Kapitel 71

Zwei Raben

“Man kann Fliegen und Mücken mittels Zitronenmelisse von sich fernhalten. Bestimmt funktioniert das auch bei diesen gefährlichen Insekten, die es in Serrikanien geben soll.”, meinte Anna, als sie sich nach dem Essen und gefolgt von Hjaldrist aus Enes’ Jurte schälte. Die Eingangsplane des Heimes beiseite schlagend, hob sie den Blick, um jenen kurz über das Geschehen vor dem großen Zelt schweifen zu lassen.

“Zitronenmelisse?”, fragte Rist wirr nach und die Giftmischerin schmunzelte, als sie sich nach ihm umsah. Sogleich klärte sie ihn auf.

“Ein Kraut aus Toussaint, das man zu Tee verarbeiten oder für manche alchemistische Zwecke benutzen kann…”, sagte Anna “Es riecht entfernt nach Zitrusfrüchten… und das mögen fliegende Plagegeister ganz und gar nicht. Yanis hatte Öl aus diesem Kraut im Gepäck, weil man es mancherorts zum Kochen verwendet. Ich habe im Tausch gegen meine Reste von Ravello’s Kosmetika etwas davon bekommen.”

“Hm.”, brummte der Skelliger nachdenklich und es war nicht verwunderlich, dass er Zitronenmelisse nicht kannte. Im rauen Klima des Westens wuchs diese Pflanze nicht. Im Gegenzug gab es auf Undvik aber bestimmt einige Kräuter, die selbst Anna noch nie in den Händen gehabt hatte. Von Region zu Region gestaltete sich die Flora anders und dies trug dazu bei, dass man als Kräutersammler nie ausgelernt hatte. Immer gab es irgendwo eine Pflanze, die man noch nie gesehen hatte und Anna war schon gespannt darauf, was sie dahingehend in Serrikanien erleben würde.

“Abgesehen davon sollten wir die Augen neben Proviant auch noch nach anderen Dingen offenhalten…”, kommentierte die Frau, als sie den Weg zu der engen Straße einschlug, die zwischen all den Zelten hindurch führte “Fett, Ranogrin, Mistelzweige, weiße Myrte…”

Rist maß Anna skeptischen Blickes.

“Ja, das war es, glaube ich. Den Rest habe ich noch.”, schloss die Kriegerin, als sie die Stirn runzelte und nachdenklich vor sich hin sah.

“Was hast du denn bitteschön vor?”, wollte der Jarlssohn wissen.

“Waffenöle anmischen.”, erläuterte die Kurzhaarige und warf ihm ein schiefes Lächeln zu “Bei all dem, was in und um Korath oder Serrikanien so vor sich hin kreucht und fleucht, bereite ich mich gern gut auf eventuelle Kämpfe vor.”

Der Schönling hob die Brauen und nickte dann langsam, als er sich weiterhin neben Anna hielt. Zusammen spazierten sie den staubigen Weg zwischen den Jurten entlang und hielten Ausschau nach Ware, die man kaufen könnte. Laut Enes und Yanis gab es im südlichen Teil der Siedlung einen kleinen Platz, an dem diverse Leute kleine Ständchen aufgebaut oder ihre Verkaufsteppiche ausgelegt hatten. Dies wollten sich die zwei Reisenden einmal genauer ansehen. Vor allem die Teppiche. Anna hatte noch nie davon gehört, dass ein Verkäufer seine Waren auf diesen geknüpften Bodenbelägen anpries.

“Du kennst also manche der Wüstenwesen schon?”, hakte Hjaldrist nach “Oder willst du deine Öle nur nach Gutdünken anrühren?”

“Teils, teils. Ich habe einmal etwas über Sandbasilisken gelesen; über große Skorpione und Riesenspinnen. Aber Elefanten, sogenannte Sandweiber oder Tsetse-Fliegen sind mit unbekannt… und sicherlich gibt es im fernen Osten noch mehrere Monster, die ich noch nie in meinen Büchern gesehen habe.”, sinnierte Anna vor sich hin und spürte, wie der messende Blick ihres besten Freundes sie kitzelte. Also versuchte so gelassen als möglich anzumuten. Dies, obwohl ihr Magengefühl nicht das allerbeste war. Kein Hexer zog los, ohne zumindest ein wenig Grundwissen über die Gefahren zu besitzen, die ihn erwarteten. Die beiden Abenteurer gingen also etwas halsbrecherisch vor.

“Die Sandweiber sind sicherlich mit Sirenen oder Nymphen zu vergleichen und die Basilisken der Wüste dürften sich nicht zu sehr von denen unserer Landkreise unterscheiden.”, überlegte die Hexerstochter laut und rieb sich das Kinn “Wir bereiten dahingehend einfach eventuell passende Waffenöle vor. Kann nicht schaden.”

“Stimmt wohl…”, murmelte der Skelliger im Bunde und spazierte weiter neben seiner besten Freundin her. Seine Augen schweiften forschend und immer wieder taxierte er die Menschen, die sich an ihnen beiden vorbei schoben. Die ‘Gässchen’ zwischen den vielen Zelten waren nicht sonderlich breit und die Personen, die hier, am Rande zur Steppe, lagerten oder lebten, hätten nicht bunter gemischt sein können. Die Abenteurer hätten also noch ewig durch den Ort spazieren und alles und jeden neugierig betrachten können, doch ein kleiner Tumult haschte sehr bald nach ihrer Aufmerksamkeit: Ein Stückchen weiter vorn, am Rande des Weges, der sich in der Hitze des Nachmittages zwischen den Jurten entlang schlängelte, pöbelten ein paar Männer einen größeren Kerl an. Und dieser Krieger kam Anna nur allzu bekannt vor. Sie hielt inne und streckte die Hand leicht zur Seite aus, um Hjaldrist in einer kurzen Geste dazu zu bringen ebenfalls stehen zu bleiben. Als der Undviker die auffordernden Finger an seinem Unterarm spürte, wendete er seiner Kumpanin den Blick fragend zu. Sie musste ihm die Situation aber nicht erklären, denn das, was weiter vorne passierte, fiel jetzt auch ihm auf. Und natürlich erkannte auch der Jarlssohn den Serrikanier, den sie beide damals, nahe Vizima, angetroffen hatten, sofort.

“Dreckiger Anderling!”, schimpfte einer der Kerle, die den Söldner anmaulten, verächtlich und spuckte angewidert aus “Verschwinde!”

“Deine Art bringt nur Ärger!”, blaffte ein zweiter Mann, der so klang, als sei er ein wenig angetrunken. Er hob eine Faust drohend, doch der Hexer in der abgetragenen Rüstung voller Flugrost zeigte sich wenig beeindruckt. Der Serrikanier sah den dämlichen Einheimischen stumm und gleichgültig entgegen, wollte sich gar abwenden. Doch einer der vier halbtrunkenen Männer versperrte ihm sofort mit rotem Kopf und wutentbrannter Miene den Weg.

“Verdammtes Katzenauge!”, zeterte der und holte mit seiner Flasche aus. Anna beobachtete dies mit ratloser Miene und hörte Rist etwas wispern, das nach ‘Idiot’ klang. Man hörte Glas splittern. Scherben fielen auf den ausgedorrten Boden, roter Wein tropfte von der metallen beschlagenen Armschiene des Hexers. Und die unfreundliche Truppe, die sich um den Außenseiter geschart hatte, war ob dem vollkommen erstarrt. So, als überrasche sie es, dass der Serrikanier es geschafft hatte ein Trinkgefäß eines Besoffenen abzuwehren. Als bräuchte man dafür die schnellsten Reflexe auf Erden. Anna runzelte die Stirn. Oh, diese Schwachköpfe!

