deswegen besonders Kindern gern. Sie waren im Grunde harmlos und taten einem ab und an sogar kleine Gefallen im Austausch für Essen oder Spiele. Göttlinge liebten simplen Schabernack, doch waren, wenn es um solche Späße ging, zu naiv, um bewusst wirklichen Schaden anzurichten. Jedenfalls stand es so in den Büchern. Zudem… zudem waren sie sehr selten und einem von ihnen zu begegnen glich daher einem Wunder. Anna wusste also nicht, was sie jetzt tun oder sagen sollte.

“Ein Göttling? Was ist das?”, Hjaldrist sah von der Seite aus eilig zu seiner wissenden Freundin hin, ohne Lin wirklich aus den schmalen Augen zu lassen. Argwohn lag noch immer in seinem Blick und er forderte eine Erklärung.

“So etwas wie, ähm… ein guter Waldgeist. Er ist also harmlos, nimm die Axt runter.”, murmelte Anna ihrem angespannten Kollegen zu und jener folgte dieser Aufforderung nur widerwillig zögernd.

“Aha…”, machte der Mann aus Undvik langsam und sah zu dem ‘Jungen’ zurück, der abwartend vor ihnen stand. Neugierig betrachtete jener die Menschen, fummelte sich dabei unruhig am zerschlissenen Hemdsaum herum.

“Ich habe gesehen, wie ihr gegen den wütenden Waldschrat gekämpft habt. Das war tapfer.”, sagte Lin und Anna blinzelte perplex. Moment mal! War ihnen der Kleine hier etwa die ganze Zeit über gefolgt? Weswegen?

“Er hat die Leute in Redgill getötet, aber ihr seid ihm entkommen. Ich hatte Angst, dass er auch euch zerreißt.”, meinte der Göttling mit hoher Stimme und sah zu den ziemlich Sprachlosen auf. Er näherte sich weiter, schien seine Scheu allmählich zu verlieren.

“...Du bist uns hinterhergelaufen?”, fragte Anna erst nach einer halben Ewigkeit des wirren Schweigens. Hjaldrist hatte seine Stimme bis jetzt noch nicht wiedergefunden. Der ungläubige Skelliger war zu beschäftigt damit das sonderbare Wesen in der Düsternis anzustarren und zu versuchen sich eine Meinung darüber zu bilden.

“Ja und nein. Ich habe euch beobachtet, als ihr zur Lichtung des Schrats gekommen seid. Und wie ihr Lena die Katze zurückgebracht habt.”, gab Lin aufrichtig zu. Warum sollte er auch lügen?

“Warum hast du das getan?”, wollte die Nordländerin mit dem Silberdolch wissen.

“Mir war langweilig.”, erklärte der Göttling schlicht und man hörte, wie Hjaldrist einen leisen, wenig begeisterten Laut von sich gab. Der Kleine mit der großen Weste verschränkte die Arme hinter dem Rücken und lächelte breit, sah die beiden Fremden ohne jegliche Feindseligkeit im Blick und aus seinen großen Augen an. Etwas passiv stand er im Schnee und mutete an, als wolle er gar nicht mehr gehen. Ungeduldig wippte er auf seinen Füßen vor und zurück. Offenbar sah er die zwei Reisenden als einen guten Zeitvertreib oder eine angenehme Gesellschaft an. Göttlinge waren eben so. Im Grunde sahen sie nicht nur aus wie Menschenkinder, sondern hatten auch ähnliche Anforderungen, wenn es um Unterhaltung und Kurzweil ging.

“Ähm.”, fiel Anna dazu nurmehr ein. Und jetzt? Sie könnte doch schlecht einen höchst seltenen Waldgeist abwimmeln, ihn verscheuchen, wie ein lästiges Tier und ihm sagen, dass er damit aufhören sollte in der Gegend herum zu schleichen, wie ein Einbrecher. Gleichzeitig war auch ihr Interesse an dem übernatürlichen Wesen geweckt worden. Schließlich traf man jemanden wie Lin nicht alle Tage. Darum überlegte sie kurz und ließ die braunen Augen nachdenklich wandern. Nach wenigen Atemzügen setzte sie zu einer Frage an.

“Willst du vielleicht mit rein kommen?”, wollte sie wissen. Anna spürte, wie Rist sie auf dies hin eindringlich anstarrte: Mit einem stummen ‘Spinnst du?’ im Blick, doch er sagte kein Wort. Die Novigraderin räusperte sich leise.

