Kapitel 70

Der weg gen osten

Mit einem leisen, gequälten Stöhnen auf den Lippen blinzelte Hjaldrist und hob sich sofort eine Hand vor die Augen. Bei Hemdall’s Axt, es war viel zu hell…

Sich schwerfällig zur Seite drehend, zog der Mann seine beiden alten Felldecken enger um sich und verschwand bis zur Nasenspitze unter ihnen. Er hatte einen ekelhaft schalen Geschmack im Mund und seine Zunge klebte ihm staubtrocken am Gaumen. Am liebsten hätte er gerade einen Eimer voll Wasser ausgetrunken, doch die Müdigkeit, die ihm noch zäh in den Gliedern steckte, war stärker als der Durst. Also blieb der gequälte Skelliger einfach liegen und versuchte seinem brummenden Schädel damit Herr zu werden nicht der hellen Zeltplane entgegen zu sehen, auf die die Sonne knallte. Es musste kurz vor Mittag sein, so plagend strahlte sie die Plane über dem Kopf des Undvikers. Aus halb geöffneten Augen sah Hjaldrist vor sich hin und lugte über den zotteligen Deckenrand hinweg beiläufig zu seiner Kumpanin. Sie hatte es in der letzten Nacht nicht mehr so ganz auf ihren weichen Schlafplatz geschafft, der direkt gegenüberlag, so schien es. Der Axtkämpfer im Bunde hatte dies gar nicht realisiert, da er ähnlich sturzbetrunken gewesen war, wie sie. Hätte er aber bemerkt, dass sich die taumelige Frau einfach quer in das Zelt geworfen hatte, anstatt unter ihre wärmenden Decken zu kriechen, hätte er ihr geholfen. Nachdem er sie ausgelacht hatte, verstand sich. So war er halt.

Also sah der eingemummte Dunkelhaarige Anna dabei zu, wie sie leicht verdreht und nur mit dem Oberkörper auf ihren paar Fellen lag. Dies rücklings und mit einem grünen Stoffhut im Gesicht, den sie sich gestern von irgendjemandem in der Taverne ‘ausgeliehen’ hatte. Ihre Beine, an denen noch die fürchterlich dreckigen Stiefel steckten, lagen irgendwo auf einem Rucksack und einem Knäuel aus Dreckwäsche. Wäre Hjaldrist wach genug gewesen, hätte er die Brauen nun langsam gehoben und amüsiert geprustet. Doch er tat es nicht und gab sich einfach weiter dem beißenden Gefühl hin eventuell noch an der unglücklichen Kombination aus pochenden Kopfschmerzen und drängendem Durst vergehen zu müssen. Oh, wie er es hasste nach einem zu langen Abend verkatert zu sein! Auf Skellige gab es wenigstens eingelegte Sauerfische, die man in solch einem Fall aß und die einem schnell wieder auf die Beine halfen. Oder Heringsmarmelade. Hjaldrist’s Vater hatte immer donnernd gelacht und gemeint, dies wäre so, weil in den Fischen Salz aus dem Meer stecke und jenes wirke in vielerlei Hinsicht Wunder. Salz sei generell das Beste; für und gegen alles. Dann hatte er Haldorn - denn sein älterer Sohn Hjaldrist hatte sich nie zu sehr betrunken - den Rücken geklopft und ihm ein Bier hingestellt. Denn, man mochte es nicht glauben: Neben Salzfischen oder verkochten Heringen sei auch ein Bier am Morgen nach einer Saufeskapade großartig. Haldorn hatte dies stöhnend nickend bestätigt und den Alkohol zum Frühstück als ‘Reparier-Bier’ betitelt. Hjaldrist hatte in solchen Momenten immer nur den Kopf geschüttelt und die Augen grinsend verdreht. Er hatte seinen jüngeren Bruder einfach nicht verstanden. Doch gerade, da hätte er alles für eingelegte Fische, Adlet’s Marmelade und ein kleines Bier gegeben, in der Hoffnung, dass solch ein gewöhnungsbedürftiges Frühstück helfe. Nun, da er an Anna’s farbloses Pulver dachte, das sie sich immer gediegen in den Tee rührte, wenn sie einen Kater hatte, erschien mehr des grausigen Alkohols nämlich nahezu verlockend. Das Zeug der burschikosen Alchemistin roch nämlich unangenehm und schmeckte noch widerlicher. Es half zwar, ja, aber das war es auch schon. Eher hätte sich Hjaldrist gerade ein abgestandenes Bier in den Rachen gekippt.

Noch immer hingen die müden Augen des Skelligers etwas abwesend auf der kurzhaarigen Frau, die in voller Montur quer im gemeinsamen Zelt schlief. Und als sich der Mann dabei an die vergangene Nacht erinnerte, musste er matt lächeln. Sie beide hatten zu viel getrunken, ja, und Hjaldrist fühlte sich elend. Aber es war es auch absolut wert gewesen. Denn er hatte seine verkorkste Freundin zum ersten Mal dazu gebracht zu tanzen. Es hatte Spaß gemacht nach Wochen einmal wieder einfach nur grundlos zu feiern, zu singen und den Dörflern beim Würfelspiel das ganze Geld abzunehmen. Sie waren richtig ausgelassen gewesen, hatten sich wohl gefühlt und nebenher auch gut gegessen. Und dann hatte die lachende Frau aus Novigrad ihrem Kumpel einen dicken Kuss auf die Wange gedrückt und gelallt, dass sie unglaublich froh sei ihn zu haben. Eine trunkene, doch auch aufrichtige Aussage, die dem Krieger das Herz noch immer wärmte. Und das nicht nur, weil Anna ihn vor ihrer Bekundung geküsst hatte, sondern weil Hjaldrist auch bemerkt hatte, dass es ihm dabei einfach nur… nun ja… gut ergangen war. Das tat es noch immer. Vielleicht erschien es eigenartig, doch bei ihrem Aufbruch vor Vizima hatte er sich hundeelend gefühlt. Der geknickte Jarlssohn hatte geglaubt in einem Loch festzustecken, aus dem er kaum mehr entkommen könnte; In einer schwarzen Höhle, die mit zentnerschweren Steinen verschüttet worden war. Es hatte weh getan Anna anzusehen, nachdem sie ihn indirekt abgewiesen hatte. Es hatte sich angefühlt, wie hundert Hiebe in den Magen, als Albion sie vor allen Leuten geküsst hatte. Und vor allem war es schmerzhaft gewesen sie einfach nur in der Nähe zu haben und zu wissen, dass man ihr niemals so nah kommen könnte, wie man es eigentlich wollte. Hjaldrist war so festgefahren gewesen, so bedrückt und nervös, dass er nach einem Kuss auf die Wange schier verzweifelt wäre. Hätte Anna ihn vor Wochen, in Vizima, kichernd umarmt und ihm einen Schmatzer gegeben, wäre er wie zu Stein erstarrt. Der aufgelöste Mann hätte nicht gewusst was tun und dann wäre er wie ein getretener Straßenköter von Dannen geschlichen, um in seinem Selbstmitleid zu schwelgen. Weil Anna manchmal ja so lieb zu ihm war, er aber wusste, dass sie ihn nur als einen guten Freund betrachtete.

Heute war dem anders und Hjaldrist wusste selbst nicht so recht wieso. Über all die vergangenen Tage und Wochen schien er sich mit seiner Situation abgefunden zu haben. Hatte er sich früher immer so darum bemüht seine missliche Lage zu akzeptieren - erfolglos, verstand sich - und war er mit schmerzendem Herzen hinter Anna her gekrochen, so hatte sich sein Gemüt nun allmählich zum Positiven verändert. Es war ganz von selbst geschehen und so schleichend, dass es ihn fast schon überraschte. Seit einigen Tagen fiel ihm irgendwie alles viel leichter und der Umgang mit seiner besten Freundin war unheimlich entspannt. Der Undviker musste die Zähne nicht mehr zusammenbeißen, war nicht mehr absolut unsicher, fühlte sich nicht länger so eigenartig allein. Denn er hatte endlich erkannt, dass er doch alles hatte, was er sich wünschte: Dass er mit Anna durch die Weltgeschichte zog und es keinen Menschen gab, der ihr so nah stand, wie er. Das bedeutete unsäglich viel, oder? Zudem hatte er angefangen seine Träume zu verstehen und zu wissen, wo die flüsternden Stimmen in seinem Kopf herkamen. All die Verwirrung, die ihn sonst barsch gebeutelt hatte, hatte sich langsam, schleichend, gelegt. Das verstand er nun. Es ging ihm gut. Und wenn er seine Kumpanin ansah, die da unweit schlief, verspürte er kein ziehendes Stechen in der Brust mehr. Er liebte sie, ja. Doch dieses Verlangen danach mehr von ihr zu wollen, als sie zuließ, verebbte immer mehr. War das gut? Bestimmt.

 

Hjaldrist erwachte abermals, als jemand an seinem Arm rüttelte. Verwirrt sah er auf, verengte die dunklen Augen und ächzte ein lasches ‘Was?’. Anna beugte sich just über ihn und sah ihn ziemlich skeptisch an. Augenblicklich fühlte sich der etwas blasse Mann wacher.

“Äh?”, entkam es ihm und er blinzelte überfordert “Was ist?”

“Dass ich es mal erlebe, dass DU so tief schläfst…”, kommentierte die kniende Frau und ein knappes Lächeln zog an ihrem Mundwinkel. Trotz allem blieb sie aber ein Stück weit ernst und ihre Heiterkeit erreichte ihre Augen nicht. Oh, deren Braun war so hübsch.

“Aber wie auch immer…”, seufzte die Kriegerin entnervt “Es gibt wohl was zu tun.”

“Hmm?”, der Liegende rieb sich den Schlaf aus dem Blick.

“Die Leute standen vorhin vor dem Zelt und haben rumgeschrien.”, brummte die Kurzhaarige, die selbst noch etwas fertig aussah “Die ‘Monsterjäger sollten kommen’, meinten sie, denn es sei ja ‘was ganz Schlimmes passiert’.”

Hjaldrist hielt mit dem Augenreiben inne und sah Anna verblüfft entgegen. Er machte Anstalten sich schwerfällig aufzurichten, setzte sich stöhnend hin und bedachte sein Gegenüber mit fragenden Blicken.

“Und…?”, wollte er zögerlich wissen. Unruhe hätte ihm den Körper anspannen sollen, doch er fühlte sich einfach noch zu entkräftet, um aufzuspringen und alarmiert herumzulaufen, wie ein aufgescheuchtes Huhn. Es war zu früh für so einen Scheiß. Er schluckte ob des ekeligen Geschmacks in seinem trockenen Mund und kniff ein Auge zusammen, da ihm Kopfschmerz durch den Scheitel zuckte.

