Kapitel 72

Mähne, Stachel und Schwingen

Anna saß zwar im schützenden Schatten eines breiten Felsens einer verstreuten Steinformation, dennoch war es unerträglich heiß in der offenen Wüste Serrikaniens. Die Frau trug bloß Hose, offene Stiefel und Hemd und hatte sich eines ihrer hellen Ersatzhemden über den Kopf gelegt, um die Augen vor der blendenden Sonne zu schützen, während sie schrieb. Auf ihren angezogenen Beinen lag ein ledergebundenes Büchlein, das sie nun schon seit geraumer Zeit gedankenverloren bearbeitete. Und während Skorpion unweit stand und die vor Hitze flimmernde Gegend wachsam überblickte, schlief der größte Rest der Gruppe oder döste zumindest. So handhabten sie es immer: Zwei Leute hielten tagsüber die Augen offen und dies jeweils für zwei bis drei Stunden. Und bei Anbruch der Nacht reisten sie weiter.

Hjaldrist lag irgendwo neben der nachdenklichen Hexerstochter im Schatten, der sich immer weiter gen Westen streckte. Bevor der abgekämpfte Skelliger sich vor einiger Zeit hingelegt hatte, hatte er sich mit den Händen eine flache Mulde in den weichen, goldenen Sand gegraben. Der anwesende und erfahrene Hexer der Truppe hatte ihm dazu geraten, denn grub man dessen Worten zufolge ein wenig, wurde der heiße Untergrund schnell etwas kühler und auch feuchter. So lag es sich angenehmer, wenn man sich von der Reise erholen wollte. Mit der angefeuchteten Tunika über dem Gesicht und Erlklamm so weit griffbereit neben sich, dass er schon beinah mit der Waffe kuschelte, schlief der Jarlssohn also. In den letzten Tagen hatte er offenbar kein einziges Mal schlecht geträumt, so schien es. Die langen und sehr harten Märsche und Ritte durch die dürre Steppe und den unebenen Wüstensand, hatten ihn bestimmt jedes Mal so sehr erschöpft, dass er auch heute wieder schlief, wie ein Stein. Er machte seinem alten Straßenkampfnamen ‘Felsen’ also auf ein Neues alle Ehre, wenngleich auch auf andere Weise, als früher. Das war ungewöhnlich, doch Anna war wahrlich heilfroh darüber. Sie hatte nämlich nur wenig Lust darauf dem stupiden Söldnerhaufen Skorpions zu erklären, warum sie ihren besten, panisch herumschreienden Freund des Öfteren aus seinen Albträumen aufwecken musste. Und dass jener in seltenen Fällen sogar mit dem Schlafwandeln anfing und dabei kryptisches Zeug faselte. In letzter Zeit war das nie wieder passiert, doch bestimmt war es nur eine Frage der Zeit, bis Rist im tiefen Traum wieder solch schreckliche oder einnehmende Dinge sah, dass er im Schlaf aufstand. Wie damals, als er die Vision von dem Angriff der Skrugga auf sich und seine Freundin aus dem Norden erfahren hatte. Vom Hügel. Kurz vor ihrem Aufbruch aus dem Caed Myrkwid war der arme Kerl nachts herum getaumelt und hatte sich verhalten, als wolle er die verschlafene Anna davor beschützen gleich von einem Giftpfeil getroffen zu werden. Damals hatte die entsetzte Alchemistin noch geglaubt, Hjaldrist spinne komplett. Sie hatte sein Verhalten als absolut unheimlich empfunden. Doch heute, da dachte sie anders.

“Was schreibst du?”, die Stimme des besagten Oneiromanten riss die vertiefte Anna aus ihren weit abgeschweiften Gedanken und dies so unerwartet, dass sie vor Schreck zusammenzuckte. Reflexartig klappte sie ihr braun eingebundenes Buch zu und sah unter ihrem schützenden Hemd, das ihr schräg und knittrig am Kopf hing, zu dem Schwarzhaarigen hin. Mit hochgezogenen Brauen beobachtete Rist das und sein Blick war noch etwas schlaftrunken. Sand klebte ihm an der Seite, auf der er gerade noch eben gelegen hatte. Auch an der Wange, die von den starken Sonnenstrahlen der letzten Tage gerötet waren. Die Alchemistin musste erheitert schnaufen.

“Gar nichts.”, antwortete sie dann so beiläufig als möglich, doch klang, wie ein ertappter Einbrecher “Und… du solltest dir Salbe ins Gesicht schmieren.”

Hjaldrist runzelte die Stirn und holte Luft, um einen laschen Protest zu schnappen, da trat Skorpion schon mit locker geschultertem Säbel vor die beiden Abenteurer.

“Ihr seid wach.”, stellte der hünenhafte Mutant in der alten Lamellenrüstung fest “Gut. Die Sonne steht schon tief. Wir können also bald weiterreisen.”

Während Rist zu dem Katzenäugigen aufsah und zustimmend nickte, lehnte sich Anna ein Stück zur Seite, um die Hand nach ihrem Rucksack auszustrecken und jenen dicht an sich heran zu ziehen. Als befände sich in dem billigen Buch, das sie vor wenigen Momentan noch beschrieben hatte, ein großes Geheimnis, ließ sie es schnell zwischen ihren klingelnden Trankfläschchen, dem zusammengerollten, roten Kleid aus dem Druidenhain und ihren spärlichen Wollresten zum Häkeln verschwinden. Der harte Kohlestift, den sie zum Schreiben benutzt hatte, folgte nebenher.

“Weckst du deine Leute dann, damit wir uns fertigmachen können?”, hakte der gähnende Rist nach, der das wichtige Büchlein seiner Kumpanin wieder vergessen zu haben schien, und der angesprochene Skorpion gab einen zustimmenden Laut von sich. Anna atmete erleichtert aus, sah aus dem Augenwinkel zu den Männern hin. Und sie fühlte sich etwas dämlich. Denn das, was sie zuvor geschrieben und nun so hastig versteckt hatte, war eigentlich nicht wirklich geheim oder brisant. Sie arbeitete an keinen hochgiftigen, neuen Tränken, wegen denen Rist sie laut eine Idiotin schelten würde. Auch besaß sie keine gefährlichen Aufzeichnungen, die niemand sehen durfte. Doch das, was sie auf ihre Buchseiten gebracht hatte, waren Gedanken; klare Erinnerungen und persönliche Annahmen aus dem Kopf der Novigraderin selbst und daher auf eine gewisse Weise intim. Konnte man es denn so nennen? Die verbohrte Anna sprach nicht oft oder viel über Gefühle, daher wollte sie auch nicht, dass jemand das Tagebuch sah, das sie zu Schreiben begonnen hatte. Ja, sie hatte heute damit angefangen niederzuschreiben, was sie für wichtig erachtete und welche ausschlaggebenden Abenteuer sie in den letzten Jahren erlebt hatte; welche wichtigen Leute es in ihrem Leben gab, dass sie noch eine Familie hatte und welche Tragödien sie ereilt hatten. Skorpion’s Geschichte der Mantikor-Schüler hatte sie nämlich dazu gebracht sich den Kopf zu zermatern. Skeptisch und verunsichert hatte sie gegrübelt, nachdem der erschreckend emotionskalte Hexer erklärt hatte durch die Kräuterprobe sein gesamtes Gedächtnis verloren zu haben. Und so hatte Anna heute, zum Anfang ihrer Wachschicht und ganz für sich allein ein Werk begonnen, das auf der ersten Seite beschrieb, warum es überhaupt existierte:

‘Mein Name ist Arianna Nowak und ich bin heute 23 Jahre alt. Wir schreiben das Jahr 1275. Es ist möglich, dass ich mein Gedächtnis verlieren werde, sollte ich es schaffen, mein Ziel mich der Kräuterprobe zu unterziehen erreichen. Daher will ich meine Erinnerungen in diesem Buch festhalten…’

Sätze, über die die kurzhaarige Frau erstaunlich lange hatte nachgrübeln müssen. Sie wusste selbst nicht so recht, warum. Doch dann hatte sie einfach geschrieben und die vielen, unordentlich verfassten Worte hatten ihren zerkauten Stift verlassen, als hätten sie längst danach getrachtet niedergeschrieben zu werden. Sie waren allesamt verdammt ehrlich und offen. Und manche von ihnen klangen gar zu kitschig, obwohl sie nur die bloße Wahrheit waren. So wie:

‘Und ich lernte Hjaldrist kennen. Derjenige, wegen dem ich das Buch hier auch zum Großteil schreiben möchte. Er ist mein bester Freund und ich will ihn niemals vergessen.’

zum Beispiel. Vielleicht wollte Anna deswegen nicht, dass irgendwer ihre Zeilen sah. Auch Rist, ihr beschriebener allerbester Freund, sollte das nicht. Denn das Buch, all die Gedanken darin, waren bloß für die Anna bestimmt, die in ein paar Jahren aus einer Ohnmacht erwachen und sich vielleicht an nichts mehr erinnern würde.