Nur langsam ließ der vermeintliche Söldner mit dem großen Säbel den zum Schutz erhobenen Arm wieder sinken. Kühl ruhten seine goldenen Augen auf dem Fremden, der ihm gerade seine halbvolle Flasche über den kahlen Kopf hatte schmettern wollen. Er schien zu überlegen, während ein paar der kleingeistigen Trottel schon ehrfürchtig vor ihm zurückwichen. Würde der Serrikanier jene angreifen? Wenn ja, gäbe es hier gleich einen riesengroßen Ärger. Anna biss sich unschlüssig auf die Lippe und linste von der Seite aus zu Hjaldrist hin, der das prekäre Geschehen weiter vorn auch kritisch beobachtete. Der Skelliger holte Luft. Vielleicht wollte er dem Serrikanier oder dessen betrunkener ‘Bedrohung’ etwas zurufen, doch jemand unterbrach ihn.

“Na, wen haben wir denn da?”, fragte ein nuschelnder Kerl mit heiserer Stimme direkt hinter Anna und sie wandte sich halb um, um sich nach dem Mann umzusehen “Das Mädel aus dem Zirkus und ihr Freund mit der teuren Axt.”

Die konfrontierte Alchemistin stockte und blinzelte überrascht, als sie ‘Hasenscharte’ erkannte; eine der Mietklingen aus dem Dorf des Hungrigen Grafen, mit der sie vor einiger Zeit zu tun gehabt hatten. Und er war nicht allein. Neben ihm stand der, der Anna damals an den Arm gepisst hatte. Hans hieß der, soweit sich die Frau richtig erinnerte. Und er grinste schief, der hässliche Narr.

“Was treibt euch denn hierher, hm? Und wo sind eure Gaukler-Kumpane?”, wollte Hasenscharte wissen, als er sich beherzt unter der Bundhaube kratzte “Steigt ihr unserem Boss nach?”

“Eurem Boss?”, fragte Anna nach wie vor etwas wirr, bevor sie nachdachte und zum Entschluss kam, dass der Anführer der Söldner der hünenhafte Hexer war. Ihr Ausdruck fing sich wieder, als sie verstand, und wurde etwas härter.

“Wir stellen niemandem nach und rasten hier nur.”, stellte sie sofort klar.

“Und was macht IHR hier?”, fragte Rist genervt dazwischen “Wir sind nicht auf Ärger aus.”

“Wir auch nicht.”, schnaufte der Pisser nahezu belustigt.

“Sind auf der Durchreise.”, erklärte Hasenscharte lispelnd und hörte nicht damit auf sich unter der fleckigen Bundhaube zu kratzen. Bestimmt hatte er Läuse oder, so wie er roch, sich vor einer ganzen Ewigkeit das letzte Mal gewaschen. Anna verzog das Gesicht angeekelt und wäre am liebsten zurückgewichen. Wie sie es hasste, wenn Menschen stanken!

“Mhm.”, machte Hjaldrist nun und seine Haltung lockerte sich merklich “Wir sind auch am Durchreisen.”

“Wohin denn?”, wollte Hans wissen.

“Geht euch nichts an.”, antwortete die anwesende Schwertkämpferin für ihren besten Freund und dies, ohne vorher gut über ihre Worte nachzudenken. So war sie eben.

“Hmm.”, machte Hasenscharte und zuckte die Achseln. Rist seufzte nur entnervt und rieb sich die Schläfe, denn anders als seiner vorschnellen Gefährtin war ihm längst bewusst, was der Pisser gleich aussprechen sollte. Und dass dies eine unglaublich gute Möglichkeit für Anna und ihren Begleiter darstellte:

“Wir gehen nach Serrikanien.”, meinte der dreckige Kerl “Da soll’s noch heißer sein, als hier.”

Die locker gekleidete Alchemistin hob die Brauen und ehe sie die große Erkenntnis ereilen konnte, sprach der aufmerksame Hjaldrist schon weiter und rettete damit die Situation.

“Wir wollen auch dorthin.”, eröffnete der Undviker hastig und wollte die günstige Gelegenheit am Schopf packen, plauderte los “Wir würden uns die Wüste gern mal ansehen, aber angeblich ist es schwer jene zu durchqueren, wenn man nicht mit einer Karawane reist.”

“Hä? Ja, das kann sein.”, entgegnete Hans unschlüssig “Wir war’n noch nie da. Aber unser Boss kommt von dort und kennt sich in der Steppe aus.”

“Der mit dem großen Säbel?”, hakte Hjaldrist nach und man sah, wie er sich ein schiefes Lächeln verkneifen musste. Anna verstand mittlerweile längst, was er vorhatte und dass es ihn erfreute, dass die zwei stupiden Mietklingen so offen zu ihm sprachen.

“Ja, genau.”, erklärte der Pisser und als er dies tat, sah sich die abwartende Hexerstochter suchend nach dem Hexer um, den man vor wenigen Augenblicken noch bespuckt und mit einer Weinflasche bedroht hatte. Er war fort. Der betrunkene, kleine Mob ebenso. Verdammt.

“Glaubt ihr, wir könnten eventuell mit euch kommen?”, hörte man Hjaldrist schnell fragen “Damit wir nicht alleine durch Korath marschieren müssen.”

“Keine Ahnung. Das müsst ihr mit dem Boss ausmachen.”, mischte sich Hasenscharte nuschelnd ein und kratzte sich im Nacken “Mir soll’s egal sein.”

“Ja, mir auch.”, quasselte Hans und fing dann auf einmal damit an so sehr zu schmunzeln, dass man seine schiefen, unappetitlichen Zähne sehen konnte. Seine kleinen Augen suchten dabei Anna, die etwas planlos und abwartend neben Rist herumstand. Als sie das gierige Starren des stinkenden Söldners bemerkte, zuckte ihr Mundwinkel zornig. Und sie wusste sofort, warum der Pisser sie so breit angrinste. Die burschikose Frau ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass ihr die Knöchel weiß hervortraten. Und sie biss sich auf die Innenseiten der Wangen, um sich ein lautes Schimpfen zu verkneifen. Oh, dieses notgeile, widerliche Arschloch! Wehe, es kam ihr nur um einen Deut zu nah!

“Ähm. Ja. Wie auch immer…”, murrte Rist wenig begeistert, doch sah davon ab zu schimpfen “Wo lagert ihr? Wir würden gern mit eurem ‘Boss’ sprechen.”

“Da hinten.”, lispelte Hasenscharte und deutete mit dem unrasierten Kinn gen Osten; dorthin, wo auch die schwarzen nilfgaarder Zelte standen.

“Wir bleiben heute Abend hier und reisen morgen schon wieder ab. Nachts, glaube ich.”, stellte der Mann noch klar “Beeilt euch also, sonst sind wir weg.”

 

Noch bevor sich die Sonne über den weiten Horizont der weiten Steppe gesenkt hatte, kamen die zwei hoffnungsvollen Abenteurer in das Lager der Söldner des Serrikaniers. Ein halbes Dutzend alter Zelte stand hier aufgeschlagen und dies unweit der Nilfgaarder, die immer wieder schiefe oder abschätzige Blicke herüberwarfen. Zwei der Soldaten der Schwarzen passierten die Lagerstätte der schlampigen Mietklingen soeben rüstungsklappernd und rümpften die Nasen angewidert, spotteten leise. Anna konnte die Männer durchaus verstehen und hätte sie den dreckigen Söldnerhaufen nicht für dringende Zwecke gebraucht, hätte sie auch einen weiten Bogen um die Meute gemacht.