“Keine Ahnung. Hab sie verscheucht.”, erzählte die Alchemistin weiter und jetzt grinste sie schon deutlicher, ehrlicher “Ich habe selbst noch geschlafen und du weißt ja, wie es um meine Laune steht, wenn man mich unsanft aufweckt.”

“Hast du ihnen Dinge hinterhergeworfen? Deinen Dolch zum Beispiel? Oder hast du sie gebissen?”, schmunzelte Hjaldrist feixend und taxierte seine Freundin abwartend. Er gähnte vernehmlich und ließ sich von seiner aufmerksamen Kameradin einen halbvollen Trinkschlauch reichen. Als er den selbigen öffnete, stieg ihm bereits der Geruch nach Anna’s ekelhaften Kater-Pulver in die Nase. Na super. Guten Morgen, Hjaldrist. Er verzog das Gesicht angewidert und haderte mit sich.

“Nein, aber ich habe zurück gebrüllt und ihnen dabei gesagt, dass wir gleich kommen. Und dass sie sich in die Knie ficken sollen.”, meinte Anna und nickte in die Richtung ihres Trinkschlauches “Trink was. Du siehst aus, wie die Zeltwand.”

Der durstige Undviker seufzte tief und langgezogen aus, jammerte ein paar kurze Worte in seinem Dialekt. Dann folgte er den Worten seiner Gefährtin brav und nahm ein paar tiefe Schlucke der Medizin, die bitter und scharf zugleich schmeckte. Welch eine Kombination…

Er musste husten, als sich der widerwärtige Alchemiekram brennend einen Weg in sein Inneres suchte, um in seinem flauen Magen aufzuräumen. Anna lächelte zufrieden. Hjaldrist, der den Trinkschlauch wieder von seinen trockenen Lippen absetzte, musterte sie knapp und forschend. Da war nämlich etwas in ihm, das sich anfühlte, wie ein kleines, schlechtes Gewissen, das an ihm nagte. Gestern Nacht hatte die betrunkene Hexerstochter nämlich nicht nur bei einem harmlosen Schmatzer auf die gerötete Wange bleiben wollen. Sie hatte sich völlig gehen lassen. Als sie beide die stickige Taverne einmal verlassen hatten, um frische Luft zu schnappen und sich eine Pause von dem Gestank nach altem Schweiß, pikantem Tabak und Bier zu gönnen, war sie dem überraschten Hjaldrist beachtlich nah gekommen. Ihm entgegen gewankt war sie ihm, hatte ihn an die harte Hüttenwand bugsiert und ihn an einem Arm festgehalten. Der überrumpelte Axtkämpfer hatte sofort gemeint, er hielte dies für keine gute Idee, doch Anna hatte nur leise gelacht und ihn einfach geküsst. So, wie sie es so oft getan hatte, wenn sie zu viel Alkohol getrunken hatte. In der Vergangenheit hatten sie beide nie lange gezögert, ehe sie einander einfach etwas ausgenutzt hatten. Schlussendlich waren sie ja gute Freunde. Doch Hjaldrist wollte das nicht mehr. Er hatte eine klare Grenze gezogen, die er nicht wieder übertreten wollte, um zu vermeiden, dass es ihm wieder so schlecht ging, wie vor wenigen Wochen. Womöglich hätte es ihm ja nichts ausgemacht, hätte Anna ihn flachgelegt. Ja, vielleicht hätte es ja Spaß gemacht. Vor allem, weil sie drauf und dran gewesen war, dies im Freien anzustacheln. Doch der Inselbewohner hatte es gestern gar nicht erst darauf ankommen lassen. Er hatte sich küssen lassen, gespürt, wie die Hände seiner besoffenen Kumpanin an ihm hinunter wanderten. Dann hatte er sie betreten, doch bestimmend, von sich gedrückt. Sie nahm es ihm heute nicht übel, so schien es. Zum Glück.

“Alles gut?”, Anna runzelte die Stirn skeptisch und beugte sich mit prüfend verengten Augen “Sollen wir was essen, bevor wir nach der ach so schlimmen Misere der Bauern sehen?”

Dem Jarlssohn entkam ein unschlüssiges ‘Äh’. Dann nickte er jedoch mit einem erleichterten Lächeln im Gesicht. So unglaublich kompliziert seine beste Freundin manchmal auch sein konnte, so einfach gestrickt war sie ab und an auch. Sie hatte die direkte Abweisung von gestern akzeptiert ohne sich lange zu beschweren. Und sie trug jene Hjaldrist auch nicht nach. Er hoffte bloß, dass die Frau ihn auch in Zukunft ernst genug nehmen würde, um nicht wieder viel zu zudringlich zu werden. Kurze Küsse, wenn sie von einem Elend im Vollsuff angezettelt wurden, waren ja gerade noch in Ordnung. Ein wenig Zuneigung tat schließlich gut. Doch nie wieder würde der Skelliger mit Anna schlafen.

 

Eine gute Stunde später standen die Abenteurer vor einer Leiche im Wald; Genau dort, wo sie beide am vergangenen Tag noch an der verwilderten Böschung hinabgerutscht waren, um zum klaren Waldsee zu gelangen. Der Pfarrer Schattenwaldes und Filzhut hatten sie dorthin geführt und standen nun voller Sorge hinter den Jüngeren herum. Anna trat dicht vor den toten Mann, ging in die Hocke und ihr Blick streifte suchend über den leblosen Körper. Hjaldrist kam sofort zu ihr, blieb jedoch mit verschränkten Armen stehen, als er den Leichnam kritisch betrachtete. Forschend verengte er die Augen und es war schon bemerkenswert, wie wenig es ihm mittlerweile ausmachte einen blutüberströmten Toten zu sehen. Damals, am Anfang seiner langen Reise, hätte er sich sicherlich übergeben müssen, hätte er etwas wie DAS hier in einem Forst entdeckt: Anna fasste nach einem Arm des Verstorbenen und hob ihn prüfend an. Das gräuliche Gliedmaß war bereits etwas starr, der Oberkörper wollte sich mit ihm bewegen lassen. Die angewiderte Hexerstochter ließ wieder los und gab einen nachdenklichen Laut von sich. Dann beugte sie sich vor, um die tiefen Wunden des Fremden zu betrachten, die eindeutig so aussahen, als sei mehrmals auf seinen Brustkorb eingestochen worden.

“Das war die Hexe. Wir sagten euch doch, dass sie gefährlich ist!”, meinte Filzhut besserwisserisch und die Frau am Boden sah auf. Hjaldrist’s Aufmerksamkeit fiel ebenso auf den dicklichen Kerl, der unglaublich aufgebracht wirkte. Jener atmete unruhig und wechselte immer wieder das Standbein.

“Ach ja?”, machte Anna unbeeindruckt “Und wie hat sie den Mann hier Eurer Meinung nach umgebracht?”

“Naja…”, Filzhut räusperte sich nervös, wiegte den Kopf grüblerisch, sah fort. Der Pfarrer neben ihm schwieg und wollte seinen Augen nicht trauen.

“Ja?”, drängte die Alchemistin.

‘Man hat ihn mit einer Mistgabel erwischt…’, wisperte eine leise Stimme kaum hörbar in Hjaldrist’s Kopf und er zuckte leicht zusammen. Sich den Nasenrücken reibend sah er sogleich fort und versuchte möglichst unbeteiligt auszusehen. War das Anna?

‘Wahrscheinlich war es der Bastard hier. Oder eine seiner Weiber. Und er will mir erklären, dass es der Sukkubus war.’, hauchte das Murmeln ‘Dieses Arschloch.’

Anna sah starr zu Filzhut auf und erwartete eine Erklärung, obwohl sie längst Bescheid wusste. Der Todesfall hier stank zum Himmel und die Novigraderin wusste längst warum. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

“Was weiß ich…”, meinte der vermeintliche Mörder und Hjaldrist linste wieder zu ihm.

‘Du berechenbarer Idiot.’, dachte sich die Hexerstochter währenddessen und ahnte nicht, dass ihr Kumpel dies mitbekam.

“Sie hat doch angeblich Hörner… vielleicht hat sie ihn damit erwischt?”, mutmaßte der mit dem roten Hut “Oder sie hat ihre Magie benutzt, um ihm die Wunden zuzufügen.”

“Mhm.”, machte Anna wenig überzeugt und erhob sich langsam. Ihr Blick fiel auf den Leichnam zurück und dann schwiegen die Anwesenden kurz, ehe die Frau Luft zum erneuten Reden holte.

“Weißt du, was ich glaube?”, Anna duzte den älteren Mann mit der roten Kappe nun plötzlich. Das tat sie immer nur dann ungefragt, wenn sie jemanden entweder sehr mochte oder verabscheute. Beides hatte mit Respekt zu tun, doch nicht mit demselben. Ihr Blick war streng.

“Ja…?”, fragte Filzhut und der Pfarrer in der braunen Robe hielt sich an seiner Gebetskette fest, die aus vielen, aneinandergereihten Holzperlen bestand. Er schien stumme Gebete an irgendeinen Gott gen Himmel zu schicken. Hjaldrist’s Augen wanderten indes gen Leiche. Jene starrte dem Blätterdach mit überwältigt aufgerissenen, trüben Augen entgegen. Man hatte den Toten überrascht, bevor er gestorben war, und die Leichenstarre zerrte ihm das Unterkiefer schon etwas auf.

“Ich glaube, dass man den Mann hier ermordet hat.”, sagte Anna selbstsicher “Denn weißt du, wieso?”

“Was?”, machte Filzhut kleinmütig, als der anwesende Skelliger den blutenden Körper weiter betrachtete, der da zwischen feuchtem Moos und kniehohen Farnen lag. Man konnte die Fliegen surren hören und ein süßlich-fauliger Geruch lag dick in der Luft.

“Weil man als Monsterjäger gewisse Wunden deuten kann. Und die hier stammen eindeutig nicht von zwei Hörnern oder Magie.”

“Aber-”, atmete der Dicke.

“Sondern von einer Mistgabel oder einem vergleichbaren Werkzeug, mit dem man zwei, drei Mal zugestochen hat.”, stellte die Kurzhaarige harsch klar, ohne sich unterbrechen zu lassen. Sie fuhr Filzhut beinah schon an. Der Pfarrer gab einen erschrockenen Laut von sich.

“Grundgütiger…”, machte der ältere Mann in der knöchellangen Robe und Hjaldrist kam nicht umhin schwach schmunzeln zu müssen, als er aus dem Augenwinkel zurück zu Filzhut sah. Denn jener sah aus, als fiele er gleich um. Mausetot, vor Nervosität. Er schwitzte aus allen Poren und dies war doch Botschaft genug.