 

Die Gruppe reiste nach ihrer Rast zwischen den namenlosen Steinformationen eineinhalb viel zu lange Nächte weiter, bis sie zur Mitte der zweiten Nacht einen Ort erreichte, die Skorpion wissend als Oase betitelte: Es war ein mickriges Dorf inmitten der Wüste, gesäumt von eigenartigen Bäumen, die man Palmen nannte, und mit etwa zwei Dutzend Lehmhäusern im Zentrum. Obwohl die serrikanische Wüste trocken und todbringend war, gab es hier gar Vegetation und Wasser. Das war erstaunlich. Und die ausgehungerte Anna glaubte in diesem Augenblick noch nie etwas Schöneres gesehen zu haben, als die kleine Siedlung mit ihren hohen Bäumen und dem großen Teich, der ruhig dalag und heiß ersehnte Erfrischung verhieß.

“Wir bleiben heute hier und ruhen uns aus.”, entschloss Skorpion bestimmend, als er die Oase als Erster betrat. Ein paar Bewohner eben jener waren soeben auch auf den Beinen, um vor dem größten Lehmhaus an einem großen Holzrahmen zu arbeiten oder Kisten von A nach B zu tragen, obwohl es beachtlich spät war. Oder vielleicht waren sie ja auch genau aus diesem Grund wach. Schlussendlich waren die Temperaturen hier nachts recht angenehm, während sie tagsüber unerträglich sengend wurden. Die hiesigen Menschen mussten sich an diesen Rhythmus der Natur angepasst haben.

Irgendetwas in seiner Muttersprache sagend - vermutlich einen Gruß -, richtete sich der große Hexer mit dem antiken Säbel an zwei Männer, die bunte Tücher um ihre Köpfe gewickelt hatten - Turbane hießen die, hatte Skorpion unlängst erklärt - und brachte die Kerle mit den Argusaugen dazu ein paar Schritte weit auf ihn zuzugehen. Sie beide hatten die ganzen fremden Söldner längst bemerkt und jene auf ihr Zuhause zumarschieren sehen. Nun beäugten sie Skorpion neugierig, während jener irgendetwas erklärte.

Anna tat es all ihren Begleitern just gleich und hatte innegehalten. Abwartend stand sie am Rand der Oase und tauschte unsichere Blicke mit ihrem besten Freund aus. Ob sie heute tatsächlich hier lagern dürften? Es mutete an, als handle Vipernauge etwas aus.

Auch die anderen Mietklingen standen herum, wie bestellt und nicht abgeholt. Und obwohl der dreckige Haufen von stinkenden Kriegern weder viel Anstand besaß, noch gute Manieren kannte, wartete er brav auf einen neuen Befehl des bedächtigen Mutanten, der die Reisenden die letzten Tage über wohlbehalten durch die öde Wüste geführt hatte. Sie alle waren ermattet und froh darüber endlich einmal wieder viel Wasser und sattes Grün zu sehen. Es wäre eine Schande, hätte man die Truppe jetzt fortgeschickt. Also benahmen sich selbst Pisser und Rotze, die sonst immer die größten Mäuler hatten.

Lange mussten die Kämpfer nicht warten. Denn schon bald sah Skorpion über seine Schulter zu ihnen zurück und deutete ihnen an zu ihm aufzuschließen. Dies taten sie auch und Anna entkam dabei ein positiv überraschtes Seufzen.

“Bin ich froh…”, machte sie glücklich und Rist, der den trottenden Apfelstrudel neben ihr her führte, nickte.

“Ja, Freya sei Dank.”, stöhnte der Schönling zufrieden “Meine Stiefel bringen mich um.”

“Also.”, begann Skorpion sofort, als er sich seinen Leuten ganz zuwendete “Wir dürfen hierbleiben, solange wir möchten. Stellt eure Pferde zwischen den Palmen unter, damit sie tagsüber Schatten haben. Die Einwohner der Oase teilen ihr Wasser gerne mit uns und verkaufen Obst und Fleisch, falls ihr davon etwas möchtet. NIEMAND von euch stiehlt etwas oder bedroht die Leute. Verstanden? Und kocht das Wasser ab, bevor ihr es trinkt, sonst bekommt ihr die Scheißerei.”

Ein langgezogenes Raunen ging durch die Runde, gefolgt von einem vereinzelten ‘Ja, Boss’ oder ‘Ja, ja, verstanden’ hier und da. Anna musste sich ob dem ein Schmunzeln verkneifen, während Hjaldrist den Kopf ungläubig schüttelte. Sicherlich konnte er es nicht fassen, dass der vielköpfige Krieger-Haufen des Hexers für gewöhnlich auch an ruhigen Orten gern raubte oder Unruhe stiftete. Und Anna war da ganz bei ihm, obwohl sie längst nicht so gut erzogen war, wie er. Die Menschen und der Zwerg, mit denen sie reisten, waren Großteils Verbrecher, die oftmals sogar mit ihren vergangenen Missetaten prahlten. Erst gestern hatte einer von ihnen damit angegeben früher einmal alle Frauen eines geplünderten Dorfes flachgelegt zu haben und dies mit Gewalt. Auch die minderjährigen. Es war sicherlich eine dumme Halbwahrheit gewesen, doch nichts desto trotz hatte Hjaldrist dem speckigen, ekelhaften Kerl dafür die Schneidezähne ausgeschlagen und ihn beinahe erwürgt. Obwohl der Viertelelf schmaler und kleiner war, als der bullige Bandit, hatte Rist diesen Typen völlig fertig gemacht und angewidert auf ihn gespuckt. Es war ein richtiges, lautes Spektakel gewesen, das auch der gefühllose Skorpion gut geheißen hatte. Daraufhin hatte es niemand mehr allzu spannend gefunden von Vergewaltigungen oder Kinderschändung zu erzählen. Und Hasenscharte, der sah in dem jüngeren Jarlssohn nun so etwas, wie einen großen Helden. Warum, das wusste niemand so genau.

“Stellen wir Apfelstrudel wo unter und gehen dann zum Wasser?”, fragte die burschikose Anna, als sie dem besagten Verteidiger von Moral einen Ellbogen spitz und auffordernd in die Seite drängelte “Na los!”.

“Gute Idee.”, ächzte Rist breit lächelnd und hob mit dem eigenen Ellbogen so harsch zurück, dass auch seine Freundin einen unwohlen Laut von sich geben musste. Jene lachte verhalten, legte dem Axtkämpfer im Gehen einen Arm brüderlich um die Schultern. Zusammen schlugen sie dann den kurzen Weg zu dem Teich ein, der in der Mitte des Dörfchens der Wüste im fahlen Mondlicht glitzerte. Es wirkte fast schon malerisch, wie das stille Gewässer dalag, und hätte man nicht bedacht, das sich ringsum meilenweit nichts als Sand befand, wäre die kleine Oase wirklich idyllisch gewesen.