“Da sind sie ja!”, grinste Hasenscharte breit, als er die Frau mit dem Schwert an der Hüfte und Hjaldrist entdeckte. Zusammen mit Pisser und einem weiteren, speckigen Krieger hatte er an einem mickrigen Feuerchen gesessen und Fleisch auf Stöcken gebraten, das Anna kaum identifizieren konnte. Sie atmete einmal tief durch und wischte sich über die Stirn. Es wurde zwar Abend, doch es war noch immer nahezu unerträglich schwül und ihr Hemd klebte ihr unangenehm feucht am Kreuz. Ekelhaft. Jedoch konnte man nichts dagegen tun. Zog man sich um, schwitzte man die frische Kleidung in kaum einer halben Stunde schon wieder voll, also hatte sich die unglückliche Novigraderin ihrem Schicksal ergeben und sich dazu entschlossen sich erst dann ein neues Oberteil über den Kopf zu ziehen, wenn die Hitze des Tages der Kühle der Nacht gewichen war.

“Der Boss ist in seinem Zelt.”, meinte die Mietklinge mit den entstellten Lippen und kratzte sich mit einem kleinen, angekohlten Stöckchen, das zuvor noch als Fleischspieß gedient hatte, unter der schief sitzenden Bundhaube. Der Kerl hatte sich nicht erhoben und lungerte weiter vor dem nahen Feuer herum.

“Ja, genau. Da hinten steht es.”, warf Pisser noch von der Seite aus ein und deutete mit einem Fingerzeig in die Richtung des einzigen Zeltes der Runde, über dessen Eingang eine Art klimperndes Mobile aus Knochen und vertrockneten Mistelzweigen hing. Anna’s Augenbraue wanderte unschlüssig hoch. Welchen Zweck hatte dieser vermeintliche Zeltschmuck?

“Danke.”, machte Rist solange und schob seine zögerliche Kollegin weiter “Komm, Anna…”

Zusammen machten sie sich sogleich auf den Weg zu dem Zelt des Serrikaniers und die Hexerstochter war sich sicher, dass nicht nur sie dies mit gemischten Gefühlen in der Magengegend tat. Denn was würde der barsche Hüne mit dem Säbel sagen? Würde er die beiden Monsterjäger mit sich nehmen, um zusammen zu reisen? Er befehligte einen gewöhnlichen Söldnerhaufen, also sprach doch nichts dagegen, dass zwei weitere Krieger, die man prinzipiell kaufen konnte, mit ihm kamen, oder? Man würde sehen.

Bei dem Zelt angekommen, duckte sich Anna unter dem klappernden Knochen-Mobile hinweg und schob die bodenlange Plane der Lagerstätte vorsichtig beiseite.

“Hallo?”, entkam es ihr “Wir kommen rein.”

Und als die Ungeheuerjäger das taten, waren sie, wider Erwarten, nicht beeindruckt. Denn das spartanische Zeltinnere des Mutanten sah nicht viel anders aus, wie man es sich für einen reisenden Söldner vorstellte: Da waren ein alter, schiefer Rüstungsständer aus Holz, Felle am Boden, Decken, und ein wenig Ausrüstungskram. Mehr nicht. Es roch hier nicht nach Kräutern, es lagen keine Trankfläschchen herum und von Trophäen oder ähnlichem fehlte jegliche Spur.

“Ah. Die Kinder…”, drang die raue Stimme des Serrikaniers an Anna’s Ohren heran. Er stand den Reisenden zugewandt da und zog sich soeben die ledernen, fingerlosen Handschuhe aus, um sie lieblos in eine der Zeltecken fallen zu lassen. Erst dann sah er sich nach den Jüngeren um. Er wirkte so desinteressiert, dass es das Potential dazu besaß Anna aufzuwiegeln. Melitele sei Dank war sie aber noch damit beschäftigt sich im Zelt umzusehen, in dessen Dach ein faustgroßes Loch prange.

“Meine Leute haben gesagt, dass ihr beide kommen werdet…”, berichtete der Hexer unbeeindruckt und sein östlicher Akzent war markant “Ich habe euch heute am Marktplatz gesehen.”

Die braunhaarige Alchemistin, die etwas planlos dastand, blinzelte überrascht und schob ihre Gedanken an Balthar’s Zelt beiseite. Unweigerlich hatte sie es nämlich im Kopf mit dem des Serrikaniers vergleichen müssen. Ihr chaotischer Ziehvater hatte immer alles Mögliche dabeigehabt: Auftragszettel, verschiedenste Ingredienzen für spontan braubare Absude, Monsterhörner, undeutbare Dinge in Gläsern, Hexerwerkzeuge, viele Waffen, Dimeritium-Kartätschen, Schnaps. Die junge Anna hatte sich damals immer jammernd Platz schaffen müssen, um sich in Balthar’s Lagerstätte eine kleine Schlafmöglichkeit zwischen Trophäen und halbvollen Fläschchen zu schaffen. Der ‘Boss’ der Mietklingen hier schien jedoch ganz anders zu sein. Viel zu anders.

“Ähm ja.”, meinte die anwesende Frau “Wir haben eine Frage an dich.”

“Ich weiß.”, sagte der gelassene Hexer sofort und wendete sich seinen nervösen Besuchern zu. Seine Miene war hart, doch nicht unfreundlich, und er fuhr sich mit einer Hand nachdenklich durch den schwarzen, geölten Bart.

“Und ich frage mich in dem Zuge, warum ich euch mit mir nehmen sollte.”, gab er zu und betrachtete die beiden Abenteurer abwartend. Jene stutzten und Anna hoffte inständig darauf, dass Hjaldrist gleich wieder irgendwas Kluges sagen würde. Darin war er doch gut.

“Naja…”, fing der besagte Jarlssohn nach einer kurzen Gedankenpause tatsächlich an “Es ist sicherer durch die Wüste zu ziehen, wenn man mit vielen Leuten reist. Und wir haben Waffen.”

“Das ist wahr.”, nickte der Serrikanier “Aber ihr seid zwei Kinder. Inwiefern solltet ihr uns mehr nutzen, als uns ein Klotz am Bein zu sein?”

Anna verengte die Augen leicht und etwas feindselig, doch sagte nichts, obwohl sie zu gerne einen patzigen Protest geschnappt hätte. Rist lächelte schmal und verkniff sich offenbar auch einen dummen Kommentar.

“Mag sein, dass wir jünger sind, als manche deiner Leute. Aber wir sind erfahrener als die meisten von ihnen, das verspreche ich dir.”, befand der Skelliger ehrlich und sah dem Hexer selbstsicher entgegen. Jener schnaufte belustigt, doch grinste nicht.

“So, so.”, machte der Dunkelhäutige zögerlich und hintergründig “Seid ihr das…?”

“Wir jagen Monster und haben schon ziemlich viele davon erledigt! Wir verdienen uns tagtäglich unser Geld damit!”, mischte sich Anna jetzt ein, denn sie konnte und wollte sich einfach nicht mehr zurückhalten. Sie holte Luft, um zu erklären, dass sie und Rist in der Wüste eine enorme Bereicherung seien, sollte die reisende Gruppe auf bösartige Biester treffen, doch der Kämpfer in der abgetragenen Lamellenrüstung unterbrach sie mit einem entnervten Schnauben.

“Es geht mich eigentlich nichts an, Mädchen, was ihr zwei tut oder lasst. Aber euer Spielchen, das ihr treibt, ist gefährlich.”, sagte der kantige Hexer und klang dabei nicht nur unzufrieden, sondern auch mahnend. So, als spräche er hier mit wahrhaftigen Kindern, die irgendetwas abgrundtief Hirnloses angestellt hatten.

“Ihr solltet damit aufhören die Unwissenden zu belügen, indem ihr vorgebt Hexer zu sein. Denn das seid ihr nicht.”, setzte der Schrank von Mann fort und seine kühlen Vipernaugen lagen ruhig und berechnend auf Anna “Ich habe schon einige Leute, wie euch getroffen und nur wenige haben ihre ach so glorreichen, unbedachten Monsterjäger-Abenteuer überlebt.”