“Kann es sein, dass du und deine Cousinen hinter alldem stecken?”, fragte der kluge Undviker dazwischen und traf den Dörfler damit sichtlich. Der Mann sah sich sofort nach Hjaldrist um und holte Luft, um Worte der pikierten Verteidigung zu schnappen.

“Was? Nein, niemals!”, empörte er sich stammelnd “Warum hätten wir W-Walter töten sollen?”

“Weil ihr wollt, dass wir den Sukkubus unschädlich machen.”, setzte Hjaldrist wissend fort “Und weil wir das nicht grundlos tun werden, da wir glauben, dass eure ‘Waldhexe’ friedfertig ist.”

Filzhut öffnete und schloss die schmalen Lippen ein paar Mal, als wolle er sich weiter beschweren, wisse aber nicht, wie. Er sah damit aus wie ein Fisch. Man hörte, wie Anna grimmig-amüsiert schnaubte.

“Vielleicht sollten wir-”, fing sie zynisch an, kam aber nicht weiter. Denn ein aggressives Schnarren und Glucksen drang aus dem dichten Unterholz herüber. Sofort fuhr Hjaldrist herum und horchte auf. Seit Vizima wusste er, was solche, unmenschlichen Geräusche verursachte.

“Ghule.”, flüsterte er in seiner finsteren Erkenntnis.

“Scheiße…”, konnte man Anna aufgerüttelt sagen hören und kaum einen Atemzug später stoben schon zwei bucklige Leichenfresser auf den Platz. Man konnte sich kaum versehen, da fiel eines der Ungetüme Filzhut an. Kreischend und außer sich mit den Armen schlagend verschwand der Mann mit der Bestie auf sich zwischen den grünen Farnen und Hjaldrist setzte sich geistesgegenwärtig in Bewegung. Mit dem Rücken bewusst zu seiner besten Freundin eilte er dem Dörfler zu Hilfe, obwohl sich jener als vermeintlicher Mörder herausgestellt hatte. Manch einer mochte dem Dicken vielleicht den Tod wünschen, doch der Jarlssohn aus Undvik war vielleicht ein zu guter Mensch. Womöglich wollte er aber auch nur, dass der zwielichtige Dörfler das bekam, was er wirklich verdiente: In Schattenwalde vorgeführt und dann eingesperrt zu werden; vor allen anderen, Freunden und Bekannten, zugeben zu müssen, dass er einen seiner Nachbarn mit einer Mistgabel abgestochen hatte, um dann zu behaupten, der Sukkubus sei es gewesen. Einfach zu sterben wäre zu gnädig. Erst recht, wenn dies durch die Klauen eines hungrigen Nekrophagen geschah, denn für gewöhnlich zerrissen einen diese Viecher viel zu schnell. Also holte Hjaldrist wuchtig mit Erlklamm aus und ließ sie auf das Monster niedergehen, das sich soeben in einem Bein Filzhuts verbiss. Der Blutende schrie markerschütternd und voller Panik im fahlen Gesicht, als der Ghul den Kopf hin und her warf, um Fleischstücke aus dem zitternden Menschenleib zu reißen. Auch den Pfarrer konnte man entsetzt schreien hören. Hjaldrist sah im Augenwinkel, wie jener mit geraffter Robe um sein Leben rannte und wie sich Anna zwischen ihn und einen der johlenden Ghule stellte. Sie blaffte dem Monster etwas Zorniges entgegen, um dessen Aufmerksamkeit und Wut auf sich zu ziehen. Dann setzte sie dem großen Leichenfresser auch schon entgegen. Mit Glück wären keine weiteren dieser Ungetüme in der Nähe und der fliehende Pfarrer erreichte sein Dorf, um sich in Sicherheit zu bringen.

Der Ghul auf Filzhut brüllte laut auf, als Hjaldrist die Axt mit einem Ruck wieder aus dem Kreuz der Bestie zog. Es knackte. Angewidert spuckte der Viertelelf aus, trat zu. Zappelnd fiel der Ghul auf den Verwundeten am feuchten Boden, der noch immer lauthals jammerte. Der Skelliger schritt weiter vor, packte den Nekrophagen im Genick und riss ihn zurück. Mit aller Kraft wuchtete er das unförmige Monster so von dem stöhnenden Bauern herunter, hackte erneut zu. Dunkles Blut spritzte und Hjaldrist drehte den Kopf leicht zur Seite, um es nicht in die Augen oder den Mund zu bekommen. Schwer atmete er aus, der Ghul gurgelte und machte ein paar letzte, pfeifende Atemzüge. Eines seiner sehnigen Beine zuckte noch wild und wühlte die weiche Erde des Waldbodens auf. Doch er starb, war keine Gefahr mehr. Also wich Hjaldrist ab, während er sich nach Anna umsah. Ihr finsterer Blick traf den seinen. Zwar hatte auch sie ‘ihren’ hässlichen Leichenfresser erledigt, doch weiteres Grollen drang zwischen den Bäumen an die Ohren der atemlosen Abenteurer heran. Das Geschrei von Filzhut hatte noch mehr Monster auf die Misere hier aufmerksam gemacht und Hjaldrist verfluchte diesen Umstand schnaufend. Als er sich umsah, schälten sich drei aufrecht wankende Gestalten aus dem Unterholz. Ertrunkene. Natürlich, denn unweit gab es den schattenwalder Waldsee und auch die widerlichen Wesen mit der feucht glänzenden Haut labten sich an stinkenden Kadavern und faulenden Leichen. Sie glucksten tief, klappten mit den spitzen Fischzähnen. Ein, zwei mehr von ihnen sprangen zwischen den raschelnden Büschen hervor und liefen unglaublich schnell auf die Monsterjäger zu, um nach ihnen zu haschen.

“Rist!”, Anna’s gescheuchtes Rufen war dringende Aufforderung genug und der Skelliger näherte sich ihr hastig, damit sie nicht zu weit voneinander entfernt standen oder noch zur Gänze abgedrängt wurden. Fünf Ertrunkene hasteten auf sie zu und der erste erreichte sie nun schon. Der zweite folgte auf dem Fuß, dann der dritte. Hjaldrist ließ das scharfe Axtblatt verheerend niedergehen und traf damit auf zähes Fleisch und Knochen, zertrennte beides und stieß einen Kampfschrei aus. Anna stach zu und durchbohrte einen der Ertrunkenen auf Brusthöhe. Mit aller Kraft stemmte sie sich der röchelnden Missgeburt entgegen. Jene fuhr herum, doch die hartnäckige Anna ließ das Bastardschwert nicht los, stolperte fast und hebelte die Waffe nach unten, um sie wieder frei zu bekommen. Hjaldrist trat einem der zeternden Nekrophagen, der auf die Frau losgehen wollte, gegen das Knie und brachte das grölende Monster damit zu Fall. Es haschte nach seinem Bein, wollte mit den langen Zähnen zubeißen. Mit dem freien Fuß trat der Undviker zu und spürte, wie eine Klaue plötzlich an seiner Kapuze riss. Dies so abrupt, dass er gewürgt wurde. Da war das Schwert Annas, das metallen sirrend durch die Luft schnitt. Der Zug an Hjaldrist’s weiter Kapuze ließ abrupt nach. Etwas fiel dumpf zu Boden. Der keuchende Undviker zertrat den Schädel des Ertrunkenen, der sich in seinem Stiefel verbissen hatte. Weitere Monstren sprangen aus dem Gebüsch. Und dann war da plötzlich eine unglaublich gleißende Hitze, ein Aufflammen von orangem Licht, Feuer. Hjaldrist wankte überwältigt zurück, hob sich einen Arm schützend vor das Gesicht und hörte, wie seine Kumpanin erschrocken aufschrie, als sie nur knapp verfehlt wurde. Monster kreischten, dass es einem nur so in den Ohren klingelte. Verkohlte Schemen, stürzten lodernd und fuchtelnd davon, fielen, krampften am Grund, flohen, starben. Der sattgrüne Farn ringsum brannte lichterloh und das magische Feuer fraß sich in zwei, drei nahe Baumstämme, verzehrte sie unheimlich schnell. Es qualmte, stank impertinent nach Verwesung und verbranntem Fleisch, nach altem Fisch und Moder, Ruß und Schwefel. Und dann wurde allmählich alles still. Auch Filzhut schrie längst nicht mehr.

Hjaldrist’s Augen suchten eilig und er musste sich nicht lange nach der Ursache für den plötzlichen Brand umsehen. Denn jene versteckte sich nicht, sondern stand nur etwas abseits, zwischen hohen Haselsträuchern und ein paar kahlen Felsen. Maeva’s Schweif zuckte unruhig, als sie die Hand sinken ließ und die Finger dabei kurz so schüttelte, als habe sie sich verbrannt. Aufmerksam sah sie den Monsterjägern entgegen und man hörte, wie die angespannte Anna erleichtert aufatmete. Auch Hjaldrist lockerte seine Kampfhaltung ein wenig.

“Die Wassermänner essen die Toten.”, meinte der gehörnte Sukkubus wissend und mit seiner eigenartig sanften Stimme, die sicherlich auf einige Leute betörend klingen mochte “Und wenn man ihnen das Essen wegnehmen will, werden sie wütend...”

Dann wandte sich die halbnackte ‘Frau’ mit den langen, braunen Haaren auch schon ab. Unweigerlich wanderte Hjaldrist’s musternder Blick dabei an deren bloßen Rücken hinab, bis hin zu dem fließenden Seidenstoff, der sich um die Hüfte des Wesens wand und dessen Hinterteil eher spärlich bedeckte. Es war eine eigenartige Faszination, die der Jarlssohn dabei verspürte. Nein, er gierte hier nicht nach diesem Ungeheuer, doch da war große Neugierde, als er Maeva im hellen Tageslicht sah. Bei ihrer letzten Begegnung war sie in den Schatten verweilt und man hatte sie daher auch kaum taxieren können. Jetzt aber, da erkannte man den Frauenkörper, dessen Wirbelsäule in einem langen Schweif auslief. Und die ziegenartigen Beine, die ab der Mitte der Oberschenkel erst anfingen. Noch nie hatte der Axtkämpfer solch ein Geschöpf gesehen.

“Warte!”, Anna’s fordernde Stimme riss Hjaldrist aus seinen seichten Gedanken und er horchte auf. Auch der hübsche Sukkubus, der gerade wieder verschwinden hatte wollen, hielt inne.