 

Zusammen saßen die beiden Abenteurer später am Teichufer und ließen die nackten Füße in das laue Wasser hängen. Ihr braunes Pferd hatten sie unweit nahe einer dichteren Palmengruppe abgestellt und zufrieden kaute Apfelstrudel an ein paar dürren Gräsern, die hier nahe dem Wasser und zu den Füßen der Bäume wuchsen. Immer wieder fand er dabei sogar ein paar verschrumpelte, süße Datteln, die von den Bäumen gefallen waren, und schnaufte zufrieden. Eine leichte Brise wehte und trug den Geruch nach pikantem Räucherwerk an die Nasen der Abenteurer heran. Die mehr oder weniger ‘nachtaktiven’ Leute der Wüste schienen jenes sehr gerne zu haben, denn auch vor Korath hatte es an jeder Ecke nach Rauchharzen oder ostländischen Brenngewürzen gerochen. Anna mochte das. Sie sollte sich später, am Reiseziel angekommen, auch etwas davon kaufen.

Ein gewohnt angenehmes Schweigen herrschte zwischen ihr und Hjaldrist, als sie so herumlungerten und jeder von ihnen hing seinen ganz eigenen Gedanken nach. Der Skelliger warf immer wieder kleine Steinchen in das willkommene Nass, während seine Kumpanin mit hinter dem Kopf verschränkten Armen am Rücken lag und dem klaren Sternenhimmel entgegensah. Nicht mehr allzu lange und sie hätten die größeren Städte der schier endlosen, sandigen Ebenen endlich erreicht. Die Hexerstochter freute sich schon wie verrückt darauf dort einzukehren und endlich wieder einmal ordentlich zu essen, vielleicht sogar ein Bad zu nehmen und in einem echten Bett zu schlafen. Und mittlerweile schenkte sie den warnenden Worten von Yanis und Enes, die sie vor Korath getroffen hatten, Glauben: Alleine hätten sie und Hjaldrist es niemals bis zur Hauptstadt Serrikaniens geschafft. Denn abgesehen von der gleißenden Hitze, die einem die Haut in Windeseile verbrannte, waren die Weiten der Steppen und Wüsten hier unheimlich monoton und flach. Alles sah gleich aus, es gab keine markanten Berge oder Wälder, und ohne jemanden, der sich gut in den unfreundlichen Gegenden orientieren konnte, verirrte man sich schnell und war hoffnungslos verloren. In dem Fall starb man binnen weniger Tage und wurde damit zum Festmahl für die kleinen Wüstenkrabben und die haarigen Riesenspinnen.

“Euer Anführer ist ein Hexenmann.”, riss eine fremde, stark akzentbehaftete Stimme die beiden gelassenen Abenteurer aus ihren Gedanken. Anna setzte sich auf und sah sich sofort nach der zierlichen Frau um, die hinter ihnen stand. Es war eine relativ junge Dame, die ein lockeres, leichtes Tuch am Kopf trug und deren Haut genauso dunkel war, wie die von Skorpion. Sie wirkte verunsichert und so, als habe es sie Einiges an Mühe und Überwindung gekostet die Ausländer anzusprechen. Eine Gesichtsbemalung aus schwarzer Farbe zog sich von ihrer Unterlippe ausgehend hinab über ihren Hals.

“Hmm?”, machte Anna, deren Füße noch immer im Wasser hingen, planlos “Naja… nicht direkt. Also nicht mehr. Schätze ich… jedenfalls sagte er das.”

“Oh.”, entkam es der schlanken Frau und sie wich dem Blick der irritierten Trankmischerin betreten aus. Sie faltete die Hände schüchtern in ihrem Schoß und wirkte bedrückt.

“Warum fragt Ihr?”, hakte die Novigraderin also sogleich nach und auch Hjaldrist betrachtete die Serrikanierin aufmerksam abwartend von oben bis unten. Er schien das exotische Mädchen seiner Aufmachung wegen interessant zu finden und fragte sich bestimmt, warum sich manche Serrikanier die Gesichter mit Farbe bemalten. Auch die Druiden des Westens taten das ab und an, oder? Warum eigentlich?

“Hexersleute jagen Monster und Sandweiber.”, sagte die Frau in dem schlichten Kleid aus beigen Leinenstoff und Wolle “Und deswegen dachte ich, euer Anführer könnte uns helfen. Sonst kann dies hier nämlich niemand. Aber-”

Ein plötzliches Funkeln legte sich in den Blick Annas, als sie dies hörte und sie spürte, wie sich Rist’s dunkle Augen mit einer gewissen, wölfischen Erwartung auf sie hefteten. Oh, sie beide dachten gerade an dasselbe, nicht wahr? Könnten sie hier etwa ein paar Münzen verdienen, indem sie Hexerarbeit erledigten?

“Skorpion sieht sich nicht mehr als Monsterjäger.”, setzte die direkte Trankmischerin gleich fort und unterbrach die Fremde damit dreist “Aber wir tun das. Vielleicht können wir Euch helfen.”

Verwirrung legte sich über die Miene der dünnen Serrikanierin. Sie taxierte die beiden Älteren, als suche sie an deren Erscheinungen nach irgendwelchen absonderlichen Anzeichen, wie geschlitzte Pupillen oder dergleichen. Sie würde leider nichts finden.

“Wie bitte?”, fragte sie kleinmütig.

“Wir beide, also Rist und ich”, Anna deutete grinsend auf ihren Kumpel der Inseln, als sie sprach, dann auf sich selbst “kennen uns mit allen möglichen Biestern aus. Worum geht es denn genau?”

Das feine Gesicht der Frau mit dem Kopftuch verrutschte abermals und dieses Mal tat es das in eine überwältigte Richtung. Es war, als habe man ihr gerade eine große Idee eingeflüstert, denn ihre Augen begannen ein wenig zu wandern und sie wurde ganz aufgeregt.

“Oh!”, entkam es ihr “Ich… ich verstehe. Also… naja...”

“Ja?”, die Novigraderin im zu weiten Männerhemd lächelte schief. Hjaldrist erhob sich solange und klopfte sich den hellen Sand von der Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war. Er reichte Anna hilfsbereit die Hand und sie nutzte dies auch dankend, um ebenso auf die Beine zu kommen. Der feine Sand klebte sich an ihre nassen Füße.

“Ich bin übrigens Anna.”, sagte sie dann und steckte sich die Hände in die Taschen “Und mein Freund hier ist Rist, aber das habe ich ja schon gesagt.”

Erst jetzt realisierte die dunkelhäutige Anwesende, dass sie sich noch nicht vorgestellt hatte. Dies schien ihr unheimlich peinlich zu sein und sie senkte den zuvor noch so unsteten Blick betreten.

“Dansha.”, meinte sie kleinlaut und suchte nur ganz, ganz zögerlich wieder Augenkontakt “Mein Name ist Dansha. Ich bin die Tochter von Khaleb. Dem Mann, mit dem euer Anführer vorhin gesprochen hat. Er… er kümmert sich um all die Dattelpalmen hier und ist daher ein wichtiger Mann. Meine Familie kann gut zahlen.”

Anna’s Brauen wanderten in die Höhe und sie warf Hjaldrist einen bedeutsamen Blick zu.

“Du hast uns noch nicht gesagt, worum es geht.”, erinnerte der besagte Mann, als er sich endlich auch zu Wort meldete.

“Ach ja.”, atmete die zerfahrene Dansha jetzt und sah schüchtern zwischen ihren neuen Bekannten hin und her “Es… es ist ein Untier und es lebt nicht so weit von hier in einer Höhle im Bauch des Sandes. Das schon seit sehr, sehr vielen Jahren.”

“Wie sieht es denn aus?”, wollte der hübsche Skelliger im Bunde wissen und Anna ließ ihn reden. Mittlerweile kannte auch er sich gut genug mit allerhand Monstern aus, um die Situation bestens einschätzen zu können. Zwar war er kein Hexer, doch dafür ein unsäglich guter Ungeheuerjäger, der sich oft die abgegriffenen Bücher seiner besten Freundin schnappte, um darin zu lesen. Anna betrachtete den aufmerksamen Krieger bei dem Gedankenzug eindringlich, ließ den Blick einmal kurz über sein Profil wandern und rollte einen Fussel in ihrer Tasche zwischen den Fingern. Ob Hjaldrist es eigentlich in Betracht ziehen würde ein echter Hexer werden zu wollen…? Er äußerte zwar oft Bedenken, wenn es um die Lebensziele seiner vermeintlich verrückten Freundin aus dem Norden ging, doch er hatte noch nie abwertend über Mutanten gesprochen. Und er war ein Mann. Jemand wie er hatte zumindest die kostbare Gelegenheit dazu sich der Kräuterprobe zu unterziehen. Also rein theoretisch. Er war zwar schon etwas alt und kein bisschen abgehärtet, wenn es um Gifte ging, aber er war zumindest ein Kerl.