“Was?”, atmete die Alchemistin empört. Sie biss die Zähne fest aufeinander und schluckte das klammernde, bedrückende Gefühl hinunter, das sie allmählich beschlich. Die Tatsache, dass sie es noch immer nicht geschafft hatte, eine Kräuterprobe zu finden, die ihr helfen könnte, frustrierte sie nun schon viel zu lange. Ja, wie lang war sie nun schon auf der Suche danach? Seit mehr als fünf Jahren, verdammte Scheiße. Warum hatte sie dieser ostländische Bastard hier gerade jetzt daran erinnern müssen?

“Ich-... WIR sind keine Hexer und geben auch nicht vor welche zu sein!”, tropfte es ihr zäh, wie Kiefernharz von der Zunge und die schmerzlich wahren Worte hinterließen in ihrem Mund einen schalen Geschmack. Anna spürte den wissenden Blick Rist’s an sich kleben und jener gefiel ihr nicht. Sie hasste es, wenn ihr Kumpel sie so… eigenartig mitleidig und bedeutsam ansah. Die Frau ballte die Hände zu Fäusten.

“So? Dann rate ich Euch dazu das gestohlene Amulett abzulegen, Mädchen. Ihr bekommt sonst früher oder später sehr viel Ärger deswegen.”, kritisierte der strenge Serrikanier und die betroffene Kriegerin schluckte schwer. Sie sollte was? Niemals! Erneut holte sie Luft zum Sprechen, suchte nach passenden Worten, doch fand keine. Da war nämlich ein dicker Kloß in ihrem Hals, der es ihr verwehrte zu reden.

“Es ist nicht gestohlen.”, wendete Rist schließlich ein und der Serrikanier ließ die Aufmerksamkeit schweigend auf den Axtkämpfer in der schönen, bestickten Tunika fallen. Hjaldrist räusperte sich leise und sprach weiter, als er so abwartend und eindringlich taxiert wurde.

“Ihr Vater ist ein Hexer. Also… er ist nicht ihr leiblicher Vater. Aber er hat sie zu sich genommen, als sie noch ganz klein war. Wegen irgendeinem Überraschungs-Gesetz.”, erklärte der Mann von den Inseln und machte sich hier einmal mehr für seine beste Freundin stark “Er hat sie großgezogen und sie unterrichtet. Daher kennt sie sich mit Monstern aus und hat mir auch vieles darüber beigebracht. Wir jagen schon seit Jahren und das wirklich erfolgreich. Wir sind keine Lügner.”

Der Serrikanier hatte keine allzu vielseitige Mimik. Doch nun, da sah man tatsächlich, wie sich ein Funken Verblüffung auf sein gegerbtes Gesicht stahl. Seine Katzenaugen wanderten von Hjaldrist fort und zurück auf Anna, die es mittlerweile wieder schaffte ruhiger zu atmen. Die Kurzhaarige musterte ihren skellischen Gefährten soeben dankbar und war heilfroh über dessen Anwesenheit. Gleichzeitig versuchte sie eine nagende Trauer über den spärlichen Fortschritt hinsichtlich ihres Lebenszieles aus ihrem Hinterkopf zu vertreiben, indem sie krampfhaft versuchte an irgendetwas Schönes zu denken. An Speck-Pfannenkuchen oder lauschige Trink-Abende mit Rist zum Beispiel. Oder an Katzenkinder. Ihr dicker Kater Rufus war damals wirklich ein süßes Kätzchen gewesen. Anna blickte nachdenklich zur Seite, lächelte verhalten.

“Wir sind keine Hexer, ja, aber das heißt nicht, dass wir dumm oder schwach sind.”, endete Rist seine klare Ansprache bestimmend “Wir sind zu zwei so gut wie einer von den wahren Vatt’ghern!”

Gähnendes Schweigen legte sich daraufhin über die Köpfe der drei Anwesenden im Zelt, in dem die Hitze unangenehm stand. Irgendwo summte eine Fliege laut und von draußen konnte man jemanden vernehmlich rülpsen hören. Ein paar Männer lachten daraufhin begeistert und klatschten in die Hände.

Irgendwann brach Anna die ungute Stille dann, denn der gedankenvoll starrende Serrikanier sagte nichts mehr und ihr war es einfach zu dumm sich hier noch weiter zu rechtfertigen. Sie atmete flach durch die Nase aus, hatte die Schnauze voll.

“Lass uns gehen, Rist.”, forderte die matte Trankmischerin knapp auf “Das bringt hier nichts. Wir kommen auch ohne diese Arschlöcher nach Serrikanien.”

Der Ausdruck der schmalen Frau war ernüchtert, als sie den geduldigen Undviker anblickte, der lethargisch mit den Schultern zuckte. Und sie wollte sich schon abwenden, um zu gehen, als der muskelbepackte Hexer das Wort noch einmal ganz unverhofft an sich riss.

“Ich verstehe.”, meinte er in seinem harten Dialekt, doch durchaus freundlich “Und ich entschuldige mich daher bei euch.”

Anna hielt inne und man sah auch, wie sich Hjaldrist verwundert nach dem einsichtigen und augenscheinlich ehrenvollen Krieger umsah. Was hatte jener da gerade gesagt?

“Man begegnet heutzutage vielen Betrügern. Sie sollten mir einerlei sein, zumal ich nichts mehr mit den Zünften zu schaffen habe. Doch sie gefährden durch ihre Nachsicht und ihren Irrsinn Menschenleben. VIELE Leben.”, erklärte der große Mann “Vor vierzig Jahren sah ich, wie ein ganzes Dorf wegen solch einem Scharlatan ausgelöscht wurde. Dieser Kerl, der sich als Vatt’ghern ausgab, lockte eine Riesenechse, einen uralten Königswyvern, in den kleinen Ort. Dies, weil er panisch vor dem Drakoniden floh. Die Dörfler hatten keine Chance gegen das wütende Biest und als ich dort ankam, säumten zerrissene Leichen meinen Weg.”

Wieder tat sich eine unangenehme Stille zwischen den Anwesenden auf. Hjaldrist warf der sprachlosen Anna einen ernsten Blick zu.

“Daher halte ich nicht viel von Schwindlern, die sich als Leute der Zünfte ausgeben.”, endete der Serrikanier nach seiner Kunstpause “Aber ich lag bei euch wohl falsch.”

“Ja. Lagt Ihr.”, murrte Anna leise.

“Man trifft nicht jeden Tag ein Mädchen, das in einer der Schulen groß geworden ist. Oder eher: Ich bin in meinen neunzig Lebensjahren noch überhaupt keinem begegnet.”, fiel es dem Hünen noch ein “Verzeiht mir meinen Irrtum also.”

Die nun hin und her gerissene Alchemistin zog die Brauen zusammen und ihre braunen Augen wanderten ein wenig, als sie nachdachte. Ihre Schultern sanken ein Stück weit und sie wirkte dadurch wieder entspannter, als noch wenige Momente zuvor. Längst hatte Anna ihre Finger nicht mehr zu Fäusten geballt. Ein nachgiebiges Seufzen entkam ihr.

“Passt schon.”, sagte sie trocken und vergab dem Hexer damit schlicht. Denn sie erinnerte sich an die gut gemeinten Worte ihres besten Freundes. In Vizima, als sie ihre Kleidung im kleinen Zulauf des Sees vor der Stadt gewaschen hatten, hatte Hjaldrist ihr dazu geraten lockerer zu sein und nicht immer in allem und jedem den Feind zu sehen. Und so starrsinnig und stolz Anna auch war, so bedeutete ihr die Meinung ihres schlauen Lieblingsskelligers sehr viel. Sie zeigte es vielleicht selten bis nie, doch sie sah ein, dass sie oftmals auf ihn hören sollte.