“Warum hast du uns geholfen?”, wollte die Hexerstochter wissen. Eine Frage, die auch Hjaldrist beschäftigen wollte, denn im Grunde gehörte Maeva doch zu denen, die die Menschen hier im tiefen Wald attackiert hatten, nicht wahr? Sie war, im Gegenzug zu Ertrunkenen oder Ghulen, vernunftbegabt und wohl friedfertig, aber das war es im Grunde doch schon. Ein Sukkubus war kein Mensch und wurde zu den Monstern und Ungeheuern gezählt.

Maeva sah über die nackte Schulter zu den Reisenden zurück. Sie wendete sich jenen auch wieder halb zu und musterte sie grüblerisch. Leicht holte sie Luft, um zu Sprechen, tat es dann aber nicht und schloss die Lippen wieder. Hjaldrist hatte Mühe damit ihr nicht auf die baren Brüste zu starren, über die nur wenige Haarsträhnen fielen. Und er wusste nicht so recht, ob sein Interesse verstörend war oder nicht.

“Ich passe auf.”, entgegnete Maeva dann auf einmal schlicht “Ich mag es nicht, wenn in meinem Zuhause Blut vergossen wird.”

“Du hast den, der Walter mit einer Mistgabel erstochen hat, nicht angegriffen. Und das, obwohl er Blut vergossen hat.”, sagte Anna sofort und schien den abwartenden Sukkubus damit zu ertappen. Letzterer atmete tief aus, sagte aber nichts und sah fort. Dann verschwand er mit sanftem Hüftschwung zwischen satten Büschen und Bäumen, ließ die zwei Monsterjäger einfach etwas ratlos zurück.

“Eine… eigenartige Frau.”, fand Hjaldrist nach einem kurzen Schweigen irritiert.

“Mmh.”, machte Anna zustimmend, nickte. Von der Seite aus sah sie ihren Freund an und ihr Gegrinse gefiel ihm ganz und gar nicht.

“Welche Nummer gibst du ihr?”, wollte die Giftmischerin wissen.

“Was?”, schnappte ihr konfrontierter Freund.

“Na, in unserer Bewertung.”, erklärte die Hexerstochter keck und erinnerte dabei an das dumme Spielchen, das sie beide ab und an in Tavernen spielten, wenn sie die Langeweile quälte: Sie sahen Frauen nach und bewerteten sie auf einer Skala von Ein bis Zehn. Wobei Eins ‘Gruftweib’ bedeutete und Zehn ‘Atemberaubend’.

“Du bist bescheuert, Anna.”, murrte Hjaldrist betroffen und starrte seine Kumpanin unwohl berührt an “Grins nicht so.”

Man sah, wie sich die belustigte Novigraderin auf die Innenseite der Wangen biss, es damit aber auch nicht schaffte ihr Schmunzeln zu unterbinden. Ihre wachen Augen hatten ein Funkeln in sich, das davon erzählte, dass sie just gerne gelacht hätte.

“Also… also gut.”, ergab sich der Undviker schlussendlich und kratzte sich am Hinterkopf “Ähm. Sieben…?”

“Huh? Für mich ist die ne eindeutige Acht. Wenn nicht sogar ne Neun.”, gab Anna zurück und Hjaldrist stutzte “Ich stehe auf lange Haare.”

Dümmlich betrachtete der Mann seine heitere Kollegin auf dies hin und wusste nicht, ob sie ihre Meldung über Maeva ernst meinte oder nicht. Aber im Endeffekt entkam ihm doch noch ein kurzes Lachen.

“Und auf Ziegenbeine?”, fragte er witzelnd nach.

“Naja, ist doch exotisch.”, die Alchemistin zuckte die Achseln und ihr Begleiter schüttelte nurmehr den Kopf ungläubig. Dann, als er sich wieder auf den Platz hier im Wald entsann, sah er sich nach dem blutverschmierten Filzhut um, dem eines der Beine fehlte. Mit halb vom Knochen abgenagtem Fleisch lag es unweit im Moos und wäre nicht mehr zu retten.

“Der ist bewusstlos.”, schätzte die Novigraderin nebenher richtig, als sie den Blick ihres wieder ernsten Kameraden bemerkte “Bringen wir ihn zurück ins Dorf, ehe er stirbt.”

 

Die halbe Dorfbelegschaft war aufgebracht auf den Beinen, als die Monsterjäger aus dem Wald zurückkehrten. Hjaldrist trug dabei den bewusstlosen Filzhut und hatte ihn sich dafür über die Schulter geworfen, wie einen Sandsack. Den erstochenen Walter hatten sie jedoch zurückgelassen. Er war schließlich längst tot und die Leute Schattenwaldes sollten ihn selbst bergen. Man konnte Anna und Rist zwar anheuern, aber sie waren doch keine Leichensammler und Laufburschen.

Noch ehe die Abenteurer bei dem wartenden Mob ankamen, schälte sich eine entsetzte Frau aus der Menschentraube und stürmte auf sie zu.

“Oh nein!”, stöhnte sie gequält, presste sich die Hände an die Lippen und weitete die glasigen Augen.

“Er ist noch nicht tot.”, stellte Anna gleich klar und sah sich zu der schmutzigblonden Dame um, die vor Hjaldrist stehen geblieben war, um Filzhut panisch zu betrachten. Sie war wohl dessen Frau oder eine anderweitige Verwandte.

“Wo ist euer Heiler?”, fragte der Skelliger am Platz nur und ein Mann, begleitet von dem bleichen Pfarrer Schattenwaldes, eilte herbei, um den blutenden, einbeinigen Filzhut an sich zu nehmen. Der Geistliche bedankte sich bei dem Undviker und dies nicht nur einmal. Dann erfasste er auch Anna’s behandschuhte Hand, um jene fest zu drücken. Die Novigraderin hielt schweigend inne und ließ dies zu.

“Mögen eure Götter euch schützen…”, atmete der Pfarrer aufgelöst “Mögen sie euch auf ewig beistehen.”

Die Kurzhaarige verkniff sich einen Kommentar, in dem sie weiß machte, dass es keinen Gott gab, an den sie wirklich glaubte. Sie war religionsfrei aufgezogen worden und auch im Erwachsenenalter hatte sie nicht damit angefangen zu beten. Sie glaubte an sich selbst, nicht an irgendwelche imaginären Fabelwesen.

“Mhm.”, machte sie daher nur planlos.

“Wir haben nur unsere Arbeit erledigt.”, sprach Rist dazwischen und Anna fing seinen Blick auf, nickte.

“Das haben wir.”, bestätigte sie und zeigte anschuldigend auf Filzhut “Nachdem euer verwundeter Kollege hier Walter abgestochen hat.”

Ein Raunen ging durch die unruhige Menge und die Dörfler flüsterten und tuschelten. Der, der Filzhut’s Verwandten mit dem Besinnungslosen geholfen hatte, war längst mit eben jener und dem Versehrten verschwunden. Wahrscheinlich waren sie zum Heiler des Dorfes geeilt.

“Einbein hat Walter umgebracht und hat dies eurer ‘Waldhexe’ anhängen wollen, damit wir sie dafür töten.”, entkam es Hjaldrist grimmig, als er die dunklen Augen auf die bangen Menschen richtete, die teils ziemlich erschrocken anmuteten.

“Was?”, wisperte einer.

“Das kann nicht sein…”, ein anderer.

“Die Leiche lag schon länger im Wald und hat damit Ghule angelockt. Leichenfresser. Sie haben uns angegriffen.”, erzählte Rist weiter und Anna ließ ihn reden.

“Das ist wahr…”, pflichtete der Pfarrer von der Seite aus zu “Sie haben mich vor den üblen Monstern gerettet. Gesegnet seien sie.”

Anna verkniff sich ein zufriedenes, breites Lächeln. Sie hatte ja schon befürchtet, man würde ihr und Rist nicht glauben, da sie Fremde waren. Doch nun hatten sie den geachteten Geistlichen Schattenwaldes auf ihrer Seite. Das war großartig.

“Es waren ziemlich viele. Und ob ihr es glauben wollt oder nicht: Eure sogenannte Hexe kam uns zur Hilfe. Sie hat uns dabei geholfen die Leichenfresser zu töten, obwohl ihr uns auf sie angesetzt habt.”, sagte Rist weiter und dies beachtlich ernst “Damit hat sie bewiesen, dass sie menschlicher und gutmütiger ist, als viele von euch. Lasst euch dies durch die Köpfe gehen, bevor ihr sie das nächste Mal verflucht.”

Raunen, ungläubiges Kopfschütteln, Murmeln. Der dünne Pfarrer schwieg zu diesem prekären Thema, so, wie erwartet. Schlussendlich ging es in seinen Augen doch um ein schändliches Wesen, das die ach so armen Dorfbewohner verführte und besudelte. Rist sah nicht allzu zufrieden aus.

“Walter’s Leiche liegt noch im Wald. Nahe dem kleinen See.”, warf Anna ein, als niemand mehr etwas sagte “Der Pfarrer kann euch dorthin führen und ihr könnt ihn bergen, damit nicht noch weitere Nekrophagen auftauchen. Denn das wird bald passieren, wenn ihr den Toten weiter liegen lasst.”

Die vielen Dörfler sahen einander unschlüssig oder ängstlich an und zögerten, blickten teils sogar fort. Niemand trat tapfer vor, um sich dazu bereit zu erklären den Toten zu holen. Wahrscheinlich war der arme Mann ein Außenseiter gewesen. Erklärte auch, warum man ihn so leichtfertig umgebracht hatte. Man hörte Rist abfällig schnauben.

“Das ist nicht mehr unser Bier…”, meinte er nur mit gesenkter Stimme, als er Anna’s Blick suchte. Di Situation schien ihn zu ermüden.

“Stimmt allerdings.”, brummte die Frau, seufzte leise und betrachtete ihren besten Freund abwartend. Jener wandte sich noch einmal an die versammelten Leute, die betreten schwiegen.

“Wir haben euren Pfarrer und Einbein gerettet, obwohl man uns hereinlegen wollte.”, erinnerte er “Ich glaube, wir haben uns dafür etwas verdient. Und zwar Geld. Keine Lebensmittel, so, wie letztens.”

Wieder ein leises Raunen und aufgebrachtes Getuschel. Und es dauerte einige angespannte Momente, bis der besagte Geistliche an den fordernden Jarlssohn herantrat.

“Ja. Ihr sollt einen Lohn für eure Mühen erhalten…”, versprach der alte Mann in Robe ein wenig nervös “Kommt… kommt später zu mir in die Kirche. Doch gönnt uns zuvor eine kurze Rast.”

Rist nickte. Anna lächelte schwach.