“Wir haben das Monstrum noch nie gut erkennen können. Niemand traut sich in die Nähe der Höhle…”, stammelte Dansha derweil “Aber mein Bruder Darash ist dorthin losgezogen, um das Untier ein für alle Mal zu töten.”

“Ähm. Woher wisst ihr denn, dass es in dieser Höhle überhaupt ein Ungeheuer geben soll…?”, fragte Hjaldrist zurecht infrage stellend nach und erst jetzt sah Anna wieder aus ihren eigenartigen Gedanken auf, die so plötzlich über sie gekommen waren “Vielleicht ist es ja nur ein Märchen.”.

“Nein. Mein Großvater hat es einst gesehen und wäre bei dieser Begegnung fast gestorben.”, erklärte Dansha gleich, als müsse sie sich lau verteidigen.

“Ah. Können wir mit ihm sprechen?”, wollte der hartnäckige Undviker wissen und Anna sah erwartungsvoll zwischen den beiden Sprechenden hin und her. 

“Er… ist sehr krank. Es wäre mir lieber, wenn nicht…”, murmelte die junge, bemalte Frau weiter und war damit zumindest ehrlich “Ich will nicht, dass er sich aufregt…”

Anna’s rauer Kehle entkam ein tiefes Seufzen und sie mischte sich ein:

“Also schön. Was hat dein Opa denn über das Monster erzählt?”, lenkte die Alchemistin das Gespräch wieder in eine fruchtbare Richtung “Wenn er es gesehen hat, dann hat er doch sicherlich berichtet, wie es aussah.”

“Achso… naja…”, machte Dansha weiter und die Novigraderin, die das Standbein ungeduldig wechselte, starrte sie abwartend an “Er hat gesagt, es sei ein Schatten. So groß, dass dessen monströser Kopf die Höhlendecke erreicht. Mit weiten, ledernen Flügeln und fünf riesenhaften Beinen.”

Anna legte die Stirn in tiefe Falten und Hjaldrist sprach, wie so oft, aus, was sie gerade dachte:

“Ein großer Schatten mit fünf Beinen und Flügeln? Und weiter? Mehr hat er nicht erkannt?”, hakte der Jarlssohn nach und mutete dabei nicht allzu zufrieden an. Er hatte sich bestimmt viel mehr erhofft, als eine schwammige Beschreibung eines Schemens.

“Nein… leider nicht. Es ging eben alles sehr schnell und als seine Kinder ihn damals nahe der Oase fanden, war er verwirrt und schwer verletzt. Er hatte ein großes Loch im Bein und man musste es ihm sogar abnehmen. Seit damals ist er krank.”, erklärte Dansha sorgenvoll weiter “Der Arme…”.

“Krank?”, wollte Anna wissen “Inwiefern?”

“Er ist erblindet und seit der Begegnung mit dem Schatten allen Krankheiten gegenüber sehr anfällig.”, seufzte die schlanke Frau aus der Wüste bedauernd “Das Monster hat ihn verflucht.”

“Verflucht?”, machte Hjaldrist zweiflerisch und verschränkte die Arme vor der Brust.

“Oder vergiftet.”, setzte die jüngere Hexerstochter verschwörerisch fort “Es gibt viele Toxine, die Blindheit verursachen und die Gesundheit so weit schwächen, dass man sich nie wieder von ihnen erholt. Balissafrüchte und Zaunrüben tun das zum Beispiel. Besonders, wenn man ihre Extrakte miteinander mischt.”

Dansha machte große Augen, als Anna dies so wissend von sich gab. Rist, hingegen, äugte äußerst kritisch zu seiner alchemistisch begabten Kollegin hin. Es war dieses eine, ganz bestimmte Starren, das er immer dann zeigte, wenn er seine nachsichtige Freundin für Ausrutscher bezüglich ihrer prekären Experimente tadeln wollte; genau dieses Starren, das die Novigraderin immer dann barsch strafte, nachdem sie sich ihrer Gifte wegen übergeben hatte oder einmal wieder kurz besinnungslos geworden war. Sie räusperte sich leise.

“Gift…?”, flüsterte die Serrikanierin wirr.

“Ja… aber wie auch immer.”, setzte Anna fort und versuchte Hjaldrist’s schiefen Blick zu ignorieren “Wir können uns das Ganze gerne einmal ansehen und entscheiden, ob wir euren fünfbeinigen Schatten beseitigen können. Mich würde es wirklich interessieren, was er genau ist.”

“Ja?”, Dansha schien augenblicklich große Hoffnungen zu hegen, als sie durchatmete, die Hände aufeinanderlegte und eine lange Verbeugung andeutete. Sie hielt die braunen Augen dabei gesenkt und wahrscheinlich war dies eine Art Geste der Dankbarkeit.

“Das wäre schön! Vielen, vielen Dank!”, die Dame sah erst wieder auf, nachdem sie dies gewispert hatte “Ich kann gleich mit meinem Vater sprechen. Wie hoch soll eure Bezahlung sein? Ich bringe euch das Geld spätestens dann, wenn die Sonne aufgeht!”

“Wir nehmen unseren Sold stets erst nach getaner Arbeit.”, wehrte Rist freundlich ab.

“Ja, wir sehen uns die Lage einfach mal an und handeln ihr entsprechend. Über Geld können wir danach noch reden. Zumal ihr hier sicher eine andere Währung habt, als wir.”, bestätigte Anna und freute sich über den neuen, unverhofft an Land gezogenen Auftrag, der anstand. Schließlich verhieß der doch sinnvolle Arbeit und eine gute Bezahlung. Nach tagelangem Wandern durch die staubtrockene Einöde und aufgrund ihrer beinah leeren Geldkatze, BRAUCHTE die abenteuerlustige Alchemistin endlich wieder einmal etwas Abwechslungsreiches zu tun und das dringend. Außerdem hatte sie die Neugierde gepackt. Noch nie hatte sie von fünfbeinigen, geflügelten Wesen gehört!

“Na… na schön…”, staunte Dansha und glaubte ihrem Glück wohl kaum “Ich kann euch erklären, wo die Höhle genau ist. Wie gesagt ist sie nicht so weit von hier. U-und ich hoffe, ihr seid mir nicht böse, wenn ich euch nicht direkt hinführe.”

“Mhm. Passt schon.”, entkam es Anna und sie lächelte schmal “Es ist so und so besser, wenn Ihr hierbleibt, wenn der ‘Schatten’ so gefährlich ist. Also, wo ist die Höhle nun genau?”

 

*

 

Die Höhle des ‘Schattens mit den fünf Beinen’ lag tatsächlich nicht allzu weit von der Oase entfernt, deren Name übersetzt so viel bedeutete, wie ‘Dattelgrund’. Anna hatte gehört, wie Skorpion dies seinen Männern erklärt hatte, bevor sie und ihr älterer Begleiter aus Skellige aufgebrochen waren, um dem Monster, das die Gegend in Furcht und Schrecken versetzte, nachzustellen. Sie hatten sich nach der Begegnung mit Dansha noch eine Weile ausgeruht und sogar ein wenig geschlafen. Doch nun, als die sengende Sonne seit weniger Zeit nicht mehr im Zenit stand, hatten sich die Abenteurer in die Gegend um Dattelgrund gewagt. Dies natürlich ohne dem Anführer ihrer Reisegruppe zu erklären, wo sie hin wollten oder was sie vorhatten. Der Katzenäugige hätte ihnen den Plan doch sicherlich nur ausreden wollen, ganz bestimmt.