Man hörte, wie der besagte Axtkämpfer leise durchatmete und er schenkte seiner Freundin ein mildes Lächeln.

“Also…”, brummte Anna weiter und richtete den Blick auf den bärtigen Serrikanier zurück “Können wir morgen mit euch kommen?”

“Hm.”, machte der Mann mit dem langen, schartigen Säbel und verschränkte die Arme vor dem breiten Oberkörper. Er betrachtete die beiden kleineren Abenteurer nach wie vor kritisch und dies noch einmal von oben bis unten. Er wusste wohl noch immer nicht so recht, was er von ihnen halten sollte.

“Ich komme gleich zum Punkt: Meine Männer sind nicht allzu leicht zu kontrollieren, obwohl sie simpel sind. Und Ihr seid eine Frau. Ich mag meine Kumpane zwar, doch sind sie auch ein dreckiger Haufen, der nicht weiß, was Anstand ist.”, legte der skeptische Katzenäugige seine Meinung direkt dar “Muss ich Euch das weiter erklären?”

“Nein.”, Anna verzog den Mundwinkel sogleich angewidert, als sie dies murmelte “Müsst Ihr nicht.”

“Es wird ihnen egal sein, dass Ihr Euren Raben dabeihabt.”, setzte der Hexer fort und schmatzte unzufrieden “Wenn ihr damit zurechtkommt und Euch nicht fürchtet, dann begleitet uns. Ich habe Euch aber gewarnt und werde nicht Eure Leibwache mimen.”

Hjaldrist runzelte die Stirn und beäugte den offenen Serrikanier verwirrt, während die Frau aus Novigrad verächtlich und gleichzeitig amüsiert schmunzeln musste. Auch sie verschränkte die Arme nun vor der Brust und straffte die Schultern, als sie demonstrativ mit den Augen rollte.

“Die sollen nur mal versuchen mich anzutatschen.”, machte sie selbstbewusst und lachte kurz.

“Was meinst du denn mit ‘Rabe’?”, sprach Rist derweil unwissend, doch interessiert dazwischen und zeigte damit, dass er sich, so wie Anna, keine Sorgen der gierigen, notgeilen Söldner wegen machte. Schlussendlich wusste er, wozu seine laute Freundin in der Lage war und dass sie es gut mit irgendwelchen sabbernden Mietklingen aufnehmen könnte. Außerdem gab es ihn, das Aard auf zwei Beinen, ja auch noch und nie im Leben hätte er es zugelassen, dass irgendein schmieriger, verlauster Kämpfer seine Begleiterin antatschte.

Der dunkelhäutige Serrikanier zeigte nach Hjaldrist’s Frage etwas, das weit entfernt an ein Lächeln erinnerte. Es erreichte seine dunklen Augen, wie erwartet nicht und so kalt dieser Mann wirkte, konnte man erahnen, dass er den Großteil seiner Emotionen durch die Kräuterprobe verloren haben musste.

“Da, wo ich herkomme, bezeichnet man einen Seelenpartner als seinen ‘Hasham’, einen Raben.”, klärte der Bärtige bedächtig auf “Dies kommt von einer uralten Legende Ophirs, die alle Generationen überlebt hat. Darin ist von zwei schwarzen Vögeln die Rede, die bis zu ihrem Ende zusammen flogen. Egal, welche Widrigkeiten sie je erfuhren, sie bleiben stets beisammen.”

Anna’s Gesichtsausdruck entgleiste während dieser Erläuterung in eine verdatterte Richtung, während Rist’s Blick abrupt sank.

“Oh.”, machte der Jarlssohn leise und seine Freundin wollte schon irgendetwas Abwehrendes stammeln. Stattdessen entkam ihr nur ein perplexer Laut.

“Aber wie auch immer. Ich erzähle euch die Geschichte vielleicht einmal, solltet ihr euch tatsächlich dafür entscheiden mit uns nach Osten zu gehen. Und wenn mir zuvor von Eurem Hintergrund bei den Wölfen berichtet.”, versprach der offenkundig neugierige Ostländer mit dem schwarzen Bart und der Glatze “Wir reisen morgen Abend ab und marschieren ab dann bis zur Morgendämmerung. Nachts ist es in Korath erträglicher, als tagsüber.”

“Ver-verstanden…”, murmelte die Hexerstochter, die von dem Vergleich mit den zwei Raben noch immer ein wenig betreten anmutete. Aus dem Augenwinkel linste sie zu Hjaldrist hin, der das Standbein unruhig wechselte und die Hände in den Taschen vergrub. ‘Seelenpartner’, hm? Naja, wenn man die enge Freundschaft betrachtete, die die beiden Abenteurer pflegten, konnte man sie beide schon als seelenverwandt ansehen, oder? Von Anfang an hatte es sich so angefühlt, als kenne Anna den dunkelhaarigen Skelliger schon seit einer Ewigkeit. Außerdem teilten sie alles und beendeten manchmal gar die Sätze des jeweils anderen. Gut, Rist tat das vielleicht, weil er Gedanken lesen konnte, der Arsch, aber bei der Novigraderin passierte das einfach so. Es war unerklärlich und manchmal sogar ein wenig gruselig. Ein leichtes Lächeln zog unweigerlich an ihren trockenen Lippen. Sie sah auf, von ihrem schweigenden Kumpan fort, und atmete durch. Dann richtete sie ihr Wort ein letztes Mal an den Hexer, der sich selbst vielleicht gar nicht mehr als solch einen Monsterjäger sah.

“In Ordnung. Wir werden morgen Abend hier sein, bevor die Sonne untergegangen ist.”, entschloss Anna und tauschte noch einen kurzen, prüfenden Blick mit Hjaldrist aus. Jener nickte zustimmend und lächelte schon wieder knapp, doch vorfreudig.

“Gut.”, antwortete der harte Mutant aus der Wüste abschließend “Denn wir werden nicht auf euch warten, solltet ihr zu spät sein.”

 

Anna und Hjaldrist kamen am folgenden Abend nicht zu spät. Nach einer viel zu langen Nacht in Enes’ Jurte und einem ermattenden Tag in dem kleinen Örtchen vor der Korath-Steppe, kamen sie nun zu den abreisebereiten Söldnern, die ihre Pferde soeben sattelten und ihr letztes, spärliches Gepäck verstauten. Der große Hexer im Bunde bemerkte die beiden Abenteurer natürlich als erster und hob den Kopf, um die beiden kurz zu mustern. Der emotionskalte Mann sagte nichts, nickte der Novigraderin und ihrem besten Freund nur einmal zum Gruß zu und wendete sich dann wieder seinem schwarzen Rappen zu. Das Pferd mit der geflochtenen Mähne war schön und wartete geduldig, bis sein Herr seine großen, punzierten Satteltaschen geschlossen hatte. Auch die anderen Mietklingen am Platz blickten nun her und nicht wenige von ihnen grinsten auf eine Art und Weise, die Anna nicht besonders gefiel. Doch sie sagte und unternahm nichts dagegen, ignorierte die stinkende Meute bloß und strafte sie damit. Sie sah sich nach Rist um, der Apfelstrudel hinter sich herführte und den forschenden Blick kurz schweifen ließ. Die Dämmerung brach langsam an und die Monsterjäger hatten sich den Tag über ausgeruht, um für die anstehende Nachtwanderung bereit zu sein. Die Alchemistin mit der fuchsbraunen Strähne hätte nachmittags ja gerne ein paar Stunden geschlafen, doch die elende Hitze hatte ihr dies verwehrt und hatte gegen jegliche Erholung gestanden. Vielleicht käme Anna während dem kommenden Ritt ja noch dazu zu Dösen. Sie saß mit auf Hjaldrist’s Wallach und nachdem der Skelliger die Zügel in den Händen halten würde, hätte sie selbst nicht allzu viel zu tun. Vielleicht könnten sie beide sich ja gar abwechseln und wenn Rist müde werden würde, würde Anna das Lenken Apfelstrudels übernehmen. Ja, das klang doch gut.