 

*

 

Umso weiter sie nach Osten kamen, desto mehr veränderte sich die Landschaft. Nachdem Anna und Hjaldrist die Blauen Berge und Schattenwalde vor mehr als vier Tagen hinter sich gelassen hatten, tat sich nun ein recht karges Land vor ihnen auf. Hatte es vor weniger Zeit noch geregnet und war der Sommer nahe Angren nicht der schönste gewesen, so wurde es allmählich heißer. Zunächst, da war es lediglich schwül gewesen, doch mittlerweile war die Hitze nurmehr ungnädig trocken. Vor den Abenteurern, die auf einem Hügel Halt gemacht hatten, um etwas zu trinken und zu essen, erstreckte sich eine weite Steppe. Wenn man die Augen ein wenig eng machte, erkannte man genau, wo die Vegetation langsam dürrer und brauner wurde; wo das Grün verblasste und nur noch knorrige, kahle Bäume und Felsen die Gegend zierten. Jene sah eigenartig aus und noch nie hatte Anna solche Berge gesehen, wie die, die weit vor ihr lagen. Die steilen Massive waren rostbraun und auch die Gegend um sie mutete im strahlenden Sonnenschein rötlich an. Da waren keine grünen Wiesen und bunte Blumen mehr, nur dieses harte Rot.

“Ha…”, machte die burschikose Frau, als sie die zusammengekniffenen Augen mit einer Hand vor den blendenden Sonnenstrahlen schürzte. Sie trug ihre gestreifte Jacke offen und hatte sich den Kragen so weit aufgeschnürt, als möglich. Ihre Ärmel waren hochgekrempelt und sie hatte die Armschienen längst abgelegt. Es war viel zu heiß.

“Ich habe mir die Wüste ganz anders vorgestellt.”, fügte sie noch hinzu und hörte Hjaldrist leise lachen. Er verstaute soeben ihren beinah leeren Proviantbeutel in Apfelstrudel’s Satteltasche, schloss jene und zurrte deren rauen Verschlussriemen fest zu. Das braune Ross schüttelte den Kopf und schnaubte, sah aus, als hätte es keine sonderliche Lust mehr darauf weiterzugehen. Verständlich. Sie waren heute schon vor der Morgendämmerung aufgebrochen und nun war es weit nach Mittag.

“Ich bin mir ja nicht sicher, ob das da vorn schon die Wüste ist…”, kommentierte der dunkelhaarige Mann und sah zu seiner Freundin auf. Auch er sah davon ab zu viel Rüstzeug zu tragen und hatte sein dickes, wärmendes Schulterfell aus Skellige schon vor Stunden sicher verstaut. Seine Augen wanderten von Anna fort und schweiften forschend in die Ferne vor ihnen. Seine schützende, weite Kapuze warf einen Schatten auf sein Gesicht.

“Meinst du?”, die Kurzhaarige sah sich nach ihrem Kumpel um und wischte sich mit der noch erhobenen Hand über die feuchte Stirn, ehe sie die Finger sinken ließ. Was hätte sie gerade nur für etwas Schatten gegeben…

“Naja, in einer Wüste gibt es angeblich viel Sand. So wie an einem Strand.”, der Jarlssohn zuckte mit den Schultern “Und die Gegend da vorn sieht weniger sandig aus. Eher felsig.”

Anna gab einen nachdenklichen Laut von sich und wiegte den Kopf abschätzend. Rist hatte Recht. Sie beide hatten wenig Ahnung von Wüsten, doch in den Büchern wurden jene tatsächlich nicht so beschrieben, wie die steinige Gegend weiter vorne.

“Aber naja… wir werden ja sehen.”, schloss der Krieger noch “Siehst du das Lager da hinten?”

“Ja, ich habe es bemerkt. Und es sieht so aus, als seien die Schwarzen dort…”, meinte Anna, als sie sich wieder nach der Steppe umsah. Keine halbe Meile entfernt konnte man tatsächlich ein Lager oder eine kleine Siedlung erkennen. Zwischen kahlen Bäumen und kantigen Felsen standen Zelte und einige von ihnen waren schwarz. Es war völlig bescheuert, denn wer benutzte in knallender Hitze schon dunkle Lagerplanen? Es konnten nur die Nilfgaarder sein.

“Stört uns das?”, hakte Rist nach.

“Hm. Nein, eigentlich nicht.”, antwortete die Alchemistin nach kurzem Überlegen “Emhyr’s Leute sind mir bei Weitem lieber, als die Soldaten und die Hexenjäger von diesem Spinner Radovid. Tse. Ich dachte mir nie, dass ich das einmal sagen würde...”

“Hmm, ja....”, nickte der anwesende Skelliger grüblerisch und schloss zu seiner Kollegin auf “Also gehen wir hin? Wir brauchen dringend Wasserreserven, wenn wir in dieser Hitze reisen wollen. Und Essen. Es wäre auch schön eine Karte des Ostens zu bekommen, wenn wir sicher nach Serrikanien gelangen wollen.”

Anna gab ein zustimmendes Seufzen von sich und zog die Schulterriemen ihres vollen Rucksackes fester. Das elende Ding war schwer und ihr schmerzender Rücken brachte sie noch um. Doch sie jammerte nicht. Balthar hatte immer gesagt, rumzuheulen war etwas für Mädchen. Und Anna war kein Mädchen. Also nicht in dem Sinn. Sie zog die Brauen weit zusammen, stur und verbissen, und wollte los, doch Hjaldrist erwischte sie am Rucksack und hielt sie somit davon ab.

“Ey…”, machte die gepackte Frau und warf dem stummen Schönling einen protestierenden Schulterblick zu. Er deutete mit dem Kinn gen Pferd, als habe er einmal wieder gehört, was Anna gerade gedacht hatte. Sie schnaufte entnervt, da sie es nach wie vor nicht mochte ‘belauscht’ zu werden. Ein leicht vorwurfsvoller Blick folgte.

“Ich kann nichts dafür. Passiert halt.”, kommentierte Rist lethargisch und bestätigte die vage Annahme seiner besten Freundin damit: Er hatte mitbekommen, dass sie Kreuzschmerzen hatte und sich dazu ermuntern wollte still weiterzugehen, indem sie sich einredete, sie sei kein Weichei.

“Gib her.”, meinte der Kerl dann ohne weitere Umschweife und zog so fordernd an Anna’s Rucksack, dass sie ächzte “Wir reiten bis zur Siedlung. Ich habe auch wenig Lust darauf ewig durch diese Hitze zu marschieren.”

Die Giftmischerin hielt inne, dachte kurz nach, doch nickte dann. Sie überließ ihrem Kameraden ihr Gepäck, damit er es auf Apfelstrudel’s Rücken schnallen konnte. Direkt über den Satteltaschen machte er es fest, behielt den eigenen Rucksack aber, denn er würde gleich hinter Anna auf dem matten Wallach sitzen. Das arme Tier. Anna sollte sich bald darum kümmern wieder einen eigenen Vierbeiner zu bekommen, damit Apfelstrudel nicht länger doppelt belastet werden musste.

“Tut uns leid.”, meinte Anna, als sie dem Reittier den struppigen Hals tätschelte “Aber es ist nicht so weit. Und wenn wir da sind, kriegst du was zu Fressen.”

Hjaldrist schmunzelte, als die Frau so nett mit dem Pferd sprach, doch sagte nichts weiter. Die Trankmischerin machte sich solange schon daran sich in den abgesessenen Sattel zu schwingen. Wie gewohnt rutschte sie darauf so weit vor, als möglich und überließ die Steigbügel dann Rist, damit er zu ihr kommen könnte. Sie beide würden die Siedlung am Rand zur unbekannten, roten Steppe bald erreichen. Kaum eine halbe Stunde und sie wären da. Hoffentlich könnte man dort Vorräte und auch eine Landkarte kaufen.

 

Die Siedlung, die die Abenteurer von Weitem erkannt hatten, wirkte von Nahem gar nicht einmal so klein. Ein paar wenige Hütten waren an der Grenze zu dem kargen Land erbaut worden. Und zwischen ihnen standen einige Zelte, die anmuteten, als hätte man sie lange nicht bewegt. Tatsächlich sah der kleine Ort so aus, als sei er ein Dorf aus Jurten. Abgesehen von der unweiten Lagerstätte der Nilfgaarder, verstand sich. Entweder rasteten jene hier oder sie stellten sogar einen Posten dar. Schlussendlich waren die Schwarzen zurzeit doch überall. Es wunderte die Abenteurer also kaum auch hier goldene Sonnen auf schwarzen Bannern zu erkennen.

Ein wenig planlos ließ sich Anna vom Rücken Apfelstrudels gleiten, als sie die Zeltsiedlung erreichten. Ihr Blick wanderte forschend, erkannte andere Reisende und Leute in bunten Roben, die sich Tücher um die Köpfe gewickelt hatten. Da waren bunt zusammengewürfelte Söldner, Soldaten der Nilfgaarder, laute Handeltreibende und sogar Kinder, die fröhlich jauchzend zwischen den Jurten umher tobten. Die Atmosphäre wirkte sehr geschäftig, doch friedlich. Und als auch Rist von seinem treuen Pferd kam, um neben Anna zu treten, warf er ihr einen abwartenden Blick zu.

“Sehen wir zu, dass wir Wasser bekommen.”, meinte die Hexerstochter mit gesenkter Stimme “Und vielleicht etwas Anständiges zu essen.”

“Wir sollten die Leute hier auch ein wenig ausfragen.”, riet der kluge Axtkämpfer im Bunde “Manche hier sehen so aus, als kämen sie weit vom Osten. Es kann nicht schaden sich nach dem Land zu erkundigen, das vor uns liegt.”

“Das stimmt…”, pflichtete Anna bei, fühlte sich dennoch etwas unbeholfen. In jedem Dorf wäre eine Taverne der erste Anlaufpunkt für Fremde gewesen. In Gasthäusern fand man schließlich stets Verpflegung, brisante Neuigkeiten und Informationen. Hier, in der Zeltsiedlung vor der roten Steppe, gab es jedoch keine Schänke. Nur naturfarbene Jurten und ein paar heruntergekommene Hütten, die offensichtlich nicht sonderlich gepflegt waren und teils sogar leer standen. Zwei freilaufende, etwas dürre Hunde hetzten an den Reisenden vorbei. Ob sich niemand um sie kümmerte?

“Ähm.”, machte Anna daher und warf Hjaldrist einen hilfesuchenden Blick zu. Er verstand sofort, legte die Stirn in grüblerische Falten und sah sich um.

“Wir fragen einfach…”, murmelte er und seine dunklen Augen fixierten wahllos einen blonden Mann mittleren Alters, der soeben seinen großen Ranzen abstellte und durchatmete “Den da.”.