“Sei vorsichtig.”, murmelte Anna, als sie nach ihrem Kollegen in die Höhle trat, die sich in einen der flachen, sandigen Hügel der Wüste grub. Man konnte die hohen Palmen der unweiten Oase von hier aus noch entfernt erkennen. Der Weg hinein fiel steil ab und man konnte spüren, wie die Luft Schritt für Schritt kühler wurde. Zudem erstreckte sich eine lange Dunkelheit vor den beiden Freunden; ein schwarzer, immer höher werdender Gang. Anna griff nach ihrer grün glimmenden Laterne, die an ihrem ledernen Gürtel hing und die sie einst von der lieben Märthe auf Drakensund geschenkt bekommen hatte. Das kleine Artefakt verströmte zwar nur ein spärliches Licht, doch wenn man einem Ungetüm in einer finsteren Höhle auflauern wollte, war dies natürlich weit besser, als blendender Fackelschein, den man schon von Weitem sehen konnte. Die Hexerstochter hob ihr magisches Licht ein wenig an, um besser sehen zu können und holte zu ihrem älteren Kumpel auf, versuchte dabei keine allzu lauten Geräusche zu verursachen. Obwohl es vor der tiefen Höhle unglaublich heiß war, trugen die Vagabunden ihre vollen Monturen und sie hatten sich all ihre stählernen oder ledernen Rüstungsteile an die Körper geschnallt. Schlussendlich wussten sie nicht, ob es hier bald zu einem erbitterten Kampf käme oder nicht. Und während der aufmerksame Rist seine Axt längst locker in der einen Hand hielt, fühlten sich die beiden Waffen am Gürtel der Novigraderin wirklich angenehm an. Sie versprachen schließlich zu einem gewissen Grad Sicherheit. Genauso, wie es die zwei Kartätschen und das Waffenöl in ihrem Rucksack taten; oder der Gedanke daran, dass sie es schaffte Quen zu sprechen.

“Riechst du das…?”, flüsterte Hjaldrist, als er an einem glatten Felsen hielt, der die Hälfte des Weges, der in den Bauch der Erde führte, versperrte. Er lehnte sich mit der Schulter an jenen und beugte sich dahinter vor, um forschend in die gähnende Dunkelheit vor sich zu spähen. Leise stöhnend rümpfte er die Nase angewidert.

“Mhm.”, machte Anna, die bei ihrem Begleiter hielt und sich mit der Laterne in der Hand vorbeugte, leise. Sie weitete die Augen, um in der klammen Düsternis besser umherblicken zu können. Es stank hier sehr. Irgendwie nach… nassem Hund und irgendetwas undefinierbarem, Moschusartigem, nach faulendem Fleisch und Fledermausscheiße. Anna verzog das Gesicht und folgte dem prüfenden Blick Rists. Das grünliche Licht ihrer Lampe streifte ein paar kantige Steine und sandigen, weiter abfallenden Grund. Die Höhlenwände waren felsig und erinnerten ein wenig an gehauene Mauern. Waren das hier etwa alte, vom Wüstensand verschüttete Ruinen? Anna’s braune Augen wanderten zur hohen, flachen Decke, an denen eigenartige, helle Schimmelpilze wuchsen, die modrig stanken. Ihre Aufmerksamkeit schweifte daran entlang, über kleine, weiße Käfer, die gemächlich über das Mauerwerk krabbelten und zurück zu der schwarzen Leere weiter vorn. Es war still hier. Viel zu still. Nur ab und an hörte man irgendwo Sand rieseln oder wie das Metall der Rüstung der beiden anwesenden Freunde leise klackerte.

“Hier haust definitiv irgendetwas.”, fügte die kritische Alchemistin hinzu “Und so, wie es stinkt, muss es tatsächlich groß sein. Oder es sind viele.”

“Hm. Gehen wir weiter.”, entschloss Hjaldrist nach einem kurzen Zögern und Stirnrunzeln dann. Er berührte Anna auffordernd am Arm, bevor er sich daran machte die sandige, dennoch holprige Steigung vorn hinunterrutschen zu wollen.

 

“Ich werd verrückt…”, wisperte die staunende Hexerstochter, als sie sich hinter halb eingefallenem Mauerwerk duckte. Hjaldrist hielt sich währenddessen eng neben ihr und lugte noch über die Steinkante hinweg, in das spärlich beleuchtete Gewölbe weiter vorne. Der Grund war hier mittlerweile relativ flach und auch feucht. Nur stellenweise bedeckte der goldene Wüstensand den Boden der Ruinen, die in Anna’s Augen weder Zwergen, noch Elfen zuzuordnen war. Womöglich gehörte dieses verschüttete Bauwerk hier einst den Menschen, bevor es vom hungrigen Sand verschluckt worden war. Zwei Löcher klafften in der hohen Decke auf und ließen ein wenig Tageslicht herein. Staub mischte sich in die milchigen Sonnenstrahlen und kein Wüstensand fiel in die Höhle herab. Gab es dort oben etwa keinen? Warum nicht?

Und dort, den Abenteurern erschreckend nah, lag ein Monster. Im Schatten des wenigen Lichts, ruhte es friedlich auf dem harten, ebenen Boden und schlief allen Anscheins nach. Es mutete an, wie eine riesenhafte Raubkatze, mehrere Meter lang und bestimmt mindestens so hoch, wie Rist und seine Freundin zusammen. Die häutigen Schwingen der Kreatur schmiegten sich angelegt an dessen pelzigen Körper mit der zotteligen, grauschwarzen Mähne und der stachelbewehrte Schwanz des Wesens hatte Anna schlussendlich dazu gebracht sich hastig und mit großen Augen hinter ihre vermeintlich sichere Deckung zu ducken.

“Das ist ein Mantikor, Rist.”, flüsterte die besagte Kurzhaarige atemlos “Sieh dir nur diese Mähne an. Und die Flügel. Ich hätte mir nie gedacht, dass diese Viecher so groß sind.”

“Hm, Mantikor? Das dachte ich mir schon…”, gab der unruhige Undviker noch leiser zurück und hockte sich dann zu der Frau. Seine dunklen Augen trafen abwartend auf sie. 

“Was machen wir jetzt, Anna? Diese Monstren sind scheißgefährlich… oder?”

“Mh.”, Anna’s aufgeregter Blick wanderte unstet und ihr Kopf arbeitete auf Hochtouren, als sie sich nachdenklich über das Kinn fuhr. Ihre behandschuhten Finger zitterten dabei leicht, denn sie war unheimlich aufgebracht. Mantikore waren in der Gegend, wo sie herkam, äußerst selten und lebten auf hohen Bergen, nicht unter der Erde. Daneben hatten ihr ihre Mentoren damals kaum von diesen Biestern erzählt. Dies sicherlich bewusst und weil sie es sich niemals gewünscht hatten, dass die ‘kleine, schwache Anna’ jemals gegen solche giftigen Hybriden kämpfte. Auch im Bestiarium der gar nicht einmal so kleinen Frau standen nur wenige Informationen über die Bekämpfung der selbigen. Also müsste sie sich etwas Gutes einfallen lassen, würde sie den ‚fünfbeinigen Schatten‘ vor Dattelgrund zusammen mit Hjaldrist töten wollen. Und gleichzeitig wäre die Gelegenheit gerade jetzt doch ideal. Die Voraussetzungen das massige Tier an Ort und Stelle zu bekämpfen, waren großartig, denn der Mantikor schlief. Er hatte die Eindringlinge noch nicht bemerkt und das könnten die Monsterjäger ausnutzen.

“Der Schwanz ist das Gefährlichste.”, murmelte Anna vor sich hin und fing dafür einen irritierten Blick seitens Rist auf.

“Du willst doch nicht etwa-”, weiter kam der Mann nicht, denn die entschlossene Kriegerin nickte bereits.

“Doch. Er schläft. Das können wir ausnutzen.”, wisperte sie und deutete kurz hinter sich, gen Rucksack “Und ich habe einiges an Ausrüstung hier. Öle und Bomben...”