 

“Die Leute sind gegangen, weil andere Menschen sie verscheucht haben.”, erzählte Lin, als er das bereits kalt gewordene Abendessen seiner beiden neuen Bekannten penibel betrachtete. Er klaubte vorsichtig nach einem Stück aufgeweichten Brotes, das inmitten des gebratenen, fettigen Gerichtes schwamm, und sah zu Anna und Rist hin, die ihm gegenüber am Boden saßen. Erwartungsvoll warteten die beiden Abenteurer eine weiterführende Erklärung ab. Die anwesende Frau schien sich mittlerweile keinerlei Gedanken mehr darum zu machen, dass der Göttling im Haus eventuell gefährlich werden könnte. Sie baute absolut auf die Theorien aus ihren dicken Büchern, die Gestalten wie Lin als friedvoll bezeichneten. Hjaldrist’s Miene war aber noch nicht ganz so entspannt. Immer wieder taxierten seine forschenden Augen den kleingewachsenen Waldgeist, der gerade die wenigen Reste aufaß, die da in der alten Bratpfanne vor sich hin gammelten. Der Skelliger schien noch nicht so ganz zu verstehen, dass es zwischen allen Monstern und Ungeheuern auch Wesen gab, die nicht feindselig oder aggressiv waren.

“Andere Leute haben sie vertrieben?”, fragte Anna neugierig nach und rückte etwas näher. Lin’s Haut sah im warmen Licht des flackernden Kaminfeuers bläulich aus und seine großen Augen trugen die Farbe von Eiskristallen. Es war ein ganz helles Blau, fast weiß, unnatürlich und auf eine etwas schräge Art und Weise faszinierend. Die dunklen Haare hingen dem Göttling lose über die Schultern und seine etwas wild durcheinander gewürfelte Kleidung hatte er wohl aus den leerstehenden Häusern der umliegenden Werksgegend entwendet. Die, die von hier fortgegangen waren, brauchten jene schließlich nicht mehr. Im Großen und Ganzen sah Lin also aus, wie ein recht schräg und unordentlich gekleidetes Kind. Also ganz abgesehen von seiner Haut und den fremdartigen Augen im sehr weise wirkenden Gesicht.

“Ja. Die Druiden von Gedyneith. Sie mögen es nicht, wenn zu viele Bäume getötet werden… darum haben sie darauf bestanden, dass Gunnar und die Anderen gehen. Und weil sie über den uralten Waldschrat Bescheid wissen, der in der Nähe lebt. Man darf ihn nicht stören. Er mag Feuer und Holzfäller nicht.”, meinte der kluge Göttling, der sich einen ölig triefenden Happen Wurst in den Mund steckte und sich daraufhin das Fett von den bekleckerten Fingern leckte. Es war ziemlich seltsam ein Geschöpf wie Lin essen zu sehen und das auch noch auf solch ungeschickt anmutende Art. Nie hatte sich Anna Gedanken darüber gemacht, dass Waldwächter, wie dieser vermeintliche Junge hier, normale Lebensmittel - oder eher: zusammengemischten Schlampf aus Proviantresten, der noch nicht einmal besonders gut schmeckte - zu sich nahmen. Aber wie auch immer. Die Kämpferin horchte auf, als Lin Gedyneith und die eigenbrötlerischen Druiden erwähnte. Ihr Gesichtsausdruck lichtete sich, doch bevor sie etwas fragen konnte, kam ihr Rist dazwischen. Bisher hatte er eisern geschwiegen und beobachtet.

“Wer ist Gunnar?”, wollte der Undviker, der da neben seiner Freundin auf einem verfilzten Schafsfell saß, zweiflerisch wissen. Er lungerte im Schneidersitz herum, die Hände auf den Knien und abwartend vorgebeugt. Es war, als warte er nur darauf, dass Lin irgendetwas anstellte oder bösartig wurde. Der Mann traute dem Göttling kein Stück.

“Gunnar war der Anführer der Leute und mein Freund.”, erklärte das Ungeheuer, das mit dem Essen innehielt, kurz überlegte, sich noch einen kleinen Bissen gönnte, doch dann davon abließ noch mehr des verunglückten Omeletts zu sich zu nehmen. War wohl besser so. Brav und ruhig blieb Lin sitzen, am blanken, harten Boden. Es schien ihn keineswegs zu stören.

“Er war der Aufseher des Sägewerkes?”, resümierte Hjaldrist fragend und sah aus, als habe er sich eigentlich eine spannendere Geschichte erwartet. Eine aufregendere, als eine, in denen ein paar Holzfäller von baumknutschenden, zeternden Druiden fortgejagt wurden, damit sie den Wald nicht noch mehr rodeten.

“Ja, er war der Anführer.”, nickte Lin. Und nun kam Anna wieder dazwischen:

“Weißt du, wo die Druiden sind?”, wollte sie schnell wissen und schaffte es nicht so ganz ihre Aufregung zu verbergen. Sie war etwas nervös geworden, kaute sich auf den ohnehin schon kurzen Fingernägeln herum.

“Ja.”, versicherte der Göttling “Warum?”.

“Ich möchte mit ihnen über wichtige Dinge sprechen.”, erklärte die Hexerstochter gleich und musste erleichtert lächeln. Denn der Kleine hier hatte gerade tatsächlich und wie selbstverständlich erwähnt, dass er die zurückgezogenen Druiden kannte, die die Novigraderin nun schon seit Tagen zu finden versuchte.