Der schwitzende Kerl mit dem riesigen Ranzen sah aus, als sei er ein reisender Händler aus Toussaint. Seine eher farbenfrohe Kleidung sprach dafür, die bestickten Puffärmel und die großen, hellen Federn am blauen Chaperon. Kein Mann aus dem Norden wäre in solch ulkigen Klamotten geschlüpft. Jedenfalls nicht, wenn er kein Adeliger mit einem fragwürdigen Geschmack für Mode war.

Hjaldrist, der seiner Freundin die ledernen Zügel Apfelstrudels in die Hand drückte, setzte sich zielstrebig in Bewegung, um auf den vermeintlichen Händler zuzugehen. Nur zögerlich folgte Anna ihm.

“Hallo.”, konnte man den Jarlssohn vernehmen und man sah, wie der mit den popeligen Federn an der Kopfbedeckung aufhorchte. Fragend sah sich der Fremde nach den jüngeren Abenteurern um und dies nicht ohne ein kleines Bisschen Argwohn im Blick. Schlussendlich kannte er sie nicht und sie waren schwer bewaffnet.

“Wir hätten ein paar Fragen.”, meinte Hjaldrist sogleich, steckte sich die Hände in die Taschen, und der Händler wirkte nicht zu überrascht “Wir sind nicht vor hier.”

“Das sehe ich.”, lächelte der Blonde und tatsächlich trug seine Stimme einen markanten beauclairer Akzent in sich “Was kann ich also für euch tun?”

Anna betrachtete den reisenden Händler erleichtert, doch ließ ihren Kumpel reden.

“Wir wollen nach Serrikanien. Wir wissen die ungefähre Richtung, haben aber keine Karte.”, erzählte Rist sofort ganz offen “Wir bräuchten also Informationen. Über das Land, das vor uns liegt und vielleicht auch diesen Ort hier…”

Der Beauclairer sah Anna’s Kumpel still und aus großen Augen an, als er jenem zuhörte. Ein kurzes Schweigen entstand, als Rist fertig erklärt hatte. Und dann lachte der Händler plötzlich auf, als glaube er nicht, was er gerade gehört hatte. Die Hexerstochter machte die Augen skeptisch schmal. Warum lachte der Fremde?

“Bei den Göttern!”, gluckste der Mann aus Toussaint und rückte sich das schief sitzende Chaperon zurecht “Ihr wollt ohne Karte und einfach so nach Serrikanien ziehen? Durch die Korath-Wüste? Das ist verrückt!”

Von der Seite aus warf Hjaldrist Anna einen unzufriedenen Blick zu, doch der reisende Händler lenkte schnell ein und berührte den etwas kleineren Axtkämpfer einladend am Unterarm.

“Aber, ach, kommt...”, sagte er dann in seinem Dialekt, der in den Ohren der Schwertkämpferin am Platz lächerlich klang “Lasst uns zusammen etwas essen. Etwas Gesellschaft wäre schön und ich kann euch gerne ein wenig über diesen Ort erzählen. Und-... oh. Mein Name ist übrigens Yanis. Yanis Vermandier.”

“Mhm. Freut uns.”, antwortete Hjaldrist freundlich und schloss seine Kumpanin darin ein, als er auf sie deutete “Das ist Anna. Ich bin Hjaldrist.”

“Ihr kommt von Skellige.”, stellte der aufmerksame Beauclairer gleich fest und gestikulierte, um anzudeuten, dass man ihm doch folgen solle “Ihr habt einen weiten Weg hinter euch.”

“Ja, schon.”, entgegnete der Undviker weiter und setzte dazu an Yanis begleiten zu wollen. Anna folgte den Männern und zog das müde, braune Pferd dabei hinter sich her. Beiläufig sah sie sich nach einem Platz um, an dem sie Apfelstrudel anbinden und füttern könnte. Der ältere Händler bemerkte dies und wandte sich daher sofort freundlich an sie.

“Ein guter Freund und Geschäftspartner haust hier. Ihr könnt das Pferd nahe seiner Jurte abstellen. Dort gibt es eine kleine Überdachung, damit das Tier nicht in der Sonne stehen muss. Und eine Tränke.”, erklärte der Mann und die Alchemistin mit der Fuchssträhne wirkte positiv überrascht. Zwei Mietklingen in alten, klappernden Rüstungen drängten sich in all dem Treiben an ihr vorbei und am anderen Ende der Zeltsiedlung konnte man jemanden schreien hören, als wolle er irgendwelche Waren anpreisen. Die Luft war staubtrocken und Anna freute sich schon auf etwas Schatten und einen Becher Wasser.

“Danke.”, sagte sie schlicht und Yanis schenkte ihr ein wohlwollendes Lächeln.

 

“Bei der großen Schöpfung! Yanis! Mein Freund!”, ehe die Abenteurer das Heim des besagten Bekannten Yanis’ erreichten, kam ihnen jener auch schon mit ausgebreiteten Armen entgegen. Der untersetzte Mann besaß einen eigenwilligen Kleidungsstil, trug Pluderhosen und eine bunte, bestickte Tunika, eine dicke Goldkette und glitzernde Ringe an den Fingern. Obwohl er sehr östlich aussah, trug er kein Tuch am Kopf und verschleierte sich auch nicht. Sein schwarzer, langer Bart reichte ihm beinah bis zum dicken Bauch und seine Haut erschien etwas dunkler als die seines Besuchs.

“Enes!”, lachte der reisende Händler und ließ sich von dem Rundlichen umarmen und drücken. Anna runzelte die Stirn kritisch, als sich die Männer zur Begrüßung noch auf beide Wangen küssten. Es war eigenartig.

“Ich bin froh, dich zu sehen!”, entkam es Enes, dessen Stimme hart klang. Der kehlige Ton erinnerte entfernt an den serrikanischen Veteranen aus dem Dorf des Hungrigen Grafen.

“Wie ist es dir ergangen? Hast du mir etwas mitgebracht?”, wollte der Ostländer wissen, als er seinen Freund an den Oberarmen erwischte und ihn dabei vorfreudig ansah. Anna verweilte solange an der Seite Hjaldrists und wartete einfach nur ab. Der Skelliger schien die herzliche Begrüßung der beiden älteren Männer nicht befremdlich zu finden. Seltsam. Oder rührte dies daher, dass man auch auf Skellige warmherziger miteinander umging, als im Norden? Nie im Leben hätten sich zwei Männer der Nördlichen Königreiche so beherzt auf die Wangen geküsst. Wer dies tat und keine Frau war, galt als sogenannter ‘Arschficker’ und wurde von der Gesellschaft mit Argusaugen betrachtet und mit Hohn bestraft. Vorurteile und Hass auf Unbekanntes eben. Anna verabscheute beides. Und daher ärgerte sie sich just auch etwas über sich selbst, da es sie ein wenig unwohl stimmte, dass Yanis und Enes einander geküsst hatten. Oh, bei Melitele. War sie etwa SO verkorkst?

“Und ob ich etwas mitgebracht habe!”, versprach der reisende Händler aus Toussaint beschwingt. Bevor er jedoch näher darauf einging, wendete er sich aber Hjaldrist und Anna zu, die noch immer brav abwarteten. Er deutete auf sie.

“Unter anderem diese beiden, jungen Reisenden hier.”, erklärte der Kerl mit den Federn am Hut “Sie haben mich vorhin angesprochen und wollten sich nach Korath erkundigen. Sie kennen sich hier noch nicht so gut aus.”

“Oh!”, machte der mit der sonnengebräunten Haut und dem Rauschebart. Sein breites, einladendes Lächeln war ungebrochen, als er von Yanis abließ und die Abenteurer mit einer Andeutung einer Verbeugung ehrte. Er ließ seine schönen Zähne blitzen.

“Willkommen, willkommen.”, machte er “Und kommt herein. Esst und trinkt mit mir! Die Freunde Yanis’ sind auch meine Freunde.”

Also fanden sich Hjaldrist und Anna in der großen Jurte Enes’ ein, nachdem sie sich um Apfelstrudel gekümmert hatten. Und sie kamen dabei aus dem Staunen nicht heraus. In der Mitte des Zeltes befand sich eine Feuerstelle, über der eine Öffnung in der hohen Zeltplane prangte, damit der zähe Rauch abziehen konnte. Ringsum waren bunte Teppiche ausgelegt, Kissen, niedrige Tischchen standen hier und kleine Ablagen an den Zeltwänden. Enes’ Zuhause war also nicht nur ein Zelt, sondern vermutlich besser eingerichtet, als so manch ein kleines Haus. Es war nicht behelfsmäßig sondern ein wirkliches, permanentes Heim.

“Setzt euch, setzt euch.”, bat der Dicke und machte sich daran ein paar Becher zu holen. Am anderen Ende seiner Jurte tat er dies, klaubte Tongefäße aus einem Korb und kam damit zu seinen drei Gästen, die sich allmählich auf den großen Sitzkissen niederließen. Anna sah sich noch immer mit großen Augen um, als sie einen tönernen Becher in die Hand gedrückt bekam und Enes ihr darauf folgend dampfenden Tee einschenkte. Ein wenig irritiert starrte sie, als sie dies bemerkte. Tee? Bei dieser Hitze? Auch Hjaldrist schien das zu verwirren, doch er sagte nichts, sondern bedankte sich bloß leise.

“Ich habe dieses Mal sogar Gewürze aus Cidaris mitgebracht.”, erzählte Yanis stolz, als er dabei war seinen großen Ranzen auszupacken. Vorsichtig fasste er in jenen hinein und zog einen großen Leinenbeutel hervor, in den er wiederum kleinere Säckchen gesteckt hatte. Ein pikanter Geruch nach Kräutern strömte Anna entgegen, als sie dabei zusah. Manche von ihnen konnte sie als bewanderte Alchemistin erraten, andere waren ihrer Nase aber ein Rätsel.

“Cidaris? Du kamst in den letzten Monaten wirklich weit herum, mein Freund.”, staunte Enes, fuhr sich durch den dunklen Bart und setzte sich mit in die Runde. Auch er hatte einen Becher Minztee in der Hand. Und obwohl das Getränk heiß war, befand Anna, roch es zu verlockend: Frisch und süß zugleich. Und wer wusste schon? Vielleicht half warmer Tee ja bei der momentanen Hitze? Die Leute der Steppen, die der prallen Sonne ständig ausgesetzt waren, hätten ihn sonst ja wohl kaum getrunken.

Enes begann damit in den mitgebrachten Gewürzen seines Freundes aus Toussaint zu kramen, welche davon anzupacken, an ihnen zu riechen und dabei ab und an ein erstauntes Gesicht zu machen. Er legte ein paar der Säckchen beiseite, als interessiere er sich für sie, und schob den Rest wieder von sich. Yanis, indes, wandte sich wieder an Hjaldrist und Anna, die ein wenig verloren auf den bunten Kissen saßen und Tee tranken. Schließlich schien sein Kumpel gerade zu abgelenkt zu sein.