Hjaldrist blinzelte verdattert, doch sein Gesichtsausdruck fing sich erstaunlich schnell wieder. Denn eigentlich sollte es ihn doch nicht mehr allzu sehr überraschen, wenn seine Kumpanin völlig spontan entschied ein riesiges Monstrum mit Skorpionstachel, spitzen Krallen und weiten Schwingen töten zu wollen. Der Jarlssohn hatte damals, auf Skellige, doch schon feststellen dürfen, dass Anna sehr wagemutig und vielleicht auch verrückt war. Dennoch war er ihr bis hierher gefolgt.

“Also schön…”, meinte der Mann daher sehr, sehr zögerlich “Was machen wir?”

Anna’s Augen wichen erneut von Rist fort und über die schräge Mauerkante hin zu dem schlafenden Monstrum, als sie den Hals reckte. Sie dachte nach.

“Ich weiß nicht genau, wie man am besten gegen Mantikore vorgeht… ich wurde nicht darauf vorbereitet gegen solche Monster zu kämpfen...”, murmelte sie unzufrieden “Aber-”

“Wir zünden das Dreckvieh an.”, sprach der Skelliger leise dazwischen und entlockte Anna damit ein breites, schiefes Lächeln. Hintergründig linste sie zu dem nach wie vor Hockenden hin, der zu ihr aufsah und schelmisch grinste.

“Was denn?”, wisperte Hjaldrist “So ziemlich alles und jeder reagiert auf Feuer ziemlich… naja, allergisch..”

“Das ist wahr…”, schnaufte die Frau erheitert und so leise, als möglich.

“Wir zünden es an, irritieren es damit, und dann hacken wir ihm den Schwanz ab. So müssen wir zumindest das Gift nicht mehr fürchten.”, schlug der Undviker vor und hätte er dies damals, in An Skellig, von sich gegeben, hätte Anna den Kopf über ihn geschüttelt. So, wie sie den Mann vor Jahren auch seiner Ideen bezüglich des Bekämpfens von Gabelschwänzen getadelt hatte. Denn wie war das nochmal gewesen? Er hatte dem Drakoniden und seiner Brut mit einer Mistgabel entgegenrennen wollen, auf die man eine Vogelscheuche gespießt hatte? Er hatte Teigwannen mit Kartätschen in die Luft jagen wollen? Oh, heute, da würde die Ungeheuerjägerin aus Kaer Morhen es zumindest in Betracht ziehen genau so etwas Dummes zu tun. Ja, tatsächlich. Hjaldrist’s ganz ‘eigener’ Irrsinn war ansteckend, so schien es. Die beiden halb wahnsinnigen Reisenden ergänzten und beeinflussten sich also prächtig. Fragte sich nur, ob dies nun positiv war oder nicht. Bestimmt wäre es früher oder später noch ihr Tod.

“In Ordnung. Wir zünden es an und trennen seinen Schweif ab.”, murmelte Anna, als sie wieder zu ihrem Kumpel in die Hocke kam. Sie zog sich den schweren Rucksack von den Schultern, stellte jenen zwischen sich und den erwartungsvollen Skelliger und öffnete ihn. Zum Vorschein kamen gleich zwei mittelgroßen Flaschen mit einer dickflüssigen, klaren Substanz darin. Drei kleine, dunkle Trankfläschchen folgten.

“Das hier ist eine einfache, billige Basis für Öle…”, erklärte Anna ihrem besten Freund und deutete auf die zwei größeren Flaschen “Die brennt, wie Zunder, falls du dich erinnern kannst.”

Vor einiger Zeit und nachdem es im Norden viel zu lang geregnet hatte, hatte die Frau Öl benutzt, um feuchtes Feuerholz besser brennen zu lassen. Es hatte richtig gut funktioniert und um das spätere Lagerfeuer mehr anzufachen, hatte sie deshalb noch einmal einen Schwall Ölbasis in die flackernden Flammen gegossen. Dies mit dem Resultat, dass sie dabei das gesamte Abendessen und beinahe auch den kochenden Hjaldrist in Brand gesteckt hatte. Dementsprechend starrte der wenig begeisterte Inselbewohner die betreten lächelnde Alchemistin gerade auch an. Der eitle Kerl mochte seine Augenbrauen und war bestimmt heilfroh darüber sie damals nicht an Anna’s meterhohe Stichflamme verloren zu haben.

“Ähm.”, setzte die flüsternde Novigraderin fort “Und das hier sind Waffenöle. Ich bin mir nicht sicher, was bei Mantikoren am besten wirkt und ich hab kein Hybridenöl da… aber wir könnten es einfach mit Braunöl versuchen. Was sagst du?”

“Was macht Braunöl?”, wollte Rist, der schon nach der besagten Substanz fischte, wissen.

“Es verhindert die Blutgerinnung und ist sehr, sehr giftig.”, sagte Anna gleich wissend “Sprich: Wer oder was damit verwundet wird, blutet erstens, wie ein Schwein. Und zweitens verpestet einem das Zeug den Körper absolut und schnell. So, wie Henkersgift.”

Hjaldrist zog die Brauen unschlüssig zusammen und sah zwischen dem Fläschchen in seiner Hand und seiner Freundin hin und her. Dann nickte er.

“Klingt gut.”, meinte er und machte sich schon daran Erlklamm schlampig mit dem zähen Braunöl zu benetzen. Anna lächelte zufrieden im Schein ihrer grünen Lampe, wartete ab. Dann nahm auch sie das kostbare Waffenöl an sich und zog das Stahlschwert bedacht langsam, um kein unnötiges Geräusch damit zu verursachen.

“Haben wir einen Ausweichplan?”, wisperte der anwesende Jarlssohn derweil “Falls irgendetwas schief läuft.”

“Pff.”, machte Anna leise “Naja… wir laufen weg?”

“Ähm. Na gut.”

“Sobald der Kampf schwieriger wird, als gedacht, müssen wir so und so fort von hier, sonst sind wir ziemlich am Arsch.”

“Du meinst also, der Kampf wird nicht zu schwer?”

“Nein, ich HOFFE.”

“Tolle Aussichten.”, schmunzelte Hjaldrist, doch das mit einem gewohnt lebensmüden Funkeln in den Augen. Er hielt seine schöne Axt mit der grünen Griffwicklung fest in den Händen und wirkte schon ganz kampfeslustig. Das tat er seltsamerweise oft sehr auffallend, wenn er Erlklamm bereithielt. Irgendetwas stimmte mit dieser Waffe doch nicht…

“Hoffen wir einfach, dass wir nicht wegrennen müssen.”, lächelte Anna schmal, dann schob sie ihrem Kumpel eine der beiden größeren Ölflaschen zu.

“Ich lenke den Mantikor ab, sollte er aufwachen. Du übergießt ihn mit dem Öl. Gut?”, fragte sie “Aber lass den Kopf aus. Ich will später was von der Mähne haben. Die macht sich sicher gut als Trophäe.”

“Äh. Gut.”, nickte der Mann und fasste nach der einen Flasche mit der klaren Flüssigkeit darin.

“Wenn ich schreie, weichst du aus. Weit. Renne einfach.”, ordnete Anna noch an und ihr treuer Kumpan nickte abermals und ohne zu hinterfragen.