“Wir nehmen den direkten, östlichen Weg.”, richtete der Serrikanier seine Worte gleich an die abmarschbereite Gruppe, die aus etwas mehr als einem Dutzend Söldnern und deren beiden Begleitern aus Undvik und Novigrad bestand. Ein Zwerg befand sich unter den kaufbaren Kriegern, der seine Axt lässig schulterte und Essensreste im roten Bart hängen hatte.

“Ihr folgt mir und entfernt euch nicht zu weit von der Truppe, verstanden?”, beschloss der Hexer und ein paar der ruppigen Kerle am Platz nickten oder murmelten Zustimmung.

“Nachts ist es in der Steppe zwar angenehmer und die Hitze stellt keine Bedrohung mehr dar, doch einige nachtaktive Biester sind äußerst gefährlich. Bleibt also stets aufmerksam.”, setzte der Hüne mit dem alten Säbel fort und seine goldenen Katzenaugen wanderten über die versammelten Leute, ehe sie an der abwartenden Anna hängen blieben. Die Frau blinzelte fragend.

“Das Mädchen hier wird euch alarmieren, sollte sich ein magisches Wesen in der Nähe befinden. Nehmt sie also ernst, wenn sie euch zu etwas rät.”, meinte der ostländische Krieger mit der dunklen Haut und erst jetzt verstand die Schwertkämpferin, was der Hexer meinte: Ihr Medaillon. Es überwältigte sie ein wenig, dass er sie mit einbezog und seinen wilden Männern befahl auf sie zu hören. Das hatte Anna nicht erwartet. Leise räusperte sich die Angesprochene, um die Kehle frei zu bekommen.

“Mein Name ist übrigens Anna.”, machte sie ein wenig brummig, denn sie wollte nicht als ‘das Mädchen’ betitelt werden “Und das ist Rist. Er kennt sich auch mit unnatürlichen Dingen aus.”

Die erfahrene Alchemistin deutete mit dem Kinn flüchtig gen Hjaldrist, der sich augenblicklich ein klein wenig versteifte. Dann nickte er jedoch langsam und atmete einmal durch.

“Hallo.”, machte der Mann, der sich auch unheimlich gut auf die Ungeheuerjagd verstand, knapp.

“Kommt uns nicht blöd und wir werden auf unserer gemeinsamen Reise gute Kollegen sein, auf die man bauen kann.”, schloss die Novigraderin in der gestreiften Jacke und in ihrem Unterton lag eine stumme, doch ernsthafte Drohung. Der hünenhafte Serrikanier nickte ihr auf diese bestimmende Meldung hin anerkennend zu und auch Rist lächelte schmal. Doch etwa die Hälfte der verdreckten Söldner am ehemaligen Lagerplatz maßen die Frau mit grimmig-amüsierten Blicken. Na toll. Sie stöhnte entnervt und entschloss sich dazu es erst einmal bleiben zu lassen diese stupiden Männer ermahnen zu wollen. Sie gehörten nämlich sicherlich zur Sorte Mensch oder Zwerg, die Warnungen erst am eigenen Leib spüren mussten, bevor sie eine weibliche, jüngere Kollegin ernst nahmen. Oh, und das würden diese Typen auch, sollten sie Anna zu nah kommen oder Hjaldrist verspotten wollen!

“Also gut. Da wir dies besprochen hätten…”, sagte der Serrikanier rau und gestikulierte kurz in die Richtung des östlichen Horizonts, der soeben die letzten orangen Sonnenstrahlen verschluckte. Es war ein stiller Befehl endlich loszureiten.

 

*

 

Es vergingen fünf Tage, in denen die Gruppe nur nachts reiste und tagsüber rastete. Es waren quälende Tage, in denen man sich über jeden noch so kleinen Flecken Schatten der rostbraunen, steilen Berge und Felsen der dürren Korath-Steppe freute und es bedauerte, dass man gut mit dem Wasser in den Trinkschläuchen haushalten musste. Der nicht sonderlich gesprächige Hexer im Bunde, der sich unlängst mit dem Rufnamen ‘Skorpion’ vorgestellt hatte, war der einzige, der selten erschöpft wirkte. Er war arge Hitze gewöhnt, kam schlussendlich aus Serrikanien und hatte Korath eigenen Angaben zufolge schon sehr häufig durchquert. Das ab und an sogar alleine. Hätte er nicht sechzehn schwitzende Kämpfer bei sich gehabt, die nach stundenlangen Ritten einfach nicht mehr konnten und rasten mussten, wäre er sicherlich auch noch am Tag weitermarschiert, dessen war sich Anna mittlerweile sicher. Skorpion war ein richtig harter Hund.

“Nichts, als Sand, soweit das Auge reicht…”, murmelte die staunende Alchemistin, als sie sich hinter einem großen, schattenspendenden Felsen vorlehnte, um mit geschürzten Augen in die Ferne sehen zu können. Sie hatten den Rand der kargen Steppe erreicht und langsam ging das steinige, zerklüftete und rote Land Koraths in die plane Wüste Serrikaniens über. Die heiße Luft über dem Grund waberte und flimmerte gespenstisch und es ging kein Lüftchen. Es war grauenvoll trocken und Anna fuhr sich mit zwei Fingern in den locker geschnürten Kragen, um jenen noch weiter auf zu ziehen. Ein paar Söldner, die ihr und Hjaldrist gegenübersaßen und Pause machten, reckten die Hälse und hofften der halb abgewandten Kurzhaarigen bald hungrig in den geweiteten Ausschnitt spähen zu können. Der aufmerksame Jarlssohn der Runde verengte die Augen kritisch, als er dies bemerkte, doch sagte nichts. Stattdessen antwortete er seiner Freundin, die noch immer der weiten, goldbraunen Wüste entgegensah.

“Auf Skellige gibt es einen einzigen Strand, der auch solch einen feinen Sand hat, wie die Dünen da vorne...”, erzählte er ihr “Auf Hindarsfjall. Ich war ein einziges Mal dort. Das als Kind und während mein Vater irgendetwas mit den Freya-Priesterinnen der Insel besprechen musste. Meine Mutter war auch dabei. Sie hat den Strand der weißen Küste geliebt. Im Gegensatz zu dem Sand Serrikaniens ist der auf Hindarsfjall völlig weiß, musst du wissen. Ich weiß nicht wieso. Vielleicht wegen dem Kalk im Gestein...”

Anna sah von der Seite aus zu ihrem redseligen Kumpel hin und musste schwach lächeln. Sie konnte sich selten an irgendwelche Geschehnisse aus ihrer Kindheit in Novigrad erinnern. Sie war dafür schlicht zu jung gewesen und hatte daher eher ihre Jugend in Kaer Morhen im Kopf. Doch sie mochte triviale Geschichten von früher sehr und lauschte ihrem Kumpan immer wieder gerne, wenn er von sich erzählte.

“Haldorn und ich hatten es den Priesterinnen des Tempels ziemlich angetan… eine der Novizinnen begleitete uns zum Sandstrand und wir spielten dort zusammen. Mein Bruder hat mit seinen bloßen Händen solch ein tiefes Loch gegraben, dass er am Ende des Tages darin stehen konnte und nurmehr sein Kopf herausragte.”, schmunzelte Rist und sah der sandigen Weite nostalgisch entgegen “Ich habe ihn darin bis zu den Schultern eingegraben und bin dann weggerannt.”