“Ihr seid also schon viel herumgekommen, hm?”, meinte der Händler interessiert “Und nun wollt ihr nach Serrikanien. Dürfte ich fragen wieso?”

“Nur so. Wir wollen die Wüste sehen.”, meldete sich Anna ehrlich zu Wort.

“Ihr seid ja sehr wagemutig…”, meinte Yanis ernst und sah zwischen den Jüngeren hin und her “Einfach so die Korath-Wüste durchqueren zu wollen und das ohne Hilfe…”

“Wie meinst du das?”, fragte Rist kritisch dazwischen “Wenn wir eine Karte bekämen und uns an den Sternen orientieren, gehen wir nicht verloren.”

“Naja… es geht um mehr, als darum sich nicht zu verirren. In der Wüste ist es extrem heiß; noch viel wärmer, als hier vor der Korath-Steppe. Ihr könnt euch das kaum vorstellen, wenn ihr noch nie dort wart.”, meinte Yanis “Ich reiste einmal mit einer großen Händlerkarawane gen Osten und ich kann euch sagen: Das war kein Spaß. Die Hitze laugt einen vollends aus, man muss sehr, sehr viel trinken und die Haut davor schützen verbrannt zu werden. Wenn man nicht genug Wasser dabei hat und ich verirrt, dann Gnade einem die Götter.”

“Hm.”, machte Anna daraufhin bloß schlicht. Doch die Worte des reisenden Händlers ließen sie ein wenig zweifeln. Die Sonne in der Wüste verbrannte einem also die Haut? Inwiefern?

“Man sagt, dass es in der Wüste Sandweiber gäbe, die einem Trugbilder zeigen, um einen in ihre Fänge zu locken. Die Korathi nennen sie ‘Anthaarim’.”, erzählte Yanis verschwörerisch “Und daneben gibt es noch viele andere Biester.”

“Die wären nicht solch ein großes Problem.”, sagte Anna sogleich selbstsicher “Wir sind Monsterjäger und hatten schon mit genug unmenschlichen Wesen zu tun.”

Die buschigen Augenbrauen des blonden Beauclairers wanderten weit hoch.

“So?”, machte er verblüfft “Ich bin auf meinen Reisen bereits Hexern begegnet. Ihr wirkt nicht, wie sie.”

“Wir sind auch keine echten Hexer.”, meinte Rist und Anna spürte, wie ihr diese schmerzhaft wahre Aussage übel aufstieß. Dennoch kommentierte sie sie nicht weiter, sondern sah bloß etwas verzwickt fort.

“Aha, ich verstehe.”, entschloss Yanis zu sagen, um seine neuen Bekannten nicht noch zu verärgern “So oder so… würdet ihr mit einer der Karawanen reisen, kämt ihr sicherer voran. Es gäbe viele Vorräte und auch mehr bewaffnete Leute. Ich könnte euch eine Karte verkaufen, doch ich hätte dabei wirklich kein gutes Gewissen, wenn ich weiß, dass ihr euch alleine nach Korath traut.”

Anna gab einen zweiflerischen Laut von sich, denn warum kümmerte es Yanis, was mit seinen neuen Bekannten geschah? Und Rist kratzte sich ratlos am Hinterkopf.

“Die letzte Karawane brach vor zwei Tagen auf.”, meinte Enes aus dem Hintergrund und nahm einen kleinen Schluck von seinem Tee “Ihr müsstet eine Weile warten, bis die nächste Gruppe von hier aus gen Serrikanien zieht.”

Eine Aussage, die die zwei Abenteurer nicht unbedingt erfreute.

“Wir kommen schon zurecht…”, murrte Anna, ertappte sich jedoch dabei plötzliche Unsicherheit zu empfinden. Sie bemerkte, wie Hjaldrist sie ebenso ratlos von der Seite aus ansah, denn schlussendlich hatte man ihnen gerade große Bedenken eingeredet. Beißende Sonne, die einen verbrannte, seltsame Sandmonster, schwere Wassernot… all dies waren keine Angelegenheiten, über die man einfach so hinwegsehen könnte.

“Mh. Nun ja, am Ende müsst ihr selbst wissen, was ihr tut.”, seufzte Yanis und auch der beleibte Enes zuckte die Achseln.

“Ihr könnt gerne hierbleiben, bis die nächste Karawane loszieht. Doch nehmt es mir nicht übel… es würde euch etwas kosten, wenn ihr unter meinem Dach leben wollt. All der Aufwand… ihr versteht?”, sagte der Ortsansässige gespielt wehleidig und lachte leise “Ich kann niemanden so lange umsonst verköstigen.”

“Ist klar.”, brummte Rist und verschränkte die Arme vor der Brust “Aber so nett das Angebot auch ist, ich denke, wir wollen nicht tage- oder wochenlang hier herumsitzen und warten. Eher versuchen wir es die Wüste zu umgehen.”

“Ich hasse es zu warten.”, stimmte Anna dem Plan zu “Wir finden schon einen Weg. Aber wir würden dennoch gerne die Karte von dir nehmen, Yanis.”

“Natürlich.”, der reisende Händler neigte den Kopf zustimmend “Für eine Krone überlasse ich sie euch gerne.”

“Eine Krone!”, brach es ungläubig aus der anwesenden Hexerstochter heraus, denn der genannte Preis war verdammt viel Geld für ein vermeintliches Stück Pergament oder Papier.

“Naja…”, lachte Yanis betreten “Die Karte wurde von einem der besten Kartografen Ophirs gezeichnet. Daher hat sie einen stolzen Preis.”

Hjaldrist seufzte entnervt auf.

“Eine halbe Krone.”, versuchte der Jarlssohn herrisch zu handeln, doch der Händler aus Toussaint schüttelte das Haupt.

“Eine Krone ist schon der niedrigste Preis, den ich euch machen kann.”, bedauerte er und Anna fragte sich wahrhaftig, ob dies stimmte. Vermutlich log der Blondschopf auch nur. Mürrisch sah sie zwischen Rist und Yanis hin und her. Enes, indes, erhob sich unbeteiligt, um an seine Feuerstelle zu treten und dort nach einem Kessel zu fassen, der weniger als halbvoll war. Er fing damit an darin herumzurühren und sich suchend nach Schüsseln umzusehen. Aus der Verhandlung um die Karte des Ostens hielt er sich heraus.

“Ich hoffe, ihr mögt Kuskusi und Datteln.”, sagte der Bärtige nebenher “Ich habe viel davon übrig, ihr könnt ihn aufessen.”

“Also schön.”, Hjaldrist, der Yanis nach wie vor etwas unzufrieden betrachtete, fischte sich den ledernen Geldbeutel aus der Tasche und lugte suchend in jenen hinein. Er fand eine Krone, was bei seinem Sinn zu sparen nicht verwunderlich war, und legte sie dem Beauclairer hin. Auffordernd sah er den Älteren daraufhin an. Jener, wiederum, zog schon bald eine Pergamentrolle aus dem Seitenfach seines abgetragenen Ranzens hervor und reichte sie dem Skelliger.

“Hier.”, sagte er und lächelte schmal “Sie gehört euch.”

“Danke.”, murrte Hjaldrist, als er die Landkarte an sich nahm und jene sofort entrollte, um sie genau zu betrachten. Anna rutschte etwas näher und machte den Hals lang, um ebenso einen Blick auf das Kunstwerk zu erhaschen. Yanis hatte nicht gelogen. Die Karte war schön, gepflegt und detailliert. Und sie zeigte ein weites Land, Orte, Dörfer; in geschwungener Schrift standen deren Namen dort: Korath, Ophir, Hakland, Serrikanien. Die Hexerstochter machte große Augen.

“Bis nach Serrikanien ist es noch ein ganzes Stück…”, bemerkte sie.

“Ja… als ich damals mit der Karawane reiste, brauchten wir fast eine Woche.”, berichtete Yanis, während Enes kam, um ihm eine bauchige Schüssel zu reichen. Der Untersetzte schob auch Rist und Anna großzügig gefüllte Holzschüsseln zu, in denen ein eigenartiger, gelblicher Brei oder Gries vor sich hin dampfte. Er war gespickt mit irgendetwas braunem und roch süßlich.

“Das hier…”, Hjaldrist deutete mit dem Zeigefinger auf einen Landstrich auf seiner neuen Karte “Ist also nur Steppe und Wüste?”

“Richtig.”, bestätigte der Mann aus Toussaint “Versteht ihr nun, warum ich meinte, die Reise sei beschwerlich?”

Die Abenteurer legten die Stirne in nachdenkliche Falten.

“Was Yanis sagt, ist wahr, Kinder.”, mischte sich Enes ein, der noch stand und sich selbst etwas von dem Essen in eine Schale geschöpft hatte “Nicht nur die Sonne und die Anthaarim sind in Korath eure Feinde. Es gibt dort auch Riesenspinnen, die in ihren Netzen ganze Elefanten fangen können. Und Tsetse-Fliegen, die auch in Serrikanien beheimatet sind.”

Anna sah wirr auf. Elefanten? Tsetse-Fliegen? Sie hatte noch nie von solchen Tieren gehört.

“Die Fliegen legen ihre Eier in lebenden Menschen und Tieren ab und deren Larven fressen einen von innen auf, um zu wachsen.”, meinte Yanis und schaufelte sich etwas von seinem Kuskusi-Brei auf den Löffel “Ungute Biester, das sage ich euch. Ich habe damals mit angesehen, wie die Larven einem Mitreisenden unserer Karawane aus den Augenhöhlen krochen. Er starb noch am selben Abend.”

Hjaldrist verzog das Gesicht angeekelt und Anna musterte den dicken Mann gegenüber prüfend. Einer ihrer Mundwinkel zuckte angewidert und sie sah im Augenwinkel, wie ihr bester Freund so wirkte, als liefe ihm gerade ein kalter Schauer über den Rücken.

Fliegenlarven, die einen auffraßen also. Was die und all die anderen Mistviecher aus der Wüste anging, würden sich die beiden Abenteurer noch was einfallen lassen müssen. Sie würden es mit vielen, ihnen fremden Wesen zu tun bekommen und es wäre klug sich auf jene einzustellen, wenn man die Wüste durchwandern wollte.