“Alles klar.”, meinte Hjaldrist, als er sich erhob. Kaum einen Atemzug später schwang er schon die Beine über den kümmerlichen Mauerrest vor sich und näherte sich dem schlafenden Mantikor auf Zehenspitzen. Dies, ohne zu lang über alles nachzudenken. Schlussendlich baute er darauf, dass Anna ihm bedingungslos beistand. Sein Vertrauen in sie war immens. Und es glich einem wahrlichen Selbstmordkommando, wie der Mann den Korken mit den Zähnen aus der Ölflasche zog und gefährlich nah an den schlummernden Mantikor heranging. Vorsichtig hob er die Flasche dann an, um deren Inhalt auf das braun-gräuliche Fell der Bestie zu schütten. Leise umkreiste Rist das schlafende Monster dann, bis er vor dessen monströsen Schweif zum Stehen kam. Jener war beinahe so breit, wie der Undviker selbst. Anna, die noch angespannt hinter der eingestürzten Mauer abwartete, fing den zögerlichen Blick ihres Freundes auf, dessen Ölflasche schon zur Hälfte geleert war. Sie wollte den Kopf in einer abwehrenden Geste schütteln, da machte sich Hjaldrist bereits daran über den großen, glatten Skorpionschwanz hinweg steigen zu wollen. Kurz erstarrte die Hexerstochter, hielt den Atem an. Und dann geschah, was sie befürchtet hatte: Ihr Kumpel stolperte fast über den Schweif des großen Wesens und stieß dabei mit dem Fuß an eben jenen. Das schlummernde Ungetüm regte sich. Anna fuhr zusammen und sah sich hastig nach dem Kopf des Monstrums um. Sie spürte, wir ihr das arme Herz gen Knie Sackte. Eines der trüben Augen des Mantikors öffnete sich. Es war nahezu weiß. War das Tier etwa blind?

“Weg!”, brüllte Anna abrupt und wie zuvor abgemacht rannte Rist. Er stürzte ziellos beiseite, als seine Gefährtin eine Bombe zündete und weit ausholte, um das zischende Geschoss zu werfen. Die Kartätsche flog durch die Luft, als der Mantikor auf die Beine kam und Hjaldrist anhielt, um sich nach dem grollenden Vieh umzusehen. Es knallte so laut, dass es durch das gesamte, weitläufige Gewölbe hallte. Feuer stach empor, heftete sich sofort lodernd an den struppigen Pelz des Ungetüms. Und das attackierte Monster brüllte auf. Es wand sich und knurrte, schlug wild mit den Schwingen und warf sich zur Seite, als wolle es die Flammen so ersticken. Mantikore waren sehr intelligent und dieses Exemplar hier sprach eindeutig dafür. Es wälzte sich herum, doch das Öl, das an seinem Fell klebte, machte es ihm nicht leicht das beißende Feuer der kleinen Brandbombe zu ersticken. Und nun hastete Anna los. Sie kam über die niedrige Mauer und lief mit dem gezogenen Schwert in der Hand auf ihren Gegner zu, sprach beiläufig Quen. Auch Rist setzte sich wieder in Bewegung und kampfschreiend lief er, um seiner lebenslustigen Freundin beizustehen. Sekunden später schnitt Anna’s ölig glänzendes Bastardschwert schon durch die kühle Luft und ging auf den verwirrten, alten Mantikor nieder. Es streifte jenen jedoch nur an einer der Pfoten, denn das Biest war schnell. Mit verkohlten Flanken und aggressiv ausgebreiteten Flügeln brüllte es und schlug mit den krallenbewehrten Pranken zu. Beinahe traf es Hjaldrist dabei, doch der Skelliger wich den Klauen, die so lang waren, wie sein Axtblatt, geschickt aus. Der Monsterstachel schnellte vor, setzte dem Mann nach, doch ging bloß neben ihm in den Boden nieder. Anna haute abermals mit der feuchten Klinge zu und verwundete den Mantikor abermals oberflächlich. Flüche verließen ihre trockenen Lippen und rissen die Aufmerksamkeit des Löwen mit den Schwingen und dem Skorpionschweif wieder auf sich zurück. Die beiden Schnittwunden an den Beinen des Monstrums bluteten jetzt schon stark, obwohl sie nicht tief waren und dies entlockte Anna ein grimmiges Grinsen. Das Braunöl wirkte also. Sehr gut.

“Komm her!”, blaffte sie und sah im Augenwinkel berechnend zu Hjaldrist hin “Du Drecksvieh!”

Wütend fauchte der Mantikor, geiferte und stellte die dunklen Nackenhaare auf, als er zum Sprung ansetzte. Die Frau nahm einen sicheren Stand ein und umklammerte den Griff ihres Schwertes fester, als sie verächtlich ausspuckte.

“Ja, genau!”, lenkte sie das Biest ab und versuchte dabei ihre zittrigen Hände unter Kontrolle zu halten “Na los!”

Im Hintergrund holte Hjaldrist weit mit Erlklamm aus. Er war geistesgegenwärtig hinter den Mantikor geeilt und wollte die wertvolle Waffe auf den Schweif des Ungetüms niedergehen lassen, doch war ein klein wenig zu langsam. Der brüllende Hybrid bemerkte den Jarlssohn wohl flüchtig, denn er schlug mit dem stacheligen Schwanz nach jenem und fegte ihm damit die Füße vom steinigen Boden fort. Man sah, wie der Undviker fiel, sich jedoch schnell wieder auf alle Viere rappelte. Kaum einen Atemzug später schnappte das Biest der Wüste mit den spitzen Fängen nach Anna, die zur Seite stolperte und es gerade so schaffte nicht zu stürzen. Rist war solange schon wieder auf den Beinen und heftete sich erneut hartnäckig an die Hinterseite des Gegners. Und diesmal traf die Familienwaffe der Falchraites auch: Wuchtig ging die blutdurstige Axt auf den Mantikor-Schweif nieder und grub sich tief in dessen Fleisch, traf auf Knochen. Das Monster bäumte sich auf und ließ sofort von der gehetzt keuchenden Anna ab. Sein Schreien war markerschütternd und dunkles Blut befleckte den grünen Mantel seines Peinigers. Noch während der eilige Hjaldrist ruckartig an seiner Waffe zog, um sie wieder an sich zu zerren, zündete Anna ihre zweite und letzte Kartätsche. Der Mantikor biss mit dem großen, stinkenden Maul nach Rist, doch erwischte den Mann bloß seitlich, an Ledertorso oder Mantel, und riss ihn daran in die Luft. Überwältigt schrie der Krieger auf, doch verlor seine Hiebwaffe nicht, als er einen Herzschlag später schon zur Seite geworfen wurde und ein paar Meter weiter rutschte, ehe er kehlig hustend liegen blieb. Anna zögerte nicht und nach einem kurzen, berechnenden Blick gen Skelliger, warf sie ihre Bombe nach dem ölbesudelten Ungetüm in der Höhle. Sich die Ohren zuhaltend, duckte sich die Kurzhaarige fort und nach einer schallenden Explosion, brannte der ihr respekteinflößender Feind erneut. Mit den ledrigen Schwingen flatternd stieg der Hybrid auf die Hinterbeine, schüttelte sich wild und warf sich abermals herum. Die Novigraderin in der gestreiften Jacke sah sich nach Hjaldrist um, der benommen am Boden saß und sich die Seite rieb. Die Trankmischerin hastete schnell zu ihm, reichte ihm eine helfende Hand. Es blieb nicht viel Zeit, um dem wirren Schönling wieder hochzuhelfen. Denn er stand kaum wieder, da traf die beiden Abenteurer ein unkoordinierter Schlag eines angekohlten, qualmenden Flügels ihres mächtigen Feindes. Anna konnte sich kaum versehen, da schlug sie hart am Boden auf und verlor ihr langes Schwert dabei. Magisch leuchtende Splitter stoben von ihr ausgehend glimmend zu allen Seiten davon, als zerschmettere man ein großes Glas am Boden. Als Anna hörte, wie ihre Waffe gleichzeitig klirrend am Grund aufkam, wurde sie unter ihrem rücklings stürzenden Freund begraben. Der ruckartige Flügelschlag des rasenden, verbrannt stinkenden Mantikors war einfach viel zu heftig gewesen, als dass sich ein normaler Mensch von ihm getroffen auf den Beinen hätte halten können. Es schepperte, Anna sah Rist’s Armschiene auf sich zu sausen. Dann war da ein abrupter Schlag gegen ihren Kopf, ein kurzer Schmerz. Ihr wurde für einen Atemzug schwarz vor Augen und die Alchemistin wurde damit unangenehm daran erinnert, dass ihr Quen-Schild zerborsten war. Sie spürte, wie sich Rist sogleich von ihr herunterrollte und die Ächzende sofort am breiten Kragen erwischte, ehe sie es schaffte die schmerzlich zugekniffenen Augen wieder zu öffnen. Mit einer Hand fasste sich die stöhnende Frau an die getroffene Stirn, die just eine unliebsame Bekanntschaft mit einem harten Rüstungsteil gemacht hatte.