Anna entkam bei dieser Vorstellung ein amüsiertes Lachen.

“Wie gemein.”, kicherte sie und der Skelliger lachte ebenso leise in sich hinein.

“Kinder eben.”, rechtfertigte er sich und Anna fand es schade, dass sie selbst  quasi als Einzelkind aufgewachsen war “Es hat mir sehr schnell ziemlich leidgetan. Haldorn hat lauthals geheult und die arme Freya-Novizin musste ihn wieder ausbuddeln.”

“Gut, dass die Flut davor nicht kam.”, grinste die Alchemistin mit dem schief sitzenden Hemd, die am Boden saß, und Hjaldrist neben ihr lachte auf.

“Bei Hemdall, ja.”, machte er nickend und musste den Kopf über sein eigenes, kleines Ich schütteln. Der Mann, dessen Haut an Wangen und Nase von der beißenden Sonne der letzten Tage gerötet war, suchte Blickkontakt zu Anna.

“Haldorn durfte mich für meine Missetat einmal feste hauen.”, erklärte er “Danach waren wir quitt und es war so, als sei nie etwas gewesen.”

“Tse.”, lächelte die braunhaarige Trankmischerin wissend “Wie die großen Skelliger, hm? Hauen sich gegenseitig aufs Maul und trinken danach ein Bier zusammen.”

“Ja, genau.”, bestätigte der Krieger im grünen Rock und lächelte heiter.

“Vermisst du ihn denn?”, hakte Anna nach einer kurzen Pause nach und sah, wie die Miene ihres Gegenübers in eine fragende Richtung verrutschte. Der konfrontierte Mann hob die Augenbrauen ein Stück weit wirr an.

“Haldorn?”, wollte Rist zögerlich wissen und sein irritiertes Gesicht wurde ernster, als die jüngere Novigraderin zur Antwort nickte.

“Ja… und deine Eltern.”, ergänzte die aufrichtig interessierte Frau ihre vorige Frage. Der Jarlssohn wich ihrem Blick spätestens jetzt aus und zog die Brauen nachdenklich zusammen. Ein unschlüssiges Seufzen entkam ihm.

“Manchmal.”, gab er zu und seine Stimme war längst gesenkt. Schlussendlich wollte er doch sicher nicht, dass Skorpion’s Söldner alles mithörten “Jedenfalls meine Mutter und die Geschwister. Die vermisse ich.”

“Du bist noch immer beleidigt auf deinen Vater?”, wollte die neugierige Anna wissen und fragte, weil sie wusste, dass SIE dies durfte. Rist wäre nicht böse auf sie, sollte sie mit ihrem Nachhaken zu weit gehen.

“‘Beleidigt’ ist vielleicht nicht das beste Wort…”, murmelte der Schönling leise “Er hat mich zutiefst gekränkt und das vor allen Leuten. Mhm, gekränkt. Das trifft es eher. Und nach der Sache mit den Schatten und, naja, alldem kann er mir wirklich gestohlen bleiben.”

Hjaldrist benutzte die Worte ‘Jarlsschatten’ oder ‘Skrugga’ ganz bewusst nicht. Denn die Anwesenheit der Mitreisenden mit den gespitzten Ohren war ihm durchaus gewahr. Also blieb er vage und erinnerte ebenso nicht an seine damalige, verheerende Entführung, da er wusste, dass Anna so und so verstehen würde. Und das tat sie sogar in mehrerlei Hinsicht, als sie ihren Freund längst nicht mehr belustigt ansah. Die Mimik der burschikosen Frau war verständnisvoll und ernst.

“Nachvollziehbar.”, meinte sie mitleidig und wusste, wie sich ihr Kollege fühlen musste. Sie selbst war, so wie er, auch immer wie ein Schwächling behandelt worden. Wie ein kleines, dummes Kind. Was dies anging, waren sie beide sich sehr ähnlich.

“Aber weißt du was?”, setzte Anna gutmütig fort und haschte damit unerwartet nach der ungeteilten Aufmerksamkeit Hjaldrists. Fragend sah er sich wieder zu ihr um.

“Was denn?”, machte der Axtkämpfer.

“Scheiß auf dumme Eltern. Wir zwei und Apfelstrudel sind doch auch so etwas, wie eine kleine Familie.”, wollte die Trankmischerin ihren besten Freund aufheitern und dies schien auch zu klappen. Denn als die grinsende Kriegerin das gebäckfarbene Pferd Rists in diesem Zug ansprach, musste der stutzende Undviker schon wieder lachen. Sein ganzer Ausdruck hatte sich abrupt gelichtet und er gluckste heiter.

“Ja…”, stimmte er zu und Anna strahlte erleichtert “Das sind wir wohl.”

 

Es vergingen zwei weitere, harte Nächte des ununterbrochenen Reisens, in denen die Gruppe es einmal mit drei wahrhaftigen, braunen Riesenspinnen der Wüste zu tun bekommen hatte. Zudem hatte sich Anna bei einer ihrer täglichen Wachschichten dazu gezwungen gefühlt eine der Mietklingen Skorpions zu verprügeln. Der, den man ‘Rotze’ nannte, weil seine geschwollene Nase ständig lief, hatte die Kurzhaarige herrisch am Oberarm gepackt und sie harsch auf seinen Schoß zerren wollen. Es hatte nicht lange gedauert, da hatte er sich stattdessen schmerzlich stöhnend und schniefend im heißen Sand gewunden, weil er einen heftigen Tritt zwischen die Beine kassiert hatte. Anna hatte noch zweimal ordentlich nachgetreten und so laut geschimpft, dass sie das gesamte Lager damit aufgeweckt hatte. Nun, in der dritten Nacht wagte sich Rotze kaum mehr in die unmittelbare Nähe der schnippischen Alchemistin aus Novigrad. Zudem schienen die anderen Kerle sie nun auch zu respektieren. Das war gut. Anna war sich demnach sicher, dass keiner dieser stinkenden Narren je mehr auf die Idee käme, ihr an den Hosenbund zu wollen. Pisser und Hasenscharte hatten gestern gar laut gelacht und sie als ‘männlicher, als so manchen Kollegen’ bezeichnet. Sie hatte dies einfach einmal stirnrunzelnd als Kompliment aufgenommen und das schiefe, störend breite Grinsen Hjaldrists derweil ignoriert. Ach, es war manchmal nicht so leicht als einzige Frau in einer großen Runde von Kerlen zu reisen. Sie konnte sich nur damit trösten, dass sie sich das Pferd mit dem einzigen von jenen teilte, der nicht zum Himmel miefte, keine Läuse hatte und auch nicht permanent laut rülpste oder furzte.

“Woher kommt dein Rufname eigentlich?”, fragte Rist Skorpion, als er neben jenem her ritt. Anna saß hinter ihrem älteren Kumpel auf dem trottenden Apfelstrudel und hatte den Kopf erschöpft an die Schulter des Skelligers gelehnt. Sie war von der sengenden Hitze des vergangenen Tages völlig am Ende, doch konnte einfach nicht schlafen.

“Hm?”, hörte die kurzhaarige Frau, die die Augen niedergeschlagen hatte, den Hexer brummen “Mein Name?”

“Ja. Ich frage mich schon die ganze Zeit, woher er stammt. Bestimmt gibt es dazu eine Geschichte.”, gab Hjaldrist ganz offen zu und es erinnerte die schweigsame Trankmischerin daran, dass er sich ihr früher einmal als ‘Felsen’ vorgestellt hatte, weil er im Faustkampf so gut einsteckte. Entfernt konnte man die gescheckten Dünenhyänen bellen hören, die sich nur nachts aus ihren dunklen Bauten heraustrauten, für die große, schwer bewaffnete Reisetruppe aber keine wirkliche Bedrohung darstellten.