“Du warst damals in Serrikanien, um zu handeln?”, schätzte Rist, nachdem keiner mehr etwas sagte und Yanis nickte “Wie war es dort sonst so? Also abgesehen von den Fliegen…”

Der Beauclairer mit dem blauen Chaperon musste angetan lachen und freute sich ganz offenkundig darüber, dass man Interesse an ihm zeigte. Natürlich ging es hier nebenher auch nur darum ein wenig über Belanglosigkeiten zu reden, um sich etwas besser kennen zu lernen und dabei etwas über den Osten zu erfahren. Rist’s Nachfragen war also mehr Gebrauch oder Höflichkeit, aber dennoch.

“Ich handle vor allem mit Gewürzen, daher war Serrikanien sehr interessant für mich. Dort gibt es sehr viele und fremde Kräuter und Pflanzen. Man würzt im Osten auch viel und stark.”, erklärte der reisende Händler wissend “Es gibt dort gar pikanten Gewürztee oder Fleisch, das tagelang in einer Soße aus verschiedenen Gewürzen eingelegt wird. In Zimtrinde, Nelken, Ingwer, Honig und ein paar anderen Zutaten. Es schmeckt vorzüglich und ist durch die spezielle, salzige Soße länger haltbar. Das ist in heißen Gegenden echt wichtig.”

Anna legte die Stirn in skeptische Falten, denn von Ingwer oder Zimtrinde hatte sie noch nie gehört. Beides stand auch nicht in ihren Büchern, dessen war sie sich sicher. Im Gegensatz zu ihr blinzelte Hjaldrist, der selbsternannte Lagerkoch, neugierig. Bestimmt hätte er nun gerne das Rezept für das eingelegte Fleisch bekommen.

“Abgesehen von den Handelswaren, die mir im Norden immer sehr viel Geld einbrachten, ist Serrikanien ein wunderlicher Ort. Die Leute dort sind ganz anders, als in unseren Gefilden. Ihre Kultur ist sehr offen, aber auch rau. Nicht so, wie auf Skellige. Anders. Es ist schwer zu beschreiben, ihr müsst es erleben.”, lächelte Yanis und Enes aß im Hintergrund still seinen Gries mit Datteln. Anna’s Blick wanderte kurz zu dem bärtigen Ostländer hinüber.

“Bist du aus Serrikanien, Enes?”, wollte sie wissen und der Dickliche sah von seiner Schüssel auf. Er schüttelte den Kopf, schluckte den letzten Bissen hinunter.

“Ich komme ursprünglich aus Ophir.”, erzählte er und ließ den hölzernen Löffel sinken “Ich lebe nun aber schon seit einigen Jahren hier, am Rande Koraths. Man kann an diesem Ort viel Geld machen, mit verschiedensten Geschäftsmännern oder Menschen, die noch vorhaben die Wüste zu durchqueren.”

“Also bist du auch ein Händler.”, stellte Hjaldrist fest und der Ophiri lachte kurz und stolz.

“Ja, das bin ich. Und zwar der mit den besten Preisen der Gegend!”, prahlte Enes, sah dann aber bald etwas nachdenklicher drein. Grüblerisch fuhr er sich mit der Rechten durch den buschigen, schwarzen Bart.

“Meine Eltern wollten stets, dass ich Runenschmied werde. So, wie mein Vater einer war. Doch dieses Handwerk lag mir nie und ich ging, um die weite Welt zu sehen. Meine Familie wird mir dies nie verzeihen.”, erklärte Enes weiter “Aber nun gut. Es ist mein Leben und ich bin hier sehr glücklich.”

Anna machte große Augen.

“Du kannst Runen herstellen?”, wollte sie wissen und Hjaldrist betrachtete sie irritiert. Offensichtlich wusste der Axtkämpfer nicht so recht, was sie meinte und was es mit den Runen auf sich hatte. Als jemand, der in der Wolfsschule aufgewachsen war, besaß Anna wiederum viel Wissen über die magischen Zeichen, die man in Silberschwerter ritzte. Nicht viele Schmiede konnten das und es war unheimlich teuer. Dies war mitunter ein Grund dafür, warum sie sich bisher keines der Schwerter leisten konnte, in deren Klingen Runenzeichen glommen. Solch eine Waffe kostete horrende Summen, wenn sie von einem guten Handwerker stammte, und Anna war nicht unbedingt bekannt dafür mit Geld umgehen zu können.

“Naja.”, lachte Enes “Ich bin kein Meister, wenn es um Runen geht, doch manche kann ich theoretisch schnitzen, ja. Dafür braucht man jedoch eine große Werkstatt und die habe ich nicht.”

Die Hexerstochter sah den Ophiri unverändert erstaunt an. Sie war nicht darauf aus gewesen sich Runen herstellen zu lassen, war einfach nur generell interessiert.

“Wie lange braucht es, bis man es schafft Runen zu schnitzen?”, wollte sie wissen und auch Hjaldrist lehnte sich neugierig vor.

“Was hat es mit den Runen auf sich?”, fragte er gleich dazwischen.

“Runen sind magische Zeichen, die an Waffen angebracht werden und die jenen gewisse Eigenschaften verleihen. Meister schaffen es auch Rüstungsteile zu ‘verzaubern’.”, erläuterte Enes nett “Mein Vater fertigte einmal eine lederne Rüstung für ein Katzenauge an, die Angriffe auf Gegner zurückwarf, als hätten sich jene selbst verletzt. Er war wahrlich ein Meister seines Werkes!”

Verblüfft taxierten die Abenteurer Enes und es war klar, was oder wen er mit ‘Katzenauge’ meinte: Einen Hexer.

“Würde man ihn also gegen die Brust hauen, dann würde man sich damit selbst umboxen?”, hakte Anna staunend nach und ihr bester Freund schnaufte erheitert. Die Vorstellung war unglaublich ulkig.

“Ja.”, lachte der dunkelhäutige Händler “So ungefähr. Es funktioniert sicherlich nicht immer, doch wenn, dann reflektiert die Rüstung angeblich jegliche Attacken.”

“Wahnsinn.”, entkam es Rist, der sicherlich auch gerne solch eine Ausrüstung gehabt hätte, überwältigt “Wie viel hat diese Rüstung den Hexer gekostet?”

“Ich bin mir nicht sicher.”, entgegnete Enes langsam und verzog den Mund nachdenklich “Doch bestimmt nicht weniger, als fünfhundert Goldstücke.”

Anna verschluckte sich fast an der eigenen Spucke, als sie dies hörte, und auch Hjaldrist blieb stumm. Es war eine Art betretenes Schweigen, das sich folglich zwischen den Anwesenden auftat.

“Der… Hexer scheint ja wirklich ganz schön reich gewesen zu sein.”, kommentierte Anna dann irgendwann murmelnd, um die Stille zu brechen. Dabei ertappte sie sich zu fragen, ob der besagte Mutant vielleicht sogar ein Mitglied aus einer Schule des Ostens gewesen war. Und welch eine Zunft dort wohl hauste. Die Frau kannte die Namen der Hexerschulen aus dem Norden, Westen und Süden. Manche von deren Kämpfern hatte sie leider auch schon angetroffen: Die Greifen waren Idioten und die Katzen Arschlöcher. Sie selbst kam von den Wölfen, die ihr gerade als einzige Zunft vernünftig erschien. Naja, jedenfalls halbwegs, wenn sie an ihre Deppen zuhause dachte. Daneben hatte sie auch schon einmal von den Vipernhexern gehört, die angeblich die meisten Aufzeichnungen über die Wilde Jagd besaßen und außerordentliche Giftmischer darstellten. Und von den hünenhaften Bären Skelliges. Nur daneben besaß sie keinerlei Wissen über anderweitige Schulen. Sie war sich bis dato nicht einmal sicher gewesen, ob es noch mehr gab.

“Reich? Kann sein.”, lachte Enes auf die Äußerung der Jüngeren hin und zuckte gleichgültig mit den Schultern.

“Hast du vielleicht sein Medaillon gesehen?”, hakte Anna nach.

“Von Katzenauge?”, machte der Ophiri schmunzelnd “Oh, ja. Ich war damals zwar noch ein Kind, doch ich erinnere mich genau! Schließlich trifft man Leute, wie diesen Krieger, nicht jeden Tag.”

“Wie sah es aus?”, wollte die Novigraderin voller Erwartung wissen.

“Wie ein Löwe.”, sagte Enes und sah ein wenig nostalgisch in die Leere. Noch immer lächelte er schwach.

“Er war sehr nett und erzählte mir, dass er ein ganzes Nest voller Wüstenwühler ausgerottet hätte. Das sind gefährliche, große Würmer mit hunderten von Beinen, müsst ihr wissen. Sie leben unterirdisch und betritt man die Erde über ihnen, können sie sehr aggressiv werden.”, sinnierte der östliche Händler weiter.

“Riesentausendfüßler.”, entkam es der anwesenden Monsterjägerin dazu nur selbstsicher und Hjaldrist sah aufmerksam zwischen ihr und Enes hin und her.

“Wie die in Beauclair? Auf dem Weingut von Ravello’s Eltern?”, fragte der Schönling nach.

“Genau die.”, nickte Anna und wendete sich wieder an den bärtigen Mann, der im Schneidersitz auf einem seiner bunten Sitzkissen verweilte “Wir haben auch schon einmal gegen solche Biester gekämpft.”

“Ja?”, machte Enes erstaunt “Ich bewunderte Katzenauge damals sehr und wollte als Kind auch solch ein Krieger sein, wie er. Er blieb einige Wochen in unserem Dorf und beseitigte ein paar Ungetüme, die den Bürgern das Leben schwer machten. Und nachdem mein Vater die Runen-Rüstung fertiggestellt hatte, verschwand er. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Sein Name war Baschim.”

“Und er kam von der… Löwenschule?”, riet Anna abschließend, da Enes offenbart hatte, dass das Amulett Baschims die Form eines Kopfes dieses Tieres gehabt hatte “In den Nördlichen Königreichen oder Skellige gibt es die nicht. Löwen kommen aus dem Osten und wurden bei uns auch nur deswegen bekannt, weil es einst eine Adelsfamilie in Beauclair gab, die sich zwei weiße Exemplare davon hielt. Mein Ziehvater erzählte mir davon.”

“Das sind die großen Raubkatzen mit den Mähnen, richtig?”, fragte Hjaldrist unsicher dazwischen.

“Ja… richtig.”, bestätigte Anna und wirkte froh. Der Gedanke an eine Hexerszunft im Umkreis Serrikanies imponierte ihr. Und womöglich hatte sich auch der Veteran des Dorfes des Hungrigen Grafen einst zu den Löwen gezählt. Früher, als er noch kein dreckiger Söldner gewesen war. Oh, sie hatte so viele Fragen und sie hoffte, dass jene während ihrer kommenden Reise noch beantwortet werden würden...

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