“Oh, Scheiße…”, presste sie zwischen zusammengepressten Kiefern hervor und fasste orientierungslos nach vorn. Ihre Fingerspitzen streiften Leder und Kette. Sie spürte bestickten Stoff, an dem sie sich festhalten konnte. Und das war gerade nötig.

“Komm hoch. Los!”, forderte Hjaldrist herrisch und zog seine jüngere Gefährtin auf die Füße. Im Hintergrund stampfte das Monster Serrikaniens auf und grollte böse. Es stank widerlich metallen-süßlich nach Blut, verbranntem Fleisch und nassem Köter. Unter dem starken Griff ihres Kollegen wankte Anna zur Seite, als das Löwenungetüm wieder mit seinem Skorpionstachel zustieß und Hjaldrist dabei abermals nur sehr knapp verfehlte. Mehr Glück, als Verstand hatte er in dem prekären Augenblick. Dem Krieger im grünen Rock entkam ein erschrockener Laut, der die Alchemistin in dessen Fittichen wieder zurück in das Hier und Jetzt holte. Sie fuhr herum, sah auf. Dann riss sie sich los, um ohne weiterhin zu zögern zu ihrem am Boden liegenden Schwert zu hetzen und sich danach zu bücken. Rist nahm den Kampf solange wieder auf, taumelte unter einem weiten Flügelschlag hinweg und hackte zu. Man hörte, wie dicke Haut riss und der Mantikor donnernd aufgrölte. Abermals spritzte dunkelrotes Blut und als sich Anna umwand, trafen sie einige, dicke Tropfen davon an Wange und Kragen. Angeekelt keuchte sie, doch dachte nicht weiter nach, ehe sie loslief, um dem Monster des Gewölbes schreiend und mit dem Schwert entgegen zu rennen. Tief bohrte sich die Klinge folglich in das rechte Vorderbein des geschwächten Hybriden, der ob des Schmerzes sofort einknickte und die Kurzhaarige aus dem Norden dabei fast unter sich begrub. Stinkendes, struppiges Fell drängte sich der Trankmischerin entgegen und unter dem Gewicht glitt ihre geschliffene Schneide bis zum Heft in das Bein des Feindes; so tief, dass sie an dessen gegenüberliegenden Seite wieder herausragte. Das hochgiftige Braunöl an Anna’s Waffe tat den Rest und ließ mittlerweile sehr stark verdünntes Monsterblut wie in Strömen fließen. Es zehrte ungnädig an den Kräften der vergifteten Kreatur, brachte sie ins Wanken und Momente später schon, sank es röchelnd atmend nieder. So rasend und laut der Mantikor zuvor auch gebrüllt hatte, so leise starb er Augenblicke später durch die undviker Axt, die man ihm in den ungeschützten Hals hob.

 

Anna trat zögerlich von dem erlegten Monstrum zurück, nachdem es sich nicht mehr rührte und ließ das blutig tropfende Schwert sinken. Mit der freien Hand stützte sie sich auf ihr Knie und atmete mehrmals tief durch.

“Uh…”, machte sie und hob den Blick suchend, um sich prüfend nach Hjaldrist umzusehen. Der Kerl wirkte etwas abgekämpft, doch war allen Anscheins wohlauf. Zu Glück. Sie lächelte erleichtert.

“Das… war echt gut.”, entkam es der Kurzhaarigen mit einem Funken positiver Überraschung im Ton. Denn ganz ehrlich? Sie hatte nicht daran geglaubt, dass Rist und sie das Monster hier so schnell erledigen könnten. Und das auch noch ohne größere Verletzungen zu erfahren. Entweder waren Mantikore also doch nicht so gemeingefährlich oder das Exemplar vor Dattelgrund war einfach nur schon alt und blind gewesen. Anna tippte selbstsicher auf letzteres, denn sicherlich war der legendäre ‚Schatten mit fünf Beinen‘, der tot vor ihr lag, derselbe, der Dansha’s armen Großvater vor Jahrzehnten attackiert hatte. Aber egal. Das hier war nichts desto trotz ein großer Sieg für die beiden Abenteurer, die sich nicht zu den versierten Hexern zählten, sondern bloß einfache Monsterjäger und Mietklingen darstellten. Oh ja, zusammen waren sie wirklich verheerend, was?

“Zweimal war das echt scheiße knapp.”, kommentierte Rist, der Erlklamm mit Mühe wieder aus dem aufklaffenden Mantikor-Hals gezogen hatte. Er wendete sich seiner Freundin zu, kam näher und beäugte Anna einmal von oben bis unten. Er grinste zwar etwas, doch seine Augen verrieten, dass er sich kurz sorgte.

“Oh ja…”, nickte die Frau “Wenn der dich mit dem Stachel erwischt hätte, wär’s vorbei gewesen mit dir. Mantikorgift ist irre stark.”

“Du solltest etwas davon mitnehmen, hm?”, gab der schlaue Undviker zurück, als er bei seiner Kollegin ankam, und Anna’s Brauen wanderten nach oben. Ja, richtig. Sie sollte wirklich etwas von dem Toxin des großen Monsters mitnehmen. Zwar wusste sie noch nicht, wofür sie es einmal verwenden könnte, doch sie war eine Giftmischerin. Irgendwann hätte sie sicherlich Verwendung dafür. Sie nickte auf Rist’s guten Vorschlag hin also breit lächelnd.

“Was macht dein Kopf?”, wollte der Krieger dann noch wissen und seine Freundin zuckte bloß die Achseln.

“Geht schon.”, machte sie “Aber schlag deine Armschiene das nächste Mal jemand anderem in die Fresse, ja? Wir sind doch nicht mehr auf Blandare.”

Ein Augenrollen des innehaltenden Dunkelhaarigen folgte und mit der flachen Hand klatschte er Anna gegen die gerötete Stirn. Ein leichter Schlag, der die Novigraderin unsanft daran erinnerte, dass es doch nicht ‘schon so ging’, denn er tat ganz schön weh.

“Aua!”, maulte sie, kniff ein Auge fest zu und hielt sich den brummenden Kopf “Du Arsch!”

Hjaldrist lachte schadenfroh, bekam als Antwort gleich einen festen Stoß in die Seite. Der Kerl ächzte auf und wankte kurz. Nun war er es, der sich überfordert stöhnend an die Taille fasste und Anna zog eine Augenbraue fragend hoch, als sie das sah. Frisches Blut klebte ihr an den leicht geballten Fingern und es war nicht das des Mantikors. Da war ein Riss in der grünen Tunika des Undvikers und der Seitenriemen seiner Lederrüstung war unsauber zertrennt worden.

“Da hat jemand einen Schluck Schnaps nötig…”, stellte die Kriegerin in dunkler Vorahnung fest, nachdem sie den roten Fleck an Rist’s Seite bemerkt hatte, der ihm das Oberteil allmählich feucht machte. Und sie erinnerte sich: Der Mantikor hatte vorhin einmal mit den Zähnen nach dem Jarlssohn geschnappt, um jenen von sich fort zu werfen. Das Monster musste dabei nicht nur Rüstung und Kleidung erwischt haben.

Die wieder viel ernstere Novigraderin hätte in diesem Moment gelogen, hätte sie vorgegeben nicht besorgt zu sein. Doch ihr bester Freund schmunzelte schon wieder wie gewohnt und rollte mit den Augen. Kurz musste er die Zähne sichtlich gepeinigt zusammenbeißen.

“Einen Schluck? Ne Flasche eher.”, meinte er dann schlicht und nahm den stützenden Arm an, den man ihn helfend anbot.

“Sehen wir zu, dass wir von hier abhauen...”, schlug Anna vor, die sich jetzt umgehend um ihren verletzten Freund kümmern wollte „Wir reinigen und verbinden dir deine Wunde und können später nochmal hierherkommen.“

Hjaldrist nickte leise ächzend.

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