“Du magst Geschichten.”, stellte Skorpion ohne jegliche erkenntliche Regung fest.

“Äh… naja, ja, schon. Aber wer mag die nicht?”

Der bärtige Mutant mit dem harten Akzent gab einen leisen, annähernd amüsierten Laut von sich. Dann schwiegen die zwei Männer eine kleine Weile, ehe sich Skorpion tatsächlich dazu entschloss weiter zu sprechen.

“Der Name kommt aus einer früheren Zeit…”

“Aus der, als du dich noch als Vatt’ghern gesehen hast?”, fragte der kluge Undviker wagemutig und Skorpion murrte “Das tust du heute nicht mehr, hast du gemeint. Du trägst ja nicht einmal ein Hexeramulett bei dir, obwohl diese Dinger echt praktisch sind.”

“Das ist alles richtig, Junge.”

“Und warum hast du deiner Berufung entsagt?”

“Das geht niemanden etwas an, tut mir leid.”

“Verstehe.”

Wieder ein kurzweiliges Schweigen. Anna öffnete die müden Augen und hob den Blick leicht an. Die relativ kühle Nachtluft strich ihr wie eine lang ersehnte Wohltat über die Wange. Es war schon verwunderlich, wie markant die Temperatur hier nachts abfiel.

“Darf ich wenigstens fragen, zu welcher Schule du gehört hast?”, plapperte Rist bald weiter “Ich habe gehört, es gibt im Osten eine Schule des Löwen. Jedenfalls hat das ein Bekannter vor Korath erzählt.”

Wieder vernahm man dieses bereits gewohnte, freudlose und doch irgendwo belustigte Schnaufen des bemerkenswert bedächtigen Serrikaniers.

“Schule des Löwen?”, fragte jener “Damit liegst du knapp daneben, Junge. In Serrikanien gibt es die Zunft des Mantikors. Aber, nun gut, diese Wesen sind immerhin zum Teil ein Löwe.”

“Oh…”

“Und zu dieser Schule zählte ich mich einst. Aber das ist schon lange her...”

Nun hob Anna den Kopf mit den verwuschelten Haaren, um über die Schulter ihres besten Freundes zu Skorpion hin zu sehen, denn ihr Interesse war definitiv geweckt worden. Sie wollte schon Luft holen, um eine Frage zu schnappen, da redete das Katzenauge weiter.

“Zwei meiner Brüder der Zunft gaben mir meinen Namen, als wir in einer Schänke zusammen tranken und spielten. Sie selbst betitelten sich als ‘Fledermaus’ und ‘Löwe’. Es war ein blöder Einfall von Saufnasen, ein Scherz. Aber am Ende behielten wir diese Spitznamen…”, erklärte Skorpion langsam “Sie wurden zum Ausdruck unserer engen Freundschaft.”

Hjaldrist entkam ein langgezogenes ‘Ahhh’, das der großen Erleuchtung, die ihn gerade überkam, Ausdruck verlieh. Und auch die schlaue Anna verstand sofort, was es mit den Namen der drei Hexer auf sich hatte: Ein Mantikor war ein Monster, das einen Löwenkörper, Fledermausflügel und den Schwanz eines Skorpions besaß. Und die drei besagten Krieger waren Mitglieder der Mantikor-Schule gewesen. Vielleicht waren es die anderen beiden, Löwe und Fledermaus, ja sogar noch.

“Ihr drei standet euch wohl sehr nah.”, stellte Hjaldrist nett fest und die spähende Anna sah, wie Skorpion nickte.

“Wir waren die drei einzigen, die das Ritual der Kräuterprobe als Kinder überlebten.”, klärte der Mutant auf und richtete den nichtssagenden Blick in die weite Ferne vor sich “Als wir dafür vorbereitet wurden, waren wir achtzehn Jungen.”

Die stille Alchemistin aus Novigrad spürte, wie Rist vor ihr im Sattel leicht zusammenzuckte. Der Jarlssohn drehte Skorpion den Kopf nun starrend zu und bestimmt machte er ganz große Augen. Die Hexerstochter konnte dies von ihrer Position aus nicht ausmachen.

“Fünfzehn… fünfzehn von euch starben durch die Probe…?”, wollte er fassungslos wissen und Anna spürte, wie ein unerklärlich schlechtes Gewissen mit gierigen Klauen nach ihr grapschte. Beinah schon kleinmütig senkte sie den Blick sofort, weil sie genau wusste, woran ihr treuer Kumpel nun dachte. Um dies zu ahnen, musste sie nicht, wie er, Gedankenlesen können: Bestimmt fragte Hjaldrist sich just, wie er seine beste Freundin in Zukunft davon abbekäme weiterhin Gifte zu schlucken. Wie er sie vor ihrem angestrebten Lebensplan, der mit eventuellem Selbstmord Hand in Hand ging, ‘retten’ könnte. Doch jegliche Bemühungen dahingehend wären vergebens. Anna schluckte trocken und legte den Kopf lieber wieder an die Schulter ihres Freundes. Gerade, da wollte sie nicht angesprochen werden.

“Ja, fünfzehn von uns starben. Und daher fühlte ich mich meinen beiden Brüdern gegenüber auch so sehr verbunden. Verstehst du das?”

Hjaldrist nickte nur noch. Vielleicht hatte es ihm die Sprache verschlagen und er musste erst verarbeiten, was der kalte Serrikanier gerade so direkt von sich gegeben hatte. Anna schwieg ebenso betreten. Und sie entschloss sich dazu keine weiteren Fragen zu stellen, sondern einfach die Klappe zu halten. Jedenfalls hier und jetzt. Sie hätte später noch genug Zeit, um mit dem glatzköpfigen Ostländer zu reden.

“Wie… läuft die Kräuterprobe denn ab…?”, fragte der wissbegierige Skelliger jetzt auf einmal ohne große Scham. Offensichtlich wollte er die günstige Gelegenheit nutzen, in der Skorpion so ungewohnt offen mit ihm war. Anna rührte sich kein Stück mehr, doch horchte aufmerksam.

“Das weiß ich nicht…”, bedauerte der hünenhafte Serrikanier lasch “Für gewöhnlich erinnert man sich als Kandidat der Zünfte nicht daran, da die Prozedur wie ein heftiger Schock ist, ein Trauma. Jedenfalls erklärte mir mein Mentor dies so.”

“Es ist so schlimm, dass man seine Erinnerungen daran verliert?”, murmelte Hjaldrist weiter und an diesem Punkt angelangt wünschte sich die durchaus wache Trankmischerin hinter ihm, er möge den Mund halten.

“Ja.”, entgegnete Skorpion gleichgültig “Ich verlor beinahe mein gesamtes Gedächtnis bis zu dem Tag, an dem ich nach der Kräuterprobe aufwachte. Alles, was davor geschah, ist bis heute sehr lückenhaft. Doch das ist vermutlich gut so. Man vergisst nicht ohne Grund.”

“Bei Freya’s Titten…”, atmete der Undviker in dunkler Vorahnung. Es war klar, dass er nicht wollte, dass seine beste Freundin jemals ihre gesammelten Erinnerungen verlor. Ja, was, wenn sie sogar Hjaldrist und ihre gemeinsame Zeit jemals vergessen würde? Eine bedrückende Frage, die sich Anna soeben auch stellen musste und es fühlte sich an, als trinke sie einen Eimer voller klirrend kaltem Eiswasser in einem Zug aus. Flach atmete sie aus und sah stumm vor sich hin, als sich ihr die Eingeweide zu verdrehen drohten. Sie wollte Rist und alles, was sie zwei je zusammen erlebt hatten, niemals vergessen.

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