“Mhm.”, machte Lin jetzt unbeschwert und fragte nicht weiter nach. Ihm schien es vorerst als Antwort zu genügen, dass Anna die Mistelschneider sprechen wollte.

“Manche von ihnen reden nicht. Ich weiß nicht wieso. Vielleicht sind sie stumm.”, entkam es dem offenherzigen Göttling noch und daraufhin war es Rist, der die angesprochene Angelegenheit und das Mysterium um die schweigenden Naturmänner erklärte.

“Weil sie ein Schweigegelübde abgelegt haben. Für manche Druiden ist das so üblich.”, sagte der Skelliger belehrend. Anna sah überrascht zu ihm hin und ihre Brauen wanderten in die Höhe. Sie hatte nicht erwartet, dass ihr kriegerischer Kumpel so gut über die traditionellen Gebräuche der hiesigen Druiden Bescheid wusste. Aber nun gut… er war schließlich auf dem Inselarchipel aufgewachsen. Vermutlich lernte man hier schon früh viel über die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen. Und die Druiden waren von Skellige nicht fort zu denken. Sie gehörten schließlich zur alten Kultur der Inseln und begründeten gar Säulen eines Naturglaubens mit. Womöglich konnte man sie ja sogar mit Priesterinnen oder Schamanen anderer Völker vergleichen.

“Schweigegelübde?”, hakte Lin neugierig nach und legte den Kopf mit den schwarzen Haaren schräg.

“Sie legen einen Eid ab, der besagt, dass sie für eine gewisse Zeit lang nicht sprechen dürfen. Eine ziemlich lange Zeit sogar.”, erklärte Hjaldrist besserwisserisch und setzte sich endlich etwas gelassener hin. Er nahm die Hände von den Knien, entspannte das Kreuz merklich und allmählich schien sich auch die etwas ungute Atmosphäre zwischen ihm und dem Göttling im Feuerschein zu lichten. Denn er merkte, dass man sich ganz normal mit diesem unterhalten konnte.

“Aha. Verstehe.”, meinte Lin nur.

“Da musst du dir also einen Druiden suchen, der reden darf, Anna.”, fügte er nurmehr überflüssigerweise, doch wohlwollend, hinzu. Und die Novigraderin wunderte sich nicht darüber, dass das bläuliche Wesen wusste, wie sie hieß. Schließlich war es ihr und Rist ja eine Zeit lang gefolgt. Sicherlich hatte es sie dabei auch belauscht.

“Genau.”, machte die burschikose Frau zustimmend nickend. Dann setzte sie zu einer weiteren, drängenden Frage an. Sie haderte etwas, überlegte und klaubte nach Worten, doch holte schlussendlich Luft, um den Göttling vor sich wieder anzusprechen.

“Könntest du uns denn zeigen, wo die Druiden sind, Lin?”, wollte sie wissen und hoffte inständig darauf, dass der Angesprochene zustimmen würde. Dieses Mal starrte Rist sie zum Glück auch nicht mehr so an, als sei sie eine Wahnsinnige. Noch immer sah er zwar etwas zweifelnd drein, doch auch er hatte sicherlich wenig Lust darauf sich wieder zu verlaufen. Und der Gedanke daran von einem ortskundigen Waldbewohner, der sich bisher als sehr freundlich erwiesen hatte, nach Gedyneith geführt zu werden, erschien großartig. Oder nicht?

“Ja, das kann ich. Sie sind nicht so weit weg.”, stimmte der hilfsbereite Lin sofort zu. Normalerweise, da banden sich Göttlinge an einen Ort oder an eine Gruppe von Menschen. So stand es jedenfalls in den Bestiarien. Wenn die besagten Orte jedoch zerstört wurden oder sich die Bezugsmenschen zu sehr veränderten, ging der kleine Waldgeist und suchte sich eine neue Bleibe. Dies war wohl der Grund, weswegen Lin sich dazu bereit erklärte zu helfen. Wäre die hiesige Sägemühle noch intakt und deren Arbeiter noch hier gewesen, hätte er sich Rist und Anna niemals gezeigt. Er hätte schlicht keinen Grund dafür gehabt. Vielleicht suchte er nach der Abreise der Sägewerksarbeiter ja sogar nach einem neuen Ziel oder Lebenszweck?

“Wirklich?”, entkam es Anna nun erfreut und ein breites, erfreutes Lächeln spannte sich über ihre Züge. Sie schlug die Handflächen dabei einmal freudig aufeinander. Wieder nickte das eigenartige Wesen und gab sich, als sei es selbstverständlich oder keine große Sache, dass es den Reiseführer mimen würde. Lin ließ den Blick von der Kurzhaarigen vor sich zu deren Begleiter schweifen und machte sich dann wieder daran noch etwas von dem zu essen, das die besagten Abenteurer heute ‘gekocht’ hatten.

 

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